Martin Compart


DEUTSCHE KRIMIS FÜR DEN URLAUB by Martin Compart

Da immer mehr Deutsche ihren Urlaub in deutschen Landen verbringen, hier ein paar Tipps deutscher Kriminalromane für deutsche Liegestühle:

Ulrich von Berg hat einen der härtesten Jobs der Republik: Er betreut die Bücher-Seite im Fußball-Magazin 11 FREUNDE. Zu den härtesten Aufgaben zählt dabei die Lektüre so genannter Fußball-Krimis, eine besonders perfide Unterabteilung des deutschen Regionalkrimis, meist bedient von extrem talentfreien Autor…, nein, Schreibern.
Der deutsche Regionalkrimi atmet bekanntlich jenes provinzielle Bewusstsein, das Leser hoffen lässt, dass alles bleibt wie es ist, wenn man nur an seiner Spießerideologie festhält. Deshalb sind die richtig geschriebenen Straßennamen auch so wichtig: Sie bestätigen dem Leser seine eigene kleine Lemuren-Realität. Seiner selbst nicht mehr sicher, vermitteln Straßennamen, Geschäftsaufzählungen und Restaurantschilder (denn darauf reduziert sich zumeist die literarische Umsetzung dieser Autoren) eine wohlige Einbettung in eine beklagenswerte Gemeinschaft. Im deutschen Krimi sind selbst Serienkiller (sie Veith Etzold) von biederer Diabolität.

Der Unterschied zwischen deutschen- und englischen Provinz-Krimis lässt sich sehr schön in e4inem Fernsehbeispiel erkennen: Man vergleiche etwa MORD MIT AUSSICHT oder ähnliches mit INSPECTOR BARNABY: Beide haben hirnrissige Plots, aber BARNABY hat Charme (und verfügt über handwerkliche Fähigkeiten – von Schauspielführung bis Timing und Schnitt -, von denen man hier nur träumen kann) und einen größeren Wortschatz.


Dass der kommerzielle Fußball reich an kriminellen Handlungen (auch außerhalb gähnend langweiliger Spiele) ist und somit Stoff für Krimis sein kann, verwundert nicht. Umso ärgerlicher, dass ein hochkarätiger Autor wie Philip Kerr mit seiner Fußballserie enttäuschendes abliefert. Einen akzeptablen oder gar guten deutschen Fußball-Krimi zu finden, ist so selten wie eine gute deutsche Pop-Band mit einer Front-Frau, die nicht durchnummeriert sein sollte. Und diesen sucht der arme Uli Monat für Monat fast vergeblich. Wenn er mal der Meinung ist, ein so seltenes Pflänzchen entdeckt zu haben und es mir zukommen lässt, hat das Gewicht. Denn bei Kriminalliteratur ist Herr von Berg ähnlich streng wie ich.

Jens Kirscheneck ist es tatsächlich gelungen, einen deutschen Fußball-Krimi vorzulegen, der dem Autor nicht peinlich sein muss. SCHWEINE BEFREIEN liest sich schnell und macht Spaß wegen skurriler Charaktere und gut gezeichneter Handlungsorte (tatsächlich führt das Buch aus der deutschen Provinz hinaus bis Kroatien). Fußball-Afficionados werden schnell erkennen, dass der fiktive FC Teutonia nichts anderes ist, als die Verschlüsselung des Skandalvereins Arminia Bielefeld. Dass der Roman sein Tempo hält, liegt auch an der Erzählweise in der 3.Person Gegenwart. Eine riskante Technik, die leicht in die Hose geht und peinlich wirken kann. Aber Kirscheneck hält den Ball flach und schnell im Spiel und es gelingen ihm ein paar überraschende Pässe.

Ein besseres Lektorat hätte ein paar unnötige Schwalben verhindern können. Da das Buch aber auch satirisch funktioniert (die Blödheit der Medien beschränkt sich bekanntlich nicht nur auf Fußballkommentatoren), hat man auch auf dieser Ebene seinen Spaß.

In Großbritannien ist der Spanische Bürgerkrieg ein Trauma. Viele Briten fanden den Weg zu den internationalen Brigaden (George Orwell) oder zum NKWD (Cambridge Spies). Noch heute wird der Krieg in Romanen, Filmen und besonders Thrillern thematisiert. Ein deutscher Kriminalroman, der dies getan hätte, ist mir nicht bekannt.

Bis jetzt.

„Nina ist ein Rollergirl, hart im Nehmen aber auch nicht zimperlich dabei sich zu wehren. Durch ihre Reizbarkeit verliert sie fast ihren Job bei einer Berliner Security-Firma. Zu ihrem Glück ist sie jedoch als Halbspanierin die ideale Besetzung um die Kunsthistorikerin Uta nach Barcelona zu begleiten. Uta will dort das Schicksal eines deutschen Künstlers aufklären, der als Interbrigadist im Bürgerkrieg verschollen ist. Nina kennt nicht nur Barcelona bestens, auch die Geschichte ihrer eigenen Familie ist aufs engste mit der des Bürgerkrieges verflochten. Aber während sie mit den Nachforschungen beginnt und sich dabei zunehmend von Uta angezogen fühlt, entgeht ihr völlig, dass sie längst in einem viel komplexeren Spiel als Bauernopfer eingeplant ist.“

Wenn Frank Westenfelder einen Thriller vorlegt, sind die Erwartungshaltungen natürlich hoch. Der studierte Historiker betreibt die beste Seite über das Söldnerwesen (http://www.kriegsreisende.de/ ) und schrieb mit KRIEGSREISENDE (ebenfalls bei twentysix, 2016) das deutsche Standardwerk zur Kulturgeschichte des Söldnertums.

