Martin Compart


DSCHUNGELFIEBER – GRAHAM GREENE IN AFRIKA by Martin Compart
12. März 2015, 5:49 pm
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Graham Greene gehört zweifellos zu den wichtigsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Er war ein Autor mit einer ungeheuren Spannbreite. Neben seinen Romanen, von denen nicht wenige als Polit-Thrillers zu bezeichnen sind, stechen besonders seine Reisebeschreibungen und journalistischen Arbeiten (etwa über die Mau-Mau) hervor. Zeit seines Lebens zog er durch die Welt, die er mit einem kritischen analytischen Blick beobachtete und sezierte. Diese Reisen verwertete er nicht nur journalistisch oder für Reisebücher, sie waren auch immer Auslöser oder Grundlage für Romane.

Ulrich Greiwe nannte ihn in seiner Studie, den „globalsten Autor, der je gelebt hat“ und „ein Genie des Mitgefühls“.

Oder wie es Greene in diesem Buch ausdrückt: „Von allen Menschen unterm Himmelszelt sind die am hoffnungslosesten, die einst am meisten gehofft, und die am elendsten, die am meisten geglaubt.“

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Er war ein politischer Autor, der sich auch gerne direkt einmischte: einmal brachte er den Rebellen auf Kuba um Castro und Che Guevara einen Koffer mit Winterkleidung; bei Papa Doc Duvalier brachte er es auf die Todesliste der Tonton Macoutes. Die spanischsprachigen Tantiemen von MONSIEUR QUIJOTE spendete Greene der Guerilla von Salvador.

Nun ist endlich das Buch über seinen legendären 560-Kilometer-Fußmarsch durch Liberia erschienen. 1935 machte sich Greene zusammen mit seiner Cousine Barbara auf, um die weißen Stellen auf den Landkarten zu erkunden. Es war seine erste Reise außerhalb Europas – und Westafrika sollte ihn nie wieder loslassen (im Zweiten Weltkrieg war er in Sierra Leone chief of station für den britischen Auslandsgeheimdienst . Sein damaliger Vorgesetzter in London war Kim Philby): „…Wir tranken warmes, abgekochtes Wasser mit Whisky, und endlich begannen die Zeitlosigkeit, die Verantwortungslosigkeit und die Freiheit Afrikas auf uns überzugreifen.“
Auch seine Cousine Barbara schrieb ein Buch über diese Expedition, das in vielerlei Hinsicht Greenes nicht nachsteht (Im Hinterland – Barbara und Graham Greene in Liberia; Kirchheim, 2008).

http://www.amazon.de/Im-Hinterland-Barbara-Graham-Liberia/dp/3874101096/ref=sr_1_12?s=books&ie=UTF8&qid=1426180095&sr=1-12&keywords=graham+greene

Greene ist in früher Hochform: witzig, zynisch und mit seinem berühmten Blick für Fremdes, das doch nicht so fremd ist.
„Unsere heutige ist Welt offenbar ganz besonders empfänglich für Brutalität. Es liegt ein Hauch Nostalgie in dem Vergnügen, das uns Gangsterromane und Gestalten bereiten, die alle ihre Gefühle aufs angenehmste vereinfacht haben und sich nun wieder auf einem Niveau unterhalb der Benutzung des Großhirns befinden.“
oder:
„… die gleiche Art von Heldentum bei den ersten Siedlern, nämlich die typisch protestantische Eigentümlichkeit, Märtyrertum mit Absurdität zu kombinieren.“

Seine Reiseliteratur ist genauso eindrucksvoll, spannend und unterhaltsam wie seine Romane – voller witziger Beobachtungen, nie larmoyant, trotz vieler Strapazen, denen sich der Autor immer wieder aussetzte. Durch Liberia reiste er trotz aller Mühen doch relativ komfortabel als weißer Bwana, dessen Träger Whisky-Vorräte und eine Badewanne mitschleppen mussten.

Greene arbeitete zeitweilig als Filmkritiker und gehörte zu den literarischen Pionieren, die die Filmsprache für die Literatur nutzbar machten. So filmisch wie seine Romane – jedenfalls auf einer bestimmten Ebene – sind auch seine Reportagen und Reiseberichte. Er öffnet ein großes eindrucksvolles Panorama von Westafrika in den 1930ern. Er zeigt eine wilde Schönheit, die mehr und mehr schwindet, eine Naivität, die längst dem Zynismus weichen musste. Die physischen Anstrengungen erlebt man wie im Kino. Wenn man sich vorstellt, dass Johnny Weissmüller zur selben Zeit durch die TARZAN-Filme tobte, wird einem klar, wie wichtig Greenes Korrektur des Afrika-Bildes für breite Schichten gewesen sein muss. Denn 1936 war er bereits ein schlecht verfilmter Erfolgsautor.

Barbara und Graham

Barbara und Graham

Greene betrat Afrika in Sierra Leone, heuerte Träger an, fuhr nahe an die Grenze und machte sich auf seinen Marsch durch Leone und Liberia, durch einen Landstrich, dessen Boden in den 1990er Jahren Zentimeter für Zentimeter mit Blut durchtränkt werden sollte. Greene wechselte 1935 von Sierra Leone nach Liberia an derselben Stelle, an der 1991 die RUF in umgekehrter Richtung die Grenze zu überschritt, um Leone zu terrorisieren.

