Martin Compart


BOSTON TERANS HEIMATSCHUTZ by Martin Compart

The Country I Lived in, 2014

The time is 1955—the birth of rock and roll, the Beat Generation, and social rebellion. It is also the era of covert operations and clandestine governmental actions. War hero John Rawbone Lourdes, grandson of an infamous American outlaw and assassin, and son of a renowned agent for the Bureau of Investigation sets off on an odyssey through Texas and into Mexico, to uncover one of the most foreboding true conspiracies of the time. It is a profound novel of social protest and the violence and treachery committed to crushing it. The Country I Lived In is also a moving personal story about love and loyalty—loyalty to a woman, to one’s friends, to one’s nation, and ultimately to the truth—and how all three may well be in conflict with each other.

Dieser Roman ist, nach THE CREED OF VIOLENCE und GARDENS OF GRIEF, der dritte Band von Bostan Terans Lourdes Serie.
Hauptperson ist der WWII- und Korea-Veteran John Loudres (seinen Großvater wird Daniel Craig in der Verfilmung von CREED spielen). „Familiäre Figuren“ aus den beiden vorherigen Bänden tauchen in prominenter Rolle auf, etwa William Van oder der unvermeidbare Wodsworth Burr.

Wie bei Boston Teran üblich, wird nicht lange rumgemacht und erwartbares aus tausend bekannten Thrillern erzählt, sondern ein Kickstart hingelegt. In seiner poetischen hard-boiled-Sprache sind die eindringlichen Figuren sofort präsent und unverwechselbar. Die Erzählerstimme ist mitreißend, die Dialoge originell und witzig. Beängstigende Intensität.

Die Handlung wird in einem aberwitzigen Tempo voran geschossen, das selbst für Teran extrem ist. Unglaublich, man hat kaum Zeit, um Luft zu holen. Oder wie Jean Heller in der St.Petersburg Times über GOD IS A BULLET schrieb:
„I was putting it down after every chapter to hunt for Valium. But a little farther and I started having to force myself to put it down to go to work.”

Die Story ist (scheinbar) auf Seite 20 etabliert, und kaum hat John Lourdes die Spur aufgenommen, geht es zur Sache. Erstmal ein kleineres Massaker in Saltillo, Mexiko, damit man auch mal Zeit hat, sich ein Bier zu holen.

Es ist die Zeit des hysterischen Antikommunismus, seit langem geschürt von John Foster Dulles nach außen und im Inneren beängstigend ausgelebt durch die Schauprozesse seines Heloten McCarthy. Die USA haben kaum den fast verlorenen Korea-Krieg verdaut, aber im Iran und in Guatemala die Interessen ihrer Oligarchie mit Hilfe der CIA durchgeputscht. Edgar Hoover bestreitet nach wie vor die Existenz der Mafia. Nachdem Johns Bruder Allen Dulles 1953 Chef der CIA geworden war, verstärkte er den politischen Einfluss des Dienstes und begann umgehend mit schmutzigen Jobs im Interesse der Wirtschaft. Sein Credo: Alles wird wahr, wenn man nur lange genug lügt.

Antikommunismus war der Begriff, bei dem die ganze westliche Welt auf Kommando zu sabbern begann. Wie heute bei der Heilsbotschaft Antiterrorismus.

Und der Rock´n Roll droht bereits in den Jukeboxen, um schweren Schaden unter Jugendlichen anzurichten.

Während aus den Fernsehern die Propaganda-Verblödung dröhnt, entwickeln sich im Süden der Staaten erste Bürgerrechtsbewegungen, und die Beat-Literaten sind on the road, um zusammen mit dem Rock’n Roll die Grundlagen für die Gegenkultur der 1960er Jahre zu legen.

Ganz klar eine Bedrohung für das faschistoide Amerika, das hinter jedem Kerouac-Buch und jeder Elvis-Scheibe eine kommunistische Verschwörung erkennt. Um die „Sicherheit“ des Landes und der Ölindustrie zu garantieren, ist Geheimdiensten und Militär jedes Mittel recht: das Stürzen demokratischer Regierungen im Ausland und das Ausschalten von Dissidenten in der Heimat.

Wer den Mächtigen in die Quere kam, dem erging es ähnlich wie wir es seit 9/11 kennen.
Wieder zeigt Boston Teran, dass Vergangenheit nie zu Ende ist.

THE COUNTRY I LIVED IN funktioniert wie ein Mike Hammer-Roman:
Ein Army-Buddy wurde umgelegt, und Mike sucht die Killer und Strippenzieher, um sie ihrer gerechten Strafe zuzuhenkern.

Nur ist Boston Teran eben nicht Mickey Spillane!

Bei ihm läuft das anders ab.

Der Veteran Lourdes ist unsicher geworden und will – wie ein früher Easy Rider – Amerika suchen, denn „something was missing from his life, something of purpose and destiny, to take away the quiet sadness that kept to itself inside him.“
Er kauft einen Packard und fährt los, um “hit out on the road…[like] Huck on the river, Parkman on the Oregon Trail, Brando burning up miles of asphalt in The Wild Ones.“. Trotz seiner illusionslosen Einstellung gegenüber der Welt und sich selbst, hat John nach wie vor verdeckte Ideale.

Da erreicht ihn der Hilferuf eines alten Kriegskameraden. Also fährt er zu ihm nach Laredo („A town of limited excitement, to say the least.”).

Er kommt zu spät. Sein Freund wurde gefoltert und ermordet und alles als kompromittierender Selbstmord inszeniert.

Damit wird sich John nicht abfinden.

Und deshalb gerät er sofort mit CIA-Agenten aneinander:

„Where do you stand on our going into Iran and Guatemala?” said Bushnell.

“As for Iran, I don´t believe in hiring mobsters to overthrow a democratically elected government to do the bidding of the oil companies… And as for Guatemala. I can´t envision Abraham Lincoln making a case to fight to the death for the United Fruit Company (heute Chiquita). We didn´t serve ourselves well in Guatemala.”

“That´s a little red, isn´t it?” said Bushnell…

“I know guys like you… Brown versus the Board of Education is fine as long as they keep it in Biloxi and not in Boston.No Jews either in the state department. Or anyone who coted for Stevenson. You talk war, but will never do a day on the front line. You drape yourself in the flag, but you prefer to let the poverty row boys get buried in one.”

“You could toss your military record at me. But Mueller had one too…Would loyalty to your country supercede loyalty to a friend?”

“I could be loyal to both. But one might in the wrong. I´d deal with that as the situation presents itself.”

“Would loyalty to a friend supercede loyalty to the truth?”

“I´ll let you know when I get a glimpse of the truth.”

“Would loyalty to a friend supercede loyalty to the security of your country?”

“You´ve left out loyalty to one´s faith and family in all this. We are finished.”

“Besides the charge of possession of narcotics-“

“Suspicion or possession.” John corrected him. “Possession of marijuana turned Robert Mitchum into a bona fide movie star. You wouldn´t want that happen to me,”

“We could open a truckload of investigations into your life-“

Dann bohrt sich das Geschehen tief ins Innere von Mexiko, wo die Amerikaner Strukturen etablieren, die noch heute funktionieren.

„Oh, don´t do that!“

Als Lourdes auf einem Güterzug nach Mexiko City trampt, trifft er Guatemalteken auf ihrem Weg in den Norden: „…who told the story of how outside intervention on behalf of the United Fruit Company had subdued or run off all political opposition to their control of the government. Now these men were undertaking the journey to El Norte. An American company had driven them out of their homeland and ultimately to the shores of the United States.”

Teran brilliert mit seiner Kenntnis und dem tiefen Verständnis für das Land. Wo erfährt man sonst ganz nebenbei etwas über die Kultur des Panos?

