Martin Compart


DER ERSTE SERIENKILLER-ROMAN? BLAISE CENDRARS „MOLOCH. DAS LEBEN DES MORAVAGINE“ by Martin Compart

Moravagine wird von dem jungen Arzt Raymond la Science, dem Erzähler der Geschichte, in einer Irrenanstalt entdeckt und befreit. Sofort erliegt er der Faszination, die von Moravagine ausgeht. Zusammen führen beide bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges ein ruheloses Leben auf der Flucht: Sie nehmen in Russland 1905 an der ersten Revolution teil und planen einen Anschlag auf die Zarenfamilie, der im Fiasko endet; sie fliehen nach Amerika und gelangen schließlich zu einem Indianerstamm am Amazonas. Nach der Rückkehr nach Europa werden alle weiteren hochtrabenden Pläne durch den Kriegsausbruch vernichtet, beide werden eingezogen und verlieren sich aus den Augen; wahnsinnig geworden, stirbt Moravagine am Morphium 1917. Seine zahlreichen Manuskripte und Zukunftsvisionen über einen 99-jährigen Krieg und eine Marsexpedition gehen an La Science, über den sie wiederum zum vermeintlichen Herausgeber Cendrars gelangen, der dem Buch ein entsprechendes Vor- und Nachwort mit auf den Weg gibt.

Das „Problem“ ist, dass Moravagine, der letzte Nachfahre der ungarischen Könige, gerne Frauen quält und aufschlitzt und wie es sich für einen ordentlichen Serienkiller gehört, eine Blutschneise durch die besuchten Länder zieht.

MORAVAGINE ist wohl der erste Serienkillerroman, der einen Täter in den Mittelpunkt des Romans stellt und ihn „analysiert“.

Zuvor behandelten Kriminalromane kaum oder gar nicht Triebtäter als Serienkiller. Und wenn, dann aus völlig anderer Perspektive. Marie Belloc Lowndes etwa, schrieb ihren Jack-the-Ripper Roman THE LODGER (1913) rein aus der Perspektive einer unbeteiligten Zeugin, der Vermieterin, und ließ bei allen Verdachtsmomenten das Ende offen.
Sie schuf eher einen stilbildenden Psychothriller, der heute noch funktioniert, als einen Serienkiller-Roman.

„Die Pathologie als Spezialgebiet einer allgemeinen Philosophie anzusehen – das hatte noch niemand gewagt.“

Der Ich-Erzähler und Begleiter des Killers ist derPsychiater Raymond la Science.

Die Person „Raymond la Science“ existierte tatsächlich und war Mitglied der französischen Anarchistengruppe Bonnot-Gang, die sich hauptsächlich auf Diebstähle und Randale spezialisierte. Raymond la Science wurde 1913 mit der Guillotine hingerichtet. Im Buch selbst gibt es einen Hinweis darauf („Wir kamen in Paris an, als die Affäre Bonnot gerade zu Ende ging“)! Man kann also davon ausgehen, dass Cendrars sehr bewusst diesen Namen wählte.

Getrieben wird er von seiner Faszination für Wahnsinn und das menschliche Unbewusste. Er wird von MMoravignes Amoral infiziert, ist von Beginn an offen dafür:
„Endlich sollte ich mit einer menschlichen Bestie zusammen sein, ihr Leben teilen.“

Der Erzähler ist besessen davon zu erkunden, welche unterbewussten Prozesse „die Tätigkeit des Instinkts wandelt und so aus der Bahn kommt, dass sie entartet.“ Fragen sowohl nach Auschwitz wie Jack-the-Ripper. Der Roman zeigt Empathielosigkeit als unbefriedigendes Erklärungsmodell.

„Moloch. Das Leben des Moravagine „(französischer Originaltitel: Moravagine) erschien erstmals 1926, den der Autor bereits 1917 zu schreiben begonnen hatte. Der Schock des Ersten Weltkriegs und das damit verbundene Ende der bekannten Zivilisation durchzieht das Buch. Was soll danach entstehen? Die Umwertung aller Werte? In der Fetischisierung der Kriegsmaschine positioniert Cendrars die Amoral der Wissenschaft vor der Diskussion über die Atombombe.

Eine erste Fassung mit 1800 Seiten, die verloren ging, entstand bereits 1914 „…unter dem Eindruck der ersten sensationellen Erfolge der Fliegerei und der Lektüre von FANTOMAS machte ich daraus einen Abenteuerroman“.

Blaise Cendrars (1887-1961) ist einer der bedeutendsten Schweizer Schriftsteller, der aber auch gerne der französischen Literatur zugeschlagen wird. Er war Lyriker, Romancier, Filmemacher und Abenteurer, der Reisen durch Asien, Afrika und Amerika unternahm („…solange ich, Blaise Cendrars, durch die Welt irre, durch Länder, Bücher und Menschen.“).

Anfang des 20.Jahrhunderts ging er nach Paris und gehörte zur Pariser Avantgarde der 1910er Jahre. Er kämpfte freiwillig als Fremdenlegionär im Ersten Weltkrieg für seine Wahlheimat Frankreich und verlor dabei einen Arm. Sein Leben selbst war ein Abenteuerroman und die Inspiration für ungewöhnliche Bücher. Er schrieb um die 40 Bücher, daneben Gedichte, Hörspiele und Filme.

Henry Miller übersetzte MORAVAGINE 1930 ins Amerikanische und war von ihm tief beeindruckt. Er erklärte, es sei in Frankreich nicht publizierbar, empfahl es aber einem deutschen Verlag (die deutsche Erstausgabe erschien 1928 bei Georg Müller, München). Cendrars wurde zu einem von Millers Helden und Freunden (Cendrars war der erste, der WENDEKREIS DES KREBSES rezensierte).

Cendrars sieht in diesem lustmordenden Serienkiller das Prinzip, das aus asozialer Destruktion Kreativität erwächst. Prägend war für Moravagine die geradezu maschinelle Soldateska, die seine Kindheit begleitete. Dabei schmerzt ihn die Sinnlosigkeit seiner Existenz, da er weder philosophisch noch religiös zu einer Antwort findet. Mit seiner Destruktion fordert er das Universum heraus.

Der Schriftsteller Oleg Jurew sieht eine Bedeutung des Romans darin, dass Cendrars „mit den Mitteln eines Abenteuer- und Schauerromans Cendrars ein Bild der europäischen Menschheit in der ausgehenden Moderne bereitet… Am Ende des 19.Jahrhunderts… verwandelte sich Europa in einen Lustpsychopathen, der nur das will, was für Geld nicht zu bekommen wäre – Frauen aufschlitzen, fremde Länder zerstören, einen Weltkrieg anzetteln.“

„Daraufhin sprachen wir dann vom Krieg, korrekt und freundlich.“

Die amoralischen Freiheiten, die heute gerne in den Serienkiller hineininterpretiert werden, spiegeln die rücksichtslose Gier der imperialen Mächte wieder, die sich von Nationalstaaten zu Wirtschaftsmächten entwickelt haben und nun von den Finanzterroristen aufgeschlitzt werden. So könnte man vielleicht Moravagine in der Fortsetzung dieser Auslegung weiterführend interpretieren.

