Martin Compart


Booknerds – Zehn Jahre – Rückblick von Jochen König by Martin Compart
25. November 2022, 10:51 am
Filed under: Jochen König, Rezensionen, Sekundärliteratur | Schlagwörter: , , ,

Eine Dekade Booknerds.de ist eine imponierende Leistung. Obwohl ich vor acht Jahren meinen ersten Text für das Magazin verfasst habe, habe ich die Geburtsstunde(n) intensiv miterlebt. Chris und ich schrieben in der gleichen Redaktion für Musikreviews.de über Jahre Musik-Kritiken. Als Chris sich mit dem Gedanken trug eine Seite zu gründen, die genre- und medienübergreifend nicht nur musikalische Erzeugnisse im Fokus haben sollte, begann ein reger virtueller Austausch, der nächtelang bis zu Chris‘ Umzug nach Berlin andauerte. Dabei war nicht nur Booknerds Thema, sondern ein buntes Spektrum von Betrachtungen über die TeDi-Warenwirtschaftswelt bis zur aktuellen Weltlage.

Szene aus “Borderlands”
Chris schied bei Musikreviews aus und kümmerte sich tatkräftig um sein nerdiges Internetbaby. Die Seite wuchs und gedieh. 2014, als mein erstes Engagement bei der Krimi-Couch endete, begann meine aktive Zeit bei Booknerds. Mit einem Schwenk von der Literaturkritik hin zu Film- und Fernsehschaffen. Die erste Rezension galt am 23.04.2014 der exzellenten Dominique Manotti und ihrem Roman „Ausbruch“. Eine Autorin, die ich jedem Leseinteressierten nur wärmstens ans Herz legen kann. Bereits vier Tage später waren flimmernde Bilder dran. Im wahrsten Wortsinn, denn „Borderlands“ war ein Found-Footage-Film, die Wackelkamera gehört zum Pflichtprogramm. „Borderlands“ ist eines besseren Werken des Genres, dessen Reiz sich mir, bis auf wenige Ausnahmen („The Bay“ von Barry Levinson etwa), nie richtig erschlossen hat. Schon das „Blair Witch Project“ nervte durch hysterisches Gezappel, statt Angst und Grauen zu erzeugen. Die Marketingstrategie zum Film war indes genial.

So summierten sich Buch- und Filmbesprechungen, mit der wunderbaren Fanney Kristjáns Snjólaugardóttir (aka Kjass), die mir ihr Album aus Island zuschickte, kam 2022 die erste Musikbesprechung hinzu. Gäbe es mehr von, wenn ich nicht, im Gegensatz zu Chris, noch für Musikreviews.de tätig wäre.

Über die Jahre kamen wir mit klasse Menschen zumindest virtuell in Kontakt. Sei es Frau Winhart von Koch Media (mittlerweile Plaion Pictures), die Herrschaften bei Voll:kontakt, die engagierten Macher von Turbine Medien, Camera Obscura, Rapid Eye Movies und etliche mehr. Da sitzt auch schon mal die Versorgung mit fantastischen Mediabooks drin. Toll ist die Zusammenarbeit mit Heike Glück von Glücksstern, die mir über die letzten acht Jahre großartiges (Fernseh)-Material zukommen ließ (und super Urlaubstipps bereithielt). So durften wir Endeavour Morse, seinen kanadischen Kollegen Murdoch, Grantchester, Brokenwood, die Private Eyes aus Toronto und vieles mehr kennenlernen. Der junge Inspector Morse hat mittlerweile ebenso viele Staffeln auf dem Buckel wie ich Jahre bei Booknerds. Insgesamt muss man feststellen, dass die Bereitstellung von Medien aller Art hervorragend klappte und klappt.

Meine erste Leipziger Buchmesse fand mit einer Booknerds-Akkreditierung statt. Ein Event, der viel Spaß gemacht hat und mir unter anderem die sehr eigene Welt des Cosplays nahebrachte. Inklusive kundiger Erläuterung der lieben Kollegin Bergschneider.

Zehn Jahre sind vorüber, und im Moment sieht es, dank einer Flut kreativer neuer Mitarbeiter und Dominics hervorragender Arbeit als Chef vom Ganzen so aus, als wäre dies nur ein erster Schritt.

Zum Abschluss eine kleine, unvollständige Liste meiner Booknerds-Topps und Flops. Wobei die Flops sehr erträglich waren. Da habe ich woanders Schlimmeres rezensiert.

Die Tops:

Die drei Romane von Willi Achten. Die Themenkreise sind Rache, Coming Of Age und das vertrackte Wesen der sogenannten Heimat. Achten beherrscht sein Metier, schreibt spannend, poetisch und gibt seinen Lesern viel Raum zum Nachdenken.

„Electra Glide In Blue“, „Schlock, das Bananenmonster“, „Ausgelöscht“, „Harte Ziele“, „Lisa und der Teufel“, „Opera“, „Kentucky Fried Movie“ und alle Italo-Western. Liebevoll restaurierte Filmgeschichte, teilweise in tollen Mediabooks mit feinstem Bonusmaterial.

„Thelma“ ist eine visuell atemberaubende Mischung aus Coming Of Age und Horror.

„Mandy“ mit einem der letzten Soundtracks des großartigen Johann Johannsen. Nicolas als rächender Gott in einem psychedelischen Universum, dessen Göttin Andrea Riceborough ist. Oder eine überdimensionierte Kettensäge.

Gerald Kersh – „Die Toten schauen zu“ ist eines der traurigsten, erschreckendsten und wichtigsten Bücher, die ich kenne. Kershs fiktionale Verarbeitung des Massakers von Lidice, infolge des tödlichen Attentats 1942 auf Reinhard Heydrich, ist eine Reise ans Ende der Nacht, die lange schmerzhaft nachwirkt.

„Lone Wolf And Cub“: Wenn etwas die Bezeichnung Kult verdient hat, dann diese Filmreihe. Der mürrische Samurai, der mit seinem Sohn in einem waffenbestückten Kinderwagen durch Japan zieht, ist einer der coolsten Filmfiguren ever. Die perfekte Umsetzung einer legendären Graphic Novel. Traumhaftes Bewegungskino.

Das sind nur ein paar der vielen Highlights, die ich in den letzten acht Jahren besprechen durfte. Es gibt noch weit mehr zu entdecken…

Die Flops:

Louise Welsh – „Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar“

Louise Welsh hat nicht nur das fantastische „Alphabet der Knochen“ geschrieben, einen atmosphärischen, klugen, mehrbödigen Thriller mit feinen King Crimson-Verweisen, sondern leider auch diese Gurke. Ein hysterisches Hipster Horrörchen mit unglaubwürdigem Berlin-Setting und holpriger Übersetzung. „Alphabet der Knochen“ bleibt eine dicke Empfehlung (wie auch Welshs weitere Bücher).

