Martin Compart


KISS KISS, BANG BANG – Eine Geschichte des Golden Age of Thrillers by Martin Compart


Dies ist ganz klar ein Buch für mich – eines, auf das ich lange gewartet und mit dem ich kaum noch gerechnet habe.

Deshalb habe ich es auch fast zwei Jahre nicht in die Hand genommen und auf den „Belohnungsstapel“ gelegt. Dort darf immer zugegriffen werden, wenn man zu viel Mist gelesen oder eine gute Tat vollbracht hat.
Nach etwa einem Jahr des Stapelabtragens war ich nun endlich bei Ripleys wunderbaren Buch. Es führt mich zurück in ein Königreich, in dem ich verdammt viel Zeit verbracht habe, und das mich bis heute mit schönsten Erinnerungen beschenkt:
Etwa in die Zeit des Schulschwänzens „wegen lesens“ (als man Maturins MELMOTH natürlich nur an verregneten Vormittagen in einer Burgruine lesen konnte, während andere sich im Mathematikunterricht foltern ließen). KISS KISS, BANG BANG ist deshalb für mich auch eine persönliche Zeitreise.

Für Genre-Historiker ist es ein wichtiges Buch! Denn über den Thriller der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts wurde viel gearbeitet. Aber das wahre Golden Age wurde bisher nicht wirklich zusammenhängend dargestellt (natürlich gibt es massenhaft Sekundärliteratur zu LeCarré, Deighton, 007 usw., aber ganz wenig zu der vermeintlich zweiten oder dritten Garde). Zu Recht wurde Ripley auch für diese Pionierarbeit ausgezeichnet.
Das launige Vorwort ist von Lee Child, der sich in dieser Tradition sieht.

Worum geht es?

Um die Zeit ab den frühen 1950ern, in der die britischen Thriller-Autoren fast alle westlichen Bestsellerlisten dominierten. Die Rede ist vom Abenteuer- oder Agenten-Thriller, nicht etwa vom klassischen Detektivroman.

Mike Ripley grenzt das „Golden Age“ ein auf die Jahre von 1953 (erscheinen des ersten Bond-Romans) bis 1975 (er setzt als Endpunkt Jack Higgins THE EAGLE HAS LANDED). Man könnte noch einige Jahre dran hängen, aber Ripley meint, dass mit dem Aufkommen etwa der amerikanischen Conspiracy-Thriller (Ludlum) und Techno-Thriller (Clancy) die absolute Dominanz der Briten im Genre gebrochen wurde. Meinetwegen.

Das Buch behandelt ca. 160 Autoren (neben Briten auch ein paar Südafrikaner und Australier), die heute zum Großteil in Vergessenheit geraten sind. Natürlich werden auch die inzwischen als Klassiker gewerteten Autoren, wie Fleming, Deighton, Francis, Forsyth, Ambler usw., behandelt. Aber da es über diese Autoren genügend Literatur gibt, bemerkt Ripley richtig, habe er sich auf die Unbekannteren konzentriert.

Da ich einige dieser Autoren seit den 1960er Jahren gelesen habe, kann ich häufig Ripley zustimmen: Darunter sind verborgene Klassiker, umwerfende Spannungsromane, die trotz der verstrichenen Zeit nichts von ihrer Faszination verloren haben. Ich nenne hier nur mal Gavin Lyall, Geoffrey Jenkins, Adam Hall, Alan Williams, Berkeley Mather, James Mitchell(Munro), Francis Clifford.

Es gab und gibt in dem Buch vieles zu entdecken, und bei der Lektüre wuchs meine Leseliste. Beim Wieder- oder Erstlesen ist die hohe Qualität vieler Autoren verblüffend! Dagegen wirken die meisten Thriller der Gegenwart wie elaborierter Schund.
Da merkt man deutlich, wie der PC bei Autoren zum disziplinlosen Schreiben verführen kann (ich fragte in den 1980ern mal Gavin Lyall, warum Desmond Bagleys neue Romane langsamer und dicker würden. Gavin: „He bought a word processor.“). Diese Thriller – egal, von welcher Qualität – verzichten zumeist auf retardierende Momente und gehen direkt nach vorne und beschleunigen zunehmend. Die Besten können einen auch heute noch atemlos und tief in den Lesesessel pressen. Obwohl die meisten Autoren (schon aus Altersgründen) die „Beatkultur“ gehasst haben (dafür gibt es in den Texten genügend Andeutungen, Häme und Hinweise), entsprachen ihre schnellen literarischen Beats dem Rhythmus der Zeit. So wie die YARDBIRDS mit ihren Klängen uns in ferne Sphären trugen, führten diese Autoren in exotische Länder, Katastrophen und fremde Mentalitäten.
Faszinierend sind auch die unterschiedlichen Themen und Stile der Autoren! Dank dieser Vielfalt verdient die Epoche wahrlich das Etikett „Golden Age of Thrillers“.

