Martin Compart


REZENSIONEN ZU BUCHAN by Martin Compart

Axel Bussmer in seiner KRIMINALAKTE (sie erscheint seit 2007!): https://kriminalakte.org/2022/07/05/alter-scheiss-john-buchan-der-uebermensch/

Nils Heuner in KULTURNEWS: https://kulturnews.de/john-buchan-der-uebermensch/

John Buchan – Der Übermensch

Da die Erstauflage von 2014 noch nicht so lange her ist, freuen mich die Rezensionen natürlich besonders.



BUCHAN IM BUCHMARKT by Martin Compart
26. Juni 2022, 10:18 am
Filed under: Elsinor Verlag, John Buchan | Schlagwörter: , ,

„Die Leser finden ihre Lebenswirklichkeit in der Kriminalliteratur wieder“



IM HERBST 2022:KENNETH FEARING BEI ELSINOR by Martin Compart




ERSCHIENEN: DER KLASSIKER VON JOHN BUCHAN by Martin Compart

Über hundert Bücher hat John Buchan in seinem Leben verfasst, aber im Grinde ist bei uns nur sein Roman DIE 39 STUFEN bekannt. Jetzt gibt es bei Elsinor eine Übersetzung seines Romans DER ÜBERMENSCH. Der schmale Band ist ein zeitlos frisch gebliebener Spionageroman.

Christian von Zittwitz in BuchMarkt

WZ-Buchan_Der Übermensch

AUS DEM NACHWORT:

DER ÜBERMENSCH gilt als erster moderner Spionageroman oder Agenten-Thriller der Literaturgeschichte. Einige Genre-Historiker sehen in den Vorläufern von John Buchans Werk, etwa THE RIDDLE OF THE SANDS, diesen Anspruch erfüllt, aber – wie unten ausgeführt – geschah dies nicht in derselben Konsequenz, die das Genre weitgehend präg(t)en.

Der Schotte John Buchan (1875-1940) ist der wichtigste Gründungsvater des modernen Spionageromans. Kein anderer Autor hat mehr Motive und Themen entwickelt, die heute noch im Genre variiert und genutzt werden.
Somit war er einer der einflussreichsten Schriftsteller des 20.Jahrhunderts – und ist bei uns trotzdem so gut wie unbekannt geblieben. Natürlich ist er jedem Aficionado des Polit-Thrillers und Spionageromans ein Begriff angesichts seines immensen Einflusses.

Sein berühmtester Roman THE 39 STEPS war seit seiner Erstveröffentlichung nie out of print. Seit den 1990er Jahren kann man ein zunehmendes Buchan-Revival in Großbritannien beobachten. Viele Bücher wurden neu aufgelegt, und die ersten Hannay-Romane verkauf(t)en jährlich an die 100 000 Exemplare. Zwischen 1915 und 1993 wurden von dem Thriller in englischsprachigen Ausgaben 1 250 000 Exemplare verbreitet. 2008 wurde er zum vierten Mal verfilmt, und eine Mini-Serie mit Benedict Cumberbatch ist in Vorbereitung. Buchans Präsenz scheint ungebrochen. „Diese Thriller wären nicht von vielen Lesern verschlungen worden und lebendig geblieben, hätte Buchan nicht über bemerkenswerte handwerkliche Fähigkeiten verfügt. Hervorragend wird immer die Atmosphäre gestaltet, und zwar nicht nur das romantische schottische Hochland. Buchans Schilderung der Trostlosigkeit einsamer, ungeheizter Bahnhöfe, heruntergekommener Hafenanlagen oder des Kaschemmen-Milieus in Istanbul sind genauso eindringlich wie später die des dafür zu Recht vielgerühmten Eric Ambler.“ 1 )

Die Produktivität des Autors war atemberaubend. Neben seinen Tätigkeiten als Politiker, Herausgeber und Amtsträger schrieb er über hundert Bücher, 1000 Artikel für Zeitungen und Magazine und führte eine umfangreiche Korrespondenz. Die ist umso beeindruckender, bedenkt man, dass Buchan fast nur abends und nachts schrieb, denn tagsüber war er mit anderen (zumeist politischen) Aufgaben betraut. In 45 Jahren veröffentlichte er achtundzwanzig Romane, sechs Kurzgeschichtenbände, 41 Sachbücher, elf Biographien, vier Gedichtbände und eine Autobiographie.
Etwa 40% seines literarischen Ausstoßes umfasst Romane und Kurzgeschichtensammlungen, aufgeteilt in Thriller, oder wie Buchan sie bezeichnete „Shockers“, und historische Romane. Unter seinen Sachbuchpublikationen finden sich anerkannte historische Studien und Biographien.

