Martin Compart


THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: ADAM HALLs QUILLER by Martin Compart


Adam Halls Quiller-Serie war trotz allen Erfolges nie eine Bestseller-Serie. Seit ihrem Beginn 1965 hat sie bis heute den Status eines Geheimtipps und eine extreme Fangemeinde, zu der viele Autoren gehören. Sie ist so ungewöhnlich und einzigartig im Genres des Agenten-Thrillers, dass Eric Van Lustbader über sie sagte: „When it comes to espionage fiction, Adam Hall has no peer.“

Adam Hall (Pseudonym für Elleston Trevor, 1920-1995) war und ist der wahrscheinlich “schnellste” Autor des Thrillers. Kein anderer geht ein so unglaubliches Tempo wie Adam Hall. Und dabei zerdehnt er gelegentlich die Zeit so exzessiv, dass ein Vorgang von wenigen Minuten über ein ganzes Kapitel sekundiös gestreckt wird. Der Kampf im Aufzug in THE WARSAW DOCUMENT zieht sich im Original über sechs Seiten. Dieses Zerdehnen der Zeit als Stilelement des Thrillers hatte zuvor schon Ian Fleming genutzt in der schweißtreibenden Szene mit dem giftigen Tausendfüßler in DR.NO. Hall hat dieses Stilelement „Tempo durch Verlangsamung“ perfektioniert, wie Sam Peckinpah einst die Anwendung der Zeitlupe.

Was Halls kurze Romane stilistisch so modern macht, ist seine radikale Schnittechnik, die den Leser durch die Seiten jagt. Manche Romane beginnen scheinbar gemächlich, nehmen dann aber abrupt Tempo auf. Andere machen Tempo von der ersten Seite an, springen durch jump-cuts zwischen Orten, Bewusstsein und Kapiteln.
Angesichts der konservativ erzählten Thriller-Literatur der Gegenwart (immer dicker, langweiliger und redundanter) ist Adam Hall immer noch Avantgarde.

Obwohl die Romane genau recherchiert sind, vermied es Adam Hall die Handlungsorte aufzusuchen. Er war der Meinung, eine zu genaue Kenntnis der Schauplätze würde seine Einbildungskraft eingrenzen: „This sounds very perverse, but it is somehow that the country or area has a magic, a mystery for me that maybe came through in my writing, which doesn’t always happen if I’ve actually been there. I hadn’t been to Germany when I wrote The Quiller Memorandum. I hadn’t been to Hong Kong when I wrote The Mandarin Cypher. But I wrote to the Hong Kong police to ask for a traffic ticket, because in this book Quiller has been parking illegally, and he has a traffic ticket on the windshield, and I wanted the exact and precise wording. As I grew up and travelled more, there became fewer and fewer places where I hadn’t been, so I had to set Quiller in places I’d already visited. The first time I did it was when I lived in France; I set a new Quiller novel in the south of France and after a third of the way through I knew it wasn’t working. I had to pack it in and start fresh somewhere else, because I knew the territory too well.“

Quiller kennt alle physisch-chemischen Reaktionen seines Organismus und lässt die Leser daran teilhaben. Das vermittelt den Eindruck, der Agent sei tatsächlich zu all dem befähigt, was man ihn an Höchstleistungen abverlangt. Wie er seine körperlichen Prozesse reflektiert, so objektiviert Quiller seine Emotionen. Der Leser scheint ihn zu kennen, weiß wie er funktioniert, obwohl er nichts über seine Vergangenheit erfährt, nichts außerhalb der aufgezeichneten Einsätze. Der ultimative Thriller-Heros, dessen Existenz mit der ersten Buchseite beginnt und mit der letzten endet – bis zum nächsten Mal. Man könnte Hall als Erfinder des „psycho-biologischen-Technothriller“ bezeichnen (besonders in den ersten Romanen zeigt sich Hall durch seine genauen Darstellungen technischer Werkzeuge als ein Vorläufer des Techno-Thrillers). Quiller ist der kybernetische Geheimagent mit kompletter Kontrolle über seine bio-chemischen Steuerelemente. Interessanterweise verbindet der langjährige Shotokan (seit 1984 Schwarzgurt)- und Aikido-Kampfsportler dies mit Erfahrungen des Zen-Buddhismus.


Ab 1943 schrieb Elleston Trevor (geboren als Trevor Dudley Smith) mindestens einen Roman im Jahr, neben Theaterstücken oder Kinderbüchern. In den 1950er Jahren war sein Ausstoß so hoch, dass er unter sechs Pseudonymen publizierte. Er konnte jedes Genre bedienen: historische Romane, Phantastik, Kriegsbücher oder Detektiv- und Abenteuerromane.

1965 gelang er versehentlich in einen Zwei-Buch-Vertrag mit einem anderen Verlag neben seinem Stammverlag. So entstand der erste Quiller-Roman THE BERLIN MEMORANDUM:

„In 1963 I’d written a book called The Volcanoes of San Domingo. I did not like this book, so I told my London publisher I did not want to send it to him. I sent it to a different publisher under the pseudonym of Jack Tango (it was sort of for a giggle). I did not respect this book, but my first publisher said, ‘Hey, let me have a book anyway, we’re under a contract.’ I said, ‘All right, you’ll get it.’ And the book I wrote for him instead of this bad one was The Flight of the Phoenix. That made him happy. Meanwhile, I got a letter from another publisher who wrote, ‘Dear Mr. Tango, who are you really? We loved your book and we’d love to publish it.’ So I did a two-book contract with them. I had a second book to write for them and did not know what to write. At about that time John le Carré brought out The Spy Who Came In From the Cold, and that was making an impression. I did not read it, but I read the reviews, and I thought, ‘Here’s a man who is really doing a different kind of job for spies. Let’s write a real spy novel, not James Bond, but the real thing. So I thought up The Quiller Memorandum. And I had to do it under a pseudonym, because I was with that other publisher.“

Ein prägender Einfluss für die Serie, die nach der Veröffentlichung des BERLIN MEMORANDUM noch nicht geplant war, dürfte auch Geoffrey Households ROGUE MALE gewesen sein.

Adam Hall schuf eine Synthese aus professionellen Superagenten à la 007 und der zynischen Welt- und Institutionsbetrachtung von Len Deighton oder John Le Carré (ähnlich wie auch James Munro alias James Mitchell zur selben Zeit). Damit rettete er in den 1960ern den Superagenten, der in Lächerlichkeit untergehen zu drohte und ebnete den Weg für Nachfolger wie Jason Bourne oder Eric Van Lustbaders Agenten (die im Vergleich mit Quiller geradezu harmlos sind).

Quiller ist ein paranoider Einzelgänger („Ich hatte bloß wieder einen Anfall von Paranoia.“), der seinen Vorgesetzten fast genauso wenig traut wie seinen Feinden. Damit hat er sich abgefunden und akzeptierte sogar ihren Versuch, ihn zu liquidieren. Sowas kommt eben vor, wenn man für das ultrageheime „Büro“ arbeitet, das nur dem Premierminister gegenüber Rechenschaft abliefert – wenn überhaupt.

Warum er trotzdem für das „Büro“ weiter arbeitet?

Weil er ein Psycho ist, der dieses Leben auf der Überholspur, immer vom Tode bedroht, braucht und liebt. Er liebt die dazugehörige Isolation, die ihm ermöglicht, im Dienste einer „höheren Sache“ seinen soziopathischen Neigungen nachzugehen. Seine Kamikaze-Einsätze sieht er nie ideologisch: „Ideologie ist nicht genug. Sie nützt nur als Verblendung.“ Er sieht sich als Profi mit den richtigen Fähigkeiten. Eine hochgezüchtete Maschine, die nur im Einsatz rund läuft. Sein Privatleben dürfte noch elender und unbefriedigender sein als das von Bond. Die Welt, die er liebt und lebt, sieht so aus: „Sein dünner Körper war gekrümmt, als wäre er in einem bitterkalten Wind geboren worden und hätte nie Schutz davor gefunden, ja, überhaupt nie Schutz gesucht, weil er wußte, daß es keinen gab.“

Als Professional bewundert Quiller sogar seine Gegner, etwa den Killer Kuo in THE 9th DIRECTIVE oder die Terroristen in THE KOBRA MANIFESTO, während er die naiven polnischen Patrioten in THE WARSAW DOCUMENT verachtet. Auch da ist er völlig frei von Ideologie.

Und dann sieht sich Quiller auch noch als Feminist: Das einzige Mal, das er aus persönlichen Gründen getötet hat, war zwischen zwei Missionen, um eine tote Frau zu rächen. Als Alleinerbe setzt er vor jedem Einsatz ein Frauenhaus ein!

