Martin Compart


BRIT-NOIR: THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: UNDERGROUND von RUSSELL JAMES by Martin Compart

FINDEN SIE POLIZISTEN TATSÄCHLICH INTERESSANT?
– Anmerkungen zu Russell James und der Tradition des britischen Noir-Romans

I.
„Nachdem mein drittes Buch erschienen war und ich am vierten arbeitete, merkte ich, was kein Kritiker bisher bemerkt hatte: Niemand außer mir schrieb in Großbritannien crime stories. Man schrieb Detektivromane, Privatdetektivgeschichten, Polizeiromane. Alle schrieben anti-crime-stories – Gesetzeshütergeschichten. Warum? Finden sie Polizisten tatsächlich interessant?“ James scheint sich der Aussage des Philosophen Peter Sloterdijk nahe zu fühlen, der bemerkte, daß in einer nihilistischen Gesellschaft der Gangster der Einzige ist, der weiß, was er will. Inzwischen sind die Gangsterromane – soweit dieser etwas angestaubte Terminus wirklich zutrifft – von Russell James auch in England kein Geheimtipp mehr, obwohl das GQ-Magazine vor ein paar Jahren noch behauptete: „Er ist das große unbekannte Talent der britischen Kriminalliteratur“, sagte die Times und nannte ihn „einen Kult“. John Williams definierte ihn in The Face als „unheilige Allianz aus Len Deighton und David Goodis“ bezeichnete. Mit etwa einem halben Dutzend Romanen hat sich James als führender Stilist der British Fresh Blood-School etabliert. James konzentriert sich auf die Gangster und ihre Opfer. Die Polizei kommt nur am Rande vor und hat kaum Zugang zu dieser geschlossenen Unterwelt. Es sind die eindrucksvollen Charaktere und die stimmungsvollen wenn auch düsteren Schauplätze, die den Reiz seiner Romane ausmachen. Was man über Chandler sagte, gilt auch für James: Man würde seine Bücher weiterlesen, auch wenn das letzte Kapitel fehlte. „Ich mochte die meisten zeitgenössischen britischen Thriller nicht, als ich mit meinen Noir-Romanen begann. Die meisten neuen Autoren änderten lediglich Details: Statt eines Mannes nahm man eine Frau als Helden und ähnliches. Ich dachte, man müsse auch konzeptionell mehr wagen. Der durchschnittliche Protagonist ist rechts, ein Verteidiger von Ordnung und Autorität. Nicht bei mir. Mein Held in UNDERGROUND ist anders. Er ist links, antiautoritär und gegen die Gesellschaft eingestellt. Er ist gegen alles, an das durchschnittliche Leser und Helden glauben.“

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Russell James wurde als Russell Logan am 5.Oktober 1942 in Gillingham, Kent geboren. Er war ein intelligentes Kind, hatte aber eine unglückliche Kindheit: Sein Vater beging Selbstmord. Nachdem seine Mutter erneut geheiratet hatte, schickte man Russell auf eine Kadettenschule. Aber statt sich auf eine militärische Karriere zu stürzen, brach er aus, um sich durch die 6oer Jahre treiben zu lassen. Ohne feste Jobs zog er herum und arbeitete u.a. für einen Radiosender auf Zypern. Dann entdeckte er seine Liebe zum Theater und machte bei einer britischen Theatergruppe so ziemlich alles: Lichtsetzer, Schauspieler, Regisseur. Er schrieb auch Sketche und kleine Stücke, die „heute zum Glück vergessen sind“. In den 70ern wurde er respektabel, heiratete und arbeitete als Manager für IBM. Den Job hielt er sieben Jahre durch, bevor er ihn 1979 hinschmiss und sich selbstständig machte. Er sieht sich als einen einsamen Wolf, der nicht in Organisationen arbeiten kann. Das hat er mit seinen Helden gemeinsam. Als Consulting Manager arbeitet er erfolgreich im direct marketing und hat eine gutgehende Firma in Cheltenham.

Als er Ende der 80er Jahre zu schreiben begann, wusste er genau, daß er nicht gängige Thriller schreiben wollte. Ihn interessierten die Außenseiter und die wenig bekannten Londoner Milieus. „Der größte Teil der Kriminalliteratur langweilt mich. Ich mag keine Polizeiromane (police procedurals), Detektivgeschichten oder Amateurdetektive. Ich bin mehr interessiert am Stil als am Plot. Was für ein Bekenntnis! Der erste Kriminalliterat, der mich begeisterte – ich war damals allerdings erst zwölf Jahre alt – war Peter Cheyney, besonders die Lemmy Caution-Romane. Als Erwachsener beeinflussten mich besonders David Goodis und Cornell Woolrich. Von den jüngeren Autoren mag ich James Sallis. Derek Raymond ist mir manchmal zu deftig – aber ich habe 1989 eine denkwürdige Nacht mit ihm durchgetrunken.“

Seine ersten drei Romane sind von Filmproduktionen unter Option genommen. Sein genauer, filmischer Stil hat die Branche natürlich sofort auf ihn aufmerksam werden lassen. „Portobello Pictures hat ein so entsetzliches Drehbuch aus PAYBACK gemacht, daß es mich nicht wundert, daß das Projekt auf Eis liegt. Elmgate will aus UNDERGROUND eine dreiteilige TV-Serie machen. Tracy Hoffman von Screenage Pictures hat DAYLIGHT unter Vertrag und – das Buch spielt 1990 in Leningrad – wollte es mit einer russischen Firma und russischem Kapital machen. Aber leider ist der Rubel ziemlich abgestürzt. John Malkovich scheint sich für SLAUGHTER MUSIC zu interessieren. Also nichts Greifbares bisher. Ich liebe Noir-Filme, jedenfalls die guten. Ich finde es nicht schlimm, wenn sich Romane wie Filme lesen. Das heißt natürlich nicht, daß ich Bücher schätze, die nur auf eine Verfilmunhin geschrieben wurden. Aber ich liebe visuelle Prosa.“3770148517[1]

