Martin Compart


NEUES AUS DER BAKERSTREET by Martin Compart

Bücher über Sherlock Holmes füllen ganze Bibliotheken. Über keinen anderen fiktionalen Charakter (außer Hamlet) wurde mehr Sekundärliteratur produziert als über den koksenden Meisterdetektiv aus der Baker Street. Seine anhaltende Faszination hat mehrere Antriebe. Der ursächlich entscheidende für mich ist, das Conan Doyle mit ihr eine Synthese aus Aufklärung und Romantik geschaffen hat, die bis heute unser Lebensgefühl trifft und deshalb auch immer wieder sensibel und intelligent zu aktualisieren ist.

Kann da ein neues Buch noch irgendwas neues berichten? Mattias Boströms 600-Seiten-Schinken VON MR.HOLMES ZU SHERLOCK kann. Und das aus mehreren Gründen:

– bei der multimedialen Verwertung von Sherlock, die nun über 100 Jahre andauert, ist kein Ende in Sicht;

– der Autor trägt Fakten zusammen, die ansonsten nur in Publikationen zu Einzelaspekten zu finden sind.

Das Negative zuerst: Der Autor berücksichtigt kaum oder gar nicht die apokryphen Schriften des Holmes-Mythos der zahlreichen Autoren nach Conan Doyle Außerdem vermindert sich nach 1970 die vorher so großartige detailgenaue Darstellung (was um so ärgerlicher ist, da die 3. Sherlock-Renaissance in diesem Jahr eingeläutet wurde und bis heute trägt. Der Grund dafür ist wahrscheinlich der Umfang. Hätte Boström beide Aspekte ausführlich behandelt, wäre das Buch gut dreimal so umfangreich geworden.

Trotzdem gehört es zu den besten Büchern über das Phänomen, das ich kenne. Das liegt vor allem an dem sowohl akribischen- wie unterhaltsamen Stil des Autors, der ganz nahe an Protagonisten oder Situationen heran geht und diese lebendig macht wie ein guter Romancier. Ihm gelingt es, die mediale Verwurstung der Figur genauso spannend darzustellen wie eine Sherlock Holmes-Geschichte. Der 1971 geborene schwedische Autor ist Mitglied der Baker Street Irregulars, der ältesten und angesehensten Gesellschaft von Holmesianern. Sie wurde 1934 von Christopher Morley gegründet und zählte zu ihren Mitgliedern prominente Leute wie Isaac Asimov, Anthony Boucher, Neil Gaiman oder Rex Stout.

Für jeden, der einen ersten umfassenden Überblick über eines der größten und langlebigsten kulturellen Monstren aller Zeiten lesen möchte, ist dies das richtige Buch. Und auch ausgewiesene Kenner des Phänomens werden es beglückt lesen, da Boström oft vergessene Details ausgräbt und neu gewichtet oder klassische Momente, wie die Begegnung zwischen Conan Doyle, seinem künftigen US-Verleger und Oscar Wilde, vermittelt, als wäre man persönlich zugegen.



NOIR-WESTERN: JOE R.LANSDALEs DAS DICKICHT by Martin Compart
30. Juni 2016, 8:03 am
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Das Dickicht von Joe R Lansdale

Das Dickicht von Joe R Lansdale

 

https://www.amazon.de/Das-Dickicht-Joe-R-Lansdale/dp/3453676777/ref=sr_1_3?s=books&ie=UTF8&qid=1467273865&sr=1-3&keywords=joe+lansdale

 

Das hat man doch alles schon x-Mal gelesen oder gesehen:

Die Schwester des Helden wird von Schurken entführt und der Held stellt daraufhin ein Wild Bunch zusammen, mit dem er die bösen Jungs verfolgt bis zum Showdown in einer möglichst schaurigen Umgebung.

Denkt man.

Und dann kommt Joe R.Lansdale daher und erzählt diese Geschichte, wie man sie eben doch noch nie gelesen oder gesehen hat. Es ist seine Version von TRUE GRIT, einem Schlüsselroman des Noir-Westerns.

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Angefangen beim Ich-Erzähler. es ist ein weiterer Spät-Western oder Heimatroman (er spielt ca.915), dessen Held ein Junge an der Schwelle zum Erwachsenwerden ist. Lansdale hat wieder seine „Mark Twain-Stimme“ und berichtet, wie zuvor in THE BOTTOMS, EDGE OF DARK WATER oder A FINE DARK LINE, über die Vergangenheit seiner Heimat Ost-Texas als Western. Authentisch, noir und mit einer berauschenden Sprache beschreibt er die Düsternis der glorreichen Vergangenheit eines Teilstaates der USA, der eher zum Süden, wie Louisiana gehört, als zum Südwesten wie Texas. Damit streift er auch immer wieder „Gothic-Themen“ (nicht von Ungefähr schrieb Lansdale Weird Western wie die Comic-Serie JONAH HEX). „A glory that costs everything and means nothing“, wie Steve Erickson sagte.

Die Schurken des Buches gehören zu den übelsten der jüngeren Noir-Literatur. Ihre Bösartig erwächst genau daraus, was der Western als amerikanische Ideologie so gerne verkündet: die rücksichtslose Durchsetzung eigener Interessen, die weder vor Tötung noch Sabotage des Allgemeinwesens zurück schreckt.  Wobei das hier geschilderte Allgemeinwesen auch nicht gut davon kommt .Die Lynch-Szene, die der junge Protagonist beobachtet, zeigt die Stadtbewohner kaum weniger barbarisch als die Outlaws,

Lansdale gehört zu den kraftvollsten Stimmen der US-Literatur und nur wenige andere haben ein ähnlich breites Spektrum: SF, Fantasy, Crime, Western, Horror. In allen von ihm gewählten Genres schreibt er Herausragendes.

