Martin Compart


CHARLES DEWISME WIRD 100 UND BOB MORANE 65 JAHRE ALT 5/ by Martin Compart
7. September 2018, 2:20 pm
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DER „NEUE“ BOB MORANE?

Henri Vernes hat sich in den letzten Jahrzehnten von Co-Autoren unterstützen lassen. Angesichts des Alters und des wahnwitzigen Ausstoßes nicht verwunderlich.

„Das war nicht die Regel, aber es geschah einige Male. Ich entwickelte die ganze Handlung des Romans und ich hatte jemanden, der mir einen ersten Entwurf schrieb. Ein bisschen wie beim Comic. Erst der Bleistiftentwurf und dann das inken mitt Tinte. Ich, habe den ganzen Roman inszeniert. Es passierte ein paar Mal, aber nicht immer. Manchmal musste ich alles komplett umschreiben. Irgendwann wird ein Anderer BM schreiben, weil ich nicht mehr da bin.“

Zu den Co-Autoren zählte auch Christophe Corthouts.

„Es muss 2001 gewesen sein. Ich hatte in den späten 90ern zwei Romane bei Editions Lefrancq veröffentlicht, und zu dieser Zeit wurde natürlich auch Henri Vernes herausgegeben. Anscheinend gefiel ihm meine Arbeit, mein Stift, meine Ideen. Also kontaktierte er mich, um zu wissen, ob ich an der Idee interessiert wäre, einen Bob Morane zu schreiben… Auf den er dann natürlich seine Finger legen könnte. Nach ein paar Versuchen akzeptierte er meine Idee für LA PORTRAIT SE LA WALKYRIE , der 2002 veröffentlicht wurde, wenn ich mich recht erinnere. Ab dann schrieb ich für ihn im Durchschnitt ein oder zwei Bob Morane pro Jahr. Im Allgemeinen schrieb ich den gesamten Roman. Wenn ich Fragen hatte, nahm ich einfach mein Telefon, um Henri zu fragen. Anschließend wurde das Manuskript von Henri überprüft.“

Nicht nur Vernes schwindende Energie wurde zum Problem für BM, auch die sich verändernden Zeiten und die neue Unterhaltungskultur knabbert seit langem an seiner Popularität. Die Leserschaft schmilzt dahin was auch im Verlag Ananke immer bewusster wurde.

„Wie verteilen sich die Leser heute? Achtzig Prozent sind zwischen 40 und 70 Jahre alt. Die restlichen zwanzig Prozent sind jünger, diejenigen, die Bob Morane durch Indochins Song The Adventurer, durch Comics oder durch die Zeichentrickserie entdeckt haben. Wir brauchen einen Neuanfang.“

Ananke begann mit der Digitalisierung der Serie als e-Books (was wohl aus Unverständnis von Vernes kritisiert wurde. Jährlich erscheinen sechs bis acht Bücher, davon die Hälfte als Nachdrucke.

„Wir wollen alle Zielgruppen versöhnen. Auf der einen Seite können Fans der ersten Stunde alle Abenteuer ihrer Helden bequem digital- oder als Book-on-demand kaufen. Auf der anderen Seite finden sich sowohl Leser, die einen modernen Bob Morane erwarten, als auch solche, die den gewohnten Vintage-Helden weiterhin bevorzugen.
Auf dieser Grundlage entwickelt Car Gilles die Grundlagen des Neustarts : ein moderner Bob Morane, der in der Gegenwart spielt, und ein Vintage-BM, der nach dem Kloning in den 1950er- und 1960er Jahren spielt.“

Wie letzteres aussieht, wurde im Roman DUPLICATION von Gilles, Divindilis 2013, konzipiert:

Als Bob Morane an diesem Morgen in seiner Wohnung am Quai Voltaire in Paris aufwacht, erfährt er aus dem Mund von Tania Orloff, der Nichte von Mr. Ming, eine schreckliche Nachricht: Sie und er wurden verdoppelt. In jeder Hinsicht identisch mit den Originalen, leben Bob Morane und Tania Orloff nicht mehr im einundzwanzigsten Jahrhundert sondern im zwanzigsten Jahrhundert in einer Parallelwelt, die der ursprünglichen sehr nahe kommt. Das Datum des Tages ist der 16. Dezember 1953. Bob Morane ist das Opfer eines unvorstellbaren Plans, den sich der Gelbe Schatten ausgedacht hat. Und als er erfährt, dass seine engsten Freunde Bill Ballantine, Aristide Clairembart, Sophia Paramount und Frank Reeves das gleiche Schicksal erleiden mussten, ist es höchste Priorität, sie zu finden.

Divindilis ist ein alter BM-Fan. „Auf Anregung eines Freundes im BM-Club schrieb ich Ende 2011 mit L´OR GRIS DE BOLIVE meinen ersten BM-Roman. Er fand seinen Weg in die Hände von Henri Vernes und seines Verlegers. Ein paar Tage später hatte ich eine positive Antwort. Anschließend hatte ich Henri Vernes am Telefon, und er erzählte mir das Gute, was er von meiner Arbeit dachte. Ich habe meinen Ohren nicht getraut. Es war fantastisch!“

Der Neustart erfüllte die Erwartungen nicht. Als der Comic Verlag „Lombard“ dann auch noch ein Relaunch von BM im Comic 2015 auf den Markt brachte, war man bei „Aninke“ nicht begeistert, besonders dass der Comic von Luc Brunschwig und Aurélien Ducoudray unter aller Sau war.

Devindilis: „Brunschwig informierte sich nicht über die Bob Morane-Romane. Lombard gab ihm einen Freibrief für den Neustart. Er kannte die Welt von Bob Morane nicht. Er kontaktierte einfach Henri Vernes, um Bob Moranes Grundpsychologie zu erfahren,“ Zugehört hat er wohl nicht, denn der Morane von BM RELOADED hat nichts mehr mit der ursprünglichen Figur zu tun, ist nur peinlich und die politischen Aussagen eher naiv. Das Artwork ist der inzwischen übliche franco-belgische Durchschnitt, den man hinter jedem Kiosk findet und so inspiriert wie eine ZDF-Vorabendserie.