Die „Verwissenschaftlichung der Brutalität“ und „Industrialisierung des Mordens“ als Verdinglichung von Rationalität und Aufklärung, die bis heute fortwirkt um Gier zu legitimieren.

„Was bedeutet mir ein Mord mehr oder weniger auf dieser Welt, die Entdeckung der kleinen Leiche eines unschuldigen jungen Mädchens?“

Die schwachsinnige Behauptung des Serienkillers als „letzten amerikanischen Helden, der die substantielle Freiheit des Individuums ausübt“ pervertiert Gedanken der Aufklärung durch asoziale Fokussierung auf das Individuum, die dem vor-aufklärerischen Denken entspricht.

Trotz der gewollten Entemotionalisierung der Sprache ist die fiebrige Überspanntheit von Huysmans oder der Nachhall des fin-de-siècle spürbar (Cendrars nimmt immer wieder Bezug auf Auguste de Villiers de L´Isle-Adam).
Außerdem erinnert Moravagines apodiktische Verkündungswut an Nietzsche. Der ganze Roman hat etwas von einer wirren Interpretation des „Übermenschen“.

Um alles im Genre einzugliedern: Ein ungewöhnlicher Serienkillerroman, der kaum für Freunde von Ethan Cross oder Karen Slaughter taugt.

Wahrscheinlich ist der Roman schon postmodern gewesen, bevor irgendwelche Idioten diesen Marketingbegriff à la „Ende der Geschichte“ kreierten.


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MiCs Tagebuch Oktober 2018 by Martin Compart

SCHÖNE NEUE STREAMINGWELT

Nicht neu ist die Erkenntnis, dass Marktforschung ein wichtiges Instrument der Industrie ist, um Publikumswünsche zu verstehen. Schließlich sind Entertainment-Produkte für den Markt bestimmt und dienen nur einem einzigen Zweck: ihrem Verkauf. Eine Ware, die für ihren Absatz produziert wird, muss selbstverständlich dem Publikum gefallen. Am Ende bleibt jedoch immer die Unsicherheit, ob das Werk ein Erfolg wird oder nicht. Darum wird versucht, sei es beim Buch, Film oder im TV, mit Serien, Sequels, Prequels, Spin-Offs und natürlich Merchandising, möglichst viel Profit aus einem erfolgreichen Stoff zu saugen. Der Erfolg von gestern soll den Erfolg von heute und am besten gleich den von morgen gewährleisten. Einige der bekanntesten Beispiele für mediale Produktmarken oder Franchises sind z.B. Star Wars, Harry Potter, Herr der Ringe, Marvel.

Neuer sind in der Marktforschung auf nutzergenerierten Daten basierende Algorithmen.
Was Streaminganbietern den Geschäftserfolg sichern soll, weil es dem Publikum gefällt, saugen Konzerne wie Netflix und Amazon aus ihren Nutzerdaten. Algorithmen bestimmen die „schöne neue Streamingwelt“, nach der Filme und Serien in über 100 Genres (besser Kategorien) und deren Nutzergruppen eingeteilt werden. Diese Daten sind das Kapital der Unternehmen. Sie bestimmen letztlich ihren Börsenwert. Mittels der Algorithmen wird versucht, zukünftiges Verhalten der Nutzer zu „programmieren“, um immer erfolgreichere Formate anzubieten und so die Nutzer „süchtig“ zu machen.
Das Geschäft der Streaminganbieter ist global, ihr Publikum auch. Was in einem einzelnen Land nur eine kleine Nische darstellt, ist weltweit aufaddiert ein Riesenmarkt.

Von dieser Erkenntnis leben Horrorfilme bereits seit Jahrzehnten. Damit erklärt sich auch die scheinbar verwirrende Nischenpolitik einiger Konzerne, die neben Serienfutter mit überraschenden Arthaus-Filmen aufwarten, jüngstes Netflix-Beispiel, Roma von Alfonso Curaron. Sie folgen der Logik eines guten Dealers: Wer seine Nutzer kennt und bedient, der verdient. Immer.

Im Streaming-Zeitalter lautet das neue globale Seriendiktum: Vorverkauf, Internationalität, Nostalgie und Spektakel.

Gibt es bereits einen Publikumserfolg in einem anderen Medium? Ist der Stoff international attraktiv? Bedient er nostalgische Gefühle? Ist er ein großes Spektakel? Mindestens ein Kriterium muss erfüllt werden, besser jedoch mehrere. (Original Content, extra fürs TV entwickelt, scheuen auf sichereren Return-on-Investment bedachte internationale Geldgeber wie der Teufel das Weihwasser.)

Bei der deutschen Budgetorgie Berlin Babylon, einer ARD und Sky Co-Produktion, kann man hinter jedem der vier Kriterien ein Häkchen machen. Dafür gibt’s Applaus vom internationalen Publikum wie vom bedeutungslosen Feuilleton. Das freut die Branche, sie ist endlich das, für was sie sich schon immer hielt, und lobt sich gleich mal selbst für den Mut zur „neuen deutschen Serie“, die ohne Vorlagen wie Boardwalk Empire, Peaky Blinders und Baz Luhrmanns Der Große Gatsby, natürlich unvorstellbar wäre. Romanerfolg hin oder her.

Längst haben große Konzerne Serielles Erzählen als profitables Geschäftsmodell erkannt und investieren Milliarden. So stecken aktuell Netflix 6,3 Milliarden, Amazon über 4,7, Hulu 4,5 und Apple 1,0 Milliarde US-Dollar ins Programming. Auch Plattformanbieter Deutsche Telekom ist mit ihrer ersten Eigenproduktion Deutsch-Les-Landes im Geschäft (in Partnerschaft mit Amazon France). Wir lernen daraus, wo Geld zu verdienen ist, da wird investiert, solange dort Geld zu verdienen ist. Das sogenannte Peak-TV befindet sich in der Phase des Verteilungskampfes, die Streaming-Giganten kaufen rechts und links kreative Erfolgsgaranten ein, um sich den Markt sichern. Verlieren werden diejenigen, denen zuerst der finanzielle Atem ausgeht.

Voll geil, denkt der Konsument und twittert seine Begeisterung ob der Riesenauswahl in die Welt hinaus. Ernüchternd für die Kreativen ist jedoch: Serielles Erzählen ist das neue Fastfood für die Generation Smartphone. Denn laut Messungen des Nutzerverhaltens wird während des Serienkonsums auf den Phones und Tabletts, gleichzeitig anderen Online-Beschäftigungen nachgegangen, wie liken, linken, posten, usw. Soviel Ablenkung bedeutet für die Branche, je stärker der Wettbewerbsdruck, desto mehr Publikumserfolge werden benötigt, will man nicht absteigen. Daher schalten die großen Streamingdienste bei ihren Produktionen zwangsläufig auf Nummer sicher. Womit wir wieder bei dem o.g. „globalen Diktum“ angelangt sind und letztlich beim Wiederholen immer gleicher Muster. Profit geht vor Kreativität und künstlerischem Risiko.

AUSGETRHILLERT

Nach BODYGUARD hatte ich mir neulich DEEP STATE angeschaut, zwei Conspiracy-Thrillerserien auf handwerklich hohem Niveau. Bodyguard, ein Produkt der BBC 1, ist etwas komplexer und tiefschürfender, Deep State, eine Fox-TV Produktion, simpler und actionorientierter.

Der Inhalt beider Formate ist schnell geschildert: Bodyguard erzählt die Geschichte eines Ex-Soldaten, jetzt Polizist und Leibwächter der Innenministerin, der auf eine Verschwörung stößt und diese aufklären muss, um seinen Hals zu retten.

Deep State erzählt die Geschichte eines Ex-MI6 Auftragskillers, der zwangsweise für eine Aufräumaktion reaktiviert wird, auf eine Verschwörung stößt und diese aufklären muss, um seinen Hals zu retten.

Beide Serien haben eine zynische Sicht auf die Welt. Sie schildern Protagonisten, die vermeintlich für ihr Land und das Gute kämpfen und natürlich schwer ernüchtert, verraten und missbraucht werden. Beide sind ernstgemeint und höchsten unfreiwillig komisch – und beide Serien haben keinerlei Konsequenzen.

Bei Bodyguard geht der „Working Class Hero“ am Ende in Therapie und dann nach hause, zu seiner wiedergefundenen Familie, bei Deep State begibt sich der „well off“ Killer direkt in sein komfortables Zuhause, zu seiner wiedergefundenen Familie. Die zentrale Botschaft lautet: Die Welt ist wie sie ist, du kannst sie nicht ändern, sieh zu, dass es dir und deiner Familie gut geht. In beiden Serien haben die „Helden“ Kinder, sind ihre Beziehungen in Gefahr oder beschädigt, gilt es die unschuldigen Kleinen, auf denen unsere aller Zukunft beruht, vor Schäden, gemeint ist ein früher unverdienter Tod, zu bewahren. Psychische Schäden, die dadurch entstehen, dass die Sprösslinge Augenzeugen von z.B. Bombenanschlägen oder mordenden Eltern werden, spielen in diesen Serienwelten keine Rolle.
Bei Deep State empfinden dazu die Bösewichte eine große Kinderliebe und sorgen sich um den eigenen Nachwuchs. Wenn das kein wohliges Gefühl der Empathie erzeugt.

Beide Serien sind fatalistisch und völlig reaktionär.

Ihre vermeintliche Gesellschaftskritik beschränkt sich darin, den Status quo der Gegenwart als Spieloberfläche zu benutzen, auf der spannend und wendungsreich, leider sinnlose Stories erzählt werden.

Bei allem brillanten Thriller-Handwerk, in dem Bodyguard sich Deep State überlegen zeigt (ein weniger hektischer Plot, dafür mehr Charakterentwicklung) und den dramatischen, persönlichen Konflikten der Protagonisten, dominiert auf der Systemebene völlige Alternativlosigkeit.
Will der Bodyguard zu Anfang noch am liebsten diejenige bestrafen, die das kriegerische Morden in Afghanistan mit verursacht hat, so schützt er sie doch vor Terroristen und klärt sogar ihren Tod auf, um am Ende beinahe von den eigenen Leuten hingehängt zu werden.
Die MI6 Killer in Deep State sind anfangs damit beschäftigt, unschuldige iranische Wissenschaftler zu eliminieren, weil diese angeblich den Nuklearvertrag mit den USA unterlaufen, um am Ende, belogen und betrogen, einen unvermeidlichen Deal zu machen, der ihr eigenes Überleben sichert. So oder so, es gibt kein Entrinnen aus dem System, also lassen wir’s lieber gleich bleiben. Jeder ist sich selbst der Nächste. Schöne moderne „Helden“ sind das.

Die wahren Bösewichte sind entweder die Konzerne, deren Geschäftsmodell Krieg, Tod und Verderben lautet, und die einen weiteren neuen Krieg brauchen, damit die Kasse stimmt, oder das organisierte Verbrechen, das sich die hochkriminellen lukrativen Geschäfte nicht stören lassen will.

Beide Gruppen bedienen sich korrupter Staatsbediensteter. Das spiegelt natürlich die wirklichen Zustände in unserer Welt. Wie ernsthaft, wie kritisch – leider auch wie oberflächlich und verlogen. Bei Bodyguard ist die Organisierte Kriminalität gegen verschärfte Überwachungsgesetze, weil sie um Geschäftseinbußen fürchtet. Ein ausgemachter Blödsinn. Eine gute OK ist eine Stütze der kapitalistischen Gesellschaft und braucht den Staat schon gar nicht zu fürchten, solange dessen Hauptaugenmerk dem Kampf gegen den Terror dient.

Im Falle von Deep State wird gezeigt, wie Konzerne und Lobbyisten in den USA mit erpresserischen, mörderischen Methoden ihre Ziele verfolgen, jedoch völlig unerwähnt gelassen, dass das gesamte politische System auf Geld beruht und es zwischen dem Staat und den Konzernen keinerlei Interessenwiderspruch gibt, sondern beide völlig symbiotisch agieren. Schließlich wechseln Manager in die Politik und Politiker ins Management, um gegenseitig den Profit zu maximieren. Diese Serien perpetuieren genau die Botschaft, die jeder Mensch kapieren muss: Die Ursache allen Übels, das alles dominierende kapitalistische System, bleibt unausweichlich bestehen. Revolte ist ein müdes Arschrunzeln.

Die intellektuelle Ratlosigkeit beider Formate ist daher erschreckend. Ihre vermeintlich kritische Haltung gegenüber den Zuständen im herrschenden Polit- und Wirtschaftssystem ist nichts als Augenwischerei.

