Martin Compart


SCHWARZES REQUIEM von Jean-Christophe Grangé by Martin Compart

„Afrikanischer Wahnsinn war doch das einzig Wahre.

Gégoire Morvan, graue Eminenz des französischen Innenministeriums, hütet dunkle Geheimnisse aus seiner Vergangenheit in Katanga. Dort hatte er Anfang der Siebzigerjahre einen bestialischen Killer zu Fall gebracht. Doch jener Nagelmann, der seine Opfer einem grausamen Ritual folgend mit Nägeln und Spiegelscherben gepickt zurückließ, scheint einen Nachfolger zu haben.
Sein Sohn Erwan begibt sich in den Kongo um die wahre Geschichte seines Vaters zu ergründen. Er ahnt nicht, dass er damit das Tor zur Hölle öffnet…“

SCHWARZES REQUIEM
26,00 € Bastei Lübbe, Hardcover; 688 Seiten.
ISBN: 978-3-431-04081-4

„Man schreibt über Dinge, mit denen man Probleme hat. Ich habe Probleme mit Gewalt“, ist das literarische Credo von Jean Christoph Grangé.

Wer bezweifelt, dass wir im vermeintlichen Diesseits längst im Fegefeuer schmoren oder uns aus den Höllenkreisen nach innen vorarbeiten, muss nur die Romane von Jean-Christopher Grangé lesen. Der Perversion einer unkontrollierten (und inzwischen auch unkontrollierbaren) Ökonomie verdichtet er die Abstrusitäten seiner wie Hefe quellenden Phantasie.

Mehr als jeder andere Autor hat er die Kriminalliteratur mit der Weird Fiction verbunden.

Grangé neigte immer zu labyrinthischen Plots, die nicht jeder mag. In diesen beiden Bänden treibt er es auf die Spitze und strapaziert die Glaubwürdigkeit beim Leser. Ich kann damit gut leben, da die Romane in ihrer Gesamtheit faszinieren und Grangé bei allen Verknüpfungen mit der Realität einen eigenen Kosmos geschaffen hat; das gelingt nur großen Autoren.

Nicht nur In seinen Reisebeschreibungen des Verfalls erinnert er häufig an Malraux; seine Sprache ist häufig durchsetzt von ähnlicher Poesie.

Oft benutzt er Schauerelemente des französischen Feuilleton-Romans oder der britischen Gothic-Novel und aktualisiert sie, verpflanzt sie in aktuellen Kontext. Damit haben deutsche Rezensenten häufig Schwierigkeiten, weil sie die literarischen Traditionen außer Acht lassen.

Grangé war nie ein sonniger Springinsfeld, aber man konnte doch beobachten, wie seine Romane immer düsterer wurden. Mit CONGO REQUIEM hat er seinen Pessimismus nochmals gesteigert.
Eva-Maria Reich schrieb treffend in ihrer Leserkritik bei Amazon: „Der Titel ist Programm, die Geschichte der unvorstellbaren Gräueltaten im Kongo bis zu den tiefsten Niederungen der psychopathischen Ärzte, die gesamte Familie des Padre ,ein einziges Konglomerat an Gewalt ,Zerstörung und Grausamkeit. Jean Christphe Grange ist ein meisterhafter Erzähler einer Geschichte von Macht ,Verrat, sinnlosem Morden, Korruption und viel Geld, wie es auch heute noch im Kongo und in der ganzen Welt zugeht.“

Mit diesem Roman hat er ein Sequel zu PURPURNE RACHE (siehe auch: https://martincompart.wordpress.com/2016/12/29/hoerbuch-jean-christoph-grange-purpurne-rache/ ) vorgelegt, der die Familiengeschichte der Höllenbrut Morvan konsequent weitererzählt (und diese nicht nur am Rande des Irrsinn angesiedelten Extremisten sind die Sympathieträger des Buches; naja: vielleicht eher die Hauptpersonen).

Wie weit Grangé geht, sieht man auch daran, wie er einen rudimentären Sympathieträger über eineinhalb Romane aufbaut, um ihn dann zu zertrümmern. Nein, dieser Autor nimmt keine Gefangene.

Der Roman wird auf drei Ebenen erzählt (teilweise kommt als vierte die des alten Patriarchen hinzu), nämlich die der Familienmitglieder, die unterschiedlichen Horror durchleben. Der Kongo-Teil ist m.E. der stärkste Part des Buches, weil er die infernalischen Coltan-Kriege beleuchtet und uns einen Eindruck der Apokalypse vermittelt, die auch Europa erreichen wird.

„Die Rechnung war einfach: Sechshundert Säcke pro Tag beinhalteten je nach Tageskurs eine Rendite von sechshunderttausend Euro, wenn man die minimalen Kosten abrechnete – jeder Arbeiter erhielt einen Tageslohn von vier Dollar – , kam man auf ein Einkommen von etwa fünfhundertfünfzigtausend Euro am Tag… Morvan betrachtete die perforierten Abhänge. Die Eisengeräusche erinnerten an rasselnde Tuberkulose in einer geschwärzten Lunge.“

Ich kenne keinen anderen Kriminalliteraten, der die Realität so mit Grauen aufladen kann, dass zwischen den Zeilen manchmal eine mystische Ebene entsteht.

Früher hat Grangé dem Leser Angst eingejagt. In seinen beiden letzten Romanen vermittelt er keine Angst mehr, sondern verbreitet nur noch Horror. Denn seine optimistische Botschaft lautet: Ihr müsst euch in der Hölle nicht länger fürchten, denn alles ist verspielt und Erlösung nicht in Sicht.

Spätestens mit der Morvan-Saga ist Grangé zum Hieronymus Bosch der Kriminalliteratur geworden.

Die leider wieder gekürzte Hörbuchversion (immerhin 12 CDs!) ist ein unglaubliches Erlebnis: Dietmar Wunder war immer ein herausragender Textinterpret, immer mehr als ein Vorleser.
Aber was er in den letzten Jahren abliefert (ich denke da auch an die wunderbaren Hörbücher nach den Romanen des wunderbaren Tony Parsons) geht weit über ein gutes Hörbuch hinaus.

Dietmar Wunder ist zum eigenen Medium geworden, dass aus einer Lesung ein Hörspiel macht. Er gibt jedem Charakter eine so eigene, markante Stimme, dass man den Schauspieler und Interpreten kaum oder gar nicht mehr erkennen kann. Er geht in jede Stimmung auf und macht sie mit Temperament für den Hörer geradezu physisch erfahrbar – als wäre man in einem Streitgespräch anwesend und ausgeliefert.

Mit seinen Grangé- und Parsons-Interpretationen setzt Wunder neue Maßstäbe im Hörbuch.

Frankreich hat eine lange Tradition in der Flüchtlingsursachenbekämpfung durch Kannibalen.

REZENSION PURPURNE RACHE VON 2016:

Grégoire Morvan, graue Eminenz des französischen Innenministeriums, war in den Siebzigerjahren mit lukrativen Geschäften im Kongo erfolgreich. Und er hat dort den berüchtigten Killer Homme-Clou gefasst, der seinerzeit einem bestialischen Ritual folgend neun Menschen ermordet hat. Als an einer bretonischen Militärschule ein Toter gefunden wird, dessen grausame Entstellung dem Modus operandi des Homme-Clou ähnelt, und Morvans Familie akut bedroht wird, muss er sich mit allen Mitteln den Schatten einer Vergangenheit stellen, die niemals aufgehört hat, nach Blut zu dürsten …

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Diesmal habe ich mich beim neuen Grangé nicht auf die voluminöse Print-Ausgabe gestürzt, sondern auf das Hörbuch mit 12 CDs und einer Laufzeit von 765 Minuten! Grund dafür war Reiner Schöne als Sprecher. Seit den Hörbüchern der kurzlebigen deutschen Hard Case-Edition durch den Rotbuch-Verlag, hat sich Schöne bei mir in die erste Garde der Thriller-Sprecher eingefügt. Allerdings ist hier sein Vortrag etwas hektisch, was das Hörvergnügen unwesentlich beeinträchtigt.

Die Übersetzung von Ulrike Werner-Richter ist auch vom Sprachgefühl besonders hervor zu heben, di Übersetzerin (die für die deutsche Interpretation von Grangé am verantwortlichsten ist) wird in der Hörbuchausgabe leider nicht in angemessener Weise gewürdigt: Sie ist in der aufwendigen Umschlaggestaltung nicht mal erwähnt, was ich für skandalös halte.

Ich freue mich jedenfalls schon darauf, den Roman in einigen Monaten in seiner wahrscheinlich deutlicheren Vielfältigkeit zu lesen. Zu oft erlebe ich bei Hörbüchern generell ungeschickte Streichungen, die auf Kosten der Atmosphäre und des Stils gehen. Denn dann entdeckt man doch zusätzliche Details und Formulierungen, die beim Hörerlebnis nicht haften bleiben oder verloren gehen. Oder unterschlagen wurden? Man kann nur hoffen, dass ein zeitgenössischer Hochkaräter wie Grangé (dessen deutsche Buch-Lektorate einen ebenso schwierigen wie großartigen Job gemacht haben, dem Verlag erhalten bleibt, auch wenn er bei uns nicht mehr so erfolgreich wie in anderen Ländern ist.

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Seit seinem Erstling FLUG DER STÖRCHE bin ich Fan von Grangé, trotz seiner qualitativ ungleichmäßigen Romane und den fast immer ins Auge fallenden Plot-Schwächen im letzten Drittel. Das gilt auch für PURPURNE RACHE, bei dem Grangé am Ende ein Kaninchen aus dem Hut zaubert. Auch seine Freude an der Genetik geht mir gelegentlich gegen den Strich, aber das ist Geschmackssache.

Ich bin ein Fan seiner Romane, weil er von allen zeitgenössischen Autoren das intensivste Gespür für das Unheimliche hat. Auch wenn er gelegentlich ins esoterische abgleitet, oder abzugleiten droht, vermitteln seine Thriller immer auch realistische Einblicke in den Horror einer Endzeitzivilisation.

Sein Sadismus steht in der Tradition der Gothic Novel und des Marquis de Sade. Mario Praz hätte an diesem späten schwarzen Romantiker Gefallen gefunden. für ihn gilt, was Paul Valery über J.K. Huysmans geschrieben hat: „Seine seltsamen Nüstern witterten schaudernd, was es an Ekelhaftem in der Welt gibt.“ Nicht umsonst ist dieser Neo-dekadente Autor zu Beginn des 21.Jahrhunderts der erfolgreichste französische Noir-Autor (mit Übersetzungen in über 20 Sprachen). Dabei ist er häufig experimentierfreudig und nutzt auf eigene Art erzählerische Strategien für seine düstere Weltsicht (in DAS SCHWARZE BLUT beispielsweise auf perverse Weise den Briefroman).

51smt2tm5il-_sx346_bo1204203200_1Stilistisch ist LONTANO, so der Originaltitel, sein bisher bester Roman, voller genauer Beobachtungen und schöner Formulierungen, die oft ätzende gesellschaftliche Zustandsbeschreibungen sind. Es ist auch ein Familienroman mit Protagonisten, die von der Ausbeutung der 3.Welt über staatliche Machtvertretung bis hin zur Prostitution und Finanzspekulation den aktuellen Stand gesellschaftlichen Aufstiegs (und Abstiegs) in Frankreich symbolisieren.

Grangé beleuchtet das seit Jahrzehnte andauernde Inferno Kongo, wo der Neo-Kolonialismus seit Jahrzehnten seine blutigste Spur hinterlässt. Ein Thema, das in unseren Medien so gut wie nicht stattfindet. Und das ist auch beabsichtigt- Denn die Entwicklungsgeschichte des Kongo könnte jedem Europäer vermitteln, wie viel Blut immer neu an seinen Händen klebt, wenn er auf seinem geliebten Smartphone sinnentleert herumdaddelt.

Auch in diesem Roman klingt wieder eines von Grangé s Lieblingsthemen durch: Für die Sünden der Väter, bezahlen die Kinder (war das je deutlicher, als in der heutigen Flüchtlingsdiskussion, die die kolonialen Wurzeln der Konflikte ausklammert?).

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KLASSIKER DES POLIT-THRILLERS: THE LINGALA CODE von WARREN KIEFER by Martin Compart

Seit etwa zehn Jahren erfreut sich afrikanische Kriminalliteratur (besonders natürlich südafrikanische) auch bei uns eine gewisse Aufmerksamkeit.

Aber es ist doch erstaunlich, wie wenige europäische- und amerikanische Polit-Thriller sich mit afrikanischen Themen und Krisen auseinandergesetzt haben – abseits von Graham Greenes und John LeCarrés Romane zur Apartheit und den üblichen Serien von OSS117 über NICK CARTER bis MALKO. Natürlich gab es immer mal wieder Romane von Ted Allbeury, Brian Freemantle (oder Eric Amblers DIRTY STORY) und anderen zu einem afrikanischen Thema, aber der einzige Autor, der diese regelmäßig in die westlichen Bestsellerlisten trug, war wohl der Südafrikaner Wilbur Smith.

Schon deshalb kommt dem hier genannten Buch eine besondere Bedeutung zu.

Es war die Lektüre von Larry Devlins Erinnerungen, die mich an einen höchst ungewöhnlichen Thriller aus dem Jahre 1972 erinnerte und zum Wiederlesen bewegte.
Als CHIEF OF STATION, CONGO (Public Affairs, 2007) diente Devlin (wie der Ich-Erzähler Michel Vernon des Romans THE LINGALA CODE) der CIA und „begleitete“ die Unabhängigkeitsbestrebungen und blutigen Auseinandersetzungen im Kongo der frühen 1960er Jahre.

Das war der Beginn der Stellvertreterkriege des Kalten Krieges, der den Kontinent bis heute foltert (auch wenn es nicht mehr um Machtsphären der Supermächte geht, sondern um die noch brutalere Ausbeutung der Rohstoffe durch monopolkapitalistische Konzerne im Dienste der Superreichen und ihre oligarchischen Handlanger).

I. DER ROMAN:

Sie waren Freunde gewesen: Michel Vernon, CIA-Chief of Station im Kongo, und Ted Stearns, der Luftwaffen-Attaché, dem Vernon sein Leben verdankte.

Nun war Ted in Leopoldville erschossen worden.
Angeblich von einem Einbrecher.

Niemand wusste es wirklich. Denn der schnell gefasste Täter hatte in der Zelle Selbstmord begangen. Einen zweifelhaften Selbstmord. Aber ein Leben zählte sowieso nichts im Kongo.

Michel schwor sich, den Tod seines Freundes aufzuklären.

Er hatte gute Kontakte in die einheimischen Machtstrukturen, die sich häufig ändern konnten.
Aber man will Ted schnell begraben und die Angelegenheit vergessen. Auch die eigenen Leute sind nicht daran interessiert, dass Vernon im Dreck wühlt.
Denn der stößt schnell auf Widersprüche

Ein Toter mehr – während der Kongo im Chaos zu versinken droht. Man hat ganz andere Sorgen.
„Die neue Kongo-Republik war durch eine Frühgeburt zur Welt gekommen und bei keinem anderen Land hatten so viele politische und diplomatische Hebammen dabei geholfen. Und Repräsentanten aller Großmächte hockten im Kreißsaal und warteten darauf, ihren Segen geben zu können.“

Die Zeit: Ende 1961:
Nach der Ermordung Lumumbas, der Separation Katangas, der Intervention der UNO und der internen Machtkämpfe, die weitgehend auch tribalistisch geprägt waren. Tod am großen Fluss. „Wenn du lange genug am Ufer siehst, wirst du die Leiche deines Feindes vorbei treiben sehen“, lautet angebliche ein kongolesisches Sprichwort. Bei allen barbarischen Metzeleien und kannibalistischen Festgelagen, verlangten die Unruhen der 1960er Jahre aber nur einen Bruchteil der Opfer, verglichen mit den Millionen Toten seit 1997.

Mit der Unabhängigkeit des Kongo begann die Zeit der Stellvertreterkriege und der Aufstieg westlich gestützter Despoten, die jedem Rassisten Freude bereiteten.
Oder wie es Christopher Othen ausdrückt: „The events of 1960 are the ground zero of CIA-sponsored African dictatorships, private military contractors, conflict diamonds and global corporations picking clean the bones of Third World Countries” (KATANGA 1960-63, The History Press, 2015).

Damals rückten erstmals Kindersoldaten in die Öffentlichkeit in Form der Jugendorganisationen („jeunesse“); ihre Gräuel wurden für die westlichen Medien zum Inbegriff rassistischer Kommentare (ohne zu bemerken, dass sich Hitlers Volkssturm neben alten Leuten auch aus „Pimpfen“ speiste).

Ich fühlte feuchte Wände, Mehltau und die Armut des ruralen Kongo.

Die Darstellung des Kongo ist authentisch und genau (wie man etwa im Abgleich mit Larry Devlins Memoiren nachprüfen kann). Die Schilderung einer aberwitzigen Wahl der „Miss Leopoldville ist mir Beweis, dass Kiefer den Kongo ziemlich genau erlebt haben muss.

Die Suche nach den wahren Gründen für den Mord durch das Gestrüpp unterschiedlicher und tödlicher Interessen, die den Kongo zerlöchern, ist mehr als schwierig. Nichts darf ans Tageslicht.

„Man bleibt im Dunkeln, Monsieur Vernon, wenn man Jäger ist und essen will“, hatte mir Seku erklärt. Und Seku jagte Macht und aß gut.

Das ganze Chaos der damaligen Situation durchzieht das Buch: Die Angst der Amerikaner vor Einflussverlust, Tschombes Abspaltung Katangas für die Interessen der belgischen Mineralgesellschaften, das strategielose Geballer hirnloser UN-Truppen und die tribalistischen Machtkämpfe der Einheimischen. Die unterschiedlichsten Gruppierungen schmieden aberwitzige Allianzen, die niemand wirklich durchschaut:

„Finden Sie heraus, woher sein Geld kommt und bieten Sie ihm mehr. Er wird seine Haltung zwar nicht ändern, aber Sie finden so Gelegenheit, die führenden Köpfe der Gruppe kennenzulernen. Und wenn Sie das geschafft haben – informieren Sie Mobutu. Sollen die Kongolesen sich um ihn kümmern.“

Kiefer erzählt es nicht emotionslos, aber doch kühl mit der Stimme eines menschlichen Ich-Erzählers in einem zynischen Job. Er weiß, wie das „Geschäft“ läuft und stellt es nicht in Frage. Da ist er ganz Profi. Aber wenn es persönlich wird, scheut er auch nicht den Konflikt mit der eigenen Interessenseite.

Für jedes Verbrechen gibt es eine Entschuldigung, für jede Tugend findet man eine zynische Rationalisierung.

 

„Man könnte sein Erinnerungsvermögen etwas stimulieren,“

   „Dazu habe ich nicht die Mittel“, sagte Martin.

   „Es muss nicht unbedingt Geld sein“, sagte ich.

 

Wenige Polit-Thriller sind so intensiv in einer politisch realen Situation verwurzelt und nutzen diese so effektiv für ihren Plot. Ohne Kiefers literarisches Können, würde er sich passagenweise wie ein Sachbuch lesen. Aber dank der Erzählerstimme, die mich manchmal ein wenig an Paul Theroux erinnert, bleibt der Roman in der Spur. Die Informationen zur realen Lage werden organisch vermittelt, da sie zum Job und zum Umfeld des Erzählers gehören. Deshalb wirkt nichts aufgesetzt.
Warren Kiefer gehört zu den wenigen Polit-Thriller-Autoren, deren mitreißender Stil die Leser einsaugt und sie dabei unauffällig mit Fakten zum Hintergrund über das Sujet aufklärt, die sich dann als integral für die Handlung erweisen.


II. DER AUTOR:

Warren David Kiefer gehört zu den geheimnisvollsten Autoren der Kriminalliteratur. Er ist nicht nur ein in Vergessenheit geratener Autor, sondern auch ein nur Spezialisten bekannter Drehbuchautor und Regisseur.

Er wurde 1929 in Rochelle Park, New Jersey, geboren. Wahrscheinlich starb er 1995 in Buenos Aires.

Kiefer studierte an der University of New Mexico und an der University of Maryland. Er studierte u.a. Journalismus und Fotografie und strebte eine M.A, in südamerikanischer Geschichte an.

Sein Freund Paul Mims erinnerte sich an ihn: „Warren and I first met in the autumn of 1949. We were students at the University of New Mexico, Albuquerque, I a 26 year old grad student from the University of Wisconsin, he a 20-year old under graduate from the Chicago suburbs. The Kiefer I knew was 20 years old, of medium height; say about five-foot eight inches tall, weighing approximately 160 pounds. He had a well muscled frame. His hair was light brown, close cropped but given to being wavy. Although not a rich boy he was from the upper middle class and used to the “good life”. Even as an under graduate he had extravagant tastes for food, liquor and girls. One of the great dilemmas in his life was how to combine both the “good life” and the artist’s bohemian life style. You see, one part of Kiefer, although quite capable of performing in the world of public relations and advertising, loathed its suffocating, mundane ethos” (Zitat nach Robert Curti in dem ausführlichsten Artikel zu Kiefers Filmschaffen, unter: http://offscreen.com/view/warren_kiefer).

Während seiner Zeit in Maryland lernte er seine Frau Ann kennen, die er 1954 heiratete und mit der er einen Sohn hatte. Das Studium langweilte ihn irgendwann und er begann in der PR-Branche zu arbeiten. Er machte u.a, Public Relations für die Geburtsstadt seiner Frau, Kalamazo in Michigan, und für den Pharma-Giganten Pfizer (was in PAX einfloss).

Sein erster Roman, den er gemeinsam mit Harry Middleton geschrieben hatte, wurde 1958 unter dem Pseudonym „Middleton Kiefer“ veröffentlicht:

PAX ist eine hard-boiled-novel über Betrug in der Pharma-Industrie, die Bezüge zum Mind-Controlprogram der CIA (Operation Artischocke, MK Ultra) aufweist. Zu seinen literarischen Vorbildern gehörten damals Hemingway und Fitzgerald; zu seinen Freunden gehörte – ebenfalls Absolvent der University of New Mexico – Edward Abbey, dessen Roman THE LONELY COWBOY (1956) Kiefer laut Curti beeinflusst haben soll.

Im selben Jahr wurde sein Sohn Alden geboren.

Dann schmiss er alles hin: Familie, Job und Wohnort. Quasi über Nacht begann er ein neues Leben.

Kiefer zog nach Rom, damals neben Los Angeles die größte Filmstadt der westlichen Hemisphäre. Im Umfeld von Cinecittà suchte und fand er Jobs. “I was working the Middle East and Africa as a director-producer of TV Specials and documentaries.”

Für Esso drehte er eine Dokumentation in Lybien. Auch wenn nichts darüber bekannt ist, hat er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit 1961 oder 1962 auch den Kongo besucht. Das Detailwissen über die geheimdienstlichen Aktivitäten, wie er es zehn Jahre später im LINGALA CODE darlegte, war zum Zeitpunkt des Erscheinens einem Außenstehenden nicht zugänglich. Entweder hatte Kiefer sehr gute Quellen, oder er war unter der beliebten Tarnung als Dokumentarfilmer oder Journalist in CIA-Aktivitäten aktiv verwickelt.

1963 war er wieder zurück in Rom und lernte Paul Maslansky kennen, der als Production Managere gerade für Irvin Allans THE LONG SHIPS arbeitete. „He and Maslansky met at the Cinecittà tank, where Kiefer was shooting additional footage for his Esso documentary: they liked each other, got along well, and talked about making a movie together. According to Maslansky, Kiefer had married again at that time, with a beautiful Argentinian woman“ (Curti).

Rolf Giesen: „Zum Film kam Kiefer durch Paul Maslansky und den Mammutfilm `The Long Ships´ (Raubzug der Wikinger). Maslansky lebt noch. Er nahm 1967 am 6-Tage-Krieg teil. Er war der Produzent der `Police Academy´-Filme. In einem von Kiefer geschriebenen Film spielte Mario Adorf.“

So kam es dazu, dass Kiefer mit CASTLE OF THE LIVING DEAD (Il castello dei morti vivi) seinen ersten Kinofilm als Autor und Regisseur drehte, dem zwei weitere folgten. Auch unter verschiedenen Pseudonymen, wie Lorenzo Sabatini, erledigte er weitere Filmarbeit.

Wer näheres zu diesem speziellen Bereich in Warren Kiefers Werk sucht, sollte sich den langen Artikel von Robert Curti ansehen.

In CASTLE spielte Donald Sutherland seine erste Filmrolle. Sutherland und Kiefer wurden so gute Freunde, dass der Schauspieler seinen Sohn nach ihm benannte. Kiefer widmete ihm den LINGALA CODE, den er noch in Rom geschrieben hatte..

Irgendwann nach 1972 verließ er Rom und zog mit seiner argentinischen Frau nach Buenos Aires .
Trotz gelegentlicher Buchveröffentlichungen, weiß anscheinend niemand, was Kiefer in Argentinien so getrieben hatte und womit er Geld verdiente.

Es war die Zeit der CIA gesteuerten Operation Condor, die mit Nazi-Methoden in ganz Lateinamerika gegen Befreiungsorganisationen und Gewerkschaften vorging. Sein Roman THE KIDNAPPERS greift die damalige Situation in Argentinien auf: Ein alter Schneider versucht seine Kenntnisse sowohl an die CIA wie die ODESSA zu verkaufen.
Er hatte noch Kontakte zur Filmindustrie.

Rolf Giesen: „Juliette de Sade war dann offiziell Kiefers letzter Film, der ihn nach Argentinien brachte. Ich selbst denke, dass er dort weitergemacht hat, neben den Romanen. Über internationale Co-Produktionen lässt sich gut Geld waschen.
Paul Maslansky, Warren Kiefers alter Weggefährte, plante 1990 eine Filmkomödie in Argentinien zu produzieren: „Honeymoon Academy“. Maslanskys Frau Sally sollte die Produktion überwachen. Es ging viel daneben; der Film entstand, dann nicht in Argentinien. Ursprünglich unter dem Titel „For Better For Worse“ geplant, sollten in Argentinien 5 Millionen Dollar ausgegeben werden. Die Produktion ging schließlich nach Spanien.
Ich bin sicher, dass Kiefer an der argentinischen Verbindung beteiligt war und dort Geld locker machen sollte.“
(Giesen in E-Mails an mich)

Obwohl nicht verifiziert, gilt 1995 als Kiefers Todesjahr.

Als Autor blieb er ein Geheimtipp, der nie den großen Erfolg verbuchen konnte.

1973 gewann er für den LINGALA CODE den Edgar Allan Poe-Preis für den besten Kriminalroman des Jahres.

1976 folgte der Vatikan-Thriller THE PONTIUS PILATUS PAPERS über einen entdeckten und gestohlenen Augenzeugenbericht der Kreuzigung Christi. 1977 erschien THE KIDNAPPERS.

Nach langer Pause folgte 1989 mit OUTLAW eine Western-Saga (Kiefer war ein Western-Fan und hatte die Drehbücher zu dem Lee Van Cleef-Film DIE LETZTE RECHNUNG ZAHLST DU SELBST, 1967, VERGELTUNG IN CATANO, 1965, und THE LAST REBEL, 1971, geschrieben), die von 1870 bis 1968 spielt.

1990 erschien mit THE PERPIGNON EXCHANGE ein Nahost-Thriller, 1992 mit dem Wall Street-Thriller THE STANTON SUCCESSION sein letztes Buch.

DER LINGALA CODE ist inzwischen ein Klassiker des Polit-Thrillers, der literarisch und thematisch einen ganz besonderen Platz in der Geschichte des Genres einnimmt in seiner perfekten Verbindung zwischen Realität und fiktionaler Erzählung. Die erneute Lektüre nach über vierzig Jahren zeigte mir zudem, dass der Roman stilistisch nicht im Geringsten antiquiert ist. Er liest sich, als hätte ihn ein vortrefflicher gestern erst geschrieben.

In deutscher Übersetzung sind lediglich zwei Romane erschienen: DER LINGALA CODE bei Heyne, 1974 und THE STANTON EXPRESS als DER DRITTE KANDIDAT bei Bastei-Lübbe, 1993.


EINIGE EMPFEHLENSWERTE AFRIKA-THRILLER:

ALEXANDER, Patrick, Death of a ThinSkinned Animal, London, Macmillan, 1976.

ALLBEURY, Ted, The Girl from Addis, London & New York, Granada, 1984.
AMBLER, Eric, Dirty Story, London, Bodley Head, 1967.

BOYD, William, Brazzaville Beach, New York, William Morrow, 1990.

BROWNLEE, Nick, Snakepit, London, Piatkus, 2011.

CAPUTO, Philip. Horn of Africa, New York, Holt, Rinehart and Winston, 1980.

CARNEY, Daniel, The Whispering Death, Salisbury, College Press,1 1969.

CHASE, James Hadley, The Vulture is a Patient Bird, London, Hale, 1969.

CLIFFORD, Francis, The Blind Side, London, Hodder, 1971.

DRISCOLL, Peter J., The Wilby Conspiracy, New York & Philadel-phia, Lippincott, 1972.

FORSYTH, Frederick, The Dogs of War, London, Hutchinson, 1974.

FREEMANTLE, Brian, Target, Sutton, Severn House, 2000.

GRANGÉ, Jean-Christophe, Fug der Störche, 1994. U.a. desselben Autors.

HARTMANN, Michael, Game for Vultures, London, Heinemann, 1975.

LE CARRE, John, The Constant Gardener, 2001; The Mission Song, New York, Little, Brown and Company, 2006.

McCARRY, Charles, The Miernik Dossier, New York, Saturday Review Press,1973.

DONELL, Nick, An Expensive Education, London, Atlantic Books, 2010.

McNAB, Andy, Recoil, New York, Bantam, 2006.

MILLS, Kyle, The Lords of Corruption, New York, Vaguard Press, 2009.

QUINNELL A. J., Black Horn, London, Chapmans Publishers, 1994.

SILLITOE, Alan, The Death of William Posters, New York, Knopf, 1965.

SMITH, Wilbur, The Leopard Hunts in Darkness, London, Heinemann, 1984.

THOMAS, Ross, The Seersucker Whipsaw, New York, Morrow, 1967.

TYLER, W. T., Rogue’s March, New York, Harper & Row, 1982; The Lion and the Jackal, New York, Simon and Schuster, 1988.

WINGATE, William, Bloodbath, London, Hutchinson, 1978.

WOODHEAD, Patrick, The Secret Chamber, London, Arrow, 2011



NEW KIDS AT THE BLOG: DER LUZIFER VERLAG by Martin Compart

Voller Scham gestehe ich, dass ich den Luzifer-Verlag erst vor wenigen Monaten entdeckt habe. Das lag vielleicht daran, dass sich der Verlag zuvor vor allem in phantastischen Genres profilierte.

Ich entdeckte Luzifer erst durch die deutsche Ausgabe von Douglas Winters RUN, an die ich schon lange nicht mehr geglaubt hatte. Jedenfalls war der Verlag damit explosionsartig auf meiner Karte als junger Wilder. Tatsächlich scheinen Verlage wie zuvor Festa und jetzt Luzifer, andere Wege zu gehen als die etablierten Kleinverlage und Genres orientierte Großverlage.

Das wird schon an der für deutsche Verhältnisse revolutionären Cover-Art deutlich, die viel direkter und knalliger ist; eine Modernisierung der Paperback Original-Cover-Art der 1950er und -60er mit Einflüssen aus der Game-Kultur. Und natürlich erinnert es in den Motiven an die Ästhetik der amerikanischen Men-Adventure-Paperback-Serien der 1970er (deren „postmoderner“ – Höhepunkt vielleicht die INQUISTOR-Serie über den Killer des Vatikans von Martin Cruz Smith war). Diese brutal-direkten Cover haben den angenehmen Effekt, Leserinnen dröger Provinzkrimis schon im Ansatz zu vergraulen und Leser anzulocken, die zuvor gar nicht wussten, dass Literatur genauso spannend wie Games sein kann.

Luzifer ist für mich ein richtungsweisendes Modell, wie man künftig mit Genre-Literatur umgehen kann. Ich glaube, da wird von diesem Verlag nicht nur ästhetisch noch einiges zu erwarten sein.

Inhaltlich mag manches nicht gefallen (bei welchem Verlag ist das anders?); mir missfallen in der Regel ideologisch fragwürdige Texte, die autoritäre und neo-liberale Strukturen popularisieren. Aber vielleicht ist gerade das subversiv… Hier finden die Pop-Genres zurück zu ihren extremistischen Wurzeln – zwischen E.E.Smith, W.H.Hodgson und Dashiell Hammett. Pop-Literatur, die keine bourgeoise credibility fürs Feuilleton sucht.

Aber das Konzept von Luzifer ist avantgardistisch, weil es Genres oder Subgenres für ein jüngeres Lesepublikum erschließt. Da ist nichts von der betulichen Haltung mittelschichtiger Damenstifts-Krimis oder diese komatösen Noir-Präsentationen, die wie überholte religiöse Mythologien auftreten.

Genug der Spekulationen. Verleger Steffen Janssen gibt hier erstmal Einblick in seinen Verlag:

https://luzifer.press/

Wer ist Steffen Janssen? Wo kommt er her? Was hat er bisher gemacht?

Nun, bis vor wenigen Jahren war mein einziger Berührungspunkt mit dem Medium Buch, der des Lesers. Nach Abitur und Lehre als Hotelkaufmann (ich war des Lernens müde und verzichtete auf ein Studium), arbeitete ich einige Jahre als sog. Leitende Führungskraft im Einzelhandel (Aldi, Großbäckerei). Aus heutiger Sicht bezeichne ich diese armen Angestellten, die zwischen allen Stühlen stehen, lieber als lei(d)ende 24h-Sklaven.

Welche Bücher haben Sie geprägt?

Ich erinnere mich noch heute gern, bereits als 8-jähriger mit einem dicken Marmeladenbrot in der Hand die Indianer-Bücher (Die Söhne der großen Bärin) von Liselotte Welskopf-Henrich verschlungen zu haben. Später versuchte ich mich an Karl May, zu dessen Erzählweise ich aber keinen wirklichen Zugang fand. Die frühen Werke Stephen Kings (Bachmann) haben mich als Jugendlichen schwer begeistert und beeindruckt, sowie Barker, Koontz – und noch etwas genre-breiter Gordon, le Carré oder Bromfield.

Wie kam es zum Aufbau des Luzifer Verlages?

In 2011 wurde aus einer Laune heraus (auf die ich nicht näher eingehen möchte, sie lag im höheren Promillebereich), der Luzifer Verlag gegründet, mit der ursprünglichen Absicht, Horror-Anthologien zu veröffentlichen. Fandom-mäßig sozusagen. Sehr schnell wurde mir bewusst, dass die Devise nur heißen konnte: Ganz oder gar nicht.
Wofür ich mich entschieden habe ist heutzutage ja offensichtlich …

Der Verlag hat in den ersten Jahren ausschließlich Formen der Phantastik veröffentlicht. Wie kam es dazu, auch Thriller ins Programm aufzunehmen?

Persönliches Interesse und – ganz klar – wirtschaftliche Hoffnungen. Das Horror-Genre ist ja im deutschen Buchmarkt nicht als herausstechender Absatzgarant bekannt. Somit tastete ich mich ab 2013 ins Thriller-Genre hinein. Eine letztendlich sehr gute Entscheidung.

Unter den Autoren befinden sich inzwischen auch Angelsachsen. Lizenz und Vorschuss sind bekanntlich die geringsten Probleme. Aber die Übersetzung ist ein Posten, der häufig eine Kalkulation verhindert. Gerade bei einem kleineren Verlag wundert es mich, dass er das stemmen kann. Haben Sie da ein besonderes Rezept?

Vielleicht hatten wir einfach nur Glück, von Anfang an mit sehr engagierten und zuverlässigen Personen arbeiten zu dürfen. Ein Rezept habe ich nicht. Manchmal muss man einfach auch unmöglich erscheinendes wagen.

Mit S.Craig Zahlers zweiten Roman, Schatten über Totem Land, haben Sie auch einen neueren Noir-Thriller im Programm. Zuvor war Zahlers vierter Roman bei Suhrkamp veröffentlicht worden. Wie kam es dazu? Wusste Suhrkamp nicht, dass Zahler zuvor bereits drei Romane veröffentlicht hatte? Und erwägen Sie, auch die beiden früheren Werke ins Programm aufzunehmen?