Enttäuscht meldete sich dann 2014 auch Vernes wieder zu Worte: „Christophe Corthouts schreibt sehr gut, er hatte gute Ideen, als er beschloss, Bob Morane zu schreiben. Meiner Meinung nach schreibt Gilles Devindilis sehr schlecht, macht Stilfehler (oder historische) und findet nie das richtige Wort. Außerdem sehe ich keinen Sinn darin, Bob Morane zu duplizieren und ihn nach 1953 zurückzuschicken. Morane hatte bereits Zeitreisen gemacht, der Gelbe Schatten sich bereits dupliziert… Ich bin nicht sehr glücklich mit all dem und dem Konzept von Ananké.
Ich bin skeptisch. Wir reden viel darüber, aber wenn ich den Zustand der Romane sehe (dubiose Texte, schlechte Cover, kleine Drucke und teure Preise), bleibe ich mehr als skeptisch.“

Dem entgegnete Verleger Lefranq: „Bedenken Sie, dass Gilles Devindilis von Herrn Vernes persönlich als potenzieller Nachfolger benannt wurde.“

Alte Männer können störrisch sein und bleiben ungern allein zu Hause: 2015 ging Henri Vernes vor Gericht um seine Rechte wiederzuerlangen. Mit der Begründung, die der Kritik folgt, die der Autor bereits gegen die Bob Morane Inc. ausgesprochen hatte.
Auf den Vorwurf der geringen Präsenz im Buchhandel, hatte der zuständige Redakteur bereits darauf hingewiesen, dass man die Bände ja bei Amazon findet.

Vor dem französischsprachigen Handelsgericht von Brüssel stehen sich Autor und Verleger auch wegen der Nichteinhaltung der finanziellen Absprachen gegenüber. Am Ende der Vereinbarung musste der Verlag 100.000 € für die Rechte zahlen – mit einer ersten Zahlung von 25.000 € und dann monatlich 1.500 €.
Ein Blick auf die Bezahlung hatte ersten Ärger verursacht. Der Autor hatte bereits versucht, den Vertrag zu kündigen, da der Verlag ihm noch 43.000 € schulde.

Es scheint sich eine endliche Geschichte (durch das Lebensalter von Dewisme) zu entwickeln, die wohl zum unrühmlichen Ende einer franco-belgischen Pop-Ikone führen wird. Es ist wohl kaum anzunehmen, dass in den neuen lesefeindlichen Generationen genügend Nachwuchs für ein wirtschaftlich interessantes Weiterführen von BM zu finden ist. Wer mit filmischen DC- oder Marvel-Idiotien sozialisiert wird, wird den intellektuellen Ansprüchen einer Jugendbuchserie aus den 1950er Jahren nicht folgen können.

BIBLIOGRAPHIE SEKUNDÄRLITERATUR:

Stéphane Caulwaerts et Yann : Henri Vernes : à propos de 50 ans d’aventures. Les Éditions À Propos. 2003.

Jacques Dieu : Bob Morane et Henri Vernes. Glénat, 1990.

Daniel Fano : Henri Vernes & Bob Morane, une double vie d’aventures. éditions Le Castor Astral. coll. Escale des lettres. 2007.

Bernard Marle : Bob Morane et Henri Vernes : un double phénomène. IDE. 1995.

Francis Valéry : Bob Morane. Éditions… Car rien n’a d’importance, 1994.

Rémy Gallart & Francis Saint-Martin : Bob Morane, profession aventurier. Editions Encrage. 2007
 
Henri VERNES : Mémoires. Editions Jourdan. Parution 14 janvier 2012. 496 pages.

FORTSETZUNG FOLGT!

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CHARLES DEWISME WIRD 100! – UND BOB MORANE 65 /1 by Martin Compart
23. August 2018, 5:57 pm
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Er schrieb um die 250 Romane, mehrere Comic-Szenarien und verkaufte bisher weltweit an die 50 Millionen Bücher: Charles Dewisme, alias Henri Vernes, ist nach Georges Simenon (Gesamtauflage über 500 Millionen) der erfolgreichste Schriftsteller Belgiens. Erfolg und Bekanntheit verdankt er vor allem seinem Serienhelden BOB MORANE, der außerhalb des englischsprachigen (und des deutschsprachigen) Raumes ungeheuer populär ist). Seit 1953 wurden seine Abenteuer in über 200 Romanen, 85 Comic-Alben, einer Real-TV-Serie und in einer Zeichentrickserie verbreitet. Trotz mehrerer Anläufe und Versuche schaffte er es bisher nur ein einziges Mal auf die große Leinwand (die einzige Kopie des Films ist bei der Premiere verbrannt).

Henri Vernes schuf mit BOB MORANE das dichteste, komplexeste und schamloseste Werk an Intertextualität in der gesamten Pop-Literatur.

Während BOB MORANE seinen 65.Geburtstag feiert (und von neuen Autoren weitergeführt wird), erlebt Charles-Henri-Jean Dewisme am 16. Oktober seinen 100.Geburtstag und blickt auf ein erfülltes und erfolgreiches Leben.
„Ich hatte viel Glück und ein gutes Leben. Aber wenn ich Amerikaner wäre, wäre ich heute auch Multimilliardär.“

Der 1999 als Offizier der belgischen Ehrenlegion ausgezeichnete Autor, ist ein Pionier des Crossover Thrillers. Seine langlebige Figur, deren Erfolg längst nicht mehr so groß ist wie in den ersten vierzig Jahren, durchlebte die Metamorphose vom Jugendbuchhelden zum Synonym für Abenteuerliteratur und ist heute museal:

Seit 1986 gibt es einen eigenen BOB MORANE-FAN CLUB, 1991 fand eine ihm gewidmete Ausstellung im Kulturhaus der Stadt Tournai statt; sie ist inzwischen auch Hort des Henri Vernes-Archivs. Und in der Brüsseler Rum- Bar La Canne à Sucre steht seit 2008 eine lebensgroße Bronzestatue des Weltenbummlers.

1982 hatte die Band INDOCHINE in Frankreich einen Riesenhit mit einem Song über BOB MORANE: L´AVENTURIER (über 10 Millionen Klicks auf YouTube). Mit MISS PARAMOUNT und anderen Songs würdigte die Band immer wieder den Moranschen Kosmos.

Charles-Henri-Jean Dewisme wurde am 16. Oktober 1918 in Ath geboren.
Bald ließen sich die Eltern scheiden, und Charles wurde von seinen Großeltern in einem Haus in Tournai in der Rue Duwez im Viertel Saint-Piat aufgezogen. Heute ist eine Gedenktafel an der Vorderseite des Hauses zu sehen.

Bereits als Kind entwickelte er einen ausgeprägten Geschmack für Abenteuerromane, wie zum Beispiel Harry Dickson von seinem zukünftigen Freund Jean Ray.

