Martin Compart


DAS GESPENST EINER WELT, DIE FREI SEIN KÖNNTE – Mark Fishers „K-PUNK“ by Martin Compart

Das Jahr ist noch jung – doch schon liefert die Edition Tiamat ein Buch, dass bereits jetzt zu den wichtigsten (deutschen) Erstausgaben des Jahres zu zählen ist: eine leicht gekürzte Ausgabe von Mark Fishers Blog-Beiträgen, die einmal mehr bestätigen: „Der beste kulturwissenschaftliche Autor seiner Generation“ (Los Angeles Review of Books).

Er nahm im Januar 2017 ds Recht auf seinen Freitod.
(https://martincompart.wordpress.com/2017/01/15/mark-fisher-ist-tot/)

Die Kernthese von Fishers Kulturkritik ist unsere Unfähigkeit eine Zukunft zu konzipieren, die radikal mit der Vergangenheit bricht (denn das weiß der Feudal-Kapitalismus zu verhindern).

Das vorliegende Buch ist eine Auswahl der Blog-Essays, die 2018 in England als K-PUNK. THE COLLECTED AND UNPUBLISHED WRITINGS OF MARK FISHER (2004-2016) erschienen sind. So etwas wie ein Nachlass, der die mitreißende Energie von Fishers Schreiben lebendig hält und süchtig machen kann. Das liest sich in der schwierigen Übersetzung ganz wunderbar.

Fisher, Mark
k-punk
Ausgewählte Schriften (2004-2016)
Edition Tiamat
Critica Diabolis 273
Aus dem Englischen von Robert Zwarg, mit einem Vorwort von Simon Reynolds
624 Seiten
32.- Euro
ISBN 978-3-89320-247-8
Erscheinungsdatum Februar 2020

Mit eurozentrischem Blick verdeutlicht Fisher in diesen Essays, dass der Klassenkampf längst einem Kulturkampf gewichen sei. Neben vielen Einflüssen demonstrieren besonders die frühen Blog-Beiträge den starken Eindruck des amerikanischen Neo-Marxisten Fredric Jameson und dessen „Theorie der Postmoderne“.

Da Fisher mit Institutionen gebrochen hatte und seine Veröffentlichungsmöglichkeiten gering waren, startete er 2003 seinen Blog K-PUNK (nach dem griechischen Wort kyber).

Wie könnte man einem Autor widerstehen, der Nenas 99 LUFTBALLONS als „apokalyptisches Karnevallied“ enttarnt?

Der Anschlag auf das World Trade Center war ein mutiger Versuch, Amerika vom 20.Jahrhundert zu befreien.“ (J.G. Ballard)

Mark Fisher ist der Alptraum akademischer Bluffer oder bluffender Akademiker: „So wie ich Theorie verstanden habe – nämlich vor allem vor dem Hintergrund der Popkultur – wurde sie in der Universität eigentlich verabscheut.

Sein – vom Punk inspiriertes – Ziel war es eine Art Pulp-Theorie zu schaffen, „die das Bedürfnis nach einer zentralisierten Kontrolle“ zerstört. Damit setzte Fischer mit den neuen Technologien fort, was die Situationisten mit ihren Methoden der Kommunikationsguerilla angestoßen hatten. Durch diese neuen Technologien waren deren Forderungen nach Abschaffung von Technokratie und Hierarchien in theoretischen Auseinandersetzungen weitgehend erfüllt.

Seine Methodik ist von Greil Marcus´ LIPSTICK TRACES bestimmt. Folgerichtig schreibt er darüber: „LIPSTICK TRACES war sich sicher, dass Pop nur dann Bedeutung haben kann, wenn er aufhört >nur< Musik zu sein, wenn Politik in ihm nachhallt, die nichts mit kapitalistischem Parlamentarismus zu tun hat und mit Philosophie jenseits der Universität.

Auch seine Texte zur Literatur sind sowohl erfrischend wie auch komisch erhellend: „Oder die Komik der Anfangsszenen in Kafkas DAS SCHLOSS, ein Roman, der weniger den Totalitarismus als die Wirklichkeit des Call Centers vorwegnimmt.“ So aktualisiert punk (oder Pulp Theorie) literarische Rezeption!

Auf geradezu wahnwitzige Weise analysiert er im Verbund Patricia Highsmith´ Mr.Ripley mit Glam-Rock – und überzeugt! Denn Tom Ripley ist als gesellschaftliches Nichts seine beste Fälschung gelungen:
Ein „Thomas Ripley, der unabhängig und reich ist… Ripleys Entwicklung gleicht auf unheimliche Weise der von Brian Ferry. ROXY MUSIC und FOR YOUR PLEASURE, diese Übungen im Er- und Verlernen von Akzenten und Umgangsformen sind die Pop-Äquivalente von DER TALENTIERTE MR. RIPLEY. Kleidung, Auftreten und Stimme sind vorgetäuscht… STRANDED und die darauffolgenden Alben sind hingegen das Pendant zu den späteren Romanen; hier ist der Erfolg bereits vorausgesetzt…

Einer seiner (und meiner) Lieblingsautoren ist J.G.Ballard.

An seinem Werk sieht er in den Veränderungen auch eine Bestätigung eigener theoretischer Positionen: „Die Umweltkatastrophen in Ballards frühen Romanen werden von den Figuren meist als Chancen begriffen, um sich der drögen Routinen und Protokolle der sesshaften Gesellschaft zu entledigen… Katastrophen sind nun (in späteren Romanen) die Katastrophen der Medienlandschaft – jener Raum, in dem sich die Menschen inzwischen primär aufhalten.

Über David Peaces neo-proletarische Romane schreibt er nach bestechender Beweisführung: „Peace schreibt eine geheimnisvolle Geschichte der Gegenwart, indem er die jüngste Vergangenheit simuliert.

Politisch einleuchtend erklärt er das Jahr der großen Bergarbeiterstreiks (bei denen auch MI5 auf Seiten der Reaktion mitmischte), 1985, als das „Jahr einer katastrophalen Niederlage, deren Ausmaße erst nach einem Jahrzehnt sichtbar wurden. (Vielleicht erst mit der Wahl von New Labour zementiert)“.

Dieses „schlechteste Jahr des Pop“ (der Text ist aus 2005) hat es ihm auch so angetan, weil es das Jahr von Live Aid war, dem „Beginn eines falschen Konsens´ , der kulturelle Ausdruck des globalen Kapitals. Wenn Live Aid ein Nicht-Ereignis ist, das stattgefunden hat, war der Bergarbeiterstreik ein Ereignis, das stattgefunden hat“.

Das Buch endet mit einer Art Manifest des ACID KOMMUNISMUS, in dem er als Beginn der bewussten Zerstörung bestehender oder sich entwickelnder Solidargemeinschaften (der Gespenster einer Welt, die frei sein könnte) den US-Putsch in Chile nennt:

In Chile wurde nicht nur eine neue Form des Sozialismus ausgelöscht, das Land wurde auch zum Labor, in dem die Maßnahmen (Deregulierung des Finanzsektors, die Öffnung der Wirtschaft für ausländisches Kapital, Privatisierungen) erprobt wurden, die später an anderen Zentren des Neoliberalismus vom Band gerollt wurden.

Und:

Die Überwindung des Kapitals muss auf der sehr einfachen Einsicht basieren, dass das Kapital eben nicht darauf angelegt ist `Wohlstand zu schaffen´, sondern die Produktion eines gemeinsamen Wohlstands blockiert.

Der Freitod des an Depressionen leidenden Antikapitalisten Fisher könnte symbolisch den Umwelt-Suizid der vom Kapital gesteuerten Menschheit antizipiert haben?
Über dem Buch liegt auch der widersprüchliche Schatten einer „unterhaltsamen Depression“, des „hoffnungsvoll dystopischen“. Das System hat uns umgebracht, nur gestorben sind wir nicht.

Diese Sammlung mit ihrem großen Themenspektrum beweist einmal mehr, dass es nichts Uninteressantes gibt, wenn man sich nur intensiv genug mit etwas beschäftigt.

P.S.: Was ich an dieser Edition vermisse, ist ein Register. Aber das hätte die ohnehin schon waghalsige Kalkulation wohl gesprengt.



„DIE MÖWE HATTE MIR IN DIE SANDALE GESCHISSEN“, WIE GEHT DAS?, und DIE IRREN VON KLAGENFURT by Martin Compart

Heute am frühen Vormittag ist mir das Rentnergedeck im Hals stecken geblieben, da ich trotz weiträumiger Warnungen 3SAT angezappt hatte. Und da war es der Schrecken, der einen begrenzten Atomkrieg rechtfertigt. Erstmals in meiner medialen Existenz griff ich zu Twitter. Denn der Schock des Gesehenen hatte mich trumpanisiert. Und ich schrieb folgende Verkündung in begrenzter Wortausstattung:

„Habe tatsächlich ein wenig beim Wettlesen von Klagenfurt zugeschaut. Jetzt frage ich mich: Wer ist kranker? Die Autoren oder die Juroren? Das geisteskranke „Bildungs“bürgertum hat sich seit den 1980ern tatsächlich fortgepflanzt. Und Fauser und ich hofften wirklich auf sein Ende“

Wenn Du falsch abbiegst und zur falschen Zeit nach Klagenfurt gerätst, wünscht Du Dir bei den Hillbillys von WRONG TURN zu sein.

Soviel hässliche Aufgeblasenheit (gespeist aus zustehenden Minderwertigkeitskomplexen) kennt man ansonsten nur aus dem Weißen Haus.

Das war früher, als der GRO?E soundso was gewonnen hat. Dieses Jahr wird eine andere dumpfe Sau durchs Dorf getrieben vom noch lächerlicheren Vieh.

Wer mir gefehlt hat, ist der dicke Junge. Aber der macht auch noch Zuviel medialen Unsinn um in die Elite berufen zu werden. Zu der gehören Jahrhundertgestalten wie Hubert Winckels (der noch dem Kaiser vorgelesen hat) und an Schwachsinnsäußerungen seit Jahrzehnten ein Messbrett ist. Daneben frische Idioten, denen an der Zerstörung relevanter Literatur viel liegt.

Wer dachte, die 1980er (Fausers Spaß in Klagenfurt) wären schlimm, wird sich umgucken. Die LINDENSTRASSE der Literaturkritik ist voll erblüht.

„Ich hab schon als Kind gerne gelesen.“

Die letzte Zeile des heutig frühmorgendlichen Idioten-Lesers(„Die Möwe hatte mir in die Sandale geschissen“), fand der glatzköpfige österreichische Juror unbefriedigend um die angeblichen acht Ebenen des summen Textes abzuschließen; andere (bis ich aus Selbsterhaltungsgründen zu NETFLIX geschaltet hatte), fanden es genial.
Welche „Ebenen“ würden diese Freigänger erst be „Perry Rhodan“ entdecken? Der schwitzende Autor sah auch so aus, als würde er beständig die Füße so verdrehen, sass es einem Vogel gelingen könnte, seine Sandale (!) zu exkrementieren. Bemerkenswert auch die kühne Untertreibung, der exkrementierende Vogel hätte die Fußbedeckung konterminiert und nicht das Hirn.

Es hat auch Poesie, dass in Zeiten des verendenden Planeten ein paar Behinderte in einer Krabbelgruppe am Wörthersee ihre ästhetische Inkompetenz austauschen dürfen (auf Kosten des Finanziers des öffentlich-rechtlichen Rundfunks). Sollten nicht besser Suhrkamp und Hanser diese misslungenen Therapieversuche auf einem gemeinsamen U-Tube-Kanal verbreiten („12 Zugriffe – ist doch nicht schlecht, oder?“).

„Ich habe nie Klagenfurt erleben dürfen – und aus mir is au nix worden. Obwohl ich mir einen falschen Pass besorgt hab.“



B.TRAVEN – DER TOTENSCHIFFER by Martin Compart

Er war Albert Einsteins Lieblingsautor. Zu seinen Fans gehörten so unterschiedliche Autoren wie Bert Brecht oder die Beats (die sich auch gerne in Mexiko rumtrieben). Nach seinem Tod würdigte ihn der mexikanische Präsident als den Mann, der Mexiko eine literarische Stimme gegeben hat.

Seine 12 Romane und zahlreichen Erzählungen, die von 1926 bis in die 1960er Jahre erschienen, wurden in 25 Sprachen übersetzt und weltweit in über 30 Millionen Exemplaren verkauft.
Zweifellos ist B.Traven einer der wichtigsten und erfolgreichsten Schriftsteller des 20.Jahrhunderts.

Unzählige Artikel, Bücher und TV-Dokumentationen beschäftigten sich mit diesem mysteriösen Autor, der versuchte, völlig im Schatten seines Werkes zu verschwinden.

Auch darin stimmt ihm sein großer Verehrer, Paul Theroux, zu:
The creative person should have no other biography than his books.” Seine besondere Beziehung zu Traven drückte er aus: “In the early, searching part of my life, as a teacher in Africa and South-east Asia, when I read everything, including the small print on the labels of ketchup bottles, I`d happened upon The Death Ship and discovered a writer to my taste. B. Traven was a rebel, a wanderer, a bitter satirist, an underdogger – and a mystery”. “Hidden, productive, loved; living in Mexico, a restless man, a linguist, a photorgapher, an occasional explorer in the jungle – sought out but never found – he had always been a hero to me, especially now, as I reflected I was living at home near my mother and among my contentious family, deeply in debt, pitied by my children, unregarded, unproductive, unloved”.

Für Theroux ist das „Traven-Rätsel“„das größte literarische Geheimnis des 20.Jahrhunderts“ (The Times, 22.6.1980).

Dem britischen Fernsehjournalisten Will Wyatt gelang es 1978 für seine TV-Dokumentation Travens Identität zu klären; dem folgte das Buch „The Man Who Was B. Traven“, 1980.


Ausgehend von Wyatts Erkenntnissen begann der Bochumer Literaturwissenschaftler Hauschild ein exzessives Akten- und Dokumentenstudium, um Identitäten und Aufenthaltsorte Travens bis 1924 wissenschaftlich zu klären. Im Nachgang zu seinem voluminösen Werk „ „B. Traven – Die unbekannten Jahre“, (Edition Voldemeer Zürich/Springer Wien New York, 696 S., Euro 38,86,), legt Jan-Christoph Hauschild nun eine hinsichtlich der Jahre bis 1924 abgespeckte und mit leichter Hand geschriebene Version seiner Traven-Forschung vor. Wissenschaftlich fundiert, liest sich DAS PHANTOM wie ein Thriller und macht Lust, Traven wieder oder neu zu entdecken.

Hier gibt der Wissenschaftler seinem Affen richtig Zucker und erzählt im Präsenz und besten feuilletonistischen Stil Travens Leben, seine Verschleierungstaktiken und das seiner Bücher. Hauschild zeigt auch Travens Widersprüche aus einer eigentümlichen „Mischung aus Idealismus und Cleverness“.

Die Identität des proletarischen Schriftstellers war ein von ihm selbst gut verschleiertes und gehütetes Geheimnis, immer wieder Anlass für Spekulationen.
Bevor er die Hitler-Tagebücher entdeckte, verkündete zum Beispiel STERN-Reporter Gerd Heidemann die Identität Travens als unehelichen Sohn Kaiser Wilhelms.

Jan-Christoph Hauschild: „…durch ein umfassendes Sicherheitssystem von Deckadressen und Postschließfächern auf Distanz; für geschäftliche Kontakte schlüpfte er in die Rolle seines angeblichen Bevollmächtigten Hal Croves. Unter diesem Namen hat er sich 1947 von John Huston als Berater für die Romanverfilmung des ´Schatzes der Sierra Madre` (mit Humphrey Bogart) engagieren lassen und 1959 die Premiere des ´Totenschiff`-Films (mit Horst Buchholz) in Berlin besucht…

Auch seine Themen, im ´Totenschiff das Schicksal staatenloser Billiglohnarbeiter, im ´Caoba`-Zyklus die Unterdrückung und Ausbeutung der indigenen Bevölkerung, haben an Aktualität nichts eingebüßt. Eher schon liefern die von ihm angewandten Kunstmittel einen Grund… ´Und der Rückgriff auf Elemente der Unterhaltungsliteratur ist einer dauerhaften Etablierung im Kanon der deutschen Literatur auch nicht gerade förderlich gewesen. In Verbindung mit seiner scharfen Kritik am kapitalistischen System, dem modernen Verwaltungsstaat und den Staatsreligionen verschaffte es ihm weltweit Geltung als proletarischer Schriftsteller ersten Ranges.“

Wer noch nie Traven gelesen hat, findet mit diesem Buch einen unterhaltsamen und spannenden Einstieg in eine literarische Welt, die den Angefixten nie wieder los lässt.


Broschiert: 320 Seiten
edition TIAMAT, 2018.
24,00 €

https://edition-tiamat.de/



DIE SONNE, DER MOND & DIE ROLLING STONES von RICH COHEN by Martin Compart
15. Juni 2018, 3:41 pm
Filed under: Bücher, MUSIK, Rezensionen, Rolling Stones | Schlagwörter: , , ,

Über die Rolling Stones gibt es inzwischen wohl genau so viele Bücher wie über Sherlock Holmes und James Bond. Man schätzt die Zahl auf über tausend. Ich selbst habe mit einem Titel dazu beigetragen (https://www.amazon.de/2000-LIGHTYEARS-HOME-Zeitreise-Rolling-ebook/dp/B006UJFVUO/ref=sr_1_15?ie=UTF8&qid=1529060810&sr=8-15&keywords=martin+compart). Kaum ein Aspekt der Stones, der nicht in Büchern abgehandelt wurde und wird.

Wenn jemand aus autobiographischer Perspektive ein Buch über die Stones verfasst, muss er über originelle Verknüpfungen berichten und überhaupt verdammt gut schreiben können. Sonst ist es peinlich oder, noch schlimmer, langweilig.

Rich Cohen ist ein verdammt guter Schreiber und ihm ist eines der besseren Bücher über die Stones gelungen. Seine Qualitäten hat der „Rolling Stone“- und „New Yorker“-Autor bereits 1998 unter Beweis gestellt mit dem Buch MURDER INC., die Geschichte der jüdischen Mafia in Brooklyn (ein tolles Buch!).

1968 geboren, hat er einen anderen Zugang zu den Stones als die meist früher geborenen Autoren, deren Bücher sich vor allem unproportional mit den 1960er Jahren befassen. Dies tut Cohen hier auch, aber eben aus dem Blickwinkel des „Nachgeborenen“, was oft zu witzigen Formulierungen und Einordnungen führt. „Es war der Faktor Zeit, der mich von diesen Jungs, dieser ganzen Generation, trennte. Ich hatte alles verpasst; 1964, 1969, 1972 – all die entscheidenden Jahre. Ich war zu spät gekommen. Alles Entscheidende war längst passiert… Vor uns kamen die Babyboomer, die alle nur erdenklichen Ressourcen verpulverten und jede Menge Spaß hatten. Nach uns kamen die Millenials, die aus der Welt einen virtuellen und unwirtlichen Ort machten. Die Boomer hauten nicht nur ihre eigene Jugend auf den Kopf, sondern unsere gleich mit.“

Er lernte die Stones persönlich 1994 kennen, begleitete sie für den „Rolling Stone“ und war Co-Autor der TV-Serie VINYL von Mick Jagger und Martin Scorsese. Diese Serie war eine der besten überhaupt. Leider wurde sie wegen der Ignoranz des amerikanischen Publikums und der hohen Produktionskosten nach nur einer Season abgesetzt, was sogar schlimmer ist, als das vorzeitige Ende von DEADWOOD.

Cohens Erweckungserlebnis geschah 1976 als er zum ersten Mal HONKY TONK WOMEN hörte: „Die Kuhglocke, die den Song einleitete, klang für mich wie der Ruf eines Muezzins, der mir das Tor in ein neues Leben öffnete.

Es gelingt Cohen aus allbekannten historischen Momenten neue Funken zu schlagen, wie etwa das legendäre Aufeinandertreffen von Jagger und Richards 1961 am Bahnhof von Dartford.

Das Buch gibt auch unbekannte Einblicke in die Welt der Stones in den letzten zwanzig Jahren. Aber es ist vor allem Cohens Nostalgie, an der man sich erfreuen kann:

„Je rarer ein Fundstück (Bootlegs), desto größer die Befriedigung. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, das die heutigen User von Napster, YouTube usw. schon gar nicht mehr kennen. Heute ist jede Rarität nur einen Mausklick entfernt. Was sind die Millenials doch bloß für arme Schweine! Sie werden nie das Glücksgefühl erleben, auf den Mitschnitt eines Konzertes zu stoßen, das die Stones 1964 auf Eel Pie Island gaben, nie verstehen, warum man endlose Stunden damit verbrachte, Lieblingssongs in die richtige Reihenfolge zu bringen.“

Kurzum: Endlich mal wieder ein gutes Buch über die Stones, das nicht durch Aufmachung und Abbildungen von Devotionalien, David Baily-Fotos und dem üblichen Kram daherkommt.

Stattdessen gibt es originelle Gedanken, eine grandiose Schreibe und viel neues zu erfahren. Ein intelligentes, kritisches, selbstironisches Fan-Buch. Absolut lesenswert.

I mean – really!



Mark Fishers letzte Essays by Martin Compart
19. Januar 2018, 3:03 pm
Filed under: Bücher, Mark Fisher, Rezensionen | Schlagwörter: , , , ,

Ausgehend von Freud und Lovecraft untersuchte Fischer „das Seltsame und Gespenstische“, das er nicht mit dem Unheimlichen gleichsetzt. Gleich am Anfang macht er klar, wie unbefriedigend Freuds Erklärung des Unheimlichen ist:
„…seine Behauptung, es ließe sich auf Kastrationsangst reduzieren, ist so enttäuschend wie jede mittelmäßigte Standardauflösung eines Mysteriums durch einen Genredetektiv“.

Das drückt auch sehr schön aus, was Fishers Schreiben von vergleichbarem unterscheidet: Er lässt sich nicht auf vordergründiges ein, so überzeugend es vielleicht zu erscheinen vermag, sondern hinterfragt das Hinterfragte durch Modifizierungen der Begriffsdefinitionen. Und dabei gelingen ihm Texte, die sich spannender lesen als durchschnittliche Kriminalromane.
(siehe auch: https://martincompart.wordpress.com/2015/04/14/depression-hauntology-und-die-verlorene-zukunft/)

Fisher, der vor seinem Selbstmord seine Depressionen als Folge des krankmachenden Kapitalismus analysiert hatte, diagnostiziert in diesen Essays die Genres der Phantastik als mehr oder weniger bewussten Ausdruck des Grausen vor dem Kapitalismus. Dazu untersucht er die Texte und Filme von so ungleichen Autoren wie Lovecraft, Wells, Tim Powers, Dick, David Lynch, Kubrick, Christopher Nolan, Margaret Atwood und anderen (auch in der Musik von The Fall).

Angehängt ist dem Band ein Nachruf von Christian Werthschulte, den ich mir länger gewünscht hätte.

«Das Kapital ist auf allen Ebenen ein gespenstisches Ding. Aus dem Nichts hervorgezaubert, übt es mehr Einfluss aus als jedes andere vermeintlich substanzielle Wesen.»

Wenn das nicht der wahre Horror ist!

Edition Tiamat
Critica Diabolis 246
Broschur, aus dem Englischen von Robert Zwarg, mit einem Nachwort von Christian Werthschulte
176 Seiten
18.- Euro



Wie der Ullstein Verlag einen Übersetzer abzockt by Martin Compart

1991 hatte Ulrich von Berg den Roman BLACK CHERRY BLUES von James Lee Burke für den Ullstein Verlag übersetzt, der im Folgejahr als deutsche Erstausgabe im Ullstein Verlag veröffentlicht wurde.

Am 3.1. 2014 erschien bei Edel Elements die eBooks-Ausgabe desselben Buches mit der Übersetzung von Ulrich von Berg, für die er nicht entlohnt wurde und auch kein Einverständnis erteilte. Eine Übersetzung ist laut Urheberrecht ein geschütztes Werk und Eigentum des Schöpfers. § 3 des Urheberrechts: „Übersetzungen und andere Bearbeitungen eines Werkes, die persönliche geistige Schöpfungen des Bearbeiters sind, werden unbeschadet des Urheberrechts am bearbeiteten Werk wie selbständige Werke geschützt.“
Die Nutzungsrechte erlöschen für den Nutzungsnehmer und fallen an den Urheberrechtsinhaber zurück, sobald das Buch nicht mehr lieferbar ist.
Zum Zeitpunkt der Vertragsabschlüsse mit Edel und Pendragon war Ullsteins Paperback- und Taschenbuchausgabe schon lange nicht mehr lieferbar.

Die Nutzungsabgabe der Übersetzung für ein eBook an Edel, die der Ullstein Verlag sicherlich nicht ohne Honierung durch den Nutzer vollzog, wäre damit nicht rechtens. Da mir kein Vertrag zwischen Ullstein und Edel vorliegt, kann ich nicht ausschließen, dass Edel Elements sich des geschützten Werkes bemächtigt hat und eventuell illegal diese eBook-Veröffentlichung zum Nachteil des Ulrich von Berg betrieben hat. Edel hatte sich zuvor bereits mit Ulrich von Berg in Verbindung gesetzt um von ihm die Nutzungsrechte seiner Übersetzung für eine eBook-Ausgabe des Burke-Romans zu erwerben. Edel bot von Berg die Summe von 100 € an, was dieser verständlicherweise für völlig undiskutabel hielt. Das zeigt, dass Edel bewusst ist, wer über das Urheberrecht verfügt.

Am 3. März 2014 hat der Ullstein Verlag einen „Vertrag zur Nutzung der deutschen Übersetzung“ (Kopie des Vertrages liegt mir vor) mit dem Pendragon Verlag abgeschlossen und somit ein weiteres Mal gegen die Rechte des Ulrich von Berg verstoßen. Dem Pendragon Verlag ist kein Vorwurf zu machen, da er im guten Glauben handelte.

Nachdem Ulrich von Berg in einer Vorankündigung des Pendragon Verlages von der beabsichtigten Veröffentlichung seines geistigen Eigentums erfuhr, schickte er dem Ullstein Verlag am 19.12. 2016 einen Brief, in dem er um eine Stellungnahme zum Verstoß gegen sein Urheberrecht bat.

Eine Antwort von Ullstein ist bis heute nicht eingegangen.


Unter dem neuen Titel „Schmierige Geschäfte“ mit Nutzung der Übersetzung von Ulrich von Berg ist am 20.Mai 2017 die Neuausgabe des Romans „Black Cherry Blues“ im Pendragon Verlag veröffentlicht worden.

Das heißt: Ohne sich mit dem Rechte-Inhaber ins Vernehmen zu setzen, nutzte und nutzt der Ullstein Verlag ein Urheberrecht, über das er nicht verfügt, um sich auf Kosten des Urhebers zu bereichern.

Für mich ein weiteres Indiz dafür, dass der Ullstein-Verlag seit der Fleißner-Fusion moralisch bedenklich auftritt; die Übernahme durch die Bonnier-Gruppe, auf die ich einst große Hoffnungen gesetzt habe, hat daran wenig geändert.

Ich habe Ulli geraten, gegen Ullsteins Missbrauch seines Werkes dringendst Rechtsmittel einzulegen. Ich bin mir fast sicher, dass er nicht das einzige Opfer derartiger sittenwidrigen Praktiken ist. Es ist zu hoffen, dass andere Verlage nicht wie Ullstein agieren.

Angesichts von Ullis Behinderung, die seine Mobilität erheblich einschränkt, ist mir das Verhalten von Ullstein noch ekeliger.

P.S.: Um faulen Ausreden zuvor zu kommen: Die Holtzbrinck-Gruppe hatte vor wenigen Jahren eine vielköpfige Task-Force gegründet um für die Digitalisierung ihrer Verlage (darunter S.Fischer, Rowohlt, Kiepenheuer & Witsch) die Vertragssituaton der Urheberrechte zu klären, bzw. neu zu verhandeln. Nicht zu klärende Urheberrechte wurden aus dem Portefeuille entfernt und nicht dem illegalen Eigennutz zugeführt.



WEISE WORTE by Martin Compart
3. November 2017, 12:36 pm
Filed under: Politik & Geschichte, Rolling Stones, Rolling Stones, Weise Worte | Schlagwörter: , ,

„Das hier ist Protest gegen das System. Ich sehe eine Menge Ärger. Wir haben die ersten Schritte getan, jetzt müssen wir zu Ende bringen, was wir angefangen haben. Es ist absoluter Mist, wie die Dinge in Großbritannien und den Staaten laufen. Die Zeit ist reif. Die Revolution legitim. Die jungen Leute sind bereit, die Mietskasernen und die stinkenden Fabrikgebäude, in denen sie ihr Leben fristen müssen, niederzureißen. Ich werde alles tun, was getan werden muss, um das, was da draußen passiert, zu unterstützen.“

Mick Jagger, 1968



MASCHMEYER-SPECIAL 3: Klagenfurt-Gewinner Maschmeyers vergessener Opus by Martin Compart

Damit sich die von ihm Geprellten verdeutlichen können, von welchem Geistesriesen sie über den Tisch gezogen wurden. Und das zweite Video macht deutlich, warum die Betonfratze das Buch auch nach Schröders Abgang nicht im Knast geschrieben hat. Typen wie er und seine politischen Freunde haben dankbarer Weise den Mythos von der sozialen Marktwirtschaft in Stücke geschlagen. Wer wählen geht, sollte honorieren, welchen Parteien wir derartige Kreaturen zu verdanken haben.

Tatsächlich soll es Nähe zur Politik gegeben haben! Ich ahnte es doch. Kein Grund, es zu vergessen.

Kann das zweite von links Spinnen aus der Ecke beißen?



DEUTSCHE KRIMIS FÜR DEN URLAUB by Martin Compart

Da immer mehr Deutsche ihren Urlaub in deutschen Landen verbringen, hier ein paar Tipps deutscher Kriminalromane für deutsche Liegestühle:

Ulrich von Berg hat einen der härtesten Jobs der Republik: Er betreut die Bücher-Seite im Fußball-Magazin 11 FREUNDE. Zu den härtesten Aufgaben zählt dabei die Lektüre so genannter Fußball-Krimis, eine besonders perfide Unterabteilung des deutschen Regionalkrimis, meist bedient von extrem talentfreien Autor…, nein, Schreibern.
Der deutsche Regionalkrimi atmet bekanntlich jenes provinzielle Bewusstsein, das Leser hoffen lässt, dass alles bleibt wie es ist, wenn man nur an seiner Spießerideologie festhält. Deshalb sind die richtig geschriebenen Straßennamen auch so wichtig: Sie bestätigen dem Leser seine eigene kleine Lemuren-Realität. Seiner selbst nicht mehr sicher, vermitteln Straßennamen, Geschäftsaufzählungen und Restaurantschilder (denn darauf reduziert sich zumeist die literarische Umsetzung dieser Autoren) eine wohlige Einbettung in eine beklagenswerte Gemeinschaft. Im deutschen Krimi sind selbst Serienkiller (sie Veith Etzold) von biederer Diabolität.

Der Unterschied zwischen deutschen- und englischen Provinz-Krimis lässt sich sehr schön in e4inem Fernsehbeispiel erkennen: Man vergleiche etwa MORD MIT AUSSICHT oder ähnliches mit INSPECTOR BARNABY: Beide haben hirnrissige Plots, aber BARNABY hat Charme (und verfügt über handwerkliche Fähigkeiten – von Schauspielführung bis Timing und Schnitt -, von denen man hier nur träumen kann) und einen größeren Wortschatz.


Dass der kommerzielle Fußball reich an kriminellen Handlungen (auch außerhalb gähnend langweiliger Spiele) ist und somit Stoff für Krimis sein kann, verwundert nicht. Umso ärgerlicher, dass ein hochkarätiger Autor wie Philip Kerr mit seiner Fußballserie enttäuschendes abliefert. Einen akzeptablen oder gar guten deutschen Fußball-Krimi zu finden, ist so selten wie eine gute deutsche Pop-Band mit einer Front-Frau, die nicht durchnummeriert sein sollte. Und diesen sucht der arme Uli Monat für Monat fast vergeblich. Wenn er mal der Meinung ist, ein so seltenes Pflänzchen entdeckt zu haben und es mir zukommen lässt, hat das Gewicht. Denn bei Kriminalliteratur ist Herr von Berg ähnlich streng wie ich.

Jens Kirscheneck ist es tatsächlich gelungen, einen deutschen Fußball-Krimi vorzulegen, der dem Autor nicht peinlich sein muss. SCHWEINE BEFREIEN liest sich schnell und macht Spaß wegen skurriler Charaktere und gut gezeichneter Handlungsorte (tatsächlich führt das Buch aus der deutschen Provinz hinaus bis Kroatien). Fußball-Afficionados werden schnell erkennen, dass der fiktive FC Teutonia nichts anderes ist, als die Verschlüsselung des Skandalvereins Arminia Bielefeld. Dass der Roman sein Tempo hält, liegt auch an der Erzählweise in der 3.Person Gegenwart. Eine riskante Technik, die leicht in die Hose geht und peinlich wirken kann. Aber Kirscheneck hält den Ball flach und schnell im Spiel und es gelingen ihm ein paar überraschende Pässe.

Ein besseres Lektorat hätte ein paar unnötige Schwalben verhindern können. Da das Buch aber auch satirisch funktioniert (die Blödheit der Medien beschränkt sich bekanntlich nicht nur auf Fußballkommentatoren), hat man auch auf dieser Ebene seinen Spaß.

In Großbritannien ist der Spanische Bürgerkrieg ein Trauma. Viele Briten fanden den Weg zu den internationalen Brigaden (George Orwell) oder zum NKWD (Cambridge Spies). Noch heute wird der Krieg in Romanen, Filmen und besonders Thrillern thematisiert. Ein deutscher Kriminalroman, der dies getan hätte, ist mir nicht bekannt.

Bis jetzt.

„Nina ist ein Rollergirl, hart im Nehmen aber auch nicht zimperlich dabei sich zu wehren. Durch ihre Reizbarkeit verliert sie fast ihren Job bei einer Berliner Security-Firma. Zu ihrem Glück ist sie jedoch als Halbspanierin die ideale Besetzung um die Kunsthistorikerin Uta nach Barcelona zu begleiten. Uta will dort das Schicksal eines deutschen Künstlers aufklären, der als Interbrigadist im Bürgerkrieg verschollen ist. Nina kennt nicht nur Barcelona bestens, auch die Geschichte ihrer eigenen Familie ist aufs engste mit der des Bürgerkrieges verflochten. Aber während sie mit den Nachforschungen beginnt und sich dabei zunehmend von Uta angezogen fühlt, entgeht ihr völlig, dass sie längst in einem viel komplexeren Spiel als Bauernopfer eingeplant ist.“

Wenn Frank Westenfelder einen Thriller vorlegt, sind die Erwartungshaltungen natürlich hoch. Der studierte Historiker betreibt die beste Seite über das Söldnerwesen (http://www.kriegsreisende.de/ ) und schrieb mit KRIEGSREISENDE (ebenfalls bei twentysix, 2016) das deutsche Standardwerk zur Kulturgeschichte des Söldnertums.

Sein Roman steht klar in der hard-boiled-Tradition. Mit seiner lesbischen Protagonistin, die ihr hohes Aggressionspotential gerne auslebt, bringt er einen schärferen Wind in die deutsche Kriminalliteratur, die ja hauptsächlich aus ebenso langweiligen wie vorgeblich sensiblen Ermittlern besteht und entsprechende Literatur und Fernsehen zu Orten des Grauens macht. Die zunehmende Brutalisierung weiblicher Protagonisten ist nur vordergründig Ausdruck von Emanzipation; tatsächlich bestätigt sie die zunehmende Einbindung der Frauen in das männliche Wertesystem. Aber darum geht es dem Autor nicht: Er will für seine Geschichte eine treibende Action-Heldin in der Tradition von Modesty Blaise. Und das schafft er.

Westenfelder lebt seit langem in Barcelona und kennt sich aus. Ihm gelingt es vortrefflich, dem Leser ein Gefühl für die Stadt zu vermitteln, das die üblichen Klischees konterkariert. Insofern ist BLUE LADY IN ROT wahrlich ein Städtekrimi. Denn neben Nina und der Geschichte aus dem Bürgerkrieg ist Barcelona die dritte Hauptperson des Thrillers. Insgesamt ein rasanter Action-Thriller, der neben bizarren Charakteren auch Atmosphäre bietet und verdeutlicht, dass Vergangenheit eben nie zu Ende ist. Ein deutscher Thriller für Leser, die sich eher an internationalem Niveau orientieren als am Biedermeier.


Volker Kutscher gelang das fast unmögliche: Er vermittelte deutschen TV-Serienredakteuren einen Hauch von zeitgeschichtlicher Bildung. Dank ihm und seines Publikumserfolges verkünden sie nun begeistert die schemenhafte Erkenntnis, das es zwischen Mittelalter und „dem bösen Hitler“ noch etwas gab: nämlich Weimar. Ausschlaggebend für den Film-und TV-Produktionen erschütternden Bildungsschub ist der immense Erfolg von Kutschers Serie über den Kölner Kriminalisten Gereon, der nach Berlin geht und im dortigen Spektrum der Weimarer Republik agiert.
Einiges ist „historisch“ sowohl im Roman wie im Comic einer falschen Dramaturgie angepasst: Derartige Großproduktionen, wie im NASSEN FISCH dargestellt, hat es im damaligen Pornofilm nicht gegeben. Und schon gar nicht hätte man dieses illegale Geschäft lautstark in einem Mietshaus des Bürgertums produziert. Die durchs Treppenhaus trampelnde Razzia sorgt auch in der graphischen Umsetzung für unfreiwillige Komik.

Der erste deutsche Krimi-Autor, der sich – stilistisch ungleich eindrucksvoller – in dieser Zeit bewegte, war m.W. Robert Hültner. Der Erfolg von Kutscher sorgt nun jedenfalls für eine TV-Serie, die Tom Tykwer für die Degeto und Sky mit realisiert. 16 Folgen mit einem Budget von ca.40 Mio Euro sind geplant und sollen endlich mal Erfolg im internationalen Markt bringen. Da die Redakteure bis vor kurzem nicht wussten, dass es Geschichte außerhalb von Guido Knopp gibt, konnten sie auch keine diesbezüglichen Konzepte für TV-Serien beurteilen (das war unter Fernsehspiel-Redakteuren bis zu den 1980er Jahren mal anders). Und wenn es etwas gibt, mit dem die Deutschen medial international trumpfen könn(t)en, dann mit ihrer Geschichte des 20.Jahrhunderts. Aber das hat man bisher im Thriller vor allem den Angelsachsen überlassen.

Bei dem Multimedia-Hype um Kommissar Gereon Rath will auch das Altherren-Medium Comics nicht abseitsstehen.

Carlsen ließ von Arne Jysch den Roman DER NASSE FISCH als Graphic Novel umsetzen. Weitere Kutscher-Adaptionen sollen folgen. Das erinnert natürlich an das französische Konzept der Leo-Malet-Adaptionen. Nichts ehrenrühriges. Alles ganz nett, aber graphisch auch nicht originell. Beim ersten Reinschauen könnte man den Eindruck gewinnen, es handle sich um die Umsetzung einer Elliott Ness-Geschichte. Die Action ist im Vergleich mit Tardi eher statisch, die ganze Umsetzung wirkt antiquiert (Angst und typisch deutscher Respekt vor dem zeithistorischen Sujet?). Der Comic liest sich natürlich schneller als Kutschers redundante Wälzer, stört nicht und tut niemanden weh.



AUS DER GESCHICHTE DES „SCNELLSCHUSS“ by Martin Compart
4. April 2017, 12:19 pm
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Für Buchverlage ist er fast schon zur Routine geworden, der sogenannte Schnellschuss. Also die schnelle Reaktion mit einem Buch zu einer unerwarteten Veranstaltung, einem besonderen Ereignis oder eine unvorhersehbare Begebenheit. Beispielsweise die zahlreichen Bücher zum Tode Lady Dis oder Basteis Übernahme des Starr-Reports aus dem Internet, der gleichzeitig von vier Übersetzern ins Deutsche übertragen wurde um so schnell wie möglich dem Publikum vorgelegt zu werden. Noch vor einigen Jahren verlangte das eine ausgefuchste und genau terminierte Logistik. Dank digitaler Entwicklungen hat sich das inzwischen vereinfacht.

Die Annahme, dass der Schnellschuss eine vergleichsweise junge Publikationsform ist, die sich erst in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, ist falsch. Natürlich hat es nie so viele Schnellschüsse wie in den letzten vierzig Jahren gegeben, aber die Erscheinung ist älter als man gemeinhin glaubt.

Der exzentrische Brite Thomas Tegg war wohl der erste Verleger, der einen Schnellschuss erfolgreich in den Markt drückte: Kurz nach der Schlacht von Trafalgar (1805) druckte er in wenigen Stunden die ersten Exemplare von THE WHOLE LIFE OF NELSON und verkaufte davon in zwei Wochen 50.000 Exemplare.

1877 feierte die Oxford University Press den 400. Geburtstag von William Caxtons THE DICTES OR SAYENGS OF THE PHILOSOPHERS. Anscheinend hätte man dieses Jubiläum fast verpennt und musste sich nun sputen: In 12 Stunden druckte, band und lieferte man die 1052 Seiten starke CAXTON MEMORIAL BIBLE.

Am Montag den 6.Juni 1927 wurde beim Verlag Appleton in den USA das Manuskript THE LIFE OF CHARLES LINDBERGH angeliefert, der gerade den ersten Nonstop-Flug über den Atlantik von New York nach Paris hinter sich gebracht hatte. Donnerstagmittag wurden die fertigen Bücher angeliefert: 250 Seiten mit 24 Illustrationen.

1967 schrieb William Stevenson direkt nach dem Arabisch-israelischen Krieg für Bantam den Schnellschss STRIKE ONE. Vom Schreiben des ersten Satzes bis zur Auslieferung lagen genau zwanzig Tage.

Von der Nacht des 4.Oktobers 1965 bis Mittag des 7.Oktobers schrieben 57 Autoren und Redakteure der New York Times (die gerade bestreikt wurde) das 160 Seiten-Buch THE POPE’S JOURNEY TO THE UNITED STATES für Bantam. Die gesamte Produktion, vom Schreibbeginn bis zur Auslieferung, wurde in 66 1/2 Stunden geschafft. Das GUINESS BOOK OF RECORDS verzeichnet aber ein anderes Buch als Rekordhalter: MIRACLE ON ICE, ein Bericht über das Goldmedaillenteam der USA bei den olympischen Winterspielen von 1980, wurde in 44 1/2 Stunden geschrieben und produziert. Wieder war es ein Schnellschuss des Bantam Verlages mit Journalisten der New York Times.

Natürlich erleichtert der heutige Stand der Technik die Produktionsgeschwindigkeit enorm. Dank der Elektronisierung der Buchbranche ist der Schnelschuss keine so nervenaufreibende, beste Logistik voraussetzende, Sache für mehr, wie noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Aber etwas Aufregung bleibt natürlich, denn man darf sich kaum einen Fehler leisten, da die Korrekturzeit so gering ist.