Martin Compart


Der Noir-Fragebogen mit Hanspeter Eggenberger by Martin Compart

Den Bünnagelschen Fragebogen füllt heute einer der profiliertesten Krimi-Kritiker aus. Seit Jahrzehnten im Geschäft, zeichnen sich seine zahlreichen Rezensionen und Portraits durch großes Fachwissen, mitreissenden Stil und Liebe zum Genre aus. Er gehört zu den wenigen deutschsprachigen Rezensenten, die das Niveau der Kriminalliteratur-Rezeption auf eine höhere Ebene geführt haben.

Ein paar Worte zu Deinem bisherigen Leben

Schreibe derzeit mit der Kolumne „Krimi der Woche“ im Zürcher „Tages-Anzeiger“ wieder mal für ein grösseres Publikum über Kriminalliteratur (krimi.tagesanzeiger.ch). Mein tägliches Brot, und gerne auch ein Steak dazu, verdiene ich mit Text- und Redaktionsarbeiten für Verlage und andere Unternehmen.
Mit 20 erste Anstellung auf einer Redaktion. Neben dem Journalismus im Kulturbereich aktiv, alternatives Kino u.a. In den 1980ern Kulturchef und Filmkritiker bei der „Berner Zeitung“. Höhepunkt: „BZ Krimi-Sommer“ – einen ganzen Sommer lang täglich Beiträge zur Kriminalliteratur, beworben mit sechs Weltformat-Plakatsujets: von kurzen Buchtipps bis zu grossen Autorenporträts, darunter auch Beiträge von Jörg Fauser. Erstmals Kontakt mit Martin Compart (damals bei Ullstein).
Dann bei diversen Zeitungen und Magazinen in Zürich vor allem, aber nicht nur, im Kulturbereich. Seit 2001 selbständig. Zwei etwas unregelmässig bewirtschaftete Blogs: seit 2005 http://americana-usw.blogspot.de/ („Über handgemachte Musik: Roots Rock, Country, Rock ’n’ roll, Folk, Blues, Rockabilly, Singer/Songwriter, Cajun, Zydeco, TexMex und so weiter“); seit 2011 http://krimikritik.blogspot.de/

Literarische Aktivitäten (nenne einige Übersetzungen, Lektorate, Nachworte usw).

Keine im Noir- bzw. Krimi-Bereich. Nur Texte zu Kriminalliteratur in Zeitungen und Magazinen, in neuerer Zeit auch Online.

Berufungen neben dem Schreiben?

Ich würde es eher Passionen nennen als Berufungen: Americana (Musik, passiv), gutes Essen (auch selbst gekocht) und Wein, zeitgenössische Kunst, Südfrankreich.

Film in Deinem Geburtsjahr?

„Touchez pas au grisbi“ („Wenn es Nacht wird in Paris“) von Jacques Becker. Kinodebüt von Lino Ventura, in der Hauptrolle Jean Gabin.
Es gab in diesem Jahr andere nette Streifen wie „Johnny Guitar“, „On the Waterfront“ („Die Faust im Nacken“), „Rear Window“ usw.

Was steht im Bücherschrank?

Zwischen Adcock und Zeltserman – ja die Bücher stehen alphabetisch geordnet im Regal –unter vielen anderen von Lieblinge wie Algren, Ambler, Bruen, Bukowski, Burke, Campbell, Chandler, Crumley, Disher, Ellroy, Estleman, Fante, Gores, Grady, Guthrie, Hammett, Hunter, Izzi, Lowry, Montecino, Newman, Pelecanos, Sallis, Spillane, Stark, Thomas, Thompson, Westlake, Willeford, Woodrell.
Auf den wenigen Regalbrettern, die nicht von englischsprachigen Autoren belegt sind, stehen etwa Fauser, Glauser und Schmidt, Manchette und Vian, Sciascia, Rönkä.
Dazu viele Bände über Musik, Film, Kriminalliteratur, Kunst, Architektur, Design, Typographie, Autos. Und Kochbücher.

Was war Deine Noir-Initiation (welcher Film, welches Buch)?

