Martin Compart


DER UNBEKANNTE KLASSIKER: CAMPBELL ARMSTRONG by Martin Compart

Es ist immer wieder erstaunlich, welche Qualitätslücken in der Wahrnehmung der Noir-Kultur bis heute (trotz Internet) festzustellen sind.

Nichts neues, eigentlich.

Ohne das französische Engagement in den 1960 und 1970ern wären Autoren wie David Goodis, Jim Thompson oder Don Tracy nie in den „Kanon“ des Genres „aufgerückt“.

Oder welches Unverständnis Manchette Mitte der 80er in der deutschen Szene auslöste, als er in den Ullstein-Krimis erschien (ähnliche Reaktionen gab es auch bei Lisa Cody oder Sue Grafton, die damals die ersten weiblichen Protagonisten im deutschen Krimi-Markt vorstellten, aber durch feministische Ideologen schnell Unterstützung fanden).
Die Überraschung in der Rezeption bestätigte damals wie heute die kulturelle Verspätung Deutschlands.

Die Tiefen des Genres werden traditionell in Frankreich besser ausgeleuchtet als etwa in den USA oder Deutschland (wo es sich am Markt kaum noch behaupten kann).

Halten wir das Lamentieren kurz und erfreuen wir uns lieber an Entdeckungen oder Neuentdeckungen, die uns beglückende Lektüre für bescheidene Antiquariatspreise garantieren.

Campbell Armstrong wurde als Thomas Campbell Black am 25. Februar 1944 in Govan, Glasgow, geboren.

Er wuchs im Arbeitermilieu auf und entdeckte früh die Literatur. Zu seinen frühesten literarischen Einflüssen gehörte Robert Louis Stevenson, aber er entdeckte auch schnell Sartre, Camus, Dos Passos und Kerouac. Als sechsjähriger hörte er im Radio eine Lesung von Dylan Thomas („ And Death Shall Have No Dominion“). Das beeindruckte ihn so tief, dass er beschloss, Schriftsteller zu werden. Er war teilweise ein guter Schüler, besonders die Literatur hatte es ihm angetan und ein engagierter Lehrer förderte sein Talent. Bis zu seinem Tod erinnerte sich Armstrong gerne an diesen Lehrer, dem er viel verdanke. Bereits mit sechs Jahren hatte er handschriftlich eine Schulzeitung herausgegeben. „Ich hatte sogar Korrespondenten.“

Als Teenager entdeckte er Folk-Musik und Jazz; mit der zeitgenössischen Pop-Musik der Vor-Beatles-Ära konnte er nicht viel anfangen.

Sein erster Job war einziger männlicher Verkäufer in Cuthbertson’s Musicshop in der Sauchiehall Street. Hier lernte er Eileen Altman kennen, seine erste Frau und Mütter seiner drei Söhne.

1962 verließ er seine Heimatstadt. Er studierte an der University of Sussex und machte dort seinen Abschluss in Philosophie. Ein Freund erinnerte sich bei Armstrongs Beerdigung:

“When I first met him, at Sussex University in 1964, I saw a hard-drinking, scruffy-looking 20 year-old Glaswegian, already married, a “mature student” He’d knocked around a bit since leaving school, played folk guitar and was reading Philosophy Campbell could and would turn out 60 pages in a night, usually after a day of heavy drinking: pint after pint of Guinness and something – cider.”

Eileen and Campbell heirateten und zogen nach London, wo Campbell als Lektor zu arbeiten begann, erst für Weidenfeld & Nicholson, dann für Granada. Wie fast zeitgleich mit Ted Lewis und Derek Raymond tummelte er sich in der Sohoszene. Nächtelanges saufen, diskutieren, Bücher machen.

Aus dem Spaß am Saufen wurde der Ernst des Trinkens.

Anfang der 1970er war Campbell von seinem Job zu Tode gelangweilt und er emigrierte mit seiner Frau und zwei Söhnen in die USA – ohne dies vorher mit seiner Familie abgesprochen zu haben. Wie so oft in dieser Zeit, traf er einfach seine Entscheidung und die Familie hatte zu parieren.

Von 1971 bis 1974 lehrte er an der State University of New York Kreatives Schreiben, obwohl er nicht wirklich davon überzeugt war:
„I didn’t believe in teaching writing. You’ve either got it or you haven’t. You’ve got to have plot, you’ve got to have character.“


In den Jahren 1975 bis 1978 unterrichtete er dann an der Arizona State University, beschloss 1979 jedoch seine Hochschulkarriere zu beenden und sich ganz der Literatur zu widmen. Damals lebten sie – inzwischen war ein dritter Sohn geboren – in Sedona, Arizona, zogen dann nach Phoenix. Die Ehe ging den Bach runter. Campbell schrieb ganztags und Eileen wurde Geschäftsfrau. Wenn er nicht schrieb, soff er und trieb sich herum. Dann lernte er Rebecca Armstrong kennen, die Tochter eines Jockeys. Die Beziehung wurde ernst. Eileen wusste, dass ihre Ehe am Ende war und traf sich mit Rebecca. Nach dem Treffen sagte sie zu Campbell: „Ich habe dich gehen lassen.“ Campbell und Rebecca blieben bis zu ihrem Tod tief verbunden (wovon sein herzzerreißendes autobiographisches Buch I HOPE YOU HAVE A GOOD LIFE zeugt). Eileen und Rebecca wurden sogar beste Freundinnen.

Campbell verließ Phoenix, heiratete Rebecca und lebte mit dem jüngsten Sohn und Rebeccas Tochter Leda zusammen. Eileen blieb in Phoenix. Rebecca unterstützte ihn, indem sie ihm half, seine Sauferei zu kontrollieren und sich mehr auf die Arbeit zu konzentrieren.

Sein erster Roman war 1968 erschienen: die schwarze Komödie ASSASSINS AND VICTIMS wurde von Patricia Highsmith enthusiastisch besprochen. „Inspiriert wurde ich durch einen Hund, dessen Gebelle mich nächtelang wach hielt. Ich wollte ihn umbringen. Das gab mir die Idee zu einem Killer, der behauptet, auf Hundemord spezialisiert zu sein, aber ein Lügner ist. Ich wollte ein möglichst schauerliches Ende, und das bekam ich auch hin. Mein zweiter Roman war ein Experiment: Einen Kriminalroman ohne echte Lösung.“ Dafür gewann er 1969 mit THE PUNCTUAL RAPE den Scottish Arts Council Award für Kriminalliteratur.
„Ich beschäftigte mich intensiv mit den Konzentrationslagern und wie manche darin überlebten. Daraus wurde DEATH´S HEAD.“ Damals erschienen seine Bücher unter „Campbell Black“. Später kamen noch Pseudonyme hinzu.

In den 1970ern schrieb er als Campbell Black auch einige Horror-Romane, die bis heute in der Weird Fiction-Szene Kult-Status genießen (so behauptete die Village Voice keck, Black sei ein besserer Horror-Autor als King oder Straub). Für Brian de Palma machte er eine Novelisation aus DRESSED TO KILL: „Brian wollte wohl unbedingt seinen Namen auf einem Buch haben.“

Schnelles Geld versprach auch die Novelisation von RAIDERS OF THE LOST ARK für George Lucas, die sich weltweit millionenfach über Jahrzehnte verkaufte. Trotz regelmäßiger Bitten um Tantiemenabrechnungen, rührte sich Lucas und sein selbstgefälliger Haufen nicht. So kam es 2004 zu einem Prozess, für den als Streitwert 4 Mio. Dollar angesetzt wurden.
http://www.hugesettlements.com/Personal-Injury/1294.html

Als „Thomas Altman“ schrieb er zwischen 1980 und 1984 fünf Psychothriller, oder wie er sie nannte “novels of psychological terror”. „Die langweilten mich schnell. Kaum nachvollziehbar, dass ich sie schrieb. Es ging immer nur darum, wie man am besten Frauen in den Vorstädten terrorisiert.“ Anschließend schrieb er u.a. zwei okkulte Thriller.

Er ließ sich nie auf ein Subgenre festlegen. Die Meisten dieser kurzen Romane waren Auftragsarbeiten für den berüchtigten Verlag Corgi Books. „Ich ziehe es vor, diese Bücher zu ignorieren.“ Zu Unrecht, meinen einige Hardcore-Fans.

Erst mit den Frank Pagan-Thrillern, mit denen er zu „Campbell Armstrong“ wurde, kam der große Erfolg. Er änderte seinen Namen, um aus einen Optionsvertrag heraus zu kommen. Der erste war JIG, 1987. „Es war mein erfolgreichster Roman mit 23 Auflagen in England. Das trieb meine Vorschüsse für einige Zeit ziemlich hinauf. Meiner Meinung nach ist AGENTS OF DARKNESS mein bestes Buch. Auch weil der Protagonist ein Alkoholiker ist, der sich selbst erlösen muss.“

Pagan, der Gegenterror-Agent hängt einem „primitiven Sozialismus“ an und ist der Held von fünf dicken Thrillern, die Ludlum alt aussehen lassen. Seit dem Klassiker MAMBO (1990), in dem Castros Kuba erobert werden soll, nahm er die beeindruckenden Action- und Gewaltszenen zurück. „Es langweilt mich mehr und mehr. Ich muss mich dazu zwingen. Der Body count in MAMBO war sehr hoch. Ein Kritiker behauptete, etwa 1400 Menschen. Ich lasse jetzt lieber die Gewalt im off. Ich will nicht länger mit derartigem assoziiert werden. Eher gehe ich in Therapie.“

Politisch waren seine Romane immer und blieben es auch nach der Pagan-Serie. „Ich denke, alle Politiker sind Idioten. Die Leute, die über unseren Planeten herrschen, managen es auf die übelste Weise-. Alles voller geheimer Deals in Hinterzimmern, die darauf abzielen, ihre Gegner zu vernichten. Man dringt nie zu Kern vor und erfährt nie die Wahrheit. Genau das interessiert mich. Da gibt es wahrlich genügend Stoffe.“ Pagan veränderte sich langsam in dem Quintett. Im letzten Roman hat er eine Liebesaffäre mit einer Terroristin. Danach quittiert er den Dienst, weil er sich schämt und nicht mehr für Special Branch arbeiten will. „Das war es. Ich kam mit Pagan nicht mehr weiter. JIG, der erste Pagan, war wahrscheinlich auch deshalb so erfolgreich, weil hinter der ganzen Action eine patriotische Lüge stand: Lasst uns Nordirland zurück holen. Etwas, das nie passieren wird.“

AGENTS OF DARKNESS beschäftigte ihn länger als frühere Romane: insgesamt 18 Monate. Noch reflektiver als die Romane zuvor. „Der Schreibprozess machte Spaß. Ich schrieb drei unterschiedliche Fassungen, sogar eine mit einem glücklicheren Ende. Aber die überzeugte mich nicht, war zu unrealistisch. Wäre es ein reines Genre-Buch, hätte es ein Happy end.“

Der Schluss eines Buches war ihm sehr wichtig: „Ich mag eigentlich keine Happyends. Im Leben gibt es Happyends nicht gerade häufig. Ich mag offene Enden für meine Bücher. Ich mag Mehr- oder Doppeldeutigkeit am Schluss eines Romans.“

Anschließend kam der nicht minder beeindruckende CONCERT OF GHOSTS. Wer als Autor lernen will, wie man literarisch subjektive psychische Prozesse so objektiviert um den Leser zu manipulieren, der sollte GHOSTS studieren (wer sich am perfekten Thriller versucht, dem gibt AGENTS hilfreiche Studienmöglichkeiten). „Beide Romane beschäftigen sich mit amerikanischer Politik und der Natur der US-Demokratie.“ Dann schrieb er einige kurze Noir-Thriller, SILENCER, BLACKOUT und DEADLINE, „ziemlich düstere Sachen auf ihre Weise.“

Was Cleverness und instinktives Stilempfinden angeht, war er vielleicht so etwas wie der Luke Haines des Brit-Crime der nineties.

