Martin Compart


Surfin’ Saigon – Interview mit r.evolver by Martin Compart
17. November 2019, 1:17 pm
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r.evolver strikes again! Zehn Jahre nach dem legendären Pulp-Abenteuer „The Nazi Island Mystery“ und sechs Jahre nach der Fortsetzung „Pol Pot Polka“ ist endlich der letzte Teil der Trilogie um die Kult-Agentin Kay Blanchard erschienen. In „Surfin’ Saigon“ zieht Autor r.evolver alle Register trashiger Spannungsliteratur …

In Wien nennt man Dich augenzwinkernd den John Le Carré des Trash. Deine Geschichten erinnern auch an eine Mischung aus Peter O’Donnells Modesty Blaise und Jean-Claude Forests Barbarella. Wo steht denn nun die literarische Wiege der Kay Blanchard?

Lustigerweise ganz wo anders. Wer meine Plots kennt, weiß, dass der Bogen stets von einem Whodunit-Rätsel getragen wird und das kommt ja aus der Agatha Christie-Richtung. Wobei Kay Blanchard natürlich nichts mit Miss Marple am Hut hat. Eher schon was mit Sandra King. Allerdings gewährt uns Kay viel mehr intime Einblicke. Im Gegensatz zu ihrer Kollegin vom BIA konsumiert Kay Drogen und lebt ihre Sexualität exzessiv aus – eine Vorliebe, die sie mit Barbarella teilt. Allerdings geht es bei Kay Blanchard in der Horizontalen letaler zu – ihre Liebhaber ereilt häufig ein trauriges Schicksal.

Und sie weint ihnen trotzdem keine Träne nach …

Stimmt. Das liegt wohl daran, dass Kay ihre eiskalte Professionalität und ihren Pragmatismus von Modesty Blaise geerbt hat. Nur ist sie eben keine Privatière, sondern als MI6-Agentin eine Beamtin der Krone. Darüber hinaus ist Kay reflektierter und neigt, zur Freude des Publikums, durchaus zu selbstironischen Betrachtungen. Eine Eigenschaft, die sie bis zu einem gewissen Grad mit ihrem Kollegen 007 teilt. Obwohl sie als Superfrau öfter an ihre Grenzen stößt als Commander Bond. Das macht sie aber auch um einiges glaubwürdiger. Kay gerät ständig in brandgefährlich-irrwitzige Situationen, aus denen sie meist durch noch irrwitzigere Strategien oder verrückte Zufälle wieder herausfindet. Und da sind wir jetzt bei der TV-Figur Emma Peel – ich erinnere hier im Speziellen an die Ermittlungen im Hellfire-Club. Mrs. Peel ist – nicht nur wegen ihres hautengen Lederanzugs – ebenfalls eine Patin von Kay Blanchard. Ich würde sagen, Kays Abenteuer sind ein Genre-Mix aus Agenten-, Abenteuer- und Detektivroman, gewürzt mit einer deftigen Brise (Fetisch)Sex und Absurdität.

Eines ihrer Sexabenteuer sorgt in „Pol Pot Polka“ dafür, dass Kay unverhofft schwanger wird. In „Surfin’ Saigon“ hat sie das Kind zur Welt gebracht. Wie lässt sich Kays Mutterschaft mit ihren Eskapaden vereinbaren? Oder ist sie am Ende brav geworden?

Ganz und gar nicht. Gleich zu Beginn wird Kays Spross Ruby ja entführt. Und wer Agentin Blanchard kennt, weiß, dass Sie die Entführer ihrer Tochter bis ans Ende der Welt jagen, dort stellen und am Ende kein Erbarmen mit ihnen haben wird. Im Zuge der nervenaufreibend-mörderischen Suche geht sich natürlich auch die eine oder andere Dosis Amphetamin aus und – trotz aller Sorge – auch hormoneller Ausgleich in gewohnt verrückten Settings.

Ein gutes Stichwort. Kay Blanchard operiert ja in einem schrägen Paralleluniversum. Ist Dir unsere Welt nicht verrückt genug?

Das möchte man angesichts von „Pop-Dschihad“, dem derzeitigen US-Präsidenten (erinnert der nur mich an den präsidialen Hohepriester in „Frankensteins Todesrennen“?) und immer exzessiverem Individualismus meinen. Als ich 1999 das erste Abenteuer von Kay in der österreichischen Netzzeitschrift EVOLVER veröffentlichte, waren diese Entwicklungen noch nicht abzusehen. Damals genügte es noch, Nazis, Werwölfe und Außerirdische in ein klassisches Sex & Crime-Szenario einzuflechten, um aus dem Rahmen zu fallen. Tatsächlich muss ich mir dieser Tage mein Gehirn immer intensiver zermartern, um eine Welt zu erfinden, die unsere Realität noch toppen kann. Wenn es in dem Tempo weitergeht, werden das Vierte Reich und die NSDAP 2.0 in absehbarer Zeit traurige Wirklichkeit sein. Nur leider wird es keine englische Superagentin geben, die dagegen ankämpft …

Die ersten beiden Abenteuer deiner Heldin sind einst als Print-Titel beim Wiener Indie EVOLVER BOOKS-erschienen. Den gibt es nicht mehr. Wo habt ihr Zwei eine neue Heimat gefunden?

Peter Hiess hat seinen Verlag 2017 dichtgemacht. Und das aus Gründen, die nur ihn etwas angehen. Obwohl ich seine Motive nachvollziehen konnte (und noch immer kann), war es damals natürlich ein Schock für mich, gemeinsam mit meiner Heldin, plötzlich „obdachlos“ zu sein. Noch mehr geärgert hat mich das alles, weil mir Peter jahrelang in den Ohren lag, endlich den abschließenden dritten Teil zu schreiben und ich immer irgendwelche Ausreden parat hatte, warum das grad nicht möglich war. Dann, als ich endlich das Exposé fertig hatte, war Schluss und ich stand ohne Verlag da. Weil ich in dieser ohnehin schon schwierigen Situation nicht auch noch Klinken putzen wollte, beschloss ich, den Release meiner Kay-Bücher selbst in die Hand zu nehmen. Peter Hiess überließ mir freundlicherweise die Namensrechte an der ehemaligen Evolver Books-Heftreihe SUPER PULP. Die stand dann Ende 2018 Pate für meine neue „Edition SUPER PULP“. Unter dieser Flagge habe ich „Surfin’ Saigon“ und die beiden Vorgänger neu veröffentlicht.

Seit dem vorletzten Kay-Teil „Pol Pot Polka“ sind knapp sechs Jahre vergangen. Am Ende von „Surfin’ Saigon“ kündigst du den Beginn eines neuen Zyklus an. Wie lange müssen wir auf das nächste Abenteuer warten?

Ich hoffe inständig, dass es nicht mehr so lange dauert. Zumindest habe ich mir das fest vorgenommen. Übrigens: Bevor ich den neuen Zyklus mit dem Titel „Mission Europa“ angehe, wird noch das Kay-Prequel „Beirut Boogie“ herauskommen – das erste Abenteuer meiner Heldin, wo sie als Studentin vom Secret Service „entdeckt“ wird. Die Geschichte ist seit Jahren fertig und muss nur noch einmal überarbeitet werden. Eine kleine Kostprobe daraus wurde ja schon zu EVOLVER BOOKS-Zeiten in der ersten SUPER PULP-Ausgabe abgedruckt.