Dario Argentos „Dracula“

Noch so ein Vertreter, der mich todtraurig macht. Der Regisseur, der unvergessliche Filmerlebnisse schuf (nicht im negativen Sinne), macht aus Dracula eine Bühnenshow, die Peter Steiners Theaterstadl näher ist als Hammer Horror. Mit CGI-Effekten, die Asylum-Niveau solide erscheinen lassen. Immerhin mit einem kauzigen Rutger Hauer-Kurzauftritt. Lieber noch einmal „Stendhal Syndrome“ gucken, oder einen der Siebziger-Jahre-Klassiker.

„Robocroc“ – Das Syfy-Channel Gebräu ist purer Schrott. Was die Titelfigur angeht, sogar im Wortsinn. Corin Nemec, ehemals bekannt als „Parker Lewis, der Coole von der Schule“, agiert nicht cool, sondern im gelangweilten Autopilot-Modus. Dia- und Monologe sind allerdings zum Niederknien: “Sollten Sie dieses Stück Haut, das Staatseigentum ist, und das Sie sich widerrechtlich angeeignet haben, jemandem zeigen, dann werden Sie beide nach Artikel 27b der nationalen Sicherheitsbestimmungen strafrechtlich verfolgt”.

Es hielt sich aber in Grenzen mit den Durchfällen. Und kleine Momente der Glückseligkeit ließen sich auch bei den Gurken finden.

Acht von zehn Jahren. Und es bereitet immer noch Spaß für Booknerds zu schreiben. Alles bleibt im Werden. Darauf einen Dujardin.

Jochen König, November 2022

Über uns



DARK ROME – ÜBLES AUS DEM IMPERIUM by Martin Compart

Willkommen auf der dunklen Seite der römischen Geschichte! Hier erwartet Sie eine mal schrille, mal bedrohliche und immer wieder verstörend vertraute Lebenswelt. Es ist eine Welt des Drogenkonsums, perfider Mordanschläge, obskurer Kulte, mysteriöser Staatsaffären, brutaler Bandenkämpfe und bizarrer Obsessionen. In dieser Szene finden Sie keine sittenstrengen Senatoren und Matronen, sondern treffen auf skrupellose Politiker, in allen Künsten bewanderte Prostituierte, nervenstarke Geheimagenten, geniale Waffenkonstrukteure und kaltblütige Giftmischerinnen. Willkommen in – Dark Rome !

Michael Sommer
Dark Rome
Das geheime Leben der Römer

Buch. Hardcover
3., durchgesehene Auflage. 2022
288 S. mit 17 Abbildungen.
C.H.BECK. ISBN 978-3-406-78144-5

War Mark Aurel drogensüchtig? Angeblich konsumierte der Philosophenkaiser Opium. Hat Archimedes, der geniale Baumeister aus Syrakus, tatsächlich eine Superwaffe konstruiert?

Und tagte gar eine Geheimloge in der unterirdischen Basilika, die Archäologen in Roms Unterwelt entdeckt haben?

Diese und viele weitere Rätsel erwarten die Leserinnen und Leser von Dark Rome – einer ebenso wilden wie faktenreich und spannend erzählten Sittengeschichte der römischen Welt.

Der Autor

So stößt, wer in den Abgründen des römischen Imperiums schürft, gelegentlich auf Bleitäfelchen: Am richtigen Ort vergraben und mit der richtigen Fluchformel versehen, konnte man mit schwarzer Magie versuchen, unliebsame Zeitgenossen in den Orkus zu schicken. Eilige wählten für solche Anlässe lieber ein Pilzgericht wie beispielsweise Agrippina, die Gattin des Kaisers Claudius, die ihren Gemahl mit seiner Lieblingsspeise zu einem Gott machte (böse Zungen behaupten, er habe es im Jenseits nur zu einer Karriere als Kürbis gebracht …).

In den Dunkelzonen des römischen Reiches begegnet man auch Politikern wie den Statthaltern Albinus und Florus in Ägypten, welche die Provinzbevölkerung nach Strich und Faden ausplünderten.

Doch die beiden waren Waisenknaben im Vergleich mit dem notorischen Halsabschneider und Proprätor Verres, der Sizilien zu seiner Pfründe machte und dabei über Leichen ging. Was Mord aus politischen Motiven betrifft, so könnten selbst Despoten unserer Tage noch von den alten Römern lernen. Diese setzten bei Bedarf ihre Gegner – wie es etwa Sulla, Octavian und Marcus Antonius taten – einfach auf sogenannte Proskriptionslisten, so dass jeder die Vogelfreien straffrei töten und sich an ihrem Vermögen gütlich tun konnte.

DARK ROME führt in die „Dark Rooms“ des Römischen Reichs (diesen flachen Witz konnte ich mir nicht verkneifen).

Es ist faszinierend, was Sommer an übelsten und unappetitlichen Fakten ausgegraben und zusammengetragen hat!

Wer glaubte, dank seiner Gibbons- und Mommsen-Lektüre über die römische Geschichte hinreichend informiert zu sein, erlebt erschütternde Überraschungen.

Bei einem archäologischen Fund 1999 in Groß-Gerau etwa, wurde ein vierfach gefaltetes Blei-Täfelchen sichergestellt mit der Bitte an einen Dämon, eine gewisse Priscilla zu vernichten, die Geheimnisse verraten und „einen Nichtsnutz geheiratet“ habe und so „geil“ wie „irre“ sei. So beginnt das Kapitel über Schwarze Magie, in dem Sommer verblüffende Parallelen zum Voodoo-Kult ausmacht.

Das auch stilistisch brillante Buch gliedert sich in folgende Kapitel:
Von verschlossenen Türen und geheimen Orten, von Kaisern und Kurtisanen, von Geheimschriften und verbotenen Büchern, von Spionen und Wunderwaffen, von Giftmischerinnen und Drogendealern, von schwarzer Magie und seltsamen Verwandlungen, von Verschwörungen und Geheimlogen, von Korruption und organisiertem Verbrechen, von Falschspielern und Meuchelmördern, von Mysterien und geheimen Riten.

Ein Sachbuch, so spannend wie ein Thriller. Mehr noch: Hierfür lasse ich so manchen Thriller liegen.