Wenn ich einen richtig schlechten Satz geschrieben habe, kann mich das wochenlang umtreiben. Heute schreiben Autoren dauernd schlechte Sätze, Sätze die von jedem Beliebigen formuliert sein könnten. Gute Sätze atmen, lassen dich den Charakter riechen, fühlen.“

Egal, wo ein Roman von ihm spielt, ob Miami, Moskau, Edinburgh oder Manila, jedes Detail ist genau recherchiert. Auch Armstrong gehört zu den Autoren, die einen Handlungsort bereisen und in sich aufsaugen.

Ende der 1980er hatte er von den Amerikanern genug. Ausgerechnet ihm ging der Waffen-Fetischismus mächtig gegen den Strich und der „American Way of Life“ hatte keine Faszination mehr. „Amerika ist gruselig. Du gehst dorthin und nach einiger Zeit bist du amerikanisiert. Plötzlich gehst du zu einem Baseballspiel – und dann weißt du: Sie haben dich!“

Nach dieser Erkenntnis brach er die Brücken ab und ging mit seiner Familie nach England zurück und arbeitete zuerst als Journalist, dann als Lektor, bevor er sich anschließend ganz auf das Schreiben konzentrierte.

1991 kaufte er ein heruntergekommenes Anwesen mit einem 30-Zimmer-Haus in Offaly in Irland. „Der Kaufpreis war unglaublich günstig, aber die Reparaturkosten enorm.“ Günstig war das riesige Haus wohl auch deshalb, weil einige Opfer von Oliver Cromwell spukten.
Natürlich hatte er auch das über den Kopf seiner Frau beschlossen und besiegelt. Bald darauf siedelten sie ganz nach Irland und was Campbell an Steuern sparte, jagte er mit Guinness durch die Kehle – bis er den Absprung schaffte.

Alkohol war und ist wichtiger Bestandteil nicht nur der schottischen Kultur.

Für Campbell Armstrong wurde während seiner ersten Londoner Verlagstätigkeit zum wachsenden Problem. Später kam Koks als Katerrezeptur hinzu: „I had stopped drinking before I came to Ireland but as soon as I came I started drinking again it was the Guinness.“ Aber dann war Schluss: “Im März 1993 trank ich in einem Dubliner Pub mein letztes Guinness. Ich hatte das Gefühl, ein weiterer Drink würde endgültig die in mir schlummernden Dämonen wecken und mich endgültig in den Abgrund führen, aus dem es kein weiteres Entkommen mehr gibt – nur den Tod. 1975 nahm ich zweimal LSD und wurde fast verrückt, das ist nichts für mich. Mit der Zeit stellte ich fest, dass mich alle Drogen paranoid machen, am schlimmsten Kokain.“

Der Alkoholismus forderte seinen Preis: 1996 wurde bei ihm Diabetes diagnostiziert.

Fast alle seine Romane wurden für den Film optioniert; adaptiert wurde bisher keiner. Ziemlich unverständlich. Ein weiterer unnötiger Beweis, für die Dämlichkeit dieser Branche. Aber angesichts der unzähligen miesen Literaturverfilmungen vielleicht auch pures Glück.

Trotz ihrer Düsternis sind Armstrongs Romane Bücher, die einen aus dem Zustand tiefster Betrübnis befreien – dank ihres gelegentlichen Humors, tiefen Humanismus und, wer das erkennen und schätzen kann, ihres bestechenden Stils.

Sein letzter großer Wurf war das Glasgow-Quartett (das selbstverständlich nicht ins Deutsche übersetzt wurde). Wer sich ein bisschen auskennt, weiß, dass in Glasgow die wirklich harten Jungs unterwegs sind. Dagegen ist Edinburgh was für Pussys.

Der erste Roman, THE BAD FIRE, über den Heimkehrer Eddie Mallon spiegelt wohl Armstrongs Besuche nach jahrzehntelanger Abwesenheit in seine Heimatstadt wider. Armstrong sollte auf Anregung seines Verlages seine Jugenderinnerungen an Glasgow schreiben. Zum Glück für alle Noir-Fans entschied er sich dafür, diese mit einer tiefgehenden Beschreibung des heutigen Glagow als Roman zu verschmelzen.

Diese Stadt, die sich in sich selbst zurück gezogen hat, ließ ihn nicht mehr los und drei weitere Glasgow-Romane um den jüdischen Detective Lou Perlman, der ein würdiger Nachfolger von William McIlvanneys Laidlaw ist, folgten. Natürlich gibt es Unterschiede. Und es wäre völlig ungerecht den höchst individuellen Autor Armstrong mit McIlvanney, den Armstrong bewunderte, zu vergleichen. Ich kenne keinen Autor, der wie Armstrong seine Charaktere gleichzeitig mit so einer brutalen Objektivität und Empathie zeichnen kann. Darin spiegelt sich der Kampf gegen seine inneren Dämonen. Aber genau damit gibt er ihnen diese Dimensionen, die im Thriller noch seltener sind als im Noir-Roman (beide Genres bedient er meisterhaft, da er sich nie ihrer Grenzen bewusst werden wollte und sowas lieber Klugscheißern wie mir überlässt).

Lesenswert zur Heimkehr nach Glasgow: https://web.archive.org/web/20060518091529/http://www.campbellarmstrong.com:80/native.php

Campbell Armstrong verstarb am 1. März 2013 , vier Tage nach seinem 69. Geburtstag an den Folgen einer Krebserkrankung. Zurück bleiben seine zweite Frau Rebecca und die Kinder Iain, Stephen and Keiron und Leda. Außerdem 27 Romane, die in 11 verschiedenen Sprachen übersetzt wurden; darunter Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Schwedisch, Griechisch, Polnisch, Japanisch und Hebräisch, drei Stücke und ein autobiographisches Werk.

Seine Bücher bleiben und werden immer wieder von neuen Lesern entdeckt werden.

Das wäre ein guter Soundtrack für Armstrong:

Manchmal aber auch eher das:

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50 JAHRE McGILL by Martin Compart
21. Oktober 2017, 12:12 pm
Filed under: DER MANN MIT DEM KOFFER, Noir, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , , ,

Vor 50 Jahren revolutionierte eine britische TV-Serie das Crime-Genre: MAN IN A SUITCASE. Sein Hauptdarsteller, der die Serie prägte wie kaum ein Schauspieler eine Serie prägte (im Vergleich fällt mir nur Götz George als Schimanski ein), kann dieses Jubiläum leider nicht mehr erleben: Richard Bradford starb letztes Jahr.

Ihm ist diese Reminiszenz gewidmet.

Er war und ist noch immer einer der Höhepunkte des Brit Noir im Medium Fernsehen: Richard Bradford alias McGill in MAN IN A SUITCASE.

Als das vielbesungene 68er-Jahr damals wie eine biblische Heimsuchung über alle anständigen Bürger hereinbrach, geriet die Welt der Eltern eine Zeitlang ziemlich aus den Fugen. Heranwachsende ließen sich nun überhaupt nichts mehr sagen und lachten über die ebenso banalen wie gutgemeinten Ratschläge ihrer Erziehungsberechtigten.

Die Spießerdroge Fernsehen – womit man die lieben Kleinen früher noch hatte heimlocken können – war out. Man würde ohnehin nie wieder einen solchen Kick erleben wie beim ersten Sehen von „Texas Rangers“, „Bob Moran“, „Mike Nelson“, „Tennisschläger und Kanonen“ oder „Simon Templar“. Lediglich „Der Mann mit dem Koffer“, der für Krimiserien das war, was die Stones im Bereich der Popmusik darstellten, lockte mich 1969 noch ganze dreizehnmal freitags, pünktlich um 21 Uhr, nach Hause – und natürlich „Nummer 6“ („The Prisoner“), samstags nach dem „Aktuellen Sportstudio“.

Eigentlich war man ja als hartgesottener Teenager über die Identifikation mit diversen Serienhelden hinaus – so dachte man wenigstens.
Doch dann kam er: McGill, der Mann mit dem Koffer. Er gab uns den Thrill der frühen Jahre zurück, als die Mattscheibe das gesamte Bewusstsein fiebriger Kinderhirne aufgesaugt hatte. McGill knallte alles weg, was zuvor noch Idolcharakter besessen hatte.

Er war der härteste TV-Held der Prä-Sonny-Crockett-Ära und der einsamste Wolf auf diesem Planeten (abgesehen von den männlichen, pubertierenden Fans, die seiner lakonischen Einsamkeit mit offenen Mündern und wütend geballten Fäusten folgten).

Die einst bewunderten TV-Helden wirkten im Vergleich zu ihm noch mehr wie Hochstapler und Flaschen.

Ihre inszenierten Prügeleien muteten angesichts der eigenen Straßenschlachten, nach denen man sich nicht die Haare kämmte, sondern wundgeprügelt in der Dunkelheit auf Schmerzlinderung wartete, absurd und lächerlich. Bei Kämpfen siegte nicht automatisch das Gute, wie uns die Arschlöcher von der Ponderosa weismachen wollten, sondern der stärkere oder brutalere.

McGill wusste das.

Er machte bereits in der ersten Einstellung klar, dass er nicht an alte Wertvorstellungen glaubte und wirklich gefährlich war. Der Mann bewegte sich über den Bildschirm wie ein Panther.
Zum ersten Mal sah man in einer Serie, wie beim Schießen Patronen aus der Pistole flogen.

Erstmals wurde auch gezeigt, wie man sich wirklich verhält, wenn man in ein Haus eindringt, wo die bösen Jungs schon auf einen warten. McGill nahm sich dafür Zeit, nutzte jede Deckung aus und arbeitete sich minutiös wie in einem Melville-Film von Zimmer zu Zimmer vor, darauf achtend, dass kein Licht in seinen Rücken fiel. „Amos Burke“ oder „Simon Templar“ wären wie Elefanten durch die Bude getrampelt, hätten den Kopf ein wenig zur Seite genommen (nicht zu hastig, damit die Frisur nicht verrutscht), um einer Kugel auszuweichen, und dann mit einem langen, langsamen Hieb aus der ganzen Schulter den Bösewicht ohnmächtig geschlagen – ein Hieb, den man auf der Straße nie zu sehen bekam.

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Nicht so McGill: der war ein übler, unglaublich schneller Schläger, der offensichtlich nicht nur zur Freude der Yellow-Press-Fotografen mit Stuntmen ein bisschen herummachte.
Nein, Richard Bradford hatte geboxt, und seinem Gesicht konnte man ansehen, dass er auch einzustecken wusste. Dass aus ihm kein Superstar geworden ist, ist unbegreiflich. Aber wahrscheinlich hat er zu vielen Produzenten aufs Maul gehauen, ohne dabei die Zigarette aus dem Mundwinkel zu nehmen.

McGill war das coolste überhaupt; als dieser Begriff noch keine Anwendung fand.

Und McGill war eigentlich zu hart fürs deutsche Fernsehen – und genau deswegen war er unser Mann.
Er war ein Ex-CIA-Agent (ohne dass der Dienst je namentlich genannt wurde), den man reingelegt hatte, so wie wir damals alle regelmäßig reingelegt wurden, von staatlichen Institutionen wie der Lehrerschaft. So wie McGill seine Unschuld nachzuweisen hatte, musste auch unsereins vor elterlichen Tribunalen oder der pädagogischen Inquisition pausenlos beweisen, dass man nicht irgendwas angestellt hatte. Dabei wurde der Rechtsgrundsatz von der Unschuld bis zum Beweis des Gegenteils von der Blitzkriegsgeneration selbstverständlich außer Kraft gesetzt.
Wir waren also alles in allem nicht viel besser dran als McGill, der eine erhebende Metapher für junge Außenseiter war.

Die Firma beschuldigte McGill, er habe absichtlich nicht verhindert, dass ein westlicher Wissenschaftler zu den Russen übergelaufen war, und Schmiss ihn deshalb ohne Rentenanspruch raus. Natürlich war McGill schuldlos und versuchte das zu beweisen. In der Episode „Man from the Dead“, geschrieben vom genialen Stanley Greenberg, stellte sich seine Unschuld dann auch heraus. Aber da der vermeintliche Überläufer in Wahrheit ein Doppelagent war, konnte McGill natürlich nicht rehabilitiert werden, und seine zynischen Ex-Arbeitgeber ließen ihn weiterhin draußen in der Kälte stehen.

McGill: „Wenn er noch lebt, könnte er mich rechtfertigen.“
Direktor Cofflin: „Niemand kann Sie rechtfertigen, McGill.“

Widerliche Bürokraten sorgten zusätzlich dafür, dass er nicht zurück in die USA konnte, ohne verhaftet zu werden, und setzten ihn auf eine Schwarze Liste. So konnte jeder dumpfe Provinzbulle McGill das Leben noch schwerer machen.
Alles was ihm blieb, war ein Leben aus dem Koffer, mit dem er von einer miesen Absteige in die nächste zog. Er hatte nichts zu verkaufen als seine Arbeitskraft – und wurde so zum ersten proletarischen Krimihelden der Fernsehgeschichte.

„Paranoia heißt, alle Fakten kennen“, schrieb William S. Burroughs einst; McGill bestätigte diese Weisheit Woche für Woche. Um Kohle zu verdienen, nahm er so ziemlich jeden miesen Job an, und oft genug blieb man ihm den Lohn schuldig.

Für Konsumfetischismus und dummes Geplänkel hatte er dabei nichts übrig:

Bankkassierer: „Wie möchten Sie es haben?“
McGill: „Einfach in Geld.“

Nein, McGill ließ sich nichts vormachen. „Sie würden sich wundern, wie oft die eine Hand nicht weiß, was die andere versteckt“, sagte er gern.
Aber er war auch kein Glückspilz. Wenn er schon mal die Chance hatte, an eine satte Million Dollar zu kommen (wie in dem grandiosen Zweiteiler „Variation on a Million Bucks“ von Greenberg), landete er am Ende ohne Geld im Krankenhaus und musste noch dankbar dafür sein, dass jemand für die Kosten aufkam.

Bei fast jedem Job, selbst als Söldner in Afrika (in der Episode „No Friend of Mine“ von John Stanton), gerät er zwischen die Fronten und hat alle Seiten gegen sich. Und eine Suche nach geraubtem Geld, wie in „Which Way Did He Go, McGill?“ mit Donald Sutherland als Killer, konnte natürlich nur ergebnislos bleiben.

„Man in a Suitcase“ schlachtete eine goldene Kuh und schaffte das Happy-End in TV-Serien ab.

Bei diesen brutalen Stories kam in den naiven 60er Jahren manchmal wirklich das Gefühl auf, dass McGill am Ende einer Episode ins Gras beißen könnte. Genau das irritierte den durchschnittlichen Fernsehzuschauer, der schon zur Genüge um Dr. Kimble („Auf der Flucht“; OT: „The Fugitive“) gezittert hatte. Denn McGill war, im Gegensatz zu Kimble, ein echter gesellschaftlicher Außenseiter, und solche Typen schätzten die Mattscheibenspießer überhaupt nicht (weshalb die ARD nach 13 Folgen auch Schluss mit der Serie machte und uns die restlichen 17 Folgen lange Zeit vorenthielt).

Junge Leute, vielleicht die potentielle Zielgruppe dieser existentialistischen Serie, schauten damals nicht fern – schon gar nicht angelsächsische Action-Serien mit dem Geruch des „westlichen Kulturimperialismus“.
So wäre die Serie bei uns fast ein Flop geworden, hätte sie nicht eine der vielen unsäglichen öffentlichen Diskussionen darüber ausgelöst, „wieviel Brutalität denn das Fernsehen anbieten darf“. Damit hatte eine Hamburger Fischverkäuferin keine Probleme:
Als eine Fernsehillustrierte eine Umfrage („Was halten Sie von McGill – ist er zu gewalttätig?“) abzog, antwortete sie: „Der Mann ist eine Sünde wert.“

Selbst die stellenweise recht B-Movie-mäßigen Versuche, beim Publikum durch „geschickten“ Einsatz realer Hintergründe fernab gewohnter Studiokulissen etwas exotische Atmosphäre aufkommen zu lassen, taten der allgemeinen Begeisterung keinen Abbruch. Da wurden Standphotos von der Riviera oder grobkörnige Super-8-Aufnahmen von Rom dazwischen geschnitten, um zu belegen, dass sich McGill auch wirklich in Italien oder sonstwo aufhalten würde. Dabei sah jeder, dass er im lieblos ausgestatteten Elstree-Studio herumtobte.

Aber der Trash-Effekt war letztlich egal, solange nur der Drehbuchautor einen guten Job machte und sich Richard Bradford eine Zigarette in den Mundwinkel schieben konnte. Seit Humphrey Bogart hatte nämlich niemand mehr so cool mit Glimmstengeln hantiert. Was wiederum einige Kritiker auf die Palme brachte, wenn McGill mit Kippe im Mund einem Mittelschicht-Punk eine reinhaute.

Außerdem zeigte man erstmals in einer britischen Serie die dreckigen Londoner Hinterstraßen, auf denen Obdachlose herumlagen und Besoffene in Hauseingänge kotzten.

Als Nebenfiguren tauchten außerdem einige der schlimmsten Freaks auf, die man in einer 60er-Jahre-Serie zu sehen bekam: Donald Sutherland als völlig beknackter Killer in „Which Way Did He Go, McGill?“ oder ein ganzes Dorf voller aggressiver Arschlöcher in „All That Glitters“ von Greenberg, der auch hier wieder McGill am Ende ins Krankenhaus schickte. Und wenn die im deutschsprachigen Raum nie gezeigte Folge „Brainwash“ wirklich die letzte Episode war (was viele Fans behaupten), wissen wir nicht, ob McGill wirklich überlebt hat. Mit ihrer Ideologie der positiven Resignation war „Der Mann mit dem Koffer“ jedenfalls keine echte Sixties-Serie mehr und nahm „Miami Vice“ oder „Wiseguy“ bereits einiges vorweg. Statt sie jedoch an den Pranger zu stellen, hätten die üblichen besorgten Eltern Herrn Bradford lieber Dankschreiben schicken sollen: Er garantierte, dass wenigstens einige Rabauken Freitag abends zu Hause blieben…

Ron Grainer, der einige der besten Titelmusiken der Seriengeschichte komponierte (Stichwort: „The Prisoner“), legte mit der Musik zu „Der Mann mit dem Koffer“ übrigens sein Meisterwerk vor.





Brit Noir: Donald Carters HARD CASE by Martin Compart
15. Februar 2017, 9:47 am
Filed under: Brit Noir | Schlagwörter: , , ,

51jipprbb9l Einer meiner liebsten Brit-Noir-Romane ist gerade wiederentdeckt worden: HARD CASE ist ein – auch in England – fast völlig unbekanntes Meisterwerk des Schwarzen Romans britischer Prägung. Jean van der Vlugt hat eine ausführliche Rezension im BÜCHERTREFF veröffentlicht unter http://www.buechertreff.de/thread/95584-donald-carter-case-hard-case/ .

Dazu noch eine kleine Randbemerkung: Ulrich von Berg hatte sich Anfang der 1990we um die Filmrechte bemüht (ich meine, wir hätten damals auch eine kurze Option gehalten). Wir waren der Meinung, die Geschichte von Eddie Case ließe sich mit geringen Veränderungen auf die „neuen Bundesländer“ übertragen, die gerade von kriminellen Glücksrittern geentert wurden. Leider fand Uli kein Interesse bei den Filmproduktionen. Die waren der Meinung, eine so düstere Story dürfe man doch nicht über den Scheinoptimismus der Wiedervereinigung stülpen.

Das Buch ist nach wie vor ein Geheimtipp. Wem diese, an James Hadley Chase orientierten, Geschichten gefallen, der sollte auch zu Jack S. Scotts DER BASTARD HIESS BRISTOW (Rowohlt-Thriller) greifen. Antiquarisch findet man beide für Cent-Beträge.



BRIT-NOIR: THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: UNDERGROUND von RUSSELL JAMES by Martin Compart

FINDEN SIE POLIZISTEN TATSÄCHLICH INTERESSANT?
– Anmerkungen zu Russell James und der Tradition des britischen Noir-Romans

I.
„Nachdem mein drittes Buch erschienen war und ich am vierten arbeitete, merkte ich, was kein Kritiker bisher bemerkt hatte: Niemand außer mir schrieb in Großbritannien crime stories. Man schrieb Detektivromane, Privatdetektivgeschichten, Polizeiromane. Alle schrieben anti-crime-stories – Gesetzeshütergeschichten. Warum? Finden sie Polizisten tatsächlich interessant?“ James scheint sich der Aussage des Philosophen Peter Sloterdijk nahe zu fühlen, der bemerkte, daß in einer nihilistischen Gesellschaft der Gangster der Einzige ist, der weiß, was er will. Inzwischen sind die Gangsterromane – soweit dieser etwas angestaubte Terminus wirklich zutrifft – von Russell James auch in England kein Geheimtipp mehr, obwohl das GQ-Magazine vor ein paar Jahren noch behauptete: „Er ist das große unbekannte Talent der britischen Kriminalliteratur“, sagte die Times und nannte ihn „einen Kult“. John Williams definierte ihn in The Face als „unheilige Allianz aus Len Deighton und David Goodis“ bezeichnete. Mit etwa einem halben Dutzend Romanen hat sich James als führender Stilist der British Fresh Blood-School etabliert. James konzentriert sich auf die Gangster und ihre Opfer. Die Polizei kommt nur am Rande vor und hat kaum Zugang zu dieser geschlossenen Unterwelt. Es sind die eindrucksvollen Charaktere und die stimmungsvollen wenn auch düsteren Schauplätze, die den Reiz seiner Romane ausmachen. Was man über Chandler sagte, gilt auch für James: Man würde seine Bücher weiterlesen, auch wenn das letzte Kapitel fehlte. „Ich mochte die meisten zeitgenössischen britischen Thriller nicht, als ich mit meinen Noir-Romanen begann. Die meisten neuen Autoren änderten lediglich Details: Statt eines Mannes nahm man eine Frau als Helden und ähnliches. Ich dachte, man müsse auch konzeptionell mehr wagen. Der durchschnittliche Protagonist ist rechts, ein Verteidiger von Ordnung und Autorität. Nicht bei mir. Mein Held in UNDERGROUND ist anders. Er ist links, antiautoritär und gegen die Gesellschaft eingestellt. Er ist gegen alles, an das durchschnittliche Leser und Helden glauben.“

391627[1]

Russell James wurde als Russell Logan am 5.Oktober 1942 in Gillingham, Kent geboren. Er war ein intelligentes Kind, hatte aber eine unglückliche Kindheit: Sein Vater beging Selbstmord. Nachdem seine Mutter erneut geheiratet hatte, schickte man Russell auf eine Kadettenschule. Aber statt sich auf eine militärische Karriere zu stürzen, brach er aus, um sich durch die 6oer Jahre treiben zu lassen. Ohne feste Jobs zog er herum und arbeitete u.a. für einen Radiosender auf Zypern. Dann entdeckte er seine Liebe zum Theater und machte bei einer britischen Theatergruppe so ziemlich alles: Lichtsetzer, Schauspieler, Regisseur. Er schrieb auch Sketche und kleine Stücke, die „heute zum Glück vergessen sind“. In den 70ern wurde er respektabel, heiratete und arbeitete als Manager für IBM. Den Job hielt er sieben Jahre durch, bevor er ihn 1979 hinschmiss und sich selbstständig machte. Er sieht sich als einen einsamen Wolf, der nicht in Organisationen arbeiten kann. Das hat er mit seinen Helden gemeinsam. Als Consulting Manager arbeitet er erfolgreich im direct marketing und hat eine gutgehende Firma in Cheltenham.

Als er Ende der 80er Jahre zu schreiben begann, wusste er genau, daß er nicht gängige Thriller schreiben wollte. Ihn interessierten die Außenseiter und die wenig bekannten Londoner Milieus. „Der größte Teil der Kriminalliteratur langweilt mich. Ich mag keine Polizeiromane (police procedurals), Detektivgeschichten oder Amateurdetektive. Ich bin mehr interessiert am Stil als am Plot. Was für ein Bekenntnis! Der erste Kriminalliterat, der mich begeisterte – ich war damals allerdings erst zwölf Jahre alt – war Peter Cheyney, besonders die Lemmy Caution-Romane. Als Erwachsener beeinflussten mich besonders David Goodis und Cornell Woolrich. Von den jüngeren Autoren mag ich James Sallis. Derek Raymond ist mir manchmal zu deftig – aber ich habe 1989 eine denkwürdige Nacht mit ihm durchgetrunken.“

Seine ersten drei Romane sind von Filmproduktionen unter Option genommen. Sein genauer, filmischer Stil hat die Branche natürlich sofort auf ihn aufmerksam werden lassen. „Portobello Pictures hat ein so entsetzliches Drehbuch aus PAYBACK gemacht, daß es mich nicht wundert, daß das Projekt auf Eis liegt. Elmgate will aus UNDERGROUND eine dreiteilige TV-Serie machen. Tracy Hoffman von Screenage Pictures hat DAYLIGHT unter Vertrag und – das Buch spielt 1990 in Leningrad – wollte es mit einer russischen Firma und russischem Kapital machen. Aber leider ist der Rubel ziemlich abgestürzt. John Malkovich scheint sich für SLAUGHTER MUSIC zu interessieren. Also nichts Greifbares bisher. Ich liebe Noir-Filme, jedenfalls die guten. Ich finde es nicht schlimm, wenn sich Romane wie Filme lesen. Das heißt natürlich nicht, daß ich Bücher schätze, die nur auf eine Verfilmunhin geschrieben wurden. Aber ich liebe visuelle Prosa.“3770148517[1]

II.
Wenn man an britische Kriminalliteratur denkt, meint man meistens die klassischen Detektivgeschichten. Übermächtig überschatten Sherlock Holmes, Agatha Christie oder Dorothy L.Sayers dieses Genre und verstellen den Blick auf unabhängige Strömungen, die als Subgenre mit diesen Klassikern nichts zu tun haben. Trotz verschiedener „Revolutionen“, von Francis Iles Transformation der inverted story bis hin zum Psychothriller der angry young men Anfang der 50er Jahre, wird die britische Kriminalliteratur entweder mit klassischen Detektivromanen oder bestenfalls noch Spionageromanen gleichgesetzt. Diese Betrachtungsweise war immer schon verkürzt und ist heute besonders unzutreffend: Um 1990 begannen neue britische Autoren die kriminalliterarische Landschaft ihrer Heimat zu verändern.

derek-raymondcardinaldocu[1]Der Schock, den Derek Raymond in den 80er Jahren der britischen Kriminalliteratur verpaßt hatte, zeigte Wirkung und rüttelte das Genre aus der Lethargie – eine zweifellos kommerziell erfolgreiche Lethargie, wie die Auflagen von P.D.James, Martha Grimes, Ruth Rendell, Len Deighton oder John LeCarré zeigten. Aber die neuen Autoren wollten jenseits von klassischen Detektivromanen, Psychothrillern oder Polit-Thrillern die Mean Streets Britanniens wiederentdecken. Derek Raymond hatte mit seiner Factory-Serie an eine Tradition erinnert, die trotz gelegentlicher Einzelleistungen keine Bedeutung zu haben schien: an die höchst eigenwillige britische Noir-Tradition, die zwar einige Meisterwerke hervorgebracht hatte, aber nie so stilprägende Autoren wie die amerikanischen Vettern mit Dashiell Hammett, James M.Cain, Raymond Chandler, W.R.Burnett, Mickey Spillane, Jim Thompson, David Goodis oder Ross Macdonald. Der britische Noir-Roman, wenn nicht einfach nur kommerzieller Epigone der Amerikaner, war ein im Schatten blühendes Pflänzchen, das von wenigen Autoren gepflegt wurde und von wenigen Lesern, die sich damit als wahre Afficionados erwiesen, in eine Tradition eingeordnet wurde. Selbst der große Kriminalliteraturtheoretiker Julian Symons hat in seinem verdienstvollen Standardwerk BLOODY MURDER diesen Teil der britischen Kriminalliteratur unterschlagen oder einzelne Autoren nur isoliert betrachtet. Folgerichtig waren es weniger die eigenen Traditionen, die die Fresh-Blood-Autoren Ende der 80er Jahre inspirierten. Es waren die zeitgenössischen Amerikaner wie Elmore Leonard, Carl Hiaasen, Charles Willeford, James Crumley oder James Ellroy, die den Wunsch auslösten, eine ähnliche Literatur zu produzieren.

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Ursprünge der britischen Noir-Literatur lassen sich auf die Thriller von Autoren wie Leslie Chateris, Sidney Horler oder Peter Cheyney zurückführen, die alle bezeichnenderweise in dem englischen Pulp-Magazin The Thriller in den 20er- und 30er Jahren Geschichten um gesellschaftliche Außenseiter veröffentlichten. Natürlich waren diese Autoren keine Noir-Autoren im heutigen Sinne. Aber ihre atmosphärische Darstellung der Vorkriegszeit hatte etwas Beklemmendes und Düsteres. Robin Cook alias Derek Raymond sieht die Urväter des Noir-Romans durchaus in Autoren wie Shakespeare, der wie kein anderer die dunklen Gefilde der Seele ausleuchtete, William Godwin, dessen CALEB WILLIAMS wohl die erste hard-boiled novel ist und die Pulp- oder Black-Mask-Revolution vorwegnahm, Henry Fielding mit seiner Gangsterbiographie JONATHAN WILDE und natürlich Charles Dickens, der den Horror der urbanen Industriegesellschaft wie kein anderer einfing. Interessierte sei Derek Raymonds autobiographisches Buch, das gleichzeitig eine brillante Betrachtung der Noir-Literatur ist, empfohlen: DIE VERDECKTEN DATEIEN ist als erster Band der DUMONT NOIR-Reihe erschienen.

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Das Geburtsjahr des modernen britischen Noir-Romans war 1939. In diesem Jahr debütierte Rene Raymond alias James Hadley Chase (1906-85) mit seinem ultrabrutalen, in einem mythischen Amerika angesiedelten Roman NO ORCHIDS FOR MISS BLANDISH (KEINE ORCHIDEEN FÜR MISS BLANDISH; zuletzt im Ullstein Verlag 1989). Obwohl er später harte Geschichten aus der Londoner Unter- und Halbwelt erzählte, kehrte er immer wieder in sein fiktionales Amerika zurück. Wie andere große Autoren schuf sich Chase einen eigenen Kosmos um die fiktive Stadt Paradise City. Chase, der die USA nur von einem einzigen Kurztrip kannte, ließ seine besten Romane in Chase County spielen, in dem er den Sozialdarwinismus der kapitalistischen Gesellschaft ungeschminkt vorführen konnte. Chase erzählte schmutzige, schnelle Geschichten über wenig sympathische Menschen, die für Sex, Macht und Geld alle gesellschaftlichen Normen brechen. Er zeichnete ein düsteres Bild der westlichen Zivilisation, in der jeder der Wolf des Mitmenschen ist, wenn er nicht untergehen will. Initialzündung für seinen Kosmos war James M.Cains THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE (WENN DER POSTMANN ZWEIMAL KLINGELT; Heyne 1987). Später schrieb Chase manch besseren Cain-Romane als Cain selbst. Autoren wie Jackson Budd, Gerald Kersh, David Craig, James Barlow, Jack Monmouth und andere schrieben finstere London-Novels über die Unterwelten der Metropole bis in die 60er Jahre hinein.

1941 erschien ein weiterer Meilenstein: A CONVICT HAS ESCAPED von Jackson Budd, einem Pseudonym von William John Budd (1898- ?). Der Roman zeigt ein beeindruckendes Bild der Londoner Eastend-Unterwelt während des Krieges. Dem Helden werden Schiebereien und Schwarzmarktgeschäfte zum Verhängnis. Das Buch wurde 1947 von Alberto Cavalcanti mit Trevor Howard unter dem Titel THEY MADE ME A FUGITIVE verfilmt. Ein harter und düsterer Film ohne Happy End, der die Handlung in die Nachkriegszeit verlegte. Budd hatte bereits in den frühen 30er Jahren Kriminalromane zu schreiben begonnen, aber keines seiner Bücher übertraf diesen Noir-Klassiker.

Anfang der 60er Jahre nahm die Öffentlichkeit stärker davon Notiz, dass es Gangster oder zumindest eine Halbwelt in London gab. Immer öfter tauchten Geschichten über die Krays-Zwillinge in den Zeitungen auf, die vom Eastend aufgebrochen waren, um auch im Nachtklubgeschäft des Westends Fuß zu fassen. Der 1962 veröffentlichte Roman DEATH OF A BOGEY (TOD EINES GREIFERS; Heyne 1963) von Douglas Warner ist wohl der erste Kriminalroman, der den Krays-Mythos thematisiert. Die Informationen über die Krays-Gang, hier Lane-Bande genannt, die indirekt in den Roman einfließen, sind zwar aus heutigem Kenntnisstand manchmal naiv, scheinen aber nicht nur aus der Zeitungslektüre zu stammen. Gut beschrieben ist vor allem die Mauer des Schweigens im Eastend, die die Krays so lange schützte und deren Zerstörung erst ihre Festnahme ermöglichte. Douglas Warner war ein Pseudonym für Desmond Currie und Elizabeth Warner, die bis 1968 sechs harte Krimis über die Schattenseiten Londons veröffentlichten.

Eine besondere Position kommt dem 1921 in Leeds geborenen Ex-Polizisten John William Wainwright zu. Gemeinhin gilt er seit seinem ersten Buch, das 1965 erschien, als ein herausragender Autor des britischen Polizeiromans. Im Gegensatz zu den police procedural-Autoren und seinem Lieblingsautor Ed McBain behandelt Wainwright in seinen Polizeiromanen immer nur einen einzigen Fall. Bemerkenswert ist auch die frühe Betonung des Organisierten Verbrechens. Seine Helden stehen in ihren Extremsituationen den schwarzen Thrillern näher als den durchschnittlichen Polizeiheroen. Beispielsweise scheut sich einer seiner Serienhelden, der ein Anhänger der Todesstrafe ist, nicht, einen jugendlichen Mörder sofort hinzurichten. Die Methoden der Polizei und die der Gangster sind bei Wainwright fast identisch. Er treibt die erstmals bei John Bingham auftauchende Negativdarstellung der britischen Polizei noch weiter. Das scheint angesichts der beruflichen Vergangenheit des Autors noch beängstigender. Seine bisher überzeugendste Leistung im Schwarzen Roman ist seine Tetralogie um den Ex-Polizisten Davis, der die Fronten wechselt. Stilistisch überzeugend zeigt Wainwright Intimes aus der Unterwelt und Charaktere, die der Leser so schnell nicht vergißt.

Mitte der 50er Jahre erschien James Henry Stanley Barlow (1921-73) auf der kriminalliterarischen Bühne und wurde mit einer Handvoll bösartiger, schwarzer Romane zum Geheimtip. Die Kritik haßte (oder ignorierte) Barlow mit ebensolcher Vehemenz wie schon zuvor Chase. Sein großer Wurf war der 1968 erschienene Roman THE BURDEN OF PROOF, der gleichzeitig sein letztes Buch war. In diesem Roman befaßte sich Barlow auf ganz eigene Art mit den Krays-Mythos, indem er Ronnie Kray in der Figur des psychopathischen Gangsterboßes Vic Dakin ein Denkmal setzte (in der Verfilmung wurde er von einem umwerfenden Richard Burton gespielt). Nicht von ungefähr erschien der Roman in dem Jahr, als sich die Schlinge des Gesetzes um die Terrible Twins zuzog. Auch Barlow zeigt ein realistisches Bild der Londoner Unterwelt. Dem Sadisten Dakin gelingt es dank der herrschenden Korruption, genau wie den Krays, lange Zeit vom Gesetz unangetastet seine Terrorherrschaft über das Eastend auszuüben.

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Der 1929 geborene Allan James Tucker schrieb unter dem Pseudonym David Craig einige Kriminalromane mit großer thematischer Spannbreite. In Erinnerung geblieben sind den Thriller-Fans vor allem seine Spionageromane. Aber er unternahm 1974 auch einen gelungenen Ausflug in den Noir-Roman mit WHOSE LITTLE GIRL ARE YOU? (JILL UND DIE BOYS; Goldmann, 1974) und schuf einen englischen Klassiker des Genres. Die Geschichte um die entführte Tochter und die Ex-Frau eines geschiedenen Ex-Kriminalbeamten und Alkoholikers, der sich mit der Londoner Unterwelt und dem neuen Gatten seiner Frau anlegt, wurde 1977 erfolgreich von Michael Apted mit Stacy Keach und David Hemmings als THE SQUEEZE (DER AUS DER HÖLLE KAM)verfilmt. Die Adaption gehört zusammen mit GET CARTER und VILLAIN (DIE ALLES ZUR SAU MACHEN), der Verfilmung von THE BURDEN OF PROOF, zu den drei großen britischen Noir-Filmen des Jahrzehnts und zu den Klassikern des Noir-Kinos überhaupt. Natürlich hatte auch Craig die Prozesse gegen die Krays-Zwillinge und die südlondoner Richardson-Gang verfolgt. Spätestens nach dem großen Gerichtsverfahren gegen die Krays-Zwillinge und ihre „Firma“, die als Gangsterimperium das Eastend Londons und mehrere Klubs im Westend umspannte, wußte man, daß diese Autoren keine Spinner waren, sondern das Großbritannien über eine organisierte und funktionstüchtige Unterwelt verfügte. Was Al Capone für Autoren wie W.R.Burnett, Armitage Trail und den amerikanischen Gangsterroman war, sind die Krays für den britischen Noir-Roman: Seit den Romanen von Douglas Warner aus den frühen 60er Jahren beeinflußt ihr Mythos bis heute die Literatur.

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Die Krays waren bereits ein Jahr hinter Gittern, als ein Mann im schwarzen Roman debütierte, der heute zu Recht als einer der Giganten gefeiert wird: Ted Lewis (1940-80). Der geniale Trinkkumpan von Derek Raymond griff auf eigene Erfahrungen zurück, als er 1970 in dem all-time-classic JACK’S RETURN HOME (JACK CARTERS HEIMKEHR; Bastei 1987) seinen Unterweltstroubleshooter Jack Carter in eine völlig verrottete nordenglische Industriestadt, der Lewis‘ Heimatort Newcastle als Vorbild diente, schickte, um für richtigen Ärger zu sorgen. Derek Raymond billigte dem Meisterwerk eine Schlüsselstellung zu und weist darauf hin, daß in „dem Buch kein falsches Wort steht“. Darüberhinaus meinte Raymond, daß jede Episode des Romans authentisch ist und nichts von Lewis erfunden wurde. Mike Hodges verfilmte den Roman mit Michael Caine unter dem Titel GET CARTER; ein Kultfilm, der in den letzten Jahren in England wiederentdeckt und geradezu hysterisch gefeiert wird. Russell James‘ dritter Roman PAYBACK – DIE RÜCKKEHR DES FLOYD CARTER ist eine direkte Reminiszenz an diesen Klassiker. Aber James wäre natürlich nicht James, wenn er nicht seine eigene Stimme im Roman unverwechselbar erklingen ließe. „Meine Bücher spielen unter den armen Schluckern im Südosten Londons. Ich schreibe über Punks und Außenseiter, über harte Burschen und miese Geschäftemacher. Diejenigen, die das Verbrechen bekämpfen – Polizisten und Detektive – kommen so gut wie nicht in meinen Büchern vor – auch wenn sie peripher natürlich existent sind.“ Eine detaillierte Bestandsaufnahme des britischen Noir-Romans und seiner verzweigten Traditionen (etwa zur London Novel oder zum britischen Privatdetektivroman) kann hier nicht geleistet werden, wird aber Bestandteil des ersten DUMONT NOIR-READERS sein, der in dieser Reihe folgen wird. Aber die genannten Autoren und Werke machen deutlich, daß Russell James der Erbe eines faszinierenden Subgenres der Noir-Literatur ist.

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III.
James ist unter den neuen britischen Autoren der schärfste Beobachter der gesellschaftlichen Verhältnisse. Er beschreibt genau den sozialen Niedergang Englands und die Hörigkeit der politischen Klasse gegenüber dem Großkapital. UNDERGROUND, entstanden noch in der Ära John Major, führt den Alptraum vor, den die Schwachen und sozial an den Rand gestellten durchleben. Der Horrortrip durch die weiten Maschen des sozialen Netzes scheint dem Ich-Erzähler mehr zuzusetzen als die lebensgefährlichen Auseinandersetzungen mit seinen professionellen Gegnern. „Ich gehe nicht soweit zu sagen, das Kriminalität verschwindet, wenn man das Big Business säubert. Aber durch Wirtschaftskriminalität werden mehr Werte zerstört als durch alle anderen Verbrechen zusammen“, sagt der Autor, der den Gangstermythos wiederbelebt hat und weiter: „Gangster sind soziale Anarchisten. Sie teilen nicht unser kleinbürgerliches Wertsystem. Sie haben nicht denselben Gesellschaftsvertrag unterschrieben, der für uns brave Bürger bindend erscheint. Sie glauben an andere Regeln. Und es gibt diese Regeln. Die wichtigste lautet: Betrüge nie einen anderen professionellen Gangster. In der vermeintlich nicht-kriminellen Welt unserer Gesellschaft gibt es jeden Tag Beweise für gnadenlose Brutalität und Betrug: Familien verlieren ihre Wohnungen, kleine Geschäfte müssen schließen, weil sie von großen Konzernen fertig gemacht werden, den Menschen werden ihre Jobs gestohlen usw. Gleichzeitig werden riesige Summen verteilt, freiwillig oder als Bestechungsgelder, nur um die sogenannte legale Macht zu festigen oder zu erobern.“ Russell James glorifiziert dasselbe Wertesystem einer mythischen Unterwelt, das auch schon der genialste Noir-Filmer, Jean-Pierre Melville, in seinen Kultstreifen von BOB LE FLAMBEUR (DREI UHR NACHTS) bis UN FLIC (DER CHEF) ausgebreitet hat. Zweifellos wären Russell James‘ Romane ganz weit oben auf Melvilles Adaptionsliste, wenn er noch leben würde. Bevor James mit seinem dritten Roman PAYBACK wieder nach Deptford zurückkehrte, schrieb er DAYLIGHT. In diesem Buch zeigte er scharfsinnig die unterschiedlichen Unterweltskonzepte von russischen und westlichen Kriminellen. „Die Art Bücher, die ich schreibe, sind das Äquivalent zu den Warner Brothers-Filmen der 30er Jahre. Schwarzweißfilme, die das ganze Gegenteil der Hollywood-Musicals waren. Noir-Themen sind so erfrischend wie ein gutgesungener Blues.“

https://www.youtube.com/user/booksmatter

https://russelljamesbooks.wordpress.com/

Der Text ist mein Nachwort des Dumont-Noir-Romans UNDERGROUND.
https://www.amazon.de/Underground-DuMont-Noir-Russell-James/dp/3770148517?ie=UTF8&*Version*=1&*entries*=0



IM PESTHAUCH DER NAZIS – PHILIP KERR und seine BERNHARD GUNTHER-SERIE by Martin Compart

“ Several elements account for the excellence of the Gunther books. First, Kerr is a fine novelist; in terms of narrative, dialogue, plot, pace and characterizations, he’s in a league with John le Carré and Alan Furst.“

THE WASHINGTON POST

Wenn man von den Großmeistern des zeitgenössischen Thrillers (Autoren, die in den 1970er. und 1980er Jahren begonnen haben) spricht, darf ein Name nicht fehlen: Philip Kerr. Er gehört neben Robert Harris zu den Thriller-Autoren mit dem breitesten thematischen Spektrum. Am berühmtesten ist wohl seine Serie um den Berliner Ex-Polizisten und Privatdetektiv Bernie Gunther, in der Kerr die unterschiedlichsten Aspekte des 3.Reiches behandelt: Vorkriegszeit, 2.Weltkrieg, Kriegsverbrechen, Zusammenbruch und Nachkrieg, Rattenlinie und die Verpflichtung deutscher Kriegsverbrecher durch die Amerikaner.

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Sein Vater starb mit 46 Jahren – er war damals 22 –, was einen Schock bei dem bis dato gläubigen Baptistensohn auslöste und religiöse Ideologien bis heute erledigte. „Als Kind besuchte ich an manchen Sonntagen dreimal die Kirche.“
Nach seinem Studium in Birmingham arbeitete der 1956 in Edinburgh geborene Philip Kerr in der Werbeagentur Saatchi & Saatchi, „wo jeder an einem Roman arbeitete außer denen, die zum Lunch gingen“. live_let_die_book2[1]Seine Leidenschaft für die Literatur hatte sich früh herausgebildet: „Ich wurde mit sieben, acht Jahren zum leidenschaftlichen Leser. Zwischen 1956 und 1968 konnte man in Edinburgh sowieso nichts anderes tun. Mein Vater hatte ein Regal mit für Kinder verbotenen Büchern. Nachdem ich entdeckt hatte, wo der Schlüssel dazu versteckt war, wurde das meine Lieblingsbibliothek. Darin befanden sich Ian Fleming, Mickey Spillane, Dennis Wheatley, LADY CHATTERLEY´S LOVER usw. Die Bond-Romane gefielen mir am besten. Und von allen Bonds war mir LIVE AND LET DIE der liebste. Ich liebte die alten Pan-Taschenbuchausgaben.“

In den 1980 ern schrieb Kerr seine ersten Romane: Fünf Bücher im Stil von Martin Amis, die kein Verlag haben wollte. Ende der 1980er schrieb er dann den ersten Berlin-Noir-Roman: MARCH VIOLETS. Er betrat die Bühne des historischen Kriminalromans wie ein Eigentümer sein Grundstück. So wie er hatte zuvor niemand einen der vier deutschen Exportschlager der Pop-Kultur genutzt (die anderen neben den Nazis sind Fußball, Kalter Krieg mit Wiedervereinigung und Kraftwerk).

Die Idee zu Bernie Gunther kam Kerr, als er darüber nachdachte, was Raymond Chandler wohl geschrieben hätte, wenn er statt nach Los Angeles nach Berlin gegangen wäre.
„Berlin symbolisiert wie keine andere Stadt das 20. Jahrhundert für mich.“

Kerr sieht sich als Erzähler, der eher an der Story interessiert ist als an Stil. Aber sein scheinbar leicht dahin fließender, müheloser Stil ist genauso wenig kunstlos wie etwa der von Eric Ambler.
„Ich sehe mich als Autor in der Tradition des politischen europäischen Romans.“
Die Gunther-Romane sind zu 40% Privatdetektivromane und zu 60% politische. Aber schon bei Dashiell Hammett galt, dass das System die größten Verbrechen begeht.
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Nach der erfolgreichen Berlin-Noir-Trilogie stoppte er 1991 überraschend mit Bernie Gunther-Romanen. „Ich suchte neue Risiken als Autor. Verlage wollen, dass man immer das gleiche Buch schreibt, wenn man damit erfolgreich ist. Ich will immer neue Bücher schreiben, neue Themen recherchieren. Außerdem watete ich schon zu lange in diesem Nazi-Dreck. Es war schon so, als würde ich mit denen zusammenleben, und nach jedem Buch hatte ich das Gefühl, ich müsste mir ihren ganzen Schmutz abwaschen.“ Außerdem hatte er wohl keine Lust, als Nischenikone in die Kriminalliteratur einzugehen.

In den 15 Jahren seit der Berlin-Noir-Trilogie hat sich Kerr als Autor weiterentwickelt. Er schrieb eine ganze Reihe von Standalone-Thrillern, darunter Wissenschaftsthriller, die ihm das Etikett als „britischer Michael Crighton“ einbrachten.GW180H295[1] Ein Anspruch, dem Kerr nicht entsprechen konnte und wollte. Kerr hat haufenweise Literaturpreise eingesackt. Darunter auch den „Bad Sex in Fiction Award“ der Literary Review 1993 für die Sex-Szenen in GRIDIRON (GAME OVER). Ein herausragender Thriller aus dieser Zeit ist DEAD MEAT, der im Russland Jelzins während der großen Mafia-Kämpfe spielt. Die BBC produzierte den Roman 1994 als ebenso gelungenen Dreiteiler GRUSHKO mit Brian Cox in der Titelrolle (der Dreiteiler ist, wie auch die Deighton-Serie GAME,SET, MATCH, als Zweiteiler zweimal bei Vox ausgestrahlt worden, um dann für immer in den flachen Hirnhöhlen des Kurzzeitgedächtnises der zuständigen TV-Redakteure zu verfaulen).

„Ich schreibe jeden Tag – selbst Weihnachten. So definiere ich mich – durch das Schreiben. Das Wunderbare daran ist, dass man nie damit aufhören muss. Als Autor muss ich nicht in Rente gehen. Ich will an meinem Schreibtisch sterben – mitten in einem Satz.“ Dabei hilft ihm seine selbstbezeugte Asozialität: „Genau wie Bernie Gunther habe ich keine Freunde. Ich brauche sowas nicht.“
Was er hat und braucht, ist seine Familie: Er ist mit der Schriftstellerin Jane Thynne verheiratet, und das Paar hat drei Kinder. Diese waren Auslöser für eine zweite Karriere als Kinderbuchautor mit der Serie CHILDREN OF THE LAMP, die er als „P.B.Carr“ verfasst.
Inzwischen hat Kerr, der angeblich in 40 Sprachen übersetzt wird, die Filmrechte an 14 Romanen verkauft; keines ist realisiert worden. „Was für eine Geldverschwendung! Der einzige, der was davon hat, bin ich.“

Sogar in Deutschland ist Kerr recht erfolgreich: Die Noir-Trilogie verzeichnete 2013 die 7.Auflage, und die meisten neuen Titel sind in einer 2.Auflage bei Rowohlt lieferbar. Erstaunlich für deutsche Buchkäufer, denn ganz ohne Verabredung haben wir uns alle daran gewöhnt, Qualität zu meiden.

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2006 kehrte er überraschend zu seinem Helden zurück: Mit THE ONE FROM THE OTHER begann er der Figur neue Dimensionen zu geben. Mit den Folgebänden sprengte er Bernies formbedingte Charaktermaske immer weiter auf. Die Verbrechen, an denen Gunther im Krieg beteiligt war, hatten seine Natur verändert. Während des Krieges wurde er suizidgefährdet, was sich auch im Nachkrieg fortsetzt.hagee[1]

Mit seiner Serie um den Polizisten, SD-Mann, Privatdetektiv und Agenten Bernie Gunther schuf Philip Kerr etwas völlig Neues und Originelles innerhalb der Kriminalliteratur. Dank seiner Vorarbeit wagen sich inzwischen auch deutsche Autoren an zeitgeschichtlich eingebettete Romane, die in der Weimarer Republik oder im 3.Reich angesiedelt sind (obwohl es da bereits frühere Werke gab, wie etwa Kirsts NACHT DER GENERÄLE oder Romane von Simmel).

Der historische Privatdetektivroman entstand in den 1970er Jahren in den USA. Am Anfang steht der Film CHINATOWN von Roman Polanski und TV-Serien wie CITY OF ANGELS und BANYON. Literarisch nutzte zuerst Andrew Bergman die Form, gefolgt von Stuart Kaminksky und Joe Gores mit HAMMETT, bis 1984 Max Allan Collins mit seiner Nate Heller-Serie neue Dimensionen eröffnete.

Die Sprache ist angelsächsischer hard-boiled und nimmt den Romanen gelegentlich ihr authentisches Flair. Allerdings erhält man dafür im Gegenzug auch unterhaltsame Wisecracks („Lebensraum für uns hieß, andere sollten erst mal ihr Leben lassen.“, „Die Getränkepreise bissen wie Senfgas in meine Augen.“). Ein deutscher Kritiker verwechselte gar diesen genreimmanenten Wortwitz mit „Berliner Humor“.

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Das Transponieren des typisch amerikanischen Privatdetektivs ins dritte Reich hat etwas Künstliches. Denn immer wieder schlagen die angelsächsischen Genremuster durch und unterordnen das Authentische der genauen Recherche. Manchmal wirkt das, als hätte Kerr einen Film für Fritz Lang geschrieben. Das durch Gunther zu oft behauptete Unverständnis für die Nazis und ihr Regime zeigt einmal mehr den angelsächsischen Standpunkt; jeder deutsche Widerstandskämpfer verstand sehr wohl die Denkweise von Gestapo, SD und SS. Man spürt immer wieder, dass Gunther keine deutsche Privatdetektivfigur ist, sondern angelsächsische Mentalität verkörpert.

Deswegen funktionieren, bei aller Liebe und Verehrung für die Berlin-Noir-Trilogie, die späteren Romane, insbesondere die Nachkriegsromane m.E. besser. Denn in dieser Zeit ist Bernie eher eine Art Geheimagent (bzw. im System integrierter Funktionär) als Privatdetektiv. Besonders die Bücher oder Handlungselemente, in denen Gunther bereits in das Unrechtssystem eingegliedert ist und selber schuldig wurde, wirken erschreckender und weniger artifiziell. Trotzdem schlägt das angelsächsische Element immer wieder mal durch. Diese Kritik schränkt die Qualität der Serie nicht ein. Auch in Privatdetektivromanen, die in der angelsächsischen Welt oder sonstwo spielen, ist der PI – von Race Williams über Tarpon bis Harry Bosch – ein idealisierter Kleinunternehmer oder eine heroisierte Ich-AG, eben eine Kunstfigur, die Prinzipien verkörpert. Sie steht für die schöne Utopie, dass man in komplexen Gesellschaften individuell Gerechtigkeit gegen das System durchsetzen kann. Und sie dient den besseren Autoren dazu, das gesellschaftliche System oder bestimmte Milieus sittenbildlich und politisch zu durchleuchten.

Die paar Probleme, die ich mit Bernie habe, sind dann auch typisch deutsch. Sie beruhen auf dem Gegensatz zwischen den bekannten Realitäten im 3.Reich und der Behauptung, ein Individuum hätte für sich demokratisch-angelsächsische Freiräume behaupten können. Den Briten ist mein kleinliches Gemäkel natürlich fremd. Der „Guardian“ brachte die Qualität von MARCH VIOLETS auf den Punkt; „…an impressive debut that catches the nasty taste of the jackboot era and the wisecracking flavor of the pulps.”
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Michael Drewniok hat in seiner Rezension zu WOLFSHUNGER in der „Krimi-Couch“ auf die Authentizitätsschwäche der Figur hingewiesen: „Ein so frecher und großmäuliger Zeitgenosse wie Gunther dürfte in der realen Zeit keine lange Lebensdauer gehabt haben.“ Es ist eben etwas anderes, ob Marlowe in LA mit Captain Gregorious spricht oder Gunther in Berlin oder Prag mit Heydrich. Insofern suggeriert Kerrs Figur eine Autonomie, die höchst unwahrscheinlich ist und bei einem deutschen Kritiker einfältiges Wunschdenken auslöste: „So hätte man seine eigenen Familienmitglieder gerne in der Nazizeit agieren gehabt“. Derselbe Kritiker versteigt sich in kleinbürgerliche Romantik, wenn er dies und die Figur Gunther als realistisch verteidigt. Als ob dies für einen nicht-naturalistischen Roman ein Qualitätsmerkmal darstellt. Kerr schreibt nun mal Genre-Romane über eine unrealistische Figur, die innerhalb ihrer Parameter aber absolut glaubwürdig ist. Der entscheidende Realismus bezieht sich auf die Zeitgeschichte. Gunthers mean-streets sind die Kreuzungen, wo Geschichte zur Tragödie wird.
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Dieses Zeitkolorit erscheint dafür umso realistischer: Nie wurde mir zum Beispiel deutlicher als in PRAGUE FATALE vermittelt, dass im Berlin nach Stalingrad das katastrophale Ende des Krieges in allen Poren der Stadt bereits spürbar war. Auch da setzt Kerr die richtigen Details, um die Situation atmosphärisch spürbar zu gestalten. Dabei verhärtet sich die Theorie, dass dem Regime nun die Judenvernichtung wichtiger war als der Endsieg. Seine Abbildungen des Argentiniens der Nachkriegszeit oder des Kubas zu Beginn der Revolution bewirkt wahrscheinlich mehr (und tiefere) Erkenntnisse als manches Sachbuch.

Kerrs bevorzugter Recherche-Ort ist die Wiener Bibliothek am Londoner Russell Square. Alfred Wiener baute sie in den 1930er Jahren auf und brachte sie 1939 aus Amsterdam nach London, wo die Zeugnisse aus dem Widerstand vom britischen Geheimdienst während des 2.Weltkriegs studiert und ausgewertet wurden. Laut Kerr ermöglicht das Studium der Bibliothek noch heute täglich neue Erkenntnisse zum dritten Reich.
„Je mehr Details ich habe, um so leichter fällt mir der Method-Acting-Trick mich in die Zeit zu versetzen.“

Und von Recherche versteht der studierte Rechtsphilosoph mindestens soviel wie von Zeitgeschichte.
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Wie Kerr seine Recherchen aufbereitet und zum Bestandteil der Story macht, ist von großer Intensität und Kunst. Da kommt der 1956 geborene Schotte rüber wie ein wortgewaltiger Augenzeuge. Oder wie der Großmeister des historischen Privatdetektivromans, Max Allan Collins, sagt: „Geschichte ist erst dann interessant, wenn sie uns in Form von Geschichten nahe gebracht wird. Man hüte sich davor, den Schwanz der Recherche mit dem Hund der Geschichte wedeln zu lassen.“ Genau darin liegt eine der großen Stärken Philip Kerrs: Er betreibt Aufklärung mit den Mitteln des Romans, Leser, die sich ansonsten nie für Geschichte im Allgemeinen oder die des Nazismus im Besonderen interessieren, erreicht er mit den literarischen Techniken des Polit-Thrillers und des Privatdetektivromans. Der zynische Ton des Privatdetektivromans ist vielleicht zeitgemäße Form, politische Verbrechen zu kommentieren. Wiederum ist es wohl typisch deutsch, dass ich diesen didaktischen Ansatz betone. Aber die Aufarbeitung unserer Geschichte erscheint angesichts der verordneten Bildungslosigkeit heute nötiger denn je. Da leistet der Brite mehr als die meisten deutschen Autoren – egal welchem Genre zugehörig.978-3-499-25702-5.jpg.608651[1]

In den Romanen ab 2006, also nach Afghanistan- und Irak-Überfall, drückt sich Kerrs angenehmer politischer Anti-Amerikanismus immer breiter aus. Besonders in FIELD GREY, wo Bernie für die USA Erich Mielke jagen soll. Ganz bewusst wählt er eine Diktion, die der Leser direkt auf die Gegenwart beziehen kann oder soll:

„Neue Feinde und der Hunger nach neuen Siegen ließen sie in ihren schwimmenden stahlgrauen Städten des Todes hocken, wo sie Coca-Cola tranken, ihre Lucky Strikes rauchten und sich bereitmachten, den Rest der Welt von dem unsinnigen Bedürfnis zu befreien, anders sein zu wollen als die Amerikaner. Denn jetzt waren nicht mehr die Deutschen, sondern die Amerikaner die Herrenrasse, und statt Hitler und Stalin war nun Uncle Sam das Gesicht eines neuen Weltreiches.“

Oder noch härter:

„Gleich nach dem Start bot sich mir ein schöner Blick auf die Freiheitsstatue. Ich hatte den sonderbaren Eindruck, dass die Lady in der Toga den Arm zum Hitlergruß erhoben hatte.“

Nach Landraub, Völkermord an den Indianern und Kolonialkriegen im „Hinterhof“ sieht Kerr einen weiteren Sündenfall: Indem sie Kriegsverbrecher und Massenmörder in die eigenen Reihen eingliedern, setzen die USA den Nazismus als Cola-Light-Version fort (was sich heute symbolisch darin äußert, dass Amerikaner, im Gegensatz zu allen anderen Völkern, der internationalen Gerichtsbarkeit nicht unterworfen sind).

Kerr hält sich in der Veröffentlichungsreihenfolge an keine Chronologie. Er springt mit jedem neuen Roman durch die Nazi-Geschichte, von den Anfängen des Regimes bis zum Einsatz von Kriegsverbrechern durch die Amerikaner in Lateinamerika. Man könnte die Serie etwas gewagt als „Odyssee der Nazis“ benennen, die weit in die Nachkriegszeit reicht und auf deren Strukturen Neo-Nazis noch heute zugreifen können. Kerr gelingt ein komplexes Bild politischer Zusammenhänge, die dank seines literarischen Könnens genauso faszinierend wie unterhaltsam und aufklärerisch sind. Damit hat er – um es nochmals zu betonen – innerhalb der Kriminalliteratur, jeder Form von Literatur, etwas einzigartiges geschaffen.

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DIE BERNIE GUNTHER-SERIE:

March Violets, 1989. Feuer in Berlin, Rowohlt, Reinbek 1995.

The pale criminal, 1991. Im Sog der dunklen Mächte, Rowohlt, Reinbek 1995.

A German Requiem, 1991. Alte Freunde, neue Feinde, Rowohlt, Reinbek 1996.

The One from the Other, 2006). Das Janusprojekt, Rowohlt, Reinbek 2007.

A Quiet Flame, 2009. Das letzte Experiment. Wunderlich, Reinbek 2009.

If The Dead Rise Not, 2010. Die Adlon-Verschwörung. Rowohlt, Reinbek 2011.

Field Grey, 2011. Mission Walhalla. Rowohlt, Reinbek 2013.

Prague fatale, 2011. Böhmisches Blut. Rowohlt, Reinbek 2014.

A Man without Breath, 2013. Wolfshunger. Rowohlt, Reinbek 2014.

The Lady From Zagreb, 2015.

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P.S.: Eines der besten Interviews mit Kerr (aus dem ich mich hier auch verschiedentlich bedient habe) ist das von J.Kingston Pierce für „The Rap Sheet“:

http://therapsheet.blogspot.de/2010/04/intimidating-mr-kerr.html

Die Lektüre sei hiermit wärmstens empfohlen; darin finden sich so herrliche Aussagen wie:

PK:My parents weren’t really bookish. My father joined the Book of the Month Club, but it was me who read the books. Scots people don’t go in for encouraging children so much as warning them against masturbation and reefers. My mother was forever warning me against smoking reefers; and she believed in white slavery. She was always telling my sister about the dangers of that. As a boy I rather liked the idea of white slavery. Still do. The Scots never really liked me. I’m dark, you see, and they thought I was a bit racially suspect. As a result, I don’t really like the Scots very much. It’s hard to feel much warmth for your own race when they’ve rejected you.

JKP: Do you have siblings? And are your parents still living?

PK: I have a sister, still living. And a sister, who’s not still living. [My] parents have moved on to the next world.