Apropos, neben deiner Autorentätigkeit firmierst du im Rahmen deiner Edition auch als Herausgeber der gleichnamigen, periodisch erscheinenden Anthologie-Reihe (SUPER PULP), wo du neben bekannten „phantastischen“ Gesichtern auch neue Genre-Autoren präsentierst. Die Spatzen pfeifen von den Dächern, dass ein honoriger Verlag auf das Vehikel aufgesprungen ist …

Da pfeifen die Spatzen das richtige Lied. Tatsächlich erscheint meine Edition ab Frühjahr 2020 als Imprint im Blitz-Verlag, der vorerst aber nur die Anthologie-Reihe herausbringt. Bei meinen Kay-Sachen bin ich sehr heikel und eigensinnig. Vor Jahren war geplant, die ersten beiden Abenteuer als Hörbücher bei einem einschlägig bekannten Verlag herauszubringen. Schweren Herzens habe ich damals die Einwilligung gegeben, bestimmte Passagen zu entschärfen und dann ist die Veröffentlichung erst recht an der Frage einer möglichen Indizierung gescheitert. Man verstehe mich bitte nicht falsch: Ich hab dafür Verständnis und bin keinesfalls jemandem Böse. Aber ich möchte hier in Zukunft nicht einmal einen Punkt oder ein Komma argumentieren müssen. Kay ist wie sie ist: Brutal, goschert (wie wir Ösis sagen), kompromisslos, sexy – und genauso soll sie auch bleiben. Wenn das bedeutet, dass ich ihre Adventuren auch in Zukunft unabhängig herausbringen muss, werd ich das mit Freuden tun. Andernfalls liefe ich sowieso Gefahr, dass Kay mir mit ihrem Stilett den Garaus macht …

Kay Blanchard bei der Edition SUPER PULP: http://www.super-pulp.com
r.evolver im Netz: http://www.facebook.com/revolverswelt



Interview zu LEMMINGE IM PALAST DER GIER by Martin Compart

LEMMINGE IM PALAST DER GIER – Fragen an Compart

Rezensionsexemplare über michael.contre@zerberus-book.de



FANAL – Interview mit Michael Contre by Martin Compart
7. November 2019, 9:37 am
Filed under: Interview, Michael Contre, Politik & Geschichte | Schlagwörter: , , ,

Worum geht es in FANAL ?

Vordergründig um einen ehemaligen V-Mann, der bei einem Abstecher nach Deutschland, den er gezwungener Maßen unternimmt, um Geld aufzutreiben, von ehemaligen Staatsschützern und Geheimdienstlern genötigt wird, erneut seinem alten Handwerk nachzugehen, das er in den 80er – 90er Jahren bereits für den Staatsschutz ausgeübt hatte. Mich interessiert diese Grauzone von Obrigkeit, sei es Staatsschutz oder Polizei, und Verbrechen, ob politisch angetrieben oder rein kriminell, d.h. materialistisch motiviert.

Vor ewigen Jahren hatte ich intensiven Kontakt zu einem Verdeckten Ermittler, die Gespräche haben mich dahingehend sensibilisiert, genauer hinzuschauen. In FANAL setzte ich mich aus der Perspektive unterschiedlichster Charaktere mit dieser Grauzone auseinander.

Wie kam die Idee zustande?

Der konkrete Aufhänger war die Occupy-Bewegung 2011-2012. Ich war im Vorfeld des arabischen Frühlings zufällig in Ägypten gewesen und hatte hautnah die Spannungen erlebt, die dort auf der Straße für jeden Beobachter erkennbar waren. Als es dann in Tunis losging und wie ein Lauffeuer durch den Nordafrika und den Nahen Osten wanderte, entstand überall eine revolutionäre Stimmung, die dann einige Monate später unter völlig anderen Vorzeichen und Themen in den USA zur Occupy-Movement führte. Dann gingen in Deutschland die Menschen gegen die Politik der Banken, gegen die Auswüchse des Finanzkapitalismus auf die Straße. Eine Entwicklung, die seit Seattle 1999 immer mehr an Zulauf gewann und dem Staatsschutz Sorge macht.

Ich erinnere nur an Heiligendamm oder den G20-Gipfel in Hamburg 2017. Am Beispiel unseren bürgerlichen Medien konnte man 2011/12 sehr gut studieren, wie die Occupy-Bewegung im Laufe der Zeit schrittweise abserviert wurde. Totgelabert von den ewig gleichen Dummschwallern.

Für einen Roman muss man ja zuspitzen, also stellte ich mir die Frage: Was ist, wenn die gleichen Leute, die zwanzig Jahre früher den RAF-Terrorismus unterwanderten und an Straftaten beteiligt waren, nun ihre Chance erkennen, um wieder ins Geschäft zukommen? Damit war zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart ein unmittelbarer Zusammenhang hergestellt und konnte mich mit dem Thema Staat und Terrorismus viel breiter und grundsätzlicher auseinandersetzen.

Wieso ausgerechnet das Thema?

Die Baader/Meinhof-Bande oder Rote-Armee-Fraktion, hat mich 28 Jahre lang immer wieder beschäftigt. Sie begleiteten sozusagen meine Kindheit und Jugend. Die Fahndungsplakate hingen bei uns im Dorf in der Post und allen anderen öffentliche Gebäuden aus. Die Verhaftung von Baader und Meins wurde in der Tagesschau gezeigt. Zwei ausgemergelte Kerle in Unterhosen, die von mehreren uniformierten Polizisten festgehalten wurden. Eine Vorführung für die Bevölkerung zur besten Sendezeit.

Die Endphase des Deutschen Herbst 1977 habe ich im Schullandheim miterlebt, das war wochenlang Thema und dann schließlich die Morde an Herrhausen und Rohwedder, da war ich gerade ins Berufsleben eingestiegen. Seltsam wie erleichtert ich mich fühlte, als der Gewaltverzicht bekanntgegeben wurde und dann später die Selbstauflösung. Als wurde von klein auf im Unterbewusstsein verankert: auch du bist in Gefahr. Was natürlich Blödsinn war, aber schon zeigt, wie die öffentliche Berichterstattung auf die Psyche eines Kindes einwirkt. Offensichtlich musste das aufgearbeitet werden.

Wie stehst du persönlich zu Terrorismus im Allgemeinen und zur Roten Armee Fraktion im Besonderen?

Terrorismus ist Strategie und Taktik, von Schwächeren gegenüber einer Übermacht angewendet. Die ersten Terroristen der Neuzeit waren die Anarchisten ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, die sich gegen das Unrecht und die Gewalt der Obrigkeit zur Wehr setzten und Verantwortliche wie unschuldige Menschen erschossen oder wegbombten. Die Wurzeln liegen im Klassenkampf. Wir haben zum einen ein legitimes Anliegen, das Einforderung von Rechten und dem Kampf gegen Ausbeutung, zum anderen eine Waffenwahl, die jeden diskreditiert, der zur ihr greift, und sofort gegen die gute Sache verwendet wird. Diese Form von Terror lehne ich strikt ab.

Es gibt für mich aber eine klare Trennung zwischen Terrorismus gegen Systemvertreter oder die Zivilbevölkerung in einem freien Land und Guerillawiderstand, Freiheitskampf, wie im besetzten Frankreich gegen die Nazi-Okkupation stattfand oder später in Cuba und Algerien. Ich finde den zivilen Ungehorsam, wie Martin Luther King und Mahatma Gandhi ihn betrieben, oder heute Extinction Rebellion ihn betreibt, legitim und probat. Außerdem führte er nachweislich zu Veränderungen, weil er die Bevölkerung nicht entfremdet. Die entscheidende Frage ist also, wie schaffe ich es, die Mehrheit der Bevölkerung zu überzeugen, um wirklich notwendige Veränderungen herbeizuführen? Die parlamentarische Demokratie ist schwer imstande, sich grundsätzlich und konsequent zu verändern, wenn sie nicht von großen Bewegungen, wie der Friedensbewegung oder der Anti-Atomkraftbewegung dazu gezwungen wird.

