Martin Compart


KRIMIS, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: ABBLOCKEN – Der Fußball-Thriller von Dan Kavanagh by Martin Compart

Fußball ist ein hartes Geschäft. Also der richtige Hintergrund für einen harten Thriller mit Tiefgang, der dem Leser auch noch Einsicht in die manchmal so bizarr anmutende Fußballermentalität gewährt:

„Duffy war ein nachdenklicher Typ. Es heißt, Torwarte neigen dazu, nachdenkliche Typen zu sein. Manche fangen gleich so an. Sie wollen Torwart werden, weil es ihrem Typ entspricht. Andere starten als gelassene, tüchtige Burschen und werden dann durch die eigenen schwachen Abwehrspieler zermürbt, oder sie verlieren plötzlich an Form und schwitzen schon beim Gedanken an einen hohen Querpass oder bei einem psychotischen Stürmer mit Zuchtbullenschenkeln, der nicht zu wissen scheint, ob er nun den Torwart oder den Ball ins Netz befördern soll. Auf dem Spielfeld kannst du dich verstecken; du kannst sogar anderen die Schuld zuschieben. Aber ein Torwart ist exponiert. Jeder Fehler hat katastrophale Folgen. Zehn Leute können ein Spiel gewinnen, und ein Trottel kann’s vermasseln, so heißt es immer. Du kannst dich wieder ein bißchen aufbauen, indem du die anderen zehn anschreist. Torwarte dürfen schreien und können manches Mal die Schuld an einem Tor abschieben, indem sie sich den zurückhaltendsten Spieler der Verteidigung herauspicken und ihm eins auf den Hut geben. Aber meist bist du auf dich allein gestellt und pendelst zwischen Langeweile und Angst.“

Tiefschürfende Erkenntnisse aus einem Kriminalroman, der schlichtweg einer der besten Fußball-Thriller ist, der bisher geschrieben wurden.
Verfasst von Dan Kavanagh, der in den 1980er Jahren zu den heißesten Tipps des Brit-Noir gehörte. Er setzte mit seiner Duffy-Tetralogie die Tradition des britischen Privatdetektiv-Romans fort, die allerdings nie so ausgeprägt war wie in den USA. Kavanagh ist ein Pseudonym des Schriftstellers und Somerset-Maugham-Preisträgers Julian Barnes, dessen Romane FLAUBERTS PAPAGEI und EINE GESCHICHTE DER WELT IN 101/2 Kapiteln auch bei uns Beachtung fanden. Inzwischen gehört er zum britischen Literaturestablishment und sein Status als bedeutender Schriftsteller der Gegenwart ist fraglos. 1)

Seine Kavanagh-Romane über den bisexuellen Privatdetektiv und Torwart einer Kneipenmannschaft Nick Duffy sind allerdings alles andere als feinsinnige Intellektuellenspiele.

In ABBLOCKEN (zuletzt 2001 bei Rowohlt, zuvor bei Haffmans Taschenbuch, 1992, und zuerst bei Ullstein als GROBES FAUL) geht es darum nicht nur um Fußball, sondern auch um Rechtsradikale und Rassisten: Die Athletics haben schon bessere Tage gesehen. Aber zurzeit kämpft der Londoner Fußballverein gegen den Abstieg. Merkwürdig nur, dass ausgerechnet die Spieler, die ungefähr erahnen, wo das gegnerische Tor steht, auf recht unfaire Weise kampfunfähig gemacht werden.

Und dann fangen auch noch die braven Fans an, Big Bren auszubuhen, nur weil er eine etwas andere Hautfarbe hat als die pickeligen Glatzen in der „Saustall“-Kurve. Hier muss es sich doch um ein abgekartetes Spiel handeln. Aber wer würde vom Abstieg der Athletics profitieren?

Der richtige Fall für Duffy, der einigen Leuten kräftig gegen die Stollen treten muss, bevor er durchblickt.

Nick Duffy ist natürlich ein echter Antiheld, der es seinen Gegnern mit gleicher schmutziger Münze heimzahlt. Auch wenn er nicht als strahlender Sieger vom Platz geht, einen Punktsieg weiß er zu holen. Man darf auch nicht übersehen, wie ungewöhnlich noch 1980 ein nicht-heterosexueller Protagonist in der Kriminalliteratur war.

Neben einer rasanten Handlung findet Barnes/Kavanagh noch Platz, bissige Kommentare zur Zeitgeschichte abzugeben. So gesehen sind seine vier Duffy-Romane nicht nur temporeiche Thriller, sondern auch genaue Bestandsaufnahmen der Thatcher & Co-Ära. Außerdem gelingt es ihm hervorragend, das Spiel vom Rasen aufs Papier umzusetzen, was bekanntlich den wenigsten Autoren von Fußball-Krimis gelingt (Ulrich von Berg, der regelmäßig Fußballbücher für das Magazin 11 FREUNDE bespricht, weiß schmerzhaft darüber zu berichten):
„Er machte einfach Tempo – die grausamste Methode, die es gibt: Biete dem Abwehrspieler den ganzen Ball an, laß ihm ein paar Meter Spielraum und dann sprinte blitzschnell an ihm vorbei, so als wolltest du sagen: gib’s auf, das Spiel, gib dir keine Mühe, du bist zu dick, du bist zu langsam, du bist nicht helle genug.“

Kavanaghs erster Roman, DUFFY, der im Pornomilieu von Soho spielt, wurde bei seiner Erstveröffentlichung von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften umgehend indiziert, da er angeblich dazu geeignet war, „Heranwachsende sittlich-ethisch zu desorientieren“.

Nicht nur Heranwachsende, Sportsfreunde!

1) „.My favorite story is of someone who went into an American crime bookshop and was buying a Dan Kavanagh, and the salesperson said, ‚Oh, I understand he writes other books under a pseudonym.‘ Which seemed a rather nice way around to it.

Hier noch ein paar nette Anmerkungen zu/über Kavanagh alias Julian Barnes.

Aus: Streitfeld, David. „Fancy Dan.“ The Washington Post Book World (27 December 1987):

On the phone, Kavanagh confirms that he was „schooled in the university of life. Knocked around a bit. What can thtell you?“ A soccer goalie, whose playing made up in aggression what it lacked in finesse. A steer-wrestler. Currently working at odd jobs he declines to specify. He adds that he flew light planes on the Columbian cocaine route. When it’s pointed out to him that even his publishers call this a boast, he adds mildly, „Where else would I have gotten the necessary background for Fiddle City?

Aus: Kellaway, Kate. „The Grand Fromage Matures.“ The Observer Review (7 January 1996):

And how about Barnes’s alter ego, the detective writer Dan Kavanagh? Has he dropped out of the race? Barnes laughs: ‚Poor old Dan. He is very sick. He hasn’t written anything for years. He’s jealous of my success.‘

DIE DUFFY-ROMANE VON DAN KAVANAGH (nach WIKIPEDIA):

1980: Duffy (Kriminalroman).
Duffy, dt. von Michael K. Georgi; Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1981, ISBN 3-86615-264-7.
Neuübersetzung: Duffy, dt. von Willi Winkler; Haffmans, Zürich 1988, ISBN 3-251-01007-7.

1981: Fiddle City (Kriminalroman).
Airportratten, dt. von Michael K. Georgi; Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1983, ISBN 3-548-10185-2.
Neuübersetzung: Schieber-City, dt. von Michel Bodmer; Haffmans, Zürich 1993, ISBN 3-251-30001-6.

1985: Putting the Boot In (Kriminalroman).
Grobes Foul, dt. von Verena Schröder; Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin 1987, ISBN 3-548-10483-5.
auch als: Abblocken, gleiche Übersetzung; Haffmans, Zürich 1992, ISBN 3-453-07299-5.

1987: Going to the Dogs (Kriminalroman).
Vor die Hunde gehen, dt. von Willi Winkler; Haffmans, Zürich 1989, ISBN 3-251-01036-0.

DIE INDIZIERUNG:

Weil sie so schön ist, hier die Begründung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften zur Indizierung von DUFFY. Als damaliger Herausgeber der Ullstein-Krimi-Reihe musste (oder durfte) ich ein Gegengutachten erstellen, das aber verworfen wurde. Leider habe ich keine Kopie dieses Gegengutachtens mehr und es schlummert wohl versteckt in irdendeinem Ullstein-Archiv. Der Haffmans-Verlag hat mit einer Neuübersetzung des Buches dann Ende der 1980er Jahre für eine neue Verfügbarkeit des Titels gesorgt (was nicht bedeutet, dass die Indizierung für die Ullstein-Übersetzung durch den großartigen Michael K. Georgi dadurch aufgehoben ist).





GUILT – BRIT NOIR MIT SCHWÄRZESTEN HUMOR by Martin Compart
1. September 2021, 5:56 pm
Filed under: Brit Noir, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , , ,

Wer ein Faible für Tartan Noir hat (gemischt mit bösartigsten schwarzen Humor), der sollte morgen (Donnerstag) keinesfalls versäumen, sich auf ARTE den britischen Vierteiler GUILT anzusehen (auch verfügbar über die ARTE-Mediathek). 2.9. ab 22.00 Uhr.

Guilt – Keiner ist schuld

Walter sei friedlich eingeschlafen, heißt es in der Todesanzeige. Zumindest tun Jake und sein älterer Bruder Max, alles dafür, dass es so aussieht. Denn nur wenige Tage zuvor haben sie den Rentner Walter aus Versehen tödlich angefahren … – Für Robert McKillops gelungene Miniserie gab es 2020 bei den BAFTA Scotland Awards den Preis für die beste Regie/Fiktion.

Wenn du schuldig bist, musst du dich auch schuldig fühlen?
Die Antwort auf diese Frage könnten der Mittdreißiger Jake und sein älterer Bruder Max nicht unterschiedlicher beantworten. So verschieden, wie ihre Persönlichkeiten sind, gehen sie auch mit der Tatsache um, dass sie aus Versehen auf dem Rückweg von einer Hochzeit den Rentner Walter vor seiner eigenen Haustür in Edinburgh tödlich angefahren haben. Der Fahrer Jake wird schnell von den Anwaltsreflexen seines Bruders Max überzeugt, nicht zur Polizei zu gehen.

Panisch setzen die beiden Brüder den Leichnam von Walter in seinen Fernsehsessel, als ob der unheilbar an Krebs erkrankte alte Mann dort seinen letzten Atemzug getan hätte. Doch ihr Plan gerät ins Wanken, als der bereits mit Gewissensbissen geplagte Jake wenige Tage später in seinem Plattenladen auch noch einen Anruf vom Anwalt des Verstorbenen bekommt, dass seine Brieftasche im Haus von Walter gefunden wurde. Für die Brüder heißt es nun, sich ein Lügengerüst aufzubauen und damit ausgestattet zur Trauerfeier zu gehen.

