Martin Compart


NOIR-ROMANE, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: CUTTER AND BONES by Martin Compart

Da ein Polar Verlag eine neue Ausgabe des Noir-Klassikers veröffentlicht hat (dem ich viele neue Leser wünsche), hier nochmals meine alte Rezension von 2013:
Ich persönlich bevorzuge die alte Moewig-Übersetzung. weil sie eleganter und wortgewandter ist (wo sind denn die lächerlich behaupteten Küru7ingen)?

CUTTER AND BONES von Newton Thornburg (1929-2011) ist ein großer, viel zu lange ignorierter Noir-Thriller, für den heutigen Noir-Roman so wegweisend wie einst James M. Cains THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE für die 1940er und 1950er Jahre. Als der Roman 1976 veröffentlicht wurde, schrieb die NEW YORK TIMES: “the best novel of its kind for ten years”.

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Der Aussteiger Richard Bone kommt zehn Jahre zu spät, um den Hippie-Traum zu leben. Ihm steht nur noch eine fragwürdige Form der alternativen Müllkippe zur Verfügung. Trotz gelegentlicher Zweifel zieht er diese aber der systemimmanenten Karriere, die er hinter sich gelassen hat, vor: „Er war sich mit dreißig plötzlich wie ein eingesperrtes Tier vorgekommen. Aus irgendeinem Grund war seine Frau Ruth zu einer Personifizierung unüberbietbarer Langeweile geworden, eine Glucke, die höllisch über ihren kostbaren Küken wachte. Was zwischen ihnen an Sex vorkam, war im Grunde nur gegenseitige Masturbation, bei der sie ihm jede zweite oder dritte Nacht ihren Körper als eine Art Auffangbecken überließ…Mit einemmal sah er das üppige Büro und die ach so beneidenswerte Position nur als eine Treppe, die keineswegs zu schönen und besseren Dingen führte…“

Richard Bone ist der Protagonist des Romans CUTTER AND BONE, den der Erzähler in der dritten Person fast ausschließlich aus seinem Blickwinkel erzählt. Er lebt als ein Strand-Casanova in Santa Barbara und ernährt sich durch die Zuwendungen begatteter Frauen, kleiner Jobs und der Großzügigkeit von Barbetreibern.

Ihn verbindet eine merkwürdige Freundschaft mit dem invaliden Vietnamveteranen Alex Cutter, der in seiner Desillusioniertheit, gepaart mit Zynismus und Selbstmitleid, bereits in der heraufdämmernden Zeit der nächsten Jahrzehnte angekommen ist. Cutter, seine von Drogen aufrecht gehaltene Frau Mo („So fraß Mo morgens, mittags und abends nichts als diese Tabletten – nicht zu viele, aber genug, um dem Leben die scharfen kanten zu nehmen.“), und sein kleiner Sohn krebsen ebenfalls am Existenzminimum herum. Cutters Kaputtheit belastet die Ehe genauso wie andere menschlichen Kontakte. „Ich bin wahrscheinlich einer der wenigen Gesunden. Ich sehe das Leben, wie es ist. Und Verzweiflung gegenüber dem Leben ist die einzig gesunde Haltung, die es gibt.“ Vietnam hat beide zerstört – und Bone die Logistik, das Marketing für ein System, das diese Kriege braucht. Die enttäuschten Veteranen des Krieges und der Revolte verlieren sich an Drogen, Zynismus und Apathie. Cutter und Bones „Heldentum“ besteht darin, über den Tag zu kommen indem sie genug Betäubungsmittel auftreiben.

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In einer Regennacht beobachtet Bones zufällig, wie ein Mörder die Leiche einer jungen Frau beseitigt. Er meint, den Mörder in einem Zeitungsbild wieder zuerkennen. Bemerkenswert dabei ist, dass Bone den Mörder an seiner Arroganz, die sich in seiner Körperhaltung ausdrückt, wieder zuerkennen meint. Wir sind Lichtjahre vom klassischen Detektivroman entfernt. Es handelt sich um den ekeligen Wirtschaftstycoon J.J.Wolfe. Zusammen mit der Schwester der Ermordeten beschließen Bones und Cutter ihn zu erpressen. Nur Bones kommen Bedenken. „In dieser Welt. Dieser Grube aus Pisse und Elend! Da hältst du es für unmoralisch, von so einem mörderischen Philister wie Wolfe ein bisschen tägliches Brot zu borgen?“ Wolfe gehört zu diesen Wirtschaftsharpyien, die nach dem ersten Ölschock begierig die Globalisierung anvisieren. Für Cutter symbolisiert Wolfe den schuldigen Kapitalisten, schuldig am Krieg, der sein Verhängnis wurde, und schuldig an den systemimmanenten Verbrechen, die Umwelt und Menschen ins Verderben stürzen. Ob er der Mörder der jungen Prostituierten ist, bleibt dabei bis zum Ende unklar.

Wie bei allen Noir-Autoren ist die Pazifikküste kein Ort an dem die Träume wahr werden, sondern der Ort, in dem sie jämmerlich krepieren. „Gott, er hasste Kalifornien, diese überbevölkerte Theaterlandschaft, wo Amerika unermüdlich Zukünftiges ausprobierte und gleich wieder auswechselte; da blieb nie etwas lang im Verkaufsangebot.“ Kalifornien ist lediglich die letzte Grenze der Lügen und Hoffnungen. Oder wie es Lew Welch in THE SONG MOUNT TAMALPAIS SINGS ausdrückte: „This is the last place. There is nowhere else to go“. Der zu oft übersehene Edward Bunker sah es 1973 ähnlich: “Kalifornien war ihm immer blitzeblank und nagelneu vorgekommen; jetzt erschien es ihm abgenutzt und schmutzig.”

Sie lösen Mechanismen aus, die ihre Welt endgültig zur Jauchegrube der Sixties macht. Anders als die Verfilmung von Ivan Passer (1981 als CUTTER´S WAY), endet der Roman im völligen Nihilismus. Nach den Hoffnungsträger-Morden, nach Altamont und Charles Manson sind die am Tunnelende (um mal wieder eine meiner Lieblingsmetapher zu gebrauchen) geschwenkten Feuerzeuge endgültig erloschen. Thornburg reflektiert, dass individueller Aktionismus, ob von den Weathermen oder etwa der Baader-Gruppe, zu keiner politischen Lösung führen kann, aber sehr wohl die faschistischen Elemente des Systems beflügelt.

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Der Roman, 1976 erstveröffentlicht, spiegelt eine Zeitenwende der westlichen Kultur, speziell der amerikanischen Gesellschaft: Nämlich die Katerstimmung nach der kurzen Phase der Euphorie, die in den 1960er Jahren eine gerechtere Ordnung suggerierte. Mitte der 1970er Jahre sind die Ideale verglüht, statt Marihuana hat der Markt härtere Drogen durchgesetzt und jeder sieht zu, wo er noch einen Platz findet.

Es ist die Zeit zwischen Watergate und Reagan, das Todeszucken der 60er-Rebellion, bevor die Neo-Cons im darauf folgenden Jahrzehnt damit begannen, den Planeten endgültig zugrunde zu richten. „Die Aktienkurse waren schon seit geraumer Zeit gefallen und unbeständig, die Arbeitslosenzahl stieg, und in jeder Bar hockten Pessimisten, die eine Katastrophe vorhersagten.“ Die Erinnerung an den ersten „postmodernen Krieg“ verdeutlicht den Beginn der neuen Phase des amerikanischen Imperialismus(vorbereitet seit den 1940ern, wie die PENTAGON PAPERS belegen). Der Vietnamkrieg war viel zu unpopulär um ihn durch höhere Steuern zu finanzieren. Er war der Anfang der Schuldenspirale, die sich bis heute immer schneller dreht und nur durch extreme Aggression des Establishment nach Außen und Innen aufrecht erhalten werden kann. “Cutter and Bone did come out strongly against the Vietnam war. So to that extent I don’t mind it being (interpreted as) leftist.”