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Aber REISE OHNE LANDKARTEN (Liebeskind Verlag) ist ein Klassiker der Reiseliteratur. Mit Gedanken an diesen unfassbar brutalen Bürgerkrieg (denn die Kriege in Liberia und Sierra Leone waren im Grunde ein einziger Bürgerkrieg), hinterlässt die Lektüre einen melancholischen, aber auch schalen Geschmack. Aus der brutalen Wildnis Schwarzafrikas, die Greene noch erlebte, ist inzwischen eine brutale Jauchegrube geworden.

Wie viel von der Tragik Afrikas, die wir heute nicht mehr übersehen können, wurde schon im Kolonialismus angelegt. Szenen wie diese hätten auch aus dem Bürgerkrieg stammen können:

„Die Soldaten schlichen sich durch die Bananenpflanzungen an, die alle Eingeborenen Dörfer umgeben, und feuerten Salven auf die Hütten. Eine Frau, die am selben Tag von Zwillingen entbunden worden war, wurde in ihrem Bett erschossen, und die Neugeborenen kamen in den Flammen um, als das Dorf von den Truppen beschossen wurde… Ein Mann, der politischer Gefangener gewesen war, sagte aus, er habe Soldaten damit prahlen hören, sie hätten Kinder mit Macheten getötet und die Leichen dann in die brennenden Hütten geworfen…“

grahamg-2[1]Immer wieder gelingen Greene Momentaufnahmen, die vielleicht nicht von historischer Bedeutung sind, aber wenig bekanntes oder gar unbekanntes aus dem Nebel der Zeitgeschichte zerren: „Dr.D.s kläglicher und würdiger Tod, in den er offensichtlich bewusst gegangen war, brachte die Welt Hitlers, Dachaus, der Konzentrationslager und der Selbstgerechtigkeit der Nazis in diese entlegene Ecke Afrikas… Es gibt keine Beweise für die Absichten von Dr.D., aber es scheint offensichtlich, dass er nicht wünschte, nach Europa zurückzukehren, und lieber in Afrika sterben wollte…“

Die arrogante britische Kolonialmacht bekommt, wie bei Greene üblich, auch ihr Fett weg:

„Waren Sie schon einmal in Liberia?“ fragte ich.
„Nein, nein“, sagte der korpulente Mann, „wir lassen die hierher kommen.“

http://www.amazon.de/Auf-F%C3%A4hrte-Teufels-Sierra-Liberia/dp/3492405150/ref=asap_bc?ie=UTF8

Tim Butchers AUF DER FÄHRTE DES TEUFELS (Malik Verlag, 2014) ist die perfekte Ergänzung zu den beiden genannten Büchern. Butcher war Kriegskorrespondent in Sierra Leone und Liberia während des Bürgerkriegs gewesen. Seitdem lässt ihn die dunkle Seite Schwarzafrikas nicht mehr los. In seinem Buch folgte er 2008 den Spuren von Graham Greene. Die Schrecken, die die beiden Länder in den letzten Jahrzehnten durchlebt haben, sind in seinem Buch noch gegenwärtig. Durch ein ausführliches Archivstudium hatte er vor Antritt seiner Expedition herausbekommen, dass Greene damals auch im Auftrag der Anti-Sklaverei-Gesellschaft seine Reise durch das noch weit gehend unerforschte Hinterland Liberias unternommen hatte. Auch das Außenministerium war informiert, Hintergründe, die Greene in seinem Buch nie erwähnt. Ein interessantes Detail: „Land im Dunkeln (so der Titel der Erstausgabe) enthält viele hilfreiche Einzelheiten der Reise, besonders in der Erstausgabe, ein Buch, das heute schwer aufzutreiben ist, da es kurz nach der Veröffentlichung 1936 aufgrund einer Verleumdungsklage eingestampft wurde. Die meisten Ausgaben heute enthalten Änderungen, die Graham Greene zehn Jahre später vornahm…“ Diese spätere Ausgabe ist identisch mit der vorliegenden von REISE OHNE LANDKARTEN. In Vergleich zu Butchers Horror-Trip war Greenes Reise, bei allen Widrigkeiten, ein spätviktorianisches boy-adventure, ein bisschen auch auf den Spuren Rider Haggards, der ein Lieblingsautor des jugendlichen Greene war.

Dieses Buch machte mir eines nochmals deutlich: Greene ist als Autor immer noch aktuell. Als literarischer Gigant steht sein Oeuvre wie ein Monolith in der Literaturgeschichte.
Dieser meistgereiste Schriftsteller aller Zeiten hat der Welt immer noch eine Menge mitzuteilen. Die Mechanismen der Ausbeutung haben sich geändert, eher verschärft, aber ihre Gründe sind dieselben geblieben und ihre Drahtzieher sind nach wie vor die üblichen Verdächtigen.

P.S.: Vielleicht ist das der Unterschied zwischen dem großen Stilisten Greene und dem größten Stilisten Fitzgerald: Bei Greene gibt es Lösungsmöglichkeiten, bei Fitzgerald nicht.

P.P.S.: Ich bitte zu würdigen, dass in diesem Sujet nicht einmal der Begriff „Herz der Finsternis“ verwendet wurde.