Als Autor steht Buchan in der langen Tradition schottischer Erzähler. Walter Scott und Robert Louis Stevenson haben sein vielfältiges Werk mitgeprägt. Besonders seine Jagd- und Fluchtszenen sind von Robert Louis Stevensons Abenteuerromanen wie KIDNAPPED und CATRIONA beeinflusst.

Wahrscheinlich inspiriert durch KIDNAPPED entwickelte Buchan das „man-on-the-run“- Motiv, das für die Thriller-Literatur bis heute ein wesentlicher Topos ist. In DER ÜBERMENSCH wandte er das Motiv erstmals in urbaner Umgebung an; am berühmtesten und stilprägendsten wurde es durch Richard Hannays Hetzjagd durch die schottischen Highlands. Wenige Autoren können Buchan das Wasser reichen, wenn es um die Beschreibung von Landschaften und Wetter geht. Er macht sie zu integralen Bestandteilen seiner Geschichten.

Sein Einfluss auf die Entwicklungsgeschichte des Spionageromans und Polit-Thrillers kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Als Vertreter der sogenannten „romantischen Schule“ (im Gegensatz zur „realistischen Schule“, für die Autoren wie Somerset Maugham, Graham Greene oder Eric Ambler stehen) bestimmte er die Strukturen von den „Clubland Heroes“ von James Bond bis hin zu Autoren wie Robert Ludlum mit. Und lange bevor Frederick Forsyth im SCHAKAL General de Gaulle auftreten ließ, arbeitete Buchan in seine Thriller reale Personen und Ereignisse ein (wie beispielsweise Kaiser Wilhelm in GREENMANTLE).

Er war auch der erste Thriller-Autor, der in seinen Geschichten Bezug auf reale geopolitische Ereignisse nahm: Angefangen bei schwarzen Befreiungsbewegungen in PRESTER JOHN bis hin zum Entfachungsversuch eines Jihad in GREENMANTLE. Und dies häufig in „Echtzeit“. Einer der Höhepunkte in GREENMANTLE ist die Schlacht um Erzurum, die im Januar/Februar 1916 stattfand – demselben Jahr, in dem der Roman erschien. Thriller können dem unbedarftesten Leser einen Zugang zu mehr (Zeit-) Geschichtsbewusstsein öffnen.

Raymond Chandler war bekannt für seine ätzende Kritik an Kriminalliteratur jeder Art. In einem Brief an den Literaturkritiker James Sandoe schrieb er 1949 über Buchan: „Vielen Dank für THE 39 STEPS… Mir gefiel die Widmung, in der Buchan vom romantischen Roman spricht, `wo die Ereignisse die Wahrscheinlichkeit herausfordern und sich gerade noch innerhalb der Grenzen des Möglichen bewegen´. Das ist eine ziemlich gute Formel für jede Art von Thriller…“
Zu den vielen Fans gehörte auch der amerikanische Präsident Theodore Roosevelt, der DIE 39 STUFEN während einer Rekonvaleszenz begeistert gelesen hatte. Aber auch Premierminister Clement Attlee, König George V., Baden Powell und der zweifache Premier Stanley Baldwin gehörten zu seinen Bewunderern.

Alfred Hitchcock war von Buchan höchst angetan. Häufig verwendete er bekanntlich das Konzept vom Unschuldigen, der in ein Komplott verwickelt wurde. Hitchcock war der erste Regisseur, der THE 39 STEPS verfilmte. Generös sagte Buchan, der Film sei besser als sein Roman. Dem stimmte weder Graham Greene zu noch der Autor dieses Nachworts. Hitchcock bedauerte zeitlebens, dass es ihm nie gelang, GREENMANTLE für das Kino zu adaptieren. Angeblich verlangten Buchans Erben zu viel Geld für die Filmrechte.

Als 1940 die „City of Benares”, ein Schiff, das evakuierte Kinder aus England nach Nordamerika bringen sollte, durch deutsche Torpedos zerstört wurde, hielt ein Begleiter in einem Rettungsboot voller Kinder acht Tage die Moral aufrecht, indem er ihnen DIE 39 STUFEN vorlas. Für Zar Nikolaus II. und seine unglückliche Familie war GREENMANTLE die Lektüre, während sie das Ende der Revolution von 1917 herbeisehnten.

John F. Kennedy, der mit seiner öffentlichen Begeisterung für Ian Flemings LIEBESGRÜSSE AUS MOSKAU den weltweiten Erfolg von JAMES BOND mit auslöste, war ein großer Fan von Buchan, dessen Autobiographie MEMORY HOLD-THE-DOOR (PILGRAM´S WAY) neben Buchans Biographie über MONTROSE, zu seinen Lieblingsbüchern zählte
Auch Graham Greene gehörte zu seinen Bewunderern. Während seines Studiums am Balliol College, Oxford, lud er mit Freunden den berühmten Autor und Staatsmann (und Oxford Fellow) zu einem Essen ein; jedes der servierten Gerichte trug den Namen einer von Buchans Romanfiguren. Für seine Anthologie THE SPY´S BEDSIDE BOOK (1957) wählte er den Anfang von GREENMANTLE als Eröffnungskapitel aus. Und in seinen autobiographischen Schriften kommt immer wieder seine Faszination für Buchan zum Ausdruck.

Seit 2012 gibt es ein John Buchan Museum in Schottland: The John Buchan Story, The Chambers Institution, High Street, Peebles, Scottish Borders, EH45 8A. Die John Buchan Society war am 3. März 1979 in Edinburgh gegründet worden. 2)



Interview mit Thomas Pago by Martin Compart
4. Oktober 2021, 1:20 pm
Filed under: Buchbranche, Elsinor Verlag, John Mair | Schlagwörter: , , , ,

„Den prominenten Bestsellerautor wird man nie ins Programm bekommen, aber das ist auch gar nicht nötig. Die Ebenen darunter sind ja oft viel reizvoller, bunter, interessanter“




JOHN MAIR – „ES GIBT KEINE WIEDERKEHR“ – Der Waschzettel by Martin Compart

10. Juni 2021
John Mair
Es gibt keine Wiederkehr

Ein Klassiker des Polit-Thrillers
Herausgegeben von Martin Compart
Klappenbroschur mit Fadenheftung | 264 Seiten | 14 x 22 cm
€ 18,00 [D]
Elsinor Verlag, Coesfeld 2021
ISBN 978­3­942788­56­4

Der Autor
John Mair wurde wurde 1913 als Sohn eines prominenten britischen Journalisten und einer Schauspielerin in London geboren. Er besuchte die Schule von Westminster, studierte am University College von London und brillierte dort als Debattenredner. Mair veröffentlichte eine vielbeachtete Studie über ein Pseudo­-Shakespeare-­Drama, vor allem aber verfasste er Essays und Buchbesprechungen für renommierte Zeitungen: Es war der frühe Beginn einer sehr vielversprechenden Karriere. 1939 begann er mit der Arbeit an seinem Thriller Never Come Back (Es gibt keine Wiederkehr), der zwei Jahre später veröffentlicht wurde. Nach der Einberufung zur Luftwaffe entschied sich Mair für eine Pilotenausbildung; bei einem Trainingsflug kam er im April 1942 beim Zusammenstoß zweier Flugzeuge ums Leben..

Der Roman
Originaltitel: Never Come Back (1941)
Im Affekt und halb aus Versehen tötet der britische Boulevardjournalist Desmond Thane seine Geliebte – ohne freilich zu ahnen, dass sie für eine internationale Geheimorganisation tätig war. Deren Agenten und Profikiller sehen ihre politische Verschwörung in Gefahr. Also müssen sie Thane aus dem Weg schaff en, um jeden Preis und auf ihre Weise …
Mit Somerset Maugham, Eric Ambler und Graham Green zog in den 1930er­Jahren ein neuer Realismus in den britischen Spionageroman ein – ein Genre, das William Le Queux, Rudyard Kipling, Erskine Childers und insbesondere John Buchan geprägt hatten.
Mair kannte diese Tradition, und er gestaltete Desmond Thane bewusst als Gegenentwurf zur Konvention: als vielschichtige Identifikationsfigur, mit der das Publikum mitfiebert; als einen philosophisch und literarisch gebildeten Mann, der dennoch eitel ist und verlogen, egozentrisch, zynisch und ein gefühlskalter Mörder. Thane ist der erste Antiheld des Genres – und John Mairs Roman immer noch, in den Worten von Martin Compart, „eines der bestgehüteten Geheimnisse der Thriller­Literatur“.

„Tatsächlich erzählt Mair von der gleichen Welt wie Koestler [Sonnenfinsternis], allerdings im Geist der Burleske. … Man könnte [den Roman] durchaus einen ‚linken Thriller’ nennen … Hier wirken noch einige der üblichen Mechanismen eines Thrillers, insgesamt aber ist das Buch sehr viel anspruchsvoller; sämtliche Verbrechen bleiben ungesühnt, nirgends ist eine schöne Jungfrau zu retten, und niemand handelt aus Patriotismus. Dies ist ein unterhaltsames Buch. Ich hoff e, es erweist sich als Ausgangspunkt einer ganz neuen Art von
Thrillern.“
George Orwell
New Statesman, 4. Januar 1941

Der Herausgeber

Martin Compart war Herausgeber für Krimi­Reihen bei Ullstein, Bastei­Lübbe, Dumont und Strange. Er schrieb mehrere Noir­Romane und Sachbücher und wurde mit zwei Drehbuchpreisen ausgezeichnet. Der FOCUS bezeichnete ihn als „Deutschlands Krimi­Papst“. Seine Artikel und Rezensionen fi nden sich seit 2009 regelmäßig in dem Blog https://martincompart.wordpress.com/. Letztes Buch: 2000 Lightyears from Home: Eine Zeitreise mit den Rolling Stones (Zerberus Verlag, 2020).
Nachwort zu John Mair: „Der vergessene Klassiker“.

Pressekontakt: re-book, Ruth Eising,
Tel. +49 228-25 98 75 82, info@re-book.de

http://www.elsinor.de

Leseproben

Als er am Donnerstagmorgen auf dem Weg zur Arbeit um eine Straßenecke bog, traten zwei Männer hinter einem großen schwarzen Wagen hervor und versperrten ihm den Weg.
«Sie sind Desmond Thane ?»
«Ja, das bin ich.»
«Wir sind von der Polizei. Sie sind wegen des Mordes an Anna
Raven verhaftet.»
Die Welt schien urplötzlich stillzustehen; mit der unbewussten Klarheit einer Kamera registrierte Desmonds Hirn die Risse im Pflaster und das Schild des Immobilienmaklers auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Der zweite Mann trat an seine Seite und fasste ihn unauffällig, aber fest am Arm. «Besser, Sie kommen ohne Aufsehen. Besser, Sie machen keinen Ärger.»
Desmond leistete keinen Widerstand, als sie ihn in den Wagen schoben, der sofort losfuhr. Nach kurzem Schweigen begann Desmond: «Das ist absurd. Ich kenne niemanden namens Raven.»
Die Männer, zwischen denen er saß, antworteten nicht. Desmond wurde lauter.
«Das hier ist vollkommen lächerlich, Sie werden dafür zahlen müssen. Ich vermute, es ist nicht Ihr Fehler, aber ich protestiere aufs Schärfste. Das … das ist einfach absurd.» Er bemerkte plötzlich, dass die Scheiben matt waren, und aus der Geschwindigkeit des Wagens schloss er, dass sie keineswegs zur nächsten Polizeiwache fuhren.
«Wo bringen Sie mich hin ? Das ist ja ungeheuerlich ! Ich ver­lange meinen Anwalt !» Keine Antwort. Er fuhr hysterisch fort:
«Wo ist eigentlich Ihr Haftbefehl ? Ich bestehe auf einer formellen Anklage. Und ich möchte eine Aussage machen.» «Klappe halten», sagte der Mann zur Linken. Desmond, gewöhnt an ein höfliches, wenn nicht unterwürfiges Auftreten von Beamten, verlor gleichzeitig seine Furcht und seine Nerven.
«Was zur Hölle soll das heißen ? Ich verlange, dass man mich auf eine Polizeiwache bringt und Anklage erhebt. Die Polizei hat keinerlei Recht, so vorzugehen !» Der Mann zur Rechten fuhr ihn an:
«Wir sind keine Polizei, also halt die Fresse. Noch ein Wort, und ich ziehe Ihnen eins über.»
Er holte einen kleinen lederbezogenen Schlagstock aus der Tasche und tätschelte Desmond damit das Kinn. Der Wagen musste Londons Zentrum inzwischen verlassen haben, denn er fuhr nun schnell und wechselte seltener die Gänge. Nach dem ersten Schrecken verspürte Desmond vor allem Erleichterung, denn entgegen dem verbreiteten Klischee wirkt das Unbekannte weniger bedrohlich als das Bekannte. Ein verurteilter Mörder dürfte demnach ein gewisses Vergnügen empfinden, falls Marsbewohner mit Tentakeln ihn in seiner Zelle heimsuchen sollten. Desmond war immer noch eingeschüchtert, aber seine Angst hatte nachgelassen; das unausweichliche Faktum der Gefangennahme erlebte er als unangenehme, aber unvorhersehbare Fiktion. Vorsichtig wandte er den Kopf und musterte seine Entführer.
(…)