Zur RAF im Besonderen. Die Gedanken dazu habe ich im Roman, aus Sicht der Charaktere dargelegt, weitere Überlegungen sind im Zusatzmaterial skizziert. Darum möchte ich den Fokus deiner Frage auf die Personen legen, die in Westdeutschland in den 1970er – 1980er Jahren in den terroristischen Untergrund gingen. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass man die Gedanken eines Philosophen nicht von seiner Psyche und seiner Sozialisation trennen kann. Man könnte auch sagen, es ist der Charakter, der die Gedanken färbt. Das trifft für mich durchaus auf die RAF-Mitglieder zu. Wobei hier wohl zwischen den sogenannten Generationen unterschieden werden muss. Bei Baader, Meinhof und Co. glaube ich eine starke Traumatisierung in der Kindheit zu erkennen, die ihre Radikalität befördert hat. Die zweite und dritte Generation bestand mehrheitlich aus Leuten mit einem hohen Ungerechtigkeitsempfinden, die sich aus dem Umfeld der Sympathisanten rekrutierten. Da war die Entscheidung eine viel überlegtere, könnte ich mir vorstellen.

Der Schritt in den Untergrund verlangt neben starker politischer Überzeugung, Willen und Mut, es braucht viel Kraft, isoliert, als Gejagter zu leben, vor allem, wenn man es über Jahre durchhalten will oder muss, im Bewusstsein, dass die Familie, die alten Freunde usw. alle beobachtet werden und ständig versucht wird, V-Leute an einen heranzuspielen usw. Da reicht Abenteuerlust meiner Meinung nach nicht sehr weit. Natürlich gab es auch Außenseiter-Typen, die sich über das Anti-Gesellschaftselement in dieser Gruppe definierten, aber irgendwann beschäftigt man sich damit, aus dem Untergrund zurückzukehren – Grams und Hogefeld scheinen Überlegungen in diese Richtung gehabt zu haben – nur wie soll das dann gehen?

Mit dem Leben im Untergrund verhält es sich meiner Meinung nach ähnlich wie mit Soldaten im Kampf. Das ganze Gelaber von Vaterland, Demokratie und Freiheit verteidigen, verflüchtigt sich und die kämpfen dann nur noch für die Kameraden gegen die Feinde, die einen töten wollen, genau wie man sie selbst auch töten will. Ich kann mir gut vorstellen, dass man im Untergrund auch ganz schnell in einer vereinfachten Freund-Feind-Welt lebt und die ganzen politischen Motive und Ziele etwas in den Hintergrund treten. Wer von aller Welt gejagt wird und sein Gesicht auf Fahndungsplakaten im ganzen Land wiederfindet, dessen Fokus ist es, unerkannt zu bleiben und zu überleben. Man lebt irgendwann nur für den nächsten Tag.
Karlheinz Dellwo ist in dieser Hinsicht ja sehr offen, auch wenn das, was er sagt, für mich immer noch der Versuch ist, die Sinnlosigkeit des eigenen Handelns nicht zuzugeben. Er ist stark bemüht den Verständniskontext herzustellen, aus dem heraus er seine damalig Entscheidung getroffen hat. Dies kann ich sehr gut nachvollziehen, die Typen, die er kennen gelernt hat, gab es in meiner Kindheit zuhauf. Vielleicht ist aber das rationale Begründen nicht anderes als die Rechtfertigung eines irrationalen Impulses der dich zwingt etwas zu tun und du erkennst es erst, wenn du es getan hast. Das sogenannte RAF-Trio ist hier schon eine echte Besonderheit, die leben seit bald vierzig Jahren im Untergrund. Mit denen würde ich mich gerne darüber unterhalten, vielleicht ist es ja auch alles Quatsch was ich sage und die Wahrheit ein ganz andere.

Wie kam der Titel zustande?

Ich wollte einen einprägsamen Titel, der nicht so geläufig ist, zugleich aber auf mehreren Ebenen funktioniert. Fanal bedeutet ursprünglich Leuchtzeichen, Fackel, diente beim Militär als weithin erkennbares Feuer/Rauchsignal, es bezeichnete das Licht in einem Leuchtturm und wird heute mit einem folgenschweren Ereignis assoziiert im Positiven wie im Negativen. Passt genau.

Es gibt keine positiven Charaktere. Warum nicht?

Was heißt denn schon positiv? Ich hoffe sie sind menschliche Charaktere, mit all ihren Sehnsüchten, Wünschen, Widersprüchen. „Nicht wir verändern uns, es ist das Leben, das uns verändert“, um Jean-Pierre Melville zu zitieren. Genau das ist mit allen Charakteren geschehen.

Du kategorisierst das Buch als Noir und nicht als Thriller.

Noir beschreibt es treffender. Ich folge hier Manchette, der sagt, die vorherrschende Weltordnung ist schlecht. Der Roman noir, verkürzt Noir, trägt dem Rechnung. Thriller sind für mich immer irgendwie von einer Obrigkeitsordnung geprägt, die für die Rettung verantwortlich ist und am Ende diese Ordnung zumindest teilweise wieder herstellt. Das sollen andere schreiben.

FANAL



MIT FEDER UND DRACHEN – Interview mit Günther Butkus von PENDRAGON by Martin Compart

Von PENDRAGON als Kleinverlag zu reden, scheint ähnlich falsch wie bei der EDITION TIAMAT. Schließlich existiert PENDRAGON seit Jahrzehnten und hat über 600 Titel herausgegeben. Und nicht nur Kriminalliteratur. So veröffentlichte der Verlag eine 7-bändige Edition des von Jörg Fauser geschätzten Autors Hans Herbst. Und auch der Pionier der bundesrepublikanischen Arbeiterliteratur Max von der Grün wurde mit einer 10-bändigen Werkausgabe gewürdigt.

Aber hier geht es natürlich um die Kriminalliteratur, die der leidenschaftliche Verleger Günther Butkus seit Anfang des neuen Jahrhunderts intensiv ausgebaut hat. Schwerpunkte bilden deutsche Autoren und amerikanische, darunter moderne Klassiker wie James Lee Burke und Robert B.Parker. Wie viele Crime-Afficionados, begeistert auch er sich für Lyrik, was sich vor allem in Gedichtbänden äußert.

Wer ist Günther Butkus?

Geboren 1958, Kind eines Maurers, selber aber überhaupt kein Handwerker, Hauptschule, Mittlere Reife nachgeholt, Erzieherausbildung, Abi nachgeholt, etwas studiert, viel gejobbt, auch in der Zeit, als ich den Verlag aufgebaut habe, den ich 1981 gegründet habe.

Was war die Initialzündung für die Neigung zur Kriminalliteratur?

Mein Vater hat viel Jerry Cotton und Edgar Wallace gelesen. Die Hefte habe ich mir gekrallt und sie verschlungen. Passend dazu gab es im Fernsehen die aus heutiger Sicht etwas kruden Edgar Wallace-Verfilmungen. Aber so wurde meine Neigung für das Verbrechen, für die Spannungsliteratur, geweckt. Aber auch viele Krimi-TV-Serien haben mein Interesse geweckt und meinen Blick geschärft.

Wie kam es zum Verlag und wie entwickelte er sich?

Angefangen hatte es im Frühjahr 1981 und im Oktober 1981 habe ich den Verlag gründet. Ich hatte weder eine Ausbildung gemacht, noch in einer Buchhandlung, einer Auslieferung oder gar in einem Verlag gearbeitet. Es war der berüchtigte Sprung ins kalte Wasser. Und natürlich habe ich Fehler gemacht, musste oftmals wochenlang Akkord in Fabriken jobben, um Rechnung und Schulden zu begleichen, aber ich habe nie darüber nachgedacht aufzuhören, ich wollte es immer schaffen, wollte es immer noch besser machen und daran hat sich seitdem auch nicht geändert. Mein nächstes großes Ziel ist das 40jährige Bestehen des Verlages in 2021 zu feiern!