Sein Roman steht klar in der hard-boiled-Tradition. Mit seiner lesbischen Protagonistin, die ihr hohes Aggressionspotential gerne auslebt, bringt er einen schärferen Wind in die deutsche Kriminalliteratur, die ja hauptsächlich aus ebenso langweiligen wie vorgeblich sensiblen Ermittlern besteht und entsprechende Literatur und Fernsehen zu Orten des Grauens macht. Die zunehmende Brutalisierung weiblicher Protagonisten ist nur vordergründig Ausdruck von Emanzipation; tatsächlich bestätigt sie die zunehmende Einbindung der Frauen in das männliche Wertesystem. Aber darum geht es dem Autor nicht: Er will für seine Geschichte eine treibende Action-Heldin in der Tradition von Modesty Blaise. Und das schafft er.

Westenfelder lebt seit langem in Barcelona und kennt sich aus. Ihm gelingt es vortrefflich, dem Leser ein Gefühl für die Stadt zu vermitteln, das die üblichen Klischees konterkariert. Insofern ist BLUE LADY IN ROT wahrlich ein Städtekrimi. Denn neben Nina und der Geschichte aus dem Bürgerkrieg ist Barcelona die dritte Hauptperson des Thrillers. Insgesamt ein rasanter Action-Thriller, der neben bizarren Charakteren auch Atmosphäre bietet und verdeutlicht, dass Vergangenheit eben nie zu Ende ist. Ein deutscher Thriller für Leser, die sich eher an internationalem Niveau orientieren als am Biedermeier.


Volker Kutscher gelang das fast unmögliche: Er vermittelte deutschen TV-Serienredakteuren einen Hauch von zeitgeschichtlicher Bildung. Dank ihm und seines Publikumserfolges verkünden sie nun begeistert die schemenhafte Erkenntnis, das es zwischen Mittelalter und „dem bösen Hitler“ noch etwas gab: nämlich Weimar. Ausschlaggebend für den Film-und TV-Produktionen erschütternden Bildungsschub ist der immense Erfolg von Kutschers Serie über den Kölner Kriminalisten Gereon, der nach Berlin geht und im dortigen Spektrum der Weimarer Republik agiert.
Einiges ist „historisch“ sowohl im Roman wie im Comic einer falschen Dramaturgie angepasst: Derartige Großproduktionen, wie im NASSEN FISCH dargestellt, hat es im damaligen Pornofilm nicht gegeben. Und schon gar nicht hätte man dieses illegale Geschäft lautstark in einem Mietshaus des Bürgertums produziert. Die durchs Treppenhaus trampelnde Razzia sorgt auch in der graphischen Umsetzung für unfreiwillige Komik.

Der erste deutsche Krimi-Autor, der sich – stilistisch ungleich eindrucksvoller – in dieser Zeit bewegte, war m.W. Robert Hültner. Der Erfolg von Kutscher sorgt nun jedenfalls für eine TV-Serie, die Tom Tykwer für die Degeto und Sky mit realisiert. 16 Folgen mit einem Budget von ca.40 Mio Euro sind geplant und sollen endlich mal Erfolg im internationalen Markt bringen. Da die Redakteure bis vor kurzem nicht wussten, dass es Geschichte außerhalb von Guido Knopp gibt, konnten sie auch keine diesbezüglichen Konzepte für TV-Serien beurteilen (das war unter Fernsehspiel-Redakteuren bis zu den 1980er Jahren mal anders). Und wenn es etwas gibt, mit dem die Deutschen medial international trumpfen könn(t)en, dann mit ihrer Geschichte des 20.Jahrhunderts. Aber das hat man bisher im Thriller vor allem den Angelsachsen überlassen.

Bei dem Multimedia-Hype um Kommissar Gereon Rath will auch das Altherren-Medium Comics nicht abseitsstehen.

Carlsen ließ von Arne Jysch den Roman DER NASSE FISCH als Graphic Novel umsetzen. Weitere Kutscher-Adaptionen sollen folgen. Das erinnert natürlich an das französische Konzept der Leo-Malet-Adaptionen. Nichts ehrenrühriges. Alles ganz nett, aber graphisch auch nicht originell. Beim ersten Reinschauen könnte man den Eindruck gewinnen, es handle sich um die Umsetzung einer Elliott Ness-Geschichte. Die Action ist im Vergleich mit Tardi eher statisch, die ganze Umsetzung wirkt antiquiert (Angst und typisch deutscher Respekt vor dem zeithistorischen Sujet?). Der Comic liest sich natürlich schneller als Kutschers redundante Wälzer, stört nicht und tut niemanden weh.



AUS DER GESCHICHTE DES „SCNELLSCHUSS“ by Martin Compart
4. April 2017, 12:19 pm
Filed under: Bücher | Schlagwörter: ,

Für Buchverlage ist er fast schon zur Routine geworden, der sogenannte Schnellschuss. Also die schnelle Reaktion mit einem Buch zu einer unerwarteten Veranstaltung, einem besonderen Ereignis oder eine unvorhersehbare Begebenheit. Beispielsweise die zahlreichen Bücher zum Tode Lady Dis oder Basteis Übernahme des Starr-Reports aus dem Internet, der gleichzeitig von vier Übersetzern ins Deutsche übertragen wurde um so schnell wie möglich dem Publikum vorgelegt zu werden. Noch vor einigen Jahren verlangte das eine ausgefuchste und genau terminierte Logistik. Dank digitaler Entwicklungen hat sich das inzwischen vereinfacht.

Die Annahme, dass der Schnellschuss eine vergleichsweise junge Publikationsform ist, die sich erst in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, ist falsch. Natürlich hat es nie so viele Schnellschüsse wie in den letzten vierzig Jahren gegeben, aber die Erscheinung ist älter als man gemeinhin glaubt.

Der exzentrische Brite Thomas Tegg war wohl der erste Verleger, der einen Schnellschuss erfolgreich in den Markt drückte: Kurz nach der Schlacht von Trafalgar (1805) druckte er in wenigen Stunden die ersten Exemplare von THE WHOLE LIFE OF NELSON und verkaufte davon in zwei Wochen 50.000 Exemplare.