Das „Büro“ ist mindestens so paranoid wie Quiller und handelt nach der Devise: Lass den Feldagenten nur so wenig wie möglich und so viel wie nötig über die Mission wissen. Oft wird Quiller als menschliche Zielscheibe eingesetzt und missbraucht, um vermeintliche Gegner aus ihren Höhlen zu locken. Die Führungsoffiziere und Vorgesetzten in London oder im Feld sind keine netten Old-School-Boys oder M ähnliche Vaterfiguren. Es sind rücksichtslose Mistkerle, die sogar eine echte Antipathie gegenüber ihrem Feldagenten entwickeln (besonders Parkis in den frühen Missionen).

Die politischen Hintergründe (meistens der Kalte Krieg) sind aus einer anderen Epoche, was letztlich nichts an den Strukturen und Methoden der Macht und ihres Missbrauchs ändert. In den frühen Romanen findet man Passagen mit dem üblichen, der Zeit geschuldeten, britischen Chauvinismus, ähnlich dem Flemings. Das ändert nichts an der Sogwirkung von Halls Erzählungen und der Qualität der Quiller-Romane, die sich so frisch lesen, als wären sie gerade geschrieben. Immer wird der Leser mit dem ersten Satz direkt in die Handlung gesaugt. Und wenn Hall dich gepackt hat, lässt er nicht mehr los.

Der Autor liefert gerne bizarre Informationen. In THE STRIKER PORTFOLIO zum Beispiel, dass man politische Gefangene in der DDR Kaviar reichte, denn die höchst salzigen Störeier beschleunigen die Dehydrierung.

Aus dem ersten Quiller-Roman wurde ein Film mit George Segal, Alec Guiness und Senta Berger nach einem Drehbuch von Harold Pinter. Trevor fand den Film schlecht (und das ist er auch). Ähnliches gilt für die TV-Serie, die er so kommentierte: „I think that had better be summed up by saying that I called my lawyer in London and said, ‚Can I sue the BBC?‘ Dabei bieten sich die Quiller-Romane durch ihren extrem visuellen Stil für eine audiovisuelle Adaption geradezu an! Seit den 1990er Jahren wird regelmäßig ein neuer Quiller-Film angekündigt. Mal mit Sam Neil, mal mit John Travolta (beide natürlich zu alt inzwischen), Pierce Brosnan. Durch den Erfolg der Jason Bourne-Filme wurde Quiller eine Weile heiß gehandelt. Es ergeht ihm wie Flashman: Dauernd werden die Rechte gehandelt und Produktionen angekündet und nie kommt etwas dabei raus.

Makabres Trivia: Im Hotelzimmer des Martin Luther King-Mörders Eric Starvo Galt fand man eine Taschenbuchausgabe von THE 9th DIRECTIVE, in dem Adam Hall vor Frederick Forsyths DAY OF THE JACKAL einen politischen Mordanschlag (in Bangkok) schildert.

Zu den deutschen Ausgaben
: Leider fielen die deutschen Veröffentlichungen in die übelste Zeit der Ullstein-Krimi-Reihe: nämlich in die Phase, in der jedes Buch eher mehr als weniger gekürzt wurde. Trotzdem geben sie einen angemessenen Eindruck.
Als ich zu Bastei-Lübbe wechselte, plante ich eine Gesamtausgabe mit ungekürzten Neuübersetzungen und Erstausgaben, die nach meinem Weggang nur noch kurz fortgeführt wurde. Die ersten sechs Titel sind ungekürzte Neuübersetzungen oder deutsche Erstausgaben, bei TUNESISCHER TANGO hat Bastei-Lübbe die alte Ullstein-Übersetzung verwendet

Was soll ich lesen?
Bei jeder Serie gibt es Titel, die einem besser gefallen. Das kann die unterschiedlichsten Gründe haben (u.a. höchst subjektive wie Stimmung und Umgebung bei der Lektüre). Die Quiller-Serie muss man nicht chronologisch lesen. Der Adam Hall-Experte Jeremy Duns, selbst ein bekannter Polit-Thriller Autor und einer der besten Kenner des Genres, nennt THE TANGO BRIEFING und THE 9th DIRECTIVE als Lieblingstitel. Dem kann ich mich voll und ganz anschließen, aber ich möchte noch ein paar nennen: THE SCORPION SIGNAL hat die wahnwitzigste Autojagd, der ich je auf Papier gefolgt bin. QUILLER´S RUN ist mein Favorit als Asien-Thriller (auf demselben hohen Level wie Trevanian oder Flemings YOU ONLY LIVE TWICE). Und THE BERLIN MEMORANDUM funktioniert nicht nur als Thriller; er fasziniert heute auch als irrwitziges Zeitdokument. Und QUILLER SALAMANDER ist ebenfalls ein großartiger Südostasien-Thriller, in dem Quiller ein erneutes Erstarken des Roten Kmehr verhindern soll.


1965 The Berlin Memorandum
dt. Das Berlin-Memorandum. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1989,.

1966 The 9th Directive
dt. Der 9. Befehl. Universitas, Berlin 1967.Ullstein, Bastei Lübbe, 1989.

1968 The Striker Portfolio

1971 The Warsaw Document

1973 The Tango Briefing
dt. Himmelfahrtstango. Ullstein, Frankfurt/M. 1974, Tunesischer Tango, Bastei Lübbe, 1992.

1975 The Mandarin Cypher
dt. 555 ruft Mandarin. Ullstein, Frankfurt/M. 1975.

1976 The Kobra Manifesto
dt. Das Kobra-Manifest. Ullstein, Frankfurt/M. 1976, Bastei Lübbe, 1991.

1978 The Sinkiang Executive
dt. Mission in Sinkiang. Ullstein, Frankfurt/M. 1979,

1979 The Scorpion Signal

1981 The Pekin Target (US-Titel The Peking Target, 1982).

1985 Northlight (US-Titel: Quiller).
dt. Nordlicht. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1986

1988 Quiller’s Run                                                                                                                              dt. Quiller steigt aus. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1989,

1989 Quiller KGB
dt. Unternehmen Gorbatschow. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1990,

1990 Quiller Barracuda
dt. Barracuda. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1991

1991 Quiller Bamboo

1992 Quiller Solitaire

1993 Quiller Meridian

1994 Quiller Salamander

1996 Quiller Balalaika

P.S.: Von Quillers eindrucksvollen Antagonisten war mir Oberst Cho aus QUILLER´S RUN einer der liebsten. Nachdem ich die Übersetzung redigiert hatte, sagte ich Elleston Trevor, wie bedauerlich es doch sei, dass ein Gegenspieler mit dieser Potenz umgebracht worden sei. Darauf erwiderte er: „Bist du sicher, dass Cho tot ist?“ Quiller war neben anderen (natürlich McGill) ein mir völlig bewusster Einfluss, als ich SODOM KONTRAKT und LUCIFER CONNECTION schrieb. Besonders was die Entwicklung von Druck und Tempo anging, versuchte ich mir ein paar Tricks bei Adam Hall abzuschauen.

http://www.quiller.net/

http://www.jeremy-duns.com/search?q=quiller

 

https://www.amazon.de/Martin-Compart/e/B00457QT0Y/ref=sr_ntt_srch_lnk_1?qid=1502453210&sr=1-1

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THRILLER, DIE MAN LESEN SOLLTE: ROBERT FERRIGNO by Martin Compart


Obwohl seine Romane in 18 Sprachen übersetzt wurden, hat es Robert Ferrigno nie in die erste Liga der internationalen Bestsellerautoren geschafft, Dabei hat man ihn bei seinem Debüt 1990 mit THE HORSE LATITUDES (ROSSTIEFEN) immer mal wieder als „the next big thing“ vermutet. Seitdem schrieb er wohl 12 Romane, die nicht den prognostizierten Bestsellererfolg hatten. Seit ein paar Jahren ist er diesem Ziel näher gekommen, indem er sich vom Noir-Thriller abgewendet hat und eine Serie schreibt, die in der nahen Zukunft angesiedelt ist, in der die USA ein islamisches Land geworden sind. Vergleichbar eher mit Robert Harris´ VATERLAND oder Len Deightons SSGB, als mit Parallelwelten der Science Fiction. Der erste Roman ist auch auf deutsch erschienen; von seinen Thrillern leider nur die ersten sechs (bei Knaur und Goldmann).

Ferrigno hat ein merkwürdiges Problem mit Nachhaltigkeit: Bei der Lektüre seiner Noir-Thriller amüsiert man sich glänzend, empfindet ihn häufig in derselben Klasse wie Elmore Leonard oder Carl Hiaasen. Aber kaum hat man das Buch weggelegt, platzt die Erinnerung daran wie eine Seifenblase und selbst sein beeindruckendes Personal an bösen Buben entschwindet. Unverständlich, da er tolle Dialoge schreibt, wahnwitzige Figuren erfindet und originelle Plots entwickelt. Wiederholt entgleitet ihm die Struktur und dann geraten die Bücher aus dem Tritt, können das Tempo nicht mehr halten. Die Choreographie stimmt nicht mehr. Das klingt  ziemlich hart. Aber ich würde mir wohl nicht die Mühe machen, Ferrigno hier zu behandeln, wenn das Vergnügen an seinen Romanen nicht die Mängel übertreffen würde. Lassen Sie sich also bei aller hier geäußerten Kritik nicht von der Lektüre abhalten.