Probleme und Erfolge?

Erfolge gab es zum Glück immer wieder, sei es der Kriminalroman “Wer das Schweigen bricht” von Mechtild Borrmann, für den die Autoren mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet wurde. Ebenso übrigens D.B. Blettenberg für “Berlin Fidschitown”. Und besonders auch international war “Kolbe” von Andreas Kollender ein großer Erfolg.
Pendragon verlegt aber nur maximal 12 Titel im Jahr, die eine erkennbare Handschrift tragen sollen. Ein roter Faden also und kein Gemischtwarenladen. Nur garantiert Beschränkung per se keinen Erfolg. Es müssen so viele Faktoren zusammenkommen, bis ein Buch erfolgreich wird. Und jeder, der mal an einem Buch mitgearbeitet hat, weiß, wie viel Arbeit, wie viel Zeit, wie viel Herzblut , wie viel Geld in jedem einzelnen Buch steckt. Überhaupt aus den Miesen heraus zu kommen ist ein großes Problem. So sind viele engagierte Verlage finanziell ständig unversorgt, ein ständiger finanzieller Eiertanz, mit ständiger Selbstausbeutung.

Wie stellt sich für Sie der aktuelle Markt da?

Der Markt ist ein Dschungel, in dem es unten, wo sich die meisten Bücher und Autoren tummeln, sehr dunkel ist. Alle streben zum Licht, alle Bücher wollen entdeckt, wollen in die Hand genommen, wollen gelesen werden, aber nur ganz wenigen Büchern gelingt es. Es genügt nicht wirklich, gute Bücher zu verlegen, es genügt auch nicht, alles dafür zu tun, es gibt so viele Hindernisse, so viele Erschwernisse, wenn es klappt, schmeckt der Erfolg süß, wenn es nicht klappt, spricht keiner darüber… Dabei spreche ich hier nur von dem “regulären” Buchmarkt, von der Alten Welt. In der Neuen Welt gibt es Amazon, gibt es Self Publisher, gibt es unzählige, auch sehr erfolgreiche Titel, die nicht über den normalen Buchhandel verkauft werden. Jeder Euro, der in der Neuen Welt ausgegeben wird, fehlt der Alten Welt. Den Buchmarkt gibt es so nicht mehr…

Wie positioniert sich darin Pendragon?

Wir haben uns auf deutschsprachige und US-amerikanische Autoren festgelegt. Vorrangig Krimis, aber auch Romane, wobei das aber keine Unterscheidung ist, die wirklich sinnvoll ist. Ein roter Faden sind, insbesondere bei den deutschen Autoren, die Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Geschichte.

Es ist heikel, einen Verleger nach einem aktuellen Lieblingsbuch aus dem eigenen Verlag zu fragen, denn das heißt ja, alle anderen weniger lieb zu haben. Deshalb alternativ die Frage nach einer aktuellen Buchempfehlung aus einem anderen Verlag. Auf welchen Titel haben Sie sich besonders gefreut oder mit Spannung erwartet?

Die Bücher, mit denen ich mich in den letzten Wochen und Monaten beschäftigt habe, sind es, die mir gerade besonders am Herzen liegen, was kein anderes Buch meiner Autoren schlechter macht und doch sind es die gerade die aktuellen Titel, die im Herbst 2019 erscheinen werden. Von Kerstin Ehmer erscheint mit “Die schwarze Fee” der Nachfolger von “Der weiße Affe”. Marina Heib lädt uns mit “Die Stille vor dem Sturm” zu einem Segeltörn ein, bei dem jeder der Teilnehmer weiß, mich kann es als Nächstes erwischen, aber niemand ahnt, wer der oder die Täter sind. Und dann natürlich der großartige James Lee Burke, von dem als deutsche Erstausgabe “Mein Name ist Robicheaux” erscheinen wird.


http://www.pendragon.de/



Interview mit Michael Contre zu DESPERADO by Martin Compart

DESPERADO

Angesichts des Erscheinens von DESPERADO traf ich mich mit dem Autor Michael Contre (natürlich ein Pseudonym) stilgerecht in einer der kleinen Hafenkneipen mit Pension in Antwerpen. Hier wurden 1964 viele Söldner für den Kongo rekrutiert. Der richtige Ort für Pastis und ein Gespräch über sein Buch, das den afrikanischen Weltkrieg reflektiert.

Warum ausgerechnet der Kongo, das interessiert doch niemanden?

Mich empört die unerträgliche Situation in Kivu (das stellvertretend für alle rohstoffreichen Regionen steht), trotz politischer Instabilität und mörderischer Zustände ist der Ostkongo perfekt in das globale Wirtschaftssystem integriert. Die Tyrannei des Marktes dominiert alles und jeden und darum ändert sich auch nichts, solange sich das System nicht ändert. Von dessen Alternativlosigkeit heute inzwischen jeder überzeugt zu sein scheint, sofern er oder sie überhaupt darüber nachdenken.

Und der Held der Geschichte, denkt er darüber nach?

Gezwungenermaßen. Den Begriff „Held“ finde ich übrigens unpassend, er wird inflationär verwendet und dazu noch falsch. Helden opfern sich für andere und müssen zwangsläufig sterben. Der Protagonist, der Mann, der sich Roland Burget nennt, ist kein Held, sondern ein enttäuschter Revolutionär, der zu einem abgebrannten Abenteurer verkommen ist und nach Nord-Kivu geht, um endlich ans große Geld zu gelangen. Was er dort erlebt, konfrontiert ihn mit seinen längst verloren geglaubten Idealen und stürzt ihn in eine tiefe existenzielle und existenzialistische Krise. Das will er natürlich nicht wahrhaben. Er will wie jeder von uns sein unbedeutendes Scheißleben behalten.

Der Mann, der sich Roland Burget nennt? Er heißt nicht so?

Roland Burget ist ein „Kampfname“, wenn Du so willst, eine falsche Identität, nicht unüblich bei Söldnern und Glücksrittern seiner Art.

Was sind seine persönlichen Gründe?

Er hat sich in seiner Jugend für die falschen Ziele engagiert und musste seine Heimat verlassen.

Und weiter?

Nichts weiter.

Warum nennt er sich ausgerechnet Roland Burget?

Weil Namen zum Charakter passen müssen. Wir leben in einem Zeitalter, wo einerseits jeder glaubt, sich neu erfinden zu können – Persönlichkeit als Eigenschöpfung und etwas bewußt Veränderbares proklamiert wird – und andererseits der Name als Marke fungiert, unter der sich der Einzelne „vermarktet“. Der Wert einer Ware ist allein abhängig von ihrem Vermarktungspotenzial. Damit hat der Mensch, genau wie alles Leben an sich keinen Wert mehr. Willkommen in der Gesellschaft des Spektakels 3.0.

Was ist mit Deinem Pseudonym?

Ich halte es mit Jean-Pierre Melville, der sagte, jeder hat das Recht seinen eigenen Namen zu wählen, und beziehe mich auf B. Traven, sinngemäß: es zählt das Werk und nicht der Autor. Für Burget hingegen ist die Anonymität ein Muss, ihm bleibt nichts anderes übrig.

Burget hat sich demnach strafbar gemacht?

Was heißt strafbar? Burget hielt die gesellschaftlichen Zustände für inakzeptabel und wollte sie verändern.

Was wollte er denn ändern?

Keine Atomkraftwerke, die Ausbeutung und die Umweltzerstörung stoppen. Hat nicht geklappt.

Jetzt ist er genauso korrumpiert wie alle?

Darunter leidet er, was ihn von vielen zynischen Zeitgenossen wohltuend unterscheidet.

Was erwartet den Leser bei DESPERADO?

Ein Höllenritt, wie Arthur Simpson gesagt hat. Eine schonungslose Abenteuerreise durch Nord-Kivu und Ruanda mit ungewissem Ausgang und hoffentlich einer Menge Spaß.

