Martin Compart


„ICH LACHE AUF DER FAHRT IN DIE HÖLLE“ – DER NEUE DAVID ZELTSERMAN by Martin Compart
14. September 2017, 1:28 pm
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Rechtzeitig als Kontrastprogramm zu Don Winslows CORRUPTION, legt Frank Nowatzki als PULP MASTER Bd.43 Dave Zeltsermans SMALL CRIMES vor, damit man merkt, was die Buben von den harten Kerlen unterscheidet.

In beiden Romanen geht es um kriminelle Bullen – und das ist es dann auch schon an Gemeinsamkeiten. Winslows Buch plätschert durchaus angenehm – aber nie spannend – so vor sich hin. Zeltserman macht in Stil (bewundernswert!) und Handlung klar, dass der Autor nach seinem Tod in den Himmel kommt, denn die Hölle hat er bereits hinter sich, lachend genommen.

Ein Noir-Thriller für Anspruchsvolle, die sich auch gerne mal auf Hinterhöfen rumtreiben. Und für Typen, die ansonsten nur abgegriffene Geldscheine lesen.


http://www.pulpmaster.de/wp/order/

Cop Joe Denton wird auf Bewährung entlassen. Sieben Jahre zuvor verletzte er den Bezirksstaatsanwalt der Kleinstadt Bradley schwer und verübte einen Brandanschlag auf dessen Büro. Damals nahm Joe alle Schuld auf sich und deckte den korrupten Polizeiapparat. Inzwischen jedoch liegt der örtliche Mafiaboss Manny Vassey mit Krebs im Endstadium auf Intensiv und der einst attackierte Staatsanwalt versucht seit Wochen, Vassey ins Gewissen zu reden und ihn zu einem umfassenden Geständnis zu bewegen. Das würde weitere zehn bis zwanzig Jahre Knast für Denton bedeuten, etliche andere Beamte ebenfalls belasten und die Cops mit dem Rotlichtmilieu in Verbindung bringen …
Der nihilistische Thriller von Dave Z. steht in der Tradition Jim Thompsons und James M.Cains und entwirft das Bild eines desillusionierten Kriminellen, dem allmählich dämmert, dass er alles nur noch verschlimmbessert.

Die Verfilmung von Evan Katz wird weltweit auf Netflix ausgestrahlt, mit Nikolaj Coster-Waldau als Joe Denton.

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DER NEUE VARENNE by Martin Compart
2. August 2017, 9:10 am
Filed under: ANTONIN VARENNE, Krimis, Krimis,die man gelesen haben sollte, Noir, Rezensionen | Schlagwörter: ,

Zwei rivalisierende Familien kämpfen seit Generationen um die Herrschaft über ein gottverlassenes Nest im Massif Central. Die Courbiers und die Messenets führen ihre Provinzimperien mit harter Hand und unter rücksichtsloser Ausbeutung von Mensch und Natur. Rémi Parrot, der seit seiner Jugend entstellte Revierjäger, kämpft als einsamer Cowboy gegen die verkrusteten Clanstrukturen und um die Liebe der schönen Michèle Messenet. Als er einem Umweltskandal auf der Spur ist, beginnt eine mörderische Treibjagd durch düstere Wälder und unterirdische Tunnelsysteme. Fein gesponnener, archaischer Thriller um Schuld und Sühne vor der grandiosen Kulisse einer einstmals erhabenen Landschaft.

Ein Roman von Antonin Varenne ist immer ein unberechenbares Ereignis. Er vermeidet Wiederholungen und geht mit jedem Buch andere Wege. Nur der düstere Kern ist seinen bewunderungswürdigen Werken gemein und weist ihn als einen der eindrucksvollsten Noir-Autoren der Gegenwart aus. Bei uns liegen drei von sechs Romanen vor. Der Autor hat sich spätestens seit FAKIRE als einer der der wichtigsten französischen Noir-Autoren etabliert. Stilistisch können ihm nur wenige das Wasser reichen. Man lese nur ab Seite 2 des Romans die Beschreibung der „Provinzkapitale“ R („Der Krebs dieser Stadt ist die Erinnerung.“). Auf ein paar Seiten schildert er den Verfall einer früher zumindest ökonomisch funktionierenden Stadt in der Beschleunigung des Spätkapitalismus. Man müsste nur wenige Sätze streichen und könnte diesen Niedergangstango sogar auf Städte des Ruhrgebietes übertragen. Die perspektivische Ausrichtung der Nachkriegsgenerationen unterscheidet sich offenbar nur gering zwischen der französischen Provinz und dem Pott.

Die Treibjagd von Antonin Varenne


https://www.amazon.de/Die-Treibjagd-Roman-Antonin-Varenne/dp/332810156

Nach den SIEBEN LEBEN DES ARTHUR BOWMAN (https://martincompart.wordpress.com/category/antonin-varenne/), einem historischen Noir-Roman, der in den düsteren Gegenden des Britischen Empires und den USA spielte, legte er 2015 den jetzt bei uns erschienenen „Regional“-Kriminalroman DIE TREIBJAGD (BATTUES) vor. Wie immer gelingen Varenne starke Charaktere und scharf gezeichnete Nebenfiguren. In die geschändete Natur treibt er seine beiden Protagonisten in ein Beziehungsgeflecht als hätte Dante Romeo und Julia als Noir-Geschichte konzipiert. Oder wie es Hanspeter Eggenberger in seiner Rezension in DER BUND ausdrückt: „Dass die Beziehung zwischen Rémi und Michèle auch noch eine herzergreifende Liebesgeschichte liefert, schadet dem Roman in keiner Weise. Die Protagonisten sind vielschichtig, bedienen keine simplen Klischees.“

Bereits auf den ersten

Varenne springt mit den Kapiteln durch unterschiedliche nahe Zeitebenen, was anfangs leicht verwirrt aber dann der Intensität der Lektüre eine zusätzliche Dimension eröffnet.

Der französische Noir-Roman liebt es, sich mit Provinzlern niedriger Gesinnung zu befassen.
Denn der französische Regional-Krimi ist ein Provinz-Krimi und selten provinziell. Im Gegensatz zum deutschen Äquivalent ist er meist tiefschwarz und böse, nicht harmlos anheimelnd („Man sollte immer dabei schmunzeln können“, so ein deutscher Lektor). Er beschreibt seit Jahrzehnten gnadenlos, wo die zahlreichen französischen Faschisten ihren Nährboden haben. Die oft archaisch anmutenden Clan-Kriege, die auch vom französischen Film gerne thematisiert werden (etwa DIE AFFÄRE DOMINICI), dienen gerne als Belege für den Verfall und Niedergang gallischer Kultur. Während der deutsche Regio-Krimi das Schöne am provinziellen Dasein feiert („gute Küche, guter Wein, schöne Landschaft etc.“) und mit oberflächlicher Kritik an der Hülle kratzt, zeigt der französische Noir-Roman die strukturelle Verrottung der durch die zentralstaatlich bedingten korrupten Eliten abgehängten Landbevölkerung, die sich nur durch extreme Agitation Gehör verschaffen kann.



DEUTSCHE KRIMIS FÜR DEN URLAUB by Martin Compart

Da immer mehr Deutsche ihren Urlaub in deutschen Landen verbringen, hier ein paar Tipps deutscher Kriminalromane für deutsche Liegestühle:

Ulrich von Berg hat einen der härtesten Jobs der Republik: Er betreut die Bücher-Seite im Fußball-Magazin 11 FREUNDE. Zu den härtesten Aufgaben zählt dabei die Lektüre so genannter Fußball-Krimis, eine besonders perfide Unterabteilung des deutschen Regionalkrimis, meist bedient von extrem talentfreien Autor…, nein, Schreibern.
Der deutsche Regionalkrimi atmet bekanntlich jenes provinzielle Bewusstsein, das Leser hoffen lässt, dass alles bleibt wie es ist, wenn man nur an seiner Spießerideologie festhält. Deshalb sind die richtig geschriebenen Straßennamen auch so wichtig: Sie bestätigen dem Leser seine eigene kleine Lemuren-Realität. Seiner selbst nicht mehr sicher, vermitteln Straßennamen, Geschäftsaufzählungen und Restaurantschilder (denn darauf reduziert sich zumeist die literarische Umsetzung dieser Autoren) eine wohlige Einbettung in eine beklagenswerte Gemeinschaft. Im deutschen Krimi sind selbst Serienkiller (sie Veith Etzold) von biederer Diabolität.