DIE PROVINZ BRENNT: DER NEUE GRANGÉ by Martin Compart

Das Elsass während der Weinernte: In einer Kapelle wird unter den Trümmern eines Freskos die Leiche eines Mannes entdeckt. Das Gebetshaus liegt unweit des Wohnorts einer religiösen Gemeinschaft, deren Bewohner ein Leben wie vor 300 Jahren führen und sich durch den Weinbau finanzieren.
Kommissar Pierre Niémans ahnt schon bald, dass der mysteriöse Todesfall nicht das einzige finstere Geheimnis der Täufergemeinde ist. Um mehr zu erfahren, beschließt er, seine Assistentin Ivana undercover als Erntehelferin einzuschleusen. Als ein weiterer Mord geschieht, gerät auch Ivana in große Gefahr…

Lübbe Belletristik
Hardcover, 22,00 €, 366 Seiten
ISBN: 978-3-7857-2787-4
Ersterscheinung: 29.04.2022

eBook (epub) 16,99 €
Hörbuch (CD) gekürzt 19,99 €
Hörbuch (Download) gekürzt 13, 99€

In Deutschland sind die Zeiten vorbei, in denen der neue Grangé regelmäßig die Bestsellerlisten anführte.
Aber er hat auch hier noch ein großes und treues Stammpublikum, jenseits der  intellektuellen Verknappung der Kriminalliteratur im deutschsprachigen Raum, das nach wie vor vom Lübbe-Verlag bestens bedient wird. So ist auch dieser Band wieder exzellent ediert und produziert. Ersteres durch die Arbeit der langjährigen Grangé-Lektorin Iris Gehrmann und der Übersetzerin Ulrike Werner (die angesichts des vom Autor viel verwendeten Elsässer Dialekts hart gefordert wurde).

Für Grangés Werk ist dies ein kurzer Roman.
Das hat damit zu tun, dass er – wie schon sein Vorgänger, DIE LETZTE JAGD, – auf einem Drehbuch der erfolgreichen TV-Serie DIE PURPURNEN FLÜSSE basiert.
Für die Fernsehserie reanimierte Grangé extra seinen populärsten Helden, Kommissar Pierre Niémans (der dank der Darstellung durch Jean Reno in zwei erfolgreichen Kino-Filmen zum Serienhelden mutierte).

Mit Niémans nutzt Grangé einmal mehr das Klischee – oder charmanter ausgedrückt: den kriminalliterarischen Topos – des bärbeißigen Macho-Bullen. In den Romanen ist er noch mürrischer als in der TV-Serie („ Seine guten Vorsätze hielten nicht lange. Weder Sanftheit noch gute Laune passten zu ihm.“ „Die heutige Zeit, die nur noch aus Vorsorge für alle Eventualitäten zu bestehen schien, fand er zum Kotzen.“). Für ihn gelten natürlich weder Regeln noch Vorschriften, genauso wenig wie Hierarchien. Er neigt dazu, wie eine Abrissbirne ins Geschehen zu schlagen.

Ihm zur Seite steht die junge Kollegin Ivana (wohl auch ein Zugeständnis an die TV-Serie, die dort Camille heiß). Ivana, verletzlich, umtriebig, rücksichtslos und scharfsinnig, ist eine „moderne“ Frau mit turbulenter Vergangenheit. Als Typus inzwischen ebenso ein populärkulturelles Klischee – Verzeihung: Topoi – wie der griesgrämige Macho-Bulle.
Schlechte Autoren langweilen mit solchen Konstellationen, Grangé kommt damit nicht nur durch, er amüsiert und unterhält.

Wieder mal hat er sich die/eine französische Provinz vorgenommen und ihre Widerwärtigkeiten enttarnt. Immer wieder zeigt Grangé ein Frankreich-Bild, das sogenannte Patrioten zum Kotzen bringt. Außerdem variiert er zwei seiner „Lieblingsthemen“: Kinder als Opfer und Sekten.

Auch hier gelingen dem „Archäologen des Bösen“ eindringliche Bilder des Schreckens, die über visualisierte Umsetzungen hinaus reichen und Motive der Gothic Novel aktualisieren. Viele Romane des Autors beeindrucken als moderne Gothic Novels, verdanken einiges dem Marquis de Sade und Dekadenten wie Joris-Karl Huysmans.

Sein filmischer Stil, der die Szenen wie im Kino am Zuschauer vorbei rollen lässt, trügt häufig darüber hinweg, dass Grangé zu den besten Stilisten der aktuellen Noir-Literatur gehört.

Auch im TAG DER ASCHE finden sich wunderbare Apercus wie „Er nahm den Fuß vom Gaspedal wie ein Mörder, der plötzlich den Griff um den Hals seines Opfers lockert.“ Oder „Das Gehirn eines Polizisten ist wie eine Bibliothek. Temperatur und Luftfeuchtigkeit müssen ständig überwacht werden.“.

Die Kapitel sind kurz. Und wie immer wird man sofort mit Beginn des Buches in die Handlung gesogen.
Atmosphäre, Stil, Charaktere, Handlung und Rhythmus sind ganz so, wie man es von einem Grangé-Roman erwarten darf. Aber es dauert ziemlich lang, bis die Geschichte Fahrt aufnimmt und Action generiert. Das Ende erscheint mir ein bisschen schlampig gebaut. Für einen durchschnittlichen Thriller-Autor wäre TAG DER ASCHE ein Quantensprung.

Aber für Grangé gelten andere Maßstäbe.

Dies ist also mit Sicherheit nicht sein bester Roman (allerdings auch mehr als die ambitionslose novelization eines Drehbuchs). Aber das spielt keine wirkliche Rolle, denn es ist ein neuer Grangé!

Und der hat sich seit über zwei Jahrzehnten als eine der faszinierendsten und eigenwilligsten Stimmen in der Noir- und Thriller-Literatur etabliert.

Der Autor mit den Hauptdarstellern der TV-Serie: Erika Sainte und Olivier Marchal.

2020 erzählte Grangé bei Europe 1 über seine nächsten Projekte folgendes:

„Momentan adaptiere ich meinen Roman LOTANTO (PURPURNE RACHE) für eine TV-Mini-Serie. Außerdem arbeite ich an einem Buch über das Nachtleben und den Untergrund in Tokio. Und ich schreibe an meinem ersten rein historischen Roman, der sehr umfangreich werden wird. Mindestens 800 Seiten. 400 Seiten habe ich bereits, aber um auf 800 zu kommen, brauche ich für die erste Fassung 1200 Manuskriptseiten. Der Roman spielt 1935 in Berlin. Außerdem arbeite ich an einer neuen Fernsehserie, ein Originalstoff für viele Folgen. Das ist eine Menge Arbeit. Niemand kann behaupten, dass ich untätig bin und dem Müßiggang fröhne“

Jedes dieser Projekte wird von mir sehnsüchtig erwartet).



Der Literatur-Podcast am Sonntag: John Mair “Es gibt keine Wiederkehr” von Barbara Hoppe. by Martin Compart
21. Januar 2022, 9:51 am
Filed under: John Mair, Podcast, Rezensionen | Schlagwörter: , , , ,

Der Literatur-Podcast am Sonntag: John Mair “Es gibt keine Wiederkehr”

.
ZUM NACHLESEN:

Ein früher Polit-Thriller: John Mair “Es gibt keine Wiederkehr”



FILMKRITIK BLACKOUT – Sternstunden des Schwachsinngelabers by Martin Compart
25. November 2021, 7:14 pm
Filed under: Film, Rezensionen, Sternstunden der Verblödung | Schlagwörter: , ,

In Hollywood Blackout widmet sich Filmautor Christian Keßler der ebenso hartgesottenen wie vielfältigen Tradition des klassischen Noir-Kinos der USA, die von etwa 1940 bis 1960 währte. An der Seite von Legenden wie Humphrey Bogart, Lauren Bacall, Burt Lancaster, Ava Gardner und vielen anderen durchstreift er die dunklen Bezirke von Hollywood, wo Gesetze nichts wert sind und Menschenleben noch viel weniger. Über 27.000 Minuten aufregenden Kinos werden besungen. Viele dieser Minuten können Leben verändern. Manche können sie auch beenden. Ein tiefschwarzer Reigen der Gangster, der Gestrauchelten und der Geläuterten, zeitlos und wunderschön.

Christian Keßler
Hollywood Blackout
Sternstunden des amerikanischen
Noir-Kinos 1941–1961
376 S., geb. Hardcover, farb. Abb.
ISBN 978-3-927795-90-7
Euro 35,00

Ich wollte dieses Buch mögen!

Denn beim ersten in-die-Hand-nehmen beeindruckt es sofort durch optische und herstellerische Qualität.

Aber dafür ist es leider zu textlastig und die unfreiwillige Komik des Autors trägt natürlich nicht über lange 370 Seiten.

Bestes zuerst: Das Buch ist gespickt mit Farbillustrationen (farbige Filmplakate zu jedem Artikel) und Schwarzweiß-Abbildungen in bester Druckqualität. Außerdem behandelt es zahlreiche Filme der Epoche, die man nie oder selten zu sehen bekommt. Leider gibt es zu keinem Film eine auch nur rudimentäre Credit-Leiste (aber die Credits könnte man sich im Netz oder aus Standardnachschlagewerken parallel zur eventuellen Lektüre zusammensuchen; doch selbst die ausführlichsten Stabangaben hätten das Buch nicht retten können).

Die Gestaltung von Jürgen Frohnmaier ist atemberaubend schön. Optisch ist das Buch ein Prachtband, der in jede Bibliothek mit Sekundärliteratur zum Noir-Film gehören sollte, wären da nicht diese Texte, die kein Lektor hätte retten können, bedauerlich in ihrer pubertären Ich-Bezogenheit voller ungeschickter bis mehr als peinlicher Formulierungen.

Die subjektivistische Herangehensweise ist – um es im Jargon des Autors zu sagen – meine Sache nicht. Dadurch strotzen die Texte von unfreiwilliger Komik und es wimmeln nur so von nicht belegten subjektiven Behauptungen. Des Weiteren erinnert der ungeschickt flapsige Stil an Schülerzeitungs- oder Fanzine-Besprechungen aus längst vergangen Zeiten:

Das Drehbuch von Sydney Boehn und Melvin Wald (beide Könner!“ (The Undercover Man))

„…niemand hält es für nötig, ihm Geld abzugeben, denn alle gehen davon aus, daß er schwer Dresche bezieht.“ (The Set-Up)

„Eine gewohnt saubere Fox-Verfilmung von Chandlers THE HIGH WINDOW, die sicherlich nicht die umwerfende Qualität der beiden Laird-Cregar-Lattenkracher von Brahm erreicht… Montgomery war ursprünglich ein Boxer gewesen. Sein Gesicht wurde ihm aber scheinbar niemals zerdellt, denn er stellte es eine ganze Zeit lang für die Fox zur Schau, später für Columbia wobei er meistens auf Western und Kriegsfilme spezialisiert war.“ (The Brasher Douboon)

Keine Ahnung, wie man ausgerechnet zur Hohezeit der Kommunistenhatz in Hollywood auf den Gedanken kommt, diesen Film zu drehen, aber er ist wirklich ganz hervorragend.“

Die meisten Schauspieler sagen mir nichts.“ (Cry Venegeance)

„Obwohl die Landschaft frei ist von Hindernissen, die den Blick verstellen könnten, handelt es sich um ein Kammerspiel;“ (Bad Day at Black Rock)

„(=ein atemberaubend aufspielender Richard Conte, der seine Dialogzeilen sanft, aber ungeheuer bedrohlich formuliert, wie Garben aus einem schallgedämpften Maschinengewehr)“
(The Big Combo)

„THE BIG COMBO ist ein beinharter Thriller, der nicht nur eine ungewöhnliche Folterszene per Hörgerät enthält, sondern einige Tabubrüche launig zelebriert.“

„Berühmt wurde eine Szene, in der Conte erst der Wallace mit Gewalt einen Kuß aufzwingt, dann aber – wenn er merkt, daß sie `reagiert´ – vor ihr langsam auf die Knie geht. Warum er das macht, werden wir wohl niemals erfahren, aber auch im Jahr 1955 wird es bereits Oralsex gegeben haben.“ (The Big Combo)

„Der mit Abstand beste Republic-Film, den ich jemals gesehen habe… Mit Sicherheit nicht für jedermann, aber Jedermann kann mir im Mondschein begegnen.“ (Moonrise)

Im Verbund mit dem niedergeschlagenen Grundton der Story wirkt sie merkwürdig traurig, und es sollte auch der letzte Film der Schauspielerin sein… doch der Tiefpunkt ihres Lebens blieb noch zu ergründen. Die Suche wurde begleitet von massivem Alkoholabusus, unzähligen falschen Männern… Mit 39 Jahren fand ihr Martyrium ein Ende am Boden eines Badezimmers.“ (Murder Is My Beat)

„Für sich gesehen ist KISS ME DEADLY ein ziemlicher Kracher und wohl mein Lieblings-Hammer.“ (Kiss Me Deadly)

„In vielen seiner Drehbücher baute Fuller irgendwo eine Figur namens Griff ein, als Held oder Edelstatist. Warum er das tat, entzieht sich meiner Kenntnis.“ (House of Bamboo) 1)

„…doch am Schluß ist auch hier das Heim eine uneinnehmbare Festung, umschmeichelt von David Manafields lieblicher Musik.“ (The Desperate Hours)

„Der in Australien geborene John Farrow muß wohl so eine Art `Renaissance Man´ gewesen sein, der kaum etwas in seinem Leben ausließ. So begleitete er auch schon mal wissenschaftliche Expeditionen in unwirtliches Gebiet. An seiner Seite hatte er die wunderschöne Maureen O´Sullivan, die ihm sieben Kinder gebar. Darunter befand sich Mia (die an Woody Allen geraten sollte), aber auch Tina (die an italienische Zombies geraten sollte).“ (The Big Clock)

So läuft das ununterbrochen über 370 Druckseiten. Man kann das Buch aufschlagen, wo immer man möchte, und findet umgehend solche Stilblüten (um es freundlich zu formulieren). Die Beispiele wurden systemlos herausgegriffen (und vieles noch blöderes wahrscheinlich übersehen). Der Autor kriegt kaum einen geraden Satz hin. Das hat bei allem Amüsement auch etwas erschreckend Hilfloses, in diesem grundlos zelebrierten Selbstvertrauen.
Das er häufig bei den literarischen Vorlagen blufft (anscheinend weiß er nicht, dass der englische Begriff „Novel“ einen Roman und keine Novelle bezeichnet) – geschenkt.

Exzessive Subjektivität liest sich besser ohne inflationären Gebrauch von Personalpronomen. Die durchaus erkennbare Leidenschaft des Autors für sein Sujet überschreitet seine stilistischen Mittel.

Extrem peinlich ist im „Vorspann“ der Teil, in dem sich der Autor selbst (und in der misslungenen Diktion) als einen typischen hard-boiled-Priivate eye beschreibt, der zum Verfassen dieses Buches genötigt wird („Die düsteren Wolken schoben sich ineinander, als würden sie dafür bezahlt“). Sowas klingt zu vorgerückter Stunde bei Konzeptgesprächen in der Paris-Bar oder im Zwiebelfisch erstmal ganz witzig, sollte dann aber keinen Einzug ins Endprodukt halten.

Anschließend stolpert der Autor in einer Art Vorwort durch seine wirren Vorstellungen vom Film noir und was dieses Buch eigentlich soll: „Das Ziel von Hollywood Blackout ist es, ein Gefühl für diese Welt des Noir-Kinos zu vermitteln, in der eine gänzlich neue Sicht auf die Menschen und das Leben verhandelt wurde.“ So die Behauptung dieses Buches.

Der Autor sollte sein erstaunliches Vielwissen lieber auf Tresengespräche konzentrieren. Aber vielleicht hat er sich ja mit diesem Werk als Dozent für die Filmakademie Ludwigsburg qualifiziert.

Nach dieser anstrengenden Lektüre sehnt man sich nach Filmbesprechungen von Hans Gerhold um wieder ins geistige Gleichgewicht zurückzufinden.
Und eine Frage stellt sich: Hat ein Verlag nicht auch die Verpflichtung, einen Autor vor sich selbst zu schützen?

P.S.: Um den einstigen Ullstein-Vertriebschef Meier zu zitieren: „Es gibt keine negativen Kritiken, solange Autor, Titel und Verlag richtig geschrieben sind.“

1) Jochen König kommentierte zu FILMKRITIK BLACKOUT:

Griff“ war ein Soldat, mit dem Samuel Fuller im zweiten Weltkrieg zusammen diente und der darin umkam. Die Namensnennung in Fullers Filmen ist eine Reminiszenz an den Mann. Das zumindest hätte man ganz leicht eruieren können. Sehr schade. Ich mag Kesslers Bücher eigentlich. Aber das klingt, als hätte er sich gewaltig überhoben.



BRUTALE ALTE WELT – DIE MURDOCH MYSTERIES von JOCHEN KÖNIG by Martin Compart

Während hierzulande gerade die erste Staffel der „Murdoch Mysteries“ das Licht der Medienwelt erblickte, läuft im Herkunftsland Kanada aktuell die fünfzehnte Staffel.

2008 ging es los mit den Ermittlungen des progressiven Detectives William Murdoch und seiner Kollegen und Freunde. Als Grundlage dienen die Romane von Maureen Jennings. Vier Bände wurden bis 2017 auf Deutsch übersetzt, danach blieb es still, sodass man sich das restliche Quartett der „Murdoch Mysteries“ nur im Original zu Gemüte führen kann.

Ende des neunzehnten Jahrhunderts arbeitet der katholische Polizist William Murdoch im protestantischen Toronto. Allein wegen seiner Religionszugehörigkeit ist er ein Außenseiter mit begrenzten Aufstiegschancen.

Aber auch sein Faible für moderne, wissenschaftliche Ermittlungsmethoden und Psychologie, teilweise weit seiner Zeit voraus, lässt ihn als Sonderling dastehen. Dank seiner Erfolge wird er von seinen Kollegen hochgeschätzt.

Selbst der hartgesottene Inspector Thomas Brackenreid, ein Freund sehr rustikaler, handfester Maßnahmen, lässt ihn gewähren. Mit Hochachtung, aber weitgehend ohne ihn zu verstehen.

Verständnis findet er umso mehr bei der patenten und wissenschaftlich ebenfalls aufgeschlossenen Gerichtsmedizinerin Dr. Julia Ogden sowie seinem Assistenten Constable Crabtree, der zudem für die Situationskomik der Serie zuständig ist. Ohne von den Schöpfern zum Deppen degradiert zu werden.

Das ist trotz düsterer und gewaltreicher Fälle erfreulich unbeschwert. Die „Murdoch Mysteries“ nehmen ihre Inhalte ernst, besitzen dabei aber eine artifizielle Weltläufigkeit, die dem Neunzehnten Jahrhundert vorauseilt und so dem Hadern der Protagonisten mit dem aktuellen Zeitgeschehen und gesellschaftlichen Restriktionen Charme und Gewicht verleiht.

Wie in der fünften Episode, in der Williams Glaube hart auf die Probe gestellt wird, als es zum Zusammenprall mit der herrschenden Unterdrückung von Homosexualität kommt. Ähnliche Konflikte ergeben sich im Zusammenhang mit Rassismus, der Irland-Politik und der Rolle der Frau in einer strikt patriarchalischen Gesellschaft.
Wobei besonders die forsche Pathologin Julia Ogden einen emanzipierten und klugen Gegenpol bietet. Ihr Geplänkel mit dem schüchternen (und leicht autistischen) Murdoch, das sich in den folgenden Staffeln vertiefen amüsantesten Passagen der Serie.

Die Fälle der Woche sind solide, meist unaufgeregt und dennoch spannend entwickelt. Physische Gewalt wird nicht ausgeblendet, aber auch nicht selbstzweckhaft ausgebeutet.

Gleich der Staffelauftakt betont die Ausrichtung der Serie. Die Moderne hält Einzug, bei einer Show, die die
Gefährlichkeit des Wechselstroms (gegenüber dem in Kanada verbreiteten Gleichstrom) aufzeigen will, kommt eine junge Frau durch einen Stromschlag ums Leben.
Obwohl die Motivation des Täters am Ende nichts mit dem Fortschritt der Elektrizitätserzeugung zu tun hat, nutzt man das Thema für einen Auftritt Nikola Teslas, der sich natürlich ausnehmend gut mit William Murdoch versteht.

Historische Persönlichkeiten werden Murdoch und seine Freunde immer wieder beehren.
Neben Tesla sind dies in Staffel 1 Queen Victorias Enkel, Prinz Alfred und in drei Folgen Sherlock Holmes-Schöpfer Arthur Conan Doyle auf Inspirationssuche. Dargestellt wird letzterer von Geraint Wyn-Davies, einst Vampircop Nick Knight, der in der gleichnamigen, unterschätzen und hochunterhaltsamen Serie in den Neunzigern Toronto Nachts vor Übel bewahrte.

Kurzum, die „Murdoch Mysteries“ bieten leicht verdauliche, launige Unterhaltung. Es ist spannend, nicht nervenzerrend, aber rechtschaffen. Smartness, Komik und ein bisschen Nachhilfe in Physik und anderen Wissenschaften gibt es als Boni.

Die Visualisierung ist eigenständig, aber etwas gewöhnungsbedürftig.
Den teils wie gemalt aussehenden Hintergründen geht der Schmutz, das Rohe, welches Serien wie „Ripper Street“ „Copper“ oder „The Alienist“ auszeichnet, vollständig ab.
In Kanada ist es strukturell hell, freundlich, mit einem Hang zu mildem Impressionismus. Historie in einem sorgfältig ausgestalteten Schaukasten, der sehr vergnügliche Innenansichten erlaubt. Die unverbrauchte Darstellerriege passt sich dem Sujet gekonnt an und überzeugt bis in kleine Nebenrollen durch Elan.

Wenn der arbeitsreiche Tag vergeht, dürfen die „Murdoch Mysteries“ gerne kommen.

© Cover/Bilder Edel Motion/Glücksstern

Technische Infos:
Staffel 1
VÖ: 01.10.2021
Art. Nr.: 0217022ER2/ EAN: 4029759170228
Staffel 1, 13 Folgen auf 4 DVDS, mit ca. 650 Min Laufzeit
Sprache: Deutsch, Englisch
Untertitel Deutsch
Bildformat: 16:9
Ton-Format: Dolby Digital 5.1



KRIMIS, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: ABBLOCKEN – Der Fußball-Thriller von Dan Kavanagh by Martin Compart

Fußball ist ein hartes Geschäft. Also der richtige Hintergrund für einen harten Thriller mit Tiefgang, der dem Leser auch noch Einsicht in die manchmal so bizarr anmutende Fußballermentalität gewährt:

„Duffy war ein nachdenklicher Typ. Es heißt, Torwarte neigen dazu, nachdenkliche Typen zu sein. Manche fangen gleich so an. Sie wollen Torwart werden, weil es ihrem Typ entspricht. Andere starten als gelassene, tüchtige Burschen und werden dann durch die eigenen schwachen Abwehrspieler zermürbt, oder sie verlieren plötzlich an Form und schwitzen schon beim Gedanken an einen hohen Querpass oder bei einem psychotischen Stürmer mit Zuchtbullenschenkeln, der nicht zu wissen scheint, ob er nun den Torwart oder den Ball ins Netz befördern soll. Auf dem Spielfeld kannst du dich verstecken; du kannst sogar anderen die Schuld zuschieben. Aber ein Torwart ist exponiert. Jeder Fehler hat katastrophale Folgen. Zehn Leute können ein Spiel gewinnen, und ein Trottel kann’s vermasseln, so heißt es immer. Du kannst dich wieder ein bißchen aufbauen, indem du die anderen zehn anschreist. Torwarte dürfen schreien und können manches Mal die Schuld an einem Tor abschieben, indem sie sich den zurückhaltendsten Spieler der Verteidigung herauspicken und ihm eins auf den Hut geben. Aber meist bist du auf dich allein gestellt und pendelst zwischen Langeweile und Angst.“

Tiefschürfende Erkenntnisse aus einem Kriminalroman, der schlichtweg einer der besten Fußball-Thriller ist, der bisher geschrieben wurden.
Verfasst von Dan Kavanagh, der in den 1980er Jahren zu den heißesten Tipps des Brit-Noir gehörte. Er setzte mit seiner Duffy-Tetralogie die Tradition des britischen Privatdetektiv-Romans fort, die allerdings nie so ausgeprägt war wie in den USA. Kavanagh ist ein Pseudonym des Schriftstellers und Somerset-Maugham-Preisträgers Julian Barnes, dessen Romane FLAUBERTS PAPAGEI und EINE GESCHICHTE DER WELT IN 101/2 Kapiteln auch bei uns Beachtung fanden. Inzwischen gehört er zum britischen Literaturestablishment und sein Status als bedeutender Schriftsteller der Gegenwart ist fraglos. 1)

Seine Kavanagh-Romane über den bisexuellen Privatdetektiv und Torwart einer Kneipenmannschaft Nick Duffy sind allerdings alles andere als feinsinnige Intellektuellenspiele.

In ABBLOCKEN (zuletzt 2001 bei Rowohlt, zuvor bei Haffmans Taschenbuch, 1992, und zuerst bei Ullstein als GROBES FAUL) geht es darum nicht nur um Fußball, sondern auch um Rechtsradikale und Rassisten: Die Athletics haben schon bessere Tage gesehen. Aber zurzeit kämpft der Londoner Fußballverein gegen den Abstieg. Merkwürdig nur, dass ausgerechnet die Spieler, die ungefähr erahnen, wo das gegnerische Tor steht, auf recht unfaire Weise kampfunfähig gemacht werden.

Und dann fangen auch noch die braven Fans an, Big Bren auszubuhen, nur weil er eine etwas andere Hautfarbe hat als die pickeligen Glatzen in der „Saustall“-Kurve. Hier muss es sich doch um ein abgekartetes Spiel handeln. Aber wer würde vom Abstieg der Athletics profitieren?

Der richtige Fall für Duffy, der einigen Leuten kräftig gegen die Stollen treten muss, bevor er durchblickt.

Nick Duffy ist natürlich ein echter Antiheld, der es seinen Gegnern mit gleicher schmutziger Münze heimzahlt. Auch wenn er nicht als strahlender Sieger vom Platz geht, einen Punktsieg weiß er zu holen. Man darf auch nicht übersehen, wie ungewöhnlich noch 1980 ein nicht-heterosexueller Protagonist in der Kriminalliteratur war.

Neben einer rasanten Handlung findet Barnes/Kavanagh noch Platz, bissige Kommentare zur Zeitgeschichte abzugeben. So gesehen sind seine vier Duffy-Romane nicht nur temporeiche Thriller, sondern auch genaue Bestandsaufnahmen der Thatcher & Co-Ära. Außerdem gelingt es ihm hervorragend, das Spiel vom Rasen aufs Papier umzusetzen, was bekanntlich den wenigsten Autoren von Fußball-Krimis gelingt (Ulrich von Berg, der regelmäßig Fußballbücher für das Magazin 11 FREUNDE bespricht, weiß schmerzhaft darüber zu berichten):
„Er machte einfach Tempo – die grausamste Methode, die es gibt: Biete dem Abwehrspieler den ganzen Ball an, laß ihm ein paar Meter Spielraum und dann sprinte blitzschnell an ihm vorbei, so als wolltest du sagen: gib’s auf, das Spiel, gib dir keine Mühe, du bist zu dick, du bist zu langsam, du bist nicht helle genug.“

Kavanaghs erster Roman, DUFFY, der im Pornomilieu von Soho spielt, wurde bei seiner Erstveröffentlichung von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften umgehend indiziert, da er angeblich dazu geeignet war, „Heranwachsende sittlich-ethisch zu desorientieren“.

Nicht nur Heranwachsende, Sportsfreunde!