Ausgerechnet Spaß?

Wer angesichts der Absurdität unseres Daseins nicht lachen kann, ist in der Hölle der eigenen Gedanken gefangen. Einer meiner Lieblingssätze stammt von Rafael Sabatini: „He was born with the gift of laughter and a sense that the world is mad.“ Frei übersetzt: Er war mit der Gabe des Lachens geboren und der Erkenntnis, dass die Welt verrückt ist. Wo gibt es heute noch solche Charaktere?

In welcher literarischen Tradition siehst Du Dich?

Des Roman noir und dem Absurden? Keine Ahnung. Geschichten sind für mich Metaphern fürs Leben, der Versuch, die Welt zu verstehen und Stellung zu beziehen. Jedenfalls gefällt mir die Aussage von John Ralston Saul sehr gut: „Autoren sind dann am besten, wenn sie Terroristen sind, soziale Terroristen, manchmal politische Terroristen und Terroristen des Herzens.“ Über die ersten beiden literarischen Formen des Terrors bin ich mir klar, die dritte deute ich für mich als das große Hadern mit der Welt, die Unvereinbarkeit von „rational etwas nachvollziehen zu können“, es aber „emotional einfach nicht akzeptieren zu wollen“. Ist das die Tradition der Aufklärung oder der Rebellion?

Welche Autoren haben Dich am stärksten beeindruckt? Und welche – glaubst Du – am meisten beeinflusst?

Beeindruckt haben mich eine ganze Menge. Manche nur mit einzelnen Sätzen oder bestimmten Momenten. Mein erstes literarisches Aha-Erlebnis war For Whom the bell tolls von Hemingway. Der beschrieb ein Gefühl, das exakt meinem eigenen Empfinden entsprach. Das war nichts Besonderes, nur sehr fein beobachtet, ein kleines Gefühl am viel zu frühen Morgen. Ich war der Meinung, das hat Ernest nur für mich geschrieben. Am meisten beeinflusst haben mich sicherlich Dashiell Hammett, Albert Camus und Jean-Patrick Manchette. Vor allem Manchette als Autor, Theoretiker und politischer Mensch. Raymond Chandler und Chris Hedges möchte ich hier auch nennen. Handwerklich begeistern mich Richard Stark und Elmore Leonard. Es gibt noch viele mehr, wie F. Scott Fitzgerald, B. Traven, Kurt Tucholski, der eine großartige Eloge auf Traven geschrieben hat. Und dann ist da noch David Milch, der war lange Zeit mein absoluter Schreibguru, durch ihn habe ich ganz zentrale Dinge begriffen.

Hast Du ein weiteres Buch in der Pipeline?

Desperado hat einen Folgeband, der im nächsten Jahr, 2020, kommen wird. Vorher erscheint der erste Band eine neuen Actionthriller-Serie mit einem Typen, der sich für dreckige Jobs gegen Bares anheuern lässt, dessen persönlicher Code aber zwangsläufig mit seinen Auftraggebern kollidiert. Ich mag Leute, die gegen den Strudel, der sie gnadenlos hinunterzieht ankämpfen.

Das Gespräch war beendet. Die Chimären alter Söldner und Katanga-Gendarmen hatten sich im Pastis-Nebel verfestigt. Es war an der Zeit, im Bauch der Stadt durch die Nacht zu gehen, in dem sich so viele tummelten, von denen Graham Greene, Céline oder Eric Ambler erzählten …

http://zerberus-book.de/



ARCHÄOLOGE DES BÖSEN: JEAN-CHRISTOPHE GRANGÉ by Martin Compart

Jean-Christoph Grangé schlug ein paar heftige Wunden in den Körper des Noir-Thrillers, die nie mehr heilen werden.

Das mögen manche Leser und Kritiker gar nicht. Ihnen erscheinen Grangés Werke wie von einem Psychopathen geschrieben, dem man ein geschärftes Rasiermesser in die Hände gedrückt hat. Das kann man Leuten, die auf Zimmertemperatur denken und den kleinsten gemeinsamen Nenner des Genres favorisieren, wohl nicht einmal übel nehmen.
Grangés „Spielereien“ mit esoterischen und religiösen Topoi passen nämlich auf den ersten Blick zu keinem Genre, dass sich aus der Aufklärung entwickelt hat (dabei negiert man die romantischen Wurzeln der Kriminalliteratur, die bereits bei Sherlock Holmes sichtbar wurden).

Grangé setzt sich gerne über westliches Schulwissen hinweg und bedient sich bei Themen, die gemeinhin dem Horror-Genre zugeordnet werden.

Wie viele französische Noir-Autoren seiner Generation betreibt Grangé scharfe Kritik am Kolonialismus und Neo-Kolonialismus. Dazu lässt er wissenschaftliche Erkenntnisse unterschiedlicher Disziplinen einfließen und scheut auch nicht vor genannten esoterischen Vorstellungen zurück. Letzteres brachte ihm häufig Kritik ein. Entscheidend erscheinen mir aber die mutigen Versuche, Genregrenzen zu überschreiten, zu sprengen und neues Terrain fruchtbar zu machen.

Seine monströsen Romane strotzen vor blutrünstigem Exotismus und münden meist in orgiastischen Wahn. Sie haben auch immer etwas apokalyptisches, beschwören eine Welt im Verfall mit nur noch geringer zivilisatorischer Sicherheit.

Besonders zwei politische Themenkreise tauchen immer wieder in seinen Romanen auf: die chilenische Militärdiktatur, Pharmazeutik in der Tradition der Nazis und der Kolonialismus in Schwarzafrika. Damit belegt Grangé die historische Weisheit, dass Vergangenheit nie zu Ende ist.

 

Um es mit Mario Praz auszudrücken: Grangé verbindet den „ungestümen Tätigkeitsdrang der Romantik mit der sterilen Kontemplation der Dekadenz“. Dies auch gerne in der Gegensätzlichkeit seiner Protagonisten-Duos (besonders in CHORAL DES TODES), die er auch häufig in einem Vater-Sohn-Verhältnis choreographiert.

Jedenfalls ist er der vielleicht eigenwilligste lebende (Bestseller-)Autor mit der ausgefallensten Phantasie.

Für seine Romane fehlt es an Vergleichbarem.

Manche Bücher mögen für Leser zu durchgeknallt erscheinen, aber uninteressant oder langweilig sind sie nie. Und trotz gelegentlich schwächerer Bücher, hat er sich stilistisch und handwerklich stets gesteigert.

Er ist ein Autor der französischen multikulturellen Gesellschaft. In fast jedem Roman zeigt er die Lebensbedingungen unterschiedlicher Ethnien, die in Frankreich leben oder zu leben versuchen. Er zeigt deren politische und kulturelle Zwänge auf, ohne zu romantisieren. Sein anthropologischer Pessimismus macht politisch unkorrekt nicht davor halt, auch das gierige Vorteilsstreben dieser anderen zu benennen.

Oft sind seine Hauptfiguren zerrüttete Maschinisten in einem System, das zu Chaos, Verbrechen oder Wahnsinn führen muss. „Die Nervenkrankheiten, die Neurosen scheinen tatsächlich in der Seele Spalten zu öffnen, durch die der Geist des Bösen eindringt“ (Huysmans).

Grangé ist besessen vom Bösen, von den Abgründen des Menschen. Bei seinen Reportagen und Reisen rund um die Welt bestätigte sich die Erkenntnis, „dass der Mensch die einzige Spezies ist, die in der Lage ist, zum Vergnügen zu töten.“ Wie ein Archäologe legt Grangé alle Schichten frei, um zum Kern des Bösen vorzudringen.