Dieses Bild von Mexiko in den 1950ern ist manchmal hochaktuell und selten nostalgisch (wie etwa die Beschreibung der Bounty-Bar, in der sich die Beats so gerne vollaufen ließen. Die Protagonisten besuchen sogar die Wohnung, in der William S.Burroughs betrunken seine Frau erschossen hat. „He got off by the way, as will happen in Mexico. He bribed his way out of any legal consequences.“).

Teran inszeniert ein Katz- und Maus-Spiel mit überraschenden Wendungen durch die Verschwörung bis hin zum zwingend tödlichen Showdown.

Nur jemand, der sein Land wirklich liebt, kann es so hassen. Diese Liebe funktioniert für Boston Teran vor allem als Verpflichtung der Zeit gegenüber der Literatur. Er wird nicht müde, zu zeigen, wie sich jeder Sadistenlümmel auf Patriotismus berufen kann.

In diesem Roman gibt es wieder zwei starke Frauen, wie man sie in der zeitgenössischen Literatur so nur bei Boston Teran findet.

Woher kommen all diese starken Frauen, die sein Werk durchziehen?

„The men I grew up around where thieves, liars and con men. They wasted their lives, mostly. It was an immigrant Italian world where men dominated, but the women were really the strength of the family… They soldiered on while the men were destroying their lives all around them. The women were the carriers of character, They were the ones I looked up to. And my grandmother knew how to use a pistol. She had to.”
Ein Großteil seines Verstandes und seiner Gefühle kommen von dort.

Aber auch eine aktenkundige Ratte wie E.Howard Hunt hat einen cameo-Auftritt. Dessen Verkommenheit hätte Caligula aus dem Fenster kotzen lassen.

Einige Kritiker warfen Teran „stilistische Exzesse“ vor (ähnliches war schon Cormac McCarthy passiert). Und ähnlich wie McCarthy pflegt er sein eigenes linguistisches Konzept. Das stützte sich auf seine Besonderheit, Substantive und Adjektive als Verben zu gebrauchen, was den kraftvollen linearen realistischen Stil unterstützt. Niemand adjektivierte Substantive wie Teran. Dieses wunderbare Stilmittel wird in diesem Roman weniger bis kaum gebraucht. Die ungewöhnliche Anwendung von Verben und Adjektiven poetisiert weiterhin seine Prosa:

…young men all shaved and cologne in their best slacks…

This was another part of the man she was experiencing…

He swung the wheel sweeping lanes when a bus framed up on the passenger side…

“you have an informed but wicked mind, Jordon.”

Teran hat natürlich noch mehr Originalität zu bieten, um THE COUNTRY I LIVED IN nicht zu einem glatten Pageturner verkommen zu lassen, der eine primitive voyeuristische Ästhetik sensationalistisch ausplündert.

Trotzdem ist es stilistisch einer seiner konventionellsten Romane.

Falls so etwas konventionell genannt werden darf:

John und Mia werden vom Anführer einer (chancenlosen) Straßengang bedroht:

Please, thought John, don´t become some swaggering baby-faced warrior. Whatever you´re thinking it won´t settle any argument you have with the world, it won´t even any score. The flaw you guys never get until it´s too late… You can never outsmart your own desperation.

Und dann diese Dialoge! Die besten diesseits von Chandler und McCarthy. Da kann kaum einer der besten TV-Serien-Autoren Hollywoods auch nur im Ansatz mithalten.

Die „Quest“ (Reise, Suche, Odyssee) ist Terans zentrale und wiederkehrende Plotstruktur. Sie ist nicht nur eine simple Abenteuerreise. Diese Suche nach Personen, Erkenntnissen oder Objekten ist tief im Mythologischen verwurzelt. In der griechischen Mythologie wird die eigentliche Quest häufig überlagert durch heroische Taten während der Reise, die den Protagonisten Einsicht zur Veränderung gewinnen lassen. Das hat sich schon früh in der Literatur niedergeschlagen, die die Quest als Reise zur Selbsterkenntnis beschreibt. ODYSSEE oder PARZIFAL als Vorläufer des (bürgerlichen) Bildungsroman. Ein Topos, der in den Werten des Bildungsbürgertums versteinerte und mit Boston Teran seine ursprüngliche Wucht revitalisiert.

Mit seinen historischen Ausflügen gelingt es Boston Teran, die Gegenwart zu erfassen und zu artikulieren. Gerade in Zeiten, in denen die Unterscheidung zwischen Vergangenheit und Zukunft zusammenbricht.

Auf die Brutalität in seinen Büchern (hier auf GOD IS A BULLET) angesprochen, antwortete der Autor:
The level of violence is acutely accurate for the world these characters inhabit, and it fits with the themes and content of the book. Violence is how some of the characters strive to make the world their own through whatever means necessary.

Weiteres zu Boston Teran unter:
https://martincompart.wordpress.com/2011/06/26/die-dunkle-welt-des-boston-teran-1/
https://martincompart.wordpress.com/2019/08/09/boston-terans-gaerten-des-schmerzes/

zu Cormac McCarthy:
https://martincompart.wordpress.com/2010/12/22/cormac-mccarthys-blood-meridian-des-schweigers-reise-durch-die-holle/

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BOSTON TERANS GÄRTEN DES SCHMERZES by Martin Compart

„Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten,
gleichgültig, ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht.“

Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg

GARDENS OF GRIEF (2010) a brilliant, and socially important novel – is less a sequel to THE CREED OF VIOLENCE than an organic evolvement. It follows John Lourdes, an agent with the Bureau of Investigation, who is sent by the U.S. State Department to Constantinople in 1915. The Great War has begun and the British have been defeated at the Dardenelles. In Turkey the government means to see every Christian Armenian exterminated, in what will become the first genocide of World History. John Lourdes clandestine assignment is to help an outlaw priest named Malek get safely across the war-ravaged Ottoman Empire. The priest, hunted by the Turkish government because he is an Armenian, is a hero to his people and a political threat to the Central Powers.

Wie schon mehrfach festgestellt, ist Boston Teran der moderne Meister der epischen Quest. So auch in diesem Polit-Thriller, der auch ein Buch über den Krieg ist.

Mit wenigen Sätzen und prägnanten Dialogen schreibt Teran jede Nebenfigur zu einem lebensechten Charakter.

Die wahnwitzig schnelle Handlungsführung ist völlig organisch in den historischen Kontext integriert, über den der Leser scheinbar nebenbei informiert wird. Ein beeindruckendes Charakteristikum aller historischen Polit-Thriller von Boston Teran. Wer sich nicht für das geschichtliche Umfeld interessiert, kann sich an der Action, den ungewöhnlichen Charakteren oder der Sprache erfreuen.

An Terans Sprache kann ich mich nicht sattfressen! Manchmal scheint auch eine an Chandler erinnernde Diktion durch:

„He was not short of mind, he was short of men.”

We have even less ammunition than we have luck.”

„And as in the west of John Lourdes, the poorer the town, the richer the church.“

Häufig schwingen archaische Töne in den Sätzen, die man ähnlich auch von Cormac McCarthy kennt. Ein bewusstes und effektives Stilmittel, das den Büchern etwas zeitlos Aufrichtiges gibt.

Das Gemälde in einer geschändeten Kirche:

„Time had phantomed the paints, leeching their shine, condemning their glory to everyday dust, get never stealing the artist´s soul“

Mit seinen historischen und zeitgeschichtlichen Thrillern durchdringt Teran die Nebelbänke der herrschenden Geschichtsschreibung, um sich anderen Wahrheiten zu nähern. Terans Texte können einen wahrlich aus dem Zustand tiefster Betrübnis oder arrogantester Gelangweiltheit befreien.