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BRIT-NOIR: NEUAUSGABE VON LAIDLAW by Martin Compart
14. September 2014, 4:58 pm
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laidlaw[1]Der Verlag Antje Kunstmann versucht sich nach den beiden George V.Higgins-Bänden erneut an der Herausgabr eines Noir-Klassikers: LAIDLAW von William McIlvanney im Hardcover ist die dritte deutsche Veröffentlichung des Klassikers und verlegerisch m.E. ein Risiko. Angesichts der vielen noch nicht ins Deutsche übersetzte Noir-Klassiker macht es aus meiner Perspektive wenig Sinn, diesen Roman ein weiteres Mal aufzulegen. Andererseits wäre es erfreulich, wenn dies nur der Startschuss für eine deutsche Ausgabe der LAIDLAW-Serie wäre. Da man bisher nur vier Bände zu der Serie zählen kann (ich rechne auch THE BIG MAN dazu), sollte das zu stemmen sein – trotz des allgemein geringen Interesses an qualitativ hochwertiger Literatur. Jedenfalls ist dieses schöne Hardcover eine Zierde für jedes Noir-Buchregal. Und wer den Roman nicht kennt, sollte ihn sich in dieser Ausgabe besorgen. Schon um das Engagement des Verlages zu würdigen. Für mich die Gelegenheit, meinen alten Artikel über William McIlvanney ebenfalls neu aufzulegen:   BRIT-NOIR: WILLIAM MCILVANNEY – KÖNIG VON SCHOTTLAND   Britische Kritiker nennen ihn „die Stimme des heutigen Schottlands“. Angesichts der traditionell vielen, großartigen Erzähler und Dichter, die dieses Land immer wieder hervorbringt, kein geringes Kompliment. Wahrscheinlich bezieht sich dieser Ehrentitel auch auf die vielen unterschiedlichen Genres, in denen es William McIlvanney zur Meisterschaft gebracht hat. Er hat als Lyriker, Kurzgeschichtenautor, Romancier und Noir-Schriftsteller höchste Anerkennung gefunden. Dem Regionalisten ist besonders die Stadt Glasgow (mit dem Photographen Oscar Marzaroli hat er den wunderbaren Band GLASGOW 1956-1989: SHADES OF GREY… AND SOME LIGHT TOO herausgebracht) eine nicht versiegende Quelle seiner Inspiration. Das er besonders in seinen Noir-Romanen das genaue Bild dieser Stadt zeichnet, liegt in der Natur des Genres: die Noir-Literatur, die auf Poe, Beaudelaire, Fielding und Defoe zurückgeht, hat wie kein anderes Genre die Schrecken und Faszination des urbanen Lebens thematisiert. McIlvanney wurde am 25.November 1936 in Kilmarnock, Ayrshire in Schottland geboren.Er studierte an der Universität von Glasgow und schloß 1959 mit einem Master of Arts mit Auszeichnung ab. 1961 heiratete er Moira Watson, mit der er einen Sohn und eine Tochter hat. 1982 ließen sie sich scheiden. 1970 ging er als Englischlehrer für ein Jahr nach Grenoble und unterrichtete anschließend an verschiedenen Schulen und Universitäten in Schottland. Neben seiner Tätigkeit als Dozent schrieb er Romane und Gedichte. Sein erster Roman, REMEDY IS NONE, erhielt den Faber Memorial Preis. Sein zweiter, A GIFT FROM NESSUS, wurde mit dem Scottish Arts Counsil Award ausgezeichnet und sein dritter Mainstream-Roman, DOCHERTY, erhielt den Whitbread Award. Für LAIDLAW wurde er mit dem Silver Dagger der britischen Crime Writers Association ausgezeichnet (ebenso für THE PAPERS OF TONY VEITCH). Seine Lyrik erhielt ebenfalls zahlreiche Auszeichnungen. William McIlvanney begann erst 1977 Kriminalliteratur zu schreiben und hat bisher lediglich vier Romane um den Glasgower Kriminalbeamten Jack Laidlaw vorgelegt (wobei Laidlaw in THE BIG MAN nur eine periphere Rolle spielt). Seine stilistische Brillanz, sein Gespür für Charaktere und Atmosphäre und die moralische Dimension seiner Kriminalromane, die weit über den Standards des Genres liegen, haben ihm nicht nur Vergleiche mit Chandler und Ross Macdonald eingebracht, sondern ihn auch zum Geheimtip als einem der besten lebenden Kriminalliteraten werden lassen. Allein seine geringe Produktivität im Genre hat ihn nach Ansicht der Spezialisten daran gehindert, als führender britischer Autor des Genres weltweit Anerkennung und Bestsellererfolg einzuheimsen. Es gibt wenige zeitgenössische Noir-Autoren, die ihr Material so vielschichtig anlegen und so souverän handhaben. Heute kann man von einer neuen Welle von britischen Polizeiromanen sprechen. Es sind keine reinen police procedurals, wie sie die amerikanischen Vettern schreiben, sondern eine Mischform aus britischen Traditionen und amerikanischen Anregungen. Im Mittelpunkt stehen immer ein oder zwei Kriminalbeamte wie zum Beispiel John Harveys Resnick, Ian Rankins Rebus, Bill James‘ Harpur oder Frank Palmers Jacko. Die Autoren nehmen sich viel Raum um ihre Persönlichkeiten zu beschreiben und haarklein vor dem Leser auszubreiten. Meistens machen diese Charaktere von Buch zu Buch Entwicklungen durch, die für den Leser von großem Reiz sind und ihn an die Serie binden. Auch die Polizeiarbeit wird genau und realistisch geschildert, aber anders als im police procedural ist sie im britischen Polizeiroman nicht der alleinige Motor, der zur Aufklärung des Verbrechens führt. Bei der Lösung des Problems und dem Engagement der Protagonisten klingt etwas von der Tradition der klassischen Polizeidetektivromane von A.E.W.Mason oder Freeman Wills Crofts nach. Zugegeben: nur wenig, da deren Rätselfixierung und Pappcharaktere die New Wave des britischen Polizeiromans eher abstößt. Einflußreicher war der Autor Maurice Procter, der in den 50er Jahren, inspiriert durch die amerikanischen police procedurals, den echten britischen Polizeiroman begründete, indem er die Traditionen des britischen Polizeidetektivs (wie Crofts Inspector French) mit den neuen, von Lawrence Treat, Ed McBain oder Jack Webbs TV-Serie DRAGNET entwickelten, Perspektiven verschmolz. Eine besondere Position kommt dem 1921 in Leeds geborenen Ex-Polizisten John William Wainwright zu. Gemeinhin gilt er seit seinem ersten Buch, das 1965 erschien, als einer der herausragenden Autoren des britischen Polizeiromans. Im Gegensatz zu den amerikanischen police procedural-Autoren und Wainwrights Lieblingsautor Ed McBain behandelt Wainwright in seinen Polizeiromanen immer nur einen einzigen Fall. Bemerkenswert ist auch die frühe Betonung des Organisierten Verbrechens. Seine Helden stehen in ihren Extremsituationen den schwarzen Thrillern näher als den sonst üblichen, durchschnittlichen Polizeiheroen. Beispielsweise scheut sich einer seiner Serienhelden, der ein Anhänger der Todesstrafe ist, nicht, einen jugendlichen Mörder sofort hinzurichten. Die Methoden der Polizei und die der Gangster sind bei Wainwright fast identisch. Er treibt die erstmals bei John Bingham auftauchende Negativdarstellung der britischen Polizei weiter. Das scheint angesichts der beruflichen Vergangenheit des Autors noch beängstigender. Seine überzeugendste Leistung im Schwarzen Roman war seine Tetralogie um den Ex-Polizisten Davis, der die Fronten wechselt. Stilistisch überzeugend zeigt Wainwright Intimes aus der Unterwelt und Charaktere, die der Leser so schnell nicht vergißt. Es gab jedenfalls schon einige Traditionen, an die McIlvanney anknüpfen konnte – wenngleich auch mit höheren Ansprüchen. Die Identität des Mörders ist in LAIDLAW von Anfang an bekannt: Tommy hat ein junges Mädchen ermordet, weil der Versuch, seine sexuelle Identität gegen Vorwürfe der Homosexualität zu beweisen, kläglich scheiterte. Verschiedene Gruppen jagen den Mörder, der viel von einem Opfer hat, aus unterschiedlichen Gründen, darunter auch der Vater des Opfers, ein handfester Proletarier, der Rache will. Für Inspector Laidlaw von der Polizei in Glasgow gibt es keine vorprogrammierten Schurken. Gegen den Widerstand der Glasgower Racheengel muß er Tommy schleunigst finden, um ihn der irdischen Gerechtigkeit zu überliefern und vor der Lynchjustiz zu retten. Der Roman zieht einen Großteil seiner Spannung aus den philosophi¬schen und moralischen Fragen, die im Zusammenhang mit der Mörderjagd entstehen. Damit macht er sich grundsätzliche Gedanken über unseren zivilisatorischen Stand und dessen schleichende Degeneration. In seinem Buch CRIME & MYSTERY: THE 100 BEST BOOKS (London: Xanadu, 1987) schrieb H.R.F.Keating über LAIDLAW: „Der Roman wurde von einem Dichter geschrieben. Es gibt Passagen, die diese edelsteinharte Konzentration von wahrer Poesie haben.“ Keating wies darauf hin, daß man den Roman auf mehreren Ebenen lesen kann. Darunter auch als eine Studie über die „Philosophie der Exekutivkräfte“. Diese bildet sich in der durch den Roman ziehenden Diskussion zwischen Laidlaw und Milligan heraus. Für Milligan sind Gesetzesbrecher eine andere Spezies, mit der er und seinesgleichen keine Gemeinsamkeiten haben und gegen die er Krieg führen muß. Der grüblerische Laidlaw hingegen entläßt die Gesellschaft nicht aus der Verantwortung für Inhumanität und abweichendes Verhalten. Laidlaws ungewöhnliche Qualität ist seine Fähigkeit zum Mitfühlen. Fast Christus ähnlich sieht er das Böse in der Welt als Verstoß gegen die Nächstenliebe: „Es gibt keine Feen, keine Monster, nur Menschen.“ Diese aufklärerische Position scheint im aktuellen Noir-Roman immer mehr aufgegeben zu werden, zu Gunsten von Dämonisierung abweichenden Verhaltens. Laidlaw und Milligan kämpfen mit ihren unterschiedlichen Überzeugungen um die Seele des jungen Polizisten Harkness und versuchen ihn von ihren jeweiligen Positionen zu überzeugen. Vor allem ist das Buch ein Roman der Stadt Glasgow. Eine sterbende Stadt, die bei aller genauen Detailschilderung eine Metapher für unsere Zivilisation ist – ähnlich wie Kalifornien im Werk von Ross Macdonald. Laidlaw ist mit seinen harten Seiten ein Sohn Glasgows, die eine der brutalsten Städte der westlichen Welt ist. McIlvanney ist nicht der erste Kriminalliterat, den diese Stadt so fasziniert, daß er sie zum Handlungsort seiner Romane macht: Seit 1957 schreibt Bill Knox seine Serie über die Detektive Colin Thane und Phil Moss vom Glasgower CID. THE DARK NUMBER, der einzige Roman des besten Kriminalhörspielautors der Welt, Edward Boyd, spielt ebenfalls in Glasgow. 1981 begann Peter Turnbull mit seiner Serie über die P-Division, ein fiktives Polizeirevier im Zentrum von Glasgow. Als Ergänzung zu Reiseführern und als beste Unterhaltungsliteratur sind alle diese Romane vortrefflich. Aber an McIlvanney kommen sie nicht ran. So wie man Russell James als Godfather des neuen britischen Gangsterromans nennt, könnte man McIlvanney als Paten der neuen Welle britischer Polizeiromane bezeichnen. Ob John Harvey oder Ian Rankin: Die besseren Autoren dieses Genres verdanken McIlvanney einiges, da er die Genregrenzen aufgebrochen und neu abgesteckt hat. Man könnte sich noir ärgern, dass der Mann so wenig schreibt! Aber das ist wohl der Preis für die hohe Qualität seiner außergewöhnlichen Bücher. Remedy is None – 1967 A Gift from Nessus – 1968 The Longships in Harbour – 1970 (poetry) Docherty – 1975 Laidlaw – 1977 The Papers of Tony Veitch – 1983 These Words: Weddings and After – 1984 The Big Man – 1985 In Through the Head – 1988 Walking Wounded – 1989 (short stories) Shades of Grey – Glasgow 1956-1987 – 1990 Strange Loyalties – 1991 Surviving the Shipwreck – 1991 The Kiln – 1996 Weekend. . 2006 <img src=“http://vg08.met.vgwort.de/na/e08e3cae2f41425db046c3245f97389d&#8220; width=“1″ height=“1″ alt=““> http://www.amazon.de/Laidlaw-William-McIlvanney/dp/3888979676/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=undefined&sr=1-1&keywords=laidlaw+mcilvanney



NEUES E-BOOK: über Noir-Fiction by Martin Compart

Eine Reihe dieser Texte sind in irgendeiner Form bereits in unterschiedlichen Medien veröffentlicht worden. Andere hatte ich für diesen Blog geschrieben. Allerdings ermöglicht mir diese Form eine neue optische und inhaltliche Präsentationsform, die – hoffentlich – neue Blickwinkel ermöglicht. Außerdem ist es doch wohl nicht verwerflich, wenn ich damit ein paar Cent verdiene. Ich bin immer wieder mal darauf angesprochen worden, einen neuen Reader zu machen. Dem versuche ich hiermit nachzukommen. Ein weiterer, über Spionageliteratur, soll folgen.
Richtig genießen kann man die Cover und das Bildmaterial auf einem Tabloid (reinzoomen, vergrössern und in Farbe).
http://www.amazon.de/PAINT-BLACK-%C3%BCber-Noir-Fiction-ebook/dp/B00F5FUIZ2/ref=sr_1_39?s=books&ie=UTF8&qid=1379059878&sr=1-39&keywords=martin+compart

Rezensionen, Essays, Portraits, Lesetipps und Analysen zur Noir-Fiction. In diesem mit selten gesehenen Bildern ausgestatten Noir-Reader veröffentlicht Compart Einblicke in die Welt der Noir-Literatur. Wer sich für düstere Kriminalliteratur und existenzialistische Thriller interessiert, bekommt nicht nur Einsichten in die Entwicklungsgeschichte des Genres, sondern auch Lektüre-Tipps von jemand, der sich fast sein Leben lang mit allen Facetten der Noir- und Kriminalliteratur beschäftigt.
Martin Comparts Arbeiten sind dafür bekannt, dass sie ebenso unterhaltsam wie analytisch und provokant sind.

Aus dem Inhalt:
On the Noir Road: Die schmutzigen Straßen des JAMES CRUMLEY,
CHARLES WILLEFORD: Keine Hoffnung für die Lebenden, Der Texaner: JOE R.LANSDALE, EVIL von JACK KETCHUM, Es war einmal in Washington: GEORGE P.PELECANOS, Queneau in den Mean Streets: JAMES SALLIS, Stadtführer für Perverse: MATTHEW STOKOES Roman HIGH LIFE oder Noir goes mainstream, ,PAINT IT BLACK – intermediale Betrachtung zu einer Noir-Theorie, HINTERWÄLDLER, KANNIBALEN UND MONSTER – zum Backwood-Genre, WAS IST PULP?, LEO MALETS Schwarze Trilogie und der Neo-Polar, Noir-Abenteurer: PIERRE MACORLAN und vieles mehr.