Martin Compart


THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: BLUTHUNDE von Don DeLilo by Martin Compart

Don DeLilo ist einer der großen Verschwörungstheoretiker. Aber ihm nimmt es das Feuilleton nicht übel, denn DeLilo hat mehr Literaturpreise gewonnen als die meisten Mainstream-Zeitungen noch Abonnenten haben.

06/00/1991. American Author Don Delillo

DeLilo wird von den Medienkellnern der Literaturseiten gerne mit dem Begriff “postmodern” belegt. Bei SIEBEN SEKUNDEN begründet das Der Spiegel mit der Beobachtung, dass in dem Roman fiktive Figuren auf historische stoßen. Oha, dann ist wohl Charles Dickens (A TALE OF TWO CITIES) ebenfalls ein “postmoderner” Autor. “Postmodern” ist lediglich ein völlig hirnverbrannter Begriff aus den vollgekotzten Schubladen des Marketings, der impliziert, dass es irgendwann mal eine ästhetische Wetterscheide gegeben habe, nach deren Grenzüberschreitung anders als zuvor geschrieben werde. Tatsächlich gibt es aber seit den 1980er Jahren (in denen manche dieser verzweifelt um Schubladenoriginalität bemühten Hirnakrobaten, überwältigt von ihrer eigenen Wortgewalt, diese “Postmoderne” verorten) stilistisch nichts epochal Neues. Auch nicht unter der trüben Sonne Klagenfurts.
Kerouac, Burroughs, Vian, Mailer, Robbe-Grillet, Manchette, Pynchon und ein paar weitere füllten bereits in den 1950er- bis 1970ern die literarischen Werkzeugkästen, aus denen man sich bis heute bedient.

runningdog_first_ed[1]Um die Kultur nicht in den öden Festungen subventionierter Kritiker zu isolieren, sollte man sie, wie es ihre Existenz ausdrücklich verlangt, eher an der Realität anmessen. Dann könnte man zumindest seit 2001 von einer Kultur, bzw. Literatur, der “Postdemokratie” sprechen, was sie ja häufig thematisiert. Seit der Bankrottrüstung der Sowjetunion und spätestens seit 9/11 rechtfertigen die Lebensgrundlagenzerstörer (Neo-Con ist ein ebenso falscher Begriff wie “postmodern”, denn er beleidigt all das, wofür ein aufrechter Konservativer steht) ihre globalen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Umwelt mit der Marktwirtschaftsphrase. Dank Banker, Konzernlenker und ihren eingekauften politischen Heloten hat die Vernichtung unseres Planeten eine nie gekannte Virtuosität erreicht.

Ich habe schon häufig darauf hingewiesen, dass sogenannte E-Literaten immer häufiger Ausflüge in sogenannte U-Genres machen (wahrscheinlich um ihrem Biedermeier zu entkommen), besonders gerne in die Noir-Literatur. Hemingway, Mailer, McCarthy, Pynchon taten dies bereits vor Jahrzehnten. Don DeLilo ganz unmissverständlich 1978 mit RUNNING DOG. Pop-Kultur war immer bedeutsam für seine Bücher und Weltsicht, aber in diesem Roman nutzte er ganz bewusst die Strukturen des Thrillers. Oder wie es Joachim Kalka 1999 in der FAZ in einer der brillantesten Besprechungen von BLUTHUNDE ausdrückte: kreist die Handlung “in einem Dekor von verschwenderischer Noir-Ausstattung” um “ein leeres Zentrum: Es gibt etwas, das alle haben wollen, von dem man aber nicht genau weiß, was es ist, wer es hat, ob es existiert”.

Dies ist DeLilos Jagd nach dem MALTESER FALKEN, der bei ihm ein Pornofilm aus den letzten Tagen im Führerbunker ist und dessen Schale am Ende des Romans ähnlich aufgekratzt wird wie bei Hammett. Und wie bei Hammett ist es auch für DeLilo lediglich ein McGuffin – einer der aberwitzigsten der Noir-Literatur (der Begriff “McGuffin stammte von Alfred Hitchcock und benannte das sinnlose oder sinnvolle Motiv, das “die Handlung zum laufen bringt oder am laufen hält”). Dem Zeitgeist entsprechend, gibt es in BLUTHUNDE keine integre Figur wie Sam Spade. Mordende wie Ermordete sind schuldhaft in die Intrigen des Systems verwickelt.

http://www.amazon.de/gp/product/3462028243/ref=pd_lpo_sbs_dp_ss_3?pf_rd_p=556245207&pf_rd_s=lpo-top-stripe&pf_rd_t=201&pf_rd_i=3442446023&pf_rd_m=A3JWKAKR8XB7XF&pf_rd_r=010CM42YRQ9VCQQX08AA

Im Echo von Kennedy-Attentat, Vietnam, Watergate, Sixties-Revolte und Church-Ausschuss hat DeLilo BLUTHUNDE mit ebenso unterhaltsamem wie symbolisiertem Personal bestückt: einen Geheimagenten, zwei Journalistinnen des ehemals radikalen Magazins “Bluthunde”, einen Senator (der in einem dem Church-Ausschuss nachempfundenen Komitees mitmischt), den Boss des militärisch-industriellen Komplexes, einen Mafia-Don, einen alternden Erotika-Händler und andere illustre Gestalten. bluthunde-9783442446025_xxl[1]

Der Agent Selvy arbeitet, von Steuergeldern bezahlt, für Senator Lloyd Percy als eine Art Referent. Seine wirkliche Aufgabe ist es, belastendes Material gegen den Senator zu sammeln, dass Geheimdienste und der militärisch-industrielle Komplex gegen ihn verwenden kann. “Er fühlte sich vom Dreck seines Berufs nicht beschmutzt.” Selvy ist der Strohmann für eine vor der Öffentlichkeit verborgenen Neigung des Senators: seine millionenschwere Erotika-Sammlung, der auch der Nazi-Porno einverleibt werden soll. “Es gefällt dem Herrn, dass nur wenige von uns über das nötige Kleingeld verfügen, um solchen Neigungen nachzugehen.”

Zynisch betrachtet DeLilo die perverse Nazi-Faszination durch den Zwischenhändler Lightborne: “Film spielte eine ganz wesentliche Rolle in der Nazi-Ära. Mythos, Traum. Erinnerung… faszinierend: Die ganze Nazi-Ära. Die Leute können nicht genug davon kriegen. Wenn´s um Nazis geht, kommt automatisch Erotik ins Spiel. Die Gewalt, die Rituale, das Leder, die Schaftstiefel. Die ganze Begeisterung für Uniformen und das ganze Brimborium. Hitler hat seine Nichte ausgepeitscht, haben Sie das gewußt? Verhilft derlei Material den Leuten dazu, ihren Orgasmus aufzuwerten?”

Der Roman steht ganz in der Tradition der amerikanischen Conspiracy-Romane und Paranoia-Filme der 1970er. Geschockt von den Reformen der 196oer Jahre, die aus dem Ruder gelaufen waren, begann die Reaktion vehement aufzurüsten und setzte zu Beginn der 1980er gar mit Reagen den ersten Soldaten-Präsidenten ins Weiße Haus. DeLilos schwarzer Polit-Thriller verdeutlicht diese Zeit, die soviel mit unserer Gegenwart zu tun hat.

Aus einem Dialog zwischen Selvy und der Bluthund-Journalistin Robbins:

“BLUTHUND war einstmals ein Organ der Unzufriedenen.”
“Ja, wir waren ziemlich radikal.”
“Heute völlig etabliert.”
“Völlig würde ich nicht gerade sagen.”
“Teil der ständig expandierenden Mitte.”

Kein Thriller für Leser, die zur Genügsamkeit bei geistiger Nahrung neigen.

P.S.: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Monsanto vernichtet werden muss.



CHOSEN – DAS ENDE DER MITTELSCHICHT by Martin Compart
27. Februar 2015, 10:59 vormittags
Filed under: CHOSEN, Noir, TV-Serien | Schlagwörter: , , ,

Die modernen Crime-Serien der Briten und Amerikaner scheinen sich nur noch aus Traumata über den Niedergang der westlichen Gesellschaften zu speisen. Als seien die Dystopien der Science Fiction längst Wirklichkeit. Ich muss mir keine Horror-Serien wie THE WALKING DEAD ansehen, wenn ich Zombies sehen will, das erledigt ein Spaziergang durch die Fußgängerzonen. So gesehen, sind diese Noir-Crime-Serien die wahren Horrorgeschichten.

Chosen-Crackle[1]

CHOSEN dürfte die beklemmenste Paranoia-Serie sein, die je über meinen Monitor gerauscht ist. Wie kaum eine andere aktuelle Serie spiegelt sie im Subtext den Endzeitzustand unserer degenerierten Zivilisation. Randbemerkung: Das ist etwas, das deutsche Serien-Macher anscheinend nicht begreifen: Serien ohne Subtext bleiben fade, flach und langweilig, weil sie das Unterbewusstsein nicht erreichen und auf dieser Ebene nichts ansprechen, was den Zuschauer zusätzlich emotionalisiert und somit Spannung erzeugt.