So zynisch es klingen mag: Boston Teran verwandelt (historische) Tatsachen in literarische Ereignisse; das ist wahre Kunst. Und ganz nebenbei eröffnet er einen Zugang zu mehr Geschichtsbewusstsein.

Die Amerikaner sind zwar noch nicht in den Krieg eingetreten, unterstützen aber die Entente. Auch aus eigennützigen Gründen, denn der Weg zur Weltmacht ist spätestens seit dem spanisch-amerikanischen Krieg (1898) beschlossen. Lourdes „had agreed to been part of the larger enterprise known as war”.

Wieder geht es auch um Öl – wie in dem vorherigen Roman THE CREED OF VIOLENCE. Diesmal um die Ölfelder von Baku und Basra, die für die kriegsführenden Mächte im 1.Weltkrieg Bedeutung hatten. Denn mit der maschinellen Kriegsführung begann auch die Bedeutung der fossilen Brennstoffe, wie Teran in seinem Roman verdeutlicht. Öl, das heilige Wasser des Kommenden.

Teran zeigt an diesem wenig thematisierten Völkermord (an ca. 2 Millionen Armeniern) mitten im Krieg die Zeichen der Zerstörung der alten Welt und das Entstehen einer Zeit, in der die Barbarei wissenschaftlich wird und sich ökonomische Interessen krebsartig in sämtliche moralische Entscheidungen einfressen. Die Grundlagen unserer Gegenwart.

Verblüffend sind die Parallelen zu Heute – von den brutalen wirtschaftlichen Interessen bis hin zu den Taktiken und Strategien des Terrorismus. Ein weiterer Beweis dafür, dass gute Polit-Thriller ein scharfes Schwert der Aufklärung sind.

John Lourdes wurde vom FBI für diese Mission ausgewählt, weil er als mexikanischer US-Amerikaner „nicht weiß“ sei. Das müsste Donald Dumb missfallen.

Die Reise beginnt mit einer Schiffsfahrt von Konstantinopel nach Trapezunt. In der Nacht vor der Ankunft treiben nackte Leichen in den Wellen. „…is what the government defines as deportation.

Lourdes deutscher Gegenspieler Richtmeister Franke führt eine Truppe brutaler Mörder an, die von den Jungtürken aus den Gefängnissen geholt wurden, um Armenier abzuschlachten.
„It was a commission of the foul and the wretched. Recruits from some dark nightmare with scythes across their shoulders and double headed axes protruding from scabbards. Some carried rifles and scimitars, and clubs fleshed with metal arrowtips. Their clothes bore the filth of the nation and this cast of horribles gave no man his due, nor expected any… However accomplished they were as murderers and torturers and rapists, they left much to be desired as marksmen.” Mit ihnen und ihrer Soldateska sorgen die Türken für eine Landschaft, die mit Angst und Terror vollgesaugt ist, was Teran fühlbar macht.

Ihre Reise, die nach der Befreiung des Priesters und armenischen Märtyrers zur Flucht wird, führt sie auch zu einem geschichtsträchtigen Ort (der auch in John Buchans GREENMANTLE von zentraler Bedeutung ist): „Erzurum had been at the crossroads of violence since was with the Seleucids and Parthians.“

Auch GARDENS ist nichts für schwache Nerven oder Mägen. Folter, Mord, qualvolles Verenden… Teran macht daraus kein angenehm gruseliges Unterhaltungsspektakel. Er sucht nach historischen und zeitlosen Wahrheiten.

Dem Priester Malek hatten die Türken die Füße mit Hufeisen besohlt, um Fluchtversuche zu erschweren. Wie er von den Eisen befreit wird, ist gegen Dialoge so subtil inszeniert, dass die Vorstellungskraft des Lesers Amok läuft.

Mit der Armenierin Alev Temple schuf Boston Teran – natürlich – eine weitere starke weibliche Protagonistin, die sein Werk durchziehen und die man nie vergisst.

Universal hält auch an GARDENS OF GRIEF die Filmrechte.

https://martincompart.wordpress.com/2011/06/26/die-dunkle-welt-des-boston-teran-1/

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Über den Völkermord an den Armeniern gibt es inzwischen eine Anzahl von Büchern – auch in deutscher Sprache. Ich empfehle als weiterführendes Sachbuch

OPERATION NEMESIS
(Kiepenheuer & Witsch, 2005)

von Tucholsky- und Heine-Biograph Rolf Hosfeld.

Natürlich erspart er auch nicht die unrühmliche Rolle der Kurden als Handlanger der Türken.



JIM NISBET – WELT OHNE SKRUPEL von JOCHEN KÖNIG by Martin Compart
25. Juni 2019, 5:45 pm
Filed under: JIM NISBET, Jochen König, Noir, Rezensionen | Schlagwörter: , , ,

Klinger ist ein Kleingauner, ein Loner wie er im Buche steht. Geich sein erster Auftritt zeigt wie Jim Nisbets „Welt ohne Skrupel“ funktioniert: Nach einem missglückten Überfall auf der Flucht vor der Polizei opfert Klinger seinen Komplizen ohne Umschweife den Verfolgern, damit er unbeschadet entkommen kann.

Lapidarer Gedankengang: Chainbang (kleine Anspielung auf Rex Miller?) war sowieso ein Idiot und ist damit selbst schuld an seinem Schicksal.

Klinger zieht weiter, besucht eine alte Freundin, schnorrt Geld und hängt in Bars ab, säuft, trifft Bekannte und macht einen Ausflug in die ehemaligen Bergwerksanlagen unter San Francisco. Sucht Nuggets und findet einen Schädel unter einem Friedhof. Hamlet ist ein Loser und Dänemark weit weg.

Später versucht Klinger mit einem Kumpel einen reichen Schnösel auszurauben. Dürfte nicht schwer zu erraten sein, dass diese Aktion in einem Desaster endet.

Immerhin erbeutet Klinger das Smartphone des Opfers. So ergibt sich ein Kontakt zu Marci, der Chefin und Ex-Freundin des Überfallenen. Ganz ehrlicher Finder, ist Klinger bereit das Telefon zurückzugeben. Kleiner Finderlohn sollte drinsitzen.

Marci hat andere Pläne. Auf dem Telefon ist eine neuartige Dating-App, die Philipp Wong, der Handy-Besitzer, entworfen hat. Wäre doch schön, wenn man die ohne den Entwickler vermarkten könnte. Klinger findet sich plötzlich in einer Welt wieder, die er nicht versteht und von der er keine Ahnung hat, verführt von einer Frau, der er nicht gewachsen ist. Eine App, die Femme Fatales identifiziert, besitzt Klinger leider nicht. Und wenn, könnte er vermutlich nicht damit umgehen.

Jim Nisbet ist ein Meister des Understatements.

Seine „Welt ohne Skrupel“ ist kein Sündenpfuhl, in dem Mord- und Totschlag herrschen und krawalliges Drama Katastrophen heraufbeschwört.

Nisbet erzählt Alltagsgeschichten von Losern und Aufsteigern, die ohne Bedenken Freunde und Bekanntschaften über die Klinge springen lassen. Klinger geht dabei mit unbeschwerter Dreistigkeit vor, während Marci die Frau mit einem Plan ist. In Klingers Umfeld (und bei seiner Arbeit) sterben Menschen, weil er mögliche Auswirkungen keine Sekunde überdenkt, Marci hat tödliche Konsequenzen von Beginn an im Blick.

Zwischen den beiläufig inszenierten oder ganz im Off ablaufenden Verbrechen, wird der Alltag bewältigt. Klinger ist ein Flaneur im späten Gefolge Charles Bukowskis (ohne dessen derbe Anzüglichkeiten), er findet immer jemand, dem er Geld abknöpfen kann, um es in einer ranzigen Bar mit einem Kneipenphilosophen am Tresen unter die Leute zu bringen.