Mit 16 verließ er die Schule und arbeitete in der Fleischerei seines Vaters, was ihm aber so missfiel, dass er zurück zur Schule ging. Seiner eigenen Legende nach, verliebte er sich 1937 in die Chinesin „Madame Lou“. Mit einem gefälschten Pass begleitete er sie nach Kanton ins Rotlichtmilieu. Nach zwei Monaten soll er nach Belgien zurückgekehrt sein. „1940 heiratete ich Gilberte, die Tochter eines Antwerpener Diamantenschleifers. Antwerpen war damals eine aufregende Stadt mit dem alten Hafen. Trotzdem hielt ich es nur ein Jahr aus.“
Die Ehe mit Gilberte wurde 1941 geschieden.

Nach der Kapitulation Belgiens, trat er im Mai 1940 in ein Spionagenetzwerk ein, das von den Briten geführt wurde. Während dieser Zeit las und schrieb er viel: Einen ersten Roman, ein Thriller, der keinen Verleger findet: Er hatte das Manuskript an die Krimi-Reihe geschickt, die von dem namenhaften Autor Stanilas-André Steeman herausgegeben wurde. Steeman war bis in die 1960er Jahre ein Starautor, dessen Bücher auch verfilmt wurden. Angeblich akzeptierte er Dewismes Manuskript nicht, weil es gerollt und nicht flach – wie bis heute üblich – bei ihm einging.

Im Jahr 1943 traf er den Großmeister der belgischen Populärliteratur, Jean Ray, den Autor des phantastischen Klassikers MALPERTIUS und der Harry Dickson-Geschichten, die Dewisme in seiner Kindheit verschlungen hatte. Die Freundschaft hielt bis zum Tode Jean Rays 1964. Ray-Spezialisten werden seinen Einfluss auf das Werk von Henri Vernes erkennen.

Ende 1944 erschien dann sein erster Roman, LA PORTE OUVERTE. Damals schrieb Henri Vernes noch unter seinem richtigen Namen: Charles-Henri Dewisme. Dieser phantastische Roman (der Einfluss von Jean Ray) war nicht besonders erfolgreich und verkaufte lediglich 700 Exemplare.

1946 ging er nach Paris um als Journalist zu arbeiten. Er schrieb für zwei belgische Zeitungen und für die amerikanische Nachrichtenagentur Overseas News.
Er verfasste auch Geschichten und Romane in unterschiedlichen Genres unter den Pseudonymen Cal.W. Bogard, Pat Richmond, Lew Shannon, Jacques Colombo, Robert Davids, Duchess Holiday, C. Reynes, Jacques Seyr u.a. 1949 folgte unter seinem Geburtsnamen ein dritter Roman, der düstere Kriminalroman LA BELLE NUIT POUR UN HOMME MORT.

„Das war eine schöne Zeit und Paris ist einfach prächtig. Ich schloss viele Freundschaften. Aber ich begann Belgien und giung Anfang der 1950 zurück und ließ mich in Brüssel nieder. Warum Brüssel? Weil es wichtig war, in der Hauptstadt zu sein, wo die wichtigen und einflussreichen Leute sind. Hier gibt es immer was zu tun.“

Einer der wichtigen Leute, die er dort traf, war Bernard Heuvelmans, der Vater der Kryptozoologie, mit dem er sich anfreundete.

In dieser Zeit begann seine Arbeit für Jugendblätter und Comic-Magazine, die neben Bildgeschichten auch pseudowissenschaftliche Artikel und Stories veröffentlichten. So schrieb er zwischen 1949 and 1953 für Heroïc Albums, Tintin und Mickey Magazine unter Pseudonym.

Ein damals hart umkämpfter Markt der Verlage war das Buchsegment für Kinder und Jugendliche. Traditionelle Verlage, die häufig konfessionelle Bindungen hatten und in der Zwischenkriegszeit den Markt beherrschten, und Newcomer (oft aus Druckereien hervorgegangen), umwarben mit relativ kostengünstigen Produkten die Nachkriegsgeneration.

Der Verlag Veviers hatte 1953 seine Taschenbuchreihe „Marabout Junior“ mit geographischen und historischen Sachbüchern etabliert. Der Chefredakteur Jean-Jacques Schellens hatte die Idee, die Reihe mit einer Abenteuer-Serie zu bereichern, die in das Geographie lastige Gesamtkonzept passen sollte. Außerdem war der koloniale Abenteuerroman noch immer das dominierende Genre in der männlichen Jugendliteratur.

Die Serie sollte in kurzen Abständen erscheinen und die Leserbindung erhöhen. Als Autor versuchte er Bernard Heuvelman zu gewinnen, Der „Vater der Kryptozoologie“ lehnte ab, da er zu beschäftigt war, die Existenz von mythologischen- oder Fabeltieren zu erforschen.

Heuvelman schlug ihm seinen Freund Dewisme vor: „Er ist ein guter Journalist, der leicht schreibt, er liebt Abenteuer und er ist viel gereist.“

Schellens setzte sich mit Dewisme in Verbindung und ließ in als Test in kurzer Zeit ein populäres Sachbuch schreiben: CONQUÉRANTS DE L´EVEREST. Obwohl der Autor keine Ahnung vom Bergsteigen hatte, lieferte er ein akzeptables Ergebnis ab (Schellens hatte wohl ebenfalls keine Ahnung). Dewisme hatte den Test bestanden: Er konnte innerhalb eines engen Zeitrahmens ein akzeptables Produkt liefern. Ein Produkt, ganz ähnlich dem früheren Feuilletonroman bis hin zu FANTOMAS, den Hero-Pulps à la DOC SAVAGE oder dem Heftroman.

Schellens und Dewisme überlegten. BOB MORANE wurde als romantische Variation dieser dokumentarischen Formen konzipiert.

Dewisme, der sich von nun an Henri Vernes nennen sollte, feilte ein genaues Profil aus.

Er kannte die amerikanischen Dime Novels und Pulps und er kannte W.E. Johns langlebige Jugendserie über den Kampfpiloten BIGGLES, der rund um den Erdball seine Abenteuer erlebte. Und er kannte Abenteuer-Filme und Comics. Außerdem hatte er in seiner Kindheit die Abenteuer-Klassiker von Jules Vernes über Rider Haggard bis Edgar Rice Burroughs aufgesogen.

Und er war jung genug, diese Genre spezifischen interkulturellen Dependenzen zu aktualisieren und den antiquierten europäischen Ansatz zu amerikanisieren.