Der Unterschied zwischen deutschen- und englischen Provinz-Krimis lässt sich sehr schön in e4inem Fernsehbeispiel erkennen: Man vergleiche etwa MORD MIT AUSSICHT oder ähnliches mit INSPECTOR BARNABY: Beide haben hirnrissige Plots, aber BARNABY hat Charme (und verfügt über handwerkliche Fähigkeiten – von Schauspielführung bis Timing und Schnitt -, von denen man hier nur träumen kann) und einen größeren Wortschatz.


Dass der kommerzielle Fußball reich an kriminellen Handlungen (auch außerhalb gähnend langweiliger Spiele) ist und somit Stoff für Krimis sein kann, verwundert nicht. Umso ärgerlicher, dass ein hochkarätiger Autor wie Philip Kerr mit seiner Fußballserie enttäuschendes abliefert. Einen akzeptablen oder gar guten deutschen Fußball-Krimi zu finden, ist so selten wie eine gute deutsche Pop-Band mit einer Front-Frau, die nicht durchnummeriert sein sollte. Und diesen sucht der arme Uli Monat für Monat fast vergeblich. Wenn er mal der Meinung ist, ein so seltenes Pflänzchen entdeckt zu haben und es mir zukommen lässt, hat das Gewicht. Denn bei Kriminalliteratur ist Herr von Berg ähnlich streng wie ich.

Jens Kirscheneck ist es tatsächlich gelungen, einen deutschen Fußball-Krimi vorzulegen, der dem Autor nicht peinlich sein muss. SCHWEINE BEFREIEN liest sich schnell und macht Spaß wegen skurriler Charaktere und gut gezeichneter Handlungsorte (tatsächlich führt das Buch aus der deutschen Provinz hinaus bis Kroatien). Fußball-Afficionados werden schnell erkennen, dass der fiktive FC Teutonia nichts anderes ist, als die Verschlüsselung des Skandalvereins Arminia Bielefeld. Dass der Roman sein Tempo hält, liegt auch an der Erzählweise in der 3.Person Gegenwart. Eine riskante Technik, die leicht in die Hose geht und peinlich wirken kann. Aber Kirscheneck hält den Ball flach und schnell im Spiel und es gelingen ihm ein paar überraschende Pässe.

Ein besseres Lektorat hätte ein paar unnötige Schwalben verhindern können. Da das Buch aber auch satirisch funktioniert (die Blödheit der Medien beschränkt sich bekanntlich nicht nur auf Fußballkommentatoren), hat man auch auf dieser Ebene seinen Spaß.

In Großbritannien ist der Spanische Bürgerkrieg ein Trauma. Viele Briten fanden den Weg zu den internationalen Brigaden (George Orwell) oder zum NKWD (Cambridge Spies). Noch heute wird der Krieg in Romanen, Filmen und besonders Thrillern thematisiert. Ein deutscher Kriminalroman, der dies getan hätte, ist mir nicht bekannt.

Bis jetzt.

„Nina ist ein Rollergirl, hart im Nehmen aber auch nicht zimperlich dabei sich zu wehren. Durch ihre Reizbarkeit verliert sie fast ihren Job bei einer Berliner Security-Firma. Zu ihrem Glück ist sie jedoch als Halbspanierin die ideale Besetzung um die Kunsthistorikerin Uta nach Barcelona zu begleiten. Uta will dort das Schicksal eines deutschen Künstlers aufklären, der als Interbrigadist im Bürgerkrieg verschollen ist. Nina kennt nicht nur Barcelona bestens, auch die Geschichte ihrer eigenen Familie ist aufs engste mit der des Bürgerkrieges verflochten. Aber während sie mit den Nachforschungen beginnt und sich dabei zunehmend von Uta angezogen fühlt, entgeht ihr völlig, dass sie längst in einem viel komplexeren Spiel als Bauernopfer eingeplant ist.“

Wenn Frank Westenfelder einen Thriller vorlegt, sind die Erwartungshaltungen natürlich hoch. Der studierte Historiker betreibt die beste Seite über das Söldnerwesen (http://www.kriegsreisende.de/ ) und schrieb mit KRIEGSREISENDE (ebenfalls bei twentysix, 2016) das deutsche Standardwerk zur Kulturgeschichte des Söldnertums.

Sein Roman steht klar in der hard-boiled-Tradition. Mit seiner lesbischen Protagonistin, die ihr hohes Aggressionspotential gerne auslebt, bringt er einen schärferen Wind in die deutsche Kriminalliteratur, die ja hauptsächlich aus ebenso langweiligen wie vorgeblich sensiblen Ermittlern besteht und entsprechende Literatur und Fernsehen zu Orten des Grauens macht. Die zunehmende Brutalisierung weiblicher Protagonisten ist nur vordergründig Ausdruck von Emanzipation; tatsächlich bestätigt sie die zunehmende Einbindung der Frauen in das männliche Wertesystem. Aber darum geht es dem Autor nicht: Er will für seine Geschichte eine treibende Action-Heldin in der Tradition von Modesty Blaise. Und das schafft er.

Westenfelder lebt seit langem in Barcelona und kennt sich aus. Ihm gelingt es vortrefflich, dem Leser ein Gefühl für die Stadt zu vermitteln, das die üblichen Klischees konterkariert. Insofern ist BLUE LADY IN ROT wahrlich ein Städtekrimi. Denn neben Nina und der Geschichte aus dem Bürgerkrieg ist Barcelona die dritte Hauptperson des Thrillers. Insgesamt ein rasanter Action-Thriller, der neben bizarren Charakteren auch Atmosphäre bietet und verdeutlicht, dass Vergangenheit eben nie zu Ende ist. Ein deutscher Thriller für Leser, die sich eher an internationalem Niveau orientieren als am Biedermeier.


Volker Kutscher gelang das fast unmögliche: Er vermittelte deutschen TV-Serienredakteuren einen Hauch von zeitgeschichtlicher Bildung. Dank ihm und seines Publikumserfolges verkünden sie nun begeistert die schemenhafte Erkenntnis, das es zwischen Mittelalter und „dem bösen Hitler“ noch etwas gab: nämlich Weimar. Ausschlaggebend für den Film-und TV-Produktionen erschütternden Bildungsschub ist der immense Erfolg von Kutschers Serie über den Kölner Kriminalisten Gereon, der nach Berlin geht und im dortigen Spektrum der Weimarer Republik agiert.
Einiges ist „historisch“ sowohl im Roman wie im Comic einer falschen Dramaturgie angepasst: Derartige Großproduktionen, wie im NASSEN FISCH dargestellt, hat es im damaligen Pornofilm nicht gegeben. Und schon gar nicht hätte man dieses illegale Geschäft lautstark in einem Mietshaus des Bürgertums produziert. Die durchs Treppenhaus trampelnde Razzia sorgt auch in der graphischen Umsetzung für unfreiwillige Komik.

Der erste deutsche Krimi-Autor, der sich – stilistisch ungleich eindrucksvoller – in dieser Zeit bewegte, war m.W. Robert Hültner. Der Erfolg von Kutscher sorgt nun jedenfalls für eine TV-Serie, die Tom Tykwer für die Degeto und Sky mit realisiert. 16 Folgen mit einem Budget von ca.40 Mio Euro sind geplant und sollen endlich mal Erfolg im internationalen Markt bringen. Da die Redakteure bis vor kurzem nicht wussten, dass es Geschichte außerhalb von Guido Knopp gibt, konnten sie auch keine diesbezüglichen Konzepte für TV-Serien beurteilen (das war unter Fernsehspiel-Redakteuren bis zu den 1980er Jahren mal anders). Und wenn es etwas gibt, mit dem die Deutschen medial international trumpfen könn(t)en, dann mit ihrer Geschichte des 20.Jahrhunderts. Aber das hat man bisher im Thriller vor allem den Angelsachsen überlassen.

Bei dem Multimedia-Hype um Kommissar Gereon Rath will auch das Altherren-Medium Comics nicht abseitsstehen.

Carlsen ließ von Arne Jysch den Roman DER NASSE FISCH als Graphic Novel umsetzen. Weitere Kutscher-Adaptionen sollen folgen. Das erinnert natürlich an das französische Konzept der Leo-Malet-Adaptionen. Nichts ehrenrühriges. Alles ganz nett, aber graphisch auch nicht originell. Beim ersten Reinschauen könnte man den Eindruck gewinnen, es handle sich um die Umsetzung einer Elliott Ness-Geschichte. Die Action ist im Vergleich mit Tardi eher statisch, die ganze Umsetzung wirkt antiquiert (Angst und typisch deutscher Respekt vor dem zeithistorischen Sujet?). Der Comic liest sich natürlich schneller als Kutschers redundante Wälzer, stört nicht und tut niemanden weh.