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Dieser Roman gehört zu seinen besten. Alles ist da, was man von Lansdale erwartet: Knallige Dialoge, aberwitzige Charaktere, beängstigende Naturbeschreibungen und ein flüssiger Stil, dessen Feinheit leicht erscheint, da er das rasante Tempo voran treibt. Nebenbei lässt er seine Figuren anregend und charakteristisch über Gott und die Welt philosophieren. Für seinen intelligenten Witz ist der Autor hinreichend bekannt. Cormac McCarthy behält immer eine gewisse Distanz zum Leser; Lansdale saugt ihn auf und zwingt ihn in seinen Kosmos, gibt ihm keine Chance, aus dem Buch auszusteigen.

Eine der Wurzeln der Noir-Literatur ist die Hard-boiled Novel, Diese hat wiederum einiges dem Western-Genre zu verdanken. Eine Beziehung zwischen Noir und Western ist naheliegend und gibt es schon länger, auch wenn das außerhalb des Medium Films seltener geschah. Neuere Autoren wie Tom Franklin oder James Carlos Blake haben den Noir-Western neue Popularität verschafft – dazu demnächst mehr.

 

Als Anhang mein altes Lansdale-Nachwort aus DUMONT NOIR Bd.23 SCHLECHTES CHILI. Einiges ist inzwischen veraltet, und die Bibliographie natürlich nicht auf dem neuesten Stand.

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DER MANN AUS TEXAS

„Das Blöde ist, die Leute denken, wenn sie meine Bücher lesen: So läuft das also in Texas. Aber das stimmt nicht. Es sind Romane. Wenn ich über Maine schriebe, würde ich über die dortigen bösen Buben schreiben. Verdammt nochmal, ich bin Kriminalschriftsteller und kein Angestellter des Touristenverbandes. Ich suche mir die Bereiche der menschlichen Natur aus, die ich beleuchten will. Das heißt doch nicht, daß in Texas an jeder Ecke ein Rassist oder ein brutaler Redneck lauert. Aber man kann es natürlich auch nicht verschweigen. Das Böse lauert überall in den USA“, sagt Joe R.Lansdale und sieht dabei aus wie die Idealbesetzung für sein alter ego Hap. Kein Kerl, der sich von einem Dorfschläger ungestraft ein Bier über den Kopf schütten läßt. Lansdale ist ein echter tough guy, der in seinem Leben oft die dornigen Straßen gewählt hat, und für den Überleben auch Kampf ist. Und er ist ein Mann von Ehre: „Wenn es keine Guten in dieser Welt gäbe, die aufstehen und sich gegen das Böse stellen, wäre alles noch schlimmer. Die paar Aufrechten sorgen dafür, daß der Scheck nicht platzt.“ Dabei hilft dem Schwarzgurt natürlich auch, daß er seit über dreißig Jahren Kampfsport betreibt. Wenige andere Autoren in der zeitgenössischen amerikanischen Literatur haben das Ohr so dicht am bösen Herzen Amerikas.

image004[1]Kaum ein Autor zeigt so unsentimental und konsequent wie sich das Böse in God’s Own Country eingeschlichen und festgesetzt hat. Und das erschreckendste dabei: Seine Figuren sind dreidimensional, absolut lebenswirklich und keine dumpfen Horrorgestalten. Lansdale läßt den Leser zwar nicht unbedingt an jeder Entwicklung seiner Schurken teilhaben, aber er verharmlost sie auch nicht als Comic-Bösewichter. „Das Böse besteht für mich darin, wie Menschen miteinander umgehen. Dummheit und sogar Gemeinheit müssen nicht unbedingt wirklich böse sein. Gemeinheit kann natürlich tief böse sein. Selbst dumme Menschen können böse Handlungen begehen. Das Böse kommt von innen, und die Art und Weise, wie man als Kind behandelt wurde, hat viel damit zu tun. Ich denke aber auch, daß eine bestimmte genetische Disposition genauso wichtig ist. Durch eine bestimmte Sozialisation kann die aktiviert werden. Wenn man einem Kind kein Mitgefühl vermittelt, wird es nie mitfühlen lernen. Ich bin davon überzeugt, daß es Menschen gibt, die ohne die Fähigkeit zum Mitfühlen geboren werden. Ihnen fehlt die genetische Disposition. Manche Leute sind so intensiv Ich-bezogen, daß sie andere nicht mal als Lebewesen wahrnehmen. Schlecht gepolt. Und die können sehr, sehr böse sein.“

An Gerechtigkeit glaubt er sowieso nicht mehr; jedenfalls nicht, was ihre Durchsetzung durch staatliche Strukturen, die er als verrottet analysiert, angeht. „Klar ist da auch Vigilantismus in meinen Romanen. Hap und Leonard überschreiten diese Grenzen zur Selbstjustiz. Ich bin aber kein Anhänger des Vigilantentums. Eher ein Anhänger simpler alttestamentarischer Moral. Es ist nun mal so, daß korrupte Bullen oder einflußreiche Gangster über dem Gesetz stehen. Bei mir geht es um Fegefeuer und Verdammnis. Naja, Pistolenfeuer und Verdammnis.“

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Joe Richard Lansdale wurde am 28.Oktober 1951 in Gladewater, Texas geboren. Eine ehemalige Öl-Stadt, die nach dem Boom völlig herunterkam. „War ein verdammt harter Ort zum Leben.“ Dort und in Mount Enterprise wuchs er auf. Sein Vater hatte während der Depression als Kirmesboxer den Lebensunterhalt verdient und vermittelte dem Sohn eine eiserne Arbeitsethik. Obwohl seine Eltern keine gebildeten Leute waren, ermutigten sie den Sohn, der sich zu einer Leseratte entwickelte und als Junge schon Geschichten schrieb. „Ich saß rum und las im Wörterbuch. Ich las die Bibel und die Werke Shakespeares. Natürlich auch Lone Ranger- und Superhelden-Comics. Edgar Rice Burroughs, und ungefähr mit vierzehn entdeckte ich die Noir-Romane der Gold Medal-Reihe.“ Noch auf der High School arbeitete er nebenher als Müllmann. Er studierte in Austin und Nacogdoches an der University of Texas mit Unterbrechungen, in denen er mit allen möglichen und unmöglichen Jobs Geld verdiente, unter anderem als Ziegenzüchter und Feldarbeiter. Wie Hap schlug er sich mit den unterschiedlichsten Jobs durch: Saisonarbeiter auf den Farmen, Industriearbeiter oder als Handlanger für Klempner und Teppichleger. „Ich habe alle Jobs gemacht, die auch Hap hatte. Er hat viel von mir. Er ist so wie ich, wenn ich etwas weniger ambitioniert wäre und ein paar blöde Fehler mehr gemacht hätte. Natürlich hat auch Leonard Aspekte von meiner Persönlichkeit. Man kann nicht über jemanden schreiben, der nichts von einem selbst hat. Egal ob es ein Ganove oder eine Frau ist. Aber Leonard basiert auch auf einigen Leuten, die ich kenne.“lansdale_joe_r[1]