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SPYTHRILLER: ZUR GESCHICHTE DES SPIONAGEROMANS 1/ by Martin Compart
14. November 2012, 2:23 pm
Filed under: China, John Buchan, Politik & Geschichte, Spythriller | Schlagwörter: , , , , ,

ALLGEMEINE VORBEMERKUGEN

Wie es die beiden Ex-Agenten Victor Marchetti und John D.Marks in ihrem von der CIA durch Gerichtsbeschluss
zensiertem Buch CIA(Deutsche Verlagsanstalt, 1974)) ausdrückten: „Ein großer Teil der Machtstellung der CIA hängt
von ihrer sorgfältigen Mythologisierung und Glorifizierung der Leistungen des geheimen Berufs ab… Wie die meisten Mythen
sind die Intrigen und Erfolge der CIA über die Jahre weg eher eingebildet als real gewesen. Was unglücklicherweise real ist, ist die Bereitschaft sowohl der Öffentlichkeit wie der Anhänger des Kults die Fiktion zu glauben, die das Nachrichtengeschäft tränkt.“(S.38)

Wäre man paranoid genug, könnte man hinter der Unmenge erfolgreicher Spionageromane, Polit-Thriller, Agentenfilme und Fernsehserien eine der großen propagandistischen Coups der psychologischen Kriegsführung durch die Geheimdienste sehen. Und der Großteil der
in diesem und letzten Jahrhundert veröffentlichten Spionageromane dienten in markant anti-aufklärerischer Manier tatsächlich nur der Verteufelung des Gegners und der Rechtfertigung bürokratischer Behörden, deren wirklichen Erfolge in keinem Verhältnis zu materiellen Aufwand und zum politischen Risiko stehen. Aber der Spionageroman und im weiteren Sinne der Polit-Thriller, kann natürlich mehr leisten als anti-aufklärerische Propaganda.
Er kann auch ein Instrument der Aufklärung sein, wie es die Werke von Graham Greene, Eric Ambler, Kent Harrington, Andy McNab, Ross Thomas und vieler anderer eindrucksvoll beweisen. Die Literatur, die die geheime Welt und ihr politisches Treiben beschreibt, spiegelt alle Spannungen wieder, die unsere Zeit politisch und wirtschaftlich bestimmten.

Literaturhistorisch steht am Anfang des Spionageromans keine Schlüsselfigur, wie etwa Edgar Allan Poe für den Detektivroman oder William Godwin für den Noir-Roman. Während man von der Spionage als vom „zweitältesten Gewerbe der Welt“ spricht, muss man das multimediale Genre „spy story“ als ein Kind des 19.Jahrhunderts ansehen, dass im 20.Jahrhundert zu voller Blüte heranreifte und immens erfolgreich wurde.

In der Literatur taucht die Spionage erstmals in dem chinesischen Klassiker über DIE KUNST DES KRIEGES(PING FA) von Sunzi ca. 510 v. Chr. auf. Die erste Fiktion, in der Spionage eine Rolle spielt, verdanken wir ebenfalls der chinesischen Kultur: im 13.Jahrhundert in dem historischen Roman SAN KUO von Lo Kuan- Chung. Als erster „richtiger westlicher“ Spionageroman gilt allgemein James Fenimore Coopers THE SPY(1821).Allerdings nur, weil der Roman einen Spion in den Mittelpunkt der Handlung stellt; der Spionagetätigkeit wird von Cooper wenig Raum gewidmet.

Anschließend tauchen Elemente des Spionageromans und des Polit-Thrillers im Kontext vieler Feuilleton-Romane des 19.Jahrhunderts auf, aber erst zu Beginn des 20.Jahrhunderts formt sich das Genre zu einer eigenen, unverwechselbaren Gestalt. Die ersten britischen Spionageromanautoren – und damit die ersten „hauptberuflichen“ Autoren von spy novels überhaupt – waren William LeQueux und E.P.Oppenheim. Bei aller Trivialität ihrerBücher muss man erkennen, dass sie Wegbereiter für John Buchan bis Ambler oder Tom Clancy (der besonders LeQueuxs „war prophecy novel“ aktualisierte) waren.

Jeder Spionageroman ist ein Polit-Thriller, aber nicht jeder Polit-Thriller ist ein Spionageroman.
Der Spionageroman als ein Nachfolger des Abenteuerromans ist sehr oft eine Mischform aus den verschiedenen Genres: zwar
handelt er primär über internationale Intrigen, benutzt aber Elemente des Abenteuer-, Detektiv-, Gangster- Liebes- und
Kriegsroman.

Der Polit-Thriller ist seit den 196oer Jahren ungebrochen eines der beliebtesten Sub-Genre der facettenreichen Kriminalliteratur.
Nicht zu Unrecht wird die Kriminalliteratur als die Literatur angesehen, die das Industrie- und Informationszeitalter am besten
widerspiegelt. Kriminalliteratur hat nämlich im Grunde nur ein Thema: Die Schwierigkeit des Menschen sich in Gesellschaften
großer Dichte zu organisieren und die Reaktion durch abweichendes Verhalten auf Ungerechtigkeitsordnungen. Während
andere kriminalliterarische Genre dieser Problematik innerhalb der jeweiligen gesellschaftlichen Organisationen nachgehen,
thematisiert der Polit-Thriller im Sub-Genre Spionageroman, wie unterschiedliche Gesellschafts- und multinationale Intressenformen konkurrieren und wie Apparate einer bestimmten Größenordnung eine von den ursprünglichen Zielen abweichende Eigendynamik entwickeln
können. Der zunehmenden Komplexität der Welt wird in keiner anderen Literatur mehr Rechnung getragen als im Polit-Thriller.