II.
Wenn man an britische Kriminalliteratur denkt, meint man meistens die klassischen Detektivgeschichten. Übermächtig überschatten Sherlock Holmes, Agatha Christie oder Dorothy L.Sayers dieses Genre und verstellen den Blick auf unabhängige Strömungen, die als Subgenre mit diesen Klassikern nichts zu tun haben. Trotz verschiedener „Revolutionen“, von Francis Iles Transformation der inverted story bis hin zum Psychothriller der angry young men Anfang der 50er Jahre, wird die britische Kriminalliteratur entweder mit klassischen Detektivromanen oder bestenfalls noch Spionageromanen gleichgesetzt. Diese Betrachtungsweise war immer schon verkürzt und ist heute besonders unzutreffend: Um 1990 begannen neue britische Autoren die kriminalliterarische Landschaft ihrer Heimat zu verändern.

derek-raymondcardinaldocu[1]Der Schock, den Derek Raymond in den 80er Jahren der britischen Kriminalliteratur verpaßt hatte, zeigte Wirkung und rüttelte das Genre aus der Lethargie – eine zweifellos kommerziell erfolgreiche Lethargie, wie die Auflagen von P.D.James, Martha Grimes, Ruth Rendell, Len Deighton oder John LeCarré zeigten. Aber die neuen Autoren wollten jenseits von klassischen Detektivromanen, Psychothrillern oder Polit-Thrillern die Mean Streets Britanniens wiederentdecken. Derek Raymond hatte mit seiner Factory-Serie an eine Tradition erinnert, die trotz gelegentlicher Einzelleistungen keine Bedeutung zu haben schien: an die höchst eigenwillige britische Noir-Tradition, die zwar einige Meisterwerke hervorgebracht hatte, aber nie so stilprägende Autoren wie die amerikanischen Vettern mit Dashiell Hammett, James M.Cain, Raymond Chandler, W.R.Burnett, Mickey Spillane, Jim Thompson, David Goodis oder Ross Macdonald. Der britische Noir-Roman, wenn nicht einfach nur kommerzieller Epigone der Amerikaner, war ein im Schatten blühendes Pflänzchen, das von wenigen Autoren gepflegt wurde und von wenigen Lesern, die sich damit als wahre Afficionados erwiesen, in eine Tradition eingeordnet wurde. Selbst der große Kriminalliteraturtheoretiker Julian Symons hat in seinem verdienstvollen Standardwerk BLOODY MURDER diesen Teil der britischen Kriminalliteratur unterschlagen oder einzelne Autoren nur isoliert betrachtet. Folgerichtig waren es weniger die eigenen Traditionen, die die Fresh-Blood-Autoren Ende der 80er Jahre inspirierten. Es waren die zeitgenössischen Amerikaner wie Elmore Leonard, Carl Hiaasen, Charles Willeford, James Crumley oder James Ellroy, die den Wunsch auslösten, eine ähnliche Literatur zu produzieren.

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Ursprünge der britischen Noir-Literatur lassen sich auf die Thriller von Autoren wie Leslie Chateris, Sidney Horler oder Peter Cheyney zurückführen, die alle bezeichnenderweise in dem englischen Pulp-Magazin The Thriller in den 20er- und 30er Jahren Geschichten um gesellschaftliche Außenseiter veröffentlichten. Natürlich waren diese Autoren keine Noir-Autoren im heutigen Sinne. Aber ihre atmosphärische Darstellung der Vorkriegszeit hatte etwas Beklemmendes und Düsteres. Robin Cook alias Derek Raymond sieht die Urväter des Noir-Romans durchaus in Autoren wie Shakespeare, der wie kein anderer die dunklen Gefilde der Seele ausleuchtete, William Godwin, dessen CALEB WILLIAMS wohl die erste hard-boiled novel ist und die Pulp- oder Black-Mask-Revolution vorwegnahm, Henry Fielding mit seiner Gangsterbiographie JONATHAN WILDE und natürlich Charles Dickens, der den Horror der urbanen Industriegesellschaft wie kein anderer einfing. Interessierte sei Derek Raymonds autobiographisches Buch, das gleichzeitig eine brillante Betrachtung der Noir-Literatur ist, empfohlen: DIE VERDECKTEN DATEIEN ist als erster Band der DUMONT NOIR-Reihe erschienen.

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Das Geburtsjahr des modernen britischen Noir-Romans war 1939. In diesem Jahr debütierte Rene Raymond alias James Hadley Chase (1906-85) mit seinem ultrabrutalen, in einem mythischen Amerika angesiedelten Roman NO ORCHIDS FOR MISS BLANDISH (KEINE ORCHIDEEN FÜR MISS BLANDISH; zuletzt im Ullstein Verlag 1989). Obwohl er später harte Geschichten aus der Londoner Unter- und Halbwelt erzählte, kehrte er immer wieder in sein fiktionales Amerika zurück. Wie andere große Autoren schuf sich Chase einen eigenen Kosmos um die fiktive Stadt Paradise City. Chase, der die USA nur von einem einzigen Kurztrip kannte, ließ seine besten Romane in Chase County spielen, in dem er den Sozialdarwinismus der kapitalistischen Gesellschaft ungeschminkt vorführen konnte. Chase erzählte schmutzige, schnelle Geschichten über wenig sympathische Menschen, die für Sex, Macht und Geld alle gesellschaftlichen Normen brechen. Er zeichnete ein düsteres Bild der westlichen Zivilisation, in der jeder der Wolf des Mitmenschen ist, wenn er nicht untergehen will. Initialzündung für seinen Kosmos war James M.Cains THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE (WENN DER POSTMANN ZWEIMAL KLINGELT; Heyne 1987). Später schrieb Chase manch besseren Cain-Romane als Cain selbst. Autoren wie Jackson Budd, Gerald Kersh, David Craig, James Barlow, Jack Monmouth und andere schrieben finstere London-Novels über die Unterwelten der Metropole bis in die 60er Jahre hinein.

1941 erschien ein weiterer Meilenstein: A CONVICT HAS ESCAPED von Jackson Budd, einem Pseudonym von William John Budd (1898- ?). Der Roman zeigt ein beeindruckendes Bild der Londoner Eastend-Unterwelt während des Krieges. Dem Helden werden Schiebereien und Schwarzmarktgeschäfte zum Verhängnis. Das Buch wurde 1947 von Alberto Cavalcanti mit Trevor Howard unter dem Titel THEY MADE ME A FUGITIVE verfilmt. Ein harter und düsterer Film ohne Happy End, der die Handlung in die Nachkriegszeit verlegte. Budd hatte bereits in den frühen 30er Jahren Kriminalromane zu schreiben begonnen, aber keines seiner Bücher übertraf diesen Noir-Klassiker.

