Martin Compart


Booknerds – Zehn Jahre – Rückblick von Jochen König by Martin Compart
25. November 2022, 10:51 am
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Eine Dekade Booknerds.de ist eine imponierende Leistung. Obwohl ich vor acht Jahren meinen ersten Text für das Magazin verfasst habe, habe ich die Geburtsstunde(n) intensiv miterlebt. Chris und ich schrieben in der gleichen Redaktion für Musikreviews.de über Jahre Musik-Kritiken. Als Chris sich mit dem Gedanken trug eine Seite zu gründen, die genre- und medienübergreifend nicht nur musikalische Erzeugnisse im Fokus haben sollte, begann ein reger virtueller Austausch, der nächtelang bis zu Chris‘ Umzug nach Berlin andauerte. Dabei war nicht nur Booknerds Thema, sondern ein buntes Spektrum von Betrachtungen über die TeDi-Warenwirtschaftswelt bis zur aktuellen Weltlage.

Szene aus “Borderlands”
Chris schied bei Musikreviews aus und kümmerte sich tatkräftig um sein nerdiges Internetbaby. Die Seite wuchs und gedieh. 2014, als mein erstes Engagement bei der Krimi-Couch endete, begann meine aktive Zeit bei Booknerds. Mit einem Schwenk von der Literaturkritik hin zu Film- und Fernsehschaffen. Die erste Rezension galt am 23.04.2014 der exzellenten Dominique Manotti und ihrem Roman „Ausbruch“. Eine Autorin, die ich jedem Leseinteressierten nur wärmstens ans Herz legen kann. Bereits vier Tage später waren flimmernde Bilder dran. Im wahrsten Wortsinn, denn „Borderlands“ war ein Found-Footage-Film, die Wackelkamera gehört zum Pflichtprogramm. „Borderlands“ ist eines besseren Werken des Genres, dessen Reiz sich mir, bis auf wenige Ausnahmen („The Bay“ von Barry Levinson etwa), nie richtig erschlossen hat. Schon das „Blair Witch Project“ nervte durch hysterisches Gezappel, statt Angst und Grauen zu erzeugen. Die Marketingstrategie zum Film war indes genial.

So summierten sich Buch- und Filmbesprechungen, mit der wunderbaren Fanney Kristjáns Snjólaugardóttir (aka Kjass), die mir ihr Album aus Island zuschickte, kam 2022 die erste Musikbesprechung hinzu. Gäbe es mehr von, wenn ich nicht, im Gegensatz zu Chris, noch für Musikreviews.de tätig wäre.

Über die Jahre kamen wir mit klasse Menschen zumindest virtuell in Kontakt. Sei es Frau Winhart von Koch Media (mittlerweile Plaion Pictures), die Herrschaften bei Voll:kontakt, die engagierten Macher von Turbine Medien, Camera Obscura, Rapid Eye Movies und etliche mehr. Da sitzt auch schon mal die Versorgung mit fantastischen Mediabooks drin. Toll ist die Zusammenarbeit mit Heike Glück von Glücksstern, die mir über die letzten acht Jahre großartiges (Fernseh)-Material zukommen ließ (und super Urlaubstipps bereithielt). So durften wir Endeavour Morse, seinen kanadischen Kollegen Murdoch, Grantchester, Brokenwood, die Private Eyes aus Toronto und vieles mehr kennenlernen. Der junge Inspector Morse hat mittlerweile ebenso viele Staffeln auf dem Buckel wie ich Jahre bei Booknerds. Insgesamt muss man feststellen, dass die Bereitstellung von Medien aller Art hervorragend klappte und klappt.

Meine erste Leipziger Buchmesse fand mit einer Booknerds-Akkreditierung statt. Ein Event, der viel Spaß gemacht hat und mir unter anderem die sehr eigene Welt des Cosplays nahebrachte. Inklusive kundiger Erläuterung der lieben Kollegin Bergschneider.

Zehn Jahre sind vorüber, und im Moment sieht es, dank einer Flut kreativer neuer Mitarbeiter und Dominics hervorragender Arbeit als Chef vom Ganzen so aus, als wäre dies nur ein erster Schritt.

Zum Abschluss eine kleine, unvollständige Liste meiner Booknerds-Topps und Flops. Wobei die Flops sehr erträglich waren. Da habe ich woanders Schlimmeres rezensiert.

Die Tops:

Die drei Romane von Willi Achten. Die Themenkreise sind Rache, Coming Of Age und das vertrackte Wesen der sogenannten Heimat. Achten beherrscht sein Metier, schreibt spannend, poetisch und gibt seinen Lesern viel Raum zum Nachdenken.

„Electra Glide In Blue“, „Schlock, das Bananenmonster“, „Ausgelöscht“, „Harte Ziele“, „Lisa und der Teufel“, „Opera“, „Kentucky Fried Movie“ und alle Italo-Western. Liebevoll restaurierte Filmgeschichte, teilweise in tollen Mediabooks mit feinstem Bonusmaterial.

„Thelma“ ist eine visuell atemberaubende Mischung aus Coming Of Age und Horror.

„Mandy“ mit einem der letzten Soundtracks des großartigen Johann Johannsen. Nicolas als rächender Gott in einem psychedelischen Universum, dessen Göttin Andrea Riceborough ist. Oder eine überdimensionierte Kettensäge.

Gerald Kersh – „Die Toten schauen zu“ ist eines der traurigsten, erschreckendsten und wichtigsten Bücher, die ich kenne. Kershs fiktionale Verarbeitung des Massakers von Lidice, infolge des tödlichen Attentats 1942 auf Reinhard Heydrich, ist eine Reise ans Ende der Nacht, die lange schmerzhaft nachwirkt.

„Lone Wolf And Cub“: Wenn etwas die Bezeichnung Kult verdient hat, dann diese Filmreihe. Der mürrische Samurai, der mit seinem Sohn in einem waffenbestückten Kinderwagen durch Japan zieht, ist einer der coolsten Filmfiguren ever. Die perfekte Umsetzung einer legendären Graphic Novel. Traumhaftes Bewegungskino.

Das sind nur ein paar der vielen Highlights, die ich in den letzten acht Jahren besprechen durfte. Es gibt noch weit mehr zu entdecken…

Die Flops:

Louise Welsh – „Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar“

Louise Welsh hat nicht nur das fantastische „Alphabet der Knochen“ geschrieben, einen atmosphärischen, klugen, mehrbödigen Thriller mit feinen King Crimson-Verweisen, sondern leider auch diese Gurke. Ein hysterisches Hipster Horrörchen mit unglaubwürdigem Berlin-Setting und holpriger Übersetzung. „Alphabet der Knochen“ bleibt eine dicke Empfehlung (wie auch Welshs weitere Bücher).

Dario Argentos „Dracula“

Noch so ein Vertreter, der mich todtraurig macht. Der Regisseur, der unvergessliche Filmerlebnisse schuf (nicht im negativen Sinne), macht aus Dracula eine Bühnenshow, die Peter Steiners Theaterstadl näher ist als Hammer Horror. Mit CGI-Effekten, die Asylum-Niveau solide erscheinen lassen. Immerhin mit einem kauzigen Rutger Hauer-Kurzauftritt. Lieber noch einmal „Stendhal Syndrome“ gucken, oder einen der Siebziger-Jahre-Klassiker.

„Robocroc“ – Das Syfy-Channel Gebräu ist purer Schrott. Was die Titelfigur angeht, sogar im Wortsinn. Corin Nemec, ehemals bekannt als „Parker Lewis, der Coole von der Schule“, agiert nicht cool, sondern im gelangweilten Autopilot-Modus. Dia- und Monologe sind allerdings zum Niederknien: “Sollten Sie dieses Stück Haut, das Staatseigentum ist, und das Sie sich widerrechtlich angeeignet haben, jemandem zeigen, dann werden Sie beide nach Artikel 27b der nationalen Sicherheitsbestimmungen strafrechtlich verfolgt”.

Es hielt sich aber in Grenzen mit den Durchfällen. Und kleine Momente der Glückseligkeit ließen sich auch bei den Gurken finden.

Acht von zehn Jahren. Und es bereitet immer noch Spaß für Booknerds zu schreiben. Alles bleibt im Werden. Darauf einen Dujardin.

Jochen König, November 2022

Über uns



JUBILÄUM FÜR DEN „GEILSTEN MANN SEINER ZEIT“ – LASSITERS 50. DEUTSCHE GEBURTSTAG by Martin Compart
4. November 2022, 12:20 pm
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Unsere Pulps, beziehungsweise „Dime Novels“, waren und sind (noch größtenteils) die sogenannten „Groschenhefte“ oder Heftromane. Ihr Einfluss auf die deutschsprachige Populärkultur war immens! In den unterschiedlichsten Gestaltungs- und Genre-Formen begleiten sie uns seit dem Kaiserreich.

Zu den größten Kalibern zählt seit nunmehr 50 Jahren der Westernheld Lassiter, der angenehm als Outlaw begann und inzwischen zum Geheimagenten weich gespült wurde (dank der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften).

Lassiter wurde von niemanden geringeren erfunden als von William Todhunter Ballard (1903-98) unter dem Pseudonym „Jack Slater“ (zuvor hatte Ballard 1965 den „Spur Award“ für den besten historischen Western der Western Writers of America erhalten).

Ballard war ein Veteran der Pulps und Paperback Originals. Seine Bill Lennox- , Max Hunter- und Costaine und McCall-Serien erschienen in Deutschland in den 1960er Jahren sogar in der innovativen gelben Reihe des Ullstein Verlages.