England hatte den Krieg gewonnen und den Frieden verloren. Das Empire brach auseinander, das Land war wegen der Kriegskosten hochverschuldet und Lebensmittelmarken (für bestimmte Produkte) gab es noch bis Anfang der 1950er (im Gegensatz zum Verliererland Deutschland).
Trotzdem errichteten die Briten einen Sozialstaat, der im Westen unvergleichlich war (und spätestens seit Thatcher, Tony Blair und dieser ganzen Neo-Con-Bande zerstört wurde). Jeder hatte Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung; die Gewerkschaften waren extrem stark, Vollbeschäftigung, Trümmergrundstücke.
Und wo heute der „Gunpowder“ am erahntbarsten ist.

Laut vielen Briten, die in den 1950ern aufwuchsen, gab es nur ein Problem: England war stinklangweilig (was war denn dann Deutschland mit seinen Fress- und Wirtschaftswunder-Kapitänen, die aus dem 3.Reich direkt in die Chefetagen wechselten?).

Ripley bemerkt für sich und viele seiner Altersgenossen: Das einzig spannende waren Rock´n Roll und Thriller. Dafür konnte man sein Taschengeld ausgeben. Ripley gab mehr für Paperback-Thriller aus, denn da bekam man zwei für den Preis einer Single „At least that was my thinking until I discovered girlfriends, and the Rolling Stones recorded BEGGAR´S BANQUET.“ In diesem launigen und unterhaltenden Ton plaudert er das Buch hindurch und erzählt bisher unerzähltes, intelligentes, verblüffendes, spannendes, triviales, erhellendes.
Ein Buch, von dem der Fan hofft, es möge nie enden. Wie jeder gute Kritiker hat der Schriftsteller und Rezensent Mike Ripley ein feines Gespür für Drama.

Es ist nicht immer das analytischste oder systematischte Buch (den Anspruch erhebt Ripley auch nicht, nennt es „seine Lesergeschichte“), aber immer wieder voller erstaunlicher Fakten und Kenntnisse: Etwa, dass FROM RUSSIA WITH LOVE 1957 mit einer Auflage von 15 000 Hardcovern gestartet wurde, während Alistair MacLeans GUNS OF NAVARONE alleine in den ersten sechs Monaten 400 000 Exemplare verkaufte!

Ripley ordnet Thriller und Autoren immer in den historischen Kontext ein, zeigt die soziologischen und politischen Spannungen auf, die sich direkt oder indirekt auf die Literatur auswirkten.

Er behandelt die Abenteuer-Thriller und Agentenromane (richtig unterschieden in Spy Novels, wie etwa Deighton, und Spy Fantasy, wie Bond), die millionenfach in Paperbacks die westliche Lesewelt zwei Jahrzehnte überfluteten. „Kiss Kiss, Bang Bang is a ‘reader’s history’ – specifically this reader – of a particular period, roughly 1953-1975, when British thriller writers ruled the world.”

Ripley streift und würdigt auch die Arbeit von Cover-Designern wie Raymond Hawkey, die für den speziellen look der Thriller verantwortlich waren. Was gäben diese Cover einen prächtigen Bildband ab!

Die Helden dieser Romane sind unterschiedlicher politischer Couleur, wie ihre geistigen Väter.
Lediglich bekennende Faschisten oder Kommunisten sucht man vergebens. “Their heroes regularly confronted Nazis, ex-Nazis and proto-Nazis, the secret police of any and all communist countries and a variety of super-rich and power-mad villains, traitors, dictators, rogue generals, mad scientists, secret societies and ruthless businessmen.”

Ripleys Buch ist ein Anfang, diese Epoche weiterhin zu untersuchen. Aber bis auf weiteres muss es als Standardwerk des britischen Thrillers in dieser Zeit gelten. Nächste Kundschafter sollten vielleicht den Zeitrahmen bis zum Ende des Kalten Krieges ausdehnen.