Seine schwächeren Romanen erinnern an Filme von Quentin Tarantino: Intelligentes Spiel mit Genres-Topoi, blendende Dialoge und Charaktere, aber ohne berührende Tiefe.

Ferrigno hat auch seinen eigenen Kosmos entwickelt: Mehrere Personen gehören zum Team des SLAP-Magazins, die Polizistin Jane Holt usw. Dem regelmäßigen Leser bereitet es Vergnügen, wenn er diese Selbstreferenz erkennt.

Seine Helden sind keine crime fighter. Sie stehen immer etwas außerhalb der Gesellschaft – auch als Journalisten – und folgen ihren eigenen Regeln, sind somit typische Noir-Protagonisten. Als „Talentierte Outsider“, beschreibt sie Ferrigno. Seine „Story-Maschine“ wird meist dadurch angeworfen, dass sie eine moralische Entscheidung treffen müssen, die dann zu ungeahnten Situationen führt, die alles schlimmer machen.

Sein Stil ist sehr filmisch. Die einzelnen Szenen könnten problemlos zum Drehbuch aufgelöst werden (fast alle Romane wurden – einige mehrfach – von Hollywood optioniert, aber bisher keiner verfilmt). “ I think and write very visually. Thinking cinematically, thinking in terms of dialogue and movement, is an advantage. It allows me to lie in bed with my eyes closed and „play“ different chapters in my head as scenes, reshooting them from different angles and points of view until I get it right. Then I can get up and go to the keyboard with certain problems solved. It’s mental storyboarding and keeps things fast and true. If it doesn’t look right, it’s not going to read right. An extra advantage is that I can reassure my wife that I am still working, even when horizontal.“

Er arbeitet etwa ein Jahr an einem Buch, dabei die letzten Monate täglich bis zu 14 Stunden. Es ist eben mühevoll, etwas leicht aussehen zu lassen, Der Umfang seiner eher schmalen Thriller unterscheidet sich wohltuend von den Volumen redundanter Langweiler wie Don Winslow, Adrian McKinty oder Dennis Lehane (den Ferrigno als einen seiner Lieblingsautoren nennt) mit ihrer kleinbürgerlich-feuilletonistischen Entrüstung und „seht-her:- mehr-als-ein-Krimi-Attitüde“. Bei der Arbeit hört er Musik – von Puccini über Brian Eno bis Tammy Wynette. Ein breitgefächerter Musik-Geschmack für den ehemaligen Begründer eines Punk-Rock-Magazins, “ I use more of a story-board – as in film making… . I usually follow a promising lead or plot development even if it’s not in the outline… Most of the bad guys in my books start out as stock characters and then take on a life of their own… . I trust my unconscious more than my conscious any day.“

Robert Ferrigno wurde 1947 in eine italienisch stämmige Familie in Fort Lauderdale geboren. „We were a highly dramatic family who discussed politics and current events at every meal. Intellectual courage was highly praised and individuality encouraged, the greatest gifts any parent can give a child.“ Die Erfahrungen der Sixties prägten sein politisches Bewusstsein. „Ich hasse alle Politiker. Aber am meisten diem die ihre Freundinnen oder Dates ertrinken lassen.“ Eine Anspielung auf Ted Kennedys „Zwischenfall“ von Chappaquidick, bei dem der junge Senator zusammen mit Mary Jo Koppechne im Auto in den Fluss stürzte. Während der wohl schlagartig nüchterne Politiker sich aus dem Wagen befreien konnte und an die Wasseroberfläche schwamm, ließ er seine Begleiterin ersaufen. Wie man sich nach Ferrigno in einer solchen Situation zu verhalten hat, beschreibt er im 2.Kapitel von DEAD SILENT.

Er studierte u.a. Philosophie und Film und unterrichtete dann eineinhalb Jahre am College. Gelangweilt gab er seine akademische Karriere auf und wurde für fünf Jahre professioneller Poker-Spieler. Dann gründete er das Punk-Rock-Magazin THE ROCKET und landete schließlich als Feature-Schreiber bei einer kalifornischen Zeitung, „Hier interviewte ich oder schrieb ich über Leute, die später meine Romane bevölkerten.“ Er interviewte auch Elmore Leonard, mit dem er verbunden blieb, und der ihm für sein erstes Buch eine großartige Empfehlung (blurb) schrieb.

Ferrigno begann seinen ersten Roman zu schreiben, als seine Frau während ihrer Schwangerschaft ernsthaft erkrankte. „Sie war todkrank und ich lenkte mich zeitweilig mit dem Schreiben ab. Ich schrieb das Buch, das ich seit 15 Jahren im Kopf hatte.“ Zwei Monate nachdem er bei der Zeitung gekündigt hatte, fand er einen Agenten, der das halbfertige Manuskript neun Verlagen präsentierte; alle machten ein Angebot. William Morrow erhielt den Zuschlag, denn Ferrigno brauchte dringend den höchst möglichen Vorschuss: „.My family was very passionate, very angry – my dad at sixty years old finally snapped and shot a man in the face with a .357 magnum. I used part of my advance for The Horse Latitudes to hire a good attorney and he beat the rap.“

Das wäre kein schlechter Anfang für einen Ferrigno-Thriller.



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: Thomas Giffords „THE WIND CHILL FACTOR“ by Martin Compart
2. Mai 2017, 5:49 pm
Filed under: Krimis,die man gelesen haben sollte, Nazi, Thomas Gifford, thriller | Schlagwörter: , ,

I am not I;
he is not he;
they are not they.

„Everything I believe in has been proven a lie, everything I had ever looked to as an anchor in my life. Nothing is what it seemed. There’s just nothing left.“

Thomas Gifford (1937-2000) ist ein völlig zu Unrecht vergessener Thriller-Autor, der jahrzehntelang Bestseller und hochkarätige Potboiler ablieferte. Thematisch war dieser Kenner des Genres weit gefächert (von Noir-, wie KISS ME ONCE oder KOMPLOTT, bis hin zu Vatikan-Thrillern, wie ASSASINI, und natürlich Conspiracy-Romanen, wie AQUILA). Es ist eine Schande: in den meisten Nachschlagewerken des Genres sucht man seinen Namen vergebens. Dabei sind seine Thriller meist höchst originell, gut geplottet, mit sprachlichen Feingefühl geschrieben und voller glaubwürdiger Charaktere. Ein neu zu entdeckender Meister des Thrillers, der es auf die Bestsellerlisten schaffte, aber selten ins Feuilleton.

Sein vielleicht bester Thriller (und das unabhängige Sequal) wurde bei uns nicht veröffentlicht. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hatte der Bastei-Lübbe-Verlag Probleme mit den Themen: Nazis und das vierte Reich (im Sequal die wahren Hintergründe der Wiedervereinigung). Ansonsten verkauften sich seine Thriller bis in die Nullerjahre auch bei uns Auflage für Auflage. Gifford war lange ein Aushängeschild des Verlages im Spannungsfeld. Um so ärgerlicher, dass der Verlag sein Meisterwerk ausgelassen hat. Aber vielleicht ist das hier ein Tipp für einen Kleinverlag.

Spätestens seit Forsyths AKTE ODESSA sind die Nazis und ihre weiteren Bestrebungen nach Ende des 3.Reichs ein beliebter Thriller-Topos. Besonders in den 1970ern kam kaum ein namhafter Autor an ihnen vorbei. Etwa Ira Levin mit dem wunderbaren BOYS FROM BRAZIL, 1976.

Einer der besten – vielleicht sogar der beste – ist Giffords THE WIND CHILL FACTOR, 1974.

Der angehende Schriftsteller John Cooper erholt sich von einer Scheidung , als ihn ein kryptisches Telegramm seines Bruders erreicht: „URGENT YOU MEET ME COOPER’S FALLS 20 JANUARY. DROP EVERYTHING. FAMILY TREE NEEDS ATTENTION. CHEERS OLD BOY. CYRIL.“ Sofort macht er sich auf in seine Heimatstadt in Minnesota. Er findet seinen Bruder tot und einen Familienstammbaum mit Nazi-Sympathisanten. Mysteriöse Bekannte der Familie sind da, um ihn zu unterstützen, aber Cooper fühlt sich eher belagert. Er will wissen, was sein Bruder über die Vergangenheit seiner Familie herausgefunden hat und beschließt, dessen Spuren zu folgen. Eine Recherche rund um die Welt beginnt: von Buenos Aires über Glasgow und London bis München. Und dabei wird es immer wilder und heftiger!

