Martin Compart


MiCs Tagebuch.FILME FÜR UNSERE ZEIT: DER FALL SERANO, Frankreich 1977. by Martin Compart
27. März 2017, 7:51 am
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Ich bin völlig begeistert! Was ist das für eine Chimäre von Film. Holprig ohne Ende. Von Männern für Männer mit Männern. Frauen sind nur schicke Schaustücke, die bis auf Mireille Darc alle umgebracht werden. Einzig die Audran hat einen Hauch von tiefem Dialog. Die Muti hingegen fungiert als dramaturgischer Conduit, deren Tod Delon schließlich motiviert aufs Ganze zu gehen.

Der große Mörder stellt sich am Schluss als ein ideologisch verblödeter Bulle heraus und der “gute Bulle” in dem Film weiß nicht, ob er es schaffen wird, die korrupte Elite vors Gericht zu bringen oder Lachse fischen gehen muss. Und dann die politischen Aussagen, allesamt in bedeutungsschweren Monologen: Kinski als der monströse Vertreter des Kapitalismus, der alles mit Geld regelt und es “bedauert”, wenn etwas mit Geld nicht zu regeln ist; der kleine verblödete Bulle, der das die Gesellschaftsordnung gefährdende Geschmeiß ausrotten will (wie Robespierre und Saint Just); und zum Finale dann Delon, der den Sack der Wahrheiten zumacht. Schlaf ruhig, Paris.

Jeder dieser Monologe ist absolut zutreffend und als Beschreibung unserer Gesellschaftsform noch heute vollends gültig. Für den Zuschauer im Jahre 2017, verbreitet der Film bei aller fatalistischen Hinnahme des Systems, beinahe eine Sehnsucht zurück nach jener Zeit, in der das Kapital den Kälbern noch Arbeit, Unterhaltung, Sex und sogar einmal jährlich Urlaub zubilligte. So viel Luxus will heute vom entfremdeten und völlig verdinglichten User-Konsumenten-Datenlieferanten erst einmal verdient sein.

Ich wurde immer wieder zu stehendem Szenenapplaus genötigt. Dass ausgerechnet Alain Delon “Der Fall Serrano” produzierte, ist mir angesichts seiner politisch Haltung ein Rätsel. Solches Stars hat die Kulturdiaspora Deutschland niemals hervorgebracht. Diesen Film muss man UNBEDINGT IMMER WIEDER ANSEHEN. Ich will mehr solcher Filme.

MiC



DELON AUF ARTE by Martin Compart
20. Februar 2016, 5:43 pm
Filed under: Alain Delon, Film, WILLIAM WINGATE | Schlagwörter: ,

Sonntagabend feiert ARTE Delon endlich den ungeliebtesten Sohn der französischen Kultur mit einem Portrait, EIN MUSS!

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P.S.: Ich habe Alain Delon mal ein Buch verkauft (William Wingates VERGELTUNG DES FREMDEN, alias HARDACRES WAY, Ullstein), dass er dann weiter gegeben hat und  daraus entstand der Film MALONE.

Enttäuschend: Ich wollte ein Delon Vehikel und bekam einen mittelmäßigen Burt Reynolds/Cliff Robertson von einem mäßig begabten  Regisseur. Der Film heißt MALONE.



Kleiner Nachtrag zur neuen MANCHETTE-Verfilmung by Martin Compart
27. März 2015, 2:20 pm
Filed under: Alain Delon, Film, MANCHETTE | Schlagwörter: , ,

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„Egal was die Kritik sagt: Ich halte die Verfilmungen von Chabrol oder Bral nicht für besser als die durch Delon und Deray. Von mir wird man kein schlechtes Wort über Delon hören; er hat mir mein Appartement bezahlt.“

Manchette in einem Gespräch mit MC.

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P.S.: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Monsanto vernichtet werden muss.



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: WILLIAM WINGATE, DON DER PROFI-KILLER by Martin Compart

41G+olO9z7L._SY300_[1]In HONGKONG: LET CANDICE GO (VERSCHOLLEN IN HONG KONG) ,1985, verschwindet die 14jährige Tochter des Ex-Marine Anthony Rice spurlos aus einem Hongkonger-Kaufhaus. Bald stellt sich heraus, dass die Triaden die hübsche Candice entführt haben um aus ihr eine Sexsklavin zu machen. Wie so üblich, wenn Bürger in Not sind, nützen die Institutionen gar nichts, weder Konsulat noch Polizei. Denn HongKong hat etwa 200 kleinere und größere Inseln und Candice könnte zur „Ausbildung“ auf jede dieser Inseln verschleppt worden sein. Absolut brillant schildert Wingate durch seinen Ich-Erzähler die Atmosphäre der Stadt und den Zorn und die Hilflosigkeit in dieser Situation. Aber Rice hat noch einen Trumpf im Ärmel: Seit der Evakuierung Saigons 1975 schuldet ihm der CIA-Mann Tarrant einen Gefallen. Und den fordert Rice jetzt ein. Tarrant schickt ihm seien unheimlichsten Mann: den bulgarischen Überläufer und Profi-Killer Yazov, alias Crystal, alias Hardacre, alias Miami Slim. Der hat einen ganz einfachen Plan: den Triaden so lange in den Arsch treten und sie mit biblischen Plagen zu überziehen, bis sie Candice entnervt freiwillig heraus geben.

