Martin Compart


CASH FROM CHAOS – 70s RELOADED by Martin Compart
19. April 2016, 9:32 am
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Nichts interessiert mich weniger als die Sex Pistols – habe ich gedacht. Dann bekam ich die deutsche Ausgabe des Buches von Jon Savage über die Pistols in die Hand (natürlich aus der Edition Tiamat). Savage gehört zu den großen Analytikern der Pop-Kultur und kann gar nichts schreiben, was mich nicht interessiert.
ENGLAND DREAMING liegt nun sogar bei uns in einer dritten Auflage vor. Die Originalausgabe erschien 1991 und Edition Tiamat verlegt die erste deutsche Ausgabe 2001. Bisher hatte ich mich um die Lektüre gedrückt (weil ich ein bisschen blöde bin). Inzwischen gilt das Buch zu Recht als ein Klassiker, der Punk historisch einordnet und Strukturen und Wurzeln vermittelt („1968 wurde aus einer ästhetischen Haltung eine politische Geste.“). Mit diesem Buch hatte sich Savage als Pop-Historiker etabliert – durchaus auf einem Level mit Schwergewichten wie Greil Marcus oder Nick Tosches. Zu seinen Stärken zählt die Überschneidungen und Verwischungen zwischen Pop-Kultur und vermeintlicher Hoch-Kultur deutlich zu machen. Damit demontiert er den betonierten bürgerlichen Kanon. In einem Interview sagte er , dass sich Goethes LEIDEN DES JUNGEN WERTHER teilweise wie Texte von Morrissey lese. Wenn Savage als eine der Wurzeln des Punk den Situationismus bloßlegt, macht er einmal mehr klar, dass Punk kein isoliertes musikalisches Phänomen war, sondern in der Aufklärung ankert.

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http://www.amazon.de/Englands-Dreaming-Anarchie-Pistols-Diabolis/dp/3893202064/ref=asap_bc?ie=UTF8

Sein Buch TEENAGE – THE CREATION OF YOURH 1875-1945 (deutsch bei Campus,, 2008) ist ebenfalls eine kulturhistorische Betrachtung, die neue Perspektiven eröffnet.
ENGLAND DREAMING beschreibt auch das letzte Aufgebot, bevor die Neo-Cons den Sozialstaat demontierten. Ohne sentimental oder nostalgisch zu sein, berichtet Savage eine Epo9che in der trotz aller Verwerfungen eine Freiheit möglich war, die heute unvorstellbar ist. Eine Rehabilitierung der 1970er, gespickt mit klugen Beobachtungen und voller wahnwitziger Anekdoten. Die große kommentierte Discographie des voluminösen Buches ist ebenfalls voller verblüffender Einsichten.
1978 war die Nachkriegszeit endgültig vorbei. Punk hat die Musikindustrie nicht zerstört und ihr weniger zugesetzt als das Internet. Aber Punk hat neuen Formen und Bands Tore aufgebrochen.

P.S.: Es ist mir unverständlich, dass noch kein deutscher Verlag die beiden Autobiographien von Andrew Loog Oldham (STONED und 2STONED) veröffentlicht hat); die gehören zu den  brutalsten, ehrlichsten und witzigsten Büchern über den Rock und die 60er überhaupt. Absolute Knaller!



DIE GESCHICHTE DER MUSIK-INDUSTRIE ALS THRILLER by Martin Compart
30. September 2015, 2:45 pm
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Lang, lang ist´s her, da kaufte man sich Film-Bücher oder Pop-Musik-Bücher nur deshalb, weil es Bücher über Filme oder Pop-Musik waren. Die großen Verlage hatten damals maximal zwei. drei Titel im Programm. Das hat sich seit den 1980er Jahren (in denen eine Reihe wie Ullsteins „Populäre Kultur“ wie eine Kulturrevolution erscheinen konnte) wahrlich verändert. Inzwischen gibt es eigene Verlage, die sich diesen Genres widmen. Und die Flut der Veröffentlichungen, natürlich extrem im angelsächsischen Raum, ist dermaßen stark, dass hauptberufliche Experten kaum noch die Übersicht behalten.