1877 feierte die Oxford University Press den 400. Geburtstag von William Caxtons THE DICTES OR SAYENGS OF THE PHILOSOPHERS. Anscheinend hätte man dieses Jubiläum fast verpennt und musste sich nun sputen: In 12 Stunden druckte, band und lieferte man die 1052 Seiten starke CAXTON MEMORIAL BIBLE.

Am Montag den 6.Juni 1927 wurde beim Verlag Appleton in den USA das Manuskript THE LIFE OF CHARLES LINDBERGH angeliefert, der gerade den ersten Nonstop-Flug über den Atlantik von New York nach Paris hinter sich gebracht hatte. Donnerstagmittag wurden die fertigen Bücher angeliefert: 250 Seiten mit 24 Illustrationen.

1967 schrieb William Stevenson direkt nach dem Arabisch-israelischen Krieg für Bantam den Schnellschss STRIKE ONE. Vom Schreiben des ersten Satzes bis zur Auslieferung lagen genau zwanzig Tage.

Von der Nacht des 4.Oktobers 1965 bis Mittag des 7.Oktobers schrieben 57 Autoren und Redakteure der New York Times (die gerade bestreikt wurde) das 160 Seiten-Buch THE POPE’S JOURNEY TO THE UNITED STATES für Bantam. Die gesamte Produktion, vom Schreibbeginn bis zur Auslieferung, wurde in 66 1/2 Stunden geschafft. Das GUINESS BOOK OF RECORDS verzeichnet aber ein anderes Buch als Rekordhalter: MIRACLE ON ICE, ein Bericht über das Goldmedaillenteam der USA bei den olympischen Winterspielen von 1980, wurde in 44 1/2 Stunden geschrieben und produziert. Wieder war es ein Schnellschuss des Bantam Verlages mit Journalisten der New York Times.

Natürlich erleichtert der heutige Stand der Technik die Produktionsgeschwindigkeit enorm. Dank der Elektronisierung der Buchbranche ist der Schnelschuss keine so nervenaufreibende, beste Logistik voraussetzende, Sache für mehr, wie noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Aber etwas Aufregung bleibt natürlich, denn man darf sich kaum einen Fehler leisten, da die Korrekturzeit so gering ist.



30 JAHRE SCHWARZE SERIE (Bastei-Lübbe) 3/ by Martin Compart
14. November 2016, 9:23 am
Filed under: Bücher, Heftroman, Krimis, Porträt, Schwarze Serie | Schlagwörter: , , ,

PROLOG: IM SCHATTEN DER EULE 3

 

Aber Bastei-Lübbe hatte ein Riesenproblem: Sie kamen nur schwer in die Regale der Sortimentsbuchhandlungen. Zwar hatte man mit einem engagierten Hardcover-Programm erste Erfolge, aber das Image als „Heftchenverlag“ befeuerte nach wie vor die Arroganz der Kulturnachtwächter, die die heiligen Hallen ihrer Buchverkaufsstellen rein von Schmutz und Schund hielten. Noch in den 1970er Jahren gab es Städte, in denen man Bücher des Heyne-Verlages nur in Bahnhofsbuchhandlungen in Drehständern präsentiert bekam. Und Heyne machte nicht mal „Groschenhefte“.

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Lübbe war schon damals ein „Mischkonzern“ in der Printbranche: Neben Büchern verdiente man vor allem Geld mit Produkten, die der traditionelle Buchhandel verachtete: Zeitschriften wie „Das goldene Blatt“, Comics wie „Gespenstergeschichten“ oder Romanhefte wie „Jerry Cotton“, „John Sinclair“ und „Der Bergdoktor“, von denen es auch monatliche Taschenbuchausgaben gab. Zwar hatte man in den letzten Jahren an Boden gewonnen, aber das Image-Problem war eine verdammt harte Nuss. Grosse Teile der Branche hatten Berührungsprobleme mit Bastei. Daran arbeiteten Michael Görden und sein Chef Rolf Schmitz nun intensiv. Wirtschaftlich ging es dem Verlag bestens! Man leistete sich sogar ein eigenes, gigantisches Druckhaus und eine noch gigantischere Auslieferung.

Görden, Giesen und ich trafen uns. Görden hatte seine Hausaufgaben gemacht: Er schwärmte von Bergisch Gladbach und Umgebung als eine Region – da konnte San Francisco nach Hause gehen! Und dann erst der Verlag! Welche Möglichkeiten es doch da für einen engagierten Mitarbeiter gab! Man konnte den Eindruck gewinnen, als wäre Bastei das Shangri-La in einem unentdeckten Tal im Bergischen Land.

Die Vorstellung, Ullstein zu verlassen, machte mir mächtig zu schaffen. So etwas würde man nie wiederfinden. Der Laden hatte Magie, alles war möglich, die Weltherrschaft planbar – nur der Vertrieb die Grenze. Aber die Fusion würde meiner Begeisterung den Stecker ziehen. Alleine die Vorfreude war kaum auszuhalten.

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Görden lud mich nach Bergisch-Gladbach ein um mir den Laden anzusehen und vor allem, um Rolf Schmitz zu treffen. Mit Berlin war ich nie warm geworden (dafür hatte mich München zu sehr geprägt). Ein geographischer Wechsel hätte keinen Schrecken. Ich besuchte also das Lost Valley zwei- oder dreimal. Mit Rolf Schmitz würde ich zurecht kommen. Wir waren bei den strategischen Überlegungen nah beieinander. Aber Ullstein war das hier nicht. Nur: Nach jeder Fahrt ins Bergische, erlebte ich die Stimmung bei Ullstein düsterer. Niemann tat alles, um die Laune zu heben, aber genauso gut hätte er uns erzählen können, dass die Sahelzone künftiges Wachstumsgebiet für Schlemmerlokal wäre.

(Fortsetzung folgt)

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30 JAHRE SCHWARZE SERIE (Bastei-Lübbe) 2/ by Martin Compart

PROLOG: IM SCHATTEN DER EULE 2

Gerüchte hatte es bereits vorher gegeben. Aber jetzt wurden sie von der Geschäftsleitung bestätigt. Das Grauen ging um. Fleißner galt als Rechter und – was vielleicht noch schlimmer war – als kaltherziger Verleger, der mit Büchern lediglich Geld machte um dieses in Immobilien zu stecken. Inhalte interessierten ihn einen Dreck, solange sie Geld brachten oder Geschichten von der Ostfront erzählten. Mit seiner Prokuristin war ich schon mal aneinander geraten:

Ronald Hahn hatte den ersten Jack London-Reader für die ABENTEUER-Reihe gemacht. Irgendein Fleißner-Verlag hatte Jack London im Programm und saß auf den entsprechenden Übersetzungsrechten, die m9ich einen Dreck interessierten, den Ronald verwendete für den Reader nur bisher nicht übersetztes Material oder übersetzte neu.9783548102832-de1

Nun rief mich jene Prokuristin erbost an um mir zu verkünden, dass die Fleißner-Gruppe über alle deutschen Rechte an Jack London verfüge. Ich bekam einen Lachanfall und fragte sie, ob die Fleißner-Gruppe auch die deutschen Rechte an Tacitus oder Charles Dickens hielte. Denn Jack London war 1916 verstorben und somit seit 1966 public domain. Einige Pulp-Geschichten sogar noch früher. Das versprechen, von ihrem Verlagsanwalt zu hören, falls wir das Buch, wie vorangekündigt, heraus brächten, blieb unerfüllt.

Auf keinen Fall passte Fleißner zu Ullstein. Da konnten Gesandte des „Haupthauses“ (Springer) so viele Veranstaltungen machen und Beschwichtigungsreden („Es ändert sich für Sie nichts. Es ist nur eine Fusion um die Marktmacht zu vergrößern.“) halten, wie sie wollten.

Jedem der seine Sinne beisammen hatte, war klar, dass sich Niemann nur bis zu einem Punkt mit diesen Vorreitern des postmodernen Branchenverständnis aus München arrangieren konnte. Wie der STERN später über Niemanns Abgang schrieb: Mit dieser Fusion hatte man ihm „auf der Zielgerade in die Kniekehlen geschossen“.

Es war mir ziemlich egal, ob sie mich und meine Reihen in Ruhe ließen (was sicherlich auch nicht dauerhaft gewesen wäre). Die Struktur dieser Gemeinschaft würde zerstört werden. Die mühsam von Niemann entwickelte Feinmechanik, in der jedes Rädchen geschmeidig ins andere griff, würde die neue Biertischphilosophie nicht überleben, die da lautete: „Die schnelle Markt am Hauptbahnhof“. So empfand ich das jedenfalls. Und ich kann mich nicht erinnern, das es jemand anders sah.

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Fauser plante den Absprung. Wenn Niemann gehen würde (was dieser tapfer bestritt), würde er auch gehen. Trotz Hanna Siehr, die die beste Lektorin war, die er je hatte (wenn beide die endgültige Fassung eines Romans im Konferenzraum bearbeiteten, qualmte das ganze Stockwerk und Jörg tauchte gelegentlich in meinem Büro auf und schäumte vor Wut über Hanna. „Tja, Jörg, so ist das nun mal, wenn man mit der BESTEN arbeitet. Das halten nur die BESTEN aus“, spendete ich gerne Trost.).

Dann tauchte Michael Görden von Bastei-Lübbe auf meinem Radar auf.goerden_22_11_2013_bearb_web1

Ich weiß nicht mehr, warum. Es könnte um eine Übersetzung gegangen sein, oder Rolf Giesen sollte ein Projekt für Görden entwickeln,,, Keinen Schimmer mehr. Görden war mir jedenfalls nicht unbekannt. Jeder in der Branche hatte mitbekommen, dass sich bei Bastei-Lübbe etwas tat. Sie hatten für das Hardcover den ehemaligen Piper-Lektor Fritsche geholt. Der Mann, der Forsyth und Ulf Miehe (neben anderen Autoren, die mich weniger interessierten). Und Görden dreht zusammen mit dem zuständigen Verlagsleiter Rolf Schmitz den sogenannten „Heftromanbereich“ auf links, indem sie parallel zum Lübbe-Taschenbuchbereich ein eigenes Taschenbuchsegment aufbauten. Darunter befanden sich Thriller von Arthur Lyons und der erste Nate Heller-Roman von Max Allan Collins (den sie mir vor der Nase weg geschnappt hatten).science-fiction-times-nr-133-aus-1974-magazin1 Görden hatte sich mit Michael Kubiak und Freddy Köpsel (wie Rolf Giesen, Ronald Hahn und ich, ehemaliger Mitarbeiter der SCIENCE FICTION TIMES; aus dieser Kaderschmiede sind auch Koryphäen wie Hans-Joachim Alpers, Uwe Anton,Werner Fuchs – FANPRO und heute Agent von George R.R.Martin – und Bernd W.Holzrichter hervor gegangen). die richtigen Leute geholt, um Bastei in der Science Fiction und Phantastik richtig groß zu machen; zur Nummer Zwei hinter Heyne, dem damals unanfechtbaren Marktführer.

Außerdem hatten sie gerade die erste Paperback-Reihe in Deutschland gestartet.

Unter den ersten Autoren befand sich ein Autor namens Stephen King.

 

Keine Frage: Bastei-Lübbe war heiß. Warum sollte man also nicht mal mit Görden einen trinken gehen, wenn er in Berlin war?

 

 

 

FORTSETZUNG FOLGT

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30 JAHRE SCHWARZE SERIE (Bastei-Lübbe)1/ by Martin Compart
9. November 2016, 1:41 pm
Filed under: Bücher, Jörg Fauser, Krimis, Noir, Porträt, Schwarze Serie | Schlagwörter: , , , ,

Fast hätte ich dieses Jubiläum vergessen, das einem einmal mehr Alter und Sterblichkeit verdeutlicht: Vor 30 Jahren kamen bei Bastei-Lübbe die ersten Bände der SCHWARZEN SERIE auf den Markt. Ich versuche mal, an Hand der Tagebücher und Terminkalender aufzuzeigen, wie es dazu kam.

PROLOG. Teil Eins: IM SCHATTRN DER EULE

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1985 war ein gutes Jahr für Ullstein – und eines der schlechtesten. Der Verlag war weiterhin auf Erfolgskurs. Viktor Niemann hatte in fünf Jahren aus Ullstein einen big player gemacht. Man konnte ihm dabei Machiavellismus vorwerfen (wie es mir gegenüber ein Agent bewundernd tat), aber das war es nicht. Er hatte den Verlag zu einer eingeschworenen Gemeinschaft geschmiedet, die nicht an tumber Hierarchie versteinerte. Und er hörte sich jede noch so idiotische Idee (davon hatte ich reichlich auf Lager) an und diskutierte sie durch, statt sie vom Tisch zu wischen.

Er gab jedem das Gefühl, dass er ihm vertraute und hinter einem stand.

img_3261Trotzdem zeigte sich ab 1984 eine negative Seite an Viktor Niemann: Er stellte keinen Wodka, Gin oder Whisky mehr in dem öffentlich zugänglichen Kühlschrank im 10,Stock und ließ auch sein Büro nicht unabgeschlossen. Damit war es vorbei mit kühnen Kommando-Unternehmen aus dem Bauch des Verlages, wenn einem nach Dienstschluss bei einem Besäufnis in der Herstellung der Sprit ausging. Der Verleger verletzte seine Fürsorgepflicht. Erste Zeichen der nahenden Katastrophe?

Wir ahnten es damals nicht, machten uns aber Sorgen um den moralischen Verfall des Verlages.

9783548365312-us-3001Meine neuen Reihen, ULLSTEIN ABENTEUER und POPULÄRE KULTUR, hatten sich fest im Markt etabliert. Die KRIMI-Reihe hatte durchgesetzt, dass nun Kriminalromane in Reihen auch mal 9,80 DM kosten durften (da man auf Kürzungen verzichtete. Der erste so teure Band war UMWEG ZUR HÖLLE von Ross Thomas. Um das Besondere herauszustreichen, hatte ich Jörg Fauser zum Mitherausgeber gemacht und Jörg trug ein großartiges Nachwort zu Ross bei, das die FAZ vorab druckte). Dr.Maitre verließ uns um in die USA zu gehen und Andreas Catsch wurde neuer Cheflektor (da Mönninghof uns ebenfalls verließ). Die grandiose Jutta Wannenmacher war mit der Reihe ULLSTEIN MARITIM ungekrönte Reihen-Königin (mit Auflagen, da konnte ich selbst bei den Krimis nur von träumen). Frau Dr.Jacobson managte die ALLGEMEINE Reihe so clever, das sie „meinen“ Len Deighton zur Taschenbuchverwertung bekam (was mir überhaupt nicht gefiel). Ich sah darin schon das Aushöhlen der Genre-Reihen. Und schließlich hatte ich Deighton (Berlin-Trilogie) wieder zu Ullstein geholt, damit ich eine Hardcover-Auswertung für die Krimi-Reihe bekam. Nagut, wenn ich ihn schon nicht kriegen sollte, dann ging Deighton wenigsten an die hoch geschätzte Kollegin, die sich fit hielt, indem sie jeden Tag zu Fuß in den 8.Stock, wo das Lektorat saß, hinauf lief. Und das in atemberaubender Geschwindigkeit, ohne außer Atem zu geraten.

Ich bevorzugte verkatert den Fahrstuhl. Ging nicht ganz so schnell, aber ich kam ebenfalls nicht atemlos an.

 

Alle waren gut drauf.

 

a41Die Nächte mit Jörg waren lang, unsere Gespräche kurzweilig. Manchmal waren sie zu lang. Dann erlebte man den Morgen beim Weißbier-Frühstück im „Schwarzen Café“ oder ging gleich ins „Kaffee Kaputt“ zu richtigen Sachen über:

„Nach der Nacht brauche ich jetzt was erfrischendes, was fruchtiges.“

„Vitamine.“

„Ja, was gesundes mit Vitaminen.“

„Tequilla Sunrise.“

„Sehr gut. Fruchtig und reich an Vitaminen.“

„Im Grunde eine Art Obstgetränk,“

„Das gibt Energie. Diese Sauferei frisst einem die Vitamine weg.“

„Also?“

„Bestell.“

„Keeper! Zwei Tequilla Sunrise.“

„Kommt sofort.“

„…?“

„…?“

„Und zwei Tequilla dabei.“

„Doppelte.“

„Schon wegen der Zitrone.“

„Und dem Salz. Man verliert in solchen Nächten viel Salz.“

 

Jörg hatte DAS SCHLANGENMAUL geschrieben und die Bavaria kaufte umgehend die Filmrechte. Jörg schrieb weiterhin für Achim Reichel und sammelte Tantiemen.

Jörg war ganz schlecht auf das Finanzamt zu sprechen, Und auf die Künstlersozialkasse, die ihn (plus Nachzahlung) in die Mitgliedschaft zwingen wollte. Er sah sich schließlich als freier Unternehmer im „Unternehmerverband Wort“. Wie er im Autor-Scooter sagte:“Ich bin Geschäftsmann. Ich vertreibe Produkte, die ich herstelle. Writing is my business.“

 

Min. 14:20

Die Stimmung war gut in Berlin.

