Martin Compart


THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: P.M. HUBBARD by Martin Compart

„Mein absoluter Favorit, auch in literarischer Hinsicht, ist der leider völlig in Vergessenheit geratene P.M.Hubbard. Er schrieb nur sechzehn Thriller. Aber die gehören zum allerbesten. In keinem ein überflüssiges Wort. Wer lernen will, wie man einen erstklassigen Thriller schreibt, sollte Hubbard studieren.“ (Jonathan Gash)

Philip Maitland Hubbard gehört zu den literarischen Schätzen, von denen man nur ganz wenige in einem Leserleben heben wird. Einer dieser Autoren, die trotz ihrer überragenden Qualitäten nie die Bekanntheit erreichen, die ihnen zustehen würde.
Die Glücklichen, die diese Schriftsteller zufällig oder durch einen Hinweis entdecken, werden ihre Bücher – die sich unauslöschlich ins Hirn brennen – hüten, pflegen, und immer wieder zu ihnen greifen. Und sie reihen sich wahrscheinlich in eine Kult-Gemeinde ein, die nicht sehr groß ist, aber beglückt von dieser Lektüre, immer auf der vergeblichen Suche, vergleichbares zu entdecken.

Diese Autoren sind leider nicht für die Mehrheit der Leser bestimmt (wie ihr begrenzter Erfolg und ihre Vergessenheit belegen); sie gehören einer eifrigen Minderheit.

P.M. Hubbard gehört genau in diese Kategorie.

Wie Kafka ist er kein Schriftsteller, der einen überfällt. Er nimmt subtil von einem Besitz, indem er erst ganz zart an die Kehle greift und immer stärker zudrückt.

Philip Maitland Hubbard wurde am 9 November 1910 in Reading in Berkshire geboren. Aus gesundheitlichen Gründen zog sein Vater mit der Familie auf die Kanalinsel Guernsey. Hier entwickelte Hubbard wohl seine tiefe Liebe zum Meer und zur Natur. Sein Großvater, Henry Dickenson Hubbard (1824–1913), war ein Kirchenmann der Church of England und hinterließ ein beachtliches Vermögen.

Er besuchte das Elizabeth College, Guernsey, studierte dann am Jesus College in Oxford. Dort gewann er 1933 den Newdigate Prize for Poetry für das Gedicht „Ovid among the Goths“.

1934 trat er in den Dienst des Indian Civil Service. Er beendete seine Karriere als letzter District Commissioner des Punjab, bevor Indien 1947 unabhängig wurde.
Anschließend kehrte er nach England zurück und arbeitete in der Verwaltung des British Council, wurde dann stellvertretender Verwaltungsdirektor der Handelsgewerkschaft.

Ab 1960 arbeitete er hauptberuflich als freier Publizist und Schriftsteller. Er schrieb Artikel und Sketche für den „Punch“ und Gedichte. „Most of my `serious´ poetry has remained unpublishable in my period, because it rhymes and scans. I write a good deal of verse for Punch between 1950 & 1962. Of course a lot of comic, satirical, topical & occasional stuff, but occasionally, when the editor wasn’t looking too closely, lapses into poetry (as I see it.).”
Seit den frühen 1950ern schrieb er Science Fiction-Kurzgeschichten, u.a. für so renommierte Magazine wie „The Magazine of Fantasy and Science Fiction“.

1963 erschien sein erster Roman:FLUSH AS MAY. Ihm folgten fünfzehn weitere Thriller (nur sieben davon wurden für die Rowohlt-Thriller-Reihe ins Deutsche übersetzt) und zwei Kinderbücher. HIGH TIDE wurde 1980 fürs Fernsehen in der ITV-Reihe „Armchair Thriller“ mit Ian McShane verfilmt.

Er ließ sich im Horsehill Cottage, Stoke in Dorset nieder, wo er mit seiner Frau und den drei Kindern Jane, Caroline und Peter, bis zur Scheidung lebte. 1973 zog er in den Südwesten von Schottland, der sich von da an stark in seinen Büchern niederschlug.

Er starb am 17, März 1980 in Newton Stewart, Galloway. In seinem Testament bestimmte er eine Pension für seine Exfrau, ihr „unbehelligtes Leben“ im Horsehill Cottage und für seine Kinder einen Trust.


Sein letzter Roman war sein einziger Agenten-Thriller: KILL CLAUDIO, 1979 (der Titel ist ein Shakespeare-Zitat aus VIEL LÄRM UM NICHTS). In ihm findet der Geheimagent Ben Selby heraus, dass sein Freund statt seiner ermordet wurde. Die Witwe bittet ihn, den Mörder zu finden und zu töten. Der politische Hintergrund spielt keine wirkliche Rolle.

Das Thema ähnelt einigen von Hubbards vorherigen Thrillern und erlaubt ihm eine atemberaubende Menschenjagd in der Tradition von Buchan und Household.
Wie sein erster Thriller, FLUSH AS MAY (eher ein klassischer Detektivroman), beginnt er mit einem Leichenfund während eines Spazierganges. Mike Ripley und H.R.F. Keating nahmen KILL CLAUDIO 2000 in ihre 101 CRIME THRILLERS OF THE 20.CENTURY auf (Keating tat dies bereits 1987 in CRIME & MYSTERY – THE 100 BEST BOOKS).

Hubbard erfand nie einen Serienhelden (dabei dürfte sein Protagonist aus A HIVE OF GLASS, der fanatische Antiquitätenjäger Johnnie Slade, einen gewissen Einfluss auf Jonathan Gashs Helden Lovejoy ausgeübt haben) und Polizisten tauchen kaum in seinen Thrillern auf. In Hubbards atavistischen Welt haben Ordnungskräfte wenig bis keine Bedeutung.

Seine Protagonisten verfügen über einen scharfen Verstand und sie sind deduktionsfähig, aber mit klassischen Detektivromanhelden haben sie nichts zu tun. Sie leben in einer Welt voller Gier, Neid und Leidenschaft, die auf Mord und Totschlag zuläuft. In einer Atmosphäre wie in modernisierten gotischen Schauerromanen.

Seine “Helden” (weibliche Protagonisten gibt es nur in zwei Romanen, FLUSH AS MAY und THE QUIET RIVER) sind meistens gebildete Männer (etwa Schriftsteller), die sich gut ausdrücken können und über einen starkem Willen verfügen. Sie teilen häufig die Interessen ihres Schöpfers: Jagdsport, Segeln, Volksglaube oder Shakespeare.
Sie geben wenig Auskunft über ihr Vorleben, haben anscheinend nichts mit Institutionen zu tun und so gut wie kein gesellschaftliches Leben. Falls doch, leben sie zum Beginn der Handlung in ihren urbanen Professionen wie getarnte Psychopathen:

„Ich ließ nur das schmallippige Lächeln sehen, das ich mir in der Schule einem bestimmten Direktor gegenüber angewöhnt hatte. Soviel Hass wie auf den Direx hätte ich für Mr. Hastings gar nicht aufgebracht. Hauptsächlich wünschte ich mich weg. Weg aus London.“

Sie sind so isoliert wie die Welt, in die sie ihr Autor versetzt. Der konzentriert sie ganz auf das ablaufende Geschehen und ihre emotionalen Effekte.
Sie kommen oft aus einem scheinbar vorenthaltenen Leben mit kargen Freuden scheuen weder Risiken noch Chancen. Besonders dann nicht, wenn sie eine verbotene Fruchtpflücken wollen (vor allem in Form von Liebe zu einer verbotenen Frau).
Und sie kommen fast immer von außen in eine schwer durchschaubare Welt, die sie zu umklammern beginnt.

Jochen Schmidt schrieb über Hubbards amoralische Protagonisten:
„Hubbard selbst lässt mit keinem Wort erkennen, dass er das Tun und Lassen seines Helden missbilligt… Die Inhumanität – also auch die Schuld des Erzählers – ergibt sich nur aus dem Sprachduktus dieser unsentimentalen Rollenprosa… Vielleicht ist es diese Gefühlskälte vieler Hubbardscher Figuren, die den ständig ins kalte Wasser geschickten Leser dieser vorzüglichen Romane gelegentlich frösteln lässt“ (GANGSTER, OPFER, DETEKTIVE; Ullstein, 1988, S.321f.).

“The place is generally in fact the principal character in the book, because, again, places mean more to me than people.”

Hubbards Bücher sind “rurale Thriller” oder “Country Noir”. Keiner von ihnen spielt in einer Metropole oder in einer urbanen Umgebung. Handlungsorte sind Küstenstriche, Highlands, Inseln oder unheimliche Wälder mit noch unheimlicheren Häusern (sein Können, die Natur beklemmend erfahrbar zu machen, wird gelegentlich mit dem nicht minder großartigen Arthur Machen verglichen), gelegentlich von Überresten paganer Kultur durchdrungen. Grenzgebiete einer atavistischen Welt, die auch das Bewusstsein der Figuren widerspiegelt. Immer wieder betonen Theoretiker eine gewisse Nähe zur Gothic Novel bei Hubbard, dort, wo „erhabene Natur die Komplizin des Bösen“ (Hans Richard Brittnacher) ist.

In diesem Sinne könnte man Hubbards Romane gar als Backwood-Thriller einordnen.

