Martin Compart


Der Literatur-Podcast am Sonntag: John Mair “Es gibt keine Wiederkehr” von Barbara Hoppe. by Martin Compart
21. Januar 2022, 9:51 am
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Der Literatur-Podcast am Sonntag: John Mair “Es gibt keine Wiederkehr”

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ZUM NACHLESEN:

Ein früher Polit-Thriller: John Mair “Es gibt keine Wiederkehr”



FILMKRITIK BLACKOUT – Sternstunden des Schwachsinngelabers by Martin Compart
25. November 2021, 7:14 pm
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In Hollywood Blackout widmet sich Filmautor Christian Keßler der ebenso hartgesottenen wie vielfältigen Tradition des klassischen Noir-Kinos der USA, die von etwa 1940 bis 1960 währte. An der Seite von Legenden wie Humphrey Bogart, Lauren Bacall, Burt Lancaster, Ava Gardner und vielen anderen durchstreift er die dunklen Bezirke von Hollywood, wo Gesetze nichts wert sind und Menschenleben noch viel weniger. Über 27.000 Minuten aufregenden Kinos werden besungen. Viele dieser Minuten können Leben verändern. Manche können sie auch beenden. Ein tiefschwarzer Reigen der Gangster, der Gestrauchelten und der Geläuterten, zeitlos und wunderschön.

Christian Keßler
Hollywood Blackout
Sternstunden des amerikanischen
Noir-Kinos 1941–1961
376 S., geb. Hardcover, farb. Abb.
ISBN 978-3-927795-90-7
Euro 35,00

Ich wollte dieses Buch mögen!

Denn beim ersten in-die-Hand-nehmen beeindruckt es sofort durch optische und herstellerische Qualität.

Aber dafür ist es leider zu textlastig und die unfreiwillige Komik des Autors trägt natürlich nicht über lange 370 Seiten.

Bestes zuerst: Das Buch ist gespickt mit Farbillustrationen (farbige Filmplakate zu jedem Artikel) und Schwarzweiß-Abbildungen in bester Druckqualität. Außerdem behandelt es zahlreiche Filme der Epoche, die man nie oder selten zu sehen bekommt. Leider gibt es zu keinem Film eine auch nur rudimentäre Credit-Leiste (aber die Credits könnte man sich im Netz oder aus Standardnachschlagewerken parallel zur eventuellen Lektüre zusammensuchen; doch selbst die ausführlichsten Stabangaben hätten das Buch nicht retten können).

Die Gestaltung von Jürgen Frohnmaier ist atemberaubend schön. Optisch ist das Buch ein Prachtband, der in jede Bibliothek mit Sekundärliteratur zum Noir-Film gehören sollte, wären da nicht diese Texte, die kein Lektor hätte retten können, bedauerlich in ihrer pubertären Ich-Bezogenheit voller ungeschickter bis mehr als peinlicher Formulierungen.

Die subjektivistische Herangehensweise ist – um es im Jargon des Autors zu sagen – meine Sache nicht. Dadurch strotzen die Texte von unfreiwilliger Komik und es wimmeln nur so von nicht belegten subjektiven Behauptungen. Des Weiteren erinnert der ungeschickt flapsige Stil an Schülerzeitungs- oder Fanzine-Besprechungen aus längst vergangen Zeiten:

Das Drehbuch von Sydney Boehn und Melvin Wald (beide Könner!“ (The Undercover Man))

„…niemand hält es für nötig, ihm Geld abzugeben, denn alle gehen davon aus, daß er schwer Dresche bezieht.“ (The Set-Up)

„Eine gewohnt saubere Fox-Verfilmung von Chandlers THE HIGH WINDOW, die sicherlich nicht die umwerfende Qualität der beiden Laird-Cregar-Lattenkracher von Brahm erreicht… Montgomery war ursprünglich ein Boxer gewesen. Sein Gesicht wurde ihm aber scheinbar niemals zerdellt, denn er stellte es eine ganze Zeit lang für die Fox zur Schau, später für Columbia wobei er meistens auf Western und Kriegsfilme spezialisiert war.“ (The Brasher Douboon)

Keine Ahnung, wie man ausgerechnet zur Hohezeit der Kommunistenhatz in Hollywood auf den Gedanken kommt, diesen Film zu drehen, aber er ist wirklich ganz hervorragend.“

Die meisten Schauspieler sagen mir nichts.“ (Cry Venegeance)

„Obwohl die Landschaft frei ist von Hindernissen, die den Blick verstellen könnten, handelt es sich um ein Kammerspiel;“ (Bad Day at Black Rock)

„(=ein atemberaubend aufspielender Richard Conte, der seine Dialogzeilen sanft, aber ungeheuer bedrohlich formuliert, wie Garben aus einem schallgedämpften Maschinengewehr)“
(The Big Combo)

„THE BIG COMBO ist ein beinharter Thriller, der nicht nur eine ungewöhnliche Folterszene per Hörgerät enthält, sondern einige Tabubrüche launig zelebriert.“

„Berühmt wurde eine Szene, in der Conte erst der Wallace mit Gewalt einen Kuß aufzwingt, dann aber – wenn er merkt, daß sie `reagiert´ – vor ihr langsam auf die Knie geht. Warum er das macht, werden wir wohl niemals erfahren, aber auch im Jahr 1955 wird es bereits Oralsex gegeben haben.“ (The Big Combo)

„Der mit Abstand beste Republic-Film, den ich jemals gesehen habe… Mit Sicherheit nicht für jedermann, aber Jedermann kann mir im Mondschein begegnen.“ (Moonrise)

Im Verbund mit dem niedergeschlagenen Grundton der Story wirkt sie merkwürdig traurig, und es sollte auch der letzte Film der Schauspielerin sein… doch der Tiefpunkt ihres Lebens blieb noch zu ergründen. Die Suche wurde begleitet von massivem Alkoholabusus, unzähligen falschen Männern… Mit 39 Jahren fand ihr Martyrium ein Ende am Boden eines Badezimmers.“ (Murder Is My Beat)

„Für sich gesehen ist KISS ME DEADLY ein ziemlicher Kracher und wohl mein Lieblings-Hammer.“ (Kiss Me Deadly)

„In vielen seiner Drehbücher baute Fuller irgendwo eine Figur namens Griff ein, als Held oder Edelstatist. Warum er das tat, entzieht sich meiner Kenntnis.“ (House of Bamboo) 1)

„…doch am Schluß ist auch hier das Heim eine uneinnehmbare Festung, umschmeichelt von David Manafields lieblicher Musik.“ (The Desperate Hours)

„Der in Australien geborene John Farrow muß wohl so eine Art `Renaissance Man´ gewesen sein, der kaum etwas in seinem Leben ausließ. So begleitete er auch schon mal wissenschaftliche Expeditionen in unwirtliches Gebiet. An seiner Seite hatte er die wunderschöne Maureen O´Sullivan, die ihm sieben Kinder gebar. Darunter befand sich Mia (die an Woody Allen geraten sollte), aber auch Tina (die an italienische Zombies geraten sollte).“ (The Big Clock)

So läuft das ununterbrochen über 370 Druckseiten. Man kann das Buch aufschlagen, wo immer man möchte, und findet umgehend solche Stilblüten (um es freundlich zu formulieren). Die Beispiele wurden systemlos herausgegriffen (und vieles noch blöderes wahrscheinlich übersehen). Der Autor kriegt kaum einen geraden Satz hin. Das hat bei allem Amüsement auch etwas erschreckend Hilfloses, in diesem grundlos zelebrierten Selbstvertrauen.
Das er häufig bei den literarischen Vorlagen blufft (anscheinend weiß er nicht, dass der englische Begriff „Novel“ einen Roman und keine Novelle bezeichnet) – geschenkt.