1) „.My favorite story is of someone who went into an American crime bookshop and was buying a Dan Kavanagh, and the salesperson said, ‚Oh, I understand he writes other books under a pseudonym.‘ Which seemed a rather nice way around to it.

Hier noch ein paar nette Anmerkungen zu/über Kavanagh alias Julian Barnes.

Aus: Streitfeld, David. „Fancy Dan.“ The Washington Post Book World (27 December 1987):

On the phone, Kavanagh confirms that he was „schooled in the university of life. Knocked around a bit. What can thtell you?“ A soccer goalie, whose playing made up in aggression what it lacked in finesse. A steer-wrestler. Currently working at odd jobs he declines to specify. He adds that he flew light planes on the Columbian cocaine route. When it’s pointed out to him that even his publishers call this a boast, he adds mildly, „Where else would I have gotten the necessary background for Fiddle City?

Aus: Kellaway, Kate. „The Grand Fromage Matures.“ The Observer Review (7 January 1996):

And how about Barnes’s alter ego, the detective writer Dan Kavanagh? Has he dropped out of the race? Barnes laughs: ‚Poor old Dan. He is very sick. He hasn’t written anything for years. He’s jealous of my success.‘

DIE DUFFY-ROMANE VON DAN KAVANAGH (nach WIKIPEDIA):

1980: Duffy (Kriminalroman).
Duffy, dt. von Michael K. Georgi; Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1981, ISBN 3-86615-264-7.
Neuübersetzung: Duffy, dt. von Willi Winkler; Haffmans, Zürich 1988, ISBN 3-251-01007-7.

1981: Fiddle City (Kriminalroman).
Airportratten, dt. von Michael K. Georgi; Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1983, ISBN 3-548-10185-2.
Neuübersetzung: Schieber-City, dt. von Michel Bodmer; Haffmans, Zürich 1993, ISBN 3-251-30001-6.

1985: Putting the Boot In (Kriminalroman).
Grobes Foul, dt. von Verena Schröder; Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin 1987, ISBN 3-548-10483-5.
auch als: Abblocken, gleiche Übersetzung; Haffmans, Zürich 1992, ISBN 3-453-07299-5.

1987: Going to the Dogs (Kriminalroman).
Vor die Hunde gehen, dt. von Willi Winkler; Haffmans, Zürich 1989, ISBN 3-251-01036-0.

DIE INDIZIERUNG:

Weil sie so schön ist, hier die Begründung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften zur Indizierung von DUFFY. Als damaliger Herausgeber der Ullstein-Krimi-Reihe musste (oder durfte) ich ein Gegengutachten erstellen, das aber verworfen wurde. Leider habe ich keine Kopie dieses Gegengutachtens mehr und es schlummert wohl versteckt in irdendeinem Ullstein-Archiv. Der Haffmans-Verlag hat mit einer Neuübersetzung des Buches dann Ende der 1980er Jahre für eine neue Verfügbarkeit des Titels gesorgt (was nicht bedeutet, dass die Indizierung für die Ullstein-Übersetzung durch den großartigen Michael K. Georgi dadurch aufgehoben ist).





WYATT IST WIEDER DA by Martin Compart
14. Oktober 2021, 12:44 pm
Filed under: Noir, Pulp Master/Frank Nowatzki, Rezensionen | Schlagwörter: , , , , ,

Wyatt stiehlt. Und das ziemlich gut, denn er istvorsichtig wie eh und je, effizient und erfinderisch.Bei der Auswahl seiner Jobs greift er diesmal aufeinen Informanten im Knast zurück, der direkt ander Quelle sitzt: Sam Kramer. Bis zu dessen Entlassung kümmert sich Wyatt im Gegenzug um Kramers Familie. Doch der Afghanistan-Veteran NickLazar erfährt von dieser Vereinbarung. Über seinenInsider erfährt Lazar zudem, dass Kramer – undsomit auch Wyatt – zu Ohren gekommen ist, dassdem schlitzohrigen Finanzberater Jack Tremayne eine satte Anklage ins Haus steht und sein Koffermit einer Million schon griffbereit ist: Tremaynewill die Flatter machen …

Garry Disher trägt der Logik und Dynamik der globalen Finanzialisierung Rechnung und konfrontiert Berufsverbrecher Wyatt mit dem Ponzi-Schema:einem finanziellen Betrugssystem, womit Investitionen reicher Anleger verschleiert werden.

PULP MASTER Bd.53, 2021
Gary Disher:
MODER
9.Bd. der Wyatt-Serie
Original: KILL SHOR, 2018
Deutsch von Ango Laina u. Angelika Müller
Taschenbuch, 300 Seiten; € 14, 80. e-Book 9,99€.

Natürlich stand der große Donald Westlake als Richard Stark im Geburtssaal von Wyatt: „Ich habe alle Parker-Romane früh in meiner Schreibkarriere gelesen und wollte herausfinden, was ich mit einem cleveren Kriminellen als Hauptfigur anstellen kann. Ich wollte die Parker-Romane natürlich nicht kopieren, sondern meine eigene Herangehensweise entwickeln. Ich glaube, dass Wyatt ein reichhaltigerer Charakter als Parker ist, außerdem ist auch mein Plot dichter und sind die Nebencharaktere stärker entwickelt

Während Westlakes Parker-Romane immer schlechter wurden, werden Dishers Wyatt-Romane immer besser (und sind genauso wenig noch reine Hommagen wie Max Allan Collins Nolan-Bücher):
But Disher is more interested in emotion and less in surgical detail than Stark. Wyatt, though impatient with stupidity in others, is more social and susceptible than Parker. For one thing, he lets himself become involved with a woman during the caper’s planning, which Parker avowedly would never do. And when he does become involved, the feelings are more than just sexual. There are tenderness and vulnerability in Wyatt’s feelings for this novel’s femme fatale. There are also touches of humor here, both on the author’s part and the protagonist’s, where there would be none in a Parker book.
(http://detectivesbeyondborders.blogspot.com/2006/11/kickback-garry-dishers-thriller-and.html)



John Mair-Rezension by Martin Compart

In der SZ hat der große Fritz Göttler John Mairs ES GIBT KEINE WIEDERKEHR besprochen. Mit einem tollen Foto, das die Atmosphäre der Zeit wunderbar einfängt.

Unter:
https://www.sueddeutsche.de/kultur/john-mair-es-gibt-keine-wiederkehr-rezension-1.5409769



„Pacific Crest Trail Killer“ – wenn eine Herausforderung zum Desaster wird von Jochen König by Martin Compart

Der Pacific Crest Trail ist ein eindrucksvoller, rund 4300 Kilometer langer Wanderweg, der an der amerikanischen Pazifikküste entlang, von Mexiko bis nach Kanada führt. Christian Piskulla ist einen Teil des Weges gewandert und hat diese Unternehmung in einen Kriminalroman eingebettet.

Kann man machen, doch was Piskulla zusammengebraut hat, ist nahezu unverdaulich.

Der Teil, der die Wandererfahrung beschreibt, hat den Duktus eines beflissenen Referats, das mit Wandervokabular (Switchbacks, „Hiker Buddy“, Trailname und ähnliches) hausieren geht und zumindest ein bisschen Wissenswertes über den Trail zu berichten hat. Leider ist dieser Part gespickt mit Product-Placement, in dem das Kommunikationsgerät eines Herstellers von Navigationssystemen exzessiv gepriesen wird, Accessoires wie Rucksäcke und Zelte inklusive Preisangaben beworben werden und ein großer Versandhandel seinen erbötigen Eintrag bekommt. In diesen Passagen ist der „Pacific Crest Trail Killer“ eine Art Text gewordene Butterfahrt.

Stellt trotzdem den lesenswerteren Teil des Buches dar, denn die Krimihandlung ist ein Debakel.

Der ehemalige Dorfsheriff und Militärpolizist Mark Stetson (Piskullla hat es mit sprechenden Namen. Dass eine FBI-Direktorin Gillian Anderson heißt, ist der einzig gelungene Joke des Buchs. Der zudem unbeabsichtigt ist. Denn zuvor lautete ihr Vorname Gabrielle). Stetson stolpert zufällig über einen Tatort. Angesichts der brutal getöteten jungen Wandersfrau schließt er messerscharf auf die Tat eines kommenden Serienmörders.
Was Steve Cortez, den Anführer des eintreffenden FBI-Trupps (von der FBI-Mordkommission Los Angeles – völliger Humbug, so etwas existiert nicht) tief beeindruckt und veranlasst, Stetson auf die Schnelle zum FBI-Agenten zu ernennen (noch so ein Blödsinn. FBI-Agent wird man erst nach einem strengen Aufnahmeverfahren plus Prüfung), um vor Ort zu ermitteln.

Stetson findet zwar, wie der völlig unfähige FBI-Trupp aus Los Angeles, wenig Wissenswertes heraus, bekommt aber ein sexuell stimulierendes Techtelmechtel mit seiner zeitweisen Hiker-Gefährtin Rebecca spendiert, die wenig später zur Verdächtigen mutiert. Derweil verliert sich das FBI-Team (das hierarchielos samt und sonders aus „Special Agents“ besteht) in Recherche, die nicht beherrscht wird (wie findet man Motels, die keine Homepage besitzen etc.), hält blutig endende Schäferstündchen, schaut begierig Handy-Pornos (die lesbische Agentin Judy Tonka) oder verbringt die Zeit mit abgestandenen Herrenwitzen.

Wird doch einmal gearbeitet, treibt man offensichtlich zu Unrecht verdächtigte Kleinkriminelle in den Selbstmord. Woraufhin der unfähige Agent Blackwater immerhin verhaftet wird – unter Mordverdacht. Die amerikanische Justiz treibt zwar irre Blüten, aber solche?

Pseudophilosophisch wird es schließlich, wenn Agent Cortez und Mark Stetson darüber räsonieren, wieso Menschen töten. Die Antwort, liebe Freunde, weiß – ohne, dass man Jahrzehnte Polizeiarbeit bemühen muss – nicht bloß der Wind.

Als ob das noch nicht reichen würde, bekommt der Serienkiller aus der Retorte ebenfalls einige Innenansichten zugestanden. Darin wird deutlich, dass er von einem Mentor inspiriert wird, der ihn dazu veranlasst, zu vergewaltigen, morden und die Taten zu filmen. Der Mörder selbst ist eine unglaubwürdige Mixtur aus dumpfem, getriebenem Versager und scharfsinnigem Vollstrecker, der seinen Häschern immer einen Schritt voraus ist. So ist er in der Lage, mit dem Nachtsichtgerät auf die Jagd zu gehen, während seine Verfolger brav mit Taschenlampen ihre Position verraten. Da waren selbst die Absolventen der Police Academy befähigter als das bundesbehördliche Selbstmordkommando.

Es kristallisiert sich heraus, dass der Autor ein Anliegen hat: Ihm ist die moderne (Populär)-Kultur in ihrer Verherrlichung von Gewalt nicht geheuer. So wird die Schädlichkeit von Bild, Ton und Text thematisiert, unabhängig davon ob es sich um finsterste Gewaltpornographie oder eher leichtgewichtigen Funsplatter handelt.

Autor Piskulla

Piskulla betreibt eine reaktionäre Kulturkritik, die die Gefahr aus allem kulturellem Tun verbannen möchte. Eine Vertiefung diskussionswürdiger Aspekte von Gewaltdarstellung in der Kunst findet zu keinem Zeitpunkt statt. Bloße Empörung ist das Richtmaß.
Eine Denkungsweise, die letztlich in rigider Zensur enden muss. Dass Christian Piskulla einen trostlosen Serienkiller-Thriller voller Stammtisch-Sexismus als Transportmittel benutzt, erhöht die Perfidie dieser schalen Anschauung.

Gipfelt in dem kläglich naiven, mehrfach wiederholten Postulat: „Was gute Menschen denken, das führen böse Menschen aus“ („Guter“ Mensch: „Ich denke an den Weltfrieden“. „Böser“ Mensch: „Okay, wird erledigt“). Immerhin konsequent: Die üble Chose endet in peinlicher, selbstreferentieller Überschätzung.

Bekommt das erste Opfer samt Angehörigen zumindest eine rudimentäre Hintergrundgeschichte zugeschrieben, ist bereits die zweite Tote kaum einen Eintrag wert.
Ähnlich halbherzig verfährt Piskulla mit sämtlichen Frauenfiguren. Selbst wenn diese scheinbar selbstbestimmt Sexualität ausleben (geschildert auf dem Niveau eines tristen Pornos), bleiben sie doch ständig empfangsbereite Objekte der (männlichen) Begierde.

Außer Judy Tonka, deren lesbische Beziehung dem Untergang geweiht ist.

Zwischendurch darf es auch mal sozialkritisch werden, mit der nicht gerade tiefgreifenden Erkenntnis, dass in den USA zu viel Armut existiert, dadurch eine Menge verzweifelter Menschen in Trailer Parks hausen müssen.
Ist ehrenwert, wirkt aber im Kontext dieser zusammengestoppelten Serienkiller-Moritat aufgesetzt und versandet im Hinterland, je weiter der Roman voranschreitet.

Wer uninteressanten Figuren in interessanter Landschaft beim hanebüchenen Agieren, Phrasendreschen und schlechte Witze reißen begleiten möchte, kann einen Blick auf den „Pacific Crest Trail Killer“ werfen.
Alle anderen können getrost auf dieses unerfreuliche, 630 Seiten lange Machwerk verzichten.

Autor: Christian Piskulla
Buch: Pacific Crest Trail Killer
ISBN:9783944755298
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:648 Seiten
Verlag:Cleverprinting ®
Erscheinungsdatum:31.08.2021