«Ja, ja, die Strecke nach Buntingford – das stimmt. Ich bin nämlich», fügte er rasch hinzu, um weiteren Fragen nach seiner imaginären Reise auszuweichen, «schon wochenlang kreuz und quer über Land gewandert, um Material für einen Gedichtband zusammenzutragen. Deshalb bin ich auch so unrasiert.» «Oh, Sie sind ein Dichter ?» unterbrach ihn das Mädchen namens Annabel. «Vielleicht sind Sie dann schon meinem Verlobten begegnet – Bob Paget. Er veröffentlicht viel in der New Poetry und im Cervix – Sie wissen schon, die ehemalige Axis, was dann im Krieg zu unpatriotisch klang. Stephen und Tom
Eliot schätzen Bob sehr.»
«Aber ja», log Desmond, «ich glaube, ich bin ihm schon einmal auf einer Party begegnet. Lassen Sie mich nachdenken … war er nicht der gutaussehende Herr mit dem längeren Haar und einem sehr intellektuellen Gesicht ?»
Schon hatte er Annabel gewonnen, und sie nahm Desmond in den Kreis ihrer Freunde auf. Mit ihren schlanken Waden und dem blonden Haar, das ihr ins Gesicht fiel, wirkte sie attraktiv; und Desmond spielte ein wenig mit dem Gedanken, in einen Wettstreit mit Bob einzutreten. Er hatte stets die Ansicht vertreten, man könne warmherzige Frauen verführen, indem man ihre Männer unausgesetzt lobte (zwei Wochen lang eine liebenswert-selbstlose Bewunderung dieser Kreatur, dann ein ganz sanfter Vorstoß: «Aber nein, das darfst du nicht ! Du bist doch Bobs Freund !» – «Aber Anabel, ich bewundere ihn doch so sehr, weil er dich mag. Ich weiß, er würde es verstehen; auch er war oft zärtlich zu Frauen, die ich … Nein, nein, du darfst ihm nichts verraten ! Es würde unsere Freundschaft zerstören, wenn er wüsste, dass ich sein Vertrauen missbraucht habe, und ich möchte das nicht erleben, denn trotz der Dinge, die er manchmal über dich verbreitet, bewundere ich ihn mehr als jeden Mann, der mir je begegnet ist …» etc. etc.). Allerdings hatte er diese Theorie nie in der Praxis erprobt, denn er verachtete seine erotischen Rivalen stets aus tiefster Seele und wäre nie imstande gewesen, sie zu loben, nicht einmal zu ihrem eigenen Schaden. Ein plötzliches Stechen jedoch, weil der Schwamm über eine offene Fleischwunde schabte, versetzte ihn schlagartig zurück in die Gegenwart und verscheuchte die amouröse Stimmung. Annabel hockte neben ihm und überließ die Erste Hilfe ihrer erfahreneren Freundin.
«Welcher Dichterschule gehören Sie an ?»
«Ich bin ein fahrender Scholast und Jünger aller Schulen. Manchmal versuche ich mich im Stil der …
… Liebe, einer Bombe gleich,
Erschüttert russgeschwärzter Städte Nüchternheit, Lässt Flammen züngeln auf dem Grabmal der Vernunft.
Oft lasse ich es aber auch gemütlicher angehen. Housman hat mich sehr beeinflusst; ich trage Ihnen gern die erste Strophe eines Gedichts vor, das ich in seinem Stil verfasst habe – Die erste Sprosse der Leiter habe ich es genannt:
Ein Knabe liegt drunten in Ludlow,
Den Ball schlägt er nimmermehr auf. Dieweil das Gericht zusammentrat,
Fuhr er, am Gasherd, zum Himmel hinauf.



INTERVIEW MIT THOMAS PAGO, VERLEGER DES ELSINOR VERLAGES by Martin Compart
24. Februar 2016, 1:13 pm
Filed under: Bücher, Elsinor Verlag, Interview, John Buchan, Porträt | Schlagwörter: , , ,

Bis letztes Jahr war der Elsinor Verlag für mich eines der best gehüteten Geheimnisse des deutschen Buchhandels. emotionheader21598269[1]Dann – ich konnte es kaum glauben – erschien dort als deutsche Erstausgabe John Buchans THE POWER HOUSE, ein Schlüsselwerk des Thrillers. Noch dümmer guckte ich aus der Wäsche, als ich feststellte, dass in diesem Verlag ein bisher nicht übersetzter Nicholas Blake erschienen war und zudem noch mehrere Bände von G.K.Chesterton. Das gesamte Verlagsprogramm war überraschend vielfältig. Um nur ein paar Namen zu nennen: Robert Louis Stevenson, Arthur Koestler, Gustav Meyrink, Voltaire etc. Das war ganz klar die Handschrift eines Verlegers, der sich einen Dreck um planbaren Bestsellermist schert. Und ganz sicher war es auch die ganz persönliche Handschrift eines Verlegers mit breiten Interessen.

Darum also hier ein Interview mit ihm:

 

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  1. Wer ist Thomas Pago – Ein paar Worte zur Biographie und Werdegang.

Studiert habe ich Germanistik und Anglistik in Münster. Dann ergab sich die Chance, am Nachwuchslektorenprogramm der Verlagsgruppe Bertelsmann in München teilzunehmen. Dort bin ich zehn Jahre geblieben, zuletzt als stellvertretender Chefredakteur im Programmsegment „Reiseführer und Kulturführer“. Mit Münchner Kollegen folgte dann der Schritt in die Selbständigkeit – der Aufbau eines Redaktionsbüros, das bis heute als Producer für Verlage im Sachbuchbereich tätig ist.

 

  1. Die Leidenschaft zur Literatur wird ja zumeist in jungen Jahren geweckt. Was hat Sie nachhaltig beeindruckt?

Vorgelesen wurde tatsächlich seit frühester Kindheit, und dann eben selbst gelesen, sobald das möglich war. Vermutlich war vieles davon auch gar nicht wirklich „altersgemäß“. Jedenfalls war ich als Kind besonders beeindruckt von den frühen Erzählungen Heinrich Bölls, von den Romanen Wilhelm Raabes und von Thomas Mann. Persönlich beeinflusst hat mich vor allem ein Onkel, Norbert Engling, der als Bibliothekar in Dortmund für schöne Literatur und Theater zuständig war. Als junger Theaterkritiker hatte er beispielsweise alle großen Brecht-Inszenierungen am Berliner Ensemble gesehen und kannte Helene Weigel persönlich, auch einige Schauspieler und Regisseure. Stoff genug also für viele interessante Gespräche.

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http://www.elsinor.de/elsinor/

 

  1. Wie kam es zur Gründung von Elsinor?

Die Idee, es mit einem eigenen Verlag mit literarischer Ausrichtung zu versuchen, bestand schon länger. Ohne die Jahre im Konzernverlag und ohne die Erfahrung nicht nur im Lektorat, sondern auch mit der technischen Seite der Buchproduktion wäre das allerdings kaum möglich gewesen. Denn klar war von Anfang an, dass man sehr vieles selbst und manches im kleinen Team freier Mitarbeiter tun muss. Die Grundausrichtung stand also bei der Gründung schon fest, aber der Blick reichte zu Anfang vielleicht ein halbes Jahr weit; die Strukturen sind dann erst langsam gewachsen.

 

  1. Das Programmspektrum ist von einer beeindruckenden Vielfalt. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Titel aus?

Eine schwierige Frage, weil sie unterstellt, dass jede Programmentscheidung vollkommen rational nach bestimmten Kriterien erfolgt. Mindestens zu Anfang spielten persönliche Vorlieben eine ganz große Rolle, daran konnten sich dann weitere Autoren oder Titel anlehnen. Von Keyserling zum Beispiel, der zur Münchner Bohème gehörte, ist von Lebenszeit und -ort her der Weg gar nicht so weit zu Alexander Moritz Frey oder Rudolf Schneider-Schelde. Betrachtet man das Programm inhaltlicher, entdeckt man vielleicht eine kleine Vorliebe für Texte im Grenzbereich der Groteske – etwa bei Wilhelm Busch, bei Chesterton oder in Freys „Solneman“. Aber selbstverständlich gilt das nur für einen Teil der Titel. Jedenfalls zeichnen sich mittlerweile Linien ab, die nicht von vornherein festgelegt waren, sondern sich entwickelt haben und künftige Entscheidungen leiten werden. Wobei der persönliche Eindruck immer noch entscheidet – für Bücher, die mich nicht ansprechen, würde ich den Aufwand nicht betreiben.

Vielleicht noch ein Beispiel für klare Kriterien: Über den Kontakt zum Übersetzer Jörg W. Rademacher ist es zu einer Neuauflage seiner Übersetzung des „Dorian Gray“ von Oscar Wilde gekommen. Das ist ein ehemaliger Eichborn-Titel, dessen Rechte an den Übersetzer zurückgefallen waren. Es geht dabei um einen ganz ungewöhnlichen Versuch, die „unzensierte“ Erstfassung dieses Skandalromans zu rekonstruieren – also die Eingriffe und Korrekturen des Autors und seiner Lektoren in einem umfangreichen Anmerkungsapparat kenntlich zu machen. Es handelt sich um eine Textfassung, die es sonst nirgendwo gibt, und eine wissenschaftliche Ausgabe, aber ungewöhnlicherweise eben in deutscher Übersetzung. Daraus ließ sich dann ein kleiner Themenschwerpunkt ableiten: eine deutsche Leseausgabe ohne die umfangreiche Dokumentation und ohne Nachwort, und dann die rekonstruierte Erstfassung auch als englischen Text, mit Zeilenzählung für den Schulgebrauch. Hier hat sich also die Chance zu einer Art Verdichtung geboten – solche Fälle sind allerdings nicht die Regel.

 

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  1. Wie wichtig ist das Internet für Ihren Vertrieb und Ihr Marketing?

Das ist schwer einzuschätzen. Natürlich gibt es eine Verlagswebsite, und Buchhandlungen werden teilweise auch durch Mailings angesprochen. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite gibt es Blogs und Magazine im Netz, die teilweise sehr qualifiziert rezensieren und über Titel berichten. Manche Verlage versenden ja Rezensionsexemplare ungern an Autoren, die nur im Netz publizieren. Diesen Unterschied macht Elsinor nicht, Beiträge im Netz sind höchst willkommen. Aber, und daher das „schwer einzuschätzen“: Die Wirkung ist oft nicht so leicht zu messen. Wenn unmittelbar nach einer Rezension in einer überregionalen Print-Zeitung die Bestellungen zunehmen, ist der Zusammenhang relativ klar. So deutlich ließ sich der Zusammenhang bei Berichten im Internet bisher nicht beobachten. Dafür ist das, was im Netz steht, eben sehr lange auffindbar, wirkt also vielleicht „nachhaltiger“.

 

  1. Mit LONGINUS veröffentlichen Sie Regionalica. Darunter „Klassiker“ wie DER TOLLE BOMBERG. Ich habe kaum Vorstellungen von Westfalica und frage: Ist da tatsächlich noch Ähnliches zu entdecken? Oder konzentrieren Sie sich hauptsächlich auf zeitgenössisches und zeitgeschtliches?

 

teaserbox_53458807[1]DER TOLLE BOMBERG ist in der Tat eine Ausnahme: wirklich ein Klassiker, der schon seit etlichen Jahren vergriffen war, aber zumindest in Westfalen noch unvergessen ist. Was den Bekanntheitsgrad angeht, wird sich vermutlich nicht so leicht etwas Ähnliches finden. Aber es gibt durchaus auch unter den literarischen Westfalica vergessene Titel, die heute noch Wirkung entfalten könnten. Ich denke da beispielsweise an Augustin Wibbelt, dem man großes Unrecht tut, wenn man ihn als „Heimatdichter“ abstempelt. Bei Wibbelt gibt es durchaus noch einiges zu entdecken – nicht zuletzt in seinem wenig bekannten hochdeutschen Werk. Im Übrigen muss man Westfalica ja nicht „heimatkundlich“ auffassen; wenn man den Blick auf Autoren aus Westfalen richtet, wird sich sicherlich noch einiges entdecken lassen.

Insgesamt sehen Sie das aber richtig: Weil das Feld kleiner ist, wird Longinus thematisch breiter angelegt, soll auch Kultur- und Zeitgeschichtliches umfassen. Sogar ein Kochbuch aus dem 19. Jahrhundert ist in diesem Jahr vorgesehen; der Schriftsteller, Rezitator und Wibbelt-Herausgeber Rainer Schepper hat kürzlich die Handschrift in seiner Bibliothek entdeckt. Das wird nun sicherlich eine Ausnahme bleiben, passt als kulturhistorisches Dokument aber in ein derart weit gefasstes Programmsegment.

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  1. Man sollte das einen Verleger, der ganz offensichtlich mit so viel Herzblut sein Programm gestaltet, nicht fragen. Ich versuche es trotzdem: Gibt es in Ihrem Programm Autoren oder Titel, die Ihnen besonders viel bedeuten?

Sie haben recht, das ist eine heikle Frage – und eine Antwort kann ich natürlich nur versuchen, wenn ich die noch lebenden Autoren komplett ausklammere. Dann würde ich ganz spontan auf die Erzählungen Eduards von Keyserling zeigen und auf die Essays und Erzählungen von Chesterton. Und auf einen wirklich großartigen und leider fast unbekannten satirischen Roman aus der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg – „Solneman der Unsichtbare“ von Alexander Moritz Frey („Solneman“ muss man übrigens rückwärts lesen). Das war die erste spontane Reaktion; nun kämen noch eine Reihe weiterer Titel hinzu, aber ich will es dabei belassen.

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  1. Mit sechs bis sieben Titel im Halbjahr bei LONGINUS und ELSINOR kann man nicht mehr von einem Kleinverlag reden. Mit welcher Manpower organisieren Sie diesen Ausstoß?

Da treffen Sie einen wunden Punkt – denn hier vor Ort im Büro bin ich tatsächlich allein verantwortlich und erledige einen großen Teil der anfallenden Arbeiten – Dinge, die in einem größeren Haus auf mehrere Schultern verteilt wären. Aber selbstverständlich gibt es Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die aber immer nur projektweise tätig werden – Übersetzer, Schlusskorrektoren, aber auch gelegentlich Herausgeber, die ein Projekt von der Erstellung einer satzreifen Textfassung bis zum Verfassen eines Nachworts komplett betreuen. Ohne diese Hilfe wäre der Umfang nicht zu stemmen. Andererseits gibt es aber auch viele Titel, die ich von der Erstellung der Vorlage bis zur Schlusskorrektur komplett selbst in der Hand halte. Manche sprechen ja in solchen Fällen von „Selbstausbeutung“; so sehe ich das zwar nicht, aber ohne die Bereitschaft, sehr viel eigene Zeit einzubringen, wäre das alles nicht möglich.

 

  1. Und natürlich die Sphinx-Frage: Wie sehen Sie die Zukunft des Buches, speziell in Deutschland?

Ein Verschwinden des Buches in den nächsten Jahrzehnten befürchte ich, ehrlich gesagt, nicht; das Buch hat hier einen hohen Stellenwert – als „Gebrauchsbuch“ wie als Kulturgut. Und die elektronische Version, die in Deutschland ja bei weitem nicht so verbreitet ist wie im angelsächsischen Raum, verdrängt das gedruckte Buch bisher nicht, sondern stellt bestenfalls eine weitere Ergänzung dar, eine Variante wie das Paperback zum Hardcover. Andererseits dürfte der Bevölkerungsrückgang – der vielzitierte demografische Wandel – sich langfristig noch stärker im Buchhandel niederschlagen. Zumal die heute jugendliche Generation weniger vom Buch geprägt wird als frühere Generationen, wegen der vielen visuellen Medien – und wegen der immer knapper werdenden Zeit, man denke nur an an die verkürzte Schulzeit vor dem Abitur. Nun hat vor 20 Jahren auch nicht jeder Jugendliche seinen Goethe auf dem Nachttisch liegen gehabt. Aber wer sich für Literatur begeistert, tut das in der Regel schon früh – und ob man als Jugendlicher frei über einen großen Teil seiner Zeit verfügt oder nicht, ist schon ein erheblicher Unterschied. Deshalb glaube ich zwar weiterhin an die Zukunft des Buches, aber ein sehr literarisch ausgerichtetes Programm wie das von Elsinor hätte es vor 20 Jahren vermutlich ein wenig leichter gehabt – und wird es in 20 Jahren noch etwas schwerer haben.

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  1. Und welche Chance haben kleinere und mittlere Verlage angesichts der großen Konzernverlage?

Das Nebeneinander von großen Häusern und kleinen und mittleren Verlagen ist ja nicht neu und macht die Vielfalt der Verlagslandschaft in Deutschland aus. Diese Landschaft wird vielleicht von den Verlagen in der ersten Reihe dominiert, aber in der zweiten oder von mir aus in der dritten und vierten Reihe finden sich durchaus noch auskömmliche Plätze. Da die Ressourcen in den kleinen Verlagen begrenzt sind, muss das Programm natürlich klar profiliert sein – und sich möglichst vom Programm der Großen abgrenzen. Aber Programmideen und die Fähigkeit, davon etwas umzusetzen, sind ja nicht ausschließlich ans große Budget oder eine Konzernzugehörigkeit gebunden. In meiner Zeit im Konzernverlag sind viele Projekte mit der ersten Deckungsbeitragsrechnung begraben worden. Da kann ein kleiner Verlag, natürlich mit der gebotenen Vorsicht, durchaus mehr wagen als der Programmleiter eines großen Verlages, der stärker am Ergebnis gemessen wird. Es gibt ja auch im weiten Feld der Literatur Raum für viele – und es gibt die reizvollen Bezirke, die für den großen Verlag unattraktiv bleiben, weil die Risiken zu hoch sind.

Man darf sich eben nur nicht überschätzen und die eigenen Grenzen aus den Augen verlieren. Der kleine Verlag, der sich für einen erfolgreichen Bestsellerautor interessiert, wird chancenlos bleiben. Und mit dem Gewicht einer jahrzehntelang präsenten Marke oder mit den Vertriebsmöglichkeiten der Großen – mit Marketing- und Presseabteilungen und einem perfekt organisierten Außendienst – kann ein Kleiner in der Regel nicht mithalten. Es ist Raum genug für beide, aber jeder bleibt eben in seiner Sphäre – der Kleine muss nicht unbedingt ein Verdrängtwerden befürchten, aber eine Möglichkeit, wirtschaftlich auch nur halbwegs zu den Großen aufzuschließen, besteht wohl in der Regel nicht.

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