Das klingt wie ein primitiver Action-Film, ist es aber natürlich nicht. Denn Wingate ist ein großartiger Schriftsteller und spätestens mit diesem, seinen fünften Roman um Yazov, den neben Trevanians Nikolai Hel besten Profi-Killer der Kriminalliteratur, auf dem Höhepunkt seiner Kunst. Er verleiht seinem Ich-Erzähler eine ganz eigene Stimme, die den Leser von Anfang an in den Bann zieht und mitempfinden lässt. Wie der wütende Ex-Marine mit einer für ihn kaum durchschaubaren Kultur konfrontiert ist, wie seine nervige Frau durchdreht (und er damit auch noch zurecht kommen muss), dass ist schriftstellerisches Können auf hohem Niveau und deshalb auch spannende Unterhaltung. Das William Wingate seit 1986 keinen weiteren Roman mehr geschrieben hat, ist für jeden Thriller-Afficionado ein herber Verlust. Der unglaublichen Dämlichkeit der Verlagsindustrie (und Hollywood) ist es zu verdanken, dass er aufgehört hat. Der HongKong-Roman ist übrigens nur auf deutsch 1989 bei Ullstein erschienen und erlebte kürzlich seine englischsprachige Erstveröffentlichung als eBook! Wingate: „Only Germans were tough enough to buy the book. It was never published in English..Other publishers made promises, but wanted changes to make the book more ‘politically correct’. One disliked the idea of ‘gooks’ being used to describe an incident in the war in Vietnam, another hated that one of the major villains was a gay Chinese torturer.
My publishers and I could not agree.So, Thank you Charles Darwin—of Survival of the Fittest fame—that the day of the High & Mighty Publisher is over. Publishing has ‚evolved‘ beyond ‚High &Mighty‘ publishing.In the bad old days you really had to ‘suck around’ and ‚toe the line‘.And if you couldn’t do that, then you were out of luck.Thank Amazon/Kindle that I don’t have to do that any longer.The Internet has broken the power of the traditional High & Mighty Publishers…“

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William Wingate ist eines der bestgehütesten Geheimnisse des Thrillers. Trotz gewisser Erfolge (eine Hollywood-Verfilmung) hat er unbegreiflicher Weise nie den verdienten Durchbruch zum internationalen Bestsellerautor geschafft. Vielleicht hat er auch zu früh demoralisiert aufgegeben: Seine fünf Crystal-Romane erschienen zwischen 1977 und 1989. Über ihn ist wenig bekannt. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich der 1939 geborene südafrikanische Jurist Ronald Ivan Grbich. Er ist ein begeisterter Pokerspieler, wie das 2011 veröffentlichte eBook „Wake up late, read This … Play Winning Poker before Noon“ beweist. Außerdem kennt er sich mit Macchiavelli aus, wie das witzige Sachbuch „The Don: How to Run a Mafia Family“ belegt.
Mehr weiß man nicht. Ich selbst hatte Mitte der 1980er nur ein kurzes, angenehmes Telefonat mit ihm. Aber statt Mr.Grbich auszufragen, habe ich ihm nur enthusiastisch seine Romane erklärt. Mann, ich muss damals einige Autoren wirklich amüsiert haben.

Wingates Romane sind nicht gerade dünn, aber auch nicht so retardierend und umfangreich wie die seiner Bestsellerkollegen Tom Clancy, Clive Cussler, Dan Brown, David Baldacci Adler Olson oder Ken Follett (die retardierend sein müssen, da sie für ein Publikum arbeiten, dass nur über ein geringes Kurzzeitgedächtnis verfügt). Aber jeder Satz sitzt. Selbst ein ganz ordentlicher Autor wie Vince Flynn verliert sich zu oft in langweiliger Minutiösität. Dagegen ist Wingate immer temporeich. Selbst wenn er innehält um einen Ort, Charakter, eine Atmosphäre oder eine Technologie zu beschreiben, gelingt es ihm, zu faszinieren.
Besonders in den beiden Romanen, die er in der ersten Person verfasst hat, zeigen sich seine Fähigkeiten. Er treibt darin nicht nur Spannung und Setting voran, sondern entwirft auch die packenden Charakterstudien einer 15jährigen Hinterwäldlerin und eines verzweifelten Vaters und Ex-Marine.