Angesichts seiner „Alternativlosigkeit“, bleibt jede Kritik, jeder Protest, jede Demonstration ohne Konsequenzen. Folglich bieten beide Formate nichts, aber auch gar nichts an, was auf eine geistige Entwicklung der „Helden“ schließen könnte. In der Art und Weise, wie die Geschichten erzählt werden, gibt es für die Protagonisten nur zwei Verhaltensmuster, entweder mitmachen oder den Rückzug ins Private, verbunden mit der Hoffnung, dass man nicht doch irgendwann wieder „gebraucht“ wird, denn dann ist es mit der Ruhe schnell vorbei.
In beiden Serien sind die Protagonisten vereinzelte Menschen ohne ein Empfinden von Solidarität und Gemeinschaft, welches über die eigene Familie hinausgeht. Jede Form gesellschaftlichen Miteinanders wird bewusst verneint. Das ist kapitalistische Ideologie in Reinform. Ziel erreicht.

Man könnte den „Helden“ zugute halten, dass sie Opfer wären. Leider sind es nicht.
Sie haben sich bewusst für den Job entschieden und sind deshalb hochtrainierte Volltrottel, indoktrinierte Befehlsempfänger, die gehorchen. Wenn sie dies einmal nicht tun, dann nur weil sie selbst auf die Abschussliste geraten und sich – und ihre Familien – retten müssen. Die Serienmacher reduzieren ihre Protagonisten zu banalen Funktionsautomaten: Töten, Schützen, Lieben, werden von ihnen beinahe automatisiert ausgeübt, so wie es die biologische „Programmierung“ des Homo sapiens erfordert. Die Protagonisten denken nur in vorgegebenen Rahmen. Damit sind sie genau die richtigen „Helden“ für unsere ohnmächtigen Zeiten. Aus seriellen Gründen können diese armen Schweine weder geistig reifen, noch vom Gnadentod erlöst werden. Sie sind daher verurteilt, ihre grausamen Untaten durch liebevollen Umgang mit ihren Kleinen ungeschehen zu machen. Der Gipfel des Zynismus.

Die miesesten Übeltäter sind in beiden Serien, die Verräter in den eigenen Reihen. Diese werden dafür, teilweise zumindest, von den „Helden“ bestraft, womit der Genugtuung für den Zuschauer genüge getan ist. In der Realität werden treue Systemplayer bekanntlich befördert. In der Fiktion, wehrt sich der ohnmächtige Einzelne erfolgreich. In der Wirklichkeit jedoch, geht der ohnmächtige Einzelne ohnmächtig einzeln unter, was jeder von uns weiß, aber lieber verdrängt.

Jetzt kann ich die Haltung einnehmen, eine ordentlich gemachte, spannende Zustandsbeschreibung der Welt ist mir allemal lieber als deutsches Entertainment. Das ist zwar nicht falsch, dennoch unzureichend. Auch wenn ein Thriller nicht der Aufklärung verpflichtet ist, so ist er seinen Figuren und seiner Story verpflichtet. Handeln hat Konsequenzen, diese zu einem Pseudo-Happy-End zu verbiegen, ist vielleicht gut für die Quote aber schlecht fürs Storytelling. Ein Thriller, der nicht konsequent bis zu seiner schlimmstmöglichen Wendung erzählt wird, taugt nichts. Ganz einfach.

Aber was soll’s?
Algorithmen interessieren sich für das, was bei den Massen ankommt. Darum werden die um Vorherrschaft buhlenden Konzerne mehr von diesem geistlos-verlogenen Schrott produzieren, der natürlich weiterhin nebenbei konsumiert wird. Systembestätigendes Fastfood eben. Die Algorithmen registrieren, was wir wann wo wie streamen, nicht ob und was wir dabei denken. Das interessiert nur wirklich niemanden. Wer konsumiert, denkt nicht. Streamen, Leute! Jeder Nutzer zählt.

MiC, 29.10.18



CHARLIE MUFFIN by Martin Compart

Charlie Muffin ist für viele (mich eingeschlossen) die größte Kult-Figur des Polit-Thrillers. Sein erster Auftritt in Brian Freemantles Roman CHARLIE M schlug 1977 ein wie eine Bombe; vergleichbar vielleicht mit Len Deightons THE IPCRESS FILE fünfzehn Jahre zuvor oder LeCarrés SPION, DER AUS DER KÄLTE KAM. Charlie war noch mehr anti-establishment als Deightons namenloser Ich-Erzähler.

Inzwischen ist die Serie auf 19 Titel angewachsen. In Deutschland erscheint sie schon lange nicht mehr.

Muffin ist der wahre proletarische Held unter den fiktionalen Agenten. Und er ist vielleicht der abgewichsteste und cleverste, der die Schwächen der degenerierten britischen Oberschicht genau kennt und ausnutzt, ihre Heimtücken durchschaut.

Leider gibt es bisher nur eine audiovisuelle Umsetzung: 1979 drehte der große Jack Gold die Adaption des ersten Muffin-Romans für das britische Fernsehen. David Hemmings wurde für Charlie Muffin das, was Sean Connery für James Bond ist. Das sah Freemantle ganz ähnlich:

Here’s a secret. It’s not as easy for me now to write Charlie as it was in the beginning and the problem was the film of that first Charlie Muffin book. David Hemmings brilliantly played the part. I met him for the first time on set, when a gambling club scene was being shot. Between takes he came over to me, clad in scruffy suit and down-at-heel Hush Puppies ( it’s the feet problem) and said: ‚Here I am. I’m Charlie Muffin.’Which he was. Up until that moment I knew how Charlie Muffin thought and how he’d react and what he physically looked like. But I didn’t have his facial features. But from then on I did and it’s always David Hemmings‘ face I see when I’m writing, not my blank-canvassed Charlie.

Nicht nur Hemmings ist eine Weltmacht! Der Film ist in jeder Rolle perfekt besetzt und Jack Gold inszeniert diesen „Agentenpoker“, der eher ein Schachspiel ist, genau und mit dem richtigen Gefühl fürs Timing. Gold (1930-2015)ist m.E. wegen seiner häufigen TV-Arbeiten ein schmählich unterschätzter Regisseur, der für Klassiker wie THE RECKONING oder MAN FRIDAY verantwortlich war.

Für Charle gefährlicher als die Russen: seine Vorgesetzten und Mitarbeiter.

Geradezu nostalgisch wird man bei den Szenen, die in Ost- wie West-Berlin spielen. Gold fängt das Zeitgefühl des Kalten Krieges und die Atmosphäre der geteilten Stadt ein.

Dies ist kein Action-Film!

Die Handlung fordert vom Zuschauer Mitdenken (ist also nichts für heutige Kino-Gänger oder Krawall-Serien-Freunde). Jack Gold lässt sich Zeit um jede Nuance und jeden Dialog effektiv zu inszenieren.

Etwa, wenn Ian Richardson (einmal mehr: großartig!) als arroganter und unfähiger Geheimdienstchef über Charlies Klassenzugehörigkeit sinniert:

Die Arbeiterklasse ist in ihrer Freizeit immer brünstig.

Ausgegraben hat dieses Kleinod der Spy-Fiction wieder mal PIDAX-Film. Die Crew um Edgar Maurer gräbt bekanntlich tief, wenn es um vergessene TV-Schätze oder zu wenig bekannte Filme geht (dasselbe gilt für den Hörspielbereich, in dem sie den Klassiker Hans Gruhl wieder zugänglich machen). Ich stöbere gerne in ihrem Katalog.

Die Qualität dieser DVD-Ausgabe ist ausgezeichnet. Schade nur, dass es kein Zusatzmaterial gibt.

Was soll´s! Endlich kann ich meine vergammelte Video-Kopie entsorgen und diese bisher einzige Verfilmung eines Freemantle-Stoffes (was lagert da für ein Film- und TV-Potential!) in meine Bibliothek einordnen.

Kein Freund guter Spionagefilme kommt ohne CHARLIE MUFFIN aus, dessen Schlusspointe neue Maßstäbe im Genre setzte. Freemantle gab der Spynovel mit diesem „Happyend“ eine neue politische Dimension.

https://www.pidax-film.de/



BEAR GRYLLS THRILLER-DEBUT by Martin Compart


Der Roman fängt gleich an einem der übelsten Orte des Planeten an: im Black-Beach-Knast in Äquatorialguinea. Dort wird Will Jaeger durch einen Trick seines Maori-Kumpels Raff aus der brutalen Gefangenschaft befreit, muss hilflos Schreckliches mitansehen und bekommt gleich einen neuen Auftrag.

Will Jaeger, Ex-Elitesoldat und Gründer von Enduro Adventures, erhält den Auftrag seines Lebens: Für eine TV-Show soll er mit einer Gruppe von Kandidaten ein mysteriöses Flugzeugwrack aus dem Zweiten Weltkrieg im brasilianischen Dschungel bergen.

Das Geheimnis um das Flugzeug ist in der deutschen Nazigeschichte im zweiten Weltkrieg verankert und findet auf verschlungenen Wegen bis in die Gegenwart.
Doch bei den Vorbereitungen stirbt sein Freund Smithy. Die Polizei wertet den mysteriösen Tod als Unglück. Ein Symbol, das der Tote trägt, lässt Will jedoch Böses erahnen. Denn er hat es schon einmal gesehen: in den Hinterlassenschaften seines Großvaters, des legendären Nazi-Jägers… (eine Hommage von Grylls an seinen eigenen Großvater, Befehlshaber der T-Force).

Edward Michael Grylls, geboren 1974 in Nordirland, ist ein ehemaliger SAS-Soldat und in England und den USA als Abenteurer und Überlebensspezialist eine bekannte Medienfigur. 1998 hatte er mit 23 Jahren als jüngster Bergsteiger den Mount Everest bestiegen.

Seit 2005 dreht er Dokumentationen und TV-Shows (ABENTEUER SURVIVAL, GET OUT ALIVE, STARS AM LIMIT u.a.), die auch auf deutschen Sendern gezeigt werden.

Mit Unterstützung des Journalisten und Thriller-Autors Damien Lewis hat Grylls einen rasanten Action-Thriller vorgelegt, der in seinen besten Momenten mit einem Kaliber wie Andy McNab locker mithält. In physischen Beschreibungen (die Anfangsszene mit dem zerschundenen Helden) erinnert er gar an die Brillanz von Ian Fleming (in DR.NO). Autoren wie Matthew Reilly oder Clive Cussler ist er erzählerisch überlegen – besser gesagt: sind Grylls und Lewis überlegen.

Gut, das Ende ist ein wenig überzogen. Aber das verzeiht man gerne, denn das hohe Erzähltempo, die effektiven Charakterisierungen und die überraschen Wendungen machen die Lektüre zu einem aufregenderen Erlebnis als das Bestarren eines Hollywood-Blockbusters.

Bear Grylls und sein Gr0ßvater, der „Nazi-Hunter“, der den Roman inspirierte.

Man findet auch ein paar Brüche und Ungereimtheiten, aber wie bei einem besseren James Bond-Film werden sie durch das Tempo weggebügelt. Auch McNabs erste Romane hatten noch nicht ihre volle Schubkraft. Ich behalte Grylls jedenfalls auf dem Schirm. Der Mann hat nicht umsonst einen eine Million Pfund Vertrag mit Orion über drei Romane seiner Will Jaeger-Serie abgeschlossen. Aber der britische Thriller-Markt setzt in seinem Segment auch jährlich an die 100 Millionen Pfund um (SF- und Fantasy 34 Mio., Romance 20 Mio und historische Romane 18,5 Mio; Stand von 2013).

Für die Qualitäts-Wachtmeister der Krimi-Szene ist der „Action-Thriller“ und noch schlimmer: der „Commando-Thriller“ (in dessen Tradition Grylls steht) ja was ganz übles, dass die Lesekultur gefährdet.

Dabei übersehen sie natürlich, dass der „Action-Thriller“ eine beeindruckende Tradition vorzuweisen hat. Angefangen bei Robert Louis Stevensons KIDNAPPED über John Buchans wahnwitzige Jagd- und Fluchtgeschichten, THE 39 STEPS oder GREENMANTLE, Geoffrey Household bis hin zu Ian Fleming, Duncan Kyle oder Alister MacLean und Adam Hall.

In den 1970er- und 1980er Jahren wurde das Genre von amerikanischen Paperback-Original- Serien wie PHOENIX TEAM dominiert, deren Weltbild bestenfalls als schlicht bis dümmlich zu bezeichnen ist. Autoren wie Chris Ryan oder Andy McNabb haben das Genre seit den 1990er Jahren wiederbelebt. Und es ist immer wieder beeindruckend, mit welchen literarischen Fähigkeiten gute Autoren wie Grylls (und Lewis) die Leser durch die Seiten peitschen.

Wer in vier bis fünf Stunden ein paar Pfund Körpergewicht verlieren will, schwindelfrei ist und gute Nerven hat, wird mit GHOST FLIGHT ein schweißtreibendes Vergnügen genießen.
Außerdem bekommt man noch Survival-Tipps, die einem eventuell das Leben retten, wenn man mal wieder im Stadtpark verloren geht.

P.S.: Die Übersetzung – und das ist ja nicht so einfach wenn es um Tempo in der deutschen Interpretation geht – hält die Geschwindigkeit locker mit.

Bear Grylls
Ghost Flight – Jagd durch den Dschungel

Aus dem Englischen von Marco Mewes
HarperCollins, 2018
ISBN: 9783959677547
€ 10,99



CRAZY ROCKER – DIE INDO-BANDS ÜBERFALLEN DEUTSCHLAND by Martin Compart
11. September 2018, 8:16 am
Filed under: MUSIK, Rezensionen, WENSKE | Schlagwörter: ,


Sie kamen aus dem Westen und brachten Unheil und Grauen über alle anständigen Bürger, die in amerikanischen Garnisonsstädten ein gottgefälliges Leben versuchten.

Dort füllten sie so manchen leeren Tag mit Lärm.

Spießer, die sich in die entsprechenden Bars vorwagten, bekamen einen Vorgeschmack der Apokalypse.

Jugendliche Rabauken konnten sich an ihrem Krawall nicht sattfressen. Während Elvis sich zum Städtele hinaus sang, retteten die Indo-Bands den Rock.Manche Musiker griffen sich ihre Gitarren wie Psychopathen ihre geschärften Rasiermesser.

In den Jahren zwischen Bill Hailey und den Rolling Stones sorgten die Indo-Bands aus Holland dafür, dass der Rock´n Roll nicht zur harmlosen Samstagabendunterhaltung verkam. Von 1959 bis etwa 1964 zogen sie eine häufig blutige, immer aber krawallige Spur durch die Rock- und GI-Klubs in deutschen Garnisonsstädten.

Wie Hanau.

Dort hatte man die glänzende Idee, gegenüber einem Klub für schwarze GIs, indem vorzugsweise Blues gespielt wurde, einen Suff & Tanz-Treff für Rednecks zu positionieren. Damit war der Samstagabendspaß für die ganze Familie programmiert:

„Ich spielte mit den Cherokees im Roma in Kaiserslautern, als der Ami die Gäste anpöbelte und randalierte. Flaschen und Stühle flogen durch die Luft, bis vor unseren Augen plötzlich ein Puertoriacaner sein Messer zog und dem weißen GI in den Leib stach. Blut spritzte. Der Ami fiel zu Boden und die Därme quollen aus dem Bauch. Mein Gott. Und wir mussten da bleiben und weiterspielen, nachdem man die Leiche weggeschafft hatte“, erinnert sich Ronny Neyndorff. Im Showgeschäft kann man auf Einzelschicksale keine Rücksicht nehmen.

Die erste Generation der indonesischen Einwanderer bestand hauptsächlich aus Privilegierten, die mit den holländischen Kolonialherren verbandelt waren. Nach dem Sieg Sukarnos hauten sie schleunigst in das Mutterland der Ausbeuter ab, wo sie so willkommen waren wie Mujahedin am Wörthersee. Mit Straßenschlachten gegen einheimische Jugendlichen begannen dann die Integrationsbemühungen. „Aus diesem Umfeld aus Frust und Gewalt entstand schließlich das, was man später Indo-Rock nannte.

Statt Prügeleien war jetzt handfeste Lärmbelästigung angesagt. „Nach dem ERfolg der Tielman Brothers 1958 auf der Weltausstellung in Brüssel formierten sich unzählige Bands, um als Profimusiker in Deutschland ihr Glück zu versuchen. Auf dem Höhepunkt der Invasion 1963/64 gaben sich bestimmt an die 100 Indonesier-Kapellen in den Rock´n´Roll-Bars und Ami-Clubs im monatlichen Wechsel die Klinke in die Hand.

Wie fleißig sie waren, belegt ein Zitat von Harry Koster von den Black Dynamites: „Nach drei Jahren ständigen Spielens in Deutschland hatten wir zum ersten Mal einen halben freien Abend, als John F. Kennedy am 22.November 1963 ermordet wurde.“

Helmut Wenske hat das in Hanau alles hautnahe mitgekriegt und ist bis heute mit den Protagonisten der Szene befreundet. In seinem grandios dokumentierten Bildband, vollgestopft mit sittlich ethisch desorientierenden Dokumenten, Bildern und Anekdoten wird das Lebensgefühl in dieser Subkultur wieder lebendig. Er betrachtet die fünf wohl wichtigsten Bands genauer und erzählt ihre skandalösen Geschichten.

Wenske hatte schon 1984 zusammen mit Götz Alsmann und Woody Brunings mit EASTERN AGE eine erste Würdigung der niederländischen Krawall-Truppen vorgelegt.
Immer noch lesenswert. Aber dank seinem eigenen Archiv und das des holländischen Indo-Paläontologen Leon Donnars, kann das Bändchen mit diesem Prachtschinken natürlich nicht mithalten.

Es gibt Haufenweise Informationen, die man erst wissen will, wenn man sie kriegt.

Zum Beispiel dass der Jazzer und Bierkönig Paul Kuhn bei der Produktion einer der besten Indo-Platten, JAVALINS FOR TWENS, seine Klavierspielerfinger drin hatte.

Welche Rolle Goena-Goena (Spirituelles) spielte…

Wie sich Andy Tielman nach Borneo zurück zog und mit dem Blasrohr jagte…

Wie die Javalins auf einer Israel-Tour ihren Saxophonisten verloren…

Zeitgeist ohne ende

 

Seit einigen Jahren gibt es ein kleines Indo-Rock Revival. Gekillt hat ihren Boom Mitte der 1960er die british invasion. Obwohl die Indos technisch erstmal den meisten angelsächsischen Bands überlegen waren, hatten sie einen großen Nachteil: Sie schrieben kaum eigene Songs und verließen sich aufs covern von Standards. Und Klassikeram laufenden Band zu schreiben wie Beatles, Stones, Hollies usw., hatten sie erst recht nicht drauf. Aber an Show lieferten sie ähnlich der amerikanischen Soul-Szene den Briten einiges, an dem sich diese orientieren konnten.

Die Jungs waren ihrer Zeit weit voraus. Sie wussten es nur nicht. Sie haben nicht gemerkt, dass sie manchmal auf der Gitarre Sachen hervorbrachten, die für geschulte Musiker nicht zu fassen waren. Alles geschah sehr natürlich, fast organisch, so richtig aus dem Herzen. Sie spielten Rock´n´Roll auf eine authentische Art und Weise. Die Jungs waren unheimlich lässig und verschwanden vielleicht gerade wegen dieser Lässigkeit auch innerhalb von ein paar Jahren von der Bühne.“
Jan Akkerman

Als Wiedergutmachung für die Indos, schickten uns dann die Holländer Heintje, der bekanntlich kein Kind war, sondern ein fünfzigjähriger Zwerg.

Helmut Wenske/Chris Hyde:
Black Eyes
Indonesier-Bands in Germany. Storys & Bilder

ca. 298 Seiten,
Hirnkost KG, 2018; Hardcover,
21 x 21 cm
ISBN: 978-3-945398-66-1 print
28,00 €

https://www.amazon.de/s/ref=nb_sb_noss_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&url=search-alias%3Dstripbooks&field-keywords=helmut+wenske


Wenske /Hyde verschweigen auch nicht die Schrecken des Ende mit Schrecken.

 

Andy Tielman mutierte heel prachtig zum Barry Gibb des Tanztees. Zu spät, um noch was am Karma zu retten:



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: CITY OF THE DEAD/NEKROPOLIS von Herbert Lieberman by Martin Compart

10 Tage im Leben des New Yorker Chef-Pathologen Dr.Paul Konig und 10 Tage im Leben der Stadt New York 1974.

Die Cops befragen die Lebenden, aber Paul Konig findet die Antworten, indem er die Toten befragt. Nach einem Leben voller grauenvoller Verbrechen denkt er, er habe bereits alles gesehen. Falsch gedacht. Vor ihm liegen zehn Tage, in denen er an mehreren Fronten gleichzeitig kämpfen muss:

Gegen politische Korruption in der Verwaltung;

gegen das Unmögliche, an Hand unzureichender Leichenteile aus einem Serienkiller-Friedhof den Täter zu identifizieren, der mit seinen Sexmorden eine blutige Schneise durch das ohnehin schon gewaltgeschüttelte New York zieht;

und gegen die Zeit, um seine Tochter rechtzeitig aus den Händen einer irren Militia zu retten.

Klingt überkandidelt und nicht wirklich originell?

Dem sei entgegnet, dass dieses Buch völlig einzigartig in der Kriminalliteratur dasteht, denn es kommt ja immer darauf an, WIE die Geschichte erzählt wird.
Das Buch erschreckt in seinem Zynismus und seiner Brutalität noch heute. Das geschilderte New York gibt es nicht mehr, aber der Roman liest sich, als wäre er gerade erst geschrieben worden.

Dazu noch im Präsenz, was immer eine extreme Herausforderung ist, die sehr leicht misslingt. Ich kann mich nicht erinnern, eine überzeugendere Nutzung dieser Form gelesen zu haben.

Die Spannung ist von der ersten Seite an da, was an Liebermans süchtig machendem Stil liegt. Aber die Handlungsstränge bauen sich erst allmählich auf bis das Tempo fast unerträglich wird. Der Leser kann sich nicht ausruhen, denn dies ist ein großer Roman, der viele Geschichten erzählt, viele Charaktere erleben lässt, die alle Poren der Stadt sind. Wie nur wirklich großen Autoren, gelingen ihm Szenen, die zuvor noch nie geschrieben wurden und sich ins Gedächtnis einbrennen.

Der Roman ist gleichzeitig psychologischer Thriller, Forensik-Procedural, Sittengemälde und schwarzer Thriller. Eine Besonderheit dieser Geschichte ist ihre unbestimmte Identität, ihre Vermischung von polizeilicher Untersuchung, psychologischem Drama und sozialer Destabilisierung.

Wie an Dantes Eingang zur Hölle müsste dem Roman nach der Titelei vorangestellt sein: Ihr, die ihr dieses Buch öffnet, lasst alle Hoffnung fahren“

Und dann ist das Buch auch noch einer der ganz großen New York-Romane. Eines New York, bevor Spekulanten und Banker alles Leben aus der Stadt saugten und aus ihr ein Refugium für superreiche Langweiler machten. Es ist das New York von 1974, als die Stadt noch gefährlich, tödlich und frei war. Im Vergleich zu Liebermans Roman wirken sogar TAXI DRIVER oder DEATHWISH wie Tourismus-Spots.

In den 1970ern war New York noch interessant, eine Stadt, in der wirklich was los war – zu jeder Jahreszeit:

„April again. Burgeoning spring. Tax time and the month of suicides. Gone now are February and March, seasons of drowned men, when the ice of the frozen rivers melt, yielding up the winter’s harvest of junkies, itinerants, and prostitutes. Soon to come are July and August–the jack-knife months. Heat and homicide. Bullet holes, knife wounds, fatal garrotings, a grisly procession vomited out of the steamy ghettos of the inner city. Followed by September–early fall–season of wilting vegetation, self guilt, and inexplicable loss. Battered babies with the subdural hematomas and petechial hemorrahages. Then October–benign, quiescent; the oven pavements of the city cooling while death hangs back a little while, prostrate from all the carnage. Only to rush headlong into November and December. The holiday season. Thanksgiving and the Prince of Peace. Suicides come forth again.“

Es ist eine halluzinatorische Reise ins schwarze Herz des „Big Apple“. Die Stadt verursacht den Tod und repräsentiert alle menschliche Grausamkeit. Liebermans Kaleidoskop zeigt auch die Gewinner und ihre Ruchlosigkeit in sozialen Dimensionen. Sein Universum ist dunkel, abrupt und ohne Illusionen.

HerbertLieberman dämpft diese pessimistische Weltanschauung mit ätzendem Humor.

„Der Pathologe steht vor dem geschundenen und nackten Leichnam wie ein alter Zauberpriester, der aus den Eingeweiden von Opfertieren wahrsagt.“

Der erste Thriller mit einem Forensiker als Protagonisten Kein anderer Roman vermittelt intensiver Bewusstsein und Arbeit eines Pathologen. Bevor ich ihn gelesen hatte, wusste ich nicht, dass mich das überhaupt interessiert. Denn im Gegensatz zu Patricia Cornwell, Kathy Reich, Jefferson Bass und wie die langweilige Forensiker-Bagage heißt, ist Lieberman ein wahrer Literat und weiß, wie man Spannung erzeugt, die von der ersten bis zur letzten Seite allgegenwärtig ist – auch wenn sich die Handlungsebenen verschieben.

Die Vielzahl an Details zu dieser speziellen Arbeit zeigt uns, dass der Autor viel recherchiert hat, um die Hauptfigur glaubwürdig zu machen. Um dieses Buch schreiben zu können, recherchierte Lieberman über ein Jahr lang beim Team des Manhattan Forensic Institute. Jedenfalls erscheinen Cornwell oder Reich im Vergleich zu Lieberman recht oberflächlich und weniger mitreißend und schockierend. Liebermans Autopsien sollte man nicht mit vollem Magen lesen.

Sein Paul Konig ist keine durchwegs sympathische Figur. Seit dem Krebstod seiner Frau noch unangenehmer und zynischer, hadert er mit seinem Schicksal:

„Manchmal dachte er daran, dass alles gut würde, wenn er an Magier und Hexenmeister glauben könnte, an Rosenkränze oder Talismane. Er könnte zu einem Astrologen gehen, sich makrobiotisch ernähren, mit den Zen-Meistern meditieren, alles mögliche. Wenn er damit nur diesen zersetzenden Zynismus überwinden, sich lossagen könnte von der Hybris von vierzig Jahren Wiegen und Messen, um irgendeine segensreiche kleine Oase grünender Hoffnung zu finden, könnte er sich vielleicht retten.“

Konigs Selbstmitleid erreicht seinen Höhepunkt nachdem die vernachlässigte Tochter ausgezogen und verschwunden ist. Der befreundete Detektiv, der heimlich nach ihr sucht, stellt dann ihre Entführung fest und nach etwa 80 Seiten schaltet Lieberman den Turbo zu und der Roman beherrscht den Tagesablauf des Lesers.

Herbert Lieberman ist wohl eines der bestgehüteten Geheimnisse der Noir-Literatur im Besonderen, und der Pop-Literatur im Allgemeinen.

Herbert Henry Lieberman wurde am 22 September 1933 in New Rochelle, New York geboren. Seine Mutter war eine Waise, die aus Rumänien mit der „Lusitania“ in die USA kam. Herbert besuchte die Columbia Universität und arbeitete in New York für Reader’s Digest, bevor er Theaterstücke und Romane zu schreiben begann. Später ging er mit seiner Frau Judith und ihrer Tochter nach Kalifornien.

Über seine Horror-Romane sagte er einmal, sie würden auf seinen Alpträumen basieren.

Neben Horror- und Noir-Romanen schrieb er auch Conspiracy-Thriller (THE CLIMATE OF HELL über Nazis in Südamerika), einen Serienkillerroman (NIGHTBLOOM), Fantasy (SANDMAN, SLEEP), Wirtschaftsthriller (NIGHT CALL FROM A DISTANT TIME ZONE), einen ungewöhnlichen Backwood (THE EIGHT SQUARE), den Psychothriller CRAWLSPACE (1972 verfilmt als ABC-Movie oft he Week) und anderes. Da gibt es noch einiges zu entdecken!

Sein bisher letzter Roman wurde 2003 veröffentlicht.

CITY OF THE DEAD oder NEKROPOLIS ist ein Klassiker, den kaum einer kennt; das gilt auch für Großbritannien oder die USA (wo er aber von einem kleinen Kreis widerentdeckt wird). Es ist einer dieser seltenen Romane, deren Texte die Leser absorbieren.

In Frankreich sieht es anders aus.

Da ist als Autor relativ bekannt  – oder sagen wir lieber: zumindest nicht ganz unbekannt – und NEKROPOLIS wurde 1977 mit dem Grand Prix de Littérature Policière’s International ausgezeichnet. Zu den vielen französischen Bewunderern gehört auch der Bestsellerautor Maxim Chattam, der NEKROPOLIS als seinen Lieblingsroman nennt.

Eine wenig beachtete deutsche Ausgabe erschien 1977 im Lübbe-Verlag.

https://www.amazon.de/gp/offer-listing/378570206X/ref=dp_olp_used?ie=UTF8&condition=used

 



DIE SONNE, DER MOND & DIE ROLLING STONES von RICH COHEN by Martin Compart
15. Juni 2018, 3:41 pm
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Über die Rolling Stones gibt es inzwischen wohl genau so viele Bücher wie über Sherlock Holmes und James Bond. Man schätzt die Zahl auf über tausend. Ich selbst habe mit einem Titel dazu beigetragen (https://www.amazon.de/2000-LIGHTYEARS-HOME-Zeitreise-Rolling-ebook/dp/B006UJFVUO/ref=sr_1_15?ie=UTF8&qid=1529060810&sr=8-15&keywords=martin+compart). Kaum ein Aspekt der Stones, der nicht in Büchern abgehandelt wurde und wird.

Wenn jemand aus autobiographischer Perspektive ein Buch über die Stones verfasst, muss er über originelle Verknüpfungen berichten und überhaupt verdammt gut schreiben können. Sonst ist es peinlich oder, noch schlimmer, langweilig.

Rich Cohen ist ein verdammt guter Schreiber und ihm ist eines der besseren Bücher über die Stones gelungen. Seine Qualitäten hat der „Rolling Stone“- und „New Yorker“-Autor bereits 1998 unter Beweis gestellt mit dem Buch MURDER INC., die Geschichte der jüdischen Mafia in Brooklyn (ein tolles Buch!).

1968 geboren, hat er einen anderen Zugang zu den Stones als die meist früher geborenen Autoren, deren Bücher sich vor allem unproportional mit den 1960er Jahren befassen. Dies tut Cohen hier auch, aber eben aus dem Blickwinkel des „Nachgeborenen“, was oft zu witzigen Formulierungen und Einordnungen führt. „Es war der Faktor Zeit, der mich von diesen Jungs, dieser ganzen Generation, trennte. Ich hatte alles verpasst; 1964, 1969, 1972 – all die entscheidenden Jahre. Ich war zu spät gekommen. Alles Entscheidende war längst passiert… Vor uns kamen die Babyboomer, die alle nur erdenklichen Ressourcen verpulverten und jede Menge Spaß hatten. Nach uns kamen die Millenials, die aus der Welt einen virtuellen und unwirtlichen Ort machten. Die Boomer hauten nicht nur ihre eigene Jugend auf den Kopf, sondern unsere gleich mit.“

Er lernte die Stones persönlich 1994 kennen, begleitete sie für den „Rolling Stone“ und war Co-Autor der TV-Serie VINYL von Mick Jagger und Martin Scorsese. Diese Serie war eine der besten überhaupt. Leider wurde sie wegen der Ignoranz des amerikanischen Publikums und der hohen Produktionskosten nach nur einer Season abgesetzt, was sogar schlimmer ist, als das vorzeitige Ende von DEADWOOD.

Cohens Erweckungserlebnis geschah 1976 als er zum ersten Mal HONKY TONK WOMEN hörte: „Die Kuhglocke, die den Song einleitete, klang für mich wie der Ruf eines Muezzins, der mir das Tor in ein neues Leben öffnete.

Es gelingt Cohen aus allbekannten historischen Momenten neue Funken zu schlagen, wie etwa das legendäre Aufeinandertreffen von Jagger und Richards 1961 am Bahnhof von Dartford.

Das Buch gibt auch unbekannte Einblicke in die Welt der Stones in den letzten zwanzig Jahren. Aber es ist vor allem Cohens Nostalgie, an der man sich erfreuen kann:

„Je rarer ein Fundstück (Bootlegs), desto größer die Befriedigung. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, das die heutigen User von Napster, YouTube usw. schon gar nicht mehr kennen. Heute ist jede Rarität nur einen Mausklick entfernt. Was sind die Millenials doch bloß für arme Schweine! Sie werden nie das Glücksgefühl erleben, auf den Mitschnitt eines Konzertes zu stoßen, das die Stones 1964 auf Eel Pie Island gaben, nie verstehen, warum man endlose Stunden damit verbrachte, Lieblingssongs in die richtige Reihenfolge zu bringen.“

Kurzum: Endlich mal wieder ein gutes Buch über die Stones, das nicht durch Aufmachung und Abbildungen von Devotionalien, David Baily-Fotos und dem üblichen Kram daherkommt.

Stattdessen gibt es originelle Gedanken, eine grandiose Schreibe und viel neues zu erfahren. Ein intelligentes, kritisches, selbstironisches Fan-Buch. Absolut lesenswert.

I mean – really!