Mentale und physische Isolation gehört zu den wiederkehrenden Motiven.
Hubbard ist ein Konservativer, der das moderne großstädtische Leben kaum kannte.
So behauptete er ernsthaft 1969 in COLD WATERS:
„In London gab es nur ein oder zwei Räumlichkeiten, wo man für so viele Leute (Jahresparty eines Unternehmens) ein Essen arrangieren konnte.“

Er hatte auf Guernsey gelebt, über ein Jahrzehnt in Nordindien und nach seiner Rückkehr wohl einige Zeit in London, bevor er sich in einem ländlichen Cottage niederließ, wo er einsam seiner schriftstellerischen Tätigkeit nachging. Bis auf gelegentliche Besuche beim „Punch“ oder bei Verlagen, dürfte er wenig großstädtisches Leben erfahren haben. Die schockierenden Swinging Sixties sind wohl einigermaßen spurlos an ihm vorbei gegangen.

Er kommt mir vor wie von der Nachkriegszeit enttäuschter Brite, den der Verlust des Empires desillusioniert in die Wälder und aufs Wasser getrieben hat. Von Britannien war für ihn nur noch der rurale Kern (bis in die schottischen Highlands) akzeptabel und lebenswert. Aber da er kein Reaktionär war, sah er auch den dort möglichen Horror. Seine Verbrechen entspringen weniger gesellschaftlichen Umständen, sondern der menschlichen Natur im Hobbesschen Sinne oder der Psychopathie.

Jochen Schmidt hat darauf hingewiesen, dass merkwürdiger Weise Hubbards langjähriger Aufenthalt in Indien keinen oder kaum einen Niederschlag in seinem Werk gefunden hat. Lediglich THE COUNTRY OF AGAIN spielt hauptsächlich in Pakistan (Punjab).

Die Geschichten entwickeln sich langsam aber treibend, bauen eine Atmosphäre zunehmender Paranoia auf, getragen von der bedrückenden Umgebung, bis sie schließlich in Morden explodieren. Vor dem Ende gibt es nur wenige physische Konfrontationen, aber eine immer gegenwärtige, sich steigernde Atmosphäre der Gewalt. Ein großer Reiz dieser Thriller ist diese drohende Stimmung einer unmittelbar bevorstehenden Zerstörung.

Die Gewalt baut sich unterschwellig auf und wird dann immer bedrohlicher. Das Gewaltpotential wird zurückgehalten, steigert sich latent bis zum Ausbruch. Hubbard lässt es den Leser spüren, benutzt seine Phantasie antizipatorisch. Der innere Dialog entwickelt die Spannung von Seite zu Seite.
Wenn diese Gewalt dann explodiert, trifft sie den Leser wie ein Faustschlag in den Bauch. Schockierender als Splatter-Punk.

“I have too little sympathy with other people to be a good novelist (a general male failing, which is why most of the great novels are written by women), but my English rests on a severely traditional classical education, which I have no doubt is the only sound basis for using English properly…. . By this I mean that I am in myself a egotist, and tend to see people mainly as factors in my own situation, whereas I should have thought that a novelist must (or at least on occasion be able to) take a God’s-eye view of them. Of course all fiction writers are egotists, and a certain degree of egotism is necessary to impose a unity on their imagined world and people. But they ought to be able to envisage other people’s feeling more clearly than probably I can.” (Briefe an Tom Jenkins in 1973)

Hubbards intensive Ich-Erzähler monologisieren sehr filmisch. Deshalb sind seine Thriller ein Geheimtipp für intelligente Regisseure. Bisher wurde lediglich ein Buch von ihm für das Fernsehen adaptiert.

Die Romane sind relativ kurz und lesen sich schnell. Das entspricht Hubbards Suspense-Konzept und erfüllt es maximal. Im Gegensatz zu den meisten Page-Turnern bleiben die Bücher im Gedächtnis. Spannung, Charaktere und Atmosphäre sind so originell, so ungewöhnlich, dass man sich noch Jahrzehnte später rudimentär erinnert.

Jedes Buch enthält lediglich vier Hauptpersonen mit der Konzentration auf den Protagonisten, der fast immer der Ich-Erzähler ist. Der erzählt in klaren, kurzen Sätzen, vermeidet Adjektive und Wortschwall. Die Geschichten erzählen sich von selbst durch die Augen des Protagonisten. Kontrafaktisches ist für den Leser kaum erkennbar.
Unter der Meisterschaft von Hubbard baut sich alles zu einem literarischen Universum zusammen, dass in der Thriller-Literatur nichts Vergleichbares kennt. Obwohl ihm Jonathan Gash manchmal nahekommt (besonders in den Action-Szenen der frühen Lovejoys).

In kurzen Sätzen voller Eleganz beschreibt er brutale, geradezu mythische Konflikte in einer einsamen Natur. Bei ihm gibt es keine sinnlosen Sätze, keine Redundanz (durch die fast alle heutigen Thriller ihren voluminösen Umfang erreichen). In der Regel geht es um einen amoralischen Protagonisten, der durch Umstände zu einer Aktion gezwungen wird, die weitere Handlungen nach sich zieht – bis zu einem entweder desaströsen oder „befriedigendem“ Ende.

Die düstere Psychologie in Hubbards Romanen rief bei einigen Kritikern Vergleiche mit Patricia Highsmith hervor. Seine Faszination für Wasser und Segeln ließen andere Kritiker an Andrew Garve denken, der aber ein viel optimistischeres Weltbild hat und weniger getrieben ist.

Dem literaturgeschichtlichen Sortierzwang entzieht er sich weitgehend.

Und so hat Philip Maitland Hubbard gearbeitet:

„I start with the one or two characters necessary to carry the theme, and then I just start writing and see what happens. Fresh characters introduce themselves, existing characters do unexpected things and the thing just goes on growing. At some point, obviously, I have to stop and say, in effect, “Well, what is this about? What really is going to happen?” But I may be two-thirds of the way through the book by then. Even then I don’t conceive the solution in more than general terms, but of course the further I go, the more precisely I can see ahead. I do very occasionally have to go back and change a few details at the start of the book which no longer fit its outcome, but it is odd how seldom this happens. This is because the thing is conceived and built up as an organic growth. the later parts fit the earlier parts simply because they have developed naturally out of them. Even the final solution is not something imposed from the outside, but is precisely the explanation of all that has gone before. In detail, I write very much as it falls out, writing in my own minuscule hand (700+ words to a quarto page), and changing very little, and that only for purely verbal reasons, so that you may get several consecutive pages of ms. with no corrections at all. When I have finished, I copy it out laboriously on my typewriter, and the result is the text as printed. I cannot consider such a thing as a re-draft, because once the book is down on paper, it is dead so far as I am concerned, and a postmortem may be possible, but not surgery.“

BIBLIOGRAPHIE:

Flush as May (1963)
Picture of Millie (1964)
A Hive of Glass (1966)
The Holm Oaks (1966)
The Tower (1968)
The Custom of the Country (as The Country of Again in US) (1969)
Cold Waters (1969)
High Tide (1971)
The Dancing Man (1971)
A Whisper in the Glen (1972)
A Rooted Sorrow (1973)
A Thirsty Evil (1974)
The Graveyard(1975)
The Causeway (1976)
The Quiet River (1978)
Kill Claudio (1979)

JUGENDBÜCHER:
Anna Highbury (1963)
Rat Trap Island (1964)

Eine Bibliographie der deutschen Übersetzungen für Rowohlt findet sich unter:

Hubbard, P.M.



http://zerberus-book.de/



CHARLES DEWISME WIRD 100 und BOB MORANE 65 JAHRE ALT /3 by Martin Compart

 

PLÜNDERN ODER ZITIEREN -. SF UND WISSENSCHAFT IN BOB MORANE

Ich kenne – wie schon gesagt -keinen anderen Autor, der sich intertextuell so intensiv im Kanon der Genre-Literatur so intensiv bedient hat wie Henri Vernes. Verschiedene Journalisten und Autoren von Büchern über Vernes und BM berichteten, wie dünnhäutig Vernes reagiert, wenn er darauf angesprochen wird. Seine größte Angst ist es wohl, als großer Plagiator in die Literaturgeschichte einzugehen.

Eigentlich eine unbegründete Furcht, denn bekanntlich bauen alle Literaturen mehr oder weniger auf vorgefundene Topoi. Doch ist die Serie BOB MORANE durch ihre Langlebigkeit natürlich ein besonderer Fall, denn bei über 200 Romanen hat Vernes so oft wie kein anderer aus literarischen oder filmischen Vorbildern geschöpft.

BM entstand zu einem Zeitpunkt, als die romanische, speziell die französische, Populärkultur sich extrem mit der angelsächsischen zu vermischen begann: Nach Ende des 2.Weltkriegs überfluteten amerikanische Filme, Comics und Romane den französischen Markt (was dann zu einem von den Kommunisten eingebrachten Gesetz führte, dass den ausländische Anteil – besonders in Comic-Magazinen – begrenzte). Der Durst nach amerikanischer Pop-Kultur war fast so groß wie in Deutschland, stieß aber auf reichere Traditionen.

BM steht, wie sonst vielleicht noch MAIGRET oder FANTOMAS, für den Übergang von der französischen populären Literatur zur amerikanisierten Medienkultur.
Das geistige Universum des Autors strukturiert sich durch literarische und kinematografische Referenzen mehr, als dass es eine Darstellung der Realität ist, wie früher oft und gerne behauptet.