Das klingt alles nach einer Klischeegeschichte. Aber tiefer möchte ich nicht gehen, um das Lesevergnügen nicht zu beeinträchtigen. Tatsächlich ist es auch nicht die übliche Geschichte um untergetauchte Nazis, die auf eine zweite Chance warten. Gifford legte alles viel perfider an und es ist erstaunlich, auf welch hohem Niveau er seinen Erstling verfasst hat.
Für Giffords Nazis ist der Untergang des 3.Reiches lediglich ein Boxenstop, nicht weiter tragisch. Problematischer ist die Rivalität zwischen Alt- und Jungnazis. Aber insgesamt sind weltweite Allianzen geschlossen und Regierungs- und Konzernzentralen mit Interessenvertretern besetzt. Allianzen zwischen Wirtschaft und Nazis oder Faschisten sind eher Tradition als Ausnahme, Letztere immer für ein investitionsfreundliches Klima sorgen. Das Buch hat irgendwie an Aktualität gewonnen und liest sich noch immer äußerst spannend. Wer mit der Lektüre beginnt, sollte eine schlaflose Nacht einplanen.

Gifford war ein antiklerikaler amerikanischer Nestbeschmutzer, dessen Romane mir große Freude bereitet haben. Mal mehr, mal weniger (was ja auch höufig von der eigenen Stimmungslage abhängig ist). Sicherlich sind einige etwas redundant und man könnte einige Szenen wegkürzen. Aber den Test der Zeit bestehen sie erstaunlich gut. Sein literarisches Talent ist eben zeitloser als manches Sujet. Ein großer unbeachteter Autor, der auch in den USA noch auf seine Anerkennung wartet. Dabei steht er ungleich anerkannteren Zeitgenossen aus dem Thriller-Genre, wie etwa Robert Ludlum, in nichts nach, ist ihnen an Vielseitigkeit und literarischen Fähigkeiten meist überlegen.

In den großen Lexika zum Genre findet man nichts über ihn – mit der Ausnahme des ST.JAMES GUIDE TO CRIME & MYSTERY WRITERS. Und für Morrell & Wagners THRILLERS: 100 MUST READS ist es ein Armutszeugnis, das kein Titel von Gifford verzeichnet ist. Aber dort fehlt auch u.a. John F.Case.
Immerhin schrieb der ARMCHAIR DETECTIVE 1974:

„You may think you are tired of books that discover left-over Nazis behind every hedge, but this i a very superior specimen of the breed: uncomfortably plausible, with credible characterization, a good sense of atmosühere and timing, and solid plotting.“



Klassiker des Polit-Thrillers: Stephen Becker by Martin Compart

DER LETZTE MANDARIN

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Der Winter 1948 ist hart in Peking. Die Menschen erfrieren und verhungern und die Stadt ist von Maos Truppen eingeschlossen. Man erwartet den Todesstoß der Kommunisten („Es wird mehr und bessere ärztliche Versorgung geben, und vieles, was die soziale Seele freut“). Seit Jahrzehnten leidet das Reich der Mitte unter Warlords, Bürgerkrieg, japanischer Vergewaltigung und erneuten Bürgerkrieg. Alle Hoffnungen und Hoffnungslosigkeiten bestimmen das Bewusstsein in Peking. „Die Reichen schmieden Pläne zur Flucht. Aber wohin?…die, die zu arm waren, konnten sich nicht mal Aberglauben leisten.“

In dieser Situation wird der ehemalige Guerilla-Kämpfer und Ex-Major der US-Armee Jack Burnham in die umzingelte Stadt eingeflogen. Seine Aufgabe: er soll den japanischen Kriegsverbrecher Major Kanamori aufspüren und der Hinrichtung übergeben. Die Gräueltaten, die Kanamori von 1938 bis 1945 in China begangen hat, sind ungeheuerlich. Er war einer der Schlächter Nankins, wo sich die Wege mit Burnham gekreuzt hatten.

Aber warum ausgerechnet Kanamori?
Es gibt Tausende von Kriegsverbrechern wie ihn…

Burnham taucht in diese fremde Welt, die er so liebt, ein und durchforscht sie auf jeder exotischen Ebene („Nicht zu wissen, wer was wie´- das ist die wahre Unwissenheit„). Seine Suche in Peking wird durch Rückblenden unterbrochen, die den japanischen Plünderungszug durch China und Kanamoris Abscheulichkeiten und Leben im Dienst der aufgehenden Sonne schildern.

Burnham ist einer der typischen Becker-Helden: Antiautoritär und von Asien „korrumpiert“. „Wer von Schmeicheleien leben will“ zitierte Burnham kühl, „muss härter schuften als ein Bauer.“

Der Umbruch in China war bereits Thema von Beckers beiden ersten Romane, THE SEASON OF THE STRANGER, 1951, und SHANGHAI INCIDENT, 1955, sein erster Thriller, für den er einmalig das Pseudonym Steve Dodge verwendete und der in der legendären Gold Medal-Reihe erschien (siehe dazu Gary Lovisis Text http://www.mysteryfile.com/Becker/Becker.html ).beckerb1

2006 war eine Verfilmung non THE LAST MANDARIN in Planung. Regie sollte Andreij Konchalovsky führen und Burnham von Alec Baldwin gespielt werden. Der Titel des 15-Millionen-Dollar-Projekts, das bisher nicht weiter verfolgt wurde, war THE FORBIDDEN CITY.

Wer dieses Buch liest, wird es nie mehr vergessen. Es ist Thriller, exotischer Abenteuerroman, philosophische Betrachtung, zynische Welterklärung und grauenhafter Kriegsroman in einem. Und vor allem ist es Weltliteratur. In einigen Jahren wird man vielleicht erkennen, dass Stephen Becker zu den bedeutendsten amerikanischen Schriftstellern des 20.Jahrhunderts gehört, auf derselben Stufe wie etwa Cormac McCarthy. Er ist einer dieser Autoren, die prägend in ein Leben eingreifen können und Denken und literarisches Stilgefühl beeinflussen. Seine Mischung aus Lakonie und Ironie erzeugt eine ganz eigene Melodie.

becker1Der Roman ist der mittlere Band von Beckers so genannter Asien-Trilogie (DER CHINESISCHE BANDIT und DER WEISSE SHAN sind genauso gut und lesenswert; mein Herausgreifen des DER LETZTE MANDARIN ist rein willkürlich).

Ein gemeinsames  Thema ist die Kollision zwischen amerikanischen Abenteurern mit asiatischen Kulturen, die sie in den Bann schlagen und fast aufsaugen. Es basiert wohl auf Beckers eigenen Erfahrungen. Bei aller Tragik und Ernsthaftigkeit lockert Becker die Handlung durch Humor auf, der auf den komischen Eigenheiten der jeweiligen asiatischen Kultur wie auch den Idiotien des Westens basiert.
„Ein merkwürdiges Volk, die Amerikaner, ohne jedes Feingefühl und ohne Sinnlichkeit. Sie haben keine Geschichte. Sie durchstreifen die Welt wie hirnlose Nomaden, sie überschreiten alle Grenzen, und wenn sie einen Pfau sehen, nehmen sie ihr Gewehr und erschießen ihn und fressen ihn roh. Andererseits verbringen sie auch Großes und übergehen das Gelächter ihrer Kritiker. Unbezahlbar, wie gesagt.“51zva0necfl-_uy250_11

Ein Zauber seiner Trilogie besteht darin, dass er dem Leser diese Kulturen näher bringt, aber ihre Mysterien bewahrt. Er klärt auf und mystifiziert gleichzeitig. Ein Widerspruch, den nur ein wirklich großer Autor auflösen kann, der die Widersprüche des Lebens kennt und in einer Synthese aus Orient und Okzident ästhetisiert.
Dafür findet er, wie zuvor gesagt, eine ganz eigene Sprache. Häufig sind es Beckers eigenwillig ironische Brechungen, die den Leser die oft schwer erträgliche Brutalität ertragen lässt.

„In der Nacht zum Montag, dem 13.. Dezember 1937, endete in Nanking jeder Widerstand. Die japanischen Armeen hatten einen der glanzvollsten Feldzüge der modernen Kriegsführung erfolgreich abgeschlossen. Die Soldaten freilich hörten nur ungern vom aufgegebenen Widerstand. Das Gewehr war geladen und gespannt, der Finger auf dem Abzug, Frieden war der unerträglich. Sieg allein genügte nicht; eine im Lauf der Geschichte aufgestaute, unterdrückte Wut verlangte nach einem Blutbad. Eine Stadt mit 1 Million Einwohner – keiner zu finden der Widerstand leistete? Mehr noch: die Ausländer – eine Handvoll nur, selbstgerecht, unermüdlich, sogar überheblich – hatten eine Schutzzone festgelegt, als ob ihre Gesandtschaften, Universitäten und Missionen heilige Städten wären, die nicht von unzivilisierten Japanern geschändet werden dürfen. Der Major meinte, kümmert euch nicht darum… Das schießen ließ nicht nach, Widerstand oder nicht. Und sie tranken… Kanamori erinnerte sich später an hausgemachten Brandy, Pflaumenschnaps und sogar Bananenschnaps. Auf Sie tranken nicht bis zur Bewusstlosigkeit, niemand torkelte oder stürzte; sie tranken zur Anregung, und ihre Kraft wuchs. Rastlos, gesetzlos und herzlos streiften sie herum. Wahllos traten sie Haustüren ein. Sie erschossen die Männer und vergewaltigten die Frauen. Sie vergewaltigten zehnjährige Mädchen und siebzigjährige Großmütter…“

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Kaum ein mir bekannter westlicher Autor hat Asien mehr geliebt und verstanden als Stephen Becker.