Die Prämisse ist: Die dekadente Elite versaut das Leben aller anderen.

In CHOSEN sind es Angehörige der Oberschicht, so genannte “Wächter”, die aus bösartiger Langeweile – nichts gibt ihnen mehr einen Kick (de Sade lässt grüssen) – Angehörige der unteren Schichten dazu zwingen, sich gegenseitig zu töten. Ihre Verkommenheit ließe Caligula aus dem Fenster kotzen.
Plautus´ alter Satz, in dem “der Mensch dem Menschen ein Wolf (ist)”, wird sehr schön durchdekliniert und zeigt die Endphase des Kapitalismus als noch weniger wünschenswert als etwa den Hobbschen Naturzustand (dem er sich immer mehr annähert). Die moderne NSA-Bespitzelungstechnologie ermöglicht diesen Wächtern ihr voyeuristisches Vergnügen und die Kontrolle über die Mörder, die gleichzeitig auch Opfer sind (denn auch auf sie ist wiederum ein anderer angesetzt).

Wenn du in dieser schönen entsolidarisierten Gesellschaft überleben willst, musst du bereit sein, deine Partner, Verwandte oder deine Familie über die Klinge springen zu lassen oder gar selbst zu töten – auch wenn du sie liebst. Wer das nicht tut, wird immer nur fliehen können. Um zu fliehen, muss man alles vernichten, was einen an die Gesellschaft bindet: Sozialen Status, ortbare Technik und jedes Dokument, das die Existenz nachweist. Das Spiel in CHOSEN geht darum, dass jeder jeden umbringen soll und muss.

Most_Dangerous_Game_poster[1]Der Konsum von Menschenleben zur Unterhaltung oder als letzter Kick ist seit Richard Connells Kurzgeschichte THE MOST DANGEROUS GAME 1924 (erste Verfilmung 1932) ein gern genutzter Topos der kapitalistischen Unterhaltungsmedien. Zumeist sind aber die Initiatoren auch die Jäger. Aber erst seit Robert Sheckleys THE 10,VICTIM, 1966, ist die Menschenjagd zum Unterhaltungsfaktor von Schreibtischtätern mutiert.

Die Serie zeichnet eine gnadenlose dramaturgische Präzision aus. Ihr unglaubliches Tempo erinnert an die literarischen Thriller eines Simon Kernick (das ist Cornell Woolrich auf Speed). Die Zahnräder der einzelnen Figurenstränge greifen so genau, dass die Personenkonstellation glaubwürdig ergänzt und erweitert wird. Dabei vermittelt der Subtext, dass jeder, der nicht zum Establishment gehört, ohne erkennbaren Verlust für das System, austauschbar ist.

CHOSEN ist sowohl seelisch wie auch physchisch von einer bisher ungeheuren Brutalität. Falls es sie nach dem ökonomischen und ökologischen Zusammenbruch noch geben sollte, werden künftige Historiker in der Serie eine Menge Material finden, das mentalgeschichtlich Auskunft über den Zustand der westlichen Welt am Anfang des 21. Jahrhunderts vermittelt.

Interessant ist auch das Format, das für diese Serie gewählt wurde: die einzelnen Folgen sind lediglich 22 min lang (damit hat eine Staffel 132 Minuten, also Spielfilmlange). Normalerweise wird dieses kurze Format nur von Sitcoms genutzt. Aber das erklärt auch das hohe Tempo, das die Serie gehen kann und muss.

Die Serie überzeugt nicht nur durch aberwitzige Cliffhanger, sondern auch durch die überzeugende Art, wie das Schicksal der Personen miteinander und über die einzelnen Staffeln hinaus verwoben wird. Trotz des atemberaubendem Tempos, das nicht viel Zeit lässt um die Figuren auszuloten, gelingt es den Autoren durch kurze, markante Dialoge und Reflexionen, den Charakteren Dreidimensionalität zu geben. Sie zeigen ihr Zaudern, ihre Hilflosigkeit, einen Ausweg zu finden, und die Auswirkungen, die ihr mörderisches Handeln auf sie hat.

Diese Web-Serie wird von Crackle (The Unknown, Comedians in Cars Getting Coffee The Bannen Way) für Sony produziert. Schöpfer und Autoren sind Ben Ketai (30 Days of Night: Dark Days) und Ryan Lewis(High School, Fat Kid Rules the World).

Der Hauptdarsteller der ersten Season, Milo Ventimiglia (bekannt aus HEROES), war zugleich auch der Executive Producer der Serie, die von Crackle direkt fürs Internet produziert wird. Die 4.Season ist bereits unterwegs.

Anlässlich eines Besuches von Milo Ventimiglia in Wien, berichtete der STANDARD:2475627_1_xio-fcmsimage-20150127135036-006031-54c7899c3c561-.201508_294952_1_048[1]
“Beim Drehen verlangt einem eine solche Rolle alles ab, erzählt Ventimiglia im Gespräch mit dem Standard. Jeden Tag sei er “mit blauen Flecken und Kratzern” nach Hause gegangen. Gleich am ersten Drehtag habe er sich im Nahkampf die Nase gebrochen: “Wir drehten noch keine drei Stunden. Ich schlug in die eine Richtung, mein Filmpartner in die andere – und traf mich. Es blutete wie die Hölle.” Er bewies Talent zur Härte gegen sich, steckte Tampons in die Nasenlöcher, bis es aufhörte zu bluten – und spielte weiter: “Das ist das Geschäft. Wir haben nicht den Luxus, einfach abzuhauen”, sagt Ventimiglia.”Chosen” ist im Serienkosmos, was “24” in den 2000er-Jahren war: rasantes Actiondrama, das die Möglichkeiten des Abspielkanals optimal ausnützt. Waren das bei der Fernsehserie “24” noch Spielereien mit Echtzeit und Splitscreens, so ist in Zeiten der Onlinenutzung die Experimentiermasse die Länge der Episoden.”

Dass Ventimiglia kein Idiot ist, bewies er in einem Interview aus 2013: “: Man, I love the reach, you know, I’m just so excited about digital because of the reach. The actual releases sometimes some countries don’t get movies. Sometimes, they’re in and out of theaters, TV — maybe you don’t have the channel, maybe you don’t have pay cable. Maybe, you live in a remote part of the world that just doesn’t have what the network is showing or studio is putting out. Digital I kind of feel like anybody can access it, anybody can get to it. And for me being a part of projects like Chose, you know, working with Crackle and just being a guy who’s been in the digital space for kind of a long time now. I know it’s something that I’m going to continue to do and hopefully as it builds and the profile builds and people understand that, look, you’re going to get the same quality on digital as you can in a movie theater if you actually have a bandwidth for it then great, you know. So I love digital, I’m in to digital.”

Deutsche Produktionen können einfach nicht mehr mithalten – jedenfalls im Crime, Comedy oder Action-Bereich. Die öffentlich-rechtlichen sollten in dieser Disziplin einfach den Laden dicht machen und die Gebühren kürzen. Auf internationalem Niveau können sie seit Jahrzehnten doch weder handwerklich noch intellektuell mitmischen. Sie können nicht mal so noir (an)denken, wie andere produzieren. Man sollte Seriengelder einsparen und das Geld lieber für Reportagen und Dokus von Jürgen Roth und Egmont R. Koch ausgeben. Oder, wenn man die Zielgruppe der Hirntoten noch stärker bedienen will, mit mehr Bundestagsübertragungen oder noch mehr Volksmusikschlager-Shows.

P.S.: Der Soundtrack ist ebenfalls bemerkenswert.
Die Serie läuft bei uns momentan auf dem Kabel-Sender 13th STREET.



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: DER ÜBERMENSCH von JOHN BUCHAN by Martin Compart

“ZIVILISATION IST VERSCHWÖRUNG”: JOHN BUCHANS POWER HOUSE (DER ÜBERMENSCH; Elsinor Verlag, 2014).