Während ich früher jedes Pop-Buch (als es kaum welche gab) las, picke ich mir heute nur noch die heraus, deren Sujets mich interessieren (von Stones, Doors, Dylan über Highschool bis australische Garage) oder die neue Aspekte bearbeiten, die zum kargen Allgemeinwissen beitragen.

Meistens finde ich die bei der von mir immer wieder euphorisch abgefeierten Edition Tiamat, der ich inzwischen blind vertraue. Selbst wenn ich vorher nicht weiß, dass mich ein Thema interessiert, gehe ich davon aus, dass es mich interessieren könnte, weil Klaus Bittermann ein Buch dazu macht.

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http://www.amazon.de/Cowboys-Indies-abenteuerliche-Reise-Musikindustrie/dp/3893202013/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1443624113&sr=1-1&keywords=cowboys+%26+indies

 

COWBOYS & INDIES von Gareth Murphy ist mal wieder ein Musikbuch, dessen Thema mich interessiert und das auch noch erstklassig arrangiert und geschrieben ist. Es erzählt die Geschichte der Popmusik vom 19.Jahrhundert bis ins 21. aus der Perspektive der Musikindustrie – die Betonung liegt auf Industrie. Perspektivisch werden die Macher, Produzenten und Gier-Tycoons dabei mit netten Anekdoten über unser aller geliebten und gehassten Stars und Musiker untermalt. Nur liegt eben nicht der hoch interessante Standpunkt bei Bandentwicklungen oder genialen Alben, sondern bei der Industrie. Und dabei löst Murphy für mich so manches bisheriges Rätsel auf. Etwa, warum THEIR SATANIC MAJESTIES REQUEST ein so enttäuschendes Album wurde (weil Jagger die Studiokosten bewusst in die Höhe trieb um Andrew Loog Oldham loszuwerden).

Die Idioten, Psychos und Genies in den Management-Etagen der Industrie erscheinen ebenso farbig wie die Rampensäue. Im Mittelpunkt steht natürlich die englische und amerikanische Musikindustrie, die ja auch aus einer verschnarchten Nische ein Milliardenunternehmen schuf. Die Strategien, mit denen sie Bands oder Trends durchsetzte, lesen sich so spannend wie Polit-Thriller (und sie könnten manchem Alt-Hippie den Summer of Love verregnen).

Murphys Schreibe ist so geschmeidig, elegant und schnell wie bei einem Pageturner für Erwachsene. Und wie er sein gigantisches Material zusammenfasst und komponiert, ist äußerst beeindruckend. Er verliert, so weit ich das beurteilen kann, nie das Wesentliche seines Themas aus dem Auge.

Die Geschichte der Musik-Industrie als Thriller!

 

 

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NEUES AUS DEN SIXTIES: BOB DYLAN HOLT DEN ROCK AUS DER MILCHBAR by Martin Compart
6. Mai 2015, 1:26 pm
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Irgendwie kriegt es Klaus Bittermann momentan nicht hin, mal einen Monat ein Buch zu machen, das mich nicht interessiert. Die Edition Tiamat hat mal wieder einen echten Lauf bei mir.

http://www.amazon.de/Highway-61-Revisited-Dylans-Album/dp/389320198X/ref=sr_1_32?s=books&ie=UTF8&qid=1430916583&sr=1-32&keywords=bob+dylan

Diesen Monat also ein Buch über meinen alten Guru Bob Dylan. Besser gesagt: über ein Album von Dylan. Bücher über wichtige Alben der Pop-Musik (setzt einen anderen Begriff ein), sind in den letzten Jahren ein eigenes Genre geworden. Die schlechteren erzählen nur die Produktionsgeschichte, die besseren zeigen auch die inhaltliche Wirkungsgeschichte. Und Bücher über Dylan sind schon länger (Ulrich von Berg erzählte mir vor längerer Zeit, dass er sich das 100.Buch über Dylan zugelegt hatte)ein eigenes Genre.

Für die Spätgeborenen: Dylan war oder ist (er soll tatsächlich noch leben und Frank Sinatra covern) der Typ, der die Beatles mit Haschisch bekannt gemacht und die Rockmusik von ihrer Infantilität befreit hat.

Nun das zweite Buch über HIGHWAY 61 REVISITED, das zweite Album von ihm aus 1965. Ganz klar ein Meilenstein in der Musikgeschichte (obwohl es mir immer noch auf den Keks geht, dass das Vorgänger-Album, BRINGING IT ALL BACK HOME, im Vergleich immer untergeht: Denn da wurde Dylan elektrisch und legte die Grundsteine für HIGHWAY).

Für Mark Polizzotti ist es Dylans wichtigstes und persönlichstes Album. Eine Auffassung, die der „Meister“ wohl teilte: „Meine Platten werden ab jetzt nicht mehr besser werden… 61 ist einfach zu gut. Da ist eine Menge Zeug drauf, das sogar ich mir anhören würde.
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Ich teile nicht jede Beobachtung des Autors, aber es ist schon verblüffend, was er aus jedem Song heraus kitzelt und welche Kontexte er für Musik und Texte herstellt.

Polizzotti geht allen kulturellen und geographischen Spuren nach um Song für Song die Einflüsse aufzuzeigen, aus denen Dylan dann etwas völlig neues gemacht hat. Nebenbei wird deutlich: Welche Kompositions- und Arrangementselemente durch die digitale Technologie und Distribution verloren gegangen sind. Denn es gab mal eine Zeit der A- und B-Seiten, die ganz vorsätzlich aufeinander abgestimmt waren, in der jeder Song bewusst an einen Platz stand und sehr genau überlegt wurde, warum ein bestimmtes Stück die A-Seite abschloss und ein anderer die B-Seite eröffnete. Polzzotti beschreibt diesen langwierigen Prozess bei HIGHWAY (bei den vielleicht auch die Beatles Einfluss hatten). Wenn wir diese Vinylplatten heute auf CD hören (abgesehen von lohnenswerten Bonus-Tracks), ist das eine ganz andere Erfahrung: Es gehen (nicht nur musikalisch) Dimension verloren, die einem Album zusätzliche Tiefe gegeben haben. Was könnte Dieter Bohlen alles vorlegen, wenn ihm das zur Verfügung stünde – man mag es sich kaum vorstellen!

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Außerdem spickt er das Buch mit schönen Anekdoten und erhellenden Momentaufnahmen aus Dylans Biographie. Etwa das Dylan 1984 sagte, er habe das berüchtigte SELF PORTRAIT nur gemacht um die Hippies los zu werden, die „sowas unmöglich mögen konnten, sich damit unmöglich identifizieren konnten…“ Berührend finde ich auch Springsteens Erinnerung, wie er das erste Mal LIKE A ROLLING STONE gehört hat: „Meine Mutter und ich hörten beim Autofahren WMCA, und dann kam dieser Snare-Schuss (am Anfang des Stücks), der klang, als hätte jemand die Tür zu deiner Seele aufgetreten.“

Wie wichtig Dylan für das kulturelle Gedächtnis einer Generation war und vielleicht noch ist, wird in dem Band nebenbei heraus gearbeitet. Angesichts der Plattheit heutiger Pop-Musik (siehe:https://martincompart.wordpress.com/2015/04/14/depression-hauntology-und-die-verlorene-zukunft/) ist es nicht nur der spätkapitalistischen Nutz-Bildung zuzuschreiben, wenn die NRW-Einserabiturientin Elisabeth und die Schuhfachverkäuferin Sheila antworten: “ Wann der 2.Weltkrieg war? Nach dem ersten. Dylan? Das war alles vor meiner Zeit.“
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Ich gehörte lange selbst zu der unerträglichen Spezies der Dylan-Versteher (der, wie alle anderen, als Einziger wirklich verstanden hat, was der Meister den Planeten – besser: mir persönlich – mitzuteilen hatte). Aber der allergrößte Dylan-Fan, dem ich je begegnet bin, war die deutsche Noir-Ikone Ulf Miehe. Lange vor Internet war er international sensationell vernetzt und bekam aus aller Welt Bootlegs, VHS- und Audio-Cassetten.51OXXCqFK3L._SY344_BO1,204,203,200_[1] Er hatte einen ganzen Raum voll damit, und ich verdanke ihm großartige Tapes (die ich natürlich aus Erhaltungsgründen inzwischen digitalisiert habe). Einmal quatschten wir über ein neues (Gangster-)Filmprojekt. Stundenlang stellten wir fest, dass die Eröffnungsmusik unbedingt der SUBTERRANEAN HOMESICK BLUES (Opener von BRINGING IT ALL BACK HOME) sein müsse. Wichtige Arbeit für einen leider nie realisierten Film war also getan. Ulf blödelte auch gerne mal rum. Einmal gab er zum besten, dass er in den USA von der englischen Übersetzung seines Romans ICH HAB NOCH EINEN TOTEN IN BERLIN nur deshalb so viele Exemplare verkauft hatte, weil er das Buch Dylan gewidmet hatte und es so viele Dylan-Komplett-Sammler gäbe.

PS: Die Track-Liste:

1.Like a Rolling Stone – 6:09
2.Tombstone Blues – 5:56
3.It Takes a Lot to Laugh, It Takes a Train to Cry – 4:05
4.From a Buick 6 – 3:15
5.Ballad of a Thin Man – 5:56

6.Queen Jane Approximately – 5:28
7.Highway 61 Revisited – 3:26
8.Just Like Tom Thumb’s Blues – 5:27
9.Desolation Row – 11:22



MANCHE TOTE STERBEN NIE: NEUES VON HUNTER by Martin Compart
14. Februar 2015, 2:40 pm
Filed under: Hunter S.Thompson, Paranoid, Politik & Geschichte, Rezensionen | Schlagwörter: , ,

Die Edition Tiamat erfüllt für die heutige kritische Intelligenz eine ähnliche Aufgabe, wie früher die Edition Suhrkamp für die Pseudo– Intelligenz der 1960er- und 70erJahre. Das ermöglicht, dank der geistig-moralischen Wende, natürlich keine Bestseller mehr.

Autorenfoto_Klaus-Bittermann[1]Seit Jahren beackert Verleger Klaus Bittermann, ein Kämpfer gegen „Literatur die die Ausstrahlung von Birkenstockschuhen hat“, nun schon das Oeuvre von Hunter S Thompsons. Dank seines Engagements (und das des Heyne Verlages) ist das umfangreiche Werk von Hunter weitgehend auch in deutscher Sprache zugänglich. Thompsons Einfluss auf den Journalismus im Besonderen, und auf Teile der zeitgenössischen Literatur im Allgemeinen, kann gar nicht überschätzt werden. Was als Gonzo-Journalismus in die Literaturgeschichte eingegangen ist, gehört nach wie vor zu den interessantesten literarischen Strategien um Realität virtuell erfahrbar zu machen. Hunter hat eindrucksvoll bewiesen, dass eine subjektive Herangehensweise dem Leser objektive Erkenntnisse vermitteln kann. Hunter steht in der Tradition der Beat-Literaten, indem er aus Literatur und Rock ’n‘ Roll eine literarische Synthese geschaffen hat.

Bisher war Bittermanns Verlag bekannt für qualitativ hochwertige Paperbacks; nun hatte er, meines Wissens erstmalig, ein qualitativ hochwertiges Hardcover veröffentlicht (als Band 222 der Critica Diabolis). Der würdige Anlass dafür ist eine umfangreiche Auswahl aus den Briefen von Hunter. Im Waschzettel zu dem voluminösen Band heißt es „Über 20.000 Briefe sind es, die Thompson in seinem Leben verfasst, und an prominente Zeitgenossen von Tom Wolfe bis Jimmy Carter verschickt hat; an Freunde, Feinde und Familie… Sie bilden nicht nur eine Chronik der jüngeren amerikanischen Gegenkultur; es sind seine Memoiren… eine Autobiografie als Live-Mittschnitt.“

http://www.amazon.de/Die-Odyssee-eines-Outlaw-Journalisten-Gonzo-Briefe/dp/3893201947/ref=sr_1_11?s=books&ie=UTF8&qid=1423924303&sr=1-11&keywords=hunter+s+thompson
»Lesen Sie diese Briefe – aber, um Gottes willen, geben Sie diesem Mann niemals Ihre Telefonnummer.« (Johnny Depp)

Für Leute, die beim Lesen nicht die Lippen bewegen, ist dieser Prachtband schon jetzt eines der Bücher der Saison. Jede der 606 Seiten ist ihr Geld wert. In diesem Monat wird man für 28 € nichts besseres bekommen, dass die Gehirnsynapsen fröhlicher zum klingeln bringt.

Am besten gefällt er mir, wenn er in seinen gnadenlosen Analysen so richtig schön polemisch und wütend wird:

„Wenn auch nur die Hälfte der Geschichten über Big Sur stimmt, hätte der Ort längst ins Meer abrutschen müssen; und es wären dabei so viele wahnsinnige und Degenerierte ertrunken, dass eine Schiffsbrücke aus Körpern entstanden wäre, die bis nach Honolulu reichen würde. Die Vibrationen all der Orgien hätten die gesamte Bergkette von Santa Lucia zum Einsturz gebracht und die Zerstörung von Sodom und Gomorrha die das kleinliche Werk eines Geizkragen aussehen lassen. An den westlichen Ausläufern würde das Land schlicht das Gewicht all der Sexfanatiker und kriminellen, die hier angeblich leben, nicht tragen können. Die Erde selbst würde sich auftun und vor Ekel würgen – und über die langen steinigen Böschungen würde eine gespenstischer Armada aus Nudisten, Schwulen, Junkies, Vergewaltigern, Künstlern , Flüchtlingen, Vagabunden, Dieben, Verrückten, Sadisten, Eremiten und jedem erdenklichen menschlichen Abschaums herab steigen. Die alle würden samt und sonders sterben – und, wenn es gerecht zuginge, würde es einer Armee von Touristen und Schaulustigen genauso ergehen.“ (S. 122)

Diverse Online-Redaktionen entblödeten sich in ersten Nachrufen nicht, Hunter S. Thompson als „Idol der Hippie-Generation“ zu bezeichnen. Das ist natürlich völliger Schwachsinn. Neil Young (den braucht man sich nur anzusehen) ist ein Idol der Hippie-Generation, aber „Dr. Gonzo“ hat Hippies und deren logische Nachfolger („die Generation der Schweine“) immer verachtet. Er war Waffenfetischist, erklärter Gegner des „Love & Peace“-Geschwafels und ein unbarmherziger Gegner jenes Establishments, dem auch die 68er bald angehörten.

http://www.amazon.de/Angst-Abscheu-sagenhafte-Hunter-Thompson/dp/3893200894/ref=sr_1_13?s=books&ie=UTF8&qid=1424179791&sr=1-13&keywords=hunter+s+thompson

Bill Cardoso war der Urheber des Ausdrucks „Gonzo“, welcher auf das italienische Wort „gonzagas“, zu Deutsch, Absurditäten, bedeutet. Die subjektive Form der Reportage ermöglichte es dass sich Thompson ohne große Vorbehalte auf alles stürzte was ihm an der gesamten Veranstaltung missfiel und was er als verachtenswert empfand. Satirische Überhöhung, Schimpfwörter, Sarkasmus und die Aufhebung der Distanz zwischen Reporter und Reportage. Thompson wurde zur Hauptfigur seines eigenen Artikels und damit zum Schöpfer einer neuen Art von Journalismus.

Er scheute vor keiner Drogendosis zurück, schüttete sich mit Alkohol zu, lebte seine Paranoia voll aus, kämpfte gegen die Chefredaktionen (weil dort der natürliche Feind jedes Journalisten sitzt und im Auftrag der Anzeigenabteilung arbeitet).

Hunter S. Thompson war nach Tom Wolfe der bekannteste Vertreter des New Journalism, einer Form, die ab Mitte der 1960er Jahre den Journalismus neu belebte, indem er subjektives Erleben und literarische Stilmittel in Reportagen einfließen ließ.

Thompson begann Ende der 1950er Jahre als Sportreporter und war dann als Südamerika-Korrespondent unter anderem für den „National Observer“ in Peru, Kolumbien und Brasilien unterwegs. Er wurde 1967 bekannt durch sein Buch „Hell’s Angels – A Strange and Terrible Saga“. Als erster beschäftigte er sich darin mit den Motorradgangs Kaliforniens und lebte dazu ein Jahr lang mit
den Hells Angels.

Ende der 1960er Jahre war er einer der ersten Autoren des neuen Magazins Rolling Stone. Thompsons exzentrischer und ausschweifender Lebens- wie Schreibstil war einer der Gründe für den Erfolg des Rolling Stone. In dieser Zeit schuf sich Thompson seine ganz persönliche Form, den von ihm so genannten Gonzo-Journalismus. Es entstand auch sein bekanntestes Buch, „Fear and Loathing in Las Vegas“. Dieses Buch, wie auch eine Reihe von anderen, wurde von Thompsons Freund, dem Engländer Ralph Steadman illustriert.

In den 1970er Jahren wandte sich Thompson aktiv der Politik zu. 1970 kandidierte er als Sheriff in Aspen, Colorado. Thompson verlor die Wahl nur knapp.

„Richard Nixon gehörte nicht zu den Menschen, die bei mir populär sind. Jahrelang habe ich allein schon die Tatsache seiner Existenz als Denkmal für all jene verfaulten Gene und kaputten Chromosomen angesehen, welche alle Realisierungsmöglichkeiten des Amerikanischen Traums korrumpieren.“

http://www.amazon.de/Die-Rolling-Stone-Jahre-Hunter-S-Thompson/dp/345326844X/ref=sr_1_7?s=books&ie=UTF8&qid=1424180455&sr=1-7&keywords=hunter+s+thompson

Thompson pflegte u. a. Freundschaften mit Keith Richards, Bob Dylan, Warren Zevon und Johnny Depp.

1963 siedelte er für immer nach Colorado über. Sein Biograph Paul Perry: „Nun konnte er nackt auf seinem eigenen Stück Land herumlaufen, aus seiner .44 Magnum auf verschiedene Gongs feuern, die er an dem nahegelegenen Berghang aufgestellt hatte. Er konnte Meskalin essen und die Stereoanlage auf 100 Dezibel drehen. Dies war das Landleben, das er sich immer gewünscht hatte.“

Am 20. Februar 2005 tötete sich Hunter S. Thompson mit einem Kopfschuss.

Thompson, Hunter S.:
Die Odyssee eines Outlaw-Journalisten
Es war ein brutales Leben, und ich habe es geliebt.
Gonzo-Briefe 1958-1976
Herausgegeben von Douglas Brinkley
Aus dem Englischen von Wolfgang Farkas

Critica Diabolis 222

Hardcover, 607 Seiten,
28.- Euro

P.S.: Ein dickes Lob auch für die Übersetzung, die nicht einfach ist und selbst einen Literaten verlangt.

http://www.edition-tiamat.de/