Neben Crumleys Romanen (Pelecanos zählt auch noch Kem Nunn dazu) war es wohl Newton Thornburgs Meisterwerk, das für die amerikanische Noir- Literatur der nächsten Jahrzehnte richtungweisend war, indem es diese Kulturwende thematisierte und das Kommende antizipierte. Woody Haut nennt ihn bewusst und mit bestechender Argumentation im direkten Zusammenhang mit Robert Stones DOG SOLDIER, eine der Noir-Fanfaren für die 1970er.
Thornburg: “I’ve never considered myself a pure crime writer. Cutter and Bone is a straight novel, no matter how you look at it – strong characterisations, simple plot. I don’t like novels with private eyes you know, formula ones. I like crime stories, but I like them to be about ordinary people not crime professionals.”

Ekkehard Knörer schrieb über den Roman: „Einzig die Romane Cormac McCarthys lassen sich mit Thornburgs Meisterwerk verlgeichen. Auch in seiner freilich weniger wuchtig daher kommenden Sprachgewalt muss sich Thornburg vor McCarthy nicht verstecken, ihm gelingen so präzise wie (im besten Sinne) poetische Momentaufnahmen. Der Katastrophe wie des Glücks, das bald vorüber sein wird. Der Schuld, die nichts als Sprachlosigkeit zurück lässt. Der untergründigen Bedrohung, der die Katastrophe unweigerlich folgen wird.“

Ich persönlich sehe stilistisch zwar wenige Gemeinsamkeiten mit Cormac McCarthy, aber zweifellos ist der Roman ein literarisches Ausnahmewerk, das diesen Vergleich nicht zu scheuen hat. CUTTER AND BONE funktioniert auf mehreren Ebenen, beschreibt unter dem überspannenden Dach der Melancholie viele Stimmungen. Kein falsches Wort und nur richtige Sätze, die vom Leben selbst berührt sind. Ein großer Noir-Roman und ein großer Roman des 20. Jahrhunderts, dem die Zeit nichts von seiner Wahrhaftigkeit nehmen kann. Cutter, Bones und Mo sind Figuren der Weltliteratur, die man nie vergisst und die echter sind als so manche Büro- oder Kneipenlemuren, denen man im Paralleluniversum des “wirklichen Lebens” begegnet.

„Regardless of how they finish the novel, Cutter and Bone bear the burden of future noir protagonists, whose fate will be to investigate the culture whatever the cost.” (Woody Haut in NEON NOIR).

Der Ethos des Wilden Westens („erst schießen, dann fragen“) wurde durch den Vietnamkrieg zu einer Lizenz zum töten für Soldaten, Cops, Vigilanten und Psychos. Das spiegelt sich in der Pop-Kultur der 1970er wider, von Filmen wie DIRTY HARRY bis zu Paperback Original-Serien wie THE EXECUTIONER.
Nachhall und Erinnerung an den Vietnamkrieg, der die westlichen Gesellschaften spaltete, als eine der Hebammen der modernen Neo-Noir-Kultur. Die dunklen Mächte, die uns ins Verderben jagen, sind ausgemacht: man betrachtet fatalistisch ihre Zerstörungswut.

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“I always thought the characterization and cast was good. But the plot broke down halfway through.I think the characterisations are fine, the main characters and so on. But before the end, it just got absurd.” (Thornburg)

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Auszug aus “DIE LUCIFER CONNECTION” by Martin Compart
1. August 2015, 8:45 vormittags
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Als Reminiszenz an Eeben Barlow zwei Kapitel aus LUCIFER CONNECTION (und vielleicht verkauft es ja auch noch ein paar Exemplare, damit ich endlich den Aston Martin abbezahlen kann).

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Etwa hundert Kilometer entfernt waren genau fünfzehn Minuten zuvor die Schlüssel in die Startvorrichtung der Kampfhubschrauber gesteckt und in die Batterieposition gedreht geworden. Dann auf ground idle gestellt – und das Benzin floß in die Kammern. Die Turbinen begannen zu summen, Staub flog durch die Dunkelheit. Männer verteilten sich auf beide Hubschrauber, wo sie es sich neben den Seiten-MGs so bequem wie möglich machten. Die Helikopter waren schwarz gestrichen und trugen keine Kennungszeichen. In den Nasen befand sich jeweils ein 12,7-Millimeter-Gatling-System, das viertausend Schuss pro Minute abgeben konnte. Ein Ventilator blies etwas Luft durch die Kabine. Die Piloten rückten ihre Nachtsichtgeräte zurecht und stellten die Position flight idle ein. Die Helikopter begannen zu zittern, ihre Rotoren erreichten Fluggeschwindigkeit, sie lösten sich vom Boden und donnerten in Richtung Mond.
Der Tod verließ Lungi-Airport kurz vor Morgengrauen.

Die GPS-Positionen für eine exakte Landung in der heißen Zone waren einprogrammiert. Durch die Night Vision Goggles wirkte der Dschungel nur wenige Meter unter ihnen fluoreszierend. Für den kurzen Flug waren alle an Bord mit ihren Gedanken alleine, beherrscht von der Hoffnung auf ein gutes Gelingen der Operation.

Gill hatte ihnen einen genauen Lagebericht gegeben und mäßig brauchbare Handybilder gesendet. Sie hatten festgelegt, wo sich jeder Söldner nach der Landung positionieren musste, um ein bestimmtes Quadrat mit seiner Feuerkraft abzusichern. Die heiße Landezone war in Planquadrate aufgeteilt, und die Positionen waren so festgelegt worden, dass niemand in friendly fire geraten sollte.

Klaus stieß den schwarzen Söldner neben sich an und schnorrte eine Zigarette. Sein Mund war trocken, seine Hand zitterte unmerklich, als er die Marlboro an der des Spenders anzündete. Sie schmeckte nicht. Die Männer sahen einander an und grinsten. Der Adrenalinspiegel stieg. Einige bekamen feuchte Hände. Ein Schwarzer aus Südafrika sagte: “Fight for your right to party.” Er war Moslem und Fan der Hisbollah. Aber er hatte zuviel Mist gesehen, um noch an irgendwelchen religiösen Scheiß zu glauben.

Sie lachten verkrampft. Dann war wieder Ruhe, und sie sahen auf den Dschungel unter sich. Für sie gab es keine Eindeutigkeiten. Sie lebten zwischen den Welten, der wilden und der vermeintlichen zivilisierten. Niemand war dazu bereit, sich einer davon ganz zuzuordnen. Wanderer, Suchende, Grenzüberschreitende, die zwischen Kulturen und Wertesystemen orientierungslos hin- und hertaumelten, nur darin frei, ihre Zuwendung und Hingabe zu verkaufen. Wanderarbeiter.

„Ich habe noch nie im Dschungel gekämpft. Ich scheiß mir gleich in die Hose.“ Gelächter. „Das geht jedem so, der länger nicht im Einsatz war. Sobald es los geht, ist es weg. Soldatenlampenfieber“, sagte ein älterer Südafrikaner, der lieber im Kampf als in Pomfret sterben, wollte zu Klaus.

Kleine Flüsse bahnten sich ihren Weg durch den Dschungel. Ebenen mit hohem Elefantengras unterbrachen den Busch. Dazwischen Lehmstraßen. Erst flogen sie dreißig Meter über den Gipfeln, dann gingen sie runter auf fünf Meter, erreichten den Yendema, gingen noch tiefer in den Nebeldunst, der über den Wasserlauf aufstieg, und folgten dem Verlauf zum Lager der Wild Side Boys.

Die Männer überprüften zum x-ten Mal ihre Waffen. Der Hubschrauber schüttelte sie etwas durch. Sie kannten sich von den unterschiedlichsten Einsätzen. Manche hatten schon gegeneinander gekämpft. Aber das spielte jetzt keine Rolle. Sie waren Profis und mussten sich beim kommenden Einsatz blind aufeinander verlassen können. Jetzt waren sie allesamt Brüder und zusammen eine einzige Kampfmaschine.

Colonel Python stand auf, reckte die Faust und brüllte, die lauten Rotoren übertönend: “WE ARE GOIN’ IN! WE ARE GOIN’ IN! WHAT DO WE DO?”
Die Männer rissen ihre Fäuste hoch und schrieen: “WE ARE GOING IN! WE ARE GOING IN!”
“AND WHAT DO WE DO?”
“WE KILL THEM ALL!”

Alle Zweifel und Ängste wurden in Hysterie und Adrenalin aufgelöst. Der Colonel heizte ihnen ein und Klaus brüllte am lautesten. Er konnte es kaum noch erwarten. Aus dem Cockpit krächzte es: “Heiße Landezone in einer Minute. Viel Spaß, Jungs.”