LESELISTE – Die unten stehenden, fast vergessenen Titel, will ich unbedingt wiederlesen und als Tipps weitergeben. Und das ist nur eine ganz kleine Auswahl!


Geoffrey Jenkins: A Twist of Sand, 1959.

Geoffrey Jenkins: The River of Diamonds, 1964.

Lionel Davidson: The Rose of Tiber, 1962.

Anthony Lejeune: Glint of Spears, 1963.

Alan Williams: Snake Water, 1965.

Gavin Lyall: The Most Dangerous Game, 1966.

Gavin Lyall: Midnight Plus One – und eigentlich jedes andere Buch von ihm!

James Munro: The Man Who Sold Death, 1964.

Peter Driscoll: The Wilby Conspiracy, 1972.

Peter O´Donnell: A Taste for Death, 1969.

Derek Marlowe: A Dandy in Aspic, 1966.

Duncan Kyle: A Cage of Ice, 1970.

Duncan Kyle: Black Camelot, 1978.

Desmond Bagley: High Citadel, 1965.

Desmond Bagley: The Vivero Letter, 1968 (u.v.m.).

Alistair MacLean: HMS Ulysses, 1955.

Ian Stuart: The Satan´s Bug, 1962.

Francis Clifford: Honour the Shrine (Kriegsroman; Birma), 1953.

Francis Clifford: All Men Are Lonely Now, 1967.

Victor Canning: Black Flamingo, 1962.

Clive Egleton: Seven Days to a Killing, 1973.

Desmond Cory: Feramontov-Quintet, 1962-71.

Anthony Price: Other Paths of Glory, 1974.

Andrew York: The Eliminaror, 1966.

Adam Diment: The Dolly Dolly Spy,1967.
https://martincompart.wordpress.com/category/adam-diment/

Brian Freemantle: The Man Who Wanted Tomorrow, 1975.
https://martincompart.wordpress.com/category/brian-freemantle/

Adam Hall: The 9th Directive,
https://martincompart.wordpress.com/category/klassiker-des-polit-thrillers/adam-hall/

Len Deighton: The Ipcress File, 1962.
https://martincompart.wordpress.com/2009/05/15/krimisdie-man-gelesen-haben-sollte/

Berkeley Mather: The Pass Beyond Kashmir, 1960
https://martincompart.wordpress.com/category/berkeley-mather/

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das MODERN TALKING der deutschen Literatur-Szene by Martin Compart

Nora und Dieter beim Empfang des Siegfried Fitzeck-Gedächtnispreis.

 

Ist da bei Nora was Kleines unterwegs?

Das  kann nur das Frühstücksfernsehen entscheiden!

 

Man muss sie liebhaben, diese kleinen Racker, oder?

 



DER NEUE SEEßLEN by Martin Compart

Georg Seeßlen ist seit den 1970er Jahren der prägendste Theoretiker der populären Kultur in Deutschland. Punkt. Kein anderer hat so viele Anstöße gegeben, um sich mit Genres und ihren medialen Ausformungen zu beschäftigen, ist so in die Tiefe gegangen wie Seeßlen. Zu seinen Vorläufern kann man Walter Benjamin, Siegfried Krakauer und Teile der Frankfurter Schule zählen, die sein scharfes analytisches Denken geschliffen haben. Wie die beiden erstgenannten, hat er auch etwas genialisches und wird voraussichtlich nach seinem Ableben vom Feuilleton als Klassiker verharmlost werden.

Sein Ansatz:

„Zeit meines Lebens habe ich Pop geliebt und gehasst. Pop war hier Befreiung und da Unterdrückung,
hier Explosion der Wahrhaftigkeit und dort Implosion der Verlogenheit. Pop bewahrte das innere Kind und förderte die Vergreisung, Pop rebelliert und korrumpiert. Pop konstruiert die kleinen Unterschiede der Klassen und setzt sich über die gesetzten Grenzen hinweg. Pop ist universal, regional und national; Pop macht einfach alles mit, denn es ist der Ausdruck des Kapitalismus in der Demokratie, wie es der Ausdruck der Demokratie im Kapitalismus ist. Ohne Pop würde es diese prekäre Einheit gar nicht geben, und ohne Pop wären die Spannungen zwischen beiden nicht auszuhalten. Zugleich aber reagiert Pop auf die Brüche und Widersprüche, wie es keine »Hochkultur« und keine Wissenschaft kann. Jede Erkenntnis und vor allem Selbsterkenntnis einer Gesellschaft ist in ihrem popkulturellen Sektor »irgendwie« schon da. Pop ist das Klügste und gleichzeitig das Dümmste, was wir haben und was wir kennen.“


Critica Diabolis 251
Broschur
224 Seiten
16.- Euro
ISBN 978-3-89320-228-7

https://www.amazon.de/This-End-zwischen-Befreiung-Unterdrückung/dp/3893202285/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1521206042&sr=8-1&keywords=georg+see%C3%9Flen+pop

Ich kenne Georg Seeßlen seit 1973. Obwohl ich ihn nie persönlich getroffen habe, begleitet sein Werk mich bis heute. Sein damals erschienenes Werk ROMANTIK UND GEWALT (zusammen mit Bernt Kling), ein zweibändiges Lexikon der Unterhaltungsindustrie, erweiterte den Blick auf Genres in allen Medien. Später habe ich zeitgleich mit ihm für die Science Fiction Times geschrieben, die damals vor allem ideologische Enttarnung betrieb. Wer sich seit den 1970ern mit populärer Kultur beschäftigte, stieß immer wieder auf Aufsätze und Bücher von Seeßlen (legendär die zehnbändige Serie über Film-Genres, erst bei Roloff & Seeßlen, dann bei Rowohlt).

Manche Thesen überzeugten mich nicht, andere eröffneten neue Perspektiven. Aber nie waren seine Äußerungen uninteressant, meistens brachten sie einen weiter. In seinen zahlreichen Büchern bewies er zudem, dass populäre Kultur in der Theorie oft spannender ist, als in ihrer „Praxis“. Seine dialektischen Volten, die gerne überraschend in den Satzbau einfließen, sind zumeist erhellend, oft verblüffend und regen unterhaltsam den Gebrauch der Hirnzellen an. Und er war auch immer so clever, sich für bestimmte Themen und Genres die Mitarbeit von Spezialisten zu sichern, die ein ungeheures Detailwissen miteinfließen ließen.

Da wir wohl in der letzten Phase der Kapital dominierten westlichen Demokratien leben, ist ein Rückblick und Abgesang auf Popkultur fast zwingend. Die Transformation unserer Gesellschaft in zunehmende Unfreiheit und Ressourcenvernichtung, wird von der Popkultur inzwischen nicht mehr nur begleitet, sondern auch durch reaktionäre Strategien gefördert (dieser reaktionäre Pop nimmt in diesem Buch auch entsprechenden Raum ein).

Pop als Experimentierfeld für Utopien oder Dystopien funktioniert nur in einer funktionstüchtigen Demokratie. „Wenn es dem Pop schlecht geht, geht es auch der Demokratie schlecht und umgekehrt.“ Eine der Kernthesen des Buches.

Pop hat längst seine rebellische Form verloren und ist im Mainstream aufgegangen, wo er nur noch als dumpfes Konsuminstrument funktioniert. Pop hatte immer wieder Zukunft in Aussicht gestellt (vom Überwinden der Pubertät bis hin zu einer gerechten Gesellschaft). „Die Gesellschaft hat irgendwann akzeptiert, zukunftslos zu leben.“
Seeßlen zeigt auch, wie der Niedergang des Pop begann, als der Kapitalismus in seine „stalinistische Phase“ (also nach 1989; that´s Pop, ihr vertrottelten Akademie-Lemuren) eintrat.

Synthese und Dialog mit der bürgerlichen Kultur, da folgt er Antonio Gramsci, ist nicht nur heute ein emanzipatorischer Ansatz, sondern bereits historisch bewährt: „Im Pop der sechziger und siebziger Jahre schien sich eine solche Möglichkeit durchaus anzubahnen. Es war möglich, Rolling Stones zu hören und zugleich Rilke und Marx zu lesen. Bei Bob Dylan kam das alles ohnehin wieder zusammen, und bei Frank Zappa auch, ebenso aber auch bei Andy Warhol, der den Künstler als Pop-Star gab und die Techniken von Hoch- und Massenkultur bewusst miteinander kurzschloss.“ Denn „es ist gewiss kein Zufall, dass in den rebellischen Zeiten“ linke Kultur und Hochkultur im Pop Gemeinsamkeiten fanden, „während in den Zeiten der rechten Hegemonie taktisch und strategisch die volkstümliche gegen die elitäre Kultur ins Feld geführt werden“.