Sein Lieblingsfilm ist der MARATHON MAN nach William Goldman, der sicherlich großen Einfluss auf sein Werk hatte.
MARATHON MAN ist m.E. der beste aller Thriller. Das Drehbuch ist tadellos, und es basiert auf einer erhabenen Handlung. Die Zahnarzt-Szene ist geradezu archetypisch für den modernen Thriller. Wir sind alle eifersüchtig auf diese Sequenz. Ich habe natürlich auch den Roman gelesen, der ebenso erstaunlich ist.

Als Lieblingsautor nannte er häufig James Ellroy, was vermutlich damit zusammenhängt, dass dieser ähnliche Gruselszenen und Tabubrüche ausführte. Weitere Lieblingsautoren sind Martin Cruz-Smith (der über eine ähnlich breite Themenvielfalt verfügt), Maupassant und natürlich Flaubert.

Geboren wurde Grangé in Boulogne-Billancourt am 15.07.1961.
Er wuchs vaterlos in Paris auf. „Ich habe meinen Vater nie gesehen. Er durfte nicht in meine Nähe. Es hieß, er sei geisteskrank und wolle mich entführen.“ Deswegen vielleicht auch die vielen Vater-Sohn-Konstellationen in seinen Romanen, in denen er seine Nicht-Erfahrungen durchdekliniert.

Sein Lieblingsbuch in der Kindheit war eine Anthologie „15 Geschichten der griechischen Mythologie“; diese Faszination an der Mythologie durchzieht sein Werk bis heute. Bestes Beispiel ist DER URSPRUNG DES BÖSEN (2015 als Sechsteiler von France 2 für das Fernsehen adaptiert).

Er studierte Literaturwissenschaften an der Sorbonne und finanzierte sich teilweise durch kleine Jobs. „Ich schob Einkaufswagen im Supermarkt zusammen. Sehr lehrreich…“ Sein Diplom machte er mit einer Dissertation zu Gustave Flaubert.

Dann begann er als Werbetexter zu arbeiten. Um dieser niedrigsten Form planetarer Existenz zu entkommen, wechselte er in  zu einer Nachrichtenagentur. Später gründete er seine eigene Agentur L&G um als Reisejournalist und mit investigativen Reportagen bedeutende Magazine zu versorgen.
Zu seinen Abnehmern gehören bald Paris Match, Sunday Times, Observer, El Pais, Spiegel und Stern.

Für seine Reportagen reist er rund um die Welt zu Indianern, Eskimos, Pygmäen und begleitete wochenlang die Tuareg. Damit legte er bewusst oder unbewusst Grundlagen für seine späteren Romane. „Jahrelang habe ich einige wirklich verrückte Reportagen gemacht, und dann habe ich irgendwann erkannt, dass ich einiges sehr interessantes Material gesammelt hatte, um daraus Romane zu destillieren.“ Bei einer Reise in die Mongolei bekam er Kontakt zu den dortigen Schamanen, was sich dann in seinem umstrittensten Roman, DER STEINERNE KREIS, niederschlug. Mehrere Reisen nach Afrika schlugen sich mehrfach in seinen Romanen nieder. „Afrika fasziniert mich wie kein anderer Kontinent.

Seine Reportagen wurden mit Preisen ausgezeichnet: den „Prix Reuter“ erhielt er 1991 und im Jahr darauf den „Prix World Press“.

Während der langen Flüge begann er Kriminalromane zu lesen. Er bemerkte, dass das Genre ihn mehr als andere Literaturen anzog. „Ich bin ein Kinofan, mir wurde klar, dass man dank des Thrillers literarisch dieselben Emotionen hervorrufen kann wie in einem guten Film – und das wollte ich.“

Mit FLUG DER STÖRCHE schrieb er seinen ersten Roman, der 1994 veröffentlicht wurde. Noch kein Bestseller, aber ein Achtungserfolg der ihm viel Interesse einbrachte.
„Obwohl STÖRCHE kein wirklicher Erfolg war, entdeckten mich die Filmleute. So erhielt ich gut dotierte Drehbuchangebote. Mein Leben veränderte sich, auch wenn der große Erfolg noch nicht da war. Aber ich galt sowohl in der Film- wie in der Verlagsbranche als heiß.

Der große Erfolg kam vier Jahre später mit DIE PURPURNEN FLÜSSE, der ihn über Nacht bekannt machte und zu einem Weltbestseller wurde.

„Ich hatte das Glück, dass der Film überhaupt gedreht wurde, dass es Mathieu Kassovitz war, der es tat. Der weltweite Erfolg des Films war für mich in vielen Ländern eine treibende Kraft des literarischen Erfolges. Durch den Film, hatte auch der Roman unglaublichen Erfolg, vor allem in Italien und Deutschland. Natürlich hat der Charakter, den Jean Reno gespielt hat, nichts mit dem Charakter zu tun, den ich in meinem Buch porträtiert habe. Aber offen gesagt, um ein Beispiel zu nennen: Maigret. Wenn wir alle Schauspieler sehen, die in allen Filmen gespielt haben, die über Maigret gedreht wurden, sind wir sehr weit von Simenons Maigret entfernt.

Ich bin sehr glücklich mit dem Kino, denn bei jeder Buchveröffentlichung machen mir die Produzenten Angebote zu den Verfilmungsrechten. Es gibt eine klassische Auktion, und in meinem Fall geht das sehr hoch oder so hoch wie in Frankreich möglich. Diese Auktionen sind geradezu fieberhaft, weil jeder Produzent ein Angebot macht, in dem Wissen, dass sein Konkurrent mitbietet.“ Auch international ist er inzwischen gefragt: Hollywood kaufte die Rechte an DAS SCHWARZE BLUT.

Fast jährlich folgen seitdem weitere voluminöser Bestseller und daneben schrieb er auch noch Drehbücher und gelegentlich Comics. Eine beeindruckende Produktivität!
Inzwischen sind seine Romane in über zwanzig Ländern in 14 verschiedenen Sprachen veröffentlicht.

Zeit nahm sich der manische Schreiber damals nur für seine Kinder aus erster Ehe, die inzwischen erwachsen sind. „Ein Schriftsteller ist am Rande des Lebens. Er schafft eine andere imaginäre Welt aus der Realität. Die Absicht des Schreibers ist es, sich selbst zu isolieren.“

Grangé lebt in Paris, wenn er nicht gerade auf Recherche ist. Mit öffentlichen Auftritten hält er sich eher zurück, Er ist Stammgast bei seinem Lieblingsitaliener „Sorrentino“, da er um die Ecke wohnt; dort verabredet er sich gerne für Interviews und gutes Essen. „Weil ich die französische Küche verachte. Zu schwer, zu fett. Ich trinke auch keinen Wein. Lieber Wasser, Tee, Champagner.“

Exzessive Besäufnisse kann er sich bei seinem großen Arbeitsoutput für Buch, Film, Fernsehen und Comic auch nicht leisten. Er ist höchst diszipliniert, steht jeden Morgen um 4.00Uhr auf und unterbricht die Tagesarbeit lediglich für zwei Nickerchen. „Mein Lebenszweck ist Bücher zu schreiben, dem widme ich 80 Prozent meiner Zeit. Den Rest verbringe ich mit meinen beiden Kindern und spiele Piano.

Ein Pensum, wie er es in den letzten zwanzig Jahren abgeliefert hat, ist eben nur mit harter Selbstdisziplin durchzuziehen. „Ich schreibe jeden Tag, nur nicht in der Woche, in der ich Ski fahre. Ich beginne um 4 Uhr morgens, bis 8 Uhr. Dann gehe ich wieder schlafen und greife zwischen 10 und 13 Uhr wieder an. Dann ein Nickerchen und weiter geht´s von 16 Uhr bis zum Abend.“ Dabei hört er gerne Arien aus „Tosca“ und „La Bohème“. „Da kann ich mich herrlich konzentrieren.“

Auch wenn er gelegentlich Cop-Romane oder Thriller mit esoterischen Einschlag schreibt, haben Grangés Romane immer eine politische Dimension. Da kommt der investigative Reisejournalist durch, der viel Leid gesehen hat und zwangsläufig gesellschaftliche Strukturen abbilden musste.