Nachdem der Bastei Verlag die deutsche Lizenz erworben hatte, erwarb er auch das Recht die Serie mit Originalausgaben weiterzuführen. Jack Slade dient seitdem als Sammelpseudonym für die deutschen Autoren. Momentan schreiben sechs Autoren für die Slade-Serien. Darunter zählt auch eine Frau, die über die Abenteuer des „härtesten Manns seiner Zeit“ berichtet. Ein ausführliches Interview mit den Autoren ist in dem Jubiläumsband ebenfalls enthalten.

Über den häufig diskutierten Sex bei Lassiter kann man u.a. lesen: „Dabei geht es durchaus detailreich zur Sache – doch das war nicht immer so. In den 1970er und 1980er-Jahren begnügte man sich noch mit Andeutungen und harmlosen Umschreibungen. Ab den 1990ern begann man die Dinge dann immer mehr beim Namen zu nennen. Trotzdem überschritt Lassiter nie die Grenze zur Pornographie! Die Erotik-Komponente spiegelt sich auch in den Cover-Motiven der Hefte wieder… Der Erfolg dieser Einlagen führte 1999 dazu, dass eine weitere Reihe mit Erotik-Western bei Bastei startete…“

Enthalten ist auch der erste Originalroman von W. Todhunter Ballard („Rimfire“ – „Wenn Lassiter kommt“) und ein Nachdruck von Heftroman Nr.1: „Da schlug Lassiter zurück“ eine Origin-Geschichte von Karl Wasser.

Das Hardcover umfasst 152 Seiten mit zusätzlichen 24 Farbseiten auf Kunstdruckpapier.
Der Band ist über den Shop zu erwerben http://www.bastei.de und kostet 18,- Euro.

Ausführliche Informationen zu allen erdenklichen Aspekten der Serie findet man unter:
https://www.pulverrauch.de/lassiter-50-jahre-jubilaeum/

P.S.: In Teilen der Kiffer-Szene war Lassiter in den 1970er Jahren fast so populär wie U-Comix. Oft hörte man das Zitat (nie verifiziert!): „Während Lassiter ihn niederschoss, ließ er den Larry raushängen.“



INTERVIEW MIT DR. HORROR by Martin Compart
11. Oktober 2022, 12:25 pm
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„Was wirklich fehlt, ist eine Kriminalgeschichte des Films, besonders der Wirtschaftskriminalität“



VORLÄUFER DES POLIT-THRILLERS BIS JOHN BUCHAN by Martin Compart

Unten stehender Text ist ein gekürzter Auszug aus meinem Nachwort zu JOHN BUCHAN: DER ÜBERMENSCH (Elsinor Verlag, 2022).

Literaturhistorisch steht am Anfang des Spionageromans keine Schlüsselfigur wie etwa Edgar Allan Poe für den Detektivroman. Beide Genres werden gerne unter dem Überbegriff „Kriminalroman“ oder „Crime Story“ eingeordnet. Dabei beschäftigt sich der Detektivroman mit temporär internen Störungen des Systems, während der Spionageroman extern gesteuerte Versuche zur mehr oder weniger vollständigen Zerstörung eines Systems thematisiert.

Obwohl man von der Spionage als vom „zweitältesten Gewerbe der Welt“ spricht, muss man das multimediale Genre „spy story“ als ein Kind des ausgehenden 19.Jahrhunderts ansehen, dass im 20.Jahrhundert zu voller Blüte heranreifte und immens erfolgreich wurde.

In der Literatur taucht die Spionage erstmals in dem chinesischen Klassiker über DIE KUNST DES KRIEGES (PING FA) von Sunzi ca. 510 v. Chr. auf – wenn man die Bibel außen vorlässt. Denn im Alten Testament steht, dass Moses Spione ins Land Kanaan schickte.

Die erste Fiktion, in der Spionage eine Rolle spielt, verdanken wir ebenfalls der chinesischen Kultur: im historischen Roman SAN KUO von Lo Kuan-Chung aus dem13.Jahrhundert.

Die erste durchstrukturierte Spionageorganisation der westlichen Welt verdanken wir – wie so vieles – der katholischen Kirche: Nachdem Papst Gregor IX die Inquisition etabliert hatte, führte der Nachfolger Innocent III. mit der „Hermandad“ 1233 den ersten verdeckt organisierte Spionagedienst ein.

Erstmals in der Literaturgeschichte der Neuzeit wurde in England auf organisierte Geheimdiensttätigkeit hingewiesen. In MEMOIRS OF SECRET SERVICE (1699) von Matthew Smith beschrieb der Autor, wie er ein Attentat auf King William durch die Jakobiner verhinderte, indem er deren Organisation infiltrierte. Das Parlament war über das Buch dermaßen aufgebracht, dass es die Verbrennung durch den Scharfrichter anordnete.

Als erster „richtiger“ Spionageroman gilt allgemein James Fenimore Coopers THE SPY (1821). Allerdings nur, weil der Roman einen Spion in den Mittelpunkt der Handlung stellt; der Spionagetätigkeit wird von Cooper wenig Raum gewidmet.

Topoi des späteren Spionageromans findet man auch schon bei zwei französischen Schriftstellern. André Dumas Pères LES TROIS MOUSQUETAIRES (1844) etwa agieren wie Spezialagenten, die Unheil von der königlichen Familie und damit von ihrem Heimatland abwenden. Außerdem sind sie schon internen Machtintrigen ausgesetzt, die ein wichtiger Bestandteil des Genres sind. Und Jules Vernes thematisierte häufig die Bedrohung der menschlichen Zivilisation durch technische Erfindungen. Man könnte MICHAEL STROGOFF (1875), den Kurier des Zaren Alexander II., als eine Art Spezialagent ansehen.

Elemente des Spionageromans und des Polit-Thrillers tauchten im Kontext vieler Romane des 19.Jahrhunderts auf, aber erst zu Beginn des 20.Jahrhunderts formt sich das Genre zu einer eigenen, unverwechselbaren Gestalt.

Elemente des Spionageromans finden sich in Charles Dickens A TALE OF TWO CITIES (1859) und natürlich in den Kolportageromanen, die der Deutsche Herrmann Goedsche unter dem Pseudonym „Sir John Retcliffe“ schrieb. Und schon 1888 hatten asiatische Superschurken, die als trivialer Topos lange und häufig im Genre vertreten waren, wie Dr. No und Dr. Fu-Manchu, einen direkten Vorfahren: CHING CHING von E. Harcourt Burrage (1839-1916) in dem Pennymagazin „Ching Ching‘ s Own“ (1888).

Auch der große Sherlock Holmes arbeitete gelegentlich als Geheimagent: In der ersten Kurzgeschichte, A SCANDAL IN BOHEMIA (1891), agierte Sherlock Holmes wie ein Agent des Königshauses. Ebenfalls für die Krone handelte Holmes in THE ADVENTURE OF THE NAVAL TREATY (1894), indem er eine gestohlene Geheimvereinbarung zwischen England und Italien zurückholte. In THE BRUCE PARTINGTON PLANS (1908) musste Holmes für einen offensichtlich hilflosen Secret Service verschwundene Geheimpläne wiederbeschaffen. In HIS LAST BOW (1917) verhinderte Sherlock Holmes, dass der deutsche Spion von Borck mit gestohlenen Geheimplänen bei Kriegsbeginn nach Deutschland entkommt.

1871 begann mit George Tomkyns Chesneys THE BATTLE OF DORKING das Genre der „war prophecy novel“ – Romane, die künftige Kriege voraussagen wollen und durchspielen. In Tomkyns Werk findet man bereits alle Elemente dieses abstrusen Genres. Das Buch plädiert für die militärische Hochrüstung Britanniens und warnt vor künftigen Aggressionen der anderen Großmächte.

In den folgenden Jahrzehnten spielten die Autoren dann alle möglichen Feindkombinationen durch, von den Russen über die Franzosen bis (natürlich) zu den Deutschen.

In den 1880er und 1890er Jahre herrschte besonders ausgeprägte Paranoia im Empire. Franzosen und Deutsche verstärkten damals ihre Aktivitäten in Afrika und Asien, die Buren wurden unruhig und rebellisch, und die Russen trieben sich verstärkt an der afghanischen Grenze herum, wo sie das „Juwel in der Krone“ im „great game“ ernsthaft bedrohten. Jeder schien am Kolonialreich der Briten zu rütteln – und in der Regierung kümmerte das offensichtlich nur wenige.

Die „war prophecy novels“ entstanden in dieser angsterfüllten Atmosphäre und forderten militärische Reformen, die neue Technologien und Strategien propagierten. Geheimwaffen und Geheimagenten wurden zu Figuren dieser Literatur, die bis heute im modernen Spionageroman nachwirkt.

Um die Jahrhundertwende entstanden auch ernsthaftere Romane, die die Angst des Empires um seine Kolonien und ihre Bedrohung durch andere Mächte widerspiegelten. John Buchans THE HALF HEARTED (1901) und Kiplings KIM (1901) verwendeten dezent Elemente des Spionageromans. Beide beschäftigen sich mit einer möglichen Invasion Indiens durch die Russen, die sich deshalb in Afghanistan festsetzen wollen. Als reine Spionageromane oder gar pure „war prophecy novels“ kann man diese Bücher jedoch nicht ansehen.

An Kuriosem ist in dieser Literatur kein Mangel:

Ein Höhepunkt der propagandistischen Hetze gegen Asiaten ist der namensgebende Roman THE YELLOW DANGER (1898) von M. P. Shiel, in dem vor einer Invasion Europas durch einen chinesischen Kriegsherrn gewarnt wird.
In Max Pembertons Roman PRO PATRIA (1901) planen die Franzosen einen Tunnel unter dem Kanal zur Invasion Englands!

Ein Mann steht als Synonym für die „war prophecy novel“ schlechthin: William Le Queux. Nach seinem ersten Roman über politische Intrigen, GUILTY BONDS, erschienen 1891, wandte sich Le Queux drei Jahre später mit THE GREAT WAR IN ENGLAND IN 1897 konsequent der Propagandaliteratur zu. Das Buch, dessen Vorwort Feldmarschall Lord Roberts verfasste, enthält bereits zwei Elemente, die auch für die Entwicklung des Spionageromans bedeutend waren: die Geheimwaffe und die Einführung eines naiven jungen Engländers als Verräter. Gleich zu Beginn des Genres wird also das zentrale Thema des Verrats angesprochen. Später sollten sich Autoren wie le Carré diesem Motiv geradezu exzessiv widmen.

Im Roman bombardieren die Russen Edinburgh aus einem Gasballon heraus. Gestoppt werden sie durch eine neue Geheimwaffe – eine pneumatische Dynamitkanone, die von einem schottischen Ingenieur entwickelt wurde.

Le Queux hatte dabei auch eine neue, seit Mitte des 19. Jahrhunderts immer größer werdende Leserklasse im Hinterkopf: Die Einführung der allgemeinen Schulpflicht durch den „Education Act“ von 1870, die Entwicklung neuer Druck- und Vertriebstechniken, die die billigen Penny-Magazine ermöglichten und das Aufkommen von Leihbüchereien bedingten einen Lese-Boom, der nicht auf die oberen Schichten beschränkt blieb und sensationelle Themen bediente.

THE INVASION OF 1910 aus dem Jahre 1906 war sein erster antideutscher Roman, dem schnell weitere folgten. Einflussreiche Briten teilten seine Meinung und waren froh über Le Queuxs Bestseller, die die Stimmung im Lande in ihrem Sinne beeinflussten. Unter ihnen fand sich auch Feldmarschall Lord Roberts, der mit ihm 1908 an dem Buch THE GREAT WAR arbeitete, in dem der Autor den Krieg von 1914 bis 1918 vorhersah.

Le Queux verstand es vorzüglich, sich selbst zu stilisieren und durch persönliche Statements die Glaubwürdigkeit seiner Bücher zu erhöhen. Als der Krieg ausbrach, verkündete er großspurig, dass er – wohin er auch gehe – immer einen geladenen Revolver bei sich trüge, da die Feinde Englands ihn ganz oben auf ihre Abschussliste gesetzt hätten.
A. J. Balfour, der damalige Führer der Konservativen Partei, brachte Le Queuxs Einfluss auf den Punkt, als er sagte: „Seine Romane bedeuten mehrere tausend Stimmen für die Konservativen.“

1898, nachdem ihn schon jahrelang die Welt der Geheimdiplomatie fasziniert hatte, veröffentlichte Edward Phillips Oppenheim (1866-1946) den Roman THE MYSTERIOUS MR.SABIN, „das erste meiner langen Reihe von Geschichten über die schattenhafte und mysteriöse Welt der Diplomatie“…

Ein durchgehendes Thema war seine Verteufelung der parlamentarischen britischen Regierung als unfähig und unbekümmert. Volksvertreter galten ihm als ein Haufen inkompetenter Idioten. Nach dem 1.Weltkrieg zeigte er diese Überzeugung immer deutlicher. Mit Blick auf den Aufstieg des Faschismus in Italien und Deutschland wuchs in ihm die verquaste Überzeugung, dass starke Individuen (am besten aus dem Adel oder zumindest Raubtierkapitalisten) eine Nation besser repräsentieren und regieren können als jedes Kabinett oder Parlament…

Er adaptierte den „Kriegswarnungsroman“ auf seine Weise und entwickelte eine eigene Romanform, in deren Mittelpunkt die Geheimdiplomatie stand. Seine literarischen Wurzeln waren Sensationsroman und Liebesromanze der viktorianischen Epoche, und in diesem Geiste schrieb er auch seine Spionageschichten.

In THE SPYMASTER (1938) liegt der naive Oppenheim ganz auf Linie der Appeasement-Politik: In diesem Roman rettet ein britischer Admiral während des Münchener Abkommens „den Frieden, weil er einem deutschen Spion Informationen über den hohen Stand der britischen Rüstung zukommen lässt, was das nationalsozialistische Deutschland dazu veranlasst, keinen Krieg zu beginnen“. 13)

1903 erschien das innovative Werk, das für viele Kritiker der erste wirkliche moderne Spionageroman ist: Erskine Childers THE RIDDLE OF THE SANDS. In dem Buch – der einzige Roman des späteren Majors des Marine-Geheimdienstes – geht es darum, dass zwei Engländer in einem Segelboot vor der friesischen Küste das geheime Treiben der deutschen Marine beobachten und den möglichen Vorbereitungen einer Invasion Englands auf die Spur kommen.

Childers fusionierte verschiedene literarische Formen: Die „war prophecy novel“ erzählt die Geschichte eines künftigen Krieges vom ersten bis zum letzten Schuss. Egal, wie wahrscheinlich der geschilderte Krieg ist – es handelt sich immer um eine Fiktion. Der Natur nach ist sie also eher mit der Science Fiction (und hier der „alternative history“) verwandt als mit der auf Fakten erpichten Kriminalliteratur, zu der man auch den Spionageroman zählt.

Childers stutzte die „war prophecy novel“ auf einen realistischen Aspekt zurecht, nämlich auf die mögliche Planung einer Aktion, die auf einen Krieg hindeutet. Die abenteuerliche Segelgeschichte, in der die Handlung eingebettet ist, entlieh Childers den sogenannten „schoolboy stories“ – also meist in den Kolonien handelnden Abenteuergeschichten, die von der Bewährung junger Briten angesichts einer Konfliktsituation erzählen. Auch John Buchan verwendete Elemente dieser Spielart des exotischen Abenteuerromans bereits in PRESTER JOHN (1910).
Als drittes Element verwendete Erskine Childers Motive der Detektivgeschichte, um einen Spannungsbogen aufzubauen. Das detektivische Rätselelement ist die Untersuchung der beiden Protagonisten: Was treiben die Deutschen vor der ostfriesischen Küste? Indem er also „war prophecy story“, Abenteuergeschichte und Detektivgeschichte miteinander verknüpfte, schuf er eine neue Formel für den modernen Spionageroman. 14)

Dem damals noch glühenden Verehrer des Empires ging es um „eine Warnung an die Engländer, eine Warnung vor der erstarkenden Seemacht Deutschland“. 15)

Unbedingt zu erwähnen sind auch Joseph Conrads Roman THE SECRET AGENT (1907), der aber schon auf den realistischen Spionageroman hinweist, und G.K.Chestertons THE MAN WHO WAS THURSDAY (1908), einem einzigartigen Polit-Thriller, der surrealistische Wege geht. Auf die direkte Entwicklung des Genres hin zu Buchan hatten sie wenig oder keinen Einfluss.
Im Gegensatz zu Sax Rohmers THE MYSTERY OF DR. FU-MANCHU (1913), das den asiatischen Superschurken endgültig zum populärkulturellen Topos gestaltete.
In seiner langjährigen Serie verwendete Rohmer auch zunehmend SF- und Fantasy-Elemente beim andauernden Bestreben Fu-Manchus (der „Erzengel des Bösen“) die Weltherrschaft zu erringen. In Deutschland wurden Rohmers Bücher von den Nazis 1936 verboten; der Name (ein Pseudonym des irischstämmigen Engländers Arthur Henry Ward, 1883 – 1959) erschien ihnen „jüdisch“. Rohmer protestierte gegen das Verbot mit der Erkenntnis: „Ich bin ein guter Ire und meine Geschichten sind in keinster Weise feindlich gegenüber den Nazi-Idealen.

Laut einer jüngeren Untersuchung über das „kulturelle Phänomen britischer Spionageroman“ sind zwischen 1901 und 1914 mindestens 300 Bücher veröffentlicht worden! 16)

Von Anfang an entwickelte sich das Genre aus realen und fiktiven Ängsten, die von einem Großteil der Bevölkerung mitgetragen werden konnten. Erst ab den 1930er Jahren – Ausnahmen bestätigen die Regel – wurde das Genre zunehmend für progressive Inhalte genutzt.

Das Ende des ersten Weltkriegs war für den Polit-Thriller eine Zäsur. Die alten Feinde der Briten existierten (weitgehend) nicht mehr, neue drängten sich auf..

unknown artist; John Buchan (1875-1940); National Library of Scotland Art Collections; http://www.artuk.org/artworks/john-buchan-18751940-266271



DARK ROME – ÜBLES AUS DEM IMPERIUM by Martin Compart

Willkommen auf der dunklen Seite der römischen Geschichte! Hier erwartet Sie eine mal schrille, mal bedrohliche und immer wieder verstörend vertraute Lebenswelt. Es ist eine Welt des Drogenkonsums, perfider Mordanschläge, obskurer Kulte, mysteriöser Staatsaffären, brutaler Bandenkämpfe und bizarrer Obsessionen. In dieser Szene finden Sie keine sittenstrengen Senatoren und Matronen, sondern treffen auf skrupellose Politiker, in allen Künsten bewanderte Prostituierte, nervenstarke Geheimagenten, geniale Waffenkonstrukteure und kaltblütige Giftmischerinnen. Willkommen in – Dark Rome !

Michael Sommer
Dark Rome
Das geheime Leben der Römer

Buch. Hardcover
3., durchgesehene Auflage. 2022
288 S. mit 17 Abbildungen.
C.H.BECK. ISBN 978-3-406-78144-5

War Mark Aurel drogensüchtig? Angeblich konsumierte der Philosophenkaiser Opium. Hat Archimedes, der geniale Baumeister aus Syrakus, tatsächlich eine Superwaffe konstruiert?

Und tagte gar eine Geheimloge in der unterirdischen Basilika, die Archäologen in Roms Unterwelt entdeckt haben?

Diese und viele weitere Rätsel erwarten die Leserinnen und Leser von Dark Rome – einer ebenso wilden wie faktenreich und spannend erzählten Sittengeschichte der römischen Welt.

Der Autor

So stößt, wer in den Abgründen des römischen Imperiums schürft, gelegentlich auf Bleitäfelchen: Am richtigen Ort vergraben und mit der richtigen Fluchformel versehen, konnte man mit schwarzer Magie versuchen, unliebsame Zeitgenossen in den Orkus zu schicken. Eilige wählten für solche Anlässe lieber ein Pilzgericht wie beispielsweise Agrippina, die Gattin des Kaisers Claudius, die ihren Gemahl mit seiner Lieblingsspeise zu einem Gott machte (böse Zungen behaupten, er habe es im Jenseits nur zu einer Karriere als Kürbis gebracht …).

In den Dunkelzonen des römischen Reiches begegnet man auch Politikern wie den Statthaltern Albinus und Florus in Ägypten, welche die Provinzbevölkerung nach Strich und Faden ausplünderten.

Doch die beiden waren Waisenknaben im Vergleich mit dem notorischen Halsabschneider und Proprätor Verres, der Sizilien zu seiner Pfründe machte und dabei über Leichen ging. Was Mord aus politischen Motiven betrifft, so könnten selbst Despoten unserer Tage noch von den alten Römern lernen. Diese setzten bei Bedarf ihre Gegner – wie es etwa Sulla, Octavian und Marcus Antonius taten – einfach auf sogenannte Proskriptionslisten, so dass jeder die Vogelfreien straffrei töten und sich an ihrem Vermögen gütlich tun konnte.

DARK ROME führt in die „Dark Rooms“ des Römischen Reichs (diesen flachen Witz konnte ich mir nicht verkneifen).

Es ist faszinierend, was Sommer an übelsten und unappetitlichen Fakten ausgegraben und zusammengetragen hat!

Wer glaubte, dank seiner Gibbons- und Mommsen-Lektüre über die römische Geschichte hinreichend informiert zu sein, erlebt erschütternde Überraschungen.

Bei einem archäologischen Fund 1999 in Groß-Gerau etwa, wurde ein vierfach gefaltetes Blei-Täfelchen sichergestellt mit der Bitte an einen Dämon, eine gewisse Priscilla zu vernichten, die Geheimnisse verraten und „einen Nichtsnutz geheiratet“ habe und so „geil“ wie „irre“ sei. So beginnt das Kapitel über Schwarze Magie, in dem Sommer verblüffende Parallelen zum Voodoo-Kult ausmacht.

Das auch stilistisch brillante Buch gliedert sich in folgende Kapitel:
Von verschlossenen Türen und geheimen Orten, von Kaisern und Kurtisanen, von Geheimschriften und verbotenen Büchern, von Spionen und Wunderwaffen, von Giftmischerinnen und Drogendealern, von schwarzer Magie und seltsamen Verwandlungen, von Verschwörungen und Geheimlogen, von Korruption und organisiertem Verbrechen, von Falschspielern und Meuchelmördern, von Mysterien und geheimen Riten.

Ein Sachbuch, so spannend wie ein Thriller. Mehr noch: Hierfür lasse ich so manchen Thriller liegen.



EMPIRE OF CRIME by Martin Compart

Tim Newark: Empire of Crime: Organised Crime in the British Empire
Mainstream Publishing, Edinburgh, 2011, ‎ 272 Seiten. Neuauflage 2018.

Über das britische Empire wurden und werden ganze Bibliotheken geschrieben. In den historischen Aufarbeitungen sollte es kaum noch blinde Flecken geben – sollte man meinen. Aber ein Aspekt ist mir begegnet, der lediglich in Fußnoten behandelt wird und m.W. bisher nie umfassend untersucht wurde: das organisierte Verbrechen innerhalb des britischen Empires. Und hier ist nicht gemeint, dass das Empire auf Raub und Drogenhandel begründet wurde (übrigens der skrupelloseste Drogenhandel der Weltgeschichte; dagegen erscheinen mexikanische Kartelle wie Straßen banden).

Der Autor ist Journalist, war 17 Jahre Herausgeber der Military Illustrated und für zahlreiche Fernsehdokumentationen verantwortlich, für BBC und History Channel. Er schrieb u.a. Bücher über Lucky Luciano und die Mafia-Kriege.
Dieses Buch ist weniger eine wissenschaftliche Untersuchung als ein detailreicher Report, was den Erkenntnishorizont keinesfalls schmälert. Kein anderes mir bekanntes Buch zeigt ein so globales Bild der organisierten Kriminalität in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts.

Als Ausgangspunkt wählte Newark das Jahr 1908, was Sinn macht. Denn in diesem Jahr beschloss die Regierung des Empires seinen offiziellen Opiumhandel mit China einzustellen. „Das größte Geschenk des Empires an das organisierte Verbrechen“, meint der Autor, denn über Nacht stiegen die Preise und sorgten für Entwicklungen im internationalen Rauschgifthandel, die bis heute anhalten (inzwischen hat die kapitalistische Kriminalität eine Dimension erreicht, dass kaum eine Volkswirtschaft ohne sie auskommt; von Banken und Hedgefonds ganz zu schweigen).

Newark begleitet das Empire über die verschiedenen Kontinente durch die Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts bis zum „Wind of Change“, der Auflösung der Kolonien.

Das führt auch zu einigen bestreitbaren Thesen: So scheint es doch zumindest fragwürdig, die kenianische Aufstandsbewegung der Mau-Mau vornehmlich der organisierten Kriminalität zuzuschlagen.

Das Spektrum ist weit. Newark thematisiert die übelsten Hot Spots (auch mit den jeweiligen historischen und zeitgeschichtlichen Bezügen), von Kairo bis Macao, Organisationen (wie die unvermeidbaren Triaden oder den nigerianischen Leopardenmenschen) und natürlich den Kämpfern gegen die Kriminalität (wie etwa den zu Unrecht wenig bekannten „Russell Pascha“).

Das Buch hält viel überraschendes bereit. So nennt Newark die Paschtunen, die die Nord-West-Grenze nach Afghanistan mit Überfällen überzogen, „they were one of the largest and most aggressive group of organized crime in the world.“ Da stecken den Briten ihre verlorenen Afghanistan-Feldzüge noch in den Knochen.

Großohr Tu


Natürlich wird auch Großohr-Tu, der legendäre Gangsterboss von Shanghai und Chef der Greengang-Triade, gewürdigt. Ihm wurde in den 1920ern von dem späteren Gründer des national-chinesischen Staates Taiwan, Generalissimus Tsiang Kai-Check, das Opiummonopol zugestanden. Gegen Hilfe im Kampf gegen die Kommunisten. Auf dem Höhepunkt seiner Macht besuchten Tu, wie man hier erfährt, sogar die britischen Schriftsteller W.H. Auden und Christopher Isherwood.

Unter den vielen kuriosen Geschichten findet sich auch die über den Generalgouverneur von Hongkong, der zum Großdealer wurde. Während einer Flüchtlingswelle in die Kronkolonie kaufte er alle indischen Opiumvorräte auf, um die ankommenden Süchtigen preisgünstig zu versorgen, damit die Triaden nicht durch Preiserhöhungen von ihrem Elend noch zusätzlich profitierten.
Gegenüber dem Tower liegt die HMS BELFAST als dem Imperial War Museum zugeordnetes Museumsschiff. Noch auf seiner letzten Fahrt, 1962, fand man an Bord dank eines Tipps eine große Menge Opium, die Triaden frech mit der Royal Navy nach San Francisco schmuggeln wollten. Wie oft die Navy unbewusst als Muli gearbeitet haben dürfte, mag die Admiralität wohl gar nicht wissen mögen.

Bei Dreharbeiten an Bord der Belfast war das Schiff stubenrein und kein Opium mehr zu finden.



zu JOHN MAIRS KLASSIKER „ES GIBT KEINE WIEDERKEHR“ by Martin Compart

Neu im BUCHMARKT https://buchmarkt.de/menschen/martin-compart-sg-noch-nicht-baerbeitet/
In CRIMEALLEY: https://crimealleyblog.wordpress.com/2021/08/01/totgesagte-leben-laenger/
In MORDLUST: https://www.mordlust.de/john-mair-es-gibt-keine-wiederkehr/
In TAGESANZEIGER und BERNER ZEITUNG: https://www.tagesanzeiger.ch/ein-thriller-der-george-orwell-begeisterte-771035667231; https://www.bernerzeitung.ch/ein-thriller-der-george-orwell-begeisterte-771035667231
In BONNER KRIMIARCHIV (Sekundärliteratur): https://www.bokas.de/krimitipsiebzig-eins.html#Lupe
In KULTURNEWS: https://kulturnews.de/john-mair-es-gibt-keine-wiederkehr/

John Mairs deutsche Erstveröffentlichung ES GIBT KEINE WIEDERKEHR entwickelt sich zu einem überraschenden Erfolg, mit dem weder der Verlag noch meine Wenigkeit so gerechnet haben.

Das große Interesse hat das vorgesehene Rezensionsexemplare-Kontingent schon so gut wie aufgebraucht. Es gab einige schöne und kritische Rezensionen (mit Ausnahme der erwartbaren unfreiwillig plumpen Dummschwätzerei meines bekannten Ex-Bastei-Büttels, der seine akademischen Plattitüden gerne wie eine Monstranz vor sich herträgt; oft so peinlich wie – um Orwell zu zitieren – „ein humoristischer Vortrag auf einem Kirchenabend“.). Unerwartet wurde der Roman von der Jury, gegen entsprechenden Widerstand, auch in die „Krimi-Bestenliste“ gewählt.

Mit dieser Resonanz hatten wir nicht gerechnet! Ein anspruchsvoller und verstörender Thriller findet also doch sein kleines oder mittleres Publikum in Zeiten, in denen sich Kriminalliteratur durch Gestalten wie Sebastian Fitzek auf der Bestsellerliste als literarische Lebensmittelvergiftung definiert.

Bei der zweiten Auflage, bzw. Nachdruck, wird es nur kleine Änderungen geben. Aber sicherlich darf nicht unerwähnt bleiben (was mir völlig entgangen war), worauf mich Eva König aufmerksam gemacht hat: Das Mairs Buch ein früher existentialistischer Roman ist. Mit dieser Erkenntnis im Hinterkopf, machen auch surrealistisch anmutende Szenen zusätzlich Sinn.

An dieser Stelle – mit Erlaubnis des Verlages – möchte ich zum fortschreitenden Interesse an John Mairs Roman zwei Kapitel aus meinem Nachwort zitieren:

Thriller

Als John Mairs Roman Never Come Back erschien, stand der britische Spionageroman schon in erster Blüte. Ausgehend von den Invasion-Romanen eines William Le Queux, Rudyard Kiplings «Great Game»-Roman Kim und Erskine Childers Riddle of the Sands entwickelte sich im und nach dem Ersten Weltkrieg ein Genre mit breitem Spektrum.

Den prägendsten Einfluss übte der Schotte John Buchan aus, der mit dem Klassiker The 39 Steps (seit 1915 in Britannien ununterbrochen lieferbar) eine Art Blaupause für viele Thriller lieferte (die auch in Never Come Back nachschwingt: Ein Zivilist wird in eine Verschwörung verwickelt, muss vor Sicherheitskräften und Konspirateuren fliehen und während dieser atemberaubenden Jagd die Konspiration aufklären und verhindern).

In den 1920er Jahren entstanden neben diesen politisch konservativen Thrillern auch faschistoide, wenn nicht faschistische Thriller. Zum Synonym für diese brutale Spielart des Politthrillers wurde «Sapper» mit seiner Bulldog Drummond-Serie, die vor Antisemitismus und Rassismus nur so strotzt. In diesen Spionagethrillern tobte die Paranoia des britischen Empires. Es fühlte sich von allen Seiten bedroht, von anderen Mächten und politischen Systemen. In Britannien verschärfte sich der Klassenkampf und in den Kolonien kam es zu Aufständen. Dahinter – so suggerierten nicht nur Sapper & Co. – standen Kommunisten, unterstützt von der Sowjetunion, Anarchisten, eifersüchtige Imperialmächte wie Frankreich oder die USA oder das Finanzjudentum.

Bulldog Drummond und Richard Hannay hatten alle Hände voll zu tun, feindliche Sabotage- und Spionageringe aufzuspüren und unschädlich zu machen. Die Populärkultur feierte nach wie vor Britanniens imperiale Allüren.

Beginnend mit Somerset Maughams Kurzgeschichtenzyklus Ashenden (1928) begann eine Tendenz zu bis dahin nicht gekanntem Realismus im britischen Spionageroman. Autoren wie Eric Ambler oder Graham Greene verfestigten diese literarische Strategie. Danach unterscheidet man zwei Schulen des Spy Thrillers: die romantische und die realistische (mit vielen Überschneidungen im Laufe der Jahrzehnte).

1939, in dem Jahr, als Mair seinen Roman angeblich begann, erschienen drei Meilensteine des Genres, die er wahrscheinlich gelesen hatte: The Mask of Dimitrios von Eric Ambler, The Confidential Agent von Graham Greene und Rogue Male von Geoffrey Household. Mit Eric Ambler verbindet Mair auch die linksliberale politische Orientierung.1

Aber vielleicht hatte Mair auch später Graham Greene beeinflusst: Man weiß nicht, ob Graham Greene Mairs Roman gelesen hat. Aber in Ministry of Fear (1943) weist einiges darauf hin, besonders die atmosphärischen Beschreibungen Englands während des Krieges (und Greene schrieb den Roman bekanntlich während seiner Zeit in Sierra Leone als Mitarbeiter des Geheimdienstes). In beiden Romanen finden die Aktionen in «Echtzeit» statt, genau in diesem Moment, nach dem sogenannten «Phoney War» oder «Sitzkrieg», in dem die Deutschen soeben die Kapitulation Frankreichs erzwungen und begonnen hatten, die Inseln zu bombardieren. Allerdings spürten die britischen Bürger die Auswirkungen des Konflikts noch nicht so intensiv wie ab September 1940 (The Blitz), als die deutsche Luftwaffe auch die Städte angriff. Man schien sich durch die Insellage noch sicher zu fühlen und war eher optimistisch. Was würde als Nächstes passieren? Niemand wusste es so recht und die meisten waren nicht allzu beunruhigt.

Mair kannte das Genre und hatte sich bewusst für die Form des Thrillers als Romandebüt entschieden. Julian Symons berichtet, dass Mair häufig Thriller rezensiert hatte, darunter eine Symons beeindruckende Besprechung von James Hadley Chases Roman No Orchids for Miss Blandish, der ebenfalls 1939 erschienen war. In dieser Rezension, die Symons in Bloody Murder zitiert, führte Mair akribisch alle Straftaten auf, die in Chases Roman begangen werden. 2

Ich vermute, dass auch G. K. Chestertons «philosophischer Thriller» The Man Who Was Thursday einen gewissen Einfluss auf Mairs Roman hatte: Das dort beschriebene Anarchisten-Zentralkomitee ist ebenso surreal wie Mairs Oppositions-Internationale.

Der Antiheld

Mit seinem Antihelden bricht der Roman durch eine literarische Straßensperre nach der anderen. Nie zuvor wurde mit den etablierten Klischees des Spionageromans konsequenter gebrochen. In Never Come Back gibt es weder einen Clubland-Hero noch eine patriotische Mission – und nicht mal eine «damsel in distress».

Symons stellt fest, dass Desmond Thane ganz bewusst als Gegenentwurf zu den angstfreien
Helden von John Buchan oder Sapper konzipiert worden war (und dass Mair einige Merkmale seiner eigenen egozentrischen Persönlichkeit hat einfließen lassen).

Der Protagonist Desmond Thane ist eine überraschend dreidimensionale Figur, wie es sie damals im Thriller kaum gab. Er gehört wahrlich nicht zu den «Clubland Heroes» à la Richard Hannay, Jonah Mansel oder Bulldog Drummond, die mit ihrem Patriotismus den britischen Spy Thriller dominierten. 3

Thane ist – wie Julian Symons bemerkt – der erste Antiheld des Genres.

Er ist ein pathologischer Lügner, beherrscht von eigenem Vorteilsstreben. Er ist eitel, sexbesessen, feige und egozentrisch. Nichts interessiert ihn weniger als kosmische Harmonie, denn er behauptet sich in der scheinbaren Sicherheit von Spekulationen.

Es zeigt John Mairs Fähigkeiten als Schriftsteller, dass er für ihn trotzdem Empathie beim Leser erzeugt. Denn Thane ist auch clever und schlagfertig wie ein amerikanischer Private Eye, der jedes Dilemma, in das er gerät, annimmt und sich herauszuwinden versteht. Ob wir wollen oder nicht: Seine derbe, überschäumende Vitalität und Cleverness nötigen uns Respekt ab.

In gewisser Hinsicht greift er mit seinem sexuellen Appetit auf spätere Thriller-Helden wie James Bond voraus. Mit Bond verbindet ihn auch seine Neigung zum Hedonismus. Dabei unterscheidet er sich aber doch sehr von Bond durch seinen Egoismus, dem patriotische Motive fremd sind. Als echter Antiheld interessiert ihn keinesfalls das Wohl des Vaterlandes. Ihm geht es nur um den eigenen Vorteil: Nachdem er herausgefunden hat, was seine Gegenspieler wollen, denkt er daran, es ihnen teuer zu verkaufen und mit dem Erlös ein Leben in Wohlstand zu führen. Dafür allein hätte Bond ihn erschossen.

Und seine physischen Fähigkeiten scheuen ebenfalls jeden Vergleich mit 007.

Anders als die Amateure in den frühen Ambler-Romanen, die zufällig in eine Konspiration geraten, treibt Thane sich selbst durch sein sexuelles Verlangen in die düstere Welt von Anna Raven. Für ihn sind Verbrechen nicht Ursachen für, sondern Konsequenzen von Entwicklungen.

Thane sieht sich als erfolgreicher Frauenheld, beladen mit einem antiquierten Frauenbild. Das wird ihm zum Verhängnis, als er Raven trifft und Besitzansprüche stellt.

Sie aber ist eine selbstbewusste moderne Frau, ebenfalls ziemlich ungewöhnlich für die Thriller der damaligen Zeit. Sie bestimmt über ihre Sexualität – sehr zu Thanes Missfallen.
Verärgert muss er feststellen, dass sie ihn dominiert und so behandelt, wie Männer Frauen «gewöhnlich» behandeln. Für sie ist der Sex mit ihm ein rein episodisches Vergnügen ohne emotionale Einlassung. Sie unterwirft sich nicht seiner göttlichen Männlichkeit. Thane kann damit nicht umgehen, wird immer verunsicherter (eine Situation, die auch heute noch bei Männern zu Komplikationen oder Gewaltausbrüchen führt).

Ungewöhnlich für das Genre sind auch Thanes Neigungen zum Philosophieren:

«Selig der Mensch, so dachte er, ohne geistige oder körperliche Leidenschaften, der mit gleichem Abscheu an Buchhandlungen, Bordellen und Reise­büros vorbeizugehen vermochte. Eigentlich schade, dass man sich heutzutage nicht mehr dem Teufel verschreiben konnte; der allgemeine Niedergang des Glaubens hatte diesen Markt ruiniert und den Verderbten lediglich die Rolle des verachteten Proletariats zugewiesen; zu verkaufen blieb denen nichts als ihre
ohnehin verlorenen Seelen. Faust hatte Juristerei, Medizin, Logik und Philosophie immerhin noch gegen vierundzwanzig Jahre voller Macht und Herrlichkeit eingetauscht; inzwischen steckten alle Hauptstädte randvoll mit Gelehrten, die diese vier Disziplinen und allerlei weiteres Wissen liebend gern für ein paar Schillinge und gelegentliche Vortragsreisen hingegeben hätten. Laster unterlagen einer Überproduktion, wie anderes auch.»

Mairs Prosa ist stets raffiniert. Und wann haben wir je von einem Bösewicht gelesen, der die Konsequenzen seiner Misse­taten im Lichte philosophischer Lehren analysiert?

Man muss Julian Symons wohl zustimmen, dass Mair in Thane auch ein Selbstporträt anlegte, eine Innenschau des damals achtundzwanzigjährigen Autors. Kein besonders schmeichelhaftes Selbstbild, aber vielleicht treffend angesichts der ihm nachgesagten Egozentrik. Jedenfalls ist Thane ein runder Charakter, wie er in der damaligen Thriller-Literatur selten oder eher gar nicht präsent war. Ein Typ, an dem Patricia Highsmith sicherlich Vergnügen gefunden hätte.

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1 In den sechs Romanen, die Eric Ambler vor dem Zweiten Weltkrieg geschrieben hatte, sympathisiert der Autor mit dem Kommunismus und auch der Sowjetunion.

2 Julian Symons: Bloody Murder. From the Detective Story to the Crime Novel: A History. London: Faber & Faber, 1972. Deutsche Auagaben: Am Anfang war der Mord. Eine Geschichte des Kriminalromans. München: Goldmann, 1982 (Nachdruck der Ausgabe München 1972).

3 Der Begriff «Clubland Heroes» wurde geprägt von Richard Usborne in seinem gleichnamigen Buch (London: Constable, 1953), in dem er die Charaktere in den Werken von Dornford Yates, John Buchan und Sapper untersucht. «I call this book Clubland Heroes because the heroes of the books I am examining were essentially West End clubmen, and their clubland status was a factor in their behaviour as individuals and groups … In Buchan, Sapper and Yates men of action were recruited from the leisured class.»




DAS STANDARDWERK ZU BUNDESREPUBLIKANISCHEN KRAWALL-KAPELLEN by Martin Compart

Hans-Jürgen Klitsch Shakin‘ All Over ist nicht nur eine soziokulturelle Geschichte der Sechzigerjahre, sondern auch das Familienalbum einer Generation außer Rand und Band.
Das Buch, das die Bundesrepublik Deutschland als Beatnation auf die internationale Landkarte gesetzt hat!


Shakin‘ All Over – Die Beatmusik in der Bundesrepublik Deutschland 1963-1967
von Hans-Jürgen Klitsch

FANPRO, 2020
Gebundene Ausgabe; 488 Seiten
ISBN-10 ‏ : ‎ 3946502113
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3946502111
Abmessungen ‏ : ‎ 21.7 x 4.8 x 30.2 cm
€ 49,90

Lange Zeit vergriffen und antiquarisch zu Horrorpreisen angeboten, ist das Standardwerk zur Beatkultur in der BRD nun in der 3. bearbeiteten, Auflage endlich wieder erhältlich.

Schon bei der Erstveröffentlichung war so manchem Experten das klapprige Gebiss rausgefallen angesichts der unglaublichen Materialfülle, die der Archäologe Klitsch gesammelt und ausgegraben hatte. Daran hat sich nichts geändert, und man liest sich staunend durch das verdammt gut geschriebene Buch.

Aber man liest nicht nur: Dank des Großformats und guten Drucks kann man sich ebenso an dem imposanten Bildmaterial berauschen. Kaum eine Seite, die nicht bebildert ist. Das bundesdeutsche Beat-Museum zwischen zwei Buchdeckeln.

Mein persönliches Highlight ist der zweite Teil, in dem Klitsch die einzelnen Regionen (und natürlich ihre Bands, Auftrittsorte, Rituale usw.) durchstreift und unter die Lupe nimmt. Er ordnet das immer auch in einen zeitgeschichtlichen Zusammenhang ein, analytisch und witzig:

Die größten im Pott waren THE GERMAN BLUE FLAMES, ohne Zweifel, auch wenn sie sich schon mal zum Narren machten und in Badehose gekleidet im Schwimmbad zum „Beat Swim“ aufspielten. Immerhin diente das ganze ja einem guten Zweck, denn unter den anwesenden Damen wurde ein Oben-Ohne-Badeanzug verlost – Anprobe bei Preisübergabe inbegriffen. Leider war das gute Stück bei Beginn der Verlosung auf geheimnisvolle Weise verschwunden.
Ähnlich ging´s den Arbeitsplätzen.

Dem Autor gelingen spannende Synthesen aus Sozial- und Mediengeschichte und individuellen Schicksalen.
Man kann das Buch irgendwo aufschlagen und sich festfressen.

Wie gesagt: Klitsch ist ein intelligenter und witziger Autor, der diese Epoche im Hirn wieder zum Leben erweckt. Das bedeutet u.a. als Nostalgiker für mich und meine Generation, dass er aufzeigt, was wir alles verloren haben – nicht nur musikalisch. Wie bunt diese Zeit war, kann man anhand alter spießiger Schwarz-weiß-TV-Dokus nur erahnen. In dem Buch werden die Schwarz-weiß-Abbildungen dank der Texte zum Farbfilm.



FOLTERKRIEG IN VIETNAM by Martin Compart

„Der Vietnamkrieg war der Krieg meiner Generation. Irgendwie war man dabei, mental mittendrin. Als er ausbrach, waren wir acht, zehn oder zwölf Jahre alt. Als er zu Ende ging, waren wir längst aus der Schule.

Er prägte unser Leben wie die Musik, beeinflusste das Bewusstsein. Als Kinder sahen wir täglich in der TAGESSCHAU Hubschrauber, die schwer bewaffnete GIs ins Reisfeld absetzen. Da war es noch ein sauberer Abenteuerfilm mit unseren amerikanischen Helden oder ein Buck Danny-Comic.
Mit zunehmender Denkfähigkeit dank Schundliteratur und schlechter Musik, den zunehmenden Protesten erfuhr man mehr.

Es war kein Abenteuer-Comic. Kinder wurden von Napalm verbrannt, die bewunderten kaugummi-kauenden Marines folterten alte Männer und Frauen. Sie taten dasselbe wie heute im Irak oder in Afghanistan… Feige Schreibtischtäter wie Henry Kissinger, dessen gefährlichstes Unternehmen die tägliche Rasur seines böse-giftigen Reptiliengesichts war, ließen harmlose Bauern bombardieren, kübelten über Vietnam mehr Bomben ab als im gesamten 2.Weltkrieg.“

(aus Martin Compart: 2000 LIGHTYEARS FROM HOME, Zerberus Verlag, 2020).

Nach all den Büchern und Dokumentationen der letzten Jahrzehnte glaubt der Interessierte, fast alles über den Vietnamkrieg zu wissen.

Zumindest das Wichtigste.

Aber ein Aspekt wurde von Rambos Mythographen bisher fast völlig negiert: Der Umgang mit „Kriegsgefangenen“, die von den Amerikanern und ihren Verbündeten meist willkürlich dem Vietcong zugeordnet wurden.
Stattdessen entwickelte man eine ebenso jammernde wie verlogene Klitterung über US-Kriegsgefangene, die noch lange nach Kriegsende unter katastrophalen Bedingungen in nordvietnamesischen Lagern schmachteten. Eine Verlogenheit, die den Nachkrieg so intensiv durchzogen hat, wie den Krieg heroisch im Reisfeld landende Helikopter.

In gewisser Hinsicht verständlich.
Denn die unmenschliche Behandlung, die das gezielte Töten von Zivilisten aus Quotengründen miteinschloss, zeigte einmal mehr das ethische Desaster amerikanischer Kriegsführung. Was damals noch vertuscht werden sollte, ist dank der Bush jr.-Administration unter Rumsfeld und Cheney inzwischen stolzer Bestandteil des „Kriegs gegen den Terror“.

Der Schweizer Historiker Marcel Berni hat sich dieses ebenso schrecklichen wie faszinierenden Themas angenommen und eine Unmenge von Quellen ausgewertet. Dafür wurde dieses Buch mit dem Corvisier-Preis ausgezeichnet.
Der André-Corvisier-Preis für die weltweit beste militärhistorische Dissertation wird jährlich von der internationalen Kommission für Militärgeschichte, einem Gremium der UNESCO, vergeben. Die Kommission schrieb in ihrer Würdigung, dass „Bernis Werk nicht nur zu einem kritischen Kommentar der aktuellen amerikanischen Politik wird, sondern auch die Frage aufwirft, ob es einen kulturell verwurzelten, spezifisch amerikanischen Umgang mit Gefangenen in asymmetrischen Konflikten gibt.“

In der Einleitung benennt Berni an Hand des „Duffy-Lansa-Vorfalls“, wie der Gefangenenmord an dem Zivilisten Do Vo Man von der US-Armee euphemistisch genannt wurde, die vielen „Facetten, die für den Umgang amerikanischer und südvietnamesischer Einheiten mit Gefangenen im Vietnamkrieg typisch sind: Willkürliche Gefangennahmen, Empathieverweigerung, überschießende Hass- und Rachegelüste, Selbstermächtigung sowie mangelnde militär- und kriegsrechtliche Konsequenzen“.

Das erbärmliche Image, dass die US-Streitkräfte seit Vietnam ihr eigen nennen, erklärt der Historiker Georg Kassimeris damit, „dass nichts die moralische Legitimation für den amerikanischen Krieg in Vietnam so stark zerstört hat wie die Komplizenschaft amerikanischer Streitkräfte bei der Folter“.

Berni zeigt mit exzessiver Nutzung empirischen Materials, dass die Amerikaner mit dem Guerilla-Krieg des Vietcong nicht umgehen konnten: Nur ein Prozent der zwei Millionen Bodenoperationen der amerikanischen Truppen hatten in den beiden letzten Jahren (1967-69) zu Kontakten mit dem Gegner geführt.“

Der Guerilla-Krieg (den die Amerikaner u.a. schon gegen die Japaner in Birma erprobten) hatte in Kuba und Indochina längst die „Kultur des symmetrischen Krieges“ überholt und obsolet erscheinen lassen.
Als Reaktion darauf hatten die Franzosen in ihren Kolonien den Folterkrieg (Algerien) etabliert (den auch die Briten – etwa beim Mau-Mau-Aufstand in Kenia – anwandten). Keiner dieser Folter-Kriege hatte je zum Erfolg geführt – und wird es auch nicht, wie Afghanistan, Irak oder der „Krieg gegen den Terror“ belegen.

In der Begründung der Jury heißt es weiter: „Die exzellente wissenschaftliche Arbeit ermöglicht ein vertieftes Verständnis des Umgangs mit Gefangenen in irregulären Konfliktkonstellationen. Die Schrift zeigt auf, wie militärstrategische Entscheide, operative Kriegsführung und das Verhalten von Miliztruppen gegenüber gegnerischen Gefangenen miteinander interagieren. Bei der Rekonstruktion dieser Praxis werden die Grenzen des Völker- und Militärrechts deutlich. Diese Erkenntnisse sensibilisieren das Bewusstsein, dass es in asymmetrischen Kriegssituationen zu toleriertem Machtmissbrauch kommen kann.“

Und Professor Bernd Greiner: „Auch wenn die Wissenschaft von der Geschichte kein letztes Wort kennt, so hat Marcel Berni zu seinem Thema doch eine Art Schlussplädoyer verfasst, das so lange Gültigkeit haben wird, bis eine neue Generation neue Fragen stellt und womöglich auch neue Antworten anzubieten hat.“

Das Buch ist das Musterbeispiel einer Dissertation, die beeindruckend alle wissenschaftlichen Kriterien erfüllt und daneben so spannend geschrieben ist wie ein Page-Turner, den man nur widerwillig aus der Hand legt.

Zur Lektüre sollte man aber eine Flasche Whisky und ein paar Beruhigungstabletten bereitlegen.

Marcel Berni
Außer Gefecht
Leben, Leiden und Sterben »kommunistischer« Gefangener in Vietnams amerikanischem Krieg
440 Seiten, gebunden, 36 Abb., 5 Karten
ISBN 978-3-86854-348-3
Erschienen im September 2020
28,00 €
E-Book 21,99 €

https://www.hamburger-edition.de/

P.S.: Die HAMBURGER EDITION, der Verlag des „Hamburger Instituts für Sozialforschung“ zeichnet sich seit bald 30 Jahren durch inhaltlich und herstellerisch qualitativ hochwertige Bücher aus, die den Diskurs zu diversen Themen spiegeln und mitbestimmen.

Besonders die zahlreichen Studien zur Gewaltgeschichte eröffnen den Interessierten verdeckte, vergessene und neue Aspekte.

Auffällig ist, wie gut und spannend die vertretenen Wissenschaftsautoren ihr Material aufbereiten, so dass sie über das akademische Klientel hinaus Leser ansprechen können. Sie sind Teil einer neuen Generation von Humanwissenschaftlern, die über ihre fachlichen Codes hinaus anregend schreiben und interessierte Laien ansprechen. Manchmal scheint nur der wissenschaftliche Apparat darauf hinzuweisen, dass es sich um eine akademische Dissertation handelt und nicht um ein aufregendes Sachbuch. Es sind Höhepunkte aufklärerischer Kenntnisvermittlung (wie sie heute, im Zeitalter von Fake News, generell sein sollte).

https://martincompart.wordpress.com/2015/05/15/washingtons-soldner/

Roman-Tipp zum Thema:

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DAS GROSSE SPIEL by Martin Compart

Als „das große Spiel“ bezeichnet man den Konflikt zwischen Russland und Großbritannien um die Vormachtstellung in Zentralasien. Als Urheber des Begriffs, der zu einem allgemein gebräuchlichen Terminus werden sollte, gilt der „politische Offizier“ (damals ein Euphemismus für Geheimagent) Captain Arthur Conolly (1807-42), der ihn erstmals 1840 verwendete.

Conolly sollte selbst eines der vielen Opfer im „großen Spiel“ werden: Zusammen mit Colonel Charles Stoddard wurde er nach monatelanger Haft im Juni 1842 in Buchara auf Befehl des Emirs geköpft. Die East India Company hatte Stoddard nach Buchara geschickt, um den Emir zu einer Allianz gegen die Russen zu bewegen. Aber er landete in einem ungastlichen Kerker.
Als sein Freund Conolly ihm nachreiste, um Stoddards Freilassung zu erreichen, erging es ihm ebenso. Die Khanate von Buchara, Kiva oder Samarkand waren für ihre Reichtümer, Grausamkeiten und Sklavenmärkte ebenso berühmt wie gefürchtet. Die kirgisischen Stämme rückten bis auf russisches Gebiet vor um Sklaven für diese Märkte zu erjagen. Im „großen Spiel“ wurden die Khanate von beiden Seiten umworben oder angegriffen.

Es begann 1813 nach dem Rückzug Napoleons aus Russland und dem weiteren Expansionsdrang des Zarenreichs und endete 1947 mit dem Abzug der Briten aus Indien. Die Russen versuchten über Turkestan zum indischen Ozean vorzudringen, um einen eisfreien Hafen zu etablieren, das britische Empire empfand das als Bedrohung Indiens.

Ende der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts sorgten angebliche russische Pläne zur Eroberung Indiens in London für eine politische Hysterie. „Dieses Projektˮ, berichtete der russische Botschafter in London, Carlo Andrea Pozzo di Borgo, ein gebürtiger Korse, im September 1838 an sein Außenministerium, „hat sich in allen Köpfen festgesetzt, ungeachtet dessen, dass es offenkundig unwahrscheinlich und falsch ist.ˮ

Dass die Briten die Russen als Rivalen in Asien wahrnahmen, war die Folge zweier siegreicher russischer Feldzüge in Vorderasien und auf dem Balkan. Im Russisch-Persischen Krieg 1826 bis 1828 hatte das Zarenreich die heutige armenische Hauptstadt Eriwan erobert und die im Süden des heutigen Aserbaidschan gelegene Provinz Nachitschewan.
Russland war damit zur beherrschenden Macht im Südkaukasus geworden. Die Landbrücke Europas nach Asien ermöglichte ihm die Seeherrschaft im Kaspischen Meer und über dessen östliche Küste den Zugang nach Zentralasien.
Das schwächte den britischen Einfluss auf Persien. Kaum weniger dramatisch war der Ausgang des Russisch-Osmanischen Kriegs 1828 bis 1829. Die Russen erhielten danach das Donaudelta und die freie Schifffahrt auf dem Schwarzen Meer und durch die Dardanellen ins Mittelmeer.

Die Paranoia zweier expandierender Imperialmächte nahm zu: Die Russen fühlten sich von den Briten in Indien bedroht (die Agenten wie Alexander Burnes nach Norden schickten), und die Briten sahen entsetzt, dass sich das Russische Reich in Richtung Süden schob. Dies führte dann auch zum ersten anglo-afghanischen Krieg 1839 bis 1842; die Briten sahen Afghanistan als failed state an, den es zu besetzen galt bevor es die Russen tun konnten, um dann direkt Indien, das Juwel in der Krone, zu bedrohen.

Afghanistan hatte (stärker noch als Tibet) eine Schlüsselposition inne.

Intrigen, Pakte, Geheimmissionen durch Agenten und bewaffnete regionale Konflikte bestimmten das „große Spiel“. Am aggressivsten geführt zwischen dem russischen Zarenreich und dem britischen Empire bis zum 1.Weltkrieg. Ausgeführt wurden die lebensgefährlichen Aktionen auf beiden Seiten von Gestalten, wie sich nur die originellsten Autoren von Abenteuer- und Spionageromanen hätten ausdenken können.

Diese atemberaubenden Aktionen, getragen von manchmal irrwitzigen Ideen, fanden auch Eingang in die Literatur. Zum Beispiel in Rudyard Kiplings KIM oder John Buchans THE HALF-HEARTED. Wobei die Fiktion mit der Realität kaum mithalten konnte.

Nach der Revolution von 1917 machte sich bei den Bolschewisten schnell Enttäuschung breit, da weder westeuropäische- noch amerikanische Arbeiter erfolgreich die verkündete Weltrevolution durchsetzten. Die Marxsche These, dass die Revolution zuerst in den entwickelten Industrienationen erfolgreich sein würde, wurde verworfen.

Deshalb orientierten sich in der bald gegründeten Kommunistischen Internationale (Komintern) die wesentlichen Kräfte gen Osten. Der Zusammenbruch der russischen- und chinesischen Kaiserreiche hinterließ viele Stämme und Völker (Mongolen, Buryaten, Kalmyken usw.) Zentralasiens in ungekannter Unabhängigkeit. Auch in den Kolonien der Europäer regte sich unter den Armen der Widerstand. Es schien naheliegend, in und durch das zentralasiatische Vakuum das „große Spiel“ gegen England wieder aufzunehmen.

Peter Hopkirk (1930-2014) war einer der besten westlichen Kenner des „großen Spiels“ und Zentralasiens. Der ehemalige TIMES-Journalist schrieb einige der besten Bücher zu diesem Komplex. In THE GREAT GAME. THE STRUGGLE FOR EMPIRE IN CENTRAL ASIA, 1990, beschrieb er minutiös die verdeckten (und manchmal nicht so verdeckten) Aktionen der Briten.

Dabei schreckte er auch nicht vor den abstrusesten oder gruseligsten Informationen zurück. Etwa das große Vergnügen eines Khans von Khiva an neuen Folter- oder Hinrichtungsmethoden (seine liebste war das Pfählen). Nachdem dieser Alkohol und Tabak aufgegeben hatte, verbot er auch seinen Untertanen das Rauchen und trinken. Wer dabei erwischt wurde, bekam die Mundwinkel bis zu den Ohren aufgeschlitzt, damit sein permanentes Grinsen als makabre Warnung für Andere diente.

Der Bürgerkrieg von 1918-22, in dem sich die Sowjetunion hauptsächlich gegen die Europa zugewandten reaktionären Kräfte und europäischen Mächte (und Japan) behaupten musste, diskreditierte vorherrschende europäische Traditionen.

Clevere Bolschewiki begannen über Strategien nachzudenken, wie man in Zentralasien den Sozialismus russischer Prägung und Dominanz durchsetzen könne. Um die dortigen Völker, die noch im vorkapitalistischen Wirtschaften verhaftet waren (ein deutlicher Widerspruch zur Marxschen Doktrin über die Revolutionsvoraussetzungen), zu erreichen, begann man die eschatologischen Momente des Bolschewismus mit denen des tibetanischen Buddhismus im Shambala-Mythos zu vermengen.
Denn da gab es leicht vermittelbare Schnittmengen, die man ungebildeten Hirtenvölkern darstellen konnte.

Ideologen wie Sergei Oldenburg verordneten bereits im August 1919 eine große Ausstellung buddhistischer Kunst, die die Nähe zwischen Sowjetunion und Buddhismus illustrieren sollten. Sie verknüpften die marxistischen Ideale der Völkerfreundschaft mit denen von Buddha gepredigten.

Zum Teil mit großem Erfolg, wie sich in der Mongolei zeigte (nachdem man den wahnsinnigen Baron Ungern-Sternberg geschlagen hatte). Die Okkultistin und Tibet-Reisende Alexandra David-Neel notierte überrascht, dass viele Lamas das „Rote Russland“ mit dem Reich von Shambala gleichsetzten.
Der erste und größte Sieg der Komintern war die Revolution in der Mongolei. A
us der erfolgreichen Strategie leitete man die Formel ab, die in den anderen asiatischen Ländern versucht wurde: Suche ein nationales Befreiungsmotiv, interpretiere alte Weisheiten als Bezug zu den Sowjets, bilde revolutionäre Zellen und schüre den bewaffneten Aufstand gegen die Besatzer.

Während sich Peter Hopkirk in SETTING THE EAST ABLAZE, 1985, auf die geheimdienstlichen und militärischen Aktionen (darunter widmet er dem „Bloody Baron“ Ungern-Sternberg eine längere und brillante Analyse) zwischen den Weltkriegen konzentrieret, stellte Andrei Znamenski in RED SAHAMBHALA: MAGIC, PROPHECY AND GEOPOLITICS IN THE HEART OF ASIA, 2011, die okkulten Aspekte in den Vordergrund.

Er beschreibt eindrucksvoll (unter der Nutzung wenig bekannter russischer Quellen), wie bolschewistische Agenten und Agitatoren versuchten, tibetanische Glaubensvorstellungen, insbesondere den Endkampf zwischen Gut und Böse des Shambala-Mythos, für geostrategische Ziele zu nutzen.

Mit der Übertragung des Kalachakra-Tantra wurden auch prophetische Texte übertragen, deren Inhalt kriegerische Auseinandersetzungen darstellen. Demnach sollen Armeen, die der spirituellen Praxis feindlich gesinnt sind, zur Zeit des 25. Königs von Shambala über die zivilisierte Welt herfallen, um jede Möglichkeit für geistige Entwicklung zu zerstören. Nach den Kalachakra-Texten wird die zivilisierte Welt aus dem Reich Shambala Beistand erhalten, und die Angreifer werden zurückgeschlagen. Daraufhin soll ein neues Goldenes Zeitalter beginnen, das für die geistige Entwicklung besonders günstige Umstände bringt.“.(https://anthrowiki.at/Kalachakra-Tantra).

Die Sowjets verknüpften diese „Prophezeiungen“ mit ihrer Eroberungspolitik in Zentralasien. Aber auch Nationalisten (wie der Mongole Dja Lama) oder japanische Imperialisten und Weißrussen (Ungern-Sternberg) instrumentalisierten den Shambala-Mythos.

Das bemerkenswerte Bildmaterial rundet die Studie des Russen ab. Znamenski unterrichtete als Historiker an den Universitäten von Hokkaido, Alabama und Memphis. Seine besonderen Forschungsgebiete sind Schamanismus, Religionsgeschichte und westliche Esoterik. Großen Raum in seinem Buch nehmen auch die merkwürdigen Aktivitäten von Nicholas Roerich und dessen Familie ein.

Erst mit Stalins „großem Terror“ wurden die esoterisch-geopolitischen Experimente eingestellt und die Shambala-Warrior als Konterrevolutionäre vernichtet. Nachdem 1938 die letzten buddhistischen Klöster in Sibirien geschlossen wurden, interpretierte die Sowjetpropaganda den Shambala-Mythos als Werkzeug der Japaner, die seit 1931 in der Mandschurei an der Grenze des mongolischen Satellitenstaates lauerten

Das „große Spiel“ endete erst 1947 nach dem Abzug der Briten aus Indien. Aber inzwischen gibt es eine Art „Neuauflage“, bei der sich Russland den USA gegenüber sieht. Spätestens seit der Einkreisungspolitik Russlands durch die USA mit der NATO auf dem Kaukasus und der (einmal mehr) gescheiterten Besatzung Afghanistans konzentrieren sich die Interessen der beiden Staaten wieder verstärkt auf die neue Seidenstraße und Zentralasien. Mit der neuen Weltmacht China ist ein dritter Spieler hinzugekommen.

ROMANE zum GROSSEN SPIEL:

The Lotus and the Wind von John Masters, 1953.

The Far Pavilions von M.M. Kaye, 1978.

Flashman von George MacDonald Fraser, 1969.

Flashman at the Charge von George MacDonald Fraser, 1973.

Flashman in the Great Game von George MacDonald Fraser, 1975.

Kim von Rudyard Kipling, 1901.

The Imperial Agent von T.N.Murai, 1987 (eine Fortsetzung zu Kim).

Drums Along the Khyber von Duncan MacNeil (d.i.Philip McCutchan), 1969 (erster Band der James Ogilvie-Serie).

The Mulberry Empire von Philip Hensher, 2002.

The Devil’s Cocktail. Alexander Wilson’s second Secret Service novel 1928.

The Half-Hearted von John Buchan, 1900

The Diplomatic Agent von Yulian Semyonov, 1959.