Die Figur des BOB MORANE hat einige Gemeinsamkeiten mit seinem geistigen Vater: Dunkles kurzes Haar, graue Augen in einem kantigen Gesicht, athletischer Körper.

Aber er ist Franzose, ein Waise, der von seiner alten Tante Brittany aufgezogen wurde.

Im 2.Weltkrieg war er Spitfire-Pilot in der RAF und mit 42 Abschüssen ein Held der Schlacht um England und Frankreichs höchstdekorierter Kampfflieger.

Er hat eine Ingenieursausbildung, arbeitet aber gelegentlich als Fotograf und Reporter für das Magazin „Reflets“ (so nennt sich auch das Fanzine des Fan-Klubs).

Er spricht fast so viele Sprachen wie Karl May und beherrscht Kampfsportarten, darunter Judo, Karate, Kickboxen und Juijitsu. Seine angeborene Neugier und sein extremer Sinn für Gerechtigkeit treiben ihn um den Globus (und darüber hinaus).

„Frankreich ist größer, bietet mehr Möglichkeiten. Und zu dieser Zeit gab es noch Kolonien, um das Setting zu erweitern. Ich komme aus Tournai, sehr nah an der Grenze und sie ist sowohl eine französische wie eine belgische Stadt. Zu meiner frühen Lektüre gehörten natürlich französische Autoren: Louis-Henri Boussenard, Jean de la Hire… Es ist also für mich ganz natürlich, dass ich Bob Morane zu einem Franzosen gemacht habe.“

Und woher der Name?

„Wenn ein Massai seinen ersten Löwen tötet, wird er zu Morane. Für den Vornamen wählte ich Bob, weil es nach dem Zweiten Weltkrieg die Mode war, die Vornamen zu amerikanisieren.“

Vernes erhielt einen Vertrag über sechs Bücher pro Jahr und ging ans Werk, um den ersten von 142 Titeln für Marabout zu schreiben.

„Ich habe das Glück, überall schreiben zu können solange ich atme. Das stammt sicherlich aus meiner langjährigen journalistischen Praxis. Ich kann, wenn es sein muss, dreißig Seiten in einer Nacht schreiben. Das habe ich schon mehrfach.“

Am 16. Dezember 1953 erschien BOB MORANE Nr. 1: LA VALLÉE INFERNAL, das erste Abenteuer schilderte Moranes erste Heldentaten in Neuguinea.

Fünf BOB MORANEs erschienen 1954, sechs im Jahr 1955, sieben im Jahr 1956, sieben im Jahr 1957 – und so sollte es bei Marabout bis 1977 weitergehen.

Während der Premiere war Vernes auf Reisen.

„Ich hatte keine Wahl! Während ich auf dem Schiff nach Kolumbien unterwegs zum Amazonas war, erhielt ich bei den Westindischen Inseln ein Telegramm von meinem Herausgeber, der mich aufforderte, den zweiten Roman zu schicken. Ich habe ihn beendet, als ich in Martinique ankam. Der dritte wurde in Haiti und Kolumbien gestartet und ich habe ihn auf dem Rückweg beendet. Als ich ankomme, bemerkte ich, dass Bob Morane in aller Munde ist. Von diesem Moment an schrieb ich alle zwei Monate ein Buch.“

Zum Glück beruhte das Konzept auf relativ kurzen Romanen mit etwa 150 Druckseiten.

„Ich hatte bei Marabout völlige Freiheit. Im Verlag lasen sie nie, was ich geschrieben habe: Oft kam das Manuskript so spät, dass sie es am nächsten Tag drucken mussten. Ich hatte nie Vorgaben, abgesehen von einigen Treffen mit dem Herausgeber, bei denen es darum ging, was wir als nächstes mit Bob anstellen wollten. Wenig Regen, viel Sonnenschein. Obwohl sie mich bei meinen Abrechnungen belogen haben – hunderttausend Exemplare statt zweihunderttausend. Aber als ich gut davon leben konnte, war es vorbei.“

FORTSETZUNG FOLGT



ARCHÄOLOGE DES BÖSEN: JEAN-CHRISTOPHE GRANGÉ by Martin Compart

Jean-Christoph Grangé schlug ein paar heftige Wunden in den Körper des Noir-Thrillers, die nie mehr heilen werden.

Das mögen manche Leser und Kritiker gar nicht. Ihnen erscheinen Grangés Werke wie von einem Psychopathen geschrieben, dem man ein geschärftes Rasiermesser in die Hände gedrückt hat. Das kann man Leuten, die auf Zimmertemperatur denken und den kleinsten gemeinsamen Nenner des Genres favorisieren, wohl nicht einmal übel nehmen.
Grangés „Spielereien“ mit esoterischen und religiösen Topoi passen nämlich auf den ersten Blick zu keinem Genre, dass sich aus der Aufklärung entwickelt hat (dabei negiert man die romantischen Wurzeln der Kriminalliteratur, die bereits bei Sherlock Holmes sichtbar wurden).

Grangé setzt sich gerne über westliches Schulwissen hinweg und bedient sich bei Themen, die gemeinhin dem Horror-Genre zugeordnet werden.

Wie viele französische Noir-Autoren seiner Generation betreibt Grangé scharfe Kritik am Kolonialismus und Neo-Kolonialismus. Dazu lässt er wissenschaftliche Erkenntnisse unterschiedlicher Disziplinen einfließen und scheut auch nicht vor genannten esoterischen Vorstellungen zurück. Letzteres brachte ihm häufig Kritik ein. Entscheidend erscheinen mir aber die mutigen Versuche, Genregrenzen zu überschreiten, zu sprengen und neues Terrain fruchtbar zu machen.

Seine monströsen Romane strotzen vor blutrünstigem Exotismus und münden meist in orgiastischen Wahn. Sie haben auch immer etwas apokalyptisches, beschwören eine Welt im Verfall mit nur noch geringer zivilisatorischer Sicherheit.

Besonders zwei politische Themenkreise tauchen immer wieder in seinen Romanen auf: die chilenische Militärdiktatur, Pharmazeutik in der Tradition der Nazis und der Kolonialismus in Schwarzafrika. Damit belegt Grangé die historische Weisheit, dass Vergangenheit nie zu Ende ist.

 

Um es mit Mario Praz auszudrücken: Grangé verbindet den „ungestümen Tätigkeitsdrang der Romantik mit der sterilen Kontemplation der Dekadenz“. Dies auch gerne in der Gegensätzlichkeit seiner Protagonisten-Duos (besonders in CHORAL DES TODES), die er auch häufig in einem Vater-Sohn-Verhältnis choreographiert.