Es gibt zum Glück noch Verlage, die kümmern sich einen Dreck um die Bestsellerlisten und den gerade angesagten Mainstream. Es sind Verlage und Verleger, die mit hohen Kosten ihre eigene Vision verwirklichen und Bücher veröffentlichen, die eine kleine elitäre Leserschaft vor der Barbarei des Marketing schützen. Dazu gehört klar erkennbar der Elsinor Verlag, den ich zu meiner Schande erst jetzt entdeckt habe (und das, obwohl er schon mehrere Bände mit Essays von G.K.Chesterton veröffentlicht hat).
http://www.elsinor.de/
Verleger Thomas Pago hat nun dem deutschen Publikum ein Schlüsselwerk des Spionage-Romans und des Conspiracy-Thrillers zugänglich gemacht, dessen Bedeutung für das Thriller-Genre bis heute anhält und dessen Lesevergnügen das der Doorstopper der Bestsellerlisten weit übertrifft: John Buchans Kurzroman (meinetwegen auch Novelle) THE POWER HOUSE, geschrieben 1913 und 1916 als Buch veröffentlicht. Gleich vorweg gesagt: Ein spannender Clubland-Thriller, den man in einem Rutsch liest und nicht die Intelligenz beleidigt.

http://www.amazon.de/%C3%9Cbermensch-Thriller-John-Buchan/dp/3942788217/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1420897542&sr=1-2&keywords=john+buchan

Der Schotte John Buchan (1875-1940) ist der wichtigste Gründungsvater des modernen Spionageromans und Agenten-Thrillers. Kein anderer Autor hat mehr Motive und Themen entwickelt, die heute noch im Genre variiert oder genutzt werden.
Der moderne Thriller ist vorwiegend eine schottische Erfindung, und sein Schöpfer ist Robert Louis Stevenson mit den Conspiracy-Thrillern KIDNAPPED und CATRIONA (in denen es um Verschwörungen gegen England zugunsten des entmachteten schottischen Königs geht). Buchans heute noch fesselnde Flucht- und Verfolgungsszenen erinnern an David Balfours und Alan Brecks Jagden durch die schottischen Highlands.

JbuchanJ[1]Noch entscheidender für die Evolution des Genres war denn auch Buchan, der Topoi entwickelte und perfektionierte, die bis heute diese Gattung prägen: Bedrohung der Zivilisation durch ebenso finstere wie intelligente Organisationen, der unschuldig verfolgte Held (“Man on the run”), der in einem engen Zeitrahmen die Ziele der Feinde durchkreuzen muss, die Brüchigkeit unserer gesellschaftlichen Ordnung, die Interpretation realen zeitgeschichtlichen Geschehens im Rahmen des Thrillers. Graham Greene schrieb in einem Essay über Buchan: “What is remarkable about these adventure-stories is the completeness of the world they describe. The backgrounds to many of us may not be sympathetic, but they are elaborately worked in: each character carries round with him his school, his regiment, his religious beliefs, often touched with Calvinism: memories of grouse-shooting and deer-stalking, of sport at Eton, debates in the House.”
Für Soziologen und Historiker sind Buchans Romane mentalgeschichtliche Dokumente einer ausgestorbenen Oberschicht.

“Der junge Londoner Anwalt und Parlamentarier Edward Leithen gerät durch die mysteriöse Flucht seines Freundes Pitt-Heron mitten hinein in einen düsteren Kriminalfall. Hatte Pitt-Heron sich auf dubiose Gefährten eingelassen, oder war er womöglich Mitwisser einer gefährlichen Verschwörung? Unbeeindruckt unternimmt Leithen Nachforschungen in der Welt der Politik und Diplomatie, bis er die Aufmerksamkeit eines mächtigen Gegners auf sich zieht – und selbst zur Zielscheibe wird.”

In DER ÜBERMENSCH behandelt Buchan ein Thema, mit dem er sich in fast allen seiner Werke auseinandersetzt: Die Brüchigkeit der Zivilisation, wie er sie als “liberaler Viktorianer” empfindet, und ihre ständige Bedrohung. Immer wieder erleben seine Helden einen ungerechten Ausstoß aus “ihrer zivilisierten Gesellschaft” und das zu ihrem Entsetzen beim folgenden Überlebenskampf alle Regeln ohne Geltung sind. Zeitgemäß macht der Royalist Buchan die Gefährdung der Zivilisation an Anarchisten und Bolschewisten fest. 184419[1] Kritiker haben auf die Ähnlichkeit mit G.K.Chestertons 1908 veröffentlichten Roman THE MAN WHO WAS THURSDAY hingewiesen. Aber man kann die beiden stilistisch nicht vergleichen. Buchans Roman ist düsterer, während Chestertons Buch geradezu surrealistische Elemente aufweist.
Ein weiteres Thema, das sich durch Buchans Shocker zieht, ist der Zustand des Empires: Geschockt von Burenkrieg, Weltkrieg und der Russischen Revolution, ist an weitere Expansion nicht mehr zu denken und nun gilt es, das Empire nach innen zu schützen. Buchans Weltsicht ist die eines paranoiden Konservativen.

Im ÜBERMENSCH taucht erstmals Edward Leithen auf. Leithen ist der erste seiner Helden, auf die Buchan immer wieder zurück greift. Im Gegensatz zu Richard Hannay ist er kein Mann der Aktion, der in physischer Anstrengung aufblüht, sondern ein wenig mobiler Whitehall-Bürokrat, der lieber vom Schreibtisch aus die Strippen zieht. Leithen gilt als derjenige seiner Protagonisten, der Buchans Persönlichkeit am nahesten kommt. Leithen ist neben anderen Auftritten auch der Held von Buchans letztem Roman, SICK HEART RIVER. Buchan war der erste Spionageromanautor, der überzeugende Serienfiguren erfand und mit Richard Hannay und seinen immer wieder kehrenden Freunden einen eigenen kleinen Kosmos von Agenten schuf.

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Die Dialoge zwischen Leithen und dem Oberschurken sind ein intellektuelles Duell, gehören zu den Höhepunkten. Ebenfalls ein Stilmittel, auf das Buchan immer wieder zurück griff um unterschiedliche Weltanschaungsmodelle zu diskutieren. Davon war wohl auch Ian Fleming so beeindruckt, dass er es für in seine Romane übernahm: Kein Bond-Roman, in dem nicht der große Gegenspieler dem gefangenen 007 erklärt, welche Pläne er für die Menschheit hat. Der geistige Zweikampf der Ideologien zwischen Helden und Antagonisten war eine herausragende Qualität in Buchans “Shockers” (wie er selbst seine Thriller bezeichnete). Buchans sinistere Geheimorganisationen könnte man als direkte Vorläufer von Flemings SPECTRE ansehen. Die Globalisierung des Verbrechens, in dem böse Banker, Anarchisten und Kommunisten, die “zivilisierte Ordnung” des Empires zerstören wollen, ist für Buchan Tatsache. Noch können Gentlemen und patriotische Amateure wie Leithen oder Hannay die Bedrohungen zurück schlagen; später braucht es skrupellose Profis mit der Lizenz zum töten.

9781853757518[1] Buchan war bekanntlich ein Meister der Jagd- und Fluchtszenen. Angefangen mit PRESTER JOHN und als Höhepunkt in den 39 STEPS, finden diese langen und höchst dramatischen Passagen fast immer in der Natur statt. Sehr selten ließ er seine Helden durch den Großstadtdschungel flüchten. In POWER HOUSE schildert Buchan, wie das für Leithen bisher so zivilisierte London zur urbanen Wildnis wird, die ihm keinerlei Schutz bietet. Plötzlich wird dieser Hort der Behaglichkeit (zumindest für die Oberschicht) zum Ort schutzloser Isolation und zwingender Paranoia. Die dünne zivilisatorische Schicht verschwindet und eröffnet den städtischen Dschungel, in dem in jeder Straße die Lebensgefahr lauert. Das Vertraute wird zum Unheimlichen – wie in den zeitgleich entstehenden expressionistischen Filmen. Die Bedrohung ist immer da und lauert sogar mitten im Herzen des Empires. Wie so oft erfährt der Buchansche Held, wie Dinge, die er als fest und unverrückbar gehalten hatte, plötzlich angreifbar und korrumpierbar in der Luft schweben und selbstzerstörerisch auf den Boden krachen können.

Nach der Erstveröffentlichung im “Blackwood Magazine” im Dezember 1913, erschien der Roman drei Jahre später als Buch. THE POWER HOUSE verkaufte im Windschatten der beiden ersten Hannay-Romane im ersten Jahr beachtliche 28.000 Exemplare.

Auf deutsch gibt es leider nur wenige Bücher von Buchan (nachdem Diogenes ihn vor langer Zeit aufgegeben hat – natürlich nur wegen zu geringer Nachfrage). Dank ELSINOR ist aber nun ein Klassiker des Polit-Thrillers in deutscher Sprache zugänglich, der in jede Basis-Bibliothek der Thriller-Literatur gehört.

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WER WAR JOHN BUCHAN?

John-Buchan[1]

John Buchan, erster Baron Tweedsmuir von Elsfield wurde am 26. August 1875 in Perth, Peebles-shire in Schottland als ältester Sohn eines presbyterianischen Pfarrers geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Kirkcaldy, Fife (wo auch der Anfang von PRESTER JOHN spielt) und im Tweed Tal an der schottischen Grenze. Es blieben seine Lieblingslandschaften, die auch immer wieder in seinen Büchern geschildert wurden. 1888 ging die Familie nach Glasgow. Er besuchte die Glasgower Universität und anschließend das Bresnose College in Oxford, wo er klassische Philologie und Jura studierte.