Neben seinen miesen Jobs schrieb er. Lansdale war ein aktiver Gegner des Vietnamkrieges und wollte eher ins Gefängnis gehen, als für die Interessen des militärisch-wirtschaftlichen Blocks in Südostasien Leute zu ermorden oder selbst ermordet zu werden. Ein wohlmeinender Arzt schrieb ihn untauglich, so blieb ihm im Gegensatz zu Hap das Gefängnis erspart. „Eigentlich war das ein harter Knochen. Aber vielleicht hatte er zuviele Jungs rübergeschickt und in Leichensäcken zurückkommen sehen.“ 1970 heiratete er zum ersten Mal und wurde zwei Jahre später geschieden. 1973 heiratete er Karen Ann Morton, die er an der Universität kennengelernt hatte. Gemeinsam mit ihr gab er die Kurzgeschichtensammlung DARK AT HEART heraus. Mit Sohn und Tochter leben die Lansdales in Nacogdoches, 32260 Einwohner.

Pulpmaster_Berlin_06[1]Schon als Kind hatte er Schriftsteller werden wollen, und 1981 machte er seinen Traum war und wurde hauptberuflicher Autor. „Ich war ein Hausmann. Wenn meine Frau als Dispatcher der Feuerwehr arbeitete, saß ich daheim, hütete meinen Sohn und schrieb. Er schlief kaum, und ich konnte nur in zwanzig Minuten Intervallen schreiben. Einiges von dem Zeug war wirklich fürchterlich, und ich bekam tausend Ablehnungsschreiben.“ Wie Kollege Loren D.Estleman einmal richtig bemerkte: „Erfolg ist eine Frage des Portos.“ Im selben Jahr erschien sein erster Romasn ACT OF LOVE. Es war sein erster Noir-Thriller und ein Blick in die Psyche eines Serienkillers, lange bevor Serial killer-novels zu einem breitgetretenen Subgenre wurden. Das Buch ist hart, rücksichtslos und gilt einigen Fans, wie Bill Crider, als Lansdales am besten konstruiertes Buch. „Ich will den Tod nicht trivialisieren. Manche Szenen sind so brutal, weil ich die Gewalt nicht verharmlose. Ich war früher in einige Schlägereien verwickelt und weiß, was Gewalt bedeutet. Das heißt nicht, daß ich mich gerne prügele. Ganz im Gegenteil: Ich hoffe, ich werde nie wieder eine gewalttätige Auseinandersetzung erleben.“grlg[1] Zuvor hatte er bereits zahlreiche Kurzgeschichten in semi-professionellen Magazinen, sogenannten Fanzines, veröffentlicht. Berühmt wurde er in den 80er Jahren aber vor allem durch seine Kurzgeschichten, besonders seine Horror-Stories. „Wenn der Kontostand sich bedenklich senkte, lieh ich mir ein billiges Horror-Video aus. Meine Frau machte Popcorn, und ich setzte mich damit vor den Rekorder. Jedesmal, wenn ich das Popcorn aß und einen miesen Film sah, bekam ich die unglaublichsten Wachträume und Ideen für Stories. Wahrscheinlich lag es an dem Fett.“

Lansdale schrieb eine große Anzahl von Horrorgeschichten, die wirklich Angst machen. Seine besten gehören zum Allerbesten was in diesem Genre je geschrieben wurde. Da hat er wohl gelernt, wie man eine Atmosphäre aufbaut, die dem Leser Schweißperlen auf die Stirn treibt und den Herzschlag erhöht. Mit traumwandlerischem Gespür weiß er genau, was er beschreibt und – oft noch wichtiger – was er weglassen muß, um den Leser an der Gurgel zu packen und durchzuschütteln. Lansdale-Lektüre ist eine gute Diät: Man verliert Gewicht dabei. Für Furore sorgte er am Anfang seiner Karriere in der Splatter-Punk-Szene, für die er ultrabrutale und gnadenlos geschmacklose Stories schrieb, die jeden Vergleich mit Clive Barker aushalten. Aber es wäre zu kurz gegriffen, ihn auf den reinen Splatter-Punk zu reduzieren. Lansdale experimentierte schon früh mit cross-overs und schrieb einige beeindruckende Synthesen aus Western und Horror wie den Roman THE MAGIC WAGON. Lovecraft meets Louis L’Amour.

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1988 erhielt er für THE NIGHT THEY MISSED THE HORROR SHOW den Bram Stoker Award, ein Jahr später für die Novelette (Kurzroman oder Novelle) ON THE FAR SIDE OF THE CADILLAC DESERT WITH DEAD FOLKS ebenfalls. Lansdale, der ein typisches Multimedia-Kind der Swinging Sixties ist, interessierte sich immer auch für Comics (darin ist er Max Allan Collins ähnlich) und nahm begeistert das Angebot des DC-Verlages (SUPERMAN, BATMAN) an, für die mit Horrorelementen durchsetzte Serie JONAH HEX zu schreiben. Für die Episode TWO GUN MOJO wurde er 1994 ebenfalls mit dem Bram Stoker Award ausgezeichnet. 1997 dann nochmals für die Novelle THE BIG BLOW. Außerdem erhielt der ehemalige Vizepräsident der Horror Writers of America noch den British Fantasy Award und den American Mystery Award. Die JONAH-HEX-Geschichte RIDERS OF THE WORM AND SUCH verursachte eine rechtliche Auseinandersetzung: Die Bluesmusiker Johnny und Edgar Winter verklagten den DC-Verlag, weil in dem Comic zwei „halb-menschlich, halb Wurm“-Albino-Bösewichter mit den Namen Johnny und Edgar Autumn ihr Unwesen trieben. Der Comic Book Legal Defense Fund kam zu Hilfe und berief sich auf das Recht auf freie Rede. „War eine Satire über Gestalten aus der Öffentlichkeit“, grinst Lansdale, der damit einmal mehr die Grenzen des guten Geschmacks hinter sich gelassen hatte. 1994 drehte James Cahill auf Video eine 20 Minuten lange Version von DRIVE-IN DATE, zu der Lansdale das Drehbuch schrieb.

