Martin Compart


Klassiker Des Noir-Romans: DEATH WISH von Brian Garfield by Martin Compart

Es gibt wohl wenige literarische Werke, die unter dem überragenden Erfolg einer Verfilmung so zu leiden haben wie DEATH WISH von Brian Garfield. Der wahnwitzige Erfolg, der Charles Bronson endgültig zur Ikone machte, versaute das Image eines Meisterwerks des psychologischen Noir-Thrillers auf breiter Front. Fans der Filme enttäuscht die Lektüre der Vorlage. Verächter der Filme kommen gar nicht auf die Idee, den Roman mit spitzen Fingern in die Hand zu nehmen.

Das hat schon ein bisschen was Tragisches.

Ende der 1960er begann der Vigilantismus zu einem erfolgreichen Topos in der Pop-Kultur zu werden, der seinen Höhepunkt in den 1970er Jahren erreichte. Einer der Ersten, der das Thema kontroverser als die Standard-Rächer-Romane in den Pulps und Paperback Originals behandelte, war Joe Gores mit A TIME FOR PREDATORS, 1969, für den er zu Recht den „Edgar-Allan-Poe-Award“, der damals noch etwas bedeutete, erhielt. Den literarischen (und dann filmischen) Höhepunkt erreichte das Motiv ausgerechnet mit dem Anti-Vigilanten-Roman DEATH WISH, aus dem Hollywood den Inbegriff des Vigilanten als Superhelden machte.

Aber hier geht es nicht um das Remake von Bruce Willis, hier geht es um einen der besten Noir-und anderes-Autoren des 20. Jahrhunderts.

Garfield schrieb DEATH WISH in zwei Wochen!

Im Roman ist Paul Benjamin (für Film und deutsche Übersetzung hat man den Nachnamen in Kersey geändert) Steuerberater, und am Anfang des Romans wird man in die schmutzigen Tricks der Aktiengeschäfte eingeführt, die heute geradezu niedlich anmuten, aber die kriminelle Progression schon erahnen lassen.
Er ist der typische Liberale, der an die gesellschaftlichen Regeln glaubt, tolerant und sanftmütig.

Eines Tages erfährt er telefonisch (anders als im Film wird der Überfall im Roman nicht ausgeführt), dass seine Frau und Tochter im Krankenhaus liegen. Sie wurden Opfer eines Überfalls in ihrer Wohnung. Pauls Frau stirbt an den Folgen, seine Tochter fällt in eine anhaltende Gemütsstarre und wird zum Pflegefall.

Langsam entwickelt sich der brave Angestellte zu einem Monster. Das eigentliche Thema des Romans. Paul ist weder Held noch Anti-Held, eher ein Opfer urbaner Schizophrenie mit der typischen gehobenen Redneck-Mentalität: “Those who commit crimes should be killed. If they didn’t want to face the consequences, then they shouldn’t have broken the law.”

Die Idee zum Roman kam Garfield durch eine unangenehme Erfahrung:

„I was the victim of a minor crime of violence; it all followed from there. I’d been at my publisher’s apartment — a penthouse overlooking the Hudson River (the area where Paul stalks muggers in the film). When I came out to get my car and drive home to the Delaware River, I found the top of my 10-year-old convertible slashed to ribbons. Must’ve been some vandal having his fun with a knife. For me the „rage“ element was that it was snowing pretty hard and it was cold. I had a two or three hour drive home. It wasn’t exactly a comfortable ride. I got pretty mad, [and thought] „I’ll kill the son of a bitch. Of course by the time I got home and thawed out, I realized the vandal must have had a strong sharp knife (convertible-top canvas is a very tough fabric to cut) and in reality I didn’t want to be anywhere near him. But then came the thought: What if a person had that kind of experience and got mad and never came out of it? I thought at the time that the impetus needed to be something stronger, more personal, than the slashing of an impersonal canvas car-top, but later I’ve become aware that the very triviality of the crime would have made much clearer the point of the story. Anyhow that was its provocation. The hero, or anti-hero, set himself up to clean up the town. I felt a sort of sympathy for him, but right from the outset it seemed clear enough to me that he was a nut who kept becoming nuttier.”

Der komplexe Roman ist auch das Portrait einer Stadt im Niedergang, eines Manhattans, bevor es von Walt Disney umgebaut wurde, und die Kriminalität noch vornehmlich auf den Straßen stattfand. Es ist die Zeit kurz vor der kulturellen Erosion New Yorks.

Bereits 1972 reflektiert Garfield die zunehmende Umweltverschmutzung Manhattans. Das klingt heute fast so wie bei Diskussionen über Dieselfahrverbote: „Normalerweise konnte man nicht sehen, wie die vergiftete Luft die Lungen angriff, also achtete man nicht darauf… Es kommt noch so weit, dass man sich nichts mehr einzuatmen traut, was nicht durch eine Zigarette gefiltert ist.“

Eines der Hauptthemen, das sich durch Garfields Werk zieht, ist der plötzliche Einbruch unerwarteter Gewalt und wie sie Leben und Verhalten der betroffenen Menschen verändert.


In DEATH WISH dekliniert Garfield an dem Protagonisten, der vom Opfer zum Täter wird, psychologisch, politisch und philosophisch diese Erfahrung durch. Im Roman geht es nicht darum, einen body-count zu illustrieren, sondern um diese Transformation. Dieser Prozess ist in der Verfilmung kaum realisiert. „Wenn Bronson in einem Film auftaucht, weiß man, dass er bald ein paar Typen wegblasen wird. Ich habe das als Kritikpunkt gegenüber Michael Winner erwähnt. Er nannte mich einen Idioten.“

Im inneren Monolog werden Pauls Entwicklungen hin zur Paranoia so glaubhaft wie nachvollziehbar gezeigt. Große schriftstellerische Kunst! Garfield braucht (in diesem Roman) so gut wie keine Action. In einem anderen Kontext als dem um den Film-Hype hätte man ihn als meisterhaften Psychothriller eingeordnet, der einer Patricia Highsmith würdig gewesen wäre.

Wenn Paul gen Schluss des Buches durch die Stadt streift und Drogensüchtige als potenzielle Angreifer erhofft, wertet er ihre Harmlosigkeit als Enttäuschung. Alles andere als ein Rächer-Held, muss er seine Veränderung erkennen:
„Er hatte sein Gleichgewicht nur deshalb bewahrt, weil ihn dasselbe Leiden erfaßt hatte, das auch (seine den Überfall und die Vergewaltigung überlebende Tochter) Carol infiziert hatte – die Unfähigkeit, irgend etwas zu fühlen… als wäre sein Empfindungszentrum gelähmt worden.“


Der Leser folgt einer Entwicklung, die der eines Serienkillers nicht unähnlich ist. Bis hin zum typischen Selbstmitleid:

„Niemand hatte Zuspruch für ihn – er war elendiglich einsam; er wollte die Nacht nicht mit einer Frau verbringen – er wollte die Nacht überhaupt nicht verbringen.“

Während der Film nur mäßig spannend ist (wer fürchtet schon um Charles Bronson?), liest sich der Roman atemlos, auch noch Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung. Brian Garfield ist außerstande, einen langweiligen Satz zu schreiben. Ein weit unterschätzter Autor, vielen vom Feuilleton gepriesenen Highbrow- Schreibern überlegen, mit scharfer Beobachtungsgabe, die er literarisch umzusetzen versteht. Das Wartezimmer eines Krankenhauses: „Es war die Art von Raum, wo man die Dinge nicht ansah; man vermied es hinzusehen.“

Und das grandiose Finale hat eine intelligentere und bessere Pointe als der Film.
Existenzialistisch  veranschaulicht der Roman Penn-Warrens These: „Es gibt nur ein paar Monate, die das Leben bestimmen. Manchmal nur einen. Dann ist es vorbei.

Garfields Stil ist trotz innerer Monologe sehr visuell, was für einen Autor, der ca. zwanzig Filme geschrieben und/oder produziert hat, nicht verwunderlich ist. Er schrieb von 1960 bis 69 34 Romane (fast alles Western), danach 28 weitere, zwei Story-Collections und drei Sachbücher (darunter ein inzwischen sehr gesuchtes Buch über Western-Filme, „Western Films: A Complete Guide“, 1982 ). Sein vielseitiges Werk umfasst Western, Abenteuer, Comedy, eine Biographie, Polit-Thriller, historische Thriller, Noir- und Crime-Fiction; 17 Bücher dienten als Vorlage für Film- oder TV-Produktionen. Sein Sachbuch „The Thousand-Mile War: World War II in Alaska and the Aleutians“, war Finalist beim Pulitzer-Preis, und sein Roman „Hopscotch“ gewann 1976 den Edgar; 1980 co-produzierte er die Verfilmung mit Walter Matthau. Weltweit verkauften seine Bücher bisher 20 Millionen Exemplare.

In den 1950ern war er Musiker und hatte mit seiner Band „The Palisades“ sogar einen Top-40-Hit mit dem charmanten Doowop-Song I CAN´T QUIT.