Er trifft andere Gestrandete, räsoniert über sein leben und das der anderen, trinkt zu viel, ab und an fällt etwas Sex ab. Just an oldfashioned Guy, der seine Perspektivlosigkeit vermutlich als bewusstes Leben im Hier und Jetzt empfindet. So jemand braucht kein Smartphone. Anfragen gibt es eh keine, und Gespräche kann man von Angesicht zu Angesicht führen.

Eigentlich hätte es Klinger stutzig machen müssen, dass ihn eine Frau wie Marci, die offensichtlich in einer ganz anderen Liga spielt, verführt und mit auf eine gemeinsame Tour nimmt. Doch Klinger erfreut sich am Sex und lässt sich freudig aushalten. So kann er es gar nicht ausschlagen, zum Handlanger zu werden. Er hat Spaß gehabt, und der kostet eben. Klinger nimmt’s gelassen hin, irgendwie wird es schon weitergehen.

„Welt ohne Skrupel“ ist eine Mischung aus finsterem Schelmenroman und klassischem Noir in modernem Gewand. Das Aufeinanderprallen von Anachronismen und digitaler Herrschaftshoheit findet beiläufig statt, ist ein lakonischer Kommentar, der auf genauer Beobachtungsgabe basiert und kein moralinsaurer Diskurs eines alternden Autors, der sich in der Gegenwart unwohl fühlt. Nur Klinger wäre ohne Smartphone besser dran gewesen. Aber zurück geht’s nicht mehr. Nie.

„Mach mir noch einen.“ Natürlich muss der Roman so enden. Kneipenphilosophie auf dem Prüfstand.

Jim Nisbet

WELT OHNE SKRUPEL

Originaltitel: Snitch World
PULP MASTER 2019
200 Seiten

TB 14,80
ebook 9,99

Jim Nisbet – Welt ohne Skrupel



TICKETING-GANGSTER: Berthold Seligers Analyse der Konzertindustrie by Martin Compart
19. Juni 2019, 6:19 pm
Filed under: MUSIK, Politik & Geschichte, Rezensionen | Schlagwörter: , , ,

Dass der Kapitalismus dazu strebt, Monopole zu bilden, ist nichts Neues und enttarnt die „Konkurrenzwirtschaft“ als bloße Ideologie. Wir haben in den Jahrzehnten nach dem Zusammenbruch des antikapitalistischen Druckmittels mit ansehen müssen, wie hemmungs- und skrupellos Unternehmen auf Kosten von Umwelt und Allgemeinheit unantastbare Imperien aufgebaut haben, die auch noch für die höchste Konfliktrate auf diesem Planeten sorgen, die es je gegeben hat.

Die Musikindustrie war in all ihren Facetten schon immer ein widerwärtiges Geschäft. Berthold Seliger öffnet einem die Augen, zu welch Stadien füllende Ekelhaftigkeit und Ausbeutung die Branche inzwischen fähig ist.

Seligers Buch schwingt wie eine Abrissbirne durch die Lügen und Betrügereien der Musikindustrie. Denn die hat sich längst vom Download-Schock erholt und ist dank neuer Technologien und am Rande des Illegalen oder mitten im Illegitimen angesiedelter Marktstrategien zu neuer, ungeahnter Stärke kleptokratiert.

Die brillant geschriebenen Analysen der Strategien der Konzertbranche lesen sich manchmal wie eine Mischung aus Gangsterroman und Techno-Thriller.

Kalte Schauder jagt es einem den Rücken rauf und runter, wenn der Autor resignierend nach einem regulierten Markt verlangt: „Aus der Malaise gibt es nur einen pragmatischen Ausweg: … die Rückbesinnung auf Instrumente des Ordoliberalismus, also einer sozialen Ausrichtung und regulatorischen Beschränkung des sogenannten freien Markts, mit einem funktionsfähigen Preissystem und der Verhinderung von Monopolen, Kartellen und anderen Formen der Marktbeherrschung.“

Seliger zeigt auch auf, dass in keinem westlichen Land der Verbraucherschutz vor semi-kriminellen Prozessen weniger funktioniert als in Deutschland.
Gleich zu Beginn stellt er überzeugend Bezüge zwischen Musikindustrie und Drogenhandel her – am Beispiel der TV-Serie BREAKING BAD und wofür sie steht.

Eine der perfidesten Abzock-Strategien ist die des „Verified Fans“, die sich das Management von Taylor Swift ausgedacht hat: „Swift hat eine virtuelle Schlange am virtuellen Ticketschalter kreiert, und die Fans können durch Einkäufe von Taylor Swift-Merchandise-Produkten ihren Platz in der Schlange verbessern… Das Perfide im Fall Taylor Swift: Die meisten Stadien waren wenige Wochen vor den Auftritten nicht einmal ausverkauft, da die Künstlerin und ihr Management eben das Konzept des `High Pricing´ bevorzugen. Der `freie Markt´ wird ad absurdum geführt. Aber die Künstlerin hat dank ihrer Merchandising-Produkte trotzdem prächtig verdient.“

Hinreißend ist sein Erfahrungsbericht über sein erstes Großkonzert (Rolling Stones 1981 in München; zweites von zwei Konzerten, denn beim ersten hat es nicht geregnet), in dem er damaliges gesellschaftliches Bewusstsein der Besucher beschreibt. Die anschließende Analyse der Stones-Konzerte im neuen Jahrhundert löst nur noch Brechreize aus.

„Die Bourgeoisie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst“, zitiert der Autor Karl Marx. Und persönliche Würde ist doch etwas, dass Musik vermitteln, ausstrahlen oder bestätigen kann.

Da nur fünf Prozent der Superacts für 85 Prozent der Einnahmen sorgen bedeutet das im Umkehrschluss, dass die Imperien nicht daran interessiert sind, in irgendeiner Form an kulturellem Aufbau mitzuwirken oder gar Geld zu investieren.
Die teuren Ticketpreise wiederum gehen zu Lasten von Club – oder Nachwuchs-Konzerten.

Ein weiteres kluges Buch, das zeigt, wie unregulierter Kapitalismus die Demokratie gefährdet, ja durch das Schaffen unmoralischer Profitstrategien sogar außer Kraft setzt: „Wenn nun aber jemand, der Karten für ein ausverkauftes Konzert… einen beträchtlich (von den Veranstaltern/Ticketverkäufern auf einer eigenen Plattform für Zweitverwertungen) überhöhten Eintrittspreis zu zahlen (bereit ist), wird die Gleichheit außer Kraft gesetzt… Denn die Gleichheit der Konzertfans ist mittlerweile aufgehoben. Vor der Bühne stehen nur noch die Wohlhabenden, die eben 799 Euro für ein Ticket ausgeben können.“

Man darf das nicht unterschätzen, denn hier werden im Überbau kapitalistisch-autoritäre Strukturen eingefräst, die besonders das Bewusstsein junger Menschen dauerhaft prägen können. Eine weitere Manifestation der Ungleichheit in einem legalen System.

Das Buch ist nicht nur spannend, es eröffnet (unbedarften Lesern wie mir) auch neue Horizonte, denn Seliger versteht es, die Entwicklungen branchenspezifisch im historischen Kontext einzubetten.