51en0xw5FqL[1]Sein Held Yazov, alias Crystal oder Hardacre, ist ein völlig amoralischer Killer ohne goldenen Herzen. Er kennt weder Liebe noch Loyalität und ist nur an seinem Überleben und Lohn interessiert. Oder wie Rice sagt: „Er war der unvergeßlich gefährlichste Typ, dem ich je begegnet bin. Vielleicht hatte er zu diesem oder jenem Zeitpunkt für alle Agencys gearbeitet, Gottes Arbeit getan, die Bevölkerungsstatistik in Grenzen gehalten. Er war nur mit der Kneifzange anzufassen.“ Wen Yazov Mauern niederreißt, interessiert es ihn ein en Dreck ob es sich dabei um tragende Wände handelt. Eine interessante Figur, die Entfremdung als Autarkie definiert.
Eingeführt wurde er im ersten Roman FIREFLY (FEUERSPIEL), 1977. Das Buch spielt Anfang der 1970er auf der Höhe des Kalten Krieges. Angeregt wurde Wingate durch einen realen U-Boot-Unfall der Sowjets, den der große Journalist Seymour Hersh damals für die International Herald Tribune aufgearbeitet hatte. Ein mit der neuesten Technologie ausgestattetes Atom-U-Boot sinkt nach einem Unfall im Pazifik. Im Gegensatz zu den Amerikanern verfügen die Sowjets nicht über die Möglichkeit das Schiff zu orten. Die CIA will natürlich das Wrack bergen um es auszuwerten. Dazu benötigt sie die Hilfe durch einen an Howard Hughes orientierten Konzernchef, der nicht alle Tassen im Schrank hat. Als das Bergungsunternehmen anläuft, verrät es der engste Mitarbeiter des Tycoons. Und nun kommt Yazov, der beste Mann der Russen ins Spiel und dreht die Handlung ins aberwitzige.
Wingate hatte kein Problem, seinen Erstling umgehend an den ersten Verlag zu verkaufen. Es war auf der Höhe der Thrillermanie der 1970er Jahre und Forsyth, LeCarré, Higgins, Trevanian, Deighton oder Follett hatten die Bestsellerlisten fest im Griff. Tatsächlich liest sich FIREFLY sehr an Forsyth orientiert. Erst mit dem Einführen von Yazov entwickelt sich sein eigener Ton. „But English-world best-sellerdom was not to be. Fireplay did not become thriller of the year and I was not the new Frederick Forsyth. See, again in retrospect, Fireplay had one great flaw. Men don’t read novels much, mostly women do. At least in big numbers that matter to markets. And in its essentially all-male spy world, Fireplay lacked a major female heroine. Q.E.D. And so, among other improvements in this ebook version, I have revised Fireplay to create such a major female character. John Mallory becomes JoAnn Mallory. Elementary, my dear Watson…If only I had known that, done that, then…”

Auch BLOODBATH (BLUTBAD), 1978,3548103073[1] wurde von der Realität inspiriert: die Entführung der Air France durch Deutsche und Palästinenser nach Entebbe und diie Geiselbefreiung durch ein israelisches Kommando-Unternehmen. Diesmal soll Yazov den Diktator von Uganda umlegen. „In the novel, Idi Amin was thinly disguised as Obama Okan, two names common enough in East Africa. Since then, time has moved on, and it is probably more politic to write of Idi Okan rather than Obama Okan. And so I have“, sagt Wingate zur Neuausgabe als eBook.

In HARDACRE´S WAY/SHOTGUN (DIE VERGELTUNG DES FREMDEN), 1980, wechselte Wingate erstmals von der Perspektive des allmächtigen Erzählers zum Ich-Erzähler. Der Roman ist eine Noir-Version von Jack Schaefers klassischen Western SHANE. Yazov kommt in ein kleines Nest in Tennessee und räumt mit einem sich dort niedergelassenen alten Mafioso und seiner Gang auf. Der Roman könnte fast eine Blaupause für Lee Childs Rearcher gewesen sein (allerdings ist Reacher ein harmloser Messdiener im Vergleich zu Yazov). Der alte Don hat ein Auge auf die 15jährige Lou geworfen, die die Autowerkstatt in Schwung hät, in der Yazov mit seinem kaputten VW Käfer gelandet ist. Der Roman wird aus ihrer Perspektive erzählt. Also wird Yazov in die ganze Geschichte hinein gezogen.Ym4yNzk2[1] Zwei Killer des Don, deren Dialoge einen Kritiker an die aus Hemingways THE KILLERS erinnerte, wollen Yazov, der sich hier Hardacre nennt, umlegen – und so beginnt der blutige Reigen. SHOTGUN war Wingates erfolgreichstes Buch und wurde mit Burt Reynolds und Cliff Robertson als MALONE mittelprächtig verfilmt. „It wasn’t a bad movie. Only I wish they had stuck more closely to the last third of the book—and my ending, not their own. Mine was much, much better. At least, I think so.” An dem Film war der Autor dieser Zeilen wohl nicht ganz unbeteiligt: Kurz nach dem ich meinen Job als Herausgebe bei Ullstein begonnen hatte, schickte ich das Buch an Adel-Productions, die Produktionsfirma von Alain Delon (in Frankreich wurde es nicht veröffentlicht, dabei hätten die Franzosen einen Autor wie Wingate sofort goutiert). Ich war (und bin) der Meinung, es war ein perfekter Filmstoff für Delon. Außerdem hätte man die Handlung problemlos nach Frankreich oder Spanien transponieren können. In der Delon-Firma lag es dann eine Weile mit vielen anderen möglichen Projekten herum. Schließlich griff es sich der Drehbuchautor Christopher Frank, mit dem Delon an seinem Film LE BATTANT zusammen gearbeitet hatte, und machte – wahrscheinlich mit Delons Einverständnis – einen Hollywood-Deal. Zwar wurde auch SHOTGUN nicht der erhoffte internationale Bestseller, aber immerhin erleichterte der Film-Deal Wingates künftiges Leben: „I used the upfront money for Malone in a crazy investment nobody with half a brain would have looked at twice. And when the investment, by some miracle or two, actually worked out I got paid only half the money the folks I invested with were supposed to pay me. But that is another story…Anyway, half or not, it helped me quit my day job and not really have to do much more after that—like having to wake up every day and do something real for a living. So I am grateful to Malone and Burt Reynolds. Only I wish the investment people had stuck more closely to the deal first agreed—our agreement, not their own.”

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Als vorletzter Roman erschien 1983 CRYSTAL, vielleicht neben HONG KONG mein Lieblingsroman von Wingate. Diesmal räumt der Killer unter den Drogenbossen der French-Connection auf. „I did much research for Crystal, and visited most of the cities that figure in the book, including the docks of Istanbul, Marseille and New York. So, in the end, I believe the novel has an authentic sense of place and time.And in the end too, I could have grown, treated and made heroin myself. Much of the detail about how heroin gets from poppy planting in Turkey to the pretty, white crystalline stuff on the docks of New York is largely true, though I fudged some of the chemistry to avoid problems with crazies.”!BqgdU-QBmk~$(KGrHqUOKiEEuZqSK+ryBLvyeD!Hrw~~_35[1]

Wer auf literarisch gute Polit-Thriller steht und keine Probleme mit extremer Gewalt und Sex hat, der sollte nicht auf die Lektüre von Wingate verzichten. Im Gegensatz zu manch anderen Autoren kann er nämlich extreme Situationen schreiben. Er ist ein harter, böser Zyniker, fernab von jeder politischen Naivität. Bei ihm brennt höchstens Napalm am Ende des Tunnels. Und keiner seiner Romane gleicht vom Plot her den anderen – ausgenommen darin, dass Yazov es in jedem richtig krachen lässt. Man bekommt alle seine Bücher noch antiquarisch oder eben jetzt als kostengünstige eBooks. Allerdings wird man nach der Lektüre des „real McCoy“ Probleme mit aktuellen Bluffern haben. Nie waren Polit-Thriller so noir…

http://www.amazon.de/PAINT-BLACK-%C3%BCber-Noir-Fiction-ebook/dp/B00F5FUIZ2/ref=sr_1_39?s=books&ie=UTF8&qid=1379059878&sr=1-39&keywords=martin+compart

http://www.youtube.com/watch?v=oZM05b6nPhk



WORK IN PROGRESS: DIE GOMORRHA DEPESCHE by Martin Compart

Der nächste Gill-Roman, DIE GOMORRHA DEPESCHE, schließt direkt an DIE LUCIFER CONNECTION an. Er spielt zum Teil auf dem Balkan (im früheren Jugoslawien) und ich will u.a. versuchen, den Serben mehr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Unsere einseitige Berichterstattung hat dieses Volk zu Bad Guys gemacht und nie in derselben Form die Grausamkeiten der anderen Kriegsparteien dargestellt (mal ganz abgesehen von den Unwahrheiten von Scharping, Proll-Gert, Fischer & Co, die fatal an die Irak-Kriegs-Lügen erinnern).

Ich war nun einige Male in unterschiedlichen Regionen Ex-Jugoslawiens und habe fast ausschließlich positive Eindrücke abgespeichert. Ich habe nie einen Serben getroffen, der mir und meiner Generation die Verbrechen der deutschen Nazis vorgeworfen hatte. Jetzt könnten sie es: Wie Hitler die kroatischen Faschisten der Ustascha beim Völkermord an den Serben unterstützte, sorgte fataler Weise ein widerwärtiger deutscher Außenminister, Hans- Dietrich Genscher, für die Eskalation des zerfallenden Jugoslawien indem er Kroatien staatlich anerkannte (damit sie legitim Waffen einkaufen konnten – vorzugsweise bei deutschen Händlern des Todes).

Es geht nicht darum, die Serben rein zu waschen. Zarkan1[1]u viele serbische Mordbrenner (wie der von Oberganoven Milosevic eingesetzte Arkan) haben ihr Unwesen getrieben und auch das eigene Volk ausgebeutet und zerfleischt. Aber das es heute Mafia-Staaten wie Montenegro, Albanien oder den Kosovo gibt, kann man ihnen nicht in die Schuhe schieben. Diese Leistung dürfen EU-Europäer und Amerikaner für sich verbuchen. Der gesamte Balkan versinkt inzwischen in übelster organisierter Kriminalität, die dank der Banken ihr kriminell erwirtschaftetes Geld waschen kann um es dann in den „legalen“ Finanzmarkt einzuspeisen. Mit dem ganzen schmutzigen Geld, das unsere immer rettungswürdigen Banken seit Jahren anlegen, könnte man Griechenland, Spanien und Portugal locker entschulden und aus Schwarzafrika einen Sozialstaat machen. Aber es ist politisch ja gar nicht erwünscht, Drogenhandel, erzwungene Prostitution oder Kindersklaverei auszurotten. Denn indirekt profitieren davon auch die unfähigen oder bösartigen Kreaturen in den Parlamenten und Parteien. Unser neues Prostitutionsgesetz, für das alle Menschenhändler die Deutschen lieben, hat aus der Bundesrepublik den größten Puff der Welt gemacht (und dafür gesorgt, dass immer mehr Mädchen zum Anschaffen in „dieses, unsere Land“(Altkanzler Kohl) verbracht werden.

Genug ausgekotzt. In der unregelmäßigen Reihe „work in progress“ werde ich gelegentlich Szenen oder Impressionen vorstellen um sie auszuprobieren und vielleicht Diskussionen anzuregen.

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BELGRAD 16:00 UHR

Der junge Serbe starrte mit brennenden Augen durch das schmutzige Fenster des Cafés auf die in grauer Trostlosigkeit dahin fließende Save. Das Café befand sich auf einem angetauten Schiff mit dem Namen 20/44. 20 Grad Ost, 44 Grad Nord, die Koordinaten von Belgrad, und diente nachts als Disco. Dann spielte man übelsten Balkan Pop, Gypsy Groove und Bukowina Dub. Diese Daten waren auch die Zielkoordinaten der Natojets, die ihre Bomben auf Belgrad warfen.

Belgrad ist eine unglückliche Stadt. Hunderte von Jahren wurde sie unregelmäßig von den Türken geplündert, geschleift und zu Klump gehauen.
Im 20.Jahrhundert ist außer Warschau keine andere europäische Stadt so oft bombardiert, gesprengt oder zusammen geschossen worden. Zuerst von den Österreichern, dann von den Nazis, dann von den Alliierten und schließlich von der NATO. Die Nazis zerstörten am Palmsonntag 1941 mit 234 Fliegerangriffen über 700 Gebäude. In ihrer langen tragischen Geschichte haben die Serben nie einen Angriffskrieg geführt. Nur verteidigt gegen Ottomanen, Habsburger, deutsche und kroatische Faschisten, Nato, Kosovo-Separatisten, EU-Bürokraten, die eigene korrupte Regierung und die Gangs.
In den 1990ern wurde Beograd,die „weiße Stadt“ am Rande der Pannonischen Tiefebene, blutig rot, vom Bürgerkrieg und Mafia-Kriegen verwüstet. Beherrscht von korrupten Politikern und verrückten Warlords, die den Schwarzmarkt kontrollierten und Vermögen verdienten, während der Großteil der Bevölkerung am Existenzminimum vegetierte oder vom Hungertod bedroht war. Manche nennen die Stadt „Mordor“.

Heute hat sie 1,6 Millionen Einwohner. Eine verzweifelte Party-Metropole, die auf dem Vulkan tanzt. Ein Paradies der organisierten Kriminalität. Grau und trostlos hockt sie am Zusammenfluss von Donau und Sava. Die hässlichen Betonbauten zwischen noch hässlicheren Hochhäusern und zerbombten Gebäuden geben nur selten einen architektonischen Einblick in die lange Geschichte. Verrostende Ladas und qualmende Busse quälen sich durch die auf und absteigenden Strassen an den Luxuslimousinen mit kugelsicheren Scheiben der Mächtigen vorbei.

Unter der Branko-Brücke, die das alte und das neue Belgrad trennt, vegetieren in aschigen Shanty Towns die Zigeuner. Spärlich gewärmt von brennenden Ölfässern haben sie nur das fettige Flusswasser zum waschen und kochen. Daneben existieren glitzernde Nachtklubs und teure Luxusrestaurants, besucht von Gangsterbossen, die in Festung ähnlichen Villen leben und ohne Rücksicht auf den Verkehr in düsteren Konvois durch die Stadt rasen zu ihren zwielichtigen Geschäftsgesprächen. Oder sich in Luxusdiscos und Edelbordellen vergnügen, in denen die Wohlhabenden herum hängen und ihre sinnlose Existenz betäuben: Gangster, Kriegsgewinnler neben über Reformen plappernden Politikern, Popstars und den schönen Menschenschrott der Armen, die ihnen mit allem dienen um zu überleben. Die Gangster selber waren Pop-Stars. Schwermütiger Nihilismus wechselt sich mit geisteskrankem Frohsinn ab, der nicht über die Nacht hinaus geht.

Darko, so hieß der junge Serbe, zündete sich eine weitere Zigarette an. Rauchverbote gab es in Serbien nominell an Arbeitsplätzen, aber nicht in der Gastronomie. Es war keine Grundvoraussetzung für den von vielen sehnlich angestrebten EU-Beitritt. Außerdem hätte sich keiner mit dem jungen Mann deswegen angelegt. Er war Anfang zwanzig, hatte aber ein viel älteres Gesicht, geprägt von Zorn- und Schmerzfalten. Auf seiner rechten Wange glühten Narben, die unschwer als Folgen von Folter zu erkennen waren. Er verströmte die Energie und Bedrohlichkeit einer tickenden Zeitbombe. Für die anderen hat der Krieg aufgehört als er ein Junge war. Für ihn hat er da erst begonnen. Nach dem Selbstmord seiner Mutter fraß ihn die Düsternis und sein Lebensmotto wurde: „Ich bin alles, was von mir übrig geblieben ist“. Zum Glück gab es genügend Menschen, die er hasste. Sonst hätte ihn sein Selbsthass aufgefressen.

Er sah zu den beiden Männern am Eingang, die ihn durchsucht hatten. Sie gehörten zu Stojan, einem der ganz großen Scheichs der Balkan-Emirate. Er war schon in Mailand dabei gewesen als die Nasa Stvar, die serbische Mafia, zu erster Größe erblühte. Damals musste man noch sklavisch mit Titos Geheimdienst zusammen arbeiten und Exil-Oppositionelle liquidieren. Erst mit dem Bürgerkrieg wurden aus den Bandenchefs Könige. Ob Kroaten, Serben, Bosnier oder Mazedonier – alle arbeiteten über die Konflikte hinaus zusammen um ihre Vermögen zu machen. Die idiotische Politik des Westens gegenüber Serbien hatte die Gangster und korrupten Politiker reich gemacht und alle anderen arm. Stojan hatte das Treffen mit dem Albaner organisiert und für ihre Sicherheit garantiert. Er verließ nur noch selten seine festungsartig gesicherte Villa im Stadtteil Dedinje. Wahrscheinlich gehörte ihm das Disco-Schiff. Ein weiterer Wächter ließ den Kaffee-Automaten zischen um Darkos Espresso aufzubrühen. Er stellte ihn schweigend vor ihn hin. originalslika-10593488[1]

Darko zog ein zerlesenes Taschenbuch aus seiner Lederjacke. GORILA von Dusan Savkovic, geschrieben 1974, war das einzige Buch, das er immer wieder las. Es war das einzige Buch, das er besaß und je gelesen hatte. Es basiert auf dem Leben von Alain Delons ermordeten serbischen Leibwächter Markocvic und ist ein böser, rabenschwarzer Roman, in dem alle Frauen Huren und alle Männer Verbrecher sind. Der Gangster Milutin Dacovic, der Marcovic kannte, sagte, dass die meisten Anekdoten im Roman wahr seien. In ihm gibt es nicht eine positive Figur. Der Roman zeigte die Reichtümer Frankreichs, zu denen man nur durch brutale Gewalt Zugang erhielt – wenn man Serbe und Außenseiter war. Das Buch war wieder in Mode gekommen, weil er das düstere Weltbild der jungen Generation widerspiegelte. Sie war in einem von Dieben und Mördern kontrollierten Land aufgewachsen. Auch Darko gehörte zu diesen jungen Serben, denen alles egal war und denen legale Arbeit kaum Chancen bot. Aber die Flamme seines Hasses brannte heißer. Man hatte nicht wirklich etwas zu verlieren als stolzer Serbe. Die Serben sind das einzige Volk, das aus einer militärischen Niederlage seinen Nationalmythos destilliert hat: Die verlorene Schlacht am Amselfeld gegen die Türken am 28. Juni 1389. Als Vidovan, „heiligerTag“ ist er im Bewusstsein tief verankert. Damals wurde am Kosovo polje Europa verteidigt. Und wie so oft danach, wurden die Serben von Europa im Stich gelassen. Europa hatte sie erniedrigt, zerbombt und gequält. Es war nichts unmoralisches dabei, sich durch organisierte oder andere Kriminalität an Europa zu rächen.

Der abgegriffene Abschiedsbrief seiner Mutter fiel aus dem Buch. Mit zitternden Händen faltete er ihn wohl zum hunderttausendsten Mal auseinander, bedacht darauf, das abgenutzte Papier nicht mit den scharfen Fingernägeln zu beschädigen. „Verzeih mir meine Schwäche, mein Sohn. Egal, wo ich jetzt hingehe, ich werde von dort versuchen, Dich zu beschützen.“
Mein Herz ist tot, dachte er. Daran ist nichts zu ändern. Dafür würde der Mann, der sein Vater war, büßen.

Seine mächtigen Muskeln spannten sich. Er atmete tief durch um das Zittern seines zur Waffe trainierten Körpers zu unterdrücken. Seit seiner Kindheit stemmte er Gewichte und trat Sandsäcke aus den Halterungen. Er war einer der besten Kickboxer des Landes und übte sich auch in anderen Kampfsportarten. Im Gegensatz zu den meisten anderen seiner Gang rauchte er nicht, trank keinen Alkohol und ließ die Finger von Drogen oder Psychopharmaka. Auch mit Frauen ließ er sich selten ein. Eine hatte ihm mal gesagt, er vögle, als sei er nicht wirklich interessiert. Darkos Laster war der Adrenalinkick.

Heute rauchte er. Es war ein besonderer Tag, den er sich einprägen wollte.

Der Albaner ließ ihn bewusst warten um zu demonstrieren, wo er in der Hierarchie stand. Betim, der Albaner, hatte viel Geld verdient an dem Handelsembargo gegen Serbien. Die NATO und die Europäer wussten, dass sie mit ihrem Embargo nur Milosevic und den Gangstern halfen und das Land weiter in den Untergang trieben. Entweder war es ihnen egal oder es war gewollt. Über Albanien wurde vor allem das knappe Benzin eingeschmuggelt. Aber vor allem hatte der Albaner mit Milosevic und dessen korrupter Staatsgang ein Vermögen mit Zigaretten gemacht: 1993 waren die Zigaretten so hoch besteuert, dass sie sich kein Serbe mehr leisten konnte. Betim kaufte im Westen en gros für ein paar Cents die Packung beim Hersteller ein und brachte sie nach Rotterdam. Dort wurden sie in ukrainische Flugzeuge verladen und nach Albanien und Montenegro geflogen. Dann wurden die einzelnen Packungen mit gefälschten Steuermarken beklebt, in den Markt geschleust und für zwei bis drei Dollar verkauft. Den Gewinn teilte sich Betim mit der serbischen Regierung.

Geräusche an der Tür sagten Darko, dass der Albaner endlich eingetroffen war. Wie er zuvor, wurde auch Bekim von Strojans Männern akribisch abgetastet und nach Waffen durchsucht. Darkos Waffe hatten sie nicht entdeckt, obwohl er sie ihnen vor die Augen gehalten hatte.
Mit bester Laune und ausgebreiteten Armen ging er auf Darko zu. Er trug eine weiße Seidenkrawatte, sein Wahrzeichen. Wie das ironische Grinsen, das in sein Gesicht gemeißelt war.
„Wo hat uns Strojan nur hinbestellt? Was ist das hier für eine billige Absteige? Ein Ort, wo die Wölfe ficken.“
(FORTSETZUNG FOLGT)

lucifer-connection-compart[1] http://www.evolverbooks.com/evolver-books-verlagsprogramm/martin-compart-die-lucifer-connection/



ALLES GUTE, ALAIN DELON! by Martin Compart
10. November 2010, 11:12 am
Filed under: Alain Delon, Film, Jean-Pierre Melville | Schlagwörter: , , ,

Nun ist er 75. Die Reise nähert sich ihrem Ende. Sein Engagement für Tiere hat mir immer gut gefallen: Einmal fand er auf der Strasse eine angefahrene Katze, in der kaum noch Leben war. Er ließ einen Hubschrauber kommen, flog mit ihr in ein Krankenhaus und ließ sie operieren. Seitdem lebt sie dreibeinig auf seinem Landsitz (den er inzwischen nur selten verlässt):

Was mir auch gut gefallen hat: Während der Affäre Markovich (Delons Leibwächter wurde ermordet aufgefunden) unterzog die Polizei Delon einem dreitägiges Verhör. Er sagte nichts.

Nachdem Hans Gerhold und ich Alain Delon zum 70.Geburtstag mit DARK ZONE (Strange Verlag, 2005; bei Amazon vergriffen, aber bei Fantasy Productions lieferbar)) gebührend gefeiert hatten, hier zu seinem 75.Geburtstag nur ein paar Gedanken zu Melvilles Delon-Trilogie:
In LE SAMOURAI zeigt Melville, dass für ein komplett gesellschaftliches Wesen (Jeff Costello) Liebe nicht mehr möglich ist, wenn es keine Konvention akzeptiert. In CERCLE ROUGE, dass Freundschaft eine der wenigen Möglichkeiten zur Integrität in der bürgerlichen Gesellschaft ist, aber die individuelle Vernichtung nicht aufhält. In UN FLIC ist Liebe und Freundschaft nur möglich, wenn die christlichen und bürgerlichen Moralvorstellungen missachtet werden.
Delon macht in diesen drei Filmen eine Sozialisation vom unvermittelbaren Außenseiter zum zynischen Bollwerk des Systems durch.

1966 klappte es endlich mit Melvilles Zusammenarbeit mit Alain Delon. Delon hatte schon früher Angebote erhalten, diese aber immer wieder zurückgewiesen „weil er sich auf eine amerikanische Karriere vorbereiten wolle“. Jedenfalls wird Delon noch heute dem Himmel dafür danken, die Rolle des schizophrenen Killers Jeff Costello im SAMOURAI angenommen zu haben. Die Dreharbeiten fanden von Juni bis August 1967 statt und es war der letzte Film, der im Studio Jenner gedreht wurde. Mit LE SAMOURAI beginnt Melville seine Farbästhetik zu entwickeln. Die Farben werden – anders als etwa in LAINE DE FERCHAUX – von nun an immer kälter. Der SAMOURAI wirkt trotz seiner eiskalten Inszenierung noch vergleichsweise warm, wenn man ihn mit CIRCLE ROUGE oder dem stählernen FLIC vergleicht. Es ist soviel über diesen Film geschrieben worde, daß ich an dieser Stelle nur ein weiteres mal Hans Gerhold zitieren möchte:
„LE SAMOURAI ist die ästhetische Vollendung des französischen Unterweltfilms, ein Werk, das in seiner rigorosen Stilisierung fast etwas Abstraktes hat: Kino in Reinkultur, daß seine Vorbilder überwand und in der Perfektion seiner Inszenierung nur noch auf sich selbst verweist. Dieses elegische Requiem für einen Killer überzeugt nicht nur als Studie über Einsamkeit und Entfremdung; es ist zugleich, durch rauschhafte Schönheit und Transponierung musikalischer Bilder und Töne in erlesenen Einstellungen, Inkarnation dieser Isolation. In der Unvermeidbarkeit aller Situationen einer antiken Tragödie verwandt, bildet dieses Experiment mit Kunstfiguren den gelungenen Versuch, fortschrittlichste ästhetische Formen am Beispiel einer Gangstergeschichte in populäre Kino- und Erzählmuster umzusetzen.“
Melvilles Determinismus führt Costellos Ausbruchsversuch aus sich und seiner Welt durch die Emotion der Liebe direkt in den Tod.

Nach dem SAMOURAI folgte der Résistance-Epos L’ARMÉE DES OMBRES, abermals mit Ventura, mit dem er sich gleich zu Beginn der Dreharbeiten so zerstritten hatte, daß die beiden Männer drei Monate nicht miteinander redeten. Von Januar bis Abril 1970 drehte er LE CIRCLE ROUGE, der die Schraube der Hoffnungslosigkeit noch weiter anzieht. Im SAMOURAI war für Delon als Killer Jeff objektiv die Liebe möglich – ohne daß er dazu in der Lage war, sie anzunehmen. Im CIRCLE ROUGE gibt es keine Liebe mehr, stattdessen aber Freundschaft unter den Außenseitern, die der rote Kreis zusammenführt. Auch hinter der Kamera dieses Freundschafts-Epos hielt Melville an seinem Ethos fest. Howard Vernon: „Bei CERCLE ROUGE wollte er mich wieder als Sprach Coach für eine englische Fassung des Films Haben (wie zuvor in L’ARMÉE DES OMBRES). Meine Rolle bestand darin, den Schauspielern zu sagen: Mach‘ da im Englischen eine Pause, mach diese oder jene Mundbewegung… Natürlich ist diese englische Fassung nie herausgekommen. Ich war damals in einer finanziell schwierigen Lage. Ich sagte zu Melville: Du weißt genau, daß man diese Faßung nie verwenden wird, du willst mir nur etwas Geld zukommen lassen. Er stritt das natürlich ab, aber genauso verhielt es sich: er hatte ein Riesebudget und wollte mir helfen. Ich hatte in seinem erfolgreichen Erstlingsfilm mitgewirkt; er fühlte sich mir immer verpflichtet.“
Wie Delon auch aus unerfüllter Liebe im SAMOURAI den Tod wählt, so sterben er, Volonte und Montand im CIRCLE ROUGE auch aus Freundschaft zueinander.

Dieser Film ist noch pessimistischer und im Gegensatz zu Jeff Costello, der von der Liebe zur Sängerin überrascht wird, scheint die Zeit für die Gangster im Roten Kreis von Anfang an abgelaufen zu sein. Melvilles Determinismus drückt sich in den Worten des Polizeipräsidenten aus: „Es gibt keine Unschuldigen. Die Menschen sind Verbrecher. Sie kommen unschuldig auf die Welt, aber sie bleiben es nicht.“ Ein Satz, der aus der hoffnungslosen Literatur Célines stammen könnte. Melville beklagte sich nach den Dreharbeiten über das stupide Verhalten von Volonte und die Unfähigkeit seiner technischen Crew, die dazu führte, daß er an diesem Film länger als erwartet arbeiten mußte. Er wurde müde, aber zwei Jahre später nahm er doch wieder alles auf sich, um sein ästhetisches Konzept noch weiter zu treiben und mit UN FLIC seinen pessimistischsten Film zu drehen.

Noch einmal trafen sich die Gangster in einem heruntergekommenen Haus, hinter dem aber bereits die neuen, häßlichen Betonsilos hochgezogen wurden. Melville war auch ein Chronist des Niedergangs von Paris. UN FLIC entstand, als am Montparnasse die Baugrube für Europas größten Wolkenkratzer ausgehoben wurde. Das Ende einer Epoche. Auch das Ende für Melvilles Gangster, diesmal von Richard Crenna gespielt. Nicht von Ungefähr spielte Delon in diesem Film einen roboterhaften Polizisten, der durch Folter und Technologie dem Gangster Crenna überlegen ist. Nicht von ungefähr beraubt Crenna in einem der genialsten Coups der Filmgeschichte einen Angehörigen des Organisierten Verbrechens, das sich in der bürgerlichen Gesellschaft integriert hat.
(dies ist ein Auszug des Melville-Textes in 2000 LIGHTYEARS FROM HOME-Essays zur populären Kultur (BoD, 2010)