1979 war ich für einen Monat in Paris, um mein Französisch aufzupolieren. Ich hatte mich zuvor schon mit dem Film noir auseinandergesetzt, in der Literatur war ich zu dieser Zeit bei den Nachfolgern von Hammett und Chandler. Ich war täglich mehrmals im Kino in diesen Wochen, holte vor allem alte amerikanische Noirs nach, die in zwei Kinos als Retrospektiven liefen.

Und dann lief da der neue Film „Série noire“ von Alain Corneau mit dem unvergessenen Patrick Dewaere in der Hauptrolle, eine Adaption von Jim Thompsons „A Hell of a Woman“.

In einer Buchhandlung stieß ich auf die zweite Ausgabe des neuen Krimi-Magazins «Polar» von François Guérif, die aus Anlass dieses Films Thompson gewidmet war. Ich verschlang das Magazin und ging in den Buchhandlungen auf die Suche nach diesem Stoff. So kam es, dass ich meinen ersten Thompson auf Französisch las: „1275 âmes» (bis heute weiß ich nicht, warum die Franzosen aus „Pop. 1280“ statt 1280 „1275 Seelen“ machten …).
Jim Thompson veränderte meinen Blick auf die Kriminalliteratur nachhaltig.

Welches Noir-Klischee ist Dir das liebste?

Die Femme fatale.

Ein paar Film noir-Favoriten?

Der absolute Favorit: „White Heat“ von Raoul Walsh (1949). Der Film beginnt damit, dass das Auto einer Gangsterbande unter der Führung von James Cagney, der unter der Knute seiner Mutter steht, unterwegs zu einem Coup auf einem Bahnübergang stehenbleibt, während ein Zug naht. Dann steigert sich das geniale Drehbuch bis am Ende James Cagney, umstellt von den Cops, mit einem irren Lachen auf einem Gastank steht („Made it, Ma! Top of the world!“) und – wumm!

Weitere Noir-Favoriten – neben all den US-Filmen aus den 1940ern und 1950ern:
„A bout de souffle“ von Jean-Luc Godard (1960): Nouvelle-vague-Noir mit dem jungen Belmondo und der bezaubernden Jean Seberg.

„Fat City“ von John Huston (1972): Neo-noir, grossartig gemachtes Boxer-Drama nach dem Roman von Leonard Gardner.

„Le samouraï“ von Jean-Pierre Melville (1967): Gangsterfilm mit Alain Delon. Stilbildend.

„Série noire“ von Alain Corneau (1979): Thompson-Verfilmung, siehe oben

„Stormy Monday“ von Mike Figgis (1988): Newcastle Neo-noir.

„Trouble in Mind“ von Alan Rudolph (1985): Endzeit in Rain City. Kris Kristofferson, Keith Carradine, Lori Singer, Geneviève Bujold!

Und abgesehen von Noirs?

Nach einem Dutzend Jahren als Filmkritiker und einigen tausend Filmen litt ich unter einer Überdosis an Scheissfilmen und hörte darum in 1990ern auf, ins Kino zu gehen. Darum sind meine Lieblingsfilme etwas älter.
„The Big Easy“ von Jim McBride (1987): Nur schon wegen dem Soundtrack (Cajun, Zydeco, Blues) lohnender New-Orleans-Krimi. Und wegen dem schiefen Lächeln von Ellen Barkin.

„The Last Picture Show“ von Peter Bogdanovich (1971): Verfilmung des Romans von Larry McMurtry – ein sehr lesenswerter texanischer Autor, ich mag auch die Fortsetzung „Texasville“, als Film wie als Roman.

„The Long Riders“ von Walter Hill (1980): Grossartiger Neo-Western um die James-Younger-Gang. Soundtrack – wie fast immer bei Hill – von Ry Cooder.

„Rembetiko“ von Kostas Ferris (1983): Musikdrama mit betörendem Soundtrack – Rembetiko ist so was wie der griechischen Blues.

„Streets of Fire“ von Walter Hill (1984): Alle fanden diesen Film blöd und voller Klischees, ich liebe ihn. Neon-Spiegelungen auf nassen Straßen, böse Buben auf Motorrädern, eine schöne Sängerin und tolle Musik. Soundtrack: Ry Cooder. Und The Blasters, eine meiner Lieblingsbands der 1980er, spielen im Club der Motorradgang.