Jedenfalls ist er der vielleicht eigenwilligste lebende (Bestseller-)Autor mit der ausgefallensten Phantasie.

Für seine Romane fehlt es an Vergleichbarem.

Manche Bücher mögen für Leser zu durchgeknallt erscheinen, aber uninteressant oder langweilig sind sie nie. Und trotz gelegentlich schwächerer Bücher, hat er sich stilistisch und handwerklich stets gesteigert.

Er ist ein Autor der französischen multikulturellen Gesellschaft. In fast jedem Roman zeigt er die Lebensbedingungen unterschiedlicher Ethnien, die in Frankreich leben oder zu leben versuchen. Er zeigt deren politische und kulturelle Zwänge auf, ohne zu romantisieren. Sein anthropologischer Pessimismus macht politisch unkorrekt nicht davor halt, auch das gierige Vorteilsstreben dieser anderen zu benennen.

Oft sind seine Hauptfiguren zerrüttete Maschinisten in einem System, das zu Chaos, Verbrechen oder Wahnsinn führen muss. „Die Nervenkrankheiten, die Neurosen scheinen tatsächlich in der Seele Spalten zu öffnen, durch die der Geist des Bösen eindringt“ (Huysmans).

Grangé ist besessen vom Bösen, von den Abgründen des Menschen. Bei seinen Reportagen und Reisen rund um die Welt bestätigte sich die Erkenntnis, „dass der Mensch die einzige Spezies ist, die in der Lage ist, zum Vergnügen zu töten.“ Wie ein Archäologe legt Grangé alle Schichten frei, um zum Kern des Bösen vorzudringen.

Sein Lieblingsfilm ist der MARATHON MAN nach William Goldman, der sicherlich großen Einfluss auf sein Werk hatte.
MARATHON MAN ist m.E. der beste aller Thriller. Das Drehbuch ist tadellos, und es basiert auf einer erhabenen Handlung. Die Zahnarzt-Szene ist geradezu archetypisch für den modernen Thriller. Wir sind alle eifersüchtig auf diese Sequenz. Ich habe natürlich auch den Roman gelesen, der ebenso erstaunlich ist.

Als Lieblingsautor nannte er häufig James Ellroy, was vermutlich damit zusammenhängt, dass dieser ähnliche Gruselszenen und Tabubrüche ausführte. Weitere Lieblingsautoren sind Martin Cruz-Smith (der über eine ähnlich breite Themenvielfalt verfügt), Maupassant und natürlich Flaubert.

Geboren wurde Grangé in Boulogne-Billancourt am 15.07.1961.
Er wuchs vaterlos in Paris auf. „Ich habe meinen Vater nie gesehen. Er durfte nicht in meine Nähe. Es hieß, er sei geisteskrank und wolle mich entführen.“ Deswegen vielleicht auch die vielen Vater-Sohn-Konstellationen in seinen Romanen, in denen er seine Nicht-Erfahrungen durchdekliniert.

Sein Lieblingsbuch in der Kindheit war eine Anthologie „15 Geschichten der griechischen Mythologie“; diese Faszination an der Mythologie durchzieht sein Werk bis heute. Bestes Beispiel ist DER URSPRUNG DES BÖSEN (2015 als Sechsteiler von France 2 für das Fernsehen adaptiert).

Er studierte Literaturwissenschaften an der Sorbonne und finanzierte sich teilweise durch kleine Jobs. „Ich schob Einkaufswagen im Supermarkt zusammen. Sehr lehrreich…“ Sein Diplom machte er mit einer Dissertation zu Gustave Flaubert.

Dann begann er als Werbetexter zu arbeiten. Um dieser niedrigsten Form planetarer Existenz zu entkommen, wechselte er in  zu einer Nachrichtenagentur. Später gründete er seine eigene Agentur L&G um als Reisejournalist und mit investigativen Reportagen bedeutende Magazine zu versorgen.
Zu seinen Abnehmern gehören bald Paris Match, Sunday Times, Observer, El Pais, Spiegel und Stern.

Für seine Reportagen reist er rund um die Welt zu Indianern, Eskimos, Pygmäen und begleitete wochenlang die Tuareg. Damit legte er bewusst oder unbewusst Grundlagen für seine späteren Romane. „Jahrelang habe ich einige wirklich verrückte Reportagen gemacht, und dann habe ich irgendwann erkannt, dass ich einiges sehr interessantes Material gesammelt hatte, um daraus Romane zu destillieren.“ Bei einer Reise in die Mongolei bekam er Kontakt zu den dortigen Schamanen, was sich dann in seinem umstrittensten Roman, DER STEINERNE KREIS, niederschlug. Mehrere Reisen nach Afrika schlugen sich mehrfach in seinen Romanen nieder. „Afrika fasziniert mich wie kein anderer Kontinent.

Seine Reportagen wurden mit Preisen ausgezeichnet: den „Prix Reuter“ erhielt er 1991 und im Jahr darauf den „Prix World Press“.

Während der langen Flüge begann er Kriminalromane zu lesen. Er bemerkte, dass das Genre ihn mehr als andere Literaturen anzog. „Ich bin ein Kinofan, mir wurde klar, dass man dank des Thrillers literarisch dieselben Emotionen hervorrufen kann wie in einem guten Film – und das wollte ich.“

Mit FLUG DER STÖRCHE schrieb er seinen ersten Roman, der 1994 veröffentlicht wurde. Noch kein Bestseller, aber ein Achtungserfolg der ihm viel Interesse einbrachte.
„Obwohl STÖRCHE kein wirklicher Erfolg war, entdeckten mich die Filmleute. So erhielt ich gut dotierte Drehbuchangebote. Mein Leben veränderte sich, auch wenn der große Erfolg noch nicht da war. Aber ich galt sowohl in der Film- wie in der Verlagsbranche als heiß.

Der große Erfolg kam vier Jahre später mit DIE PURPURNEN FLÜSSE, der ihn über Nacht bekannt machte und zu einem Weltbestseller wurde.

„Ich hatte das Glück, dass der Film überhaupt gedreht wurde, dass es Mathieu Kassovitz war, der es tat. Der weltweite Erfolg des Films war für mich in vielen Ländern eine treibende Kraft des literarischen Erfolges. Durch den Film, hatte auch der Roman unglaublichen Erfolg, vor allem in Italien und Deutschland. Natürlich hat der Charakter, den Jean Reno gespielt hat, nichts mit dem Charakter zu tun, den ich in meinem Buch porträtiert habe. Aber offen gesagt, um ein Beispiel zu nennen: Maigret. Wenn wir alle Schauspieler sehen, die in allen Filmen gespielt haben, die über Maigret gedreht wurden, sind wir sehr weit von Simenons Maigret entfernt.