Er beginnt den Romanprozess mit einem besonderen Ereignis, oder einer Idee, denen ein besonderer Sachverhalt zu Grunde liegt. Dann arbeitet er die Handlung bis hin zum Finale aus. Dieses Ereignis oder eine auffällige Besonderheit kann im Roman auch erst am Ende stehen. Wie Mickey Spillane beginnt Grangé häufig den Schreibvorgang mit dem Ende.

Die deutschen Hörbücher sind zwar meistens bestechend produziert, aber so inkompetent gekürzt, dass oft die Handlung nicht mehr nachvollziehbar ist.

„Eine familiäre Hintergrundgeschichte gibt es mehr oder weniger immer in meinen Büchern. Mein Cop oder mein Held ist immer eine Art mythologischer Held, es ist immer Michael gegen den Drachen und der Böse. Ich mag es ein bisschen mythisch zu sein, diesen Odysseus-Typ, der seine Identität sucht, der von Insel zu Insel wandert Ich mag die Idee, dass die Morde an die antiken Mythen des Mittelmeers erinnern. Ich liebe diese Seite, die gleichzeitig primitiv und immer aktuell ist.

Mit Ausnahme von PURPURNE RACHE und SCHWARZES REQUIEM benutzte er nie dasselbe Personal, schuf nie eine Serienfigur. „Was ich mag, ist das Schreiben neuer Geschichten mit neuen Charakteren. Ich kam nie auf die Idee Kriminalromane zu schreiben, deren Held immer derselbe ist. Das interessiert mich nicht. Was ich jedoch sehr mag, ist jedes Mal neue Charaktere zu inszenieren.“

Die Erwartungshaltung des Publikums zu unterlaufen, ist fast zu seinem Markenzeichen geworden und schmälert seinen Erfolg selten. „Ich will nicht wissen oder versuchen zu erraten, was die Öffentlichkeit mögen wird, denn dann ist es keine Literatur mehr, es ist Werbung.
Das hatte mich während des Schreibens des STEINERNE KREIS durch den Erfolg des vorherigen Romans wirklich peinlich berührt. Es gab etwas, das mich unterdrückt hat. Mit jedem Wort, das ich schrieb, fragte ich mich, ob es all denen gefallen würde, die PURPURNE FLÜSSE geliebt hatten. Und das ist sehr schlecht: Ich hatte nicht die natürliche Spontaneität, die notwendig ist, wenn Sie ein Buch schreiben. Die andere Sache ist, dass es ein Buch ist, das mit dem Fantastischen flirtet. Persönlich störte es mich überhaupt nicht, wieder wegen des Kinos. Im Film gehen wir sehr leicht ins Fantastische und es gibt im Kino total abwegige Dinge, die jeder akzeptiert. Aber ich erkannte, dass auf dem Gebiet des Kriminalromans, die Leser tatsächlich nach einem rationalen Universum suchen. Im Allgemeinen suchen sie das Gegenteil von dem, was ich im KREIS getan habe, das heißt, dass sie zuerst unwahrscheinliche Dinge suchen, die rational erklärt werden. Und ich begann mit einer klassischen Polizei-Intrige, die in etwas völlig Irrationalem explodierte.“

Erfolg, Routine und Erfahrung führen zu einer gewissen Selbstsicherheit im Schreibprozess.
“Wichtig ist die Erfahrung, das Know-how. Der Moment der Wahrheit war das Schreiben des zweiten Romans. Ich war sehr nervös und hatte Angst, die PURPURNEN FLÜSSE zu schreiben, also brauchte ich viel Zeit dafür. Heute habe ich weniger Zweifel beim Schreiben. Früher brauchte ich doppelt so lange. Ich habe die Kapitel bis zu 15 Mal überarbeitet. Dass passiert seltener. Seit IMPERIUM DER WÖLFE bin ich selbstsicherer.“

Könnte es sein, dass er den Thriller aufgibt und sich vielleicht anderen Literaturen zuwendet?
„Wenn ich mein bisheriges Werk betrachte, scheint mir klar, dass ich immer Thriller schreiben werde. Was ich seit DAS SCHWARZE BLUT aber versuche, ist das Spektrum zu erweitern, die Genre-Grenzen auszudehnen. Mehr Psychologie, mehr Familiengeschichte und durchaus auch mal mehr Spiritualität. Wenn man über Mord und Verbrechen schreibt, über existenzielles, dann erscheint alles andere lächerlich und banal. Also, nein, für mich wird die Intrige immer der zentrale Kern sein: Warum haben Menschen getötet? Wer wurde getötet? Wie? Warum dieser Ausfluss des Bösen? Das ist wirklich der Kern meiner Themen, das ist genau, worüber ich schreiben will.“

In seinem wunderbaren Grangé-Portrait im „Buchjournal“ http://www.buchjournal.de/109039/ berichtet Hans Schloemer:

Die Ursache des Bösen zu erforschen, das sei es, was ihn im tiefsten Grunde antreibe. „Nehmen wir den Trieb des Mörders – absolut vergleichbar mit dem Sexualtrieb!“ Grangé nippt genüsslich an seinem Champagner. „Wenn es so weit ist, haben wir Männer doch nur noch schwarze Tinte im Kopf. Dann wollen wir nur das eine. Im Moment höchster Erregung ist von Menschlichkeit nichts mehr zu spüren. Serienmörder ersetzen die Libido durch die Lust am Morden. Als ich das Schreiben entdeckte, war mir von Anfang an klar, dass die Angst mein Thema sein wird. Der Akt des Schreibens als Sublimierung, Sie verstehen? Schreiben hilft, über Ängste hinwegzukommen.

Kein Mitgefühl mit den Charakteren?
„Nein, ich tendiere dazu, schnell über den Aspekt Leiden und Mitgefühl hinwegzugehen. Mich interessieren die Rituale, Mord ist eine abstrakte Kunst. Ich kann mir gut vorstellen, was da passiert. Sind alle Hemmungen gefallen, entwickelt sich die Tat von allein. Ich will den Leser schockieren, damit er die Spirale des Bösen erkennt. Was ich schreibe ist auch in der Tradition des Feuilleton-Romans à la Eugene Sue. Jedes Kapitel gibt eine Antwort auf eine Frage, aber diese Antwort erzeugt eine neue Frage. Es ist eine Maschine, die ständig Überraschungen produziert.“

Schreiben ist Lebensinhalt. „Schreiben ist wie eine Katharsis. Ich verwandle meine Neurosen in Intrigen. 2007 hatte ich eine Depression, ich begann eine Analyse. Ich hatte Angst, dass sie mich von meinen Ängsten befreien würde. Aber das tut sie nicht.

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FORTSETZUNG FOLGT

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Von solchen Literatursendungen kann man bei uns nicht mal träumen.



NEW KIDS AT THE BLOG: DER LUZIFER VERLAG by Martin Compart

Voller Scham gestehe ich, dass ich den Luzifer-Verlag erst vor wenigen Monaten entdeckt habe. Das lag vielleicht daran, dass sich der Verlag zuvor vor allem in phantastischen Genres profilierte.

Ich entdeckte Luzifer erst durch die deutsche Ausgabe von Douglas Winters RUN, an die ich schon lange nicht mehr geglaubt hatte. Jedenfalls war der Verlag damit explosionsartig auf meiner Karte als junger Wilder. Tatsächlich scheinen Verlage wie zuvor Festa und jetzt Luzifer, andere Wege zu gehen als die etablierten Kleinverlage und Genres orientierte Großverlage.