Schon während des Studiums kündete sich eine glanzvolle Karriere des Hochbegabten an: gerade zwanzig Jahre alt erschien sein erstes Buch und 1897 und 1898 gewann er zwei wichtige Universitätspreise, den Stanhope Essay Prize und den Newdigate Prize. Noch während des Studiums veröffentlichte er zwei Romane, eine Sammlung Gedichte und Kurzgeschichten und eine Essaysammlung. Das führte zu einer Eintragung im “Who’s Who”, noch bevor er einen akademischen Grad errungen hatte. 1899 schloss er sein Studium ab. 1901 wurde er als Anwalt zugelassen, ging aber noch im selben Jahr als Sekretär zu Lord Milner, dem Hochkommissar für Südafrika. Er wurde nach Kapstadt geschickt und kümmerte sich um die Kriegsgefangenenlager, in denen furchtbare Zustände für eine ungewöhnlich hohe Sterberate sorgten. Dem kämpferischen Humanisten Buchan gelang es durch Reformen und bessere Behandlung diese Verhältnisse zu ändern. Um dieser Zeit, in der er zum inneren Kreis der “bright young men” im Londoner Polit-Establishment zählte, wurde sein politisches Bewusstsein nachhaltig geprägt und seine Liebe zu Südafrika vertieft (reaktionäre Bemerkungen über Schwarze, die sich in seinen Thrillern finden, lassen ihn als überzeugten Imperialisten seiner Zeit und als Anhänger der Apartheid erscheinen).
the_half-hearted_by_john_buchan_1775561178[1]
1903 trat er in den Verlag Nelson ein, wo er es bis zum Direktor brachte. Bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs entstanden fast zwanzig Bücher, darunter Gedichte, Geschichtswerke und erste Biographien.

Sein erster Thriller, THE HALF-HEARTED, war bereits 1900 erschienen. In diesem Buch verhindert sein Held Lewis eine Invasion Indiens durch die Russen. 1910 veröffentlichte er mit PRESTER JOHN einen Roman, der schon auf die späteren Hannay-Romane vorausweist und Buchans Ansichten über Afrika illustriert: Ein junger Engländer verhindert einen Aufstand der Schwarzen, der durch einen diabolischen, “ungewöhnlich intelligenten Neger” angezettelt wurde. Trotz seiner imperialistischen Ideale, zeichnet den Roman ein gewisses Verständnis der südafrikanischen Situation aus. Erstmals in einem Polit-Thriller (der hier ganz klar in der Tradition der school boy adventure novel steht) taucht auch die Parole “Afrika den Afrikanern” auf. Noch heute ist das Buch ein überzeugendes Zeitdokument.

1907 heiratete er Susan Charlotte Grosvenor, mit der er drei Söhne und eine Tochter hatte.

Anfang des Krieges war er Direktor des Reuter-Pressedienstes in London. Unter dem Eindruck des beginnenden Weltkrieges entstand Buchans bekanntestes und in der Geschichte des Spionageromans eine Schlüsselposition einnehmendes Werk: THE 39 STEPS.
1915 diente Buchan als Stabsoffizier im französischen Hauptquartier der englischen Armee. Während des Krieges lernte er den späteren Feldmarshall Edmund Ironside, Lord of Archangel, kennen, der im Krieg mit nachrichtendienstlichen Aufgaben in Rußland betreut war. Ironside war angeblich das Vorbild für Richard Hannay (seine Figur Sandy Arbuthnot, Kenner und Freund der arabischen Welt, basiert zum Teil auf dem begeisterten Buchan-Leser T.E.Lawrence und dessen arabische Abenteuer). Nachdem Lloyd George Premierminister geworden war, holte man Buchan als Direktor ins Informationsministerium unter Lord Beavenbrook. Kurze Zeit später wurde er Chef des Nachrichtendienstes. Ereignisse dieser Zeit hat Buchan geheim gehalten und kein Biograph weiß nähere Einzelheiten über Buchans Treiben als Geheimdienstler. Nach dem Krieg verlief seine Karriere weiterhin erfolgreich.1101351021_400[1] Es würde den Rahmen sprengen, wollte man alle gesellschaftlichen Stellungen und Auszeichnungen und seine vielfältigen literarischen Aktivitäten hier gebührend würdigen. 1924 bis 1930 war er Präsident der schottischen historischen Gesellschaft. Von 1927 bis 1935 war er konservativer Abgeordneter des Parlaments; 1933 wurde er für zwei Jahre Hochkommissar für die schottische Kirche.

1935 wurde er als Baron Tweedsmuir in den Adelsstand erhoben und bis zu seinem Tod am 11.Februar (einige Quellen nennen den 6.) 1940 war er Generalgouverneur von Kanada. In dieser Funktion unterschrieb er am 9. September 1939 die kanadische Kriegserklärung an Deutschland. Obwohl er ein überzeugter Tory war, setzte er sich für progressive Ideen ein: Er unterstützte die Suffragetten, stimmte für die Anerkennung der Sowjetunion und setzte sich nach dem Krieg für eine Amnestie der Kriegsdienstverweigerer ein.
journalcoversm[1]

Die John Buchan Society:
http://www.johnbuchansociety.co.uk/


Diese Szene aus der dritten Verfilmung der 39 STEPS sucht man im Buch vergebens. Trotz des freien Umgangs mit der Vorlage, atmet der Film Buchans Geist.



FLASHMAN-FAN ALAN FURST by Martin Compart
14. November 2014, 1:56 nachmittags
Filed under: FLASHMAN, John D.MacDonald, Spythriller | Schlagwörter: , , ,

Er begann als “junger Wilder” mit einer Sex&Drugs&Rock´n Roll-Trilogie (von der er heute nichts mehr wissen will, die aber in gewissen Kreisen Kultstatus genießt), bevor er sich mit SHADOW TRADE (deutsch in den 1980ern alle bei Ullstein) dem Polit-Thriller zuwandte. Heute gilt er als moderner Klassiker des Historischen Spionageromans.

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Whom do you consider your literary heroes?

I was raised on John D. MacDonald’s Travis McGee series. Something about this genre — hard-boiled-private-eye-with-heart-of-gold — never failed to take me away from whatever difficulties haunted my daily world to a wonderful land where I was no more than an enthralled spectator. The hero went through hell, but by the last paragraph the bad guy got what was coming to him. Well, good. As a kid I knew it wasn’t always so, but the justice fantasy was addictive.

Skipping ahead some years, my present-day favorite is Harry Flashman, a regimental officer involved in every campaign during the days of the 19th-century British Empire. These are historical novels, and their author, George MacDonald Fraser, with all the rogerings of royal ladies and chases through snow or desert, was a serious historian. I guess the link between Travis McGee and Harry Flashman is that like many readers, I am drawn to extravagant characters who live flamboyant lives — at least in novels.

http://www.nytimes.com/2014/06/01/books/review/alan-furst-by-the-book.html?_r=0



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: METZGER´S DOG von THOMAS PERRY by Martin Compart

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Chinese Gordon ist ein ehemaliger Contractor, der inzwischen mit seiner Freundin Margaret und seinem Kater Dr.Henry Metzger in Los Angeles lebt. Zusammen mit seinen Kumpels Kepler und Immelmann dreht er Dinger, die sich durch militärische Präzision auszeichnen. In seinen Kastenwagen hat er zur besonderen Verwendung eine Flugzeugkanone eingebaut, mit der lässt er es so richtig kachen, dass es Bruce Willis & Co grün vor Neid wird. Für einen mexikanischen Drogenhändler holt er für eine Million Dollar Kokain aus einer Forschungsabteilung der Universität (den Stoff hatte man dem Drogenhändler abgenommen und der Uni zur Verfügung gestellt). Bei dem Coup fallen ihm geheime Papiere der CIA in die Hände, die eine neue Strategie der psychologischen Kriegsführung in Lateinamerika dienen sollen und von der sich die Firma viel verspricht. Erstes Ziel ein Umsturz in Mexiko (der Roman ist von 1983, was aber für seine Zeitlosigkeit keine wirkliche Rolle spielt). Gordon erpresst die CIA und bekommt es mit einem alten Hasen zu tun, der selber an der Inkompetenz des eigenen Ladens verzweifeln könnte. Die Besprechungen der CIA-Analytiker gehören zum Komischsten, das Ross Thomas nie geschrieben hat. Es ist bezeichnend, daß Carl Hiaasen die Einführung zur letzten Neuauflage geschrieben hat. Denn Hiaasens schräger Humor hat einiges mit Perry gemeinsam.

Natürlich ist das kein Katzen-Krimi (obwohl jeder Fan der Spezies begeistert auf seine Kosten kommt).. Das Buch funktioniert auf mehreren Ebenen:

  • Als spannender Thriller mit überraschenden Wendungen.
  • Als satirische (wirklich?) Beschreibung der CIA.
  • Als Lehrbuch für Aufbau und Stil eines nahezu perfekten Thrillers.

4153z1g2yhL._SL500_SY300_[1]Es ist etwas unverständlich, dass Perry nicht einen ähnlichen Stellenwert genießt wie Elmore Leonard. Denn seine Romane verfügen über vergleichbar originelles Personal (auch wenn sie weniger eitel im Dialog sind), präzise Plots, die mit überraschenden Wendungen einhergehen (Perrys schlechteste Plots sind besser als Leonards schlechteste Plots) und ökonomische Erzählweise. In seinen Polit-Thrillern erinnert Perry häufig an Ross Thomas.

An einen Ross Thomas on dope.

 

Am erfolgreichsten sind bisher die sieben Bände seiner Serie um die indianische Escape-Expertin Jane Whitefield Seine Trilogie über den Killer Butchers Boy ist im Gespräch für eine TV-Serie (die beiden ersten Romane wurden auch ins Deutsche übersetzt; aber seit längerer Zeit hat Thomas Perry, wie so viele großartige US-Autoren, keinen deutschen Verlag mehr). Auch in der besseren amerikanischen Sekundärliteratur sucht man seinen Namen meist vergeblich. Er scheint tatsächlich, trotz seines Erfolges, eines der bestgehütetsten Geheimnisse der US-Crime Fiction zu sein. Vielleicht liegt es aber auch darin begründet, dass er sich oft zwischen alle Stühle gesetzt hat: Er hat häufig den Polit-Thriller und Noir-Roman mit Comedy verbunden, was Kritiker dazu bewegte, den  unvermeidbaren Vergleich mit Donald Westlake heraus zu grölen. Dabei ist Perry ist seinen besten Werken so einzigartig und originell, daß man ihn vortrefflich als sein eigenes Genre bezeichnen darf.

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Perry stammt aus einer Lehrerfamilie. Zusammen mit einer Schwester und einem Bruder wuchs er in Tonawanda, Nex York, in der Nähe der Niagara-Fälle auf. „Ich verbrachte einige Zeit mit ziemlich harten Burschen, ohne selber einer zu sein. Aber ich lernte, die Dinge durch ihre Augen zu sehen. Ich bin zwischen Buffalo und Niagara Falls aufgewachsen. Das war immer Mafia-Gebiet. Als ich aufwuchs herrschte ein brutaler Krieg zwischen zwei Familien, der erst bei dem berühmten Treffen auf der Ranch in Apalachin 1957 beigelegt wurde. Als ich anfing über diese Leute zu schreiben, erinnerte ich mich an diese Geschichten aus meiner Jugend und recherchierte sie genauer.“

Er studierte Englisch in Cornell und machte an der Universität von Rochester seinen Abschluss. Dann arbeitete er als Fischer und in einigen anderen Jobs, die etwas mit dem richtigen Leben zu tun haben. Schließlich zog er nach Santa Barbara und ging an die Universität von Kalifornien um in der Verwaltung zu arbeiten. Dort traf er die Englisch-Dozentin Jo Anne Lee, die er 1980 heiratete.

In den 1980ern arbeitete er auch als Drehbuchautor und Producer für Serien wie SIMON & SIMON (für die sogar Ross Thomas zwei Episoden schrieb), 21 JUMP STREET und STAR TREK: THE NEXT GENERATION. Bei SIMON & SIMON war er auch als Co-Produzent tätig.

 

Geschrieben hat er seit der Kindheit, darunter auch ein paar unveröffentlichte Romane. „Ich bemühte mich vergeblich etwas zu schreiben, das nicht langweilig war.“ Bei seiner Dissertation über William Faulkner war Perry auf Chandler gestoßen, den Faulkner als einen seiner Lieblingsautoren bezeichnet hatte. „Ich las Chandler und entdeckte die Kriminalliteratur.“ Perry kannte das Genre kaum und liest auch heute nur wenige Thriller. Vielleicht war es gerade diese Unbedarftheit, die es ihm ermöglichte mit einem neuen Ton ins Genre einzusteigen. „Ich versuche immer wieder etwas anderes um die Sachen interessant zu machen.“ Hätte Perry von Anfang an auf eine Serie gesetzt, wäre er heute sicherlich noch erfolgreicher. Aber selbst für die Whitefield-Romane galt oder gilt, dass er der Serienheldin einen neuen Aspekt abgewinnen muss um ein weiteres Buch über sie zu schreiben. Das erklärt auch die zehnjährige Pause zwischen dem fünften und sechsten Roman.

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Sein Erstling, THE BUTCHER´S BOY, für den er den EDGAR bekam, schlug 1982 ein wie eine Bombe. Es war sofort erkennbar, dass sich eine neue, originelle Stimme im Thriller zu Wort meldete. Eine von Perrys Spezialitäten ist die multiple Erzählerperspektive, die er meisterhaft beherrscht. Obwohl er immer in der dritten Person erzählt, führt er den Leser in die nachvollziehbaren Gedankengänge der jeweiligen Figur, egal wie verrückt sie sind. Trotz dieser inneren Monologe ist sein Werk voller filmischer Action, was sicherlich seiner Arbeit als Drehbuchautor geschuldet ist. Diese Mischung, gepaart mit einer großen Portion Zynismus, machen sein Werk originell und einzigartig in der Kriminalliteratur. Was wahrscheinlich auch eine Erklärung dafür ist, dass es seit langem nicht mehr auf Deutsch veröffentlicht wird.

 

P.S.: Momentan arbeitet Dante Harperr (Edge of Tomorrow) an einem Drehbuch nach METZGER´S DOG.

 

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Ein Leipziger Autor stellt sich und sein Debüt vor by Martin Compart
2. September 2014, 6:13 vormittags
Filed under: Alexander Trabert, Crime Fiction, E-BOOKS, Krimis | Schlagwörter: , ,

Gelesen habe ich schon immer gerne und viel, erst historische Abenteuerromane und ab meinem fünfzehnten Lebensjahr Thriller und Krimis. Besonders angetan hatten es mir damals die Tatsachenromane und Thriller von Harry Thürk, deren Handlungsort Asien war.

Nach der Wende 1989/90 entdeckte ich dann die Bücher von Marc Olden, Elmore Leonard, Jack Higgins, Robert Daley, Mai Sjöwall/Per Wahlöö, Joseph Wambaugh, Olov Svedelid, Eugene Izzi und Ed McBain. Nachdem ich die Romane des „World Class Detroiters“ Elmore „Dutch“ Leonard und seines Kollegen Eugene Izzi aus Chicago gelesen hatte, erwachte in mir der Wunsch auch Geschichten, deren Protagonisten Gangster, Polizisten und gesellschaftliche Verlierer sind und in dem Erzählstil der beiden Autoren zu schreiben, ohne jedoch diese billig zu kopieren.

Doch lange Zeit tat sich in Punkto Schreiben nicht viel bei mir. Um die Jahrtausendwende begann ich einen Thriller, aber leider brachte ich damals nicht mehr als eine A 4-Seite zustande und das ist ja für einen Thriller ein bisschen wenig. Mehr als eine Seite hatte ich auch nicht geschrieben, als ich Mitte der Achtziger einen historischen Abenteuerroman, der zu der Zeit, als sich die Griechen und die Römer um die Vorherrschaft im Mittelmeerraum bekriegten, spielen sollte, zu Papier bringen wollte.

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Dann begann im Mai 2007 im Südosten des wiedervereinigten Deutschlands eine der schmutzigsten Affären Mitteldeutschlands nach der Wende. Die Affäre erlangte unter dem Titel „Sachsensumpf“ deutschlandweit traurige Berühmtheit. Plötzlich drangen Informationen über alte und neue Verbrechen, die seit Anfang der Neunziger im Freistaat Sachsen begangen worden waren, wieder an die Öffentlichkeit. Für die Opfer dieser Verbrechen und deren Angehörige war dies natürlich überhaupt nicht gut und für die Täter selbstverständlich auch nicht, doch mein Mitleid mit den Letzteren hält sich sehr, sehr in Grenzen oder ist gar nicht vorhanden. Für mich aber, der zu dieser Zeit mit dem Gedanken spielte, ein Sachbuch über die Entwicklung der Organisierten Kriminalität in Leipzig seit der Wiedervereinigung zu schreiben, waren diese Informationen äußerst interessant. Ich begann wie ein Besessener Zeitungs- und Zeitschriftenartikel zu dieser Affäre zu sammeln und tue es auch heute noch, obwohl sie zuletzt ja irreführend lapidar nur eine „Aktenaffäre“ genannt und von der sächsischen CDU äußerst ungeschickt abmoderiert wurde.

Als ich dann aber merkte, wie sich der Wind ab Juni 2007 drehte und ab 2009 zu recht kritische Journalisten, ehemalige Opfer und fähige und engagierte Staatsdiener vor Gericht gezerrt wurden, verwarf ich den Gedanken, das obenerwähnte Sachbuch zu schreiben. Ich beschloss nun den „Sachsensumpf“ und den „Diskokrieg“, der Leipzig in den Jahren 2008 und 2009 in Unruhe versetzte, als Vorlagen für einen harten Thriller zu nehmen, den ich schon schreiben wollte seit ich 18 geworden bin.

So begann ich im Juli 2008 mit der Arbeit an meinen Debütroman. Da ich mich, während ich an dem Buch schrieb, um so „nebensächliche“ Dinge wie Studium und Arbeit, um selbiges und den Lebensunterhalt zu finanzieren, kümmern musste, und ich auch noch ein Privatleben habe, dauerte es bis zum Mai diesen Jahres, bis ich das Buch veröffentlichen konnte. Jetzt ist es als E-Book und auch als Druckausgabe bei Amazon.de unter dem Titel „L.E. 2007“ erhältich.

Lest selbst und bildet euch ein Urteil! Kundenkritiken könnt ihr natürlich auch schreiben. Konstruktive Kritik, nett formuliert, höre ich immer gerne.

Alexander Trabert, im August 2014

 

http://www.amazon.de/L-E-2007-Ein-Thriller-Leipzig/dp/1500747785/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=undefined&sr=1-1&keywords=l.e.2007

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CALEB CARR – NEW YORKER MISANTHROP by Martin Compart

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Ein Serienkiller, der es auf sich prostituierende Knaben abgesehen hat, treibt in New York sein Unwesen. Nichts ungewöhnliches, wenn man die Unterhaltungsindustrie der letzten 30 Jahre betrachtet. Aber THE ALIENIST (DIE EINKREISUNG; Heyne 1994) holte etwas neues aus diesem  nervigen Subgenre.

Ungewöhnlich an diesem Roman sind aber Personen, Schauplatz und die literarische Umsetzung. Die Personen sind zum Teil fiktional, zum Teil reale Figuren der Geschichte. 3453158830_l[1]Der Schauplatz ist New York 1896 und ein Beleg dafür, dass die Vergangenheit die Gegenwart nicht bestimmt, sondern verflucht. Die literarische Umsetzung geschieht mit leichter Hand, fie Brillanz von Caleb Carrs stil ist erst auf dem zweiten Blick sichtbar, denn er findet für seinen Ich-Erzähler einen Ton, der sowohl modern ist, wie auch vergangene Eigenheiten berücksichtigt und beides zu einer Synthese führt.

Polizeichef Theodore Roosevelt, der spätere Präsident der USA, setzt eine Sonderkommission ein um den Killer zu finden. Wegen der ungeheuren Korruption in der Polizei(lange vor SERPICO), müssen die Ermittler unabhängig vom Apparat agieren. Die Sonderkommission wird von dem Psychologen Dr. Laszlo Kreisler geleitet und ihm assistiert ein Team interessanter Figuren, die höchst amüsant und informativ die zeitgenössischen Entwicklungen der Kriminalistik nutzen. „An der Person Roosevelt hat mich fasziniert, dass er sein ganzes Leben an seinen Kindheitsidealen festgehalten hat. Solche Personen inspirieren mich. Als Historiker versuche ich die realen Figuren mit ihren eigenen Worten sprechen zu lassen und sie so authentisch wie möglich zu zeichnen. Ich missbrauche sie nicht, um einen Standpunkt von mir zu verdeutlichen, der vielleicht ins Romankonzept passt.“Carr+Die-Einkreisung[1]

Neben der spannenden Handlung ist es das facettenreiche Bild New Yorks, eigentlich Manhattans, das den Roman zum modernen Klassiker macht. Die Atmosphäre der Stadt, deren Zeitgeist überzeugend eingefangen erscheint, ist nicht nur grimmig und gemein, sie ist bedrohlich böse. Ich kenne keine überzeugendere, alle Schichten und Interessen durchleuchtende, Darstellung des historischen Manhattan. New York als Zentrum des Verbrechens: „In New York sind Korruption und Sittenverfall kein vorübergehendes Unglück, sondern ein Dauerzustand.“ Carr beschäftigt sich besonders eindringlich mit homosexueller Kinderprostitution: „New York war vielleicht die Hauptstadt des Verbrechens in den USA, vor allem bei Gewalt gegen Kinder, aber auch der Rest der Staaten bemühte sich um eine ausgeglichene Statistik… Man hielt Kinder damals für kleine Erwachsene. Wenn sie ihr Leben dem Laster widmmen wollten, dann war das nach den Gesetzen des Jahres 1896 ihre Sache, und niemand konnte sie daran hindern.“ Mir fällt lediglich Herbert Asburys Sachbuch THE GANGS OF NEW YORK von 1927 ein, das ein ähnlich beeindruckendes Sittenbild der Metropole zeichnet. Und das ist, wie gesagt ein Sachbuch, noch dazu in geringerer zeitlicher Distanz entstanden.

Carr gelingt es, die komplexesten Themen in die Handlung zu integrieren. Dies funktioniert so gut, weil sein Ich-Erzähler, der Journalist Moore, eine überzeugende Tonlage triff, die den Leser in seine Zeit und Welt hinein saugt.islandofvice[1] Mit der weiblichen Figur Sara, die unbedingt Kriminalistin werden will, schafft er eine ebenso außerordentliche wie überzeugende Heldin (im Sequel arbeitet sie als Privatdetektivin). „Ich wollte ein Buch schreiben, in dem die Frau nicht die übliche Funktion hat, sich zu verlieben oder mit jemanden ins Bett zu gehen.“ Man könnte Dr.Kreisler als einen Holmes-Nachfolger sehen oder ihn in die Tradition der „großen Detektive“ des klassischen Detektivromans einordnen. Aber das stimmt nicht, denn im Gegensatz zu den großen Detektiven des Golden Age antizipiert Kreisler die Kriminalpsychologie des 20.Jahrhunderts, zu der Holmes & Co. noch keinen Zugang hatten. „Kreisler kann Verbrechen aufklären, die Holmes nie hätte lösen können, da sie nicht alleine durch das Analysieren physischer Indizien gelöst werden können; es bedarf forensischer Psychologie.“ Diese Einkreisung des bestialischen Mörders nimmt den Leser auf einen historischen Bildungstrip, der keine Sekunde langweilt. Kreisler und sein Team benutzen alle kriminalistischen (Fingerabdrücke) und psychologischen Möglichkeiten, die ihnen in der Zeit zur Verfügung stehen, um sich über ein Profil dem Mörder zu nähern. „Eine der größten Herausforderungen war das Studium der damaligen psychologischen Wissenschaftsliteratur. Meine Charaktere durften nicht mehr wissen als den aktuellen Stand der Dinge. Damals hatte Freud gerade sein erstes Buch veröffentlicht.“ Der Begriff Psychopath oder psychopathischer Killer existierte noch nicht. Ebenso wenig eine Architektur des Bösen, die von sozio-psychologischen Grundlagen ausging. Dieses Herantasten an neue Erkenntnisse, die im nächsten Jahrhundert eine so wichtige Rolle spielen würden, verleiht dem Roman zusätzlich aufklärerische Spannung. Die Passagen, in denen die Ermittler neue Fakten oder Erkenntnisse analysieren, sind die unterhaltsamsten Pro-Seminare forensischer Medizin, die man sich vorstellen kann. Sie konterkarieren ihre düsteren Expeditionen in den Bauch von Manhattan.   Nicht nur die Morde werden brutal und erbarmungslos gezeigt, die ganze Stadt ist von bösartiger Rücksichtslosigkeit. Alles ist zu kaufen, alles steht im Schaufenster: Sex mit Kindern und allen anderen, Drogen, Politik und Kultur. Das Bild der Stadt verbreitet genau so durchdringenden Horror, wie der Serienkiller. Viktorianische Kriminalität und Geschäftemacherei mit der Barbarei der Neuen Welt. Dem Historiker und dem Romancier ist eine perfekte Synthese aus Geschichtsbetrachtung und Detektivroman gelungen.

„Über die Vergangenheit zu schreiben, wiegt den Leser in Sicherheit und gibt ihm ein wohliges Gefühl. Denn – egal wie schlimm das ist, was man beschreibt – es ist ja bereits passiert. Es ist Vergangenheit.“

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Dank seiner unerfreulichen Kindheit ist der Autor fasziniert von Mördern, die sich mit ihren Taten von erlittenen Qualen befreien wollen. „ Ein Autor hat zwei Jobs: zu lehren und zu unterhalten. Ich bin nicht daran interessiert, als so genannter ernsthafter Schriftsteller anerkannt zu werden, aber ich bin an dem interessiert, was schreiben leisten sollte. In einem Land, in dem die Bildung ständig abnimmt, erscheit es mir wichtig, das man aus Büchern etwas lernt. Natürlich auf unterhaltsame Weise.“

Carr bot das Buch seinem Agenten und dem Verlag als Non-fiction an, da er damals für sie als Sachbuchautor eine erkennbare Größe als Militärhistoriker war und man sich von ihm keinen Roman vorstellen konnte. Random House bot schließlich einen Vorschuss von 60.000 Dollar und die Taschenbuchrechte wurden für 1.001.000 Dollar versteigert.

