Martin Compart


zu JOHN MAIRS KLASSIKER „ES GIBT KEINE WIEDERKEHR“ by Martin Compart

Neu im BUCHMARKT https://buchmarkt.de/menschen/martin-compart-sg-noch-nicht-baerbeitet/
In CRIMEALLEY: https://crimealleyblog.wordpress.com/2021/08/01/totgesagte-leben-laenger/
In MORDLUST: https://www.mordlust.de/john-mair-es-gibt-keine-wiederkehr/
In TAGESANZEIGER und BERNER ZEITUNG: https://www.tagesanzeiger.ch/ein-thriller-der-george-orwell-begeisterte-771035667231; https://www.bernerzeitung.ch/ein-thriller-der-george-orwell-begeisterte-771035667231
In BONNER KRIMIARCHIV (Sekundärliteratur): https://www.bokas.de/krimitipsiebzig-eins.html#Lupe
In KULTURNEWS: https://kulturnews.de/john-mair-es-gibt-keine-wiederkehr/

John Mairs deutsche Erstveröffentlichung ES GIBT KEINE WIEDERKEHR entwickelt sich zu einem überraschenden Erfolg, mit dem weder der Verlag noch meine Wenigkeit so gerechnet haben.

Das große Interesse hat das vorgesehene Rezensionsexemplare-Kontingent schon so gut wie aufgebraucht. Es gab einige schöne und kritische Rezensionen (mit Ausnahme der erwartbaren unfreiwillig plumpen Dummschwätzerei meines bekannten Ex-Bastei-Büttels, der seine akademischen Plattitüden gerne wie eine Monstranz vor sich herträgt; oft so peinlich wie – um Orwell zu zitieren – „ein humoristischer Vortrag auf einem Kirchenabend“.). Unerwartet wurde der Roman von der Jury, gegen entsprechenden Widerstand, auch in die „Krimi-Bestenliste“ gewählt.

Mit dieser Resonanz hatten wir nicht gerechnet! Ein anspruchsvoller und verstörender Thriller findet also doch sein kleines oder mittleres Publikum in Zeiten, in denen sich Kriminalliteratur durch Gestalten wie Sebastian Fitzek auf der Bestsellerliste als literarische Lebensmittelvergiftung definiert.

Bei der zweiten Auflage, bzw. Nachdruck, wird es nur kleine Änderungen geben. Aber sicherlich darf nicht unerwähnt bleiben (was mir völlig entgangen war), worauf mich Eva König aufmerksam gemacht hat: Das Mairs Buch ein früher existentialistischer Roman ist. Mit dieser Erkenntnis im Hinterkopf, machen auch surrealistisch anmutende Szenen zusätzlich Sinn.

An dieser Stelle – mit Erlaubnis des Verlages – möchte ich zum fortschreitenden Interesse an John Mairs Roman zwei Kapitel aus meinem Nachwort zitieren:

Thriller

Als John Mairs Roman Never Come Back erschien, stand der britische Spionageroman schon in erster Blüte. Ausgehend von den Invasion-Romanen eines William Le Queux, Rudyard Kiplings «Great Game»-Roman Kim und Erskine Childers Riddle of the Sands entwickelte sich im und nach dem Ersten Weltkrieg ein Genre mit breitem Spektrum.

Den prägendsten Einfluss übte der Schotte John Buchan aus, der mit dem Klassiker The 39 Steps (seit 1915 in Britannien ununterbrochen lieferbar) eine Art Blaupause für viele Thriller lieferte (die auch in Never Come Back nachschwingt: Ein Zivilist wird in eine Verschwörung verwickelt, muss vor Sicherheitskräften und Konspirateuren fliehen und während dieser atemberaubenden Jagd die Konspiration aufklären und verhindern).

In den 1920er Jahren entstanden neben diesen politisch konservativen Thrillern auch faschistoide, wenn nicht faschistische Thriller. Zum Synonym für diese brutale Spielart des Politthrillers wurde «Sapper» mit seiner Bulldog Drummond-Serie, die vor Antisemitismus und Rassismus nur so strotzt. In diesen Spionagethrillern tobte die Paranoia des britischen Empires. Es fühlte sich von allen Seiten bedroht, von anderen Mächten und politischen Systemen. In Britannien verschärfte sich der Klassenkampf und in den Kolonien kam es zu Aufständen. Dahinter – so suggerierten nicht nur Sapper & Co. – standen Kommunisten, unterstützt von der Sowjetunion, Anarchisten, eifersüchtige Imperialmächte wie Frankreich oder die USA oder das Finanzjudentum.

Bulldog Drummond und Richard Hannay hatten alle Hände voll zu tun, feindliche Sabotage- und Spionageringe aufzuspüren und unschädlich zu machen. Die Populärkultur feierte nach wie vor Britanniens imperiale Allüren.

Beginnend mit Somerset Maughams Kurzgeschichtenzyklus Ashenden (1928) begann eine Tendenz zu bis dahin nicht gekanntem Realismus im britischen Spionageroman. Autoren wie Eric Ambler oder Graham Greene verfestigten diese literarische Strategie. Danach unterscheidet man zwei Schulen des Spy Thrillers: die romantische und die realistische (mit vielen Überschneidungen im Laufe der Jahrzehnte).

1939, in dem Jahr, als Mair seinen Roman angeblich begann, erschienen drei Meilensteine des Genres, die er wahrscheinlich gelesen hatte: The Mask of Dimitrios von Eric Ambler, The Confidential Agent von Graham Greene und Rogue Male von Geoffrey Household. Mit Eric Ambler verbindet Mair auch die linksliberale politische Orientierung.1

Aber vielleicht hatte Mair auch später Graham Greene beeinflusst: Man weiß nicht, ob Graham Greene Mairs Roman gelesen hat. Aber in Ministry of Fear (1943) weist einiges darauf hin, besonders die atmosphärischen Beschreibungen Englands während des Krieges (und Greene schrieb den Roman bekanntlich während seiner Zeit in Sierra Leone als Mitarbeiter des Geheimdienstes). In beiden Romanen finden die Aktionen in «Echtzeit» statt, genau in diesem Moment, nach dem sogenannten «Phoney War» oder «Sitzkrieg», in dem die Deutschen soeben die Kapitulation Frankreichs erzwungen und begonnen hatten, die Inseln zu bombardieren. Allerdings spürten die britischen Bürger die Auswirkungen des Konflikts noch nicht so intensiv wie ab September 1940 (The Blitz), als die deutsche Luftwaffe auch die Städte angriff. Man schien sich durch die Insellage noch sicher zu fühlen und war eher optimistisch. Was würde als Nächstes passieren? Niemand wusste es so recht und die meisten waren nicht allzu beunruhigt.

Mair kannte das Genre und hatte sich bewusst für die Form des Thrillers als Romandebüt entschieden. Julian Symons berichtet, dass Mair häufig Thriller rezensiert hatte, darunter eine Symons beeindruckende Besprechung von James Hadley Chases Roman No Orchids for Miss Blandish, der ebenfalls 1939 erschienen war. In dieser Rezension, die Symons in Bloody Murder zitiert, führte Mair akribisch alle Straftaten auf, die in Chases Roman begangen werden. 2

Ich vermute, dass auch G. K. Chestertons «philosophischer Thriller» The Man Who Was Thursday einen gewissen Einfluss auf Mairs Roman hatte: Das dort beschriebene Anarchisten-Zentralkomitee ist ebenso surreal wie Mairs Oppositions-Internationale.

Der Antiheld

Mit seinem Antihelden bricht der Roman durch eine literarische Straßensperre nach der anderen. Nie zuvor wurde mit den etablierten Klischees des Spionageromans konsequenter gebrochen. In Never Come Back gibt es weder einen Clubland-Hero noch eine patriotische Mission – und nicht mal eine «damsel in distress».

Symons stellt fest, dass Desmond Thane ganz bewusst als Gegenentwurf zu den angstfreien
Helden von John Buchan oder Sapper konzipiert worden war (und dass Mair einige Merkmale seiner eigenen egozentrischen Persönlichkeit hat einfließen lassen).

Der Protagonist Desmond Thane ist eine überraschend dreidimensionale Figur, wie es sie damals im Thriller kaum gab. Er gehört wahrlich nicht zu den «Clubland Heroes» à la Richard Hannay, Jonah Mansel oder Bulldog Drummond, die mit ihrem Patriotismus den britischen Spy Thriller dominierten. 3

Thane ist – wie Julian Symons bemerkt – der erste Antiheld des Genres.

Er ist ein pathologischer Lügner, beherrscht von eigenem Vorteilsstreben. Er ist eitel, sexbesessen, feige und egozentrisch. Nichts interessiert ihn weniger als kosmische Harmonie, denn er behauptet sich in der scheinbaren Sicherheit von Spekulationen.

Es zeigt John Mairs Fähigkeiten als Schriftsteller, dass er für ihn trotzdem Empathie beim Leser erzeugt. Denn Thane ist auch clever und schlagfertig wie ein amerikanischer Private Eye, der jedes Dilemma, in das er gerät, annimmt und sich herauszuwinden versteht. Ob wir wollen oder nicht: Seine derbe, überschäumende Vitalität und Cleverness nötigen uns Respekt ab.

In gewisser Hinsicht greift er mit seinem sexuellen Appetit auf spätere Thriller-Helden wie James Bond voraus. Mit Bond verbindet ihn auch seine Neigung zum Hedonismus. Dabei unterscheidet er sich aber doch sehr von Bond durch seinen Egoismus, dem patriotische Motive fremd sind. Als echter Antiheld interessiert ihn keinesfalls das Wohl des Vaterlandes. Ihm geht es nur um den eigenen Vorteil: Nachdem er herausgefunden hat, was seine Gegenspieler wollen, denkt er daran, es ihnen teuer zu verkaufen und mit dem Erlös ein Leben in Wohlstand zu führen. Dafür allein hätte Bond ihn erschossen.

Und seine physischen Fähigkeiten scheuen ebenfalls jeden Vergleich mit 007.

Anders als die Amateure in den frühen Ambler-Romanen, die zufällig in eine Konspiration geraten, treibt Thane sich selbst durch sein sexuelles Verlangen in die düstere Welt von Anna Raven. Für ihn sind Verbrechen nicht Ursachen für, sondern Konsequenzen von Entwicklungen.