Das wird schon an der für deutsche Verhältnisse revolutionären Cover-Art deutlich, die viel direkter und knalliger ist; eine Modernisierung der Paperback Original-Cover-Art der 1950er und -60er mit Einflüssen aus der Game-Kultur. Und natürlich erinnert es in den Motiven an die Ästhetik der amerikanischen Men-Adventure-Paperback-Serien der 1970er (deren „postmoderner“ – Höhepunkt vielleicht die INQUISTOR-Serie über den Killer des Vatikans von Martin Cruz Smith war). Diese brutal-direkten Cover haben den angenehmen Effekt, Leserinnen dröger Provinzkrimis schon im Ansatz zu vergraulen und Leser anzulocken, die zuvor gar nicht wussten, dass Literatur genauso spannend wie Games sein kann.

Luzifer ist für mich ein richtungsweisendes Modell, wie man künftig mit Genre-Literatur umgehen kann. Ich glaube, da wird von diesem Verlag nicht nur ästhetisch noch einiges zu erwarten sein.

Inhaltlich mag manches nicht gefallen (bei welchem Verlag ist das anders?); mir missfallen in der Regel ideologisch fragwürdige Texte, die autoritäre und neo-liberale Strukturen popularisieren. Aber vielleicht ist gerade das subversiv… Hier finden die Pop-Genres zurück zu ihren extremistischen Wurzeln – zwischen E.E.Smith, W.H.Hodgson und Dashiell Hammett. Pop-Literatur, die keine bourgeoise credibility fürs Feuilleton sucht.

Aber das Konzept von Luzifer ist avantgardistisch, weil es Genres oder Subgenres für ein jüngeres Lesepublikum erschließt. Da ist nichts von der betulichen Haltung mittelschichtiger Damenstifts-Krimis oder diese komatösen Noir-Präsentationen, die wie überholte religiöse Mythologien auftreten.

Genug der Spekulationen. Verleger Steffen Janssen gibt hier erstmal Einblick in seinen Verlag:

https://luzifer.press/

Wer ist Steffen Janssen? Wo kommt er her? Was hat er bisher gemacht?

Nun, bis vor wenigen Jahren war mein einziger Berührungspunkt mit dem Medium Buch, der des Lesers. Nach Abitur und Lehre als Hotelkaufmann (ich war des Lernens müde und verzichtete auf ein Studium), arbeitete ich einige Jahre als sog. Leitende Führungskraft im Einzelhandel (Aldi, Großbäckerei). Aus heutiger Sicht bezeichne ich diese armen Angestellten, die zwischen allen Stühlen stehen, lieber als lei(d)ende 24h-Sklaven.

Welche Bücher haben Sie geprägt?

Ich erinnere mich noch heute gern, bereits als 8-jähriger mit einem dicken Marmeladenbrot in der Hand die Indianer-Bücher (Die Söhne der großen Bärin) von Liselotte Welskopf-Henrich verschlungen zu haben. Später versuchte ich mich an Karl May, zu dessen Erzählweise ich aber keinen wirklichen Zugang fand. Die frühen Werke Stephen Kings (Bachmann) haben mich als Jugendlichen schwer begeistert und beeindruckt, sowie Barker, Koontz – und noch etwas genre-breiter Gordon, le Carré oder Bromfield.

Wie kam es zum Aufbau des Luzifer Verlages?

In 2011 wurde aus einer Laune heraus (auf die ich nicht näher eingehen möchte, sie lag im höheren Promillebereich), der Luzifer Verlag gegründet, mit der ursprünglichen Absicht, Horror-Anthologien zu veröffentlichen. Fandom-mäßig sozusagen. Sehr schnell wurde mir bewusst, dass die Devise nur heißen konnte: Ganz oder gar nicht.
Wofür ich mich entschieden habe ist heutzutage ja offensichtlich …

Der Verlag hat in den ersten Jahren ausschließlich Formen der Phantastik veröffentlicht. Wie kam es dazu, auch Thriller ins Programm aufzunehmen?

Persönliches Interesse und – ganz klar – wirtschaftliche Hoffnungen. Das Horror-Genre ist ja im deutschen Buchmarkt nicht als herausstechender Absatzgarant bekannt. Somit tastete ich mich ab 2013 ins Thriller-Genre hinein. Eine letztendlich sehr gute Entscheidung.

Unter den Autoren befinden sich inzwischen auch Angelsachsen. Lizenz und Vorschuss sind bekanntlich die geringsten Probleme. Aber die Übersetzung ist ein Posten, der häufig eine Kalkulation verhindert. Gerade bei einem kleineren Verlag wundert es mich, dass er das stemmen kann. Haben Sie da ein besonderes Rezept?

Vielleicht hatten wir einfach nur Glück, von Anfang an mit sehr engagierten und zuverlässigen Personen arbeiten zu dürfen. Ein Rezept habe ich nicht. Manchmal muss man einfach auch unmöglich erscheinendes wagen.

Mit S.Craig Zahlers zweiten Roman, Schatten über Totem Land, haben Sie auch einen neueren Noir-Thriller im Programm. Zuvor war Zahlers vierter Roman bei Suhrkamp veröffentlicht worden. Wie kam es dazu? Wusste Suhrkamp nicht, dass Zahler zuvor bereits drei Romane veröffentlicht hatte? Und erwägen Sie, auch die beiden früheren Werke ins Programm aufzunehmen?

Zahlers Roman war/ist ein doppeltes Wagnis für uns. Das Werk ist recht anspruchsvoll in der Übersetzung und in einem sehr schwierigen Genre beheimatet (Western-Setting). Die Lizenz „schnappten“ wir uns erst, als geklärt war, dass Madeleine Seither die Übersetzung übernehmen würde, die bereits unsere sehr erfolgreichen Sarah-Weston-Romane von Daphne Niko ins Deutsche übertragen hatte. An dieser Stelle nochmals ein ganz großes Dankeschön an Madeleine!
Zu weiteren Übersetzungen von Zahler kann ich derzeit noch nichts sagen. Wir müssen erst einmal schauen, wie dieses Werk funktionieren wird.

Sind weitere Noir-Romane geplant?

Es sind 2-3 Titel respektive Autoren auf unserer Wunschliste.

Wie haben Sie Winters RUN entdeckt?

RUN war eine interne Empfehlung unseres Grafikers Michael Schubert, der mich einige Zeit mit diesem Vorschlag „nervte“, bis ich schließlich einknickte, den Einkauf absegnete und meiner Frau erklärte, dass es in jenem Jahr keine Weihnachtsgeschenke geben würde …

Seit Chris Ryan und Andy McNab gibt es international einen kleinen Trend zum Commando-Thriller. Sie haben (u.a, Ryan) da auch einiges im Programm. Wird das vom deutschen Markt angenommen?

Erstaunlicherweise ernten diese Titel bisher mehr Schmach als Ruhm, verkaufen sich dennoch hervorragend. Das Ganze erinnert mich ein wenig an die Porno-Schmuddelhefte der Achtzigerjahre, die man an den Toilettenanlagen und Duschen der Autobahnraststätten unter der Theke hervor erstehen konnte.

Können oder wollen Sie einen Ausblick geben, was Sie im Thriller-Bereich planen und vorhaben?

Wir werden in der nächsten Zeit vorrangig unsere begonnenen Serien fortführen und hier und da für uns neue Richtungen antesten (FBI-Thriller, Umwelt-Thriller). Das Genre Thriller im Allgemeinen wird definitiv den „harten Kern“ zukünftiger Luzifer-Publikationen bilden.

Deutschsprachige Rezensionen zu RUN:

https://www.derbund.ch/kultur/buecher/ein-actionthriller-wird-zum-lehrstueck-ueber-gewalt/story/22808654

https://martincompart.wordpress.com/category/douglas-e-winter/