Ich bin sehr glücklich mit dem Kino, denn bei jeder Buchveröffentlichung machen mir die Produzenten Angebote zu den Verfilmungsrechten. Es gibt eine klassische Auktion, und in meinem Fall geht das sehr hoch oder so hoch wie in Frankreich möglich. Diese Auktionen sind geradezu fieberhaft, weil jeder Produzent ein Angebot macht, in dem Wissen, dass sein Konkurrent mitbietet.“ Auch international ist er inzwischen gefragt: Hollywood kaufte die Rechte an DAS SCHWARZE BLUT.

Fast jährlich folgen seitdem weitere voluminöser Bestseller und daneben schrieb er auch noch Drehbücher und gelegentlich Comics. Eine beeindruckende Produktivität!
Inzwischen sind seine Romane in über zwanzig Ländern in 14 verschiedenen Sprachen veröffentlicht.

Zeit nahm sich der manische Schreiber damals nur für seine Kinder aus erster Ehe, die inzwischen erwachsen sind. „Ein Schriftsteller ist am Rande des Lebens. Er schafft eine andere imaginäre Welt aus der Realität. Die Absicht des Schreibers ist es, sich selbst zu isolieren.“

Grangé lebt in Paris, wenn er nicht gerade auf Recherche ist. Mit öffentlichen Auftritten hält er sich eher zurück, Er ist Stammgast bei seinem Lieblingsitaliener „Sorrentino“, da er um die Ecke wohnt; dort verabredet er sich gerne für Interviews und gutes Essen. „Weil ich die französische Küche verachte. Zu schwer, zu fett. Ich trinke auch keinen Wein. Lieber Wasser, Tee, Champagner.“

Exzessive Besäufnisse kann er sich bei seinem großen Arbeitsoutput für Buch, Film, Fernsehen und Comic auch nicht leisten. Er ist höchst diszipliniert, steht jeden Morgen um 4.00Uhr auf und unterbricht die Tagesarbeit lediglich für zwei Nickerchen. „Mein Lebenszweck ist Bücher zu schreiben, dem widme ich 80 Prozent meiner Zeit. Den Rest verbringe ich mit meinen beiden Kindern und spiele Piano.

Ein Pensum, wie er es in den letzten zwanzig Jahren abgeliefert hat, ist eben nur mit harter Selbstdisziplin durchzuziehen. „Ich schreibe jeden Tag, nur nicht in der Woche, in der ich Ski fahre. Ich beginne um 4 Uhr morgens, bis 8 Uhr. Dann gehe ich wieder schlafen und greife zwischen 10 und 13 Uhr wieder an. Dann ein Nickerchen und weiter geht´s von 16 Uhr bis zum Abend.“ Dabei hört er gerne Arien aus „Tosca“ und „La Bohème“. „Da kann ich mich herrlich konzentrieren.“

Auch wenn er gelegentlich Cop-Romane oder Thriller mit esoterischen Einschlag schreibt, haben Grangés Romane immer eine politische Dimension. Da kommt der investigative Reisejournalist durch, der viel Leid gesehen hat und zwangsläufig gesellschaftliche Strukturen abbilden musste.

Er beginnt den Romanprozess mit einem besonderen Ereignis, oder einer Idee, denen ein besonderer Sachverhalt zu Grunde liegt. Dann arbeitet er die Handlung bis hin zum Finale aus. Dieses Ereignis oder eine auffällige Besonderheit kann im Roman auch erst am Ende stehen. Wie Mickey Spillane beginnt Grangé häufig den Schreibvorgang mit dem Ende.

Die deutschen Hörbücher sind zwar meistens bestechend produziert, aber so inkompetent gekürzt, dass oft die Handlung nicht mehr nachvollziehbar ist.

„Eine familiäre Hintergrundgeschichte gibt es mehr oder weniger immer in meinen Büchern. Mein Cop oder mein Held ist immer eine Art mythologischer Held, es ist immer Michael gegen den Drachen und der Böse. Ich mag es ein bisschen mythisch zu sein, diesen Odysseus-Typ, der seine Identität sucht, der von Insel zu Insel wandert Ich mag die Idee, dass die Morde an die antiken Mythen des Mittelmeers erinnern. Ich liebe diese Seite, die gleichzeitig primitiv und immer aktuell ist.

Mit Ausnahme von PURPURNE RACHE und SCHWARZES REQUIEM benutzte er nie dasselbe Personal, schuf nie eine Serienfigur. „Was ich mag, ist das Schreiben neuer Geschichten mit neuen Charakteren. Ich kam nie auf die Idee Kriminalromane zu schreiben, deren Held immer derselbe ist. Das interessiert mich nicht. Was ich jedoch sehr mag, ist jedes Mal neue Charaktere zu inszenieren.“

Die Erwartungshaltung des Publikums zu unterlaufen, ist fast zu seinem Markenzeichen geworden und schmälert seinen Erfolg selten. „Ich will nicht wissen oder versuchen zu erraten, was die Öffentlichkeit mögen wird, denn dann ist es keine Literatur mehr, es ist Werbung.
Das hatte mich während des Schreibens des STEINERNE KREIS durch den Erfolg des vorherigen Romans wirklich peinlich berührt. Es gab etwas, das mich unterdrückt hat. Mit jedem Wort, das ich schrieb, fragte ich mich, ob es all denen gefallen würde, die PURPURNE FLÜSSE geliebt hatten. Und das ist sehr schlecht: Ich hatte nicht die natürliche Spontaneität, die notwendig ist, wenn Sie ein Buch schreiben. Die andere Sache ist, dass es ein Buch ist, das mit dem Fantastischen flirtet. Persönlich störte es mich überhaupt nicht, wieder wegen des Kinos. Im Film gehen wir sehr leicht ins Fantastische und es gibt im Kino total abwegige Dinge, die jeder akzeptiert. Aber ich erkannte, dass auf dem Gebiet des Kriminalromans, die Leser tatsächlich nach einem rationalen Universum suchen. Im Allgemeinen suchen sie das Gegenteil von dem, was ich im KREIS getan habe, das heißt, dass sie zuerst unwahrscheinliche Dinge suchen, die rational erklärt werden. Und ich begann mit einer klassischen Polizei-Intrige, die in etwas völlig Irrationalem explodierte.“

