Martin Compart


DER ERSTE POP-DETEKTIV: KOOKIE in 77 SUNSET STRIP by Martin Compart
29. August 2016, 8:06 pm
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Ende der 50er Jahre wehte ein neuer Wind im Privatdetektiv-Genre: Keine schäbigen Schnüffler mit verlausten Büro und Trenchcoat, sondern gut gekleidete Jungdynamiker, die viel Geld verdienten und teure Autos fuhren gaben den Ton an. Der wirtschaftliche Aufschwung hatte endlich auch die Private Eyes erreicht.

Der erste Pop-Star der Seriengeschichte war Nachwuchsdetektiv Kookie, alias Edd Byrnes, der fast ununterbrochen seine unglaubliche Tolle in Form harkte. Die erste Krimi-Fernsehserie, die bei Teenagern einen Starkult hervorrief, war 77 SUNSET STRIP mit dem Kammfetischisten Edd Byrnes als unvergessener Kookie, bei uns von Hans Clarin synchronisiert. In dieser Krimiserie um ein Hollywooder Privatdetektivbüro wurde mit der Figur Kookie  der Nachkriegsjugend und Rock’n Roll-Generation erstmals eine überzeugende Identifikationsfigur geliefert. Roy Huggins, der Erfinder der Serie und einer der wichtigsten Fernsehproduzenten überhaupt, hatte das natürlich nicht so geplant: „Kookie war nur eine Nebenrolle. Der Junge, der die Autos für das Restaurant neben dem Detektivbüro parkte und gerne Privatdetektiv werden wollte.“ Byrnes fing an, für Erwachsene schwer verständlichen Kauderwelsch zu reden. Er brachte damals so neue Worte wie „steiler Zahn“ und „Wuchtbrumme“ ins Fernsehen, saß ewig grinsend in einem Ford Modell T und machte sich um nichts in der Welt mehr Sorgen, als um den Sitz seines Haupthaares, den er alle paar Minuten mit dem Kamm überprüfte. Wie üblich, mußte Byrnes auch noch singen. Zusammen mit der Kollegin Connie Stevens aus HAWAIIAN EYE hatte er einen Hit mit der High-School-Single KOOKIE, KOOKIE, LEND ME YOUR COMB.

Aber 77 SUNSET STRIP hatte darüber hinaus für die Entwicklungsgeschichte der Fernsehserie noch größere Bedeutung. Roy Huggins, der auch Serien wie AUF DER FLUCHT, BARETTA, MAVERICK oder DETEKTIV ROCKFORD konzipierte, führte mit ihr die erste einstündige (nach Abzug der Werbung 45 Minuten) Privatdetektivserie im Fernsehen ein. Ein Sendeform, die sich gerade bei amerikanischen Krimiserien als Standard bewährt hat. Huggins erinnert sich: „Ich ging 1955 zum Fernsehen aus einem einfachen Grund: Fernsehen war ein Medium für Produzenten, Kino eines für Regisseure. Als ich noch Drehbücher schrieb und Regie führte wurde mir klar, daß ich keine Lust mehr hatte, den ganzen Tag auf den Beinen zu sein. Und genau das muss ein Regisseur. Außerdem erkannte ich instinktiv, dass mit Fernsehserien mehr Geld zu verdienen war und man mehr Freiheiten hatte. Ich begann mit Western, meiner ersten Liebe. Ich machte CHEYENNE und MAVERICK, und das veränderte die Westernserien und war ein Riesenerfolg. Dann erfand ich 77. Ich ging zum Studio und sagte: Bisher gab es noch keine einstündige Privatdetektivserie. Das muß hinhaun! Sie stimmten zu. Es hatte auch keine einstündigen Westernserien gegeben, bevor ich CHEYENNE machte. Und da hatte es schließlich auch funktioniert.“

Als Vorlage für die Serie dienten Huggins der Roman THE DOUBLE TAKE, den er 1946 veröffentlicht hatte, und einige Kurzgeschichten um den Privatdetektiv Stu Baily. In der Anthologiereihe CONFLICT brachte Huggins Efrem Zimbalist Jr. erstmals 1957 in der Episode ANYTHING FOR MONEY nach seiner Kurzgeschichte DEATH AND THE SKYLARK von 1952 als Stu Bailey auf den Bildschirm.

The Double Take-1[1]

Zusammen mit Executive Producer William T.Orr, Regisseur Richard L.Bare und Drehbuchautor Marion Hargrove machte Huggins 1958 soetwas wie einen zweiten, 90-minütigen, Pilot-Film. Man dachte daran, daß man den Piloten noch als B-Picture in die Kinos bringen könnte, falls die Serie beim Sender durchfallen sollte. Der Film mit dem Titel GIRL ON THE RUN erzählt, wie Stu Baily ein junges Mädchen vor einem schizophrenen, jugendlichen Killer beschützt. Der Killer, der kurz bevor er erledigt wird noch seine Haare kämmt, wurde ausgerechnet von Edd Byrnes gespielt! 77sunsetstrip1106-03[1]

„Nach der Preview standen wir vor dem Kino und warteten auf die Zuschauer. Die Reaktionen des Publikums waren gut gewesen. Dann kam Edd Byrnes raus und hinter ihm kreischende Teenager, die ihn umzingelten als wäre er der Star gewesen. Seine Rolle war das Letzte gewesen, und trotzdem waren die Teenies verrückt nach ihm. Wir merkten sofort, was los war. Ich wußte auch, daß das Kämmen der Haare die Quintessenz seines Charakters war. Wir beschlossen schleunigst, ihn in die Serie einzubauen. Denn mit Kookie in der Sendung hatten wir nicht nur die Alten, sondern auch noch die Kinder.“

Huggins entwickelte das Serienkonzept nach der Formel, die sich bereits bei MAVERICK bewährt hatte: Zwei oder mehr Hauptdarsteller, die abwechselnd im Mittelpunkt einer Folge stehen, damit man gleichzeitig zwei Folgen abdrehen konnte. So verringerte man den Produktionsdruck von 43 Folgen pro Jahr und konnte bei Bedarf auch mal die Hauptdarsteller unter Druck setzen oder gar austauschen (indem man neue, alte Figuren aus einer anderen Serie übernahm). Die Chefs von Warner Brothers liebten diese Produktionsweise, verweigerte aber Huggins eine Beteiligung als Erfinder, was geradezu grotesk war.

Das Genie der Serie, in der eigentlich Efrem Zimbalist jr. als Stuart Bailey der Star sein sollte, war Roger Smith, der Baileys Partner Jeff Spencer spielte. Als Autor schrieb er einige Folgen, die Fernsehgeschichte machten: In der Folge THE SILENT CAPER, in der Detektiv Spencer eine entführte Stripperin befreit, wurde nicht ein einziges Wort gesprochen.  Und in ONCE UPON A CAPER adaptierte Smith den Film RASHOMON: Jeder der Detektive des Büros wird gefragt, wie die Detektei überhaupt gegründet wurde – und jeder erzählt in Rückblenden eine andere wilde Geschichte. Smith, der ein Orson Welles der Fernsehserie hätte werden können, spielte anschließend noch die Hauptrolle in der Serie Mr.ROBERTS und als Gaststar in verschiedenen Serien, bevor er 1967 die Schauspielerei aufgab, um sich als Manager ganz der Karriere seiner Frau Ann Margaret zu widmen.

1960 hatte die Serie Einschaltquoten um die 30%. Später wurde zuviel an ihr herumgedoktert, und die Zuschauerzahlen sanken ständig. Bemerkeswert war die Folge RESERVED FOR MR.BAILEY nach einer Story von Charles Sinclair und Bill Finger(der Mann, der die frühen BATMAN-Comics schrieb), in der Zimbalist in eine Geisterstadt gerufen wird, wo eine körperlose Stimme seinen Tod androht. Kein anderer Schauspieler ist in der Folge zu sehen, deren Spannung bis zum Ende durchgehalten wurde. Smith stieg aus, zeitweilig war Byrnes nicht mehr dabei, und die Drehbücher wurden immer schlechter. Warner Brothers hatte nämlich die „geniale“ Idee, aus alten Westerndrehbüchern neue 77-Folgen zu schustern. So tauchte als Drehbuchautor immer häufiger ein „W.Hermanos“ auf; hermanos ist spanisch für Brüder. Zudem überreizte man die Formel, indem immer  mehr Serien nach dem 77-Muster produziert wurden: NEW ORLEANS BEAT, SURFSIDE SIX, HAWAIIAN EYE usw.

Wenn diese Serien dann gefloppt waren, schickte man die Hauptdarsteller zum Sunset Strip, bis sich bei Baily & Spencer mehr Detektive als Ganoven herumtrieben.

Warner Brothers war immer noch ein traditionelles Studio und verprellte seine Vertragsschauspieler, die durch Serien zu Stars geworden waren, durch schlechte Bezahlung. In den ersten beiden Jahren verdienten die Hauptdarsteller 250 Dollar in der Woche (Raymond Burr machte gleichzeitig als PERRY MASON eine Million Dollar im Jahr), und erst nach einer kleinen Revolte erhielten sie im dritten Jahr 750 Dollar die Woche. Aber die alte Magie war dahin.

Im letzten Jahr holte man Jack-DRAGNET- Webb und William Conrad (der spätere CANNON) als Producer, um die Serie nochmal auf Vordermann zu bringen. Die Beiden schmissen alle bis auf Zimbalist raus. Sie setzten ihn in ein neues Büro im Bradley Building (wieso die Serie weiterhin 77 Sunset Strip hieß, begriff kein Mensch) und machten aus ihm einen Einzelkämpfer, der jede niveaulose Geschichte als Rückblick erzählte. Thematisch ging es jetzt vornehmlich um Geheimagentengeschichten mit Bailey als Weltreisenden. Gleich die Eröffnung war ein Hammer an Trash: Ein Fünfteiler um die Jagd aauf einen Schmugglerring über drei Kontinente, geschrieben von acht verschiedenen Autoren. Dazu verpflichtete man ein Mega-Aufgebot an Gaststars: Clint Walker, Richard Conte, Wally Cox, Peter Lorre, William Shatner, Kennan Wynn, Lloyd Nolan, Tony Nennett, Cesar Romero, Telly Savalas, Brian Keith.

Am 26. Februar 1964, nach 205 Folgen, war dann endgültig Schluß. Zum letzten mal erklang die einprägsame Titelmusik von Jerry Livingston und Mack David. Nein, nicht mal die hatten Webb und Conrad beibehalten. Auch sie war bereits bei ihrer fatalen Übernahme der Serie liquidiert worden.

Roman:

Roy Huggins: 77 Sunset Strip. Heyne 1121, 1964. Neuübersetzt als: Lange Nacht am Sunset Strip. Bastei 19162,1992. Der kalte Schlaf. Bastei 19173, 1992.

77SunsetStrip1-05[1]Heftroman:

Diverse deutsche Autoren schrieben die Groschenhefte der Serie

77 SUNSET STRIP. Neuer Tessloff Verlag Hamburg. Nr.1, 1965 – Nr.40, 1966.

Comics

77 SUNSET STRIP: in TASCHENSTRIP, Neuer Tessloff Verlag,       Nr.10,14,29, 1963-5. Zeichner waren Russ Manning und Alex Toth.

77 SUNSET STRIP

USA 1958-64; 1×90 Min. u.205 x 45 Min.; SW.

Stuart Bailey … Efrem Zimbalist, Jr.

Jeff Spencer (1958-63) … Roger Smith

Gerald Lloyd Kookson III, Kookie (1958-63) … Edd Byrnes

Roscoe (1958-63) … Louis Quinn

Suzanne Fabray (1958-63) … Jacqueline Beer

Lt.*Gilmore (1958-63) … Byron Keith

Rex Randolph (1960-61) … Richard Long

J.R.Hale (1961-63) … Robert Logan

Hannah (1963-64) … Joan Stanley

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