Anfang der 60er Jahre nahm die Öffentlichkeit stärker davon Notiz, dass es Gangster oder zumindest eine Halbwelt in London gab. Immer öfter tauchten Geschichten über die Krays-Zwillinge in den Zeitungen auf, die vom Eastend aufgebrochen waren, um auch im Nachtklubgeschäft des Westends Fuß zu fassen. Der 1962 veröffentlichte Roman DEATH OF A BOGEY (TOD EINES GREIFERS; Heyne 1963) von Douglas Warner ist wohl der erste Kriminalroman, der den Krays-Mythos thematisiert. Die Informationen über die Krays-Gang, hier Lane-Bande genannt, die indirekt in den Roman einfließen, sind zwar aus heutigem Kenntnisstand manchmal naiv, scheinen aber nicht nur aus der Zeitungslektüre zu stammen. Gut beschrieben ist vor allem die Mauer des Schweigens im Eastend, die die Krays so lange schützte und deren Zerstörung erst ihre Festnahme ermöglichte. Douglas Warner war ein Pseudonym für Desmond Currie und Elizabeth Warner, die bis 1968 sechs harte Krimis über die Schattenseiten Londons veröffentlichten.

Eine besondere Position kommt dem 1921 in Leeds geborenen Ex-Polizisten John William Wainwright zu. Gemeinhin gilt er seit seinem ersten Buch, das 1965 erschien, als ein herausragender Autor des britischen Polizeiromans. Im Gegensatz zu den police procedural-Autoren und seinem Lieblingsautor Ed McBain behandelt Wainwright in seinen Polizeiromanen immer nur einen einzigen Fall. Bemerkenswert ist auch die frühe Betonung des Organisierten Verbrechens. Seine Helden stehen in ihren Extremsituationen den schwarzen Thrillern näher als den durchschnittlichen Polizeiheroen. Beispielsweise scheut sich einer seiner Serienhelden, der ein Anhänger der Todesstrafe ist, nicht, einen jugendlichen Mörder sofort hinzurichten. Die Methoden der Polizei und die der Gangster sind bei Wainwright fast identisch. Er treibt die erstmals bei John Bingham auftauchende Negativdarstellung der britischen Polizei noch weiter. Das scheint angesichts der beruflichen Vergangenheit des Autors noch beängstigender. Seine bisher überzeugendste Leistung im Schwarzen Roman ist seine Tetralogie um den Ex-Polizisten Davis, der die Fronten wechselt. Stilistisch überzeugend zeigt Wainwright Intimes aus der Unterwelt und Charaktere, die der Leser so schnell nicht vergißt.

Mitte der 50er Jahre erschien James Henry Stanley Barlow (1921-73) auf der kriminalliterarischen Bühne und wurde mit einer Handvoll bösartiger, schwarzer Romane zum Geheimtip. Die Kritik haßte (oder ignorierte) Barlow mit ebensolcher Vehemenz wie schon zuvor Chase. Sein großer Wurf war der 1968 erschienene Roman THE BURDEN OF PROOF, der gleichzeitig sein letztes Buch war. In diesem Roman befaßte sich Barlow auf ganz eigene Art mit den Krays-Mythos, indem er Ronnie Kray in der Figur des psychopathischen Gangsterboßes Vic Dakin ein Denkmal setzte (in der Verfilmung wurde er von einem umwerfenden Richard Burton gespielt). Nicht von ungefähr erschien der Roman in dem Jahr, als sich die Schlinge des Gesetzes um die Terrible Twins zuzog. Auch Barlow zeigt ein realistisches Bild der Londoner Unterwelt. Dem Sadisten Dakin gelingt es dank der herrschenden Korruption, genau wie den Krays, lange Zeit vom Gesetz unangetastet seine Terrorherrschaft über das Eastend auszuüben.

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Der 1929 geborene Allan James Tucker schrieb unter dem Pseudonym David Craig einige Kriminalromane mit großer thematischer Spannbreite. In Erinnerung geblieben sind den Thriller-Fans vor allem seine Spionageromane. Aber er unternahm 1974 auch einen gelungenen Ausflug in den Noir-Roman mit WHOSE LITTLE GIRL ARE YOU? (JILL UND DIE BOYS; Goldmann, 1974) und schuf einen englischen Klassiker des Genres. Die Geschichte um die entführte Tochter und die Ex-Frau eines geschiedenen Ex-Kriminalbeamten und Alkoholikers, der sich mit der Londoner Unterwelt und dem neuen Gatten seiner Frau anlegt, wurde 1977 erfolgreich von Michael Apted mit Stacy Keach und David Hemmings als THE SQUEEZE (DER AUS DER HÖLLE KAM)verfilmt. Die Adaption gehört zusammen mit GET CARTER und VILLAIN (DIE ALLES ZUR SAU MACHEN), der Verfilmung von THE BURDEN OF PROOF, zu den drei großen britischen Noir-Filmen des Jahrzehnts und zu den Klassikern des Noir-Kinos überhaupt. Natürlich hatte auch Craig die Prozesse gegen die Krays-Zwillinge und die südlondoner Richardson-Gang verfolgt. Spätestens nach dem großen Gerichtsverfahren gegen die Krays-Zwillinge und ihre „Firma“, die als Gangsterimperium das Eastend Londons und mehrere Klubs im Westend umspannte, wußte man, daß diese Autoren keine Spinner waren, sondern das Großbritannien über eine organisierte und funktionstüchtige Unterwelt verfügte. Was Al Capone für Autoren wie W.R.Burnett, Armitage Trail und den amerikanischen Gangsterroman war, sind die Krays für den britischen Noir-Roman: Seit den Romanen von Douglas Warner aus den frühen 60er Jahren beeinflußt ihr Mythos bis heute die Literatur.

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Die Krays waren bereits ein Jahr hinter Gittern, als ein Mann im schwarzen Roman debütierte, der heute zu Recht als einer der Giganten gefeiert wird: Ted Lewis (1940-80). Der geniale Trinkkumpan von Derek Raymond griff auf eigene Erfahrungen zurück, als er 1970 in dem all-time-classic JACK’S RETURN HOME (JACK CARTERS HEIMKEHR; Bastei 1987) seinen Unterweltstroubleshooter Jack Carter in eine völlig verrottete nordenglische Industriestadt, der Lewis‘ Heimatort Newcastle als Vorbild diente, schickte, um für richtigen Ärger zu sorgen. Derek Raymond billigte dem Meisterwerk eine Schlüsselstellung zu und weist darauf hin, daß in „dem Buch kein falsches Wort steht“. Darüberhinaus meinte Raymond, daß jede Episode des Romans authentisch ist und nichts von Lewis erfunden wurde. Mike Hodges verfilmte den Roman mit Michael Caine unter dem Titel GET CARTER; ein Kultfilm, der in den letzten Jahren in England wiederentdeckt und geradezu hysterisch gefeiert wird. Russell James‘ dritter Roman PAYBACK – DIE RÜCKKEHR DES FLOYD CARTER ist eine direkte Reminiszenz an diesen Klassiker. Aber James wäre natürlich nicht James, wenn er nicht seine eigene Stimme im Roman unverwechselbar erklingen ließe. „Meine Bücher spielen unter den armen Schluckern im Südosten Londons. Ich schreibe über Punks und Außenseiter, über harte Burschen und miese Geschäftemacher. Diejenigen, die das Verbrechen bekämpfen – Polizisten und Detektive – kommen so gut wie nicht in meinen Büchern vor – auch wenn sie peripher natürlich existent sind.“ Eine detaillierte Bestandsaufnahme des britischen Noir-Romans und seiner verzweigten Traditionen (etwa zur London Novel oder zum britischen Privatdetektivroman) kann hier nicht geleistet werden, wird aber Bestandteil des ersten DUMONT NOIR-READERS sein, der in dieser Reihe folgen wird. Aber die genannten Autoren und Werke machen deutlich, daß Russell James der Erbe eines faszinierenden Subgenres der Noir-Literatur ist.

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III.
James ist unter den neuen britischen Autoren der schärfste Beobachter der gesellschaftlichen Verhältnisse. Er beschreibt genau den sozialen Niedergang Englands und die Hörigkeit der politischen Klasse gegenüber dem Großkapital. UNDERGROUND, entstanden noch in der Ära John Major, führt den Alptraum vor, den die Schwachen und sozial an den Rand gestellten durchleben. Der Horrortrip durch die weiten Maschen des sozialen Netzes scheint dem Ich-Erzähler mehr zuzusetzen als die lebensgefährlichen Auseinandersetzungen mit seinen professionellen Gegnern. „Ich gehe nicht soweit zu sagen, das Kriminalität verschwindet, wenn man das Big Business säubert. Aber durch Wirtschaftskriminalität werden mehr Werte zerstört als durch alle anderen Verbrechen zusammen“, sagt der Autor, der den Gangstermythos wiederbelebt hat und weiter: „Gangster sind soziale Anarchisten. Sie teilen nicht unser kleinbürgerliches Wertsystem. Sie haben nicht denselben Gesellschaftsvertrag unterschrieben, der für uns brave Bürger bindend erscheint. Sie glauben an andere Regeln. Und es gibt diese Regeln. Die wichtigste lautet: Betrüge nie einen anderen professionellen Gangster. In der vermeintlich nicht-kriminellen Welt unserer Gesellschaft gibt es jeden Tag Beweise für gnadenlose Brutalität und Betrug: Familien verlieren ihre Wohnungen, kleine Geschäfte müssen schließen, weil sie von großen Konzernen fertig gemacht werden, den Menschen werden ihre Jobs gestohlen usw. Gleichzeitig werden riesige Summen verteilt, freiwillig oder als Bestechungsgelder, nur um die sogenannte legale Macht zu festigen oder zu erobern.“ Russell James glorifiziert dasselbe Wertesystem einer mythischen Unterwelt, das auch schon der genialste Noir-Filmer, Jean-Pierre Melville, in seinen Kultstreifen von BOB LE FLAMBEUR (DREI UHR NACHTS) bis UN FLIC (DER CHEF) ausgebreitet hat. Zweifellos wären Russell James‘ Romane ganz weit oben auf Melvilles Adaptionsliste, wenn er noch leben würde. Bevor James mit seinem dritten Roman PAYBACK wieder nach Deptford zurückkehrte, schrieb er DAYLIGHT. In diesem Buch zeigte er scharfsinnig die unterschiedlichen Unterweltskonzepte von russischen und westlichen Kriminellen. „Die Art Bücher, die ich schreibe, sind das Äquivalent zu den Warner Brothers-Filmen der 30er Jahre. Schwarzweißfilme, die das ganze Gegenteil der Hollywood-Musicals waren. Noir-Themen sind so erfrischend wie ein gutgesungener Blues.“

https://www.youtube.com/user/booksmatter

https://russelljamesbooks.wordpress.com/

Der Text ist mein Nachwort des Dumont-Noir-Romans UNDERGROUND.
https://www.amazon.de/Underground-DuMont-Noir-Russell-James/dp/3770148517?ie=UTF8&*Version*=1&*entries*=0



Neues eBook by Martin Compart
22. September 2013, 7:15 pm
Filed under: Brit Noir, Die Krays, E-BOOKS | Schlagwörter: , ,

http://www.amazon.de/DIE-KRAYS-Ein-Gangster-Mythos-ebook/dp/B00FAS45OO/ref=la_B00457QT0Y_1_18?s=books&ie=UTF8&qid=1379851669&sr=1-18

Als Dank dafür, dass die FDP rausgeflogen ist:
Am nächsten Wochenende als kostenloser Download.

Der Auszug der FDP aus dem Bundestag schließt die Lücke, die sie hinterlässt.