Rolf Giesen und ich planten für die POPULÄRE KULTUR einen weiteren Aufreger (wie zuvor sein kleiner Bestseller KINO, WIE ES KEINER MAG) mit dem schönen Titel DIE NATION DREHT DURCH. Außerdem enwickelten wir den Slogan „Europa prima“

Ullstein-Hochhaus in der Lindenstrasse

Ullstein-Hochhaus in der Lindenstrasse

Mit Hanna Siehr (Herausgeberin der Reihe FRAU IN DER LITERATUR) auf dem Wannsee zu segeln, war ein wöchentliches Highlight und ich hatte auch endlich einen Assistenten an die Seite gestellt bekennen: Simonides (Simmi) kümmerte sich höchst engagiert um die ABENTEUER-Reihe. Der Ex-Propylän-Lektor fuhr voll auf C.S.Forrester ab und AFRICAN QUEEN und BROWN ON RESOLUTION hätte ich ihm aus den Händen sägen müssen um selber darin rumzufuschen. Die Vertreter waren gut drauf und wir dachten uns beim vorabendlichen Besäufnis der Programmkonferenz irgendwelchen Blödsinn aus („Herr Compart, wo bleibt Frank Gruber in der Krimi-Reihe?“) um die Konferenz etwas munterer zu gestalten. Ronald M.Hahn hatte trotz geringer Mittel die SF-Reihe etabliert und immer wieder Titel ausgegraben, die auch Heyne als Marktführer gemacht haben könnte. Im Gegensatz zu mir und den Krimis, hatte er eine völlig runter gewirtschaftete Reihe übernommen und trotz Altlasten innerhalb von vier Jahren daraus ein eigenständiges Markenzeichen gemacht.

Alles war gut.

Dann bekam ich Post von Dr.Maitre aus den USA. Der Brief knallte mich umgehend auf den Arsch:

„Ihr werdet verkauft an Fleißner. Sie selbst müssen sich keine Sorgen machen.“

NICHTS war mehr gut.

(Fortsetzung folgt)

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JAGDTRIP von JACK KETCHUM by Martin Compart
7. September 2016, 3:22 pm
Filed under: Backwood, Bücher, Jack Ketchum, thriller | Schlagwörter: , , ,

Jack Ketchum gehört zu den sensibelsten Autoren, die ich kenne. Wenige schaffen es wie er, unter die Haut ihrer Personen zu schlüpfen, um sie dem Leser in ihrer (amerikanischen) Komplexität erfahrbar zu machen. Dabei geht er ebenso behutsam wie sparsam mit wohl gesetzten Worten um, die ihn auch stilistisch zu einem herausragenden Schriftsteller machen. Fast nie ein falsches Wort, fast nie ein Satz zuviel (weshalb seine relativ kurzen Romane sich aus der Masse des voluminösen und überflüssig umfangreichen Gestammels der Bestseller herausragen wie Leuchttürme am Meer des schlechten Geschmacks).

Ketchum erweckt nicht mit billigen Mitteln Sympathie oder Antipathie. Er kriecht unmerkbar in seine Charaktere und zeigt dem Leser ohne Wertungen, wie sie ticken, was sie antreibt. Nein, er zeigt es nicht nur: er macht es erfahrbar, Indem er sich jeder Bewertung enthält, muss der Leser für sich entscheiden, ob  ihm der Charakter und dessen Wertesystem gefällt. Reine Sympathieträger, wie der alte Mann in RED, sind relativ selten in Ketchums Werk, Das reine Böse hingegen existiert und bleibt unzureichend erklärbar. Auch für Ketchum, der sich  wie kein anderer Autor in die Struktur des Bösen hinein tasten kann; sowohl in seine Banalität, wie auch in seinen Horror.

41hyerz6xml-_uy200_1Er gilt bekanntlich als hervorstehender Vertreter sogenannter Horror-Literatur, als ultrabrutaler Slasher. Oberflächlich kann man JAGDTRIP auf dieser Ebene lesen, als einen furchtbaren Backwood-Thriller.  Tatsächlich hat er mit Clive Barker und anderen Slasher-Kings nur wenig gemeinsam. Seine Brutalität wurzelt in der Realität und nicht in der Pornographie. Sie hat weder kathartische Wirkung, noch lerntheoretische. Er gehört zu den wenigen Autoren der Weltliteratur, die dem Leser die Schrecken menschlicher Grausamkeiten so direkt erfahrbar machen wie einem Soldaten das erste Gemetzel. Er braucht kein übernatürlich Böses. Das Grauen sind die Menschen selbst.

Mit der Wucht seiner Worte durchdringt er den fiktionalen Panzer und trifft direkt in die Weichteile ungeschützter Empfindungen. Man kann sich daran nicht ergötzen oder wohlig schaudern. Man liest mit Schrecken und möchte es hinter sich bringen, kann dem aber nicht entgehen, weil es sich wie erlebte Realität anfühlt. Selbst der wohlbehütetste Leser weiß um diese Wahrhaftigkeit des Schreckens, der im selben Moment der Lektüre hundert- oder tausendfach „da draußen“ passiert.

Er hat einiges von Hemmingway.

Es gibt bessere und weniger gelungene Bücher von ihm. Aber jedes von ihnen ist lesenswert. Er reflektiert die Schrecken unserer Zeit so überzeugend und kunstvoll, dass sie uns tief berühren. Er  ist einer der überragenden Schriftsteller der Gegenwart, der beweist, das Einteilungen in Genres nur noch Marketingstrategie ist.

JAGDTRIP (COVER) ist von 1987 und erzählt die Geschichte eines völlig kaputten Vietnamveteranen, der nicht mehr in die Gesellschaft zurück findet, für die er in Südostasien Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hat. Unfähig die Liebe seiner Frau und seines Sohnes zu ertragen, hat er sich tief in die kalifornischen Wälder zurückgezogen und lebt vom Marihuana-Anbau. Er fristet ein bescheidenes Leben in der Natur, während ihm die Stimmen des Krieges verfolgen und noch immer seine Wahrnehmung beherrschen.

Und dann kommt ein Trupp Wochenend-Camper in den Wald.

Mittelschichtsbürger mit ihren kleinen Bedürfnissen und Vorlieben, die sie nur ausleben können, weil Männer wie der Veteran überall auf der Welt ihre Seele verdorren lassen, indem sie für diese armseligen Privilegien bei Bedarf Männer, Frauen und Kinder töten.

Als sie sich vom einzigen geschäftsfähigen Rohstoff (Marihuanapflanzung) des Veteranen bedienen, bringt er ihnen den Krieg ins Heimatland. Normalerweise schreibt ein Rezensent hetzt: „Und dann beginnt eine Orgie der Gewalt.“ Aber Gewaltorgien sind zumindest für Psychopathen etwas freudiges. Ketchums Gewalt ist freudlos und – so wahnsinnig es klingt (siehe oben) – aufklärerisch, da er sie entzaubert.

Das ist ein alter Thriller-Topos aus den 1970 ern (Robert Stone, David Osborn etc.; fast ein Subgenre des Backwood-Thrillers), dessen bekannteste Umsetzung RAMBO von David Morrell  (der erste Roman und dessen Verfilmung, nicht der Folgeschrott) ist.

Ketchum gelang mit JAGDTRIP ein weiterer großer Roman, der schockierend verdeutlicht, dass unsere extrem egoistische Zivilisation nicht alleine in die Verdammung führt, sonder auch zur physischen Selbstvernichtung. Und nach der Lektüre fragt man sich, ob man in dieser soziopathischen  Zivilisation überhaupt (über)leben will.

Im schönen Vorwort erklärt Ketchum, wie es zu dem Buch kam, wie er einige Vietnamveteranen aushorchen durfte, warum er es schreiben musste und wie er sich schuldig fühlte. Genauso ehrlich und schonungslos, wie er seine Romane schreibt. Auch wenn er nicht in Südostasien war, Vietnam war auch Ketchums Krieg – der Krieg seiner Generation, der die intelligenteren und sensibleren bis heute prägt. Mit der Niederlage der Amerikaner wurde das reaktionäre Roll back eingeläutet.

JAGDTRIP ist einer der besten Kriegsveteranen-Romane. Auch ein bösartiger Thriller, der RAMBO wie ein Buch über den Heimkehrer von einem Darts-Tounier aussehen lässt. Es ist ein Roman über Traumata und eines der besten Bücher über das, was Kriege aus Menschen machen können. Und was ist die Grundlage von Kriegen? Das gierige alte Männer und Frauen dumme oder idealistische Männer und Frauen für ihre Wirtschaftsinteressen verheizen.

Heyne Verlag, 2016. 368 Seiten. 9,99 €

siehe auch: https://martincompart.wordpress.com/2013/01/02/thriller-die-man-gelesen-haben-sollte-evil-von-jack-ketchum/

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VORWORT ZU WENSKES ROCK´N ROLL TRIPPER by Martin Compart
18. Mai 2016, 7:48 am
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Wir wurden aber nicht geschnappt, und alles andre war uns scheißegal!

Der TRIPPER hat nichts auf der Bestsellerliste verloren, denn „wo der Pöbel trinkt, sind alle Brunnen vergiftet“(Nietzsche). Soll Chris Hyde ruhig weiterhin Helmut Wenske anpumpen, wenn er Papier kaufen will. Diese Neuauflage darf nur an Leute gehen, die ein Führungszeugnis von Hunter S.Tompson vorweisen können. Horrorvorstellung, dass die Büttel der Subventionskultur mit TRIPPER vor der Nase S-Bahn fahren, oder ranzige Latzhosen sich dabei einen runterholen. Ich will, dass der TRIPPER weiterhin den Outlaws gehört, die sonst kein Buch anrühren und es wie einen Schatz hüten. Das ist nix für Bildungsbürger, die sich schon bei Cormac McCarthy vor Angst in die Hose scheißen. Wie die Leute freiwillig gegen ihre Interessen wählen, so haben sie gefälligst auch gegen ihre Interessen zu lesen.

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http://www.amazon.de/RocknRoll-Tripper-Chris-Hyde/dp/3940213179/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1463557777&sr=1-2&keywords=chris+hyde

Wie war das noch mit den Fifties?

Mandolinen im Mondschein, fette Wirtschaftsbosse im Daimler, die nur innehielten, um ihre eigene Tüchtigkeit zu bewundern, Halbpension in Rimini, singende Seemannsschwuchteln, Conny packte Peters vollgewichste Badehose ein, Streifenpolizisten wie bewaffnete Briefträger, alte Nazis, die den Krieg nicht wirklich verloren hatten und Haxen fressen als Gipfel des Hedonismus. Amoralische Spießer krochen aus den Bombenlöchern, um das Wirtschaftswunder zu erfinden. Hoffnung gab nur die atomare Bedrohung. Blue Jeans und Lederjacken waren Werkzeuge des Teufels, und Rock’n‘ Roll war seine Musik. Das Land gehörte weiterhin den Kreaturen, die die Barbarei wissenschaftlich gemacht hatten. Die Bundesrepublik war nicht die Nachfolgerin der Weimarer, sondern der Friedhof des 3.Reichs, auf dem die Zombies rumirrten.

Wer auf dieser Müllhalde herumkroch und bei klarem Verstand überleben wollte, hatte nur eine Chance: Er musste wahnsinnig werden. Denn Wahnsinn verschafft Autonomie. Wenske buddelte sich aus der Mülltonne der Blockwarte, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Das macht er immer noch. Keith Richards würde mit ihm auf Tournee gehen. Er hat mit Worten das gemacht, was Keith auf der Gitarre anstellt: Literatur als Riffs. Ich fand Bill Haley immer blöde, bis ich bei Chris Hyde lesen musste, wofür er Mitverantwortung trägt.
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Bis heute lässt Hyde sich nicht mit Geld zumüllen (Versuche gab’s einige) und geht dem System mächtig auf den Senkel. Und was das Schlimmste ist: Er schrieb mit nicht wiedergutzumachenden Worten schlichtweg den deutschen – das Wort kommt mir schwer aus der Feder – : Klassiker der Beat-Literatur. Hydes Neal Cassady heißt Helmut Wenske. Er krallte sich Wenskes Leben und presste einen verdammten Klassiker raus. Es gibt wenig Authentischeres, und nichts besser Geschriebenerws. Dabei auch noch so witzig wie Bukowski auf Äppelwoi, der gerade mit den Hells Angels ein Drehbuch für Klaus Kinski schreibt. Rein wissenschaftlich betrachtet, ist es der Undergroundreport der fetten Jahre der Republik. Dr.Wenske und Mr.Hyde wissen nicht, dass sie einen Klassiker geschrieben haben – und werden mich angesichts dieser Behauptung in den Arsch treten wegen übler Nachrede. Schmeiß drauf. Es ist nun mal unser Beat-Klassiker. Die Beats waren/sind Existentialisten, die ihre Glückseligkeit aus der Verachtung gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft zogen. Ihr unersättlicher Lebenshunger, der aus jeder Seite des TRIPPER spricht, knallt dem Über-Ich zu Gunsten des Es eine Pulle über den Schädel. Es ist die Rehabilitierung des Instinkts. Hyde hasst die Gleichschaltung der Persönlichkeit und des Alltagsleben, hasst jeden Konformismus und die verlogenen bürgerlichen Moralnormen. Er schmeißt auf die Jagd nach materiellen Wohlstand und das selbstzufriedene Leben der Spießer. Narkotiker und sozial Gestrandete sind eben interessanter als Bankbeamte oder Lokalpolitiker.

TRIPPER hat kein Fett – schier unmöglich, was zu streichen. Der Stil ist so dicht wie in Kerouacs besten Momenten, politisch so korrekt wie ein Abend im Puff. Jede Zeile belegt, dass neben Politikern der brave, ordnungsliebende, hart arbeitende Spießer die niedrigste Lebensform auf diesem Planeten ist. Es ist die deutsche Gesamtausgabe von EXILE ON MAINSTREET, ein deutscher Outlaw-Blues, der uns schlimme Sachen zeigt, um Mythen zu spenden. Wenige Bücher sind nicht zu ersetzen durch Film, Musik, Flipper, Fußball, Radio oder Sex; dies ist eines. Hyde stopft den Leser in die Betonmischmaschine und kurbelt ihn solange durch, bis er erschöpft und um eine echte Erfahrung reicher rausplumpst. Über dem Buch hängt der Satz des Duluoz: „Es war nicht so sehr die Dunkelheit der Nacht, die mich störte, sondern die abscheulichen Lichter, die der Mensch erfunden hat, um diese Dunkelheit zu erhellen.“ Über Kerouac schrieb Henry Miller was auch für Chris Hyde gilt: „Der wirkliche Poet, oder in diesem Fall der spontane Bop-Prosodist, ist immer scharfhörig für die Ab- und Eigenart des Sprachlichen seiner Zeit – für den Swing, den Beat, den abgerissen metaphorischen Rhythmus, der so schnell, so wild, in so wirrem Getümmel kommt, so unglaublich und doch ergötzlich verrückt, daß, zu Papier gebracht, ihn niemand erkennt. Das heißt, niemand außer dem Dichtern. Er `hat es erfunden‘, sagen die Leute. Sie meinen, er habe es künstlich zusammengebraut. Sie sollten aber sagen: `Er hat es‘. Er hat es, hat es ganz mitgekriegt, er hat es niedergeschrieben… die ganze Nacht lag er wach und horchte mit Augen und Ohren. Eine Nacht von tausend Jahren. Hörte es im Mutterleib, hörte es in der Wiege, hörte es in der Schule, hörte es auf den Brettern der Lebensbörse, wo man Träume gegen Gold einhandelt. Und Mensch, wie er es überhat, er will es nicht mehr hören. Er will weiter. Er will abschwirren.“
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Sicher, auch bei uns gab es ein bisschen Beat-Literatur. R.D.Brinkmann, nach dessen Tod Fauser deutlich erkannte: „…daß man bei uns noch mehr als anderswo auf der Hut sein muss vor den Kulturverwertern, diesen Schakalen der total mediatisierten Welt… nicht mal sterben kann man, ohne Angst zu haben, verschaukelt und verscheißert zu werden“. Bisher hatte Hyde das Schweineglück, nicht den Feuilletonisten in die Hände zu fallen, um dort verharmlost zu werden, wo man bei uns die Outlaws erledigt. Fauser stand mit AQUALUNGE damals – wie sein Freund Jürgen Ploog – Burroughs näher als Kerouac oder Mailer (jawohl, Mailer! Lies erstmal WHITE NEGRO, bevor Du dreist „falsche Baustelle“ schreist). Fauser, der den TRIPPER sofort richtig einschätzte und bewunderte, traf Hyde einmal: Auf der Buchmesse ’84 beim Guiness-Ausschank am Ullstein-Stand. Ich war dabei. Man bot uns Geld, wenn wir nur woanders weitermachten.

Du liest noch immer? Dann schnall Dich an, denn jetzt kommt the Real Thing. This is the Trip… I really like it…Und erzähle hinterher nicht, ich hätte Dich nicht gewarnt.

Martin Compart