Zu den Autoren, die ihn beeinflußt haben, zählt er Richard Matheson, Dean R.Koontz, Evan Hunter und Flannery O’Connor. „Von Edgar Rice Burroughs habe ich gelernt, wie wichtig das Tempo für einen Roman oder eine Novelle ist. Auch Kipling, Jack London, Mark Twain, Conan Doyle oder Max Brand wußten das. Eine ganze Reihe von Autoren haben mir etwas gegeben. Darunter William Goldman, T.V.Olsen, Ray Bradbury, Jack Finney, William F.Nolan, Robert Bloch, Harry Crews, Raymond Chandler, Hammett, James M.Cain, Gerald Kersh, Harlan Ellison, Pete Hamill, William Kotzwinkle… Ich könnte die Liste endlos fortsetzen. Außerdem bin ich natürlich vom Kino, Radio, Fernsehen und Comics beeinflußt.“ 1996 beendete Lansdale ein Fragment seines Idols Burroughs zum Roman TARZAN: THE LOST ADVENTURE.

„Ich bin ein Regionalist. Ich schreibe fast ausschließlich über Osttexas. Ich sehe mich aber auch in der Tradition von Jack London und Mark Twain: als Unterhaltungsautor, der auch etwas über die Welt zu sagen hat. Ich meine damit nicht, daß ich in derselben Liga wie London oder Twain spiele, aber ich eifere ihnen nach und habe dieselbe Zielsetzung. Ich sehe mich nicht als Nihilist oder Existentialist. Das interessiert mich gar nicht. Aber eher bin ich existentialistisch orientiert als nihilistisch, obwohl ich natürlich nihilistische Charaktere beschreibe. Ich sehe mich als eine Kombination aus Realismus und Humanismus.“

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Der erste Hap & Leonard-Roman SAVAGE SEASON ist eine Abrechnung mit den 60er Jahren. „Ich wollte in einem Buch darstellen, was aus den Idealen dieses Jahrzehnts geworden ist. Es gab damals einen Moment, als wir glaubten, wir könnten Utopia errichten. Wahrscheinlich war das immer nur eine mythische Vorstellung, aber wir waren jung genug, um zu glauben, daß alles möglich sei und wir wirklich die Welt verändern könnten.“ Der Roman ist ein harter, schwarzer Thriller und eine Meditation über den langsamen Tod des 60er Jahre-Idealismus. Hap ist den Idealen der 60er treu geblieben, aber kein blauäugiger Idealist. Der Pragmatiker Leonard, geprägt durch die Black Experience, hat als Vietnamveteran die Swinging Sixties aus einer weniger romantischen Perspektive erlebt und neigt nicht im geringsten zur Verklärung. Daß Leonard Pine ein schwarzer Homosexueller ist und Hap hetero, macht die Freunde zu einem der ungewöhnlichsten Duos des modernen Noir-Romans. „Ich habe immer gegen die Trends im Buchgeschäft gearbeitet. Und jedesmal nach einigen Jahren festgestellt, daß sich das Klima in meinem Sinne geändert hat. Leider habe ich nie davon profitiert. Heute sieht man schwule Charaktere ganz selbstverständlich und nicht diskriminiert in Büchern, Comics, Filmen oder Fernsehserien. Eine Menge schwuler Leser haben mir geschrieben, daß sie Leonard mögen, weil er keine Stereotype ist. Ich bin sehr stolz auf dieses Urteil.“

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Hap und Leonard waren nicht als Serienprotagonisten geplant. „Ich wollte kein weiteres Buch über Hap und Leonard schreiben. Als ich MUCHO MOJO begann, funktionierte das Buch nicht. Erst als ich Hap und Leonard in die Geschichte einbaute, klappte es. Meine Agentin meinte, ich solle nicht weiter über diese Typen schreiben und das Buch nicht veröffentlichen. Also legte ich es zehn Monate in die Schublade und schrieb irgendeinen Mist. Dann sagte ich mir: So läuft das nicht. Ich schreibe, was ich schreiben will. Ich feuerte meine Agentin und schrieb das Buch fertig.“51p3KTB2FbL._AC_UL320_SR206,320_[1]

Während SAVAGE SEASON noch sehr stark plotorientiert war, lehnte sich Lansdale bei diesem Buch entspannt zurück und ließ Hap übernehmen. James Crumley sagte über den Roman: „Nicht nur ein großartiger Kriminalroman voller unerwarteter Wendungen, sondern auch der beste Roman, den ich über die Freundschaft zwischen einem Schwarzen und einem Weißen gelesen habe.“ Der dritte Roman, THE TWO-BEAR MAMBO, wurde von David Lynch unter Filmoption genommen und „brachte mir mehr Geld, als ich in fünf Jahren zusammen verdient hatte“. Auch sein Horror-Western DEAD IN THE WEST wurde unter Filmoption genommen: von Dark Horse Entertainment (THE MASK). COLD IN JULY wurde von Regisseur John Irvin gekauft. „Ich weiß nicht, ob sie je einen Film daraus machen. Erst werden sie eine Yankee-Story daraus machen und dann die Handlung nach Kalifornien verlegen. Und dann stellen sie fest, daß dieses Ding nicht funktioniert, denn es kann nur in Texas funktionieren.“ Der Roman ist – wenn man überhaupt einen Vergleich wagen will – eine Art Höllenversion von John D.MacDonalds THE EXECUTIONERS (CAPE FEAR). In TWO-BEAR MAMBO führt Hap und Leonard der Weg ins fiktive Grovetown, die wahrscheinlich übelste Rassistenstadt der amerikanischen Kriminalliteratur. „In Texas gibt es einen Ort namens Vidor, der dafür ein bißchen Modell gestanden hat. Da gibt es sogar eine Buchhandlung des Ku Klux Klan. Der Ort ist nicht typisch für Texas. Die Leute denken oft, wir fahren hier mit pick-ups und Gewehren durch die Gegend. Stimmt nicht. Heute ist der Klan nur noch eine kleine Gruppe und selbst durchschnittliche Rassisten halten die Klan-Mitglieder für Feiglinge. Aber Vidor ist eine Ausnahme. Als ich dort war, war ich wirklich erstaunt. Es gibt keine Schwarzen in Vidor. Ich konnte kaum glauben, daß es so einen Ort gibt.“

Lansdale arbeitet jeden Tag fünf bis sechs Stunden als Schriftsteller (immer nur ein Projekt, nie gleichzeitig an verschiedenen), bevor er abends in seinem vom Honorar für TWO-BEAR MAMBO gekauften Studio Kampfsport unterrichtet.

DieInspiration für seine Romane und Erzählungen kommt aus den unterschiedlichsten Quellen. Die Initialzündung für SCHLECHTES CHILI lieferten die lokalen Nachrichten: „Es gab in Texas einige Schwulenmorde. Einer passierte in Tyler, eine Gegend, in der ich aufwuchs. Ich verfolgte im Fernsehen die Berichterstattung und mir kamen einige Ideen… Klar, Hap und Leonard brauchen Geschichten, die in Texas spielen. Sonst funktionieren sie nicht.“ Trotz des überragenden Erfolges seiner Hap & Leonard-Romane will Lansdale auch künftig in unterschiedlichen Genres arbeiten: „Ich habe nicht vor, ausschließlich Kriminalromane zu schreiben. Ich habe auch nicht vor, sogenannte literarische Sachen zu schreiben. Ich glaube, daß – egal was für ein Genre – jedes gute Buch automatisch gute Literatur ist.“

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Bibliographie (bis 1998):

ACT OF LOVE (deutsch bei Mass Verlag, Berlin), New York: Zebra, 1981.

TEXAS NIGHT RIDERS (als Ray Slater), New York: Leisure, 1983.

DEAD IN THE WEST, New York: Space and Time, 1986.

THE MAGIC WAGON, New York: Doubleday, 1986.

THE NIGHTRUNNERS (deutsch als rororo 22224, 1998), Illinois: Dark Harvest, 1987.

THE DRIVE-IN: A B-MOVIE WITH BLOOD AND POPCORN (deutsch bei Pulp Master, Berlin), New York: Bantam, 1988.

COLD IN JULY (KALT BRENNT DIE SONNE ÜBER TEXAS, rororo 13768, 1997), New York: Bantam, 1989.

BY BIZARRE HANDS (Stories), Kalifornien: Ziesing, 1989.

SAVAGE SEASON, Kalifornien: Ziesing, 1990.

THE DRIVE-IN 2: NOT JUST ONE OF THEM SEQUELS, New York: Bantam, 1990.

STORIES BY MAMA LANSDALE’S YOUNGEST BOY (Stories, Oregon: Pulphouse, 1991.

ON THE FAR SIDE OF THE CADILLAC DESERT WITH THE DEAD FOLKS (Stories), Colorado: Roadkill Press, 1991.

THE STEEL VALENTINE (Stories), Oregon: Pulphouse, 1991.

BATMAN: CAPTURED BY THE ENGINES, New York: Warner, 1991.

STEPPIN‘ OUT, SUMMER ’68. (Stories) Colorado: Roadkill Press, 1992.

BATMAN: TERROR ON THE HIGH SKIES (Kinderbuch), Boston: Little Brown, 1992.

TIGHT LITTLE STITCHES ON A DEAD MAN’S BACK (Stories), Pregon: Pulphouse, 1992.

DRIVE-BY (mit Andrew Vacchs und Gary Gianni), Massachusetts: Crossroads Press, 1993.

MUCHO MOJO (TEXAS BLUES, rororo 13767, 1996), New York: Mysterious Press, 1994.

WRITER OF THE PURPLE RAGE (Stories), Baltimore: CD Publications, 1994.

ELECTRIC GUMBO (Stories), Quality Paperback Book Club, 1994.

THE TWO-BEAR MAMBO (MAMBO MIT ZWEI BÄREN, rororo 13958, 1997), New York: Mysterious Press, 1995.

TARZAN’S LOST AVENTURE (mit Edgar Rice Burroughs), Dark Horse, 1996.

A FISTFUL OF STORIES (Stories)

ATOMIC CHILI: THE ILLUSTRATED LANSDALE (Stories)

THE GOOD, THE BAD, AND THE INDIFFERENT (Stories)

BAD CHILI (SCHLECHTES CHIL, DuMont Noir 23, 2000), New York: Mysterious Press, 1997.

RUMBLE TUMBLE , New York: Mysterious Press, 1998.

https://www.amazon.de/s/ref=nb_sb_noss_2?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&url=search-alias%3Dstripbooks&field-keywords=joe+Lansdale

 

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NEWS: HÖRBÜCHER by Martin Compart
29. April 2016, 5:54 pm
Filed under: FLASHMAN, Hörbücher, NEWS, Rezensionen | Schlagwörter: , ,

Im FLASHMAN-BLOG (https://compartsflashman.wordpress.com/)neu über SHARPE-Hörbücher.
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CASH FROM CHAOS – 70s RELOADED by Martin Compart
19. April 2016, 9:32 am
Filed under: MUSIK, Rezensionen | Schlagwörter: , , , , ,

Nichts interessiert mich weniger als die Sex Pistols – habe ich gedacht. Dann bekam ich die deutsche Ausgabe des Buches von Jon Savage über die Pistols in die Hand (natürlich aus der Edition Tiamat). Savage gehört zu den großen Analytikern der Pop-Kultur und kann gar nichts schreiben, was mich nicht interessiert.
ENGLAND DREAMING liegt nun sogar bei uns in einer dritten Auflage vor. Die Originalausgabe erschien 1991 und Edition Tiamat verlegt die erste deutsche Ausgabe 2001. Bisher hatte ich mich um die Lektüre gedrückt (weil ich ein bisschen blöde bin). Inzwischen gilt das Buch zu Recht als ein Klassiker, der Punk historisch einordnet und Strukturen und Wurzeln vermittelt („1968 wurde aus einer ästhetischen Haltung eine politische Geste.“). Mit diesem Buch hatte sich Savage als Pop-Historiker etabliert – durchaus auf einem Level mit Schwergewichten wie Greil Marcus oder Nick Tosches. Zu seinen Stärken zählt die Überschneidungen und Verwischungen zwischen Pop-Kultur und vermeintlicher Hoch-Kultur deutlich zu machen. Damit demontiert er den betonierten bürgerlichen Kanon. In einem Interview sagte er , dass sich Goethes LEIDEN DES JUNGEN WERTHER teilweise wie Texte von Morrissey lese. Wenn Savage als eine der Wurzeln des Punk den Situationismus bloßlegt, macht er einmal mehr klar, dass Punk kein isoliertes musikalisches Phänomen war, sondern in der Aufklärung ankert.

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http://www.amazon.de/Englands-Dreaming-Anarchie-Pistols-Diabolis/dp/3893202064/ref=asap_bc?ie=UTF8

Sein Buch TEENAGE – THE CREATION OF YOURH 1875-1945 (deutsch bei Campus,, 2008) ist ebenfalls eine kulturhistorische Betrachtung, die neue Perspektiven eröffnet.
ENGLAND DREAMING beschreibt auch das letzte Aufgebot, bevor die Neo-Cons den Sozialstaat demontierten. Ohne sentimental oder nostalgisch zu sein, berichtet Savage eine Epo9che in der trotz aller Verwerfungen eine Freiheit möglich war, die heute unvorstellbar ist. Eine Rehabilitierung der 1970er, gespickt mit klugen Beobachtungen und voller wahnwitziger Anekdoten. Die große kommentierte Discographie des voluminösen Buches ist ebenfalls voller verblüffender Einsichten.
1978 war die Nachkriegszeit endgültig vorbei. Punk hat die Musikindustrie nicht zerstört und ihr weniger zugesetzt als das Internet. Aber Punk hat neuen Formen und Bands Tore aufgebrochen.

P.S.: Es ist mir unverständlich, dass noch kein deutscher Verlag die beiden Autobiographien von Andrew Loog Oldham (STONED und 2STONED) veröffentlicht hat); die gehören zu den  brutalsten, ehrlichsten und witzigsten Büchern über den Rock und die 60er überhaupt. Absolute Knaller!



NACHLESE 2015 von Andreas Winterer by Martin Compart
14. Januar 2016, 12:11 pm
Filed under: Andreas Winterer, Nachlese 2015, Rezensionen | Schlagwörter: ,

61pp5I3G+CL._UX250_[1]1. Fiction:

Da war nichts interessantes dabei.
2. Non-Fiction.
Auch nicht.
3. Filme
Bond? Nö, keinen Bock mehr. Mit großem Genuss schaute ich mir lieber Liam Neesons dritten Taken-Film an: ein Aufguss zwar, und leider versöhnlicher als die schön schamlos brutalen Teile 1 und 2, aber immer noch prima dümmlicher Action-Quark ohne jeglichen Sinn und Verstand. „Star Wars“ war gerade noch okay, aber halt nur ein mutloser Aufguss – Angst und Furcht führten hier zu innovationslosesten Seite der Macht und zu „noch einem Todesstern“; jenseits des armseligen Drehbuchs fiel noch auf, dass die beiden Bösewichter sich an grottenpeinlich inszenierter Lächerlichkeit übertrafen. Dass nun aber auch der „neue Darth Vader“ vor Gefühlsduseligkeit greint, ist irgendwo auch zeitgemäß, ebenso die eklige Anbiederung an alte und neue Zuschauer. Hassen sollte man Star Wars 7 dennoch: Weil der Film ohne echten Grund Han Solo auf völlig unwürdige Weise gekillt hat. Immerhin bietet die enttäuschte Reaktion der SW-Fans auf den Umstand, dass die nunmehr knapp 60jährige Prinzessin Leia im Bikini nicht mehr als Primärwichsvorlage für Spät- und Nachpubertierende taugt, eine gute Gelegenheit, sich von diesem ganzen Flucht-in-die-Fantasy-Fandom und Hollywoods allgemeinem Peter-Pan-Syndrom zu distanzieren.
https://www.youtube.com/watch?v=-fblra78zdg
3b. Serien
Das einzige Kulturgut, dass man derzeit konsumieren kann. „Hemlock Grove“ ist das interessanteste, was je im Umfeld ‚Was mit Vampiren & Werwölfen‘ gemacht wurde. „Penny Dreadful“ entwickelte sich in Staffel zwei zu einem echten Knaller. Aber der wirkliche Sensation ist „Jessica Jones“, die man sich sogar dann ansehen kann, wenn einem die Superhelden-Gülle eigentlich schon zum Hals raushängt. Mutig in zahlreichen Entscheidungen ist das eine Serie, die man sich nicht einfach rein-bingen kann wie die üblichen Stream-Burger, sondern jede nächste Folge lieber aufhebt, damit man sie noch vor sich hat. Gerne würde ich sowas über die allenthalben gehypte Dick-Verfilmung „The Man in the High Castle“ sagen, aber leider hab ich mir da beim Gähnen den Kiefer ausgerenkt. Dann doch lieber „Fallout 4“ spielen…
https://www.youtube.com/watch?v=s3UYWK2jeX0
https://www.youtube.com/watch?v=ZLDFVVCNNG8


NACHLESE 2015 by Martin Compart
4. Januar 2016, 6:21 pm
Filed under: Nachlese 2015, Rezensionen | Schlagwörter: ,

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OLIVER NÖDING:

Buch 2015

Für Romane fehlt mir meist die Muße und ich verfolge den Markt auch nicht mehr genau genug, um auf dem neuesten Stand zu sein. Das Buch, das mir 2015 am meisten Freude bereitet hat, ist daher schon etwas älter: „Hellraisers: The Life and inebriated times of Richard Burton, Richard Harris, Peter O’Toole and Oliver Reed“ von Robert Sellers ist eine locker-flockige Anekdotensammlung, die sich mit den Exzessen der genannten Legenden beschäftigt. Es wird gesoffen, geprahlt, geprügelt und abgestürzt auf den wie im Flug vorüberziehenden Seiten, dass es eine wahre Freude ist. Da bedauert man einmal mehr, dass heutige Stars von einem ganzen Beraterstab überwacht werden und nach den selten gewordenen Fehltritten so sicher wie das Amen in der Kirche der wohlfeil formulierte Entschuldigungstweet folgt. Die vier Helden des Buches hingegen wussten immer, was sie taten, selbst, wenn sie es nicht mehr wussten – und haben auf die Meinung des Publikums und der Kritiker stets einen großen, respektlosen Haufen geschissen. Schönste Episode: Harris entdeckt nach der Entgiftung im fortgeschrittenen Alter, dass er seit Jahrzehnten Parkplatzgebühren für einen Rolls Royce bezahlt, den er irgendwann mal gekauft und gleich wieder vergessen hatte.

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Film des Jahres 2015

Kind und Kegel haben es nicht zugelassen, das aktuelle Filmgeschehen im Kino zu verfolgen, den besten Film des Jahres zu benennen traue ich mich aber trotzdem: MAD MAX: FURY ROAD hat mir die Hoffnung zurückgegeben, dass man das großbudgetierte Mainstreamkino doch noch nicht komplett abschreiben muss. Der mittlerweile auch schon 70-jährige George Miller hat einen energiegeladen, bildgewaltigen Film hingelegt, aus dem die Power, Lust und die Leck-mich-am-Arsch-Haltung spricht, die sonst das Privileg der Jugend ist. Kino als 120-minütige Bilderflut, der Kinosessel vibriert unter dem Arsch wie eine röhrende Höllenmaschine. Ein großes „Fuck you!“ an dieser Stelle an die Leute, die angesichts dieses Wunderwerks die Chuzpe hatten, einen Mangel an Story (?) zu unterstellen. Der finale Coup, Max und seine weiblichen Kameraden nach vergeblicher Flucht einfach umdrehen und dem Feind entgegenfahren zu lassen, ist ein Meisterstück des Actionkinos und jetzt schon Filmgeschichte.

Filmische Wiederentdeckung des Jahres

SCHLEPPZUG M17, die einzige Regiearbeit von Götz Georges Vater Heinrich (zu deren Gelingen Werner Hochbaum entscheidend beitrug) aus dem Jahre 1933, ist ein komplett freidrehendes Melodram um den fleischigen Kutterfahrer Henner (George), der mit Frau und Kind in Berlin einschippert, sich dort Hals über Kopf in eine junge Hochstaplerin verliebt und seine Familie kurzerhand im Trubel der Großstadt stehenlässt, um einen Traum zu verfolgen, der für alle außer ihn selbst als zum Scheitern verurteilt erkennbar ist. George singt, George schmollt, George wirft seine gesamten drei Zentner Körpermasse in diesen Film und füllt jedes dramaturgische Loch aus, das er im Überschwang der schöpferischen Euphorie übersehen hat. Wenn er abends wie ein geprügelter Hund mit hängendem Kopf zu seiner wissenden Ehefrau zurückkriecht, sie anschweigt und noch nicht einmal einer Ausrede für würdig befindet, sich nicht anders zu helfen weiß, als mit dem Satz „Morgen gibt’s wieder Arbeit.“ zur Tagesordnung überzugehen, versinkt man vor Scham im Kinosessel. Film als totale Entblößung.

DVD/Blu-ray-Veröffentlichung des Jahres

Aus persönlicher Sicht tendiere ich zur Veröffentlichung von Jürgen Rolands lange Zeit nicht mehr verfügbarem Gangsterfilm DIE ENGEL VON ST. PAULI (Subkultur), für den ich meinen ersten Audiokommentar einsprechen durfte. Große Würfe sind auch die VÖ von Argentos OPERA (Koch Media), den deutsche Zuschauer zum ersten Mal ungeschnitten erleben (und dazu mein Booklet lesen) dürfen, sowie die makellose Heimkino-Umsetzung von Aleksei Germans monströsem Schwanengesang ES IST SCHWER EIN GOTT ZU SEIN (Bildstörung). Aus filmhistorischer Sicht muss meine Wahl aber auf die Veröffentlichung von Roger Fritz‘ MÄDCHEN MIT GEWALT (Subkultur) fallen, die einen zu Unrecht bis heute marginalisierten Filmemacher zurück ins Licht der Öffentlichkeit holt.

 

https://funkhundd.wordpress.com/

Olivers unverzichtbares Buch für schwer erziehbare Cineasten gibt es hier:

http://www.bod.de/buch/oliver-noeding/sauft-benzin–ihr-himmelhunde/9783960340065.

Zum Buch sagt Oliver fairerweise:

„Leider haben sich in die Erstauflage bei der Übergabe vom Satz an den Druck ein paar für uns ärgerliche Fehler eingeschlichen, die wir schnellstmöglich beheben wollen. Ich bitte die Leute, die das Buch bereits gekauft haben, um Verständnis. Es sind eher kosmetische Dinge, die schiefgelaufen sind, am Inhalt der Texte ändern sie nichts. Aber natürlich möchten wir trotzdem ein möglichst fehlerfreies Buch auf den Markt bringen. Ich werde einen Beitrag veröffentlichen, sobald die neue Fassung fertig ist.“

http://www.amazon.de/Sauft-Benzin-Ihr-Himmelhunde-Actionfilm/dp/3960340060



NACHLESE 2015 by Martin Compart
25. Dezember 2015, 1:12 pm
Filed under: Listen, Nachlese 2015, Rezensionen | Schlagwörter:

rolf-2[1]DR.HORROR

1.Fiction/Crime Fiction

Ein spannendes Jahr, das kein deutscher Autor eingefangen hat. Konflikte ohne Ende: Mord und Totschlag, Krieg, Euro-Angst, Rechtsextremismus. Crime ohne Ende. Die Inhalte von Orwells „1984“ waren für uns damals abschreckend. Heute sind die Kleinbürger auf Überwachung konditioniert. Unbedingt mehr Überwachungskameras, denn die Terroristen gehen um. Ein großer Stoff, der auf der Straße liegt. Dafür muss man noch nicht mal die Welt vermessen.

 

2.Non-Fiction

PUTIN: INNENANSICHTEN DER MACHT

Ohne Putin wäre die Welt um einen unterhaltsamen Menschen ärmer. Hätte man zu wählen zwischen Peter Altmaier oder Putin, fiele die Wahl leicht.

Eine Art selbst inszenierter James-Bond-Typ im Kreml. Der könnte glatt einspringen, wenn Daniel Craig nicht mehr will.

 

  1. TV-Serie und/oder Film

GOMORRHA 

TV-Serie: exzellente Darsteller, sehr körperlich, extrem, kontrovers, raubtierhaft.

Dagegen ist der deutsche „Tatort“ Biedermeier.

Film: Viel gesehen, viel vergessen.

VICTORIA war einer der wenigen herausragenden deutschen Filme, nicht weil angeblich alles in einem Durchgang gefilmt wurde (vermutlich mit digital geflickten Übergängen), sondern auch der Akteure wegen. Sonst ist es eher eine Qual, deutsche Darsteller vor der Kamera chargieren zu sehen.

 

Ach ja, ANOMALISA: ein kleiner Film, eine simple Liebesgeschichte in einem Hotel, aber alles Stop Motion.

 

Die Riesensachen: zum Schluss STAR WARS: Ein Kollege schrieb: The Force Repeats Itself. Von Disney/Lucasfilm-Buchhaltern geschrieben, nicht von Autoren.

 

 

ALEX FLÜCKIGER

42478[1]Fiction:

Maylis de Kerangal: Die Lebenden reparieren.

Geschichte einer Organtransplantation, erlebt aus allen erdenklichen Perspektiven.

 

Crime Fiction:

Richard Price: Die Unantastbaren.

Komplexer, hochrealistischer Polizeiroman aus dem nachtschwarzen New York mit unvergesslichen Charakteren und meisterhaften Dialogen.

Passend dazu:

Der Fotoband von Wilfried Kaute: Wenn es Nacht wird. Verbrechen in New York 1910-1920.

Schwarz-Weiss-Aufnahmen aus dem New Yorker Polizeiarchiv.

 

TV/Film: Nichts, das haften blieb.

 

 

Nachgekarrt – Lese 2015 die 2te

von MiC

2015 ist noch nicht völlig am Ende, zumindest kalendarisch noch nicht, da mosert so manch ein Blogbeiträger, „wie der MiC find‘ nix gut an dem Jahrgang, kein Buch, keinen Film? Der hat doch keine Ahnung”. Recht haben die anonymen Beiträger. Er hat keine Ahnung, dafür eine Meinung.

Zu meinem Buch des Jahres erkläre ich somit die 2015er Ausgabe des rollierende Fünfjahresplan der chinesischen KP, in dem die Kapitel „frische Luft für den Fortschritt” und „weniger wachsen ist auch kein Ausweg”, der Zensur zum Opfer fielen. Belegexemplare sind über die Botschaft der VR auf Anfrage und gegen Nachnahmegebühr zu beziehen. Wer sich beeilt, der kann sich den auf Mandarin verfassten Schinken noch rechtzeitig zur Bescherung auf den Gabentisch knallen, inklusive leuchtend rotem Geschenkpapier mit goldenem Zierband und schicker Fertigschleife.

Mein Film des Jahres wird ausgemacht zwischen Sicaro (bei dem das Ende übel schwächelt) und Beast of No Nation, beide Werke echte Ernte 2015. Ich muss aber noch sehen, wie es ausgeht.

Überhaupt ist es eine absolute Unsitte, künstlerische Werke in dieser Form zu bewerten. Geschmack ist keine Qualitätskategorie, sondern ein Konsumsortierkriterium, und als solches natürlich abzulehnen. Daher weiter mit Widerspruch…

Enttäuschung des Jahres: House of Cards, Season 3; True Detective, Season 2 – diesen Müll habe ich mir tatsächlich angeschaut.

Ungesehene Enttäuschung: The Gunman – diesen Müll habe ich wohlweislich vermieden anzusehen.

 

Frau des Jahres:          Laverne Cox

Mann des Jahre:         Ian Harvie

Satz des Jahres:          Die SPD wählt Merkel zur Kanzlerkandidatin

Runner up: Die PKW-Maut kommt.

Wort des Jahres: Konsequenthärtereschengenraumaußengrenzenkontrollendamitdiewirschaftsasisdraußenbleiben

 

Heldentat des Jahres: Bundeswehr klärt Syrien auf.

Unternehmen des Jahres: Krauss-Maffei, knapp vor Rheinmetall und Heckler & Koch

Gericht des Jahres:     Ein Teller Würselen mit Bockwurst und Brot

Abgang des Jahres:    Der Sinn ist wirklich weg.

Attentat des Jahres:    Die Troika und Rolli-Schäuble plätten Syriza.

 

Zum Schluss meine CD des Jahres:   Supreme Galore, From Deep Blue Sea to Nothingness – grandioses Debüt!

In der nach unten offenen Bodenlosigkeitsskala war 2015 schon klar hinter 2014. 2016 wird garantiert noch niveauloser – laut Kaffeesatzbefragung. Außerdem sind in Peru alle Silvesterknaller bei einer Testzündung auf einmal hochgegangen. Jetzt soll es ein stilles neues Jahr werden. Wohlan.