Man kann das aber auch positiv statt nur entschuldigend, erklärend werten: Vernes hat aus dem Recycling à la BOB MORANE eine wahre Kunstform gemacht, in der ein traditionsbewusster Leser als Sekundärvergnügen die Romane nach Vorbilder und Inspiration absuchen kann.
So erkennt ein Fan in KROUIC, 1972, eine Variation von UBIK, 1969, von Philip K. Dick.

Im ANANKÉ-Zyklus sehen manche eine Abwandlung der RIVER WORLD-Saga von Philip José Farmer (im 2. Band des Zyklus, LES PÉRILS D´ANANKÉ, 1975, treffen BM und seine Freunde gar auf Vlad Tepes, alias Dracula).

Vor allem verdankt die fantastische Atmosphäre, die so viele von Moranes Abenteuern durchdringt, Jean Ray, dem Autor von MALPERTIUS und HARRY DICKINSON, der wohl den nachhaltigsten Einfluss auf den jungen Charles Dewisme ausübte.

Die phantastische Literatur kennt Vernes mindestens so gut wie den kolonialen Abenteuerroman.

Besonders bei H.G.Wells bediente sich Vernes – wie viele SF-Autoren – häufig und gerne: Die Aliens in LES MONSTRES DE L´ESPACE, 1956, sind deutlich von WAR OF THE WORLDS „inspiriert“. In LES BULLES DE L´OMBRE JAUNE, 1970, findet man eindeutige Bezüge zu THE TIME MACHINE: Die schrecklichen Khops sind die Morlocks und die Kinder der Rose sind die Eloi.
In LE RÉVEIL DE KUKULKAN, 1994, bezieht er sich direkt auf THE ISLAND OF DR.MOREAU. THE INVISIBLE MAN übernahm Vernes für FORMULE X33, 1962.

Auch von Sir Arthur Conan Doyle übernahm Vernes vieles: Er gibt sogar zu, dass LE DRAGON DES FENSTONES, 1961, direkt vom HOUND OF BASKERVILLE „inspiriert“ wurde. Die unzugängliche Hochebene, auf der die letzten Maya leben (in LE SECRET DES MAYAS, 1955), geht direkt auf die Hochebene in THE LOST WORLD zurück (wie die vielen Saurier in verschiedenen BM-Romanen). Assoziationen zu Sherlock Holmes ergeben sich in LA MALLE À MALICE, 1976, und DES LOUPS SUR LA PISTE, 1980, und an Gaston Leroux´ Rouletabille in POISON BLANC , 1972.

Die versunkenen Welten, auf die BM immer wieder stößt, haben ihre Wurzeln bei Rider Haggard und Edgar Rice Burroughs.

Auch H.P. Lovecraft hat Spuren hinterlassen: Dagon in der gigantischen Kreatur, halb Mensch, halb Fisch, in LES SPECTRES D´ATLANTIS. Rudyard Kipling hinterlässt Spuren in LA MARQUE DE KALI. John Buchans Prophet aus GREENMANTLE findet sich wieder in MASQUE DE JADE, 1957.

Sogar Georges Arnauds Klassiker LA SALAIRE DE LA PEUR plünderte er für einige Szenen in LE CAMION INFERNAL, 1964.
Richard Mathesons THE SHRINKIN MAN, 1956, stand Pate bei L´ENNEMI INVISIBLE, 1959.

Dank der „Zeit-Patrouille“, die Vernes direkt von Poul Anderson übernommen hatte, muss Morane keine Lost Valleys mehr in Dschungeln entdecken. Er kann sich von da an direkt in vergangenen Epochen oder auf fremden Planeten austoben.

Vernes, der ja immer große Angst hat, als Plagiator bezeichnet zu werden (was er – zum Teufel – ja ist), behauptete dreist, Anderson in den USA und er selbst in Europa, hätten zur selben Zeit die jeweiligen Zeitpatrouillen entwickelt. Dies hätte nur geschehen können, wenn Vernes zwei Jahre in die Vergangenheit gereist wäre. Andersons erste Zeitpatrouille-Geschichte wurde in Frankreich im März 1956 veröffentlicht; LES CHASSEURS DE DINOSAURUS erst 1957. Eine Jagd auf Dinosaurier thematisierte zuvor schon Ray Bradbury in der Story A SOUND OF THUNDER, 1952, die in Frankreich ebenfalls 1956 veröffentlicht wurde.

Wenn Henri Vernes SF schreibt, dann ist es auf naive Weise die klassische SF mit ihren klassischen Topoi, wie Außerirdische, Weltraum- oder Zeitreisen, Genmanipulation, Atomkraft, verschwundene Zivilisationen und Große Alte. Die SF von Bob Morane kleidet sich in Konfektion; es sind Transformationen des Abenteuerromans in die SF. Vernes kreuzt sie in einer Patchwork-Welt mit dem kolonialen Abenteuerroman (der letztlich Pate der Space Opera war).

Vernes umgeht in seinen Zeitreise-Geschichten alle Probleme des Zeitparadoxons.
Was in der Zukunft passiert, findet gleichzeitig und in der Vergangenheit statt:
Wenn Morane zu einem Zeitpunkt A im Mittelalter in Schwierigkeiten ist, muss ihm die Zeitpatrouille im 23. Jahrhundert rechtzeitig ein Objekt schicken, das genau zum Zeitpunkt A ankommen muss, denn zum Zeitpunkt B könnte der Held bereits tot sein. Vernes Raum-Zeit-Verständnis suggeriert die immerwährende Gegenwart, in der alle drei Zeitinstanzen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, gleichzeitig stattfinden.

Die Science Fiction ist mehr noch als der Abenteuerroman eine „kollektive Literatur“, in der allen Autoren alle Themen gehören und jeder an jeden anknüpfen kann um das Grundmaterial ständig zu überarbeiten. Peinlich nur, dass Vernes nur assimiliert, ohne einen neuen Aspekt bei zu bringen. Für ihn ist die SF eine reine Dekoration, die den Abenteuerroman  erneuern soll.

Aber Vernes beschäftigte sich auch ernsthaft mit der Wissenschaft (jedenfalls während der klassischen Marabout-Phase). Als Kind seiner Zeit sog er nach dem Krieg die Wissenschaftsgläubigkeit auf und sah sie auch als Möglichkeit, die BM-Serie zusätzlich zu bereichern und von anderen Jugendbuchserien abzugrenzen. Morane war schließlich ein moderner Held, voller Ingenieurswissen.

Durch seine stete Lektüre wissenschaftlicher Fachmagazine (der Chef von Marabout schickte ihm zahlreiche Artikel über die neuesten wissenschaftlichen Entdeckungen) konnte Vernes einiges antizipieren.

In der April-Ausgabe 2004 würdigte das kanadische „Quebec Science“-Magazine“ BM als die Serie, die eine ganze Generation Jugendlicher an die Naturwissenschaften herangeführt hat. Einige Beispiele dafür, wie Henri Vernes einige Entwicklungen extrapolierte und attraktiv aufbereiten konnte:

1958, in LES GÉANTS DE LA TAIGA, beschrieb er einen Wissenschaftler, der das Mammut wiederbelebte, indem er Fortpflanzungszellen von einem gefrorenen Kadaver nahm, so wie es ein japanischer Forscher 1999 tun wollte.

Die Duplikator-Maschine von Mr.Ming in LE RETOUR DE L’OMBRE JAUNE, 1960, mit der er biologische Kopien von sich selbst erstellt, hat viele Gemeinsamkeiten mit dem Klonen.

In PANIQUE DANS LE CIEL, 1954, beschrieb Vernes einen Senkrechtstarter vor dem ersten Flug der Convair XFY-1 (um Opium zu transportieren; das hätte sicherlich auch Pablo Escobar inspirieren können).

In MISSION POUR THULÉ hilft Morane den Amerikanern beim Start eines Satelliten, der der Förderung von Wissenschaft und Frieden gewidmet ist (in der Zeit mit und nach Reagen muss man das wohl unter Fantasy einordnen).

In LES MANGEURS D’ATOMES, 1961, „entwickelt“ ein Biologe einen prähistorischen Krebs, der atomare Abfallstrahlung absorbiert. Die Veränderung der Biosphäre behandelt Vernes bereits 1955 in LES FAISEURS DE DÉSERT.

Ab den 1990er Jahren beschäftigte sich Vernes zunehmend mit Ökologie. In LA TERREUR VERTE, 1969, hatte er bereits eine „Revolte der Natur“ beschrieben. In LES DÉSERT. D’AMAZONIE, 1993, thematisiert er die Abholzung des Regenwaldes. Natürlich gab es auch (dem jeweiligen Wissensstand entsprechend) einigen Unsinn zu lesen: In LES MONSTRES DE L’ESPACE beschreibt Vernes die Existenz einer Mondvegetation.

In der klassischen Phase spiegelt die Serie die Fortschrittsgläubigkeit der 1950er- und 60er Jahre in all ihrer Naivität wider. Nach 1969 – nach der Mondlandung – steigert Vernes die phantastischen Momente und verlässt die wissenschaftlichen Grundlagen zu Gunsten der Fantasy-Elemente. Mit der zunehmenden Hinwendung zu simplen Zeitreise-Geschichten, konzentrierte sich Vernes auf das am wenigsten wissenschaftliche Thema der Science Fiction.

FORTSETZUNG FOLGT



INTERVIEW MIT THOMAS PAGO, VERLEGER DES ELSINOR VERLAGES by Martin Compart
24. Februar 2016, 1:13 pm
Filed under: Bücher, Elsinor Verlag, Interview, John Buchan, Porträt | Schlagwörter: , , ,

Bis letztes Jahr war der Elsinor Verlag für mich eines der best gehüteten Geheimnisse des deutschen Buchhandels. emotionheader21598269[1]Dann – ich konnte es kaum glauben – erschien dort als deutsche Erstausgabe John Buchans THE POWER HOUSE, ein Schlüsselwerk des Thrillers. Noch dümmer guckte ich aus der Wäsche, als ich feststellte, dass in diesem Verlag ein bisher nicht übersetzter Nicholas Blake erschienen war und zudem noch mehrere Bände von G.K.Chesterton. Das gesamte Verlagsprogramm war überraschend vielfältig. Um nur ein paar Namen zu nennen: Robert Louis Stevenson, Arthur Koestler, Gustav Meyrink, Voltaire etc. Das war ganz klar die Handschrift eines Verlegers, der sich einen Dreck um planbaren Bestsellermist schert. Und ganz sicher war es auch die ganz persönliche Handschrift eines Verlegers mit breiten Interessen.

Darum also hier ein Interview mit ihm:

 

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  1. Wer ist Thomas Pago – Ein paar Worte zur Biographie und Werdegang.

Studiert habe ich Germanistik und Anglistik in Münster. Dann ergab sich die Chance, am Nachwuchslektorenprogramm der Verlagsgruppe Bertelsmann in München teilzunehmen. Dort bin ich zehn Jahre geblieben, zuletzt als stellvertretender Chefredakteur im Programmsegment „Reiseführer und Kulturführer“. Mit Münchner Kollegen folgte dann der Schritt in die Selbständigkeit – der Aufbau eines Redaktionsbüros, das bis heute als Producer für Verlage im Sachbuchbereich tätig ist.

 

  1. Die Leidenschaft zur Literatur wird ja zumeist in jungen Jahren geweckt. Was hat Sie nachhaltig beeindruckt?

Vorgelesen wurde tatsächlich seit frühester Kindheit, und dann eben selbst gelesen, sobald das möglich war. Vermutlich war vieles davon auch gar nicht wirklich „altersgemäß“. Jedenfalls war ich als Kind besonders beeindruckt von den frühen Erzählungen Heinrich Bölls, von den Romanen Wilhelm Raabes und von Thomas Mann. Persönlich beeinflusst hat mich vor allem ein Onkel, Norbert Engling, der als Bibliothekar in Dortmund für schöne Literatur und Theater zuständig war. Als junger Theaterkritiker hatte er beispielsweise alle großen Brecht-Inszenierungen am Berliner Ensemble gesehen und kannte Helene Weigel persönlich, auch einige Schauspieler und Regisseure. Stoff genug also für viele interessante Gespräche.

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http://www.elsinor.de/elsinor/

 

  1. Wie kam es zur Gründung von Elsinor?

Die Idee, es mit einem eigenen Verlag mit literarischer Ausrichtung zu versuchen, bestand schon länger. Ohne die Jahre im Konzernverlag und ohne die Erfahrung nicht nur im Lektorat, sondern auch mit der technischen Seite der Buchproduktion wäre das allerdings kaum möglich gewesen. Denn klar war von Anfang an, dass man sehr vieles selbst und manches im kleinen Team freier Mitarbeiter tun muss. Die Grundausrichtung stand also bei der Gründung schon fest, aber der Blick reichte zu Anfang vielleicht ein halbes Jahr weit; die Strukturen sind dann erst langsam gewachsen.

 

  1. Das Programmspektrum ist von einer beeindruckenden Vielfalt. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Titel aus?

Eine schwierige Frage, weil sie unterstellt, dass jede Programmentscheidung vollkommen rational nach bestimmten Kriterien erfolgt. Mindestens zu Anfang spielten persönliche Vorlieben eine ganz große Rolle, daran konnten sich dann weitere Autoren oder Titel anlehnen. Von Keyserling zum Beispiel, der zur Münchner Bohème gehörte, ist von Lebenszeit und -ort her der Weg gar nicht so weit zu Alexander Moritz Frey oder Rudolf Schneider-Schelde. Betrachtet man das Programm inhaltlicher, entdeckt man vielleicht eine kleine Vorliebe für Texte im Grenzbereich der Groteske – etwa bei Wilhelm Busch, bei Chesterton oder in Freys „Solneman“. Aber selbstverständlich gilt das nur für einen Teil der Titel. Jedenfalls zeichnen sich mittlerweile Linien ab, die nicht von vornherein festgelegt waren, sondern sich entwickelt haben und künftige Entscheidungen leiten werden. Wobei der persönliche Eindruck immer noch entscheidet – für Bücher, die mich nicht ansprechen, würde ich den Aufwand nicht betreiben.

Vielleicht noch ein Beispiel für klare Kriterien: Über den Kontakt zum Übersetzer Jörg W. Rademacher ist es zu einer Neuauflage seiner Übersetzung des „Dorian Gray“ von Oscar Wilde gekommen. Das ist ein ehemaliger Eichborn-Titel, dessen Rechte an den Übersetzer zurückgefallen waren. Es geht dabei um einen ganz ungewöhnlichen Versuch, die „unzensierte“ Erstfassung dieses Skandalromans zu rekonstruieren – also die Eingriffe und Korrekturen des Autors und seiner Lektoren in einem umfangreichen Anmerkungsapparat kenntlich zu machen. Es handelt sich um eine Textfassung, die es sonst nirgendwo gibt, und eine wissenschaftliche Ausgabe, aber ungewöhnlicherweise eben in deutscher Übersetzung. Daraus ließ sich dann ein kleiner Themenschwerpunkt ableiten: eine deutsche Leseausgabe ohne die umfangreiche Dokumentation und ohne Nachwort, und dann die rekonstruierte Erstfassung auch als englischen Text, mit Zeilenzählung für den Schulgebrauch. Hier hat sich also die Chance zu einer Art Verdichtung geboten – solche Fälle sind allerdings nicht die Regel.

 

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  1. Wie wichtig ist das Internet für Ihren Vertrieb und Ihr Marketing?

Das ist schwer einzuschätzen. Natürlich gibt es eine Verlagswebsite, und Buchhandlungen werden teilweise auch durch Mailings angesprochen. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite gibt es Blogs und Magazine im Netz, die teilweise sehr qualifiziert rezensieren und über Titel berichten. Manche Verlage versenden ja Rezensionsexemplare ungern an Autoren, die nur im Netz publizieren. Diesen Unterschied macht Elsinor nicht, Beiträge im Netz sind höchst willkommen. Aber, und daher das „schwer einzuschätzen“: Die Wirkung ist oft nicht so leicht zu messen. Wenn unmittelbar nach einer Rezension in einer überregionalen Print-Zeitung die Bestellungen zunehmen, ist der Zusammenhang relativ klar. So deutlich ließ sich der Zusammenhang bei Berichten im Internet bisher nicht beobachten. Dafür ist das, was im Netz steht, eben sehr lange auffindbar, wirkt also vielleicht „nachhaltiger“.

 

  1. Mit LONGINUS veröffentlichen Sie Regionalica. Darunter „Klassiker“ wie DER TOLLE BOMBERG. Ich habe kaum Vorstellungen von Westfalica und frage: Ist da tatsächlich noch Ähnliches zu entdecken? Oder konzentrieren Sie sich hauptsächlich auf zeitgenössisches und zeitgeschtliches?

 

teaserbox_53458807[1]DER TOLLE BOMBERG ist in der Tat eine Ausnahme: wirklich ein Klassiker, der schon seit etlichen Jahren vergriffen war, aber zumindest in Westfalen noch unvergessen ist. Was den Bekanntheitsgrad angeht, wird sich vermutlich nicht so leicht etwas Ähnliches finden. Aber es gibt durchaus auch unter den literarischen Westfalica vergessene Titel, die heute noch Wirkung entfalten könnten. Ich denke da beispielsweise an Augustin Wibbelt, dem man großes Unrecht tut, wenn man ihn als „Heimatdichter“ abstempelt. Bei Wibbelt gibt es durchaus noch einiges zu entdecken – nicht zuletzt in seinem wenig bekannten hochdeutschen Werk. Im Übrigen muss man Westfalica ja nicht „heimatkundlich“ auffassen; wenn man den Blick auf Autoren aus Westfalen richtet, wird sich sicherlich noch einiges entdecken lassen.

Insgesamt sehen Sie das aber richtig: Weil das Feld kleiner ist, wird Longinus thematisch breiter angelegt, soll auch Kultur- und Zeitgeschichtliches umfassen. Sogar ein Kochbuch aus dem 19. Jahrhundert ist in diesem Jahr vorgesehen; der Schriftsteller, Rezitator und Wibbelt-Herausgeber Rainer Schepper hat kürzlich die Handschrift in seiner Bibliothek entdeckt. Das wird nun sicherlich eine Ausnahme bleiben, passt als kulturhistorisches Dokument aber in ein derart weit gefasstes Programmsegment.

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  1. Man sollte das einen Verleger, der ganz offensichtlich mit so viel Herzblut sein Programm gestaltet, nicht fragen. Ich versuche es trotzdem: Gibt es in Ihrem Programm Autoren oder Titel, die Ihnen besonders viel bedeuten?

Sie haben recht, das ist eine heikle Frage – und eine Antwort kann ich natürlich nur versuchen, wenn ich die noch lebenden Autoren komplett ausklammere. Dann würde ich ganz spontan auf die Erzählungen Eduards von Keyserling zeigen und auf die Essays und Erzählungen von Chesterton. Und auf einen wirklich großartigen und leider fast unbekannten satirischen Roman aus der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg – „Solneman der Unsichtbare“ von Alexander Moritz Frey („Solneman“ muss man übrigens rückwärts lesen). Das war die erste spontane Reaktion; nun kämen noch eine Reihe weiterer Titel hinzu, aber ich will es dabei belassen.

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  1. Mit sechs bis sieben Titel im Halbjahr bei LONGINUS und ELSINOR kann man nicht mehr von einem Kleinverlag reden. Mit welcher Manpower organisieren Sie diesen Ausstoß?

Da treffen Sie einen wunden Punkt – denn hier vor Ort im Büro bin ich tatsächlich allein verantwortlich und erledige einen großen Teil der anfallenden Arbeiten – Dinge, die in einem größeren Haus auf mehrere Schultern verteilt wären. Aber selbstverständlich gibt es Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die aber immer nur projektweise tätig werden – Übersetzer, Schlusskorrektoren, aber auch gelegentlich Herausgeber, die ein Projekt von der Erstellung einer satzreifen Textfassung bis zum Verfassen eines Nachworts komplett betreuen. Ohne diese Hilfe wäre der Umfang nicht zu stemmen. Andererseits gibt es aber auch viele Titel, die ich von der Erstellung der Vorlage bis zur Schlusskorrektur komplett selbst in der Hand halte. Manche sprechen ja in solchen Fällen von „Selbstausbeutung“; so sehe ich das zwar nicht, aber ohne die Bereitschaft, sehr viel eigene Zeit einzubringen, wäre das alles nicht möglich.

 

  1. Und natürlich die Sphinx-Frage: Wie sehen Sie die Zukunft des Buches, speziell in Deutschland?

Ein Verschwinden des Buches in den nächsten Jahrzehnten befürchte ich, ehrlich gesagt, nicht; das Buch hat hier einen hohen Stellenwert – als „Gebrauchsbuch“ wie als Kulturgut. Und die elektronische Version, die in Deutschland ja bei weitem nicht so verbreitet ist wie im angelsächsischen Raum, verdrängt das gedruckte Buch bisher nicht, sondern stellt bestenfalls eine weitere Ergänzung dar, eine Variante wie das Paperback zum Hardcover. Andererseits dürfte der Bevölkerungsrückgang – der vielzitierte demografische Wandel – sich langfristig noch stärker im Buchhandel niederschlagen. Zumal die heute jugendliche Generation weniger vom Buch geprägt wird als frühere Generationen, wegen der vielen visuellen Medien – und wegen der immer knapper werdenden Zeit, man denke nur an an die verkürzte Schulzeit vor dem Abitur. Nun hat vor 20 Jahren auch nicht jeder Jugendliche seinen Goethe auf dem Nachttisch liegen gehabt. Aber wer sich für Literatur begeistert, tut das in der Regel schon früh – und ob man als Jugendlicher frei über einen großen Teil seiner Zeit verfügt oder nicht, ist schon ein erheblicher Unterschied. Deshalb glaube ich zwar weiterhin an die Zukunft des Buches, aber ein sehr literarisch ausgerichtetes Programm wie das von Elsinor hätte es vor 20 Jahren vermutlich ein wenig leichter gehabt – und wird es in 20 Jahren noch etwas schwerer haben.

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  1. Und welche Chance haben kleinere und mittlere Verlage angesichts der großen Konzernverlage?

Das Nebeneinander von großen Häusern und kleinen und mittleren Verlagen ist ja nicht neu und macht die Vielfalt der Verlagslandschaft in Deutschland aus. Diese Landschaft wird vielleicht von den Verlagen in der ersten Reihe dominiert, aber in der zweiten oder von mir aus in der dritten und vierten Reihe finden sich durchaus noch auskömmliche Plätze. Da die Ressourcen in den kleinen Verlagen begrenzt sind, muss das Programm natürlich klar profiliert sein – und sich möglichst vom Programm der Großen abgrenzen. Aber Programmideen und die Fähigkeit, davon etwas umzusetzen, sind ja nicht ausschließlich ans große Budget oder eine Konzernzugehörigkeit gebunden. In meiner Zeit im Konzernverlag sind viele Projekte mit der ersten Deckungsbeitragsrechnung begraben worden. Da kann ein kleiner Verlag, natürlich mit der gebotenen Vorsicht, durchaus mehr wagen als der Programmleiter eines großen Verlages, der stärker am Ergebnis gemessen wird. Es gibt ja auch im weiten Feld der Literatur Raum für viele – und es gibt die reizvollen Bezirke, die für den großen Verlag unattraktiv bleiben, weil die Risiken zu hoch sind.

Man darf sich eben nur nicht überschätzen und die eigenen Grenzen aus den Augen verlieren. Der kleine Verlag, der sich für einen erfolgreichen Bestsellerautor interessiert, wird chancenlos bleiben. Und mit dem Gewicht einer jahrzehntelang präsenten Marke oder mit den Vertriebsmöglichkeiten der Großen – mit Marketing- und Presseabteilungen und einem perfekt organisierten Außendienst – kann ein Kleiner in der Regel nicht mithalten. Es ist Raum genug für beide, aber jeder bleibt eben in seiner Sphäre – der Kleine muss nicht unbedingt ein Verdrängtwerden befürchten, aber eine Möglichkeit, wirtschaftlich auch nur halbwegs zu den Großen aufzuschließen, besteht wohl in der Regel nicht.

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NEWS: zum 100.Geburtstag des Agenten-Thrillers by Martin Compart
17. Dezember 2015, 4:09 pm
Filed under: John Buchan, NEWS | Schlagwörter: ,

Auf dem FLASHMAN-Blog würdige ich den 100 Geburtstag von John Buchans THE 39 STEP und die Ignoranz des deutschen Feuilletons diesem populärkulturellem Großereignis gegenüber.

https://compartsflashman.wordpress.com/

39steps[1]



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: DER ÜBERMENSCH von JOHN BUCHAN by Martin Compart

„ZIVILISATION IST VERSCHWÖRUNG“: JOHN BUCHANS POWER HOUSE (DER ÜBERMENSCH; Elsinor Verlag, 2014).

Es gibt zum Glück noch Verlage, die kümmern sich einen Dreck um die Bestsellerlisten und den gerade angesagten Mainstream. Es sind Verlage und Verleger, die mit hohen Kosten ihre eigene Vision verwirklichen und Bücher veröffentlichen, die eine kleine elitäre Leserschaft vor der Barbarei des Marketing schützen. Dazu gehört klar erkennbar der Elsinor Verlag, den ich zu meiner Schande erst jetzt entdeckt habe (und das, obwohl er schon mehrere Bände mit Essays von G.K.Chesterton veröffentlicht hat).
http://www.elsinor.de/
Verleger Thomas Pago hat nun dem deutschen Publikum ein Schlüsselwerk des Spionage-Romans und des Conspiracy-Thrillers zugänglich gemacht, dessen Bedeutung für das Thriller-Genre bis heute anhält und dessen Lesevergnügen das der Doorstopper der Bestsellerlisten weit übertrifft: John Buchans Kurzroman (meinetwegen auch Novelle) THE POWER HOUSE, geschrieben 1913 und 1916 als Buch veröffentlicht. Gleich vorweg gesagt: Ein spannender Clubland-Thriller, den man in einem Rutsch liest und nicht die Intelligenz beleidigt.

http://www.amazon.de/%C3%9Cbermensch-Thriller-John-Buchan/dp/3942788217/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1420897542&sr=1-2&keywords=john+buchan

Der Schotte John Buchan (1875-1940) ist der wichtigste Gründungsvater des modernen Spionageromans und Agenten-Thrillers. Kein anderer Autor hat mehr Motive und Themen entwickelt, die heute noch im Genre variiert oder genutzt werden.
Der moderne Thriller ist vorwiegend eine schottische Erfindung, und sein Schöpfer ist Robert Louis Stevenson mit den Conspiracy-Thrillern KIDNAPPED und CATRIONA (in denen es um Verschwörungen gegen England zugunsten des entmachteten schottischen Königs geht). Buchans heute noch fesselnde Flucht- und Verfolgungsszenen erinnern an David Balfours und Alan Brecks Jagden durch die schottischen Highlands.

JbuchanJ[1]Noch entscheidender für die Evolution des Genres war denn auch Buchan, der Topoi entwickelte und perfektionierte, die bis heute diese Gattung prägen: Bedrohung der Zivilisation durch ebenso finstere wie intelligente Organisationen, der unschuldig verfolgte Held („Man on the run“), der in einem engen Zeitrahmen die Ziele der Feinde durchkreuzen muss, die Brüchigkeit unserer gesellschaftlichen Ordnung, die Interpretation realen zeitgeschichtlichen Geschehens im Rahmen des Thrillers. Graham Greene schrieb in einem Essay über Buchan: „What is remarkable about these adventure-stories is the completeness of the world they describe. The backgrounds to many of us may not be sympathetic, but they are elaborately worked in: each character carries round with him his school, his regiment, his religious beliefs, often touched with Calvinism: memories of grouse-shooting and deer-stalking, of sport at Eton, debates in the House.“
Für Soziologen und Historiker sind Buchans Romane mentalgeschichtliche Dokumente einer ausgestorbenen Oberschicht.

„Der junge Londoner Anwalt und Parlamentarier Edward Leithen gerät durch die mysteriöse Flucht seines Freundes Pitt-Heron mitten hinein in einen düsteren Kriminalfall. Hatte Pitt-Heron sich auf dubiose Gefährten eingelassen, oder war er womöglich Mitwisser einer gefährlichen Verschwörung? Unbeeindruckt unternimmt Leithen Nachforschungen in der Welt der Politik und Diplomatie, bis er die Aufmerksamkeit eines mächtigen Gegners auf sich zieht – und selbst zur Zielscheibe wird.“

In DER ÜBERMENSCH behandelt Buchan ein Thema, mit dem er sich in fast allen seiner Werke auseinandersetzt: Die Brüchigkeit der Zivilisation, wie er sie als „liberaler Viktorianer“ empfindet, und ihre ständige Bedrohung. Immer wieder erleben seine Helden einen ungerechten Ausstoß aus „ihrer zivilisierten Gesellschaft“ und das zu ihrem Entsetzen beim folgenden Überlebenskampf alle Regeln ohne Geltung sind. Zeitgemäß macht der Royalist Buchan die Gefährdung der Zivilisation an Anarchisten und Bolschewisten fest. 184419[1] Kritiker haben auf die Ähnlichkeit mit G.K.Chestertons 1908 veröffentlichten Roman THE MAN WHO WAS THURSDAY hingewiesen. Aber man kann die beiden stilistisch nicht vergleichen. Buchans Roman ist düsterer, während Chestertons Buch geradezu surrealistische Elemente aufweist.
Ein weiteres Thema, das sich durch Buchans Shocker zieht, ist der Zustand des Empires: Geschockt von Burenkrieg, Weltkrieg und der Russischen Revolution, ist an weitere Expansion nicht mehr zu denken und nun gilt es, das Empire nach innen zu schützen. Buchans Weltsicht ist die eines paranoiden Konservativen.

Im ÜBERMENSCH taucht erstmals Edward Leithen auf. Leithen ist der erste seiner Helden, auf die Buchan immer wieder zurück greift. Im Gegensatz zu Richard Hannay ist er kein Mann der Aktion, der in physischer Anstrengung aufblüht, sondern ein wenig mobiler Whitehall-Bürokrat, der lieber vom Schreibtisch aus die Strippen zieht. Leithen gilt als derjenige seiner Protagonisten, der Buchans Persönlichkeit am nahesten kommt. Leithen ist neben anderen Auftritten auch der Held von Buchans letztem Roman, SICK HEART RIVER. Buchan war der erste Spionageromanautor, der überzeugende Serienfiguren erfand und mit Richard Hannay und seinen immer wieder kehrenden Freunden einen eigenen kleinen Kosmos von Agenten schuf.

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Die Dialoge zwischen Leithen und dem Oberschurken sind ein intellektuelles Duell, gehören zu den Höhepunkten. Ebenfalls ein Stilmittel, auf das Buchan immer wieder zurück griff um unterschiedliche Weltanschaungsmodelle zu diskutieren. Davon war wohl auch Ian Fleming so beeindruckt, dass er es für in seine Romane übernahm: Kein Bond-Roman, in dem nicht der große Gegenspieler dem gefangenen 007 erklärt, welche Pläne er für die Menschheit hat. Der geistige Zweikampf der Ideologien zwischen Helden und Antagonisten war eine herausragende Qualität in Buchans „Shockers“ (wie er selbst seine Thriller bezeichnete). Buchans sinistere Geheimorganisationen könnte man als direkte Vorläufer von Flemings SPECTRE ansehen. Die Globalisierung des Verbrechens, in dem böse Banker, Anarchisten und Kommunisten, die „zivilisierte Ordnung“ des Empires zerstören wollen, ist für Buchan Tatsache. Noch können Gentlemen und patriotische Amateure wie Leithen oder Hannay die Bedrohungen zurück schlagen; später braucht es skrupellose Profis mit der Lizenz zum töten.

9781853757518[1] Buchan war bekanntlich ein Meister der Jagd- und Fluchtszenen. Angefangen mit PRESTER JOHN und als Höhepunkt in den 39 STEPS, finden diese langen und höchst dramatischen Passagen fast immer in der Natur statt. Sehr selten ließ er seine Helden durch den Großstadtdschungel flüchten. In POWER HOUSE schildert Buchan, wie das für Leithen bisher so zivilisierte London zur urbanen Wildnis wird, die ihm keinerlei Schutz bietet. Plötzlich wird dieser Hort der Behaglichkeit (zumindest für die Oberschicht) zum Ort schutzloser Isolation und zwingender Paranoia. Die dünne zivilisatorische Schicht verschwindet und eröffnet den städtischen Dschungel, in dem in jeder Straße die Lebensgefahr lauert. Das Vertraute wird zum Unheimlichen – wie in den zeitgleich entstehenden expressionistischen Filmen. Die Bedrohung ist immer da und lauert sogar mitten im Herzen des Empires. Wie so oft erfährt der Buchansche Held, wie Dinge, die er als fest und unverrückbar gehalten hatte, plötzlich angreifbar und korrumpierbar in der Luft schweben und selbstzerstörerisch auf den Boden krachen können.

Nach der Erstveröffentlichung im „Blackwood Magazine“ im Dezember 1913, erschien der Roman drei Jahre später als Buch. THE POWER HOUSE verkaufte im Windschatten der beiden ersten Hannay-Romane im ersten Jahr beachtliche 28.000 Exemplare.

Auf deutsch gibt es leider nur wenige Bücher von Buchan (nachdem Diogenes ihn vor langer Zeit aufgegeben hat – natürlich nur wegen zu geringer Nachfrage). Dank ELSINOR ist aber nun ein Klassiker des Polit-Thrillers in deutscher Sprache zugänglich, der in jede Basis-Bibliothek der Thriller-Literatur gehört.

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WER WAR JOHN BUCHAN?

John-Buchan[1]

John Buchan, erster Baron Tweedsmuir von Elsfield wurde am 26. August 1875 in Perth, Peebles-shire in Schottland als ältester Sohn eines presbyterianischen Pfarrers geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Kirkcaldy, Fife (wo auch der Anfang von PRESTER JOHN spielt) und im Tweed Tal an der schottischen Grenze. Es blieben seine Lieblingslandschaften, die auch immer wieder in seinen Büchern geschildert wurden. 1888 ging die Familie nach Glasgow. Er besuchte die Glasgower Universität und anschließend das Bresnose College in Oxford, wo er klassische Philologie und Jura studierte.

Schon während des Studiums kündete sich eine glanzvolle Karriere des Hochbegabten an: gerade zwanzig Jahre alt erschien sein erstes Buch und 1897 und 1898 gewann er zwei wichtige Universitätspreise, den Stanhope Essay Prize und den Newdigate Prize. Noch während des Studiums veröffentlichte er zwei Romane, eine Sammlung Gedichte und Kurzgeschichten und eine Essaysammlung. Das führte zu einer Eintragung im “Who’s Who”, noch bevor er einen akademischen Grad errungen hatte. 1899 schloss er sein Studium ab. 1901 wurde er als Anwalt zugelassen, ging aber noch im selben Jahr als Sekretär zu Lord Milner, dem Hochkommissar für Südafrika. Er wurde nach Kapstadt geschickt und kümmerte sich um die Kriegsgefangenenlager, in denen furchtbare Zustände für eine ungewöhnlich hohe Sterberate sorgten. Dem kämpferischen Humanisten Buchan gelang es durch Reformen und bessere Behandlung diese Verhältnisse zu ändern. Um dieser Zeit, in der er zum inneren Kreis der “bright young men” im Londoner Polit-Establishment zählte, wurde sein politisches Bewusstsein nachhaltig geprägt und seine Liebe zu Südafrika vertieft (reaktionäre Bemerkungen über Schwarze, die sich in seinen Thrillern finden, lassen ihn als überzeugten Imperialisten seiner Zeit und als Anhänger der Apartheid erscheinen).
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1903 trat er in den Verlag Nelson ein, wo er es bis zum Direktor brachte. Bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs entstanden fast zwanzig Bücher, darunter Gedichte, Geschichtswerke und erste Biographien.