Thane sieht sich als erfolgreicher Frauenheld, beladen mit einem antiquierten Frauenbild. Das wird ihm zum Verhängnis, als er Raven trifft und Besitzansprüche stellt.

Sie aber ist eine selbstbewusste moderne Frau, ebenfalls ziemlich ungewöhnlich für die Thriller der damaligen Zeit. Sie bestimmt über ihre Sexualität – sehr zu Thanes Missfallen.
Verärgert muss er feststellen, dass sie ihn dominiert und so behandelt, wie Männer Frauen «gewöhnlich» behandeln. Für sie ist der Sex mit ihm ein rein episodisches Vergnügen ohne emotionale Einlassung. Sie unterwirft sich nicht seiner göttlichen Männlichkeit. Thane kann damit nicht umgehen, wird immer verunsicherter (eine Situation, die auch heute noch bei Männern zu Komplikationen oder Gewaltausbrüchen führt).

Ungewöhnlich für das Genre sind auch Thanes Neigungen zum Philosophieren:

«Selig der Mensch, so dachte er, ohne geistige oder körperliche Leidenschaften, der mit gleichem Abscheu an Buchhandlungen, Bordellen und Reise­büros vorbeizugehen vermochte. Eigentlich schade, dass man sich heutzutage nicht mehr dem Teufel verschreiben konnte; der allgemeine Niedergang des Glaubens hatte diesen Markt ruiniert und den Verderbten lediglich die Rolle des verachteten Proletariats zugewiesen; zu verkaufen blieb denen nichts als ihre
ohnehin verlorenen Seelen. Faust hatte Juristerei, Medizin, Logik und Philosophie immerhin noch gegen vierundzwanzig Jahre voller Macht und Herrlichkeit eingetauscht; inzwischen steckten alle Hauptstädte randvoll mit Gelehrten, die diese vier Disziplinen und allerlei weiteres Wissen liebend gern für ein paar Schillinge und gelegentliche Vortragsreisen hingegeben hätten. Laster unterlagen einer Überproduktion, wie anderes auch.»

Mairs Prosa ist stets raffiniert. Und wann haben wir je von einem Bösewicht gelesen, der die Konsequenzen seiner Misse­taten im Lichte philosophischer Lehren analysiert?

Man muss Julian Symons wohl zustimmen, dass Mair in Thane auch ein Selbstporträt anlegte, eine Innenschau des damals achtundzwanzigjährigen Autors. Kein besonders schmeichelhaftes Selbstbild, aber vielleicht treffend angesichts der ihm nachgesagten Egozentrik. Jedenfalls ist Thane ein runder Charakter, wie er in der damaligen Thriller-Literatur selten oder eher gar nicht präsent war. Ein Typ, an dem Patricia Highsmith sicherlich Vergnügen gefunden hätte.

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1 In den sechs Romanen, die Eric Ambler vor dem Zweiten Weltkrieg geschrieben hatte, sympathisiert der Autor mit dem Kommunismus und auch der Sowjetunion.

2 Julian Symons: Bloody Murder. From the Detective Story to the Crime Novel: A History. London: Faber & Faber, 1972. Deutsche Auagaben: Am Anfang war der Mord. Eine Geschichte des Kriminalromans. München: Goldmann, 1982 (Nachdruck der Ausgabe München 1972).

3 Der Begriff «Clubland Heroes» wurde geprägt von Richard Usborne in seinem gleichnamigen Buch (London: Constable, 1953), in dem er die Charaktere in den Werken von Dornford Yates, John Buchan und Sapper untersucht. «I call this book Clubland Heroes because the heroes of the books I am examining were essentially West End clubmen, and their clubland status was a factor in their behaviour as individuals and groups … In Buchan, Sapper and Yates men of action were recruited from the leisured class.»




DAS STANDARDWERK ZU BUNDESREPUBLIKANISCHEN KRAWALL-KAPELLEN by Martin Compart

Hans-Jürgen Klitsch Shakin‘ All Over ist nicht nur eine soziokulturelle Geschichte der Sechzigerjahre, sondern auch das Familienalbum einer Generation außer Rand und Band.
Das Buch, das die Bundesrepublik Deutschland als Beatnation auf die internationale Landkarte gesetzt hat!


Shakin‘ All Over – Die Beatmusik in der Bundesrepublik Deutschland 1963-1967
von Hans-Jürgen Klitsch

FANPRO, 2020
Gebundene Ausgabe; 488 Seiten
ISBN-10 ‏ : ‎ 3946502113
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3946502111
Abmessungen ‏ : ‎ 21.7 x 4.8 x 30.2 cm
€ 49,90

Lange Zeit vergriffen und antiquarisch zu Horrorpreisen angeboten, ist das Standardwerk zur Beatkultur in der BRD nun in der 3. bearbeiteten, Auflage endlich wieder erhältlich.

Schon bei der Erstveröffentlichung war so manchem Experten das klapprige Gebiss rausgefallen angesichts der unglaublichen Materialfülle, die der Archäologe Klitsch gesammelt und ausgegraben hatte. Daran hat sich nichts geändert, und man liest sich staunend durch das verdammt gut geschriebene Buch.

Aber man liest nicht nur: Dank des Großformats und guten Drucks kann man sich ebenso an dem imposanten Bildmaterial berauschen. Kaum eine Seite, die nicht bebildert ist. Das bundesdeutsche Beat-Museum zwischen zwei Buchdeckeln.

Mein persönliches Highlight ist der zweite Teil, in dem Klitsch die einzelnen Regionen (und natürlich ihre Bands, Auftrittsorte, Rituale usw.) durchstreift und unter die Lupe nimmt. Er ordnet das immer auch in einen zeitgeschichtlichen Zusammenhang ein, analytisch und witzig:

Die größten im Pott waren THE GERMAN BLUE FLAMES, ohne Zweifel, auch wenn sie sich schon mal zum Narren machten und in Badehose gekleidet im Schwimmbad zum „Beat Swim“ aufspielten. Immerhin diente das ganze ja einem guten Zweck, denn unter den anwesenden Damen wurde ein Oben-Ohne-Badeanzug verlost – Anprobe bei Preisübergabe inbegriffen. Leider war das gute Stück bei Beginn der Verlosung auf geheimnisvolle Weise verschwunden.
Ähnlich ging´s den Arbeitsplätzen.

Dem Autor gelingen spannende Synthesen aus Sozial- und Mediengeschichte und individuellen Schicksalen.
Man kann das Buch irgendwo aufschlagen und sich festfressen.

Wie gesagt: Klitsch ist ein intelligenter und witziger Autor, der diese Epoche im Hirn wieder zum Leben erweckt. Das bedeutet u.a. als Nostalgiker für mich und meine Generation, dass er aufzeigt, was wir alles verloren haben – nicht nur musikalisch. Wie bunt diese Zeit war, kann man anhand alter spießiger Schwarz-weiß-TV-Dokus nur erahnen. In dem Buch werden die Schwarz-weiß-Abbildungen dank der Texte zum Farbfilm.



FOLTERKRIEG IN VIETNAM by Martin Compart

„Der Vietnamkrieg war der Krieg meiner Generation. Irgendwie war man dabei, mental mittendrin. Als er ausbrach, waren wir acht, zehn oder zwölf Jahre alt. Als er zu Ende ging, waren wir längst aus der Schule.

Er prägte unser Leben wie die Musik, beeinflusste das Bewusstsein. Als Kinder sahen wir täglich in der TAGESSCHAU Hubschrauber, die schwer bewaffnete GIs ins Reisfeld absetzen. Da war es noch ein sauberer Abenteuerfilm mit unseren amerikanischen Helden oder ein Buck Danny-Comic.
Mit zunehmender Denkfähigkeit dank Schundliteratur und schlechter Musik, den zunehmenden Protesten erfuhr man mehr.

Es war kein Abenteuer-Comic. Kinder wurden von Napalm verbrannt, die bewunderten kaugummi-kauenden Marines folterten alte Männer und Frauen. Sie taten dasselbe wie heute im Irak oder in Afghanistan… Feige Schreibtischtäter wie Henry Kissinger, dessen gefährlichstes Unternehmen die tägliche Rasur seines böse-giftigen Reptiliengesichts war, ließen harmlose Bauern bombardieren, kübelten über Vietnam mehr Bomben ab als im gesamten 2.Weltkrieg.“

(aus Martin Compart: 2000 LIGHTYEARS FROM HOME, Zerberus Verlag, 2020).

Nach all den Büchern und Dokumentationen der letzten Jahrzehnte glaubt der Interessierte, fast alles über den Vietnamkrieg zu wissen.

Zumindest das Wichtigste.

Aber ein Aspekt wurde von Rambos Mythographen bisher fast völlig negiert: Der Umgang mit „Kriegsgefangenen“, die von den Amerikanern und ihren Verbündeten meist willkürlich dem Vietcong zugeordnet wurden.
Stattdessen entwickelte man eine ebenso jammernde wie verlogene Klitterung über US-Kriegsgefangene, die noch lange nach Kriegsende unter katastrophalen Bedingungen in nordvietnamesischen Lagern schmachteten. Eine Verlogenheit, die den Nachkrieg so intensiv durchzogen hat, wie den Krieg heroisch im Reisfeld landende Helikopter.

In gewisser Hinsicht verständlich.
Denn die unmenschliche Behandlung, die das gezielte Töten von Zivilisten aus Quotengründen miteinschloss, zeigte einmal mehr das ethische Desaster amerikanischer Kriegsführung. Was damals noch vertuscht werden sollte, ist dank der Bush jr.-Administration unter Rumsfeld und Cheney inzwischen stolzer Bestandteil des „Kriegs gegen den Terror“.

Der Schweizer Historiker Marcel Berni hat sich dieses ebenso schrecklichen wie faszinierenden Themas angenommen und eine Unmenge von Quellen ausgewertet. Dafür wurde dieses Buch mit dem Corvisier-Preis ausgezeichnet.
Der André-Corvisier-Preis für die weltweit beste militärhistorische Dissertation wird jährlich von der internationalen Kommission für Militärgeschichte, einem Gremium der UNESCO, vergeben. Die Kommission schrieb in ihrer Würdigung, dass „Bernis Werk nicht nur zu einem kritischen Kommentar der aktuellen amerikanischen Politik wird, sondern auch die Frage aufwirft, ob es einen kulturell verwurzelten, spezifisch amerikanischen Umgang mit Gefangenen in asymmetrischen Konflikten gibt.“

In der Einleitung benennt Berni an Hand des „Duffy-Lansa-Vorfalls“, wie der Gefangenenmord an dem Zivilisten Do Vo Man von der US-Armee euphemistisch genannt wurde, die vielen „Facetten, die für den Umgang amerikanischer und südvietnamesischer Einheiten mit Gefangenen im Vietnamkrieg typisch sind: Willkürliche Gefangennahmen, Empathieverweigerung, überschießende Hass- und Rachegelüste, Selbstermächtigung sowie mangelnde militär- und kriegsrechtliche Konsequenzen“.

Das erbärmliche Image, dass die US-Streitkräfte seit Vietnam ihr eigen nennen, erklärt der Historiker Georg Kassimeris damit, „dass nichts die moralische Legitimation für den amerikanischen Krieg in Vietnam so stark zerstört hat wie die Komplizenschaft amerikanischer Streitkräfte bei der Folter“.

Berni zeigt mit exzessiver Nutzung empirischen Materials, dass die Amerikaner mit dem Guerilla-Krieg des Vietcong nicht umgehen konnten: Nur ein Prozent der zwei Millionen Bodenoperationen der amerikanischen Truppen hatten in den beiden letzten Jahren (1967-69) zu Kontakten mit dem Gegner geführt.“

Der Guerilla-Krieg (den die Amerikaner u.a. schon gegen die Japaner in Birma erprobten) hatte in Kuba und Indochina längst die „Kultur des symmetrischen Krieges“ überholt und obsolet erscheinen lassen.
Als Reaktion darauf hatten die Franzosen in ihren Kolonien den Folterkrieg (Algerien) etabliert (den auch die Briten – etwa beim Mau-Mau-Aufstand in Kenia – anwandten). Keiner dieser Folter-Kriege hatte je zum Erfolg geführt – und wird es auch nicht, wie Afghanistan, Irak oder der „Krieg gegen den Terror“ belegen.

In der Begründung der Jury heißt es weiter: „Die exzellente wissenschaftliche Arbeit ermöglicht ein vertieftes Verständnis des Umgangs mit Gefangenen in irregulären Konfliktkonstellationen. Die Schrift zeigt auf, wie militärstrategische Entscheide, operative Kriegsführung und das Verhalten von Miliztruppen gegenüber gegnerischen Gefangenen miteinander interagieren. Bei der Rekonstruktion dieser Praxis werden die Grenzen des Völker- und Militärrechts deutlich. Diese Erkenntnisse sensibilisieren das Bewusstsein, dass es in asymmetrischen Kriegssituationen zu toleriertem Machtmissbrauch kommen kann.“

Und Professor Bernd Greiner: „Auch wenn die Wissenschaft von der Geschichte kein letztes Wort kennt, so hat Marcel Berni zu seinem Thema doch eine Art Schlussplädoyer verfasst, das so lange Gültigkeit haben wird, bis eine neue Generation neue Fragen stellt und womöglich auch neue Antworten anzubieten hat.“

Das Buch ist das Musterbeispiel einer Dissertation, die beeindruckend alle wissenschaftlichen Kriterien erfüllt und daneben so spannend geschrieben ist wie ein Page-Turner, den man nur widerwillig aus der Hand legt.

Zur Lektüre sollte man aber eine Flasche Whisky und ein paar Beruhigungstabletten bereitlegen.

Marcel Berni
Außer Gefecht
Leben, Leiden und Sterben »kommunistischer« Gefangener in Vietnams amerikanischem Krieg
440 Seiten, gebunden, 36 Abb., 5 Karten
ISBN 978-3-86854-348-3
Erschienen im September 2020
28,00 €
E-Book 21,99 €

https://www.hamburger-edition.de/

P.S.: Die HAMBURGER EDITION, der Verlag des „Hamburger Instituts für Sozialforschung“ zeichnet sich seit bald 30 Jahren durch inhaltlich und herstellerisch qualitativ hochwertige Bücher aus, die den Diskurs zu diversen Themen spiegeln und mitbestimmen.

Besonders die zahlreichen Studien zur Gewaltgeschichte eröffnen den Interessierten verdeckte, vergessene und neue Aspekte.

Auffällig ist, wie gut und spannend die vertretenen Wissenschaftsautoren ihr Material aufbereiten, so dass sie über das akademische Klientel hinaus Leser ansprechen können. Sie sind Teil einer neuen Generation von Humanwissenschaftlern, die über ihre fachlichen Codes hinaus anregend schreiben und interessierte Laien ansprechen. Manchmal scheint nur der wissenschaftliche Apparat darauf hinzuweisen, dass es sich um eine akademische Dissertation handelt und nicht um ein aufregendes Sachbuch. Es sind Höhepunkte aufklärerischer Kenntnisvermittlung (wie sie heute, im Zeitalter von Fake News, generell sein sollte).

https://martincompart.wordpress.com/2015/05/15/washingtons-soldner/

Roman-Tipp zum Thema:

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DAS GROSSE SPIEL by Martin Compart

Als „das große Spiel“ bezeichnet man den Konflikt zwischen Russland und Großbritannien um die Vormachtstellung in Zentralasien. Als Urheber des Begriffs, der zu einem allgemein gebräuchlichen Terminus werden sollte, gilt der „politische Offizier“ (damals ein Euphemismus für Geheimagent) Captain Arthur Conolly (1807-42), der ihn erstmals 1840 verwendete.

Conolly sollte selbst eines der vielen Opfer im „großen Spiel“ werden: Zusammen mit Colonel Charles Stoddard wurde er nach monatelanger Haft im Juni 1842 in Buchara auf Befehl des Emirs geköpft. Die East India Company hatte Stoddard nach Buchara geschickt, um den Emir zu einer Allianz gegen die Russen zu bewegen. Aber er landete in einem ungastlichen Kerker.
Als sein Freund Conolly ihm nachreiste, um Stoddards Freilassung zu erreichen, erging es ihm ebenso. Die Khanate von Buchara, Kiva oder Samarkand waren für ihre Reichtümer, Grausamkeiten und Sklavenmärkte ebenso berühmt wie gefürchtet. Die kirgisischen Stämme rückten bis auf russisches Gebiet vor um Sklaven für diese Märkte zu erjagen. Im „großen Spiel“ wurden die Khanate von beiden Seiten umworben oder angegriffen.

Es begann 1813 nach dem Rückzug Napoleons aus Russland und dem weiteren Expansionsdrang des Zarenreichs und endete 1947 mit dem Abzug der Briten aus Indien. Die Russen versuchten über Turkestan zum indischen Ozean vorzudringen, um einen eisfreien Hafen zu etablieren, das britische Empire empfand das als Bedrohung Indiens.

Ende der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts sorgten angebliche russische Pläne zur Eroberung Indiens in London für eine politische Hysterie. „Dieses Projektˮ, berichtete der russische Botschafter in London, Carlo Andrea Pozzo di Borgo, ein gebürtiger Korse, im September 1838 an sein Außenministerium, „hat sich in allen Köpfen festgesetzt, ungeachtet dessen, dass es offenkundig unwahrscheinlich und falsch ist.ˮ

Dass die Briten die Russen als Rivalen in Asien wahrnahmen, war die Folge zweier siegreicher russischer Feldzüge in Vorderasien und auf dem Balkan. Im Russisch-Persischen Krieg 1826 bis 1828 hatte das Zarenreich die heutige armenische Hauptstadt Eriwan erobert und die im Süden des heutigen Aserbaidschan gelegene Provinz Nachitschewan.
Russland war damit zur beherrschenden Macht im Südkaukasus geworden. Die Landbrücke Europas nach Asien ermöglichte ihm die Seeherrschaft im Kaspischen Meer und über dessen östliche Küste den Zugang nach Zentralasien.
Das schwächte den britischen Einfluss auf Persien. Kaum weniger dramatisch war der Ausgang des Russisch-Osmanischen Kriegs 1828 bis 1829. Die Russen erhielten danach das Donaudelta und die freie Schifffahrt auf dem Schwarzen Meer und durch die Dardanellen ins Mittelmeer.

Die Paranoia zweier expandierender Imperialmächte nahm zu: Die Russen fühlten sich von den Briten in Indien bedroht (die Agenten wie Alexander Burnes nach Norden schickten), und die Briten sahen entsetzt, dass sich das Russische Reich in Richtung Süden schob. Dies führte dann auch zum ersten anglo-afghanischen Krieg 1839 bis 1842; die Briten sahen Afghanistan als failed state an, den es zu besetzen galt bevor es die Russen tun konnten, um dann direkt Indien, das Juwel in der Krone, zu bedrohen.

Afghanistan hatte (stärker noch als Tibet) eine Schlüsselposition inne.

Intrigen, Pakte, Geheimmissionen durch Agenten und bewaffnete regionale Konflikte bestimmten das „große Spiel“. Am aggressivsten geführt zwischen dem russischen Zarenreich und dem britischen Empire bis zum 1.Weltkrieg. Ausgeführt wurden die lebensgefährlichen Aktionen auf beiden Seiten von Gestalten, wie sich nur die originellsten Autoren von Abenteuer- und Spionageromanen hätten ausdenken können.

Diese atemberaubenden Aktionen, getragen von manchmal irrwitzigen Ideen, fanden auch Eingang in die Literatur. Zum Beispiel in Rudyard Kiplings KIM oder John Buchans THE HALF-HEARTED. Wobei die Fiktion mit der Realität kaum mithalten konnte.

Nach der Revolution von 1917 machte sich bei den Bolschewisten schnell Enttäuschung breit, da weder westeuropäische- noch amerikanische Arbeiter erfolgreich die verkündete Weltrevolution durchsetzten. Die Marxsche These, dass die Revolution zuerst in den entwickelten Industrienationen erfolgreich sein würde, wurde verworfen.

Deshalb orientierten sich in der bald gegründeten Kommunistischen Internationale (Komintern) die wesentlichen Kräfte gen Osten. Der Zusammenbruch der russischen- und chinesischen Kaiserreiche hinterließ viele Stämme und Völker (Mongolen, Buryaten, Kalmyken usw.) Zentralasiens in ungekannter Unabhängigkeit. Auch in den Kolonien der Europäer regte sich unter den Armen der Widerstand. Es schien naheliegend, in und durch das zentralasiatische Vakuum das „große Spiel“ gegen England wieder aufzunehmen.

Peter Hopkirk (1930-2014) war einer der besten westlichen Kenner des „großen Spiels“ und Zentralasiens. Der ehemalige TIMES-Journalist schrieb einige der besten Bücher zu diesem Komplex. In THE GREAT GAME. THE STRUGGLE FOR EMPIRE IN CENTRAL ASIA, 1990, beschrieb er minutiös die verdeckten (und manchmal nicht so verdeckten) Aktionen der Briten.

Dabei schreckte er auch nicht vor den abstrusesten oder gruseligsten Informationen zurück. Etwa das große Vergnügen eines Khans von Khiva an neuen Folter- oder Hinrichtungsmethoden (seine liebste war das Pfählen). Nachdem dieser Alkohol und Tabak aufgegeben hatte, verbot er auch seinen Untertanen das Rauchen und trinken. Wer dabei erwischt wurde, bekam die Mundwinkel bis zu den Ohren aufgeschlitzt, damit sein permanentes Grinsen als makabre Warnung für Andere diente.

Der Bürgerkrieg von 1918-22, in dem sich die Sowjetunion hauptsächlich gegen die Europa zugewandten reaktionären Kräfte und europäischen Mächte (und Japan) behaupten musste, diskreditierte vorherrschende europäische Traditionen.

Clevere Bolschewiki begannen über Strategien nachzudenken, wie man in Zentralasien den Sozialismus russischer Prägung und Dominanz durchsetzen könne. Um die dortigen Völker, die noch im vorkapitalistischen Wirtschaften verhaftet waren (ein deutlicher Widerspruch zur Marxschen Doktrin über die Revolutionsvoraussetzungen), zu erreichen, begann man die eschatologischen Momente des Bolschewismus mit denen des tibetanischen Buddhismus im Shambala-Mythos zu vermengen.
Denn da gab es leicht vermittelbare Schnittmengen, die man ungebildeten Hirtenvölkern darstellen konnte.

Ideologen wie Sergei Oldenburg verordneten bereits im August 1919 eine große Ausstellung buddhistischer Kunst, die die Nähe zwischen Sowjetunion und Buddhismus illustrieren sollten. Sie verknüpften die marxistischen Ideale der Völkerfreundschaft mit denen von Buddha gepredigten.

Zum Teil mit großem Erfolg, wie sich in der Mongolei zeigte (nachdem man den wahnsinnigen Baron Ungern-Sternberg geschlagen hatte). Die Okkultistin und Tibet-Reisende Alexandra David-Neel notierte überrascht, dass viele Lamas das „Rote Russland“ mit dem Reich von Shambala gleichsetzten.
Der erste und größte Sieg der Komintern war die Revolution in der Mongolei. A
us der erfolgreichen Strategie leitete man die Formel ab, die in den anderen asiatischen Ländern versucht wurde: Suche ein nationales Befreiungsmotiv, interpretiere alte Weisheiten als Bezug zu den Sowjets, bilde revolutionäre Zellen und schüre den bewaffneten Aufstand gegen die Besatzer.

Während sich Peter Hopkirk in SETTING THE EAST ABLAZE, 1985, auf die geheimdienstlichen und militärischen Aktionen (darunter widmet er dem „Bloody Baron“ Ungern-Sternberg eine längere und brillante Analyse) zwischen den Weltkriegen konzentrieret, stellte Andrei Znamenski in RED SAHAMBHALA: MAGIC, PROPHECY AND GEOPOLITICS IN THE HEART OF ASIA, 2011, die okkulten Aspekte in den Vordergrund.

Er beschreibt eindrucksvoll (unter der Nutzung wenig bekannter russischer Quellen), wie bolschewistische Agenten und Agitatoren versuchten, tibetanische Glaubensvorstellungen, insbesondere den Endkampf zwischen Gut und Böse des Shambala-Mythos, für geostrategische Ziele zu nutzen.

Mit der Übertragung des Kalachakra-Tantra wurden auch prophetische Texte übertragen, deren Inhalt kriegerische Auseinandersetzungen darstellen. Demnach sollen Armeen, die der spirituellen Praxis feindlich gesinnt sind, zur Zeit des 25. Königs von Shambala über die zivilisierte Welt herfallen, um jede Möglichkeit für geistige Entwicklung zu zerstören. Nach den Kalachakra-Texten wird die zivilisierte Welt aus dem Reich Shambala Beistand erhalten, und die Angreifer werden zurückgeschlagen. Daraufhin soll ein neues Goldenes Zeitalter beginnen, das für die geistige Entwicklung besonders günstige Umstände bringt.“.(https://anthrowiki.at/Kalachakra-Tantra).

Die Sowjets verknüpften diese „Prophezeiungen“ mit ihrer Eroberungspolitik in Zentralasien. Aber auch Nationalisten (wie der Mongole Dja Lama) oder japanische Imperialisten und Weißrussen (Ungern-Sternberg) instrumentalisierten den Shambala-Mythos.

Das bemerkenswerte Bildmaterial rundet die Studie des Russen ab. Znamenski unterrichtete als Historiker an den Universitäten von Hokkaido, Alabama und Memphis. Seine besonderen Forschungsgebiete sind Schamanismus, Religionsgeschichte und westliche Esoterik. Großen Raum in seinem Buch nehmen auch die merkwürdigen Aktivitäten von Nicholas Roerich und dessen Familie ein.

Erst mit Stalins „großem Terror“ wurden die esoterisch-geopolitischen Experimente eingestellt und die Shambala-Warrior als Konterrevolutionäre vernichtet. Nachdem 1938 die letzten buddhistischen Klöster in Sibirien geschlossen wurden, interpretierte die Sowjetpropaganda den Shambala-Mythos als Werkzeug der Japaner, die seit 1931 in der Mandschurei an der Grenze des mongolischen Satellitenstaates lauerten

Das „große Spiel“ endete erst 1947 nach dem Abzug der Briten aus Indien. Aber inzwischen gibt es eine Art „Neuauflage“, bei der sich Russland den USA gegenüber sieht. Spätestens seit der Einkreisungspolitik Russlands durch die USA mit der NATO auf dem Kaukasus und der (einmal mehr) gescheiterten Besatzung Afghanistans konzentrieren sich die Interessen der beiden Staaten wieder verstärkt auf die neue Seidenstraße und Zentralasien. Mit der neuen Weltmacht China ist ein dritter Spieler hinzugekommen.

ROMANE zum GROSSEN SPIEL:

The Lotus and the Wind von John Masters, 1953.

The Far Pavilions von M.M. Kaye, 1978.

Flashman von George MacDonald Fraser, 1969.

Flashman at the Charge von George MacDonald Fraser, 1973.

Flashman in the Great Game von George MacDonald Fraser, 1975.

Kim von Rudyard Kipling, 1901.

The Imperial Agent von T.N.Murai, 1987 (eine Fortsetzung zu Kim).

Drums Along the Khyber von Duncan MacNeil (d.i.Philip McCutchan), 1969 (erster Band der James Ogilvie-Serie).

The Mulberry Empire von Philip Hensher, 2002.

The Devil’s Cocktail. Alexander Wilson’s second Secret Service novel 1928.

The Half-Hearted von John Buchan, 1900

The Diplomatic Agent von Yulian Semyonov, 1959.



STONES! by Martin Compart
23. Mai 2020, 7:27 pm
Filed under: ACHIM REICHEL, JÖRG FAUSER, MUSIK, Rolling Stones, Sekundärliteratur | Schlagwörter: ,

Näheres bei Zerberus.

Mit Erinnerungen an Jörg Fauser als Bonustrack.

 

 

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Keith Richards by Helmut Wenske, 2011.

 

https://www.amazon.de/s?k=martin+compart&i=stripbooks&__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&crid=3IOZ0Z0M06E0C&sprefix=martin+com%2Cstripbooks%2C219&ref=nb_sb_ss_i_1_10

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DAS GESPENST EINER WELT, DIE FREI SEIN KÖNNTE – Mark Fishers „K-PUNK“ by Martin Compart

Das Jahr ist noch jung – doch schon liefert die Edition Tiamat ein Buch, dass bereits jetzt zu den wichtigsten (deutschen) Erstausgaben des Jahres zu zählen ist: eine leicht gekürzte Ausgabe von Mark Fishers Blog-Beiträgen, die einmal mehr bestätigen: „Der beste kulturwissenschaftliche Autor seiner Generation“ (Los Angeles Review of Books).

Er nahm im Januar 2017 ds Recht auf seinen Freitod.
(https://martincompart.wordpress.com/2017/01/15/mark-fisher-ist-tot/)

Die Kernthese von Fishers Kulturkritik ist unsere Unfähigkeit eine Zukunft zu konzipieren, die radikal mit der Vergangenheit bricht (denn das weiß der Feudal-Kapitalismus zu verhindern).

Das vorliegende Buch ist eine Auswahl der Blog-Essays, die 2018 in England als K-PUNK. THE COLLECTED AND UNPUBLISHED WRITINGS OF MARK FISHER (2004-2016) erschienen sind. So etwas wie ein Nachlass, der die mitreißende Energie von Fishers Schreiben lebendig hält und süchtig machen kann. Das liest sich in der schwierigen Übersetzung ganz wunderbar.

Fisher, Mark
k-punk
Ausgewählte Schriften (2004-2016)
Edition Tiamat
Critica Diabolis 273
Aus dem Englischen von Robert Zwarg, mit einem Vorwort von Simon Reynolds
624 Seiten
32.- Euro
ISBN 978-3-89320-247-8
Erscheinungsdatum Februar 2020

Mit eurozentrischem Blick verdeutlicht Fisher in diesen Essays, dass der Klassenkampf längst einem Kulturkampf gewichen sei. Neben vielen Einflüssen demonstrieren besonders die frühen Blog-Beiträge den starken Eindruck des amerikanischen Neo-Marxisten Fredric Jameson und dessen „Theorie der Postmoderne“.