Unverzichtbar für jeden, der sich über Musik in den unterschiedlichsten Aspekten informieren will, ist der Blog des Autors:
https://www.bseliger.de/blog

Berthold Seliger:

DAS IMPERIEN-GESCHÄFT

EDITION TIAMAT, 2019

Critica Diabolis 265

Broschur

344 Seiten

20.- Euro

ISBN 978-3-89320-241-6



Wir wollen unsern Kaiser Wilhelm wieder haben! NACH 13 JAHREN: DER NEUE THOMAS HARRIS-Roman „CARI MORA“ by Martin Compart
22. Mai 2019, 10:07 am
Filed under: Rezensionen, Thomas Harris, thriller | Schlagwörter: , , , , ,

Die Schreie einer Frau sind Musik in Hans-Peter Schneiders Ohren. Er ist groß, blass, haarlos, und wie ein Reptil liebt er die Wärme. Menschen begegnen ihm mit Angst und Ekel. Er ist daran gewöhnt. Denn wenn sie das Monster in ihm erkennen, ist es meist zu spät. Bis der Killer sich Cari Mora aussucht. Die junge Frau hat keine Angst vor dem Grauen und wagt es, dem Dämon ins Auge zu blicken.
Cari Mora ist eine ehemalige Kindersoldatin und auch die Hüterin einer Villa in Miami Beach, die einst Pablo Escobar gehört hat. Hier sollen 25 Millionen Dollar in Gold versteckt sein, gesichert durch 15 Kilo Semtex.
Neben Schneider sind noch andere an den Dollars interessiert, die ebenfalls nicht zimperlich sind
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Aus dem Amerikanischen von Imke Walsh-Araya
Originaltitel: Cari Mora
Hardcover mit Schutzumschlag, 336 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-453-27238-5
€ 22,00

Thomas Harris ist einer der einflussreichsten und erfolgreichsten Kriminalliteraten der letzten vierzig Jahre. Für den Erfolg des Serienkiller-Romans war er ähnlich verantwortlich wie Dan Brown für den Conspiracy-Thriller, indem er ein Subgenre bestsellertauglich machte.

Außerdem schuf er mit der Figur des Hannibal Lecter einen populärkulturellen Mythos, durchaus vergleichbar mit Sherlock Holmes, Flashman, Dracula oder 007.

Lecter ist inzwischen ähnlich multimedial verbreitet und neben den gelobten Filmen sehe ich die TV-Serie (siehe https://crimetvweb.wordpress.com/category/h/hannibal/) als überzeugendste und beeindruckendste Umsetzung der Figur.
Die Inspiration für Lecter war ein mexikanischer Gefängnisarzt, dem Harris als junger Reporter begegnete.

Seit 1975 (sein Debut war der Katastrophenthriller BLACK SUNDAY, verfilmt von John Frankenheimer) schrieb er lediglich fünf Romane, vier davon mit Hannibal Lecter. Mit RED DRAGON, 1986 genial und mit auf die Spitze getriebener „Miami Vice“-Ästhetik von Michael Mann verfilmt, der damals sagte: „Das ist einfach die beste Kriminalgeschichte, die mir je in die Finger gekommen ist.“, und THE SILENCE OF THE LAMBS schrieb Harris zwei der besten und stilprägendsten Thriller in der Geschichte des Genres (zu Serienkiller siehe auch: https://martincompart.wordpress.com/category/shane-stevens/).

Dieser Autor muss nichts mehr beweisen.
Vielleicht ein Grund, weshalb der neue Roman fast experimentell wirkt, indem er Erwartungshaltungen unterläuft, annähernd sabotiert (ein Kapitel ist gar aus der Perspektive eines Krokodils geschrieben und seine Faszination der Fauna Floridas erinnert an die Faszination der Flora des amerikanischen Südens bei James Lee Burke).

Zur Veröffentlichung gab Harris das erste Interview seit den 1970er Jahren (https://www.nytimes.com/2019/05/18/books/thomas-harris-new-book.html).
“I’ve been fortunate that my books have found readership without me promoting them, and I prefer it that way,”

Foto: Rose Marie Cromwell für The New York Times.

„Harris and I met on a bright, muggy morning in the parking lot of the Pelican Harbor Seabird Station, an animal rescue center on Biscayne Bay that features prominently in his new novel. Cari works there as a volunteer, caring for injured birds. Harris, a nature lover, has been visiting the center regularly for 20 years. He’s brought orphaned squirrels and an injured ibis there, and he took a wildlife rehabilitation workshop, learning how to intubate a distressed animal by practicing on a dead possum.“

Der neue Roman ist ein Gegenentwurf zur Lecter-Serie und ein Heist Thriller. Dem 79jähigen Autor geht es nicht mehr um Ästhetik, Wissenschaft und Krankenbilder, sondern um die brutale Realität im Lemming-Kapitalismus, in dem alles zur Ware wird.

Der deutschstämmige Soziopath Schneider ist allerdings ein echtes Harris-Monster, das aus Geldgier und Sadismus besteht, und mit seinem Geschäftsmodell den Ausverkauf einer Zivilisation betreibt. Anders als Lecter ist Schneider kein Connaisseur.

In den Lecter-Romanen thematisiert Harris die Exotik des Bösen, in CARI MORA beschreibt er dessen Banalität. Das enttäuschte viele Kritiker, die Charaktere und Spannungsbögen nicht überzeugte. Vom „Guardian“ über „Washington Post“ bis zur „Stuttgarter Zeitung“ ist das Gejammer groß, dass Harris nicht das Buch geschrieben hat, dass die Kritiker gerne gelesen hätten.

Bereits sein letzter Roman HANNIBAL RISING, 2006, enttäuschte Kritiker und Publikum; es war die Novelisierung eines erpressten Filmskriptes, über die Harris ambitioniertes sagte: „Harris says that’s because he wrote some of the exchanges between Hannibal and his aunt, Lady Murasaki, in the poetic style of the Heian period, as a homage to the 11th-century Japanese novel, “The Tale of Genji.” The allusion was apparently lost on some readers.” (NYT).

Manchmal scheint es, als wolle Harris die selbst geschaffenen Klischees aus der Lecter-Serie „dekonstruktivieren“. John Connolly teilt wohl diese Einschätzung; in seiner Rezension in der „Irish Times“, in der er sie mit der Dylans Dekonstruktion seiner Songs in den 1980ern vergleicht.

Auch stilistisch geht Harris in diesem kurzen Roman andere Wege: Keine barocke Üppigkeit, wie häufig in den Lecter-Romanen, mit genauer Darstellung des Innenlebens der Figuren, sondern „stripped to the bone“ wie eine Hemingway-Story. Konservierte Energie. Sein kürzester Roman.

CARI MORA ist auch ein Florida-Roman. Harris, 1940 in Mississippi geboren, lebt seit dreißig Jahren hier und engagiert sich im Tierschutz.

Er schildert ein Florida, dass John D.MacDonald nicht in seinen schlimmsten Prophezeiungen vorausgesehen hat und das noch über die Beschreibungen von Elmore Leonard oder James W.Hall hinausgeht.

Er zeigt das heutige Inferno, das eine Folge ist, seitdem die USA ganz offen auf beiden Seiten des „Drogenkrieges“ agieren (DEA und FBI sorgen für stabile Preise, die CIA für Nachschub und Chaos in den Anbauländern, Wall Street für Banken- und Konzernkapital durch Drogengelder und der militärisch-politische Komplex für Armut und politische Dominanz).

Wie sagte Harris im Interview?
“I don’t think I’ve ever made up anything. Everything has happened. Nothing’s made up. You don’t have to make anything up in this world.”

Man könnte den Kampf zwischen der Kolumbianerin Cari gegen den geldgierigen Sadisten Schneider, der unübersehbar als Krieg zwischen Gut und Böse angelegt ist, auch als Bildnis des Verhältnis zwischen der 3.Welt und dem US-Imperialismus interpretieren. Zudem bedeutet der Vorname der Heldin, Caridad,  auch noch Nächstenliebe, Wohltätigkeit oder Almosen. Ein kluger Mensch wie Harris, wird sich da etwas gedacht haben. Dass Schneider einer deutschen Familie aus Paraguay entstammt, ist ebenfalls nicht ohne Symbolkraft: Stehen doch die nach Paraguay geflüchteten Nazis für die extremste Form des Kapitalismus, dem Faschismus.

Während es in den Lecter-Romanen noch so etwas wie dekadente Hoffnung durch forensischen Fortschritt gab, beschreibt Thomas Harris in CARI MORA eine Welt, in der man es kaum erwarten kann, dass das Artensterben endlich den Homo Sapiens erreicht.

Leider ist in der deutschen Ausgabe das Nachwort von Harris nicht enthalten. Stattdessen gibt es sinnlose sieben Kapitel von DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER mit dem Betteln ums weiterlesen.

Ob mir das Buch gefallen hat? Es hat mir extrem gut gefallen.

Auch die Komik, die der Spannung nichts nimmt, fand ich herzerfrischend: „Abgesehen von X hatte das Krokodil erst ein Mal einen Menschen gefressen, einen Säufer, der von einem Boot voller Säufer fiel und weder damals noch später vermisst oder betrauert wurde. Nachdem ihn das Krokodil verspeist hatte, war es eine ganze Stunde lang ziemlich beschwipst.“



DIE FIELD-TRILOGIE von JOHN RALSTON SAUL by Martin Compart

„Der Zweck von Museen ist es, gestohlene Waren zu beschützen“, schrieb der kanadische Philosoph John Ralston Saul auf den ersten Seiten seines exzellenten Polit-Thrillers THE NEXT BEST THING, dem zweiten Band seiner Field Trilogie, und macht deutlich, dass den Lesern nicht nur ein Pageturner bevor steht, sondern auch die Intelligenz kritischen Bewusstseins.

Keine Überraschung, bei einem Autor wie Saul.

John Ralston Saul wurde am 19. Juni 1947 in Ottawa, Kanada geboren. Er studierte in Montreal Politikwissenschaft und Geschichte und promovierte 1972 am Kings College in London. Seine Dissertation hatte die Systemveränderung Frankreichs unter de Gaulle zum Thema.

Anschließend half er 1976 beim Aufbau der nationalen Ölgesellschaft Petro-Canada.
Im darauffolgenden Jahr veröffentlichte Saul seinen ersten Roman THE BIRDS OF PREY.

Ende der 70er und während der 80er Jahre hielt er sich über längere Zeiträume in Nordafrika und Südostasien auf und reiste wiederholt mit Guerilla-Truppen. Seine Romantrilogie The Field Trilogy verdankt diesen Erfahrungen viel.
2009 wurde er Präsident des internationalen PEN.
Seine Aktivitäten sind so reichhaltig und vielseitig, dass an dieser Stelle kein Platz für eine annähernde Würdigung ist. Aber dafür gibt es ja seine Homepage und Wikipedia. Nur soviel: Er gehört zu den scharfsinnigsten Systemkritikern unserer Zeit und hatte bereits 2005 den finanzwirtschaftlichen Zusammenbruch von 2008 in seinem Buch THE COLLAPSE OF GLOBALISM AND THE REINVENTION OF THE WORLD vorausgesehen.

Er unterscheidet zwischen einem gesunden Nationalismus und einem ungesunden. „Die Idee der Globalisierung war aus meiner Sicht nie überzeugend. Sie setzt sich aus sehr unterschiedlichen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts zusammen und ist nicht, wie viele glauben, eine international mächtige und vor allem keine neue Bewegung. Denkmuster der Kolonialzeit werden in den Strategien suprastaatlicher Institutionen weitergeführt und in Krisenzeiten wieder sichtbar. Im Moment finden wir uns in einer Welt wieder, in der der Nationalismus zurückkehrt.“ Dass er vom lemminghaften Neoliberalismus nichts hält, versteht sich von selbst. „Knapp dreißig Jahre hat man dem Bürger immer mehr elementare Kompetenzen entzogen, man war besessen von Effizienzdenken, Privatisierungen und allumfassendem Managertum. Man nahm nicht wahr, dass am Ende dieses Prozesses zunehmend verärgerte Bürger stehen, die sich in unmittelbarer Reaktion populistischen Bewegungen und negativem Nationalismus zuwenden.“ Das ganze Interview findet sich in FAUST KULTUR unter https://faustkultur.de/533-0-Gespraech-mit-John-Ralston-Saul.html )

In den letzten Jahrzehnten ist er als Kapitalismuskritiker häufig vor der Kamera und mit Vorträgen vor ausverkauften Sälen anzutreffen. Er analysiert den demokratischen Verfall des Westen, insbesondere der USA, durch das Schmarotzertum der Superreichen mit ihrem Instrument der weltweiten Konzerne, die den Planeten mit Elend und Umweltzerstörung überziehen.
Die Anfänge dieses Korporatismus führt er auf Mussolini zurück und beweist damit einmal mehr, dass der Kapitalismus keine demokratischen Strukturen braucht; eher das Gegenteil. Er sieht in den USA den in den 1970er Jahren beginnenden Prozess fast vollendet, der die Gesellschaft in die Ära vor Roosevelts New Deal zurückführen soll.

Seine Liebe und Verbundenheit mit Frankreich und seine Faszination von General de Gaule führte zu seinem ersten Roman.

Der politische Roman THE BIRDS OF PREY spielt im Frankreich de Gaulles und wurde ein internationaler Bestseller. Sein bisher einziger Thriller außerhalb der Field Trilogy. Diese handelt von den beginnenden Krisen der Macht in den 198oern und deren Aufeinandertreffen mit den Individuen. Sie thematisiert den Neo-Kolonialismus im Kalten Krieg. Der Leser wird mit dem Zusammenbruch einer Welt und ihrer Werte konfrontiert.

Diese Trilogie umfasst die Bände BARAKA, FORTUNES AND SACRED HONOR OF ANTHONY SMITH (1983), THE NEXT BEST THING (1986) und THE PARADISE EATER (1988), der den italienischen „Premio Letterario Internazionale“ gewann. Sie zeigt die Welt (insbesondere Südostasien) während des Roll back des US-Imperialismus und seinen vergiftenden Einfluss auf die dritte Welt nach Vietnam.

Zu Sauls literarischen Vorbildern gehören Graham Greene (der ist in den Thrillern wohltuend spürbar), Ford Maddox Ford, Gabriel Garcia Marquez und andere lateinamerikanische Autoren. Sich selbst sieht er nicht als Thriller-Schriftsteller: “The serious novelist’s role is to reflect a complex society in which people can see themselves. I write novels, not genre fiction. My novels are not ‘escapist’ fiction.”

Wie alle Romane von Saul, so ist auch BARAKA eng mit eigenen Erfahrungen verknüpft: Nach dem Sieg der Nord-Vietnamesen über die USA und deren südvietnamesischen Marionetten, bat das kommunistische Regime in Hanoi Fidel Castro um Hilfe bei den Vermittlungen der Öl-Konzessionen, die es vom südvietnamesischen Regime „geerbt“ hatte. Castro wandte sich mit der Bitte um Hilfe an den kanadischen Ministerpräsidenten Pierre Trudeau, der Maurice Strong (Vorstandsvorsitzender von Petro-Canada) nach Vietnam sandte. Dieser nahm seinen Vertrauten John Ralston Saul mit nach Hanoi, damals für Westler ein kaum zugänglicher Ort. Fiktionalisiert eröffnet Saul mit diesem Hanoi-Trip den Roman BARAKA und die Field-Trilogie.