Max drängt Jake, Walters einziges Familienmitglied, seine Nichte Angie, die extra aus Chicago eingeflogen ist, zu überzeugen, dass ihr Onkel friedlich eingeschlafen ist. Jake gibt dabei vollen Körpereinsatz, doch selbst das bringt Angie nicht davon ab, ihrem Bauchgefühl nachzugehen und einen Privatermittler engagieren zu wollen. Wie gut, dass Max genau den richtigen Ermittler kennt: Kenny, der praktischerweise massive Alkoholprobleme hat und deshalb einen Klumpen Erde nicht mehr von einem Knopf unterscheiden könnte. Doch manchmal ändern sich Menschen von jetzt auf gleich! So auch Kenny – und Max und Jake müssen erkennen, dass die wenigsten Dinge im Leben kontrollierbar sind, wie sehr sie es auch versuchen …

Regie : Robert McKillop
Drehbuch : Neil Forsyth
Produktion : Expectation,Happy Tramp North
Produzent : Jules Hussey
Kamera : Nanu Segal
Schnitt : Nikki McChristie
Musik : Arthur Sharpe

Mit :
Mark Bonnar (Max McCall)
Jamie Sives (Jake McCall)
Ruth Bradley (Angie Curtis)
Siân Brooke (Claire McCall)
Emun Elliott (Kenny Burns)
Ellie Haddington (Sheila Gemmell)
Joe Donnelly (Walter)

Großbritannien 2019



IM REICH DER UNTERGEHENDEN SONNE – DAVID PEACES TOKIO by Martin Compart
29. April 2021, 8:17 am
Filed under: Brit Noir, David Peace, Noir, Politik & Geschichte, Rezensionen | Schlagwörter: , , , , ,

In seinem lang erwarteten neuen Roman erzählt David Peace von einem mysteriösen Todesfall, in den höchste Kreise verwickelt sind, und von einer Verbrecherjagd, die ein ganzes Land in Atem hält. Manchmal darf die Wahrheit nicht ans Licht kommen, weil die Nacht sonst ewig währt.

Tokio, 5. Juli 1949. Sadanori Shimoyama, Präsident der Nationalen Japanischen Eisenbahngesellschaft, verschwindet spurlos – einen Tag nachdem er die Entlassung von 30.000 Angestellten verkünden musste. Die amerikanischen Besatzer führen in dem kriegsversehrten, gedemütigten Land umfassende Reformen durch, ohne Rücksicht auf Verluste. Auf den Straßen herrschen Gewalt und Chaos, die Kommunisten gewinnen an Einfluss, was die Amerikaner mit allen Mitteln verhindern wollen.
Detective Harry Sweeney aus der Abteilung für öffentliche Sicherheit leitet die Vermisstensuche- auf direkten Befehl von General MacArthurs Hauptquartier. Doch dann wird der verstümmelte Leichnam Shimoyamas gefunden. Der Präsident der Nationalen Eisenbahngesellschaft wurde von einem Zug überrollt. Hat er Selbstmord begangen, aus Verzweiflung darüber, Abertausende Menschen ins Elend zu stürzen? Oder waren die Kommunisten für seinen Tod verantwortlich? Der Krieg ist vorbei, aber die dunklen Schatten der Vergangenheit werden immer länger …

Tokio, neue Stadt

Roman
Aus dem Englischen von
Peter Torberg
432 Seiten, € 24,00
Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN
978-3-95438-127-2
Auch als eBook erhältlich

Die frühe Nachkriegszeit in Japan war chaotischer und turbulenter als in Deutschland. Die amerikanischen Besatzer führten ein brutales Regime, beherrscht von Rassismus und vor allem der Angst vor dem Kommunismus. Sie brachten japanische Kriegsverbrecher wieder in Brot und Arbeit und nutzten die organisierte Kriminalität der Yakuza für den Kampf gegen Gewerkschaften und alles, was der Soziopath und oberste Besatzer General MacArthur als links definierte.

Vor diesem Hintergrund siedelt der britische Autor David Peace seine Tokio-Trilogie an, dessen letzter Roman TOKIO NEUE STADT (TOKIO REDUX) soeben erschienen ist. Peace lebte 15 Jahre in Tokio, und das spürt man: Sein Tokio ist kein touristisches Klischee und die japanische Mentalität, soweit ich das von außen beurteilen kann, zugänglich dargestellt.

Allen Romanen liegen tatsächliche Kriminalfälle zugrunde und beleuchten unterschiedliche Zeitebenen. Wie sein Idol James Ellroy ist Peace von der Vergangenheit besessen: „Das Gute an der Gegenwart ist, dass sie sehr schnell Vergangenheit wird.“

In TOKIO NEUE STADT sind es drei Zeitebenen, die aus der Perspektive von drei Männern erzählt werden: 1949 von US-Ermittler Sweeney, 1964 von Privatdetektiv Murota Hideki und 1988 von dem in Japan lebenden Lehrer Donald Reichenbach. Drei Männer werden in drei unterschiedlichen Zeiten aus unterschiedlichen Gründen von demselben Mysterium beherrscht.

An dem Roman arbeitete er lange Zeit: „Redux. I’ve been working on it for 10 years and the various abandoned drafts must run to well over half a million words. Redux has been a big part of these last 15 years, neglected at times because of some of the changes during those years. The routine has fundamentally remained the same: I work from eight to four, seven days a week. But I’m much less confident in my writing than I used to be, and often feel paralysed by doubt.”

Der 1967 geborene Autor gilt seit seinem RED RIDING HOOD-Quartett als ein Erneuerer und als Hoffnung der Noir-Literatur, die stilistisch seit Jean-Patrick Manchette, Derek Raymond, James Sallis und wenigen weiteren nicht besonders innovativ ist. Kolja Mensing sagte in einer Rezension: „David Peace größter Verdienst besteht sicherlich darin, dem Thriller seine gesellschaftliche Relevanz zurückgegeben zu haben. Das „Red Riding Quartett“ ist mehr als nur eine literarisch avancierte Revision der „Yorkshire Ripper“- Morde, sondern eine mentalitätsgeschichtliche Studie Großbritanniens zwischen 1974 und 1982.“

Das ehemalige Mitglied der Kommunistischen Partei spiegelt in seinem Lebenslauf dabei ironischerweise die Deterritorialisierung des Kapitals wider: Mit 24 Jahren ging er als Englischlehrer nach Istanbul, drei Jahre später, 1994, nach Japan. Als er nach Tokio kam, sprach er kein Wort Japanisch; inzwischen spricht er es fließend, kann es aber kaum lesen.

„I didn’t know too much about Tokyo before I arrived, but I had seen Kurosawa’s film version of Ryunosuke Akutagawa’s „Rashômon“ and so bought the author’s collected stories. But the one that really caught my eye was not „Rashômon“; it was called „In a Grove“, which is essentially an account of a rape and murder told from six different and conflicting perspectives. It’s stayed with me ever since.“

Vereinsamt in der fremden Stadt, schrieb er in seiner kleinen Wohnung das, was sein erster Roman werden sollte. Er schickte das Manuskript jahrelang herum und bekam nur Ablehnungsschreiben.
Als es dann 1999 als erster Band seiner Yorkshire-Tetralogie doch noch veröffentlicht wurde, war seine Zielsetzung klar: es sollte eine Chronik des politischen Scheiterns werden.

Er blieb in Japan, heiratete eine Japanerin, mit der er zwei Kinder hat. Die Kultur schlug ihn in seinen Bann, insbesondere der Shintoismus. Besonders die Vorstellung, dass Räume von ihren Geistern beherrscht werden, fasziniert ihn und schlägt sich in seiner Literatur nieder.

Ein weiterer Grund bestätigt ihn darin, sich mit der japanischen Zeitgeschichte zu befassen: „for obvious reasons not too much interest in the 20th century for most people here.“ Das gilt bis hinauf zur Regierung, wie sich hervorstechend an dem Vorgängerroman TOKIO, BESETZTE STADT über die gigantischen bio-chemischen und Folter-Verbrechen der Unit 731 festmachen lässt: Die japanische Regierung leugnete die Existenz der Einheit 731 bis in die späten 1990er Jahre, verweigert bis heute eine Erörterung ihrer Taten und hält entsprechendes Archivmaterial unter Verschluss.

„I was drawn to writing about individuals and societies in moments that are often extreme, and often at times of defeat, be they personal or broader, or both.”

Sein Stil scheint auch durch seine jugendliche “Musikkarriere” beeinflusst. Er war Sänger in einer Pub-Band und schrieb auch die Lyrics. “- and then there was an obsession with Joy Division, and all that, dead poets…
But while people a little older than me were radicalised by the Clash, I was de-radicalised by the Sisters of Mercy, and became more interested in clubs and going out drinking. That said, by the time of the miners‘ strike, there was never any question of not supporting them, and my band played benefit gigs.“

Um seine historischen Perspektiven zu vertiefen, benutzt Peace ein selten gebräuchliches Stilmittel: Er setzt keine Zitat- oder Anführungszeichen. Wahrscheinlich um den Dialog nicht aus dem historischen Fluss zu reißen und somit weniger gegenwärtig erscheinen zu lassen. Den Verzicht auf Anführungszeichen findet man ebenfalls bei Cormac McCarthy oder William Gray.

Der Peace-Fan Mark Fisher beschrieb dessen Arbeitsweise oder Stil so:

„Peace stellte die Dramatik wieder her, indem er alles im Nachhinein gewonnene Wissen ausschließt. Die Ereignisse treten einem entgegen, wie als würden sie zum ersten Mal geschehen, und zwar ohne den lindernden Schutzschild eines allwissenden Erzählers.“

Auch der Noveau Roman dürfte ihn beeinflusst haben, dessen Maxime war ja die Diskrepanz zwischen dem eigenen Erleben und der angeblich unbefriedigenden Darstellung im Roman. Peace scheint da Michel Butors Forderung einer „kritischen Untersuchung der Wirklichkeitskenntnis“ zu folgen. Als Strategie hatte Jean Ricardou gefordert, aus dem Roman „das Abenteuer des Berichtens“ zu machen und „Den modernen Text lesen heißt, nicht einer Illusion von Wirklichkeit anheimzufallen, sondern der Wirklichkeit des Textes Aufmerksamkeit zu schenken“.

Entscheidend für sein frühes Werk nennt David Peace den Eindruck, den der Stakkato-Stil in WHITE JAZZ von James Ellroy bei ihm hinterlassen hat. Mit Ellroys Idiosynkrasie verbindet ihn auch die eigenwillige Synthese aus Fakten & Fiktion zu einer Art konspirativen Zeitgeschichtsinterpretation (dies ist keinesfalls abwertend gemeint, insbesondere angesichts der verlogenen und verschweigenden „offiziellen“ Geschichtsdarstellungen).

„White Jazz was the Sex Pistols for me. It reinvented crime writing and I realised that, if you want to write the best crime book, then you have to write better than Ellroy.“

Was sie unterscheidet, sind die politischen Haltungen: Ellroy ist ein Reaktionär, Peace ein Linker.

Er selbst beschreibt seine (gelegentliche) Arbeitsweise so: „My wife isn’t a fluent English speaker. Perhaps that has made a difference to how I write. What I do know is I walk round this room and say everything out loud over and over to get it right. Or sometimes I’ll get a kind of obsession where you will have to have in a sentence the first word as six letters, the second as five, the third as four and so on. Mad stuff.“

Im Vergleich zu den Yorkshire-Romanen wirkt TOKIO, NEUE STADT relativ konventionell erzählt, obwohl unter der Oberfläche alles lauert, was Peace zu einem unkonventionellen Schriftsteller macht.

In einem SPIEGEL ONLINE-Interview sagte Peace, dass er insgesamt 12 Romane zu schreiben gedenke, „weil mir das vor einigen Jahren klar wurde. Ich habe für alle Romane die Themen, ja sogar schon die unterzeichneten Verträge.“



.
.
.
.
Peace: „Die großen Kriege der Gegenwart wurden von Menschen wie George W. Bush oder Tony Blair in Auftrag gegeben. Männern, die selbst nie einen Krieg erlebt haben und für die solche Gräuel deshalb abstrakt sind.
Herrn Kodaira aus „Tokio im Jahr Null“ hat es ja genau so gegeben. Er ging in Japan zur Armee und wütete schlimm in China, vergewaltigte, mordete und bekam daheim Orden. In Tokio mordete er weiter. Als das alles aufflog, richteten sie ihn hin.“



GESCHÄFTSMÄNNER UND WILDERER – Neues von Pulp Master by Martin Compart

Wenn mich auch die Frühjahrsvorschauen der meisten Publikumsverlage enttäuschten (nein, nicht wirklich enttäuschten; wer enttäuscht wird, muss Erwartungen haben), fängt das Jahr doch gut an:

Frank Nowatski hat in seiner Pulp Master-Reihe endlich zwei neue Bücher herausgegeben (die Copyrights beziehen sich noch auf 2020). Angesichts der Pandemielage sind zwei neue „Präsenz-Bücher“ mal eine gute Nachricht!

Eines ist die längst überfällige Neuauflage von Ted Lewis´ SCHWERE KÖRPERVERLETZUNG (GBH, 1980). Es war der letzte Roman, den die britische Noir-Ikone zu Lebzeiten veröffentlicht hat, und ich habe ein besonderes Verhältnis zu dem Buch: 2005 adaptierte ich es als Hörspiel für den WDR. Keine besonders erfreuliche Erfahrung, denn Lewis Werk musste für den Hörfunk auf ca. 55 Minuten zusammengestutzt werden, was ihm nicht gerecht werden konnte. Da hätte man besser zwei Folgen produzieren sollen, aber dafür reichten wohl weder Budget noch Sendeplätze.

Ted Lewis selbst gilt als „Vater“ des modernen Brit Noir und sein Roman JACK´S RETURN HOME als der Klassiker des Genres. Die Verfilmung von Mike Hodges mit Michael Caine unter dem Titel GET CARTER als bester britischer Gangsterfilm. Der jung gestorbene Autor hat diese Anerkennung nicht mehr erlebt (mehr zu Ted Lewis und Brit Noir in diesem Blog unter https://martincompart.wordpress.com/category/ted-lewis/ ).

Diese Ausgabe bietet nicht nur 333 ungekürzte Seiten, sondern auch ein Vorwort des großen Derek Raymond, der inzwischen selbst eine Noir-Ikone ist.
In seinem Nachwort von 1990 erzählt er auch von seinen Begegnungen mit Lewis, den er im selben Pub erlebte, da sie damals im selben Verlag veröffentlicht wurden:

„Alles, was ich jetzt noch tun kann, ist, ihm meinen Respekt für seinen Mut zu zollen, der es ihm ermöglicht hat, so zu schreiben, wie er es tat, solange er es tat, den Horror draußen mit Begriffen seines eigenen inneren Horrors zu beschreiben, wenn nötig mit der Hilfe von Alkohol oder irgendeiner anderen Waffe, die es ihm ermöglichte, seine Sache durchzuziehen… Er ist ein Beispiel dafür, wie gefährlich das Schreiben sein kann, wenn man es ernsthaft betreibt, und Ted Lewis‘ Werke beweisen, dass er nie vor irgendwas davongerannt ist.“

KLAPPENTEXT:

George Fowler ist der Kopf eines weitverzweigten Londoner Unterweltimperiums. Pornografie, im Großbritannien der 1970er illegal, ermöglicht ihm unschätzbare Einnahmen; Gewalt und Korruption halten die Maschine in Gang. Dieses hochgefährliche Gemisch droht zu explodieren, als er herausfindet, dass einige seiner Leute in die eigene Tasche wirtschaften. Als die Situation trotz einiger Säuberungsaktionen weiter eskaliert, taucht er für eine Weile in Mablethorpe unter, einem langweiligen Kaff an der Küste, um aus der Schusslinie und aus den Schlagzeilen zu verschwinden. Dies scheint fürs Erste zu gelingen, doch wohin mit den grausamen Erinnerungen, wenn man zu viel Zeit zum Nachdenken hat? George Fowler legt sie auf Eis und gießt Scotch darüber … viel Scotch …

Lewis‘ GBH gilt auch heute noch als einer der brillantesten Kriminalromane, die in Paranoia und in den Wahnsinn der Londoner Unterwelt der späten 1970er eindringen und eine faszinierende Geschichte von Macht, Liebe, Hybris und Verrat entfesseln.

Vor der Legalisierung Anfang der 1980er Jahre war Pornographie der größte Wachstumsmarkt in England. Dank gesetzlicher Schlupflöcher konnte sie halblegal an bestimmten Orten vertrieben werden, und die Porno-Produzenten wurden in Halb- und Unterwelt so mächtig wie die Gangster früherer Jahrzehnte (Sabinis, Krays, Richardsons etc.). Michael Apted nahm sich dieses Themas bereits 1977 in seinem grandiosen Film THE SQUEEZE nach einem Roman von David Craig (d.i. James Tucker alias Bill James) an.
Insofern ist GBH über die literarische Qualität hinaus auch ein bemerkenswertes Zeitdokument.

Mit der zweiten Neuerscheinung setzt Nowatski seine Tom Franklin-Edition innerhalb von PULP MASTER fort. Die Kurzgeschichtensammlung WILDERER (POACHERS) war 1999 Franklins erste Buchveröffentlichung, und die Titelgeschichte brachte ihm einen Edgar-Allan- Poe-Preis ein.

Als herausragender Vertreter des Country Noir, Southern Gothic oder einfach der US-amerikanischen Südstaatentradition wird sein bisher schmales Werk gerne mit Cormac McCarthy oder Flannery O´Connor verglichen.

KLAPPENTEXT:

Im Süden Alabama war es einst üppig und grün. Doch der alte Süden liegt in den letzten Atemzügen, während der neue, moderne Süden das Leben der einfachen Leute in die Hand nimmt. Der Kampf um die Vorherrschaft und das ruhige, selbstbestimmte Dasein sind längst vorbei, doch die alten Wunden müssen erst noch heilen. Sie sprechen von einer Welt der Jagd und des Fischfangs, des Glücksspiels und der Niederlage, des Trinkens und Wilderns. Männer sind hier untreue Ehemänner, Wildfrevler, skrupellose Intriganten, unsympathische Mörder. Sie betrügen ihre Arbeitgeber, erpressen einander, machen Schulden, trinken zu viel und ignorieren Gesetze. Mit dieser Sammlung von zehn Geschichten gelang Tom Franklin der Durchbruch. Diese seltsame, aber faszinierende Welt ist gefüllt mit mutigen Charakteren, die verloren sind, vertrieben wurden oder sich in einer Welt gefangen fühlen, die sich längst in die Zukunft bewegt hat, bevor sie sich darauf vorbereiten konnten.

Dieser Kurzgeschichtenband bestätigt meine eingängige Bemerkung:
Welcher Großverlag würde es heute noch wagen, einen Band mit Short Stories für den deutschen Markt zu veröffentlichen? Und man kann es ihnen nicht mal verübeln: In einem Land, in dem literarische Kretins wie ein Fitzek die Bestsellerliste anführen, muss man als Wirtschaftsunternehmen das Niveau des Produkts weitgehend nach unten kalkulieren, wenn man ein Geschäft machen will. Wie es Malraux ausdrückte: „Der eigentliche Tod ist der Verfall.“

Die Figuren in Franklins Süden sind Verlorene und Gefangene in einer Welt, deren Bewegungen sie nicht verstehen. Fast so etwas wie die Typologie von Trump-Wählern.
Die Titelgeschichte ist eine Backwood-Novelle, die man fast als Hintergrundsbericht über die Hillbillys aus DELIVERANCE lesen kann.

Tom Franklin über sein Buch:
Oddly, I didn’t realize that poaching was the theme until the stories–as a collection– were nearly done. I thought the main theme was contamination, how we’re screwing up our environment. The book was originally going to be called “Don’t Touch the Ground,” after a story that we took out. The three brothers (in der Titelgeschichte) are based on the the Wiggins brothers I mention in the book’s introduction. These guys were amazing and fluid in their surroundings. They could catch any fish, kill any deer. They were like mountain men to me. I envied how at ease they seemed, where I felt alien in my childhood.

https://martincompart.wordpress.com/category/tom-franklin/

SCHWERE KÖRPERVERLETZUNG
PULP MASTER Bd.44; 1., 1. Auflage 2020 (18. Dezember 2020)
Originaltitel: G.B.H.
Deutsch von Angelika Müller
334 Seiten; 14, 80 €
ISBN 978-3-927734-04-5

WILDERER
PULP MASTER Bd.54; 1. Auflage 2020 (18. Dezember 2020)
Originaltitel : Poachers
Deutsch von Nikolas Stingl
256 Seiten; 14,80 €
ISBN 978-3-946582-07-6



Soeben Erschienen: JOHN MAIRs KLASSIKER DES POLIT-THRILLERS by Martin Compart

Als Appetizer hier schon mal ein paar witzige Zitate, die einen ersten Blick auf den humoristischen Aspekt von Mairs Stil werfen:

„In einer Ecke verteidigte ein junger Unteroffizier den Wert der Keuschheit gegen den derben Humor einer älteren Dirne, und er sah nicht gut dabei aus.“

„Er zog sich in ein behagliches Wachkoma zurück und lauschte den weitschweifigen und zweifellos hochinteressanten Schilderungen aus dem Leben der Dunkelhaarigen.“

„Der Vollmond hatte schon seinen halben Weg über den Himmel zurückgelegt, und die flachen Gesichter der Häuser wirkten wie Kulissen eines kubistischen Balletts.“

„Laster unterlagen einer Überproduktion, wie anderes auch.“

„Hätte er kaltblütig gehandelt, verdiente er vermutlich zweihundert Tode – oder vielleicht auch nur vierzig; bei diesem Platon wusste man es nie so genau. Sollte es der medizinischen Wissenschaft jemals gelingen, Menschen nach einem unangenehmen Tod, sagen wir durch Ersticken, wiederzubeleben, könnte man den Täter wahrhaftig hundert Tode sterben lassen und ihn nach jeder Hinrichtung wieder aufwecken, außer nach der letzten. So ließe sich eine Art Tarifkatalog erstellen, von einem Tod für Taten im Affekt bis zu fünfhundert Toden für vorsätzlichen Raub, Unzucht und Vatermord, begangen an einem hohen Offizier, der gerade im Feld dem Feind ins Auge blickte; sollte die Berufung scheitern, wäre die Strafe zu verdoppeln.“

„Das Schaufenster präsentierte ein Durcheinander aus Büchern aller Sachgebiete, das dem Hirn eines senilen Gelehrten entsprungen sein mochte. Auf dem Ehrenplatz prangte eine gewaltige Prachtausgabe des Novum Organum von Francis Bacon, auf der einen Seite flankiert von einer deutschen Abhandlung über Vulkanismus, auf der anderen von einem illustrierten Handbuch über militärische Uniformen, in dem Offiziere mit Pomade im Haar und gewachsten Schnurrbärten wie launische Pfauen vor Landschaften posierten, in welchen Tau-sende berittener Soldaten in Rot und Weiß und in perfekter Formation in einem felsenbesetzten und von Kanonenkugeln zerfurchten Gelände zum Angriff übergingen. Rings um diese drei Zentralgestirne wimmelte ein staubiges Durcheinander aus Predigten, obskuren Dryden-Ausgaben, viktorianischen Handbüchern zur Leibes­ertüchtigung, alten Bänden des Spectator, antiken Theaterzetteln, Schmähschriften gegen vergessene Laster und Lobreden auf nicht weniger vergessene geistliche Tugenden. Es handelte sich um eine literarische Müllkippe, die Perlen ebenso enthielt wie Abfall – Strandgut der Grub Street aus vier Jahrhunderten.“

Als Conspiracy-Thriller ist der Roman bis heute herausragend und Maßstäbe setzend: Kein anderer mir bekannter Thriller geht ähnlich differenziert mit seinem Personal und der Verschwörungstruktur um, indem er die Haupthandlungsträger gleichermaßen negativ – oder freundlicher ausgedrückt: skeptisch – betrachtet. Mair schafft dies durch Stilmittel wie zynische Ironie, die er manchmal fast, aber nur fast, bis zur Satire treibt. Der allwissende Erzähler nimmt häufig eine spöttische Haltung ein, die auch seinen „Protagonisten“ – immerhin ein Mörder – nicht verschont. Eher das Gegenteil: Desmond Thane wird gnadenlos bloßgelegt und seziert.
Literarisch ist er ohne Nachfolger, obwohl er den modernen Paranoia-Thriller vorweggenommen hat. Am nächsten kommt ihm vielleicht noch Trevanian.
Sein früher Tod ist höchstwahrscheinlich der schlimmste Verlust für den Thriller. Sein einziger Roman ein herausragendes Leseerlebnis.

ELSINOR VERLAG: https://www.elsinor.de/elsinor/

INTERVIEW MIT DEM VERLEGER IN DIESEM BLOG (2016): https://martincompart.wordpress.com/2016/02/24/interview-mit-thomas-pago-verleger-des-elsinor-verlages/

JOHN BUCHANS DER ÜBERMENSCH: https://martincompart.wordpress.com/2015/01/09/thriller-die-man-gelesen-haben-sollte-der-ubermensch-von-john-buchan/

REZENSIONSEXEMPLARE unter: info@elsinor.de



NOIR-THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: TAMBERLAINE MUSS STERBEN VON LOUISE WELSH by Martin Compart

1593 ist London eine aufregende, unruhige Stadt. Ein verzweifelter Ort, bedroht von Krieg und Pest. Fremde sind hier nicht willkommen, aufgespießte Köpfe grinsen von der Tower Bridge. Der Stückeschreiber, Poet und Spion Christopher Marlowe hat noch drei Tage zu leben. Drei Tage, in denen er mit gefährlichen Regierungsvertretern konfrontiert wird, die ihr eigenes Süppchen kochen, mit Doppelagenten, mit Schwarzer Magie, mit Verrat und Rachsucht. Drei Tage, in denen er den mörderischen Tamburlaine sucht, einen Killer, der seinem eigenen, äußerst gewalttätigen Theaterstück entsprungen zu sein scheint. Tamburlaine muss sterben“ ist die abenteuerliche Geschichte eines Mannes, der Kirche und Staat herausfordert und entdeckt, dass es Schlimmeres gibt als die Verdammung.

TUMBURLAINE MUSS STERBEN
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
Verlag Antje Kunstmann, München 2005
144 Seiten

Christopher Marlowe schreibt höchst selbst in der ersten Person diese Epistel über die letzten 72 Stunden (oder vielleicht nicht?) seines fast dreißigjährigen Lebens, aus der dieser angenehm kurze Roman besteht.
Sie beginnt am 29.Mai 1593: „Ich habe vier Kerzen und eine Nacht, um diesen Bericht zu schreiben.“

Alles wird also aus Marlowes Perspektive erzählt. Ohne den Leser mit dem ansonsten so schwer erträglichen Verbal-Historizismus der üblichen historischen Romane zu quälen, gelingt Louise Welsh nicht nur ein ebenso brutales wie betörendes Zeitbild, sondern auch eine überzeugende Innendarstellung des sprachgewaltigen Gotteslästerers:

„Ich setzte die Welt des Theaters in Brand. Mein MASSACRE OF PARIS verließen Männer mit zuckender Fechthand… Und so pendelte ich zwischen zwei Reichen der Nacht und glaubte mich auf der Sonnenseite des Lebens… Ich bekenne, die Gesetze von Gott und Mensch ohne sonderliches Bedauern zu brechen.“

Er schreibt ohne Sentimentalität, „nicht als Beichte, sondern als Selbstvergewisserung und Zeugnis eines unbeugsamen Geistes“, wie Rolf-Bernhard Essig es in https://literaturkritik.de/id/8457 treffend ermittelte. Allein mit ihrer Sprache gelingt es Welsh die Spannung aufzubauen und hoch zu halten.

Er beendet seinen Bericht bei Sonnenaufgang des 30.Mai, dem Tag seines gewaltsamen Todes.

Leichtfüßig führt Louise Welsh den Leser in die grauenhafte Welt eines übermächtigen Staates, der schier willkürlich über Menschenleben verfügt, einem Land unter pandemischem Druck und Fremdenhass. “I do believe historical books should have a resonance now. Tamburlaine is very much about asylum seekers, and our attitude towards newcomers to this country, which I think is disgraceful. That was in the forefront of my mind when I was writing it.”

will-jamie-campbell-bower als Marlowe in der TV-Serie WILL

Angst und Schrecken eines historischen Raumes, der einige Ähnlichkeiten mit unserer Gegenwart aufweist, dringen in den Leser ein. Denn das Buch fesselt durch Sprache und Stil. Welsh gelingt etwas Seltenes: Sie macht Stil zum Spannungsmotor.

Als Thriller funktioniert TAMBERLAINE MUSS STERBEN wie Forsyths DAY OF THE JACKAL: Wir kennen das Schicksal der historischen Figur und den Ausgang der Geschichte. In kriminalliterarischen Kategorien gedacht, hat Welsh eine neue Variante erfunden: Der Roman ist ein „Who-is-he?“. Es sind Marlowes Volten, Gedanken, Beobachtungen, die den Leser durch die Seiten jagen.

Sie beschreibt Marlowe als bisexuellen Atheisten, der diesen Staat herausfordert (Historiker haben bisher keinen Beweis dafür gefunden, dass Marlowe – wie bei Welsh dargestellt – ein sexuelles Verhältnis mit Walsingham hatte).

Die Autorin hat sich zwar von Marlowes Sprache anregen lassen, tappt aber nicht in die Falle peinlicher Nachahmung. Sie schafft eine effektive Kunstsprache, die altertümlich anmutende Formulierungen einbezieht und modern erscheinen lassen. Ihre gewählte Sprache ist von schöner Klarheit. “I read a great deal of 16th-century literature to prepare for Tamburlaine.”

Louise Welshs Roman funktioniert auf mehreren Ebenen: als historischer Noir-Roman, Psycho- und Politthriller. Sie verbindet Fakten und Fiktion mit Conspiracy. Und als stilistisch beeindruckende Novella.

Christopher „Kit“ Marlowe ist eine der ungewöhnlichsten und faszinierendsten Figuren der Literatur; in vielerlei Hinsicht übt er eine ähnliche Attraktion aus wie Caravaggio in der Malerei.

Sein übler Ruf ist noch prachtvoll intakt.

Francis Walsingham

Im elisabethanischen England war er der Superstar des Theaters, diente in Walsinghams Secret Service und war ein berüchtigter Raufbold. Ein frühes Beispiel für einen Sex & Drugs ohne Rock´n Roll-Lifestyle. Noch vor Shakespeare machte er den Bösewicht zum Helden und revolutionierte damit das Theater. Ein  erster „der Hölle schwarzer Kundschafter“, der durch ein London (Shoreditch) streift, dass – ähnlich wie heute – von stolpernd betrunkenen oder sonstwie zugeballerten Zombies bevölkert ist.

Sein Tod gilt weiterhin als mysteriös, und eine Verschwörungstheorie behauptet, er habe ihn inszeniert, um anschließend in Italien Shakespeares Stücke zu schreiben. Eine andere, dass ihn Sir Walter Raleigh umbringen ließ, damit Marlowe nicht gegen ihn aussagen konnte.

Die Theorie, dass Marlowe seinen Tod vorgetäuscht hat ist auf dem zweiten Blick nicht so abstrus: Das Gasthaus, in dem er offiziell in Notwehr erstochen wurde, war ein Safe House von Walsinghams Geheimdienst. Der Tote in Marlowes Grab ist nicht Marlowe, sondern wahrscheinlich ein am Vortag von Marlowes Tod Gehenkter.

Jedenfalls fasziniert Marlowe bis heute – so auch Louise Welsh: „There are contradictions with Marlowe – this amazing ability to write, so passionate, so lyrical, and then the violence, which was present in the work and which we know to an extent was present in the life because we do know that he was involved in a murder charge. That contradiction is part of the attraction.”

Als ungewöhnlicher Charakter inspirierte Marlowe auch spätere Schriftsteller: Anthony Burgess schrieb über ihn in A DEAD MAN IN DEPTFORD (1993), Andreas Höfele in DER SPITZEL (1997), Dieter Kühn in GEHEIMAGENT MARLOWE (2007), Philip Lindsay in ONE DAGGER FOR TWO (1932), Wilbur G. Zeigler in IT WAS MARLOWE (1895), Herbert Lom (ja, der Schauspieler!) in ENTER A SPY (1978) und M.J.Trow schreibt seit 2011 eine ganze Serie mit Kit Marlowe als Detektiv und Geheimagent für Walsingham (bis 2019 sind zehn Romane erschienen).

„Man muss nicht Stil opfern, nur weil man einen Plot hat.“

Louise Welsh trat 2002 mit einem Paukenschlag auf die Bühne der Noir-Literatur. Mit DUNKELKAMMER (THE CUTTING ROOM) legte sie eines der beeindruckendsten Debuts der zeitgenössischen Noir-Literatur vor. In dem verstörenden Snuff-Roman schrieb sie einen schwulen, zynischen Flaneur als Amateurdetektiv, der in den perversesten Höhlen Glasgows wühlt und jede Tarnung der Stadt aufbricht.

Der Erstling wurde mit Preisen überschüttet, in zahlreiche Sprachen übersetzt und für die Bühne adaptiert. Eine Verfilmung (mit Robert Carlyle) war fast sicher.

TAMBERLAINE MUST DIE war ihr zweiter Roman, der alle überraschte, und klar machte, dass sich die Autorin keinen kommerziellen Erwartungen unterwerfen würde. Aber wie schon in DUNKELKAMMER ist auch hier die Reise wichtiger als das Ziel.

In der schottischen Literatur positioniert sie sich zwischen Schriftstellern wie Irvine Welsh und James Kelman auf der einen Seite und Denise Mina oder John Harvey auf der anderen. Also da, wo man auch den großen William McIllvanney verorten könnte.

Namensvetter Irvine Welsh sagte über Louise auf die Frage nach Verwandtschaft: „ No, she’s not, although funnily enough our mothers are very good friends! I think she is a very interesting writer. To my mind she is not really a crime writer. She is a very serious literary writer working in crime. She is a bit like Dostoyevsky in the way that she uses the existential thriller and the crime genre as a way of exploring individuals’ relationships with society.”

Ihre weiteren Romane (bis zur Pandemie-Trilogie) überzeugten durch Originalität. Die „überzeugte Glasgowerin“ („I live a very quiet life up in Glasgow. Though we do have the highest murder rate of any city in Europe.“) gibt ihrer Stadt eine neue, sehr düstere Perspektive, so dass die britische Presse von “gothic noir” spricht.

Und natürlich wurden auch Vergleiche mit Robert Louis Stevenson bemüht. Wie die meisten schottischen Autoren empfindet auch Frau Welsh eine Nähe zu Robert Louis Stevenson. Besonders natürlich zu seinen dunklen Seiten. Sie hat häufig über Stevenson geschrieben. 2016 sogar ein Libretto für die Oper THE DEVIL INSIDE (nach Stevensons Kurzgeschichte THE BOTTLE IMP), komponiert von Stuart MacRae.

DUNKELKAMMER strotzt vor Perversionen und auch TUMBERLAINE beinhaltet drastische Sex-Szenen. Warum so viel Sex in ihren Büchern?
„I do worry about it a lot. In the first book, there was a lot of sex. In Tamburlaine Marlowe has sex twice, but then it is a very short book… I think sex is really important. It reveals a lot about ourselves and is a way of opening up characters. I think books should have humour, and I think it’s a very hard book that doesn’t have a little bit of sex in it.“

Ohne Verklemmtheit nutzt die Autorin für diese Szenen gerne eine pornografische Sprache, was ihr schon zur Nominierung zum Literary Review’s infamous Bad Sex Award verholfen hat. Aber das beunruhigt sie nicht: „They’re just a load of old men having lunch. But, if I got it, I would pick it up for sure“.



GANGS OF LONDON – Es gibt ein Sterben nach den Krays oder Tod den Investoren by Martin Compart

London 2020.

Lange vorbei sind die Zeiten liebgewonnener Folklore, in der die Kray-Twins die Unterwelt beherrschten. Auch die Yardie-Romantik gehört weitgehend der Vergangenheit an. Ja, es gibt ein Leben nach den Krays, deren Eastend-Mythos den britischen Gangsterfilm bis heute beeinflusst. Heute ist London einer der größten moralischen Slums der Welt, in dem sie Evil-Twins kaum noch eine Chance hätten.

Aber nun werden neue Töne angeschlagen.

Das wird einem innerhalb der ersten drei Minuten der Eröffnungsszene klar, die an Brutalität in filmischer Eleganz alles übertrifft, was man bisher auf dem Bildschirm gesehen hat.

Die TV-Serie GANGS OF LONDON zeigt ein aktuelles, sicherlich überzeichnetes, Bild, wie Organisierte Kriminalität in der Finanzmetropole heute abläuft: Alle ethnischen Gruppen, von Albanern über Asiaten bis hin zu den Iren, haben sich in einem Aufsichtsrat zusammengeschlossen und die Märkte aufgeteilt. Hinter ihnen stehen Investoren (die in der Serie erstmal im Dunkel bleiben), die renditiert werden. Denn die City – immer auf der Suche nach lukrativen Anlagemöglichkeiten – schätzt das steuerfreie Geschäft mit Rauschgift, Mord, Prostitution und anderen illegalen Spezialgebieten. Hier sind die Kursgewinne gigantisch, hier tobt der Feudal-Kapitalismus ungehemmt auf höchstem Niveau.

Der Wahnsinn wirkt authentisch. Die Krays kennt hier niemand mehr.

Stattdessen romantisiert man den Zusammenschluss unterdrückter Ethnien zum ökonomischen Vorteilsstreben. Die Allianz zwischen dem irischen Kingpin und seinem schwarzen Adlatus resultiert aus Diskriminierungszeiten der 1970er: „No Blacks, No Irish. Illegitimate bastard children of the great British Empire. A city of closed doors brought us together.

Der Finanzmakler, eine Art irischer Mayer-Lansky, der dieses Profitmodell entwickelt hatte und anführt, wird in der Pilotfolge umgebracht, und sein nachfolgender Sohn löst durch eine falsche Marktstrategie („Alle Geschäfte stehen still, bis ich den Mörder meines Vaters habe.“) gewalttätige Tumulte aus, die an die Substanz der Unternehmen gehen.
Gespielt wird der Tycoon von Colm Meaney, Hackfresse und Legende des britischen Gangsterfilms.

Über den Bildschirm laufen nun gnadenlos choreographierte Brutalitäten, wie man sie zuvor noch nie gesehen hat. Dagegen wirken die meisten Martial-Arts-Filme wie Vorabend-Serien.

Heike Hupertz beschreibt das im F.A.Z.-Net vortrefflich: „…stimmig choreographierte Folge von Kampfszenen, die den Betrachter visuell überwältigen und unter Dauerspannung halten. Superbrutal, extraordinär, meisterlich geschnitten, auf präzise Weise gespielt, stimmen hier die Details, die Augenblicke, die Zeitlupen, die Zooms, die dramatischen Verzögerungen, jeder berserkerhaft gefilmte Kontrollverlust. Der Waliser Gareth Evans, zusammen mit dem Kamermann Matt Flannery Verantwortlicher der neunteiligen Actionserie Gangs of London, führt lediglich in der Pilotfolge und in der fünften Folge selbst Regie. Regie, die Maßstäbe für das Genre Untergrundkrieg der organisierten Kriminalität setzt.“
Sie weist auch zu Recht darauf hin, dass die Serie ebenfalls als Charakter-Drama funktioniert. Tatsächlich wirken die Gewaltorgien nie anorganisch in dieser komplexen Erzählung, die durch die ungewöhnlichen Charaktere und ihrer Gier nach Rache oder neoliberalem Wirtschaftsstreben vorangetrieben wird.

Schon jetzt ist klar, dass GANGS OF LONDON neue Maßstäbe setzt. Ästhetisch vergleichbar innovativ wie MIAMI VICE in den 1980er Jahren. Für das Genre des britischen Gangsterfilms ein stilistischer Quantensprung, der selbst die Aficionados schockiert und verwirrt. Um die dysfunktionale Zivilisation vorzuführen findet GANGS OF LONDON bisher nie gesehene Bilder und Szenen neben den genrespezifischen Topoi.

Der ehemals gefeierte „Erneuerer“ Guy Ritchie wirkte mit seinen Werken schon immer gestriger als VILLAIN, SEXY BEAST oder GET CARTER (deren Klassiker-Status nie zur Disposition steht).

Bereits mit dem Pilot-Film hat GANGS OF LONDON seine eigene Mythologie geschaffen und inszeniert. Wie bei VILLAIN und im Gegensatz zu Ritchie dient die erschreckende Brutalität nie dazu, pickeligen Popcornfressern ein debiles Lachen zu entlocken. Evans und Flannery meinen es ernst und mildern nichts durch ironische Seitenblicke. Schönes, heroisches Sterben, wie in französischen Gangsterfilmen (vor allem mit Alain Delon), gab und gibt es nicht im britischen Pendant.

Zwischen deutschen Produktionen und den besten internationalen liegen inzwischen Lichtjahre.
Das ist auch Jan Freitag aufgefallen; er schreibt im „Tagesspiegel“:
„Anders als deutsche Produktionen. Diese Wortkargheit ist es auch, mit der sich „Gangs of London“ von deutscher Redundanz distanziert. Eine Szene wie jene, als Sean 30 endlose Sekunden lang schweigend am offenen Sarg seines Vaters steht und Mutter Marian mit den Augen allein offenbart, wie abgrundtief sein Hass ist, wie übermächtig sein Ehrgeiz, scheint in deutscher Produktion schlicht undenkbar.“

Höhnisch meinte „The Indipendent“, dem die Serie weniger gut gefiel: „Evans’ series is an unholy combination of The Raid and EastEnders.“
Wie so viele Gangstergeschichten ist auch GANGS neben anderem eine Familien-Saga. Und anders als bei den Waltons oder Cartwrights hat hier jedes Familienmitglied etwas zu verbergen.

Gangsterepen sind inzwischen zu Symbolen des Kapitalismus geworden. Zeigen sie doch wunderbar in der beginnenden Endzeit der Klimakatastrophe, dass diese Form des Wirtschaftens auf denselben Vernichtungsstrategien eines Dschingis Khans beruht, nur effektiver dank technologischer Fortschritte. Mit Zivilisation hat das so viel zu tun wie das Morden und Plündern barbarischer Horden.

Man könnte über gelegentliche Klischees und Unstimmigkeiten der Serie mäkeln: Eine Gang-Organisation handelt gar mit Silikon-Puppen. Aber ich schließe mich da gerne GQ an: „sex dolls (we’re not sure why, given these are legal and easily available on the internet, but OK)“. Aber es sagt auch etwas über Klischeebruch aus, wenn ausgerechnet der mörderische Boss der Albaner-Gang wie der nette Nachbar rüberkommt.

Entwickelt wurde die Serie für Pulse-Films von dem preisgekrönten Filmemacher Gareth Evans (The Raid: Redemption) und seinem kreativen Partner Matt Flannery (Kamera). Beide arbeiteten schon für indonesische Martial-Arts-Filme. Evans nennt sein ästhetisches Konzept für London „Gothamized“.

Und „Empire“ erkennt: „Where Gangs Of London makes its biggest mark, however, is in an area that will surprise nobody who’s seen The Raid or its sequel. Having made their name in the Indonesian film industry, Evans and Flannery now import their own brand of hyper-kinetic, unflinchingly ferocious screen violence to the streets of our capital, with each episode featuring at least one virtuoso action sequence (even after Evans hands the directing reins to Corin Hardy, who in the fourth episode shows he’s as adept at action as he is horror).“

In England gab es wegen der Gewaltdarstellung viel Protest. Das hinderte aber nicht daran, dass die durchschnittlichen Zuschauerzahlen auf fast 1, 5 Millionen stiegen und die downloads im Mai 16,6 Millionen erreichten. Sie ist nach GAME OF THRONES die zweiterfolgreichste Serie von Sky Channel – und das „Okay“ zu einer zweiten Season war nur eine Formsache.

„The British gangster thriller has never fackin’ seen anything like this before.“ (Empire)

Autoren: Peter Berry, Claire Wilson, Carl Joos, Lauren Sequeira, Gareth Evans, Matt Flannery
Regisseure: Corin Hardy, Xavier Gens (drehte den Backwood-Kracher FRONTIER(S)), Gareth Evans
Hauptdarsteller: Joe Cole (Peaky Blinders), Sope Dirisu (Humans), Colm Meaney (Star Trek), Lucian Msamati (His Dark Materials), Michelle Fairley (Game of Thrones), Paapa Essiedu (Press), Pippa Bennett-Warner (Harlots).
Production Company: Pulse Films
Vorlage war ein gleichnamiges PSP-Video-Spiel von 2006.

P.S.:
Schön ist auch, was im Blog der freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft von Uwe Breitenborn zu der Serie zu lesen ist:

„Um es vorwegzunehmen: Ein außerordentlich hohes Gewaltlevel prägt die meisten Episoden, so dass sich der FSF-Prüfausschuss bei fünf der neun Episoden erst für eine Freigabe ab 18 Jahren entschied…

Auch wenn die Gewalthandlungen genretypisch exzessiv und zuweilen überchoreografiert sind, haben sie durchaus einen spekulativen Grundton. Eine gewisse Gewaltlust ist der drastischen Inszenierung nicht abzusprechen, was als sozialethisch desorientierend gewertet wurde. Einge Episoden erhielten aber auch eine Freigabe ab 16 Jahren. Bei ihnen wird dieser Altersgruppe zugetraut, sich von den Gewaltexzessen distanzieren und diese Szenen einordnen zu können. Die Gewaltexzesse sind dramaturgisch zumeist angebahnt und einordenbar. Es gibt zudem kaum deutlich positive Identifikationsfiguren…

Bemerkenswert ist die Komplexität und Vielschichtigkeit des Plots, der ein weit aufgefächertes Figurenensemble aufweist, eine faszinierende, aber auch zynische Inszenierung des neoliberalen Londons. Die Skrupellosigkeit des turbokapitalistischen Zeitgeistes durchweht jede Pore des Films. Luxus und Gosse sind fest verwoben, etwas Durchschnittliches gibt es hier nicht, nur Extreme. Das gilt für die exzellente Besetzung ebenso wie für die überbordende Gewalt, die sich wild über Genrekonventionen hinwegbewegt. Hier werden Bauernhäuser zu Kriegslandschaften, Gangrivalitäten zu Massakern und Beziehungen zu Folterhöhlen. Kriegsfilm, Splatter, Western, Gangsterdrama – ja, Oper müsste man eigentlich sagen. Ein Epos ohne Grenzen. All das muss man aushalten, man kann es auch bewundern. Aber getreu dem Motto eines regionalen Radiosenders ist zu sagen: Nur für Erwachsene!“


<a href="https://vg06.met.vgwort.de/na/4930d68d12bd404dae0843c48de2b69f?l=https://martincompart.wordpress.com/2020/07/30/gangs-of-london-es-gibt-ein-sterben-nach-den-krays/



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: P.M. HUBBARD by Martin Compart

„Mein absoluter Favorit, auch in literarischer Hinsicht, ist der leider völlig in Vergessenheit geratene P.M.Hubbard. Er schrieb nur sechzehn Thriller. Aber die gehören zum allerbesten. In keinem ein überflüssiges Wort. Wer lernen will, wie man einen erstklassigen Thriller schreibt, sollte Hubbard studieren.“ (Jonathan Gash)

Philip Maitland Hubbard gehört zu den literarischen Schätzen, von denen man nur ganz wenige in einem Leserleben heben wird. Einer dieser Autoren, die trotz ihrer überragenden Qualitäten nie die Bekanntheit erreichen, die ihnen zustehen würde.
Die Glücklichen, die diese Schriftsteller zufällig oder durch einen Hinweis entdecken, werden ihre Bücher – die sich unauslöschlich ins Hirn brennen – hüten, pflegen, und immer wieder zu ihnen greifen. Und sie reihen sich wahrscheinlich in eine Kult-Gemeinde ein, die nicht sehr groß ist, aber beglückt von dieser Lektüre, immer auf der vergeblichen Suche, vergleichbares zu entdecken.

Diese Autoren sind leider nicht für die Mehrheit der Leser bestimmt (wie ihr begrenzter Erfolg und ihre Vergessenheit belegen); sie gehören einer eifrigen Minderheit.

P.M. Hubbard gehört genau in diese Kategorie.

Wie Kafka ist er kein Schriftsteller, der einen überfällt. Er nimmt subtil von einem Besitz, indem er erst ganz zart an die Kehle greift und immer stärker zudrückt.

Philip Maitland Hubbard wurde am 9 November 1910 in Reading in Berkshire geboren. Aus gesundheitlichen Gründen zog sein Vater mit der Familie auf die Kanalinsel Guernsey. Hier entwickelte Hubbard wohl seine tiefe Liebe zum Meer und zur Natur. Sein Großvater, Henry Dickenson Hubbard (1824–1913), war ein Kirchenmann der Church of England und hinterließ ein beachtliches Vermögen.

Er besuchte das Elizabeth College, Guernsey, studierte dann am Jesus College in Oxford. Dort gewann er 1933 den Newdigate Prize for Poetry für das Gedicht „Ovid among the Goths“.

1934 trat er in den Dienst des Indian Civil Service. Er beendete seine Karriere als letzter District Commissioner des Punjab, bevor Indien 1947 unabhängig wurde.
Anschließend kehrte er nach England zurück und arbeitete in der Verwaltung des British Council, wurde dann stellvertretender Verwaltungsdirektor der Handelsgewerkschaft.

Ab 1960 arbeitete er hauptberuflich als freier Publizist und Schriftsteller. Er schrieb Artikel und Sketche für den „Punch“ und Gedichte. „Most of my `serious´ poetry has remained unpublishable in my period, because it rhymes and scans. I write a good deal of verse for Punch between 1950 & 1962. Of course a lot of comic, satirical, topical & occasional stuff, but occasionally, when the editor wasn’t looking too closely, lapses into poetry (as I see it.).”
Seit den frühen 1950ern schrieb er Science Fiction-Kurzgeschichten, u.a. für so renommierte Magazine wie „The Magazine of Fantasy and Science Fiction“.

1963 erschien sein erster Roman:FLUSH AS MAY. Ihm folgten fünfzehn weitere Thriller (nur sieben davon wurden für die Rowohlt-Thriller-Reihe ins Deutsche übersetzt) und zwei Kinderbücher. HIGH TIDE wurde 1980 fürs Fernsehen in der ITV-Reihe „Armchair Thriller“ mit Ian McShane verfilmt.

Er ließ sich im Horsehill Cottage, Stoke in Dorset nieder, wo er mit seiner Frau und den drei Kindern Jane, Caroline und Peter, bis zur Scheidung lebte. 1973 zog er in den Südwesten von Schottland, der sich von da an stark in seinen Büchern niederschlug.

Er starb am 17, März 1980 in Newton Stewart, Galloway. In seinem Testament bestimmte er eine Pension für seine Exfrau, ihr „unbehelligtes Leben“ im Horsehill Cottage und für seine Kinder einen Trust.


Sein letzter Roman war sein einziger Agenten-Thriller: KILL CLAUDIO, 1979 (der Titel ist ein Shakespeare-Zitat aus VIEL LÄRM UM NICHTS). In ihm findet der Geheimagent Ben Selby heraus, dass sein Freund statt seiner ermordet wurde. Die Witwe bittet ihn, den Mörder zu finden und zu töten. Der politische Hintergrund spielt keine wirkliche Rolle.

Das Thema ähnelt einigen von Hubbards vorherigen Thrillern und erlaubt ihm eine atemberaubende Menschenjagd in der Tradition von Buchan und Household.
Wie sein erster Thriller, FLUSH AS MAY (eher ein klassischer Detektivroman), beginnt er mit einem Leichenfund während eines Spazierganges. Mike Ripley und H.R.F. Keating nahmen KILL CLAUDIO 2000 in ihre 101 CRIME THRILLERS OF THE 20.CENTURY auf (Keating tat dies bereits 1987 in CRIME & MYSTERY – THE 100 BEST BOOKS).

Hubbard erfand nie einen Serienhelden (dabei dürfte sein Protagonist aus A HIVE OF GLASS, der fanatische Antiquitätenjäger Johnnie Slade, einen gewissen Einfluss auf Jonathan Gashs Helden Lovejoy ausgeübt haben) und Polizisten tauchen kaum in seinen Thrillern auf. In Hubbards atavistischen Welt haben Ordnungskräfte wenig bis keine Bedeutung.

Seine Protagonisten verfügen über einen scharfen Verstand und sie sind deduktionsfähig, aber mit klassischen Detektivromanhelden haben sie nichts zu tun. Sie leben in einer Welt voller Gier, Neid und Leidenschaft, die auf Mord und Totschlag zuläuft. In einer Atmosphäre wie in modernisierten gotischen Schauerromanen.

Seine “Helden” (weibliche Protagonisten gibt es nur in zwei Romanen, FLUSH AS MAY und THE QUIET RIVER) sind meistens gebildete Männer (etwa Schriftsteller), die sich gut ausdrücken können und über einen starkem Willen verfügen. Sie teilen häufig die Interessen ihres Schöpfers: Jagdsport, Segeln, Volksglaube oder Shakespeare.
Sie geben wenig Auskunft über ihr Vorleben, haben anscheinend nichts mit Institutionen zu tun und so gut wie kein gesellschaftliches Leben. Falls doch, leben sie zum Beginn der Handlung in ihren urbanen Professionen wie getarnte Psychopathen:

„Ich ließ nur das schmallippige Lächeln sehen, das ich mir in der Schule einem bestimmten Direktor gegenüber angewöhnt hatte. Soviel Hass wie auf den Direx hätte ich für Mr. Hastings gar nicht aufgebracht. Hauptsächlich wünschte ich mich weg. Weg aus London.“

Sie sind so isoliert wie die Welt, in die sie ihr Autor versetzt. Der konzentriert sie ganz auf das ablaufende Geschehen und ihre emotionalen Effekte.
Sie kommen oft aus einem scheinbar vorenthaltenen Leben mit kargen Freuden scheuen weder Risiken noch Chancen. Besonders dann nicht, wenn sie eine verbotene Fruchtpflücken wollen (vor allem in Form von Liebe zu einer verbotenen Frau).
Und sie kommen fast immer von außen in eine schwer durchschaubare Welt, die sie zu umklammern beginnt.

Jochen Schmidt schrieb über Hubbards amoralische Protagonisten:
„Hubbard selbst lässt mit keinem Wort erkennen, dass er das Tun und Lassen seines Helden missbilligt… Die Inhumanität – also auch die Schuld des Erzählers – ergibt sich nur aus dem Sprachduktus dieser unsentimentalen Rollenprosa… Vielleicht ist es diese Gefühlskälte vieler Hubbardscher Figuren, die den ständig ins kalte Wasser geschickten Leser dieser vorzüglichen Romane gelegentlich frösteln lässt“ (GANGSTER, OPFER, DETEKTIVE; Ullstein, 1988, S.321f.).

“The place is generally in fact the principal character in the book, because, again, places mean more to me than people.”

Hubbards Bücher sind “rurale Thriller” oder “Country Noir”. Keiner von ihnen spielt in einer Metropole oder in einer urbanen Umgebung. Handlungsorte sind Küstenstriche, Highlands, Inseln oder unheimliche Wälder mit noch unheimlicheren Häusern (sein Können, die Natur beklemmend erfahrbar zu machen, wird gelegentlich mit dem nicht minder großartigen Arthur Machen verglichen), gelegentlich von Überresten paganer Kultur durchdrungen. Grenzgebiete einer atavistischen Welt, die auch das Bewusstsein der Figuren widerspiegelt. Immer wieder betonen Theoretiker eine gewisse Nähe zur Gothic Novel bei Hubbard, dort, wo „erhabene Natur die Komplizin des Bösen“ (Hans Richard Brittnacher) ist.

In diesem Sinne könnte man Hubbards Romane gar als Backwood-Thriller einordnen.