„Two-Lane Blacktop“ von Monte Hellman (1971): Existentialistisches Road Movie der Extraklasse, mit Waren Oates und James Taylor (ja, der Musiker).

„Vanishing Point“ von Richard C. Sarafian (1971): Furioses Road Movie – und einer der Gründe, weshalb ich einen Dodge Challenger fahre.

Welche Film- oder Romanfigur würdest Du mit eigenen Händen umbringen?

All die unglaubwürdigen Krimihelden. Oder besser deren Erfinder.

Noir-Fragen – Dein Leben als Film noir

1. Im fiktiven Film noir Deines Lebens – welche Rolle wäre es für Dich?

Der schwarz gekleidete Typ, der etwas im Hintergrund an der Bar sitzt, alles sieht, aber nicht viel sagt.
Oder der Fahrer des Fluchtwagens.

2. Und der Spitzname dazu?

Man in black.

3. Welcher lebende (oder bereits abgetretene) Schriftsteller sollte das Drehbuch dazu schreiben?

Fauser. Oder Sallis.

4. Berühmtestes Zitat aus dem Streifen?

„Alles wird gut.“

5. Schwarzweiß- oder Farbfilm?

Farbe. Aber düster.

6. Wer liefert den Soundtrack zum Film?

Ry Cooder, who else?

7. Welche Femme fatale dürfte Dich in den Untergang führen?

Die betörende Lauren Bacall. Gerne auch Veronica Lake. Oder …

8. In welchem Fluchtwagen wärst Du unterwegs?

Dodge Charger 1966/1967, 440er-Motor (V8, 7,2 Liter – nein, nicht Verbrauch, Hubraum).

9. Und mit welcher Bewaffnung?

Sarkasmus.

10. Buch für den Knast?

Etwas, das richtig viel zu tun gibt, wofür man sonst nie Zeit hat: „Finnegans Wehg“ von Joyce zum Beispiel. Oder doch lieber ein dicker Femmes-fatales-Bildband.

11. Und am Ende: Welche Inschrift würde auf dem Grabstein stehen?

Kein Grabstein. Die Femme fatale stellt die Urne mit meiner Asche in ihr Bücherregal.

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Abbitte an Markus Lanz by Martin Compart
8. Dezember 2017, 7:08 pm
Filed under: Deutsches Feuilleton, NEWS, Politik & Geschichte, Sternstunden der Verblödung | Schlagwörter: , ,

Ich habe mich häufig negativ über den „Tiroler Skilehrer“ geäußert. Nach der gestrigen Sendung muss ich vieles zurück nehmen. Was sogenannte kritische Journalisten – vom SPIEGEL bis zur BÄCKERBLUME -nicht wollten oder nicht gelang, zeigte Lanz: Wie man einen Pudding wie den verachtungswürdigen Christian Schmidt an die Wand nagelt! Respekt, Herr Lanz. Da können Ihre Kollegen nach Hause gehen! Selten wurde ein politischer Idiot so dekuvriert!

Sehr geehrter Herr Lanz,

seit gestern bin ich ein temporärer Fan von Ihnen.
Werden Sie bald abgesetzt?
Grüße,
MC
P.S.: Machen Sie weiter so. Sie haben einem großen Publikum Ihre intellektuelle Überlegenheit gegenüber einem klein geistigen politischen Karrieristen demonstriert und damit Ihre „kollegen“ aus der politischen Journaille als das hingestellt, was sie sind.



PEINLICHES AUS DEM DIME-STORE by Martin Compart

 

Bei der Recherche zum Thriller-Giganten Lionel Davidson (der von Penguin Deutschland dankenswert neu aufgelegt wird), geriet ich auf CrimerMag zur einer aktuellen Rezension von ROSE VON TIBET; damit verbunden verirrte ich mich in eine Galaxy, die zuvor nicht von menschlicher Intelligenz bereist wurde, nämlich in das wahrscheinlich peinlichste Interview, das ich je gelesen habe:

http://culturmag.de/crimemag/interview-andreas-pflueger-im-gespraech-mit-alf-mayer/103409

Mayer als Interviewer, Speichellecker und Selbstdarsteller ist so peinlich, dass er bei mir Fremdschämen auslöste und mich für den armen Autor erstmal einnahm. M. gibt dem Ausdruck „Anschleimen“ eine neue Dimension. Das hat kein Autor verdient – dachte ich zunächst. Ich konnte kaum glauben, was ich da las:

„Alf Mayer wüsste nicht einen Satz, den man in „Endgültig“ und „Niemals“ streichen könnte. Er findet: Elmore Leonard wäre stolz auf den Stil dieser Bücher.“

„Du bist berühmt, du bist erfolgreich, du bist der mit Abstand beste deutsche Thriller-Autor. Ich lese viel, bin ein Thriller-Gourmet und wüsste auch international nicht, wer dir das Wasser reichen könnte. Du bist nicht nur besser als Bond (was nebenbei nicht solch eine Kunst ist, aber dieses Tausendmal bei dir dann doch), du bist besser und poetischer als Gerald Seymour, Lee Child oder Stephen Hunter.“

„„Niemals“ ist ja der vermutlich am besten gestaltete Spannungsroman, der je erschienen ist.“

„Adam Hall und seine Quiller-Agentenserie (19 Romane zwischen 1965 bis 1996) kennst du ja nicht, darüber haben wir uns schon unterhalten. Du bist der erste, der ihn meiner Ansicht nach noch zu übertreffen vermag. Wie machst du das?“
Gefährlicher Schwarzgurt im Asthma-Karate.
„Als Samurai muss man fest entschlossen sein, jeden Moment zu sterben. (Ich zeige ihm das schöne Beiheft der Zatoichi-Edition bei Criterion, 26 Filme von 1962 bis 1989, digital remastered, in einer aufwendigen, wunderhübschen japanischen Faltkassette – er kennt es nicht, hat es noch nie gesehen, das ist an seiner Reaktion glaubhaft.)“

Selbstredend, dass diese harten Buben auch Experten in der Samuraikultur sind.

Hast du auch einen schwarzen Gürtel?
Nein. Aber ich beschäftigte mich damit, zum Beispiel mit Akupunkturkarate.“

(Adam Hall hatte mit 60 Jahren seinen Schwarzgurt gemacht – in Shotokan-Karate und nicht im Tresenwürfeln)

Das Interview ist zu lang, um es hier noch ausführlicher zu würdigen.
Dann musste ich den Bildschirm vom Schleim befreien und mit einem Sandstrahlgebläse abspritzen.

Aber nun stellte sich dieser Autor als Witzfigur heraus, der in seinen Peinlichkeiten Mayer nicht nachstand, selbstbesoffen von seiner Pose. MiC in einem Lachanfall dazu: „Besonders beeindruckend finde ich, dass hier ein bekennender Waffennarr schreibt, der in den USA gegen Waffen demonstrieren würde, aber keine Gewaltpornographie betreibt, wo Menschen vor dem Kamin stundenlang geröstet werden. Die Flitzpiepe hat noch nie echte Gewalt erlebt.“

Das machte neugierig. Ich hat von diesem Andreas Pflüger nie gehört und ging auf Amazon um mal einen Blick auf seine Prosa zu werfen und „ein Blick ins Buch“ zu wagen.

Einige unserer streetsmarten Kritiker lobten die Actionszenen („Er ist einer der wenigen deutschen Autoren, die richtig gute Actionszenen schreiben.“, Spiegel.de), die mich zu einem „Blick ins Buch“ veranlassten. Zitat:

„Adrenalin checkt per Express in ihre Blutbahnhn ein. Sie katapultiert sich steil hoch und bricht dem Mann mit einem gedrehten Fußkick den Kiefer. Aaron stößt ihren Mittelfinger in seine Halsschlagader, hebelt sein Handgelenk aus, fängt die Walther P99 mit Schalldämpfer und schießt ihm in die Stirn. Sein halber Kopf sprüht an die Wand; Hardkernmunition. Die zwei Sekunden, die das gedauert hat, waren schnell genug, um einem weiteren Mann, der aus dem Bad auftaucht, fünfzehn Gramm Blei in die Kehle zu schnippen.“

Das als realistische oder gute Action-Szene einzuordnen, gelingt wohl nur Burschen, die sich nie geprügelt haben, nie Kampfsport trieben und Jackie Chan für einen Dokumentarfilmer halten. Wahrscheinlich stellt der Autor die Szenen mit Action-Figuren vor. Das ist kein „pulp“, das ist schlechte Dime Novel. Der Waffenfetischismus ist vergleichbar mit einem Liebesakt, erzählt von einem Impotenten.

Erinnert an die glorreichen 70er des Groschenheftes: „Während Lassiter ihn niederschoss, ließ er den Larry raushängen“.

Kein Groschenheftautor käme heute damit durchs Lektorat. Es ist der Stil eines extremen Posers, dem alles authentische fremd ist, dies aber nicht durch Intelligenz, wie etwa Quentin Tarantino, auszugleichen vermag.

Geistiges Monsanto.

Um sich an der unfreiwilligen Komik zu delektieren, ist das Buch zu dick. Der „Blick ins Buch“ ist schon etwas viel.

Und der Auswurf der Notizbücher des Autors, vollgestopft mit Halbrecherchen – etwa zur russischen Mafia – aus Wikipedia und Der Spiegel-Quellen – nervig. Hier stößt auch Alkohol an seine Grenzen.

Überraschend waren die vielen positiven Amazon-Wertungen, die fast den Verdacht einer gesteuerten Aktion aufkommen ließen. Aber so weit ist die Buchbranche hier wohl noch nicht – wer weiß. Diese positiven führen zu einem geistigen Ort, den ich keinesfalls zu betreten wünsche.

Angesichts der eigenen Leseerfahrung (der Anfang des Romans ist sogar von einem Poser auf speed ziemlich grottig), rief ich die negativen Kritiken zum Vorgänger des gerade erschienenen Romans auf, denn ich wollte mir versichern, dass nicht nur ich das offensichtliche dieses hirnlosen Bluffs sah. Erfahrungsgemäß findet man inzwischen unter den Leserkritiken von Amazon bessere Analysen als bei den meisten „professionellen“ Kritikern (natürlich auch und besonders bei den positiven). Ich wurde nicht enttäuscht: Diese Rezensionen sind geradezu eine Tunnelbohrung durch einen Buchmisthaufen.


Harry Mulisch foreverVor 1 Jahr
ein Kopfschuss aus hundert Metern mit einem Colt…
allein dieser Satz aus „Blick ins Buch“ reicht mir. Wer jemals mit einer Pistole aus 25 Metern Entfernung geschossen hat, weiß, dass das Schwachsinn ist, was der Autor schreibt. Das passt aber zu den irrealen Krimis im TV. Mit Logik hat das nichts zu tun. Ich habe deshalb keine Lust, dieses Buch zu lesen. Übrigens: „James Bond“ ist genauso bescheuert, zumindest die letzten. Die „alten“ hatten Humor und nahmen das Genre aufs Korn. Aber Humor kennt niemand mehr!

N.P.Vor 1 Jahr
Ich kann Ihnen nur voll und ganz zustimmen. Die guten Rezensionen sind mir ein Rätsel. Ich denke ich werde das Buch jetzt auch abbrechen. Bin jetzt bei 75 %, schön langsam frag ich mich ob der Autor unter Drogen stand beim Schreiben.

Monika Baumüller-Rappold

Nicht nur der Stil ist unerträglich. Was mich besonders gestört hat, sind diese hyperguten Helden bzw. hyperbösen Schurken, die den Roman bevölkern. Ich hab das Buch nicht selbst gekauft, sondern als Geschenk bekommen, nachdem uns die Lobhudelei in der ZEIT neugierig gemacht hatte.

 

Von Toliam 15. Juli 2016
Von der abstrusen Geschichte abgesehen:
Den Mitgliedern der speziellen Polizeitruppe werden derart übermenschliche Eigenschaften zugeschrieben, dass es schon ins Lächerliche abgleitet. Zudem werden häufig völlig verschwurbelte Beschreibungen eingebaut („der Mond hing wie eine gefüllte Schweisblase zwischen den Wolken“), die an einen überdrehten Erlebnisaufsatz eines Schülers erinnern.
Insgesamt so gnadenlos schlecht wie Fitzeks „Passagier 23“.

VonAmazon Kundeam 30. