Martin Compart


THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: CUTTER AND BONE by Martin Compart

CUTTER AND BONES von Newton Thornburg (1929-2011) ist ein großer, viel zu lange ignorierter Noir-Thriller, für den heutigen Noir-Roman so wegweisend wie einst James M. Cains THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE für die 1940er und 1950er Jahre. Als der Roman 1976 veröffentlicht wurde, schrieb die NEW YORK TIMES: „the best novel of its kind for ten years“.

cutter-and-bone-duo-opt836x591o00s836x591[1]

Der Aussteiger Richard Bone kommt zehn Jahre zu spät, um den Hippie-Traum zu leben. Ihm steht nur noch eine fragwürdige Form der alternativen Müllkippe zur Verfügung. Trotz gelegentlicher Zweifel zieht er diese aber der systemimmanenten Karriere, die er hinter sich gelassen hat, vor: „Er war sich mit dreißig plötzlich wie ein eingesperrtes Tier vorgekommen. Aus irgendeinem Grund war seine Frau Ruth zu einer Personifizierung unüberbietbarer Langeweile geworden, eine Glucke, die höllisch über ihren kostbaren Küken wachte. Was zwischen ihnen an Sex vorkam, war im Grunde nur gegenseitige Masturbation, bei der sie ihm jede zweite oder dritte Nacht ihren Körper als eine Art Auffangbecken überließ…Mit einemmal sah er das üppige Büro und die ach so beneidenswerte Position nur als eine Treppe, die keineswegs zu schönen und besseren Dingen führte…“

Richard Bone ist der Protagonist des Romans CUTTER AND BONE, den der Erzähler in der dritten Person fast ausschließlich aus seinem Blickwinkel erzählt. Er lebt als ein Strand-Casanova in Santa Barbara und ernährt sich durch die Zuwendungen begatteter Frauen, kleiner Jobs und der Großzügigkeit von Barbetreibern.

Ihn verbindet eine merkwürdige Freundschaft mit dem invaliden Vietnamveteranen Alex Cutter, der in seiner Desillusioniertheit, gepaart mit Zynismus und Selbstmitleid, bereits in der heraufdämmernden Zeit der nächsten Jahrzehnte angekommen ist. Cutter, seine von Drogen aufrecht gehaltene Frau Mo („So fraß Mo morgens, mittags und abends nichts als diese Tabletten – nicht zu viele, aber genug, um dem Leben die scharfen kanten zu nehmen.“), und sein kleiner Sohn krebsen ebenfalls am Existenzminimum herum. Cutters Kaputtheit belastet die Ehe genauso wie andere menschlichen Kontakte. „Ich bin wahrscheinlich einer der wenigen Gesunden. Ich sehe das Leben, wie es ist. Und Verzweiflung gegenüber dem Leben ist die einzig gesunde Haltung, die es gibt.“ Vietnam hat beide zerstört – und Bone die Logistik, das Marketing für ein System, das diese Kriege braucht. Die enttäuschten Veteranen des Krieges und der Revolte verlieren sich an Drogen, Zynismus und Apathie. Cutter und Bones „Heldentum“ besteht darin, über den Tag zu kommen indem sie genug Betäubungsmittel auftreiben.

532369[1]

In einer Regennacht beobachtet Bones zufällig, wie ein Mörder die Leiche einer jungen Frau beseitigt. Er meint, den Mörder in einem Zeitungsbild wieder zuerkennen. Bemerkenswert dabei ist, dass Bone den Mörder an seiner Arroganz, die sich in seiner Körperhaltung ausdrückt, wieder zuerkennen meint. Wir sind Lichtjahre vom klassischen Detektivroman entfernt. Es handelt sich um den ekeligen Wirtschaftstycoon J.J.Wolfe. Zusammen mit der Schwester der Ermordeten beschließen Bones und Cutter ihn zu erpressen. Nur Bones kommen Bedenken. „In dieser Welt. Dieser Grube aus Pisse und Elend! Da hältst du es für unmoralisch, von so einem mörderischen Philister wie Wolfe ein bisschen tägliches Brot zu borgen?“ Wolfe gehört zu diesen Wirtschaftsharpyien, die nach dem ersten Ölschock begierig die Globalisierung anvisieren. Für Cutter symbolisiert Wolfe den schuldigen Kapitalisten, schuldig am Krieg, der sein Verhängnis wurde, und schuldig an den systemimmanenten Verbrechen, die Umwelt und Menschen ins Verderben stürzen. Ob er der Mörder der jungen Prostituierten ist, bleibt dabei bis zum Ende unklar.

Wie bei allen Noir-Autoren ist die Pazifikküste kein Ort an dem die Träume wahr werden, sondern der Ort, in dem sie jämmerlich krepieren. „Gott, er hasste Kalifornien, diese überbevölkerte Theaterlandschaft, wo Amerika unermüdlich Zukünftiges ausprobierte und gleich wieder auswechselte; da blieb nie etwas lang im Verkaufsangebot.“ Kalifornien ist lediglich die letzte Grenze der Lügen und Hoffnungen. Oder wie es Lew Welch in THE SONG MOUNT TAMALPAIS SINGS ausdrückte: „This is the last place. There is nowhere else to go“.

Sie lösen Mechanismen aus, die ihre Welt endgültig zur Jauchegrube der Sixties macht. Anders als die Verfilmung von Ivan Passer (1981 als CUTTER´S WAY), endet der Roman im völligen Nihilismus. Nach den Hoffnungsträger-Morden, nach Altamont und Charles Manson sind die am Tunnelende (um mal wieder eine meiner Lieblingsmetapher zu gebrauchen) geschwenkten Feuerzeuge endgültig erloschen. Thornburg reflektiert, dass individueller Aktionismus, ob von den Weatherman oder etwa der Baader-Gruppe, zu keiner politischen Lösung führen kann, aber sehr wohl die faschistischen Elemente des Systems beflügelt

!CEGB6R!CGk~$(KGrHqN,!iME0HTqkL)ZBNQ)mULuGQ~~_35[1]

Der Roman, 1976 erstveröffentlicht, spiegelt eine Zeitenwende der westlichen Kultur, speziell der amerikanischen Gesellschaft: Nämlich die Katerstimmung nach der kurzen Phase der Euphorie, die in den 1960er Jahren eine gerechtere Ordnung suggerierte. Mitte der 1970er Jahre sind die Ideale verglüht, statt Marihuana hat der Markt härtere Drogen durchgesetzt und jeder sieht zu, wo er noch einen Platz findet.

Es ist die Zeit zwischen Watergate und Reagan, das Todeszucken der 60er-Rebellion, bevor die Neo-Cons im darauf folgenden Jahrzehnt damit begannen, den Planeten endgültig zugrunde zu richten. „Die Aktienkurse waren schon seit geraumer Zeit gefallen und unbeständig, die Arbeitslosenzahl stieg, und in jeder Bar hockten Pessimisten, die eine Katastrophe vorhersagten.“ Die Erinnerung an den ersten „postmodernen Krieg“ verdeutlicht den Beginn der neuen Phase des amerikanischen Imperialismus(vorbereitet seit den 1940ern, wie die PENTAGON PAPERS belegen). Der Vietnamkrieg war viel zu unpopulär um ihn durch höhere Steuern zu finanzieren. Er war der Anfang der Schuldenspirale, die sich bis heute immer schneller dreht und nur durch extreme Aggression des Establishment nach Außen und Innen aufrecht erhalten werden kann. „Cutter and Bone did come out strongly against the Vietnam war. So to that extent I don’t mind it being (interpreted as) leftist.“

Neben Crumleys Romanen (Pelecanos zählt auch noch Kem Nunn dazu) war es wohl Newton Thornburgs Meisterwerk, das für die amerikanische Noir- Literatur der nächsten Jahrzehnte richtungweisend war, indem es diese Kulturwende thematisierte und das Kommende antizipierte. Woody Haut nennt ihn bewusst und mit bestechender Argumentation im direkten Zusammenhang mit Robert Stones DOG SOLDIER, eine der Noir-Fanfaren für die 1970er.
Thornburg: „I’ve never considered myself a pure crime writer. Cutter and Bone is a straight novel, no matter how you look at it – strong characterisations, simple plot. I don’t like novels with private eyes you know, formula ones. I like crime stories, but I like them to be about ordinary people not crime professionals.“

Ekkehard Knörer schrieb über den Roman: „Einzig die Romane Cormac McCarthys lassen sich mit Thornburgs Meisterwerk verlgeichen. Auch in seiner freilich weniger wuchtig daher kommenden Sprachgewalt muss sich Thornburg vor McCarthy nicht verstecken, ihm gelingen so präzise wie (im besten Sinne) poetische Momentaufnahmen. Der Katastrophe wie des Glücks, das bald vorüber sein wird. Der Schuld, die nichts als Sprachlosigkeit zurück lässt. Der untergründigen Bedrohung, der die Katastrophe unweigerlich folgen wird.“

Ich persönlich sehe stilistisch zwar wenige Gemeinsamkeiten mit Cormac McCarthy, aber zweifellos ist der Roman ein literarisches Ausnahmewerk, das diesen Vergleich nicht zu scheuen hat. CUTTER AND BONE funktioniert auf mehreren Ebenen, beschreibt unter dem überspannenden Dach der Melancholie viele Stimmungen. Kein falsches Wort und nur richtige Sätze, die vom Leben selbst berührt sind. Ein großer Noir-Roman und ein großer Roman des 20. Jahrhunderts, dem die Zeit nichts von seiner Wahrhaftigkeit nehmen kann. Cutter, Bones und Mo sind Figuren der Weltliteratur, die man nie vergisst und die echter sind als so manche Büro- oder Kneipenlemuren, denen man im Paralleluniversum des „wirklichen Lebens“ begegnet.

„Regardless of how they finish the novel, Cutter and Bone bear the burden of future noir protagonists, whose fate will be to investigate the culture whatever the cost.” (Woody Haut in NEON NOIR).

Der Ethos des Wilden Westens („erst schießen, dann fragen“) wurde durch den Vietnamkrieg zu einer Lizenz zum töten für Soldaten, Cops, Vigilanten und Psychos. Das spiegelt sich in der Pop-Kultur der 1970er wider, von Filmen wie DIRTY HARRY bis zu Paperback Original-Serien wie THE EXECUTIONER.
Nachhall und Erinnerung an den Vietnamkrieg, der die westlichen Gesellschaften spaltete, als eine der Hebammen der modernen Neo-Noir-Kultur. Die dunklen Mächte, die uns ins Verderben jagen, sind ausgemacht: man betrachtet fatalistisch ihre Zerstörungswut.

cutter-and-bone-movie-poster-1981-1020240945[1]

„I always thought the characterization and cast was good. But the plot broke down halfway through.I think the characterisations are fine, the main characters and so on. But before the end, it just got absurd.“ (Thornburg)

http://www.amazon.de/PAINT-BLACK-%C3%BCber-Noir-Fiction-ebook/dp/B00F5FUIZ2/ref=sr_1_39?s=books&ie=UTF8&qid=1379059878&sr=1-39&keywords=martin+compart

Advertisements


CORMAC MCCARTHYS BLOOD MERIDIAN – DES SCHWEIGERS REISE DURCH DIE HÖLLE by Martin Compart
22. Dezember 2010, 11:38 am
Filed under: Bücher, Cormac McCarthy, Film, Noir, Porträt

Foto von Jim Herrington!

Kein Schweigen war lauter als das von Cormac McCarthy. Der Mann, der den Amerikanern archaisches Bewußtsein vermittelt, gab in der Regel keine Interviews. Mit Homer verbindet ihn mehr als mit Hemingway. Bis vor wenigen Jahren verkauften sich seine Bücher schlechter als schlecht. Leben konnte er von Preisgeldern und Stipendien. Dann outete sich Oprah Winfrey als Anbeterin und der Schweiger kam zum Interview und von da an fliesst das Geld in Strömen – überschaubaren Strömen, aber genug um seinem jungen Sohn ein sorgenfreies Erbe zu hinterlassen.

Mittlerweile ist Hollywood heiß auf den Schweiger und richtet seine grandiosen Romane hin. Da beruhigt nur eine Anekdote des seligen James Malahan Cain. Auf die Frage, ob er nicht erbost darüber sei, was Hollywood seinen Büchern angetan hat, deutete er mit dem Daumen auf das Buchregal hinter sich und sagte:
Hollywood hat meinen Büchern gar nichts angetan. Da stehen sie genauso, wie ich sie geschrieben habe.
Aber dieser Vorwurf gegenüber McCarthy-Verfilmungen wäre nicht gerecht: Die Coen-Brüder haben mit ihrer Verfilmung von NO COUNTRY FOR OLD MAN einen guten Job gemacht. Und auch die Verfilmung von THE ROAD kann man noch als werkgetreu durchlassen (wer würde es nicht verzeihen, eine Rolle zu erweitern oder rein zu schreiben, wenn diese für Charlize Theron ist?).

Und für 2011 ist einmal mehr der Film nach BLOOD MERIDIAN angekündigt.Ursprünglich hatte sich Tommy Lee Jones die Rechte an McCarthys düsterstem Roman gesichert, zwischenzeitlich war das Projekt an Ridley Scott gegangen, und nun ist der Film wohl von Todd Field (u.a. realisierte er einige Folgen der Depressions-TV-Serie CARNIVALE) fertig gestellt worden. Da der Roman zu meinen absoluten Favoriten gehört, hier nochmals meine Betrachtung.

„Blood Meridian“ („Die Abendröte im Westen“; Rowohlt) – eine Höllenfahrt, gegen die Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ wie ein Ausflug auf einem Vergnügungsdampfer erscheint:

„Ein andermal sahen sie eine schaurige Horde auf unbeschlagenen Indianermustangs halb trunken die Straßen entlangreiten, bärtig, barbarisch, in mit Sehnen vernähte Felle gehüllt, reich bewaffnet mit überschweren Revolvern, schwertgroßen Bowiemessern, kurzen doppelläufigen Büchsen von daumendickem Kaliber, der Sattelschmuck aus Menschenhäuten gefertigt, das Zaumzeug aus Menschenhaaren gewoben und mit Menschenzähnen verziert, die Reiter trugen Schulterbinden oder Halsschmuck aus verdorrten, schwärzlich verfärbten Menschenohren, die ungezähmten Pferde rollten mit den Augen und bleckten die Zähne wie bissige Hunde, mit dabei waren noch ein paar halbnackte, im Sattel wankende Wilde, bedrohlich, schmutzig, martialisch, das Ganze wie eine Heimsuchung aus einem unzivilisierten Land, wo sich die Reiter und ihresgleichen von Menschenfleisch nährten.“

Grauenhaft! Einfach grauenhaft! Aber das Schlimmste ist, daß dies nicht die Bösen sind, sondern die „Helden“ in Cormac McCarthys Roman. Dagegen wirken Stephen Kings Monster wie ein fröhlicher Haufen Disney-Enten. Totenschädel, verbleichende Knochen, dazwischen blutige Skalps und Bäume mit erhängten Kindern in der monströsen Landschaft des amerikanischen Südwestens und Nordmexikos – das ist McCarthys Vision von der glorreichen Landnahme.

Der Roman folgt seinem jugendlichen Helden – immer nur „der Junge“ genannt – als Mitglied der Skalpjäger-Gang, die im Auftrag des Gouverneurs die Grenzregion Nordmexikos von Indianern „reinigen“ soll: eine blutrünstige und magisch-realistische Parodie auf die literarische Form der Quest, der Abenteuerreise zur Selbstfindung. McCarthy beschreibt großartige Landschaften, die er immer vor der Niederschrift besucht: „Neun Tage, nachdem sie Chihuahua verlassen hatten, ritten sie durch eine Bergspalte und dann einen Pfad hinunter, der wie eingemeißelt an der massiven Felswand eines Steilhangs dreihundert Meter über den Wolken entlanglief. Ein großes Steinmammut blickte von den grauen Felswänden auf sie herab. Im Gänsemarsch zogen sie bergabwärts. Sie passierten einen in den Fels gehauenen Tunnel; auf der anderen Seite, meilenweit unten in einer Schlucht, waren die Dächer einer Stadt zu sehen.“

Es ist eine Reise durchs Inferno, in der McCarthy seinen Gewaltkosmos als die normalste Sache der Welt kartographiert. Er versucht gar nicht erst, das Böse zu erklären, sondern führt dessen Unausweichlichkeit vor. Er schreibt die Greueltaten nicht nieder, um Gewalt zu erklären, sondern um deren immerwährende Existenz zu behaupten. Die Mörderbande nutzt jede Gelegenheit zum Plündern, Vergewaltigen und Abschlachten. Jedes Dorf, das sie betritt, hinterläßt sie als qualmende Ruine.

„Viele der Einwohner waren in die Kirche geflohen, hielten sich kniend am Opfertisch fest, wurden jammernd fortgezerrt, einer nach dem anderen erschlagen und auf dem Altarboden skalpiert.“

Moral oder Sympathie für Menschen, Opfer und Unschuldige existiert nicht. Es ist ein Amoklauf, in dem Gewalt und Korruption die Währung sind für ein sinnloses Dasein als Schlächter und Verräter an der Menschlichkeit. Nachts lagern die Kujone in den Ruinen einer uralten Kultur, in der Lovecrafts Ungeheuer bestenfalls ein harmloser Lagerfeuerspaß wären. „Im Dunkeln kauerten sie in ihren schlichten Hütten und lauschten der aus den Felsen sickernden Angst.“ So ziehen sie marodierend dahin „wie eine Patrouille, dazu verdammt, einen uralten Fluch zu erfüllen“. Die symphonische Gewalt betäubt, lähmt, entsetzt. Kein Fernsehbericht könnte uns besser vorführen als dieser Roman, wie es in Bosnien oder im Kosovo wirklich zugegangen ist.

„Bei Einbruch der Dunkelheit erhob sich inmitten der Hingemetzelten wie durch ein Wunder eine einzelne Menschenseele und stahl sich im Mondschein davon. Der Boden, auf dem er gelegen hatte, war getränkt mit Blut und mit Urin aus den entleerten Blasen; besudelt und übelriechend wie ein stinkender Abkömmling der fleischgewordenen Mutter des Krieges trottete er dahin.“

Politisch völlig unkorrekt, sind Indianer hier nicht nur Opfer, sondern auch Täter. „Vieles war rätselhaft in der Welt, nicht aber die Grenzen dieser besonderen Welt, denn sie kannte weder Maß noch Schranke, in ihr lebten grausame Geschöpfe, Menschen von anderer Hautfarbe, Wesen, die keiner jemals gesehen hatte und die dennoch nicht fremder waren, als einem sein eigenes Herz fremd sein konnte, ganz gleich, welche Wildnis, welche Bestie es barg.“

Die eigentliche Hauptperson ist Richter Holden, der wahrscheinlich der Teufel oder ein Dämon ist und höhnisch fragt: „Wenn Gott die Entartung der Menschheit aufhalten wollte, hätte er es nicht längst getan?“ Dann wiegt er einen Apachenknaben zärtlich auf den Knien, um ihn kurz darauf zu skalpieren. „Alles, was in der Schöpfung ohne mein Wissen existiert, existiert ohne mein Einverständnis. Die Erde ist meine Domäne. Und doch gibt es überall noch Schlupfwinkel voll autonomem, ungebundenen Leben. Damit ich es mir untertan machen kann, darf nichts ohne meine direkte Einflußnahme geschehen.“ Auch wenn er davonzukommen droht – er soll sich nicht zu früh freuen: Das Land ist noch nicht fertig mit ihm.

In „Blood Meridian“ gelingt McCarthy für die Indianerkämpfe das, was Daniel Woodrell in „The Woe To Live On“ für den Bürgerkrieg getan hat: die Zertrümmerung aller zuckersüßen mythischen Verklärungen. Mit einem Buch löscht der Autor Jahrzehnte von Hollywoods Western-Sozialisation beim Leser aus. Die Szene, in der bekloppte Freischärler von Komantschen niedergemacht werden, die gestohlene Rinder und Pferde als Deckung vor sich hertreiben, vernichtet jede Indianerattacke von John Ford oder sogar Sam Peckinpah (dem einzigen Hollywood-Regisseur, der McCarthy gerecht worden wäre).

„Gott hat die Welt erschaffen, aber nich so, daß alle sich drin zurechtfinden, stimmts?“ sagt ein alter Mann. In diesem blutrünstigen Kosmos hätte sich auch John Wayne nicht zurechtgefunden.
Hat man sich erstmal auf die hypnotische Sprache eingelassen, dann wird das verdammte Buch zum Pageturner, und man kann es nicht mehr aus der Hand legen. Und am Ende weiß man zumindest eines: Es gibt keinen amerikanischen Traum, es hat ihn nie gegeben. Und wenn es doch einen gab oder gibt, dann heißt er: Gier und Blutdurst. Langsam begreift man, daß die USA von Gesindel begründet wurde, das man aus Europa rausgeworfen hat. „Blood Meridian“ ist mit Blut geschrieben.

„Mittags stießen sie ein Stück weiter flußaufwärts auf die Reste eines von der Cholera dezimierten Goldsuchertrecks. Die Überlebenden trotteten zwischen den Kochfeuern umher oder lugten mit hohlem Blick den abgerissenen, hinter den Weiden auftauchenden Reitern entgegen. Ihre Sachen lagen im Sand verstreut; die ärmliche Habe der Toten hatte man ausgesondert, um sie dann irgendwann zu verteilen. Ein paar Yuma-Indianer hielten sich im Lager auf. Die Männer hatten sich mit Messern die Haare zurechtgestutzt oder mit Schlamm an die Schädel geklatscht; sie tappten durchs Gelände, in ihren Händen baumelten schwere Keulen. Die Frauen waren bis auf die aus Weidenrinde geflochtenen Röcke nackt; viele waren hübsch, noch viele mehr von der Syphilis gezeichnet.“

Cormac McCarthy: Die Abendröte im Westen.
rororo; 3.Auflage, 1998. Blendend übersetzt von Hans Wolf.