Mentale und physische Isolation gehört zu den wiederkehrenden Motiven.
Hubbard ist ein Konservativer, der das moderne großstädtische Leben kaum kannte.
So behauptete er ernsthaft 1969 in COLD WATERS:
„In London gab es nur ein oder zwei Räumlichkeiten, wo man für so viele Leute (Jahresparty eines Unternehmens) ein Essen arrangieren konnte.“

Er hatte auf Guernsey gelebt, über ein Jahrzehnt in Nordindien und nach seiner Rückkehr wohl einige Zeit in London, bevor er sich in einem ländlichen Cottage niederließ, wo er einsam seiner schriftstellerischen Tätigkeit nachging. Bis auf gelegentliche Besuche beim „Punch“ oder bei Verlagen, dürfte er wenig großstädtisches Leben erfahren haben. Die schockierenden Swinging Sixties sind wohl einigermaßen spurlos an ihm vorbei gegangen.

Er kommt mir vor wie von der Nachkriegszeit enttäuschter Brite, den der Verlust des Empires desillusioniert in die Wälder und aufs Wasser getrieben hat. Von Britannien war für ihn nur noch der rurale Kern (bis in die schottischen Highlands) akzeptabel und lebenswert. Aber da er kein Reaktionär war, sah er auch den dort möglichen Horror. Seine Verbrechen entspringen weniger gesellschaftlichen Umständen, sondern der menschlichen Natur im Hobbesschen Sinne oder der Psychopathie.

Jochen Schmidt hat darauf hingewiesen, dass merkwürdiger Weise Hubbards langjähriger Aufenthalt in Indien keinen oder kaum einen Niederschlag in seinem Werk gefunden hat. Lediglich THE COUNTRY OF AGAIN spielt hauptsächlich in Pakistan (Punjab).

Die Geschichten entwickeln sich langsam aber treibend, bauen eine Atmosphäre zunehmender Paranoia auf, getragen von der bedrückenden Umgebung, bis sie schließlich in Morden explodieren. Vor dem Ende gibt es nur wenige physische Konfrontationen, aber eine immer gegenwärtige, sich steigernde Atmosphäre der Gewalt. Ein großer Reiz dieser Thriller ist diese drohende Stimmung einer unmittelbar bevorstehenden Zerstörung.

Die Gewalt baut sich unterschwellig auf und wird dann immer bedrohlicher. Das Gewaltpotential wird zurückgehalten, steigert sich latent bis zum Ausbruch. Hubbard lässt es den Leser spüren, benutzt seine Phantasie antizipatorisch. Der innere Dialog entwickelt die Spannung von Seite zu Seite.
Wenn diese Gewalt dann explodiert, trifft sie den Leser wie ein Faustschlag in den Bauch. Schockierender als Splatter-Punk.

“I have too little sympathy with other people to be a good novelist (a general male failing, which is why most of the great novels are written by women), but my English rests on a severely traditional classical education, which I have no doubt is the only sound basis for using English properly…. . By this I mean that I am in myself a egotist, and tend to see people mainly as factors in my own situation, whereas I should have thought that a novelist must (or at least on occasion be able to) take a God’s-eye view of them. Of course all fiction writers are egotists, and a certain degree of egotism is necessary to impose a unity on their imagined world and people. But they ought to be able to envisage other people’s feeling more clearly than probably I can.” (Briefe an Tom Jenkins in 1973)

Hubbards intensive Ich-Erzähler monologisieren sehr filmisch. Deshalb sind seine Thriller ein Geheimtipp für intelligente Regisseure. Bisher wurde lediglich ein Buch von ihm für das Fernsehen adaptiert.

Die Romane sind relativ kurz und lesen sich schnell. Das entspricht Hubbards Suspense-Konzept und erfüllt es maximal. Im Gegensatz zu den meisten Page-Turnern bleiben die Bücher im Gedächtnis. Spannung, Charaktere und Atmosphäre sind so originell, so ungewöhnlich, dass man sich noch Jahrzehnte später rudimentär erinnert.

Jedes Buch enthält lediglich vier Hauptpersonen mit der Konzentration auf den Protagonisten, der fast immer der Ich-Erzähler ist. Der erzählt in klaren, kurzen Sätzen, vermeidet Adjektive und Wortschwall. Die Geschichten erzählen sich von selbst durch die Augen des Protagonisten. Kontrafaktisches ist für den Leser kaum erkennbar.
Unter der Meisterschaft von Hubbard baut sich alles zu einem literarischen Universum zusammen, dass in der Thriller-Literatur nichts Vergleichbares kennt. Obwohl ihm Jonathan Gash manchmal nahekommt (besonders in den Action-Szenen der frühen Lovejoys).

In kurzen Sätzen voller Eleganz beschreibt er brutale, geradezu mythische Konflikte in einer einsamen Natur. Bei ihm gibt es keine sinnlosen Sätze, keine Redundanz (durch die fast alle heutigen Thriller ihren voluminösen Umfang erreichen). In der Regel geht es um einen amoralischen Protagonisten, der durch Umstände zu einer Aktion gezwungen wird, die weitere Handlungen nach sich zieht – bis zu einem entweder desaströsen oder „befriedigendem“ Ende.

Die düstere Psychologie in Hubbards Romanen rief bei einigen Kritikern Vergleiche mit Patricia Highsmith hervor. Seine Faszination für Wasser und Segeln ließen andere Kritiker an Andrew Garve denken, der aber ein viel optimistischeres Weltbild hat und weniger getrieben ist.

Dem literaturgeschichtlichen Sortierzwang entzieht er sich weitgehend.

Und so hat Philip Maitland Hubbard gearbeitet:

„I start with the one or two characters necessary to carry the theme, and then I just start writing and see what happens. Fresh characters introduce themselves, existing characters do unexpected things and the thing just goes on growing. At some point, obviously, I have to stop and say, in effect, “Well, what is this about? What really is going to happen?” But I may be two-thirds of the way through the book by then. Even then I don’t conceive the solution in more than general terms, but of course the further I go, the more precisely I can see ahead. I do very occasionally have to go back and change a few details at the start of the book which no longer fit its outcome, but it is odd how seldom this happens. This is because the thing is conceived and built up as an organic growth. the later parts fit the earlier parts simply because they have developed naturally out of them. Even the final solution is not something imposed from the outside, but is precisely the explanation of all that has gone before. In detail, I write very much as it falls out, writing in my own minuscule hand (700+ words to a quarto page), and changing very little, and that only for purely verbal reasons, so that you may get several consecutive pages of ms. with no corrections at all. When I have finished, I copy it out laboriously on my typewriter, and the result is the text as printed. I cannot consider such a thing as a re-draft, because once the book is down on paper, it is dead so far as I am concerned, and a postmortem may be possible, but not surgery.“

BIBLIOGRAPHIE:

Flush as May (1963)
Picture of Millie (1964)
A Hive of Glass (1966)
The Holm Oaks (1966)
The Tower (1968)
The Custom of the Country (as The Country of Again in US) (1969)
Cold Waters (1969)
High Tide (1971)
The Dancing Man (1971)
A Whisper in the Glen (1972)
A Rooted Sorrow (1973)
A Thirsty Evil (1974)
The Graveyard(1975)
The Causeway (1976)
The Quiet River (1978)
Kill Claudio (1979)

JUGENDBÜCHER:
Anna Highbury (1963)
Rat Trap Island (1964)

Eine Bibliographie der deutschen Übersetzungen für Rowohlt findet sich unter:

Hubbard, P.M.



http://zerberus-book.de/



Ted Lewis & Inspector Morse by Martin Compart
17. Januar 2019, 6:02 pm
Filed under: Brit Noir, Die Krays, Ted Lewis | Schlagwörter: , , ,

In der 4.Folge der ersten Season (2013) von ENDEAVOUR (Der junge Inspector Morse) wird Bezug genommen auf Ted Lewis: Als kriminelle Strippenzieher im Hintergrund vermutet man nämlich die Brüder Fletcher, die Londoner Unterweltsbosse, für die Jack Carter arbeitet. Lewis´ Vorbilder waren natürlich die Krays.



MiCs Tagebuch Oktober 2018 by Martin Compart

SCHÖNE NEUE STREAMINGWELT

Nicht neu ist die Erkenntnis, dass Marktforschung ein wichtiges Instrument der Industrie ist, um Publikumswünsche zu verstehen. Schließlich sind Entertainment-Produkte für den Markt bestimmt und dienen nur einem einzigen Zweck: ihrem Verkauf. Eine Ware, die für ihren Absatz produziert wird, muss selbstverständlich dem Publikum gefallen. Am Ende bleibt jedoch immer die Unsicherheit, ob das Werk ein Erfolg wird oder nicht. Darum wird versucht, sei es beim Buch, Film oder im TV, mit Serien, Sequels, Prequels, Spin-Offs und natürlich Merchandising, möglichst viel Profit aus einem erfolgreichen Stoff zu saugen. Der Erfolg von gestern soll den Erfolg von heute und am besten gleich den von morgen gewährleisten. Einige der bekanntesten Beispiele für mediale Produktmarken oder Franchises sind z.B. Star Wars, Harry Potter, Herr der Ringe, Marvel.

Neuer sind in der Marktforschung auf nutzergenerierten Daten basierende Algorithmen.
Was Streaminganbietern den Geschäftserfolg sichern soll, weil es dem Publikum gefällt, saugen Konzerne wie Netflix und Amazon aus ihren Nutzerdaten. Algorithmen bestimmen die „schöne neue Streamingwelt“, nach der Filme und Serien in über 100 Genres (besser Kategorien) und deren Nutzergruppen eingeteilt werden. Diese Daten sind das Kapital der Unternehmen. Sie bestimmen letztlich ihren Börsenwert. Mittels der Algorithmen wird versucht, zukünftiges Verhalten der Nutzer zu „programmieren“, um immer erfolgreichere Formate anzubieten und so die Nutzer „süchtig“ zu machen.
Das Geschäft der Streaminganbieter ist global, ihr Publikum auch. Was in einem einzelnen Land nur eine kleine Nische darstellt, ist weltweit aufaddiert ein Riesenmarkt.

Von dieser Erkenntnis leben Horrorfilme bereits seit Jahrzehnten. Damit erklärt sich auch die scheinbar verwirrende Nischenpolitik einiger Konzerne, die neben Serienfutter mit überraschenden Arthaus-Filmen aufwarten, jüngstes Netflix-Beispiel, Roma von Alfonso Curaron. Sie folgen der Logik eines guten Dealers: Wer seine Nutzer kennt und bedient, der verdient. Immer.

Im Streaming-Zeitalter lautet das neue globale Seriendiktum: Vorverkauf, Internationalität, Nostalgie und Spektakel.

Gibt es bereits einen Publikumserfolg in einem anderen Medium? Ist der Stoff international attraktiv? Bedient er nostalgische Gefühle? Ist er ein großes Spektakel? Mindestens ein Kriterium muss erfüllt werden, besser jedoch mehrere. (Original Content, extra fürs TV entwickelt, scheuen auf sichereren Return-on-Investment bedachte internationale Geldgeber wie der Teufel das Weihwasser.)

Bei der deutschen Budgetorgie Berlin Babylon, einer ARD und Sky Co-Produktion, kann man hinter jedem der vier Kriterien ein Häkchen machen. Dafür gibt’s Applaus vom internationalen Publikum wie vom bedeutungslosen Feuilleton. Das freut die Branche, sie ist endlich das, für was sie sich schon immer hielt, und lobt sich gleich mal selbst für den Mut zur „neuen deutschen Serie“, die ohne Vorlagen wie Boardwalk Empire, Peaky Blinders und Baz Luhrmanns Der Große Gatsby, natürlich unvorstellbar wäre. Romanerfolg hin oder her.

Längst haben große Konzerne Serielles Erzählen als profitables Geschäftsmodell erkannt und investieren Milliarden. So stecken aktuell Netflix 6,3 Milliarden, Amazon über 4,7, Hulu 4,5 und Apple 1,0 Milliarde US-Dollar ins Programming. Auch Plattformanbieter Deutsche Telekom ist mit ihrer ersten Eigenproduktion Deutsch-Les-Landes im Geschäft (in Partnerschaft mit Amazon France). Wir lernen daraus, wo Geld zu verdienen ist, da wird investiert, solange dort Geld zu verdienen ist. Das sogenannte Peak-TV befindet sich in der Phase des Verteilungskampfes, die Streaming-Giganten kaufen rechts und links kreative Erfolgsgaranten ein, um sich den Markt sichern. Verlieren werden diejenigen, denen zuerst der finanzielle Atem ausgeht.

Voll geil, denkt der Konsument und twittert seine Begeisterung ob der Riesenauswahl in die Welt hinaus. Ernüchternd für die Kreativen ist jedoch: Serielles Erzählen ist das neue Fastfood für die Generation Smartphone. Denn laut Messungen des Nutzerverhaltens wird während des Serienkonsums auf den Phones und Tabletts, gleichzeitig anderen Online-Beschäftigungen nachgegangen, wie liken, linken, posten, usw. Soviel Ablenkung bedeutet für die Branche, je stärker der Wettbewerbsdruck, desto mehr Publikumserfolge werden benötigt, will man nicht absteigen. Daher schalten die großen Streamingdienste bei ihren Produktionen zwangsläufig auf Nummer sicher. Womit wir wieder bei dem o.g. „globalen Diktum“ angelangt sind und letztlich beim Wiederholen immer gleicher Muster. Profit geht vor Kreativität und künstlerischem Risiko.

AUSGETRHILLERT

Nach BODYGUARD hatte ich mir neulich DEEP STATE angeschaut, zwei Conspiracy-Thrillerserien auf handwerklich hohem Niveau. Bodyguard, ein Produkt der BBC 1, ist etwas komplexer und tiefschürfender, Deep State, eine Fox-TV Produktion, simpler und actionorientierter.

Der Inhalt beider Formate ist schnell geschildert: Bodyguard erzählt die Geschichte eines Ex-Soldaten, jetzt Polizist und Leibwächter der Innenministerin, der auf eine Verschwörung stößt und diese aufklären muss, um seinen Hals zu retten.

Deep State erzählt die Geschichte eines Ex-MI6 Auftragskillers, der zwangsweise für eine Aufräumaktion reaktiviert wird, auf eine Verschwörung stößt und diese aufklären muss, um seinen Hals zu retten.

Beide Serien haben eine zynische Sicht auf die Welt. Sie schildern Protagonisten, die vermeintlich für ihr Land und das Gute kämpfen und natürlich schwer ernüchtert, verraten und missbraucht werden. Beide sind ernstgemeint und höchsten unfreiwillig komisch – und beide Serien haben keinerlei Konsequenzen.

Bei Bodyguard geht der „Working Class Hero“ am Ende in Therapie und dann nach hause, zu seiner wiedergefundenen Familie, bei Deep State begibt sich der „well off“ Killer direkt in sein komfortables Zuhause, zu seiner wiedergefundenen Familie. Die zentrale Botschaft lautet: Die Welt ist wie sie ist, du kannst sie nicht ändern, sieh zu, dass es dir und deiner Familie gut geht. In beiden Serien haben die „Helden“ Kinder, sind ihre Beziehungen in Gefahr oder beschädigt, gilt es die unschuldigen Kleinen, auf denen unsere aller Zukunft beruht, vor Schäden, gemeint ist ein früher unverdienter Tod, zu bewahren. Psychische Schäden, die dadurch entstehen, dass die Sprösslinge Augenzeugen von z.B. Bombenanschlägen oder mordenden Eltern werden, spielen in diesen Serienwelten keine Rolle.
Bei Deep State empfinden dazu die Bösewichte eine große Kinderliebe und sorgen sich um den eigenen Nachwuchs. Wenn das kein wohliges Gefühl der Empathie erzeugt.

Beide Serien sind fatalistisch und völlig reaktionär.

Ihre vermeintliche Gesellschaftskritik beschränkt sich darin, den Status quo der Gegenwart als Spieloberfläche zu benutzen, auf der spannend und wendungsreich, leider sinnlose Stories erzählt werden.

Bei allem brillanten Thriller-Handwerk, in dem Bodyguard sich Deep State überlegen zeigt (ein weniger hektischer Plot, dafür mehr Charakterentwicklung) und den dramatischen, persönlichen Konflikten der Protagonisten, dominiert auf der Systemebene völlige Alternativlosigkeit.
Will der Bodyguard zu Anfang noch am liebsten diejenige bestrafen, die das kriegerische Morden in Afghanistan mit verursacht hat, so schützt er sie doch vor Terroristen und klärt sogar ihren Tod auf, um am Ende beinahe von den eigenen Leuten hingehängt zu werden.
Die MI6 Killer in Deep State sind anfangs damit beschäftigt, unschuldige iranische Wissenschaftler zu eliminieren, weil diese angeblich den Nuklearvertrag mit den USA unterlaufen, um am Ende, belogen und betrogen, einen unvermeidlichen Deal zu machen, der ihr eigenes Überleben sichert. So oder so, es gibt kein Entrinnen aus dem System, also lassen wir’s lieber gleich bleiben. Jeder ist sich selbst der Nächste. Schöne moderne „Helden“ sind das.

Die wahren Bösewichte sind entweder die Konzerne, deren Geschäftsmodell Krieg, Tod und Verderben lautet, und die einen weiteren neuen Krieg brauchen, damit die Kasse stimmt, oder das organisierte Verbrechen, das sich die hochkriminellen lukrativen Geschäfte nicht stören lassen will.

Beide Gruppen bedienen sich korrupter Staatsbediensteter. Das spiegelt natürlich die wirklichen Zustände in unserer Welt. Wie ernsthaft, wie kritisch – leider auch wie oberflächlich und verlogen. Bei Bodyguard ist die Organisierte Kriminalität gegen verschärfte Überwachungsgesetze, weil sie um Geschäftseinbußen fürchtet. Ein ausgemachter Blödsinn. Eine gute OK ist eine Stütze der kapitalistischen Gesellschaft und braucht den Staat schon gar nicht zu fürchten, solange dessen Hauptaugenmerk dem Kampf gegen den Terror dient.

Im Falle von Deep State wird gezeigt, wie Konzerne und Lobbyisten in den USA mit erpresserischen, mörderischen Methoden ihre Ziele verfolgen, jedoch völlig unerwähnt gelassen, dass das gesamte politische System auf Geld beruht und es zwischen dem Staat und den Konzernen keinerlei Interessenwiderspruch gibt, sondern beide völlig symbiotisch agieren. Schließlich wechseln Manager in die Politik und Politiker ins Management, um gegenseitig den Profit zu maximieren. Diese Serien perpetuieren genau die Botschaft, die jeder Mensch kapieren muss: Die Ursache allen Übels, das alles dominierende kapitalistische System, bleibt unausweichlich bestehen. Revolte ist ein müdes Arschrunzeln.

Die intellektuelle Ratlosigkeit beider Formate ist daher erschreckend. Ihre vermeintlich kritische Haltung gegenüber den Zuständen im herrschenden Polit- und Wirtschaftssystem ist nichts als Augenwischerei.

Angesichts seiner „Alternativlosigkeit“, bleibt jede Kritik, jeder Protest, jede Demonstration ohne Konsequenzen. Folglich bieten beide Formate nichts, aber auch gar nichts an, was auf eine geistige Entwicklung der „Helden“ schließen könnte. In der Art und Weise, wie die Geschichten erzählt werden, gibt es für die Protagonisten nur zwei Verhaltensmuster, entweder mitmachen oder den Rückzug ins Private, verbunden mit der Hoffnung, dass man nicht doch irgendwann wieder „gebraucht“ wird, denn dann ist es mit der Ruhe schnell vorbei.
In beiden Serien sind die Protagonisten vereinzelte Menschen ohne ein Empfinden von Solidarität und Gemeinschaft, welches über die eigene Familie hinausgeht. Jede Form gesellschaftlichen Miteinanders wird bewusst verneint. Das ist kapitalistische Ideologie in Reinform. Ziel erreicht.

Man könnte den „Helden“ zugute halten, dass sie Opfer wären. Leider sind es nicht.
Sie haben sich bewusst für den Job entschieden und sind deshalb hochtrainierte Volltrottel, indoktrinierte Befehlsempfänger, die gehorchen. Wenn sie dies einmal nicht tun, dann nur weil sie selbst auf die Abschussliste geraten und sich – und ihre Familien – retten müssen. Die Serienmacher reduzieren ihre Protagonisten zu banalen Funktionsautomaten: Töten, Schützen, Lieben, werden von ihnen beinahe automatisiert ausgeübt, so wie es die biologische „Programmierung“ des Homo sapiens erfordert. Die Protagonisten denken nur in vorgegebenen Rahmen. Damit sind sie genau die richtigen „Helden“ für unsere ohnmächtigen Zeiten. Aus seriellen Gründen können diese armen Schweine weder geistig reifen, noch vom Gnadentod erlöst werden. Sie sind daher verurteilt, ihre grausamen Untaten durch liebevollen Umgang mit ihren Kleinen ungeschehen zu machen. Der Gipfel des Zynismus.

Die miesesten Übeltäter sind in beiden Serien, die Verräter in den eigenen Reihen. Diese werden dafür, teilweise zumindest, von den „Helden“ bestraft, womit der Genugtuung für den Zuschauer genüge getan ist. In der Realität werden treue Systemplayer bekanntlich befördert. In der Fiktion, wehrt sich der ohnmächtige Einzelne erfolgreich. In der Wirklichkeit jedoch, geht der ohnmächtige Einzelne ohnmächtig einzeln unter, was jeder von uns weiß, aber lieber verdrängt.

Jetzt kann ich die Haltung einnehmen, eine ordentlich gemachte, spannende Zustandsbeschreibung der Welt ist mir allemal lieber als deutsches Entertainment. Das ist zwar nicht falsch, dennoch unzureichend. Auch wenn ein Thriller nicht der Aufklärung verpflichtet ist, so ist er seinen Figuren und seiner Story verpflichtet. Handeln hat Konsequenzen, diese zu einem Pseudo-Happy-End zu verbiegen, ist vielleicht gut für die Quote aber schlecht fürs Storytelling. Ein Thriller, der nicht konsequent bis zu seiner schlimmstmöglichen Wendung erzählt wird, taugt nichts. Ganz einfach.

Aber was soll’s?
Algorithmen interessieren sich für das, was bei den Massen ankommt. Darum werden die um Vorherrschaft buhlenden Konzerne mehr von diesem geistlos-verlogenen Schrott produzieren, der natürlich weiterhin nebenbei konsumiert wird. Systembestätigendes Fastfood eben. Die Algorithmen registrieren, was wir wann wo wie streamen, nicht ob und was wir dabei denken. Das interessiert nur wirklich niemanden. Wer konsumiert, denkt nicht. Streamen, Leute! Jeder Nutzer zählt.

MiC, 29.10.18