Die nicht sehr sympathische Figur des Kanadiers John Field ist die verbindende Figur der drei Romane, spielt aber nur im dritten die Hauptrolle. Er war als Journalist nach Südostasien gekommen und nach den Kriegen in Bangkok hängen geblieben: „Ich schreibe kaum noch. Stattdessen benütze ich meine Verbindungen, um Gartenmöbel zu verkaufen.“ Bangkok ist Fields Stadt und spielt im dritten Roman neben ihm die Hauptrolle. Von der Struktur her sind die beiden ersten Romanen dagegen „Quests“.

In BARAKA geht es um einen Öldeal für Waffen (die von der amerikanischen Armee in Vietnam zurückgelassen wurden) und den Guerilla-Krieg der Polisario. Es geht aber auch um verlorene Träume, Korruption, Mut, Freundschaft und Liebe. Alles vor einer schönen exotischen Lebenswelt, verstellt von menschlicher Unzulänglichkeit.

By the way: Der erste Thriller, der die Machenschaften der Ölgesellschaften als kriminell erkannte, war wohl THE TELEMAN TOUCH, 1958, des ebenso konservativen wie brillanten Briten William Haggard.

In NEXT BEST THING sprach Saul 1986 bereits das “koloniale Erbe“ als Raubgut an. Der Roman ist in vielem André Malrauxs DER KÖNIGSWEG verwandt (dieselbe Quest-Struktur), teilt aber nicht die Legitimation von Plünderung. Malraux selbst hatte sich ja des Kunstraubes in Kambodscha Ende der 1920er Jahre schuldig gemacht, bevor er aus seiner kolonialistischen Straftat seinen großartigen Roman destillierte.

Angefüllt mit Illusionen, die vom SCHATZ DER SIERRA MADRE übrig geblieben sind, sind aber Struktrur und Plot an DER KÖNIGSWEG angelehnt. Denn in Malraux´ Roman geht es auch um das Plündern von Tempeln (in Kambodscha). Unwahrscheinlich, dass der frankophile Ralston Saul Malrauxs Buch nicht kannte, bevor er DIE VIER BUDDHAS (deutscher Titel) schrieb.

James Spenser, Ex-Kurator des Victoria and Albert Museum, will in Burma den Ananda-Tempel plündern: Dort hat er es auf 20 Statuetten abgesehen, die das Leben Buddhas darstellen. Mit der Hilfe von John Field stellt er dafür seine üble Mannschaft zusammen. Darunter der mysteriöse Amerikaner Blake, während des Vietnamkrieges einer der besten Guerilla-Führer Südostasiens und „Lahu-Gott der dritten Generation“.

Spenser ist ein kranker Charakter, wie ihn nur die westlichen Zivilisation hervor bringen konnte: Kunstwerke sind sein Fetisch und erregen ihn mehr als alles andere auf der Welt. Er ist von ihnen besessen wie Jean des Esseintes in Huysmans À REBOURS, den Saul sicherlich ebenfalls gelesen hatte. Fest verwurzelt im Kapitalismus, interessiert ihn Geld nur als Tauschwert. Ganz Imperialist, raubt er alles, was er nicht kaufen kann.

Es ist die Zeit, in der die die Shan-Army die größte Narcos-Armee der Welt stellte und ihr Führer Khun-Sa als größter Opium-Händler durch die Gazetten geschleift wurde (dabei hatte er den Regierungen der USA und Australiens angeboten, die für den Shan-Staat überlebensnötige Opium-Ernte für jährlich 40 Millionen Dollar kaufen und vernichten zu können). Es war die Zeit der schweren Kämpfe zwischen den nördlichen Ethnien und den birmanischen Regierungstruppen.

Saul war einige Monate mit der Shan State Army unterwegs gewesen und gibt hier ein genaues Bild der Zustände ab. “I’ve been with guerrillas in the jungles and felt no sense of danger. But hearing the human sounds of the pigs, with an iron hook locked in their jaws, was one of the most horrifying experiences I’ve ever had.”
Zentralr Handlung ist Spensers Reise zum Ananda-Tempel und zurück, die Gefahren und Charaktere, denen er ausgesetzt ist.

Für viele ist der Abschlussband, THE PARADISE EATER, der Höhepunkt der Trilogie. „This is the first novel I’ve written with which I’m perfectly satisfied.”

Der primitive Klappentext der deutschen Ausgabe (TEUFELSKREIS BANGKOK) wird dem Roman nicht gerecht:
Die Unterwelt von Bangkok ist sein Zuhause, Prostituierte und Dealer sind ihm vertraut. Eigentlich sollte ein Mord mehr oder weniger den Gelegenheitsjournalisten John Field nicht beunruhigen. Doch als seine Exgeliebte und ihr Mann getötet werden, wird er aus seiner Lethargie aufgeschreckt.

Das erste Kapitel mit Fields Krankenuntersuchung ( er hat sich inzwischen Gonorrhöe eingefangen) hätte es für mich allerdings nicht gebraucht und ich kann ähnlich zartbesaiteten Burschen von der Lektüre der ersten Seiten nur abraten.

Field gerät ins Visier von Narcos und durchstreift ein Bangkok, dass Touristen so nie zu sehen bekamen. Einige Old Asia Hands bezeichnen es noch heute als den besten Roman, der je über die Stadt geschrieben wurde.

“I try to create a sense of urgency and terror which, I suppose, translates into a reader turning the pages. But nothing is clarified in the end. My main character, John Field, isn’t a hero. He’s not out for justice. He’s weak, he has no strong sense of ambition.”

Hintergrund der Story ist wieder der Rauschgifthandel. Eine für damalige Verhältnisse Riesenmenge an Drogen soll aus Laos geschmuggelt werden. Während unerwünschte Mitwisser ermordet werden, kann Field nach Bangkok fliehen, wo er von Auftragsmördern gejagt wird und das korrupte Lebenssystem der Stadt durchläuft.

Natürlich strotzt auch PARADISE EATER von Nebenfiguren, die man noch nie gelesen hat. Eine der interessantesten Figuren ist Paga. Als Mädchen vom Land kam sie einst nach Bangkok, um als Hostess zu arbeiten. Nun kontrolliert sie 500 Nutten und verdient Millionen. “She’s modeled after a real-life woman whom I met and who was absolutely delighted with the idea of having this large foreigner sitting in the car with her when she made the rounds of her brothels to pick up her payments. I’ve had years and years of listening to male locker-room talk, but with Paga I was talking with an expert from the other side. She understands male psychology. She makes Freud sound like a Sunday painter.”

Graham Greene wäre Stolz auf dieses Buch gewesen.

Es ist höchst bedauerlich, dass Saul keine weiteren Thriller mehr geschrieben hat. Er wäre heute ganz sicher einer der Allergrößten im Genre. Aber immerhin gab er uns die Field-Trilogie, die ein Monument in der Geschichte des Polit-Thrillers ist.

P.S.: Es ist reizvoll, Saul neben Stephen Beckers Asien-Thriller zu lesen. Völlig unterschiedlich, aber in der hohen Qualität vereint.



Der wilde Detektiv von Jonathan Lethem, vorgestellt von Jochen König by Martin Compart

Es ist mir eine große Freude, hier einen Beitrag von Jochen König zu präsentieren. Seine Rezensionen, Porträts und Artikel gehören seit langem zu den originellsten und interessantesten in der deutschen Sekundärliteratur. Hier also seine Gedanken zu Jonathan Lethem, einem der ungewöhnlichsten amerikanischen Schriftstellern der Gegenwart.
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Der wilde Detektiv von Jonathan Lethem

Jonathan Lethem, der Philip K. Dick-Vertraute und Editor, ist in den USA wesentlich präsenter als hierzulande. Obwohl etliche seiner Werke in deutscher Übersetzung vorliegen, so auch der mit dem „Gold Dagger“ und „National Book Crircs Award“ausgezeichnete Roman „Motherless Brooklyn“, bewegt er sich in Deutschland ein wenig abseits der öffentlichen Wahrnehmung.