Die Kriminalliteratur im Allgemeinen und der Polit-Thriller im Besonderen sind im besten Sinne des Wortes populäre
Literatur. Ob in trivialer Form (Land,Cussler) oder in literarisch anerkannter (LeCarré, Ambler, Greene) – im Gegensatz zur bürgerlichen Hochliteratur wird der Polit-Thriller in hohen Auflagen verbreitet und gelesen. Es ist eine demokratische Literatur, die quer durch alle Schichten rezipiert wird. Die Form ist für alle Ideologien offen, wird aber in ihren besten Werken eher progressiv genutzt. Das
heißt: Sie warnt vor (welt-)gesellschaftlichen Fehlentwicklungen, enttarnt politische, wirtschaftliche Zusammenhänge und zeigt immer wieder eindrucksvoll, wohin unkontrollierter Egoismus von Machtträgern -ob von Organisationen oder Einzelpersonen- führt. Ambler nannte den Thriller mal die „letzte Zuflucht für Moralisten“.

Der Polit-Thriller kann sich mit jedem anderen Subgenre der Kriminalliteratur verbinden: sei es mit dem Privatdetektivroman, wenn er politische Korruptionsmechanismen beschreibt, mit dem Psycho-Thriller, der die Innenwelt von Machthabern auslotet oder sogar mit dem klassischenDetektivroman („Call the Dead“ von LeCarré), in dem die Frage nach dem Motiv des Täters politische Dimensionen haben
kann. Der Detektivroman, Privatdetektivroman, Psycho-Thriller, Polizeiroman usw. beschäftigt sich mit der Kriminalität des
Individuums in der Konkurrenzgesellschaft; der Spionageroman mit kriminellen Machenschaften zwischen konkurrierenden Systemen. Im Detektivroman wird der innenpolitische Kampf eines Systems geschildert, im Spionageroman der außenpolitische.

Wir leben in einer Zeit der bewusst wahrgenommenen Krisen. Polit-Thriller sind Krisenliteratur, Ausdruck und Reaktion auf reale Krisen. Das war er immer. Aber, wie sich zeigen wird,hat der Polit-Thriller mit den Mitteln der Fiktion oft die Realität mitbestimmt und beeinflusst, ja manchmal bewusst Realität manipuliert. Dem Einfallsreichtum der Autoren huldigen
die Geheimdienste bis heute, in dem sie sich von Spionageromanen anregen lassen, was sich dann wiederum in der
Fiktion spiegeln kann: In dem Film DIE DREI TAGE DES CONDOR, eine gelungene Verfilmung von James Gradys Klassiker SIX DAYS
OF A CONDOR, spielt Robert Redford einen CIA-Analytiker, der für den Geheimdienst Spionage- und Kriminalromane liest und in
einen teuflischen Komplott gerät. Bei keiner anderen Literaturgattung gibt es offensichtlich eine so intensive Wechselwirkung von Realität und Fiktion wie im Polit-Thriller.

In James Gradys Roman SIX DAYS OF THE CONDOR heißt es:
„Die Aufgabe des Departments 17 besteht darin, jeder Erwähnung von Spionage und verwandten Gebieten in der Literatur nachzugehen. Mit anderen Worten, das Department liest Spionagethriller und Kriminalromane. Die Grundideen und Handlungsabläufe tausender Kriminal- und Spionageromane sind in den Akten des Departments 17 sorgfältig aufgezeichnet und analysiert. Selbst so alte Autoren wie James Fenimore Cooper sind untersucht worden. Die meisten Bücher der Gesellschaft befinden sich im CIA-Hauptquartier in Langley, Virginia… Die Analytiker des Departments sind auf literarischem Gebiet ständig auf dem laufenden. Ihre Arbeit teilen sie untereinander durch gegenseitige Absprachen auf. Jeder Analytiker hat seine Fachgebiete, beziehungsweise seine speziellen Autoren. Als Ergänzung zu ihrer Arbeit, der Zusammenfassung von Handlungsabläufen und Methoden aller Bücher, erhalten die Analytiker täglich eine Reihe von besonders gereinigten Berichten aus Langley. Diese Berichte enthalten kurzgefaßte Beschreibungen von tatsächlichen Ereignissen, bei denen jedoch alle Namen fortgelassen sind und die genaue Einzelheiten auf das Nötigste beschränkt sind. Dichtung und Wahrheit werden verglichen, und wenn es größere Übereinstimmungen gibt, beginnt der Analytiker mit einer weiteren Untersuchung unter Zuhilfenahme eines detaillierten, aber immer noch gereinigten Berichts. Falls die Übereinstimmung immer noch deutlich feststellbar ist, werden die Informationen und die Berichte zur Überprüfung an eine höhere Abteilung des Departments weitergeleitet. Irgendwo wird dann die Entscheidung darüber gefällt, ob der Autor nur richtig geraten hat oder ob er mehr wusste, als er sollte. Im letzteren Fall hat der Autor entschieden Pech gehabt, denn dann wird ein Bericht an die Planungsabteilung geleitet, die irgendetwas unternimmt. Die Analytiker haben auch den Auftrag, Listen nützlicher Tips für Agenten zusammenzustellen. Diese Listen werden den Ausbildern der Planungsabteilung zur Verfügung gestellt, die ständig auf der Suche nach neuen Tricks sind.“ 1)

In Thomas Powers Buch über den ehemaligen CIA-Chef Richard Helms heißt es: „Der erste CIA-Chef, Allen Dulles, hat Schriftsteller dieses Gewerbes sogar gefördert und manchmal sogar mit Material versorgt (zum Beispiel Helen McInnes), weil er glaubte, das werde das Verständnis der Öffentlichkeit für seine Behörde wecken, die ja ihre Erfolge nicht selbst bekannt geben durfte. Es gab jedoch einen Spionageroman, der Helms nicht gefiel. Das war Le Carrés DER SPION, DER AUS DER KÄLTE KAM, ein bitteres zynisches Buch über Gewalt, Verrat und geistige Erschöpfung…LeCarré untergrub das moralische Fundament des Nachrichtendienstes und den Glauben dieser Männer an den Wert ihrer Arbeit…“2)

Es waren auch amerikanische Spionageromanautoren wie Grady, Charles McCarry, Wilson McCarthy, Brian Garfield usw. die die Öffentlichkeit sensibilisierten und die Diskussion über die CIA, ihre Verbrechen, Methoden und mögliche Kontrolle mit in Gang brachte. In keinem anderen literarischen Genre ist die gegenseitige Befruchtung von Realität und Fiktion stärker.
Kein anderes Genre spiegelt die politische, soziale, wirtschaftliche und psychische Großwetterlage ähnlich intensiv wieder. Die Verknüpfungen von Realität und Fiktion sind fast schon Strukturelemente des Genre. Beeindruckend ist auch die große Anzahl von Autoren, die aus erster Hand Erfahrungen mit der Spionage gemacht haben und zum Teil in hohen Positionen geheimdienstliche Aktivitäten mitbestimmten: Ted Allbeury, Kenneth Benton, John Buchan, A.E.W.Mason, Compton Mackenzie, William LeQueux, Somerset Maugham, Graham Greene, Dennis Wheatley, Ian Fleming, Sidney Horler, Sir John Masterman, John LeCarré, Bernard Newman, Geoffrey Household, William Haggard u.a.

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1) aus: James Grady: Die sechs Tage des Condor. Fischer Taschenbuch Nr.1669, Frankfurt/M., 1975; Seite 11ff.
2) aus Thomas Powers: CIA. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1980; Seite 98f.

FORTSETZUNG FOLGT IM MAGAZIN EVOLVER



KENT HARRINGTON 3/ Ein Interview by Martin Compart

Obwohl Kent schwer im Stress war um die Veröffentlichung von THE RAT MACHINE rechtzeitig zum Noir-Con hinzukriegen, war er so freundlich mir einige Fragen ausführlich zu beantworte. Alles zwischen Lesungen in San Francisco und den letzten Korrekturen. Der Mann ist eben ein 100%iger Profi. Genießt das Interview. Hier der erste Teil:

THE WRITERS LIFE:

MC: How do you write?

KENT: I write in the morning, first thing. Coffee, breakfast, work until noon or so. I don’t look at the work again until the next morning.

When I’m ready to finish the book, I’ll work in the afternoon to put in things that come to me: areas I think needed more work and have put off. You collect a list in your head that you want to go back to at the very end and rework.

During the first draft, I don’t stop for small issues. The thing is to get the battle of the First Draft won. You have to take that flag!

MC: What is it that starts a new novel? A character, a situation, a plot?

KENT: Well, it can be a lot of things. In the case of Dark Ride, I saw a girl on the street and she had this most incredible tattoo going up the outside of her thigh. It was summer and she was wearing short shorts! She was very beautiful, dark hair. I don’t know why she was the muse, it almost sounds corny, but the novel came out of her sexuality and my own desire to explain something about myself and my country. And yet, I don’t consider Dark Ride an erotic novel, oddly it’s more than that — I hope!

In the case of this new work, The Rat Machine, I was reading a footnote in William Shirer’s The Rise And Fall of the Third Reich. It was an appalling bit of history discussed in the footnote: several SS officers, on trial at Dachau for war crimes(for murdering 80 American GIs at the Battle of the Bulge in cold blood rather than take them prisoners as the Rules of War mandated)had been released because AN AMERICAN, Senator Joe McCarthy, had asked for leniency for these particular SS officers. Why, I wondered? This is why: ex-Nazi intelligence officers, like Reinhard Gehlen, were employed by the West immediately after the War.

These ex-Nazi officers were involved in the illegal drug trade, first the penicillin Black Market in Berlin immediately after the war and, later, with the help of Western intelligence, the heroin business. So reading one footnote created a very long novel!

MC: And how do you develop?

KENT: I don’t develop in the normal way. I don’t outline; I don’t make lists. I’ve said this before: I watch the characters do what they are going to do. In other words: I get up in the morning, I turn on the computer and watch the screen like you would a movie. The story belongs to the characters who have come to me to tell it. I practice the No-Method of writing novels. And that is the truth.

MC: How is the process? A fast first version? Or do you polish from the beginning?

KENT: I never, ever, polish in the beginning! It’s a trap. And, again, getting back to how I work: I don’t want to interrupt the characters and their story. I don’t care if I’ve misspelled something, or the sentence isn’t perfect. Who cares about that! What is important is the HEAT OF THE SCENE. The HEAT OF THE MOMENT. That is all I care about in the first draft. If correct punctuation and spelling were all that it took to be a novelist, every English teacher would be Ernest Hemingway. Also, you have to be a little crazy to do this work. I mean it. I’m not trying to romanticize the life of an artist; I wish in fact it were not so. It’s just a fact. You can not be well balanced and be a great artist. There is something about the act of creating that is, in fact, not only extremely egotistical on the face of it, but also delusional; it’s a kind of emotional purging. You, the artist must give of yourself. If you aren’t willing to give of yourself, there is no art; look at Van Gogh! It’s not pretty, the creative process—not really. It’s about like dumping out your kitchen garbage on a clean floor and using the pieces of what’s there [your personal psyche] to make a something worth while!

MC: Are you ritualizing for writing? (Same hours, cop of coffee, at least a page a day?)

KENT: Yes. I want the same routine everyday. A lot of people starting out think that they can party and get high and live a boho life style. It’s just the opposite. Ironically, being a novelist is a bourgeois pursuit in the sense that you have to get up every morning and work; and be sober; and not be high, or have too much drama around you. Better yet, no drama. What you need in this order are food, good sex, paper, exercise, a working computer, and a quiet location that has a good vibe. I think that’s what Hemingway meant by “a clean well lighted place” in fact. I think he meant it had to vibe right. It does for me anyway.

MC: Did your writing habits change over the years? And how?

KENT: No. I’ve done this for the last 20 plus years always the same way. I may have been in a different country, as I was when I wrote Red Jungle, but I still woke up in the morning and drank coffee and hit it until noon. (I will say that in Guatemala I did work late at night in my office. I had a guard who would stand outside my office door. (There is a lot of violence and you need guards there. The guard and I got to be good friends.) I would look up and see him, shotgun slung over his shoulder, and think to myself: wow, yeah, this is the real deal someone could come in here and rob and kill me while I’m writing a fucking novel. How strange would that be. But I enjoyed working late into the night there—don’t know why. That office had had a hand grenade tossed in the door a few years before!!

MC: Is it a personal impression by me that your protagonists are not easy to like? I don’t think they are crooks. But a person like Russell ore Reeves seems at least ambivalent. But I think, they are all restless people. Something you share?

KENT: Yes. I am ambivalent because of my childhood. It was very hard and I had no close family. I did all my growing up away at military school without all that warm and fuzzy family stuff. So I’m a little different. There is part of me that is like Russell in Red Jungle, or as I had a character say in Dia De Los Muertos: “I’m not running for mayor so I don’t have to please anyone.” But I’ve learned to love and that humanized me: I love some people very much, and I love to write novels. I am restless, artists are restless in the face of life/chaos, which is our human experience. So, yes, I’m intellectually restless, that’s very true about me, and I suppose my characters. They want to find that one thing to make it all make sense. Something that can allow them to rest. But we only rest, I guess, when we’re dead.

MC: What kind of music are you listening too? Sometimes your writing seems to swing like a soundtrack (by the words, of course)?

KENT: When I started out as a novelist, I want to be a great wordsmith. And I suppose I still do. I believe in the music of the novel. I truly do. If I were going to teach the novel, I would stand up when all the students had sat down and say, “OK, this is what you need to know about writing novels: then I would turn on a great piece of music, say, Down So Low, by Tracy Nelson. I just met her, so she’s on my mind; but her song is a masterpiece. What I mean by this is that the novel is an emotional experience, not an intellectual one. Music is that way too, or at least good music is.

Kent mit der großartigen Tracy Nelson

UND NATÜRLICH NOCH EIN BUCH-TIP: THE GOOD PHYSICIAN

Collin Reeves is an expatriate American living in Mexico City. He dabbles in painting, drinks more than he should, and appears to be wasting a brilliant career in epidemiology as a doctor to international tourists and poor Mexicans.

The reality is more complicated. Reeves is an operative with the CIA, recruited in the heady days after September 11 to help fight terrorism abroad. What he hoped would be a useful life of clandestine adventure, however, turned out to be humiliating drudgery; his tour in the Middle East consisted of inspecting a friendly sheik’s concubines for venereal disease. Now in Mexico, which almost no one considers a terrorism hotspot, he longs for the courage to give up the spy business and commit himself to painting.

Veteran CIA operative Alex Law suspects that Mexico City may indeed be a staging area for terrorists. He and his longtime colleague, Butch Nickels, question an Indonesian who tells them that an al-Qaeda operative may be active in Mexico City. Meanwhile, Alex’s wife, Helen, has just discovered that she may have an advanced case of breast cancer. The doctor sent to consult with her is none other than Collin Reeves.

A beautiful young woman, Dolores, falls ill at a cheap tourist hotel across the street from Collin Reeves’ apartment. Madani, the hotel’s manager, begs Collin for help. Collin treats the young woman, who claims to be an American citizen, and to have lost her travel documents. He can’t help but be smitten, and does not challenge the obvious holes in her story.

Dolores, of course, is not who she claims to be. Only months earlier, she had been a young wife and mother named Fatima, married to a doctor in Baghdad. An American rocket killed her son and wrecked her life forever. Now, distraught with grief, she’s put herself in the hands of people who want to use her as vengeance against the United States.

Alex, Collin and Dolores are on paths bound to collide, with terrible consequences. The Good Physician is the story of that collision. A political thriller and a love story, it examines the nature of loyalty and patriotism, in the tradition of Graham Greene and Charles McCarry.



KENT HARRINGTON Teil 1 – Jim Thompson meets Graham Greene by Martin Compart

Mit jemand wie Kent Harrington sollte man sich nicht anlegen, wenn es vermeidbar ist. Nicht, dass er ein Raufbold ist oder extrem streitsüchtig – nein, gar nicht. Aber er hat gelernt, physische Bedrohungen anzunehmen und effektiv darauf zu reagieren:
„Bevor ich mein erstes veröffentlichtes Buch schrieb, DARK RIDE, arbeitete ich ein paar Jahre in einem üblen Slum in Oakland. Da gab es jede Menge Gewalt. Eines Tages geriet ich in ein Feuergefecht und wäre fast umgebracht worden. Danach gab ich meine frühere Haltung völlig auf: Von jetzt auf gleich war es mir scheißegal, ob ich lebte oder starb – solange ich mein Geld bekam. Es war diese I-don´t-give-a-shit-Attitüde, die mich zu der Figur Calhoun inspirierte.” Außerdem hat der in San Francisco als Sohn einer guatemaltekischen Mutter und eines irisch-jüdischen Vaters geborene Autor eine militärische Ausbildung, die ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist. Als Neunjähriger wurde er auf die Pablo Alto-Militärschule geschickt (wie sein Held Russel in RED JUNGLE). „Es veränderte mich völlig. Wenn man in diesem Alter die Geborgenheit der Familie verlassen muss und anfangen muss, sich ohne Hilfe durchzusetzen, wird man schnell ein völlig anderer Mensch. Ich bin heute froh darüber, es hat mich stark gemacht.“

An der Universität studierte er spanische Literatur. „Ich war nie glücklicher, als in meiner Studentenzeit. Wahrscheinlich bin ich deshalb Schriftsteller geworden. Das Schreiben macht dich zum ewig studierenden. Niemand beherrscht das Schreiben vollkommen. Niemand. Meine Vorstellung vom Paradies ist ein Campus, voll gestopft mit alten Büchern, Cappuccino und Diskussionen.“ An Kriminalliteratur geriet er fast zufällig.

„Es war keine bewußte Entscheidung, dass ich Crime Fiction zu schreiben begann. Ich wusste zu wenig um zu erkennen, dass Genre- Fiction von anderer Literatur abgegrenzt war. Ich wollte ein populärer Autor werden und das schreiben, was ich als Kind gerne gelesen habe. Ich habe auch nie viel Crime Fiction gelesen. Ich las das, was man mir in der Schule und an der UNI vorsetzte. Hemingway, Fitrzgerald, Greene, Faulkner, Orwell waren die Autoren, die ich liebte, und von denen ich lernte.“ Zum Genre fand er relativ spät.
„Ich habe erst in den Zwanzigern angefangen Crime Fiction zu lesen. Vorher habe ich mich durch die alten und modernen Klassiker gewühlt. Nach der Uni entdeckte ich Jim Thompson. Es hat mich umgehauen. Etwas wie Thomson hatte ich noch nie gelesen.“
Thompson inspirierte seinen ersten Roman, den schon heute als Neo-Noir-Klassiker zu bezeichnenden DARK RIDE: Der, Golden Boy Jimmy Rogers, bisher vom Leben nur beschenkt, wird gegen alle Erwartungen enterbt und muss ein elendes Leben als Versicherungsvertreter führen. Als er der Sex besessenen Frau seines Bosses verfällt, beginnt die Noir-Bombe zu ticken. Schon tausend Mal gelesen? Aber nicht so, wie bei Kent Harrington. Er schlägt nicht nur neue Funken aus dem Noir-Standardplot, er schreibt auch mit einer kalten Brillanz, die wie eine Mischung aus Thompson und Graham Greene erscheint, aber etwas völlig eigenes ist. „In DARK RIDE wollte ich über einen Charakter schreiben, der an den Erwartungshaltungen der Mittelklasse verrückt wird. Über diese ganze Ideologie des Erfolges, die Amerika beherrscht. Ich fühlte, dass dieses Erfolgsstreben verbunden ist mit dem Willen zum Herrschen und mit Aggression. Egal, DARK RIDE ist mein Portrait der amerikanischen Familie in Schwarzweiß.“

Der Erfolg war mäßig und ist es leider bis heute. Harrington lebt in Nordkalifornien und reist viel. Besonders in lateinamerikanische Länder.
Sein Großvater war Mexikaner und er sprach Spanisch, bevor er Englisch lernte. „Ich liebe Mexiko und werde es immer lieben, trotz der schlimmen Entwicklungen in den letzten Jahren. Es gibt kein Land, in dem ich glücklicher bin als in Mexiko.“ Wenn er nicht unterwegs ist, schreibt er diszipliniert. „Nachmittags kann ich nicht mehr gut schreiben. Dann mache ich meistens Sport, laufen, Gewichte heben. Am Wochenende arbeite ich nicht. Ich kann nicht trinken, wenn ich arbeite.