ALIENIST war 24 Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times. Von der Taschenbuchausgabe wurden 1,5 Millionen Exemplare verkauft. Es wurde in 20 Sprachen übersetzt.

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Über seinen zweiten Kreisler-Roman, ANGEL OF DARKNESS, über eine Frau, die ihr Kind und andere umbringt, sagt er: „Serienkiller sind Stars, denen die Öffentlichkeit zu Füßen liegt. Ganz anders ist es mit Müttern, die ihre eigenen Kinder töten. Das verschwindet ganz schnell aus den Medien. Es ist die ultimative Obszönität. Ich wollte herausfinden, was eine Frau und Mutter dazu bringt. Eine gute Mutter zu sein ist ja für Frauen die Konditionierung schlechthin.“

Während ALIENIST von dem trinkfreudigen Journalisten Moore erzählt wurde, ist in DARKNESS Stevie der Ich-Erzähler. Stevie war ein jugendlicher Rabauke und Straftäter in ALIENIST, der von Dr.Kreisler unter seine Fittiche genommen wurde. Das Buch spielt drei Jahre später und Stevie ist inzwischen ein gewitzter Teenager. „Er steht mir näher als Moore. Ursprünglich wollte ich eine Serie schreiben, in der in jedem Roman eine andere Figur die Geschichte erzählt. Für den ersten Roman wählte ich Moore als Erzähler, weil er der modernste Charakter des Romans ist. Mit ihm sollten die Leser die wenigsten Schwierigkeiten haben. Stevie ist auch für mich eine Herausforderung, denn er ist natürlich nicht so wortgewandt. Er hat eine andere Sicht auf New York, da er von ganz unten kommt. Er entspricht meinen eigenen Erfahrungen. Wo ich aufgewachsen bin, kamen die reichen Kinder nur hin um Drogen zu kaufen. Auch in diesem Roman verwendet Carr wieder eine ganze Reihe historischer Personen, u.a. Clarence Darrow. „Ich nutzte Darrow als Charakter und Leser dachten, er sei eine fiktive Figur. Was wird eigentlich in amerikanischen Schulen unterrichtet? Aber wir bewegen uns in eine Epoche, in der alle Fortschritte und Errungenschaften der letzten zweihundert Jahre zurückgedreht werden.“ ANGEL hatte nicht denselben Erfolg. Einige Kritiker und Leser bemängelten, den blumigeren Ich-Erzähler und.den weniger gelungenen Plot. Die renommierte „Kirkus Review“ bemängelte und lobte: „…and disastrously slows down the otherwise absorbing courtroom scenes by including needless detailed summaries of cases of child murder offered as precedents. But these are minor blemishes. Carr has learned to plot since The Alienist, and this novel usually moves at a satisfyingly rapid pace.”

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Durch den Verkauf der Filmrechte kam er in Kontakt mit der Filmindustrie. Er schrieb mehrere Drehbücher und musste deshalb natürlich auch nach Los Angeles. Als er die Drehbücher zu EXORCIST: THE BEGINNING und DOMINION: PREQUEL TO THE EXORCIST, das der Autor des Ur-Romans, William Peter Blatty, sehr lobte, schrieb, war er oftdort. Und diese Stadt mag er noch weniger als das heutige New York. „Ich war in Beverly Hills während des Northridge-Erdbebens. Keiner kam aus seinem Haus um nach den Nachbarn zu sehen. Die Kalifornier sind größtenteils gemeine, hässliche Leute, die bereit sind, dir jederzeit ein Messer in den Rücken zu jagen. In New York kümmert sich niemand um dich, wenn alles normal läuft. Aber wenn dir was Schlimmes passiert, versuchen sie zu helfen. Anders herum in Kalifornien: Solange alles gut für dich läuft, und du keine Hilfe brauchst, sind die Leute nett zu dir. In Los Angeles spürst du überall diese Konkurrenzkultur. 99% der Männer sind außerdem kindische sexuelle Neurotiker. Die Hälfte der Frauen, die hierher zieht, wird lesbisch und die andere Hälfte jammert herum. Dass sie keine Männer abkriegen. Südkalifornien ist das Hinterletzte.“

Zum Bücher schreiben musste er zurück nach New York, die entscheidende Inspiration für Carrs Noir-Detektivromane. Selbst als er eine halbe Million Dollar für die Filmrechte erhielt, blieb er in seiner alten Wohnung. Inzwischen hat sich das geändert und Carr hat New York verlassen. „Ich hasse, was aus New York geworden ist. Sie haben den Charakter der Stadt getötet. Die Straßen sind zwar sauberer und sicherer, aber alle sind gleich langweilig.“

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Die inzwischen Jahrzehnte andauernde Geschichte der Verfilmung von THE ALIENIST ist ein Paradebeispiel für den Mist, der seit den 1980ern in Hollywood abläuft: Produzent Scott Rudin kaufte für Paramount die Rechte an dem noch nicht veröffentlichten Roman für eine halbe Million Dollar. Das Drehbuch des Dramatikers David Henry Hwang gefiel dem Regisseur nicht. Dann setzten sich Regisseur Curtis Hanson und Autor Steven Katz hin, um ein neues Drehbuch zu schreiben. Dabei zerstritt sich Hanson mit Rudin. Der neue Regisseur Phillip Kaufman wollte nun ebenfalls sein eigenes Drehbuch und.. und… und… Inzwischen gibt es mindestens neun Drehbücher zu THE ALIENIST. Bis 1997 hatte Paramount bereits zwei Millionen Dollar für unbrauchbare Skripte ausgegeben. Carr gelang es nicht, ins Spiel zu kommen. Er wollte sogar selbst Regie führen. „Das Projekt ist tot. Ich glaube, die wissen nicht mal, warum sie das Buch gekauft haben. Es hat nichts, was diese Typen mögen: Es ist ein Ensemble-Stück ohne Liebesgeschichte. Nichts für Hollywood.“

Mit Rudin hatte Carr bereits Ende der 1980er zu tun. Damals arbeitete er eine Weile im New Yorker Büro der Paramount als Stoffentwickler. 1991 wurde sein Drehbuch BAD ATTITUDE als TV-Movie umgesetzt und „komplett in den Sand gesetzt“. Danach begann er mit der Arbeit an THE ALIENIST. Aber „meine große Liebe ist das Kino. Man findet nicht viele Autoren, die das Kino so sehr lieben wie ich. Filme formen die meisten Bilder in meinen Romanen. Sprache interessiert mich nicht besonders. Ich liebe Filme mehr als Bücher. Ich bin Geschichtenerzähler, kein Schriftsteller.“

Da inzwischen TV-Serien wie RIPPER STREET, COPPERS, BOARDWALK EMPIRE oder PENNY DREADFULS als period pieces Erfolge feiern und Paramount unbedingt in den lukrativen Serienmarkt einsteigen will, holte man die Rechte an THE ALIENIST wieder hervor. 2014 wurde angekündigt, dass man zusammen mit Anonnymous Content (der Produktionsfirma der Erfolgsserie TRUE DETECTIVE) eine Serie entwickelt, die auf THE ALIENIST beruht.

 

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Caleb Carr wurde am 2.August 1955 als zweiter von drei Söhnen von Lucien Carr und Francesca von Hartz in New York geboren. Er wuchs in einet üblen Ecke Manhattans in einer ziemlich bizarren Familie auf. Sein Vater, Lucien Carr, gehörte bereits früh zum Umfeld der Beats. Er war zwar selber kein Schriftsteller, aber er machte Jack Kerouac, Allan Ginsberg und William S. Burroughs miteinander bekannt und war bis zu deren Lebensende mit ihnen eng befreundet. „Diese Beats waren lärmende Säufer. Ich wollte um nichts auf der Welt wie sie Schriftsteller werden.“ 1944 hatte Lucien Carr einen Mann namens David Kammerer erstochen, der ihn wohl sexuell belästigt hatte. Kerouac half ihm dabei, die Tatwaffe zu beseitigen und das Verbrechen zu vertuschen. Vergeblich. Carr kam zwei Jahre wegen Totschlags hinter Gitter.