KLASSIKER DES POLIT-THRILLERS: A SIMPLE ACT OF VIOLENCE von R.J.Ellory+Interview by Martin Compart

„Inmitten der heißen Wahlphase will man in Washington eigentlich nichts von einem Serienkiller hören. Doch nach dem vierten Mord sind auch die Medien nicht mehr zurückzuhalten. Für den ermittelnden Detective Robert Miller sind allerdings nicht nur Motiv und Täter rätselhaft, auch die Opfer stellen ihn vor Fragen. Denn die vier ermordeten Frauen existierten offiziell gar nicht. Je weiter Miller nachforscht, desto mysteriöser wird der Fall. Schließlich gerät er in ein Netz so dunkler Machenschaften, dass er um sein eigenes Leben bangen muss …“

Das lässt Übles vermuten…

„Serienkiller sind etwas, dass man nicht verstehen kann, was man nie verstehen wird.“ So spricht der Autor und vermittelt mir zusätzlich ein ungutes Gefühl.

Nichts interessiert mich weniger als Serienkiller-Geschichten debiler Autoren, die auf einen Bestseller aus sind und dies dank ebenso debiler Käufer auch hinkriegen. Beide Gruppen sollte man auf ein Kreuzfahrtschiff verbringen und in der Sargassosee torpedieren, da sie ernsthaft der Evolution des Genres schaden. Andererseits: Bei so völlig durchgeknallten Zeugs wie von Ethan Cross, möchte man gerne die Adresse seines Dealers erfragen.

Aber A SIMPLE ACT OF VIOLENCE ist weder ein Serienkiller-Roman, noch ein Cop-Roman. Es ist eine Synthese aus Polit-Thriller und Police Procedual, die man zuvor nicht kannte. Neben der ungewöhnlichen Qualität ist es auch diese Innovation, die das Buch zu einem Meilenstein in der Geschichte der Kriminalliteratur werden lässt. Und: Eine intensivere Annäherung zwischen Noir-Roman und Polit-Thriller gab es seit Manchette nicht mehr – auch wenn Ellory mit seinen Charakteren weniger gnadenlos umgeht.

Weniger begabte Autoren behaupten die Noir-Figur nur als störrischen einsamen und düsteren Cop-Helden, der gegen den Widerstand Vorgesetzter und noch höherer Mächte für Gerechtigkeit derer kämpft, die dies nicht mehr können oder nie konnten, der mitfühlt mit den Ausgestoßenen einer sozialdarwinistischen Kleptokratie, deren Tanz um das goldene Kalb die Bibelszene zu einer lustigen Stummfilmszene macht. Ellory behauptet sie nicht, er zeigt sie als dreidimensionale Charaktere, die den Leseraum erfüllen. Anders als die vor Klischees triefenden Detektive des Neo-Golden Age-Detektivromans oder langweilig gebrochenen Copper des Polizeiromans, erzeugen Ellorys Helden nicht mal den Schein kultureller Sicherheit. Erlösergestalten, die „im Kleinen“ etwas Gerechtigkeit herstellen, haben in seiner Welt o9hne Erlösung keinen Platz. Er zwingt den Leser, hinter die Fassaden von verfaulter Moral und Legalität zu blicken, die längst verrottete Ruinen sind.
Durch die Parallelerzählung von Proto- und Antagonisten bekommt der Leser mehr Einsichten gegenüber Miller und seinem Partner, die aber schwer einzuordnen sind und gleichzeitig einen Wissensvorsprung und Unsicherheit erzeugt.
Die Dialoge – besser: Wortduelle zwischen Miller und Robey gehören zu den Highlights des Romans, die Widersprüche im System personalisieren. Sie sind spannend und vortrefflich formuliert, ohne chandlersches Wisecracking zu strapazieren.

Die Erinnerungen des Ex-CIA-Mannes Robey an den Krieg gegen Nicaragua lassen im Leser Hieronymus Bosch- Bilder aufflammen. Drogen kann man nicht erschießen, weshalb die USA mit ihnen Gewinnmaximierung durch ein doppeltes Geschäftsmodell betreibt: Sie finanziert mit Steuergelder den nutzlosen Abwehrkampf um die Preise hoch zu halten und profitiert institutionell und steuerfrei (besonders die CIA) von Schmuggel, Verkauf und Kompensationsgeschäften (wie Waffenhandel). All das dröselt Ellory spannend an Hand der Mittelamerika-Politik auf. Er zeigt dies genau recherchiert am Beispiel des Contra-Nicaragua-Krieges, der das Drogengeschäft auf eine neue Ebene stellte.

Mit 670 Seiten gehört er zu den umfangreichsten Kriminalromanen überhaupt. Also eigentlich zu den redundanten Laberkrimis à la McKinty oder Don Winslow, die man zu meiden gelernt hat. Dies ist -wie alle Romane von Ellory – ein so komplexes Buch, das man in seinem Universum fast ersäuft. Als erfahrener Leser kommt gelegentlich die Angst auf, dass er am Ende seinen labyrinthischen Plot nicht befriedigend auflöst. Ohne Spoiler-Alarm zu geben, kann ich versichern, dass dies nicht der Fall ist. Der unterschätzte Autor John Lutz hat die Spannung und politische Relevanz des Romans treffend in einem Satz zusammengefasst: This one will keep you up late reading, and then you won’t sleep.

Ein vorrangiger Topos in seinen Romanen ist die Auswirkung von Handlungen in der Vergangenheit auf die Gegenwart.

Ein Stilmittel, das er exzellent beherrscht, ist die Parallelerzählung – hier Protagonist und Antagonist mit ihrer unterschiedlichen Moral und Perspektive. Die Perspektive des Letzteren gibt dem Leser einen Vorsprung vor dem Protagonisten, fast wie in Hitchcocks Dramaturgie.

Monatlich produziert er durchschnittlich 40.000 Worte mit dem Ziel, innerhalb von drei bis vier Monaten die komplette erste Fassung eines Romans zu erreichen. Einer seiner Wahlsprüche lautet: The harder you work, the luckier you get. “Ich entwickle keine Plotstruktur im Voraus. Nicht mal wenn ich Dreiviertel des Buches geschrieben habe, weiß ich, wie es enden wird. Ich habe keine Lust über Privatdetektive oder forensische Pathologen zu schreiben. Ich mag Außenseiter, die neben der Spur sind.“

Er arbeitet äußerst diszipliniert, beginnt frühmorgens und schreibt täglich etwa 4000 Worte.

„Ich habe eine vage Storyidee, aber eine genaue Vorstellung von den Gefühlen, die ich erzeugen möchte. Ich treffe Entscheidungen über Ort und Zeit, in denen die Geschichte spielen soll. Die Spontanität und Offenheit einer nicht geplanten Handlung inspiriert mich. Ich steige tief in die Charaktere ein und manchmal ändern sie während des Schreibens unerwartet die Richtung, was die Story ändern kann. Ich liebe den Schreibprozess und ohne Outline ist alles viel interessanter.“ Alle Autoren, die so arbeiten, nennen ein bedeutendes Argument: Wenn sie nicht wissen, wie sich der Roman entwickelt, wird es der Leser auch nicht können. „Ich schreibe die erste Fassung komplett durch, schaue nie zurück und ändere nichts, bevor ich fertig bin. Dann lasse ich das Manuskript ein paar Tage liegen, bevor ich mit dem Bearbeiten beginne. Das kann Umschreiben bedeuten, Kapitel straffen oder anders anordnen, kürzen und ergänzen. Dann geht es an meinen Lektor.“

Seine Leidenschaft für die USA geht auf den jugendlichen TV-Konsum zurück. „Starsky and Hutch, Hawaii 5:0, Kojac usw. Bogart und Bacall waren Onkel und Tante für mich. Ich bin fasziniert von amerikanischer Politik. Ich war und bin häufig in den USA und es ist jedes Mal so, als kehrte ich heim.“ Offenbar fühlt sich Ellory auf der dunklen Seite am wohlsten. Denn sein USA-Bild in seinen Büchern ist alles andere als einladend.

Ellory wurde am 20.Juni 1965 in Birmingham geboren. Sein Vater verließ seine Mutter, die Schauspielerin und Tänzerin war, noch vor seiner Geburt. Mit ihr wuchs er bei seiner Großmutter auf bis seine Mutter 1971 starb. Unter Obhut der Großmutter besuchte er mehrere Schulen. Mit 16 schrieb er sich bei einer Birminghamer Kunstschule ein, um Graphik und Design zu studieren. Dann starb 1982 seine Großmutter, was ihn für einige Zeit ziemlich aus der Bahn warf und ihm mit 17 Jahren eine Haftstrafe wegen Wilderei bescherte. „Nach dem Tod meiner Großmutter lebte ich mit meinem Bruder in einem Haus, in dem es weder Elektrizität, Gas oder Wasser gab. Um zu essen, klauten wir ein paar Hühner und wurden erwischt. Wir kassierten drei Monate Knast. Das war ziemlich hart. Es waren die frühen 1980er mit Thatchers Schocktherapien für junge Straftäter.“ Er schlug sich mit Jobs durch und spielte in der Band The Manta Rays („die lauteste Band von Manchester.“), bis diese sich nach dem Tod des Schlagzeugers auflöste. Die Liebe zur Musik begleitet ihn bis heute: Er ist Sänger und Gitarrist der Band The Whiskey Poets. Damals begann er exzessiv zu lesen: Conan Doyle, Michael Moorcock, Tolkien, Ian Fleming und Stephen King gehörten genauso zu seiner prägenden Lektüre wie philosophische, psychologische Standardwerke und ostasiatische Religionsschriften.

Mit 22 Jahren – 1987 – begann er mit seinem ersten Roman. Das Schreiben wurde zur Manie: Bis 1993 verfasste er 22 Romane, schrieb ununterbrochen in diesen sechs Jahren mit der Ausnahme von drei Tagen, die er brauchte, um die Scheidung von seiner ersten Frau durchzuführen. Alle Romane wurden abgelehnt. Er hatte sich zwischen zwei Stühle gesetzt, da er als britischer Autor Romane verfasste, die in den USA spielten mit amerikanischen Personal bestückt waren. Als hätten dies nicht zuvor und erfolgreich andere Autoren getan (z,Bsp. Tim Willocks, Lee Child oder James Hadley Chase).

Er erhielt von Verlagen beiderseits des Atlantiks über 300 Absagen.
Frustriert beendete er seine schriftstellerische “Karriere”. Bis August 2001. Da nahm er erstmals einen Bürojob an und lernte, mit einem Computer umzugehen. Das Erstellen eines word-documents begeisterte ihn, und er begann wieder zu schreiben. „Sechs Jahre schrieb ich alles mit der Hand, aber nun nur noch mit Computer. Ausgenommen auf Reisen. Aber dann speise ich anschließend alles in den PC.“ Bis ins folgende Jahr verfasste er drei Romane, darunter CANDLEMOTH, der als „Erstling“ von Orion veröffentlicht werden sollte. Der Roman wurde für den Ian Fleming Steel Award nominiert (wie auch der vierte, CITY OF LIES, 2006). Seitdem wurde er für viele weitere Preise, die international inzwischen inflationär verteilt werden, nominiert und gewann auch irgendwelche nicht weiter aussagekräftige. Inzwischen sind über drei Million Exemplare seiner Romane verkauft worden, die in 25 Sprachen übersetzt sind.

2012 kam es zu einem Skandal, mit dem er seine Satisfaktionsfähigkeit aufgab: Der Thriller-Autor Jeremy Duns (guter Autor!) überführte Ellory der Amazon-Manipulation. Dieser hatte unter falschem Namen positive Bewertungen seiner eigenen Bücher geschrieben. Aber was noch mieser war: Er hatte andere Autoren (Mark Billingham, Stuart MacBride) schlechtgemacht – auf miese Art und Weise. Nachdem Duns die Geschichte öffentlich gemacht hatte, kam Ellory verständlicher Weise ziemlich unter Druck. Sogar die CWA sah sich genötigt, dazu Stellung zu nehmen. Ellory sah sich genötigt, sich öffentlich zu entschuldigen. Die Betroffenen bemüht die Entschuldigung an. Aber machen wir uns nichts vor: so eine miese Sache bleibt für lange, lange Zeit kleben und wird auch vieles Verdienstvolles überschatten.

Der Schrei der Engel von RJ Ellory

Dabei ist die Motivation rätselhaft, denn Ellory war ja inzwischen erfolgreich und hatte weder Eigenlob noch die üble Nachrede an Mitbewerbern nötig. Ähnlichen Schwachsinn hatte zuvor schon der renommierte Historiker Orlando Figes verbrochen.

„Mich interessiert nicht, ob der Leser sich noch an den Plot, den Titel oder die Charaktere erinnert. Ich möchte, dass er sich noch nach Jahren daran erinnert, was er bei der Lektüre empfunden hat.“

Sein Rat an angehende Autoren: „Ich glaube, das schlechteste Buch, das man schreiben kann, ist ein Buch, das den Leuten gefallen soll. Ich glaube, das beste Buch ist eines, das man selber lesen möchte. Schreib ein Buch über etwas, dass dich wirklich interessiert, denn dein Enthusiasmus wird durchscheinen. Mich interessieren häufig Stil und Sprache mehr als der Plot. Aber gute Geschichten kommen von Menschen und ihren Erfahrungen, nicht von Formeln und Regeln.“

Der Goldmann Verlag hat nur drei Titel (von inzwischen 13) übersetzen lassen. Dann war Schluss mit Lustig. Zu geringe Absatzzahlen hatten wohl die Kalkulation der umfangreichen Bücher mit ihren hohen Übersetzungskosten schwierig gemacht.

Aber wenn ein Unternehmen wie Bertelsmann/Random House mit seiner ökonomischen Potenz (jede Menge schmutziges Geld durch RTL) nicht mehr dazu bereit ist, im deutschen Markt gelegentlich an einem Qualitätsautor festzuhalten, um ihn langfristig durchzusetzen, dann wird es düster. Dann wird wohl auch der letzte anspruchsvolle Leser zu englischen Ausgaben greifen müssen.

Ein letztes Wort von J.R.Ellory: „Ich habe nie vergessen, was es heißt, die Frustrationen zu erleben bis man veröffentlicht wird und was es kostet, mit dem woran man glaubt, weiterhin veröffentlicht zu bleiben. Ich schreibe für mich, ich schreibe für Leser. Falls ich jemals für Geld schreibe, weiß ich: Es ist vorbei. Ich glaube nicht, dass dieser Tag je kommt.“


Selbst im kleinen Holland wird Ellory regelmäßig ins Flämische übersetzt

INTERVIEW ZUM BUCH:

What was the first inspiration for SIMPLE ACT OF VIOLENCE

Well, when I was in my early teens I was consumed by an interest in such films as ‚All The President’s Men‘, ‚The Conversation‘, ‚French Connection‘, ‚Serpico‘, ‚Three Days of the Condor‘ etc., that gritty neo-realist movement driven by people like Lumet, Pakula, Coppola and Friedkin. I was so interested in these subjects that my first career path was towards journalism, especially investigative journalism. Anyway, I had just completed a very, very different book (‚A Quiet Belief in Angels‘), and I really felt that I wanted to write something of this nature. I had already covered such things as Watergate, the Kennedys, police corruption, the KKK and death row, and a grander scope appealed to me. I started to look at significant political events in the past fifty years, and the thing that really drew me to Nicaragua was the fact that it was US intervention in another country. Like Vietnam, like Salvador, here we had a nation involving itself in another country’s politics, so much so that they murdered many thousands of people, rigged elections, destabilised the economy, and all for the usual reasons – money, political control, natural resources. It was the grand scale of it that pulled me, and it was also an opportunity to take on another monolithic myth, the CIA.

…and what pulled the trigger?

When I first started looking at the CIA and realized that they had been involved in illegal invasion, political subversion, Black Ops., military actions, assassinations and coup d’état operations in over forty countries just since the end of the Second World War. That’s just what is documented and known about. It’s the big lie hidden in plain sight.

.Everything comes together so „smoothly“ in the plot. When did you get this perfect control of the plot? As I´ve learned, you don´t write layouts or exposés and the direction of a book can change even in the middle of a book.

I don’t know that I ever get complete control of it! As you say, it is not worked out from a synopsis. I just write it. I work it out as I go along. Things change. Things have to move around. I write it start to finish in one go, never going back over what I have written. Once I am done and I know the end, then I go back to the start and fix all those things that don’t make sense. I know it may not be the usual way to work, nor perhaps the best, but I think the way you work is the way you work, and you have to work whichever way suits your thinking processes. For me, a book is a very intense activity, very fast (I usually get a first draft done in about 10-12 weeks), and I am sort of in the story, living within it, and even when I am not writing I am thinking about the next chapter, the one after that. The plot evolves, and I evolve my thinking with the plot. I really don’t want to sound like an expert because I don’t consider myself one, and I am learning all the time. It is a spontaneous and organic thing rather than a planned and methodical approach, and it’s just related to the way my mind works.

 

As in your other books: You are brilliant with the names of your characters. Do you find these names easy? How important is it to you to get the names right?

That’s a really interesting question, because it is really important. The question I ask myself is, ‚Does this name suit this person?‘ and ‚Does this contribute to the ‚realness‘ of the character?‘ For me, as I have said before, the key issue with any novel is the emotion of the thing. The first thing I decide when I embark upon a new book is ‘What emotions do I want to create in the reader?’ or ‘When someone has finished this book and they think about it some weeks later, what do I want them to remember…what emotion do I want them to feel when they recall reading the book?’ That’s key for me. Those are the books that stay with me, and those are the books I am constantly trying to write. There are a million books that are brilliantly written, but mechanically so. They are very clever, there are great plot twists, and a brilliant denouement, but if the reader is asked three weeks after reading the book what they thought of it they might have difficulty remembering it. Why? Because it was all very objective. There was no subjective involvement. The characters weren’t very real, they didn’t experience real situations, or they didn’t react to them the way ordinary people react. It was more of a puzzle-solving exercise than a real emotional rollercoaster. In fact, some of the greatest books ever published, the ones that are now rightfully regarded as classics, are books that have a very simple storyline, but a very rich and powerful emotional pull. It’s the emotion that makes them memorable, and it’s the emotion that makes them special. Character is everything for me, so a book should be filled with the blood of the character, at least figuratively speaking! I have to feel that the person is real, that they could be real, that such a person could actually exist out there in the world and that they would react this way under such pressures. In writing this book it changed along the way, as all my books do, and they change because the characters become that much more real, and thus they actually begin to inform and influence the direction of the story. I don’t want that to sound pretentious, you know, but I am always working against an emotional barometer. If I don’t feel it, then the reader won’t. Personally, I have a major issue with central characters who are always right, who leap to the wildest conclusions about things, and are then proven right. Coincidences are very rarely coincidences in life, and police work is not based on luck or coincidence or anything else! People are not like that at all, either. They make mistakes constantly. We are all the same in that respect. So it really does start with the name. If I don’t believe in the person, then I am fooling myself if I think that my readers will believe in them.

 For me as reader, I didn´t like it to leave Robey forever (of course: it was inevitable). He was a kind of a Byron-hero. Can you remember how you „met“ him?

John Robey is the name of Cary Grant’s character in Hitchcock’s ‚To Catch A Thief‘, but with a different spelling. I wanted to give a nod of respect to Hitchcock, for he was another major influence on my storytelling. I have written a number of very different books, but the thread that ties them all together is ‚ordinary person in an extraordinary situation‘. That’s the Hitchcock theme, from ‚Strangers on a Train‘ to ‚North by Northwest‘ to ‚Rear Window‘. That was the simple reason for doing that. As for Robey himself, he was always going to be the prime mover in this drama. At the very heart of it, we have a love story between Catherine Sheridan and John Robey. It’s a love for one another, but also a love for country, for an ideal, for a belief. We so often take the wrong road to get to the right place, but what happens when we arrive at the ‚right place‘ and realize that this is also wrong? It’s a book about shattered trust, about compromising for a really important reason, and then finding out that the reason was a lie. Robey, himself, was a single man representing the whole rationale of the story, and – in a lot of ways – he had to think the way I think, and he had to react in the way I believed I would have done had I been in such a situation. All the way through I was asking myself, ‚If this was me, what would I do?‘ In a way, strange though it may sound, writing a character like that is a voyage of self-discovery because you find out things about yourself.

I hate the usual love stories in every kind of fiction. I think with Miller and his love interest you really kept the balance on a fine line. Is it easy or tough for you to write about love in these kind of context?

That also makes me smile, because I love to write love stories because they are so easily screwed up, and sometimes they are done so badly! Balance is the exact word. It is the same balance you have to find when writing a novel that deals with past events and history. Enough history to tell the story, not so much that it slows down the story itself. So it is with love, and – once again – it comes back to reality. Does it feel real? Does it work? Does it seem credible and genuine and would people really talk this way and act this way and think this way? Those are questions I am asking all the time. I want to create characters that feel like actual people, and when you finish the book you have to leave them behind and you feel like you are losing a friend, even when that friend is a little crazy!

 

 

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NOIR-ROMANE, DIE MAN LESEN SOLLTE: FAT CITY by Martin Compart
22. Mai 2017, 9:10 am
Filed under: Noir, Rezensionen | Schlagwörter: ,

Jürgen Ruckh hat Leonard Gardners Klassiker FAT CITY besprochen:
http://schusterjunge-und-hurenkind.de/leonard-gardner-fat-city



NEUES AUS DER BAKERSTREET by Martin Compart

Bücher über Sherlock Holmes füllen ganze Bibliotheken. Über keinen anderen fiktionalen Charakter (außer Hamlet) wurde mehr Sekundärliteratur produziert als über den koksenden Meisterdetektiv aus der Baker Street. Seine anhaltende Faszination hat mehrere Antriebe. Der ursächlich entscheidende für mich ist, das Conan Doyle mit ihr eine Synthese aus Aufklärung und Romantik geschaffen hat, die bis heute unser Lebensgefühl trifft und deshalb auch immer wieder sensibel und intelligent zu aktualisieren ist.

Kann da ein neues Buch noch irgendwas neues berichten? Mattias Boströms 600-Seiten-Schinken VON MR.HOLMES ZU SHERLOCK kann. Und das aus mehreren Gründen:

– bei der multimedialen Verwertung von Sherlock, die nun über 100 Jahre andauert, ist kein Ende in Sicht;

– der Autor trägt Fakten zusammen, die ansonsten nur in Publikationen zu Einzelaspekten zu finden sind.

Das Negative zuerst: Der Autor berücksichtigt kaum oder gar nicht die apokryphen Schriften des Holmes-Mythos der zahlreichen Autoren nach Conan Doyle Außerdem vermindert sich nach 1970 die vorher so großartige detailgenaue Darstellung (was um so ärgerlicher ist, da die 3. Sherlock-Renaissance in diesem Jahr eingeläutet wurde und bis heute trägt. Der Grund dafür ist wahrscheinlich der Umfang. Hätte Boström beide Aspekte ausführlich behandelt, wäre das Buch gut dreimal so umfangreich geworden.

Trotzdem gehört es zu den besten Büchern über das Phänomen, das ich kenne. Das liegt vor allem an dem sowohl akribischen- wie unterhaltsamen Stil des Autors, der ganz nahe an Protagonisten oder Situationen heran geht und diese lebendig macht wie ein guter Romancier. Ihm gelingt es, die mediale Verwurstung der Figur genauso spannend darzustellen wie eine Sherlock Holmes-Geschichte. Der 1971 geborene schwedische Autor ist Mitglied der Baker Street Irregulars, der ältesten und angesehensten Gesellschaft von Holmesianern. Sie wurde 1934 von Christopher Morley gegründet und zählte zu ihren Mitgliedern prominente Leute wie Isaac Asimov, Anthony Boucher, Neil Gaiman oder Rex Stout.

Für jeden, der einen ersten umfassenden Überblick über eines der größten und langlebigsten kulturellen Monstren aller Zeiten lesen möchte, ist dies das richtige Buch. Und auch ausgewiesene Kenner des Phänomens werden es beglückt lesen, da Boström oft vergessene Details ausgräbt und neu gewichtet oder klassische Momente, wie die Begegnung zwischen Conan Doyle, seinem künftigen US-Verleger und Oscar Wilde, vermittelt, als wäre man persönlich zugegen.



NOIR-WESTERN: JOE R.LANSDALEs DAS DICKICHT by Martin Compart
30. Juni 2016, 8:03 am
Filed under: Joe R.Lansdale, Noir, Rezensionen, Western | Schlagwörter: , , ,
Das Dickicht von Joe R Lansdale

Das Dickicht von Joe R Lansdale

 

https://www.amazon.de/Das-Dickicht-Joe-R-Lansdale/dp/3453676777/ref=sr_1_3?s=books&ie=UTF8&qid=1467273865&sr=1-3&keywords=joe+lansdale

 

Das hat man doch alles schon x-Mal gelesen oder gesehen:

Die Schwester des Helden wird von Schurken entführt und der Held stellt daraufhin ein Wild Bunch zusammen, mit dem er die bösen Jungs verfolgt bis zum Showdown in einer möglichst schaurigen Umgebung.

Denkt man.

Und dann kommt Joe R.Lansdale daher und erzählt diese Geschichte, wie man sie eben doch noch nie gelesen oder gesehen hat. Es ist seine Version von TRUE GRIT, einem Schlüsselroman des Noir-Westerns.

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Angefangen beim Ich-Erzähler. es ist ein weiterer Spät-Western oder Heimatroman (er spielt ca.915), dessen Held ein Junge an der Schwelle zum Erwachsenwerden ist. Lansdale hat wieder seine „Mark Twain-Stimme“ und berichtet, wie zuvor in THE BOTTOMS, EDGE OF DARK WATER oder A FINE DARK LINE, über die Vergangenheit seiner Heimat Ost-Texas als Western. Authentisch, noir und mit einer berauschenden Sprache beschreibt er die Düsternis der glorreichen Vergangenheit eines Teilstaates der USA, der eher zum Süden, wie Louisiana gehört, als zum Südwesten wie Texas. Damit streift er auch immer wieder „Gothic-Themen“ (nicht von Ungefähr schrieb Lansdale Weird Western wie die Comic-Serie JONAH HEX). „A glory that costs everything and means nothing“, wie Steve Erickson sagte.

Die Schurken des Buches gehören zu den übelsten der jüngeren Noir-Literatur. Ihre Bösartig erwächst genau daraus, was der Western als amerikanische Ideologie so gerne verkündet: die rücksichtslose Durchsetzung eigener Interessen, die weder vor Tötung noch Sabotage des Allgemeinwesens zurück schreckt.  Wobei das hier geschilderte Allgemeinwesen auch nicht gut davon kommt .Die Lynch-Szene, die der junge Protagonist beobachtet, zeigt die Stadtbewohner kaum weniger barbarisch als die Outlaws,

Lansdale gehört zu den kraftvollsten Stimmen der US-Literatur und nur wenige andere haben ein ähnlich breites Spektrum: SF, Fantasy, Crime, Western, Horror. In allen von ihm gewählten Genres schreibt er Herausragendes.

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Dieser Roman gehört zu seinen besten. Alles ist da, was man von Lansdale erwartet: Knallige Dialoge, aberwitzige Charaktere, beängstigende Naturbeschreibungen und ein flüssiger Stil, dessen Feinheit leicht erscheint, da er das rasante Tempo voran treibt. Nebenbei lässt er seine Figuren anregend und charakteristisch über Gott und die Welt philosophieren. Für seinen intelligenten Witz ist der Autor hinreichend bekannt. Cormac McCarthy behält immer eine gewisse Distanz zum Leser; Lansdale saugt ihn auf und zwingt ihn in seinen Kosmos, gibt ihm keine Chance, aus dem Buch auszusteigen.

Eine der Wurzeln der Noir-Literatur ist die Hard-boiled Novel, Diese hat wiederum einiges dem Western-Genre zu verdanken. Eine Beziehung zwischen Noir und Western ist naheliegend und gibt es schon länger, auch wenn das außerhalb des Medium Films seltener geschah. Neuere Autoren wie Tom Franklin oder James Carlos Blake haben den Noir-Western neue Popularität verschafft – dazu demnächst mehr.

 

Als Anhang mein altes Lansdale-Nachwort aus DUMONT NOIR Bd.23 SCHLECHTES CHILI. Einiges ist inzwischen veraltet, und die Bibliographie natürlich nicht auf dem neuesten Stand.

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DER MANN AUS TEXAS

„Das Blöde ist, die Leute denken, wenn sie meine Bücher lesen: So läuft das also in Texas. Aber das stimmt nicht. Es sind Romane. Wenn ich über Maine schriebe, würde ich über die dortigen bösen Buben schreiben. Verdammt nochmal, ich bin Kriminalschriftsteller und kein Angestellter des Touristenverbandes. Ich suche mir die Bereiche der menschlichen Natur aus, die ich beleuchten will. Das heißt doch nicht, daß in Texas an jeder Ecke ein Rassist oder ein brutaler Redneck lauert. Aber man kann es natürlich auch nicht verschweigen. Das Böse lauert überall in den USA“, sagt Joe R.Lansdale und sieht dabei aus wie die Idealbesetzung für sein alter ego Hap. Kein Kerl, der sich von einem Dorfschläger ungestraft ein Bier über den Kopf schütten läßt. Lansdale ist ein echter tough guy, der in seinem Leben oft die dornigen Straßen gewählt hat, und für den Überleben auch Kampf ist. Und er ist ein Mann von Ehre: „Wenn es keine Guten in dieser Welt gäbe, die aufstehen und sich gegen das Böse stellen, wäre alles noch schlimmer. Die paar Aufrechten sorgen dafür, daß der Scheck nicht platzt.“ Dabei hilft dem Schwarzgurt natürlich auch, daß er seit über dreißig Jahren Kampfsport betreibt. Wenige andere Autoren in der zeitgenössischen amerikanischen Literatur haben das Ohr so dicht am bösen Herzen Amerikas.

image004[1]Kaum ein Autor zeigt so unsentimental und konsequent wie sich das Böse in God’s Own Country eingeschlichen und festgesetzt hat. Und das erschreckendste dabei: Seine Figuren sind dreidimensional, absolut lebenswirklich und keine dumpfen Horrorgestalten. Lansdale läßt den Leser zwar nicht unbedingt an jeder Entwicklung seiner Schurken teilhaben, aber er verharmlost sie auch nicht als Comic-Bösewichter. „Das Böse besteht für mich darin, wie Menschen miteinander umgehen. Dummheit und sogar Gemeinheit müssen nicht unbedingt wirklich böse sein. Gemeinheit kann natürlich tief böse sein. Selbst dumme Menschen können böse Handlungen begehen. Das Böse kommt von innen, und die Art und Weise, wie man als Kind behandelt wurde, hat viel damit zu tun. Ich denke aber auch, daß eine bestimmte genetische Disposition genauso wichtig ist. Durch eine bestimmte Sozialisation kann die aktiviert werden. Wenn man einem Kind kein Mitgefühl vermittelt, wird es nie mitfühlen lernen. Ich bin davon überzeugt, daß es Menschen gibt, die ohne die Fähigkeit zum Mitfühlen geboren werden. Ihnen fehlt die genetische Disposition. Manche Leute sind so intensiv Ich-bezogen, daß sie andere nicht mal als Lebewesen wahrnehmen. Schlecht gepolt. Und die können sehr, sehr böse sein.“

An Gerechtigkeit glaubt er sowieso nicht mehr; jedenfalls nicht, was ihre Durchsetzung durch staatliche Strukturen, die er als verrottet analysiert, angeht. „Klar ist da auch Vigilantismus in meinen Romanen. Hap und Leonard überschreiten diese Grenzen zur Selbstjustiz. Ich bin aber kein Anhänger des Vigilantentums. Eher ein Anhänger simpler alttestamentarischer Moral. Es ist nun mal so, daß korrupte Bullen oder einflußreiche Gangster über dem Gesetz stehen. Bei mir geht es um Fegefeuer und Verdammnis. Naja, Pistolenfeuer und Verdammnis.“

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Joe Richard Lansdale wurde am 28.Oktober 1951 in Gladewater, Texas geboren. Eine ehemalige Öl-Stadt, die nach dem Boom völlig herunterkam. „War ein verdammt harter Ort zum Leben.“ Dort und in Mount Enterprise wuchs er auf. Sein Vater hatte während der Depression als Kirmesboxer den Lebensunterhalt verdient und vermittelte dem Sohn eine eiserne Arbeitsethik. Obwohl seine Eltern keine gebildeten Leute waren, ermutigten sie den Sohn, der sich zu einer Leseratte entwickelte und als Junge schon Geschichten schrieb. „Ich saß rum und las im Wörterbuch. Ich las die Bibel und die Werke Shakespeares. Natürlich auch Lone Ranger- und Superhelden-Comics. Edgar Rice Burroughs, und ungefähr mit vierzehn entdeckte ich die Noir-Romane der Gold Medal-Reihe.“ Noch auf der High School arbeitete er nebenher als Müllmann. Er studierte in Austin und Nacogdoches an der University of Texas mit Unterbrechungen, in denen er mit allen möglichen und unmöglichen Jobs Geld verdiente, unter anderem als Ziegenzüchter und Feldarbeiter. Wie Hap schlug er sich mit den unterschiedlichsten Jobs durch: Saisonarbeiter auf den Farmen, Industriearbeiter oder als Handlanger für Klempner und Teppichleger. „Ich habe alle Jobs gemacht, die auch Hap hatte. Er hat viel von mir. Er ist so wie ich, wenn ich etwas weniger ambitioniert wäre und ein paar blöde Fehler mehr gemacht hätte. Natürlich hat auch Leonard Aspekte von meiner Persönlichkeit. Man kann nicht über jemanden schreiben, der nichts von einem selbst hat. Egal ob es ein Ganove oder eine Frau ist. Aber Leonard basiert auch auf einigen Leuten, die ich kenne.“lansdale_joe_r[1]

Neben seinen miesen Jobs schrieb er. Lansdale war ein aktiver Gegner des Vietnamkrieges und wollte eher ins Gefängnis gehen, als für die Interessen des militärisch-wirtschaftlichen Blocks in Südostasien Leute zu ermorden oder selbst ermordet zu werden. Ein wohlmeinender Arzt schrieb ihn untauglich, so blieb ihm im Gegensatz zu Hap das Gefängnis erspart. „Eigentlich war das ein harter Knochen. Aber vielleicht hatte er zuviele Jungs rübergeschickt und in Leichensäcken zurückkommen sehen.“ 1970 heiratete er zum ersten Mal und wurde zwei Jahre später geschieden. 1973 heiratete er Karen Ann Morton, die er an der Universität kennengelernt hatte. Gemeinsam mit ihr gab er die Kurzgeschichtensammlung DARK AT HEART heraus. Mit Sohn und Tochter leben die Lansdales in Nacogdoches, 32260 Einwohner.

Pulpmaster_Berlin_06[1]Schon als Kind hatte er Schriftsteller werden wollen, und 1981 machte er seinen Traum war und wurde hauptberuflicher Autor. „Ich war ein Hausmann. Wenn meine Frau als Dispatcher der Feuerwehr arbeitete, saß ich daheim, hütete meinen Sohn und schrieb. Er schlief kaum, und ich konnte nur in zwanzig Minuten Intervallen schreiben. Einiges von dem Zeug war wirklich fürchterlich, und ich bekam tausend Ablehnungsschreiben.“ Wie Kollege Loren D.Estleman einmal richtig bemerkte: „Erfolg ist eine Frage des Portos.“ Im selben Jahr erschien sein erster Romasn ACT OF LOVE. Es war sein erster Noir-Thriller und ein Blick in die Psyche eines Serienkillers, lange bevor Serial killer-novels zu einem breitgetretenen Subgenre wurden. Das Buch ist hart, rücksichtslos und gilt einigen Fans, wie Bill Crider, als Lansdales am besten konstruiertes Buch. „Ich will den Tod nicht trivialisieren. Manche Szenen sind so brutal, weil ich die Gewalt nicht verharmlose. Ich war früher in einige Schlägereien verwickelt und weiß, was Gewalt bedeutet. Das heißt nicht, daß ich mich gerne prügele. Ganz im Gegenteil: Ich hoffe, ich werde nie wieder eine gewalttätige Auseinandersetzung erleben.“grlg[1] Zuvor hatte er bereits zahlreiche Kurzgeschichten in semi-professionellen Magazinen, sogenannten Fanzines, veröffentlicht. Berühmt wurde er in den 80er Jahren aber vor allem durch seine Kurzgeschichten, besonders seine Horror-Stories. „Wenn der Kontostand sich bedenklich senkte, lieh ich mir ein billiges Horror-Video aus. Meine Frau machte Popcorn, und ich setzte mich damit vor den Rekorder. Jedesmal, wenn ich das Popcorn aß und einen miesen Film sah, bekam ich die unglaublichsten Wachträume und Ideen für Stories. Wahrscheinlich lag es an dem Fett.“

Lansdale schrieb eine große Anzahl von Horrorgeschichten, die wirklich Angst machen. Seine besten gehören zum Allerbesten was in diesem Genre je geschrieben wurde. Da hat er wohl gelernt, wie man eine Atmosphäre aufbaut, die dem Leser Schweißperlen auf die Stirn treibt und den Herzschlag erhöht. Mit traumwandlerischem Gespür weiß er genau, was er beschreibt und – oft noch wichtiger – was er weglassen muß, um den Leser an der Gurgel zu packen und durchzuschütteln. Lansdale-Lektüre ist eine gute Diät: Man verliert Gewicht dabei. Für Furore sorgte er am Anfang seiner Karriere in der Splatter-Punk-Szene, für die er ultrabrutale und gnadenlos geschmacklose Stories schrieb, die jeden Vergleich mit Clive Barker aushalten. Aber es wäre zu kurz gegriffen, ihn auf den reinen Splatter-Punk zu reduzieren. Lansdale experimentierte schon früh mit cross-overs und schrieb einige beeindruckende Synthesen aus Western und Horror wie den Roman THE MAGIC WAGON. Lovecraft meets Louis L’Amour.

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1988 erhielt er für THE NIGHT THEY MISSED THE HORROR SHOW den Bram Stoker Award, ein Jahr später für die Novelette (Kurzroman oder Novelle) ON THE FAR SIDE OF THE CADILLAC DESERT WITH DEAD FOLKS ebenfalls. Lansdale, der ein typisches Multimedia-Kind der Swinging Sixties ist, interessierte sich immer auch für Comics (darin ist er Max Allan Collins ähnlich) und nahm begeistert das Angebot des DC-Verlages (SUPERMAN, BATMAN) an, für die mit Horrorelementen durchsetzte Serie JONAH HEX zu schreiben. Für die Episode TWO GUN MOJO wurde er 1994 ebenfalls mit dem Bram Stoker Award ausgezeichnet. 1997 dann nochmals für die Novelle THE BIG BLOW. Außerdem erhielt der ehemalige Vizepräsident der Horror Writers of America noch den British Fantasy Award und den American Mystery Award. Die JONAH-HEX-Geschichte RIDERS OF THE WORM AND SUCH verursachte eine rechtliche Auseinandersetzung: Die Bluesmusiker Johnny und Edgar Winter verklagten den DC-Verlag, weil in dem Comic zwei „halb-menschlich, halb Wurm“-Albino-Bösewichter mit den Namen Johnny und Edgar Autumn ihr Unwesen trieben. Der Comic Book Legal Defense Fund kam zu Hilfe und berief sich auf das Recht auf freie Rede. „War eine Satire über Gestalten aus der Öffentlichkeit“, grinst Lansdale, der damit einmal mehr die Grenzen des guten Geschmacks hinter sich gelassen hatte. 1994 drehte James Cahill auf Video eine 20 Minuten lange Version von DRIVE-IN DATE, zu der Lansdale das Drehbuch schrieb.

Zu den Autoren, die ihn beeinflußt haben, zählt er Richard Matheson, Dean R.Koontz, Evan Hunter und Flannery O’Connor. „Von Edgar Rice Burroughs habe ich gelernt, wie wichtig das Tempo für einen Roman oder eine Novelle ist. Auch Kipling, Jack London, Mark Twain, Conan Doyle oder Max Brand wußten das. Eine ganze Reihe von Autoren haben mir etwas gegeben. Darunter William Goldman, T.V.Olsen, Ray Bradbury, Jack Finney, William F.Nolan, Robert Bloch, Harry Crews, Raymond Chandler, Hammett, James M.Cain, Gerald Kersh, Harlan Ellison, Pete Hamill, William Kotzwinkle… Ich könnte die Liste endlos fortsetzen. Außerdem bin ich natürlich vom Kino, Radio, Fernsehen und Comics beeinflußt.“ 1996 beendete Lansdale ein Fragment seines Idols Burroughs zum Roman TARZAN: THE LOST ADVENTURE.

„Ich bin ein Regionalist. Ich schreibe fast ausschließlich über Osttexas. Ich sehe mich aber auch in der Tradition von Jack London und Mark Twain: als Unterhaltungsautor, der auch etwas über die Welt zu sagen hat. Ich meine damit nicht, daß ich in derselben Liga wie London oder Twain spiele, aber ich eifere ihnen nach und habe dieselbe Zielsetzung. Ich sehe mich nicht als Nihilist oder Existentialist. Das interessiert mich gar nicht. Aber eher bin ich existentialistisch orientiert als nihilistisch, obwohl ich natürlich nihilistische Charaktere beschreibe. Ich sehe mich als eine Kombination aus Realismus und Humanismus.“

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Der erste Hap & Leonard-Roman SAVAGE SEASON ist eine Abrechnung mit den 60er Jahren. „Ich wollte in einem Buch darstellen, was aus den Idealen dieses Jahrzehnts geworden ist. Es gab damals einen Moment, als wir glaubten, wir könnten Utopia errichten. Wahrscheinlich war das immer nur eine mythische Vorstellung, aber wir waren jung genug, um zu glauben, daß alles möglich sei und wir wirklich die Welt verändern könnten.“ Der Roman ist ein harter, schwarzer Thriller und eine Meditation über den langsamen Tod des 60er Jahre-Idealismus. Hap ist den Idealen der 60er treu geblieben, aber kein blauäugiger Idealist. Der Pragmatiker Leonard, geprägt durch die Black Experience, hat als Vietnamveteran die Swinging Sixties aus einer weniger romantischen Perspektive erlebt und neigt nicht im geringsten zur Verklärung. Daß Leonard Pine ein schwarzer Homosexueller ist und Hap hetero, macht die Freunde zu einem der ungewöhnlichsten Duos des modernen Noir-Romans. „Ich habe immer gegen die Trends im Buchgeschäft gearbeitet. Und jedesmal nach einigen Jahren festgestellt, daß sich das Klima in meinem Sinne geändert hat. Leider habe ich nie davon profitiert. Heute sieht man schwule Charaktere ganz selbstverständlich und nicht diskriminiert in Büchern, Comics, Filmen oder Fernsehserien. Eine Menge schwuler Leser haben mir geschrieben, daß sie Leonard mögen, weil er keine Stereotype ist. Ich bin sehr stolz auf dieses Urteil.“

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Hap und Leonard waren nicht als Serienprotagonisten geplant. „Ich wollte kein weiteres Buch über Hap und Leonard schreiben. Als ich MUCHO MOJO begann, funktionierte das Buch nicht. Erst als ich Hap und Leonard in die Geschichte einbaute, klappte es. Meine Agentin meinte, ich solle nicht weiter über diese Typen schreiben und das Buch nicht veröffentlichen. Also legte ich es zehn Monate in die Schublade und schrieb irgendeinen Mist. Dann sagte ich mir: So läuft das nicht. Ich schreibe, was ich schreiben will. Ich feuerte meine Agentin und schrieb das Buch fertig.“51p3KTB2FbL._AC_UL320_SR206,320_[1]

Während SAVAGE SEASON noch sehr stark plotorientiert war, lehnte sich Lansdale bei diesem Buch entspannt zurück und ließ Hap übernehmen. James Crumley sagte über den Roman: „Nicht nur ein großartiger Kriminalroman voller unerwarteter Wendungen, sondern auch der beste Roman, den ich über die Freundschaft zwischen einem Schwarzen und einem Weißen gelesen habe.“ Der dritte Roman, THE TWO-BEAR MAMBO, wurde von David Lynch unter Filmoption genommen und „brachte mir mehr Geld, als ich in fünf Jahren zusammen verdient hatte“. Auch sein Horror-Western DEAD IN THE WEST wurde unter Filmoption genommen: von Dark Horse Entertainment (THE MASK). COLD IN JULY wurde von Regisseur John Irvin gekauft. „Ich weiß nicht, ob sie je einen Film daraus machen. Erst werden sie eine Yankee-Story daraus machen und dann die Handlung nach Kalifornien verlegen. Und dann stellen sie fest, daß dieses Ding nicht funktioniert, denn es kann nur in Texas funktionieren.“ Der Roman ist – wenn man überhaupt einen Vergleich wagen will – eine Art Höllenversion von John D.MacDonalds THE EXECUTIONERS (CAPE FEAR). In TWO-BEAR MAMBO führt Hap und Leonard der Weg ins fiktive Grovetown, die wahrscheinlich übelste Rassistenstadt der amerikanischen Kriminalliteratur. „In Texas gibt es einen Ort namens Vidor, der dafür ein bißchen Modell gestanden hat. Da gibt es sogar eine Buchhandlung des Ku Klux Klan. Der Ort ist nicht typisch für Texas. Die Leute denken oft, wir fahren hier mit pick-ups und Gewehren durch die Gegend. Stimmt nicht. Heute ist der Klan nur noch eine kleine Gruppe und selbst durchschnittliche Rassisten halten die Klan-Mitglieder für Feiglinge. Aber Vidor ist eine Ausnahme. Als ich dort war, war ich wirklich erstaunt. Es gibt keine Schwarzen in Vidor. Ich konnte kaum glauben, daß es so einen Ort gibt.“

Lansdale arbeitet jeden Tag fünf bis sechs Stunden als Schriftsteller (immer nur ein Projekt, nie gleichzeitig an verschiedenen), bevor er abends in seinem vom Honorar für TWO-BEAR MAMBO gekauften Studio Kampfsport unterrichtet.

DieInspiration für seine Romane und Erzählungen kommt aus den unterschiedlichsten Quellen. Die Initialzündung für SCHLECHTES CHILI lieferten die lokalen Nachrichten: „Es gab in Texas einige Schwulenmorde. Einer passierte in Tyler, eine Gegend, in der ich aufwuchs. Ich verfolgte im Fernsehen die Berichterstattung und mir kamen einige Ideen… Klar, Hap und Leonard brauchen Geschichten, die in Texas spielen. Sonst funktionieren sie nicht.“ Trotz des überragenden Erfolges seiner Hap & Leonard-Romane will Lansdale auch künftig in unterschiedlichen Genres arbeiten: „Ich habe nicht vor, ausschließlich Kriminalromane zu schreiben. Ich habe auch nicht vor, sogenannte literarische Sachen zu schreiben. Ich glaube, daß – egal was für ein Genre – jedes gute Buch automatisch gute Literatur ist.“

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Bibliographie (bis 1998):

ACT OF LOVE (deutsch bei Mass Verlag, Berlin), New York: Zebra, 1981.

TEXAS NIGHT RIDERS (als Ray Slater), New York: Leisure, 1983.

DEAD IN THE WEST, New York: Space and Time, 1986.

THE MAGIC WAGON, New York: Doubleday, 1986.

THE NIGHTRUNNERS (deutsch als rororo 22224, 1998), Illinois: Dark Harvest, 1987.

THE DRIVE-IN: A B-MOVIE WITH BLOOD AND POPCORN (deutsch bei Pulp Master, Berlin), New York: Bantam, 1988.

COLD IN JULY (KALT BRENNT DIE SONNE ÜBER TEXAS, rororo 13768, 1997), New York: Bantam, 1989.

BY BIZARRE HANDS (Stories), Kalifornien: Ziesing, 1989.

SAVAGE SEASON, Kalifornien: Ziesing, 1990.

THE DRIVE-IN 2: NOT JUST ONE OF THEM SEQUELS, New York: Bantam, 1990.

STORIES BY MAMA LANSDALE’S YOUNGEST BOY (Stories, Oregon: Pulphouse, 1991.

ON THE FAR SIDE OF THE CADILLAC DESERT WITH THE DEAD FOLKS (Stories), Colorado: Roadkill Press, 1991.

THE STEEL VALENTINE (Stories), Oregon: Pulphouse, 1991.

BATMAN: CAPTURED BY THE ENGINES, New York: Warner, 1991.

STEPPIN‘ OUT, SUMMER ’68. (Stories) Colorado: Roadkill Press, 1992.

BATMAN: TERROR ON THE HIGH SKIES (Kinderbuch), Boston: Little Brown, 1992.

TIGHT LITTLE STITCHES ON A DEAD MAN’S BACK (Stories), Pregon: Pulphouse, 1992.

DRIVE-BY (mit Andrew Vacchs und Gary Gianni), Massachusetts: Crossroads Press, 1993.

MUCHO MOJO (TEXAS BLUES, rororo 13767, 1996), New York: Mysterious Press, 1994.

WRITER OF THE PURPLE RAGE (Stories), Baltimore: CD Publications, 1994.

ELECTRIC GUMBO (Stories), Quality Paperback Book Club, 1994.

THE TWO-BEAR MAMBO (MAMBO MIT ZWEI BÄREN, rororo 13958, 1997), New York: Mysterious Press, 1995.

TARZAN’S LOST AVENTURE (mit Edgar Rice Burroughs), Dark Horse, 1996.

A FISTFUL OF STORIES (Stories)

ATOMIC CHILI: THE ILLUSTRATED LANSDALE (Stories)

THE GOOD, THE BAD, AND THE INDIFFERENT (Stories)

BAD CHILI (SCHLECHTES CHIL, DuMont Noir 23, 2000), New York: Mysterious Press, 1997.

RUMBLE TUMBLE , New York: Mysterious Press, 1998.

https://www.amazon.de/s/ref=nb_sb_noss_2?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&url=search-alias%3Dstripbooks&field-keywords=joe+Lansdale

 

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