Das Pop von rechts vereinnahmt wird, erscheint mir weniger bedrohlich (Tendenzen von Freddy bis zu dämlichen Country-Sängern und John Wayne-Filmen gab es immer), das Faschismus letztlich nur für Sado-Masochisten erotisch ist. Aber man sollte wohl den Anteil von Sadomasochisten in der Bevölkerung nicht unterschätzen, denn sonst wären die Zustände nicht wie sie sind. Um nicht gar ausdehnend von Wilhelm Reichs autoritären Charakteren zu reden…

Aber es ist auch klar, „dass neoliberale Konzerne neoliberale Produkte eher auf den Markt bringen als kritisch subversive“. Vorbei die „Adornistische Rigorosität“ (Seeßlen), in der das Produkt alleine durch den Warencharakter diskreditiert gehört.

Seeßlen löst gar die alten Fronten zwischen Pop und bürgerlicher „Hochkultur“ auf, indem er in letzterem aktuell emanzipatorisches ausmacht und immer wieder auf Synthesen von Hoch- und Pop-Kultur verweist oder diese verlangt: „…diese Hochkultur enthält unter vielem anderen auch das Archiv der Befreiungskämpfe… Wenn das Volk auf eine Kultur hereinfiele, die behauptet, man brauche nicht mehr als Traumschiff, Bild-Zeitung, Oktoberfest und Internet-Pornos…, dann hätte dieses Volk alles für seine Selbstentmachtung getan.“ Tatsächlich war der erklärte Gegensatz zwischen Hoch- und Pop-Kultur immer nur Ideologie.

Derartige Synthesen sind dem Neoliberalismus zutiefst zuwider, denn in ihm „wird die Klassengesellschaft von ehedem in der bürgerlichen Gesellschaft nicht aufgehoben, sondern transformiert.“ Er sieht einen Pakt zwischen Rechten und Neoliberalen: „Um das gemeinsame Ziel von Rechtspopulismus und Neoliberalismus zu erreichen, nämlich die Abschaffung der Gesellschaft zugunsten von Markt und völkischer Gemeinschaft, muss auch Pop entgesellschaftet werden.“ Entgesellschaftung ist auf allen Ebenen erkennbar, da sich die Klassenlage weitgehend nicht mehr ökonomisch, sondern kulturell definiert: „…reiche Prolls und arme Bildungsbürger, Milliardäre, die mit Hilfe des `Volkes´ das Establishment stürzen wollen…“

Was soll Pop-Kritik noch leisten?

„Die Herstellung des Alltagsverstandes durch Popkultur und Warenwelt ist der Gegenstand meiner Idee von Popkritik, die weder von außen noch von oben kommt, sondern aus der Mitte von Empathie und Erschrecken, aus Nähe und intellektueller Distanz… Popkritik ist immer auch die Kritik des Alltagslebens und dessen, was in sie hineinregiert, die Interessen von Staaten und Ökonomien… Der Alltag ist nicht nur Widerschein des Politischen, der Alltag ist das Politische schlechthin.“

Pop befindet sich also im selben desolaten Endzustand wie die Demokratien. Softwareverfall in einem „neu“ figurierten Betriebssystem.
In letzteren beugen sich sogar so genannte Volksvertreter servil vor „einflussreichen“ (Arbeitsplätze!!!) Betrügerbanden wie VW & Co., und vertreten deren verbrecherische Machenschaften gegen die Betrogenen.
Bei Merkel, Spahn, Scheuer, Heiko Maas, Olaf Scholz – und wie sie alle heißen, diese Taliban des Neoliberalismus – nützt ebenfalls kein Update ihrer untüchtigen Software.