Sein erster Thriller, THE HALF-HEARTED, war bereits 1900 erschienen. In diesem Buch verhindert sein Held Lewis eine Invasion Indiens durch die Russen. 1910 veröffentlichte er mit PRESTER JOHN einen Roman, der schon auf die späteren Hannay-Romane vorausweist und Buchans Ansichten über Afrika illustriert: Ein junger Engländer verhindert einen Aufstand der Schwarzen, der durch einen diabolischen, “ungewöhnlich intelligenten Neger” angezettelt wurde. Trotz seiner imperialistischen Ideale, zeichnet den Roman ein gewisses Verständnis der südafrikanischen Situation aus. Erstmals in einem Polit-Thriller (der hier ganz klar in der Tradition der school boy adventure novel steht) taucht auch die Parole “Afrika den Afrikanern” auf. Noch heute ist das Buch ein überzeugendes Zeitdokument.

1907 heiratete er Susan Charlotte Grosvenor, mit der er drei Söhne und eine Tochter hatte.

Anfang des Krieges war er Direktor des Reuter-Pressedienstes in London. Unter dem Eindruck des beginnenden Weltkrieges entstand Buchans bekanntestes und in der Geschichte des Spionageromans eine Schlüsselposition einnehmendes Werk: THE 39 STEPS.
1915 diente Buchan als Stabsoffizier im französischen Hauptquartier der englischen Armee. Während des Krieges lernte er den späteren Feldmarshall Edmund Ironside, Lord of Archangel, kennen, der im Krieg mit nachrichtendienstlichen Aufgaben in Rußland betreut war. Ironside war angeblich das Vorbild für Richard Hannay (seine Figur Sandy Arbuthnot, Kenner und Freund der arabischen Welt, basiert zum Teil auf dem begeisterten Buchan-Leser T.E.Lawrence und dessen arabische Abenteuer). Nachdem Lloyd George Premierminister geworden war, holte man Buchan als Direktor ins Informationsministerium unter Lord Beavenbrook. Kurze Zeit später wurde er Chef des Nachrichtendienstes. Ereignisse dieser Zeit hat Buchan geheim gehalten und kein Biograph weiß nähere Einzelheiten über Buchans Treiben als Geheimdienstler. Nach dem Krieg verlief seine Karriere weiterhin erfolgreich.1101351021_400[1] Es würde den Rahmen sprengen, wollte man alle gesellschaftlichen Stellungen und Auszeichnungen und seine vielfältigen literarischen Aktivitäten hier gebührend würdigen. 1924 bis 1930 war er Präsident der schottischen historischen Gesellschaft. Von 1927 bis 1935 war er konservativer Abgeordneter des Parlaments; 1933 wurde er für zwei Jahre Hochkommissar für die schottische Kirche.

1935 wurde er als Baron Tweedsmuir in den Adelsstand erhoben und bis zu seinem Tod am 11.Februar (einige Quellen nennen den 6.) 1940 war er Generalgouverneur von Kanada. In dieser Funktion unterschrieb er am 9. September 1939 die kanadische Kriegserklärung an Deutschland. Obwohl er ein überzeugter Tory war, setzte er sich für progressive Ideen ein: Er unterstützte die Suffragetten, stimmte für die Anerkennung der Sowjetunion und setzte sich nach dem Krieg für eine Amnestie der Kriegsdienstverweigerer ein.
journalcoversm[1]

Die John Buchan Society:
http://www.johnbuchansociety.co.uk/


Diese Szene aus der dritten Verfilmung der 39 STEPS sucht man im Buch vergebens. Trotz des freien Umgangs mit der Vorlage, atmet der Film Buchans Geist.



KLASSIKER DES POLIT-THRILLERS – SPYTHRILLER: JOHN BUCHAN 2/ by Martin Compart


1916 diente Buchan als Stabsoffizier im französischen Hauptquartier der englischen Armee. Während des Krieges lernte er den späteren Feldmarshall Edmund Ironside, Lord of Archangel, kennen, der im Krieg mit nachrichtendienstlichen Aufgaben in Rußland betreut war.Ironside war angeblich das Vorbild für Richard Hannay (seine Figur Sandy Arbuthnot, Kenner und Freund der arabischen Welt, basiert zweifellos auf dem begeisterten Buchan-Leser T.E.Lawrence und dessen arabische Abenteuer).

Nachdem Lloyd George Premierminister geworden war, holte man Buchan als Direktor ins Informationsministerium unter Lord Beavenbrook. Kurze Zeit später wurde er Chef des Nachrichtendienstes. Ereignisse dieser Zeit hat Buchan geheim gehalten und kein Biograph weiß nähere Einzelheiten über Buchans Treiben als Geheimdienstler.

Nach dem Krieg verlief seine Karriere weiterhin erfolgreich. Es würde den Rahmen sprengen, wollte man alle gesellschaftlichen Stellungen und Auszeichnungen und seine vielfältigen literarischen Aktivitäten hier gebührend würdigen. 1924 bis 1930 war er Präsident der schottischen historischen Gesellschaft. Von 1927 bis 1935 war er konservativer Abgeordneter des Parlaments; 1933 wurde er für zwei Jahre Hochkommissar für die schottische Kirche. 1935 wurde er als Baron Tweedsmuir in den Adelsstand erhoben und bis zu seinem Tod am 11.Februar (einige Quellen nennen den 6.) 1940 war er Generalgouverneur von Kanada. In dieser Funktion unterschrieb er am 9. September 1939 die kanadische Kriegserklärung an Deutschland.

Obwohl er ein überzeugter Tory war, setzte er sich für progressive Ideen ein: Er unterstützte die Suffragetten, stimmte für die Anerkennung der Sowjetunion und setzte sich nach dem Krieg für eine Amnestie der Kriegsdienstverweigerer ein.

1915 erschien mit THE 39 STEPS der Roman, der bis heute die entscheidenden Impulse für die romantische Richtung (im Gegensatz zur realistischen, von Maugham und Ambler ausgehend) des Spionageromans setzte: Der Gentleman-Agent, der im Dienste seines Landes gegen eine feindliche Umgebung das bedrohliche Ungeheuer besiegt.

Im ersten Roman ist Buchans Held Richard Hannay noch ein Zivilist, der zufällig in einen Komplott verwickelt wird. Wir wissen, dass Buchan großen Eindruck auf Hitchcock machte, der die 39 STUFEN 1935 verfilmte und immer davon träumte, eines Tages GREENMANTLE zu adaptieren. Angesichts der geradezu schwachsinnigen Umsetzung der 39 STUFEN, , muss man wohl dankbar dafür sein, dass es nie dazu kam.

Buchan war der erste Spionageromanautor, der überzeugende Serienfiguren erfand und mit Richard Hannay und seinen immer wieder kehrenden Freunden einen eigenen Kosmos von Agenten schuf.

Der Anfang der 39 STEPS erinnert an den Anfang eines anderen großen Abenteuerbuches eines ebenfalls großen schottischen Abenteuerromanciers, in dessen Tradition sich Buchan immer gesehen hat: an Robert Louis Stevenson „Schatzinsel“. Beide Bücher beginnen damit, dass ein Sterbender die Szene betritt um dem Protagonisten eine geheimnisvolle Nachricht mitzuteilen, deren Entschlüsselung für den Handlungsverlauf von immenser Bedeutung ist. Die spätere Hetzjagd durch die Highlands wiederum verdankt Stevensons Roman „Entführt“ einiges.

Viele halten den zweiten Hannay-Roman GREENMANTLE, in dem sich Buchans Held als Spion durchs deutsche Reich und die Türkei schlägt um zu verhindern, daß die Deutschen durch das Anfachen eines Jihad den Kriegsschauplatz vergrößern, für einen noch besseren Roman.

So gut und spannend dieser Roman auch ist, er hat nicht die Geschlossenheit der 39 STEPS. Erstaunlich ist jedenfalls, das Buchan als Ich-Erzähler Hannay die Deutschen nicht einfach verteufelt und dem Kaiser sogar so etwas wie Sympathie entgegen bringt. Trotz der Anerkennung „deutscher Tüchtigkeit“ bleiben die Teutonen natürlich die Feinde die ein Lebensprinzip verkörpern, das einem Angelsachsen wenig lebenswert erscheint. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern, wie LeQueux, oder den trivialen Nachfolgern à la Sapper und Horler, bemüht er sich aber um ein differenzierteres Bild.

Reale Ereignisse und Personen spielen in seinen Romanen eine wichtige Rolle, denn sie sind Auslöser für seine Plots, die damals als zu Recht als realistisch empfunden wurden: In den 39 STUFEN geht es darum, dass die Deutschen versuchen, die britischen Marinepläne zu stehlen.

GREENMANTLE gipfelt in der Darstellung einer realen Schlacht, der Kampf um Erzerum und erinnert auch an Gordons Verteidigungsschlacht um Khartoum.

PRESTER JOHN basiert auf Bambatas Revolte in Natal und MR.STANDFAST reflektiert die britische Friedensbewegung und die Arbeiterkämpfe während des Krieges.

 

Wie aktuell und zeitbezogen Buchan gearbeitet hat, lässt sich an GREENMANTLE besonders gut ablesen:
„Die Eroberung Erzerums war eine der brillantesten Leistungen des gesamten Krieges“, meinte John Buchan. Die Berichte von diesem Ereignis, die London (im Februar 1916) erreichten, waren so aufregend, dass Buchan, als er den Fall von Erzerum zum Höhepunkt seines Romans GRÜNMANTEL machte, kaum etwas dazu erfinden musste… Buchan verfügte damals über sehr gute Beziehungen sowohl zum britischen Kabinett als auch zum Kriegsministerium… Wilson erinnert auch daran, dass Buchan zur Zeit des Falls von Erzerum gerade eine wichtige russische Delegation in Großbritannien zu betreuen hatte… Als bittere Fußnote zum russischen Sieg lässt sich anfügen, dass Zar Nikolaus und seine Familie kurz vor ihrer Ermordung durch die Bolschewiken GRÜNMANTEL in der Gefangenschaft gelesen hatten und – einem herausgeschmuggelten Brief zufolge – „ungemein aufgemuntert und getröstet“ von Buchans erregendem Bericht über den Sieg des Großfürsten gewesen waren… Einem Freund gegenüber äußerte T.E.Lawrence, GRÜNMANTEL enthalte „mehr als nur ein Körnchen Wahrheit“ (Peter Hopkirk: ÖSTLICH VON KONSTANTINOPEL, Europa Verlag, 1996).
Buchan hat bereits ähnlich gearbeitet wie spätere Polit-Thriller-Autoren, die ihre Themen genau recherchieren und über „besondere“ Quellen verfügen.

Auch was die Zeitnähe von Thema und Roman angeht ist GREENMANTLE ein beeindruckendes erstes Beispiel: Die Schlacht um Erzerum war am 16.Februar 1916 beendet; im Januar hatte Buchan für einer Vorschuss in Höhe von 750 Pfund einen Vertrag für GEENMANTLE unterschrieben. Er schrieb den Roman zwischen Februar und Juni; anschließend wurde er im Magazin „Land and Water“ als Serie vorabgedruckt, bevor im Oktober 1916 der Roman als Buch erschien. Es war sogar noch erfolgreicher als THE 39 STEPS und lange Zeit Buchans bestverkauftes Buch.

Robert Powell verkörperte Hannay auch in einer kurzlebigen TV-Serie.

Den ersten expliziert antisowjetischen Thriller der Spionageliteratur schrieb John Buchan mit seinem ersten Dickson Mc’Cunn-Roman, HUNTINGTOWER, 1922, in dem der Held eine ruritanische Prinzessin vor Bolschewisten rettet.

Ganz unverhohlen  drückte sich Buchans Liebe zur Monarchie im dritten und letzten Mc’Cunn-Roman, THE HOUSE OF THE FOUR WINDS, 1935, aus:  In dem ruritanischen Land Evallonia kämpfen die Helden gegen Kommunisten um einen Prinzen wieder auf den Thron seiner Vorfahren zu setzen.

In seinem leider weniger bekannten Roman THE COURTS OF MORNING, 1929, der in dem auf Chile basierenden fiktiven Land Olifa spielt, setzt er sich ernsthaft mit den faschistischen und korrupten südamerikanischen Diktaturen auseinander.

Im Thriller A PRINCE OF CAPTIVITY (1933) untersucht er die europäische Politik und den aufsteigenden Faschismus; bemerkenswert auch, dass dieser Roman im Jahr von Hitlers Machtübernahme erschien.

Unübertroffen ist Buchan in seiner romantischen Darstellung – wenn man will: Verklärung – von allem, was britisch ist. Kaum ein anderer Autor kann Schönheit und Traditionen der Insel so schwärmerisch und mitreissend beschreiben. Dabei zeichnet ihn über seine klar umrissenen Feindvorstellungen auch eine typisch britische Toleranz aus, die man bei vielen seiner Zeitgenossen vergeblich sucht.

SPOOKS großartiger Adam Carter, alias Rupert Penny-Jones, in der bisher letzten Verfilmung:



SPYTHRILLER: JOHN BUCHAN 1/ by Martin Compart
3. November 2011, 4:53 pm
Filed under: James Bond, John Buchan, Klassiker des Polit-Thrillers, Spythriller, thriller | Schlagwörter: , , ,

                           Buchans Büste von Thomas Clapperton, ca.1930.

John Buchans Held Hannay wird gerne als ein Vorfahre von Flemings James Bond bezeichnet. Was den Bekanntheitsgrad in seiner Zeit (sein wichtigster Roman, THE 39 STEPS, ist seit seinem Erscheinen 1915 bis heute nie vergriffen gewesen und wurde viermal verfilmt)angeht, stimmt der Vergleich auf England beschränkt. Auch war es Buchan, der den Action betonten Spionageroman kreierte. Darüber hinaus war er aber ein ungleich unfangreicher interessierter Mann als Ian Fleming, der viel stärker Zeitbezüge in seine Romane einarbeitete. Wären nicht seine oft aus heutiger Sicht phantastisch anmutenden Plots, seine grandiosen Schilderungen physischer Aktion (die viel seinem Landsmann Robert Louis Stevenson verdanken) und die romantischen Helden, allen voran Richard Hannay, wäre der Blick nicht verstellt auf seine Qualitäten, zeitgenössische Politik zu interpretieren und zu reflektieren.

Buchan schuf mit 39 STEPS nicht nur den Klassiker der romantischen Agenten-Thriller.  Thematisch gewann er fast mit jedem seiner Thriller  neue Themen und Topoi des Genres hinzu: In MR.STANDFAST(1919) etwa, setzt er sich mit der psychologischen Kriegsführung und Unterwanderungstaktiken auseinander, die ein Land von innen bedrohen können. Viel gefährlicher als der Kampf an der Front oder die Jagd auf Saboteure erscheinen ihm feindlichen Demagogen, die durch Zerrüttung des inneren Friedens im eigenen Land für Unruhe sorgen. Für Buchan, der sich in diesem Buch von einem Milnerschen hardliner zum liberalen Konservativen wandelte, geschieht das durch ein geschicktes Manipulieren der sozialen Gegensätze, die im Bürgerkrieg enden könnten.

John Buchan, erster Baron Tweedsmuir von Elsfield wurde am 26. August 1875 in Perth, Peebles-shire in Schottland als ältester Sohn eines presbyterianischen Pfarrers geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Kirkcaldy, Fife (wo auch der Anfang von PRESTER JOHN spielt) und im Tweed Tal an der schottischen Grenze. Es blieben seine Lieblingslandschaften, die auch immer wieder in seinen Büchern geschildert wurden. 1888 ging die Familie nach Glasgow. Er besuchte die Glasgower Universität und anschließend das Bresnose College in Oxford, wo er klassische Philologie und Jura studierte. Schon während des Studiums kündete sich eine glanzvolle Karriere des Hochbegabten an: gerade zwanzig Jahre alt erschien sein erstes Buch und 1897 und 1898 gewann er zwei wichtigeUniversitätspreise, den Stanhope Essay Prize und den Newdigate Prize. Noch während des  Studiums veröffentlichte er zwei Romane, eine Sammlung Gedichte und Kurzgeschichten und eineEssaysammlung. Das führte zu einer Eintragung im „Who’s Who“ noch bevor er einen akademischen Grad errungen hatte.  1899 schloss er sein Studium ab. 1901 wurde er als Anwalt zugelassen, ging aber noch im selben Jahr als Sekretär zu Lord Milner, dem Hochkommissar für Südafrika. Er wurde nach Kapstadt geschickt und kümmerte sich um die Kriegsgefangenenlager in denen furchtbare Zustände für eine ungewöhnlich hohe Sterberate sorgten. Dem kämpferischen Humanisten Buchan gelang es durch Reformen und bessere Behandlung diese Verhältnisse zu ändern. Um dieser Zeit, in der er zum inneren Kreis der „bright young men“ im Londoner Polit-Establishment zählte, wurde sein politisches Bewusstsein nachhaltig geprägt und seine Liebe zu Südafrika vertieft (reaktionäre Bemerkungen über Schwarze, die sich in seinen Thrillern finden, lassen ihn als überzeugten Imperialisten seiner Zeit und als Anhänger der Apartheid erscheinen).

1903 trat er in den Verlag Nelson ein, wo er es bis zum Direktor brachte. Bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs entstanden fast zwanzig Bücher, darunter Gedichte, Geschichtswerke und erste Biographien.

Sein erster Thriller, THE HALF-HEARTED, war bereits 1900 erschienen. In diesem Buch verhindert sein Held Lewis eine Invasion Indiens durch die Russen. 1910 veröffentlichte er mit PRESTER JOHN einen Roman, der schon auf die späteren Hannay-Romane vorausweist und Buchans Ansichten über Afrika illustriert: Ein junger Engländer verhindert einen Aufstand der Schwarzen, der durch einen diabolischen, „ungewöhnlich intelligenten Neger“ angezettelt wurde. Trotz seiner imperialistischen Ideale, zeichnet den Roman ein gewisses Verständnis der südafrikanischen Situation aus. Erstmals in einem Polit-Thriller (der hier ganz klar in der Tradition der school boy adventure novel steht) taucht auch die Parole „Afrika den Afrikanern“ auf. Noch  heute ist das Buch ein überzeugendes Zeitdokument.

1907 heiratete er Susan Charlotte Grosvenor, mit der er drei Söhne und eine Tochter hatte.

Anfang des Krieges war er Direktor des Reuter-Pressedienstes in London. Unter dem Eindruck des beginnenden Weltkrieges entstand Buchans bekanntestes und in der Geschichte des Spionageromans eine Schlüsselposition einnehmendes Werk: THE 39 STEPS.