Da Fisher mit Institutionen gebrochen hatte und seine Veröffentlichungsmöglichkeiten gering waren, startete er 2003 seinen Blog K-PUNK (nach dem griechischen Wort kyber).

Wie könnte man einem Autor widerstehen, der Nenas 99 LUFTBALLONS als „apokalyptisches Karnevallied“ enttarnt?

Der Anschlag auf das World Trade Center war ein mutiger Versuch, Amerika vom 20.Jahrhundert zu befreien.“ (J.G. Ballard)

Mark Fisher ist der Alptraum akademischer Bluffer oder bluffender Akademiker: „So wie ich Theorie verstanden habe – nämlich vor allem vor dem Hintergrund der Popkultur – wurde sie in der Universität eigentlich verabscheut.

Sein – vom Punk inspiriertes – Ziel war es eine Art Pulp-Theorie zu schaffen, „die das Bedürfnis nach einer zentralisierten Kontrolle“ zerstört. Damit setzte Fischer mit den neuen Technologien fort, was die Situationisten mit ihren Methoden der Kommunikationsguerilla angestoßen hatten. Durch diese neuen Technologien waren deren Forderungen nach Abschaffung von Technokratie und Hierarchien in theoretischen Auseinandersetzungen weitgehend erfüllt.

Seine Methodik ist von Greil Marcus´ LIPSTICK TRACES bestimmt. Folgerichtig schreibt er darüber: „LIPSTICK TRACES war sich sicher, dass Pop nur dann Bedeutung haben kann, wenn er aufhört >nur< Musik zu sein, wenn Politik in ihm nachhallt, die nichts mit kapitalistischem Parlamentarismus zu tun hat und mit Philosophie jenseits der Universität.

Auch seine Texte zur Literatur sind sowohl erfrischend wie auch komisch erhellend: „Oder die Komik der Anfangsszenen in Kafkas DAS SCHLOSS, ein Roman, der weniger den Totalitarismus als die Wirklichkeit des Call Centers vorwegnimmt.“ So aktualisiert punk (oder Pulp Theorie) literarische Rezeption!

Auf geradezu wahnwitzige Weise analysiert er im Verbund Patricia Highsmith´ Mr.Ripley mit Glam-Rock – und überzeugt! Denn Tom Ripley ist als gesellschaftliches Nichts seine beste Fälschung gelungen:
Ein „Thomas Ripley, der unabhängig und reich ist… Ripleys Entwicklung gleicht auf unheimliche Weise der von Brian Ferry. ROXY MUSIC und FOR YOUR PLEASURE, diese Übungen im Er- und Verlernen von Akzenten und Umgangsformen sind die Pop-Äquivalente von DER TALENTIERTE MR. RIPLEY. Kleidung, Auftreten und Stimme sind vorgetäuscht… STRANDED und die darauffolgenden Alben sind hingegen das Pendant zu den späteren Romanen; hier ist der Erfolg bereits vorausgesetzt…

Einer seiner (und meiner) Lieblingsautoren ist J.G.Ballard.

An seinem Werk sieht er in den Veränderungen auch eine Bestätigung eigener theoretischer Positionen: „Die Umweltkatastrophen in Ballards frühen Romanen werden von den Figuren meist als Chancen begriffen, um sich der drögen Routinen und Protokolle der sesshaften Gesellschaft zu entledigen… Katastrophen sind nun (in späteren Romanen) die Katastrophen der Medienlandschaft – jener Raum, in dem sich die Menschen inzwischen primär aufhalten.

Über David Peaces neo-proletarische Romane schreibt er nach bestechender Beweisführung: „Peace schreibt eine geheimnisvolle Geschichte der Gegenwart, indem er die jüngste Vergangenheit simuliert.

Politisch einleuchtend erklärt er das Jahr der großen Bergarbeiterstreiks (bei denen auch MI5 auf Seiten der Reaktion mitmischte), 1985, als das „Jahr einer katastrophalen Niederlage, deren Ausmaße erst nach einem Jahrzehnt sichtbar wurden. (Vielleicht erst mit der Wahl von New Labour zementiert)“.

Dieses „schlechteste Jahr des Pop“ (der Text ist aus 2005) hat es ihm auch so angetan, weil es das Jahr von Live Aid war, dem „Beginn eines falschen Konsens´ , der kulturelle Ausdruck des globalen Kapitals. Wenn Live Aid ein Nicht-Ereignis ist, das stattgefunden hat, war der Bergarbeiterstreik ein Ereignis, das stattgefunden hat“.

Das Buch endet mit einer Art Manifest des ACID KOMMUNISMUS, in dem er als Beginn der bewussten Zerstörung bestehender oder sich entwickelnder Solidargemeinschaften (der Gespenster einer Welt, die frei sein könnte) den US-Putsch in Chile nennt:

In Chile wurde nicht nur eine neue Form des Sozialismus ausgelöscht, das Land wurde auch zum Labor, in dem die Maßnahmen (Deregulierung des Finanzsektors, die Öffnung der Wirtschaft für ausländisches Kapital, Privatisierungen) erprobt wurden, die später an anderen Zentren des Neoliberalismus vom Band gerollt wurden.

Und:

Die Überwindung des Kapitals muss auf der sehr einfachen Einsicht basieren, dass das Kapital eben nicht darauf angelegt ist `Wohlstand zu schaffen´, sondern die Produktion eines gemeinsamen Wohlstands blockiert.

Der Freitod des an Depressionen leidenden Antikapitalisten Fisher könnte symbolisch den Umwelt-Suizid der vom Kapital gesteuerten Menschheit antizipiert haben?
Über dem Buch liegt auch der widersprüchliche Schatten einer „unterhaltsamen Depression“, des „hoffnungsvoll dystopischen“. Das System hat uns umgebracht, nur gestorben sind wir nicht.

Diese Sammlung mit ihrem großen Themenspektrum beweist einmal mehr, dass es nichts Uninteressantes gibt, wenn man sich nur intensiv genug mit etwas beschäftigt.

P.S.: Was ich an dieser Edition vermisse, ist ein Register. Aber das hätte die ohnehin schon waghalsige Kalkulation wohl gesprengt.



40 JAHRE BITTERMANN by Martin Compart

Zur 40jährigen Verlagsgeschichte veröffentlicht der Verleger Texte über seine Autoren, die wichtig für den Verlag waren und sind und ihn mit geprägt haben, Texte über Wolfgang Pohrt und Eike Geisel, über Harry Rowohlt und über die verlorene Freundschaft mit Roger Willemsen, über Fanny Müller und Horst Tomayer, über Hunter S. Thompson und Guy Debord. Außerdem enthalten sind Elogen auf Bücher und Literatur von Lucia Berlin, Patrick Modiano, Mordechai Richler, J.D. Vance, Rita Navai, Didier Eribon und Benjamin von Stuckrad-Barre, die der Verleger selbst gerne verlegt hätte. Ein großer Essay über die verführerische Kraft der Zigarette, die zur Emanzipation der Frau mehr beigetragen hat als die Frauenbewegung, eine Verteidigung des »Kommenden Aufstands«, ein Vortrag über den Palästinakonflikt, einige Bemerkungen über den Kulturbetriebsintriganten Günter Grass und den verschrobenen Rechthaber Sarrazin. Dabei entsteht ein Bild mit vielen Facetten, die dem Verlag sein einigermaßen unverwechselbares Gesicht gegeben haben.

Critica Diabolis 269
Broschur
380 Seiten
20.- Euro
ISBN 978-3-89320-249-2

Das Spektrum der Texte ist viel größer als es ein kurzer Klappentext darstellen kann.

Nach der Lektüre des Buches möchte man spontan sagen: Welch ein Autor und Essayist ist uns verloren gegangen, um den großartigen Verleger Bittermann zu gewinnen. Aber das ist natürlich Quatsch. Die hier versammelten Portraits, Essays und Nachrufe hängen direkt mit dem Verlegerleben zusammen. Denn Bittermann gehört zu den Überzeugungstätern im Kulturbetrieb, die Literatur samt ihrer politischen Implikationen ernst nehmen und neue Horizonte eröffnen.
Der Mann kann einfach kein uninteressantes Buch verlegen. Und spätestens mit dieser Textsammlung zeigt er, dass er auch keinen uninteressanten Essay schreiben kann.

Die höchst unterschiedlichen Texte zeigen Bittermanns literarische und analytische Fähigkeiten in vielen Aspekten und erklären damit auch, warum seine EDITION TIAMAT zu einem der bedeutendsten deutschen Verlage geworden ist.
Die Portraits zeigen Bittermanns „Sympathie für die Abweichler, Melancholiker, Analytiker, Unruhestifter, Sonderlinge, Verweigerer, Irrlichter, Rabauken und Rebellen, die mit ihren Büchern ein Affront gegen den gesellschaftlichen Mainstream sind…“

Unter den Betrachteten befinden sich auch Autoren, die nicht in der Edition Tiamat veröffentlicht wurden. Darunter eine sehr schöne Erinnerung an Jörg Fauser, der zum ersten Mal ein Buch von Bittermann (aus dem Spanischen Bürgerkrieg – wie könnte es anders sein?) auf ein Magazin-Cover (TIP) brachte.

Das Inhaltsverzeichnis liest sich wie ein Who-Is-Who der Außenseiter-Literatur der letzten Jahrzehnte – eher mehr: denn auch Friedrich Engels oder Ben Hecht werden besprochen.

Bittermann ist nicht nur ein kluger Analytiker, er verfügt auch über eine beeindruckende Bildung. Ich bin beim Lesen auf eine ganze Reihe von Namen gestoßen, die mir zuvor unbekannt waren, die jetzt kennenzulernen mich Bittermanns Texte begierig stimmen.

Man kann diese Collection freudig hintereinander weg lesen. Genauso kann man sich immer wieder ein Stück herauspicken. Sicherlich eines dieser Bücher, die in zwei Jahren völlig zerlesen sind, da man immer wieder auf sie zugreift.

Mir bereiten die „Feind-Texte“ ein besonderes Vergnügen. Im Gegensatz zu Bittermanns „Freunden“, teile ich seine „Feinde“ alle. Und da findet man auch eleganteste Bosheiten:
„Bis auf wenige Ausnahmen glaubt das Feuilleton fest daran, Grass sei ein bedeutender Autor, und weil ihm der Literaturnobelpreis verliehen wurde, hält sich dieses Missverständnis hartnäckig.“

„Nur ich nahm Martin Walser vor diesen Anfeindungen in Schutz und behauptete, das einzige Problem Walsers sei, dass er nicht schreiben könne, dies aber ausführlich tue.“

Mehr qualitativen Gegenwert an bedruckten Papier kann man mit schnöden Mammon kaum erwerben.

Der Verleger mit Kinky Friedman.



DAN J.MARLOWE-BIO by Martin Compart
9. Oktober 2019, 9:01 am
Filed under: Noir, Sekundärliteratur | Schlagwörter: , , ,

Dan J. Marlowe gehört zu den unterschätzten Noir-Autoren, die besonders in den 1960ern Noir-Geschichte geschrieben haben (THE NAME OF THE GAME IS DEATH). Seit 2012 gibt es eine faszinierende Biographie, die Myron Bünnagel in seinem für Entdeckungen bekannten Blog MORDLUST unter die Lupe nimmt: https://www.mordlust.de/charles-kelly-gunshots-in-another-room-the-forgotten-life-of-dan-j-marlowe/



THE GOLDEN AGE OF MURDER von Martin Edwards by Martin Compart
26. Juli 2019, 6:51 am
Filed under: Golden Age, Sekundärliteratur | Schlagwörter: , ,

Als goldenes Zeitalter der Kriminalliteratur bezeichnet man die Zeit zwischen den Weltkriegen, in der der klassische britische Detektivroman seinen Höhepunkt hatte, und sich in den USA die hard-boiled-novel entwickelte. Der Formenreichtum des Genres wird häufig unterschätzt und zumeist wird es lediglich mit dem Rätselkrimi gleichgesetzt.

Martin Edwards ist nicht nur ein glänzender Autor von Kriminalromanen (die häufig Strukturen des klassischen Detektivromans mit der düsteren Weltsicht des Neo-Noirs verknüpfen), sondern auch ein wahrer Afficionado des Genres. Rezensionen, Betrachtungen zur Kriminalliteratur findet man auf seiner amüsanten und informativen Homepage (mit Blog):
http://www.martinedwardsbooks.com/

Er hat sich über die Jahrzehnte einen Namen als einer der führenden Spezialisten für das „Golden Age of Detection“ gemacht, also die Zeit zwischen den Weltkriegen, die man als Hochzeit des klassischen britischen Detektivroman bezeichnet. Als Autor von Fiction und Non-Fiction wurde er häufig ausgezeichnet (das hier besprochene Buch gewann den Edgar der MWA, den Agatha-Award und den Macavity Award). Als einziger Mensch war er sowohl Präsident des Detection Clubs und Chairman des britischen Kriminalschriftstellerverbandes CWA. Seit 2014 ist er Mitherausgeber der Crime Classics-Serie der British Library, die auch alten Hasen neue Blickwinkel auf das Golden Age ermöglicht.

Bei der Dominanz des klassischen Whodunit wird leicht vergessen, wie viele Innovationen in dieser Epoche passierten, wie stilistisch unterschiedlich ihre Autoren arbeiteten und wie originell diese waren.
An Hand des ersten sozialen Netzwerks der Kriminalliteraten, dem Detection Club, erzählt Edwards vieles bisher Unbekanntes über die Epoche und die sie prägenden Figuren. Unbekanntes gilt nicht nur für die Hintergründe wichtiger Werke, sondern auch für ihre Autoren.

Er hat aufwendig und bemerkenswert recherchiert und ist tief in das Privatleben seiner Protagonisten eingedrungen. Er schildert auch die jeweiligen sexuellen und ideologischen Präferenzen und deren Einfluss auf die verschiedenen Werke.

Besonders interessant sind dargestellte wahre Kriminalfälle und welche Geschichten sie inspirierten (Poe war somit der erste Autor, der versuchte, die Hintergründe eines wahren Kriminalfalles aufzuklären: THE MYSTERY OF MARIE ROGET).

Auch feine Beobachtungen zu Sport und Sozialstruktur finden sich in dem Buch. Etwa der Einfluss von Cricket auf die bestimmende Ideologie des „fair play“ mit dem Leser und das daraus resultierende Regelwerk für die Autoren von Detektivromanen (einer der schon früh Regeln aufstellte war A.A.Milne, der geistige Vater von Winnie-the-Pooh und Autor eines einzigen Detektivromans, THE RED HOUSE MYSTERY, 1922, der schon parodistische Elemente über das Genre enthielt).

Wenn heute Serienfiguren ein komplexes Dasein führen und Entwicklungen durchlaufen, ist das ebenfalls einer Innovation des Golden Age zu verdanken: Dorothy L. Sayers war die Erste, die ihren Helden aus der Umklammerung des reinen Funktionsträgers mit der Psychologie einer mathematischen Formel löste und verändernde Erfahrungen durchlaufen ließ.

Selbst die Grundlagen für den Psycho-Thriller wurden damals von Anthony Berkeley Cox (und Marie Bellowc Lowndess und C.S.Forester) gelegt. Ebenso die Perspektiverweiterung vom Ermittler auf den Täter.
Bereits mit seinem überkandidelten (und zu Fehlschlüssen neigenden) „Helden“ Roger Sheringham sabotierte Cox die vom „great Detective“ behauptete Deutungshoheit des Systemrepräsentanten, der sogar noch über den staatlichen Institutionen steht.

Edwards räumt auf mit dem lange Zeit vorherrschenden Urteil, dass die Autoren des Golden Age allesamt mehr oder weniger reaktionär waren. Die Ausführungen über linkes Bewusstsein bei G.K.Chesterton oder das gewerkschaftliche Engagement der Coles ermöglichen andere Perspektiven.

Edwards differenzierte Betrachtung des Golden Age ist eine willkommene Ergänzung zu den bisherigen höchst kritischen Analysen oder apodiktischen Verteidigungen, da sie eine Vielzahl von Aspekten einschließt, die nie gewürdigt wurden.
Leider findet mein zweitliebster Golden-Age-Autor, Philip MacDonald, nur am Rande Erwähnung, da er gebürtiger Amerikaner war.

Das Golden Age mit seiner spielerischen Intelligenz und selbstrefentiellen Formverliebtheit hat nie aufgehört zu existieren – nicht in den 1950ern, wie oft behauptet. Immer wieder bringt der Typus vereinzelte Meisterwerke hervor wie zum Beispiel DIE PYTHAGORAS MORDE, 2003, des argentinischen Mathematikers Guillermo Martinez.

Ein großer Verdienst des Buches ist die Lust, die es weckt, um wieder al zu dieser Lektüre zu greifen. Jahrzehnte habe ich so gut wie keinen Golden Age-Krimi mehr in die Hand genommen. Beim Lesen des Buches entstand nebenbei eine Short-List von Romanen, die ich umgehend wieder- oder erstmals zur Hand nehmen werde.

Zuvor hatte Edwards schon das Kompendium THE STORY OF CLASSIC CRIME IN 100 BOOKS vorgelegt, das mir weniger gefiel. Die Vorgabe von maximal zwei Druckseiten pro besprochenem Buch reduzierte die Analyse häufig ins beliebige. Trotzdem gibt es auch in diesem Buch einiges zu entdecken.

Und falls Ihr das Gegenteil oder die sublimierende Ergänzung zu/von kultivierter Intelligenz sucht, empfehle ich selbstverständlich:



HINTERWÄLDLER, KANNIBALEN UND MONSTER – zum BACKWOOD-GENRE, das Genre zur Umweltzerstörung by Martin Compart

„Der Gruselschauder ist masochistisch und letzten Endes weiblich, In ihm unterwirft sich die Phantasie einer überwältigenden Übermacht… Der Horrorfilm entfesselt die vom Christentum unterdrückten Mächte – das Böse und das Barbarische der Natur. Horrorfilme sind Rituale in einem heidnischen Gottesdienst.“

Camille Paglia: „Die Masken der Sexualität“
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„Im Horror kommt zur Sprache, was seit der Aufklärung und der Weimarer Klassik aus dem Kanon des guten Geschmacks ausgegrenzt wurde: die schockierende Abweichung vom Vernünftigen, Schönen und Guten. Legitimierungsbedürftig kann eine solche Untersuchung (des Genres) nur dem erscheinen, der die im 18.Jahrhundert ausgebildeten Geschmacksnormen unbefragt bis in die Gegenwart fortgeschrieben sehen möchte.“

Hans Richard Brittnacher: „Ästhetik des Horrors“



1. GENRE

Das Backwood-Genre ist kein ausschließliches Subgenre der Weird Fiction oder des Horrors. Horror dominiert dieses Genre, aber die Topoi des Backwood-Horrors lassen sich auch mit anderen verbinden (siehe auch „Wurzeln“). Es bedient sich vieler Genres, vom „Lost-Valley-Abenteuerroman“ bis zum „Country Noir“. Am intensivsten aber wohl mit dem Horror-Genre.

Das wohl herausragendste Werk, James Dickeys DELIVERANCE, ist schwerlich dem Horror-Genre zuzuordnen. Die Romane und Filme, in denen es um die Konfrontation zwischen städtischen Eindringlingen und Rednecks geht, sind eher dem Thriller zuzuordnen als dem Horror-Genre. Auf den ersten Blick geht es bei Backwood-Thrillern um die völlige Entfremdung des städtischen Individuums von der Natur. Aber es steckt doch etwas mehr dahinter. Nämlich eine Illustration zum anthropologischen Pessimismus und zeitnaher Ängste. Was die Anhänger der bildungsbürgerlichen Ästhetik als voraufklärerische Moral diskreditieren, erscheint im Subtext des Genres als Ausdruck kollektiver Furcht vor realen Auswüchsen des Feudal-Kapitalismus.

2. WURZELN

Das Backwood-Genre verdankt einiges dem „Lost Race“ oder „Lost Valley“-Motiv. Dieses wurde prominent bis in die 1950er Jahre vornehmlich von der Fantasy oder der Abenteuer-Literatur eingesetzt. Autoren, die es besonders häufig und effektiv nutzten waren Rider Haggard, Edgar Rice Burroughs und Abraham Merritt.
Burroughs verwendete das „Lost Race“-Motiv gerne und zahlreich in seinen Tarzan-Romanen. Immer wieder entdeckt der Herr des Dschungels bei seinen Streifzügen Lost Valleys, in denen bestimmte Kulturen isoliert von der Außenwelt existieren oder überlebt haben. Tarzan oder Rider Haggards Helden (Alan Quartermain) finden aber meist vergleichsweise Hochkulturen. Ob Mayas, Wikinger, Römer oder Kreuzritter, Burroughs lässt nichts aus.

Aber sie treffen verständlicher weise nie, wie in den Backwood-Thrillern, auf Redneck-Kannibalen.

Auch von den „Post-Doomsday“-Geschichten der Science Fiction übernimmt das Backwood-Genre etwas: nämlich das Konzept, dass keine bürgerlichen Normen mehr existieren oder durchgesetzt sind. Die „Post-Doomsday“-Stories beschreiben häufig eine Welt nach dem kulturellen Zusammenbruch, in der wir wieder in die Barbarei zurückfallen. Eine Barbarei, die noch über technologische Möglichkeiten der zerstörten Zivilisation verfügt (wie es etwa in den MAD MAX-Filmen gezeigt wird).

Im Backwood-Subgenre verbindet sich Weird-Fiction oder Horror mit dem Thriller zum Terror-Movie oder zur Terror-Novel.
Die Bedrohung muss dabei nicht übernatürlich sein, also nicht von Horror, SF- oder Fantasy-Elementen getragen.

In einigen der besten Backwood-Thrillern, wie DELIVERANCE von James Dickey, OPEN SEASON von David Osborn, einigen Ketchum-und Lansdale-Romanen. geht die Todesgefahr von degenerierten Mitmenschen aus, die dieselbe Mentalität wie Wirtschaftsbosse und Politiker teilen: Maßlose Gier nach Befriedigung ihrer perversen Bedürfnisse durch die Ausübung überlegener Gewalt.

Ein Aspekt der Faszination, die vom Terror-Genre ausgeht, ist das Aufzeigen der Brüchigkeit unserer Zivilisation und die Ohnmacht gegenüber brutaler Gewalt, sei sie physisch, psychisch, ökonomisch (Bentley Little) oder politisch. Es spiegelt unsere Realität wieder. Erleben wir doch gerade, wie unter dem Begriff „Globalisierung“ auf die gemeinste Weise die Gewalt privilegierter Cliquen gegenüber Menschen und Natur ausgeübt wird. Firmen wie Monsanto zeichnen sich durch unbeschwerte Genmanipulation aus, die „Patente “ für Nahrungsmittel besorgen. Eine Perversion an sich. Chemiefabriken flössen ihren Abfall in die Nahrungskette ein und zerstören wie Ölfirmen rücksichtslos die Lebensgrundlagen von Menschen, Tieren und Pflanzen. Atomverseuchte Abfälle werden skrupellos in Afrika oder den Weltmeeren entsorgt. Besinnungsloser Raubbau an der Umwelt und hemmungslose Akkumulation von Reichtum sind die Wertsetzungen des Kapitalismus, die Genre-Fiction gerne in Frage stellt.

Die vergiftete Natur wird gerne und plausibel als Erklärung für die Degeneriertheit der Hinterwäldler angeboten.

3. INSEL

Isolation in feindlicher Umgebung war und ist ein starkes Motiv der Fiktion.

Schutz- und hilflos in einer fremden Umgebung Kräften ausgeliefert zu sein, die man nicht kontrollieren kann, ist eine der stärksten Ängste, die man mobilisieren kann. In unserer urbanen Zivilisation werden diese Ängste besonders intensiv wahrgenommen, wenn unzivilisierte Regionen, deren Codes die Protagonisten nicht entziffern können, zum Schauplatz werden.

Dies gilt besonders für Kannibalen- und Backwood-Filme. Die als Genre definierten Kannibalen-Filme spielen an entlegenen Orten, in die Figuren bewusst anreisen und deren Gefahren im vornherein weitgehend bekannt sind (zu Kannibalen siehe auch: https://martincompart.wordpress.com/2014/10/30/wo-die-wilden-kerle-leben-kannibalismus-im-film/).

Dschungelregionen und ferne unbekannte Länder erscheinen wie unerforschte Inseln mitten in der „bekannten“ Welt.
Keine Überraschung, dass auch fiktive Inseln zum Kanon der Backwood-Thriller zählen.

Diese Spielart könnte als „Insel-Thriller“ bezeichnen; wieder eine Art Subgenre.

Es lässt sich vor allem auf zwei Klassiker zurück führen: Richard Connells Kurzgeschichte THE MOST DANGEROUS GAME (1924), deren erfolgreiche Verfilmung von 1932 stilbildend war. Hier geht es darum, dass Menschen auf einer isolierten Insel als Jagdwild herhalten müssen. Graf Zaroffs Menschenjagd auf seiner Insel ist zum populären Allgemeingut geworden und taucht immer wieder in allen möglichen Genres und Medien auf (sogar in dem Daily Comic Strip X9 SECRET AGENT CORRIGAN von Al Williamson und Archie Goodwin).
William Goldmans Roman LORD OF THE FLIES (1954) erzählt von gestrandeten Jugendlichen, die zwei sich bekämpfende Gruppen bilden. Goldings Subtext ist für das gesamte Genre bestimmend: Gewaltbereitschaft ist dem Menschen angeboren und ohne zivilisatorische Regeln herrscht das Gesetz des Stärkeren. Jüngere Beispiele sind Richard Laymons ISLAND (1991) oder Brian Keenes CASTAWAYS (2009).

4. ERFOLG

Der anhaltende Erfolg des modernen Backwood-Genres geht wohl auf zwei Filme zurück: John Boormans Adaption von Dickeys DELIVERANCE und Tobe Hoopers THE TEXAS CHAIN MASSACRE (1974). Dieses relative kostengünstig zu produzierende Filmgenre explodierte geradezu und wurde besonders von den 1970er Jahren bis heute als B-Pictures direct to Video/DVD genutzt. Eine eindrucksvolle Aufzählung von 188 Filmen findet sich unter: https://www.imdb.com/list/ls068573001/ .

Schriftsteller wie Jack Ketchum, Richard Laymon und Joe R.Lansdale popularisierten den Backwood-Thriller seit den 1980er Jahren als literarische Form, die bis heute bedient wird und sich beständiger Beliebtheit erfreut.
Vielleicht ist die These etwas gewagt, aber man könnte Robert Blochs Ed Gein-Interpretation PSYCHO ebenso als Backwood-Thriller, wie als Serienkiller-Roman auffassen.

Einige Theoretiker rechnen auch Algernon Blackwoods Natur-Horrorstories THE WILLOWS (1907) oder THE WENDIGO (1910) dem Genre zu.

5. STADT GEGEN LAND

Im Backwood-Genre kommen Gefahr und Horror für die Hauptpersonenunerwartet und nichts weist auf künftige Gefährdungen hin. Sie begeben sich im Hochgefühl zivilisatorischer Überlegenheit an diese Orte, deren Dynamik sie weder kennen noch einzuschätzen wissen. Die Backwoods liegen hinter unseren urban kultivierten Plätzen, nicht weit entfernt von der vertrauten Umgebung. Aber einmal falsch abgebogen und schon sieht man sich einem Terror ausgesetzt, dem man mit seinen zivilisatorischen Mitteln nicht begegnen kann.

Ein Topos ist der Städter, der sich dem Backwood-Terror ausgesetzt sieht und alle zivilisatorischen Hemmungen und Konditionierungen abwerfen muss, um zu überleben.

Die bekannten Verteidigungstechnologien, vom Auto bis zur Schusswaffe, werden in diesem Genre meistens außer Kraft gesetzt oder dienen als eine Art Gral, den die Protagonisten zu erreichen trachten und oft in letzter Sekunde zur finalen Lösung nutzen. Letztlich überwiegt aber das Misstrauen gegenüber technischen Lösungen (ist es nicht oft der technologische Fortschritt, der durch Umweltvergiftung aus debilen Hillbillys völlig durchgeknallte Kannibalen macht? – wie etwa in WRONG TURN 2.

Erst wenn der Städter alle zivilisatorischen Schichten abgeschält hat und zur bösartigen Kreatur wird, hat er eine Chance im ruralen Inferno zu bestehen.

„Und er konnte es tun – er konnte es wirklich tun. In dieser Nacht hatte er bereits drei oder vier dieser Leute getötet. Warum nicht zwei mehr?… Er hatte Angst. Angst vor dem Vergewaltiger und Mörder, der in seiner Haut lauerte.“ (aus Laymon: IN DEN FINSTEREN WÄLDERN, Festa 2011.)

Je mehr Industrialisierung und Umweltzerstörung fortschreiten, umso intensiver wird auch eine Urbanisierung (die Zuwanderung in die Großstädte der 3.Welt, was zu unfassbaren Slums führt), deren zivilisatorischer Anspruch längst umgekippt ist.
Für den Städter ist der Landbewohner inzwischen mental einer fremden Kultur zugehörig, sein Wertesystem kaum nachvollziehbar. Denken wir nur an die gerne im TV vorgeführten Jugendlichen, die kein Gemüse mehr identifizieren können. Der Landbewohner, so er denn nicht dem Flötenspiel der industriellen Rattenfänger folgt, hat kaum noch Bezüge zu den Stadtbewohnern. Sein Leben hat einen anderen Rhythmus, der stärker von den Unwägbarkeiten der Natur abhängig ist.

Inzwischen sind verslumte Vororte und verslumte Stadteile neben dem Land auch zu Backwoods geworden (so gesehen könnte man auch Sol Yurick und Walter Hills THE WARRIORS als einen urbanen Backwood-Thriller werten). Die Förderung landwirtschaftlicher Großbetriebe stärkt nicht humanitären Fortschritt, sondern brutalisiert ökonomische Barbarei (Stichwort Massentierhaltung).

6. ORTE

Das bedrohliche Hinterland mit sinisteren Gebäuden ist kein wirklich neues Thema der Weird Fiction. Das alles findet sich in Mythologien und etwa den Burgen und Klöstern der Gothic Novel (wenn man denn will, könnte man auch den ersten Teil von Stokers DRACULA mit Jonathan Harkers Reise in die Karpaten zu Draculas Schloss als Backwood-Thrill interpretieren).

Unheimliche Orte, die man besser nicht besucht, gab es in der Weird Fiction und der Gothic Novel immer. Man wird gewarnt, diese nicht aufzusuchen. So auch der Erzähler in Lovecrafts SHADOWS OVER INNSMOUTH. Die Bedrohlichkeit dieser Orte ist zwar nicht in all ihren Dimensionen bekannt, aber es besteht vorab so viel Wissen, dass man erahnen kann, warum man sie besser meidet. Es ist die Naivität oder das übersteigerte Selbstbewusstsein der Protagonisten, die sie aller Warnungen zum Trotz diese „unheiligen“ Orte aufsuchen lässt.

Ganz anders nähert man sich den Wäldern oder Dörfern der Backwood-Thriller.
In sie fährt oder wandert man hinein, ohne die geringste Vorsicht oder den Hauch von Wissen um ihre Existenz. In der Regel will man diese nicht als Orte des Schreckens kartographierte Regionen nur durchqueren, auf dem Weg von einem bekannten urbanen Platz zum anderen. Man bemerkt gar nicht die Grenze, die man überschreitet, wenn man die vertraute Welt verlässt, um in die rurale Barbarei zu geraten.
Und dann platzt ein Reifen, oder man biegt falsch ab, oder man will in diesem merkwürdigen Ort nur schnell etwas essen…
Schlagartig wird man mit einer archaischen Welt konfrontiert, in der alle erlernten Fähigkeiten nichts zur Überlebenssicherung beitragen. Auch die mitgebrachte Technologie funktioniert nicht („Ich kriege kein Netz.“).

in dieser Welt verknüpft sich das Unheimliche mit nicht domestizierter Natur mit genetischen Katastrophen der eigenen Spezies. In der ungezähmten Wildnis tobt der Abschaum Pans in unkontrollierter Macht.

Zivilisatorische Normen haben weder Sinn noch Durchsetzungskraft.

Die Bewohner huldigen undurchschaubaren Riten, Stammesregeln (wenn überhaupt), die nur für sie gelten. Der Fremde steht außerhalb jeder positiven Sanktion. Sie meiden Kontakte mit Menschen außerhalb ihrer inzestuösen Gruppe. Ausgenommen als Jagd-und Ritualopfer, Nahrung oder Sklaven.
Fremde sind Nutztiere oder Spielzeuge für ihre erschreckenden Vorlieben. Ob sie durch Abwesenheit von Geschichte, Umweltverschmutzung oder sonst was degeneriert sind, ist sekundär. Primär sind sie aggressiv böse, ohne zivilisatorische Kruste. Sie sind weniger das, was wir vielleicht einmal waren, als das was wir fürchten, sein zu können.

Sie verkörpern nicht die ungehinderte Natur, sondern die entartete Gattung. Sie sind das Gegenteil von Rousseaus edlem Wilden. Eher der Beweis für Freuds These, dass wir alle Mörder und Kinder Kains sind.

Sie weisen darauf hin, was passieren kann, wenn unsere zivilisatorischen Lichter ausgehen und wir im Dunkel der entsolidarisierten Gesellschaft versinken: Atomisiert in kleinen Rotten, die nur sich selbst verpflichtet sind, gibt es beim Überlebenskampf keine Gnade. Töten ist genauso selbstverständlich wie essen. Quälen so genussvoll wie Sex.

Diese Hinterwäldler werden mental gerne auf einer Stufe mit nicht sozialisierten Kindern dargestellt. Musterbeispiel sind einmal mehr die WRONG TURN-Filme mit ihren infantilen Menschenfressern. Wie Kinder Fliegen die Flügel ausreißen, reißen sie den Fremden vergnügt Arme und Beine vom Körper.

Ein Subtext des Genres ist: Ohne urbane Zivilisation ist der Mensch barbarisch und böse. Dieser anthropologische Pessimismus ist seit den 1980ern (Reagen, Thatcher, Kohl und der Raubtierkapitalismus der Neo-Cons) als Genresubtext aktuell und attraktiv. Jeder spürt ja den bevorstehenden Zusammenbruch. des kapitalistischen Lemmingsystems, der alle erreichten zivilisatorischen Errungenschaften zerbröselt und für sinnlosen Konsum die Natur opfert.

Und dann sind wir alle in den Backwoods.

Die folgenden Buchtipps sollen lediglich einen Überblick verschaffen, um dieses Genre oder Subgenre in seiner Spannbreite zu illustrieren.

DELIVERANCE (BEIM STERBEN IST JEDER DER ERSTE, Rowohlt) von James Dickey

Der Klassiker; dazu noch ein „literarisch anerkanntes“ Buch (was immer das bedeuten mag). Bevor eine ganze Wald- und Flussregion als Stausee versinkt, wollen vier Städter noch mal den Genuss an der urwüchsigen Natur genießen und dem Wasserlauf befahren. Und dann kriegen sie Ärger mit den einheimischen Rednecks. Die Vergewaltigungsszene eines der Städter war damals nicht nur extrem schockierend, sie setzte auch die Maßstäbe für die vorherrschende sexuelle Brutalität des Genres.

RIVER GIRL (DAS MÄDCHEN VOM FLUSS, Heyne) von Charles Williams …ist ein Beispiel für den Noir-Thriller als Backwood-Story: Die Leidenschaft zu einer verheirateten Hinterwäldlerin treibt einen Cop in den Kreislauf der Noir-Tragödie. Williams Backwood-Romane haben weniger mit den Horror-Geschichten von heute zu tun. Diese Paperback Originals sind eher von den Southern-Romanen Erskine Caldwell beeinflusst.

JAGDZEIT (Pendragon) von David Osborn
Auch hier hatte der Roman das Glück einer exzellenten Verfilmung (von Peter Collinson mit Peter Fonda und dem unterschätztesten Hollywood-Star überhaupt, William Holden). Ein Update der klassischen Graf Zaroff-Geschichte von Richard Connell. Nur sind es diesmal durchgeknallte Vietnam-Veteranen, die aus der Stadt das Unheil aufs Land bringen.

RAMBO (Heyne) von David Morell.
Nicht nur der erste Rambo-Film war hervorragend (im Gegensatz zu den Sequels), auch die Romanvorlage ist ein moderner Klassiker des Thrillers. Der Vietnamveteran Rambo gerät mit Rednecks aneinander und trägt den Guerilla-Krieg dorthin, wo er hingehört.

OFF SEASON (BEUTEZEIT, Heyne) von Jack Ketchum.
Ketchum gehört wie Joe Lansdale zu den Autoren, deren schwächere Bücher immer noch weit über dem Durchschnitt liegen. Und die außerdem immer wieder für ein Meisterwerk gut sind. Nicht so furchtbar wie EVIL, ist OFF SEASON einer der stilbildenden Romane des Genres und der Klassiker des Kannibalen-Backwood-Thrillers, an dem sich alle anderen messen lassen müssen. Ketchums Brutalität ist erschreckender und glaubwürdiger als der pubertäre Horror, den Laymon verbreitet.

THE WOODS ARE DARK (IN DEN FINSTEREN WÄLDERN, Festa) von Richard Laymon.
Dieser frühe Roman (1982) gehört zu Laymons schwächeren Büchern. Aber in ihm ist geradezu beispielhaft angelegt, wie die Klischees des Kannibalen-Backwoods funktionieren. Als Roman eher bescheiden, ist das Buch so etwas wie eine „idealtypische“ Drehbuchvorlage für ein genrespezifisches B-Picture. Im Gegensatz zu Ketchum gelingt es Layman nicht, seinen Freaks eine eigene, überzeugende barbarische Identität vermitteln.

CREEKERS (Festa Verlag) von Edward Lee.
Man kann über diesen unbeständigen Autor denken, was man mag, aber dieser 1994 veröffentlichte Roman ist ein herausragendes Werk der Gattung. Phil Straker, einst erfolgreicher Großstadtbulle, ist zurück „im guten alten Crick City, der Welthauptstadt der Idioten“. Und hier hat er es nicht nur mit einigen verkommenen Hillybillys zu tun, sondern auch mit den Creekers, einem Clan, der sich unter primitivsten Bedingungen seit Jahrhunderten durch Inzucht degeneriert.

ISLAND (DIE INSEL) von Richard Laymon.
Natürlich erreicht Laymon auch hier nicht die Dimensionen von William Golding. Aber dies ist ein überzeugender Insel-Backwood. Mit dem eigenwilligen Ich-Erzähler gelingt es Laymon hier seinen üblichen pubertären Sex & Torture-Kram glaubwürdiger und erschreckender darzubieten.

JOE R.LANSDALE – DER BOSS IM HINTERWALD.
Ob Horror-Geschichten, Weird-Western oder Thriller – bei Joe Lansdale spielen die Backwoods von Ost-Texas fast immer eine entscheidende Rolle. Er ist der König des Backwood-Thrillers, da er das Genre am effektivsten und immer wieder originell zu nutzen weiß. Erschwerend kommt hinzu, dass er einer der besten Thriller-Autoren überhaupt ist und immer wieder frische, unverbrauchte Erzählungen aus bekannten Klischeegenres gewinnt. Es ist alleine schon beeindruckend, wie er bei seiner ungewöhnlich hohen Produktivität sein Niveau beibehält und immer wieder steigert.

Siehe auch:
https://martincompart.wordpress.com/2019/01/31/poet-des-white-trash-der-noir-autor-daniel-woodrell/
https://martincompart.wordpress.com/2016/09/07/jagdtrip-von-jack-ketchum/