Und gerade in solchen Zeiten braucht man doch die Wunschmaschine des Pop zur eigenen Interessenlage. Stattdessen hat sich Pop zu einem kybernetischen System der Neoliberalen entwickelt… Oder vielleicht doch nicht?…

P.S.: Eines ist mir bei der Lektüre von Seeßlen wieder aufgefallen:
Es existiert ja kein wirklicher Kapitalismus. Im lupenreinen Kapitalismus gibt es kein feudalistisches Erbrecht. Was NeoCons und NeoLibs anstreben, ist ein Sowjetsystem, in dem alles von unten nach oben verteilt wird; genauso lemminghaft wie die Klimapolitik. Folgerichtig wird das Wirbeltier auf diesem Planeten an unfassbarerer Blödheit krepieren, dessen Maßstab die Intelligenz der Autoindustrie und ihrer politischen Idioten ist.

Oder wie Frank Zappa mal gesagt hat: The torture never stops.

 



DER HERR DES GESCHWAFELS: Neil Gaiman packt aus by Martin Compart
21. September 2017, 4:23 pm
Filed under: Neil Gaiman, Rezensionen, Sekundärliteratur | Schlagwörter: , ,

Neil Gaiman hat seinen Blog ausgedruckt, den Papierkorb umgestülpt und allen möglichen Kram, den er im Laufe der Jahrzehnte als nicht-fiktional abgelassen hat, zwischen zwei Buchdeckel gequetscht.

Und das ist nur eine Auswahl DES ALLERBESTEN an Vorträgen, Vorworten und ähnlichem. Gaiman hat während seiner bisherigen Erfolgskarriere nur einen guten Roman, viele langweilige, ebensolche Comics und ein paar akzeptable Kurzgeschichten geschrieben und wird für diesen Haufen trivialer Milchbar-Fantasy von den Minderbemittelten der Fantasy- und Comic-Gemeinde kultisch verehrt. Der höchst erfolgreiche Wälzer AMERICAN GODS (nun auch als TV-Serie) zeigt bestens alle Schwächen von Gaiman: Das Konzept basiert offensichtlich auf der exzessiven Kindheitslektüre von Stan Lees Comics, aber ohne dessen Originalität.

Aber das muss mich hier nicht interessieren.

Dummerweise habe ich mich für seine sekundärliterarischen Ergüsse interessiert. Nein, richtige Sekundärliteratur ist das wohl nicht, wenn Gaiman ü b e r ein Sujet oder einen Autor schreibt. Es geht ihm fast ausschließlich darum, was und wo der kleine Neil empfunden hat.

Dieser Egomane kann nur über sich labern und was Populärkultur in seinem kleinbürgerlichen Bewusstsein angerichtet hat:
„Das, was die Erwachsenen wirklich hätten fürchten müssen, war das, was Doctor Who in meinem Kopf anstellte“.
Gaimans Leser müssen das nicht fürchten, denn seine Worte treten links in ihr Bewusstsein ein, durchqueren das Vakuum, fallen rechts vepuffend raus. Es geht ihm nicht um Analysen, warum und wie ein Autor Empfindungen erzeugt, wichtiger ist doch wo und wann der kleine Neil ganz davon begeistert war und das seine 10jährige Tochter FRANKENSTEINS BRAUT auch heute noch ganz toll findet.

Geht es mal nicht gerade um die Empfindungswelt des Egomanen, dann liefert er so ungewöhnliche, zuvor nie gedachte, Gedanken ab wie: „Ich glaube, den Kampf der Gewehre gegen die Ideen werden die Ideen schlussendlich gewinnen.“ Mit solchen wagemutigen Großgedanken könnte er auch Karriere im Bundesvorstand der Grünen machen. Die Schlichtheit dieser Aufsätze spiegelt die Schlichtheit seiner Fantasy und seiner Fans wider, die diese zu dicke Schwarte als ihre Mao-Bibel verwenden können.

Egal ob er über Harlan Ellison, Jack Kirby oder H.P. Lovecraft schreibt, er hat nichts zu sagen; bestenfalls kaut er Weisheiten wieder, die seit 70 Jahren in den Fanzines jährlich von Rotärschen entdeckt werden. „Kirby leistete einen wichtigen Beitrag zur Comicsprache, und das gilt noch viel mehr für den Dialekt der Superheldencomics… Kirbys Fantasie war grenzenlos und unnachahmlich…“ Sein Geschreibsel erinnert an Musikkritiken in Schülerzeitungen der frühen 1970er: „Die neue Platte ist sehr gut, besonders das dritte Stück auf der zweiten Seite, das noch besser ist als das vierte auf der ersten.

Über Harlan Ellison nicht wenigstens eine provokante Note zu formulieren, ist schon fast die Definition einer neuen Ästhetik des Leerlaufs.

Als entscheidenden Einfluss auf Kirbys dystopische Comic Book-Serie KAMANDI – LAST BOY ON EARTH behauptet er – ohne mit der Tastatur zu zucken – die Filmversion von PLANET DER AFFEN (nach dem Roman von Pierre Boulle),“obwohl er den Film nicht gesehen hat„. Was für eine Logik! Als ob Boulles Roman von 1963 auch noch die erste „Lost Earth“-Geschichte wäre. Der Typ hat nie seine Hausaufgaben gemacht und kennt nicht einmal seine eigenen Genres.


Eher was für Fortgeschrittene.

Lange nicht so was verblüffend unnötiges in den Fingern gehabt. Kein Vergleich zu den Essay-Bänden von William Gibson oder Jonathan Lethem (deutsch bei Klett-Cotta), in denen fast jedes Kapitel lesenswert ist. Von Stephen Kings wunderbare Bücher und Essays über das Schreiben und Genres ganz zu schweigen.

Immerhin: Eine angenehme Ausnahme zum sonstigen Ich-bin-ja-so-beeindruckt-Gestammel sind seine Betrachtungen zu Lou Reed, in denen Gaiman ansatzweise zu analysieren vermag, was und warum ihn an Reeds Musik fasziniert, obwohl es da auch von grauenhaften Plattitüden wimmelt: „Lou Reeds Songs enthalten mehr, als der Text verrät.“

Neil Gaimans Texte verraten gar nix über den Blödsinn auf dem Klappentext hinaus:

„Warum Lesen uns zu besseren Menschen macht – Ein Einblick in die Gedanken des Bestsellerautors …
Neil Gaiman gehört zu den großen Erzählern unserer Zeit. Seit seiner Kindheit sind Geschichten für ihn Zufluchtsorte und lebensnotwendig. In dieser Sammlung von Artikeln, Essays und Reden beschäftigt sich Gaiman mit Literatur, dem Schreiben, der Kunst und Fantasie. Er spricht über Autoren und Werke, die für ihn prägend waren und geblieben sind, über die Rolle des Lesens und wie es uns zur Empathie und Meinungsbildung befähigt.
Mal eindringlich und weise, mal spielerisch und humorvoll, erkundet Gaiman die Dinge, die ihn bewegen, und schenkt dem Leser einen Einblick in seine ganz persönlichen Gedanken.“

NEIL GAIMAN
BEOBACHTUNGEN AUS DER LETZTEN REIHE
ÜBER DIE KUNST, DAS ERZÄHLEN UND WIESO WIR GESCHICHTEN BRAUCHEN ÜBERSETZT VON RAINER SCHUMACHER, RUGGERO LEÒ.
EICHBORN HARDCOVER „KULTUR“, 573 SEITEN, 24,90 €.
ALTERSEMPFEHLUNG: AB 16 JAHREN. (ERNSTHAFT?)

Positiv lässt sich noch anmerken: Angesichts der gesamten deutschen Verlagsproduktion ist das Buch weder das schlechteste, noch das überflüssigste auf der bevorstehenden Buchmesse.

 



UNNÖTIGE SEKUNDÄRLITERATUR by Martin Compart
28. August 2017, 9:42 am
Filed under: Noir, Sekundärliteratur | Schlagwörter: , , ,

Forshaw tummelt sich seit Jahrzehnte in der britischen Crime-Szene, rezensiert für Zeitungen, schreibt Bücher oder gibt welche heraus. Als großer Analytiker ist er nie aufgefallen, er gehört eher zur Fraktion der Sammler und Faktenanhäufer. Damit hat er zweifellos Verdienste erworben.

Was diesen Guide angeht, kann man ihn lediglich als Frechheit bezeichnen. Willkürlich werden dort alphabetisch US-Krimiautoren aufgelistet, deren Behandlungsumfang wohl davon abhängig ist, wieviel Informationen Forshaw auf der Festplatte gespeichert hat oder welche Bedeutung er ihnen beimisst (was ja nichts verwerfliches für einen individuellen Guide ist). Albern wird es aber, wenn er recht ausführlich etwa Walter Mosley (zu dem es kritische Betrachtungen gibt, aus denen Forshaw schöpfen kann) über mehrere Seiten behandelt, andere Autoren aber kaum oder unzureichend vorstellt: Da gibt es reichlich Autoren und Autorinnen, von denen er dem Leser erzählt, das ein Buch für irgendeinen Preis (die Krimi-Preise sind inzwischen so inflationär, dass sie keinen Leser mehr ernsthaft interessieren) nominiert war, die Autorin in Entenhausen lebt und ansonsten am 2.Band ihrer beliebten Dame Martha klärt auf-Serie arbeitet, deren erster Band den Kritikern richtig gut gefallen hat.

Noch erbärmlicher geht es in der Abteilung Flm&TV zu. Hier werden einige wenige TV-Serien und ein paar mehr Filme rausgegriffen und als besonders wichtig deklariert, ohne die befriedigend zu begründen. Der Höhepunkt der Dämlichkeit ist dann Kapitel 6: The Five Best Contemporary US TV Crime Shows, das aus der Titelnennung von Breaking Bad, Boardwalk Empire, The Sopranos, True Detective und The Wire besteht.
Alles in allem 192 Seiten, die man sich sparen kann (denn US-Avantgarde wie Boston Teran oder Kent Harrington werden nicht mal erwähnt), da sie selbst als simpler Überblick nicht genügen.

Barry Forshaw: AMERICAN NOIR. The Pocket Essential Guide to US Crime Fiction, Film & TV. Pocket Essentials, 2017.



NEUES AUS DER BAKERSTREET by Martin Compart

Bücher über Sherlock Holmes füllen ganze Bibliotheken. Über keinen anderen fiktionalen Charakter (außer Hamlet) wurde mehr Sekundärliteratur produziert als über den koksenden Meisterdetektiv aus der Baker Street. Seine anhaltende Faszination hat mehrere Antriebe. Der ursächlich entscheidende für mich ist, das Conan Doyle mit ihr eine Synthese aus Aufklärung und Romantik geschaffen hat, die bis heute unser Lebensgefühl trifft und deshalb auch immer wieder sensibel und intelligent zu aktualisieren ist.

Kann da ein neues Buch noch irgendwas neues berichten? Mattias Boströms 600-Seiten-Schinken VON MR.HOLMES ZU SHERLOCK kann. Und das aus mehreren Gründen:

– bei der multimedialen Verwertung von Sherlock, die nun über 100 Jahre andauert, ist kein Ende in Sicht;

– der Autor trägt Fakten zusammen, die ansonsten nur in Publikationen zu Einzelaspekten zu finden sind.

Das Negative zuerst: Der Autor berücksichtigt kaum oder gar nicht die apokryphen Schriften des Holmes-Mythos der zahlreichen Autoren nach Conan Doyle Außerdem vermindert sich nach 1970 die vorher so großartige detailgenaue Darstellung (was um so ärgerlicher ist, da die 3. Sherlock-Renaissance in diesem Jahr eingeläutet wurde und bis heute trägt. Der Grund dafür ist wahrscheinlich der Umfang. Hätte Boström beide Aspekte ausführlich behandelt, wäre das Buch gut dreimal so umfangreich geworden.

Trotzdem gehört es zu den besten Büchern über das Phänomen, das ich kenne. Das liegt vor allem an dem sowohl akribischen- wie unterhaltsamen Stil des Autors, der ganz nahe an Protagonisten oder Situationen heran geht und diese lebendig macht wie ein guter Romancier. Ihm gelingt es, die mediale Verwurstung der Figur genauso spannend darzustellen wie eine Sherlock Holmes-Geschichte. Der 1971 geborene schwedische Autor ist Mitglied der Baker Street Irregulars, der ältesten und angesehensten Gesellschaft von Holmesianern. Sie wurde 1934 von Christopher Morley gegründet und zählte zu ihren Mitgliedern prominente Leute wie Isaac Asimov, Anthony Boucher, Neil Gaiman oder Rex Stout.

Für jeden, der einen ersten umfassenden Überblick über eines der größten und langlebigsten kulturellen Monstren aller Zeiten lesen möchte, ist dies das richtige Buch. Und auch ausgewiesene Kenner des Phänomens werden es beglückt lesen, da Boström oft vergessene Details ausgräbt und neu gewichtet oder klassische Momente, wie die Begegnung zwischen Conan Doyle, seinem künftigen US-Verleger und Oscar Wilde, vermittelt, als wäre man persönlich zugegen.