Er begann das professionelle Schreiben 1960,zur selben Zeit wie seine Freunde Donald Westlake und Larry Block, mit denen ihn nicht nur die hohe Produktionszahl in den 1960ern verbindet. Ab 1965 lebte er in New York und gehörte zu der legendären Poker-Runde mit Westlake, Block, Justin Scott, Robert Ludlum (und wenn er in der Stadt war: Ross Thomas), Henry Morrison (Agent der meisten und Entdecker von Ludlum, dessen Bourne-Verfilmungen er produziert) u.a.

Michael Winners DEATH WISH folgten weitere Vigilanten-Filme. Der künstlerisch gelungenste war wohl TAXI DRIVER. Charles Bronson wurde durch vier Fortsetzungen und viele Variationen gejagt.

“I hated the four sequels. They were nothing more than vanity showcases for the very limited talents of Charles Bronson. The screenplay for the original Death Wish movie was quite good, I thought. It was written by Wendell Mayes — look him up; he was a great guy and a splendid screenwriter; but his Death Wish script was designed to be directed by Sidney Lumet, with Jack Lemmon to star as Paul. The last-minute changes in director and star were imposed by a new producer to whom the project was sold, rather under protest, by the original producers Hal Landers and Bobby Roberts. The point of the novel Death Wish is that vigilantism is an attractive fantasy but it only makes things worse in reality.”

Da Garfield zur Zeit der Premiere des Films in Afrika zu Recherchen weilte, bekam er den Rummel um den Film nicht mit. Nach seiner Rückkehr sah er sich ihn zusammen mit Donald Westlake an. Beide mochten den Film nicht und teilten dies auch Michael Winner mit. Das Dumme daran war, dass Garfield und Westlake ein weiteres Projekt mit Bronson und Winner entwickelten: Die Verfilmung von Westlakes Parker-Roman BUTCHER´S MOON:

“Charles Bronson had an estate across the Hudson River from Albany, and he’d agreed to do Butcher’s Moon if it could be filmed in and around Albany so he could commute to work. Michael Winner had said he’d direct Butcher’s Moon as his next project. These elements were all in place when Don recommended that Fox hire me to write the script;
I’d just written the introduction for the book of Butcher’s Moon, and my Death Wish was just then being filmed in New York with Bronson, directed by Michael Winner.
The producers had cooled, Bronson had cooled, and Winner had finished filming Death Wish—a movie that both Don and I, having seen it in screenings, disliked. It became a huge hit in the summer of ’74, at a time when I was in Africa researching something else. I sort of understand the appeal of the movie—it had an excellent screenplay by Wendell Mayes—but I thought it was a hasty and indifferent job of filmmaking. I suppose Don and I both failed to hide our disappointment with the movie, so it’s not too surprising that both Bronson and Winner walked away. Without them, I gather Fox had very little interest in pursuing the project.”

Für angehende Thriller-Autoren hat Garfield generös Tipps bereit:
http://thrillerwriters.org/library/Brian%20Garfield%20-%20Ten%20Rules%20for%20Suspense%20Fiction.pdf

Garfield schrieb mit DEATH SENTENCE (ebenfalls verfilmt) einen weiteren Roman um Paul Benjamin – aber das ist eine andere Geschichte.




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MICK HERRON – DER ABDECKER DES SECRET SERVICE 4/ by Martin Compart

Herron saugt seine Plots aus den Aktualitäten, die unsere Nachrichten dominieren. Er steigt hinter die Oberfläche und sieht neben dem Terrorismus viel entscheidendere Bedrohungen: Korruption, Geldwäsche in der City, eine dysfunktionale Regierung, immer weiter nach rechts wandernder Konservativismus und Klassenkonflikte.
Eben England, wie es heute ist, nachdem es von Thatcher, Blair & Co. auf rechts gedreht wurde. Europa im Würgegriff der Banken und Konzerne, die für den Wiederaufstieg des Faschismus – mit dem unzutreffenden und verharmlosenden Begriff „Populismus“ verklärt – verantwortlich sind, indem sie mit ihrem politisch unkontrollierten Feudal-Kapitalismus für ein Gerechtigkeitsgefälle sorgen, wie es dieser Planet noch nicht gesehen hat.

In seiner Verachtung für das Establishment steht Mick Herron eher dem großen Brian Freemantle (insbesondere seiner Charlie Muffin-Serie, dem wohl unterschätzteste Klassiker des Polit-Thrillers) nahe, als etwa LeCarré, bei dem noch immer eine gewisse Wehmut über das untergegangene Empire nachschwingt.

Auch Brian Freemantle war und ist für seine überraschenden Handlungswendungen berühmt und berüchtigt. Im ersten Muffin Roman, CHARLIE M, 1977, orchestrierte er einen der nachhaltigsten Regelbrüche und Plotwendungen in der Geschichte des Spionageromans (eine genauere Beschäftigung mit ihm ist in diesem Blog längst überfällig).
Den Humor teilt Herron mit Freemantle, wie dessen Verachtung fürs Establishment.

Wenn man literarische Bezugspunkte und Traditionen für Herron ausfindig machen will, dann dürfte Brian Freemantle (der inzwischen fast 100 Bücher geschrieben hat) ihm am nähesten kommt. Freemantle schrieb sogar eines der ersten Sachbücher über den KGB; das einzige Proof Copy davon wurde seinerzeit vom KGB auf der Frankfurter Buchmesse vom KGB entwendet.

Man könnte glauben, diese überraschenden Wendungen sind von einem kriminellen Mastermind haarklein geplant. Aber das Gegenteil ist der Fall: “Some of those twists will have occurred to me at about the same point in the novel that they’re dropped on the reader.”

Herron fordert dem Leser einiges ab:

Sein reichhaltiges Personal und sein zynischer Erzähler erfordern mitdenken, manchmal muss man auch zwischen den Zeilen lesen. Die häufig naiv-patriotische Weltsicht amerikanischer Agenten-Thriller-Autoren teilt er nicht. Sein sowohl kunstvoller wie unterhaltsamer Stil verhindert, in die Langeweile von High-brow-Thrillern à la LeCarré abzugleiten.

Trotzdem kommt die Action nicht zu kurz.

Auch wenn das Intro im ersten Roman sehr lang ist, da Herron den Lesern sein Personal genau vorstellt, liest es sich spannend und höchst amüsant.

Ein Geheimnis großer Literatur ist, dass man sie auf den ersten Blick nicht erkennt. Wahrscheinlich überfordert Herron deutsche Thriller-Leser, die das restringierte Gestammel von Autoren wie Fitzeck oder Schwätzing mit Freude ertragen.

Nein, Mick Herron is „the thinking men´s spy writer”.

Seine Dialoge gehören zu den besten, die heute geschrieben werden, erinnern in Intelligenz und Witz manchmal an Chandler:

(Lamb)„Der kalte Krieg hatte auch seine guten Seiten, wissen Sie. Ist doch nicht schlecht, wenn man seine jugendliche Unzufriedenheit rauslassen kann, indem man ein Parteibuch rumträgt statt eines Messers und man endlose Versammlungen in den Hinterzimmern von Kneipen besucht und für Anliegen auf die Straße geht, für die kein anderer aus dem Bett aufstehen würde.“
(Rivers.) „Tut mir leid, dass ich das verpasst habe. Gibt es das auf DVD?“

Das treibt doch jedem Sixties-Nostalgiker die Lachtränen in die Augen!

Herron gelingt, was nur wenigen Autoren – wie etwa Joseph Conrad – gelingt: Er schafft einen eigenen Kosmos. Sogar bis hin zu einer eigenen Terminologie.

Er hat sich einen eindrucksvolle Sprachcode für „seinen“ Geheimdienst einfallen lassen. Dieser ist inzwischen so elaboriert, dass ein Fan ein Glossar erstellt hat: https://spywrite.com/2018/07/04/mick-herrons-slough-house-a-glossary/.

David Hemings als Charlie Muffin in dem gleichnanmigen TV-Movie von Jack Gold.

P.S.: Warum ich immer mal wieder auf Schwätzing und Fitzeck rumhacke?

Erstmal ist mir ihr Erfolg so wenig begreifbar wie der der AfD. Vielleicht ist das Bindeglied Kohls „geistig-moralische Wende“ und der seitdem fortschreitende Niveauverfall in fast allen Belangen der Republik.

Zum zweiten wurde ich mal pekuniär dazu genötigt, zwei, bzw. drei Bücher von ihnen zu lesen (die jeweiligen Verlage hatten nicht mal eine große Packung Aspirin mit eingeschweißt).
Die deprimierendsten Leseerlebnisse seit den Rückerstattungsbescheiden des Finanzamtes und literarisch anspruchsloser als staatsanwaltliche Vorladungen.



MICK HERRON – DER ABDECKER DES SECRET SERVICE 3/ by Martin Compart

Mick Herron gehört zu den „heißesten“ Autoren, die Großbritannien zu bieten hat. Dort hat er Bestsellerstatus, und Leser und Kritik lieben ihn. Bis 2010 war er ein Geheimtipp, aber mit der SLOUGH HOUSE-Serie über die Bad Bank von MI5 kam der ganz große Erfolg und gleichzeitig Kult-Status („The Telegraph“ wählte SLOW HORSES zu einer der „20 best spy novels of all time“).

Die eindrucksvolle Liste der Awards, für die er nominiert war oder gewonnen hat, zeigt seine Wertschätzung in der Krimi-Szene:

Joint winner, Ellery Queen Readers Award 2009, Dolphin Junction
Longlisted for Ian Fleming Steel Dagger Award 2010, Slow Horses
Shortlisted for Barry Award 2014, for best thriller, Dead Lions
Shortlisted for Macavity Prize, 2014, for best novel, Dead Lions
Winner, CWA Gold Dagger for Best Crime Novel 2103, Dead Lions
Shortlisted for Ian Fleming Steel Dagger Award 2015, Nobody Walks
Shortlisted for Ian Fleming Steel Dagger Award 2016, Real Tigers
Shortlisted for CWA Gold Dagger for Best Crime Novel 2016, Real Tigers
Winner, Last Laugh Award, 2017, Real Tigers
Shortlisted, Theakston Old Peculier Crime Novel of the Year 2017, Real Tigers
Shortlisted for CWA Gold Dagger for Best Crime Novel 2017, Spook Street
Winner, Ian Fleming Steel Dagger Award 2017, Spook Street
Shortlisted, British Book Awards, Crime and Thriller Book of the Year 2018, Spook Street
Shortlisted for Barry Award 2018, for best thriller, Spook Street
Shortlisted, Theakston Old Peculier Crime Novel of the Year 2018, Spook Street
Winner, Last Laugh Award, 2018, Spook Street
Shortlisted for CWA Gold Dagger for Best Crime Novel 2018, London Rules
Shortlisted for Ian Fleming Steel Dagger Award 2018, London Rules

Das Interesse an einer Verfilmung von SLOW HORSES kam früh (inzwischen scheint klar, dass es ein TV-Vierteiler wird).

Herron kann eine wirklich nette Geschichte zur Filmindustrie erzählen: „ Vor einiger Zeit erklärte mir ein für Verfilmungen zuständiger Agent, das Slow Horses kein richtiger Titel für einen Film sei. Er bevorzuge The Misfits, oder vielleicht The Losers, das seien richtige Filmtitel! Ich vermute, er sah schon Bruce Willis als Jackson Lamb. Was auf seine Art sicherlich Wahnsinn gewesen wäre, wenn ich so darüber nachdenke. Und es hätte mit Sicherheit nichts mit dem Buch zu tun gehabt, dass ich geschrieben habe.

Wie schon erwähnt, ist es Herrons einzigartige Mischung aus Charakteren, Plot und Stil, die seine Romane so einzigartig machen und für seinen Erfolg verantwortlich sind. Seine Beschreibung des Geheimdienstes, dessen Strukturen und Mechanismen wirken völlig authentisch, dabei hat er sich diese genauso ausgedacht, wie seine Plots, die allerdings ihre Wurzeln in der Realität des Heute und Jetzt haben.

Recherche, die Grundlage und das Lebenselixier so vieler bedeutender Polit-Thriller-Autoren, interessiert ihn wenig. Für viele Autoren, die ich kenne, ist das Recherchieren der schönste Teil bei der Arbeit an einem Buch.

Nicht für Mick Herron, der sie meidet. Eine seltene Ausnahme war die Recherche über einen Atombunker für REAL TIGERS: „Ich habe einen Bunker besucht und mir alles genau angesehen, jedes Detail. Als es dann ans Schreiben ging, musste ich alles ändern. Ich veränderte wirklich alles, da der reale Bunker nicht zu den Bedürfnissen meines Plots passte. Die Realität funktionierte nicht, also musste ich sie für mich passend machen.

Wer nur nebenher schreibt und tagsüber einem Fulltimejob nachgeht, hat natürlich auch weniger Zeit für die Recherche. Aber Herrons „literarische Sozialisationsgeschichte“ zeigt, dass er sich dem Thriller lieber vom literarischen als vom faktischen nähert. Das bei ihm beides trotzdem harmoniert und zusammenkommt, hat wohl mit hoher Intelligenz zu tun.

Ist ihm Routine und ritualisiertes Schreiben wichtig?

“Absolutely. The important part of being a novelist is the bit where you actually sit down and put the words on the page, which is something most of us would go to great lengths to avoid. So making it part of a routine is crucial. For me, the magic number is 350 – that’s how many words I set myself to write every evening. (A pitiful amount, I know, but I do have a full-time job.) Music helps. Right now, I’m listening to the (sorely missed) Esbjörn Svensson Trio.
As for the actual business of structuring a book, when I start a novel, I usually have a scene-by-scene breakdown of the first chapter, but nothing much after that. By the time I get to the end, I’m about a page ahead of the reader.”

Seitdem er vor kurzem seinen Job aufgegeben hat und hauptberuflich schreibt, hat er noch keine überzeugende Routine entwickelt. „Aber ich schreibe jeden Tag. Statt 350 Worte wie früher, sind es jetzt zwischen 900 und 1200 Wörter. Und ich habe festgestellt, dass ich morgens besser arbeite. Aber alles ist noch kein beendeter Prozess, eingebettet in einer klaren Routine.“

FORTSETZUNG FOLGT



Mick HERRON – DER ABDECKER DES SECRET SERVICE 2/ by Martin Compart

Die Leute vom Sumpfhaus:

Das Personal, mit dem Mick Herron sein Slough House ausstattet, ist durchweg faszinierend, und jede Figur hätte wohl die Potenz für eine eigene Serie. Dieses Ensemble ist wichtig und das Herzstück von Herrons Thrillern.

Neben Stil sorgen die Charaktere dafür, dass Herrons Bücher große Romane sind und nicht nur Produkte für den Thriller-Markt.


Wie schon so grandios in der TV-Serie SPOOKS vorgeführt, kann sich der Leser oder Zuschauer bei einer Ensemble-Serie nie sicher sein, was mit den Personen passiert: Etablierte Figuren können sterben oder aus anderen Gründen die Serie verlassen, neue können eingeführt werden (Ed McBain hat dies ja noch etwas zaghaft in seiner Serie über das 87.POLIZEIREVIER in den 1950er und 1960er Jahren praktiziert). Herron ist sich dem genau bewusst. 2016 sagte er in einem Interview: „You can get rid of characters, bring new ones in, and there will be people who die. As far as I’m concerned, there are only two characters who are sacrosanct and I don’t think I’m going to tell you who they are, actually!”

Das Slough House-Personal ist wahrlich nicht sonderlich sympathisch. Man würde sie wohl kaum zu einer Party einladen, aber man sieht ihnen bei ihrem Treiben gerne von der sicheren Seite des Buches aus zu.

Ebenfalls von SPOOKS angeregt scheint mir die realistische Prämisse, dass neben Terroristen, Maulwürfen oder feindlichen Residenten der MI5 heute politische Entscheidungsträger, britischen Journalismus und radikale Subkulturen als direkte Feinde ansieht. MI5 kann sich weder öffentliche Skandale leisten, noch Arbeitsprozesse. Deshalb wurde für die Problemfälle das Sumpfhaus geschaffen.

Die Szenen sind so aufgebaut, dass sie aus der Perspektive des jeweiligen Charakters geschildert werden. Das vermittelt nicht nur Nähe beim Leser, sondern auch einen direkteren Eindruck des Geschehens.

Nur bei Lamb ist das anders: Der Autor teilt uns höchst selten mit, was Lamb denkt und fühlt. Wir erfahren nur, was er sagt und wie er sich verhält. So bleibt der Leser bei ihm genauso auf Distanz wie die Lahmen Gäule.

Im Slough House leben alle desillusioniert und hoffnungsfroh mit dem Karriere-Rückkehr-Mantra „Wenn sich etwas ergibt, lässt man es dich wissen. Aber es wird sich nichts ergeben“. “Their backgrounds are a mixture of comic incompetence and tragic circumstance: Shakespearean fools and wounded souls.”

Bei ihnen zeigt sich auch sehr schön die Angst der Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg und wie man für eine Wiedereingliederung über Leichen geht statt Solidarität zu üben. Herron ist auch in den Subtexten auf der Höhe der Zeit.

Dann werfen wir mal einen näheren Blick auf diese Herzchen:

River Cartwright ist vielleicht die konventionellste Figur, die dem abgeschmackten Profi von Gestern noch am nächsten kommt. Er hatte bei einem Worst-Case-Szenario versagt, da er wahrscheinlich von einem Mitbewerber reingelegt worden war. Dass er „nur“ im Slough House gelandet ist, verdankt er verwandtschaftlichen Beziehungen. „Wenn Ihr Opa nicht wäre, wären Sie nur noch eine ferne Erinnerung.“ Und Opas Vergangenheit hat es in sich.

Roddy “Clint” Ho ist das Computergenie, asozial und im Umgang mit Kollegen und anderen Menschen komplett inkompetent. Daheim ist er in einem Haus „umgeben von ziemlich viel Elektronik. Einige Geräte warteten still auf ihre Aktivierung, andere summten in freudiger Erwiderung auf bereits erteilte Befehle, und ein anderes plärrte laut Death Metal heraus, in einer Lautstärke, dass der Name drohte, Realität zu werden.“

Min Harper and Louisa Guy scheinen die einzigen zu sein, die eine nicht von Antipathie, Furcht oder Misstrauen beherrschte Beziehung haben. Aber was weiß ich schon, wie oder was sich da entwickelt. Letztere spielt eine – oder gar die – Hauptrolle im zweiten Band, DEAD LIONS. Im Slough House überwacht Louisa Websites, auf denen „die Wut keine Grammatik“ kennt.

Catherine Standish
ist formal Lambs rechte Hand. Eine Alkoholikerin, zumindest am Anfang der Serie trocken. „Die Catherine in ihrem Puderdosenspiegel war immer zehn Jahre älter als die, die sie zu erblicken erwartete… sie sah die Fältchen, durch die ihre Jugend versickert war.“ Die Versetzung ins Sumpfhaus erscheint ihr als „eine verspätete Strafe für ein Vergehen, für das sie bereits gebüßt hatte“.

Sid Baker ist jung, attraktiv und ziemlich abgewichst, Eigentlich ziemlich merkwürdig, dass sie im Slough House gelandet ist.

Jed Moody
war früher ein “Dog”, so nennt Herron die interne Rumschnüffel- und Aufräumabteilung des MI5 („Der Zwinger der Dogs befand sich in Regent´s Park, doch sie hatten die Lizenz zum Streunen.“). Ein kräftiger, abschreckender Typ, nie „vor elf bereit für irgendwas Komplizierteres als ein Heißgetränk“. Er weiß nicht, warum man ihn kaltgestellt hat – und das lässt ihm keine Ruhe.

Diana “Lady Di” Taverner, die Chefin des MI5 thront über allen und ist die Königin der Intriganten (denn das sind sie alle – mehr oder weniger). Ein Kritiker sagte über sie: „Sie hat die Intrige zur Kunstform erhoben“. Auch darin könnte man Einflüsse von Shakespeare sehen – sowohl aus den Dramen wie aus den Komödien.

James “Spider” Webb
war wohl eifersüchtig auf seinen Konkurrenten River und hat ihn sabotiert, damit er in den Gulag des Slough House verschickt wurde. Er neigt zur Selbstüberschätzung und sieht eine brillante Karriere vor sich.

Jackson Lamb ist die zentrale Figur, die alles zusammenhält. Einer der übelsten Chefs in der Literaturgeschichte. Der Einzige, dem sein Job hier gefällt und an einer Rückkehr zum Regent´s Park völlig uninteressiert ist.
Er ist bösartig, faul, trinkt manchmal zu viel und ist übergewichtig.
Ein Charakter, der manchmal an Joyce Porters Inspector Dover denken lässt. Er trauert dem Kalten Krieg nach und weiß, wo die Leichen begraben sind. Seine Umgangsformen würden Chaucer erröten lassen.

Mick Herron: „Jackson Lamb ist sozusagen die durchgängige Hauptfigur der Serie, mit der alle anderen Figuren zu tun haben, weil er der Leiter von ›Slough House‹ ist. Er ist für seinen Autor ein bisschen rätselhaft, und ich hoffe, ebenso für die Leser. Einer seiner Mitarbeiter sagt einmal zu ihm, dass er nach dem Fall der Berliner Mauer selbst eine gebaut hat, und zwar eine um sich herum. Er lebt immer noch im Kalten Krieg, während dem er, vor langer Zeit, Geheimagent gewesen war. Jetzt ist er kein Geheimagent mehr und in vielerlei Hinsicht sehr verbittert. Es macht ihm großen Spaß, andere Menschen zu verletzen. In jeder Situation wird er das Schlimmstmögliche sagen. Er tut dies mit Absicht, aber ohne konkretes Ziel. So ist er eine Art überlebensgroßes, überhebliches Monster. Trotzdem folgt er einem sehr klaren Moralkodex, und dieser Kodex besteht darin, seine Agenten zu schützen. Für mich als Autor liegt der Spaß darin, Situationen zu erfinden, in denen er seine Faulheit und seine schlechten Angewohnheiten und seine Beleidigungen beiseitelegt und tatsächlich etwas unternimmt. Darum geht es beim Erfinden von Plots.“ (im Interview mit Anna von Planta und Kerstin Beaujean vom 29.8.2018)

Herron selbst nennt als einen Einfluss für Lamb den Schauspieler William Clarke in seiner Rolle als Andy Dalziel in der Fernsehserie nach den Romanen von Reginald Hill (den er als Autor hoch schätzt). Die Drehbücher für einen ersten TV-Vierteiler von SLOUGH HOUSE sind bereits geschrieben und bei britischen Produktionen ist die Wahrscheinlichkeit für ein qualitatives Spitzenprodukt besonders hoch.

FORTSETZUNG FOLGT



MICK HERRON – DER ABDECKER DES SECRET SERVICE 1/ by Martin Compart

River Cartwright ist ein ausgemusterter MI5-Agent, und er ist es leid, nur noch Müllsäcke zu durchsuchen und abgehörte Telefonate zu transkribieren. Er wittert seine Chance, als ein pakistanischer Jugendlicher entführt wird und live im Netz enthauptet werden soll. Doch ist das Opfer der, der er zu sein vorgibt? Und wer steckt hinter den Entführern? Die Uhr tickt, und jeder der Beteiligten hat seine eigene Agenda. Auch Rivers Chef Jackson Lamb, ein Falstaff des Thrillers.
Slough House, das ist der Ort, an den Agenten des Geheimdiensts MI5 in London verdammt werden, deren Karrieren frühzeitig gescheitert sind. Hier soll man in Verzweiflung, freiwillige Kündigung, hysterischen Niedergang und Selbstaufgabe getrieben werden (welch grandiose Paraphrase für das 21.Jahrhundert!).

Ein Ort, der nur von einem genossen und geliebt wird: Jackson Lamb.

Vielleicht haben diese ›Slow Horses‹ einen Auftrag komplett vermasselt, kamen einem ehrgeizigen Kollegen ins Gehege, oder sie hingen einfach zu sehr an der Flasche, was in diesem Gewerbe nicht unüblich ist. Außer dass sie Einzelgänger sind, haben sie noch eins gemeinsam: Sie alle wollen wieder zurück in den aktiven Dienst in Regent’s Park, raus aus Lambs Abdeckerei.


Slow Horses
Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer
Hardcover Leinen
480 Seiten
ISBN 978-3-257-07018-7
€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 24.70

Der Diogenes Verlag liefert einmal mehr Grundnahrungsmittel für den anspruchsvollen Thriller-Fan: Mick Herron, einer der fünf besten britischen Polit-Thriller-Autoren der Gegenwart. In Großbritannien und jetzt auch in den USA wird er bereits als Klassiker gehandelt.

Und das mit vollem Recht: Er ist nicht nur ein eindrucksvoller Stilist, er bringt auch Innovationen in ein Genre, dass seit zwanzig Jahren stagniert oder in dümmlichen Anti-Terroristen-Agenten-Thrillern verharrt. Herron bestätigt Eric Amblers Postulat des „Thrillers als letzte Zuflucht für Moralisten“ und zeigt unsere heutige Moral als Anpassung an Sozialsysteme.

Sein zynischer allwissender Erzähler kriecht jeder Figur so tief unter die Haut, dass denn Leser selbst die scheinbar uninteressanteste Figur interessiert. Nur bei der Hauptperson Jackson Lamb ist er weniger allwissend; sie scheint er selber noch zu erforschen. Ihr gelingt es, diesen so dominanten Erzähler zu überraschen. Überraschungen gehören zu den großen Stärken von Herron: Die Plots nehmen überraschende Wendungen, die Charaktere verhalten sich überraschend und die Dialoge sind es auch – immer gespickt mit witzigen Zynismen.

Herron überrascht den abgebrühtesten Thriller-Fan immer wieder.

Ein Grund sich etwas ausführlicher mit ihm zu beschäftigen.

Denn seine überfällige Veröffentlichung auf dem deutschen Markt ist ein absolutes Highlight. Auch wenn er es nicht auf die Jauchegrube unserer Bestsellerlisten schafft (dazu sind seine Romane zu intelligent und anspruchsvoll), sollte er doch eine große Gemeinde finden, für die in hoffentlich kurzen Abständen die bisherigen sechs Bände der SLOUGH HOUSE-Serie von Diogenes veröffentlicht werden. 1)

Mit diesen Romanen hat Herron sich als einer der besten Stilisten und intelligentesten Autoren seiner Generation etabliert; nicht nur im Spy-Genre. Seinem traumwandlerisch sicheres Sprachgefühl merkt man die frühe und langjährige Leidenschaft für Lyrik an. Sie fließt völlig unangestrengt in seine Epik.

Herron wurde 1963 in Newcastle upon Tyne geboren und studierte in Oxford am Balliol College, wo er seinen Abschluss in englischer Literatur machte. Schon als Teenager begann er Gedichte zu schreiben. „Erst später begann ich mit Romanen. Aber seit meiner Jugend schreibe ich jeden Tag.“

Nach dem Studium arbeitete er mehr als 15 Jahre lang als Textredakteur in London. Er wohnte in Oxford und fuhr jeden Tag zum Job in die Metropole. „Der Job lehrte mich eine Menge über das Schreiben. Besonders über das Weglassen von Worten. Nebenher schrieb ich nachts täglich 350 Worte an Romanen.“

Es dauerte zwei Jahre, bis er einen Verleger für seinen ersten Roman fand: DOWN CEMETERY ROAD, 2003, war der erste Band in seiner Oxford Serie über Sarah Tucker und Zoe Boehm. Er hatte 18 Monate an dem Roman gearbeitet. Ein Jahr später folgte der zweite Band der Serie. Insgesamt schrieb er bis 2009 vier Romane über seine weiblichen Protagonisten.

“The two women are very different, I hope, so shuttling between them allows me to indulge opposing viewpoints. Sarah is the more feeling of the pair, and I sometimes claim that I’m getting in touch with my feminine side when writing about her. The more likely truth is that, when writing about Zoë, I’m trying to bolster my masculine nature.”

Bedingt durch seinen Fulltimejob arbeitete Herron sehr langsam. Besonders viel Zeit nahm und nimmt das Lektorieren in Anspruch: „Das Ausmerzen der verdammten Semikolons!“

2006 verfasste er mit LOST LUGGAGE seine erste Kurzgeschichte für „Ellery Queen´s Mystery Magazine“. 2009 wurde er von dem Magazin für seine Story DOLPHIN JUNCTION mit dem „Ellery Queen Readers Award“ ausgezeichnet.

2010 gelang ihm mit SLOW HORSES der große Wurf, der erste Roman über die „Abdeckerei“-Abteilung des MI 5.

Obwohl er gleich für den „Ian Fleming Steel Dagger Award“ nominiert wurde, stand er plötzlich ohne Folgevertrag bei Soho Crime da. Soho Crime hatte den Roman zuerst erfolglos in den USA veröffentlicht und die Resonanz in England war auch nicht besonders. Deshalb dauerte es drei Jahre, bis der Verlag sich durchrang den zweiten Roman, DEAD LIONS, zu veröffentlichen. Es dauerte zwei weitere Jahre, bis Herron und sein Agent einen neuen Verlag fanden. Als dann John Murray die Serie übernahm, erkannten die dortigen Mitarbeiter das Potential und bedienten es entsprechend. Ein britischer Kritiker nannte das Verhalten von Soho Crime das „literarische Äquivalent zur Ablehnung der Beatles durch Decca“.

Warum der Wechsel von düsteren Psychothrillern zum Spionage-Roman?

„Ich wollte über größere Themen schreiben. Der Spionageroman bietet diese Möglichkeiten. Als Kind war ich ein großer Fan der frühen Romane von Alistair MacLean. Ich begann früh Bücher für Erwachsene zu lesen. Das war sofort Kriminalliteratur. Angefangen mit Agatha Christie. Alistair MacLean. Der wunderbare Dick Francis. Dann entdeckte ich die amerikanische Literatur: Hemingway, Fitzgerald, Steinbeck. Ich las sehr früh Nabokov, da wir ein Buch von ihm zu Hause hatten. Vor allem war ich ein Bibliotheks-Gänger – das bin ich immer noch. Ich greife mir, was mich anspringt. Heute vergessene Autoren wie John O´Hara oder Victor Canning.“

Ein Autor, der noch Victor Canning kennt und liest, kennt das Genre in all seinen Verästelungen.

Und selbstverständlich kennt er die Klassiker wie Ian Fleming (sein Lieblings-Bond-Roman ist MOONRAKER) oder Len Deighton („Ich hatte einen Goldfisch namens Harry Palmer.“).

Welcher Autor hat ihn am stärksten beeinflusst?

GORKY PARK von Martin Cruz-Smith ist meine Messlatte. Aber ich kaufe jedes Buch von ihm, sobald es veröffentlicht wird. Dialoge waren für mich anfangs das schwierigste zu schreiben. Inzwischen fällt es mir leicht. Ich habe die großen Dialog-Schreiber intensiv studiert – Elmore Leonard zum Beispiel.

Und welche aktuellen Spionageautoren bewundert er?

Ich mag eine Reihe von Büchern von Alan Judd und John Lawton. Es gibt noch einige andere Autoren, die ich sehr mag, aber die beiden fallen mir zuerst ein.

Große TV-Serien wie THE SANDBAGGERS oder SPOOKS sind unter seinen Einflüssen vermutbar: Sie dürften die Ensemble-Struktur der SLOUGH HOUSE-Serie angeregt haben.
“There are some good thriller writers working today in the spy genre but they’re thin on the ground. Many of the good ones tend to write within a historical context. Modern espionage fiction is not what it once was. Maybe the fact that the real spy world is now a team game with secret services conducting wars more with technology than field operatives, has contributed to rendering some of the traditional tropes of the contemporary spy thriller redundant. Lone agents fighting to save the world have simply lost their relevance.”

Das ihn Kritiker für seinen „neuen Realismus“ loben, amüsiert Herron: „Because I’m a thriller writer that narrows the choices. My stuff could have been police officers but then I would have had to do actual research. And you’d have to get the procedure right because if you don’t, if you just make stuff up and you write about the police, you’re going to get into trouble. But if you make stuff up about the Secret Service, people say, ‘you seem to know an awful lot about that’ and then they assume you have some sort of experience.”

Bei Herrons Qualität wird natürlich der gottgleiche Langweiler als Vorbild, Vergleich oder Pate herbei gequält. “I won’t say that le Carré cast a shadow, rather he cast a light over the spy genre that will continue for a long, long time.”

Wenige Autoren schreiben so eindrucksvoll über London. Sicherlich werden seine Romane künftig auch im Genre „London Novel“ verzeichnet sein, als Bücher, die das Zeitgefühl der Stadt im frühen 21.Jahrhundert unter der Terrordrohung ähnlich überzeugend wiedergeben wie etwa Joseph Conrads THE SECRET AGENT es für den Anfang des 20.Jahrhunderts tat.

“I worked in London for fifteen years, without ever living there. And yes, I think love/hate sums it up. As a locale for fiction, it fulfils all my needs: it’s bright and dazzly, grubby and creepy; it’s got all the history one could want, and still offers huge scope for making up more when required. But it’s noisy and crowded, and doesn’t always work properly, and you have to travel annoying distances to get anywhere. And the reputation it’s developed as the world’s money-laundering capital, which goes hand-in-hand with all manner of other corruption, fills me with unease.”

1) Ein Problem dabei könnte sein, dass 90% der deutschen Kritiker (nicht nur sogen. Genre-Kritiker) mit ihren bescheidenen Maßstäben Stil weder erkennen, einordnen noch würdigen kann. Man muss sich nur bisherige Besprechungen der deutschen Ausgabe ansehen, ohne durch Fremdschämen betroffen zu werden. Aber Stil ist ein intelligentes Vergnügen, dem man folgen können muss. Ich tu mich daran selber schwer, bin dann aber über die nicht allzu schwere Erkenntnis höchst erfreut.

FORTSETZUNG FOLGT




THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: CITY OF THE DEAD/NEKROPOLIS von Herbert Lieberman by Martin Compart

10 Tage im Leben des New Yorker Chef-Pathologen Dr.Paul Konig und 10 Tage im Leben der Stadt New York 1974.

Die Cops befragen die Lebenden, aber Paul Konig findet die Antworten, indem er die Toten befragt. Nach einem Leben voller grauenvoller Verbrechen denkt er, er habe bereits alles gesehen. Falsch gedacht. Vor ihm liegen zehn Tage, in denen er an mehreren Fronten gleichzeitig kämpfen muss:

Gegen politische Korruption in der Verwaltung;

gegen das Unmögliche, an Hand unzureichender Leichenteile aus einem Serienkiller-Friedhof den Täter zu identifizieren, der mit seinen Sexmorden eine blutige Schneise durch das ohnehin schon gewaltgeschüttelte New York zieht;

und gegen die Zeit, um seine Tochter rechtzeitig aus den Händen einer irren Militia zu retten.

Klingt überkandidelt und nicht wirklich originell?

Dem sei entgegnet, dass dieses Buch völlig einzigartig in der Kriminalliteratur dasteht, denn es kommt ja immer darauf an, WIE die Geschichte erzählt wird.
Das Buch erschreckt in seinem Zynismus und seiner Brutalität noch heute. Das geschilderte New York gibt es nicht mehr, aber der Roman liest sich, als wäre er gerade erst geschrieben worden.

Dazu noch im Präsenz, was immer eine extreme Herausforderung ist, die sehr leicht misslingt. Ich kann mich nicht erinnern, eine überzeugendere Nutzung dieser Form gelesen zu haben.

Die Spannung ist von der ersten Seite an da, was an Liebermans süchtig machendem Stil liegt. Aber die Handlungsstränge bauen sich erst allmählich auf bis das Tempo fast unerträglich wird. Der Leser kann sich nicht ausruhen, denn dies ist ein großer Roman, der viele Geschichten erzählt, viele Charaktere erleben lässt, die alle Poren der Stadt sind. Wie nur wirklich großen Autoren, gelingen ihm Szenen, die zuvor noch nie geschrieben wurden und sich ins Gedächtnis einbrennen.

Der Roman ist gleichzeitig psychologischer Thriller, Forensik-Procedural, Sittengemälde und schwarzer Thriller. Eine Besonderheit dieser Geschichte ist ihre unbestimmte Identität, ihre Vermischung von polizeilicher Untersuchung, psychologischem Drama und sozialer Destabilisierung.

Wie an Dantes Eingang zur Hölle müsste dem Roman nach der Titelei vorangestellt sein: Ihr, die ihr dieses Buch öffnet, lasst alle Hoffnung fahren“

Und dann ist das Buch auch noch einer der ganz großen New York-Romane. Eines New York, bevor Spekulanten und Banker alles Leben aus der Stadt saugten und aus ihr ein Refugium für superreiche Langweiler machten. Es ist das New York von 1974, als die Stadt noch gefährlich, tödlich und frei war. Im Vergleich zu Liebermans Roman wirken sogar TAXI DRIVER oder DEATHWISH wie Tourismus-Spots.

In den 1970ern war New York noch interessant, eine Stadt, in der wirklich was los war – zu jeder Jahreszeit:

„April again. Burgeoning spring. Tax time and the month of suicides. Gone now are February and March, seasons of drowned men, when the ice of the frozen rivers melt, yielding up the winter’s harvest of junkies, itinerants, and prostitutes. Soon to come are July and August–the jack-knife months. Heat and homicide. Bullet holes, knife wounds, fatal garrotings, a grisly procession vomited out of the steamy ghettos of the inner city. Followed by September–early fall–season of wilting vegetation, self guilt, and inexplicable loss. Battered babies with the subdural hematomas and petechial hemorrahages. Then October–benign, quiescent; the oven pavements of the city cooling while death hangs back a little while, prostrate from all the carnage. Only to rush headlong into November and December. The holiday season. Thanksgiving and the Prince of Peace. Suicides come forth again.“

Es ist eine halluzinatorische Reise ins schwarze Herz des „Big Apple“. Die Stadt verursacht den Tod und repräsentiert alle menschliche Grausamkeit. Liebermans Kaleidoskop zeigt auch die Gewinner und ihre Ruchlosigkeit in sozialen Dimensionen. Sein Universum ist dunkel, abrupt und ohne Illusionen.

HerbertLieberman dämpft diese pessimistische Weltanschauung mit ätzendem Humor.

„Der Pathologe steht vor dem geschundenen und nackten Leichnam wie ein alter Zauberpriester, der aus den Eingeweiden von Opfertieren wahrsagt.“

Der erste Thriller mit einem Forensiker als Protagonisten Kein anderer Roman vermittelt intensiver Bewusstsein und Arbeit eines Pathologen. Bevor ich ihn gelesen hatte, wusste ich nicht, dass mich das überhaupt interessiert. Denn im Gegensatz zu Patricia Cornwell, Kathy Reich, Jefferson Bass und wie die langweilige Forensiker-Bagage heißt, ist Lieberman ein wahrer Literat und weiß, wie man Spannung erzeugt, die von der ersten bis zur letzten Seite allgegenwärtig ist – auch wenn sich die Handlungsebenen verschieben.

Die Vielzahl an Details zu dieser speziellen Arbeit zeigt uns, dass der Autor viel recherchiert hat, um die Hauptfigur glaubwürdig zu machen. Um dieses Buch schreiben zu können, recherchierte Lieberman über ein Jahr lang beim Team des Manhattan Forensic Institute. Jedenfalls erscheinen Cornwell oder Reich im Vergleich zu Lieberman recht oberflächlich und weniger mitreißend und schockierend. Liebermans Autopsien sollte man nicht mit vollem Magen lesen.

Sein Paul Konig ist keine durchwegs sympathische Figur. Seit dem Krebstod seiner Frau noch unangenehmer und zynischer, hadert er mit seinem Schicksal:

„Manchmal dachte er daran, dass alles gut würde, wenn er an Magier und Hexenmeister glauben könnte, an Rosenkränze oder Talismane. Er könnte zu einem Astrologen gehen, sich makrobiotisch ernähren, mit den Zen-Meistern meditieren, alles mögliche. Wenn er damit nur diesen zersetzenden Zynismus überwinden, sich lossagen könnte von der Hybris von vierzig Jahren Wiegen und Messen, um irgendeine segensreiche kleine Oase grünender Hoffnung zu finden, könnte er sich vielleicht retten.“

Konigs Selbstmitleid erreicht seinen Höhepunkt nachdem die vernachlässigte Tochter ausgezogen und verschwunden ist. Der befreundete Detektiv, der heimlich nach ihr sucht, stellt dann ihre Entführung fest und nach etwa 80 Seiten schaltet Lieberman den Turbo zu und der Roman beherrscht den Tagesablauf des Lesers.

Herbert Lieberman ist wohl eines der bestgehüteten Geheimnisse der Noir-Literatur im Besonderen, und der Pop-Literatur im Allgemeinen.

Herbert Henry Lieberman wurde am 22 September 1933 in New Rochelle, New York geboren. Seine Mutter war eine Waise, die aus Rumänien mit der „Lusitania“ in die USA kam. Herbert besuchte die Columbia Universität und arbeitete in New York für Reader’s Digest, bevor er Theaterstücke und Romane zu schreiben begann. Später ging er mit seiner Frau Judith und ihrer Tochter nach Kalifornien.

Über seine Horror-Romane sagte er einmal, sie würden auf seinen Alpträumen basieren.

Neben Horror- und Noir-Romanen schrieb er auch Conspiracy-Thriller (THE CLIMATE OF HELL über Nazis in Südamerika), einen Serienkillerroman (NIGHTBLOOM), Fantasy (SANDMAN, SLEEP), Wirtschaftsthriller (NIGHT CALL FROM A DISTANT TIME ZONE), einen ungewöhnlichen Backwood (THE EIGHT SQUARE), den Psychothriller CRAWLSPACE (1972 verfilmt als ABC-Movie oft he Week) und anderes. Da gibt es noch einiges zu entdecken!

Sein bisher letzter Roman wurde 2003 veröffentlicht.

CITY OF THE DEAD oder NEKROPOLIS ist ein Klassiker, den kaum einer kennt; das gilt auch für Großbritannien oder die USA (wo er aber von einem kleinen Kreis widerentdeckt wird). Es ist einer dieser seltenen Romane, deren Texte die Leser absorbieren.

In Frankreich sieht es anders aus.

Da ist als Autor relativ bekannt  – oder sagen wir lieber: zumindest nicht ganz unbekannt – und NEKROPOLIS wurde 1977 mit dem Grand Prix de Littérature Policière’s International ausgezeichnet. Zu den vielen französischen Bewunderern gehört auch der Bestsellerautor Maxim Chattam, der NEKROPOLIS als seinen Lieblingsroman nennt.

Eine wenig beachtete deutsche Ausgabe erschien 1977 im Lübbe-Verlag.

https://www.amazon.de/gp/offer-listing/378570206X/ref=dp_olp_used?ie=UTF8&condition=used

 



ARCHÄOLOGE DES BÖSEN: JEAN-CHRISTOPHE GRANGÉ by Martin Compart

Jean-Christoph Grangé schlug ein paar heftige Wunden in den Körper des Noir-Thrillers, die nie mehr heilen werden.

Das mögen manche Leser und Kritiker gar nicht. Ihnen erscheinen Grangés Werke wie von einem Psychopathen geschrieben, dem man ein geschärftes Rasiermesser in die Hände gedrückt hat. Das kann man Leuten, die auf Zimmertemperatur denken und den kleinsten gemeinsamen Nenner des Genres favorisieren, wohl nicht einmal übel nehmen.
Grangés „Spielereien“ mit esoterischen und religiösen Topoi passen nämlich auf den ersten Blick zu keinem Genre, dass sich aus der Aufklärung entwickelt hat (dabei negiert man die romantischen Wurzeln der Kriminalliteratur, die bereits bei Sherlock Holmes sichtbar wurden).

Grangé setzt sich gerne über westliches Schulwissen hinweg und bedient sich bei Themen, die gemeinhin dem Horror-Genre zugeordnet werden.

Wie viele französische Noir-Autoren seiner Generation betreibt Grangé scharfe Kritik am Kolonialismus und Neo-Kolonialismus. Dazu lässt er wissenschaftliche Erkenntnisse unterschiedlicher Disziplinen einfließen und scheut auch nicht vor genannten esoterischen Vorstellungen zurück. Letzteres brachte ihm häufig Kritik ein. Entscheidend erscheinen mir aber die mutigen Versuche, Genregrenzen zu überschreiten, zu sprengen und neues Terrain fruchtbar zu machen.

Seine monströsen Romane strotzen vor blutrünstigem Exotismus und münden meist in orgiastischen Wahn. Sie haben auch immer etwas apokalyptisches, beschwören eine Welt im Verfall mit nur noch geringer zivilisatorischer Sicherheit.

Besonders zwei politische Themenkreise tauchen immer wieder in seinen Romanen auf: die chilenische Militärdiktatur, Pharmazeutik in der Tradition der Nazis und der Kolonialismus in Schwarzafrika. Damit belegt Grangé die historische Weisheit, dass Vergangenheit nie zu Ende ist.

 

Um es mit Mario Praz auszudrücken: Grangé verbindet den „ungestümen Tätigkeitsdrang der Romantik mit der sterilen Kontemplation der Dekadenz“. Dies auch gerne in der Gegensätzlichkeit seiner Protagonisten-Duos (besonders in CHORAL DES TODES), die er auch häufig in einem Vater-Sohn-Verhältnis choreographiert.

Jedenfalls ist er der vielleicht eigenwilligste lebende (Bestseller-)Autor mit der ausgefallensten Phantasie.

Für seine Romane fehlt es an Vergleichbarem.

Manche Bücher mögen für Leser zu durchgeknallt erscheinen, aber uninteressant oder langweilig sind sie nie. Und trotz gelegentlich schwächerer Bücher, hat er sich stilistisch und handwerklich stets gesteigert.

Er ist ein Autor der französischen multikulturellen Gesellschaft. In fast jedem Roman zeigt er die Lebensbedingungen unterschiedlicher Ethnien, die in Frankreich leben oder zu leben versuchen. Er zeigt deren politische und kulturelle Zwänge auf, ohne zu romantisieren. Sein anthropologischer Pessimismus macht politisch unkorrekt nicht davor halt, auch das gierige Vorteilsstreben dieser anderen zu benennen.

Oft sind seine Hauptfiguren zerrüttete Maschinisten in einem System, das zu Chaos, Verbrechen oder Wahnsinn führen muss. „Die Nervenkrankheiten, die Neurosen scheinen tatsächlich in der Seele Spalten zu öffnen, durch die der Geist des Bösen eindringt“ (Huysmans).

Grangé ist besessen vom Bösen, von den Abgründen des Menschen. Bei seinen Reportagen und Reisen rund um die Welt bestätigte sich die Erkenntnis, „dass der Mensch die einzige Spezies ist, die in der Lage ist, zum Vergnügen zu töten.“ Wie ein Archäologe legt Grangé alle Schichten frei, um zum Kern des Bösen vorzudringen.

Sein Lieblingsfilm ist der MARATHON MAN nach William Goldman, der sicherlich großen Einfluss auf sein Werk hatte.
MARATHON MAN ist m.E. der beste aller Thriller. Das Drehbuch ist tadellos, und es basiert auf einer erhabenen Handlung. Die Zahnarzt-Szene ist geradezu archetypisch für den modernen Thriller. Wir sind alle eifersüchtig auf diese Sequenz. Ich habe natürlich auch den Roman gelesen, der ebenso erstaunlich ist.

Als Lieblingsautor nannte er häufig James Ellroy, was vermutlich damit zusammenhängt, dass dieser ähnliche Gruselszenen und Tabubrüche ausführte. Weitere Lieblingsautoren sind Martin Cruz-Smith (der über eine ähnlich breite Themenvielfalt verfügt), Maupassant und natürlich Flaubert.

Geboren wurde Grangé in Boulogne-Billancourt am 15.07.1961.
Er wuchs vaterlos in Paris auf. „Ich habe meinen Vater nie gesehen. Er durfte nicht in meine Nähe. Es hieß, er sei geisteskrank und wolle mich entführen.“ Deswegen vielleicht auch die vielen Vater-Sohn-Konstellationen in seinen Romanen, in denen er seine Nicht-Erfahrungen durchdekliniert.

Sein Lieblingsbuch in der Kindheit war eine Anthologie „15 Geschichten der griechischen Mythologie“; diese Faszination an der Mythologie durchzieht sein Werk bis heute. Bestes Beispiel ist DER URSPRUNG DES BÖSEN (2015 als Sechsteiler von France 2 für das Fernsehen adaptiert).

Er studierte Literaturwissenschaften an der Sorbonne und finanzierte sich teilweise durch kleine Jobs. „Ich schob Einkaufswagen im Supermarkt zusammen. Sehr lehrreich…“ Sein Diplom machte er mit einer Dissertation zu Gustave Flaubert.

Dann begann er als Werbetexter zu arbeiten. Um dieser niedrigsten Form planetarer Existenz zu entkommen, wechselte er in  zu einer Nachrichtenagentur. Später gründete er seine eigene Agentur L&G um als Reisejournalist und mit investigativen Reportagen bedeutende Magazine zu versorgen.
Zu seinen Abnehmern gehören bald Paris Match, Sunday Times, Observer, El Pais, Spiegel und Stern.

Für seine Reportagen reist er rund um die Welt zu Indianern, Eskimos, Pygmäen und begleitete wochenlang die Tuareg. Damit legte er bewusst oder unbewusst Grundlagen für seine späteren Romane. „Jahrelang habe ich einige wirklich verrückte Reportagen gemacht, und dann habe ich irgendwann erkannt, dass ich einiges sehr interessantes Material gesammelt hatte, um daraus Romane zu destillieren.“ Bei einer Reise in die Mongolei bekam er Kontakt zu den dortigen Schamanen, was sich dann in seinem umstrittensten Roman, DER STEINERNE KREIS, niederschlug. Mehrere Reisen nach Afrika schlugen sich mehrfach in seinen Romanen nieder. „Afrika fasziniert mich wie kein anderer Kontinent.

Seine Reportagen wurden mit Preisen ausgezeichnet: den „Prix Reuter“ erhielt er 1991 und im Jahr darauf den „Prix World Press“.

Während der langen Flüge begann er Kriminalromane zu lesen. Er bemerkte, dass das Genre ihn mehr als andere Literaturen anzog. „Ich bin ein Kinofan, mir wurde klar, dass man dank des Thrillers literarisch dieselben Emotionen hervorrufen kann wie in einem guten Film – und das wollte ich.“

Mit FLUG DER STÖRCHE schrieb er seinen ersten Roman, der 1994 veröffentlicht wurde. Noch kein Bestseller, aber ein Achtungserfolg der ihm viel Interesse einbrachte.
„Obwohl STÖRCHE kein wirklicher Erfolg war, entdeckten mich die Filmleute. So erhielt ich gut dotierte Drehbuchangebote. Mein Leben veränderte sich, auch wenn der große Erfolg noch nicht da war. Aber ich galt sowohl in der Film- wie in der Verlagsbranche als heiß.

Der große Erfolg kam vier Jahre später mit DIE PURPURNEN FLÜSSE, der ihn über Nacht bekannt machte und zu einem Weltbestseller wurde.

„Ich hatte das Glück, dass der Film überhaupt gedreht wurde, dass es Mathieu Kassovitz war, der es tat. Der weltweite Erfolg des Films war für mich in vielen Ländern eine treibende Kraft des literarischen Erfolges. Durch den Film, hatte auch der Roman unglaublichen Erfolg, vor allem in Italien und Deutschland. Natürlich hat der Charakter, den Jean Reno gespielt hat, nichts mit dem Charakter zu tun, den ich in meinem Buch porträtiert habe. Aber offen gesagt, um ein Beispiel zu nennen: Maigret. Wenn wir alle Schauspieler sehen, die in allen Filmen gespielt haben, die über Maigret gedreht wurden, sind wir sehr weit von Simenons Maigret entfernt.

Ich bin sehr glücklich mit dem Kino, denn bei jeder Buchveröffentlichung machen mir die Produzenten Angebote zu den Verfilmungsrechten. Es gibt eine klassische Auktion, und in meinem Fall geht das sehr hoch oder so hoch wie in Frankreich möglich. Diese Auktionen sind geradezu fieberhaft, weil jeder Produzent ein Angebot macht, in dem Wissen, dass sein Konkurrent mitbietet.“ Auch international ist er inzwischen gefragt: Hollywood kaufte die Rechte an DAS SCHWARZE BLUT.

Fast jährlich folgen seitdem weitere voluminöser Bestseller und daneben schrieb er auch noch Drehbücher und gelegentlich Comics. Eine beeindruckende Produktivität!
Inzwischen sind seine Romane in über zwanzig Ländern in 14 verschiedenen Sprachen veröffentlicht.

Zeit nahm sich der manische Schreiber damals nur für seine Kinder aus erster Ehe, die inzwischen erwachsen sind. „Ein Schriftsteller ist am Rande des Lebens. Er schafft eine andere imaginäre Welt aus der Realität. Die Absicht des Schreibers ist es, sich selbst zu isolieren.“

Grangé lebt in Paris, wenn er nicht gerade auf Recherche ist. Mit öffentlichen Auftritten hält er sich eher zurück, Er ist Stammgast bei seinem Lieblingsitaliener „Sorrentino“, da er um die Ecke wohnt; dort verabredet er sich gerne für Interviews und gutes Essen. „Weil ich die französische Küche verachte. Zu schwer, zu fett. Ich trinke auch keinen Wein. Lieber Wasser, Tee, Champagner.“

Exzessive Besäufnisse kann er sich bei seinem großen Arbeitsoutput für Buch, Film, Fernsehen und Comic auch nicht leisten. Er ist höchst diszipliniert, steht jeden Morgen um 4.00Uhr auf und unterbricht die Tagesarbeit lediglich für zwei Nickerchen. „Mein Lebenszweck ist Bücher zu schreiben, dem widme ich 80 Prozent meiner Zeit. Den Rest verbringe ich mit meinen beiden Kindern und spiele Piano.

Ein Pensum, wie er es in den letzten zwanzig Jahren abgeliefert hat, ist eben nur mit harter Selbstdisziplin durchzuziehen. „Ich schreibe jeden Tag, nur nicht in der Woche, in der ich Ski fahre. Ich beginne um 4 Uhr morgens, bis 8 Uhr. Dann gehe ich wieder schlafen und greife zwischen 10 und 13 Uhr wieder an. Dann ein Nickerchen und weiter geht´s von 16 Uhr bis zum Abend.“ Dabei hört er gerne Arien aus „Tosca“ und „La Bohème“. „Da kann ich mich herrlich konzentrieren.“

Auch wenn er gelegentlich Cop-Romane oder Thriller mit esoterischen Einschlag schreibt, haben Grangés Romane immer eine politische Dimension. Da kommt der investigative Reisejournalist durch, der viel Leid gesehen hat und zwangsläufig gesellschaftliche Strukturen abbilden musste.

Er beginnt den Romanprozess mit einem besonderen Ereignis, oder einer Idee, denen ein besonderer Sachverhalt zu Grunde liegt. Dann arbeitet er die Handlung bis hin zum Finale aus. Dieses Ereignis oder eine auffällige Besonderheit kann im Roman auch erst am Ende stehen. Wie Mickey Spillane beginnt Grangé häufig den Schreibvorgang mit dem Ende.

Die deutschen Hörbücher sind zwar meistens bestechend produziert, aber so inkompetent gekürzt, dass oft die Handlung nicht mehr nachvollziehbar ist.

„Eine familiäre Hintergrundgeschichte gibt es mehr oder weniger immer in meinen Büchern. Mein Cop oder mein Held ist immer eine Art mythologischer Held, es ist immer Michael gegen den Drachen und der Böse. Ich mag es ein bisschen mythisch zu sein, diesen Odysseus-Typ, der seine Identität sucht, der von Insel zu Insel wandert Ich mag die Idee, dass die Morde an die antiken Mythen des Mittelmeers erinnern. Ich liebe diese Seite, die gleichzeitig primitiv und immer aktuell ist.

Mit Ausnahme von PURPURNE RACHE und SCHWARZES REQUIEM benutzte er nie dasselbe Personal, schuf nie eine Serienfigur. „Was ich mag, ist das Schreiben neuer Geschichten mit neuen Charakteren. Ich kam nie auf die Idee Kriminalromane zu schreiben, deren Held immer derselbe ist. Das interessiert mich nicht. Was ich jedoch sehr mag, ist jedes Mal neue Charaktere zu inszenieren.“

Die Erwartungshaltung des Publikums zu unterlaufen, ist fast zu seinem Markenzeichen geworden und schmälert seinen Erfolg selten. „Ich will nicht wissen oder versuchen zu erraten, was die Öffentlichkeit mögen wird, denn dann ist es keine Literatur mehr, es ist Werbung.
Das hatte mich während des Schreibens des STEINERNE KREIS durch den Erfolg des vorherigen Romans wirklich peinlich berührt. Es gab etwas, das mich unterdrückt hat. Mit jedem Wort, das ich schrieb, fragte ich mich, ob es all denen gefallen würde, die PURPURNE FLÜSSE geliebt hatten. Und das ist sehr schlecht: Ich hatte nicht die natürliche Spontaneität, die notwendig ist, wenn Sie ein Buch schreiben. Die andere Sache ist, dass es ein Buch ist, das mit dem Fantastischen flirtet. Persönlich störte es mich überhaupt nicht, wieder wegen des Kinos. Im Film gehen wir sehr leicht ins Fantastische und es gibt im Kino total abwegige Dinge, die jeder akzeptiert. Aber ich erkannte, dass auf dem Gebiet des Kriminalromans, die Leser tatsächlich nach einem rationalen Universum suchen. Im Allgemeinen suchen sie das Gegenteil von dem, was ich im KREIS getan habe, das heißt, dass sie zuerst unwahrscheinliche Dinge suchen, die rational erklärt werden. Und ich begann mit einer klassischen Polizei-Intrige, die in etwas völlig Irrationalem explodierte.“

Erfolg, Routine und Erfahrung führen zu einer gewissen Selbstsicherheit im Schreibprozess.
“Wichtig ist die Erfahrung, das Know-how. Der Moment der Wahrheit war das Schreiben des zweiten Romans. Ich war sehr nervös und hatte Angst, die PURPURNEN FLÜSSE zu schreiben, also brauchte ich viel Zeit dafür. Heute habe ich weniger Zweifel beim Schreiben. Früher brauchte ich doppelt so lange. Ich habe die Kapitel bis zu 15 Mal überarbeitet. Dass passiert seltener. Seit IMPERIUM DER WÖLFE bin ich selbstsicherer.“

Könnte es sein, dass er den Thriller aufgibt und sich vielleicht anderen Literaturen zuwendet?
„Wenn ich mein bisheriges Werk betrachte, scheint mir klar, dass ich immer Thriller schreiben werde. Was ich seit DAS SCHWARZE BLUT aber versuche, ist das Spektrum zu erweitern, die Genre-Grenzen auszudehnen. Mehr Psychologie, mehr Familiengeschichte und durchaus auch mal mehr Spiritualität. Wenn man über Mord und Verbrechen schreibt, über existenzielles, dann erscheint alles andere lächerlich und banal. Also, nein, für mich wird die Intrige immer der zentrale Kern sein: Warum haben Menschen getötet? Wer wurde getötet? Wie? Warum dieser Ausfluss des Bösen? Das ist wirklich der Kern meiner Themen, das ist genau, worüber ich schreiben will.“

In seinem wunderbaren Grangé-Portrait im „Buchjournal“ http://www.buchjournal.de/109039/ berichtet Hans Schloemer:

Die Ursache des Bösen zu erforschen, das sei es, was ihn im tiefsten Grunde antreibe. „Nehmen wir den Trieb des Mörders – absolut vergleichbar mit dem Sexualtrieb!“ Grangé nippt genüsslich an seinem Champagner. „Wenn es so weit ist, haben wir Männer doch nur noch schwarze Tinte im Kopf. Dann wollen wir nur das eine. Im Moment höchster Erregung ist von Menschlichkeit nichts mehr zu spüren. Serienmörder ersetzen die Libido durch die Lust am Morden. Als ich das Schreiben entdeckte, war mir von Anfang an klar, dass die Angst mein Thema sein wird. Der Akt des Schreibens als Sublimierung, Sie verstehen? Schreiben hilft, über Ängste hinwegzukommen.

Kein Mitgefühl mit den Charakteren?
„Nein, ich tendiere dazu, schnell über den Aspekt Leiden und Mitgefühl hinwegzugehen. Mich interessieren die Rituale, Mord ist eine abstrakte Kunst. Ich kann mir gut vorstellen, was da passiert. Sind alle Hemmungen gefallen, entwickelt sich die Tat von allein. Ich will den Leser schockieren, damit er die Spirale des Bösen erkennt. Was ich schreibe ist auch in der Tradition des Feuilleton-Romans à la Eugene Sue. Jedes Kapitel gibt eine Antwort auf eine Frage, aber diese Antwort erzeugt eine neue Frage. Es ist eine Maschine, die ständig Überraschungen produziert.“

Schreiben ist Lebensinhalt. „Schreiben ist wie eine Katharsis. Ich verwandle meine Neurosen in Intrigen. 2007 hatte ich eine Depression, ich begann eine Analyse. Ich hatte Angst, dass sie mich von meinen Ängsten befreien würde. Aber das tut sie nicht.

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Von solchen Literatursendungen kann man bei uns nicht mal träumen.