Alle seine Romane wären hervorragende Filmstoffe. Allerdings für Filme jenseits des Cinemaxe-Publikums. Derjenige, der das erkannt hat, ist John Hustons Sohn, der seit Jahren versucht, die Finanzierung von Harringtons Klassiker DIA DE LOS MUERTOS auf die Beine zu stellen. Das Buch ist im Englischen seit über zehn Jahren bei unterschiedlichen Verlagen ununterbrochen lieferbar. „Im Gegensatz zu RED JUNGLE war es leicht zu schreiben. Ich hatte das Gefühl, dass bei der Arbeit Hemingway, John Huston und Jim Thompson bei mir im Raum waren.“ Harrington schreibt bewusst in unterschiedlichen Stilen, die vom jeweiligen Sujet abhänmgen: Bei den Noir-Romanen sind die Einflüsse von Jim Thompson und James Malahan Cain spürbar. Die Polit-Thriller können seine Liebe zu Graham Greene wahrlich nicht verbergen. Natürlich ist er kein simpler Epigone, der stilistisch andere Autoren nachäfft. Es ist eher eine vergleichbare Weltsicht und erzählerische Perspektive, die er auf seine Weise nutzt. Und natürlich sind auch immer ein paar Tropfen Eric Ambler in seinen Giftcocktails.

„RED JUNGLE war die Rückkehr zu meinem anderen Stil, der eher an Graham Greene orientiert ist. Greene reduzierte die große Politik auf das Verhalten von Individuen. Ich glaube, das ist das, was Literatur leisten sollte. Gute Romane übersetzen die Komplexität der modernen Welt ins verständliche.“ Der Roman ist auch eine Reminiszenz an das Land seiner Mutter. „Ich habe den Roman im Haus meines Onkels in Guatemala begonnen.“ Für mich eines seiner besten Bücher, das in manchen Momenten auch an den grandiosen und heute vergessenen B.Traven erinnert. Viele wunderbare Sätze übersieht man fast im Schwung und Tempo dieses eleganten und speckfreien Polit-Thrillers, der auch ein Entwicklungsroman ist. Etwa:

„She was a modern woman and a failed Catholic… She had never forgiven God for that. God had sinned against her.“

oder:

„He would never learn empathy, but he had finally learned fear.“

Harrington enttarnt die Idiotien des Machismo der Lationos genauso brutal wie die verschlagene und verzweifelte Gier der Gringos.
Sein Held beginnt als einer dieser stupiden Anhänger des Neo-Liberalismus, der kein wirkliches Verständnis für die Verhältnisse in dem südamerikanischen Land hat (bis sie ihm von einem alten sozialistischen Senator ein wenig erklärt werden): Harringtons Protagonisten sind oft nicht leicht zu mögen. Die meisten mag man überhaupt nicht. Trotzdem faszinieren sie und dank Harringtons Kunst folgt man ihnen, gewöhnt sich an sie. Eben weil sie so dreidimensional und voller Leben (sei es noch so elend) sind. Aber wahrscheinlich ist das ein Grund weshalb er es bisher nicht auf die Bestsellerliste geschafft hat.
Was sich ändern wird.

Wie lange wird Kent Harrington wohl noch Perlen vor die Säue werfen?
Hoffentlich noch eine Weile für uns paar tausend Leser, die intelligenter, anspruchsvoller und feinfühliger sind als andere. In den USA kennt ihn kaum jemand, obwohl James Crumley ihm ein Vorwort schrieb und sogar PUBLISHERS WEEKLY beklagt, dass Harrington nicht auf der Bestsellerliste Stammkunde ist (als ob heutzutage Hemingway, Mailer oder Chandler es in die amerikanischen Bestsellerlisten schaffen würden). Es muss wohl nicht extra erwähnt werden, dass er nicht ins deutsche übersetzt wird. Dafür aber u.a. ins Französische und italienische. Dank der geschmackssicheren Franzosen rollen wohl genug Cents rein, damit Harrington uns alle paar Jahre mit einem neuen Roman beglückt.

Sein neuer Thriller könnte Harringtons Durchbruch werden. Jedenfalls wird THE RAT MACHINE vollmundig so angekündigt: „ A thriller about the CIA, the Sicilian Mafia and the International Heroin Trade, as well as the importation of Nazi scientist and ex SS officers into Europe and The Americas during the Cold War. The story is set in 1980’s. The book is An HBO-style series set in Europe, London, the US, and Mexico with a large cast of characters. It is Harrington covering Robert Ludlum but distinctly Harringtonesque. The Rat Machine is the first in a series. The book is approximately 600 pages and is being developed for TV.“

BIBLIOGRAPHIE:

DARK RIDE, 1996
DIA DE LOS MUERTOS, 1997 (spätere Auflage mit einem Vorwort von James Crumley).
THE AMERICAN BOYS, 2000.
THE TATTOED MUSE, 2001.
RED JUNGLE, 2004.
THE GOOD PHYSICIAN, 2008.
THE RAT MACHINE, 2012.



WEISE WORTE by Martin Compart
5. April 2012, 7:58 am
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„Wer kann den Fortbestand des westlichen Kapitalismus als ein hehres Ziel ansehen?“

„In den Augen der Regierung der USA war Terror kein Terror, außer er kam von der Linken.“

Graham Greene (Collected Essays)