Für einen Moment spiegelte sich die aufgehende Sonne in den wirbelnden Blättern der Hubschrauber. Sie näherten sich wie zwei riesige, hässliche Insekten.

“Wir haben Sichtkontakt.”

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Als Gill das Camp betrat, wurde es still. Kein Geräusch drang aus dem erwachenden Busch. Der sonst übliche Lärmpegel sank nicht etwa langsam ab und wurde leiser – es herrschte Stille. Als hätten die Tiere Gills geistige Frequenz aufgefangen und “Alarm und Flucht” gesendet. Er kam aus der Bedrohlichkeit des Dschungels, als ob er ein Teil von ihm wäre.
Im Dorf war ebenfalls alles still. Aber menschlich still. Nur aus der ihm nächsten Hütte hörte Gill das Husten eines erwachenden Wild Side Boys. Dann vernahm er entfernt das lauter werdende Geräusch eines näher kommenden Rieseninsekts. Furchtbares rollte durch den Himmel heran. Vor der blutrot aufgehenden Sonne setzten sich zwei Helikopter wie fette Hummeln ab. Gill nahm die erbeutete RPG-7, und legte auf die Hütte an. Das Husten wurde lauter. Der Mann war aufgestanden, um ins Freie zu gehen. Gill drückte ab. Das raketengetriebene Geschoß machte sich unterwegs scharf und schlug in die Lehm- und Betonmischung. Die Explosion war effektiv. Flammen stiegen in den Morgen. Gill sprach ins Satellitentelefon: “Norden gesichert. Softparade rückt vor.”

Jetzt kam Leben ins Camp. Halbnackte stürzten mit AK-47s aus den Hütten und schossen blindwütig um sich. Verkatert oder immer noch vollgedröhnt rannten sie panisch herum.

Der erste Helikopter überflog Gill in so niedriger Höhe, dass er ihn fast streifte. Gill setzte sich in Bewegung und rannte an der brennenden Hütte vorbei. Zwischen ihm und dem Hügel mit der Villa stand eine weitere mit Blech gedeckte Unterkunft. Gill warf eine Granate, und die Hütte platzte auf wie eine überreife Avocado. Das brennende Blechdach segelte davon. Plötzlich tauchte ein schreiender Wild Side Boy vor ihm auf. Er raste mit erhobenem Panga auf ihn zu, doch Gill schickte ihn mit einer Feuergarbe in den finalen Ruhestand. Sein Schädel zerplatzte wie ein Insekt auf der Windschutzscheibe. Um Gill herum tobte Satans ganze drittklassige Show. Alles verschwamm in einer stinkenden Todessuppe. Die Erde erbebte.

Die Gatling brüllte und verteilte den Tod. Der südafrikanische Pilot war eins geworden mit seinem Helikopter. Wieder dieses Gefühl, unverwundbar zu sein. Nach dem Briefing hatte er zu Klaus gesagt: “Es geht alles gut. Ich weiß, dass ich nicht in einem Hubschrauber sterben werde.” Der Pilot glaubte, einem West Side Boy direkt in die Augen zu sehen, als der sich in zwanzig Metern Entfernung hinter einem Sandsack erhoben hatte und ein MANPADS direkt auf den Heli richtete. Verschmolzen mit seiner Maschine, war der Pilot in einer völlig anderen Bewusstseinsebene. Kurz bevor die Boden-Luft-Rakete abgefeuert wurde, zog er den Steuerknüppel leicht nach links. Der Hubschrauber kippte sanft zur Seite, während die Rakete mit Mach 1,5 nur wenige Zentimeter zwischen Rumpf und Kufen hindurch schoss, über den Fluss jagte, in den Dschungel einschlug und einen Feuerball hinein brannte.

Zitternd verharrten die Helikopter über ihren Landepositionen. Bevor sie noch aufsetzten, sprangen die Söldner heraus, verteilten sich und nahmen in unglaublicher Geschwindigkeit ihre taktischen Positionen ein.

Ein Hubschrauber spuckte zwei weitere Raketen. Zuckende Gestalten tauchten in einem Gewirr aus Wellblech und Betonstaub auf und rannten kreuz und quer über die ehemalige Gummiplantage, die zu einer Plantage der Qual und des Leids geworden war. Sie stießen gegeneinander schrieen, feuerten. Trümmerhaufen, erstarrte Gesichter, verunstaltete Körper. In wenigen Sekunden war absolutes Chaos entstanden. Die Frauen und Kinder im umzäunten KZ-Gelände kauerten gelähmt in ihren Hütten, hielten einander umfangen, manche brüllten vor Angst. Der Lärm war apokalyptisch. Mogadischu-Musik. Geschosse heulten durch die Luft, schwirrten wie Moskitos über das Gelände. Querschläger spritzten nach allen Seiten. Und durch das alles hindurch klang das mechanische Rattern der AKs. Die Boys hatten nicht die geringste Chance. Sie wurden zwischen den raumkontrollierenden Positionen der Söldner zerrieben. Dann drangen die Söldner in das Camp wie Wildschweine in einen Berliner Vorgarten.

Neben Gill hüpften Geschosse in den festgestampften Dschungelboden und zerfetzten vorwitzige Gräser, die zur Sonne strebten. Aus einer Hauswand platzten Stücke, wie von einer stählernen Peitsche herausgerissen. Holz und Laub regnete auf das Lager. Hier wurde nichts eingenommen, nur zerstört.
Die Boys waren total vom Kurs abgekommen. Sie hatten alle Gewalt über ihre zerbröselnden Nervenstränge verloren, brüllten und rannten schießend zwischen den Hütten herum, suchten eine Deckung, die es nicht gab.

Drei flüchteten zu dem Pfad, den Gill vermint hatte. Sie verschwanden im Busch und lösten durch den Stolperdraht die Claymores aus. Die Druckwelle schoss die Metallkugeln in einem Sechzig-Grad-Winkel auf fünfzig Meter Breite und zwei Meter Höhe durch Blätter und Zweige. Die Minen hatten jeweils zweihundertfünfzig Meter Reichweite und waren auf fünfzig Meter absolut tödlich, wie die Boys jetzt am eigenen Leib erfuhren. Die Explosion schleuderte sie hoch in die Luft, ihr Blut und ihre Überreste regneten als Nahrung für die Aasfresser in den Busch. Der Söldner neben Klaus beobachtete das. “Wer keinen Spaß versteht, sollte nicht zu den Soldaten gehen.“ Klaus hatte Anweisung, ihm nicht von der Seite zu weichen und genau in dieselbe Richtung zu feuern. Sie wurden innerhalb einer Sekunde ein Team.

Gill warf die leer gefeuerte AK weg. Er hatte keine Zeit, ein neues Magazin einzulegen. Mit der Glock in der Hand stürmte er die kurze Treppe der Villa hinauf, vier Stufen auf einmal. Die Tür des Gebäudes öffnete sich, und zwei Männer kamen heraus: Hiroshima Bomb und einer seiner Leibwächter. Der Leibwächter riss die Waffe hoch, während Bomb an Gill vorbei die Treppe hinunterlief. Gill drückte ab. Ein Dum-Dum-Geschoß verteilte den Schädel des Muskeltypen über ganz Afrika. Sein Körper klatschte nutzlos gegen die Wand.

Gill nutzte jede Deckung, als er die Eingangshalle und die angrenzenden Räume durchquerte. Niemand erwartete ihn. Seinem Instinkt vertrauend, suchte er nach einem Kellereingang. Die Bauweise der Kolonialvilla deutete darauf hin, dass es ein Untergeschoß gab. Keller, Satanisten und Kannibalen – was für ein Scheiß, dachte er. Er durchsuchte mehrere Zimmer, die sich in unterschiedlichsten Stadien der Zerstörung befanden.

