Martin Compart


SIR MICHAELS LEBENSWEISHEITEN by Martin Compart

Wer noch nach Weihnachtsgeschenken (auch für sich selbst) sucht, hier kommt einer meiner Favoriten-Tipps:

„Schauspielern ist der größte Spaß, den man haben kann,
ohne ein Gesetz zu brechen.“


Originaltitel: Blowing the Bloody Doors Off
Alexander Verlag Berlin, 11/2019
Gebunden
ISBN-13: 9783895815034
309 Seiten; 24,00 €

Wieso sind britische Filmstars so gute und unterhaltsame Autobiographen?

Angefangen bei Errol Flynn (den ich mal dem Empire zuschlage, obwohl gebürtiger Tasmanier) über David Niven bis hin zu Terrence Stamp. Alle haben wunderbar bösartige Bücher über das Business vorgelegt, die bestens formuliert sind. Ein Grund ist sicherlich der britische Humor, der immer durchschimmert.

Michael Caine hat sich in die Garde längst eingereiht (u.a. auch mit einem Buch über das Schauspielern). Nun erschien auf Deutsch mit DIE VERDAMMTEN TÜREN SPRENGEN sein jüngstes autobiographisches Werk. Daneben ist das Buch aber auch so eine Art Ratgeber: Caines Lebensweisheiten für Erfolg.

Michael Caine als Filmstar loben ist ebenso müßig, wie die Klassiker aufzählen, die er mitgeprägt hat. Es gibt und gab keinen britischen Schauspieler, der in so vielen großartigen Filmen gespielt hat; es gab aber wohl auch keinen, der so besessen dreht (e).

Als Kind der Arbeiterklasse war er Teil der Angry Young Men der 1950er, zu denen neben Dramatikern (wie John Osborne), Regisseuren oder Schriftstellern (wie Kingsley Amis) auch eine Reihe Schauspieler gehörten, die zu Weltstars wurden: Peter
O´Toole, Richard Harris, Terrence Stamp, Oliver Reed. Caine, der einige Zeit mit Stamp eine Bleibe teilte, bejammerte immer, dass er aus dieser Clique als letzter den Durchbruch schaffte. Mit Sicherheit hat(te) er aber die eindrucksvollste Filmographie.

Seine armselige Kindheit beschreibt er ohne Selbstmitleid, aber voller Selbstironie. „Drei Jahre nach mir kam ein weiterer Sohn, Stanley, und noch einmal drei Jahre nach Stanley kam der Zweite Weltkrieg… Wie alle anderen war ich gezwungen, mich fünf Jahre von Bio-Lebensmitteln zu ernähren: Es gab keine Chemikalien, die man aufs Land oder ins Essen hätte streuen können, denn sie wurden alle für Sprengstoffe gebraucht. Es gab ganz wenig Zucker, keine Süßigkeiten, aber kostenfreien Orangensaft, Lebertran und Vitamine… Die Symptome meiner Rachitis verbesserten sich, ich war geheilt.“
Das wäre heute auch was für die McDonald-Bratzen.

Während der Dreharbeiten zu HARRY BROWN (bei dem der alte Crack einem Nachwuchsregisseur die Chance zu dessen ersten Kino-Film gab) kehrte Caine 2009 wieder in den Stadtteil seiner Jugend zurück und reflektiert berührend, wie Elephant & Castle und England insgesamt heruntergekommen ist, wie menschenfeindlich sich der Kapitalismus seit dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hat, wie chancenlos die Jugend dahinvegetiert. „Wenn wir Jungs Gangs bilden, geht es nicht darum, andere anzugreifen. Für die meisten von uns geht es darum, nicht angegriffen zu werden.“

Caine war und ist kein Kommunist oder Linksaußen. Er ist ein Linksliberaler mit anarchisch-konservativen Tendenzen, der den Brexit befürwortet.
„Ich befürworte den Brexit. Ich bin lieber ein armer Meister als ein reicher Diener eines anderen. Es ging nicht um Rassismus, um die Einwanderer oder sowas, es ging um Freiheit. Wir werden von einem Mann namens Juncker regiert. Nun regiert er mein Land. Er scheint uns nicht zu mögen.”

Sein Klassenbewusstsein hat er nie verloren: „Damals sagte ein Akzent nicht nur, woher man kam, sondern auch wohin man gehen würde, und das war nirgendwohin, wenn man wie ich einen Cockney-Akzent hatte.“Ein konservativer Proletarier.

Natürlich erfüllt das Buch auch die Erwartungen, die man an ein solches Werk hat: Er erzählt bisher unbekannte Anekdoten zu Filmen und Dreharbeiten. Trotz aller Diskretion kann der Cineast häufig herausfinden, wen Sir Michael wohl gemeint hat. Bei Freunden wie Roger Moore oder Sean Connery muss er nicht diskret sein, denn die teilen seinen Humor.

Eines der Highlights sei hier zitiert:

Eines Nachmittags saß ich in diesem Café für Arme mit zwei anderen mittellosen Schauspielerfreunden. Einer von ihnen, John, war besonders niedergeschlagen. Er war gerade von einem sehr anspruchslosen Tourneetheater gefeuert worden, fühlte sich gedemütigt und unglücklich. Er verkündete, er werde alles aufgeben und habe schon ein Stück geschrieben.
„Wie heißt es?“, fragte ich.
„Look Back in Anger“, antwortete er.
„Ich schreibe auch gerade ein Stück“, sagte der andere, ein Schauspieler namens David Baron. „Und du könntest da mitspielen, Michael. Bloß schreib ich es nicht unter meinem Bühnennamen, sondern meinem richtigen.“
„Wie lautet der denn, David?“
„Harold Pinter.“

Das Buch hat leider einen unverzeihlichen Fehler: Es ist zu kurz.

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P.S.: Eine wunderbare Ergänzung zu dem Buch ist die DVD MY GENERATION, in der Caine seinen Weg durch die kulturelle Revolution der 1960er Jahre beschreibt (schon das seltene Dokumentarmaterial macht sie zum Klassiker). Da wird einem wieder klar, wie großartig und wichtig diese Dekade war – und was die Scheiß-Neo-Cons und Finanzfaschisten uns geraubt haben.
Die DVD von 2017 ist fast überall für kleines Geld zu bekommen.

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P.P.S.: Und wen Skandale, Suffgeschichten und Schlägereien von vier großartigen Schauspielern interessieren, der greife zu HELLRAISERS von Robert Sellers.

Preface Publishing, 2009 (es gibt auch weitere Editionen)
3o4 Seiten, ab 6 €

Hier werden die unglaublichsten „Abenteuer“ von Richard Burton, Richard Harris, Peter O´Toole und Oliver Reed erzählt, die man in keiner Star-Biographie findet. Zum Beispiel O´Tooles Freude am Fassadenklettern, aus dem er eine zweifelhafte Karriere machte… Oder dass Burton bei den Dreharbeiten zu VILLAIN (einem der besten Gangsterfilme aller Zeiten) täglich drei Flaschen Wodka verzehrte und trotzdem meistens funktionierte (wenn nicht gerade Liz Taylor mit Harrods-Getränken am Set vorbei kam)… Dass Oliver Reed gerne einen Handstand auf dem Barhocker machte, bevor er zu Wirtshausraufereien überging… Oder wie Ollie sich selbst ritzte, weil er Blutsbrüderschaft mit Leslie Charteris (dem von ihm hoch verehrten Schöpfer des „The Saint“) schließen wollte…

Und für ein stimmungsvolles Weihnachtsprogramm auf dem Bildschirm kann ich auch ein paar Filme von Sir Michael empfehlen:

Original Cinema Quad Poster – Movie Film Posters



40 JAHRE BITTERMANN by Martin Compart

Zur 40jährigen Verlagsgeschichte veröffentlicht der Verleger Texte über seine Autoren, die wichtig für den Verlag waren und sind und ihn mit geprägt haben, Texte über Wolfgang Pohrt und Eike Geisel, über Harry Rowohlt und über die verlorene Freundschaft mit Roger Willemsen, über Fanny Müller und Horst Tomayer, über Hunter S. Thompson und Guy Debord. Außerdem enthalten sind Elogen auf Bücher und Literatur von Lucia Berlin, Patrick Modiano, Mordechai Richler, J.D. Vance, Rita Navai, Didier Eribon und Benjamin von Stuckrad-Barre, die der Verleger selbst gerne verlegt hätte. Ein großer Essay über die verführerische Kraft der Zigarette, die zur Emanzipation der Frau mehr beigetragen hat als die Frauenbewegung, eine Verteidigung des »Kommenden Aufstands«, ein Vortrag über den Palästinakonflikt, einige Bemerkungen über den Kulturbetriebsintriganten Günter Grass und den verschrobenen Rechthaber Sarrazin. Dabei entsteht ein Bild mit vielen Facetten, die dem Verlag sein einigermaßen unverwechselbares Gesicht gegeben haben.

Critica Diabolis 269
Broschur
380 Seiten
20.- Euro
ISBN 978-3-89320-249-2

Das Spektrum der Texte ist viel größer als es ein kurzer Klappentext darstellen kann.

Nach der Lektüre des Buches möchte man spontan sagen: Welch ein Autor und Essayist ist uns verloren gegangen, um den großartigen Verleger Bittermann zu gewinnen. Aber das ist natürlich Quatsch. Die hier versammelten Portraits, Essays und Nachrufe hängen direkt mit dem Verlegerleben zusammen. Denn Bittermann gehört zu den Überzeugungstätern im Kulturbetrieb, die Literatur samt ihrer politischen Implikationen ernst nehmen und neue Horizonte eröffnen.
Der Mann kann einfach kein uninteressantes Buch verlegen. Und spätestens mit dieser Textsammlung zeigt er, dass er auch keinen uninteressanten Essay schreiben kann.

Die höchst unterschiedlichen Texte zeigen Bittermanns literarische und analytische Fähigkeiten in vielen Aspekten und erklären damit auch, warum seine EDITION TIAMAT zu einem der bedeutendsten deutschen Verlage geworden ist.
Die Portraits zeigen Bittermanns „Sympathie für die Abweichler, Melancholiker, Analytiker, Unruhestifter, Sonderlinge, Verweigerer, Irrlichter, Rabauken und Rebellen, die mit ihren Büchern ein Affront gegen den gesellschaftlichen Mainstream sind…“

Unter den Betrachteten befinden sich auch Autoren, die nicht in der Edition Tiamat veröffentlicht wurden. Darunter eine sehr schöne Erinnerung an Jörg Fauser, der zum ersten Mal ein Buch von Bittermann (aus dem Spanischen Bürgerkrieg – wie könnte es anders sein?) auf ein Magazin-Cover (TIP) brachte.

Das Inhaltsverzeichnis liest sich wie ein Who-Is-Who der Außenseiter-Literatur der letzten Jahrzehnte – eher mehr: denn auch Friedrich Engels oder Ben Hecht werden besprochen.

Bittermann ist nicht nur ein kluger Analytiker, er verfügt auch über eine beeindruckende Bildung. Ich bin beim Lesen auf eine ganze Reihe von Namen gestoßen, die mir zuvor unbekannt waren, die jetzt kennenzulernen mich Bittermanns Texte begierig stimmen.

Man kann diese Collection freudig hintereinander weg lesen. Genauso kann man sich immer wieder ein Stück herauspicken. Sicherlich eines dieser Bücher, die in zwei Jahren völlig zerlesen sind, da man immer wieder auf sie zugreift.

Mir bereiten die „Feind-Texte“ ein besonderes Vergnügen. Im Gegensatz zu Bittermanns „Freunden“, teile ich seine „Feinde“ alle. Und da findet man auch eleganteste Bosheiten:
„Bis auf wenige Ausnahmen glaubt das Feuilleton fest daran, Grass sei ein bedeutender Autor, und weil ihm der Literaturnobelpreis verliehen wurde, hält sich dieses Missverständnis hartnäckig.“

„Nur ich nahm Martin Walser vor diesen Anfeindungen in Schutz und behauptete, das einzige Problem Walsers sei, dass er nicht schreiben könne, dies aber ausführlich tue.“

Mehr qualitativen Gegenwert an bedruckten Papier kann man mit schnöden Mammon kaum erwerben.

Der Verleger mit Kinky Friedman.



FREDERICK FORSYTHS LETZTES AUFGEBOT? by Martin Compart

Ein junger Hacker manipuliert die Waffensysteme der Supermächte, er bringt die Welt aus dem Gleichgewicht – er darf nicht in falsche Hände geraten

Die meisten Waffen tun, was man ihnen befiehlt. Die meisten Waffen hat man unter Kontrolle. Aber was ist, wenn die gefährlichste Waffe der Welt keine intelligente Rakete oder ein Tarnkappen-U-Boot oder gar ein Computerprogramm ist? Was ist, wenn es ein Siebzehnjähriger ist, der die Sicherheitssysteme von Staaten knackt, der Verteidigungssysteme manipulieren kann, so dass sie sich gegen die Supermächte selbst richten? Und was würde man unternehmen, um seiner habhaft zu werden? Eines ist klar: Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, denn er darf nicht in die falschen Hände gelangen.

Als Forsyth-Fan der ersten Stunde habe ich den Niedergang seines Werkes seit DER AFGHANE immer tief bedauert. Als würde ein Freund an Alzheimer erkranken. Um so mehr erfreut es, dass der 80jährige Klassiker zu Lebzeiten noch einmal aufdreht und auf der Höhe der Zeit die aktuelle Welt der „Sicherheitskräfte“ transparent macht.

Sicher, immer noch konservativ und so reaktionär wie in den letzten Romanen. Der amerikanische Präsident (ein verschlüsselter Trump) ist eitel und naiv (bis zur Blödheit) und der verschlüsselte Putin ein Killer. Die Regimes in Russland, Nordkorea und Iran sind böse, die Amerikaner dämlich. Gott schütze Britannien! Denn die Welt ist trotz allem wieder schwarz und weiß. Forsyth neigte immer dazu, die Welt in gut und böse einzuteilen.

Im „Wettstreit der Ideologien“ bezog er knallhart Position zu Gunsten konservativer Werte. Insofern reiht er sich in die Tradition der konservativ bis reaktionären britischen Thriller-Autoren ein – angefangen bei LeQueux, Oppenheim und Buchan.

Eine große Stärke von Forsyths 14. Roman (sein Werk besteht aus einer Autobiographie +einer Novelle, zwei Novellensammlungen und einem Kurzgeschichtenband) sind mal wieder die genauen Fakten, die in die Story eingearbeitet sind und für Spannung sorgen. Keine Frage: Freddie weiß auch heute, wie die Dienste arbeiten und ihre geostrategischen Interessen verfolgen.

„In den acht Präsidentschaftsjahren George W.Bushs und den ersten vier Jahren Barack Obamas verwandten die USA eine Billion Dollar für den Aufbau der größten, schwerfälligsten, der redundantesten und möglicherweise ineffizientesten staatlichen Sicherheitsstruktur, die die Welt je gesehen hat… Die staatlichen Ausgaben für das eine pandemische Wort „Sicherheit“ explodierten wie eine Atombombe über dem Bikini-Atoll, klaglos bezahlt durch den stets vertrauensvollen, immer hoffnungsvollen und allezeit leichtgläubigen amerikanischen Steuerzahler.“

Was Spannungsaufbau angeht, war Forsyth immer einer der besten Thriller-Autoren aller Zeiten. Nach einigen Ausfällen erreicht er mit DER FUCHS wieder sein altes Niveau. Die Eröffnungsszene, in der Special Forces in ein englisches Haus eindringen, um terroristische Hacker festzusetzen, ist für ihn eine atemberaubende Möglichkeit, die gesamte (missratene) Sicherheitsarchitektur der USA unbarmherzig zu zerlegen.

Sein faktisch orientierter journalistischer Stil mit wenigen Dialogen wurde von vielen Autoren kopiert, ohne ihn zu erreichen. Das klingt kunstlos, ist es aber nicht. Viele Kritiker neigen dazu, Forsyths literarische Qualitäten zu unterschätzen. Wie breit sein Spektrum ist, kann man sehr schön mit der Kurzgeschichtensammlung IN IRLAND GIBT ES KEINE SCHLANGEN erfahren. Oder in dem AFGHANEN, besonders in der Sequenz, in der Kampfflugzeuge einen ganzen Berg zerstören. Da zeigt sich seine literarische Sensibilität.

“Everything I’ve ever written about has depended upon two half-answered questions: ‘What would happen if…?’ and ‘Would it be possible to…?’ I wondered what it would be like to take this young man with a strange talent, put him on the payroll, and have him peek into our enemies’ secret archives.”

Der autistische Knabe Luke, der nur seine Mutter an sich heranlässt und ein Hackergenie ist, wird seit Jahren als Klischee durch die Populärkultur geschoben. Forsyth bedient dieses Klischee.

Oder?

“I’d read that somewhere in Britain, a young man [activist Lauri Love] had been charged by the American government with breaking into one of their most secret databases. But he also had a fragile mind – he had Asperger Syndrome, which makes it hard to get along with other people, but was at home in cyberspace. I didn’t know such a brain existed.”

Luke ist eine Art “McGuffin” im hitchcockschen Sinne, denn seine Fähigkeiten als Hacker werden nie erklärt. Hier lässt Freddie mal die Fakten weg. Aber das stört nicht, denn keiner möchte wohl eine langatmige Einführung in die Welt des Programmierens lesen. Die Action geht um den Schutz des Hackers, denn die Mächte des Bösen haben ihre Killerkommandos auf ihn angesetzt.

Trotzdem ist es einer der wenigen überzeugenden Thriller über Cyberwar. Und Forsyth veranschaulicht die nebulösen Vorstellungen, die herumgeistern.

Mit etwas über 300 Seiten ist DER FUCHS ein dünner Roman in seinem Oeuvre. Das kommt dem Tempo bei diesem etwas sperrigen Thema zu Gute. Routiniert, wie es kaum ein anderer Thriller-Autor kann, mischt er die Actionszenen mit interessanten Details und den nicht weiter ausgeführten Darstellungen des Cyberkrieges und dessen Auswirkungen auf die „reale Welt“.
Natürlich verarbeitet Forsyth die geopolitischen Minenfelder der letzten Jahre. DER FUCHS ist ein hochaktueller Thriller, der großes Vergnügen bereitet und den Leser durch die Seiten peitscht, wenn er sich auf ihn einlässt.

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass dies Forsyths letzter Roman sein wird. Damit verabschiedet sich ein Autor, der wie wenige die Entwicklung des Thrillers mitgeprägt hat. Er gehört zu den Klassikern des Genres, die auch von künftigen Generationen gelesen werden. Und er ist nie langweilig.

Lemminge_Anzeige_30.10.19



BOSTON TERANS MUTTER DES JAHRES by Martin Compart

„No one looks exactly like they really are. That’s the secret of the human race.
How the honest and the dishonest get by in the harsh climate of everyday life.
How both beautiful and barbarous motives go unnoticed until it’s too late.“

In a rundown Los Angeles bungalow, Shay Storey sits across a battered Formica table watching her mother clean the semi-automatic they will use for a killing. It is 1987 and Shay is just thirteen. Their intended victim is a local policeman named Victor Sully from Baker. Shay and her mother shoot him and bury him in a shallow grave in the desert northeast of Los Angeles, but somehow, some way, Sully claws his way to survival.

His life, though, is destroyed anyway, and he slips out of Los Angeles under cover of darkness, a broken man. It is more than ten years later that these three lost souls meet again to play out the inevitable drama set in motion by that first violent meeting in the desert, each searching for revenge, and perhaps, redemption.

Riveting, powerful, and brilliantly written, Never Count Out the Dead is an unforgettable reading experience that will linger in your brain long after the last page is turned.

Der Erstling von Boston Teran fegte wie ein Wüstensturm aus dem Nichts über die Noir-Szene hinweg. Mit Spannung wurde der zweite Roman erwartet.

Entweder würde er groß scheitern oder triumphieren.

NEVER COUNT OUT THE DEAD bewies, daß Teran kein One-Hit-Wonder war. Thematisch völlig anders als GOD IS A BULLET schoss der Roman sofort in den Pantheon der Noir-Kultur.

Ein Kritiker bezeichnete ihn als Mischung aus CHINATOWN und MACBETH.

Der Roman erlebte nur zwischen 2001 und 2004 Übersetzungen in drei Sprachen und 15 Auflagen.

Auch weil er eine der ungewöhnlichsten und erschreckendsten Noir-Ladies vorführte.

Wie man schon seit Cyrus aus GOD weiß: Für Terans Antagonisten gibt es eine eigene Lounge in der Hölle. Aber ob da auch die Berufsmörderin Dee Storey Einlass findet, ist fraglich.
Dee könnte einen eigenen Kerker beanspruchen.
Sie ist das ganze Gegenteil von Donna Reed in MUTTER IST DIE ALLERBESTE. Eine durchgeknallte Speedsüchtige, die als Mietkillerin die ökonomischen Lebensumstände schwer verbessert hat. Ihre 13jährige Tochter Shay hat sie schon mal an Pornographen und Perverse vermietet. Von einem beschissenen Leben gebeutelt, versucht sie auf ihre Art, die Tochter fürs Leben vorzubereiten. Und um die Mutterliebe komplett zu machen, überrascht sie ihre Tochter eines Tages mit dem Wunschtraum einer jeden 13jährigen: „We’re going to kill a man tomorrow night . . . it won’t be easy, I know”.
Und damit geht es erst los!

Ein abschreckendes Beispiel dafür, was Southern Comfort mit Speed selbst aus den Derbsten unter uns machen kann.

Wie in GOD IS A BULLET muss der männliche Protagonist eine Wandlung von Passivität zur Aktivität durchlaufen. Diesmal ist der Journalist Landshark der Katalysator.

NEVER COUNT OUT THE DEAD, ebenfalls im present tense geschrieben, gibt dem Leser erste Anzeichen dafür, wie Boston Teran nach dem überschwänglichen Erstling seine Sprachgewalt zu zähmen beginnt. Vergleicht man die apokalyptische Stimme der ersten Romane etwa mit THE CREED OF VIOLENCE, sieht man die Entwicklung deutlich.
Und noch frappanter fallen die Vergleiche mit THE COUNTRY I LIVED IN aus. Aber hier arbeitet er noch mit fast so vielen Metaphern wie im Erstling.

Chandler unter Crystal Meth. „As in Chandler’s books the Southern California landscape is evoked so strongly -the hot, sweet aroma of the chaparral, the gritty, mineral taste of sand- that it becomes a virtually independent character looming over the rest of the story. The book is shot through with seething anger; each character is haunted by memories of loss and betrayal. At times rage drives the writing almost out of control; the author’s prose-style is simultaneously propulsive and twisty, reading some of the author’s sentences is like driving too fast on a curvy mountain road. I found myself crashing at times, but the style perfectly suits the swift, violent nature of the story”, schrieb ein zufriedener Amazon-Kunde.

Der Roman beginnt und endet im San Frasquito Canyon (gemeint ist wohl der San Francisquito Canyon). Ein nettes Plätzchen. “In between confrontations, Teran displays a deep, loving knowledge of Southern California, particularly its underbellies: Franklin Canyon, where the Hillside Strangler once roamed, and a dozen neighborhoods of Los Angeles that have seen better days.
Teran’s geographic and historic knowledge is so great and his descriptive powers so developed that he makes one want to jump in the car with only a road map and explore all these long-forgotten and never-seen places. We might end the day at a dusty desert motel with a bottle of bourbon, the air conditioner broken down, sweating on top of the sheets, and thinking about God and sin and endless highways.”
(Mark Johnson ).

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Korruption und andere Verbrechen haben in Kalifornien geradezu byzantinische Ausmaße, die bekanntlich nicht nur BT inspiriert haben. Tom Long fragte zu Recht: “This is mean, nasty stuff, so thoroughly laced with vileness and hopelessness that you wonder who the heck Teran hangs out with.”

Aber was hat ihn zu NEVER COUNT OUT THE DEAD inspiriert?
In einem Interview aus 2001 erzählt er:

“The inspiration for NEVER COUNT OUT THE DEAD came when the traffic of two completely independent realities converged upon one intersection: theme.

First reality: My father was a widowed gamblaholic who liked the taste of everything a little too much. He indulged in what might be called the larcenous expedition or the conning adventure. Unfortunately, some went bust and he couldn’t just scam his way out of trouble.

While I was growing up and these little „catastrophes“ played out my father sometimes took me from home and had me live somewhere else. Once I was moved into the basement apartment of a two family house owned by a mother and daughter prostitute team. Their apartment was on the floor above. My father was dating both women at the time and felt I was better off having them look out for me.

All I witnessed and experienced of their relationship, their cunning and fearlessness, every brutal and tortured confrontation, I carried around inside my head until I could find a home on the written page for the mythos of that living drama.

Second reality: When GOD IS A BULLET was first published, I began a dialogue with someone I can describe only loosely as „an investigator with journalistic aspirations“ and who called themself Birdhous-gal.

We began to exchange written dialogues on the corruption behind the building of certain L.A. schools on toxic and potentially toxic sites.

Disaster heaped upon youth because of the cancerous character of adults was a motif that seemed to connect these two distinct realities, and so an idea was born. “

Aus “Birdhouse-gal” ist im Roman dann “Landshark” geworden, der investigative Journalist „too intense for his own flesh. Driven hard by sad, desperate needs that might bring about his own destruction. And angry to a point he doesn’t recognize.“

ZWEI BLURBS:

‚Jim Thompson´s crown and his fury seem to have passed to Boston Teran, the new voice of pulp fiction‘ – Dennis Lehane

‚A grim glorious Gothic that culminates in an action finish Bruce Willis would kill for.The tension ratchets up like thumbscrew in the hands of a master inquisitor… Boston Teran anatomizes loss like nobody else, but he never loses sight of the indomitability of the human spirit. If writing is therapy, I´m very glad not to be inside Boston Teran´s head. This is a terrifying glimpse into lives that make you sit and count your blessing till dawn.´

Val McDermid



BOSTON TERANS HEIMATSCHUTZ by Martin Compart

If you want to join the modern world,
you will have to enjoin the violence that exists with it.

The Country I Lived in, 2014

The time is 1955—the birth of rock and roll, the Beat Generation, and social rebellion. It is also the era of covert operations and clandestine governmental actions. War hero John Rawbone Lourdes, grandson of an infamous American outlaw and assassin, and son of a renowned agent for the Bureau of Investigation sets off on an odyssey through Texas and into Mexico, to uncover one of the most foreboding true conspiracies of the time. It is a profound novel of social protest and the violence and treachery committed to crushing it. The Country I Lived In is also a moving personal story about love and loyalty—loyalty to a woman, to one’s friends, to one’s nation, and ultimately to the truth—and how all three may well be in conflict with each other.

Dieser Roman ist, nach THE CREED OF VIOLENCE und GARDENS OF GRIEF, der dritte Band von Bostan Terans Lourdes Serie.
Hauptperson ist der WWII- und Korea-Veteran John Loudres (seinen Großvater wird Daniel Craig in der Verfilmung von CREED spielen). „Familiäre Figuren“ aus den beiden vorherigen Bänden tauchen in prominenter Rolle auf, etwa William Van oder der unvermeidbare Wodsworth Burr.

Wie bei Boston Teran üblich, wird nicht lange rumgemacht und erwartbares aus tausend bekannten Thrillern erzählt, sondern ein Kickstart hingelegt. In seiner poetischen hard-boiled-Sprache sind die eindringlichen Figuren sofort präsent und unverwechselbar. Die Erzählerstimme ist mitreißend, die Dialoge originell und witzig. Beängstigende Intensität.

Die Handlung wird in einem aberwitzigen Tempo voran geschossen, das selbst für Teran extrem ist. Unglaublich, man hat kaum Zeit, um Luft zu holen. Oder wie Jean Heller in der St.Petersburg Times über GOD IS A BULLET schrieb:
„I was putting it down after every chapter to hunt for Valium. But a little farther and I started having to force myself to put it down to go to work.”

Die Story ist (scheinbar) auf Seite 20 etabliert, und kaum hat John Lourdes die Spur aufgenommen, geht es zur Sache. Erstmal ein kleineres Massaker in Saltillo, Mexiko, damit man auch mal Zeit hat, sich ein Bier zu holen.

Es ist die Zeit des hysterischen Antikommunismus, seit langem geschürt von John Foster Dulles nach außen und im Inneren beängstigend ausgelebt durch die Schauprozesse seines Heloten McCarthy. Die USA haben kaum den fast verlorenen Korea-Krieg verdaut, aber im Iran und in Guatemala die Interessen ihrer Oligarchie mit Hilfe der CIA durchgeputscht. Edgar Hoover bestreitet nach wie vor die Existenz der Mafia. Nachdem Johns Bruder Allen Dulles 1953 Chef der CIA geworden war, verstärkte er den politischen Einfluss des Dienstes und begann umgehend mit schmutzigen Jobs im Interesse der Wirtschaft. Sein Credo: Alles wird wahr, wenn man nur lange genug lügt.

Antikommunismus war der Begriff, bei dem die ganze westliche Welt auf Kommando zu sabbern begann. Wie heute bei der Heilsbotschaft Antiterrorismus.

Und der Rock´n Roll droht bereits in den Jukeboxen, um schweren Schaden unter Jugendlichen anzurichten.

Während aus den Fernsehern die Propaganda-Verblödung dröhnt, entwickeln sich im Süden der Staaten erste Bürgerrechtsbewegungen, und die Beat-Literaten sind on the road, um zusammen mit dem Rock’n Roll die Grundlagen für die Gegenkultur der 1960er Jahre zu legen.

Ganz klar eine Bedrohung für das faschistoide Amerika, das hinter jedem Kerouac-Buch und jeder Elvis-Scheibe eine kommunistische Verschwörung erkennt. Um die „Sicherheit“ des Landes und der Ölindustrie zu garantieren, ist Geheimdiensten und Militär jedes Mittel recht: das Stürzen demokratischer Regierungen im Ausland und das Ausschalten von Dissidenten in der Heimat.

Wer den Mächtigen in die Quere kam, dem erging es ähnlich wie wir es seit 9/11 kennen.
Wieder zeigt Boston Teran, dass Vergangenheit nie zu Ende ist.

THE COUNTRY I LIVED IN funktioniert wie ein Mike Hammer-Roman:
Ein Army-Buddy wurde umgelegt, und Mike sucht die Killer und Strippenzieher, um sie ihrer gerechten Strafe zuzuhenkern.

Nur ist Boston Teran eben nicht Mickey Spillane!

Bei ihm läuft das anders ab.

Der Veteran Lourdes ist unsicher geworden und will – wie ein früher Easy Rider – Amerika suchen, denn „something was missing from his life, something of purpose and destiny, to take away the quiet sadness that kept to itself inside him.“
Er kauft einen Packard und fährt los, um “hit out on the road…[like] Huck on the river, Parkman on the Oregon Trail, Brando burning up miles of asphalt in The Wild Ones.“. Trotz seiner illusionslosen Einstellung gegenüber der Welt und sich selbst, hat John nach wie vor verdeckte Ideale.

Da erreicht ihn der Hilferuf eines alten Kriegskameraden. Also fährt er zu ihm nach Laredo („A town of limited excitement, to say the least.”).

Er kommt zu spät. Sein Freund wurde gefoltert und ermordet und alles als kompromittierender Selbstmord inszeniert.

Damit wird sich John nicht abfinden.

Und deshalb gerät er sofort mit CIA-Agenten aneinander:

„Where do you stand on our going into Iran and Guatemala?” said Bushnell.

“As for Iran, I don´t believe in hiring mobsters to overthrow a democratically elected government to do the bidding of the oil companies… And as for Guatemala. I can´t envision Abraham Lincoln making a case to fight to the death for the United Fruit Company (heute Chiquita). We didn´t serve ourselves well in Guatemala.”

“That´s a little red, isn´t it?” said Bushnell…

“I know guys like you… Brown versus the Board of Education is fine as long as they keep it in Biloxi and not in Boston.No Jews either in the state department. Or anyone who coted for Stevenson. You talk war, but will never do a day on the front line. You drape yourself in the flag, but you prefer to let the poverty row boys get buried in one.”

“You could toss your military record at me. But Mueller had one too…Would loyalty to your country supercede loyalty to a friend?”

“I could be loyal to both. But one might in the wrong. I´d deal with that as the situation presents itself.”

“Would loyalty to a friend supercede loyalty to the truth?”

“I´ll let you know when I get a glimpse of the truth.”

“Would loyalty to a friend supercede loyalty to the security of your country?”

“You´ve left out loyalty to one´s faith and family in all this. We are finished.”

“Besides the charge of possession of narcotics-“

“Suspicion or possession.” John corrected him. “Possession of marijuana turned Robert Mitchum into a bona fide movie star. You wouldn´t want that happen to me,”

“We could open a truckload of investigations into your life-“

Dann bohrt sich das Geschehen tief ins Innere von Mexiko, wo die Amerikaner Strukturen etablieren, die noch heute funktionieren.

„Oh, don´t do that!“

Als Lourdes auf einem Güterzug nach Mexiko City trampt, trifft er Guatemalteken auf ihrem Weg in den Norden: „…who told the story of how outside intervention on behalf of the United Fruit Company had subdued or run off all political opposition to their control of the government. Now these men were undertaking the journey to El Norte. An American company had driven them out of their homeland and ultimately to the shores of the United States.”

Mit jedem Roman bemüht sich Teran, ein Loch in die Mauer der Verblödung zu treten.

Teran brilliert mit seiner Kenntnis und dem tiefen Verständnis für das Land. Wo erfährt man sonst ganz nebenbei etwas über die Kultur des Panos?

Dieses Bild von Mexiko in den 1950ern ist manchmal hochaktuell und selten nostalgisch (wie etwa die Beschreibung der Bounty-Bar, in der sich die Beats so gerne vollaufen ließen. Die Protagonisten besuchen sogar die Wohnung, in der William S.Burroughs betrunken seine Frau erschossen hat. „He got off by the way, as will happen in Mexico. He bribed his way out of any legal consequences.“).

Teran inszeniert ein Katz- und Maus-Spiel mit überraschenden Wendungen durch die Verschwörung bis hin zum zwingend tödlichen Showdown.

Nur jemand, der sein Land wirklich liebt, kann es so hassen. Diese Liebe funktioniert für Boston Teran vor allem als Verpflichtung der Zeit gegenüber der Literatur. Er wird nicht müde, zu zeigen, wie sich jeder Sadistenlümmel auf Patriotismus berufen kann.

In diesem Roman gibt es wieder zwei starke Frauen, wie man sie in der zeitgenössischen Literatur so nur bei Boston Teran findet.

Woher kommen all diese starken Frauen, die sein Werk durchziehen?

„The men I grew up around where thieves, liars and con men. They wasted their lives, mostly. It was an immigrant Italian world where men dominated, but the women were really the strength of the family… They soldiered on while the men were destroying their lives all around them. The women were the carriers of character, They were the ones I looked up to. And my grandmother knew how to use a pistol. She had to.”
Ein Großteil seines Verstandes und seiner Gefühle kommen von dort.

Aber auch eine aktenkundige Ratte wie E.Howard Hunt hat einen cameo-Auftritt. Dessen Verkommenheit hätte Caligula aus dem Fenster kotzen lassen.

Einige Kritiker warfen Teran „stilistische Exzesse“ vor (ähnliches war schon Cormac McCarthy passiert). Und ähnlich wie McCarthy pflegt er sein eigenes linguistisches Konzept. Das stützte sich auf seine Besonderheit, Substantive und Adjektive als Verben zu gebrauchen, was den kraftvollen linearen realistischen Stil unterstützt. Niemand adjektivierte Substantive wie Teran. Dieses wunderbare Stilmittel wird in diesem Roman weniger bis kaum gebraucht. Die ungewöhnliche Anwendung von Verben und Adjektiven poetisiert weiterhin seine Prosa:

…young men all shaved and cologne in their best slacks…

This was another part of the man she was experiencing…

He swung the wheel sweeping lanes when a bus framed up on the passenger side…

“you have an informed but wicked mind, Jordon.”

Teran hat natürlich noch mehr Originalität zu bieten, um THE COUNTRY I LIVED IN nicht zu einem glatten Pageturner verkommen zu lassen, der eine primitive voyeuristische Ästhetik sensationalistisch ausplündert.
Er unterscheidet sich wesentlich von Autoren, die nichts zu sagen haben und daraus ein ästhetisches Konzept machen.

Trotzdem ist es stilistisch einer seiner konventionellsten Romane.

Falls so etwas konventionell genannt werden darf:

John und Mia werden vom Anführer einer (chancenlosen) Straßengang bedroht:

Please, thought John, don´t become some swaggering baby-faced warrior. Whatever you´re thinking it won´t settle any argument you have with the world, it won´t even any score. The flaw you guys never get until it´s too late… You can never outsmart your own desperation.

Und dann diese Dialoge! Die besten diesseits von Chandler und McCarthy. Da kann kaum einer der besten TV-Serien-Autoren Hollywoods auch nur im Ansatz mithalten.

Die „Quest“ (Reise, Suche, Odyssee) ist Terans zentrale und wiederkehrende Plotstruktur. Sie ist nicht nur eine simple Abenteuerreise. Diese Suche nach Personen, Erkenntnissen oder Objekten ist tief im Mythologischen verwurzelt. In der griechischen Mythologie wird die eigentliche Quest häufig überlagert durch heroische Taten während der Reise, die den Protagonisten Einsicht zur Veränderung gewinnen lassen. Das hat sich schon früh in der Literatur niedergeschlagen, die die Quest als Reise zur Selbsterkenntnis beschreibt. ODYSSEE oder PARZIFAL als Vorläufer des (bürgerlichen) Bildungsroman. Ein Topos, der in den Werten des Bildungsbürgertums versteinerte und mit Boston Teran seine ursprüngliche Wucht revitalisiert.

Mit seinen historischen Ausflügen gelingt es Boston Teran, die Gegenwart zu erfassen und zu artikulieren. Gerade in Zeiten, in denen die Unterscheidung zwischen Vergangenheit und Zukunft zusammenbricht.

Auf die Brutalität in seinen Büchern (hier auf GOD IS A BULLET) angesprochen, antwortete der Autor:
The level of violence is acutely accurate for the world these characters inhabit, and it fits with the themes and content of the book. Violence is how some of the characters strive to make the world their own through whatever means necessary.

Weiteres zu Boston Teran unter:
https://martincompart.wordpress.com/2011/06/26/die-dunkle-welt-des-boston-teran-1/
https://martincompart.wordpress.com/2019/08/09/boston-terans-gaerten-des-schmerzes/

zu Cormac McCarthy:
https://martincompart.wordpress.com/2010/12/22/cormac-mccarthys-blood-meridian-des-schweigers-reise-durch-die-holle/



BOSTON TERANS GÄRTEN DES SCHMERZES by Martin Compart

„Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten,
gleichgültig, ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht.“

Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg

GARDENS OF GRIEF (2010) a brilliant, and socially important novel – is less a sequel to THE CREED OF VIOLENCE than an organic evolvement. It follows John Lourdes, an agent with the Bureau of Investigation, who is sent by the U.S. State Department to Constantinople in 1915. The Great War has begun and the British have been defeated at the Dardenelles. In Turkey the government means to see every Christian Armenian exterminated, in what will become the first genocide of World History. John Lourdes clandestine assignment is to help an outlaw priest named Malek get safely across the war-ravaged Ottoman Empire. The priest, hunted by the Turkish government because he is an Armenian, is a hero to his people and a political threat to the Central Powers.

Wie schon mehrfach festgestellt, ist Boston Teran der moderne Meister der epischen Quest. So auch in diesem Polit-Thriller, der auch ein Buch über den Krieg ist.

Mit wenigen Sätzen und prägnanten Dialogen schreibt Teran jede Nebenfigur zu einem lebensechten Charakter.

Die wahnwitzig schnelle Handlungsführung ist völlig organisch in den historischen Kontext integriert, über den der Leser scheinbar nebenbei informiert wird. Ein beeindruckendes Charakteristikum aller historischen Polit-Thriller von Boston Teran. Wer sich nicht für das geschichtliche Umfeld interessiert, kann sich an der Action, den ungewöhnlichen Charakteren oder der Sprache erfreuen.

An Terans Sprache kann ich mich nicht sattfressen! Manchmal scheint auch eine an Chandler erinnernde Diktion durch:

„He was not short of mind, he was short of men.”

We have even less ammunition than we have luck.”

„And as in the west of John Lourdes, the poorer the town, the richer the church.“

Häufig schwingen archaische Töne in den Sätzen, die man ähnlich auch von Cormac McCarthy kennt. Ein bewusstes und effektives Stilmittel, das den Büchern etwas zeitlos Aufrichtiges gibt.

Das Gemälde in einer geschändeten Kirche:

„Time had phantomed the paints, leeching their shine, condemning their glory to everyday dust, get never stealing the artist´s soul“

Mit seinen historischen und zeitgeschichtlichen Thrillern durchdringt Teran die Nebelbänke der herrschenden Geschichtsschreibung, um sich anderen Wahrheiten zu nähern. Terans Texte können einen wahrlich aus dem Zustand tiefster Betrübnis oder arrogantester Gelangweiltheit befreien.

So zynisch es klingen mag: Boston Teran verwandelt (historische) Tatsachen in literarische Ereignisse; das ist wahre Kunst. Und ganz nebenbei eröffnet er einen Zugang zu mehr Geschichtsbewusstsein.

Die Amerikaner sind zwar noch nicht in den Krieg eingetreten, unterstützen aber die Entente. Auch aus eigennützigen Gründen, denn der Weg zur Weltmacht ist spätestens seit dem spanisch-amerikanischen Krieg (1898) beschlossen. Lourdes „had agreed to been part of the larger enterprise known as war”.

Wieder geht es auch um Öl – wie in dem vorherigen Roman THE CREED OF VIOLENCE. Diesmal um die Ölfelder von Baku und Basra, die für die kriegsführenden Mächte im 1.Weltkrieg Bedeutung hatten. Denn mit der maschinellen Kriegsführung begann auch die Bedeutung der fossilen Brennstoffe, wie Teran in seinem Roman verdeutlicht. Öl, das heilige Wasser des Kommenden.

Teran zeigt an diesem wenig thematisierten Völkermord (an ca. 2 Millionen Armeniern) mitten im Krieg die Zeichen der Zerstörung der alten Welt und das Entstehen einer Zeit, in der die Barbarei wissenschaftlich wird und sich ökonomische Interessen krebsartig in sämtliche moralische Entscheidungen einfressen. Die Grundlagen unserer Gegenwart.

Verblüffend sind die Parallelen zu Heute – von den brutalen wirtschaftlichen Interessen bis hin zu den Taktiken und Strategien des Terrorismus. Ein weiterer Beweis dafür, dass gute Polit-Thriller ein scharfes Schwert der Aufklärung sind.

John Lourdes wurde vom FBI für diese Mission ausgewählt, weil er als mexikanischer US-Amerikaner „nicht weiß“ sei. Das müsste Donald Dumb missfallen.

Die Reise beginnt mit einer Schiffsfahrt von Konstantinopel nach Trapezunt. In der Nacht vor der Ankunft treiben nackte Leichen in den Wellen. „…is what the government defines as deportation.

Lourdes deutscher Gegenspieler Richtmeister Franke führt eine Truppe brutaler Mörder an, die von den Jungtürken aus den Gefängnissen geholt wurden, um Armenier abzuschlachten.
„It was a commission of the foul and the wretched. Recruits from some dark nightmare with scythes across their shoulders and double headed axes protruding from scabbards. Some carried rifles and scimitars, and clubs fleshed with metal arrowtips. Their clothes bore the filth of the nation and this cast of horribles gave no man his due, nor expected any… However accomplished they were as murderers and torturers and rapists, they left much to be desired as marksmen.” Mit ihnen und ihrer Soldateska sorgen die Türken für eine Landschaft, die mit Angst und Terror vollgesaugt ist, was Teran fühlbar macht.

Ihre Reise, die nach der Befreiung des Priesters und armenischen Märtyrers zur Flucht wird, führt sie auch zu einem geschichtsträchtigen Ort (der auch in John Buchans GREENMANTLE von zentraler Bedeutung ist): „Erzurum had been at the crossroads of violence since was with the Seleucids and Parthians.“

Auch GARDENS ist nichts für schwache Nerven oder Mägen. Folter, Mord, qualvolles Verenden… Teran macht daraus kein angenehm gruseliges Unterhaltungsspektakel. Er sucht nach historischen und zeitlosen Wahrheiten.

Dem Priester Malek hatten die Türken die Füße mit Hufeisen besohlt, um Fluchtversuche zu erschweren. Wie er von den Eisen befreit wird, ist gegen Dialoge so subtil inszeniert, dass die Vorstellungskraft des Lesers Amok läuft.

Mit der Armenierin Alev Temple schuf Boston Teran – natürlich – eine weitere starke weibliche Protagonistin, die sein Werk durchziehen und die man nie vergisst.

Universal hält auch an GARDENS OF GRIEF die Filmrechte.

https://martincompart.wordpress.com/2011/06/26/die-dunkle-welt-des-boston-teran-1/

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Über den Völkermord an den Armeniern gibt es inzwischen eine Anzahl von Büchern – auch in deutscher Sprache. Ich empfehle als weiterführendes Sachbuch

OPERATION NEMESIS
(Kiepenheuer & Witsch, 2005)

von Tucholsky- und Heine-Biograph Rolf Hosfeld.

Natürlich erspart er auch nicht die unrühmliche Rolle der Kurden als Handlanger der Türken.



JIM NISBET – WELT OHNE SKRUPEL von JOCHEN KÖNIG by Martin Compart
25. Juni 2019, 5:45 pm
Filed under: JIM NISBET, Jochen König, Noir, Rezensionen | Schlagwörter: , , ,

Klinger ist ein Kleingauner, ein Loner wie er im Buche steht. Geich sein erster Auftritt zeigt wie Jim Nisbets „Welt ohne Skrupel“ funktioniert: Nach einem missglückten Überfall auf der Flucht vor der Polizei opfert Klinger seinen Komplizen ohne Umschweife den Verfolgern, damit er unbeschadet entkommen kann.

Lapidarer Gedankengang: Chainbang (kleine Anspielung auf Rex Miller?) war sowieso ein Idiot und ist damit selbst schuld an seinem Schicksal.

Klinger zieht weiter, besucht eine alte Freundin, schnorrt Geld und hängt in Bars ab, säuft, trifft Bekannte und macht einen Ausflug in die ehemaligen Bergwerksanlagen unter San Francisco. Sucht Nuggets und findet einen Schädel unter einem Friedhof. Hamlet ist ein Loser und Dänemark weit weg.

Später versucht Klinger mit einem Kumpel einen reichen Schnösel auszurauben. Dürfte nicht schwer zu erraten sein, dass diese Aktion in einem Desaster endet.

Immerhin erbeutet Klinger das Smartphone des Opfers. So ergibt sich ein Kontakt zu Marci, der Chefin und Ex-Freundin des Überfallenen. Ganz ehrlicher Finder, ist Klinger bereit das Telefon zurückzugeben. Kleiner Finderlohn sollte drinsitzen.

Marci hat andere Pläne. Auf dem Telefon ist eine neuartige Dating-App, die Philipp Wong, der Handy-Besitzer, entworfen hat. Wäre doch schön, wenn man die ohne den Entwickler vermarkten könnte. Klinger findet sich plötzlich in einer Welt wieder, die er nicht versteht und von der er keine Ahnung hat, verführt von einer Frau, der er nicht gewachsen ist. Eine App, die Femme Fatales identifiziert, besitzt Klinger leider nicht. Und wenn, könnte er vermutlich nicht damit umgehen.

Jim Nisbet ist ein Meister des Understatements.

Seine „Welt ohne Skrupel“ ist kein Sündenpfuhl, in dem Mord- und Totschlag herrschen und krawalliges Drama Katastrophen heraufbeschwört.

Nisbet erzählt Alltagsgeschichten von Losern und Aufsteigern, die ohne Bedenken Freunde und Bekanntschaften über die Klinge springen lassen. Klinger geht dabei mit unbeschwerter Dreistigkeit vor, während Marci die Frau mit einem Plan ist. In Klingers Umfeld (und bei seiner Arbeit) sterben Menschen, weil er mögliche Auswirkungen keine Sekunde überdenkt, Marci hat tödliche Konsequenzen von Beginn an im Blick.

Zwischen den beiläufig inszenierten oder ganz im Off ablaufenden Verbrechen, wird der Alltag bewältigt. Klinger ist ein Flaneur im späten Gefolge Charles Bukowskis (ohne dessen derbe Anzüglichkeiten), er findet immer jemand, dem er Geld abknöpfen kann, um es in einer ranzigen Bar mit einem Kneipenphilosophen am Tresen unter die Leute zu bringen.

Er trifft andere Gestrandete, räsoniert über sein leben und das der anderen, trinkt zu viel, ab und an fällt etwas Sex ab. Just an oldfashioned Guy, der seine Perspektivlosigkeit vermutlich als bewusstes Leben im Hier und Jetzt empfindet. So jemand braucht kein Smartphone. Anfragen gibt es eh keine, und Gespräche kann man von Angesicht zu Angesicht führen.

Eigentlich hätte es Klinger stutzig machen müssen, dass ihn eine Frau wie Marci, die offensichtlich in einer ganz anderen Liga spielt, verführt und mit auf eine gemeinsame Tour nimmt. Doch Klinger erfreut sich am Sex und lässt sich freudig aushalten. So kann er es gar nicht ausschlagen, zum Handlanger zu werden. Er hat Spaß gehabt, und der kostet eben. Klinger nimmt’s gelassen hin, irgendwie wird es schon weitergehen.

„Welt ohne Skrupel“ ist eine Mischung aus finsterem Schelmenroman und klassischem Noir in modernem Gewand. Das Aufeinanderprallen von Anachronismen und digitaler Herrschaftshoheit findet beiläufig statt, ist ein lakonischer Kommentar, der auf genauer Beobachtungsgabe basiert und kein moralinsaurer Diskurs eines alternden Autors, der sich in der Gegenwart unwohl fühlt. Nur Klinger wäre ohne Smartphone besser dran gewesen. Aber zurück geht’s nicht mehr. Nie.

„Mach mir noch einen.“ Natürlich muss der Roman so enden. Kneipenphilosophie auf dem Prüfstand.

Jim Nisbet

WELT OHNE SKRUPEL

Originaltitel: Snitch World
PULP MASTER 2019
200 Seiten

TB 14,80
ebook 9,99

Jim Nisbet – Welt ohne Skrupel