Exzessive Subjektivität liest sich besser ohne inflationären Gebrauch von Personalpronomen. Die durchaus erkennbare Leidenschaft des Autors für sein Sujet überschreitet seine stilistischen Mittel.

Extrem peinlich ist im „Vorspann“ der Teil, in dem sich der Autor selbst (und in der misslungenen Diktion) als einen typischen hard-boiled-Priivate eye beschreibt, der zum Verfassen dieses Buches genötigt wird („Die düsteren Wolken schoben sich ineinander, als würden sie dafür bezahlt“). Sowas klingt zu vorgerückter Stunde bei Konzeptgesprächen in der Paris-Bar oder im Zwiebelfisch erstmal ganz witzig, sollte dann aber keinen Einzug ins Endprodukt halten.

Anschließend stolpert der Autor in einer Art Vorwort durch seine wirren Vorstellungen vom Film noir und was dieses Buch eigentlich soll: „Das Ziel von Hollywood Blackout ist es, ein Gefühl für diese Welt des Noir-Kinos zu vermitteln, in der eine gänzlich neue Sicht auf die Menschen und das Leben verhandelt wurde.“ So die Behauptung dieses Buches.

Der Autor sollte sein erstaunliches Vielwissen lieber auf Tresengespräche konzentrieren. Aber vielleicht hat er sich ja mit diesem Werk als Dozent für die Filmakademie Ludwigsburg qualifiziert.

Nach dieser anstrengenden Lektüre sehnt man sich nach Filmbesprechungen von Hans Gerhold um wieder ins geistige Gleichgewicht zurückzufinden.
Und eine Frage stellt sich: Hat ein Verlag nicht auch die Verpflichtung, einen Autor vor sich selbst zu schützen?

P.S.: Um den einstigen Ullstein-Vertriebschef Meier zu zitieren: „Es gibt keine negativen Kritiken, solange Autor, Titel und Verlag richtig geschrieben sind.“

1) Jochen König kommentierte zu FILMKRITIK BLACKOUT:

Griff“ war ein Soldat, mit dem Samuel Fuller im zweiten Weltkrieg zusammen diente und der darin umkam. Die Namensnennung in Fullers Filmen ist eine Reminiszenz an den Mann. Das zumindest hätte man ganz leicht eruieren können. Sehr schade. Ich mag Kesslers Bücher eigentlich. Aber das klingt, als hätte er sich gewaltig überhoben.



BRUTALE ALTE WELT – DIE MURDOCH MYSTERIES von JOCHEN KÖNIG by Martin Compart

Während hierzulande gerade die erste Staffel der „Murdoch Mysteries“ das Licht der Medienwelt erblickte, läuft im Herkunftsland Kanada aktuell die fünfzehnte Staffel.

2008 ging es los mit den Ermittlungen des progressiven Detectives William Murdoch und seiner Kollegen und Freunde. Als Grundlage dienen die Romane von Maureen Jennings. Vier Bände wurden bis 2017 auf Deutsch übersetzt, danach blieb es still, sodass man sich das restliche Quartett der „Murdoch Mysteries“ nur im Original zu Gemüte führen kann.

Ende des neunzehnten Jahrhunderts arbeitet der katholische Polizist William Murdoch im protestantischen Toronto. Allein wegen seiner Religionszugehörigkeit ist er ein Außenseiter mit begrenzten Aufstiegschancen.

Aber auch sein Faible für moderne, wissenschaftliche Ermittlungsmethoden und Psychologie, teilweise weit seiner Zeit voraus, lässt ihn als Sonderling dastehen. Dank seiner Erfolge wird er von seinen Kollegen hochgeschätzt.

Selbst der hartgesottene Inspector Thomas Brackenreid, ein Freund sehr rustikaler, handfester Maßnahmen, lässt ihn gewähren. Mit Hochachtung, aber weitgehend ohne ihn zu verstehen.

Verständnis findet er umso mehr bei der patenten und wissenschaftlich ebenfalls aufgeschlossenen Gerichtsmedizinerin Dr. Julia Ogden sowie seinem Assistenten Constable Crabtree, der zudem für die Situationskomik der Serie zuständig ist. Ohne von den Schöpfern zum Deppen degradiert zu werden.

Das ist trotz düsterer und gewaltreicher Fälle erfreulich unbeschwert. Die „Murdoch Mysteries“ nehmen ihre Inhalte ernst, besitzen dabei aber eine artifizielle Weltläufigkeit, die dem Neunzehnten Jahrhundert vorauseilt und so dem Hadern der Protagonisten mit dem aktuellen Zeitgeschehen und gesellschaftlichen Restriktionen Charme und Gewicht verleiht.

Wie in der fünften Episode, in der Williams Glaube hart auf die Probe gestellt wird, als es zum Zusammenprall mit der herrschenden Unterdrückung von Homosexualität kommt. Ähnliche Konflikte ergeben sich im Zusammenhang mit Rassismus, der Irland-Politik und der Rolle der Frau in einer strikt patriarchalischen Gesellschaft.
Wobei besonders die forsche Pathologin Julia Ogden einen emanzipierten und klugen Gegenpol bietet. Ihr Geplänkel mit dem schüchternen (und leicht autistischen) Murdoch, das sich in den folgenden Staffeln vertiefen amüsantesten Passagen der Serie.

Die Fälle der Woche sind solide, meist unaufgeregt und dennoch spannend entwickelt. Physische Gewalt wird nicht ausgeblendet, aber auch nicht selbstzweckhaft ausgebeutet.

Gleich der Staffelauftakt betont die Ausrichtung der Serie. Die Moderne hält Einzug, bei einer Show, die die
Gefährlichkeit des Wechselstroms (gegenüber dem in Kanada verbreiteten Gleichstrom) aufzeigen will, kommt eine junge Frau durch einen Stromschlag ums Leben.
Obwohl die Motivation des Täters am Ende nichts mit dem Fortschritt der Elektrizitätserzeugung zu tun hat, nutzt man das Thema für einen Auftritt Nikola Teslas, der sich natürlich ausnehmend gut mit William Murdoch versteht.

Historische Persönlichkeiten werden Murdoch und seine Freunde immer wieder beehren.
Neben Tesla sind dies in Staffel 1 Queen Victorias Enkel, Prinz Alfred und in drei Folgen Sherlock Holmes-Schöpfer Arthur Conan Doyle auf Inspirationssuche. Dargestellt wird letzterer von Geraint Wyn-Davies, einst Vampircop Nick Knight, der in der gleichnamigen, unterschätzen und hochunterhaltsamen Serie in den Neunzigern Toronto Nachts vor Übel bewahrte.