Zahlers Roman war/ist ein doppeltes Wagnis für uns. Das Werk ist recht anspruchsvoll in der Übersetzung und in einem sehr schwierigen Genre beheimatet (Western-Setting). Die Lizenz „schnappten“ wir uns erst, als geklärt war, dass Madeleine Seither die Übersetzung übernehmen würde, die bereits unsere sehr erfolgreichen Sarah-Weston-Romane von Daphne Niko ins Deutsche übertragen hatte. An dieser Stelle nochmals ein ganz großes Dankeschön an Madeleine!
Zu weiteren Übersetzungen von Zahler kann ich derzeit noch nichts sagen. Wir müssen erst einmal schauen, wie dieses Werk funktionieren wird.

Sind weitere Noir-Romane geplant?

Es sind 2-3 Titel respektive Autoren auf unserer Wunschliste.

Wie haben Sie Winters RUN entdeckt?

RUN war eine interne Empfehlung unseres Grafikers Michael Schubert, der mich einige Zeit mit diesem Vorschlag „nervte“, bis ich schließlich einknickte, den Einkauf absegnete und meiner Frau erklärte, dass es in jenem Jahr keine Weihnachtsgeschenke geben würde …

Seit Chris Ryan und Andy McNab gibt es international einen kleinen Trend zum Commando-Thriller. Sie haben (u.a, Ryan) da auch einiges im Programm. Wird das vom deutschen Markt angenommen?

Erstaunlicherweise ernten diese Titel bisher mehr Schmach als Ruhm, verkaufen sich dennoch hervorragend. Das Ganze erinnert mich ein wenig an die Porno-Schmuddelhefte der Achtzigerjahre, die man an den Toilettenanlagen und Duschen der Autobahnraststätten unter der Theke hervor erstehen konnte.

Können oder wollen Sie einen Ausblick geben, was Sie im Thriller-Bereich planen und vorhaben?

Wir werden in der nächsten Zeit vorrangig unsere begonnenen Serien fortführen und hier und da für uns neue Richtungen antesten (FBI-Thriller, Umwelt-Thriller). Das Genre Thriller im Allgemeinen wird definitiv den „harten Kern“ zukünftiger Luzifer-Publikationen bilden.

Deutschsprachige Rezensionen zu RUN:

https://www.derbund.ch/kultur/buecher/ein-actionthriller-wird-zum-lehrstueck-ueber-gewalt/story/22808654

https://martincompart.wordpress.com/category/douglas-e-winter/



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: SCHATTENLICHTER von THEODORE ROSZAK by Martin Compart

Ein junger Filmstudent auf den Spuren eines vergessenen Kultregisseurs. Rätselhafte Symbole in alten Stummfilmen. Eine mächtige Bruderschaft, die ihre Novizen in der Kunst des Filmhandwerks unterweist. Ein Geheimnis, das die Grundfesten unserer Welt erschüttert…

SCHATTENLICHTERs Ich-Erzähler ist der junge Filmstudenten Jonathan Gates, der in den fünfziger Jahren in einem Kellerkino in Los Angeles seinen ersten Film des vermeintlichen B-Movie-Regisseurs Max Castle sieht, dessen Ästhetik ihn im Folgenden nicht mehr loslässt. Was Gates in den Filmen von Castle sah, verweist nach jahrelangen Recherchen auf einen Orden hin, der seit den Anfängen religiöser Erfahrung existiert, älter als das Christentum ist und immer dann aktiv wird, wenn bewegte Bilder eine Rolle spielen.
Aber welche Rolle spielte der überaus intelligente Castle dabei? Und was wollen die „Sturmweisen“ wirklich?
Gates macht sich auf die Suche nach einer Antwort — und findet Unglaubliches heraus…

Film als Verschwörung!

Angesichts der heutigen Mediendiskussion für und gegen die Manipulation der Massen (jüngstes Beispiel ist die Verarschung durch die Mächtigen in der „Skripal-Affäre“ um Stimmung gegen Russland zu erzeugen – denn sowohl Amerikaner wie Briten haben medial nicht intensiv  nachgefragten Zugang zu Nowitschok –  um Rüstungsausgaben anzuheizen; da ist das Establishment wieder ähnlich beweistüchtig wie bei Saddams „Vernichtungswaffen“ und Gaddafis „Massenmord“ ) ein noch immer aktueller Hintergrund für einen schon klassischen Noir-Conspiracy-Thriller.
Für einen Roman wie diesen, gibt es keinen mir bekannten Vergleich. Dazu weiter unten.

Neben der spannenden Handlung erzählt der Roman auch noch Filmgeschichte vom Stummfilm bis zur Nouvelle Vague in so wunderbarer Form, dass Film-Aficionados alleine schon deshalb das Buch lieben. „Theodore Roszak schafft es jedenfalls, alle Strömungen, die die Wahrnehmung des Kinos im letzten Jahrhundert bestimmt haben, auf pfiffige Weise aufzugreifen, und was sein Held dabei an Kulturpessimismus entwickelt, wird ihm am Ende geradezu zum Verhängnis.“ (FAZ, 20.10.2005)  Pfiffig wie die FAZ. Aber wie oft bei Ausnahme-Thrillern, ist auch hier der Weg das Ziel. Ein Weg, der rund um den Globus und zu behexenden Charakteren führt.

SCHATTENLICHTER ist auch eine Art parzifalesker „Bildungsroman“ des Ich-Erzählers und die Sozialisationsgeschichte eines Cineasten. Dafür nimmt sich Roszak jede Menge Zeit, ohne auch nur eine Seite zu langweilen (ausgenommen natürlich für Leser, die sich nicht für kulturgeschichtliche Hintergründe interessieren, aber die greifen sowieso eher zu deutschen- oder skandinavischen Provinz-Krimis).
Denn Roszak erweist sich als großartiger Romancier, der filmisches Detailwissen, witzige Beobachtungen und unvergessliche Charaktere mit einem treibenden Plot verbinden kann. Neben verschlüsselten Personen lässt der Autor auch unverschlüsselte Heroen der 7.Kunst auftreten, wie Orson Welles oder Edgar Ulmer.

Aber es ist auch ein Roman, der sein Publikum spaltet: Entweder man liebt ihn, oder man kann nichts mit ihm anfangen und ist gelangweilt. Wer nicht nach den ersten zwanzig Seiten Blut geleckt hat, sollte auf die restlichen 850 verzichten.

An seinen Formulierungen habe ich große Freude:

„Er (der Mythos) war in unser Bewusstsein eingesickert, als hätten wir Schmutz verschluckt.“

„Kunst durfte nur über den urteilsfähigen Verstand in unser Leben treten, sonst sei sie nicht mehr als eine Droge.“

„…die Studios brauchten jemanden, dessen natürlicher Lebensraum die kinematografische Müllkippe war.“

„Ohne Ästhetik keine Ethik“

„Ich beneidete Claire um die unbekümmerte Art ihrer Verachtung.“

„Überzeugt von der geistigen Brillanz meiner Lehrerin – und angesichts meiner eigenen, eher mittelmäßigen Begabung – war ich bereit, als perfektes Trägermedium zu fungieren.“

Da viele Rezensenten gerne Autorenvergleiche (immer gerne genommen: Dan Brown) zu dem Buch bilden, möchte ich auch einen abliefern: Als hätten Mark Fisher und Umberto Eco bei diesem Roman kooperiert. Tatsächlich ist Umberto Eco der einzige Autor, der mir zu Roszak einfällt: Ein ähnlicher professoraler Hintergrund und eine ähnliche Herangehensweise an die eigene fiktionale Tätigkeit, die im hohen Maße kulturgeschichtliche Betrachtung und Analyse miteinschließt.

Der Autor war ein ungewöhnlicher Mann, der die Verschwörungen in den USA stets durchschaute: Geschichtsprofessor Theodore Roszak(1933-2011) von der Berkeley University nennt in seiner sozio-politischen Betrachtung ALARMSTUFE ROT-AMERIKAS WILDWEST-KAPITALISMUS BEDROHT DIE WELT (Riemann Verlag) Gruppierungen: Die Corporados, Wirtschaftsmagnaten, deren Gier keine Grenzen kennt, Killer-Ceos, die sich jenseits aller Gesetze wähnen und dem Sozialdarwinismus huldigen, die Triumphalisten, die ihr Heil in der militärischen Aufrüstung suchen und nicht zuletzt die religiösen Fundamentalisten, die eine christliche Weltordnung herbeibomben wollen – wenn es denn sein muss.

Roszak war der Erste, der sich wissenschaftlich der Jugendrevolte der 1960er Jahre genähert hatte. 1968 versuchte er mit The Making of a Counter Culture den Intellektuellen der älteren Generation die Jugendbewegung zu erklären. Weitere Sachbücher folgten, in denen er die Ökopsychologie entwickelte, „die er als eine Synthese von Ökologie und Psychologie in einem neuen wissenschaftlichen Paradigma begründete. Dabei betrachtete er auch den Zusammenhang von zunehmender Zerstörung des Planeten Erde und den psychischen Befindlichkeitsstörungen vieler Menschen“(Wikipedia).

Seit der amerikanischen Wiederveröffentlichung steht eine geplante Verfilmung in den Branchenblättern. Dabei sollte Darren Aronofsky Regie führen und Jim Uhls (FIGHT CLUB nach Chuck Palahniuk) das Drehbuch schreiben. Nach der Lektüre des ersten Entwurfs von 2004 schrieb ein Insider über Uhls Werk: „Auf der ersten Seite war bereits Roszaks Name falsch geschrieben – von da an ging´s bergab.“

SCHATTENLICHTER
Originaltitel: Flicker, 1991.
Aus dem amerikanischen Englisch von Friedrich Mader
878 Seiten, Heyne-Verlag, 2005.

P.S.:
In seinem Essay über das Buch, SECRET MOVIES, sieht Dennis Cozzalio den Roman dem Horror-Genre zugehörig:

Three years ago I was commissioned to write about Flicker for writer Bill Ryan’s annual October consideration of horror at his great blog The Kind of Face You Hate. I had to admit, I never really thought of Flicker as a horror novel in the strictest sense while I was immersed in it– the first half reads more like an indulgent orgy of movie lore woven expertly into a pleasingly reluctant, expertly teased detective story. But the book certainly qualifies as horror in that it shares the obsessive nature of its protagonist, film historian Jonathan Gates, who follows the decaying nitrate trail of long-forgotten genre filmmaker Max Castle (apparently at least partially inspired by Ulmer and his travails, from set designer for a series of great German films– Nosferatu and Metropolis included– to a career as a subversive director of Poverty Row B-movies) all the way down the rabbit hole, beneath the deceptively tacky first layer of the director’s strangely seductive imagery and into a nightmare world of secret movies. Here, bathed in the sinister interplay of shadows and light, where something always seems to be just hidden from view, the hooks of the past are set, dragging the academic, and us, into a present where Castle’s subliminal text is developing, with the help of a mysterious religious sect and a newly emerging cult phenomenon by the name of Simon Dunkle, into malignant foreground. Flicker‘s vampires and creatures of the night may remain locked in tattered celluloid, the remains of Max Castle’s oeuvre, but like Castle’s mysterious technique, known as the flicker, Roszak’s book gets under your skin, makes you shiver, and makes you think about how elastic the horror genre really can be.



RUN von DOUGLAS E. WINTER – ein Klassiker des NOIR-THRILLERS by Martin Compart

Ein illegaler Waffendeal.

Ein Attentat.

Und ein Bauernopfer, das zwischen alle Fronten gerät.

Burdon Lane lebt den Amerikanischen Traum. Sein Job ist es, regelmäßig Waffen dorthin zu liefern, wo sie gebraucht werden – in jene amerikanischen Problemviertel, in denen sich die Bewohner mit besonderer Regelmäßigkeit gegenseitig erschießen und wo die Behörden gern eine Auge zudrücken. Ziel seiner jüngsten Lieferung ist es, zwei verfeindete Straßengangs in Harlem zu bewaffnen. Das System ist erprobt und todsicher. Was Burdon jedoch nicht weiß: Die Regierung hat bei diesem Deal ihre Hände im Spiel. Und was die Behörden nicht wissen: Der Deal ist nur ein Vorwand für einen weitaus perfideren Plan.

Als der Deal platzt, bricht die Hölle los. Plötzlich erschießen die Waffenhändler ihre eigenen Leute, die Cops scheinen keine echten Cops zu sein, und als sich der Pulverdampf verzieht, ist Burdon Lane plötzlich auf der Flucht – vor seinen Auftraggebern, den Feds, und so ziemlich jedem Cop entlang der Ostküste. Mit zwei Millionen Dollar, einem ungewöhnlichen Verbündeten, und jeder Menge Waffen.


RUN – SEIN LETZER DEAL
Luzifer Verlag, 2018.
350 Seiten;7,99 € (eBook) – 13,95 € (sehr schöne Klappbroschur)
ISBN: 978-3-95835-284-1
Aus dem Amerikanischen von Peter Mehler

https://luzifer.press/produkt-kategorie/thriller/

 

Es mag seltsam klingen, aber mit diesem Titel ist für mich die Messlatte für alle weiteren in diesem Jahr noch erscheinenden Hardboiled-Noir-Thriller um einiges nach oben gerutscht. Lange keinen stilistisch oder inhaltlich so konsequent durchexerzierten Actionthriller mehr gelesen“, kommentiert Jörg K, den Roman RUN von Douglas E. Winter bei AMAZON.

Ich kann mich ihm nur anschließen.

Douglas E. Winter, geboren 1950, ist hauptberuflich Anwalt in Washington und hat sich seit Jahrzehnten als Kritiker, Essayist und Anthologist für Weird Fiction profiliert. Außerdem schrieb er Biographien über Stephen King und Clive Barker und Kurzgeschichten, deren stilistisches Bewusstsein auffällig war.

Leider ist RUN sein bisher einziger Roman.

Er ist Partner in the international ausgerichteten Kanzlei Byran Cave und lebt in Oakton, Virginia. In einem Interview (in LOST SOULS), kurz vor der Veröffentlichung von RUN, sagte er: über sein Schreiben, mit dem er bereits als Kind begonnen hatte:

„I would create stories about very fantastic things because those were the things that appealed to me. They served as an escape, to a certain extent, and also, just a way of expressing those things inside that were my peculiar way of looking at the world. I’m literally putting the finishing touches on a novel. It’s called RUN.
I’ve been writing this book for a couple of years. It’s finished but I’m still.noodling the last three chapters. I’m an unrepentant editor and reviser… I I’ve written it without a safety net — without a contract. Something I haven’t done for 15 years. It was a wonderful and yet very anxious experience. I wrote the first half and then polished the hell out of it, put it into what I consider to be final form, and sent it to my agent just to make sure I was going down the right path. He thought I was doing all right, so that made it much easier to devote time to doing the second half, and doing it right… I think most people would consider the book to be a criminal suspense novel or a thriller. It concerns gun running, it concerns gangs, it concerns the problem of guns. The meaning weapons have in our current culture. It’s very violent and very ugly. Horrific as I said. I think it’s funny and my wife thinks it’s funny as well. It’s set in what I think is a very real world. It’s a world in which there aren’t good guys and bad guys — as my agent says, there are just bad guys and worse guys. And I think that’s appropriate based on what I’m trying to say in this particular book.”

Der Roman ist in der ersten Person Präsenz aus der Perspektive des Protagonisten Burdon Lane geschrieben. Manchmal strömt es als stream-of-consciousness aus ihm heraus und gibt dem Leser authentischen Einblick in seine Welt (Kerouac lässt grüßen), seine Gefühle und seinen Noir-Code.
Die Story spielt innerhalb von 24 Stunden und legt ein rasantes Tempo vor, die dem Leser einsaugt und unmittelbar teilhaben lässt. Winter beschleunigt suggestiv bis zum blutigen Finale und macht RUN zu einem Noir-Thriller der Extraklasse, zu einem frühen Genreklassiker des 21.Jahrhundert (die Originalausgabe erschien bereits 2000; ich habe den Roman seitdem in meiner Bibliothek und nicht mehr damit gerechnet, dass ein deutscher Verlag ihn veröffentlichen wird).

Weird Fiction-Experte Hank Wagner fand folgende Vergleiche: „Traces of Donald Westlake/Richard Stark, James Ellroy, Jim Carroll, William Goldman, Donald Goines, Quentin Tarantino and John Woo are evident, all filtered through Winter’s unique sensibilities. As such, the book transcends those influences. Winter delivers an explosive tale of loyalty and betrayal, one which simultaneously honors and elevates the thriller genre.” Der eigenwillige Ton, in dem Lane über seine Welt berichtet, erinnert auch an Jim Thompson-Erzähler, die nicht Lou Ford sind. Ich finde diese Erzählerstimme faszinierend, glaubhaft und höchst kunstvoll. Für Leser, die sie nicht mögen, sich nicht auf sie einlassen wollen oder können, taugt das Buch nicht, denn es steht und fällt mit seinem Sound.

Die Fluchtgeschichte packt einen und lässt nicht mehr los. Schließlich hat man nach anfänglichen Schwierigkeiten zumindest Empathie für den „Helden“. Und der atemlose Thrill der Hetzjagd integriert sich organisch in die düstere Welt, die uns Winter vorführt. Bevölkert ist diese Welt von ebenso glaubhaften wie unangenehmen Personen, denen der Autor aber nicht ihre Menschlichkeit nimmt. Außerdem strotzt das Buch vor Fach- und Insiderwissen, aus denen sich für die Handlung immer neue Twists entwickeln.

2011 war eine Verfilmung durch die Gotham Group mit Lindsey Williams als Producer und John Cusack als Hauptdarsteller im Gespräch. Daraus ist bisher nichts geworden, deutet aber darauf hin, dass die Filmrechte blockiert sind.

Der Roman hat in seiner Gesamtheit eine völlig eigene Stimme und gehört in den Kanon der großen Noir-Thriller.

Mark Timlin ist absolut zuzustimmen, wenn er sagt: »RUN ist zweifellos einer der besten Romane über Gewalt, die ich je gelesen habe … Bei Winter sitzt jedes Wort, und selbst wenn er nie wieder etwas zu Papier bringen sollte, hat er sich damit selbst eine Nische zwischen den besten Kriminalautoren dieser oder jeder anderen Generation geschaffen.« [im Independent on Sunday]



JOSHUAHS ERBEN: DANIEL SILVA UND SEINE MOSSAD-SERIE by Martin Compart

Auf den ersten Blick wirkt er einfach nur harmlos und nett. Wie ein netter Kunstprofessor, der kein Wässerchen trüben kann. Einer, der seinen Eltern immer Freude und nie Probleme gemacht hat. Aber genauso wie sein Held Gabe Allon eine Doppelexistenz als Kunstrestaurator und Mossad-Killer führt, hat auch Daniel Silva eine andere, knallharte Seite.

„Ja, 9-11 war gut für den Thriller. Ich habe damals von meinem Haus in der Nähe von Washington D.C. die Rauchwolke über dem Pentagon gesehen.“ Daniel Silva ist kein Zyniker, jedenfalls nicht komplett. Nach Eric Amblers bekanntem Statement, dass der Thriller die letzte Zuflucht für Moralisten sei, hat sich Silva das Genre ganz bewusst gewählt. „Ich konnte mir als Schriftsteller nie etwas anderes vorstellen, als Spionageromane, bzw. Thriller zu schreiben. Als Kind des kalten Krieges war ich immer an Militärgeschichte und Spionage interessiert.“ Inzwischen ist Silvas Panoptikum ein umfassendes politisches Zeitgemälde, das uns Opfer, Täter, Mitläufer, Rächer und die totalitären Strömungen der Gegenwart vermittelt.

Er hat das Talent eines Frederick Forsyth, reale Ereignisse detailliert zu recherchieren, spannend darzustellen und in eine rasante Thrillerhandlung umzusetzen. „Ich recherchiere, bis ich blind bin. Ich packe den Tank mit soviel Recherchematerial wie möglich voll. Aber dann übernimmt die Imagination und ich öffne eine geistige Tür um einen möglichst unterhaltsamen Roman daraus zu machen.“
Der Piper Verlag, der Silva im deutschsprachigen Raum veröffentlicht, setzt damit eine lange Tradition fort: Piper veröffentlichte bei uns den ersten Frederick Forsyth und war bis in die 1980er Jahre der Stammverlag von Ulf Miehe. Die Übersetzungen sind allesamt hervorragend. Was nicht wundert: Sein Übersetzer (bis einschließlich TERRORNETZ) ist der alt gediente Thriller-Crack Wulf Bergener, der sein Metier meisterlich beherrscht. Fast alle Bücher haben im Anhang Anmerkungen des Autors zu den zeitgeschichtlichen Hintergründen der Romane, die auch in den deutschen Ausgaben erhalten sind.

Rasanz ist eine der treffendsten Bezeichnungen für seine Romane: sie gehen höllisch ab und lassen den Leser nicht mehr aus den Klauen. Manchmal brauchen sie etwas Zeit um in Fahrt zu kommen. Als Ausgleich dafür bekommt man faszinierende Beschreibungen der Handlungsorte und Details über die geheime Welt. Seine sorgfältige Recherche und breite, nie langweilige, Darstellung von Techniken oder Prozessen erinnert ebenfalls an den Altmeister. Silva legt allerdings etwas mehr Wert auf die genaue Charakterisierung seiner Personen. „Ich sehe mich als ernsthafter Schriftsteller, der Thriller schreibt.“ Als ob es heutzutage noch viele ernstzunehmende Schriftsteller gäbe, die nicht Genreliteratur schreiben.

Wer den arabisch-israelischen Konflikt wirklich verstehen will, kommt an Silva nicht vorbei. In seinen Thrillern erfährt man mehr und vieles intensiver als in Sachbüchern. Einmal mehr gilt das Theorem vom Thriller als eine der letzten Bastionen der Aufklärung (die menschenverachtende Globalisierungsideologen und ihre politischen Handlanger am liebsten ungeschehen machen möchten). Silva zeigt die Paranoia eines Landes, das sich permanent im Kriegszustand befindet und welcher Wahnsinn daraus resultieren kann. Er zeigt auch die Machtkämpfe innerhalb des Systems, lässt aber keinen Zweifel an der Existenzberechtigung Israels. Genauso wenig, wie er einem Palästinenserstaat die Existenzberechtigung abspricht. Die Tragik des Dauerkonflikts schwingt schon im ersten Allon-Roman, DER AUFTRAGGEBER, mit: Protagonist und Antagonist agieren aus fast identischer, nachfühlbarer Motivationslage. Beide haben ihre Familie durch die Gegenseite verloren.

Geboren wurde Silva 1960 in Michigan, aufgewachsen ist er in Kalifornien. Nach dem Studium wurde er erst Reporter für UPI, dann Korrespondent für CNN. Dort wurde er schließlich Producer der Talk Shows. Sein altes Gewerbe sieht er heute zynisch, wenn er den Mossad-Chef sagen lässt: „Für ihn waren Nachrichtenmedien nur eine Quelle der Unterhaltung oder eine Waffe, die sich gegen seine Feinde einsetzen ließ.“
Für UPI arbeitet er bis Mitte der 1980er als Washingtonkorrespondent, danach wurde er Korrespondent für den Mittleren Osten mit Sitz in Kairo. Als er über den 1.Golf-Krieg berichtete, lernte er 1987 seine Frau Jane Gangel, Korrespondentin für NBCs Today Show, kennen. Sie heirateten im selben Jahr. 1994 erzählte er ihr von seinem großen Traum, Thrillerautor zu werden. Sie ermunterte ihn und Silva begann 1995 mit seinem ersten Roman. Es entstand der Weltkriegs II-Thriller THE UNLIKELY SPY (DOUBLE CROSS-FALSCHES SPIEL), der 1997 erschien und es auf die Bestsellerliste der New York Times brachte. Sie leben noch immer in Georgetown.

Ihre beiden Kinder, Lily und Nicholas, sind im Teenageralter und begleiten die Silvas oft auf Recherchereisen. „Wenn sie nach den Ferien dann den üblichen Aufsatz schreiben mussten: Was habe ich in den Sommerferien getan, schrieben sie mal; Ich habe meinem Vater dabei geholfen Orte zu finden, in denen man Leute umbringen kann.“
Er ist ein effizienter Thriller-Autor, der gleichzeitig Suspense aufbaut, das Tempo steigert, seinen Figuren Leben einhaucht und zeitgeschichtliche Vorgänge analysiert. Seine Nebenfiguren sind faszinierend, da sie die Eigenheiten ihres jeweiligen Kulturkreises widerspiegeln und nicht in Klischees erstarren. Souverän beherrscht er sein Material, spinnt geschickt Subplots um alles im Finale explodieren zu lassen. Manchmal spielt er mit dem Wissensvorsprung des Lesers gegenüber Allon – wie es Hitchcock so gerne hatte. Silva kennt jeden Trick seines Handwerks und wird immer besser, ohne je wirklich geschwächelt zu haben. Man merkt die harte Arbeit nicht, die er in seine Bücher steckt.

„Das Schreiben ist nach 13 Romanen nicht leichter geworden – eher im Gegenteil. Da ist keine Romantik dabei. Ich veröffentliche jedes Jahr ein Buch. Das bedeutet, sechs Monate Recherche und sechs Monate schreiben. Ich sitze jeden Morgen um Punkt sechs an meinem Schreibtisch. Sieben Tage die Woche. Ich setze mich selbst unter Druck. Wenn mir ein Leser sagt: Ihr letztes Buch war Ihr bisher bestes, heißt das für mich: Jetzt muss ich ein noch besseres schreiben.“

Ganz auf der Höhe der Zeit, nutzt er auch Katastrophenszenarios wie wir sie durch die US-Serie 24 kennen: Im TERRORNETZ zum Beispiel wird der Petersdom durch einen Terroranschlag fast in eine Ruine zerlegt. Die Plots sind so perfekt gebaut, alle Teile greifen ineinander, dass man genaueste Planung vermutet. Falsch: „Normalerweise mache ich nur für das erste Drittel eine Outline. Wenn ich es geschafft habe, dass die Geschichte auf dem Papier lebt, lasse ich die Figuren übernehmen. Das heißt: Sie müssen unter dem immensen Druck einer Situation Entscheidungen treffen. Die Bücher entwickeln sich immer anders, als ich geplant habe. Einmal habe ich eine komplette Outline für einen Roman gemacht. Das Endprodukt hatte mit dem Exposé kaum noch etwas zu tun.“

Einige Kritiker verglichen Silva mit John Le Carré. Das ist bedingt nachvollziehbar. In manchen Charakterisierungen der Nebenfiguren und Formulierungen erinnert er zuweilen an LeCarré. Aber Silva ist weniger elaboriert. Wo LeCarré durch seitenlanges selbstverliebtes Formulieren die Handlungen retardiert, herrscht bei Silva wohltuende Selbstdisziplin um den Ereignisverlauf voran zu treiben. Im Vergleich mit Silvas Spionageromanen sind deutsche- oder skandinavische Thriller ästhetisch und intellektuell so aufregend wie die monatlichen Sitzungen eines SPD-Ortsvereins.

Seinen Durchbruch hatte Silva 2000 mit DER AUFTRAGGEBER (THE KILL ARTIUST), dem ersten Band seiner Serie über den israelischen Agenten Gabriel Allon. „Das vermeintlich glamouröse Leben eines israelischen Geheimagenten bestand in Wahrheit aus nahezu rastlosem Reisen und stumpfsinniger Langeweile, nur gelegentlich unterbrochen von kurzen Phasen blanken Entsetzens. Gabriel Allon hatte mehr solche Phasen erlebt als die meisten Agenten.“

Gabriel Allon ist ein Killer des Mossad. Er hat deutsche Vorfahren; seine Großeltern stammten aus Berlin. Sie wurden in Auschwitz ermordet und nur seine Mutter überlebte. 1972 wurde er als junger Kunststudent vom Dienst rekrutiert um die Olympia-Attentäter zu verfolgen und zu töten. Nachdem er sechs Terroristen getötet hatte, „war Gabriel an den Schläfen ergraut und sein Gesicht um zwanzig Jahre gealtert“. Er gilt als einer der besten Restauratoren für klassische Kunstwerke. Ein perfektes Cover um sich an allen möglichen Orten herum zu treiben. Als Agent ist er gefangen in einer Parallelwelt der Verdammten.

Die Serie beginnt mit einer Tragödie. Gleich am Anfang von THE KILL ARTIST (DER AUFTRAGGEBER) werden sein Sohn und seine Frau von einer Bombe zerfetzt. Seine Frau überlebt zwar, ist aber traumatisiert und leidet unter Amnesie. Danach ist Gabriel natürlich nicht mehr derselbe. Die Verwandlung zum byronschen Helden, die Kingsley Amis auch bei James Bond ausgemacht hat, ist abgeschlossen. Er unterliegt Stimmungsschwankungen, neigt zur Melancholie und ist ein überzeugter Misanthrop. Ein Mann mit Widersprüchen: als Restaurator ist er ein Heiler, als Killer ein Zerstörer. Er ist nicht nur intelligenter als 007, er ist auch in seinen Haltungen unabhängiger von Vorgesetzten oder staatlichen Doktrinen, im Gegensatz zu 007 neigt er zu Sentimentalitäten.

11326632nIn DER AUFTRAGGEBER herrscht er seinen Chef an, der ihn mit Rachemotivation zurück in den Dienst manipulieren will: „Haben Sie nichts dazu gelernt? Wir haben dreizehn Mitglieder des Schwarzen Septembers liquidiert, aber das hat keinen unserer in München ermordeten Jungs wieder lebendig gemacht.“ Trotz seiner Fähigkeiten, die Allon ganz klar in die Tradition der Super Spys à la James Bond einreihen, hat er viel von einem Anti-Helden: Er leidet darunter in einer Welt gefangen zu sein, die er nicht gewählt hat und so nicht akzeptieren will. Es sind die tiefen Verletzungen des Jüdischen Volkes, die ihn immer wieder mobilisierbar machen um weiteres Leid von seinem Volk abzuwenden. Aber er ist weder Politiker noch debiler Propagandist und erkennt deshalb genau, dass auf arabischer Seite ähnlich tiefes Leid herrscht.

Allon ist die High-Tech-Version des wandernden Juden. Bei aller Liebe und Verantwortung für den Staat Israel bewahrt er seine persönliche Würde und Unabhängigkeit. Der Erfolg Allans traf Silva unvorbereitet: „Ich hätte nie erwartet, dass das Publikum einen Mossad-Agenten als Serienhelden akzeptiert. Ich hatte ihn auch nicht als Serienhelden geplant. Man musste mich dazu überreden. Gott sei Dank. Heute ist Gabriel eine echte Person. Er existiert für mich wirklich.“ Inzwischen gönnt sein Autor ihm etwas Glück: Im 7.Roman lässt er ihn wieder heiraten.

Allons Hintergrund ermöglicht seinem Autor bildende Kunst in allen Aspekten abzuhandeln. Kunstraub ist ein Thema, dass ihn stark beschäftigt: „Jeden Tag wird irgendwo ein Kunstgegenstand geraubt. Und die meisten tauchen nie wieder auf. Höchstens ein Zehntel. Es gibt diese Tendenz, Kunstdiebstahl zu bagatellisieren. Dabei verschwinden jährlich Kunstwerke für vier bis sechs Milliarden Dollar! Nach INTERPOL steht Kunstdiebstahl auf Platz vier der lukrativsten Verbrechen. Hinter Drogen-, Waffenhandel und Geldwäsche.“

Entscheidend für seine Romane sind der Nahostkonflikt und der Kampf gegen den Terrorismus. In DER SCHLÄFER (PRINCE OF FEAR) liefert er darüber hinaus einen brillanten Abriss der Geschichte dieser scheinbar endlosen politischen Katastrophe. In THE KILL ARTIST war Gabriel Allon eine Art Bodyguard für Yasir Arafat während der Osloer Friedensverhandlung. „Es wurde in einer Zeit großer Hoffnungen geschrieben, PRINCE OF FEAR in einer Zeit des Terrors und der Verzweiflung. Es ist vielleicht so etwas wie ein Endpunkt. Ich habe mich sehr darum bemüht, beiden Seiten gegenüber gerecht zu sein. Ich wollte in einem Mikrokosmos das Leiden sowohl der Araber wie auch der Juden zeigen.“

Von der Kritik hoch gelobt sind Silvas Antagonisten. Seit John Buchan weiß man: je besser die Bösewichter, um so besser der Thriller. „Die Saudis zum Beispiel sind perfekte böse Buben für einen Thriller: Sie verfügen über unendliche ökonomische Mittel, können die ganze westliche Welt mit ihrem Öl erpressen, sind angebliche Verbündete und gleichzeitig ideologische und finanzielle Unterstützer des islamistischen Terrors.“ Nichts bleibt von diesem „Schlüsselkonflikt“ unberührt: „Der Iran wäre nicht dazu in der Lage, Atomwaffen zu entwickeln, wenn nicht insbesondere deutsche und Schweizer Firmen die Nukleartechnologie geliefert hätten. Die waren tief verstrickt in das Atomschmuggel-Netzwerk von A.Q.Kahn. Alles nur aus Geldgier.“

Europa und besonders Österreich und noch mehr die Schweiz kriegen bei Silva regelmäßig die Leviten gelesen. „ Bei den Recherchen zu DER ENGLÄNDER traf ich den Präsidenten einer Schweizer Bank, der mir sagte: Was Sie begreifen müssen, ist dass die Schweiz ein Unternehmen ist und wie eine Firma geführt wird… Die Schweiz kooperierte mit Hitler, weil es gut für das Geschäft war. Heute bestreitet sie jede Schuld, weil das Zugeben irgendwelcher Verstrickungen schlecht für das Geschäft ist. Ich denke, das Europa ein bisschen vom Kurs abgekommen ist. Der alte Kontinent hat ein demographisches Problem. In allen Ländern Westeuropas ist die Sterberate höher als die Geburtsrate. Gleichzeitig erhöht sich die Geburtenrate der muslimischen Bevölkerung rapide. Europa wird in naher Zukunft einige schwierige Entscheidungen treffen müssen. In Frankreich, Dänemark und Großbritannien ist dieser Prozess bereits im Gange. Ich hoffe, er wird friedlich verlaufen, aber sicher bin ich mir nicht.“ In THE SECRET SERVANT thematisiert Silva perspektivlose jugendliche Islamiten, die am Rande der westlichen Gesellschaften leben und durch ihre Frustrationen ein unerschöpfliches Reservoir an Nachwuchs für Extremisten und Terror-Organisationen sind.

Auch die Vergangenheit, die in die Gegenwart hinein wirkt, bietet Silva Themen. DER ZEUGE (A DEATH IN VIENNA) ist der Abschluss einer „nicht geplanten Trilogie“ über das Nichtaufarbeiten von Nazi-Verbrechen im Zusammenhang mit dem Holocaust. In DER ENGLÄNDER sind Kunstraub und die Kollaboration der Schweizer Banken der Hintergrund, in THE CONFESSOR (DIE LOGE) das Verhalten von Papst Pius XII. „Dass einige der schlimmsten Verbrechen der Geschichte nie gesühnt wurden treibt mich um. Ich wollte zumindest fiktional die Schuldigen bestrafen und Gabriel Allon war mein Instrument. Vielleicht war ich vor DER ZEUGE etwas naiv, aber mir war nicht wirklich klar, wie tief die Katholische Kirche darin verwickelt war, Nazi-Verbrechern zur Flucht zu verhelfen und Wien ist für mich ein natürlicher Handlungsort für flüchtige Nazis. Österreicher waren überproportional in der SS vertreten.“
Der Kalte Krieg veränderte und pervertierte alle Maßstäbe, die die Westalliierten zuvor behauptet hatten. In diesem Buch ist die fiktive Erinnerung von Allons Mutter, eine Überlebende von Auschwitz und des Todesmarsches von Birkenau, von erschreckender Kraft und Authentizität. „Dieses fiktionale Zeugnis war mit das Schwierigste, das ich je geschrieben habe. Ich hatte danach noch Monate Alpträume.“

DIE LOGE ist einer der besten Vatikan-Thriller. Silva sieht die Katholische Kirche als das was sie ist: Die langlebigste Bürokratie und machtpolitische Organisation Europas (die sich nicht nur die Mafia als strukturelles Vorbild gewählt hat) mit einer langen antisemitischen Tradition, geprägt von den brutalsten Machtkämpfen und Expansionsbestrebungen. Kein Nazi-Verbrecher wurde je von Pius XII exkommuniziert, dagegen aber 1949 weltweit alle Kommunisten. Er sprach sich gegen die Nürnberger Prozesse aus und – zumindest – tolerierte gleichzeitig die Rattenlinie als Fluchtorganisation für Nazi-Verbrecher. Im Roman will ein neuer Papst diese dunkle Vergangenheit der Kirche ans Licht bringen, sehr zum Unbehagen der fiktiven katholischen Geheimloge Crux Vera. Da muss dann ein jüdischer Geheimagent auch noch das Leben des christlichen Oberhirten retten. Mehr Aussöhnung kann man wirklich nicht verlangen.

DER ZEUGE (A DEATH IN VIENNA) thematisiert auch die Anwerbung von Nazi-Verbrechern durch die CIA. Für Silva ein Ansatz um zu zeigen und zu warnen, was alles an Bush &Cos Krieg gegen den Terrorismus falsch läuft und wie dämlich die amerikanischen Strategien sind, die so wenig Erfolg haben, aber jede Menge Terroristennachwuchs und unschuldige Opfer fördern und fordern. Silva sieht den moralischen Bankrott der Amerikaner in deren rücksichtslosen Negieren der Menschenrechte und internationaler Regeln. Er ist fest davon überzeugt, dass man keinen Krieg gegen Terror gewinnen kann, wenn man ihn auf demselben Niveau führt wie der Feind. Dass er trotzdem nicht die Systemfrage stellt, ist die gewohnte Dummheit der amerikanischen Liberalen, die sich unverständlicher Weise als „Linke“ begreifen.

In MOSCOW RULES (DER MOSKAU-KOMPLOTT) knöpft sich Silva eines der größten neuen Reiche des Bösen genauer vor: das Russland Putins. Der Schurke ist ein Waffenhändler, der an Victor Bout erinnert, und natürlich über Beziehungen in höchste russische Kreise bis hin zu Putin verfügt.

„Im College habe ich Russische Geschichte und Außenpolitik der UdSSR studiert. Russland hat mich immer fasziniert. London ist heute eine Frontstadt im neuen kalten Krieg. Während MI5 nur die Islamiten im Auge hatte, haben sich über 300 000 Russen in London nieder gelassen: Milliardäre, Dissidenten und ein paar Hundert Geheimdienstler. Die Ermordung von Litvinenko 2006 durch Polonium 210 in London war so etwas wie die Wasserscheide. Natürlich will ich meine Leser in erster Linie unterhalten. Aber ich möchte auch, dass sie etwas verstehen: Wir müssen Russland im Auge behalten. Russland ist heute ein gesetzloser Staat. Nachdem die engagierte Journalistin Anna Polikovskaya ermordet wurde, sagte Putin: Sie sei nur eine Person von marginaler Bedeutung gewesen. Das erweckt doch wohl den Eindruck, dass der Kreml einen Jagdschein für kritische Journalisten ausgestellt hat. Seit 1992 wurden in Russland 47 Journalisten umgebracht . Damit steht das Land hinter Irak und Algerien auf Platz 3 (inzwischen wohl von Mexiko überholt. MC) der gefährlichsten Länder für Journalisten. Putin ist nichts anderes als ein neuer Zar, dessen Kritiker unter mysteriösen Umständen sterben.“ Mit einem deutschen Ex-Kanzler als Heloten, möchte man hinzufügen. Angesichts der Verträge, die Schröder in seiner Amtszeit mit Russland geschlossen hat, könnte man einen tollen Roman mit dem Thema „Russischer Maulwurf im Kanzlersessel schreiben. Wahrscheinlicher ist, dass Putin Schröders peinliche Gier erst dann richtig wecken konnte, als der kleine Mann aus Niedersachsen vom Gestank der Mächtigen und der großen weiten Welt geschnuppert hatte.

DAS MOSKAU-KOMPLOTT zeichnet ein so realistisches Bild von Moskau und Russland, dass man nur noch kotzen möchte. „Über Nacht sind wir von der Supermacht zum Sozialfall abgestürzt… Wir sind innerhalb eines Jahrzehnts von der Ideologie Lenins zur Ideologie Mussolinis getaumelt… Unsere Politiker sprechen von der Rückeroberung verlorener Reiche. Sie benutzen Öl und Gas um unsere Nachbarn zu tyrannisieren Sie haben die Opposition und die unabhängige Presse nahezu ausgeschaltet… Unseren Kindern bringt man bei, dass Amerika und die Juden nach der Weltherrschaft streben und Russlands Reichtum und Bodenschätze stehlen wollen“, erklärt die Journalistin Olga, eine fast nur durch Dialog großartig charakterisierte Figur im Buch.

Neben viel Ekel brachte Silva von seiner Recherche in Moskau eine nette Anekdote mit. Ihm war es gelungen, das KGB-Museum besuchen zu dürfen. Ein alter KGB-Oberst führte ihn zu einem Schrein, auf dem ein großes Buch mit Bildern und Lebensläufen aller Geheimdienstchefs lag. Sie blätterten gemeinsam das Buch durch und der alte KGB-Scherge sagte immer wieder: „Das ist soundso, er ist erschossen worden. Das ist soundso, der ist erschossen worden.“ Bei einem Bild hielt er inne und sagte: „Der war anders. Der ist vergiftet worden.“

BIBLIOGRAPHIE:
Double Cross – Falsches Spiel. Roman, Piper, München 2003, ISBN 3-492-26050-0
engl. Original: The Unlikely Spy, 1996.
Der Maler. Roman, Piper, München 1998, ISBN 3-492-03889-1
engl. Original: The Mark of the Assassin, 1998.
Der Botschafter. Roman, Piper, München 2000, ISBN 3-492-04182-5
engl. Original: The Marching Season 1999.
Der Auftraggeber. Roman, Piper, München 2001, ISBN 3-492-04183-3
engl. Original: The Kill Artist, 2000.
Der Engländer. Roman, Piper, München 2003, ISBN 3-492-04469-7
engl. Original: The English Assassin, 2002.
Die Loge. Thriller, Piper, München 2005, ISBN 3-492-04605-3
engl. Original: The Confessor, 2003.
Der Zeuge. Thriller, Piper, München 2006, ISBN 3-492-04695-9
engl. Original: A Death in Vienna, 2004.
Der Schläfer. Thriller, Piper, München 2007, ISBN 3-492-04876-5
engl. Original: Prince of Fire, 2005.
Das Terrornetz. Thriller, Piper, München 2008, ISBN 3-492-05069-7
engl. Original: The Messenger, 2006.
Das Moskau-Komplott Thriller, Pendo 2010, ISBN 978-3866122482
engl. Original: Moscow Rules, 2008.
Gotteskrieger Thriller, Piper, München 2011, ISBN 978-3492263580
engl. Original The Secret Servant, 2007.
The Defector, 2009.
The Rembrandt Affair, 2010.

In der Target-Reihe bei Audio Media gibt es DER AUFTRAGGEBER, DIE LOGE, DER ZEUGE, DER SCHLÄFER und DAS TERRORNETZ als Hörbücher. Jeweils 6 CDS mit ca. 450 Minuten Hördauer. Es sind gekürzte Fassungen, aber diese Bearbeitungen sind sehr feinfühlig und intelligent gemacht (man musste zum Beispiel Kapitel etwas anders anordnen um den Handlungsfluss zu erhalten. Gesprochen werden alle Hörbücher von Axel Wostry, der das wunderbar liest und den Hörer nicht aus den Klauen lässt. Völlig unverzichtbar für eine ermüdende Staufahrt, die mit diesen Hörbüchern völlig entschärft wird.



DER UNBEKANNTE KLASSIKER: CAMPBELL ARMSTRONG by Martin Compart

Es ist immer wieder erstaunlich, welche Qualitätslücken in der Wahrnehmung der Noir-Kultur bis heute (trotz Internet) festzustellen sind.

Nichts neues, eigentlich.

Ohne das französische Engagement in den 1960 und 1970ern wären Autoren wie David Goodis, Jim Thompson oder Don Tracy nie in den „Kanon“ des Genres „aufgerückt“.

Oder welches Unverständnis Manchette Mitte der 80er in der deutschen Szene auslöste, als er in den Ullstein-Krimis erschien (ähnliche Reaktionen gab es auch bei Lisa Cody oder Sue Grafton, die damals die ersten weiblichen Protagonisten im deutschen Krimi-Markt vorstellten, aber durch feministische Ideologen schnell Unterstützung fanden).
Die Überraschung in der Rezeption bestätigte damals wie heute die kulturelle Verspätung Deutschlands.

Die Tiefen des Genres werden traditionell in Frankreich besser ausgeleuchtet als etwa in den USA oder Deutschland (wo es sich am Markt kaum noch behaupten kann).

Halten wir das Lamentieren kurz und erfreuen wir uns lieber an Entdeckungen oder Neuentdeckungen, die uns beglückende Lektüre für bescheidene Antiquariatspreise garantieren.

Campbell Armstrong wurde als Thomas Campbell Black am 25. Februar 1944 in Govan, Glasgow, geboren.

Er wuchs im Arbeitermilieu auf und entdeckte früh die Literatur. Zu seinen frühesten literarischen Einflüssen gehörte Robert Louis Stevenson, aber er entdeckte auch schnell Sartre, Camus, Dos Passos und Kerouac. Als sechsjähriger hörte er im Radio eine Lesung von Dylan Thomas („ And Death Shall Have No Dominion“). Das beeindruckte ihn so tief, dass er beschloss, Schriftsteller zu werden. Er war teilweise ein guter Schüler, besonders die Literatur hatte es ihm angetan und ein engagierter Lehrer förderte sein Talent. Bis zu seinem Tod erinnerte sich Armstrong gerne an diesen Lehrer, dem er viel verdanke. Bereits mit sechs Jahren hatte er handschriftlich eine Schulzeitung herausgegeben. „Ich hatte sogar Korrespondenten.“

Als Teenager entdeckte er Folk-Musik und Jazz; mit der zeitgenössischen Pop-Musik der Vor-Beatles-Ära konnte er nicht viel anfangen.

Sein erster Job war einziger männlicher Verkäufer in Cuthbertson’s Musicshop in der Sauchiehall Street. Hier lernte er Eileen Altman kennen, seine erste Frau und Mütter seiner drei Söhne.

1962 verließ er seine Heimatstadt. Er studierte an der University of Sussex und machte dort seinen Abschluss in Philosophie. Ein Freund erinnerte sich bei Armstrongs Beerdigung:

“When I first met him, at Sussex University in 1964, I saw a hard-drinking, scruffy-looking 20 year-old Glaswegian, already married, a “mature student” He’d knocked around a bit since leaving school, played folk guitar and was reading Philosophy Campbell could and would turn out 60 pages in a night, usually after a day of heavy drinking: pint after pint of Guinness and something – cider.”

Eileen and Campbell heirateten und zogen nach London, wo Campbell als Lektor zu arbeiten begann, erst für Weidenfeld & Nicholson, dann für Granada. Wie fast zeitgleich mit Ted Lewis und Derek Raymond tummelte er sich in der Sohoszene. Nächtelanges saufen, diskutieren, Bücher machen.

Aus dem Spaß am Saufen wurde der Ernst des Trinkens.

Anfang der 1970er war Campbell von seinem Job zu Tode gelangweilt und er emigrierte mit seiner Frau und zwei Söhnen in die USA – ohne dies vorher mit seiner Familie abgesprochen zu haben. Wie so oft in dieser Zeit, traf er einfach seine Entscheidung und die Familie hatte zu parieren.

Von 1971 bis 1974 lehrte er an der State University of New York Kreatives Schreiben, obwohl er nicht wirklich davon überzeugt war:
„I didn’t believe in teaching writing. You’ve either got it or you haven’t. You’ve got to have plot, you’ve got to have character.“


In den Jahren 1975 bis 1978 unterrichtete er dann an der Arizona State University, beschloss 1979 jedoch seine Hochschulkarriere zu beenden und sich ganz der Literatur zu widmen. Damals lebten sie – inzwischen war ein dritter Sohn geboren – in Sedona, Arizona, zogen dann nach Phoenix. Die Ehe ging den Bach runter. Campbell schrieb ganztags und Eileen wurde Geschäftsfrau. Wenn er nicht schrieb, soff er und trieb sich herum. Dann lernte er Rebecca Armstrong kennen, die Tochter eines Jockeys. Die Beziehung wurde ernst. Eileen wusste, dass ihre Ehe am Ende war und traf sich mit Rebecca. Nach dem Treffen sagte sie zu Campbell: „Ich habe dich gehen lassen.“ Campbell und Rebecca blieben bis zu ihrem Tod tief verbunden (wovon sein herzzerreißendes autobiographisches Buch I HOPE YOU HAVE A GOOD LIFE zeugt). Eileen und Rebecca wurden sogar beste Freundinnen.

Campbell verließ Phoenix, heiratete Rebecca und lebte mit dem jüngsten Sohn und Rebeccas Tochter Leda zusammen. Eileen blieb in Phoenix. Rebecca unterstützte ihn, indem sie ihm half, seine Sauferei zu kontrollieren und sich mehr auf die Arbeit zu konzentrieren.

Sein erster Roman war 1968 erschienen: die schwarze Komödie ASSASSINS AND VICTIMS wurde von Patricia Highsmith enthusiastisch besprochen. „Inspiriert wurde ich durch einen Hund, dessen Gebelle mich nächtelang wach hielt. Ich wollte ihn umbringen. Das gab mir die Idee zu einem Killer, der behauptet, auf Hundemord spezialisiert zu sein, aber ein Lügner ist. Ich wollte ein möglichst schauerliches Ende, und das bekam ich auch hin. Mein zweiter Roman war ein Experiment: Einen Kriminalroman ohne echte Lösung.“ Dafür gewann er 1969 mit THE PUNCTUAL RAPE den Scottish Arts Council Award für Kriminalliteratur.
„Ich beschäftigte mich intensiv mit den Konzentrationslagern und wie manche darin überlebten. Daraus wurde DEATH´S HEAD.“ Damals erschienen seine Bücher unter „Campbell Black“. Später kamen noch Pseudonyme hinzu.

In den 1970ern schrieb er als Campbell Black auch einige Horror-Romane, die bis heute in der Weird Fiction-Szene Kult-Status genießen (so behauptete die Village Voice keck, Black sei ein besserer Horror-Autor als King oder Straub). Für Brian de Palma machte er eine Novelisation aus DRESSED TO KILL: „Brian wollte wohl unbedingt seinen Namen auf einem Buch haben.“

Schnelles Geld versprach auch die Novelisation von RAIDERS OF THE LOST ARK für George Lucas, die sich weltweit millionenfach über Jahrzehnte verkaufte. Trotz regelmäßiger Bitten um Tantiemenabrechnungen, rührte sich Lucas und sein selbstgefälliger Haufen nicht. So kam es 2004 zu einem Prozess, für den als Streitwert 4 Mio. Dollar angesetzt wurden.
http://www.hugesettlements.com/Personal-Injury/1294.html

Als „Thomas Altman“ schrieb er zwischen 1980 und 1984 fünf Psychothriller, oder wie er sie nannte “novels of psychological terror”. „Die langweilten mich schnell. Kaum nachvollziehbar, dass ich sie schrieb. Es ging immer nur darum, wie man am besten Frauen in den Vorstädten terrorisiert.“ Anschließend schrieb er u.a. zwei okkulte Thriller.

Er ließ sich nie auf ein Subgenre festlegen. Die Meisten dieser kurzen Romane waren Auftragsarbeiten für den berüchtigten Verlag Corgi Books. „Ich ziehe es vor, diese Bücher zu ignorieren.“ Zu Unrecht, meinen einige Hardcore-Fans.

Erst mit den Frank Pagan-Thrillern, mit denen er zu „Campbell Armstrong“ wurde, kam der große Erfolg. Er änderte seinen Namen, um aus einen Optionsvertrag heraus zu kommen. Der erste war JIG, 1987. „Es war mein erfolgreichster Roman mit 23 Auflagen in England. Das trieb meine Vorschüsse für einige Zeit ziemlich hinauf. Meiner Meinung nach ist AGENTS OF DARKNESS mein bestes Buch. Auch weil der Protagonist ein Alkoholiker ist, der sich selbst erlösen muss.“

Pagan, der Gegenterror-Agent hängt einem „primitiven Sozialismus“ an und ist der Held von fünf dicken Thrillern, die Ludlum alt aussehen lassen. Seit dem Klassiker MAMBO (1990), in dem Castros Kuba erobert werden soll, nahm er die beeindruckenden Action- und Gewaltszenen zurück. „Es langweilt mich mehr und mehr. Ich muss mich dazu zwingen. Der Body count in MAMBO war sehr hoch. Ein Kritiker behauptete, etwa 1400 Menschen. Ich lasse jetzt lieber die Gewalt im off. Ich will nicht länger mit derartigem assoziiert werden. Eher gehe ich in Therapie.“

Politisch waren seine Romane immer und blieben es auch nach der Pagan-Serie. „Ich denke, alle Politiker sind Idioten. Die Leute, die über unseren Planeten herrschen, managen es auf die übelste Weise-. Alles voller geheimer Deals in Hinterzimmern, die darauf abzielen, ihre Gegner zu vernichten. Man dringt nie zu Kern vor und erfährt nie die Wahrheit. Genau das interessiert mich. Da gibt es wahrlich genügend Stoffe.“ Pagan veränderte sich langsam in dem Quintett. Im letzten Roman hat er eine Liebesaffäre mit einer Terroristin. Danach quittiert er den Dienst, weil er sich schämt und nicht mehr für Special Branch arbeiten will. „Das war es. Ich kam mit Pagan nicht mehr weiter. JIG, der erste Pagan, war wahrscheinlich auch deshalb so erfolgreich, weil hinter der ganzen Action eine patriotische Lüge stand: Lasst uns Nordirland zurück holen. Etwas, das nie passieren wird.“

AGENTS OF DARKNESS beschäftigte ihn länger als frühere Romane: insgesamt 18 Monate. Noch reflektiver als die Romane zuvor. „Der Schreibprozess machte Spaß. Ich schrieb drei unterschiedliche Fassungen, sogar eine mit einem glücklicheren Ende. Aber die überzeugte mich nicht, war zu unrealistisch. Wäre es ein reines Genre-Buch, hätte es ein Happy end.“

Der Schluss eines Buches war ihm sehr wichtig: „Ich mag eigentlich keine Happyends. Im Leben gibt es Happyends nicht gerade häufig. Ich mag offene Enden für meine Bücher. Ich mag Mehr- oder Doppeldeutigkeit am Schluss eines Romans.“

Anschließend kam der nicht minder beeindruckende CONCERT OF GHOSTS. Wer als Autor lernen will, wie man literarisch subjektive psychische Prozesse so objektiviert um den Leser zu manipulieren, der sollte GHOSTS studieren (wer sich am perfekten Thriller versucht, dem gibt AGENTS hilfreiche Studienmöglichkeiten). „Beide Romane beschäftigen sich mit amerikanischer Politik und der Natur der US-Demokratie.“ Dann schrieb er einige kurze Noir-Thriller, SILENCER, BLACKOUT und DEADLINE, „ziemlich düstere Sachen auf ihre Weise.“

Was Cleverness und instinktives Stilempfinden angeht, war er vielleicht so etwas wie der Luke Haines des Brit-Crime der nineties.

Wenn ich einen richtig schlechten Satz geschrieben habe, kann mich das wochenlang umtreiben. Heute schreiben Autoren dauernd schlechte Sätze, Sätze die von jedem Beliebigen formuliert sein könnten. Gute Sätze atmen, lassen dich den Charakter riechen, fühlen.“

Egal, wo ein Roman von ihm spielt, ob Miami, Moskau, Edinburgh oder Manila, jedes Detail ist genau recherchiert. Auch Armstrong gehört zu den Autoren, die einen Handlungsort bereisen und in sich aufsaugen.

Ende der 1980er hatte er von den Amerikanern genug. Ausgerechnet ihm ging der Waffen-Fetischismus mächtig gegen den Strich und der „American Way of Life“ hatte keine Faszination mehr. „Amerika ist gruselig. Du gehst dorthin und nach einiger Zeit bist du amerikanisiert. Plötzlich gehst du zu einem Baseballspiel – und dann weißt du: Sie haben dich!“

Nach dieser Erkenntnis brach er die Brücken ab und ging mit seiner Familie nach England zurück und arbeitete zuerst als Journalist, dann als Lektor, bevor er sich anschließend ganz auf das Schreiben konzentrierte.

1991 kaufte er ein heruntergekommenes Anwesen mit einem 30-Zimmer-Haus in Offaly in Irland. „Der Kaufpreis war unglaublich günstig, aber die Reparaturkosten enorm.“ Günstig war das riesige Haus wohl auch deshalb, weil einige Opfer von Oliver Cromwell spukten.
Natürlich hatte er auch das über den Kopf seiner Frau beschlossen und besiegelt. Bald darauf siedelten sie ganz nach Irland und was Campbell an Steuern sparte, jagte er mit Guinness durch die Kehle – bis er den Absprung schaffte.

Alkohol war und ist wichtiger Bestandteil nicht nur der schottischen Kultur.

Für Campbell Armstrong wurde während seiner ersten Londoner Verlagstätigkeit zum wachsenden Problem. Später kam Koks als Katerrezeptur hinzu: „I had stopped drinking before I came to Ireland but as soon as I came I started drinking again it was the Guinness.“ Aber dann war Schluss: “Im März 1993 trank ich in einem Dubliner Pub mein letztes Guinness. Ich hatte das Gefühl, ein weiterer Drink würde endgültig die in mir schlummernden Dämonen wecken und mich endgültig in den Abgrund führen, aus dem es kein weiteres Entkommen mehr gibt – nur den Tod. 1975 nahm ich zweimal LSD und wurde fast verrückt, das ist nichts für mich. Mit der Zeit stellte ich fest, dass mich alle Drogen paranoid machen, am schlimmsten Kokain.“

Der Alkoholismus forderte seinen Preis: 1996 wurde bei ihm Diabetes diagnostiziert.

Fast alle seine Romane wurden für den Film optioniert; adaptiert wurde bisher keiner. Ziemlich unverständlich. Ein weiterer unnötiger Beweis, für die Dämlichkeit dieser Branche. Aber angesichts der unzähligen miesen Literaturverfilmungen vielleicht auch pures Glück.

Trotz ihrer Düsternis sind Armstrongs Romane Bücher, die einen aus dem Zustand tiefster Betrübnis befreien – dank ihres gelegentlichen Humors, tiefen Humanismus und, wer das erkennen und schätzen kann, ihres bestechenden Stils.

Sein letzter großer Wurf war das Glasgow-Quartett (das selbstverständlich nicht ins Deutsche übersetzt wurde). Wer sich ein bisschen auskennt, weiß, dass in Glasgow die wirklich harten Jungs unterwegs sind. Dagegen ist Edinburgh was für Pussys.

Der erste Roman, THE BAD FIRE, über den Heimkehrer Eddie Mallon spiegelt wohl Armstrongs Besuche nach jahrzehntelanger Abwesenheit in seine Heimatstadt wider. Armstrong sollte auf Anregung seines Verlages seine Jugenderinnerungen an Glasgow schreiben. Zum Glück für alle Noir-Fans entschied er sich dafür, diese mit einer tiefgehenden Beschreibung des heutigen Glagow als Roman zu verschmelzen.

Diese Stadt, die sich in sich selbst zurück gezogen hat, ließ ihn nicht mehr los und drei weitere Glasgow-Romane um den jüdischen Detective Lou Perlman, der ein würdiger Nachfolger von William McIlvanneys Laidlaw ist, folgten. Natürlich gibt es Unterschiede. Und es wäre völlig ungerecht den höchst individuellen Autor Armstrong mit McIlvanney, den Armstrong bewunderte, zu vergleichen. Ich kenne keinen Autor, der wie Armstrong seine Charaktere gleichzeitig mit so einer brutalen Objektivität und Empathie zeichnen kann. Darin spiegelt sich der Kampf gegen seine inneren Dämonen. Aber genau damit gibt er ihnen diese Dimensionen, die im Thriller noch seltener sind als im Noir-Roman (beide Genres bedient er meisterhaft, da er sich nie ihrer Grenzen bewusst werden wollte und sowas lieber Klugscheißern wie mir überlässt).

Lesenswert zur Heimkehr nach Glasgow: https://web.archive.org/web/20060518091529/http://www.campbellarmstrong.com:80/native.php

Campbell Armstrong verstarb am 1. März 2013 , vier Tage nach seinem 69. Geburtstag an den Folgen einer Krebserkrankung. Zurück bleiben seine zweite Frau Rebecca und die Kinder Iain, Stephen and Keiron und Leda. Außerdem 27 Romane, die in 11 verschiedenen Sprachen übersetzt wurden; darunter Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Schwedisch, Griechisch, Polnisch, Japanisch und Hebräisch, drei Stücke und ein autobiographisches Werk.

Seine Bücher bleiben und werden immer wieder von neuen Lesern entdeckt werden.

Das wäre ein guter Soundtrack für Armstrong:

Manchmal aber auch eher das: