Martin Compart


KLASSIKER DES POLIT-THRILLERS: THE LINGALA CODE von WARREN KIEFER by Martin Compart

Seit etwa zehn Jahren erfreut sich afrikanische Kriminalliteratur (besonders natürlich südafrikanische) auch bei uns eine gewisse Aufmerksamkeit.

Aber es ist doch erstaunlich, wie wenige europäische- und amerikanische Polit-Thriller sich mit afrikanischen Themen und Krisen auseinandergesetzt haben – abseits von Graham Greenes und John LeCarrés Romane zur Apartheit und den üblichen Serien von OSS117 über NICK CARTER bis MALKO. Natürlich gab es immer mal wieder Romane von Ted Allbeury, Brian Freemantle (oder Eric Amblers DIRTY STORY) und anderen zu einem afrikanischen Thema, aber der einzige Autor, der diese regelmäßig in die westlichen Bestsellerlisten trug, war wohl der Südafrikaner Wilbur Smith.

Schon deshalb kommt dem hier genannten Buch eine besondere Bedeutung zu.

Es war die Lektüre von Larry Devlins Erinnerungen, die mich an einen höchst ungewöhnlichen Thriller aus dem Jahre 1972 erinnerte und zum Wiederlesen bewegte.
Als CHIEF OF STATION, CONGO (Public Affairs, 2007) diente Devlin (wie der Ich-Erzähler Michel Vernon des Romans THE LINGALA CODE) der CIA und „begleitete“ die Unabhängigkeitsbestrebungen und blutigen Auseinandersetzungen im Kongo der frühen 1960er Jahre.

Das war der Beginn der Stellvertreterkriege des Kalten Krieges, der den Kontinent bis heute foltert (auch wenn es nicht mehr um Machtsphären der Supermächte geht, sondern um die noch brutalere Ausbeutung der Rohstoffe durch monopolkapitalistische Konzerne im Dienste der Superreichen und ihre oligarchischen Handlanger).

I. DER ROMAN:

Sie waren Freunde gewesen: Michel Vernon, CIA-Chief of Station im Kongo, und Ted Stearns, der Luftwaffen-Attaché, dem Vernon sein Leben verdankte.

Nun war Ted in Leopoldville erschossen worden.
Angeblich von einem Einbrecher.

Niemand wusste es wirklich. Denn der schnell gefasste Täter hatte in der Zelle Selbstmord begangen. Einen zweifelhaften Selbstmord. Aber ein Leben zählte sowieso nichts im Kongo.

Michel schwor sich, den Tod seines Freundes aufzuklären.

Er hatte gute Kontakte in die einheimischen Machtstrukturen, die sich häufig ändern konnten.
Aber man will Ted schnell begraben und die Angelegenheit vergessen. Auch die eigenen Leute sind nicht daran interessiert, dass Vernon im Dreck wühlt.
Denn der stößt schnell auf Widersprüche

Ein Toter mehr – während der Kongo im Chaos zu versinken droht. Man hat ganz andere Sorgen.
„Die neue Kongo-Republik war durch eine Frühgeburt zur Welt gekommen und bei keinem anderen Land hatten so viele politische und diplomatische Hebammen dabei geholfen. Und Repräsentanten aller Großmächte hockten im Kreißsaal und warteten darauf, ihren Segen geben zu können.“

Die Zeit: Ende 1961:
Nach der Ermordung Lumumbas, der Separation Katangas, der Intervention der UNO und der internen Machtkämpfe, die weitgehend auch tribalistisch geprägt waren. Tod am großen Fluss. „Wenn du lange genug am Ufer siehst, wirst du die Leiche deines Feindes vorbei treiben sehen“, lautet angebliche ein kongolesisches Sprichwort. Bei allen barbarischen Metzeleien und kannibalistischen Festgelagen, verlangten die Unruhen der 1960er Jahre aber nur einen Bruchteil der Opfer, verglichen mit den Millionen Toten seit 1997.

Mit der Unabhängigkeit des Kongo begann die Zeit der Stellvertreterkriege und der Aufstieg westlich gestützter Despoten, die jedem Rassisten Freude bereiteten.
Oder wie es Christopher Othen ausdrückt: „The events of 1960 are the ground zero of CIA-sponsored African dictatorships, private military contractors, conflict diamonds and global corporations picking clean the bones of Third World Countries” (KATANGA 1960-63, The History Press, 2015).

Damals rückten erstmals Kindersoldaten in die Öffentlichkeit in Form der Jugendorganisationen („jeunesse“); ihre Gräuel wurden für die westlichen Medien zum Inbegriff rassistischer Kommentare (ohne zu bemerken, dass sich Hitlers Volkssturm neben alten Leuten auch aus „Pimpfen“ speiste).

Ich fühlte feuchte Wände, Mehltau und die Armut des ruralen Kongo.

Die Darstellung des Kongo ist authentisch und genau (wie man etwa im Abgleich mit Larry Devlins Memoiren nachprüfen kann). Die Schilderung einer aberwitzigen Wahl der „Miss Leopoldville ist mir Beweis, dass Kiefer den Kongo ziemlich genau erlebt haben muss.

Die Suche nach den wahren Gründen für den Mord durch das Gestrüpp unterschiedlicher und tödlicher Interessen, die den Kongo zerlöchern, ist mehr als schwierig. Nichts darf ans Tageslicht.

„Man bleibt im Dunkeln, Monsieur Vernon, wenn man Jäger ist und essen will“, hatte mir Seku erklärt. Und Seku jagte Macht und aß gut.

Das ganze Chaos der damaligen Situation durchzieht das Buch: Die Angst der Amerikaner vor Einflussverlust, Tschombes Abspaltung Katangas für die Interessen der belgischen Mineralgesellschaften, das strategielose Geballer hirnloser UN-Truppen und die tribalistischen Machtkämpfe der Einheimischen. Die unterschiedlichsten Gruppierungen schmieden aberwitzige Allianzen, die niemand wirklich durchschaut:

„Finden Sie heraus, woher sein Geld kommt und bieten Sie ihm mehr. Er wird seine Haltung zwar nicht ändern, aber Sie finden so Gelegenheit, die führenden Köpfe der Gruppe kennenzulernen. Und wenn Sie das geschafft haben – informieren Sie Mobutu. Sollen die Kongolesen sich um ihn kümmern.“

Kiefer erzählt es nicht emotionslos, aber doch kühl mit der Stimme eines menschlichen Ich-Erzählers in einem zynischen Job. Er weiß, wie das „Geschäft“ läuft und stellt es nicht in Frage. Da ist er ganz Profi. Aber wenn es persönlich wird, scheut er auch nicht den Konflikt mit der eigenen Interessenseite.

Für jedes Verbrechen gibt es eine Entschuldigung, für jede Tugend findet man eine zynische Rationalisierung.

 

„Man könnte sein Erinnerungsvermögen etwas stimulieren,“

   „Dazu habe ich nicht die Mittel“, sagte Martin.

   „Es muss nicht unbedingt Geld sein“, sagte ich.

 

Wenige Polit-Thriller sind so intensiv in einer politisch realen Situation verwurzelt und nutzen diese so effektiv für ihren Plot. Ohne Kiefers literarisches Können, würde er sich passagenweise wie ein Sachbuch lesen. Aber dank der Erzählerstimme, die mich manchmal ein wenig an Paul Theroux erinnert, bleibt der Roman in der Spur. Die Informationen zur realen Lage werden organisch vermittelt, da sie zum Job und zum Umfeld des Erzählers gehören. Deshalb wirkt nichts aufgesetzt.
Warren Kiefer gehört zu den wenigen Polit-Thriller-Autoren, deren mitreißender Stil die Leser einsaugt und sie dabei unauffällig mit Fakten zum Hintergrund über das Sujet aufklärt, die sich dann als integral für die Handlung erweisen.


II. DER AUTOR:

Warren David Kiefer gehört zu den geheimnisvollsten Autoren der Kriminalliteratur. Er ist nicht nur ein in Vergessenheit geratener Autor, sondern auch ein nur Spezialisten bekannter Drehbuchautor und Regisseur.

Er wurde 1929 in Rochelle Park, New Jersey, geboren. Wahrscheinlich starb er 1995 in Buenos Aires.

Kiefer studierte an der University of New Mexico und an der University of Maryland. Er studierte u.a. Journalismus und Fotografie und strebte eine M.A, in südamerikanischer Geschichte an.

Sein Freund Paul Mims erinnerte sich an ihn: „Warren and I first met in the autumn of 1949. We were students at the University of New Mexico, Albuquerque, I a 26 year old grad student from the University of Wisconsin, he a 20-year old under graduate from the Chicago suburbs. The Kiefer I knew was 20 years old, of medium height; say about five-foot eight inches tall, weighing approximately 160 pounds. He had a well muscled frame. His hair was light brown, close cropped but given to being wavy. Although not a rich boy he was from the upper middle class and used to the “good life”. Even as an under graduate he had extravagant tastes for food, liquor and girls. One of the great dilemmas in his life was how to combine both the “good life” and the artist’s bohemian life style. You see, one part of Kiefer, although quite capable of performing in the world of public relations and advertising, loathed its suffocating, mundane ethos” (Zitat nach Robert Curti in dem ausführlichsten Artikel zu Kiefers Filmschaffen, unter: http://offscreen.com/view/warren_kiefer).

Während seiner Zeit in Maryland lernte er seine Frau Ann kennen, die er 1954 heiratete und mit der er einen Sohn hatte. Das Studium langweilte ihn irgendwann und er begann in der PR-Branche zu arbeiten. Er machte u.a, Public Relations für die Geburtsstadt seiner Frau, Kalamazo in Michigan, und für den Pharma-Giganten Pfizer (was in PAX einfloss).

Sein erster Roman, den er gemeinsam mit Harry Middleton geschrieben hatte, wurde 1958 unter dem Pseudonym „Middleton Kiefer“ veröffentlicht:

PAX ist eine hard-boiled-novel über Betrug in der Pharma-Industrie, die Bezüge zum Mind-Controlprogram der CIA (Operation Artischocke, MK Ultra) aufweist. Zu seinen literarischen Vorbildern gehörten damals Hemingway und Fitzgerald; zu seinen Freunden gehörte – ebenfalls Absolvent der University of New Mexico – Edward Abbey, dessen Roman THE LONELY COWBOY (1956) Kiefer laut Curti beeinflusst haben soll.

Im selben Jahr wurde sein Sohn Alden geboren.

Dann schmiss er alles hin: Familie, Job und Wohnort. Quasi über Nacht begann er ein neues Leben.

Kiefer zog nach Rom, damals neben Los Angeles die größte Filmstadt der westlichen Hemisphäre. Im Umfeld von Cinecittà suchte und fand er Jobs. “I was working the Middle East and Africa as a director-producer of TV Specials and documentaries.”

Für Esso drehte er eine Dokumentation in Lybien. Auch wenn nichts darüber bekannt ist, hat er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit 1961 oder 1962 auch den Kongo besucht. Das Detailwissen über die geheimdienstlichen Aktivitäten, wie er es zehn Jahre später im LINGALA CODE darlegte, war zum Zeitpunkt des Erscheinens einem Außenstehenden nicht zugänglich. Entweder hatte Kiefer sehr gute Quellen, oder er war unter der beliebten Tarnung als Dokumentarfilmer oder Journalist in CIA-Aktivitäten aktiv verwickelt.

1963 war er wieder zurück in Rom und lernte Paul Maslansky kennen, der als Production Managere gerade für Irvin Allans THE LONG SHIPS arbeitete. „He and Maslansky met at the Cinecittà tank, where Kiefer was shooting additional footage for his Esso documentary: they liked each other, got along well, and talked about making a movie together. According to Maslansky, Kiefer had married again at that time, with a beautiful Argentinian woman“ (Curti).

Rolf Giesen: „Zum Film kam Kiefer durch Paul Maslansky und den Mammutfilm `The Long Ships´ (Raubzug der Wikinger). Maslansky lebt noch. Er nahm 1967 am 6-Tage-Krieg teil. Er war der Produzent der `Police Academy´-Filme. In einem von Kiefer geschriebenen Film spielte Mario Adorf.“

So kam es dazu, dass Kiefer mit CASTLE OF THE LIVING DEAD (Il castello dei morti vivi) seinen ersten Kinofilm als Autor und Regisseur drehte, dem zwei weitere folgten. Auch unter verschiedenen Pseudonymen, wie Lorenzo Sabatini, erledigte er weitere Filmarbeit.

Wer näheres zu diesem speziellen Bereich in Warren Kiefers Werk sucht, sollte sich den langen Artikel von Robert Curti ansehen.

In CASTLE spielte Donald Sutherland seine erste Filmrolle. Sutherland und Kiefer wurden so gute Freunde, dass der Schauspieler seinen Sohn nach ihm benannte. Kiefer widmete ihm den LINGALA CODE, den er noch in Rom geschrieben hatte..

Irgendwann nach 1972 verließ er Rom und zog mit seiner argentinischen Frau nach Buenos Aires .
Trotz gelegentlicher Buchveröffentlichungen, weiß anscheinend niemand, was Kiefer in Argentinien so getrieben hatte und womit er Geld verdiente.

Es war die Zeit der CIA gesteuerten Operation Condor, die mit Nazi-Methoden in ganz Lateinamerika gegen Befreiungsorganisationen und Gewerkschaften vorging. Sein Roman THE KIDNAPPERS greift die damalige Situation in Argentinien auf: Ein alter Schneider versucht seine Kenntnisse sowohl an die CIA wie die ODESSA zu verkaufen.
Er hatte noch Kontakte zur Filmindustrie.

Rolf Giesen: „Juliette de Sade war dann offiziell Kiefers letzter Film, der ihn nach Argentinien brachte. Ich selbst denke, dass er dort weitergemacht hat, neben den Romanen. Über internationale Co-Produktionen lässt sich gut Geld waschen.
Paul Maslansky, Warren Kiefers alter Weggefährte, plante 1990 eine Filmkomödie in Argentinien zu produzieren: „Honeymoon Academy“. Maslanskys Frau Sally sollte die Produktion überwachen. Es ging viel daneben; der Film entstand, dann nicht in Argentinien. Ursprünglich unter dem Titel „For Better For Worse“ geplant, sollten in Argentinien 5 Millionen Dollar ausgegeben werden. Die Produktion ging schließlich nach Spanien.
Ich bin sicher, dass Kiefer an der argentinischen Verbindung beteiligt war und dort Geld locker machen sollte.“
(Giesen in E-Mails an mich)

Obwohl nicht verifiziert, gilt 1995 als Kiefers Todesjahr.

Als Autor blieb er ein Geheimtipp, der nie den großen Erfolg verbuchen konnte.

1973 gewann er für den LINGALA CODE den Edgar Allan Poe-Preis für den besten Kriminalroman des Jahres.

1976 folgte der Vatikan-Thriller THE PONTIUS PILATUS PAPERS über einen entdeckten und gestohlenen Augenzeugenbericht der Kreuzigung Christi. 1977 erschien THE KIDNAPPERS.

Nach langer Pause folgte 1989 mit OUTLAW eine Western-Saga (Kiefer war ein Western-Fan und hatte die Drehbücher zu dem Lee Van Cleef-Film DIE LETZTE RECHNUNG ZAHLST DU SELBST, 1967, VERGELTUNG IN CATANO, 1965, und THE LAST REBEL, 1971, geschrieben), die von 1870 bis 1968 spielt.

1990 erschien mit THE PERPIGNON EXCHANGE ein Nahost-Thriller, 1992 mit dem Wall Street-Thriller THE STANTON SUCCESSION sein letztes Buch.

DER LINGALA CODE ist inzwischen ein Klassiker des Polit-Thrillers, der literarisch und thematisch einen ganz besonderen Platz in der Geschichte des Genres einnimmt in seiner perfekten Verbindung zwischen Realität und fiktionaler Erzählung. Die erneute Lektüre nach über vierzig Jahren zeigte mir zudem, dass der Roman stilistisch nicht im Geringsten antiquiert ist. Er liest sich, als hätte ihn ein vortrefflicher gestern erst geschrieben.

In deutscher Übersetzung sind lediglich zwei Romane erschienen: DER LINGALA CODE bei Heyne, 1974 und THE STANTON EXPRESS als DER DRITTE KANDIDAT bei Bastei-Lübbe, 1993.


EINIGE EMPFEHLENSWERTE AFRIKA-THRILLER:

ALEXANDER, Patrick, Death of a ThinSkinned Animal, London, Macmillan, 1976.

ALLBEURY, Ted, The Girl from Addis, London & New York, Granada, 1984.
AMBLER, Eric, Dirty Story, London, Bodley Head, 1967.

BOYD, William, Brazzaville Beach, New York, William Morrow, 1990.

BROWNLEE, Nick, Snakepit, London, Piatkus, 2011.

CAPUTO, Philip. Horn of Africa, New York, Holt, Rinehart and Winston, 1980.

CARNEY, Daniel, The Whispering Death, Salisbury, College Press,1 1969.

CHASE, James Hadley, The Vulture is a Patient Bird, London, Hale, 1969.

CLIFFORD, Francis, The Blind Side, London, Hodder, 1971.

DRISCOLL, Peter J., The Wilby Conspiracy, New York & Philadel-phia, Lippincott, 1972.

FORSYTH, Frederick, The Dogs of War, London, Hutchinson, 1974.

FREEMANTLE, Brian, Target, Sutton, Severn House, 2000.

GRANGÉ, Jean-Christophe, Fug der Störche, 1994. U.a. desselben Autors.

HARTMANN, Michael, Game for Vultures, London, Heinemann, 1975.

LE CARRE, John, The Constant Gardener, 2001; The Mission Song, New York, Little, Brown and Company, 2006.

McCARRY, Charles, The Miernik Dossier, New York, Saturday Review Press,1973.

DONELL, Nick, An Expensive Education, London, Atlantic Books, 2010.

McNAB, Andy, Recoil, New York, Bantam, 2006.

MILLS, Kyle, The Lords of Corruption, New York, Vaguard Press, 2009.

QUINNELL A. J., Black Horn, London, Chapmans Publishers, 1994.

SILLITOE, Alan, The Death of William Posters, New York, Knopf, 1965.

SMITH, Wilbur, The Leopard Hunts in Darkness, London, Heinemann, 1984.

THOMAS, Ross, The Seersucker Whipsaw, New York, Morrow, 1967.

TYLER, W. T., Rogue’s March, New York, Harper & Row, 1982; The Lion and the Jackal, New York, Simon and Schuster, 1988.

WINGATE, William, Bloodbath, London, Hutchinson, 1978.

WOODHEAD, Patrick, The Secret Chamber, London, Arrow, 2011

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DER RONIN: BARRY EISLER UND SEIN HERRENLOSER SAMURAI by Martin Compart
15. Februar 2018, 10:58 pm
Filed under: BARRY EISLER, Porträt, Spythriller, thriller | Schlagwörter: , , , , ,

„Harry glitt durch das Menschengewimmel der morgendlichen Rushhour wie eine Haifischflosse durchs Wasser.“
Mit diesem schönen Satz beginnt eine der besten Killer-Serien seit William Wingates Hardacre- und Max Allan Collins Quarry-Büchern.

Killer-Serien als Subgenre der Kriminalliteratur haben ihre eigene Faszination: Mit dem ultimativen Bruch des Sozialvertrags ist der Killer der absolute gesellschaftliche Außenseiter (auch wenn er wie Bond staatlich legitimiert ist, denn der staatliche Bruch des Sozialvertrages beinhaltet ja auch gleichzeitig die Bankrotterklärung einer zivilisierten Gesellschaftsform).

Barry Eislers John Rain-Serie ist international erfolgreich: Die bisherigen Romane sind in zwanzig Sprachen übersetzt worden, und 2009 kam ein erster Film RAIN FALL (mit the one and only Gary Oldman in einer Hauptrolle als Tokioer CIA-Chef und Gegner von Rain; Regie führte Max Mannix) in die Kinos. Der Film war so grottig schlecht, dass er Maßstäbe gesetzt hat – ein echte Rein-Fall – um diesen blöden Witz loszuwerden. Seit 2014 ist eine Mini-TV-Serie mit Keanu Reeves im Gespräch, bzw. Produktion.

„Es ist sicher eine Herausforderung, einen Auftragskiller für den Leser sympathisch zu machen. Aber es gibt Hilfsmittel. John Rain hat einen Moralkodex: Keine Frauen, keine Kinder und keine Unbeteiligten. Killer wie er sprechen etwas in uns an, indem er unsere antisozialen Wünsche verkörpert. Jeder von uns hat doch gedanklich schon jemanden umgebracht. Etwa das Arschloch, das am Nebentisch lautstark in sein Handy quatscht. Ich habe viele weibliche Leser, wie Lee Child. Frauen mögen Rain. Vielleicht, weil er ein guter Zuhörer ist. Und mysteriös, kultiviert und – sehen wir den Tatsachen ins Gesicht -, weil er ein böser Junge ist. Böse Jungs sind sexy. Ich liebe die Romane Trevanians. Seine Killer Nicolai Hell aus SHIBUMI oder Jonathan Hemlock sind teilweise sympathisch, weil sie anderen an Intellekt, Geschmack und Kultiviertheit überlegen sind. Ohne einen Kodex oder seine Philosophie wäre Rain nur ein Nihilist oder ein Soziopath. Niemand, mit dem man mitfühlt. Die Herausforderung ist, einen Mann zu schildern, der böse Dinge anstellt, aber in einer Weise, dass der Leser ihn mag.“

Vergleiche mit Lee Child, die man gelegentlich liest, hinken. Eisler, der inzwischen ein richtiges Panoptikum an Nebenfiguren eingerichtet hat, bedient sich durch diese „Stock Company“ viel stärker bei melodramatischen Strukturen als Lee Child. Aber auch für Rains gilt, was für alle Noir-Helden gilt: Sie können die Welt nicht kontrollieren, bestenfalls entscheiden, wie sie in ihr leben.

Halb Japaner, halb Amerikaner ist John Rain eine wurzellose Figur. Ein Vietnam-Veteran, den Amerikas Kriege zynisch gemacht haben und der keinen Parolen mehr glaubt. Eisler gelang mit ihm ein äußerst komplexer Charakter, der mit jedem Buch mehr an Tiefe gewinnt.

Gleich zu Beginn der Serie wird Rain emotional ins Geschehen verwickelt: Er verliebt sich in die Tochter eines seiner Opfer. Als er sie auch töten soll, wendet er sich gegen die Auftraggeber und beschützt sie. In HARD RAIN bringt er einen CIA-Agenten um, der ihn verfolgt hat und muss für das japanische FBI einen hohen Yakuza-Boss umlegen. Auch hier lässt der libertäre Eisler keine Gelegenheit aus, um das Wirtschaftssystem und die korrupten Politiker, die sich dessen so unverfroren bedienen, zu geißeln. Am Ende inszeniert Rain seinen eigenen Tod und flieht nach Brasilien, um ein neues Leben zu beginnen.

Aber er hat die Rechnung ohne seine alten Arbeitgeber von den „Christians in Action“(CIA) gemacht. Sie finden ihn in Brasilien und schicken ihn in RAIN STORM nach Macao und Hongkong, wo er einen Waffenhändler umlegen soll, der verschiedene Terror-Gruppen beliefert.

KILLING RAIN führt ihn im Auftrag des Mossad nach Manila. In THE LAST ASSASSIN erfährt er, dass seine einstige Geliebte und ihr Kind noch leben. In New York. Aber sie werden auch von Rains Feinden observiert. Für viele gilt der Roman als Eislers bisher bester. Zum Zeitpunkt des Erscheinens sagte er auch öfters, dass er die Rain-Serie begrenzen wolle. Sie solle mit dem Tod des Protagonisten enden.
In REQUIEM FOR AN ASSASSIN wird Rains Freund Dox entführt. Rain, inzwischen in Paris, soll für die Kidnapper drei Hits ausführen, um Dox´s Leben zu retten. Dahinter steckt mal wieder der Ex-CIA-Agent Hilger, der Rain für terroristische Aktionen instrumentalisieren will. Die Handlung führt nach Bali, Vietnam, New York, Rotterdam und dem Silicon Valley. Genügend Schauplätze für atemberaubende Beschreibungen und jede Menge Action.

Eisler recherchiert akribisch. Er besucht jeden Handlungsort, um ein Gefühl für dessen Essenz zu bekommen, quetscht Experten aus und nutzt exzessiv das Internet. Er ist oft witzig, immer genau und ein exzellenter Kenner der japanischen Kultur, die er ebenso respektvoll beschreibt, wie auch ihre Absurditäten aufdeckt: „Japaner machen nicht Halt, um sich eine Zigarette anzuzünden, denn sonst würden sie im Laufe ihres Erwachsenenlebens ja Wochen verlieren.“ Ihm gelingen großartige Schilderungen von Tokio, Bangkok, Rio oder Barcelona – letztere neben Tokio seine Lieblingsstadt.

Eine weitere Stärke ist seine sorgfältige und vieldimensionale Darstellung von Nebenfiguren (etwa Dox oder Rains Mossad-Geliebte Delilah). Als Ich-Erzähler führt er den Leser in den Kopf von John Rain. Faszinierend, wie es Eisler schafft, den Leser quasi life an allem teilnehmen zu lassen. Eisler gleitet in die Szenen wie ein Regisseur mit subjektiver Kamera. Ob eine Fahrt mit der Tokioer U-Bahn oder eine Kampfszene, er langweilt nie mit seinen präzisen, oft lyrischen Beobachtungen. Keine Frage: Barry Eisler ist ein begnadeter Schriftsteller, einer der besten Autoren, die im Genre arbeiten. Einer der Besten in jedem Genre.

Eisler sieht fast auf eine yuppieart gut aus, ist freundlich und liebenswürdig. Ein echter Schwiegermüttertraum mit besten Manieren. Sein Äußeres lässt kaum vermuten, dass er knallharte Thriller schreibt und für die CIA gearbeitet hat. Als Marketinggenie in eigener Sache weiß er vorzüglich mit Fans und Buchhändlern umzugehen (seine Tips verrät er im Internet). Lange Lese- und Signierreisen auf eigene Faust durch die USA schrecken ihn nicht. „Deine Bücher sind dein Geschäft, und du musst alles dafür tun, dass sie sich verkaufen. Verlass dich nicht auf deinen Verleger. Wenn dein Buch floppt, ist er noch im Geschäft – du aber vielleicht nicht mehr.“

Er studierte Jura, machte seinen Abschluss in Connell und ging 1989 zur operativen Abteilung der CIA. Damals kam er auch erstmals nach Japan. Als begeisterter Kampfsportler hat er einen schwarzen Gurt in Judo. „Man hat mich in vielen Disziplinen ausgebildet: Handfeuerwaffen, Langfeuerwaffen, waffenloser Kampf, Bomben bauen, Gegenterrorismus usw. Das Insiderwissen nützt mir natürlich. Ich kann zeigen, wie Geheimdienste wirklich funktionieren.“

1993 beendete er seine Mitarbeit bei der CIA und zog nach Tokio um Japan in sich aufzusaugen. Heute lebt er mit Frau und Teenagertochter an der Bucht von San Francisco. „Ich hatte das Glück, immer interessante Jobs zu haben: Als Geheimagent, Anwalt in einer internationalen Kanzlei oder Verantwortlicher in einem Startup-Unternehmen im Silicon Valley. Jetzt bin ich hauptberuflich Schriftsteller. Ich habe seit der Jugend geschrieben und immer davon geträumt, Schriftsteller zu werden.“

Und warum politische Thriller?

„Ich bin schon ewig ein Informations- und Politik-Junkie. Meine Romane kommen alle direkt oder indirekt aus den Schlagzeilen der Presse.“

Und er lässt kaum eine Gelegenheit aus, sein Mantra zu verkünden: „Schaut bloß kein Fernsehen. Das ist der größte Zeitdieb und die sinnloseste aller Beschäftigungen.“ Er selbst nutzt sein TV-Set fast ausschließlich für DVDs, etwa für die SOPRANOS: „Das Beste seit der Miniserie LONESOME DOVE. Schaut nur TV, wenn ihr lernen wollt, wie man Fernsehskripts schreibt.“
Das Handwerk des Schreibens interessiert ihn sehr. Er diskutiert darüber auf seiner Homepage, in seinem Blog und ist freigiebig mit Anregungen und Tipps für angehende Autoren.: http://www.barryeisler.com

Eisler ist Jazz-Fan, was sich auch in den Büchern niederschlägt. „Zu meinen Lieblingsmusikern gehören Sade, Seal, Southern All Stars und kürzlich habe ich eine unglaubliche japanische Jazz-Pianistin entdeckt: Akiko Grace.“ Zu seinen Lieblingsautoren zählt er u.a. Pat Conroy, James Ellroy, Dave Gutterson, John Le Carré, Trevanian und Stephen King. „Ich liebe nicht nur seine Bücher, sondern Stephen King als Menschen. Er ist erstaunlich klug, ehrlich und dabei lustig.“ Und natürlich ist er Bond-Fan (er trat in der Doku über Ian Fleming und 007 von 2008, „Ian Fleming’s Incredible Creation“ , auf, um das große Vorbild zu würdigen.

Politisch ist er nach amerikanischen Maßstäben weit links einzuordnen. Die Heuchelei der USA und der westlichen Welt (und ihrer asiatischen Verbündeten) wird nicht nur in den Romanen immer wieder angesprochen, er beklagt diese auch in seinem Blog: „If instead of American soldiers and Arab detainees, the photos and videos from Abu Ghraib were of American POWs and, say, Iranian guards, what would be the American reaction? Note the linguistic choices in the previous sentence, which would be automatic: Arabs are denied the dignity of being designated Prisoners of War. They’re not even prisoners. They’re merely „detainees“ (I’m half-surprised we haven’t started calling them „guests“). The Americans holding them are „soldiers“; were the shoe on the other foot, the enemy captors would doubtless receive the less exalted term, „guards.“ Would there be any debate about whether the practices revealed in the photos were „outrages upon human dignity,“ as prohibited by the Geneva Conventions and US law? Would we describe the practices as „abuse?“ Or would they obviously, and rightly, be called „torture?“ If Americans were taken against their will and spirited away by Iranian government forces, would we call the practice „rendering,“ or would we recognize it as „kidnapping?“ Would we call the places to which Americans were secreted and where they were held without acknowledgment to their families or even to the Red Cross „detention centers?“ Or would we call such a system a gulag?“

Wer intelligente, gutgeschriebene Noir-Poilitthriller liebt, wird Eisler mögen. Er bestätigt Tolstois Satz: „Kunst ist eine Lüge, die uns befähigt, die Wahrheit zu sehen.“



TRUMPS LIEBSTER THRILLER by Martin Compart
25. Januar 2018, 11:41 am
Filed under: Conspiracy, Klassiker des Polit-Thrillers, Spythriller, thriller | Schlagwörter: , ,

Ein reicher Geschäftsmann von der Ostküste, ohne politische Erfahrung, macht sich Anfang der 1980er Jahre auf um Präsident der USA zu werden. Setzt sich als Kandidat der Republikaner durch und gewinnt die Wahl dank seines kindischen Populismus. Seine Ziele sind u.a. Steuerreformen zu Gunsten der Reichen und gute Beziehungen zur Sowjetunion.

Und er wird von Moskau heimlich unterstützt.

„Ich habe schlimme, schockierende Nachrichten. Gentlemen, es sieht so aus, als wäre der designierte Präsident der Vereinigten Staaten nicht Herr seiner selbst.“

So ist der Plot des Polit-Thrillers “The Twentieth Day of January” ( deutsch als „In der Hand des Kreml“ 1980 bei Ullstein) von Ted Allbeury, einem der wirklichen Großmeister des Genres, den er 1980 veröffentlicht hat. Beim Wiederlesen bleibt einem manchmal die Spucke weg. Als ob der ehemalige Geheimdienstler Allbeury kurz Zugang zu hellseherischen Kräften gehabt hätte. Der Journalist, Kulturkritiker und Blogger Josh Glenn, fand heraus, dass dies der Lieblings-Thriller von Donald Trump ist oder war (“…in the late 1980’s he talked about this book to literally everybody: his helicopter pilot, crewmembers on his yacht, a woman he met backstage while waiting to appear on “The Oprah Winfrey Show.”).

Könnte es gar sein, dass der KGB Trump das Buch gegeben hatte als er noch vor dem Ende der Sowjetunion dorthin reiste um Geschäfte zu machen? Josh Glenn bringt auch diese Theorie auf.

In dem Roman wird das Schlimmste verhindert, indem der designierte (oder degenerierte?) Präsident vor der Amtseinführung am 2o.Januar gestorben wird (mit Einverständnis der designierten First Lady). Offiziell war es natürlich Selbstmord (warum kann die Realität nicht auch in diesem Punkt Allbeurys Fiktion folgen…).

In England und den USA ist der Roman bereits letztes Jahr neu aufgelegt worden.
Die erste Auflage war – oh Wunder! – ruckzuck ausverkauft. Nach diesem Blogbeitrag wird hoffentlich im nächsten Jahr auch ein deutscher Verlag mit der Wiederveröffentlichung einen schnellen Euro machen.



JOSHUAHS ERBEN: DANIEL SILVA UND SEINE MOSSAD-SERIE by Martin Compart

Auf den ersten Blick wirkt er einfach nur harmlos und nett. Wie ein netter Kunstprofessor, der kein Wässerchen trüben kann. Einer, der seinen Eltern immer Freude und nie Probleme gemacht hat. Aber genauso wie sein Held Gabe Allon eine Doppelexistenz als Kunstrestaurator und Mossad-Killer führt, hat auch Daniel Silva eine andere, knallharte Seite.

„Ja, 9-11 war gut für den Thriller. Ich habe damals von meinem Haus in der Nähe von Washington D.C. die Rauchwolke über dem Pentagon gesehen.“ Daniel Silva ist kein Zyniker, jedenfalls nicht komplett. Nach Eric Amblers bekanntem Statement, dass der Thriller die letzte Zuflucht für Moralisten sei, hat sich Silva das Genre ganz bewusst gewählt. „Ich konnte mir als Schriftsteller nie etwas anderes vorstellen, als Spionageromane, bzw. Thriller zu schreiben. Als Kind des kalten Krieges war ich immer an Militärgeschichte und Spionage interessiert.“ Inzwischen ist Silvas Panoptikum ein umfassendes politisches Zeitgemälde, das uns Opfer, Täter, Mitläufer, Rächer und die totalitären Strömungen der Gegenwart vermittelt.

Er hat das Talent eines Frederick Forsyth, reale Ereignisse detailliert zu recherchieren, spannend darzustellen und in eine rasante Thrillerhandlung umzusetzen. „Ich recherchiere, bis ich blind bin. Ich packe den Tank mit soviel Recherchematerial wie möglich voll. Aber dann übernimmt die Imagination und ich öffne eine geistige Tür um einen möglichst unterhaltsamen Roman daraus zu machen.“
Der Piper Verlag, der Silva im deutschsprachigen Raum veröffentlicht, setzt damit eine lange Tradition fort: Piper veröffentlichte bei uns den ersten Frederick Forsyth und war bis in die 1980er Jahre der Stammverlag von Ulf Miehe. Die Übersetzungen sind allesamt hervorragend. Was nicht wundert: Sein Übersetzer (bis einschließlich TERRORNETZ) ist der alt gediente Thriller-Crack Wulf Bergener, der sein Metier meisterlich beherrscht. Fast alle Bücher haben im Anhang Anmerkungen des Autors zu den zeitgeschichtlichen Hintergründen der Romane, die auch in den deutschen Ausgaben erhalten sind.

Rasanz ist eine der treffendsten Bezeichnungen für seine Romane: sie gehen höllisch ab und lassen den Leser nicht mehr aus den Klauen. Manchmal brauchen sie etwas Zeit um in Fahrt zu kommen. Als Ausgleich dafür bekommt man faszinierende Beschreibungen der Handlungsorte und Details über die geheime Welt. Seine sorgfältige Recherche und breite, nie langweilige, Darstellung von Techniken oder Prozessen erinnert ebenfalls an den Altmeister. Silva legt allerdings etwas mehr Wert auf die genaue Charakterisierung seiner Personen. „Ich sehe mich als ernsthafter Schriftsteller, der Thriller schreibt.“ Als ob es heutzutage noch viele ernstzunehmende Schriftsteller gäbe, die nicht Genreliteratur schreiben.

Wer den arabisch-israelischen Konflikt wirklich verstehen will, kommt an Silva nicht vorbei. In seinen Thrillern erfährt man mehr und vieles intensiver als in Sachbüchern. Einmal mehr gilt das Theorem vom Thriller als eine der letzten Bastionen der Aufklärung (die menschenverachtende Globalisierungsideologen und ihre politischen Handlanger am liebsten ungeschehen machen möchten). Silva zeigt die Paranoia eines Landes, das sich permanent im Kriegszustand befindet und welcher Wahnsinn daraus resultieren kann. Er zeigt auch die Machtkämpfe innerhalb des Systems, lässt aber keinen Zweifel an der Existenzberechtigung Israels. Genauso wenig, wie er einem Palästinenserstaat die Existenzberechtigung abspricht. Die Tragik des Dauerkonflikts schwingt schon im ersten Allon-Roman, DER AUFTRAGGEBER, mit: Protagonist und Antagonist agieren aus fast identischer, nachfühlbarer Motivationslage. Beide haben ihre Familie durch die Gegenseite verloren.

Geboren wurde Silva 1960 in Michigan, aufgewachsen ist er in Kalifornien. Nach dem Studium wurde er erst Reporter für UPI, dann Korrespondent für CNN. Dort wurde er schließlich Producer der Talk Shows. Sein altes Gewerbe sieht er heute zynisch, wenn er den Mossad-Chef sagen lässt: „Für ihn waren Nachrichtenmedien nur eine Quelle der Unterhaltung oder eine Waffe, die sich gegen seine Feinde einsetzen ließ.“
Für UPI arbeitet er bis Mitte der 1980er als Washingtonkorrespondent, danach wurde er Korrespondent für den Mittleren Osten mit Sitz in Kairo. Als er über den 1.Golf-Krieg berichtete, lernte er 1987 seine Frau Jane Gangel, Korrespondentin für NBCs Today Show, kennen. Sie heirateten im selben Jahr. 1994 erzählte er ihr von seinem großen Traum, Thrillerautor zu werden. Sie ermunterte ihn und Silva begann 1995 mit seinem ersten Roman. Es entstand der Weltkriegs II-Thriller THE UNLIKELY SPY (DOUBLE CROSS-FALSCHES SPIEL), der 1997 erschien und es auf die Bestsellerliste der New York Times brachte. Sie leben noch immer in Georgetown.

Ihre beiden Kinder, Lily und Nicholas, sind im Teenageralter und begleiten die Silvas oft auf Recherchereisen. „Wenn sie nach den Ferien dann den üblichen Aufsatz schreiben mussten: Was habe ich in den Sommerferien getan, schrieben sie mal; Ich habe meinem Vater dabei geholfen Orte zu finden, in denen man Leute umbringen kann.“
Er ist ein effizienter Thriller-Autor, der gleichzeitig Suspense aufbaut, das Tempo steigert, seinen Figuren Leben einhaucht und zeitgeschichtliche Vorgänge analysiert. Seine Nebenfiguren sind faszinierend, da sie die Eigenheiten ihres jeweiligen Kulturkreises widerspiegeln und nicht in Klischees erstarren. Souverän beherrscht er sein Material, spinnt geschickt Subplots um alles im Finale explodieren zu lassen. Manchmal spielt er mit dem Wissensvorsprung des Lesers gegenüber Allon – wie es Hitchcock so gerne hatte. Silva kennt jeden Trick seines Handwerks und wird immer besser, ohne je wirklich geschwächelt zu haben. Man merkt die harte Arbeit nicht, die er in seine Bücher steckt.

„Das Schreiben ist nach 13 Romanen nicht leichter geworden – eher im Gegenteil. Da ist keine Romantik dabei. Ich veröffentliche jedes Jahr ein Buch. Das bedeutet, sechs Monate Recherche und sechs Monate schreiben. Ich sitze jeden Morgen um Punkt sechs an meinem Schreibtisch. Sieben Tage die Woche. Ich setze mich selbst unter Druck. Wenn mir ein Leser sagt: Ihr letztes Buch war Ihr bisher bestes, heißt das für mich: Jetzt muss ich ein noch besseres schreiben.“

Ganz auf der Höhe der Zeit, nutzt er auch Katastrophenszenarios wie wir sie durch die US-Serie 24 kennen: Im TERRORNETZ zum Beispiel wird der Petersdom durch einen Terroranschlag fast in eine Ruine zerlegt. Die Plots sind so perfekt gebaut, alle Teile greifen ineinander, dass man genaueste Planung vermutet. Falsch: „Normalerweise mache ich nur für das erste Drittel eine Outline. Wenn ich es geschafft habe, dass die Geschichte auf dem Papier lebt, lasse ich die Figuren übernehmen. Das heißt: Sie müssen unter dem immensen Druck einer Situation Entscheidungen treffen. Die Bücher entwickeln sich immer anders, als ich geplant habe. Einmal habe ich eine komplette Outline für einen Roman gemacht. Das Endprodukt hatte mit dem Exposé kaum noch etwas zu tun.“

Einige Kritiker verglichen Silva mit John Le Carré. Das ist bedingt nachvollziehbar. In manchen Charakterisierungen der Nebenfiguren und Formulierungen erinnert er zuweilen an LeCarré. Aber Silva ist weniger elaboriert. Wo LeCarré durch seitenlanges selbstverliebtes Formulieren die Handlungen retardiert, herrscht bei Silva wohltuende Selbstdisziplin um den Ereignisverlauf voran zu treiben. Im Vergleich mit Silvas Spionageromanen sind deutsche- oder skandinavische Thriller ästhetisch und intellektuell so aufregend wie die monatlichen Sitzungen eines SPD-Ortsvereins.

Seinen Durchbruch hatte Silva 2000 mit DER AUFTRAGGEBER (THE KILL ARTIUST), dem ersten Band seiner Serie über den israelischen Agenten Gabriel Allon. „Das vermeintlich glamouröse Leben eines israelischen Geheimagenten bestand in Wahrheit aus nahezu rastlosem Reisen und stumpfsinniger Langeweile, nur gelegentlich unterbrochen von kurzen Phasen blanken Entsetzens. Gabriel Allon hatte mehr solche Phasen erlebt als die meisten Agenten.“

Gabriel Allon ist ein Killer des Mossad. Er hat deutsche Vorfahren; seine Großeltern stammten aus Berlin. Sie wurden in Auschwitz ermordet und nur seine Mutter überlebte. 1972 wurde er als junger Kunststudent vom Dienst rekrutiert um die Olympia-Attentäter zu verfolgen und zu töten. Nachdem er sechs Terroristen getötet hatte, „war Gabriel an den Schläfen ergraut und sein Gesicht um zwanzig Jahre gealtert“. Er gilt als einer der besten Restauratoren für klassische Kunstwerke. Ein perfektes Cover um sich an allen möglichen Orten herum zu treiben. Als Agent ist er gefangen in einer Parallelwelt der Verdammten.

Die Serie beginnt mit einer Tragödie. Gleich am Anfang von THE KILL ARTIST (DER AUFTRAGGEBER) werden sein Sohn und seine Frau von einer Bombe zerfetzt. Seine Frau überlebt zwar, ist aber traumatisiert und leidet unter Amnesie. Danach ist Gabriel natürlich nicht mehr derselbe. Die Verwandlung zum byronschen Helden, die Kingsley Amis auch bei James Bond ausgemacht hat, ist abgeschlossen. Er unterliegt Stimmungsschwankungen, neigt zur Melancholie und ist ein überzeugter Misanthrop. Ein Mann mit Widersprüchen: als Restaurator ist er ein Heiler, als Killer ein Zerstörer. Er ist nicht nur intelligenter als 007, er ist auch in seinen Haltungen unabhängiger von Vorgesetzten oder staatlichen Doktrinen, im Gegensatz zu 007 neigt er zu Sentimentalitäten.

11326632nIn DER AUFTRAGGEBER herrscht er seinen Chef an, der ihn mit Rachemotivation zurück in den Dienst manipulieren will: „Haben Sie nichts dazu gelernt? Wir haben dreizehn Mitglieder des Schwarzen Septembers liquidiert, aber das hat keinen unserer in München ermordeten Jungs wieder lebendig gemacht.“ Trotz seiner Fähigkeiten, die Allon ganz klar in die Tradition der Super Spys à la James Bond einreihen, hat er viel von einem Anti-Helden: Er leidet darunter in einer Welt gefangen zu sein, die er nicht gewählt hat und so nicht akzeptieren will. Es sind die tiefen Verletzungen des Jüdischen Volkes, die ihn immer wieder mobilisierbar machen um weiteres Leid von seinem Volk abzuwenden. Aber er ist weder Politiker noch debiler Propagandist und erkennt deshalb genau, dass auf arabischer Seite ähnlich tiefes Leid herrscht.

Allon ist die High-Tech-Version des wandernden Juden. Bei aller Liebe und Verantwortung für den Staat Israel bewahrt er seine persönliche Würde und Unabhängigkeit. Der Erfolg Allans traf Silva unvorbereitet: „Ich hätte nie erwartet, dass das Publikum einen Mossad-Agenten als Serienhelden akzeptiert. Ich hatte ihn auch nicht als Serienhelden geplant. Man musste mich dazu überreden. Gott sei Dank. Heute ist Gabriel eine echte Person. Er existiert für mich wirklich.“ Inzwischen gönnt sein Autor ihm etwas Glück: Im 7.Roman lässt er ihn wieder heiraten.

Allons Hintergrund ermöglicht seinem Autor bildende Kunst in allen Aspekten abzuhandeln. Kunstraub ist ein Thema, dass ihn stark beschäftigt: „Jeden Tag wird irgendwo ein Kunstgegenstand geraubt. Und die meisten tauchen nie wieder auf. Höchstens ein Zehntel. Es gibt diese Tendenz, Kunstdiebstahl zu bagatellisieren. Dabei verschwinden jährlich Kunstwerke für vier bis sechs Milliarden Dollar! Nach INTERPOL steht Kunstdiebstahl auf Platz vier der lukrativsten Verbrechen. Hinter Drogen-, Waffenhandel und Geldwäsche.“

Entscheidend für seine Romane sind der Nahostkonflikt und der Kampf gegen den Terrorismus. In DER SCHLÄFER (PRINCE OF FEAR) liefert er darüber hinaus einen brillanten Abriss der Geschichte dieser scheinbar endlosen politischen Katastrophe. In THE KILL ARTIST war Gabriel Allon eine Art Bodyguard für Yasir Arafat während der Osloer Friedensverhandlung. „Es wurde in einer Zeit großer Hoffnungen geschrieben, PRINCE OF FEAR in einer Zeit des Terrors und der Verzweiflung. Es ist vielleicht so etwas wie ein Endpunkt. Ich habe mich sehr darum bemüht, beiden Seiten gegenüber gerecht zu sein. Ich wollte in einem Mikrokosmos das Leiden sowohl der Araber wie auch der Juden zeigen.“

Von der Kritik hoch gelobt sind Silvas Antagonisten. Seit John Buchan weiß man: je besser die Bösewichter, um so besser der Thriller. „Die Saudis zum Beispiel sind perfekte böse Buben für einen Thriller: Sie verfügen über unendliche ökonomische Mittel, können die ganze westliche Welt mit ihrem Öl erpressen, sind angebliche Verbündete und gleichzeitig ideologische und finanzielle Unterstützer des islamistischen Terrors.“ Nichts bleibt von diesem „Schlüsselkonflikt“ unberührt: „Der Iran wäre nicht dazu in der Lage, Atomwaffen zu entwickeln, wenn nicht insbesondere deutsche und Schweizer Firmen die Nukleartechnologie geliefert hätten. Die waren tief verstrickt in das Atomschmuggel-Netzwerk von A.Q.Kahn. Alles nur aus Geldgier.“

Europa und besonders Österreich und noch mehr die Schweiz kriegen bei Silva regelmäßig die Leviten gelesen. „ Bei den Recherchen zu DER ENGLÄNDER traf ich den Präsidenten einer Schweizer Bank, der mir sagte: Was Sie begreifen müssen, ist dass die Schweiz ein Unternehmen ist und wie eine Firma geführt wird… Die Schweiz kooperierte mit Hitler, weil es gut für das Geschäft war. Heute bestreitet sie jede Schuld, weil das Zugeben irgendwelcher Verstrickungen schlecht für das Geschäft ist. Ich denke, das Europa ein bisschen vom Kurs abgekommen ist. Der alte Kontinent hat ein demographisches Problem. In allen Ländern Westeuropas ist die Sterberate höher als die Geburtsrate. Gleichzeitig erhöht sich die Geburtenrate der muslimischen Bevölkerung rapide. Europa wird in naher Zukunft einige schwierige Entscheidungen treffen müssen. In Frankreich, Dänemark und Großbritannien ist dieser Prozess bereits im Gange. Ich hoffe, er wird friedlich verlaufen, aber sicher bin ich mir nicht.“ In THE SECRET SERVANT thematisiert Silva perspektivlose jugendliche Islamiten, die am Rande der westlichen Gesellschaften leben und durch ihre Frustrationen ein unerschöpfliches Reservoir an Nachwuchs für Extremisten und Terror-Organisationen sind.

Auch die Vergangenheit, die in die Gegenwart hinein wirkt, bietet Silva Themen. DER ZEUGE (A DEATH IN VIENNA) ist der Abschluss einer „nicht geplanten Trilogie“ über das Nichtaufarbeiten von Nazi-Verbrechen im Zusammenhang mit dem Holocaust. In DER ENGLÄNDER sind Kunstraub und die Kollaboration der Schweizer Banken der Hintergrund, in THE CONFESSOR (DIE LOGE) das Verhalten von Papst Pius XII. „Dass einige der schlimmsten Verbrechen der Geschichte nie gesühnt wurden treibt mich um. Ich wollte zumindest fiktional die Schuldigen bestrafen und Gabriel Allon war mein Instrument. Vielleicht war ich vor DER ZEUGE etwas naiv, aber mir war nicht wirklich klar, wie tief die Katholische Kirche darin verwickelt war, Nazi-Verbrechern zur Flucht zu verhelfen und Wien ist für mich ein natürlicher Handlungsort für flüchtige Nazis. Österreicher waren überproportional in der SS vertreten.“
Der Kalte Krieg veränderte und pervertierte alle Maßstäbe, die die Westalliierten zuvor behauptet hatten. In diesem Buch ist die fiktive Erinnerung von Allons Mutter, eine Überlebende von Auschwitz und des Todesmarsches von Birkenau, von erschreckender Kraft und Authentizität. „Dieses fiktionale Zeugnis war mit das Schwierigste, das ich je geschrieben habe. Ich hatte danach noch Monate Alpträume.“

DIE LOGE ist einer der besten Vatikan-Thriller. Silva sieht die Katholische Kirche als das was sie ist: Die langlebigste Bürokratie und machtpolitische Organisation Europas (die sich nicht nur die Mafia als strukturelles Vorbild gewählt hat) mit einer langen antisemitischen Tradition, geprägt von den brutalsten Machtkämpfen und Expansionsbestrebungen. Kein Nazi-Verbrecher wurde je von Pius XII exkommuniziert, dagegen aber 1949 weltweit alle Kommunisten. Er sprach sich gegen die Nürnberger Prozesse aus und – zumindest – tolerierte gleichzeitig die Rattenlinie als Fluchtorganisation für Nazi-Verbrecher. Im Roman will ein neuer Papst diese dunkle Vergangenheit der Kirche ans Licht bringen, sehr zum Unbehagen der fiktiven katholischen Geheimloge Crux Vera. Da muss dann ein jüdischer Geheimagent auch noch das Leben des christlichen Oberhirten retten. Mehr Aussöhnung kann man wirklich nicht verlangen.

DER ZEUGE (A DEATH IN VIENNA) thematisiert auch die Anwerbung von Nazi-Verbrechern durch die CIA. Für Silva ein Ansatz um zu zeigen und zu warnen, was alles an Bush &Cos Krieg gegen den Terrorismus falsch läuft und wie dämlich die amerikanischen Strategien sind, die so wenig Erfolg haben, aber jede Menge Terroristennachwuchs und unschuldige Opfer fördern und fordern. Silva sieht den moralischen Bankrott der Amerikaner in deren rücksichtslosen Negieren der Menschenrechte und internationaler Regeln. Er ist fest davon überzeugt, dass man keinen Krieg gegen Terror gewinnen kann, wenn man ihn auf demselben Niveau führt wie der Feind. Dass er trotzdem nicht die Systemfrage stellt, ist die gewohnte Dummheit der amerikanischen Liberalen, die sich unverständlicher Weise als „Linke“ begreifen.

In MOSCOW RULES (DER MOSKAU-KOMPLOTT) knöpft sich Silva eines der größten neuen Reiche des Bösen genauer vor: das Russland Putins. Der Schurke ist ein Waffenhändler, der an Victor Bout erinnert, und natürlich über Beziehungen in höchste russische Kreise bis hin zu Putin verfügt.

„Im College habe ich Russische Geschichte und Außenpolitik der UdSSR studiert. Russland hat mich immer fasziniert. London ist heute eine Frontstadt im neuen kalten Krieg. Während MI5 nur die Islamiten im Auge hatte, haben sich über 300 000 Russen in London nieder gelassen: Milliardäre, Dissidenten und ein paar Hundert Geheimdienstler. Die Ermordung von Litvinenko 2006 durch Polonium 210 in London war so etwas wie die Wasserscheide. Natürlich will ich meine Leser in erster Linie unterhalten. Aber ich möchte auch, dass sie etwas verstehen: Wir müssen Russland im Auge behalten. Russland ist heute ein gesetzloser Staat. Nachdem die engagierte Journalistin Anna Polikovskaya ermordet wurde, sagte Putin: Sie sei nur eine Person von marginaler Bedeutung gewesen. Das erweckt doch wohl den Eindruck, dass der Kreml einen Jagdschein für kritische Journalisten ausgestellt hat. Seit 1992 wurden in Russland 47 Journalisten umgebracht . Damit steht das Land hinter Irak und Algerien auf Platz 3 (inzwischen wohl von Mexiko überholt. MC) der gefährlichsten Länder für Journalisten. Putin ist nichts anderes als ein neuer Zar, dessen Kritiker unter mysteriösen Umständen sterben.“ Mit einem deutschen Ex-Kanzler als Heloten, möchte man hinzufügen. Angesichts der Verträge, die Schröder in seiner Amtszeit mit Russland geschlossen hat, könnte man einen tollen Roman mit dem Thema „Russischer Maulwurf im Kanzlersessel schreiben. Wahrscheinlicher ist, dass Putin Schröders peinliche Gier erst dann richtig wecken konnte, als der kleine Mann aus Niedersachsen vom Gestank der Mächtigen und der großen weiten Welt geschnuppert hatte.

DAS MOSKAU-KOMPLOTT zeichnet ein so realistisches Bild von Moskau und Russland, dass man nur noch kotzen möchte. „Über Nacht sind wir von der Supermacht zum Sozialfall abgestürzt… Wir sind innerhalb eines Jahrzehnts von der Ideologie Lenins zur Ideologie Mussolinis getaumelt… Unsere Politiker sprechen von der Rückeroberung verlorener Reiche. Sie benutzen Öl und Gas um unsere Nachbarn zu tyrannisieren Sie haben die Opposition und die unabhängige Presse nahezu ausgeschaltet… Unseren Kindern bringt man bei, dass Amerika und die Juden nach der Weltherrschaft streben und Russlands Reichtum und Bodenschätze stehlen wollen“, erklärt die Journalistin Olga, eine fast nur durch Dialog großartig charakterisierte Figur im Buch.

Neben viel Ekel brachte Silva von seiner Recherche in Moskau eine nette Anekdote mit. Ihm war es gelungen, das KGB-Museum besuchen zu dürfen. Ein alter KGB-Oberst führte ihn zu einem Schrein, auf dem ein großes Buch mit Bildern und Lebensläufen aller Geheimdienstchefs lag. Sie blätterten gemeinsam das Buch durch und der alte KGB-Scherge sagte immer wieder: „Das ist soundso, er ist erschossen worden. Das ist soundso, der ist erschossen worden.“ Bei einem Bild hielt er inne und sagte: „Der war anders. Der ist vergiftet worden.“

BIBLIOGRAPHIE:
Double Cross – Falsches Spiel. Roman, Piper, München 2003, ISBN 3-492-26050-0
engl. Original: The Unlikely Spy, 1996.
Der Maler. Roman, Piper, München 1998, ISBN 3-492-03889-1
engl. Original: The Mark of the Assassin, 1998.
Der Botschafter. Roman, Piper, München 2000, ISBN 3-492-04182-5
engl. Original: The Marching Season 1999.
Der Auftraggeber. Roman, Piper, München 2001, ISBN 3-492-04183-3
engl. Original: The Kill Artist, 2000.
Der Engländer. Roman, Piper, München 2003, ISBN 3-492-04469-7
engl. Original: The English Assassin, 2002.
Die Loge. Thriller, Piper, München 2005, ISBN 3-492-04605-3
engl. Original: The Confessor, 2003.
Der Zeuge. Thriller, Piper, München 2006, ISBN 3-492-04695-9
engl. Original: A Death in Vienna, 2004.
Der Schläfer. Thriller, Piper, München 2007, ISBN 3-492-04876-5
engl. Original: Prince of Fire, 2005.
Das Terrornetz. Thriller, Piper, München 2008, ISBN 3-492-05069-7
engl. Original: The Messenger, 2006.
Das Moskau-Komplott Thriller, Pendo 2010, ISBN 978-3866122482
engl. Original: Moscow Rules, 2008.
Gotteskrieger Thriller, Piper, München 2011, ISBN 978-3492263580
engl. Original The Secret Servant, 2007.
The Defector, 2009.
The Rembrandt Affair, 2010.

In der Target-Reihe bei Audio Media gibt es DER AUFTRAGGEBER, DIE LOGE, DER ZEUGE, DER SCHLÄFER und DAS TERRORNETZ als Hörbücher. Jeweils 6 CDS mit ca. 450 Minuten Hördauer. Es sind gekürzte Fassungen, aber diese Bearbeitungen sind sehr feinfühlig und intelligent gemacht (man musste zum Beispiel Kapitel etwas anders anordnen um den Handlungsfluss zu erhalten. Gesprochen werden alle Hörbücher von Axel Wostry, der das wunderbar liest und den Hörer nicht aus den Klauen lässt. Völlig unverzichtbar für eine ermüdende Staufahrt, die mit diesen Hörbüchern völlig entschärft wird.



KLASSIKER DES POLIT-THRILLERS: A SIMPLE ACT OF VIOLENCE von R.J.Ellory+Interview by Martin Compart

„Inmitten der heißen Wahlphase will man in Washington eigentlich nichts von einem Serienkiller hören. Doch nach dem vierten Mord sind auch die Medien nicht mehr zurückzuhalten. Für den ermittelnden Detective Robert Miller sind allerdings nicht nur Motiv und Täter rätselhaft, auch die Opfer stellen ihn vor Fragen. Denn die vier ermordeten Frauen existierten offiziell gar nicht. Je weiter Miller nachforscht, desto mysteriöser wird der Fall. Schließlich gerät er in ein Netz so dunkler Machenschaften, dass er um sein eigenes Leben bangen muss …“

Das lässt Übles vermuten…

„Serienkiller sind etwas, dass man nicht verstehen kann, was man nie verstehen wird.“ So spricht der Autor und vermittelt mir zusätzlich ein ungutes Gefühl.

Nichts interessiert mich weniger als Serienkiller-Geschichten debiler Autoren, die auf einen Bestseller aus sind und dies dank ebenso debiler Käufer auch hinkriegen. Beide Gruppen sollte man auf ein Kreuzfahrtschiff verbringen und in der Sargassosee torpedieren, da sie ernsthaft der Evolution des Genres schaden. Andererseits: Bei so völlig durchgeknallten Zeugs wie von Ethan Cross, möchte man gerne die Adresse seines Dealers erfragen.

Aber A SIMPLE ACT OF VIOLENCE ist weder ein Serienkiller-Roman, noch ein Cop-Roman. Es ist eine Synthese aus Polit-Thriller und Police Procedual, die man zuvor nicht kannte. Neben der ungewöhnlichen Qualität ist es auch diese Innovation, die das Buch zu einem Meilenstein in der Geschichte der Kriminalliteratur werden lässt. Und: Eine intensivere Annäherung zwischen Noir-Roman und Polit-Thriller gab es seit Manchette nicht mehr – auch wenn Ellory mit seinen Charakteren weniger gnadenlos umgeht.

Weniger begabte Autoren behaupten die Noir-Figur nur als störrischen einsamen und düsteren Cop-Helden, der gegen den Widerstand Vorgesetzter und noch höherer Mächte für Gerechtigkeit derer kämpft, die dies nicht mehr können oder nie konnten, der mitfühlt mit den Ausgestoßenen einer sozialdarwinistischen Kleptokratie, deren Tanz um das goldene Kalb die Bibelszene zu einer lustigen Stummfilmszene macht. Ellory behauptet sie nicht, er zeigt sie als dreidimensionale Charaktere, die den Leseraum erfüllen. Anders als die vor Klischees triefenden Detektive des Neo-Golden Age-Detektivromans oder langweilig gebrochenen Copper des Polizeiromans, erzeugen Ellorys Helden nicht mal den Schein kultureller Sicherheit. Erlösergestalten, die „im Kleinen“ etwas Gerechtigkeit herstellen, haben in seiner Welt o9hne Erlösung keinen Platz. Er zwingt den Leser, hinter die Fassaden von verfaulter Moral und Legalität zu blicken, die längst verrottete Ruinen sind.
Durch die Parallelerzählung von Proto- und Antagonisten bekommt der Leser mehr Einsichten gegenüber Miller und seinem Partner, die aber schwer einzuordnen sind und gleichzeitig einen Wissensvorsprung und Unsicherheit erzeugt.
Die Dialoge – besser: Wortduelle zwischen Miller und Robey gehören zu den Highlights des Romans, die Widersprüche im System personalisieren. Sie sind spannend und vortrefflich formuliert, ohne chandlersches Wisecracking zu strapazieren.

Die Erinnerungen des Ex-CIA-Mannes Robey an den Krieg gegen Nicaragua lassen im Leser Hieronymus Bosch- Bilder aufflammen. Drogen kann man nicht erschießen, weshalb die USA mit ihnen Gewinnmaximierung durch ein doppeltes Geschäftsmodell betreibt: Sie finanziert mit Steuergelder den nutzlosen Abwehrkampf um die Preise hoch zu halten und profitiert institutionell und steuerfrei (besonders die CIA) von Schmuggel, Verkauf und Kompensationsgeschäften (wie Waffenhandel). All das dröselt Ellory spannend an Hand der Mittelamerika-Politik auf. Er zeigt dies genau recherchiert am Beispiel des Contra-Nicaragua-Krieges, der das Drogengeschäft auf eine neue Ebene stellte.

Mit 670 Seiten gehört er zu den umfangreichsten Kriminalromanen überhaupt. Also eigentlich zu den redundanten Laberkrimis à la McKinty oder Don Winslow, die man zu meiden gelernt hat. Dies ist -wie alle Romane von Ellory – ein so komplexes Buch, das man in seinem Universum fast ersäuft. Als erfahrener Leser kommt gelegentlich die Angst auf, dass er am Ende seinen labyrinthischen Plot nicht befriedigend auflöst. Ohne Spoiler-Alarm zu geben, kann ich versichern, dass dies nicht der Fall ist. Der unterschätzte Autor John Lutz hat die Spannung und politische Relevanz des Romans treffend in einem Satz zusammengefasst: This one will keep you up late reading, and then you won’t sleep.

Ein vorrangiger Topos in seinen Romanen ist die Auswirkung von Handlungen in der Vergangenheit auf die Gegenwart.

Ein Stilmittel, das er exzellent beherrscht, ist die Parallelerzählung – hier Protagonist und Antagonist mit ihrer unterschiedlichen Moral und Perspektive. Die Perspektive des Letzteren gibt dem Leser einen Vorsprung vor dem Protagonisten, fast wie in Hitchcocks Dramaturgie.

Monatlich produziert er durchschnittlich 40.000 Worte mit dem Ziel, innerhalb von drei bis vier Monaten die komplette erste Fassung eines Romans zu erreichen. Einer seiner Wahlsprüche lautet: The harder you work, the luckier you get. “Ich entwickle keine Plotstruktur im Voraus. Nicht mal wenn ich Dreiviertel des Buches geschrieben habe, weiß ich, wie es enden wird. Ich habe keine Lust über Privatdetektive oder forensische Pathologen zu schreiben. Ich mag Außenseiter, die neben der Spur sind.“

Er arbeitet äußerst diszipliniert, beginnt frühmorgens und schreibt täglich etwa 4000 Worte.

„Ich habe eine vage Storyidee, aber eine genaue Vorstellung von den Gefühlen, die ich erzeugen möchte. Ich treffe Entscheidungen über Ort und Zeit, in denen die Geschichte spielen soll. Die Spontanität und Offenheit einer nicht geplanten Handlung inspiriert mich. Ich steige tief in die Charaktere ein und manchmal ändern sie während des Schreibens unerwartet die Richtung, was die Story ändern kann. Ich liebe den Schreibprozess und ohne Outline ist alles viel interessanter.“ Alle Autoren, die so arbeiten, nennen ein bedeutendes Argument: Wenn sie nicht wissen, wie sich der Roman entwickelt, wird es der Leser auch nicht können. „Ich schreibe die erste Fassung komplett durch, schaue nie zurück und ändere nichts, bevor ich fertig bin. Dann lasse ich das Manuskript ein paar Tage liegen, bevor ich mit dem Bearbeiten beginne. Das kann Umschreiben bedeuten, Kapitel straffen oder anders anordnen, kürzen und ergänzen. Dann geht es an meinen Lektor.“

Seine Leidenschaft für die USA geht auf den jugendlichen TV-Konsum zurück. „Starsky and Hutch, Hawaii 5:0, Kojac usw. Bogart und Bacall waren Onkel und Tante für mich. Ich bin fasziniert von amerikanischer Politik. Ich war und bin häufig in den USA und es ist jedes Mal so, als kehrte ich heim.“ Offenbar fühlt sich Ellory auf der dunklen Seite am wohlsten. Denn sein USA-Bild in seinen Büchern ist alles andere als einladend.

Ellory wurde am 20.Juni 1965 in Birmingham geboren. Sein Vater verließ seine Mutter, die Schauspielerin und Tänzerin war, noch vor seiner Geburt. Mit ihr wuchs er bei seiner Großmutter auf bis seine Mutter 1971 starb. Unter Obhut der Großmutter besuchte er mehrere Schulen. Mit 16 schrieb er sich bei einer Birminghamer Kunstschule ein, um Graphik und Design zu studieren. Dann starb 1982 seine Großmutter, was ihn für einige Zeit ziemlich aus der Bahn warf und ihm mit 17 Jahren eine Haftstrafe wegen Wilderei bescherte. „Nach dem Tod meiner Großmutter lebte ich mit meinem Bruder in einem Haus, in dem es weder Elektrizität, Gas oder Wasser gab. Um zu essen, klauten wir ein paar Hühner und wurden erwischt. Wir kassierten drei Monate Knast. Das war ziemlich hart. Es waren die frühen 1980er mit Thatchers Schocktherapien für junge Straftäter.“ Er schlug sich mit Jobs durch und spielte in der Band The Manta Rays („die lauteste Band von Manchester.“), bis diese sich nach dem Tod des Schlagzeugers auflöste. Die Liebe zur Musik begleitet ihn bis heute: Er ist Sänger und Gitarrist der Band The Whiskey Poets. Damals begann er exzessiv zu lesen: Conan Doyle, Michael Moorcock, Tolkien, Ian Fleming und Stephen King gehörten genauso zu seiner prägenden Lektüre wie philosophische, psychologische Standardwerke und ostasiatische Religionsschriften.

Mit 22 Jahren – 1987 – begann er mit seinem ersten Roman. Das Schreiben wurde zur Manie: Bis 1993 verfasste er 22 Romane, schrieb ununterbrochen in diesen sechs Jahren mit der Ausnahme von drei Tagen, die er brauchte, um die Scheidung von seiner ersten Frau durchzuführen. Alle Romane wurden abgelehnt. Er hatte sich zwischen zwei Stühle gesetzt, da er als britischer Autor Romane verfasste, die in den USA spielten mit amerikanischen Personal bestückt waren. Als hätten dies nicht zuvor und erfolgreich andere Autoren getan (z,Bsp. Tim Willocks, Lee Child oder James Hadley Chase).

Er erhielt von Verlagen beiderseits des Atlantiks über 300 Absagen.
Frustriert beendete er seine schriftstellerische “Karriere”. Bis August 2001. Da nahm er erstmals einen Bürojob an und lernte, mit einem Computer umzugehen. Das Erstellen eines word-documents begeisterte ihn, und er begann wieder zu schreiben. „Sechs Jahre schrieb ich alles mit der Hand, aber nun nur noch mit Computer. Ausgenommen auf Reisen. Aber dann speise ich anschließend alles in den PC.“ Bis ins folgende Jahr verfasste er drei Romane, darunter CANDLEMOTH, der als „Erstling“ von Orion veröffentlicht werden sollte. Der Roman wurde für den Ian Fleming Steel Award nominiert (wie auch der vierte, CITY OF LIES, 2006). Seitdem wurde er für viele weitere Preise, die international inzwischen inflationär verteilt werden, nominiert und gewann auch irgendwelche nicht weiter aussagekräftige. Inzwischen sind über drei Million Exemplare seiner Romane verkauft worden, die in 25 Sprachen übersetzt sind.

2012 kam es zu einem Skandal, mit dem er seine Satisfaktionsfähigkeit aufgab: Der Thriller-Autor Jeremy Duns (guter Autor!) überführte Ellory der Amazon-Manipulation. Dieser hatte unter falschem Namen positive Bewertungen seiner eigenen Bücher geschrieben. Aber was noch mieser war: Er hatte andere Autoren (Mark Billingham, Stuart MacBride) schlechtgemacht – auf miese Art und Weise. Nachdem Duns die Geschichte öffentlich gemacht hatte, kam Ellory verständlicher Weise ziemlich unter Druck. Sogar die CWA sah sich genötigt, dazu Stellung zu nehmen. Ellory sah sich genötigt, sich öffentlich zu entschuldigen. Die Betroffenen bemüht die Entschuldigung an. Aber machen wir uns nichts vor: so eine miese Sache bleibt für lange, lange Zeit kleben und wird auch vieles Verdienstvolles überschatten.

Der Schrei der Engel von RJ Ellory

Dabei ist die Motivation rätselhaft, denn Ellory war ja inzwischen erfolgreich und hatte weder Eigenlob noch die üble Nachrede an Mitbewerbern nötig. Ähnlichen Schwachsinn hatte zuvor schon der renommierte Historiker Orlando Figes verbrochen.

„Mich interessiert nicht, ob der Leser sich noch an den Plot, den Titel oder die Charaktere erinnert. Ich möchte, dass er sich noch nach Jahren daran erinnert, was er bei der Lektüre empfunden hat.“

Sein Rat an angehende Autoren: „Ich glaube, das schlechteste Buch, das man schreiben kann, ist ein Buch, das den Leuten gefallen soll. Ich glaube, das beste Buch ist eines, das man selber lesen möchte. Schreib ein Buch über etwas, dass dich wirklich interessiert, denn dein Enthusiasmus wird durchscheinen. Mich interessieren häufig Stil und Sprache mehr als der Plot. Aber gute Geschichten kommen von Menschen und ihren Erfahrungen, nicht von Formeln und Regeln.“

Der Goldmann Verlag hat nur drei Titel (von inzwischen 13) übersetzen lassen. Dann war Schluss mit Lustig. Zu geringe Absatzzahlen hatten wohl die Kalkulation der umfangreichen Bücher mit ihren hohen Übersetzungskosten schwierig gemacht.

Aber wenn ein Unternehmen wie Bertelsmann/Random House mit seiner ökonomischen Potenz (jede Menge schmutziges Geld durch RTL) nicht mehr dazu bereit ist, im deutschen Markt gelegentlich an einem Qualitätsautor festzuhalten, um ihn langfristig durchzusetzen, dann wird es düster. Dann wird wohl auch der letzte anspruchsvolle Leser zu englischen Ausgaben greifen müssen.

Ein letztes Wort von J.R.Ellory: „Ich habe nie vergessen, was es heißt, die Frustrationen zu erleben bis man veröffentlicht wird und was es kostet, mit dem woran man glaubt, weiterhin veröffentlicht zu bleiben. Ich schreibe für mich, ich schreibe für Leser. Falls ich jemals für Geld schreibe, weiß ich: Es ist vorbei. Ich glaube nicht, dass dieser Tag je kommt.“


Selbst im kleinen Holland wird Ellory regelmäßig ins Flämische übersetzt

INTERVIEW ZUM BUCH:

What was the first inspiration for SIMPLE ACT OF VIOLENCE

Well, when I was in my early teens I was consumed by an interest in such films as ‚All The President’s Men‘, ‚The Conversation‘, ‚French Connection‘, ‚Serpico‘, ‚Three Days of the Condor‘ etc., that gritty neo-realist movement driven by people like Lumet, Pakula, Coppola and Friedkin. I was so interested in these subjects that my first career path was towards journalism, especially investigative journalism. Anyway, I had just completed a very, very different book (‚A Quiet Belief in Angels‘), and I really felt that I wanted to write something of this nature. I had already covered such things as Watergate, the Kennedys, police corruption, the KKK and death row, and a grander scope appealed to me. I started to look at significant political events in the past fifty years, and the thing that really drew me to Nicaragua was the fact that it was US intervention in another country. Like Vietnam, like Salvador, here we had a nation involving itself in another country’s politics, so much so that they murdered many thousands of people, rigged elections, destabilised the economy, and all for the usual reasons – money, political control, natural resources. It was the grand scale of it that pulled me, and it was also an opportunity to take on another monolithic myth, the CIA.

…and what pulled the trigger?

When I first started looking at the CIA and realized that they had been involved in illegal invasion, political subversion, Black Ops., military actions, assassinations and coup d’état operations in over forty countries just since the end of the Second World War. That’s just what is documented and known about. It’s the big lie hidden in plain sight.

.Everything comes together so „smoothly“ in the plot. When did you get this perfect control of the plot? As I´ve learned, you don´t write layouts or exposés and the direction of a book can change even in the middle of a book.

I don’t know that I ever get complete control of it! As you say, it is not worked out from a synopsis. I just write it. I work it out as I go along. Things change. Things have to move around. I write it start to finish in one go, never going back over what I have written. Once I am done and I know the end, then I go back to the start and fix all those things that don’t make sense. I know it may not be the usual way to work, nor perhaps the best, but I think the way you work is the way you work, and you have to work whichever way suits your thinking processes. For me, a book is a very intense activity, very fast (I usually get a first draft done in about 10-12 weeks), and I am sort of in the story, living within it, and even when I am not writing I am thinking about the next chapter, the one after that. The plot evolves, and I evolve my thinking with the plot. I really don’t want to sound like an expert because I don’t consider myself one, and I am learning all the time. It is a spontaneous and organic thing rather than a planned and methodical approach, and it’s just related to the way my mind works.

 

As in your other books: You are brilliant with the names of your characters. Do you find these names easy? How important is it to you to get the names right?

That’s a really interesting question, because it is really important. The question I ask myself is, ‚Does this name suit this person?‘ and ‚Does this contribute to the ‚realness‘ of the character?‘ For me, as I have said before, the key issue with any novel is the emotion of the thing. The first thing I decide when I embark upon a new book is ‘What emotions do I want to create in the reader?’ or ‘When someone has finished this book and they think about it some weeks later, what do I want them to remember…what emotion do I want them to feel when they recall reading the book?’ That’s key for me. Those are the books that stay with me, and those are the books I am constantly trying to write. There are a million books that are brilliantly written, but mechanically so. They are very clever, there are great plot twists, and a brilliant denouement, but if the reader is asked three weeks after reading the book what they thought of it they might have difficulty remembering it. Why? Because it was all very objective. There was no subjective involvement. The characters weren’t very real, they didn’t experience real situations, or they didn’t react to them the way ordinary people react. It was more of a puzzle-solving exercise than a real emotional rollercoaster. In fact, some of the greatest books ever published, the ones that are now rightfully regarded as classics, are books that have a very simple storyline, but a very rich and powerful emotional pull. It’s the emotion that makes them memorable, and it’s the emotion that makes them special. Character is everything for me, so a book should be filled with the blood of the character, at least figuratively speaking! I have to feel that the person is real, that they could be real, that such a person could actually exist out there in the world and that they would react this way under such pressures. In writing this book it changed along the way, as all my books do, and they change because the characters become that much more real, and thus they actually begin to inform and influence the direction of the story. I don’t want that to sound pretentious, you know, but I am always working against an emotional barometer. If I don’t feel it, then the reader won’t. Personally, I have a major issue with central characters who are always right, who leap to the wildest conclusions about things, and are then proven right. Coincidences are very rarely coincidences in life, and police work is not based on luck or coincidence or anything else! People are not like that at all, either. They make mistakes constantly. We are all the same in that respect. So it really does start with the name. If I don’t believe in the person, then I am fooling myself if I think that my readers will believe in them.

 For me as reader, I didn´t like it to leave Robey forever (of course: it was inevitable). He was a kind of a Byron-hero. Can you remember how you „met“ him?

John Robey is the name of Cary Grant’s character in Hitchcock’s ‚To Catch A Thief‘, but with a different spelling. I wanted to give a nod of respect to Hitchcock, for he was another major influence on my storytelling. I have written a number of very different books, but the thread that ties them all together is ‚ordinary person in an extraordinary situation‘. That’s the Hitchcock theme, from ‚Strangers on a Train‘ to ‚North by Northwest‘ to ‚Rear Window‘. That was the simple reason for doing that. As for Robey himself, he was always going to be the prime mover in this drama. At the very heart of it, we have a love story between Catherine Sheridan and John Robey. It’s a love for one another, but also a love for country, for an ideal, for a belief. We so often take the wrong road to get to the right place, but what happens when we arrive at the ‚right place‘ and realize that this is also wrong? It’s a book about shattered trust, about compromising for a really important reason, and then finding out that the reason was a lie. Robey, himself, was a single man representing the whole rationale of the story, and – in a lot of ways – he had to think the way I think, and he had to react in the way I believed I would have done had I been in such a situation. All the way through I was asking myself, ‚If this was me, what would I do?‘ In a way, strange though it may sound, writing a character like that is a voyage of self-discovery because you find out things about yourself.

I hate the usual love stories in every kind of fiction. I think with Miller and his love interest you really kept the balance on a fine line. Is it easy or tough for you to write about love in these kind of context?

That also makes me smile, because I love to write love stories because they are so easily screwed up, and sometimes they are done so badly! Balance is the exact word. It is the same balance you have to find when writing a novel that deals with past events and history. Enough history to tell the story, not so much that it slows down the story itself. So it is with love, and – once again – it comes back to reality. Does it feel real? Does it work? Does it seem credible and genuine and would people really talk this way and act this way and think this way? Those are questions I am asking all the time. I want to create characters that feel like actual people, and when you finish the book you have to leave them behind and you feel like you are losing a friend, even when that friend is a little crazy!

 

 

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MiCs Tagebuch.FILME FÜR UNSERE ZEIT: DER FALL SERANO, Frankreich 1977. by Martin Compart
27. März 2017, 7:51 am
Filed under: Alain Delon, Film, MiCs Tagebuch | Schlagwörter: , , ,

Ich bin völlig begeistert! Was ist das für eine Chimäre von Film. Holprig ohne Ende. Von Männern für Männer mit Männern. Frauen sind nur schicke Schaustücke, die bis auf Mireille Darc alle umgebracht werden. Einzig die Audran hat einen Hauch von tiefem Dialog. Die Muti hingegen fungiert als dramaturgischer Conduit, deren Tod Delon schließlich motiviert aufs Ganze zu gehen.

Der große Mörder stellt sich am Schluss als ein ideologisch verblödeter Bulle heraus und der “gute Bulle” in dem Film weiß nicht, ob er es schaffen wird, die korrupte Elite vors Gericht zu bringen oder Lachse fischen gehen muss. Und dann die politischen Aussagen, allesamt in bedeutungsschweren Monologen: Kinski als der monströse Vertreter des Kapitalismus, der alles mit Geld regelt und es “bedauert”, wenn etwas mit Geld nicht zu regeln ist; der kleine verblödete Bulle, der das die Gesellschaftsordnung gefährdende Geschmeiß ausrotten will (wie Robespierre und Saint Just); und zum Finale dann Delon, der den Sack der Wahrheiten zumacht. Schlaf ruhig, Paris.

Jeder dieser Monologe ist absolut zutreffend und als Beschreibung unserer Gesellschaftsform noch heute vollends gültig. Für den Zuschauer im Jahre 2017, verbreitet der Film bei aller fatalistischen Hinnahme des Systems, beinahe eine Sehnsucht zurück nach jener Zeit, in der das Kapital den Kälbern noch Arbeit, Unterhaltung, Sex und sogar einmal jährlich Urlaub zubilligte. So viel Luxus will heute vom entfremdeten und völlig verdinglichten User-Konsumenten-Datenlieferanten erst einmal verdient sein.

Ich wurde immer wieder zu stehendem Szenenapplaus genötigt. Dass ausgerechnet Alain Delon “Der Fall Serrano” produzierte, ist mir angesichts seiner politisch Haltung ein Rätsel. Solches Stars hat die Kulturdiaspora Deutschland niemals hervorgebracht. Diesen Film muss man UNBEDINGT IMMER WIEDER ANSEHEN. Ich will mehr solcher Filme.

MiC



KLASSIKER DES POLIT-THRILLERS: GEOFFREY HOUSEHOLD by Martin Compart

Geoffrey Edward West Household wurde am 3.November 1900 in Bristol geboren. Er besuchte die Clifton School und studierte Englisch am Magdalen College in Oxford. Er schloss sein Studium 1922 mit dem Bachelor of Arts ab und trieb sich anschließend einige Jahre ruhelos in der Welt herum. Er lebte acht Jahre in Bukarest wo er u.a für die rumänische Staatsbank arbeitete. Dann ging er nach Spanien und arbeitete im Bananenhandel und als Auslandsbeauftragter für eine Druckerei. 1930 ging er in die USA, wo er mitten in der Depression in New York als Autor für Radio und von Artikeln für Kinderlexika seinen Unterhalt verdienen konnte. Im selben Jahr heiratete er seine erste Frau, Elisaveta Kopelanoff. Sein ruheloser Geist trieb ihn nach Europa zurück und dann in den Mittleren Osten. Nach einer Reise durch Lateinamerika ließ er sich wieder in Spanien, in einem Fischerdorf bei Malaga, nieder. Kurz vor Ausbruch des spanischen Bürgerrgerkriegs 1936 kehrte er nach England zurück. Stoffe für Bücher hatte er wahrlich genug gesammelt. Er ließ sich als freier Schriftsteller in Buckinghamshire nieder und debütierte als mit einem Kinderbuch.

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Der große Durchbruch kam bereits 1939 mit seinem zweiten Spannungsroman ROGUE MALE, einem der unsterblichen Klassiker des Thrillers und für viele eine der drei besten Jagd- und Fluchtgeschichten die je geschrieben wurden (chase novels; escape novels). Der Roman erzählt in der ersten Person, ohne Namen zu nennen, von einem englischen Gentleman und Großwildjäger, der bei einem scheinbaren Attentat auf einen mitteleuropäischen Diktator erwischt und von der Geheimpolizei gefoltert wird. Scheinbar tot kann er seinen Peinigern durch eine
Nerven zerfetzende Flucht nach England entkommen, wo er durch unglückliche Umstände sowohl von der Polizei wie auch von den Agenten des Diktators durch die grandiose südenglische Landschaft von Dorset gejagt wird, bis er selbst zum Jäger wird. roguemalenovelAuch wenn keine Namen fallen und Deutschland nicht erwähnt wird, bleibt keine Sekunde unklar das es sich bei dem mitteleuropäischen Diktator um Hitler handelt. Einige Theoretiker vertraten die Ansicht, dass sich im scheinbaren Attentat, das nur deshalb zur Ergreifung der Hauptperson führte weil er nicht auf den Diktator schoss, den er durchs Fadenkreuz beobachtete, die damalige britische Außenpolitik (Appeasement) gegenüber Hitlers symbolisiert. Der Roman ist nicht nur ein überaus spannender literarischer Thriller, sondern geht auch über die Jagd- und Fluchtgeschichten Buchans hinaus.

Household zeichnet die Selbstfindung eines Mannes und bringt seine Philosophie über die menschliche Natur unauffällig mit ein. Wieder einmal sollte ein Roman auch Auswirkungen auf die Realität haben: General Sir Noel Mason Macfarlane studierte das Buch genau, als er dabei war, ein Attentat auf Hitler durch ein Gewehr mit Zielfernrohr ausarbeitete. Es kam zwar nie zur Durchführung, aber Macfarlane unterließ es nie darauf hinzuweisen, dass Households Roman die Inspiration für diese Option war.
Der Einfluss des Romans war gigantisch und ist heute noch spürbar; David Morrell etwa, nannte ihn die entscheidende Inspiration für FIRST BLOOD.

rt_19760918_rogue_male Von 1939 bis zum Ende, 1949, nahm Household aktiv am 2.Weltkrieg teil. Er diente als Einsatzleiter im Militärischen Geheimdienst und wurde hoch dekoriert als Lieutnant Colonel entlassen. Als Militärattache half er in Rumänien die Ölfelder vor dem Zugriff der Nazis und ihrer Verbündeten in die Luft zu jagen. Danach wurde er in den Mittleren Osten versetzt. Seine Erfahrungen während des Krieges schlugen sich vor allem in den Romanen ARABESQUE (1948), THE HIGH PLACE (1950) und DOOM’S CARAVAN (1971) nieder. Mitten im Krieg, 1942, heireitate er Ilona M.J.Zsoldos-Gutmann, mit der er einen Sohn und zwei Töchter hatte. Seine langen Aufenthalte in den verschiedenen Teilen des europäischen Festlandes machten ihn zu einem frühen Befürworter einer europäischen Union mit Großbritannien. Er starb 1989.

Kein anderer Autor hat Jagd- und Flucht so oft und so gekonnt in den Mittelpunkt seiner Thriller gestellt. Mit Ausnahme der Helden in ROGUE MALE und HOSTAGE LONDON sind seine Hauptpersonen alle Unschuldige, die zufällig in einen Komplott geraten und gejagt werden. Also die Situation, die Alfred Hitchcock so geliebt und in vielen Filmen umgesetzt hat. Auch an den frühen Eric Ambler erinnert Household, der aber meist einem pralleren, ausführlicheren Stil schrieb , Merkwürdig, dass ihn Hitchcock nie verfilmte. Fritz Langs Verfilmung von ROGUE MALE als MAN HUNT war nicht sonderlich beeindruckend. Besser war Clive Donners Fernsehfilm von 1976
mit Peter O’Toole und Michael O’Herlihys, ebenfalls fürs Fernsehen gedrehtem Adaption von WATCHER IN THE SHADOW als DEADLY HARVEST(1972).

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Wie Buchan ist Household am besten, wenn er physische Aktion beschreibt, besonders bei Fluchtszene durch Natur und Wildnis. Obwohl Household seinen Figuren ein anspruchsvolleres Innenleben gibt, ist er nie aus dem Einfluss Buchans herausgewachsen. „Household transportierte Buchans Techniken und Attitüden in die Nachkriegszeit. Die Liebe zur Natur, zum Abenteuer, das Interesse am Menschen und das Misstrauen gegenüber Organisationen war beiden Autoren eigen“, stellte LeRoy L. Panek in THE SPECIAL BRANCH (Popular Press, Bowling Green, Ohio, 1981) fest. Household geht in seiner Zivilisationskritik über Buchan hinaus: Die bürokratische Konsumgesellschaft des 20.Jahrhunderts ist ihm ein Graus. Er verachtet Politik und Politiker und sieht das Heil in einer Art „Anarchismus des Adels“, ein Leben auf dem Land, in der Natur ohne die Akzeptanz von staatlicher Autorität. Seine Helden sind oft Angehörige der upper class, Landlords, die vom Leben in der Natur geprägt sind. Die Rückkehr zur Natur war bereits 1939 für Household die einzige Hoffnung für ein menschenwürdiges Dasein. Weiter kann man vom heutigen Techno-Thriller kaum entfernt sein.

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Im Gegensatz zu vielen anderen Spionageromanautoren verteufelt Household die Gegenspieler seiner Helden nicht. Ob Nazis, wie in ROGUE MALE und DOOM’S CARAVAN, Neo-Nazis, wie in ROUGH SHOOT, Kommunisten, wie in A TIME TO KILL, FELLOW PASSENGER, RED ANGER oder THE LAST TWO WEEKS, oder internationale Anarchisten wie in THE HIGH PLACE und HOSTAGE LONDON, immer zeigt er sie als menschliche Wesen. Allerdings als Menschen, die auf der falschen Seite stehen; daran gibt es keine Zweifel. Leroy Panek meint, diese Haltung basierte auf Households Erfahrungen im Mittleren Osten, wo sich Araber, Juden und Briten zwar gegenseitig umbrachten, aber respektierten. Das erscheint mir doch eine etwas zu romantische Weltsicht.51g9asmi7el-sx316

In England vermutet man bereits eine bevorstehende Wiederentdeckung seines Werkes. In Deutschland war er nie populär. Ausgenommen vielleicht ROGUE MALE, der in schöner Regelmäßigkeit als Klassiker immer mal wieder neu aufgelegt wird. Ansonsten sind in deutscher Übersetzung lediglich zwei weitere Romane erschienen. Das ist schade, denn Households Romane strahlen noch heute einen düsteren Glanz aus, der den heutigen Leser durchaus erreichen kann mit seiner genauen Betrachtung einer fast schon untergegangenen Welt, in der moralische Haltung und ein bedachter, fester Standpunkt einem Menschen mehr Würde geben, als es Profit oder Boni-Zahlungen jemals können.
Wer seiner Faszination einmal verfallen ist, der wird immer wieder zu einem seiner Bücher greifen und sich vielleicht mit etwas Wehmut in eine Vergangene Epoche entführen lassen, die alles andere als angenehm war. Vielleicht macht uns Households Lektüre auch nur klar, wie verdammt heruntergekommen wir heute sind.