Daran wird auch die Veröffentlichung seines aktuellen Romans „Der wilde Detektiv“ bei Klett-Cotta kaum etwas ändern. Zu sperrig und zu sehr liebäugelnd mit der populärmythogischen Meta-Ebene, die sich zwischen dem alptraumhaften Sirren der Alpträume David Lynchs, Leonard Cohens Studien in Zen-Mediation, Sex in lausigen Motelzimmern, dem Spiel mit den Motiven des Hardboiled und einem Abgesang auf das von Donald Trump vergewaltigte Amerika erstreckt.

„What’s The Frequency, Kenneth?
“ steht als Frage im Raum, nicht nur hier gestellt, sondern auch vom filmischen Geschwisterchen „Under The Silver Lake“ (von David Robert Mitchell), der sich auf ähnlichen Pfaden wie der wilde Detektiv bewegt. Nur somnambuler. Also passend für R.E.M.

Es kann aber passieren, dass der Status „Kriminalroman“ von stoischen Anhängern mauer Krimikost zwischen Andreas Franz und Chris Carter unverständig aberkannt wird, obwohl der Roman geradezu klassisch startet:

Ein Mädchen ist verschwunden, der wilde Detektiv namens Charles Heist wird beauftragt, sie zu suchen. Immer die nassforsche Erzählerin Phoebe Siegler im Schlepptau. Siegler, ein Spross der New Yorker Medienwelt, hat dieser den Rücken zugekehrt, nachdem ihre Vorgesetzten und Kollegen sich dem „Trumpeltier“ anbiedernd andienten. Mieses Karma. Kein Ort, um dort länger zu verweilen. So kommt es gar nicht ungelegen, dass Arabella, die achtzehnjährige Tochter einer Freundin Sieglers, vermisst wird.
Verschollen, während sie auf der Suche nach Leonard Cohens Vermächtnis war.
Phoebe entwickelt sich von einer großstädtischen Medienexpertin zur postmodernen Nancy Drew, die an der Seite von Charles Heist – manchmal auch voraus – die junge Arbella sucht. Die sich, kein großartiger Spoiler, als ihr juveniles Alter Ego entpuppen wird. Es dauert kaum bis zur Hälfte des Romans, dann hat sich die Vermisstengeschichte erledigt, doch „der wilde Detektiv“ wird weiterhin gefordert. Er muss zu einem letzten Kampf in der Wüste antreten, gegen einen Herausforderer namens „Solitary Love“.

Auf den Spuren der zerbröselnden Hippiekultur begegnen Phoebe und Charles zwei Gruppierungen, den weiblich geprägten „Kaninchen“ – die entgegen ihres Namens sehr wehrhaft sind – und den in erstarrten Ritualen verwilderten, männlichen „Bären“, als deren Anführer Solitary Love reüssieren möchte.
Da seien Charles Heist und seine tatkräftige Hüterin Phoebe Siegler vor.
Während Leonard Cohen zurückgezogen Zen-Meditation ausübte, wurde er von seiner Managerin und Vertrauten um den Großteil seines Vermögens gebracht, weshalb er bis zu seinem Tod Live-Auftritte absolvieren musste. Wieder einmal gilt: Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn’s dem bösen Nachbarn (in Cohens Fall der Nachbarin) nicht gefällt. Ausbeutung, Gier, Machtmissbrauch und Maßlosigkeit zerstören nicht nur private Existenzen, sondern Gesellschaftssysteme und die Umwelt.

Das setzt Jonathan Lethem nicht plakativ in Szene, sondern lässt es im Hintergrund rumoren. Außer es setzt Sticheleien gegen Donald Trump. Dann wird es grantig.

„Der wilde Detektiv“ bezieht seine Kapitel-Unterteilung bewusst aus der Topographie. Der Roman schildert eine Reise durch heruntergekommene Trailer-Parks und Motels, die abgasverseuchte Lagerhallen-Einöde des Inland Empire nahe Los Angeles (mit Grüßen an David Lynch), über einen Schwemmkegel, der von Wassermassen ausgehöhlt wird, hinein in eine Wüste, die Relikte einer ehemaligen Aufbruchstimmung beherbergt, an deren finsterem Ende die Manson-Family haust. Doch noch geht es ums Überleben, nicht töten.

„Die Viscera Springs Ranch war eine zähe Kommune, wen auch nicht gerade mit Intelligenz oder Dusel gesegnet. Ihrer Gruppe wurde das ganze Menü serviert – Ideologie, Filzläuse, Hunger – aber sie hielt durch.

Wofür eigentlich?

Um Ideale in Flammen aufgehen zu sehen, um einen letzten Kampf verzweifelter Machos zu erleben, die Sehnsucht nach einer „totalen Leere“ im Kopf, die die Basis für einen Neuanfang verspricht?

Gut gemeint, wird aber hinfällig, wenn man im Karma-Rad steckenbleibt. Jonathan Lethem spielt mit Esoterik und Heilsversprechen, lässt beides aber mit Makabrem kollidieren. So gehört das Anwesen auf der Spitze des Berges, an dessen Fuß Leonard Cohen meditierte, koreanischen Geschäftsleuten (Investoren?), auf deren Areal Mordopfer entsorgt werden. Der klimatisierte Alptraum fordert seinen Tribut.

Phoebe Siegler ist so eine Art Alice im Trumpland, verwirrt wie zielstrebig wühlt sie sich durch ihren eigenen Kaninchenbau und findet verloschene Illusionen, gekappte Träume und Hoffnungen. Eine Welt ist untergegangen, eine andere im Umbruch. Am Ende geht die Reise weiter: „Ich hatte einen weiten Weg vor mir.“ Eine Vermisste wurde gefunden, ein Kampf auf Leben und Tod gewonnen, die Suche nach Erkenntnis und Zusammenhängen bis in den Meta-Bereich vorangetrieben, begleitet und kommentiert von popkulturellen Verweisen.

Der wilde Detektiv hat mit Mühe und unter Schmerzen überlebt, ohne Phoebe „Alice Nancy Drew“ Siegler und die Unterstützung der weiblichen Kaninchen wäre er untergegangen. Ein ferner Donner erzählt vom langen Abschied und James Crumleys letztem echten Kuss. Die blonde Motorradfahrerin auf der chromgelben Harley, der Phoebe mehrfach begegnet, könnte Mallory sein oder Claire DeWitt auf dem Weg nach New Orleans.
Jonathans Lethems wilder Detektiv ist in guter Gesellschaft unterwegs.

Sprachlich ist das von ganz eigener Poesie, die ziemlich offensichtlich und mit großer Freude damit kokettiert, sich selbst zu karikieren. Die deutsche Übersetzung ist leider keine der geschmeidigen Art. In Kauf nehmen, was problemlos möglich ist, oder das Original lesen. Wer sich darauf einlässt, wird mit Lektüre belohnt, die weit über sich selbst hinausweist und nachwirkt.

There’s nobody missing
There is no reward
Little by little We’re cutting the cord
We’re spending the treasure, oh no, no
That love cannot afford
I know you can feel it
The sweetness restored

Natürlich gehören die letzten Worte Leonard Cohen.

Bibliographische Angaben:

Jonathan Lethem
Der wilde Detektiv (Orig.: The Feral Detective)

Klett Cotta

Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach
VÖ: 31.01.2019

335 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag