Martin Compart


NEUE TRUE-CRIME BÜCHER by Martin Compart
25. Oktober 2011, 10:13 am
Filed under: Bücher, Politik & Geschichte | Schlagwörter: , ,

Bücher über die Krays füllen zwei Regalbretter meiner Bibliothek – und ich besitze längst nicht alle. Es gibt kaum Unterweltfiguren, über die mehr Publikationen veröffentlicht wurden (ich selbst habe einen langen Aufsatz über meinen Besuch bei Reg Kray in 2000 LIGHTYEARS FROM HOME dazu gesellt). Jetzt also ein weiteres: NOTORIOUS – THE IMMORTAL LEGEND OF THE KRAY TWINS (Arrow Books, 2011) von John Pearson. Es ist Pearsons drittes Buch über die Zwillinge und wieder exzellent! Mit seinem ersten von 1972, THE PROFESSION OF VIOLENCE (nie out of print) trat er den Krays-Rummel erst so richtig los. Aber vieles konnte zu Lebzeiten verschiedener Personen, die mit den Krays verbunden waren, nicht geäußert werden. Außerdem sind erst in den letzten Jahren Akten zugänglich, die unter eine dreißig jährige Geheimhaltung fielen. Einer der Knallere in Pearsons neuestem Werk ist die minutiöse Aufarbeitung der Boothby Affäre: Lord Boothby war ein ungeheuer prominenter Politiker, der sich von Ron Kray mit Lustknaben versorgen ließ. Das konservative Gegenstück zu Labours Tom Driberg. Als diese Affäre ans Presselicht zu geraten drohte, griff kein Geringerer als der künftige Premier (der wegen Driberg und dem gerade bewältigten Profumo-Skandal um seine Wahl fürchtete) Harold Wilson ein und ließ die Sache unter den Teppich kehren. Pearson schreibt einen Polit-Thriller, der das britische Klassensystem in seiner ganzen Arroganz und seinem verachtenden Zynismus vorführt. Also ist mit den Krays auch der größte britische Polit-Skandal der 60er Jahre verknüpft. Wer bisher dachte, er wisse alles über die Zwillinge, wird eines besseren belehrt. Ganz klar eines der fünf besten und wichtigsten Bücher zum Thema.

Noch robuster und quantitativer in Sachen Mord als die Krays ging Richard Kuklinski zu Werk. Auch über ihn gibt es inzwischen mehrere Bücher (das erste von dem großartigen Anthony Bruno, der auch eine schmählich unterschätzte Romanserie über zwei FBI-Agenten geschrieben hat) und sogar einen Film: THE ICEMAN von Ariel Vromen. Er begann als Tierquäler, beging mit dreizehn Jahren seinen ersten Mord. Er wurde der effektivste Killer der Mafia und legte in 30 Jahren ca.150 Menschen um. Von 1986 bis zu seinem Tod 2006 saß er im Knast. Man vermutet, dass er dort umgebracht wurde weil er gegen den Mafioso Salvatore
Gravano aussagen wollte. Der inzwischen verstorbene Philip Carlo hat mit ICE MAN (Piper, 2011) das definitive Buch zu diesem Kotzmittel geschrieben. Ganz nebenbei ist es auch noch eine erschreckende Sozialgeschichte der USA. Es zeigt einmal mehr wie mies, klein und schmutzig diese Mafiosi sind, die – wie Banker – in einer Welt leben, deren einziger Wert die Gier ist. Da wichtige zeitgeschichtliche Literatur bei uns eine Seltenheit ist, muss man dem Piper-Verlag für diese Veröffentlichung danken und hoffen, dass sie im Windschatten des Films zusätzliche Käufer findet.

Der In Berlin lebende Amerikaner Mathew D. Rose ist bereits 1997 den Politikern unangenehm aufgefallen. In seinem Buch BERLIN-Hauptstadt von Filz und Korruption (Droemer Knaur) sezierte die Jauchegrube des damaligen regierenden Bürgermeisters Diepgen und seiner räudigen Gang. Auch sein neues Buch KORRUPT? Wie unsere Politiker und Parteien sich bereichern – und uns verkaufen (Heyne) ist eine lesenswerte Analyse des Ganglands BRD. Die Grundlage seiner Betrachtung lautet: „Die Zeit in der Politik eine gerechtere Umverteilung, also eine Verbesserung von Bildung, Gesundheit und Wohlstand der gesamten Gesellschaft anstrebte, ist in den Industrienationen lange vorbei. Dieser Wandel setzte in der Bundesrepublik im Jahr 1998 ausgerechnet mit der SPD-Grünen-Regierung ein.“ Da kann ich lediglich fragen: Wieso „ausgerechnet“ und nicht „folgerichtig“. Für Putins Gasableser Proll-Gert und dem Mann, der wie ein grunzender Affe klingt, Fischer, war dies das Projekt ihres Lebens. Aber anders als etwa Tony Blair haben sich diese beiden Schrebergarten-Ganoven nur mit Kleingeld abspeisen lassen. Gut, für Emporkömmlinge ist das sicherlich ein großer Batzen. Außerdem setzten diese Prozesse bereits unter Margaret Thatcher und dem Oggersheimer Saumagen ein, dem bis heute nicht der Prozess (zusammen mit Schäuble für die CDU-Spendenaffäre) gemacht wurde und der hoffentlich bald unter schlimmsten Schmerzen abkratzt; was ich als hilfloser Zornbürger selbstverständlich 90% allen Politikern in „diesem, unseren Lande“ wünsche. Nach der Lektüre von Roses Buch möchte man jedenfalls einmal mehr die Guillotine aufstellen und als Jakobiner über die Herrschenden richten.
Gucken wir mal, was Rose über ein paar Ganoven aus der Parasitenklasse erinnert: „GERHARD SCHRÖDER ….nach der Wahlniederlage, aber noch vor dem Ende seiner Amtszeit (vergab seine Regierung) einen Kredit mit staatlicher Bürgschaft von rund einer Million an die Nord-Stream AG, an welcher der russische Energiekonzern Gazprom mit 51 Prozent beteiligt ist… Am 22. November 2005 endete Schröders Amtszeit, und bereits im Dezember wurde er zum Verwaltungsratsvorsitzenden der Nord Stream AG ernannt…. Geschätztes Jahresgehalt 250.000 Euro.“ Carsten Maschmeyer kaufte Schröder die Rechte an seiner ebenso langweiligen wie schlecht geschriebene (lassen) Autobiographie für eine Million Euro ab. Wahrscheinlich als Gegenleistung für die steuerlich geförderte Privatrente, die lediglich Maschmeyers Konzern AWD nutzt. Für diesen OK-Verein arbeitet auch Bernd Rürup, der das Staatlich geförderte Rentenmodell mit seiner „Rürup-Kommission“ erarbeitete. Natürlich ist er SPD-Mitglied
WOLFGANG CLEMENT hat „sieben Aufsichtsratsposten inne“. Auch bei der RWE Power AG. „Auch auf die Zeitarbeitsbranche griff Clement zurück. Kaum ein halbes Jahr nach seinem Ausscheiden aus der Bundesregierung saß er im Aufsichtsrat der Firma DIS Deutscher Industrie Service AG (Jahresgesamtbezug rund 15.000 Euro; er kann´s halt nicht besser)… Als Bundesminister hatte Clement sich… zugunsten der Zeitarbeitsunternehmen eingesetzt.“ Ja, die Genossen haben in all den Jahren an Bedeutungslosigkeit nicht verloren.

Man könnte unendlich weiter auflisten (zum Thema sollte man auch noch Jürgen Roths vorzügliche DEUTSCHLAND AG (Eichborn) hinzuziehen, auf die ich an anderer Stelle hingewiesen habe). Nachteilig für Roses Buch wirkt sich das Fehlen eines Index aus.

Bei Heyne Hardcore, der einzigen innovativen Reihe der letzten Jahre, erschien der Bericht von Malcolm Beith EL CHAPO – Die Jagd auf Mexikos mächtigsten Drogenbaron. Selbst unsere weitgehend gleichgeschalteten Medien kommen nicht an gelegentlicher Berichterstattung über den Mafia-Staat Mexiko vorbei. Noch stärker als in Kolumbien sind Politik, Militär und Mafia hier miteinander vernetzt und bilden eine Symbiose. <minutiös beschreibt Beth den Aufstieg von Joaquin Guzman, El Chapo, zum mächtigsten Drogenbaron der westlichen Hemisphäre, die Dummheit der Nordamerikaner, den Zynismus ihrer Drogenpolitik und wie der südliche Nachbar über Jahrzehnte immer mehr in Armut und Verbrechen getrieben wird. Das Buch ist der genaueste und ausführlichste Einblick in die Welt der mexikanischen Drogenmafia und Kultur, den ich bisher kenne, voller unfreiwillig komischer Situationen.


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Empfehlenswert ist auch das Buch von Mathew D. Rose „Eine ehrenwerte Gesellschaft“. Es ist entweder 2003 oder 2004 erschienen und befasst sich mit dem Bankenskandal von Berlin.

Kommentar von Alexander




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