Erfolg, Routine und Erfahrung führen zu einer gewissen Selbstsicherheit im Schreibprozess.
“Wichtig ist die Erfahrung, das Know-how. Der Moment der Wahrheit war das Schreiben des zweiten Romans. Ich war sehr nervös und hatte Angst, die PURPURNEN FLÜSSE zu schreiben, also brauchte ich viel Zeit dafür. Heute habe ich weniger Zweifel beim Schreiben. Früher brauchte ich doppelt so lange. Ich habe die Kapitel bis zu 15 Mal überarbeitet. Dass passiert seltener. Seit IMPERIUM DER WÖLFE bin ich selbstsicherer.“

Könnte es sein, dass er den Thriller aufgibt und sich vielleicht anderen Literaturen zuwendet?
„Wenn ich mein bisheriges Werk betrachte, scheint mir klar, dass ich immer Thriller schreiben werde. Was ich seit DAS SCHWARZE BLUT aber versuche, ist das Spektrum zu erweitern, die Genre-Grenzen auszudehnen. Mehr Psychologie, mehr Familiengeschichte und durchaus auch mal mehr Spiritualität. Wenn man über Mord und Verbrechen schreibt, über existenzielles, dann erscheint alles andere lächerlich und banal. Also, nein, für mich wird die Intrige immer der zentrale Kern sein: Warum haben Menschen getötet? Wer wurde getötet? Wie? Warum dieser Ausfluss des Bösen? Das ist wirklich der Kern meiner Themen, das ist genau, worüber ich schreiben will.“

In seinem wunderbaren Grangé-Portrait im „Buchjournal“ http://www.buchjournal.de/109039/ berichtet Hans Schloemer:

Die Ursache des Bösen zu erforschen, das sei es, was ihn im tiefsten Grunde antreibe. „Nehmen wir den Trieb des Mörders – absolut vergleichbar mit dem Sexualtrieb!“ Grangé nippt genüsslich an seinem Champagner. „Wenn es so weit ist, haben wir Männer doch nur noch schwarze Tinte im Kopf. Dann wollen wir nur das eine. Im Moment höchster Erregung ist von Menschlichkeit nichts mehr zu spüren. Serienmörder ersetzen die Libido durch die Lust am Morden. Als ich das Schreiben entdeckte, war mir von Anfang an klar, dass die Angst mein Thema sein wird. Der Akt des Schreibens als Sublimierung, Sie verstehen? Schreiben hilft, über Ängste hinwegzukommen.

Kein Mitgefühl mit den Charakteren?
„Nein, ich tendiere dazu, schnell über den Aspekt Leiden und Mitgefühl hinwegzugehen. Mich interessieren die Rituale, Mord ist eine abstrakte Kunst. Ich kann mir gut vorstellen, was da passiert. Sind alle Hemmungen gefallen, entwickelt sich die Tat von allein. Ich will den Leser schockieren, damit er die Spirale des Bösen erkennt. Was ich schreibe ist auch in der Tradition des Feuilleton-Romans à la Eugene Sue. Jedes Kapitel gibt eine Antwort auf eine Frage, aber diese Antwort erzeugt eine neue Frage. Es ist eine Maschine, die ständig Überraschungen produziert.“

Schreiben ist Lebensinhalt. „Schreiben ist wie eine Katharsis. Ich verwandle meine Neurosen in Intrigen. 2007 hatte ich eine Depression, ich begann eine Analyse. Ich hatte Angst, dass sie mich von meinen Ängsten befreien würde. Aber das tut sie nicht.

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FORTSETZUNG FOLGT

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Von solchen Literatursendungen kann man bei uns nicht mal träumen.



SPYTHRILLER: THE LOSERS by Martin Compart
20. November 2012, 4:53 pm
Filed under: Comics, Conspiracy, LOSERS, Rezensionen, Spythriller | Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Ein intelligenter Geist schrieb über diesen Polit-Thriller: „der Comic, den nicht mal Hollywood kaputtmachen konnte“. Und fürwahr – Sylvain Whites Verfilmung aus dem Jahre 2010 bescherte uns nette Unterhaltung für Sonntagnachmittage. Ich halte mich jedoch lieber an Andy Diggles gezeichnete Vorlage und ihren düsteren Zynismus.

Er wolle einen Comic für Leute machen, die sonst keine Comics lesen, verkündete Autor Andy Diggle zum Start der Serie 2003. Das ist ihm wohl gelungen; dieser Comic wird auch Conspiracy-Thriller- und Robert-Ludlum-Leser in den Bann schlagen. Vielleicht habe ich in den letzten paar Jahren so wenige Comics gelesen, weil die Story selten hielt, was das Artwork versprach. Und mit Superhelden in lächerlichen Karnevalsklamotten kann ich sowieso nicht mehr viel anfangen.

Polit-Thriller im Comic sind relativ selten. Auf Anhieb fallen mir lediglich „XIII“, „Largo Winch“, „Black Op“ (dazu demnächst mehr) und Greg Ruckas „Queen & Country“-Comics (die er auch zur Romanserie verarbeitete) ein. Diggles Comic scheint mir auch von TV-Serien wie „La Femme Nikita“ oder „24“ beeinflußt – jedenfalls mehr als vom manichäischen Dualismus eines J. J. Abrams („Alias“), der uns den Kampf einer guten CIA gegen eine böse CIA verkaufen will. Tempo und Komplexität der Nebenhandlungen sind mit modernen Polit-Thrillern wie den Werken von Vince Flynn, Gayle Lynds, Tom Cain oder Daniel Silva vergleichbar. Auch kann man Diggle nicht jene politische Naivität vorwerfen, die das Medium zu noch oft kennzeichnet. Der Autor hat jedenfalls seine Hausaufgaben bezüglich des Themas CIA gemacht. Durch die Recherche hat sich sein ganzes Weltbild verändert:

„Very much for the worse, I´m sorry to say. The CIA running drugs pales into insignificance next to some of the stuff that´s going on out there. I can almost see why people would rather just bury their heads in the sand and pretend it isn´t happening. It´s just too depressing for words. I´ve discovered a lot of stuff that made my hair stand on end, frankly. People think I just invented stuff like the ‚Proactive Pre-emptive Operations Group – the top-secret Defense Department operation specifically designed to provoke terrorism. And because it´s run out of the Pentagon, it´s not accountable either to Congress or to the American people. Don´t believe me? Google it. The ‚Policy Analysis Market‘ is another one. Seriously, you can´t make this shit up.“

Der Zynismus amerikanischer Politiker schockierte ihn zusätzlich:

„Over half a million children died as a direct result of our sanctions on Iraq, and when U.S. Secretary of State Madeleine Albright was asked whether this price was worth it, she replied, ‚I think this is a very hard choice, but the price … we think the price is worth it.‘ That gave me a moment of pause. So half a million dead children is a price these people gladly pay to get one over on their old buddy Saddam – a monster who was still being subsidized by British and American taxpayers even after he started gassing his own people. Nice.“

Natürlich ist Diggle Engländer. Seit Alan Moore, Garth Ennis und Neil Gaiman heißt es ja, daß die besten US-Comics von Briten gemacht werden (die oft aus dem Umfeld des Magazins „2000 AD“ stammen, dessen Redakteur Diggle war).

