Martin Compart


CHARLES DEWISME WIRD 100 und BOB MORANE 65 JAHRE ALT /3 by Martin Compart

 

PLÜNDERN ODER ZITIEREN -. SF UND WISSENSCHAFT IN BOB MORANE

Ich kenne – wie schon gesagt -keinen anderen Autor, der sich intertextuell so intensiv im Kanon der Genre-Literatur so intensiv bedient hat wie Henri Vernes. Verschiedene Journalisten und Autoren von Büchern über Vernes und BM berichteten, wie dünnhäutig Vernes reagiert, wenn er darauf angesprochen wird. Seine größte Angst ist es wohl, als großer Plagiator in die Literaturgeschichte einzugehen.

Eigentlich eine unbegründete Furcht, denn bekanntlich bauen alle Literaturen mehr oder weniger auf vorgefundene Topoi. Doch ist die Serie BOB MORANE durch ihre Langlebigkeit natürlich ein besonderer Fall, denn bei über 200 Romanen hat Vernes so oft wie kein anderer aus literarischen oder filmischen Vorbildern geschöpft.

BM entstand zu einem Zeitpunkt, als die romanische, speziell die französische, Populärkultur sich extrem mit der angelsächsischen zu vermischen begann: Nach Ende des 2.Weltkriegs überfluteten amerikanische Filme, Comics und Romane den französischen Markt (was dann zu einem von den Kommunisten eingebrachten Gesetz führte, dass den ausländische Anteil – besonders in Comic-Magazinen – begrenzte). Der Durst nach amerikanischer Pop-Kultur war fast so groß wie in Deutschland, stieß aber auf reichere Traditionen.

BM steht, wie sonst vielleicht noch MAIGRET oder FANTOMAS, für den Übergang von der französischen populären Literatur zur amerikanisierten Medienkultur.
Das geistige Universum des Autors strukturiert sich durch literarische und kinematografische Referenzen mehr, als dass es eine Darstellung der Realität ist, wie früher oft und gerne behauptet.

Man kann das aber auch positiv statt nur entschuldigend, erklärend werten: Vernes hat aus dem Recycling à la BOB MORANE eine wahre Kunstform gemacht, in der ein traditionsbewusster Leser als Sekundärvergnügen die Romane nach Vorbilder und Inspiration absuchen kann.
So erkennt ein Fan in KROUIC, 1972, eine Variation von UBIK, 1969, von Philip K. Dick.

Im ANANKÉ-Zyklus sehen manche eine Abwandlung der RIVER WORLD-Saga von Philip José Farmer (im 2. Band des Zyklus, LES PÉRILS D´ANANKÉ, 1975, treffen BM und seine Freunde gar auf Vlad Tepes, alias Dracula).

Vor allem verdankt die fantastische Atmosphäre, die so viele von Moranes Abenteuern durchdringt, Jean Ray, dem Autor von MALPERTIUS und HARRY DICKINSON, der wohl den nachhaltigsten Einfluss auf den jungen Charles Dewisme ausübte.

Die phantastische Literatur kennt Vernes mindestens so gut wie den kolonialen Abenteuerroman.

Besonders bei H.G.Wells bediente sich Vernes – wie viele SF-Autoren – häufig und gerne: Die Aliens in LES MONSTRES DE L´ESPACE, 1956, sind deutlich von WAR OF THE WORLDS „inspiriert“. In LES BULLES DE L´OMBRE JAUNE, 1970, findet man eindeutige Bezüge zu THE TIME MACHINE: Die schrecklichen Khops sind die Morlocks und die Kinder der Rose sind die Eloi.
In LE RÉVEIL DE KUKULKAN, 1994, bezieht er sich direkt auf THE ISLAND OF DR.MOREAU. THE INVISIBLE MAN übernahm Vernes für FORMULE X33, 1962.

Auch von Sir Arthur Conan Doyle übernahm Vernes vieles: Er gibt sogar zu, dass LE DRAGON DES FENSTONES, 1961, direkt vom HOUND OF BASKERVILLE „inspiriert“ wurde. Die unzugängliche Hochebene, auf der die letzten Maya leben (in LE SECRET DES MAYAS, 1955), geht direkt auf die Hochebene in THE LOST WORLD zurück (wie die vielen Saurier in verschiedenen BM-Romanen). Assoziationen zu Sherlock Holmes ergeben sich in LA MALLE À MALICE, 1976, und DES LOUPS SUR LA PISTE, 1980, und an Gaston Leroux´ Rouletabille in POISON BLANC , 1972.

Die versunkenen Welten, auf die BM immer wieder stößt, haben ihre Wurzeln bei Rider Haggard und Edgar Rice Burroughs.

Auch H.P. Lovecraft hat Spuren hinterlassen: Dagon in der gigantischen Kreatur, halb Mensch, halb Fisch, in LES SPECTRES D´ATLANTIS. Rudyard Kipling hinterlässt Spuren in LA MARQUE DE KALI. John Buchans Prophet aus GREENMANTLE findet sich wieder in MASQUE DE JADE, 1957.

Sogar Georges Arnauds Klassiker LA SALAIRE DE LA PEUR plünderte er für einige Szenen in LE CAMION INFERNAL, 1964.
Richard Mathesons THE SHRINKIN MAN, 1956, stand Pate bei L´ENNEMI INVISIBLE, 1959.

Dank der „Zeit-Patrouille“, die Vernes direkt von Poul Anderson übernommen hatte, muss Morane keine Lost Valleys mehr in Dschungeln entdecken. Er kann sich von da an direkt in vergangenen Epochen oder auf fremden Planeten austoben.

Vernes, der ja immer große Angst hat, als Plagiator bezeichnet zu werden (was er – zum Teufel – ja ist), behauptete dreist, Anderson in den USA und er selbst in Europa, hätten zur selben Zeit die jeweiligen Zeitpatrouillen entwickelt. Dies hätte nur geschehen können, wenn Vernes zwei Jahre in die Vergangenheit gereist wäre. Andersons erste Zeitpatrouille-Geschichte wurde in Frankreich im März 1956 veröffentlicht; LES CHASSEURS DE DINOSAURUS erst 1957. Eine Jagd auf Dinosaurier thematisierte zuvor schon Ray Bradbury in der Story A SOUND OF THUNDER, 1952, die in Frankreich ebenfalls 1956 veröffentlicht wurde.

Wenn Henri Vernes SF schreibt, dann ist es auf naive Weise die klassische SF mit ihren klassischen Topoi, wie Außerirdische, Weltraum- oder Zeitreisen, Genmanipulation, Atomkraft, verschwundene Zivilisationen und Große Alte. Die SF von Bob Morane kleidet sich in Konfektion; es sind Transformationen des Abenteuerromans in die SF. Vernes kreuzt sie in einer Patchwork-Welt mit dem kolonialen Abenteuerroman (der letztlich Pate der Space Opera war).

Vernes umgeht in seinen Zeitreise-Geschichten alle Probleme des Zeitparadoxons.
Was in der Zukunft passiert, findet gleichzeitig und in der Vergangenheit statt:
Wenn Morane zu einem Zeitpunkt A im Mittelalter in Schwierigkeiten ist, muss ihm die Zeitpatrouille im 23. Jahrhundert rechtzeitig ein Objekt schicken, das genau zum Zeitpunkt A ankommen muss, denn zum Zeitpunkt B könnte der Held bereits tot sein. Vernes Raum-Zeit-Verständnis suggeriert die immerwährende Gegenwart, in der alle drei Zeitinstanzen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, gleichzeitig stattfinden.

Die Science Fiction ist mehr noch als der Abenteuerroman eine „kollektive Literatur“, in der allen Autoren alle Themen gehören und jeder an jeden anknüpfen kann um das Grundmaterial ständig zu überarbeiten. Peinlich nur, dass Vernes nur assimiliert, ohne einen neuen Aspekt bei zu bringen. Für ihn ist die SF eine reine Dekoration, die den Abenteuerroman  erneuern soll.

Aber Vernes beschäftigte sich auch ernsthaft mit der Wissenschaft (jedenfalls während der klassischen Marabout-Phase). Als Kind seiner Zeit sog er nach dem Krieg die Wissenschaftsgläubigkeit auf und sah sie auch als Möglichkeit, die BM-Serie zusätzlich zu bereichern und von anderen Jugendbuchserien abzugrenzen. Morane war schließlich ein moderner Held, voller Ingenieurswissen.

Durch seine stete Lektüre wissenschaftlicher Fachmagazine (der Chef von Marabout schickte ihm zahlreiche Artikel über die neuesten wissenschaftlichen Entdeckungen) konnte Vernes einiges antizipieren.

In der April-Ausgabe 2004 würdigte das kanadische „Quebec Science“-Magazine“ BM als die Serie, die eine ganze Generation Jugendlicher an die Naturwissenschaften herangeführt hat. Einige Beispiele dafür, wie Henri Vernes einige Entwicklungen extrapolierte und attraktiv aufbereiten konnte:

1958, in LES GÉANTS DE LA TAIGA, beschrieb er einen Wissenschaftler, der das Mammut wiederbelebte, indem er Fortpflanzungszellen von einem gefrorenen Kadaver nahm, so wie es ein japanischer Forscher 1999 tun wollte.

Die Duplikator-Maschine von Mr.Ming in LE RETOUR DE L’OMBRE JAUNE, 1960, mit der er biologische Kopien von sich selbst erstellt, hat viele Gemeinsamkeiten mit dem Klonen.

In PANIQUE DANS LE CIEL, 1954, beschrieb Vernes einen Senkrechtstarter vor dem ersten Flug der Convair XFY-1 (um Opium zu transportieren; das hätte sicherlich auch Pablo Escobar inspirieren können).

In MISSION POUR THULÉ hilft Morane den Amerikanern beim Start eines Satelliten, der der Förderung von Wissenschaft und Frieden gewidmet ist (in der Zeit mit und nach Reagen muss man das wohl unter Fantasy einordnen).

In LES MANGEURS D’ATOMES, 1961, „entwickelt“ ein Biologe einen prähistorischen Krebs, der atomare Abfallstrahlung absorbiert. Die Veränderung der Biosphäre behandelt Vernes bereits 1955 in LES FAISEURS DE DÉSERT.

Ab den 1990er Jahren beschäftigte sich Vernes zunehmend mit Ökologie. In LA TERREUR VERTE, 1969, hatte er bereits eine „Revolte der Natur“ beschrieben. In LES DÉSERT. D’AMAZONIE, 1993, thematisiert er die Abholzung des Regenwaldes. Natürlich gab es auch (dem jeweiligen Wissensstand entsprechend) einigen Unsinn zu lesen: In LES MONSTRES DE L’ESPACE beschreibt Vernes die Existenz einer Mondvegetation.

In der klassischen Phase spiegelt die Serie die Fortschrittsgläubigkeit der 1950er- und 60er Jahre in all ihrer Naivität wider. Nach 1969 – nach der Mondlandung – steigert Vernes die phantastischen Momente und verlässt die wissenschaftlichen Grundlagen zu Gunsten der Fantasy-Elemente. Mit der zunehmenden Hinwendung zu simplen Zeitreise-Geschichten, konzentrierte sich Vernes auf das am wenigsten wissenschaftliche Thema der Science Fiction.

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