Becker hatte viele Talente: er war ein herausragender Übersetzer, ein bemerkenswerter Hochschullehrer und ein genauer Analytiker der populären Kultur. Bereits 1959 hatte er die erste ernsthafte buchlange Analyse von Comics (COMIC ART IN AMERICA) veröffentlicht.

Aber er wird vor allem als großer unterschätzt der Romancier in die Literaturgeschichte eingehen. Er wird gelegentlich mit Joseph Conrad verglichen. In seinen Romanen geht es häufig um Selbstfindung und Selbstverlust. Ähnlich wie Conrad thematisiert Becker das Dilemma der menschlichen Moral und ihre Unzulänglichkeit innerhalb sozialer Strukturen.

Stephen David Becker wurde 1927 in Mount Vernon, New York, geboren
Der Sohn eines Apothekers wuchs in Yonkers, New York auf. Von 1943-1947 studierte er in Harvard. 1945 unterbrach er das Studium um seinen Militärdienst bei den Marines zu absolvieren.
Er graduierte 1947 in Harvard. Im selben Jahr ging er nach China, wo er Weihnachten 1947 seine Frau Mary heiratete. Er unterrichtete bis 1948 an der Universität von Peking.

Nach seinem Aufenthalt in China ging er nach Frankreich. Er lernte Französisch durch die Lektüre von Kriminalliteratur. „Nachdem ich Chinesisch gelernt hatte, war Französisch ganz einfach. Mein Rat an junge Leute die Französisch lernen wollen: lernt zuerst Chinesisch.“ In Frankreich traf er den Romancier Richard Wright, der ihm für seinen ersten Roman einen Agenten vermittelte: THE SEASON OF THE STRANGER erschien 1951.

Becker übersetzte insgesamt 14 Romane aus dem Französischen ins Englische; darunter Romain Garys THE COLORS OF DAY von 1953. „Diese Übersetzung war hilfreich für mich als jungen Autor. Sie hat mir meine Zweitklassigkeit gezeigt.“ Besonders Vergnügen müsste ihm die Übersetzung von André Malrauxs chinesischen Revolutionsroman DIE EROBERER gemacht haben.

Ende der fünfziger Jahre gingen die Beckers zurück in die Staaten. Sie lebten mit ihren Kindern in New York, Massachusetts, den Virgin Islands und ab 1986 in Florida, nachdem Becker dort einen Lehrauftrag an der Universität angenommen hatte. Er starb 1999.

Seine elf Romane wurden in 16 Sprachen übersetzt.

„There will never be another one like you,
there will never be another one who can do the things you do.“

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JAGDTRIP von JACK KETCHUM by Martin Compart
7. September 2016, 3:22 pm
Filed under: Backwood, Bücher, Jack Ketchum, thriller | Schlagwörter: , , ,

Jack Ketchum gehört zu den sensibelsten Autoren, die ich kenne. Wenige schaffen es wie er, unter die Haut ihrer Personen zu schlüpfen, um sie dem Leser in ihrer (amerikanischen) Komplexität erfahrbar zu machen. Dabei geht er ebenso behutsam wie sparsam mit wohl gesetzten Worten um, die ihn auch stilistisch zu einem herausragenden Schriftsteller machen. Fast nie ein falsches Wort, fast nie ein Satz zuviel (weshalb seine relativ kurzen Romane sich aus der Masse des voluminösen und überflüssig umfangreichen Gestammels der Bestseller herausragen wie Leuchttürme am Meer des schlechten Geschmacks).

Ketchum erweckt nicht mit billigen Mitteln Sympathie oder Antipathie. Er kriecht unmerkbar in seine Charaktere und zeigt dem Leser ohne Wertungen, wie sie ticken, was sie antreibt. Nein, er zeigt es nicht nur: er macht es erfahrbar, Indem er sich jeder Bewertung enthält, muss der Leser für sich entscheiden, ob  ihm der Charakter und dessen Wertesystem gefällt. Reine Sympathieträger, wie der alte Mann in RED, sind relativ selten in Ketchums Werk, Das reine Böse hingegen existiert und bleibt unzureichend erklärbar. Auch für Ketchum, der sich  wie kein anderer Autor in die Struktur des Bösen hinein tasten kann; sowohl in seine Banalität, wie auch in seinen Horror.

41hyerz6xml-_uy200_1Er gilt bekanntlich als hervorstehender Vertreter sogenannter Horror-Literatur, als ultrabrutaler Slasher. Oberflächlich kann man JAGDTRIP auf dieser Ebene lesen, als einen furchtbaren Backwood-Thriller.  Tatsächlich hat er mit Clive Barker und anderen Slasher-Kings nur wenig gemeinsam. Seine Brutalität wurzelt in der Realität und nicht in der Pornographie. Sie hat weder kathartische Wirkung, noch lerntheoretische. Er gehört zu den wenigen Autoren der Weltliteratur, die dem Leser die Schrecken menschlicher Grausamkeiten so direkt erfahrbar machen wie einem Soldaten das erste Gemetzel. Er braucht kein übernatürlich Böses. Das Grauen sind die Menschen selbst.

Mit der Wucht seiner Worte durchdringt er den fiktionalen Panzer und trifft direkt in die Weichteile ungeschützter Empfindungen. Man kann sich daran nicht ergötzen oder wohlig schaudern. Man liest mit Schrecken und möchte es hinter sich bringen, kann dem aber nicht entgehen, weil es sich wie erlebte Realität anfühlt. Selbst der wohlbehütetste Leser weiß um diese Wahrhaftigkeit des Schreckens, der im selben Moment der Lektüre hundert- oder tausendfach „da draußen“ passiert.

Er hat einiges von Hemmingway.

Es gibt bessere und weniger gelungene Bücher von ihm. Aber jedes von ihnen ist lesenswert. Er reflektiert die Schrecken unserer Zeit so überzeugend und kunstvoll, dass sie uns tief berühren. Er  ist einer der überragenden Schriftsteller der Gegenwart, der beweist, das Einteilungen in Genres nur noch Marketingstrategie ist.

JAGDTRIP (COVER) ist von 1987 und erzählt die Geschichte eines völlig kaputten Vietnamveteranen, der nicht mehr in die Gesellschaft zurück findet, für die er in Südostasien Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hat. Unfähig die Liebe seiner Frau und seines Sohnes zu ertragen, hat er sich tief in die kalifornischen Wälder zurückgezogen und lebt vom Marihuana-Anbau. Er fristet ein bescheidenes Leben in der Natur, während ihm die Stimmen des Krieges verfolgen und noch immer seine Wahrnehmung beherrschen.

Und dann kommt ein Trupp Wochenend-Camper in den Wald.

Mittelschichtsbürger mit ihren kleinen Bedürfnissen und Vorlieben, die sie nur ausleben können, weil Männer wie der Veteran überall auf der Welt ihre Seele verdorren lassen, indem sie für diese armseligen Privilegien bei Bedarf Männer, Frauen und Kinder töten.

Als sie sich vom einzigen geschäftsfähigen Rohstoff (Marihuanapflanzung) des Veteranen bedienen, bringt er ihnen den Krieg ins Heimatland. Normalerweise schreibt ein Rezensent hetzt: „Und dann beginnt eine Orgie der Gewalt.“ Aber Gewaltorgien sind zumindest für Psychopathen etwas freudiges. Ketchums Gewalt ist freudlos und – so wahnsinnig es klingt (siehe oben) – aufklärerisch, da er sie entzaubert.

Das ist ein alter Thriller-Topos aus den 1970 ern (Robert Stone, David Osborn etc.; fast ein Subgenre des Backwood-Thrillers), dessen bekannteste Umsetzung RAMBO von David Morrell  (der erste Roman und dessen Verfilmung, nicht der Folgeschrott) ist.

Ketchum gelang mit JAGDTRIP ein weiterer großer Roman, der schockierend verdeutlicht, dass unsere extrem egoistische Zivilisation nicht alleine in die Verdammung führt, sonder auch zur physischen Selbstvernichtung. Und nach der Lektüre fragt man sich, ob man in dieser soziopathischen  Zivilisation überhaupt (über)leben will.

Im schönen Vorwort erklärt Ketchum, wie es zu dem Buch kam, wie er einige Vietnamveteranen aushorchen durfte, warum er es schreiben musste und wie er sich schuldig fühlte. Genauso ehrlich und schonungslos, wie er seine Romane schreibt. Auch wenn er nicht in Südostasien war, Vietnam war auch Ketchums Krieg – der Krieg seiner Generation, der die intelligenteren und sensibleren bis heute prägt. Mit der Niederlage der Amerikaner wurde das reaktionäre Roll back eingeläutet.

JAGDTRIP ist einer der besten Kriegsveteranen-Romane. Auch ein bösartiger Thriller, der RAMBO wie ein Buch über den Heimkehrer von einem Darts-Tounier aussehen lässt. Es ist ein Roman über Traumata und eines der besten Bücher über das, was Kriege aus Menschen machen können. Und was ist die Grundlage von Kriegen? Das gierige alte Männer und Frauen dumme oder idealistische Männer und Frauen für ihre Wirtschaftsinteressen verheizen.

Heyne Verlag, 2016. 368 Seiten. 9,99 €

siehe auch: https://martincompart.wordpress.com/2013/01/02/thriller-die-man-gelesen-haben-sollte-evil-von-jack-ketchum/

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INTERVIEW MIT THOMAS PAGO, VERLEGER DES ELSINOR VERLAGES by Martin Compart
24. Februar 2016, 1:13 pm
Filed under: Bücher, Elsinor Verlag, Interview, John Buchan, Porträt | Schlagwörter: , , ,

Bis letztes Jahr war der Elsinor Verlag für mich eines der best gehüteten Geheimnisse des deutschen Buchhandels. emotionheader21598269[1]Dann – ich konnte es kaum glauben – erschien dort als deutsche Erstausgabe John Buchans THE POWER HOUSE, ein Schlüsselwerk des Thrillers. Noch dümmer guckte ich aus der Wäsche, als ich feststellte, dass in diesem Verlag ein bisher nicht übersetzter Nicholas Blake erschienen war und zudem noch mehrere Bände von G.K.Chesterton. Das gesamte Verlagsprogramm war überraschend vielfältig. Um nur ein paar Namen zu nennen: Robert Louis Stevenson, Arthur Koestler, Gustav Meyrink, Voltaire etc. Das war ganz klar die Handschrift eines Verlegers, der sich einen Dreck um planbaren Bestsellermist schert. Und ganz sicher war es auch die ganz persönliche Handschrift eines Verlegers mit breiten Interessen.

Darum also hier ein Interview mit ihm:

 

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  1. Wer ist Thomas Pago – Ein paar Worte zur Biographie und Werdegang.

Studiert habe ich Germanistik und Anglistik in Münster. Dann ergab sich die Chance, am Nachwuchslektorenprogramm der Verlagsgruppe Bertelsmann in München teilzunehmen. Dort bin ich zehn Jahre geblieben, zuletzt als stellvertretender Chefredakteur im Programmsegment „Reiseführer und Kulturführer“. Mit Münchner Kollegen folgte dann der Schritt in die Selbständigkeit – der Aufbau eines Redaktionsbüros, das bis heute als Producer für Verlage im Sachbuchbereich tätig ist.

 

  1. Die Leidenschaft zur Literatur wird ja zumeist in jungen Jahren geweckt. Was hat Sie nachhaltig beeindruckt?

Vorgelesen wurde tatsächlich seit frühester Kindheit, und dann eben selbst gelesen, sobald das möglich war. Vermutlich war vieles davon auch gar nicht wirklich „altersgemäß“. Jedenfalls war ich als Kind besonders beeindruckt von den frühen Erzählungen Heinrich Bölls, von den Romanen Wilhelm Raabes und von Thomas Mann. Persönlich beeinflusst hat mich vor allem ein Onkel, Norbert Engling, der als Bibliothekar in Dortmund für schöne Literatur und Theater zuständig war. Als junger Theaterkritiker hatte er beispielsweise alle großen Brecht-Inszenierungen am Berliner Ensemble gesehen und kannte Helene Weigel persönlich, auch einige Schauspieler und Regisseure. Stoff genug also für viele interessante Gespräche.

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http://www.elsinor.de/elsinor/

 

  1. Wie kam es zur Gründung von Elsinor?

Die Idee, es mit einem eigenen Verlag mit literarischer Ausrichtung zu versuchen, bestand schon länger. Ohne die Jahre im Konzernverlag und ohne die Erfahrung nicht nur im Lektorat, sondern auch mit der technischen Seite der Buchproduktion wäre das allerdings kaum möglich gewesen. Denn klar war von Anfang an, dass man sehr vieles selbst und manches im kleinen Team freier Mitarbeiter tun muss. Die Grundausrichtung stand also bei der Gründung schon fest, aber der Blick reichte zu Anfang vielleicht ein halbes Jahr weit; die Strukturen sind dann erst langsam gewachsen.

 

  1. Das Programmspektrum ist von einer beeindruckenden Vielfalt. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Titel aus?

Eine schwierige Frage, weil sie unterstellt, dass jede Programmentscheidung vollkommen rational nach bestimmten Kriterien erfolgt. Mindestens zu Anfang spielten persönliche Vorlieben eine ganz große Rolle, daran konnten sich dann weitere Autoren oder Titel anlehnen. Von Keyserling zum Beispiel, der zur Münchner Bohème gehörte, ist von Lebenszeit und -ort her der Weg gar nicht so weit zu Alexander Moritz Frey oder Rudolf Schneider-Schelde. Betrachtet man das Programm inhaltlicher, entdeckt man vielleicht eine kleine Vorliebe für Texte im Grenzbereich der Groteske – etwa bei Wilhelm Busch, bei Chesterton oder in Freys „Solneman“. Aber selbstverständlich gilt das nur für einen Teil der Titel. Jedenfalls zeichnen sich mittlerweile Linien ab, die nicht von vornherein festgelegt waren, sondern sich entwickelt haben und künftige Entscheidungen leiten werden. Wobei der persönliche Eindruck immer noch entscheidet – für Bücher, die mich nicht ansprechen, würde ich den Aufwand nicht betreiben.

Vielleicht noch ein Beispiel für klare Kriterien: Über den Kontakt zum Übersetzer Jörg W. Rademacher ist es zu einer Neuauflage seiner Übersetzung des „Dorian Gray“ von Oscar Wilde gekommen. Das ist ein ehemaliger Eichborn-Titel, dessen Rechte an den Übersetzer zurückgefallen waren. Es geht dabei um einen ganz ungewöhnlichen Versuch, die „unzensierte“ Erstfassung dieses Skandalromans zu rekonstruieren – also die Eingriffe und Korrekturen des Autors und seiner Lektoren in einem umfangreichen Anmerkungsapparat kenntlich zu machen. Es handelt sich um eine Textfassung, die es sonst nirgendwo gibt, und eine wissenschaftliche Ausgabe, aber ungewöhnlicherweise eben in deutscher Übersetzung. Daraus ließ sich dann ein kleiner Themenschwerpunkt ableiten: eine deutsche Leseausgabe ohne die umfangreiche Dokumentation und ohne Nachwort, und dann die rekonstruierte Erstfassung auch als englischen Text, mit Zeilenzählung für den Schulgebrauch. Hier hat sich also die Chance zu einer Art Verdichtung geboten – solche Fälle sind allerdings nicht die Regel.

 

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  1. Wie wichtig ist das Internet für Ihren Vertrieb und Ihr Marketing?

Das ist schwer einzuschätzen. Natürlich gibt es eine Verlagswebsite, und Buchhandlungen werden teilweise auch durch Mailings angesprochen. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite gibt es Blogs und Magazine im Netz, die teilweise sehr qualifiziert rezensieren und über Titel berichten. Manche Verlage versenden ja Rezensionsexemplare ungern an Autoren, die nur im Netz publizieren. Diesen Unterschied macht Elsinor nicht, Beiträge im Netz sind höchst willkommen. Aber, und daher das „schwer einzuschätzen“: Die Wirkung ist oft nicht so leicht zu messen. Wenn unmittelbar nach einer Rezension in einer überregionalen Print-Zeitung die Bestellungen zunehmen, ist der Zusammenhang relativ klar. So deutlich ließ sich der Zusammenhang bei Berichten im Internet bisher nicht beobachten. Dafür ist das, was im Netz steht, eben sehr lange auffindbar, wirkt also vielleicht „nachhaltiger“.

 

  1. Mit LONGINUS veröffentlichen Sie Regionalica. Darunter „Klassiker“ wie DER TOLLE BOMBERG. Ich habe kaum Vorstellungen von Westfalica und frage: Ist da tatsächlich noch Ähnliches zu entdecken? Oder konzentrieren Sie sich hauptsächlich auf zeitgenössisches und zeitgeschtliches?

 

teaserbox_53458807[1]DER TOLLE BOMBERG ist in der Tat eine Ausnahme: wirklich ein Klassiker, der schon seit etlichen Jahren vergriffen war, aber zumindest in Westfalen noch unvergessen ist. Was den Bekanntheitsgrad angeht, wird sich vermutlich nicht so leicht etwas Ähnliches finden. Aber es gibt durchaus auch unter den literarischen Westfalica vergessene Titel, die heute noch Wirkung entfalten könnten. Ich denke da beispielsweise an Augustin Wibbelt, dem man großes Unrecht tut, wenn man ihn als „Heimatdichter“ abstempelt. Bei Wibbelt gibt es durchaus noch einiges zu entdecken – nicht zuletzt in seinem wenig bekannten hochdeutschen Werk. Im Übrigen muss man Westfalica ja nicht „heimatkundlich“ auffassen; wenn man den Blick auf Autoren aus Westfalen richtet, wird sich sicherlich noch einiges entdecken lassen.

Insgesamt sehen Sie das aber richtig: Weil das Feld kleiner ist, wird Longinus thematisch breiter angelegt, soll auch Kultur- und Zeitgeschichtliches umfassen. Sogar ein Kochbuch aus dem 19. Jahrhundert ist in diesem Jahr vorgesehen; der Schriftsteller, Rezitator und Wibbelt-Herausgeber Rainer Schepper hat kürzlich die Handschrift in seiner Bibliothek entdeckt. Das wird nun sicherlich eine Ausnahme bleiben, passt als kulturhistorisches Dokument aber in ein derart weit gefasstes Programmsegment.

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  1. Man sollte das einen Verleger, der ganz offensichtlich mit so viel Herzblut sein Programm gestaltet, nicht fragen. Ich versuche es trotzdem: Gibt es in Ihrem Programm Autoren oder Titel, die Ihnen besonders viel bedeuten?

Sie haben recht, das ist eine heikle Frage – und eine Antwort kann ich natürlich nur versuchen, wenn ich die noch lebenden Autoren komplett ausklammere. Dann würde ich ganz spontan auf die Erzählungen Eduards von Keyserling zeigen und auf die Essays und Erzählungen von Chesterton. Und auf einen wirklich großartigen und leider fast unbekannten satirischen Roman aus der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg – „Solneman der Unsichtbare“ von Alexander Moritz Frey („Solneman“ muss man übrigens rückwärts lesen). Das war die erste spontane Reaktion; nun kämen noch eine Reihe weiterer Titel hinzu, aber ich will es dabei belassen.

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  1. Mit sechs bis sieben Titel im Halbjahr bei LONGINUS und ELSINOR kann man nicht mehr von einem Kleinverlag reden. Mit welcher Manpower organisieren Sie diesen Ausstoß?

Da treffen Sie einen wunden Punkt – denn hier vor Ort im Büro bin ich tatsächlich allein verantwortlich und erledige einen großen Teil der anfallenden Arbeiten – Dinge, die in einem größeren Haus auf mehrere Schultern verteilt wären. Aber selbstverständlich gibt es Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die aber immer nur projektweise tätig werden – Übersetzer, Schlusskorrektoren, aber auch gelegentlich Herausgeber, die ein Projekt von der Erstellung einer satzreifen Textfassung bis zum Verfassen eines Nachworts komplett betreuen. Ohne diese Hilfe wäre der Umfang nicht zu stemmen. Andererseits gibt es aber auch viele Titel, die ich von der Erstellung der Vorlage bis zur Schlusskorrektur komplett selbst in der Hand halte. Manche sprechen ja in solchen Fällen von „Selbstausbeutung“; so sehe ich das zwar nicht, aber ohne die Bereitschaft, sehr viel eigene Zeit einzubringen, wäre das alles nicht möglich.

 

  1. Und natürlich die Sphinx-Frage: Wie sehen Sie die Zukunft des Buches, speziell in Deutschland?

Ein Verschwinden des Buches in den nächsten Jahrzehnten befürchte ich, ehrlich gesagt, nicht; das Buch hat hier einen hohen Stellenwert – als „Gebrauchsbuch“ wie als Kulturgut. Und die elektronische Version, die in Deutschland ja bei weitem nicht so verbreitet ist wie im angelsächsischen Raum, verdrängt das gedruckte Buch bisher nicht, sondern stellt bestenfalls eine weitere Ergänzung dar, eine Variante wie das Paperback zum Hardcover. Andererseits dürfte der Bevölkerungsrückgang – der vielzitierte demografische Wandel – sich langfristig noch stärker im Buchhandel niederschlagen. Zumal die heute jugendliche Generation weniger vom Buch geprägt wird als frühere Generationen, wegen der vielen visuellen Medien – und wegen der immer knapper werdenden Zeit, man denke nur an an die verkürzte Schulzeit vor dem Abitur. Nun hat vor 20 Jahren auch nicht jeder Jugendliche seinen Goethe auf dem Nachttisch liegen gehabt. Aber wer sich für Literatur begeistert, tut das in der Regel schon früh – und ob man als Jugendlicher frei über einen großen Teil seiner Zeit verfügt oder nicht, ist schon ein erheblicher Unterschied. Deshalb glaube ich zwar weiterhin an die Zukunft des Buches, aber ein sehr literarisch ausgerichtetes Programm wie das von Elsinor hätte es vor 20 Jahren vermutlich ein wenig leichter gehabt – und wird es in 20 Jahren noch etwas schwerer haben.

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  1. Und welche Chance haben kleinere und mittlere Verlage angesichts der großen Konzernverlage?

Das Nebeneinander von großen Häusern und kleinen und mittleren Verlagen ist ja nicht neu und macht die Vielfalt der Verlagslandschaft in Deutschland aus. Diese Landschaft wird vielleicht von den Verlagen in der ersten Reihe dominiert, aber in der zweiten oder von mir aus in der dritten und vierten Reihe finden sich durchaus noch auskömmliche Plätze. Da die Ressourcen in den kleinen Verlagen begrenzt sind, muss das Programm natürlich klar profiliert sein – und sich möglichst vom Programm der Großen abgrenzen. Aber Programmideen und die Fähigkeit, davon etwas umzusetzen, sind ja nicht ausschließlich ans große Budget oder eine Konzernzugehörigkeit gebunden. In meiner Zeit im Konzernverlag sind viele Projekte mit der ersten Deckungsbeitragsrechnung begraben worden. Da kann ein kleiner Verlag, natürlich mit der gebotenen Vorsicht, durchaus mehr wagen als der Programmleiter eines großen Verlages, der stärker am Ergebnis gemessen wird. Es gibt ja auch im weiten Feld der Literatur Raum für viele – und es gibt die reizvollen Bezirke, die für den großen Verlag unattraktiv bleiben, weil die Risiken zu hoch sind.

Man darf sich eben nur nicht überschätzen und die eigenen Grenzen aus den Augen verlieren. Der kleine Verlag, der sich für einen erfolgreichen Bestsellerautor interessiert, wird chancenlos bleiben. Und mit dem Gewicht einer jahrzehntelang präsenten Marke oder mit den Vertriebsmöglichkeiten der Großen – mit Marketing- und Presseabteilungen und einem perfekt organisierten Außendienst – kann ein Kleiner in der Regel nicht mithalten. Es ist Raum genug für beide, aber jeder bleibt eben in seiner Sphäre – der Kleine muss nicht unbedingt ein Verdrängtwerden befürchten, aber eine Möglichkeit, wirtschaftlich auch nur halbwegs zu den Großen aufzuschließen, besteht wohl in der Regel nicht.

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Zum G20-Treffen: DER OUTSIDER ALS BESTSELLER-AUTOR: FREDERICK FORSYTHS AUTOBIOGRAPHIE by Martin Compart

f_01w[1]Frederick Forsyth führte ein Leben, das Stoff für viele Romane hergeben würde: Jüngster RAF-Pilot, als Journalist in Krisenregionen und gelegentlicher Freelancer für den MI6. In seiner Autobiographie erzählt er einiges, verschweigt aber auch reichlich. Zum Beispiel sagt er nicht, mit welchen Argumenten er General und Staatsoberhaupt Ojukwu dazu gebracht hat, den Söldner Rolf Steiner aus Biafra rauszuschmeißen.

Überhaupt Biafra!

Wahrscheinlich war dieser Krieg eine der prägendsten Erfahrungen für Forsyth. Da er die Lügen des britischen Establishment (und des damaligen Sprachrohrs BBC) nicht länger ertragen konnte, verlor er seinen guten Job bei der alten Tante. Stattdessen arbeitete er als Freiberufler hinter und an der Front um jeden die Wahrheit zu sagen, der sie hören wollte. Das war dann ausgerechnet der Auslandsgeheimdienst, der Forsyth fälschlich überzeugte, dass er die Regierung Großbritanniens mit den richtigen Informationen von ihrem falschen, menschenverachtenden Kurs abbringen könne. Vor Biafra war Forsyth Korrespondent für Reuters in Paris und Ost-Berlin gewesen. Aus dieser Zeit berichtet er unterhaltsame und zum Teil schreiend komische Anekdoten. Etwa die über einen Ex-Nazi, der nun für die Betreuung westlicher Journalisten zuständig war und seine Arschlochkarriere nahtlos fortsetzte. Freddie schickte ihm zu seinem Geburtstag und zu Weihnachten aus Westberlin regelmäßig anonyme Grußkarten mit seiner NSDAP-Mitgliedsnummer und den „besten Wünschen der alten Kameraden“.

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Er beschreibt einigermaßen ausführlich den Beginn seiner Karriere als Bestseller-Autor. Besonders der Verkauf seines Erstlings DAY OF THE JACKAL ist eine hinreißende Darstellung einer untergegangenen Verlagswelt. Der Roman schlug ein wie eine Bombe und erweiterte das Genre. Seitdem führt Forsyth Millionen von Lesern erhellend durch die dunklen Seitenstraßen der Zeitgeschichte. Immer wieder ragen seine Romane aus der Thriller-Masse heraus, da er  sie mit Informationen bestückt, die den meisten Journalisten nicht zugänglich sind. Wäre er nicht Schriftsteller geworden, dann wäre er mit Sicherheit einer der größten Journalisten seiner Zeit. Leider sagt er in OUTSIDER wenig bis gar nichts über den Prozess des Schreibens, was ich zutiefst bedaure. Denn Forsyth war und ist zumeist ein ungewöhnlicher Autor, der stilistisch von der Literaturkritik schmählich unterschätzt wird. Das hat natürlich auch mit Forsyths ewigem und nervenden Understatement zu tun. Dabei war spätestens mit seiner Novelle DER LOTSE und seinem ersten Kurzgeschichtenband IN IRLAND GIBT ES KEINE SCHLANGEN erkennbar, dass er mehr ist als ein begnadeter Plotter, der in einem kühlen behavioristischen Stil den Leser mit seinen Pageturnern nicht mehr aus den Krallen lässt, sobald er die erste Seite eingesogen hat. Seinen literarischen Höhepunkt erreichte er m.E. mit DER AFGHANE, der vor Szenen und Beschreibungen strotzt, wie man sie so zuvor nie gelesen hat (etwa wie die Amerikaner mit Bomben einen ganzen Berg abtragen, Menschen vernichten und mit einer langfristigen Strategie ihre Terroristen erzeugen). Im Vergleich erscheinen mir seine letzten Romane politisch naiv und nicht mehr so überzeugend. Aber was heißt das? Lieber ein schlechter oder mittelmäßiger Forsyth als gar keiner oder ein Roman seiner weniger begnadeten Epigonen. Verdammt! Selbst ein Forsyth, der mich ärgert und dessen politische Naivität mich aufregt, ist immer noch ein Forsyth!

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Forsyth ist schon lange ein moderner Klassiker des Thrillers. Das wurde er schon mit seinen ersten drei Romanen, die neuen Realismus ins Genre pumpten. Mit seiner journalistischen Detailverliebtheit (niemand kann mechanische Vorgänge spannender darstellen) ging er weit über Ian Fleming hinaus. Der Mann, der nur auf seiner Reiseschreibmaschine schreibt, vermittelt die modernsten Technologien so eindringlich, dass sie der Leser selbst betreiben könnte. Niemand hat zuvor kriminalistische oder politische Vorgänge so transparent in eine Thrillerhandlung eingebettet wie er. Eine nette Begleiterscheinung der AKTE ODESSA ist eine Anekdote, die er in seiner Autobiographie ebenfalls zum besten gibt: Durch eine Vorführung der Verfilmung wurde ein lange flüchtiger Nazi-Verbrecher (Roschmann) enttarnt, der dann in einer wirklich aberwitzigen Flucht sein dreckiges Leben aushauchte.

Wie gesagt: Forsyth vermittelt in seiner Biographie eine wahrhaftige Darstellung seiner Jugend und Sozialisation, erzählt spannende, ironische und anrührende Anekdoten – und verschweigt doch viel. Kein Wort etwa über seine Beziehung zu Tim Spicer und seine Beteiligung an AEGIS. So gut wie nichts über sein Familienleben und – für mich am bedauerlichsten – nichts über das Schreiben. Kaum etwas über die Verfilmungen (und seiner Partnerschaft mit Michael Caine). Es ist nicht wirklich das, was man von einer Autobiographie erwartet. Aber das war auch nicht Forsyths Absicht, wie er dem GUARDIAN sagte: “I’d fended off various suggestions for 10 years and I finally decided I didn’t want to do an autobiography because that would involve scholarship and research. So my wife suggested I make it a series of anecdotes—60 of them.”

Aber ich finde in seinen „autobiographischen Vignetten“ etwas wieder, was ich in seinen letzten Romanen vermisst habe: Den rebellischen Geist, der sich dem Establishment oft verweigert hat und dessen Lügen nicht mitträgt. Irgendwie versteht er sich immer noch als Journalist mit dem Credo: „Unsere Aufgabe besteht darin, die Mächtigen zur Rechenschaft zu ziehen, nicht, uns mit ihnen zu solidarisieren.“3477222022[1]

Der coole Freddie zeigt hier auch Empathie, die nur selten durch sein Image als abgewichster Bestsellerautor durchscheinen durfte. Dies herausragend in den Biafra-Beschreibungen (sein einziges Sachbuch ist BIAFRA STORY):

Ich tippe auf meiner Schreibmaschine, das Fenster weit geöffnet. Das war im Spätsommer 1969, und die Luft war mild. Dann hörte ich etwas, trat ans Fenster.

Sie stand draußen auf dem Gras, ein schmächtiges Mädchen von sieben oder acht Jahren, spindeldürr, einem fadenscheinigen, verdreckten Baumwollhemdchen. An der linken Hand hielt sie ihren kleinen Bruder, vollkommen nackt, teilnahmslose Augen, aufgeblähten Bauch. Die starrte zu mir herauf und ich auf sie hinunter.

Sie hob die rechte Hand an den Mund machte das universelle Zeichen, das bedeutete: ich habe Hunger, bitte gib mir was zu essen. Dann hob sie die Hand zum Fenster, ihre Lippen bewegten sich geräuschlos. Ich schaute auf die winzige rosa Handfläche, aber ich hatte nichts zu essen. Meine Mahlzeiten kamen zweimal täglich von der Kochstelle hinter der Ansammlung von Hütten, in denen die wenigen durchreisenden Weissen untergebracht wurden. An diesem Abend würde ich speisen, gutes, nahrhaftes Essen, importiert aus der Schweiz. Doch erst in 3 Stunden. Die Küche war geschlossen und verriegelt, und keines der beiden Kinder hätte feste Nahrung zu sich nehmen können. Bis zum Abendessen würde ich mit Zigaretten durchhalten. Aber Zigaretten kann man nicht essen. Törichterweise versuchte ich zu erklären. Ich konnte kein Ibo, sie kein Englisch , doch das spielte keine Rolle. Sie verstand. Langsam sank ihre ausgestreckte Hand herab. Sie beschimpfte mich nicht, sie brüllte nicht. Sie nickte nur in stillem Verständnis. Der weiße Mann am Fenster würde nichts für sie und ihren Bruder tun.

In meinem langen Leben habe ich nie solche Resignation gesehen, solche überragende Würde wie in dieser abgemagerten Gestalt, als sie sich abwandte, die letzte Hoffnung dahin. Zusammen gingen die beiden kleinen Gestalten über das Gras auf die Bäume zu. Im Wald würden sie einen schattenspendenden Baum finden, sich an dessen Fuß setzen und auf den Tod warten. Und sie würde ihren kleinen Bruder halten, wie eine gute Schwester, die ganze Zeit.

Ich sah ihnen nach, bis sie unter den Bäumen verschwanden, setzte mich an den Tisch, legte den Kopf in die Hände und weinte, bis der Bericht durchnässt war.

Das war das letzte Mal, dass ich über die Kinder von Biafra weinte…

(Das Handeln Großbritanniens im Biafra-Krieg) ist der Grund, weshalb ich glaube, dass diese Clique eitler ranghoher Bürokraten und feiger Politiker die Ehre meines Landes für immer beschmutzt hat. Etwas, das ich ihnen nie verzeihen werde.”

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Was bleibt also von der Lektüre übrig? Nicht weniger als eines der aufregendsten Leseerlebnisse des Jahres.

Allerdings ganz schlimm getrübt durch Freddies Aussage, dass er künftig nichts mehr schreiben werde. Hoffentlich wird Forsyth, wie viele Autoren zuvor, seine Ankündigung als Lüge strafen. Falls nicht, bleiben 13 Romane und mehrere Kurzgeschichten, die für immer zum Kanon gehören.

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http://www.amazon.de/Outsider-Die-Autobiografie-Frederick-Forsyth/dp/3570102661/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1442298982&sr=1-1&keywords=outsider

P.S.:FORSYTH BEI MARKUS LANZ

Am 22,9. war Freddie beim Tiroler Cappuccino-Kellner vom Lerchenberg. Lanz war natürlich wieder peinlich und unbelesen (immerhin hat sein Recherche-Team in meiner Rezension die Biafra-Vignette ausfindig gemacht) und hing wie Quasimodo über seine Kärtchen („Wie ich nachgelesen habe“, „Ich sage hier nichts, was wir nicht vorher gelesen haben.“).. Ein würdiger Nachfolger von Kerner, devot und ölig. Forsyth ist ab 42:50 zu sehen.

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