Martin Compart


»ANGST VERKAUFT SICH GUT« von Andreas C. Knigge by Martin Compart
29. September 2015, 6:52 vormittags
Filed under: Bücher, CHARLIE HEBDO, Comics, Politik & Geschichte, Rezensionen | Schlagwörter: , , , ,

Vor knapp neun Monaten erschien das »Heft der Überlebenden« und fast möchte man glauben, Charlie Hebdo habe sich wieder gefangen. Doch sind nun die Medien dabei, zu Ende zu bringen, was den Attentätern nicht gelang. Warum das so ist, erklärt eine Stimme aus dem Jenseits.intro_ack[1]

Die Rue Béranger liegt einen Steinwurf entfernt von der Place de la République, auf der am Sockel der Marianne noch immer »Je suis Charlie« prangt. Auf dem Platz sollte am 11. Januar die Marche Républicaine ihren Anfang nehmen und kam dann kaum voran, weil allein in Paris anderthalb Millionen Menschen auf der Straße waren, mit dabei Dutzende Staats- und Regierungschefs, die größte Demonstration in der Geschichte Frankreichs.

Trotz der Gendarmen an der Ecke zum Boulevard du Temple fällt die schmale Einbahnstraße fast nicht auf, denn bewaffnete Militärs in Tarnanzügen sind im Pariser Stadtbild derzeit überall präsent, in Métro-Stationen wie vor Schulen und Museen. Doch als wir in die Béranger einbiegen, stutzt selbst der Taxifahrer. Alle zwanzig Meter ein Posten mit Maschinengewehr, der Eingang zur Tageszeitung Libération weiträumig abgesperrt, Security-Leute mit kugelsicheren Westen. Ich bezahle das Taxi und als ich mich umdrehe, blicke ich in zwei Mündungen.

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Ich treffe mich hier, wo Charlie Hebdo sein Notquartier hat, mit Gérard Biard, dem neuen Chefredakteur, der vielleicht nur deshalb noch am Leben ist, weil er am 7. Januar gerade in London war. Inzwischen ist ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt, wie auf beinahe jeden bei Charlie. Niemand, das hatte er mir schon vorab gemailt, kommt in das Gebäude, der nicht persönlich abgeholt wird. Da wir zum Essen verabredet sind, warte ich unten. Kein Mensch betritt oder verlässt während dieser Zeit die Redaktion, später erfahre ich, dass die Mitarbeiter derzeit nur den Hintereingang durch eine Parkgarage benutzen.

Nach zehn Minuten kommt Gérard aus der Tür. Mit seinen beiden Bodyguards im Schlepptau machen wir uns auf den Weg zu einem nahegelegenen Restaurant, vor dem ebenfalls schon ein Gendarm mit MG steht. Die Leibwächter bleiben am Eingang, wir nehmen ganz hinten in einer von außen nicht einsehbaren Ecke Platz. Gérard zieht die aktuelle Ausgabe hervor und legt sie auf den Tisch. »Sauvez l’Europe«, lautet der Titel, rettet Europa. Die Zeichnung dazu von Laurent »Riss« Sourisseau, der das Attentat mit einem Schuss in die Schulter überlebte, zeigt Christian Noyer, Gouverneur der französischen Nationalbank, der den Kopf eines Mannes in einen Wasserbottich drückt: »Noyer un Grec« – ertränke

»Was ist los?«, will ich wissen. »Geht es etwa tatsächlich ums Geld?« Auch deutsche Zeitungen berichten mittlerweile von Zerwürfnissen, gar Fehden bei Charlie. Die wichtigsten Stimmen des Blattes seien »verstummt, und die Überlebenden kommen mit ihrer neuen Rolle kaum zurecht«, formuliert der Spiegel und spricht von einer »komplizierten Analyse«. »Charlie Hebdo steht vor dem Aus«, meint die Süddeutsche Zeitung. »Keiner will mehr Charlie sein« titelte die Zeit (gänzlich unpassend zu einem dann brillanten Dossier) am Donnerstag vor unserem Treffen. Und immer wieder ist von den dreißig Millionen die Rede, die das Heft der Überlebenden, das sich sensationelle acht Millionen Mal verkauft hat, über zweihunderttausend Solidaritäts-Abonnements und Spenden von mehr als vier Millionen Euro eingebracht haben, Charlie ist so reich wie noch nie.

»Ach was«, sagt Gérard. »Das Problem ist vielmehr, dass wir seit Monaten belagert werden. Die Presse folgt uns auf Schritt und Tritt. Wer hält das aus nach einem derart traumatisierenden Vorfall? Die Nerven liegen blank, wir alle sind in therapeutischer Behandlung, da kommt es schneller zu Reibereien, ein zahmer Haufen waren wir ja nie. Das sind die Nachwirkungen eines solchen Anschlags, mit dem man vielleicht sein Leben lang nicht fertig wird.« Seit dem Attentat lauern Zeitungen, Radio- und TV-Sender auf eine neue Story, stellen Verwandten und Freunden der Opfer nach, verfolgen Zeichner und tun so das Ihre, um Zwist zu befeuern. Die laufende Berichterstattung im französischen Fernsehen trägt längst die Züge einer Daily Soap.

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Zu deren erstem Höhepunkt wird ein Konflikt zwischen der Redaktion und der Religionssoziologin und Kolumnistin Zineb El Rhazoui, Autorin auch der beiden von Charb gezeichneten Alben La vie de Mahomet, seit deren Erscheinen vor zwei Jahren sie nach ständigen Morddrohungen unter Personenschutz steht. Sie bleibt im Januar verschont, weil sie einen verlängerten Weihnachtsurlaub in Casablanca bei ihrer Familie verbringt. Es geht, als sie zurück ist in Paris, darum, ob man jetzt innehalten soll, um zu trauern und sich selbst wiederzufinden, oder ob man weitermacht »um jeden Preis«. Für Zineb ist das Heft der Überlebenden ein Fehler, aber ihre Kollegen stürzen sich in die Arbeit. Auch, um zu verdrängen. Zineb hält es nicht aus in der Redaktion, ohne die Freunde, sie lässt sich kaum noch sehen, schließlich wird sie abgemahnt, nicht zuletzt, weil die Kollegen sie jetzt dringend brauchen. Und da ist sie dann, die »Story«.

Als im Mai Luz alias Renald Luzier, Zeichner der Titelseite auch des Heftes der Überlebenden, erklärt, aussteigen zu wollen und künftig keine Karikaturen von Mohammed mehr zu zeichnen, üben sich die Medien in wilden Spekulationen, vom Eklat darüber, was mit den Millionen geschehen solle, bis zum Streit über die künftige Ausrichtung des Blattes. Doch Luz, seit über zwanzig Jahren bei Charlie, ist ganz einfach am Ende. Jede Ausgabe sei eine Tortur, sagt er, »weil die anderen fehlen: Ich verbringe schlaflose Nächte damit, mich zu fragen, was die toten Freunde, Charb, Cabu, Honoré, Tignous, Wolinski, wohl gemacht hätten.« Luz ist noch am Leben, weil er die Nacht zuvor in seinen Geburtstag gefeiert und dabei »ein bisschen gepichelt« hatte, somit zur Redaktionskonferenz zu spät kommt. Er hört Schüsse, sieht noch den schwarzen Citroën davonjagen, dann steht er inmitten des Blutbads.

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Die Zeit seit diesem furchtbaren Ereignis hat Luz nun in einem Buch festgehalten, das dieser Tage auch auf Deutsch erscheint. Katharsis, betont er vorab, sei »kein Zeugenbericht, geschweige denn ein Comic«. Das erste Mal ins Bild tritt er drei Seiten später jedoch als Tatzeuge, am Abend des 7. Januar, als auf dem Kommissariat am Quai des Orfèvres seine Aussage protokolliert wird. Luz bittet um einen Stift und beginnt zu zeichnen. Mit zittriger Hand, zwei dicke Kreise, wie Tunnel, die zu einem Augenpaar verschmelzen, reglos der Blick, schockstarr. Wieder und immer wieder krakelt Luz diese weit aufgerissenen Augen, darunter ein nur winziger Körper. Er ist nicht Zeuge, sondern gleichfalls Opfer des Massakers. Sein Buch einen »Comic« zu nennen, hält er deshalb für unangebracht; weil er mit komischen Zeichnungen eine gar nicht komische Geschichte erzählt.

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Wobei es sich, genauer, um Kurzgeschichten handelt, dreißig an der Zahl, die in Länge, Stil, Technik, Ton und Zugang überaus eigen sind, ganz unterschiedlich, sich am Ende aber zu einer dichten Collage von höchster künstlerischer Präzision zusammenfügen – dem vielschichtigen, ungefilterten Blick auf eine traumatisierte Psyche. Gleich in der nächsten Story, zwei Seiten nur, ist Luz im Januar bei der Redaktionskonferenz dabei. Verspätet, er hat ja gepichelt letzte Nacht. Er schlägt Themen vor, vielleicht wieder Houellebecq, ha ha ha, und dabei merkt er gar nicht, wie ihm der halbe Kopf weggeschossen wird. »Grrr, der Scheißstift läuft aus«, wundert er sich erst auf der nächsten Seite über all das Blut. Und dann darüber, dass plötzlich der Geburtstagskuchen weg ist, von dem er doch mitgebracht hatte, um mit den Kollegen später noch weiter zu feiern. Ein böser Traum, nicht der einzige, von dem uns Luz berichtet.

Die schwarz vermummten Kouachi-Brüder geistern durch einige der Geschichten, doch nur diese eine hat das Attentat selbst im Blick. Mal erzählt Luz, der »Überlebende auf Lebenszeit«, von dem Versuch, sich mit seinem neuen ständigen Begleiter zu arrangieren, jenem Kloß im Bauch, der klarstellt: »Wenn ich in deine Fingerspitzen krieche und dich am Zeichnen hindere, bin ich zugleich deine Angst vor der Zukunft wie vor dem leeren Blatt Papier.« Mal von – das ist eine der längsten Geschichten – dem vergeblichen Versuch, seinen Leibwächtern zu entwischen, um einen Moment für sich allein zu haben. Vom Zwiegespräch mit Charb an dessen Grab, das sich bald als Soliloquium erweist: »Du musst dich dran gewöhnen, Charb ist nicht mehr da, du redest jetzt mit dir selbst.« Von der Qual, mit der Trauer derer umgehen zu müssen, die alle Charlie sind und sich jetzt bei ihm ausweinen, nein ist das schrecklich! Vom Zusammenbruch.

Luz‘ Geschichten gehen unter die Haut, eine jede auf ihre ganz eigene Art. Über manche lässt sich sogar lachen, über die mit dem Vogel etwa, der von den Schüssen aufgeschreckt auffliegt und so ein paar Straßen weiter, platsch, Hollande auf den Kopf kackt – eine bizarre Allegorie darauf, welche Rolle Zufälle spielen, wer an jenem 7. Januar zufällig wo ist. Witzig auch die, in der ein Islamist in einem Tintenklecks den Propheten erkennt, obwohl Luz beteuert, dass es bloß ein Klecks sei: »Ich verbiete dir, Mohammed mit einem Klecks zu vergleichen, Ungläubiger!« Wo ist hier Mohammed? »Ich darf nicht hingucken, ich darf nicht hingucken!« Luz schlägt den Rorschach-Test vor, aber: »Ist das nicht jüdisch, der Name …?« Die fatale Mechanik des Irrsinns.

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In einer Story entdeckt Luz das Album Schwarze Gedanken wieder, das »so komisch« sei, obwohl Franquin unter schweren Depressionen litt, als er es zeichnete. Etwas, das Hoffnung gibt: »Der Beweis, dass man immer noch Schönes und Komisches zeichnen kann.« Luz‘ Einblicke in seine Seele brennen sich ein, lassen spüren, wie er den Albtraum zeichnend zu bewältigen sucht. Und dabei mit einer Intimität erzählt, die ein erhellender Kontrast ist zu all dem Mediengesummse; die uns einen neuen Zugang erlaubt – ein wahrhaft seltenes Meisterstück!

Auch die Presse wird kurz abgehakt, und dass die bei Luz nicht gut wegkommt, hat durchaus auch mit früheren Erfahrungen zu tun. Lange vor dem Überfall bereits ist Charlie regelmäßig in die Kritik geraten, »Rassismus« lautet der ständige Vorwurf und »Schüren von Islamophobie«. Als etwa der Autorenverband PEN dem Satiremagazin im Mai den Preis für Meinungsfreiheit verleiht, protestieren hundertfünfzig zumeist US-amerikanische Schriftsteller (inzwischen liegen über tausend Unterschriften vor). Sie bezichtigen Charlie der »kulturellen Intoleranz« und beharrlichen Verspottung einer Minderheit. In New York zählt neben Art Spiegelman und Alison Bechdel zu den Laudatoren auch Neil Gaiman, der betreten anmerkt, dass wohl »einige gutmeinende Schriftsteller nicht verstanden haben, dass man nicht teilen muss, was gesagt wird, wenn man das Recht verteidigen will, es sagen zu können«.

Nur zwei Tage vor seiner Ermordung hatte Charb das Manuskript für einen Essay abgeschlossen, der als Brief an die Heuchler und wie sie den Rassisten in die Hände spielen inzwischen auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Nach dem Brandanschlag Ende 2011 auf die Redaktion von Charlie war Charbs Statement, er habe weder Frau noch Kinder, um die er sich sorgen müsse, und wolle »lieber aufrecht sterben, als auf Knien zu leben«, zum Leitsatz geworden. Das war kein flotter Spruch, sondern gelebte Haltung – die sich tragisch erfüllt hat. Charb, Stéphane Charbonnier, war die zentrale Persönlichkeit bei Charlie, jedem, der von ihm spricht, treten heute noch die Tränen in die Augen. Der Brief an die Heuchler ist sein Vermächtnis, in dem er präzise analysiert, warum Charlie mit dem Rassismus-Vorwurf immer wieder auch aus dem eigenen Lager angegriffen wird, und aufzeigt, wie der (schon etymologisch fragwürdige) Begriff »Islamophobie« von den unterschiedlichsten Interessengruppen instrumentalisiert wird – gleichermaßen um den Islam zu kräftigen, wie um ihm zu schaden.

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Charbs Streitschrift ist Pflichtlektüre für jeden, der meint, Charlie zu sein. Bedauerlich deshalb die spröde, teils missverständliche Übersetzung. Der Begriff des »Kommunitarismus« etwa, auf den Charb mehrfach rekurriert, hat in der politischen Debatte Frankreichs eine ganz andere Färbung als hierzulande, worauf jedoch nicht einmal verwiesen wird (eine kurze Fußnote führt im Gegenteil sogar noch mehr in die Irre); das macht die Lektüre des schmalen Bändchens leider streckenweise beschwerlich.

Charb stellt klar, dass Kritik an der extremistischen Auslegung einer Religion nichts zu tun habe mit der Menschenverachtung, die das Wesen des Rassismus ist. Dass der Spott von Charlie Terroristen gelte, die sich auf den Islam berufen, und keineswegs »den« Muslimen. Doch »wagt man es, auf dem Titelblatt den Propheten oder eine ihm ähnlich sehende Person zu zeigen, geht es wieder los! Die Zeichnung wird dann als ›neuerliche Provokation von Charlie Hebdo‹ dargestellt. Und wenn das Fernsehen verkündet, dass etwas eine Provokation ist, gibt es immer ein paar Idioten, die sich provoziert fühlen.«

Charb spricht sogar von einer »Komplizenschaft der Medien«, mit ganz profanem Motiv: »Jeder Skandal, der mit dem Wort ›Islam‹ überschrieben ist, ist verkaufsfördernd. Seit dem Attentat vom 11. September 2001 setzten die Medien eine ebenso faszinierende wie erschreckende Gestalt in Szene: den islamistischen Terroristen. Ein Terrorist macht große Angst, aber wenn man islamistisch hinzufügt, macht sich wirklich jeder in die Hose. Angst verkauft sich gut.«

Die Krise ist also längst noch nicht überwunden, wie geht es nun weiter mit Charlie? »Ich hoffe, dass wir im September endlich unsere neuen Büros beziehen können«, sagt Gérard auf dem Weg zurück in die Rue Béranger. Der Ausbau zieht sich hin, weil die schweren Sicherheitsschleusen eine Verstärkung der Gebäudestatik erfordern. Zeichnen im Hochsicherheitstrakt. Nach dem Umzug soll dann ein frischer Auftritt mit neuem Konzept erfolgen. Die Medien werden berichten.

9783608502299[1]

Luz: Katharsis, S. Fischer | HC | 128 Seiten | 16,99 €

Charb: Brief an die Heuchler und wie sie den Rassisten in die Hände spielen, Tropen | TB | 96 Seiten | 12,00 €



HILLMANNs HAMMETT by Martin Compart
25. März 2015, 3:08 nachmittags
Filed under: Bücher, Comics, Dashiell Hammett, Noir, Rezensionen | Schlagwörter: , , , ,

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Man mag es heute kaum glauben, aber es gab eine Zeit, da existierte der Begriff Graphic Novel noch nicht. Bei der Erstveröffentlichung von Hans Hillmanns “Fliegenpapier”, schauten die meisten dumm aus der Wäsche. Hans_Hillmann[1]Es war kein “richtiger” Comic – aber irgendwie doch noch einer. Wie Hal Foster bei “Prinz Eisenherz” oder Burne Hogarth bei “Tarzan”, verzichtete Hillmann auf Sprechblasen, aber anders als bei Prinz Eisenherz zog sich jedes Panel über die ganze Seite, häufig über zwei Seiten. So etwas hatte man in dieser Konsequenz zuvor noch nicht gesehen. Wer damals die Arbeiten des amerikanischen Großmeisters Jim Steranko (Chandler) kannte, war nicht ganz so verwirrt. Heute fällt es leicht zu beurteilen, was Hillmann damals gemacht hat: er schuf eine völlig eigenwillige Form der Graphic Novel, mehr am Film orientiert als am Comic. Das Werk hat längst Klassiker-Status.
Faszinierend ist das Timing der Erzählung: Hillmann wechselt von statischen Bildern zu explosiven Sequenzen und verleiht der Geschichte eine Dynamik, die man in Dashiell Hammetts Vorlage so expressiv nicht findet. Anders als die üblichen Graffic Novels wird man diesen Band immer wieder in die Hand nehmen und in den Panels stöbern wie in einem Bildband.

Detaillierte Hintergründe zum epochalen Werk und seinem Autor findet man in dem wunderbaren Aufsatz „In der Lücke” von CHRISTOPH HOCHHÄUSLER unter:
http://parallelfilm.blogspot.de/2014/05/in-der-lucke.html
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Hier nur ein kurzes Zitat:

” Wahrheit diesseits der in Nach über 120 Plakaten, darunter für Filme von Buñuel, Kurosawa, Hawks, Welles, Lubitsch, Godard – entstand der Wunsch, einen Film auf Papier* zu machen. Eine Vorlage war bald gefunden: „Flypaper” von Dashiell Hammett, eine Kurzgeschichte, hard boiled. Erklärtes Ziel war es, den Text zu verzehren, bis auf einige Dialoge sollte alles Zeichnung werden. Hammett deshalb, weil er, mit seinem realen detektivischen Hintergrund, von der Beobachtung her kommt. Zwei Reisen in die USA, eine während eines dafür genommenen Forschungssemesters 1976, nutzt Hillmann zur Recherche; mit Bleistift und Kamera notiert er visuelle Details in New York und vor allem San Francisco; Feuertreppen, Hotelfensterblicke, Straßenecken, Möbel, Treppenhäuser…”
http://www.amazon.de/Fliegenpapier-Hans-Hillmann/dp/3945034043/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1427295968&sr=8-1&keywords=fliegenpapier+avant+verlag

Die Erstausgabe erschien 1982 bei 2001;2005 gab es eine schöne Paperback-Ausgabe bei dtv. Jetzt veröffentlichte der Avant Verlag eine großformatige 260seitige Hardcover Ausgabe, hervorragend gedruckt auf gutem Papier. Für 29,95 € erhält man eines dieser besonderen Bücher, die für immer einen besonderen Platz im Buchregal einnehmen.
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P.S.: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Monsanto vernichtet werden muss.



NAZI-ERICH IST TOT – Ein geschmackloser Nachruf von Rolf Giesen by Martin Compart
29. Juni 2014, 10:49 vormittags
Filed under: Comics, Dr. Horror, Nazi | Schlagwörter: ,

Wir kannten ihn nur als Nazi-Erich. Erich R. war einer aus der Gruppe (auf-)rechter Berliner Comic- und Hansrudi-Wäscher-Fans und mit einem Comic-Händler verschwägert, aber nicht einmal der Schwager hatte vom Tod des Comic-Nazis erfahren, bis er es aus einer anderen Quelle erfuhr.

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by the way: Weder Knigge noch der hoch geschätzte Wäscher können etwas dafür, wenn unter ihren Fans auch Arschlöcher sind.

Jörg Fauser hat die Comic-Runde zu Lebzeiten noch besucht und fühlte sich wohl auf einem anderen Planeten. Einige Verlagsleute, die mit Fauser, Martin C. und dem Verfasser dieser Zeilen gekommen waren, hatten einen Wein mitgebracht, die die normalerweise Bier trinkenden Freaks reihenweise aus den Latschen kippen ließ. Plötzlich machte es Plumps! und Nazi-Erich war nach ein paar Glas zu hastig genossenen Weins vom Hocker gefallen. Jemand schleifte ihn an einen Kachelofen und ließ ihn dort lallend liegen: Da lagen die Reste von Groß-Deutschland, sturzbesoffen.

Später fühlte sich Erich berufen, dem Verfasser ein Experiment vorzuschlagen. Wie Mephisto wollte er ihn in seiner braunen Vorhölle einführen. Es handelte sich um eine Pferdefleischkneipe im finstersten Neukölln, wo man Psychogramme der ewig Gestrigen sammeln konnte.

Es waren Psychogramme der Zukurzgekommenen. Einer war beim Erbe übergangen worden und der ältere Bruder hatte alles, er selbst nichts bekommen. Jetzt saß er da, soff und heulte in sein Pferdefleisch. Aus seinen Augen blitzten Neid und Hass.

Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass sie wieder zusammenfinden: THE BRUTAL, THE STUPID, AND THE NEEDLESS.

Nazi-Erich war nicht brutal. Vielleicht wäre er es geworden, wenn man ihm eine Chance gegeben hätte. Außerdem fehlte ihm der Grips, was er natürlich nicht wahrhaben wollte. So blieb für ihn nur die Kategorie der Nutzlosen. Er war wohl mal Vorsitzender von dem Comic-Verein, aber die alt gewordenen Mitglieder zeigten, wie zu hören war, kaum Betroffenheit, sondern bedauerten nur, dass sie nun schon wieder einen Kranz kaufen müssten…

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EIN BLADE RUNNER ERZÄHLT: JONATHAN LETHEMS ESSAYS by Martin Compart
29. April 2013, 1:51 nachmittags
Filed under: Bücher, Comics, Film, Jonathan Lethem, MUSIK, Politik & Geschichte, Science Fiction | Schlagwörter: , , ,

Der 1964 geborene Jonathan Lethem ist als Kind einer Hippie-Familie ein genauer Analytiker seiner Generation und darüber hinaus unter den US-Autoren der vielleicht beste Beobachter des neuen Jahrtausends. Sein erster Roman erschien 1994: DER KURZE SCHLAF war eine höchst amüsante Kombination aus Chandlerscher PI-Novel und SF. Lethem engagierte sich in der Occupy Wall Street-Bewegung und ist, wie sein Jugendidol Norman Mailer, ein politischer Autor ohne Scheu davor, eine kritische Meinung zu vertreten. Bei uns hat er ein festes Heim im Tropen Verlag gefunden, wo er jetzt neben dort gut behandelten Genre-Autoren wie Roger Smith und Joe Lansdale steht.

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Lethem legt mit BEKENNTNISSE EINES TIEFSTAPLERS – MEMOIREN IN FRAGMENTEN (THE ECSTASY OF INFLUENCE) eine sowohl stilistisch wie analytisch brillante Esssay-Sammlung vor, wie man sie bei uns von keinem Belletristen erwarten kann. Es sind Essays zur Populärkultur. Ein Begriff, der Lethem nicht wirklich zusagt:
In einem kurzen Essay wendet er sich gegen diesen Terminus, da er mehr mit dem Ausdruck Alltagskultur anfangen kann, der „rege eher zum Nachdenken an, er lege Fragen und Differenzierungen nahe, statt Unterschiede zu überkleistern“. Leider ist die deutsche Ausgabe gekürzt. Ähnlich schlimmes muss man auch über die deutsche Veröffentlichung der Essays von Nick Tosches sagen.

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Im Mittelteil dieser Essay-Sammlung haut Jonathan Letham mächtig aufs System ein und knöpft sich die impotenten Krämer vor, die Angst davor haben, durch moderne Technologien ihre parasitäre Position im Zwischenhandel zu verlieren:

„Die Welt ist ein Haus, das mit popkulturellen Produkten und Emblemen zugemüllt ist…Diese Dinge gehören mir genauso wenig wie Gehsteige und Wälder, doch ich lebe mit und in ihnen, und wenn ich eine Chance haben soll, als Künstler oder Bürger zu bestehen, muss es mir erlaubt sein, sie zu benennen…
Die Vorstellung, dass kulturelle Erzeugnisse Eigentum sind – geistiges Eigentum – soll rechtfertigen, dass Pfadfinderinnen für die Lieder, die sie am Lagerfeuer singen, Lizenzgebühren bezahlen… Thomas Jeffersons Vision (vom Urheberrecht) wurde über die Jahrhunderte von jenen unterwandert, die Kultur als einen Markt betrachten, aus dem alles, was irgendeinen Wert hat, notwendig auch einen Eigentümer haben muss…“ Lethem beschreibt die ekeligen Warnfilme der Musik- und Filmindustrie, die illegales downloaden kriminalisieren und mit dem Diebstahl von Autos oder Handtaschen gleichsetzen und kommt zum Schluss: „(Gestohlene) Autos und Handtaschen stehen ihren Besitzern nicht mehr zur Verfügung, die Aneignung von geistigem Eigentum dagegen lässt das Original unberührt.“ „Doch die Industrie des kulturellen Kapitals, die nicht vom schöpferischen Akt profitiert, sondern von seiner Verbreitung, betrachtet den Verkauf der Kultur als ein Spiel, bei dem sie nicht verlieren kann… Die raubgierige Erweiterung von Monopolrechten lief dem öffentlichen Interesse immer zuwider, ob nun Andrew Carnegie den Preis von Stahl kontrollierte oder Walt Disney die Geschicke der Maus.“ Fast schon naiv klingt die ideologische Begründung, derer sich die Parasiten wohl gerne bedienen: „In der in Theorie der freien Marktwirtschaft gilt jeder Eingriff, der die Umwandlung in Eigentum behindert, als paternalistisch, da er die Freiheit des Bürgers in seiner Neubestimmung als potentieller Unternehmer beschneidet.“

Wie wenig (oder besser: gar nicht) dieses nur verkürzt als Kapitalismus zu bezeichnende System der Allgemeinheit dient, macht er unmissverständlich klar:„Wir müssen deshalb mit äußerster Wachsamkeit die Übergriffe derjenigen verhindern, die unser gemeinschaftliches Erbe für ihre persönliche Bereicherung ausbeuten. Solche Übergriffe auf unsere natürlichen und kulturellen Ressourcen haben mit Unternehmergeist und Eigeninitiative nichts zu tun. Vielmehr sind sie Versuche, dem Volk etwas fortzunehmen, um es einigen wenigen zu übereignen.“

Superhelden begleiten ihn seit der Kindheit. Er hatte selbst den 70er Marvel-Helden OMEGA revitalisiert. Witzig und nachdenklich lässt er sich über die Kostümträger und diverse Verfilmungen aus. Etwa über SPIDERMAN: „Ebenso hat Parker etwas von einem masturbierenden Teenager, wenn er hinter verschlossenen Türen seine neue Fähigkeit ausprobiert, klebrige Spinnweben-Masse zu verschleudern.“

Er schreibt über Dylan (dieser Text ist schon jetzt ein Klassiker), Marlon Brando, Sex im Film, Norman Mailer und – sehr ausführlich – über Science Fiction, insbesondere Philip K.Dick und J.G.Ballard und viele andere kulturelle Topoi. Memoiren sind diese Essays nur insofern, dass sie die innere Entwicklung des Autors verfolgen. Das ist Analyse und Kritik der Popkultur, Lethem möge mir verzeihen, auf einem Niveau, von dem das deutsche Print-Feuilleton nur träumen kann. Für diese Spießbürger hat er auch ein paar warme Worte: „Die Vorstellung, dass die um ihren Status besorgten Wächter der hohen Literatur eine anerkannte Unterklasse (etwa die SF) benötigen, die sie verachten können, schien mir nie zu exotisch als Diagnose.“

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Sein jüngster Roman, CHRONIC CITY, ist bei Tropen ebenfalls lieferbar und wird durch die vorherige Lektüre der Essays beim Leser fast wie eine praktische Demonstration seiner theoretischen Überlegungen. Es ist eine Art Bildungsroman für das 21.Jahrhundert und bestätigt Letham als einen der originellsten und intelligentesten Autoren der zeitgenössischen Weltliteratur.




SPYTHRILLER: THE LOSERS by Martin Compart
20. November 2012, 4:53 nachmittags
Filed under: Comics, Conspiracy, LOSERS, Rezensionen, Spythriller | Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Ein intelligenter Geist schrieb über diesen Polit-Thriller: “der Comic, den nicht mal Hollywood kaputtmachen konnte”. Und fürwahr – Sylvain Whites Verfilmung aus dem Jahre 2010 bescherte uns nette Unterhaltung für Sonntagnachmittage. Ich halte mich jedoch lieber an Andy Diggles gezeichnete Vorlage und ihren düsteren Zynismus.

Er wolle einen Comic für Leute machen, die sonst keine Comics lesen, verkündete Autor Andy Diggle zum Start der Serie 2003. Das ist ihm wohl gelungen; dieser Comic wird auch Conspiracy-Thriller- und Robert-Ludlum-Leser in den Bann schlagen. Vielleicht habe ich in den letzten paar Jahren so wenige Comics gelesen, weil die Story selten hielt, was das Artwork versprach. Und mit Superhelden in lächerlichen Karnevalsklamotten kann ich sowieso nicht mehr viel anfangen.

Polit-Thriller im Comic sind relativ selten. Auf Anhieb fallen mir lediglich “XIII”, “Largo Winch”, “Black Op” (dazu demnächst mehr) und Greg Ruckas “Queen & Country”-Comics (die er auch zur Romanserie verarbeitete) ein. Diggles Comic scheint mir auch von TV-Serien wie “La Femme Nikita” oder “24” beeinflußt – jedenfalls mehr als vom manichäischen Dualismus eines J. J. Abrams (“Alias”), der uns den Kampf einer guten CIA gegen eine böse CIA verkaufen will. Tempo und Komplexität der Nebenhandlungen sind mit modernen Polit-Thrillern wie den Werken von Vince Flynn, Gayle Lynds, Tom Cain oder Daniel Silva vergleichbar. Auch kann man Diggle nicht jene politische Naivität vorwerfen, die das Medium zu noch oft kennzeichnet. Der Autor hat jedenfalls seine Hausaufgaben bezüglich des Themas CIA gemacht. Durch die Recherche hat sich sein ganzes Weltbild verändert:

“Very much for the worse, I´m sorry to say. The CIA running drugs pales into insignificance next to some of the stuff that´s going on out there. I can almost see why people would rather just bury their heads in the sand and pretend it isn´t happening. It´s just too depressing for words. I´ve discovered a lot of stuff that made my hair stand on end, frankly. People think I just invented stuff like the ‘Proactive Pre-emptive Operations Group – the top-secret Defense Department operation specifically designed to provoke terrorism. And because it´s run out of the Pentagon, it´s not accountable either to Congress or to the American people. Don´t believe me? Google it. The ‘Policy Analysis Market’ is another one. Seriously, you can´t make this shit up.”

Der Zynismus amerikanischer Politiker schockierte ihn zusätzlich:

“Over half a million children died as a direct result of our sanctions on Iraq, and when U.S. Secretary of State Madeleine Albright was asked whether this price was worth it, she replied, ‘I think this is a very hard choice, but the price … we think the price is worth it.’ That gave me a moment of pause. So half a million dead children is a price these people gladly pay to get one over on their old buddy Saddam – a monster who was still being subsidized by British and American taxpayers even after he started gassing his own people. Nice.”

Natürlich ist Diggle Engländer. Seit Alan Moore, Garth Ennis und Neil Gaiman heißt es ja, daß die besten US-Comics von Briten gemacht werden (die oft aus dem Umfeld des Magazins “2000 AD” stammen, dessen Redakteur Diggle war).

Ursprünglich wollten Diggle und Zeichner Jock irgendeine alte Serie wiederbeleben. Beim Durchforsten der DC-Welt stießen sie auf die Zweite-Weltkriegs-Reihe “The Losers”. Die von Robert Kanigher erfundene Commando-Serie, die zeitweilig von Jack Kirby gestaltet und geschrieben wurde, lief von 1970 (Nr. 123) bis 1978 (Nr. 181) in “Our Fighting Forces”. Am Ende der Serie gehen dann alle drauf, inklusive Sergeant Clay, der wohl der Großvater – dies eine Reverenz von Diggle an die ursprüngliche Serie – des neuen Loser-Chefs Franklin Clays ist.
Kollege Florian Lieb charakterisierte zum Filmstart 2010 die Serie recht treffend im EVOLVER: Der Comic “handelt vom Black-Ops-Teams der Loser, einer Einheit rund um Lieutenant Colonel Franklin Clay und dessen vier Untergebene. Nach einer verdeckten Mission von ihrem Kommandeur abgeschossen und für tot gehalten, haben sie es sich zum Ziel gesetzt, ihr Leben zurückzuholen und jenen Vorgesetzten, den mysteriösen Max, zu liquidieren.

Dabei stoßen sie auf eine Verschwörung weltweiten Ausmaßes, in die neben dem Königreich Katar anscheinend auch das Verteidigungsministerium der USA verwickelt ist. Schnell verwischen die Grenzen zwischen Freund und Feind, und immer wieder fragen sich die Losers, ob sie nicht bloß Spielball und Mittel zum Zweck sind. Mit jedem Band vergrößert sich das Komplott, wird die Verschwörung immer komplexer. …
Jocks Zeichenstil variiert von Ausgabe zu Ausgabe, wodurch die Bilder manchmal mehr, manchmal weniger gelungen sind. Mehr Konstanz und Realismus (wie etwa bei Pia Guerra in Brian K. Vaughans ‘Y: The Last Man’) wären wünschenswert gewesen. So wirken die Figuren vereinzelt wie aus einem Samstag-Morgen-Cartoon – ein ziemlich störender Wechsel.”

Jocks kantiger, grobflächiger, an Storyboards erinnernder Stil ist auch nicht immer nach meinem Geschmack. Trotzdem muß ich zugeben, daß er die Geschichte dynamisch und effektiv vorantreibt. Die kinematischen Seitenaufteilungen und Perspektiven saugen den Leser mitten ins Geschehen. Die weiteren Zeichner – Nick Dragotta, Alé Garza und Ben Oliver – paßten sich dem vorgegebenen Stil von Jock an, behielten aber ihre Eigenheiten bei. Als alten Colin-Wilson-Fan freute es mich besonders, daß der Neuseeländer in den Heften 26 bis 28 zum Zuge kam. “The Losers” ist vor allem die Serie des Szenaristen, und alle Zeichner stellten sich in den Dienst der Story. Diggle liefert auch gerne einmal bestens zitierfähige Zeilen ab, wie zum Beispiel: “Der Weg ins Verderben wird ständig instandgehalten.” Oder: “So eine beschissene Operation habe ich seit Michael Jacksons letztem Facelifting nicht mehr gesehen.” Und schließlich: “Wir sind in ein billiges Lagerhaus umgezogen. Washington bezahlt weiter für das Büro, und wir kassieren die Differenz. Clever, was? Alle anderen macht der Krieg gegen den Terror reich. Warum sollen wir nicht auch ein Stück vom Kuchen abkriegen?”

“The Losers” war von Anfang an als Serie mit begrenztem Umfang geplant. Zuerst waren nur vier Hefte projektiert, dann baute Diggle die Story auf 32 Hefte aus. Der Erfolg hielt sich in Grenzen. In den 20er-Nummern sank die Auflage auf 7000 Exemplare – das übliche Schicksal eines Kult-Comics. Mit der Veröffentlichung der Sammelbände als Trade-Paperbacks setzte dann der Profit ein. Das hatte sogar Vertigos Vertrieb geahnt: Bei einer ängstlichen Nachfrage von Diggle, ob die Serie abgesetzt würde, versicherte ihm die Vertriebschefin, daß man sie bis zum geplanten Ende durchziehen würde. Nun liegen auch bei uns die kompletten “The Losers” in fünf Paperbacks vor, in der gewohnten Panini-Qualität und der sauberen Übersetzung des alten Comic-Cracks Bernd Kronsbein.

“The Losers” wird gern mit der TV-Serie “The A-Team” verglichen (wohl auch, weil beide Filmversionen fast gleichzeitig in die Kinos kamen). Der Vergleich stimmt jedoch nur sehr oberflächlich. In beiden Serien geht es um ein Ex-Special-Force-Team, das betrogen wurde und dann auf der offiziellen Abschußliste landet. Aber Stephen J. Cannels (den ich ansonsten sehr geschätzt habe, schon wegen “Wiseguy”) Schrott-TV ist naiver Kinderkram, während Diggles Comic politische Dimensionen hat, deren zynische Weltsicht in der Realität verankert ist. Während Jean Van Hamme für “XIII” schamlos Ludlum geplündert hat (und “Largo Winch” einiges dem inzwischen vergessenen Bestsellerautor Paul-Loup Sulitzer verdankt), ließ sich Diggle von den modernen Commando-Thriller-Autoren (Andy McNab oder Chris Ryan) inspirieren. Er langweilt nicht und beleidigt auch nicht (trotz des umstrittenen Endes) die Intelligenz der Leser.
Und deshalb kann man als Polit-Thriller-Fan guten Gewissens zur Abwechslung auch einmal Comics lesen …

DIGGLE VORTRAG PART.2



SCARFACE 2/ by Martin Compart
4. August 2012, 3:38 nachmittags
Filed under: Comics, Film, Noir, ORGANISIERTE KRIMINALITÄT, SCARFACE | Schlagwörter: , , , , ,

Anlässlich der deutschen Veröffentlichung des SCARFACE-Comics bei Schreiber & Leser, möchte ich nochmals an den Mythos erinnern, der in seiner populärkulturellen Bedeutung nicht überschätzt werden kann.

Auch der große Jack Kirby bearbeitete zweimal SCARFACE: 1947 und 1971.

FILM:

Howard Hawks Verfilmung von SCARFACE (1932) war der dritte große Gangsterfilm nach LITTLE CAESAR und PUBLIC ENEMY, der das Genre für die nächsten Jahrzehnte prägte und Stereotypen und Rituale festlegte. Dieser von Howard Hughes produzierte United Artists-Film erregte die Gemüter der Zensoren noch mehr als die beiden Gangsterfilme von Warner Brothers. Drei Schluss-Sequenzen wurden für den Film gedreht. Dabei wurde das übliche Klischee, wie der einstige furchtlose Gang-Boss um Gnade bittet, zur Freude der Zensoren bei den meisten Vorführungen in den USA verwendet. Das schönste Ende ist aber sicherlich die Version, in der Paul Muni von Maschinengewehrkugeln niedergemäht wird, vor dem Cook Tours-Zeichen mit der Aufschrift THE WORLD IS YOURS. Wie kompliziert die Adaption für den Film in Zeiten heftiger Zensur gewesen sein muss, sieht man an der langen Namensliste der Drehbuchautoren. Beteiligt am Drehbuch waren: Ben Hecht, Seton I.Miller, John Lee Mahin, William R.Burnett (der Romanvorlagen für LITTLE CAESAR, HIGH SIERRA, ASPHALTJUNGLE und mehr lieferte) und Fred Palsey.

Burnett: “Ein Agent von Howard Hughes rief mich an und bot mir 2000 Dollar pro Woche für die Arbeit am Drehbuch zu SCARFACE. Grundlage war dieses Buch von einem Heini namens Armitage Trail. Ein schlimmes Stück Mist – Pulp-Magazin-Zeugs eben. Ich arbeitete nicht für Howard Hawks, sondern für Hughes, der mir auch ein Büro gab. Plötzlich hatte ich zwölf verschiedene Drehbuchfassungen von SCARFACE auf dem Tisch. Egal. Ich schrieb ein komplettes Buch. Als ich fertig war, setzte Hughes den Drehbeginn an. Aber Hawks mochte nicht, was ich geschrieben hatte und holte zehn Tage vor Drehbeginn Ben Hecht dazu. Ben sagte: Ich schreib’ euch ein drehbares Skript in zehn Tagen und kriege täglich 1000 Dollar ausbezahlt. Hecht war brillant, brauchte aber immer Geld. Ich denke, Ben Hecht war letztlich dafür verantwortlich, dass der Film gedreht wurde.”

Laut anderen Quellen schrieb Hecht in zwei Wochen sechzig Seiten des Drehbuches. Dann wollte er zurück nach New York und übergab die Arbeit an John Lee Mahin mit den Worten: “Voller Löcher, das Ding. Kaum Dialog. Das ist eher ein gutes Treatment. Du wirst Probleme haben, aber das ist dein Job.” Hawks behauptete, er wäre zu Ben Hecht gegangen und hätte ihm die Anweisung gegeben, “Al Capones Geschichte wie die der Borgias zu erzählen”. Mahin: “Falsch. Ben sagte das zu Hawks. Ich habe selbst gehört, wie er es ihm sagte. Die Borgias faszinierten Ben schon immer. Ich bin mir nicht mal sicher, ob Howard die Borgias überhaupt kannte. Vielleicht. Wahrscheinlich hat er aber im Lexikon nachgeschaut, nachdem Ben ihm das gesagt hatte. Howard ist ein großer Lügner. Er behauptete auch, die Idee, wie George Raft mit der Münze spielt, sei von ihm. War es nicht. Das stand alles schon im Drehbuch. Ben hatte auch das erfunden.” Raft musste das Flippen der Münze tagelang üben, bevor er es so gut konnte, dass er dabei einen anderen Schauspieler ansehen konnte.

Gleichzeitig arbeitete auch Seton Miller, ein alter Weggefährte von Howard Hawks, an dem Buch. Mahin konzentrierte sich auf die Dialoge, und schließlich erstellten die beiden Autoren zusammen mit Hawks die letzte Fassung. Angeblich verlangte Al Capone, der von dem Filmprojekt erfahren hatte, Einblick ins Drehbuch, das frei seine Lebensgeschichte erzählen sollte, zu nehmen. Der Capone-Biograph John Kobler schreibt: Eines nachts, so erzählte Hecht später, klopfte es plötzlich an der Tür seines Hotelzimmers in Los Angeles. Als er öffnete, standen zwei finster blickende Unbekannte vor ihm. Auf irgendeine Weise waren sie an eine Kopie seines Drehbuchs gekommen.

“Sind Sie der Mensch, der das geschrieben hat?” fragte der Mann mit dem Skript in der Hand.
Hecht bejahte.
“Wir haben es gelesen.”
“Und wie fanden Sie es?”
“Ist dieses Zeug über Al Capone?”
“Gott bewahre! Ich kenne Al noch nicht mal.” Er nannte die Namen einiger Gangster, die er in Chicago als Reporter kennen gelernt hatte – Colosimo, O’Bannion, Hymie Weiß…
“Okay. Wir sagen Al, dass dieses Zeug über andere Brüder ist.” Als sie gerade gehen wollten, fiel ihnen noch etwas ein:
“Wenn das Zeug nicht über Capone ist, warum haben Sie es dann SCARFACE genannt? Jeder denkt, dass er es ist.”
“Genau deshalb. Al ist einer der berühmtesten und faszinierendsten Männer, die es gibt. Wenn man den Film SCARFACE nennt, will jeder ihn sehen, weil er glaubt, er ist über Al. Das gehört zu den Tricks im Showgeschäft.”
“Werd’ ich Al sagen. Und was ist dieser Howard Hughes für ein Kerl?”
“Der hat damit gar nichts zu tun. Das ist der Dummkopf mit dem Geld.”
“Okay. Hol ihn der Teufel.” Befriedigt zogen sie ab.

Den Titelzusatz Shame of a Nation hatte ein Zensor des Hays Code durchgesetzt. Anscheinend war Capone von den Berichten seiner Drehbuch-Controler nicht völlig überzeugt. Jedenfalls besuchten einige von Capones Leuten die Dreharbeiten und wollten eine Preview des Films sehen. Hawks sagte ihnen, Al könne sich eine Eintrittskarte kaufen, wenn der Film in den Kinos sei. Capones Leuten gefiel diese Antwort überhaupt nicht, und sie machten ein bisschen Druck. In Windeseile stellte Hawks für sie eine Rohfassung zusammen. Den Gangstern gefiel der Film, und sie berichteten das Capone. Daraufhin wurde Hawks nach Chicago zu einer Audienz bei Capone eingeladen. “Capone und ich tranken zwei, drei Stunden Tee miteinander. Er hatte einen Morgenrock an.” Zur Premiere des Films in Chicago schenkte Capone Hawks eine Miniaturmaschinenpistole und verlangte, daß George Raft zu ihm kommen sollte. Raft erzählte seinem Biographen Lewis Yablonsky von dem Gespräch: Capone rieb sich die berühmte Narbe und sagte: “Sag’ den Typen in Hollywood, sie kennen Al Capone nicht. Sie haben mich am Ende des Films umgelegt. Niemand legt den König von Chicago um. Sag’ ihnen das.” Als ich verschwinden wollte, sagte er: “Georgie, du spielst in dem Film meinen Leibwächter und machst dauernd mit dieser Münze rum.”
“Nur theatralisches Zeug.”
“War das ein viertel Dollar?”
“Nein. Ein Nickel.”
“Das ist schlimm. Sag’ ihnen, wenn einer meiner Leute mit einer Münze spielen würde, dann mit einer goldenen Zwanzigdollar Münze.” Ich wusste nicht, ob er nur Spaß machte oder es ernst meinte. Jedenfalls mochte er den Film und die Aufmerksamkeit, die er durch ihn bekam.

REMAKE?

1980 sah der amerikanische Produzent Martin Bregman im Nachtprogramm eines TV-Senders Howard Hawks Klassiker SCARFACE. Sofort dachte er daran, eine zeitgenössische Version des Films zu realisieren. Und er sah eine Chance für Al Pacino, mit dem er zuvor schon bei DOG DAY AFTERNOON (HUNDSTAGE) und SERPICO zusammengearbeitet hatte, “einen Charakter auf die Leinwand zu bringen, den Pacino nie zuvor gespielt hatte und der seit James Cagney in WHITE HEAT nicht mehr zu sehen war”.

Bregman wollte aber kein simples Remake: “Die Unterwelt hat sich, wie alles andere auch, geändert seit den Tagen von Capone. Inzwischen ist Kokain das große Geschäft geworden. Jemand, der skrupellos, clever und hungrig genug ist, kann unglaubliches Geld machen, indem er Drogen von Südamerika in die USA bringt.” Das Drogengeschäft, dass immer auch mit Unterstützung von so edlen Organisationen wie CIA oder DEA gemacht wird, ist für die Entwicklung der Organisierten Kriminalität genauso wichtig, wie es einmal das Alkoholverbot war. Riesige illegale Vermögen werden und wurden verdient und in den legalen Weltfinanzkreislauf eingespeist. “Mit dem Geld aus dem Drogenhandel könnte man locker ganz Schwarzafrika und mehr aufkaufen”, sagte einmal der zu ehrliche DEA-Fahnder Levine, der am eigenen Leib feststellen durfte, dass politische und wirtschaftliche Verantwortungsträger nicht das geringste Interesse daran haben, dieses schmutzige Geschäft zu zerstören. Oder wie es ein Wall Street-Banker in der bahnbrechenden Noir-TV-Serie MIAMI VICE ausdrückte: “Unsere Freunde in Südamerika können uns ihre Schulden nicht mit Indianerschnitzereien zurückzahlen.” Ein genialer Einfall von Stone und Bergman, die zeitgenössische Interpretation von SCARFACE in diesem Geschäft anzusiedeln!
Im Mai 1980 ließ Fidel Castro 125 000 Kubaner vom kubanischen Hafen Mariel aus in die USA deportieren. Castro nutzte die Chance, um Kubas Kriminelle in die USA zu exportieren. Versteckt unter den Neuankömmlingen befanden sich das schlimmste Gesindel und Psychopathen. Fast der gesamte Abschaum der Insel. Fidel muss sich krankgelacht haben, als er die Knäste leerte und diese Horrorgestalten bei den Erzfeinden abkippen durfte.

Ausgehend von diesen Ideen, holte Bregman Oliver Stone als Drehbuchautor zu dem Projekt. Zwei Monate recherchierte Stone in der lateinamerikanischen Unterwelt von Südflorida. Er sprach mit Mulis, FBI-Agenten und Straßendealern, dann flog er zur Karibikinsel Bimini und weiter nach Kolumbien, Ecuador und Peru. “Damals fühlte ich mich ziemlich bedroht. Die meiste Zeit verbrachte ich zwischen Mitternacht und Tagesanbruch in dubiosen Gegenden. Es ist nicht gerade die sicherste Zeit, erst recht nicht, wenn man dauernd Leute trifft, die sich vielleicht hinterher überlegen könnten, dass sie dir zuviel erzählt haben”, erinnerte sich Stone. Das fertige Drehbuch schickte Bregman an Brian de Palma, der gewöhnlich seine Filme selbst schreibt (vielleicht sein größter Fehler als Filmemacher), aber Stones Skript akzeptierte. Pacino begann auf die für ihn typische Art mit den Vorbereitungen: Er zog nach Miami und trieb sich unter Exilkubanern herum um die Bräuche und Spracheigenheiten der Marielitos kennen zu lernen, die so genannt werden, weil sie ursprünglich vom kubanischen Hafen Mariel aus nach Florida kamen. Während der Dreharbeiten sprach er ausschließlich in diesem Slang.
In Brian de Palmas Version spielt die Handlung während der 80er Jahre im MIAMI VICE-Territorium. Tony Montanas (Pacino) flieht von Kuba nach Miami, um dort seinen eigenen amerikanischen Traum zu verwirklichen. Durch Drogenhandel im großen Stil wird er einer der mächtigsten Kingpins und muss feststellen, dass man genauso brutal die Macht verteidigen muss, wie man sie erobert hat. Nichts ist ihm dabei zu schmutzig. Am Ende ist er isoliert und der Schlachten mit seiner Frau (Michelle Pfeiffer), die zur Fixerin wurde, müde.
Der arme Maurice Coons, alias Armitage Trail, hat bestimmt nicht im Traum daran gedacht, dass sein Roman so einflussreich werden würde. Dieser Roman und Burnetts LITTLE CAESAR waren die Grundlage für die Mythologisierung des Gangsters zu einer Pop-Ikone des 20.Jahrhunderts.

NACHTRAG ZUM COMIC:
Ein naiver Kritiker, der den SCARFACE-Mythos nicht richtig einordnen konnte, sah diesen im Comic gar entzaubert: „De Metter entzaubert in einer schönen Miniatur einen der berühmten Topoi über das Gangstertum in Chicago und dessen soziale Funktion (Armenspeisung etc.) als reinen Kitsch: Camonte ist nett zu Kids aus der Unterschicht, derweil seine Jungs (offscreen) einen Feind foltern…“ Einem Geschäftsmann wie Capone Altruismus (Armenspeisung etc.) zu unterstellen, ist ziemlich naiv. In seiner sozialdemokratischen Romantik sah er wohl Gegensätze bei zwei Seiten derselben Medaille. Wahrscheinlich begreift er nicht die systemimmanenten Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft: Das zum Beispiel die Kinder der Armen in Kriegen für die Wirtschaftsinteressen der Reichen verheizt werden, gleichzeitig aber ein Präsidenten-Darsteller eine Gesundheitsreform durchsetzen darf, die durchaus die Lebensbedingungen der Armen verbessern könnte (und der Pharmaindustrie neue Märkte erschließt). Capones Armenspeisungen hatte die knallharte Funktion, sich ein nützliches Sympathisanten-Netzwerk zu schaffen.

http://www.amazon.de/PAINT-BLACK-%C3%BCber-Noir-Fiction-ebook/dp/B00F5FUIZ2/ref=sr_1_39?s=books&ie=UTF8&qid=1379059878&sr=1-39&keywords=martin+compart



SCARFACE – DER MYTHOS LEBT! by Martin Compart

Heiss erwartet und endlich da: die deutsche Ausgabe von Christian De Metters Interpretation von Armitage Trails Noir-Klassiker SCARFACE. Erschienen in der gnadenlosen Noir-Reihe von Schreiber & Leser in der gewohnt edlen Aufmachung, die den formalen Begriff „pulp“ Lügen straft. Gelegentlich bespreche ich die gesamte Reihe, die für jeden Noir-Fan unverzichtbar ist. Ich sage nur: Comicadaption von Manchettes BLUTPRINZESSIN…


Das Cover mit den plastisch wirkenden Einschusslöchern wäre ein tolles Poster.
Wie bei einer Filmadaption muss sich auch der Comic-Künstler beschränken, eine Auswahl treffen und eine eigene Struktur für seine Interpretation zu schaffen. De Metter bleibt eng an der Vorlage und nutzt alle Schlüsselszenen um eine werkgetreue Adaption zu schaffen.
De Metter taucht sein Chicago der 1930er Jahre in dunkle, grünlastige Pastelltöne und schafft so eine düstere Atmosphäre, die dem Sujet entspricht. Seine Panels sind deutlich an der Filmsprache des klassischen Gangsterfilms orientiert, ein Kaleidoskop der geradezu archetypischen Bilder des Genres.
SCARFACE wurde bereits mehrfach im Medium Comic behandelt: 2006 waren bei IDW in den USA fünf Hefte eines SCARFACE-Comics von John Laymon erschienen, der sich auf Brian dePalmas Film bezog. Danach gab es noch eine eindrucksvolle Version, DEVIL IN DISGUISE, von Joshua Jabqua und Alberto Dose, die ein Prequel zum Film von 1983 darstellte. Drehbuchautor David Ayer, der die grandiosen Neo-Noirs TRAINING DAY (fast eine Blaupause für die TV-Serie THE SHIELD) und DARK BLUE (mit James Ellroy im credit, obwohl von ihm kaum etwas in den Film kam) schrieb, arbeitet an einem neuen SCARFACE-Film.

Eine gute Gelegenheit, mal wieder den Mythos Scarface zu betrachten:

Die letzten Minuten im klassischen Gangsterfilm – und auch oft im Roman – gehörten der Zensur. Ob wir es glaubten, oder nicht, am Ende der Geschichte mussten sie alle ins Grass beißen, von Rico bis Tony. Entweder im Kugelhagel oder auf dem elektrischen Stuhl. Hollywood erzählte allen ernstes, dass das Gangstertum sich nicht lohne und von aufrechten Bullen oder gar Politikern (ein Widerspruch in sich) besiegt würde. Aber da es dauernd besiegt wurde und wird, bis heute, drängt sich der Verdacht auf, dass garnix besiegt wurde. Und das ist ja auch kein Wunder. Das organisierte Verbrechen war immer Bestandteil des amerikanischen Systems. Die brutalen Methoden der Vieh- oder Eisenbahn- und Stahlbarone der glorreichen Pionierzeit unterschieden sich nicht von denen eines Johnny Torrio, Al Capone oder Frank Nitti. Halt! Ein Unterschied ist auffällig: Kein Chisum oder Carnegie finanzierte Suppenküchen für die Armen, das tat aber Capone. Während sich die Räuberbarone als amerikanische Aristokratie etablieren konnten, da sie die Gesetzgebung weitgehend kontrollierten, mussten sich die Leute, die mit illegalen Substanzen und Dienstleistungen handelten, in eine mal mehr, mal weniger geduldete Gegenwelt abdrängen lassen. Der Gangster wurde zum „feudalistischen Kapitalist“ (seine Leute haben den Status von Leibeigenen und Unfreien, werden aber versorgt). Er ist im politischen und wirtschaftlichen Gefüge etabliert und als gesellschaftliche Kraft am politischen Entscheidungsprozeß (die Mafia bestimmte mit, dass Roosevelt und Kennedy ins Weiße Haus einzogen) hochgradig beteiligt.

Als extremer Vertreter eines Raubtierkapitalismus stand und steht das Organisierte Verbrechen der Wall Street und Washington immer näher als dem Gefängnis. Es ist wohl kaum ein Zufall, dass Vertreter des Establishments wie Anwälte, Geschäftsleute, Banker oder Beamte im Gangster-Genre als schwächlich und korrupt dargestellt werden. Im Vergleich zum enthemmten Unternehmer, der der Gangsterboss schließlich ist, sind die Angehörigen einer auf der Kippe stehenden Sozialstruktur, die sich zumindest rudimentär an einen Gesellschaftsvertrag hält, Weicheier. Der Gangster-Unternehmer riskiert nämlich was, um sich hoch zu boxen. Dagegen sind die Staatsdiener lediglich die Schmarotzer des Systems. Was diesen frühen Beispielen (im Gegensatz zum Gangstergenre ab den 60er Jahren wie etwa bei Richard Stark) fehlt, ist die Umwandlung des patriarchalischen Prinzips in eine Managementorganisation, die geschäftlich unauffällig illegales Kapital in den legalen Wirtschaftskreislauf einspeist, legalisiert um so in etablierten Herrschaftsschichten aufzugehen.

Einer der ersten Autoren, die sich mit den Profiteuren der Prohibition (der Goldrausch des Organisierten Verbrechens) beschäftigten, war eben dieser Armitage Trail mit SCARFACE.

Armitage Trail war das Pseudonym von Maurice Coons. Sein Vater war ein Impressario, der als Road Manager für die New Orleans Opera Company arbeitete und auch noch Getreidesilos und Möbel herstellte. Sein Bruder war der humoristische Schriftsteller Hannibal Coons. Mit sechzehn Jahren ging Maurice von der Schule ab, um sich künftig ganz dem Schreiben zu widmen. Innerhalb der nächsten zwei, drei Jahre hatte er sich als Autor von Stories für die Pulps etabliert. Unter verschiedenen Pseudonymen füllte er oft eine komplette Ausgabe von Detective-Story-Pulps. Ende der zwanziger Jahre lebte er in Chicago und kam mit verschiedenen sizilianischen Gangs in Berührung. Und natürlich beobachtete er auch wie Al Capone die Stadt beherrschte. Monatelang trieb sich Coons nachts zusammen mit einem befreundeten Anwalt in den Klubs des Chicagoer Ganglands herum. Tagsüber saß er in seiner Wohnung am Oak Park und schrieb an SCARFACE.

Coons hatte genau hingeschaut. Sein Roman strahlt eine Authentizität aus, die noch heute spürbar ist und fasziniert. Ja, seine Beschreibung einer durch und durch korrupten Welt, in der nur die skrupellosesten überleben, erscheint heute wieder aktueller denn je. Mit kalter Präzision führt er den urbanen Dschungel vor und jagt dem heutigen Leser manchen Eisesschauer über den Rücken. Im Gegensatz zu vielen späteren Autoren verklärt er nichts, sondern führt schonungslos ein erschreckendes Zeitbild vor. Es ist die Zeit der Bandenkriege und Prohibition, die für die wirtschaftliche Integration des Organisierten Verbrechens notwendige Voraussetzung war. Es ist die Zeit, für die ein Name steht: Al Capone. Der Roman wurde sofort ein großer Erfolg, da er den Zeitgeist widerspiegelte und Einblick in die Welt des Organisierten Verbrechens vermittelte. Der Normalbürger konnte in diesen Jahren kaum Berührung mit Gangstern vermeiden (trank er dazu noch Alkohol, verhielt er sich ja selbst wie ein Krimineller). Aber tieferen Einblick erhielt er über die Zeitungslektüre hinaus nicht. Da konnte nur die vermeintliche Fiktion nachhelfen, und W.R.Burnetts LITTLE CAESAR und Trails SCARFACE wurden als Schlüsselromane rezepiert. Es waren für die Gegenwart kalkulierte Bestseller, die zu Klassikern wurden. Auch heute noch überzeugt Trails frischer Stil. Trotz gelegentlicher Überlegungen, Phrasen und Anmerkungen, die von heutigen Autoren nicht mehr erzählt oder reflektiert würden, wirkt der Roman erstaunlich authentisch und modern. Aktuell ist auch die gesellschaftliche Beschreibung: Damals wie heute stellt die Organisierte Kriminalität eine Macht da, die ganze Staaten erschüttern oder zum Einsturz bringen kann (Rußland und Kolumbien augenscheinlich, Belgien und Italien ebenso). Das Organisierte Verbrechen als höchste Stufe des Kapitalismus, als Wirtschaftsliberalismus ohne Gesellschaftsvertrag. Hobbes hätte seine helle Freude an diesem Anschauungsmaterial gehabt.

Al Capone selbst, der die hauptsächliche Inspiration für seinen Roman war, lernte Coons nie persönlich kennen. Er lebte in New York, bevor er nach Hollywood ging, um eine Karriere als Drehbuchautor anzustreben. Trail bekam von Howard Hughes 25.000 Dollar für die Verfilmungsrechte von SCARFACE. Auf ziemlich miese und selbstgefällige Weise erinnerte sich William R.Burnett an seine Arbeit am SCARFACE-Film: “Trail war glücklich darüber, ein paar Dollar in der Tasche zu haben. Er brauchte immer Geld. Für den Rest seines Lebens war er nicht mehr nüchtern und starb an einer Herzattacke in Grauman’s Chinese Theatre. Hughes wollte im Grunde nur den Titel haben und etwas Material aus diesem Pulp-Ding. Bevor er mich verpflichtete, hatten sich ungefähr zwölf Autoren an dem Drehbuch versucht. Ich bekam 2000 Dollar die Woche und schrieb ein völlig neues Drehbuch.”
Coons war keine dreißig Jahre alt und wog dreihundert Pfund, als er an einer Herzattacke im Kino starb. Er lebte nicht lange genug, um den Film nach seinem Roman zu sehen. Außer SCARFACE ist nur ein weiterer Roman als Buchveröffentlichung bekannt: die hard-boiled-novel THE THIRTEENTH GUEST von 1929.
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