Dann führte ihn eine Tür in einen dunklen Raum. Das spärliche Licht, das durch den Türspalt fiel, gestattete ihm einen Blick ins schummrige Innere. Die Fenster waren verschlossen und verdunkelt. Aber durch Löcher und Ritzen tasteten sich Sonnenstrahlen zögernd in den obszönen Ort. Gill konnte die Ecken des unheimlichen Raumes nicht erkennen. In der Mitte stand ein Altar, auf dem Kreuze und abgeschnittene, schwarz verfärbte menschliche Gliedmaßen lagen. Aus den Christusabbildungen hatte man die Gesichter gekratzt, die Wände waren mit merkwürdigen Zeichen beschmiert. Eine Platte für Opfergaben vor dem Altar. Neben einem Gefäß mit Blut lag ein stinkender, halb verfaulter Affenkadaver. Eine Wolke surrender Fliegen hüllte die Kultstätte ein. Leere Flaschen und Jointkippen lagen auf dem Fußboden. Auf eine perverse Art wirkte der Ort lebendig. Als bewege sich ein Fluidum des Bösen in ihm. Ihr Oval Office, dachte Gill. Der Gestank aus verrottenden Fleisch und abgestandenen Blut war unerträglich. Er durchquerte das Zimmer und sah eine Tür.

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THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: BLUTHUNDE von Don DeLilo by Martin Compart

Don DeLilo ist einer der großen Verschwörungstheoretiker. Aber ihm nimmt es das Feuilleton nicht übel, denn DeLilo hat mehr Literaturpreise gewonnen als die meisten Mainstream-Zeitungen noch Abonnenten haben.

06/00/1991. American Author Don Delillo

DeLilo wird von den Medienkellnern der Literaturseiten gerne mit dem Begriff “postmodern” belegt. Bei SIEBEN SEKUNDEN begründet das Der Spiegel mit der Beobachtung, dass in dem Roman fiktive Figuren auf historische stoßen. Oha, dann ist wohl Charles Dickens (A TALE OF TWO CITIES) ebenfalls ein “postmoderner” Autor. “Postmodern” ist lediglich ein völlig hirnverbrannter Begriff aus den vollgekotzten Schubladen des Marketings, der impliziert, dass es irgendwann mal eine ästhetische Wetterscheide gegeben habe, nach deren Grenzüberschreitung anders als zuvor geschrieben werde. Tatsächlich gibt es aber seit den 1980er Jahren (in denen manche dieser verzweifelt um Schubladenoriginalität bemühten Hirnakrobaten, überwältigt von ihrer eigenen Wortgewalt, diese “Postmoderne” verorten) stilistisch nichts epochal Neues. Auch nicht unter der trüben Sonne Klagenfurts.
Kerouac, Burroughs, Vian, Mailer, Robbe-Grillet, Manchette, Pynchon und ein paar weitere füllten bereits in den 1950er- bis 1970ern die literarischen Werkzeugkästen, aus denen man sich bis heute bedient.

runningdog_first_ed[1]Um die Kultur nicht in den öden Festungen subventionierter Kritiker zu isolieren, sollte man sie, wie es ihre Existenz ausdrücklich verlangt, eher an der Realität anmessen. Dann könnte man zumindest seit 2001 von einer Kultur, bzw. Literatur, der “Postdemokratie” sprechen, was sie ja häufig thematisiert. Seit der Bankrottrüstung der Sowjetunion und spätestens seit 9/11 rechtfertigen die Lebensgrundlagenzerstörer (Neo-Con ist ein ebenso falscher Begriff wie “postmodern”, denn er beleidigt all das, wofür ein aufrechter Konservativer steht) ihre globalen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Umwelt mit der Marktwirtschaftsphrase. Dank Banker, Konzernlenker und ihren eingekauften politischen Heloten hat die Vernichtung unseres Planeten eine nie gekannte Virtuosität erreicht.

Ich habe schon häufig darauf hingewiesen, dass sogenannte E-Literaten immer häufiger Ausflüge in sogenannte U-Genres machen (wahrscheinlich um ihrem Biedermeier zu entkommen), besonders gerne in die Noir-Literatur. Hemingway, Mailer, McCarthy, Pynchon taten dies bereits vor Jahrzehnten. Don DeLilo ganz unmissverständlich 1978 mit RUNNING DOG. Pop-Kultur war immer bedeutsam für seine Bücher und Weltsicht, aber in diesem Roman nutzte er ganz bewusst die Strukturen des Thrillers. Oder wie es Joachim Kalka 1999 in der FAZ in einer der brillantesten Besprechungen von BLUTHUNDE ausdrückte: kreist die Handlung “in einem Dekor von verschwenderischer Noir-Ausstattung” um “ein leeres Zentrum: Es gibt etwas, das alle haben wollen, von dem man aber nicht genau weiß, was es ist, wer es hat, ob es existiert”.

Dies ist DeLilos Jagd nach dem MALTESER FALKEN, der bei ihm ein Pornofilm aus den letzten Tagen im Führerbunker ist und dessen Schale am Ende des Romans ähnlich aufgekratzt wird wie bei Hammett. Und wie bei Hammett ist es auch für DeLilo lediglich ein McGuffin – einer der aberwitzigsten der Noir-Literatur (der Begriff “McGuffin stammte von Alfred Hitchcock und benannte das sinnlose oder sinnvolle Motiv, das “die Handlung zum laufen bringt oder am laufen hält”). Dem Zeitgeist entsprechend, gibt es in BLUTHUNDE keine integre Figur wie Sam Spade. Mordende wie Ermordete sind schuldhaft in die Intrigen des Systems verwickelt.

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Im Echo von Kennedy-Attentat, Vietnam, Watergate, Sixties-Revolte und Church-Ausschuss hat DeLilo BLUTHUNDE mit ebenso unterhaltsamem wie symbolisiertem Personal bestückt: einen Geheimagenten, zwei Journalistinnen des ehemals radikalen Magazins “Bluthunde”, einen Senator (der in einem dem Church-Ausschuss nachempfundenen Komitees mitmischt), den Boss des militärisch-industriellen Komplexes, einen Mafia-Don, einen alternden Erotika-Händler und andere illustre Gestalten. bluthunde-9783442446025_xxl[1]

Der Agent Selvy arbeitet, von Steuergeldern bezahlt, für Senator Lloyd Percy als eine Art Referent. Seine wirkliche Aufgabe ist es, belastendes Material gegen den Senator zu sammeln, dass Geheimdienste und der militärisch-industrielle Komplex gegen ihn verwenden kann. “Er fühlte sich vom Dreck seines Berufs nicht beschmutzt.” Selvy ist der Strohmann für eine vor der Öffentlichkeit verborgenen Neigung des Senators: seine millionenschwere Erotika-Sammlung, der auch der Nazi-Porno einverleibt werden soll. “Es gefällt dem Herrn, dass nur wenige von uns über das nötige Kleingeld verfügen, um solchen Neigungen nachzugehen.”

Zynisch betrachtet DeLilo die perverse Nazi-Faszination durch den Zwischenhändler Lightborne: “Film spielte eine ganz wesentliche Rolle in der Nazi-Ära. Mythos, Traum. Erinnerung… faszinierend: Die ganze Nazi-Ära. Die Leute können nicht genug davon kriegen. Wenn´s um Nazis geht, kommt automatisch Erotik ins Spiel. Die Gewalt, die Rituale, das Leder, die Schaftstiefel. Die ganze Begeisterung für Uniformen und das ganze Brimborium. Hitler hat seine Nichte ausgepeitscht, haben Sie das gewußt? Verhilft derlei Material den Leuten dazu, ihren Orgasmus aufzuwerten?”

Der Roman steht ganz in der Tradition der amerikanischen Conspiracy-Romane und Paranoia-Filme der 1970er. Geschockt von den Reformen der 196oer Jahre, die aus dem Ruder gelaufen waren, begann die Reaktion vehement aufzurüsten und setzte zu Beginn der 1980er gar mit Reagen den ersten Soldaten-Präsidenten ins Weiße Haus. DeLilos schwarzer Polit-Thriller verdeutlicht diese Zeit, die soviel mit unserer Gegenwart zu tun hat.

Aus einem Dialog zwischen Selvy und der Bluthund-Journalistin Robbins:

“BLUTHUND war einstmals ein Organ der Unzufriedenen.”
“Ja, wir waren ziemlich radikal.”
“Heute völlig etabliert.”
“Völlig würde ich nicht gerade sagen.”
“Teil der ständig expandierenden Mitte.”

Kein Thriller für Leser, die zur Genügsamkeit bei geistiger Nahrung neigen.

P.S.: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Monsanto vernichtet werden muss.



CHOSEN – DAS ENDE DER MITTELSCHICHT by Martin Compart
27. Februar 2015, 10:59 vormittags
Filed under: CHOSEN, Noir, TV-Serien | Schlagwörter: , , ,

Die modernen Crime-Serien der Briten und Amerikaner scheinen sich nur noch aus Traumata über den Niedergang der westlichen Gesellschaften zu speisen. Als seien die Dystopien der Science Fiction längst Wirklichkeit. Ich muss mir keine Horror-Serien wie THE WALKING DEAD ansehen, wenn ich Zombies sehen will, das erledigt ein Spaziergang durch die Fußgängerzonen. So gesehen, sind diese Noir-Crime-Serien die wahren Horrorgeschichten.

Chosen-Crackle[1]

CHOSEN dürfte die beklemmenste Paranoia-Serie sein, die je über meinen Monitor gerauscht ist. Wie kaum eine andere aktuelle Serie spiegelt sie im Subtext den Endzeitzustand unserer degenerierten Zivilisation. Randbemerkung: Das ist etwas, das deutsche Serien-Macher anscheinend nicht begreifen: Serien ohne Subtext bleiben fade, flach und langweilig, weil sie das Unterbewusstsein nicht erreichen und auf dieser Ebene nichts ansprechen, was den Zuschauer zusätzlich emotionalisiert und somit Spannung erzeugt.

Die Prämisse ist: Die dekadente Elite versaut das Leben aller anderen.

In CHOSEN sind es Angehörige der Oberschicht, so genannte “Wächter”, die aus bösartiger Langeweile – nichts gibt ihnen mehr einen Kick (de Sade lässt grüssen) – Angehörige der unteren Schichten dazu zwingen, sich gegenseitig zu töten. Ihre Verkommenheit ließe Caligula aus dem Fenster kotzen.
Plautus´ alter Satz, in dem “der Mensch dem Menschen ein Wolf (ist)”, wird sehr schön durchdekliniert und zeigt die Endphase des Kapitalismus als noch weniger wünschenswert als etwa den Hobbschen Naturzustand (dem er sich immer mehr annähert). Die moderne NSA-Bespitzelungstechnologie ermöglicht diesen Wächtern ihr voyeuristisches Vergnügen und die Kontrolle über die Mörder, die gleichzeitig auch Opfer sind (denn auch auf sie ist wiederum ein anderer angesetzt).

Wenn du in dieser schönen entsolidarisierten Gesellschaft überleben willst, musst du bereit sein, deine Partner, Verwandte oder deine Familie über die Klinge springen zu lassen oder gar selbst zu töten – auch wenn du sie liebst. Wer das nicht tut, wird immer nur fliehen können. Um zu fliehen, muss man alles vernichten, was einen an die Gesellschaft bindet: Sozialen Status, ortbare Technik und jedes Dokument, das die Existenz nachweist. Das Spiel in CHOSEN geht darum, dass jeder jeden umbringen soll und muss.

Most_Dangerous_Game_poster[1]Der Konsum von Menschenleben zur Unterhaltung oder als letzter Kick ist seit Richard Connells Kurzgeschichte THE MOST DANGEROUS GAME 1924 (erste Verfilmung 1932) ein gern genutzter Topos der kapitalistischen Unterhaltungsmedien. Zumeist sind aber die Initiatoren auch die Jäger. Aber erst seit Robert Sheckleys THE 10,VICTIM, 1966, ist die Menschenjagd zum Unterhaltungsfaktor von Schreibtischtätern mutiert.

Die Serie zeichnet eine gnadenlose dramaturgische Präzision aus. Ihr unglaubliches Tempo erinnert an die literarischen Thriller eines Simon Kernick (das ist Cornell Woolrich auf Speed). Die Zahnräder der einzelnen Figurenstränge greifen so genau, dass die Personenkonstellation glaubwürdig ergänzt und erweitert wird. Dabei vermittelt der Subtext, dass jeder, der nicht zum Establishment gehört, ohne erkennbaren Verlust für das System, austauschbar ist.

CHOSEN ist sowohl seelisch wie auch physchisch von einer bisher ungeheuren Brutalität. Falls es sie nach dem ökonomischen und ökologischen Zusammenbruch noch geben sollte, werden künftige Historiker in der Serie eine Menge Material finden, das mentalgeschichtlich Auskunft über den Zustand der westlichen Welt am Anfang des 21. Jahrhunderts vermittelt.

Interessant ist auch das Format, das für diese Serie gewählt wurde: die einzelnen Folgen sind lediglich 22 min lang (damit hat eine Staffel 132 Minuten, also Spielfilmlange). Normalerweise wird dieses kurze Format nur von Sitcoms genutzt. Aber das erklärt auch das hohe Tempo, das die Serie gehen kann und muss.

Die Serie überzeugt nicht nur durch aberwitzige Cliffhanger, sondern auch durch die überzeugende Art, wie das Schicksal der Personen miteinander und über die einzelnen Staffeln hinaus verwoben wird. Trotz des atemberaubendem Tempos, das nicht viel Zeit lässt um die Figuren auszuloten, gelingt es den Autoren durch kurze, markante Dialoge und Reflexionen, den Charakteren Dreidimensionalität zu geben. Sie zeigen ihr Zaudern, ihre Hilflosigkeit, einen Ausweg zu finden, und die Auswirkungen, die ihr mörderisches Handeln auf sie hat.

Diese Web-Serie wird von Crackle (The Unknown, Comedians in Cars Getting Coffee The Bannen Way) für Sony produziert. Schöpfer und Autoren sind Ben Ketai (30 Days of Night: Dark Days) und Ryan Lewis(High School, Fat Kid Rules the World).

Der Hauptdarsteller der ersten Season, Milo Ventimiglia (bekannt aus HEROES), war zugleich auch der Executive Producer der Serie, die von Crackle direkt fürs Internet produziert wird. Die 4.Season ist bereits unterwegs.

Anlässlich eines Besuches von Milo Ventimiglia in Wien, berichtete der STANDARD:2475627_1_xio-fcmsimage-20150127135036-006031-54c7899c3c561-.201508_294952_1_048[1]
“Beim Drehen verlangt einem eine solche Rolle alles ab, erzählt Ventimiglia im Gespräch mit dem Standard. Jeden Tag sei er “mit blauen Flecken und Kratzern” nach Hause gegangen. Gleich am ersten Drehtag habe er sich im Nahkampf die Nase gebrochen: “Wir drehten noch keine drei Stunden. Ich schlug in die eine Richtung, mein Filmpartner in die andere – und traf mich. Es blutete wie die Hölle.” Er bewies Talent zur Härte gegen sich, steckte Tampons in die Nasenlöcher, bis es aufhörte zu bluten – und spielte weiter: “Das ist das Geschäft. Wir haben nicht den Luxus, einfach abzuhauen”, sagt Ventimiglia.”Chosen” ist im Serienkosmos, was “24” in den 2000er-Jahren war: rasantes Actiondrama, das die Möglichkeiten des Abspielkanals optimal ausnützt. Waren das bei der Fernsehserie “24” noch Spielereien mit Echtzeit und Splitscreens, so ist in Zeiten der Onlinenutzung die Experimentiermasse die Länge der Episoden.”

Dass Ventimiglia kein Idiot ist, bewies er in einem Interview aus 2013: “: Man, I love the reach, you know, I’m just so excited about digital because of the reach. The actual releases sometimes some countries don’t get movies. Sometimes, they’re in and out of theaters, TV — maybe you don’t have the channel, maybe you don’t have pay cable. Maybe, you live in a remote part of the world that just doesn’t have what the network is showing or studio is putting out. Digital I kind of feel like anybody can access it, anybody can get to it. And for me being a part of projects like Chose, you know, working with Crackle and just being a guy who’s been in the digital space for kind of a long time now. I know it’s something that I’m going to continue to do and hopefully as it builds and the profile builds and people understand that, look, you’re going to get the same quality on digital as you can in a movie theater if you actually have a bandwidth for it then great, you know. So I love digital, I’m in to digital.”

Deutsche Produktionen können einfach nicht mehr mithalten – jedenfalls im Crime, Comedy oder Action-Bereich. Die öffentlich-rechtlichen sollten in dieser Disziplin einfach den Laden dicht machen und die Gebühren kürzen. Auf internationalem Niveau können sie seit Jahrzehnten doch weder handwerklich noch intellektuell mitmischen. Sie können nicht mal so noir (an)denken, wie andere produzieren. Man sollte Seriengelder einsparen und das Geld lieber für Reportagen und Dokus von Jürgen Roth und Egmont R. Koch ausgeben. Oder, wenn man die Zielgruppe der Hirntoten noch stärker bedienen will, mit mehr Bundestagsübertragungen oder noch mehr Volksmusikschlager-Shows.

P.S.: Der Soundtrack ist ebenfalls bemerkenswert.
Die Serie läuft bei uns momentan auf dem Kabel-Sender 13th STREET.



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: DER ÜBERMENSCH von JOHN BUCHAN by Martin Compart

“ZIVILISATION IST VERSCHWÖRUNG”: JOHN BUCHANS POWER HOUSE (DER ÜBERMENSCH; Elsinor Verlag, 2014).

Es gibt zum Glück noch Verlage, die kümmern sich einen Dreck um die Bestsellerlisten und den gerade angesagten Mainstream. Es sind Verlage und Verleger, die mit hohen Kosten ihre eigene Vision verwirklichen und Bücher veröffentlichen, die eine kleine elitäre Leserschaft vor der Barbarei des Marketing schützen. Dazu gehört klar erkennbar der Elsinor Verlag, den ich zu meiner Schande erst jetzt entdeckt habe (und das, obwohl er schon mehrere Bände mit Essays von G.K.Chesterton veröffentlicht hat).
http://www.elsinor.de/
Verleger Thomas Pago hat nun dem deutschen Publikum ein Schlüsselwerk des Spionage-Romans und des Conspiracy-Thrillers zugänglich gemacht, dessen Bedeutung für das Thriller-Genre bis heute anhält und dessen Lesevergnügen das der Doorstopper der Bestsellerlisten weit übertrifft: John Buchans Kurzroman (meinetwegen auch Novelle) THE POWER HOUSE, geschrieben 1913 und 1916 als Buch veröffentlicht. Gleich vorweg gesagt: Ein spannender Clubland-Thriller, den man in einem Rutsch liest und nicht die Intelligenz beleidigt.

http://www.amazon.de/%C3%9Cbermensch-Thriller-John-Buchan/dp/3942788217/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1420897542&sr=1-2&keywords=john+buchan

Der Schotte John Buchan (1875-1940) ist der wichtigste Gründungsvater des modernen Spionageromans und Agenten-Thrillers. Kein anderer Autor hat mehr Motive und Themen entwickelt, die heute noch im Genre variiert oder genutzt werden.
Der moderne Thriller ist vorwiegend eine schottische Erfindung, und sein Schöpfer ist Robert Louis Stevenson mit den Conspiracy-Thrillern KIDNAPPED und CATRIONA (in denen es um Verschwörungen gegen England zugunsten des entmachteten schottischen Königs geht). Buchans heute noch fesselnde Flucht- und Verfolgungsszenen erinnern an David Balfours und Alan Brecks Jagden durch die schottischen Highlands.

JbuchanJ[1]Noch entscheidender für die Evolution des Genres war denn auch Buchan, der Topoi entwickelte und perfektionierte, die bis heute diese Gattung prägen: Bedrohung der Zivilisation durch ebenso finstere wie intelligente Organisationen, der unschuldig verfolgte Held (“Man on the run”), der in einem engen Zeitrahmen die Ziele der Feinde durchkreuzen muss, die Brüchigkeit unserer gesellschaftlichen Ordnung, die Interpretation realen zeitgeschichtlichen Geschehens im Rahmen des Thrillers. Graham Greene schrieb in einem Essay über Buchan: “What is remarkable about these adventure-stories is the completeness of the world they describe. The backgrounds to many of us may not be sympathetic, but they are elaborately worked in: each character carries round with him his school, his regiment, his religious beliefs, often touched with Calvinism: memories of grouse-shooting and deer-stalking, of sport at Eton, debates in the House.”
Für Soziologen und Historiker sind Buchans Romane mentalgeschichtliche Dokumente einer ausgestorbenen Oberschicht.

“Der junge Londoner Anwalt und Parlamentarier Edward Leithen gerät durch die mysteriöse Flucht seines Freundes Pitt-Heron mitten hinein in einen düsteren Kriminalfall. Hatte Pitt-Heron sich auf dubiose Gefährten eingelassen, oder war er womöglich Mitwisser einer gefährlichen Verschwörung? Unbeeindruckt unternimmt Leithen Nachforschungen in der Welt der Politik und Diplomatie, bis er die Aufmerksamkeit eines mächtigen Gegners auf sich zieht – und selbst zur Zielscheibe wird.”

In DER ÜBERMENSCH behandelt Buchan ein Thema, mit dem er sich in fast allen seiner Werke auseinandersetzt: Die Brüchigkeit der Zivilisation, wie er sie als “liberaler Viktorianer” empfindet, und ihre ständige Bedrohung. Immer wieder erleben seine Helden einen ungerechten Ausstoß aus “ihrer zivilisierten Gesellschaft” und das zu ihrem Entsetzen beim folgenden Überlebenskampf alle Regeln ohne Geltung sind. Zeitgemäß macht der Royalist Buchan die Gefährdung der Zivilisation an Anarchisten und Bolschewisten fest. 184419[1] Kritiker haben auf die Ähnlichkeit mit G.K.Chestertons 1908 veröffentlichten Roman THE MAN WHO WAS THURSDAY hingewiesen. Aber man kann die beiden stilistisch nicht vergleichen. Buchans Roman ist düsterer, während Chestertons Buch geradezu surrealistische Elemente aufweist.
Ein weiteres Thema, das sich durch Buchans Shocker zieht, ist der Zustand des Empires: Geschockt von Burenkrieg, Weltkrieg und der Russischen Revolution, ist an weitere Expansion nicht mehr zu denken und nun gilt es, das Empire nach innen zu schützen. Buchans Weltsicht ist die eines paranoiden Konservativen.

Im ÜBERMENSCH taucht erstmals Edward Leithen auf. Leithen ist der erste seiner Helden, auf die Buchan immer wieder zurück greift. Im Gegensatz zu Richard Hannay ist er kein Mann der Aktion, der in physischer Anstrengung aufblüht, sondern ein wenig mobiler Whitehall-Bürokrat, der lieber vom Schreibtisch aus die Strippen zieht. Leithen gilt als derjenige seiner Protagonisten, der Buchans Persönlichkeit am nahesten kommt. Leithen ist neben anderen Auftritten auch der Held von Buchans letztem Roman, SICK HEART RIVER. Buchan war der erste Spionageromanautor, der überzeugende Serienfiguren erfand und mit Richard Hannay und seinen immer wieder kehrenden Freunden einen eigenen kleinen Kosmos von Agenten schuf.

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Die Dialoge zwischen Leithen und dem Oberschurken sind ein intellektuelles Duell, gehören zu den Höhepunkten. Ebenfalls ein Stilmittel, auf das Buchan immer wieder zurück griff um unterschiedliche Weltanschaungsmodelle zu diskutieren. Davon war wohl auch Ian Fleming so beeindruckt, dass er es für in seine Romane übernahm: Kein Bond-Roman, in dem nicht der große Gegenspieler dem gefangenen 007 erklärt, welche Pläne er für die Menschheit hat. Der geistige Zweikampf der Ideologien zwischen Helden und Antagonisten war eine herausragende Qualität in Buchans “Shockers” (wie er selbst seine Thriller bezeichnete). Buchans sinistere Geheimorganisationen könnte man als direkte Vorläufer von Flemings SPECTRE ansehen. Die Globalisierung des Verbrechens, in dem böse Banker, Anarchisten und Kommunisten, die “zivilisierte Ordnung” des Empires zerstören wollen, ist für Buchan Tatsache. Noch können Gentlemen und patriotische Amateure wie Leithen oder Hannay die Bedrohungen zurück schlagen; später braucht es skrupellose Profis mit der Lizenz zum töten.

9781853757518[1] Buchan war bekanntlich ein Meister der Jagd- und Fluchtszenen. Angefangen mit PRESTER JOHN und als Höhepunkt in den 39 STEPS, finden diese langen und höchst dramatischen Passagen fast immer in der Natur statt. Sehr selten ließ er seine Helden durch den Großstadtdschungel flüchten. In POWER HOUSE schildert Buchan, wie das für Leithen bisher so zivilisierte London zur urbanen Wildnis wird, die ihm keinerlei Schutz bietet. Plötzlich wird dieser Hort der Behaglichkeit (zumindest für die Oberschicht) zum Ort schutzloser Isolation und zwingender Paranoia. Die dünne zivilisatorische Schicht verschwindet und eröffnet den städtischen Dschungel, in dem in jeder Straße die Lebensgefahr lauert. Das Vertraute wird zum Unheimlichen – wie in den zeitgleich entstehenden expressionistischen Filmen. Die Bedrohung ist immer da und lauert sogar mitten im Herzen des Empires. Wie so oft erfährt der Buchansche Held, wie Dinge, die er als fest und unverrückbar gehalten hatte, plötzlich angreifbar und korrumpierbar in der Luft schweben und selbstzerstörerisch auf den Boden krachen können.

Nach der Erstveröffentlichung im “Blackwood Magazine” im Dezember 1913, erschien der Roman drei Jahre später als Buch. THE POWER HOUSE verkaufte im Windschatten der beiden ersten Hannay-Romane im ersten Jahr beachtliche 28.000 Exemplare.

Auf deutsch gibt es leider nur wenige Bücher von Buchan (nachdem Diogenes ihn vor langer Zeit aufgegeben hat – natürlich nur wegen zu geringer Nachfrage). Dank ELSINOR ist aber nun ein Klassiker des Polit-Thrillers in deutscher Sprache zugänglich, der in jede Basis-Bibliothek der Thriller-Literatur gehört.

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WER WAR JOHN BUCHAN?

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John Buchan, erster Baron Tweedsmuir von Elsfield wurde am 26. August 1875 in Perth, Peebles-shire in Schottland als ältester Sohn eines presbyterianischen Pfarrers geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Kirkcaldy, Fife (wo auch der Anfang von PRESTER JOHN spielt) und im Tweed Tal an der schottischen Grenze. Es blieben seine Lieblingslandschaften, die auch immer wieder in seinen Büchern geschildert wurden. 1888 ging die Familie nach Glasgow. Er besuchte die Glasgower Universität und anschließend das Bresnose College in Oxford, wo er klassische Philologie und Jura studierte.

Schon während des Studiums kündete sich eine glanzvolle Karriere des Hochbegabten an: gerade zwanzig Jahre alt erschien sein erstes Buch und 1897 und 1898 gewann er zwei wichtige Universitätspreise, den Stanhope Essay Prize und den Newdigate Prize. Noch während des Studiums veröffentlichte er zwei Romane, eine Sammlung Gedichte und Kurzgeschichten und eine Essaysammlung. Das führte zu einer Eintragung im “Who’s Who”, noch bevor er einen akademischen Grad errungen hatte. 1899 schloss er sein Studium ab. 1901 wurde er als Anwalt zugelassen, ging aber noch im selben Jahr als Sekretär zu Lord Milner, dem Hochkommissar für Südafrika. Er wurde nach Kapstadt geschickt und kümmerte sich um die Kriegsgefangenenlager, in denen furchtbare Zustände für eine ungewöhnlich hohe Sterberate sorgten. Dem kämpferischen Humanisten Buchan gelang es durch Reformen und bessere Behandlung diese Verhältnisse zu ändern. Um dieser Zeit, in der er zum inneren Kreis der “bright young men” im Londoner Polit-Establishment zählte, wurde sein politisches Bewusstsein nachhaltig geprägt und seine Liebe zu Südafrika vertieft (reaktionäre Bemerkungen über Schwarze, die sich in seinen Thrillern finden, lassen ihn als überzeugten Imperialisten seiner Zeit und als Anhänger der Apartheid erscheinen).
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1903 trat er in den Verlag Nelson ein, wo er es bis zum Direktor brachte. Bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs entstanden fast zwanzig Bücher, darunter Gedichte, Geschichtswerke und erste Biographien.

Sein erster Thriller, THE HALF-HEARTED, war bereits 1900 erschienen. In diesem Buch verhindert sein Held Lewis eine Invasion Indiens durch die Russen. 1910 veröffentlichte er mit PRESTER JOHN einen Roman, der schon auf die späteren Hannay-Romane vorausweist und Buchans Ansichten über Afrika illustriert: Ein junger Engländer verhindert einen Aufstand der Schwarzen, der durch einen diabolischen, “ungewöhnlich intelligenten Neger” angezettelt wurde. Trotz seiner imperialistischen Ideale, zeichnet den Roman ein gewisses Verständnis der südafrikanischen Situation aus. Erstmals in einem Polit-Thriller (der hier ganz klar in der Tradition der school boy adventure novel steht) taucht auch die Parole “Afrika den Afrikanern” auf. Noch heute ist das Buch ein überzeugendes Zeitdokument.

1907 heiratete er Susan Charlotte Grosvenor, mit der er drei Söhne und eine Tochter hatte.

Anfang des Krieges war er Direktor des Reuter-Pressedienstes in London. Unter dem Eindruck des beginnenden Weltkrieges entstand Buchans bekanntestes und in der Geschichte des Spionageromans eine Schlüsselposition einnehmendes Werk: THE 39 STEPS.
1915 diente Buchan als Stabsoffizier im französischen Hauptquartier der englischen Armee. Während des Krieges lernte er den späteren Feldmarshall Edmund Ironside, Lord of Archangel, kennen, der im Krieg mit nachrichtendienstlichen Aufgaben in Rußland betreut war. Ironside war angeblich das Vorbild für Richard Hannay (seine Figur Sandy Arbuthnot, Kenner und Freund der arabischen Welt, basiert zum Teil auf dem begeisterten Buchan-Leser T.E.Lawrence und dessen arabische Abenteuer). Nachdem Lloyd George Premierminister geworden war, holte man Buchan als Direktor ins Informationsministerium unter Lord Beavenbrook. Kurze Zeit später wurde er Chef des Nachrichtendienstes. Ereignisse dieser Zeit hat Buchan geheim gehalten und kein Biograph weiß nähere Einzelheiten über Buchans Treiben als Geheimdienstler. Nach dem Krieg verlief seine Karriere weiterhin erfolgreich.1101351021_400[1] Es würde den Rahmen sprengen, wollte man alle gesellschaftlichen Stellungen und Auszeichnungen und seine vielfältigen literarischen Aktivitäten hier gebührend würdigen. 1924 bis 1930 war er Präsident der schottischen historischen Gesellschaft. Von 1927 bis 1935 war er konservativer Abgeordneter des Parlaments; 1933 wurde er für zwei Jahre Hochkommissar für die schottische Kirche.

1935 wurde er als Baron Tweedsmuir in den Adelsstand erhoben und bis zu seinem Tod am 11.Februar (einige Quellen nennen den 6.) 1940 war er Generalgouverneur von Kanada. In dieser Funktion unterschrieb er am 9. September 1939 die kanadische Kriegserklärung an Deutschland. Obwohl er ein überzeugter Tory war, setzte er sich für progressive Ideen ein: Er unterstützte die Suffragetten, stimmte für die Anerkennung der Sowjetunion und setzte sich nach dem Krieg für eine Amnestie der Kriegsdienstverweigerer ein.
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Die John Buchan Society:
http://www.johnbuchansociety.co.uk/


Diese Szene aus der dritten Verfilmung der 39 STEPS sucht man im Buch vergebens. Trotz des freien Umgangs mit der Vorlage, atmet der Film Buchans Geist.



FLASHMAN-FAN ALAN FURST by Martin Compart
14. November 2014, 1:56 nachmittags
Filed under: FLASHMAN, John D.MacDonald, Spythriller | Schlagwörter: , , ,

Er begann als “junger Wilder” mit einer Sex&Drugs&Rock´n Roll-Trilogie (von der er heute nichts mehr wissen will, die aber in gewissen Kreisen Kultstatus genießt), bevor er sich mit SHADOW TRADE (deutsch in den 1980ern alle bei Ullstein) dem Polit-Thriller zuwandte. Heute gilt er als moderner Klassiker des Historischen Spionageromans.

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Whom do you consider your literary heroes?

I was raised on John D. MacDonald’s Travis McGee series. Something about this genre — hard-boiled-private-eye-with-heart-of-gold — never failed to take me away from whatever difficulties haunted my daily world to a wonderful land where I was no more than an enthralled spectator. The hero went through hell, but by the last paragraph the bad guy got what was coming to him. Well, good. As a kid I knew it wasn’t always so, but the justice fantasy was addictive.

Skipping ahead some years, my present-day favorite is Harry Flashman, a regimental officer involved in every campaign during the days of the 19th-century British Empire. These are historical novels, and their author, George MacDonald Fraser, with all the rogerings of royal ladies and chases through snow or desert, was a serious historian. I guess the link between Travis McGee and Harry Flashman is that like many readers, I am drawn to extravagant characters who live flamboyant lives — at least in novels.

http://www.nytimes.com/2014/06/01/books/review/alan-furst-by-the-book.html?_r=0



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: METZGER´S DOG von THOMAS PERRY by Martin Compart

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Chinese Gordon ist ein ehemaliger Contractor, der inzwischen mit seiner Freundin Margaret und seinem Kater Dr.Henry Metzger in Los Angeles lebt. Zusammen mit seinen Kumpels Kepler und Immelmann dreht er Dinger, die sich durch militärische Präzision auszeichnen. In seinen Kastenwagen hat er zur besonderen Verwendung eine Flugzeugkanone eingebaut, mit der lässt er es so richtig kachen, dass es Bruce Willis & Co grün vor Neid wird. Für einen mexikanischen Drogenhändler holt er für eine Million Dollar Kokain aus einer Forschungsabteilung der Universität (den Stoff hatte man dem Drogenhändler abgenommen und der Uni zur Verfügung gestellt). Bei dem Coup fallen ihm geheime Papiere der CIA in die Hände, die eine neue Strategie der psychologischen Kriegsführung in Lateinamerika dienen sollen und von der sich die Firma viel verspricht. Erstes Ziel ein Umsturz in Mexiko (der Roman ist von 1983, was aber für seine Zeitlosigkeit keine wirkliche Rolle spielt). Gordon erpresst die CIA und bekommt es mit einem alten Hasen zu tun, der selber an der Inkompetenz des eigenen Ladens verzweifeln könnte. Die Besprechungen der CIA-Analytiker gehören zum Komischsten, das Ross Thomas nie geschrieben hat. Es ist bezeichnend, daß Carl Hiaasen die Einführung zur letzten Neuauflage geschrieben hat. Denn Hiaasens schräger Humor hat einiges mit Perry gemeinsam.

Natürlich ist das kein Katzen-Krimi (obwohl jeder Fan der Spezies begeistert auf seine Kosten kommt).. Das Buch funktioniert auf mehreren Ebenen:

  • Als spannender Thriller mit überraschenden Wendungen.
  • Als satirische (wirklich?) Beschreibung der CIA.
  • Als Lehrbuch für Aufbau und Stil eines nahezu perfekten Thrillers.

4153z1g2yhL._SL500_SY300_[1]Es ist etwas unverständlich, dass Perry nicht einen ähnlichen Stellenwert genießt wie Elmore Leonard. Denn seine Romane verfügen über vergleichbar originelles Personal (auch wenn sie weniger eitel im Dialog sind), präzise Plots, die mit überraschenden Wendungen einhergehen (Perrys schlechteste Plots sind besser als Leonards schlechteste Plots) und ökonomische Erzählweise. In seinen Polit-Thrillern erinnert Perry häufig an Ross Thomas.

An einen Ross Thomas on dope.

 

Am erfolgreichsten sind bisher die sieben Bände seiner Serie um die indianische Escape-Expertin Jane Whitefield Seine Trilogie über den Killer Butchers Boy ist im Gespräch für eine TV-Serie (die beiden ersten Romane wurden auch ins Deutsche übersetzt; aber seit längerer Zeit hat Thomas Perry, wie so viele großartige US-Autoren, keinen deutschen Verlag mehr). Auch in der besseren amerikanischen Sekundärliteratur sucht man seinen Namen meist vergeblich. Er scheint tatsächlich, trotz seines Erfolges, eines der bestgehütetsten Geheimnisse der US-Crime Fiction zu sein. Vielleicht liegt es aber auch darin begründet, dass er sich oft zwischen alle Stühle gesetzt hat: Er hat häufig den Polit-Thriller und Noir-Roman mit Comedy verbunden, was Kritiker dazu bewegte, den  unvermeidbaren Vergleich mit Donald Westlake heraus zu grölen. Dabei ist Perry ist seinen besten Werken so einzigartig und originell, daß man ihn vortrefflich als sein eigenes Genre bezeichnen darf.

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Perry stammt aus einer Lehrerfamilie. Zusammen mit einer Schwester und einem Bruder wuchs er in Tonawanda, Nex York, in der Nähe der Niagara-Fälle auf. „Ich verbrachte einige Zeit mit ziemlich harten Burschen, ohne selber einer zu sein. Aber ich lernte, die Dinge durch ihre Augen zu sehen. Ich bin zwischen Buffalo und Niagara Falls aufgewachsen. Das war immer Mafia-Gebiet. Als ich aufwuchs herrschte ein brutaler Krieg zwischen zwei Familien, der erst bei dem berühmten Treffen auf der Ranch in Apalachin 1957 beigelegt wurde. Als ich anfing über diese Leute zu schreiben, erinnerte ich mich an diese Geschichten aus meiner Jugend und recherchierte sie genauer.“

Er studierte Englisch in Cornell und machte an der Universität von Rochester seinen Abschluss. Dann arbeitete er als Fischer und in einigen anderen Jobs, die etwas mit dem richtigen Leben zu tun haben. Schließlich zog er nach Santa Barbara und ging an die Universität von Kalifornien um in der Verwaltung zu arbeiten. Dort traf er die Englisch-Dozentin Jo Anne Lee, die er 1980 heiratete.

In den 1980ern arbeitete er auch als Drehbuchautor und Producer für Serien wie SIMON & SIMON (für die sogar Ross Thomas zwei Episoden schrieb), 21 JUMP STREET und STAR TREK: THE NEXT GENERATION. Bei SIMON & SIMON war er auch als Co-Produzent tätig.

 

Geschrieben hat er seit der Kindheit, darunter auch ein paar unveröffentlichte Romane. „Ich bemühte mich vergeblich etwas zu schreiben, das nicht langweilig war.“ Bei seiner Dissertation über William Faulkner war Perry auf Chandler gestoßen, den Faulkner als einen seiner Lieblingsautoren bezeichnet hatte. „Ich las Chandler und entdeckte die Kriminalliteratur.“ Perry kannte das Genre kaum und liest auch heute nur wenige Thriller. Vielleicht war es gerade diese Unbedarftheit, die es ihm ermöglichte mit einem neuen Ton ins Genre einzusteigen. „Ich versuche immer wieder etwas anderes um die Sachen interessant zu machen.“ Hätte Perry von Anfang an auf eine Serie gesetzt, wäre er heute sicherlich noch erfolgreicher. Aber selbst für die Whitefield-Romane galt oder gilt, dass er der Serienheldin einen neuen Aspekt abgewinnen muss um ein weiteres Buch über sie zu schreiben. Das erklärt auch die zehnjährige Pause zwischen dem fünften und sechsten Roman.

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Sein Erstling, THE BUTCHER´S BOY, für den er den EDGAR bekam, schlug 1982 ein wie eine Bombe. Es war sofort erkennbar, dass sich eine neue, originelle Stimme im Thriller zu Wort meldete. Eine von Perrys Spezialitäten ist die multiple Erzählerperspektive, die er meisterhaft beherrscht. Obwohl er immer in der dritten Person erzählt, führt er den Leser in die nachvollziehbaren Gedankengänge der jeweiligen Figur, egal wie verrückt sie sind. Trotz dieser inneren Monologe ist sein Werk voller filmischer Action, was sicherlich seiner Arbeit als Drehbuchautor geschuldet ist. Diese Mischung, gepaart mit einer großen Portion Zynismus, machen sein Werk originell und einzigartig in der Kriminalliteratur. Was wahrscheinlich auch eine Erklärung dafür ist, dass es seit langem nicht mehr auf Deutsch veröffentlicht wird.

 

P.S.: Momentan arbeitet Dante Harperr (Edge of Tomorrow) an einem Drehbuch nach METZGER´S DOG.

 

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