NEUE TRUE-CRIME BÜCHER by Martin Compart
25. Oktober 2011, 10:13 am
Filed under: Bücher, Politik & Geschichte | Schlagwörter: , ,

Bücher über die Krays füllen zwei Regalbretter meiner Bibliothek – und ich besitze längst nicht alle. Es gibt kaum Unterweltfiguren, über die mehr Publikationen veröffentlicht wurden (ich selbst habe einen langen Aufsatz über meinen Besuch bei Reg Kray in 2000 LIGHTYEARS FROM HOME dazu gesellt). Jetzt also ein weiteres: NOTORIOUS – THE IMMORTAL LEGEND OF THE KRAY TWINS (Arrow Books, 2011) von John Pearson. Es ist Pearsons drittes Buch über die Zwillinge und wieder exzellent! Mit seinem ersten von 1972, THE PROFESSION OF VIOLENCE (nie out of print) trat er den Krays-Rummel erst so richtig los. Aber vieles konnte zu Lebzeiten verschiedener Personen, die mit den Krays verbunden waren, nicht geäußert werden. Außerdem sind erst in den letzten Jahren Akten zugänglich, die unter eine dreißig jährige Geheimhaltung fielen. Einer der Knallere in Pearsons neuestem Werk ist die minutiöse Aufarbeitung der Boothby Affäre: Lord Boothby war ein ungeheuer prominenter Politiker, der sich von Ron Kray mit Lustknaben versorgen ließ. Das konservative Gegenstück zu Labours Tom Driberg. Als diese Affäre ans Presselicht zu geraten drohte, griff kein Geringerer als der künftige Premier (der wegen Driberg und dem gerade bewältigten Profumo-Skandal um seine Wahl fürchtete) Harold Wilson ein und ließ die Sache unter den Teppich kehren. Pearson schreibt einen Polit-Thriller, der das britische Klassensystem in seiner ganzen Arroganz und seinem verachtenden Zynismus vorführt. Also ist mit den Krays auch der größte britische Polit-Skandal der 60er Jahre verknüpft. Wer bisher dachte, er wisse alles über die Zwillinge, wird eines besseren belehrt. Ganz klar eines der fünf besten und wichtigsten Bücher zum Thema.

Noch robuster und quantitativer in Sachen Mord als die Krays ging Richard Kuklinski zu Werk. Auch über ihn gibt es inzwischen mehrere Bücher (das erste von dem großartigen Anthony Bruno, der auch eine schmählich unterschätzte Romanserie über zwei FBI-Agenten geschrieben hat) und sogar einen Film: THE ICEMAN von Ariel Vromen. Er begann als Tierquäler, beging mit dreizehn Jahren seinen ersten Mord. Er wurde der effektivste Killer der Mafia und legte in 30 Jahren ca.150 Menschen um. Von 1986 bis zu seinem Tod 2006 saß er im Knast. Man vermutet, dass er dort umgebracht wurde weil er gegen den Mafioso Salvatore
Gravano aussagen wollte. Der inzwischen verstorbene Philip Carlo hat mit ICE MAN (Piper, 2011) das definitive Buch zu diesem Kotzmittel geschrieben. Ganz nebenbei ist es auch noch eine erschreckende Sozialgeschichte der USA. Es zeigt einmal mehr wie mies, klein und schmutzig diese Mafiosi sind, die – wie Banker – in einer Welt leben, deren einziger Wert die Gier ist. Da wichtige zeitgeschichtliche Literatur bei uns eine Seltenheit ist, muss man dem Piper-Verlag für diese Veröffentlichung danken und hoffen, dass sie im Windschatten des Films zusätzliche Käufer findet.

Der In Berlin lebende Amerikaner Mathew D. Rose ist bereits 1997 den Politikern unangenehm aufgefallen. In seinem Buch BERLIN-Hauptstadt von Filz und Korruption (Droemer Knaur) sezierte die Jauchegrube des damaligen regierenden Bürgermeisters Diepgen und seiner räudigen Gang. Auch sein neues Buch KORRUPT? Wie unsere Politiker und Parteien sich bereichern – und uns verkaufen (Heyne) ist eine lesenswerte Analyse des Ganglands BRD. Die Grundlage seiner Betrachtung lautet: „Die Zeit in der Politik eine gerechtere Umverteilung, also eine Verbesserung von Bildung, Gesundheit und Wohlstand der gesamten Gesellschaft anstrebte, ist in den Industrienationen lange vorbei. Dieser Wandel setzte in der Bundesrepublik im Jahr 1998 ausgerechnet mit der SPD-Grünen-Regierung ein.“ Da kann ich lediglich fragen: Wieso „ausgerechnet“ und nicht „folgerichtig“. Für Putins Gasableser Proll-Gert und dem Mann, der wie ein grunzender Affe klingt, Fischer, war dies das Projekt ihres Lebens. Aber anders als etwa Tony Blair haben sich diese beiden Schrebergarten-Ganoven nur mit Kleingeld abspeisen lassen. Gut, für Emporkömmlinge ist das sicherlich ein großer Batzen. Außerdem setzten diese Prozesse bereits unter Margaret Thatcher und dem Oggersheimer Saumagen ein, dem bis heute nicht der Prozess (zusammen mit Schäuble für die CDU-Spendenaffäre) gemacht wurde und der hoffentlich bald unter schlimmsten Schmerzen abkratzt; was ich als hilfloser Zornbürger selbstverständlich 90% allen Politikern in „diesem, unseren Lande“ wünsche. Nach der Lektüre von Roses Buch möchte man jedenfalls einmal mehr die Guillotine aufstellen und als Jakobiner über die Herrschenden richten.
Gucken wir mal, was Rose über ein paar Ganoven aus der Parasitenklasse erinnert: „GERHARD SCHRÖDER ….nach der Wahlniederlage, aber noch vor dem Ende seiner Amtszeit (vergab seine Regierung) einen Kredit mit staatlicher Bürgschaft von rund einer Million an die Nord-Stream AG, an welcher der russische Energiekonzern Gazprom mit 51 Prozent beteiligt ist… Am 22. November 2005 endete Schröders Amtszeit, und bereits im Dezember wurde er zum Verwaltungsratsvorsitzenden der Nord Stream AG ernannt…. Geschätztes Jahresgehalt 250.000 Euro.“ Carsten Maschmeyer kaufte Schröder die Rechte an seiner ebenso langweiligen wie schlecht geschriebene (lassen) Autobiographie für eine Million Euro ab. Wahrscheinlich als Gegenleistung für die steuerlich geförderte Privatrente, die lediglich Maschmeyers Konzern AWD nutzt. Für diesen OK-Verein arbeitet auch Bernd Rürup, der das Staatlich geförderte Rentenmodell mit seiner „Rürup-Kommission“ erarbeitete. Natürlich ist er SPD-Mitglied
WOLFGANG CLEMENT hat „sieben Aufsichtsratsposten inne“. Auch bei der RWE Power AG. „Auch auf die Zeitarbeitsbranche griff Clement zurück. Kaum ein halbes Jahr nach seinem Ausscheiden aus der Bundesregierung saß er im Aufsichtsrat der Firma DIS Deutscher Industrie Service AG (Jahresgesamtbezug rund 15.000 Euro; er kann´s halt nicht besser)… Als Bundesminister hatte Clement sich… zugunsten der Zeitarbeitsunternehmen eingesetzt.“ Ja, die Genossen haben in all den Jahren an Bedeutungslosigkeit nicht verloren.

Man könnte unendlich weiter auflisten (zum Thema sollte man auch noch Jürgen Roths vorzügliche DEUTSCHLAND AG (Eichborn) hinzuziehen, auf die ich an anderer Stelle hingewiesen habe). Nachteilig für Roses Buch wirkt sich das Fehlen eines Index aus.

Bei Heyne Hardcore, der einzigen innovativen Reihe der letzten Jahre, erschien der Bericht von Malcolm Beith EL CHAPO – Die Jagd auf Mexikos mächtigsten Drogenbaron. Selbst unsere weitgehend gleichgeschalteten Medien kommen nicht an gelegentlicher Berichterstattung über den Mafia-Staat Mexiko vorbei. Noch stärker als in Kolumbien sind Politik, Militär und Mafia hier miteinander vernetzt und bilden eine Symbiose. <minutiös beschreibt Beth den Aufstieg von Joaquin Guzman, El Chapo, zum mächtigsten Drogenbaron der westlichen Hemisphäre, die Dummheit der Nordamerikaner, den Zynismus ihrer Drogenpolitik und wie der südliche Nachbar über Jahrzehnte immer mehr in Armut und Verbrechen getrieben wird. Das Buch ist der genaueste und ausführlichste Einblick in die Welt der mexikanischen Drogenmafia und Kultur, den ich bisher kenne, voller unfreiwillig komischer Situationen.



BRIT-NOIR 12: DIE DARK SOAPS DES JAMES TUCKER by Martin Compart

Der 1929 geborene Waliser Allan James Tucker ist heute der große alte Mann der britischen Kriminalliteratur. Der Exjournalist schreibt unter verschiedenen Pseudonymen seit 1960 und zeichnet sich durch stilistische Originalität und einer beeindruckenden thematischen Spannbreite aus; sie reicht vom Noir-Roman über die police procedural (in höchst eigenwilliger Form) bis zum Spionageroman. In Erinnerung geblieben sind vielen Thriller-Fans vor allem seine Spionageromane aus den 1960ern und 1970ern, die er unter dem Pseudonym David Craig schrieb.

Als Noir-Autor schuf er 1974 auch einen Klassiker des Genres, der zum Kanon des Brit-Noir zählt: WHOSE LITTLE GIRL ARE YOU? (JILL UND DIE BOYS; Goldmann Krimi 4407). Die Geschichte um die entführte Tochter eines Kingpins und dessen ebenfalls entführte Freundin. Diese ist pikanter weise die Ex-Frau eines geschiedenen Ex-Kriminalbeamten und Alkoholikers, der sich mit der Londoner Unterwelt und dem neuen Gatten seiner Frau anlegt, wurde 1977 grandios von Michael Apted mit Stacy Keach, Stephen Boyd (als unvergesslicher Gangsterboss) und David Hemmings als THE SQUEEZE (DER AUS DER HÖLLE KAM)verfilmt. Die Adaption gehört zusammen mit GET CARTER und VILLAIN zu den drei großen britischen Noir-Filmen des Jahrzehnts und zu den Klassikern des Noir-Kinos überhaupt.

Natürlich hatte auch Craig/Tucker die Prozesse gegen die Krays-Zwillinge und die Südlondoner Richardson-Gang verfolgt. Spätestens nach dem großen Gerichtsverfahren gegen die Krays-Zwillinge und ihre „Firma“, die als Gangsterimperium das Eastend Londons und mehrere Klubs im Westend umspannte, wusste man, dass diese Autoren keine Spinner waren, sondern das Großbritannien über eine organisierte und funktionstüchtige Unterwelt verfügte. Was Al Capone für Autoren wie W.R.Burnett, Armitage Trail und den amerikanischen Gangsterroman war, sind die Krays für den britischen Noir-Roman: Seit den Romanen von Douglas Warner aus den frühen 60er Jahren beeinflusst ihr Mythos bis heute die Literatur.

Heute ist der Autor als „Bill James“ unterwegs und schreibt eine der literarisch beeindruckendsten Polizei-Serien. Im Vergleich mit seinen Harpur & Iles-Romanen wirken die Inspector Rebus Novels von Rankin wie das, was sie sind: langweiliger Schrott.

Sie spielen in einer namenlosen Stadt im südwestlichen England, die James alle Möglichkeiten gibt, seine bissig sarkastische Gesellschaftskritik auszudrücken. Alex Grant nannte die Bücher „machiavellistisch und bittersüß“. Er lässt sich viel Zeit, um die Gedankenwelt seiner Personen dem Leser mitzuteilen. Selbst der schlimmste Idiot bekommt genügend Raum um seine Logik scheinbare plausibel zu machen. Dabei diffamiert James nicht, sondern verschmilzt mit den Figuren. Es entsteht etwas, dass ich als „poetisches psychologisieren“ bezeichne. „Ich denke, ich betrachte die Gesellschaft und die Menschheit allgemein aus einem humorvollen Blickwinkel. Ich lese kaum Kriminalliteratur aus Angst, unbewusst etwas zu imitieren. Aber THE FRIENDS OF EDDIE COYLE von George V.Higgins war eine wichtige Erfahrung für mich. Er schaffte es, aus einer so widerwärtigen Figur wie einen Spitzel einen Sympathieträger zu machen. Es ist einer der besten Kriminalromane, der je geschrieben wurde. Hat mich sehr beeindruckt. Und ich schreibe auch häufig über Informanten, Spitzel und ihre Welt.“

Wie schon in den frühen David Craig-Romanen, nimmt die Familie oder besser das Familienleben der Protagonisten und Antagonisten einen wichtigen Platz in den unbedingt chronologisch zu lesenden Harpur & Iles-Romanen ein. Die große Zahl an Personen mit ihren persönlichen Entwicklungen, bzw. Fehlentwicklungen, machen die Serie zu einer modernen comédie humaine, die ohne Beispiel in der gesamten Kriminalliteratur ist. Das sich bisher kein deutscher Verlag konsequent an diese Meisterwerke herangetraut hat, sagt wieder alles über den erbärmlichen Zustand der hiesigen Buchkultur. Für James funktionieren Organisationen wie Polizei oder Gangstersyndikate wie Familien – und umgekehrt. Aus dieser Herangehensweise zieht er einen Thrill, der tiefe Einblicke in die Charaktere gibt und jede Figur individuell gestaltet.

Die Serie ist auch eine genaue Chronik der gesellschaftlichen Veränderungen in der englischen Gesellschaft seit dem von Thatcher begonnenen Roll back sozialer Errungenschaften. Es ist die Beschreibung einer zerbrochenen Gesellschaft mit nur noch rudimentärem Common sense, die moralisches Handeln lediglich von Besitzlosen einfordert.
„Ich schreibe über Organisierte Kriminalität und nicht über individuelle Mordfälle.“ Die Grenzen zwischen Ordnungskräften und Organisierter Kriminalität liegen fließend im Flussbett eines breiten Niemandslandes.

Ein immer wieder kehrendes Motiv ist die Undercoverarbeit von Polizisten. „Eine Obsession von mir. Wahrscheinlich der Einfluss der Spionagethriller. Die Situation ermöglicht eine Menge hochdramatische Ironie. Der Leser weiß mehr als die meisten Charaktere. Die Spannung, die daraus resultiert, die moralisch-ethische- und juristische Problematiken sind hervorragende Quellen für Geschichten.“ Stilistisch riskiert er immer wieder neues, wagt er sich an die unterschiedlichsten und abenteuerlichsten Strukturen.


Im LOLITA MAN setzt er zum Beispiel das Tagebuch eines Vergewaltiger und Mörders von Teenagern gegen die Tagebucheintragungen seines nächsten Opfers. Bei der Lektüre fallen jedem Vater einer pubertierenden Tochter die Kronen von den Zähnen bevor es zum Kolbenfresser im Oberstübchen kommt!
John Harvey, ein großer Fan von Tucker, nannte die erste Zeile seines Romans, ROSES,ROSES, eine der besten Eröffnungen in der gesamten Kriminalliteratur: „Als sie mit drei Messerstichen in den Bauch auf einem Bahnhofsparkplatz ermordet wurde, war Megan Harpur gerade auf dem Heimweg um ihrem Ehemann mitzuteilen, dass sie ihn für einen anderen verlassen würde.“
Seit 1985 legt James jedes Jahr einen neuen Band dieser Serie vor, schreibt aber als David Craig noch weitere Serienfiguren wie etwa die Abenteuer des schwarzen Waliser Geheimagenten Simon Aberlad.

Es gab bisher die BBC-Verfilmung eines Romans (PROTECTION) und mehrere sind optioniert. Aber die beste Umsetzung von James Kosmos, den er in fast 30 Büchern entwickelt hat, wäre eine seriell erzählende Fortsetzungsserie wie SOPRANOS (mit der sie mehr als Humor und Weltsicht gemeinsam haben könnte), eine echte „dark soap opera“.

Leider sind bei uns bisher nur drei Bände der Harpur & Iles-Serie erschienen (Band 10 als AUF ROSEN GEBETTET bei Ullstein und Band 14 und 15 als RIVALEN und TOTE SCHREIBEN NICHT bei Rotbuch) und der ansonsten gute Übersetzer Gerold Hens kannte nicht den Unterschied zwischen Pistole und Revolver. Ebenso wenig wie das Lektorat, was ein bisschen peinlich für die Ansprüche bei Rotbuch ist. Aber die Erfolglosigkeit von James in Deutschland (sonst wäre seine Veröffentlichung nicht eingestellt) hat wohl eher mit unanständigen Buchketten und mit bescheidenen Lesern zu tun.

HARPUR & ILES-SERIE:
1. You’d Better Believe It (1985)
2. The Lolita Man (1986)
3. Halo Parade (1987)
4. Protection (1988) aka Harpur and Iles
5. Come Clean (1989)
6. Take (1990)
7. Club (1991)
8. Astride a Grave (1991)
9. Gospel (1992)
10. Roses, Roses (1993)
11. In Good Hands (1994)
12. The Detective is Dead (1995)
13. Top Banana (1996)
14. Panicking Ralph (1997)
15. Lovely Mover (1998)
16. Eton Crop (1999)
17. Kill Me (2000)
18. Pay Days (2001)
19. Naked at the Window (2002)
20. The Girl with the Long Back (2003)
21. Easy Streets (2004)
22. Wolves of Memory (2005)
23. The Sixth Man and Other Stories (2006)
23. Girls (2006)
24. Pix (2007)
25. In the Absense of Iles (2008)
26. Hotbed (2009)
27. I Am Gold (2010)



BRIT-NOIR 11/ Villain by Martin Compart
13. September 2010, 2:57 pm
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Mitte der 50er Jahre tauchte James Henry Stanley Barlow (1921-73) auf der kriminalliterarischen Bühne und wurde mit einer Handvoll bösartiger, schwarzer Romane zum Geheimtip. Die Kritik hasste (oder ignorierte) Barlow mit ebensolcher Vehemenz wie schon zuvor Chase. Sein großer Wurf war der 1968 erschienene Roman THE BURDEN OF PROOF.
In diesem Roman befasste sich Barlow auf ganz eigene Art mit den Krays-Mythos, indem er Ronnie Kray in der Figur des psychopathischen Gangsterboßes Vic Dakin ein Denkmal setzte (in der Verfilmung wurde er von einem umwerfenden Richard Burton gespielt). Nicht von ungefähr erschien der Roman in dem Jahr, als sich die Schlinge des Gesetzes um die Terrible Twins zuzog. Auch Barlow zeigt ein realistisches Bild der Londoner Unterwelt. Dem Sadisten Dakin gelingt es dank der herrschenden Korruption, genau wie den Krays, lange Zeit vom Gesetz unangetastet seine Terrorherrschaft über das Eastend auszuüben. Barlow wanderte kurz vor seinem Tod nach Tasmanien aus. Er gehört zu diesen mysteriösen Noir-Autoren, über die man kaum Informationen bekommt.

BIBLIOGRAPHIE:
Protagonists (1956)
One Half of the World (1957)
The Man with Good Intentions (1958)
The Patriots (1960)
Term of Trial (1961)
The Hour of Maximum Danger (1962)
This Side of the Sky (1964)
One Man in the World (1966)
The Love Chase (1967)
The Burden of Proof (1968)
aka Villain
Goodbye, England (1969)
Liner (1970)
Both Your Houses (1971)
In All Good Faith (1971)

Der Film, der ein Flop war und bei uns unter dem schönen Titel DIE ALLES ZUR SAU MACHEN lief, gehört zu den unterschätztesten und unbekanntesten britischen Noir-Filmen. Neben JACK RECHNET AB und DER AUS DER HÖLLE KAM ist er aber sicherlich der beste Brit-Noir-Film der 1970er – wenn nicht der Beste noch vor GET CARTER! In der Nebenrolle als Stricher Wölfi (dem Burtons ganzes Liebesinteresse gilt und der nur mit ihm Sex haben kann wenn er ihn zuvor prügelt) ist der junge Ian McShane zu sehen. Kein Wunder, dass ihn diese frühen Erfahrungen direkt nach DEADWOOD führten. Das Drehbuch schrieben die beiden Fernsehautoren Dick Clement und Ian LaFresnais zusammen mit dem amerikanischen Schauspieler Al Lettieri – unsterblich als Heavy in GETAWAY und MR.MAJESTIC!



GET LEWIS – Ted Lewis und Brit Noir 10/ by Martin Compart
2. September 2010, 1:02 pm
Filed under: Bücher, Brit Noir, Crime Fiction, Die Krays, Krimis, Noir, Ted Lewis | Schlagwörter: , , ,

Anfang der 60er Jahre nahm die bürgerliche Öffentlichkeit stärker davon Notiz, dass es Gangster in London gab. Immer öfter tauchten Geschichten über die Krays-Zwillinge in den Zeitungen auf, die vom Eastend aufgebrochen waren, um auch im Nachtklubgeschäft des Westends Fuß zu fassen. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern (Sabinis, Jack Spot, Comer usw.), bemühten sich die Terrible Twins nämlich um Öffentlichkeitsarbeit. Der 1962 veröffentlichte Roman DEATH OF A BOGEY (TOD EINES GREIFERS; Heyne 1963) von Douglas Warner ist wohl der erste Kriminalroman, der den Krays-Mythos thematisiert. Die Informationen über die Krays-Gang, hier Lane-Bande genannt, die indirekt in den Roman einfließen, sind zwar aus heutigem Kenntnisstand naiv, scheinen aber nicht nur aus der Zeitungslektüre zu stammen. Gut beschrieben ist vor allem die Mauer des Schweigens im Eastend, die die Krays so lange schützte und deren Zerstörung erst ihre Festnahme ermöglichte. Douglas Warner war ein Pseudonym für Desmond Currie und Elizabeth Warner, die bis 1968 sechs harte Krimis über die Schattenseiten Londons veröffentlichten.
Einer wurde sogar verfilmt: DEATH OF A SNOUT, 1961, wurde von Ken Annakin als UNDERWORLD INFORMERS (auch: THE INFORMERS, THE SNOUT) 1963 für die Leinwand adaptiert.

Eine besondere Position kommt dem 1921 in Leeds geborenen Ex-Polizisten John William Wainwright(1921-95) zu. Gemeinhin gilt er seit seinem ersten Buch, das 1965 erschien, als ein herausragender Autor des britischen Polizeiromans. Im Gegensatz zu den police procedural-Autoren und seinem Lieblingsautor Ed McBain behandelt Wainwright in seinen Polizeiromanen immer nur einen einzigen Fall. Bemerkenswert ist auch die frühe Betonung des Organisierten Verbrechens. Seine Helden stehen in ihren Extremsituationen den schwarzen Thrillern näher als den durchschnittlichen Polizeiheroen. Beispielsweise scheut sich einer seiner Serienhelden, der ein Anhänger der Todesstrafe ist, nicht, einen jugendlichen Mörder sofort hinzurichten.Die Methoden der Polizei und die der Gangster sind bei Wainwright fast identisch. Er treibt die erstmals bei John Bingham auftauchende Negativdarstellung der britischen Polizei noch weiter. Das scheint angesichts der beruflichen Vergangenheit des Autors noch beängstigender. Seine überzeugendste Leistung im Schwarzen Roman war seine Tetralogie um den Ex-Polizisten Davis, der die Fronten wechselt. Stilistisch überzeugend zeigt Wainwright Intimes aus der Unterwelt und Charaktere, die der Leser so schnell nicht vergißt. Insgesat schrieb er 83 Romane, darunter eine Autobiographie über sein Leben als copper.



NEWS: TIERDIEBSTAHL UND ESSAYS ZUR POPULÄREN KULTUR by Martin Compart

Alexandra und ihre Mitkämpfer haben ein neues Forum gegründet, dass ich allen ans Herz lege, die Kriminalität gegen Tiere nicht unberührt lässt. Zwar ursprünglich für den süddeutschen Raum, deckt es jetzt jeden Postleitzahlenbereich ab:
www.pit.community4um.de/

Nun ist es endlich lieferbar: Mein erstes Book on Demand: 2000 LIGHTYEARS FROM HOME – Stones, Fauser und andere Verbrecher. Essays zur populären Kultur. Neben dem überarbeiteten Buch EINE ZEITREISE MIT DEN ROLLING STONES enthält es längere Aufsätze und Essays zu Jean-Pierre Melville, Jörg Fauser, Krays u. Chandler. Es hat 256 Seiten und kostet 16,90 Euro. Die zu machenden Erfahrungen werden mir sicherlich Erkenntnisse über diesen neuen Publikationsmarkt ermöglichen. Aber sicherlich ist es was völlig anderes, ob man ein special interest-Produkt anbietet, als in dieser Form einen Roman zu veröffentlichen.

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