Kurzum, die „Murdoch Mysteries“ bieten leicht verdauliche, launige Unterhaltung. Es ist spannend, nicht nervenzerrend, aber rechtschaffen. Smartness, Komik und ein bisschen Nachhilfe in Physik und anderen Wissenschaften gibt es als Boni.

Die Visualisierung ist eigenständig, aber etwas gewöhnungsbedürftig.
Den teils wie gemalt aussehenden Hintergründen geht der Schmutz, das Rohe, welches Serien wie „Ripper Street“ „Copper“ oder „The Alienist“ auszeichnet, vollständig ab.
In Kanada ist es strukturell hell, freundlich, mit einem Hang zu mildem Impressionismus. Historie in einem sorgfältig ausgestalteten Schaukasten, der sehr vergnügliche Innenansichten erlaubt. Die unverbrauchte Darstellerriege passt sich dem Sujet gekonnt an und überzeugt bis in kleine Nebenrollen durch Elan.

Wenn der arbeitsreiche Tag vergeht, dürfen die „Murdoch Mysteries“ gerne kommen.

© Cover/Bilder Edel Motion/Glücksstern

Technische Infos:
Staffel 1
VÖ: 01.10.2021
Art. Nr.: 0217022ER2/ EAN: 4029759170228
Staffel 1, 13 Folgen auf 4 DVDS, mit ca. 650 Min Laufzeit
Sprache: Deutsch, Englisch
Untertitel Deutsch
Bildformat: 16:9
Ton-Format: Dolby Digital 5.1



KRIMIS, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: ABBLOCKEN – Der Fußball-Thriller von Dan Kavanagh by Martin Compart

Fußball ist ein hartes Geschäft. Also der richtige Hintergrund für einen harten Thriller mit Tiefgang, der dem Leser auch noch Einsicht in die manchmal so bizarr anmutende Fußballermentalität gewährt:

„Duffy war ein nachdenklicher Typ. Es heißt, Torwarte neigen dazu, nachdenkliche Typen zu sein. Manche fangen gleich so an. Sie wollen Torwart werden, weil es ihrem Typ entspricht. Andere starten als gelassene, tüchtige Burschen und werden dann durch die eigenen schwachen Abwehrspieler zermürbt, oder sie verlieren plötzlich an Form und schwitzen schon beim Gedanken an einen hohen Querpass oder bei einem psychotischen Stürmer mit Zuchtbullenschenkeln, der nicht zu wissen scheint, ob er nun den Torwart oder den Ball ins Netz befördern soll. Auf dem Spielfeld kannst du dich verstecken; du kannst sogar anderen die Schuld zuschieben. Aber ein Torwart ist exponiert. Jeder Fehler hat katastrophale Folgen. Zehn Leute können ein Spiel gewinnen, und ein Trottel kann’s vermasseln, so heißt es immer. Du kannst dich wieder ein bißchen aufbauen, indem du die anderen zehn anschreist. Torwarte dürfen schreien und können manches Mal die Schuld an einem Tor abschieben, indem sie sich den zurückhaltendsten Spieler der Verteidigung herauspicken und ihm eins auf den Hut geben. Aber meist bist du auf dich allein gestellt und pendelst zwischen Langeweile und Angst.“

Tiefschürfende Erkenntnisse aus einem Kriminalroman, der schlichtweg einer der besten Fußball-Thriller ist, der bisher geschrieben wurden.
Verfasst von Dan Kavanagh, der in den 1980er Jahren zu den heißesten Tipps des Brit-Noir gehörte. Er setzte mit seiner Duffy-Tetralogie die Tradition des britischen Privatdetektiv-Romans fort, die allerdings nie so ausgeprägt war wie in den USA. Kavanagh ist ein Pseudonym des Schriftstellers und Somerset-Maugham-Preisträgers Julian Barnes, dessen Romane FLAUBERTS PAPAGEI und EINE GESCHICHTE DER WELT IN 101/2 Kapiteln auch bei uns Beachtung fanden. Inzwischen gehört er zum britischen Literaturestablishment und sein Status als bedeutender Schriftsteller der Gegenwart ist fraglos. 1)

Seine Kavanagh-Romane über den bisexuellen Privatdetektiv und Torwart einer Kneipenmannschaft Nick Duffy sind allerdings alles andere als feinsinnige Intellektuellenspiele.

In ABBLOCKEN (zuletzt 2001 bei Rowohlt, zuvor bei Haffmans Taschenbuch, 1992, und zuerst bei Ullstein als GROBES FAUL) geht es darum nicht nur um Fußball, sondern auch um Rechtsradikale und Rassisten: Die Athletics haben schon bessere Tage gesehen. Aber zurzeit kämpft der Londoner Fußballverein gegen den Abstieg. Merkwürdig nur, dass ausgerechnet die Spieler, die ungefähr erahnen, wo das gegnerische Tor steht, auf recht unfaire Weise kampfunfähig gemacht werden.

Und dann fangen auch noch die braven Fans an, Big Bren auszubuhen, nur weil er eine etwas andere Hautfarbe hat als die pickeligen Glatzen in der „Saustall“-Kurve. Hier muss es sich doch um ein abgekartetes Spiel handeln. Aber wer würde vom Abstieg der Athletics profitieren?

Der richtige Fall für Duffy, der einigen Leuten kräftig gegen die Stollen treten muss, bevor er durchblickt.

Nick Duffy ist natürlich ein echter Antiheld, der es seinen Gegnern mit gleicher schmutziger Münze heimzahlt. Auch wenn er nicht als strahlender Sieger vom Platz geht, einen Punktsieg weiß er zu holen. Man darf auch nicht übersehen, wie ungewöhnlich noch 1980 ein nicht-heterosexueller Protagonist in der Kriminalliteratur war.

Neben einer rasanten Handlung findet Barnes/Kavanagh noch Platz, bissige Kommentare zur Zeitgeschichte abzugeben. So gesehen sind seine vier Duffy-Romane nicht nur temporeiche Thriller, sondern auch genaue Bestandsaufnahmen der Thatcher & Co-Ära. Außerdem gelingt es ihm hervorragend, das Spiel vom Rasen aufs Papier umzusetzen, was bekanntlich den wenigsten Autoren von Fußball-Krimis gelingt (Ulrich von Berg, der regelmäßig Fußballbücher für das Magazin 11 FREUNDE bespricht, weiß schmerzhaft darüber zu berichten):
„Er machte einfach Tempo – die grausamste Methode, die es gibt: Biete dem Abwehrspieler den ganzen Ball an, laß ihm ein paar Meter Spielraum und dann sprinte blitzschnell an ihm vorbei, so als wolltest du sagen: gib’s auf, das Spiel, gib dir keine Mühe, du bist zu dick, du bist zu langsam, du bist nicht helle genug.“

Kavanaghs erster Roman, DUFFY, der im Pornomilieu von Soho spielt, wurde bei seiner Erstveröffentlichung von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften umgehend indiziert, da er angeblich dazu geeignet war, „Heranwachsende sittlich-ethisch zu desorientieren“.

Nicht nur Heranwachsende, Sportsfreunde!

1) „.My favorite story is of someone who went into an American crime bookshop and was buying a Dan Kavanagh, and the salesperson said, ‚Oh, I understand he writes other books under a pseudonym.‘ Which seemed a rather nice way around to it.

Hier noch ein paar nette Anmerkungen zu/über Kavanagh alias Julian Barnes.

Aus: Streitfeld, David. „Fancy Dan.“ The Washington Post Book World (27 December 1987):

On the phone, Kavanagh confirms that he was „schooled in the university of life. Knocked around a bit. What can thtell you?“ A soccer goalie, whose playing made up in aggression what it lacked in finesse. A steer-wrestler. Currently working at odd jobs he declines to specify. He adds that he flew light planes on the Columbian cocaine route. When it’s pointed out to him that even his publishers call this a boast, he adds mildly, „Where else would I have gotten the necessary background for Fiddle City?

Aus: Kellaway, Kate. „The Grand Fromage Matures.“ The Observer Review (7 January 1996):

And how about Barnes’s alter ego, the detective writer Dan Kavanagh? Has he dropped out of the race? Barnes laughs: ‚Poor old Dan. He is very sick. He hasn’t written anything for years. He’s jealous of my success.‘

DIE DUFFY-ROMANE VON DAN KAVANAGH (nach WIKIPEDIA):

1980: Duffy (Kriminalroman).
Duffy, dt. von Michael K. Georgi; Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1981, ISBN 3-86615-264-7.
Neuübersetzung: Duffy, dt. von Willi Winkler; Haffmans, Zürich 1988, ISBN 3-251-01007-7.

1981: Fiddle City (Kriminalroman).
Airportratten, dt. von Michael K. Georgi; Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1983, ISBN 3-548-10185-2.
Neuübersetzung: Schieber-City, dt. von Michel Bodmer; Haffmans, Zürich 1993, ISBN 3-251-30001-6.

1985: Putting the Boot In (Kriminalroman).
Grobes Foul, dt. von Verena Schröder; Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin 1987, ISBN 3-548-10483-5.
auch als: Abblocken, gleiche Übersetzung; Haffmans, Zürich 1992, ISBN 3-453-07299-5.

1987: Going to the Dogs (Kriminalroman).
Vor die Hunde gehen, dt. von Willi Winkler; Haffmans, Zürich 1989, ISBN 3-251-01036-0.

DIE INDIZIERUNG:

Weil sie so schön ist, hier die Begründung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften zur Indizierung von DUFFY. Als damaliger Herausgeber der Ullstein-Krimi-Reihe musste (oder durfte) ich ein Gegengutachten erstellen, das aber verworfen wurde. Leider habe ich keine Kopie dieses Gegengutachtens mehr und es schlummert wohl versteckt in irdendeinem Ullstein-Archiv. Der Haffmans-Verlag hat mit einer Neuübersetzung des Buches dann Ende der 1980er Jahre für eine neue Verfügbarkeit des Titels gesorgt (was nicht bedeutet, dass die Indizierung für die Ullstein-Übersetzung durch den großartigen Michael K. Georgi dadurch aufgehoben ist).





WYATT IST WIEDER DA by Martin Compart
14. Oktober 2021, 12:44 pm
Filed under: Noir, Pulp Master/Frank Nowatzki, Rezensionen | Schlagwörter: , , , , ,

Wyatt stiehlt. Und das ziemlich gut, denn er istvorsichtig wie eh und je, effizient und erfinderisch.Bei der Auswahl seiner Jobs greift er diesmal aufeinen Informanten im Knast zurück, der direkt ander Quelle sitzt: Sam Kramer. Bis zu dessen Entlassung kümmert sich Wyatt im Gegenzug um Kramers Familie. Doch der Afghanistan-Veteran NickLazar erfährt von dieser Vereinbarung. Über seinenInsider erfährt Lazar zudem, dass Kramer – undsomit auch Wyatt – zu Ohren gekommen ist, dassdem schlitzohrigen Finanzberater Jack Tremayne eine satte Anklage ins Haus steht und sein Koffermit einer Million schon griffbereit ist: Tremaynewill die Flatter machen …

Garry Disher trägt der Logik und Dynamik der globalen Finanzialisierung Rechnung und konfrontiert Berufsverbrecher Wyatt mit dem Ponzi-Schema:einem finanziellen Betrugssystem, womit Investitionen reicher Anleger verschleiert werden.

PULP MASTER Bd.53, 2021
Gary Disher:
MODER
9.Bd. der Wyatt-Serie
Original: KILL SHOR, 2018
Deutsch von Ango Laina u. Angelika Müller
Taschenbuch, 300 Seiten; € 14, 80. e-Book 9,99€.

Natürlich stand der große Donald Westlake als Richard Stark im Geburtssaal von Wyatt: „Ich habe alle Parker-Romane früh in meiner Schreibkarriere gelesen und wollte herausfinden, was ich mit einem cleveren Kriminellen als Hauptfigur anstellen kann. Ich wollte die Parker-Romane natürlich nicht kopieren, sondern meine eigene Herangehensweise entwickeln. Ich glaube, dass Wyatt ein reichhaltigerer Charakter als Parker ist, außerdem ist auch mein Plot dichter und sind die Nebencharaktere stärker entwickelt

Während Westlakes Parker-Romane immer schlechter wurden, werden Dishers Wyatt-Romane immer besser (und sind genauso wenig noch reine Hommagen wie Max Allan Collins Nolan-Bücher):
But Disher is more interested in emotion and less in surgical detail than Stark. Wyatt, though impatient with stupidity in others, is more social and susceptible than Parker. For one thing, he lets himself become involved with a woman during the caper’s planning, which Parker avowedly would never do. And when he does become involved, the feelings are more than just sexual. There are tenderness and vulnerability in Wyatt’s feelings for this novel’s femme fatale. There are also touches of humor here, both on the author’s part and the protagonist’s, where there would be none in a Parker book.
(http://detectivesbeyondborders.blogspot.com/2006/11/kickback-garry-dishers-thriller-and.html)



John Mair-Rezension by Martin Compart

In der SZ hat der große Fritz Göttler John Mairs ES GIBT KEINE WIEDERKEHR besprochen. Mit einem tollen Foto, das die Atmosphäre der Zeit wunderbar einfängt.

Unter:
https://www.sueddeutsche.de/kultur/john-mair-es-gibt-keine-wiederkehr-rezension-1.5409769



„Pacific Crest Trail Killer“ – wenn eine Herausforderung zum Desaster wird von Jochen König by Martin Compart

Der Pacific Crest Trail ist ein eindrucksvoller, rund 4300 Kilometer langer Wanderweg, der an der amerikanischen Pazifikküste entlang, von Mexiko bis nach Kanada führt. Christian Piskulla ist einen Teil des Weges gewandert und hat diese Unternehmung in einen Kriminalroman eingebettet.