Carrs Eltern ließen sich früh scheiden. Er war acht Jahre alt und lebte mit seiner Mutter Francesca und seinen beiden Brüdern mit Francescas zweitem Mann, dem Romancier John Speicher, in Lower Manhattan. Sein Stiefvater, ebenfalls Alkoholiker, brachte drei Töchter mit. „Man nannte uns dark Brady Bunch.“ Sie wohnten im Block 14th Street zwischen Second und Third Street, damals eine der übelsten Gegenden in Manhattan. „Ich sah meinen ersten Mord mit elf. Auf der Straße gegenüber wurde ein Mann abgestochen, wegen eines Drogen-Deals.“ Häusliche und urbane Gewalt bestimmten seine Kindheit. „Ich bin das einzige Kind in meiner Familie, das sich nicht umbringen wollte… Wahrscheinlich, weil ich glaubte, irgendjemand wird das schon für mich besorgen.“

Zu seinem Vater hatte er kein enges Verhältnis. Wenn er ihn besuchte, hingen die Beat-Autoren dort rum und soffen oder nahmen Drogen. Als Kind empfand er das, verständlicher Weise, als eher verstörend. Die schönste Zeit seiner Kindheit waren die Sommer auf der Farm der Großmutter, nördlich von New York. Später sollte er ein angrenzendes Grundstück kaufen, auf dem er jetzt lebt.

„Ich war ein ziemlich wütendes Kind. Um diese Wut in den Griff zu bekommen, begann ich mich für Militärgeschichte zu interessieren. Es rührte meine Mutter zu Tränen; für sie war es fast dasselbe wie töten.“

Dank eines kleinen Familienvermögens, das die Großmutter verwaltete, konnten er und seine Brüder eine teure Privatschule besuchen und Carr anschließend am Kenyon College in Ohio und an der New Yorker Universität Geschichte studieren. Seine Bewerbung für Harvard war abgelehnt worden, weil seine Lehrer in die Unterlagen geschrieben hatten, er „sei sozial problematisch“. Nach dem Studium stellte ihn 1977 ausgerechnet das umstrittene Council of Foreign Relations als Redakteur ihres vierteljährlichen Magazins ein. Anschließend arbeitete er in den 1980ern als freier Journalist mit dem Schwerpunkt auf Zentralamerika. 1980 erschien sein erster Roman, CASING THE PROMISED LAND, den er aus seiner Bibliographie getilgt hat und als „blöden Roman“ bezeichnet „voll mit dem Zeugs, das junge Autoren schnell aus dem System kriegen sollten.“  0024582a_medium[1] Erste internationale Aufmerksamkeit als Autor weckte er mit der Biographie von Frederick Townsend Ward, des amerikanischen Söldnerführers im Taiping-Aufstand: THE DEVIL SOLDIER, 1992 (deutsch: DER VERGESSENE HELD; Diana Verlag, 1999). 2002 erschien seine Studie zum Terrorismus, THE LESSONS OF TERROR (TERRORISMUS – DIE SINNLOSE GEWALT; Heyne, 2002), in der er dieser Gewaltstrategie seit dem Römischen Reich nachgeht und nachweist, dass Terrorismus langfristig erfolglos bleibt. Egal, ob von Extremisten oder nationalen Armeen angewandt. Seine Analysen (ausführlich der Mittlere Osten), kamen in Washington nicht besonders gut an und lösten eine Kontroverse aus. Als Historiker und politisch bewusster Zeitgeschichtler faszinierte ihn der Bush-Gore-Wahlkampf. 41nUVqeBecL._SY300_[1]„Der Schlüssel war Florida, der korrupteste Staat der Union mit dem Bush-Bruder Jeb als Gouverneur. In der Wahlnacht, als sich abzeichnete, das Bush verlieren würde, griff man zum Telefon und rief Jeb an. Sie sagten ihm, dass sie hinten lägen, aber nur ein bisschen. Jeb schickte sofort die State Trooper los um 20 000 Stimmen einzukassieren. So etwas passiert dauernd, im ganzen Land.“ Von den Medien erwartete er nichts: „Das sind bezahlte Diener der Konzerne, die ja auch die Politik bestimmen und wer gewählt wird.“ Aber auch von der Militärmacht USA ist der Militärhistoriker nicht besonders überzeugt: „Wie lange hat es gedauert, bis sich die USA von den 58 000 toten Soldaten in Vietnam erholt hat? Wenn man wirklich eine imperiale Macht sein will, muss man auf Dauer schon etwas mehr wegstecken können.“

Zynisch ist auch sein dystopischer SF-Roman KILLING TIME (DIE TÄUSCHUNG; Heyne 2001), veröffentlicht 2000, nachdem er zuvor dem Magazin „Time“ als Fortsetzungsroman erschienen war.511CPVorHGL._SY300_[1] SF ist ein weiteres Genre, das er sehr liebt. „Ich sage gerne, SF sind period pieces, die in der Zukunft spielen. Ob historische Stoffe oder SF – beides spiegelt werde Vergangenheit noch Zukunft, nur die Zeit, in der sie geschrieben werden. Ich liebe Geschichte und Science Fiction, also die Vergangenheit und die Zukunft. An der Gegenwart bin ich nicht besonders interessiert. Ich habe schon als Kind eher in der Vergangenheit gelebt. Sowohl ästhetisch wie ethisch bin ich vergangenheitsorientiert.“ 2012 hat er mit THE LEGEND OF BROKEN einen voluminösen Fantasy-Schinken vorgelegt, den er auch als eine Parabel verstanden haben möchte. Für viele eine Enttäuschung. Carr bedient sich zwar geschickt bei Tolkien Geogre Martin, aber im Vergleich bleiben seine Charaktere zweidimensional, Aber wer braucht eigentlich diesen sich unentwegt wiederholenden Fantasy-Mist?

Sein Sherlock Holmes-Roman, THE ITALIAN SECETARY (DAS BLUT DER SCHANDE; Heyne 2006), 2005 erschienen, ist seiner Katze Suki gewidmet, seiner konstantesten Gefährtin, mit der er jetzt alleine auf einem Berg in einem eine Million Dollar teuren Haus auf einer riesigen Farm lebt, 180 Meilen nördlich von New York.1404031804_1202953_n[1] Der nächste Ort, Cherry Plain, hat ein Postamt und eine Kirche und nicht viel mehr. Für ihn hängt die erneute Sherlock Holmes-Renaissance nach 9/11 mit einem steigenden Bedürfnis nach Rationalität zusammen. „Wir sind in eine Epoche eingetreten, in der alle Fortschritte und Errungenschaften der letzten zweihundert Jahre zurückgedreht werden.“ Inzwischen gibt es etwa 4000 Holmes-Romane, Geschichten und Film- und TV-Serien, die nicht von Conan Doyle sind. „Publishers Weekly“ stellte zum Erscheinen von Carrs kurzem Holmes-Buch fest: „Eine Sherlock Holmes-Geschichte zu schreiben, scheint für viele Autoren dasselbe zu sein, wie für männliche Schauspieler einmal den Hamlet zu geben; eine Herausforderung, der wenige widerstehen und viele bereuen… Nicht Carr… Er hat ein tiefes Verständnis für die Figur und macht nichts falsch.“ Ein weiteres Holmes-Pastiche ist nicht geplant.

 

Carr arbeitet nachts und monomanisch. „Wenn ich arbeite, gibt es für mich nichts anderes als das Buch, an dem ich gerade schreibe. Sonst nichts. Ich schreibe nachts. Es fällt mir leicht, mich in eine vergangene Epoche zu versetzen. Aber natürlich mache ich auch spezielle Recherchen. Für die Kreisler-Romane hieß das: Fünf Monate Recherche und fünf Monate schreiben.“ Im Gegensatz zu seinen Sachbüchern, bestimmen historische Begebenheiten nicht seine Vorgehensweise bei der Fiktion: „Ich habe immer zuerst die Story, die historischen Details kommen an zweiter Stelle. Eine gute Geschichte funktioniert fast in jeder Epoche.“ Carr ist nicht auf ein Genre festgelegt, wie sein Oeuvre zeigt.

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„Ich habe es jahrelang versucht zu verdrängen, aber ich bin ein Misanthrop. Ich lebe nicht umsonst alleine auf diesem Berg namens Misery Mountain.“ Er liebt die Einsamkeit hier, gelegentlich unterbrochen durch Frauenbesuche, obwohl er doch so mit New York verwurzelt ist. „Es heißt: Hollywood zerstört dich und dein Talent. Aber die Literatenszene in New York macht dasselbe.“ Er bevorzugt jüngere Frauen, ist aber zu ungeduldig um eine längere Beziehung aufzubauen. „Mein Lieblingsregisseur ist, was viele wundert, Preston Sturges, denn mein Liebesleben ist eine screwball comedy.“ Seine Beziehungsprobleme begründet er mit seinen Kindheitserfahrungen: „Wer häuslicher Gewalt durch betrunkene Väter ausgesetzt war, tut sich schwer damit, anderen Menschen zu vertrauen.“

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HOMEPAGE: http://17thstreet.net/

Zu den Schauplätzen gibt es eine schöne Page unter: http://theboweryboys.blogspot.de/2014/03/the-alienist-by-caleb-carr-released-20.html

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