Ursprünglich wollten Diggle und Zeichner Jock irgendeine alte Serie wiederbeleben. Beim Durchforsten der DC-Welt stießen sie auf die Zweite-Weltkriegs-Reihe „The Losers“. Die von Robert Kanigher erfundene Commando-Serie, die zeitweilig von Jack Kirby gestaltet und geschrieben wurde, lief von 1970 (Nr. 123) bis 1978 (Nr. 181) in „Our Fighting Forces“. Am Ende der Serie gehen dann alle drauf, inklusive Sergeant Clay, der wohl der Großvater – dies eine Reverenz von Diggle an die ursprüngliche Serie – des neuen Loser-Chefs Franklin Clays ist.
Kollege Florian Lieb charakterisierte zum Filmstart 2010 die Serie recht treffend im EVOLVER: Der Comic „handelt vom Black-Ops-Teams der Loser, einer Einheit rund um Lieutenant Colonel Franklin Clay und dessen vier Untergebene. Nach einer verdeckten Mission von ihrem Kommandeur abgeschossen und für tot gehalten, haben sie es sich zum Ziel gesetzt, ihr Leben zurückzuholen und jenen Vorgesetzten, den mysteriösen Max, zu liquidieren.

Dabei stoßen sie auf eine Verschwörung weltweiten Ausmaßes, in die neben dem Königreich Katar anscheinend auch das Verteidigungsministerium der USA verwickelt ist. Schnell verwischen die Grenzen zwischen Freund und Feind, und immer wieder fragen sich die Losers, ob sie nicht bloß Spielball und Mittel zum Zweck sind. Mit jedem Band vergrößert sich das Komplott, wird die Verschwörung immer komplexer. …
Jocks Zeichenstil variiert von Ausgabe zu Ausgabe, wodurch die Bilder manchmal mehr, manchmal weniger gelungen sind. Mehr Konstanz und Realismus (wie etwa bei Pia Guerra in Brian K. Vaughans ‚Y: The Last Man‘) wären wünschenswert gewesen. So wirken die Figuren vereinzelt wie aus einem Samstag-Morgen-Cartoon – ein ziemlich störender Wechsel.“

Jocks kantiger, grobflächiger, an Storyboards erinnernder Stil ist auch nicht immer nach meinem Geschmack. Trotzdem muß ich zugeben, daß er die Geschichte dynamisch und effektiv vorantreibt. Die kinematischen Seitenaufteilungen und Perspektiven saugen den Leser mitten ins Geschehen. Die weiteren Zeichner – Nick Dragotta, Alé Garza und Ben Oliver – paßten sich dem vorgegebenen Stil von Jock an, behielten aber ihre Eigenheiten bei. Als alten Colin-Wilson-Fan freute es mich besonders, daß der Neuseeländer in den Heften 26 bis 28 zum Zuge kam. „The Losers“ ist vor allem die Serie des Szenaristen, und alle Zeichner stellten sich in den Dienst der Story. Diggle liefert auch gerne einmal bestens zitierfähige Zeilen ab, wie zum Beispiel: „Der Weg ins Verderben wird ständig instandgehalten.“ Oder: „So eine beschissene Operation habe ich seit Michael Jacksons letztem Facelifting nicht mehr gesehen.“ Und schließlich: „Wir sind in ein billiges Lagerhaus umgezogen. Washington bezahlt weiter für das Büro, und wir kassieren die Differenz. Clever, was? Alle anderen macht der Krieg gegen den Terror reich. Warum sollen wir nicht auch ein Stück vom Kuchen abkriegen?“

„The Losers“ war von Anfang an als Serie mit begrenztem Umfang geplant. Zuerst waren nur vier Hefte projektiert, dann baute Diggle die Story auf 32 Hefte aus. Der Erfolg hielt sich in Grenzen. In den 20er-Nummern sank die Auflage auf 7000 Exemplare – das übliche Schicksal eines Kult-Comics. Mit der Veröffentlichung der Sammelbände als Trade-Paperbacks setzte dann der Profit ein. Das hatte sogar Vertigos Vertrieb geahnt: Bei einer ängstlichen Nachfrage von Diggle, ob die Serie abgesetzt würde, versicherte ihm die Vertriebschefin, daß man sie bis zum geplanten Ende durchziehen würde. Nun liegen auch bei uns die kompletten „The Losers“ in fünf Paperbacks vor, in der gewohnten Panini-Qualität und der sauberen Übersetzung des alten Comic-Cracks Bernd Kronsbein.

„The Losers“ wird gern mit der TV-Serie „The A-Team“ verglichen (wohl auch, weil beide Filmversionen fast gleichzeitig in die Kinos kamen). Der Vergleich stimmt jedoch nur sehr oberflächlich. In beiden Serien geht es um ein Ex-Special-Force-Team, das betrogen wurde und dann auf der offiziellen Abschußliste landet. Aber Stephen J. Cannels (den ich ansonsten sehr geschätzt habe, schon wegen „Wiseguy“) Schrott-TV ist naiver Kinderkram, während Diggles Comic politische Dimensionen hat, deren zynische Weltsicht in der Realität verankert ist. Während Jean Van Hamme für „XIII“ schamlos Ludlum geplündert hat (und „Largo Winch“ einiges dem inzwischen vergessenen Bestsellerautor Paul-Loup Sulitzer verdankt), ließ sich Diggle von den modernen Commando-Thriller-Autoren (Andy McNab oder Chris Ryan) inspirieren. Er langweilt nicht und beleidigt auch nicht (trotz des umstrittenen Endes) die Intelligenz der Leser.
Und deshalb kann man als Polit-Thriller-Fan guten Gewissens zur Abwechslung auch einmal Comics lesen …

DIGGLE VORTRAG PART.2