Kann man machen, doch was Piskulla zusammengebraut hat, ist nahezu unverdaulich.

Der Teil, der die Wandererfahrung beschreibt, hat den Duktus eines beflissenen Referats, das mit Wandervokabular (Switchbacks, „Hiker Buddy“, Trailname und ähnliches) hausieren geht und zumindest ein bisschen Wissenswertes über den Trail zu berichten hat. Leider ist dieser Part gespickt mit Product-Placement, in dem das Kommunikationsgerät eines Herstellers von Navigationssystemen exzessiv gepriesen wird, Accessoires wie Rucksäcke und Zelte inklusive Preisangaben beworben werden und ein großer Versandhandel seinen erbötigen Eintrag bekommt. In diesen Passagen ist der „Pacific Crest Trail Killer“ eine Art Text gewordene Butterfahrt.

Stellt trotzdem den lesenswerteren Teil des Buches dar, denn die Krimihandlung ist ein Debakel.

Der ehemalige Dorfsheriff und Militärpolizist Mark Stetson (Piskullla hat es mit sprechenden Namen. Dass eine FBI-Direktorin Gillian Anderson heißt, ist der einzig gelungene Joke des Buchs. Der zudem unbeabsichtigt ist. Denn zuvor lautete ihr Vorname Gabrielle). Stetson stolpert zufällig über einen Tatort. Angesichts der brutal getöteten jungen Wandersfrau schließt er messerscharf auf die Tat eines kommenden Serienmörders.
Was Steve Cortez, den Anführer des eintreffenden FBI-Trupps (von der FBI-Mordkommission Los Angeles – völliger Humbug, so etwas existiert nicht) tief beeindruckt und veranlasst, Stetson auf die Schnelle zum FBI-Agenten zu ernennen (noch so ein Blödsinn. FBI-Agent wird man erst nach einem strengen Aufnahmeverfahren plus Prüfung), um vor Ort zu ermitteln.

Stetson findet zwar, wie der völlig unfähige FBI-Trupp aus Los Angeles, wenig Wissenswertes heraus, bekommt aber ein sexuell stimulierendes Techtelmechtel mit seiner zeitweisen Hiker-Gefährtin Rebecca spendiert, die wenig später zur Verdächtigen mutiert. Derweil verliert sich das FBI-Team (das hierarchielos samt und sonders aus „Special Agents“ besteht) in Recherche, die nicht beherrscht wird (wie findet man Motels, die keine Homepage besitzen etc.), hält blutig endende Schäferstündchen, schaut begierig Handy-Pornos (die lesbische Agentin Judy Tonka) oder verbringt die Zeit mit abgestandenen Herrenwitzen.

Wird doch einmal gearbeitet, treibt man offensichtlich zu Unrecht verdächtigte Kleinkriminelle in den Selbstmord. Woraufhin der unfähige Agent Blackwater immerhin verhaftet wird – unter Mordverdacht. Die amerikanische Justiz treibt zwar irre Blüten, aber solche?

Pseudophilosophisch wird es schließlich, wenn Agent Cortez und Mark Stetson darüber räsonieren, wieso Menschen töten. Die Antwort, liebe Freunde, weiß – ohne, dass man Jahrzehnte Polizeiarbeit bemühen muss – nicht bloß der Wind.

Als ob das noch nicht reichen würde, bekommt der Serienkiller aus der Retorte ebenfalls einige Innenansichten zugestanden. Darin wird deutlich, dass er von einem Mentor inspiriert wird, der ihn dazu veranlasst, zu vergewaltigen, morden und die Taten zu filmen. Der Mörder selbst ist eine unglaubwürdige Mixtur aus dumpfem, getriebenem Versager und scharfsinnigem Vollstrecker, der seinen Häschern immer einen Schritt voraus ist. So ist er in der Lage, mit dem Nachtsichtgerät auf die Jagd zu gehen, während seine Verfolger brav mit Taschenlampen ihre Position verraten. Da waren selbst die Absolventen der Police Academy befähigter als das bundesbehördliche Selbstmordkommando.

Es kristallisiert sich heraus, dass der Autor ein Anliegen hat: Ihm ist die moderne (Populär)-Kultur in ihrer Verherrlichung von Gewalt nicht geheuer. So wird die Schädlichkeit von Bild, Ton und Text thematisiert, unabhängig davon ob es sich um finsterste Gewaltpornographie oder eher leichtgewichtigen Funsplatter handelt.

Autor Piskulla

Piskulla betreibt eine reaktionäre Kulturkritik, die die Gefahr aus allem kulturellem Tun verbannen möchte. Eine Vertiefung diskussionswürdiger Aspekte von Gewaltdarstellung in der Kunst findet zu keinem Zeitpunkt statt. Bloße Empörung ist das Richtmaß.
Eine Denkungsweise, die letztlich in rigider Zensur enden muss. Dass Christian Piskulla einen trostlosen Serienkiller-Thriller voller Stammtisch-Sexismus als Transportmittel benutzt, erhöht die Perfidie dieser schalen Anschauung.

Gipfelt in dem kläglich naiven, mehrfach wiederholten Postulat: „Was gute Menschen denken, das führen böse Menschen aus“ („Guter“ Mensch: „Ich denke an den Weltfrieden“. „Böser“ Mensch: „Okay, wird erledigt“). Immerhin konsequent: Die üble Chose endet in peinlicher, selbstreferentieller Überschätzung.

Bekommt das erste Opfer samt Angehörigen zumindest eine rudimentäre Hintergrundgeschichte zugeschrieben, ist bereits die zweite Tote kaum einen Eintrag wert.
Ähnlich halbherzig verfährt Piskulla mit sämtlichen Frauenfiguren. Selbst wenn diese scheinbar selbstbestimmt Sexualität ausleben (geschildert auf dem Niveau eines tristen Pornos), bleiben sie doch ständig empfangsbereite Objekte der (männlichen) Begierde.

Außer Judy Tonka, deren lesbische Beziehung dem Untergang geweiht ist.

Zwischendurch darf es auch mal sozialkritisch werden, mit der nicht gerade tiefgreifenden Erkenntnis, dass in den USA zu viel Armut existiert, dadurch eine Menge verzweifelter Menschen in Trailer Parks hausen müssen.
Ist ehrenwert, wirkt aber im Kontext dieser zusammengestoppelten Serienkiller-Moritat aufgesetzt und versandet im Hinterland, je weiter der Roman voranschreitet.

Wer uninteressanten Figuren in interessanter Landschaft beim hanebüchenen Agieren, Phrasendreschen und schlechte Witze reißen begleiten möchte, kann einen Blick auf den „Pacific Crest Trail Killer“ werfen.
Alle anderen können getrost auf dieses unerfreuliche, 630 Seiten lange Machwerk verzichten.

Autor: Christian Piskulla
Buch: Pacific Crest Trail Killer
ISBN:9783944755298
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:648 Seiten
Verlag:Cleverprinting ®
Erscheinungsdatum:31.08.2021



JAMES LEE BURKE „Nicht das Amerika meiner Jugend“ by Martin Compart

Nach dem erschütternden Hurrikan Katrina braucht Detective Dave Robicheaux eine Auszeit. Gemeinsam mit seiner Frau Molly und seinem besten Freund Clete will er sich auf einer Ranch in Montana beim Fischen erholen.
Doch die vermeintliche Idylle wird schnell durchbrochen, als zwei Studenten brutal ermordet und bei der Ranch aufgefunden werden. Robicheaux wird unmittelbar in den Fall hineingezogen, in die Machtspiele derer, die in Montana den Ton angeben. Clete hat währenddessen allerhand eigene Probleme und wird schon bald von seiner kriminellen Vergangenheit heimgesucht.

Übersetzt von Bernd Gockel
Pendragon Verlag
Deutsche Erstausgabe

Band 17 der Robicheaux Edition
576 S., Klappenbroschur, PB,
ISBN: 978-3-86532-747-5
Juli 2021
Originaltitel : ‎ Swan Peak, 2008
€ 24,00

Einige Jahre hatte ich James Lee Burke nicht mehr gelesen. Ich war übersättigt, hatte wohl genug von Louisiana, Texas oder Montana. Dabei hat sein beeindruckender Ausstoß so gut wie nie die Qualität seiner Romane beeinträchtigt. Wie auch immer. Jedenfalls bin ich nun schon eine Weile reumütig zu ihm (und besonders Robicheaux) zurückgekehrt und las in diesem Jahr bereits einen zweiten Roman.

Und natürlich war er wundervoll.

Burkes kraftvoller und poetischer Stil kann einen Banausen wie mich dazu verführen, fast auf jeder Seite wohlformulierte Sätze anzustreichen. So auch in KEINE RUHE IN MONTANA:

„Meine Begeisterung ging allerdings nie so weit. Diesem geborenen Don Quichotte auf seinen Feldzügen gegen alle Windmühlen dieser Welt zu folgen. Seine rostige Rüstung war immer griffbereit, auch wenn es in seinem Leben von zerbrochenen Lanzen nur so wimmelte.“

„Sie spürte, wie sich der Whiskey langsam in ihr Nervensystem vortastete.“

„Geh mit keiner Frau ins Bett, die mehr Probleme hat als du selbst.“

Dies ist einer von Burkes umfangreichsten Robicheaux-Romanen, und das hat einen Grund: in keinem mir bekannten anderen Roman steigt er tiefer in die Psychologie der Figuren ein, um zu ergründen, warum sie tun, was sie tun. „I was a social worker once, working at times in association with California Parole and Probation. I worked with a lot of convicts and career criminals. And I was a newspaper reporter. Then, I worked for nine years for a Miami junior college that served as a kind of adjunct for the Miami PD. In truth, most of my work has to do with the larger society. I’m not really that knowledgeable about police work. The real story is in the psychology of the characters.” (Burke)

Unter den komplexen Romanen der Serie ist dieser vielleicht der komplexeste mit den vielen Handlungssträngen, Charakteren, Robicheauxs Reflektionen und der kaum noch zu steigernden Qualität von Burkes stilistischer Qualität.

Burke hat dem ICH-Erzähler neue lyrische wie sozio-historische Dimensionen gegeben. Bekanntlich ist der Ich-Erzähler seit Mark Twains HUCKLEBERRY FINN, Herman Melvilles MOBY DICK oder Scott Fitzgeralds THE GREAT GATSBY einer, wenn nicht der, „Helden“ der amerikanischen Literatur. „Using a first-person narrator is simply a matter of hearing the voice inside yourself. The character is already in the author, I think. The challenge is not to allow the ego of the character to dominate the story.”

Burke ist durch und durch ein amerikanischer Autor, dessen Einflüsse und Bezüge bis auf Thoreau und James Fenimore Cooper zurück reichen. Seinen ausführlichen und liebevollen Naturbeschreibungen, voller poetischer Verbundenheit, stehen oft depressive oder höhnische Darstellungen des urbanen Lebens gegenüber.

Wie so viele Hard-boiled-Helden ist auch Robicheaux ein moderner Nat Bumppo, ein Spurenleser in der Industriegesellschaft, der die Wildnis nicht vergessen hat. „Die trotzige Melancholie seiner Bücher erinnert an das Spanish moss, das man in seinen Landschaftsbeschreibungen buchstäblich riechen kann: irgendwie traurig, aber ein Zeichen von Leben“, schrieb Tobias Gohlis.

Der „Independent“ vergleicht ihn mit Zola:
„There are not many crime writers about whom one might invoke the name of Zola for comparison, but Burke is very much in that territory. His stamping ground is the Gulf coast, and one of the great strengths of his work has always been the atmospheric background of New Orleans and the bayous. His big, baggy novels are always about much more than the mechanics of the detective plot; his real subject, like the French master, is the human condition, seen in every situation of society.”

KEINE RUHE IN MONTANA schließt brillant an den anders brillanten Vorgänger STURM ÜBER NEW ORLEANS (THE TIN ROOF BLOWDOWN, 2007) an: Robicheaux, seine Frau und Purcell suchen Erholung von den Schrecken Katrinas in Montana.

Die Schatten der Vergangenheit sind lang für Dave Robicheaux und seinen alten Freund Clete Purcell. Und die Geister der Vergangenheit ruhen nicht. Einer dieser Geister ist der Mobster Sally Dio, den Robicheaux, bzw. Clete, im dritten Band der Serie (BLACK CHERRY BLUES, SCHMIERIGE GESCHÄFTE) erledigt hatte. Nun taucht nicht nur ein alter Gefolgsmann des Gangsters auf um Ärger zu machen, auch Clete hat Schwierigkeiten. Denn das FBI hat Sallys Akte nach zwanzig Jahren wieder geöffnet und untersucht unter der Leitung der vietnamesisch-amerikanischen Agentin Alicia Rosecrans seinen Tod bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz in Montana.
Und Clete gerät bei seinem destruktiven Trip down suicide road (Mit Cletes Dämonen würde es kein Exorzist aufnehmen) wieder unter Verdacht, etwas damit zu tun gehabt zu haben.

Und da sehe ich eine Schwäche in der Story. VORSICHT! SPOILER ALARM! Ist es glaubhaft, dass eine junge bekennende Lesbe sich mit einem sechzigjährigen Drogenfreak einlässt und mit ihm den Rest seines Lebens verbringen will? I mean really, Mr. Burke… Auch mit der Wandlung von Troyce Nix habe ich Glaubwürdigkeitsprobleme.

Nie hat Burke so viele unterschiedliche Handlungsstränge so ausführlich in ihrer Entwicklung behandelt. Jeder könnte einen eigenen Roman hergeben. Sie werden verknüpft, wie nur Burke es kann, verwoben durch Burkes harter sozialkritischer Weltsicht, die ein Amerika zeigt, „dass nicht mehr das Amerika meiner Jugend ist“. Eben die USA seit dem roll back, beginnend mit Ronald Reagan.

Er schließt sich einer These an, die sich unter Zynikern und pseudo-marxistischen Theoretikern in den letzten Jahrzehnten zunehmend verbreitet hat: „When people talk about class war, they’re dead wrong. The war was never between the classes. It was between the have-nots and the have-nots. The people in the house on the hill watched it from afar when they watched it at all.” Wirklich entziehen kann man sich dieser Argumentation schwerlich.

In der erschreckenden Gefängnissequenz führt Burke das perverse privatisierte Verwahrungssystem der USA vor. So lässt er den ehemaligen Abu Ghraib-Schergen Troyce Nix sagen: „Ich bin Gründungsmitglied und Aktionär der Firma, die das Gefängnis betreibt. Was bedeutet, dass eine Wohnpauschale Teil meines Vergütungspakets ist. Anders gesagt: Die Beschäftigung von Häftlingen hier (auf meinem Grundstück) unterscheidet sich in keiner Weise von der Beschäftigung innerhalb der Gefängnismauern. Und wenn du nun mit dem Gedanken spielst, dir einen diese lachhaften Bürgerrechts-Advokaten…“

Wie immer bei Burke gibt es auch in MONTANA wunderbare Naturbeschreibungen und pointierte Beobachtungen: „Der Blitz schien vor dem Einschlag für eine Sekunde unentschlossen zu zögern, als wolle er sich ein spezielles Lebewesen herauspicken, das er nun an der Erdoberfläche aufspießte.“

“With its trademark mix of brutality and poetry, Swan Peak is a brilliant piece of work from an American master”, stellte der “Observer” treffend fest.

Der Roman, der auf ein furioses Finale hinausläuft, ist – wie gesagt – mit 571 Seiten höchst umfangreich. Da man ihn kaum aus der Hand legen kann, sollte man sich vor der Lektüre entsprechend Zeit einräumen.




HANAUER FOLKLORE – THE TWENS by Martin Compart
8. Juli 2021, 4:08 pm
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Jörn Rauser
ROCK´N ROLL TRASH: „The Twens“ Backstage

‎readmybook; 2000. Edition (1. April 2020)
Broschiert ; 120 Seiten
ISBN-10 ‏ 3000652957
ISBN-13 ‏ 978-3000652950

Mit 13 stieg er das erste Mal auf eine richtige Bühne – im Bierzelt auf dem Hanauer Lamboyfest. Er sang prophetisch zur Big Band-Begleitung „Grüß mir die Damen aus der Bar von Johnny Miller“. Bars und Damen sollten ihn die nächsten Jahre intensiv begleiten. Er stieg zu einem der führenden Frauenhelden Hanaus auf.

1957 enterte er an einem Sonntagnachmittag in der City Bar erneut die Bühne und intonierte mit den Rock Cats „Hello Josephine“. Auch Krawallmusik würde künftig sein Begleiter sein.

Spätestens jetzt war Jörn Rauser vorerst für eine bürgerliche Karriere verloren. Zwischen „Rock Around the Clock“ und dem Welterfolg der British Invasion hatte er nur noch Rock´n Roll (und was dazu gehört) in der Birne.

Im Juni 1958 trat er dann erstmals mit einigen Kumpels auf.
Sie nannten sich The Twens und wurden zu einer Rock´n Roll-Legende der Garnisonsstadt und hielten bis 1965 durch. Danach gab es immer mal wieder kurzfristige Reunions und Gastauftritte bei Hanauer Feierstunden und Gedenktagen.

Garnisonsstädte wie Hanau sorgten dafür, dass sich der Rock´n Roll in Deutschland einnistete und festsetzte wie eine unheilbare Krankheit, die Hütchenträger und Nylonkittelträgerinnen das Leben zur Hölle machte. Ein wenig Trost fanden die Alten damals nur, wenn sie in der Zeitung unter „Vermischtes“ lesen konnten, dass sich ein paar Halbstarke gegenseitig abgestochen hatten. Auch bei Jörn sorgte die Teufelsmusik dafür, dass er seine vielversprechende Ausbildung zum Zolldeklaranten abbrach. Wenn man nicht zu weit ging, ging man nicht weit genug.

2020 hat Rauser ein Buch geschrieben, in dem er launisch über seine wilde Zeit plaudert – von den Anfängen als Bass-Poser, über den Einsatz von Cuprex (eine Art Agent Orange für den Genitalbereich) gegen Filzläuse bis zum Ende der Karriere als Profimusiker.

Halb- und Unterwelt gehörten zum Milieu des Rock´n Roll. Genauso wie Girls, wüste Saufereien, Schlägereien, möglichst schnelle Autos, Ladendiebstähle, Groupies, Polizeikontrollen, Nachtklubs und Machogehabe.
Rauser erzählt darüber so manche nette Schote, etwa über Nuttenrivalitäten oder wegbegleitende Kumpels. Garniert hat er es mit vielen Fotos, die von den Girls brav gepixelt.
Das Buch bringt einem zwei bis drei Stunden Spaß aus einer Zeit, in der James Dean-Jacken und Blue Jeans (Nietenhosen) als Umweltverschmutzung eingeordnet wurden.



KLASSIKER DES POLIT-THRILLERS: JOSEPH R.GARBERS VERTIKALE MENSCHENJAGD by Martin Compart

Jeden Morgen vor Arbeitsbeginn genießt Dave Elliot die Stille seiner Chefsuite im 45. Stockwerk eines New Yorker Bürohauses. Doch an einem bestimmten Tag ist alles anders.

An diesem Tag versucht jeder, der Dave begegnet, ihn umzubringen. Sein Chef macht den Anfang, als er ihm mit durchgeladener Pistole und der festen Absicht, ihn zu erschießen, gegenübertritt. Und der 50stöckige Büro-Tower scheint zu wimmeln von Leuten, die nur eines im Sinn haben: Dave Elliots Leben auszulöschen.
Er hat 24 Stunden Zeit, um herauszufinden, warum…

Dave kämpft einen fast aussichtslosen Kampf gegen einen überlegenen Gegner, der alle Vorteile auf seiner Seite hat. In dieser Situation erwachen in ihm plötzlich wieder alle Instinkte und Überlebenstechniken aus seiner Zeit als Green Berets, die er längst vergessen zu haben glaubt. So eskaliert die höllische Verfolgungsjagd durch die Fahrstuhlschächte, Treppenhäuser und über die Fassade des Wolkenkratzers in einen erbarmungslosen Schlagabtausch zwischen den zahlenmäßig und technisch überlegenen Häschern auf der einen und dem Erfindungsreichtum und der Schnelligkeit des Opfers auf der anderen Seite.


Und es sind nicht nur die Verfolger, denen Dave Elliot sich stellen muss: es gibt da eine unbeglichene Rechnung aus der Vergangenheit, die jetzt fällig zu werden scheint

Piper Verlag
366 Seiten in unterschiedlichen Ausgaben

Dieser Roman liest sich schneller, als man DIE HARD gucken kann. Dave Elliot führt den Leser zu Orten, die John McLane nicht mal erahnen würde. Und dank Garbers gemeiner Prämisse (und schriftstellerischem Können), bleibt der Roman auch länger in Erinnerung.

There`s no time for sex in the book. Hell, there`s barely time for lust.
sagte einst der Autor.

DER SCHACHT steht ganz in der Tradition der großen Jagd-und-Flucht-Romane. Spätesten seit dem Alan Breck Stuart und David Balfour durch die Highlands gejagt wurden, gehört die Menschenjagd zu den großen Topoi der Thriller-Literatur. Garber – äußerst belesen – kannte das Genre gut: „I certainly had Hitchcock in mind when I wrote Vertical Run. And surely I was influenced by the late Geoffrey Household whose man-on-the-run thrillers are the best ever written (try his Dance of The Dwarves, which is the scariest novel I have ever read)… I framed it as the ultimate paranoid nightmare: suppose everybody in the world wants you dead.

Im Subtext geht es auch darum, dass Dave Elliot Männer bekämpft, zu denen er einst gehörte und nie wieder gehören wollte. Um sie zu besiegen, muss er wieder wie sie werden, ins Überwundene zurückkehren. Die ganze Handlung wird aus seiner Perspektive erzählt. Plot und Charakter interagieren auf eine erzählerisch höchst raffinierte Weise. Dass es funktioniert, zeigt Garbers ganze Klasse.

In Zeiten der Corona-Pandemie erreicht der Thriller wieder zusätzliche Aktualität:

ACHTUNG SPOILER: As for the surprise at Lockyear, I`ve always been aware of the incredibly ghastly experiments conducted by Shiro Ishii and Unit 731 during World War II. The Japanese army used Chinese civilians and both American and British POWs as lab rats in a horribly large number of unspeakable medical tests. All of this was covered up quite thoroughly by American war crimes investigators, and it struck me as obvious that the reason for the coverup was that our nation wanted to get its hands on the Japanese research results. Now, fifty-five years after the fact, we know that is precisely what happened.
Nach Garbers Überzeugungen und Erfahrungen beherrschen Verschwörungen nicht nur das Geschäftsleben, sondern auch – man glaubt es kaum! – politische Interessen.

In DER SCHACHT (VERTICAL RUN) beschreibt Garber eine vertikale Menschenjagd, in seinem Folgewerk, IM AUGE DES WOLFES, eine vertikale. Während Dave Elliot rauf und runter durch einen Wolkenkratzer gehetzt wird (wie Bruce Willis in DIE HARD nach Roderick Thorpes NOTHING LAST FOREVER), flüchtet Jack Taft horizontal durch eine ihm fremde Stadt (Singapur).

Die deutsche Ausgabe von VERTICAL RUN unterscheidet sich entscheidend von der englischsprachigen:
The principal difference between my original version and what was published in this country is that Dave died at the end of the original version — as did Marge. The publisher (hoping for a sequel, no doubt) and Warner Brothers both wanted them to live. Insofar as Warner Brothers was paying quite good money for the service, I added the scene in which Marge is discovered alive and rescued, and added a single page ending that keeps Dave alive. The Germans liked the original, darker version and, with my permission, published it. In the final analysis, I think keeping both characters alive was a good choice — it delivers extra surprises and lets readers close the book with satisfied grins on their faces.
Der damalige Piper-Boss, Viktor Nieman, hatte es eher mit düsteren Thrillern.

Es kam (bisher noch) nicht zur Verfilmung, noch zu einem Dave Elliot-Sequel.
Der Workaholic Garber starb 2005 im Alter von 61 Jahren an einem Herzinfarkt.

Joseph Rene Garber wurde am 14.August in Philadelphia in eine Soldatenfamilie geboren. Wegen der ständigen Versetzungen wurden Bibliotheken zur eigentlichen Heimat des Jungen. Er besuchte die University of Virginia, brach das Studium aber ab, um wie sein Vater zur Armee zu gehen. „I spent two years at the University of Virginia majoring in beer-drinking, a discipline for which little academic credit was awarded.” Anschließend ging er reumütig an die Hochschule zurück und schloss 1968 sein Studium der Philosophie erfolgreich ab. Er machte in der Wirtschaft eine Managementkarriere, die den Hintergrund seiner Romane bildet. In VERTICAL Run nutzte er sogar seinen alten Arbeitsplatz bei Booz Allen, 200 Park Avenue, als Handlungsort. Ein Schelm, der böses dazu denkt.

Seine Betrachtungen des Managements strotzen vor Zynismen. Nebenher hatte er immer geschrieben; u.a. war er Kolumnist für „Forbes“, wurde aber immer unzufriedener mit seiner Arbeit für große Wirtschaftsunternehmen. 1989 veröffentlichter er seinen ersten Roman, RASCAL MONEY. Eigentlich war er als Sachbuch (unter dem schönen Titel IN SEARCH OF SHABBINESS) angelegt, aber die Rechtsabteilung des Verlages hatte Bedenken und riet ihm Fiktion daraus zu machen. Mit seinem zweiten Buch, VERICAL RUN, 1995, hatte er zu seiner Überraschung einen internationalen Bestseller. Zwischen 1995 und 2020 wurden 40 Ausgaben in 13 Sprachen veröffentlicht; in Deutschland hatte das Buch bis 2002 acht Auflagen.

Garber war hochintelligent, hatte einen schrägen Sinn für Humor und galt als großzügig, was sich auch in der Unterstützung von Non-Profit-Organisationen ausdrückte.

I am a sharply sardonic person who usually looks for (and finds) humor in even the most ghastly circumstances. Keeping that out of serious books is probably my greatest single challenge as a writer.

Er war u.a. mit Tippi Hedren befreundet, mit der er auch die leidenschaftliche Tierliebe teilte.

Auf die Frage nach seinen Lieblingsautoren antwortete er:
I read omnivorously, so that’s an unfair question. Off the top of my head: Twain, Conrad, Hemingway, Iris Murdoch, John Fowles, Brian Moore, Ian McEwen, the authors of the Icelandic Sagas, Iain Banks, Terry Pratchett, Patrick O’Brian, Bernard Cornwall, Shusako Endo, Russell Hoban, Angela Carter, Barry Unsworth, Robert Stone, Thomas Pynchon, Robert Goddard, Geoffrey Household — and ten pages more.

Zum Abschluss noch eine nette Geschichte aus dem Vorfeld der Veröffentlichung des Romans:

There`s a cute story here: when she first got the manuscript, my agent put it in the trunk of her car prior to going upstate for the weekend. Then she drove to her office, parked outside, and dashed upstairs for a few minutes. By the time she got back (welcome to New York), the car had been burglarized, and the manuscript was gone.
The burglar dumped it (along with other stuff he didn`t want) on the street in Queens. A hairdresser found it, and read it over the weekend. On Monday he called my agent and told her that he had it, and would be happy to return it. She offered him a reward for his trouble. He declined. She insisted. To which he replied, “The only reward I want is a signed copy of the book, because it`s the best thriller I`ve ever read.” So my agent knew she had hit… and the hairdresser DEFINITELY got a signed copy.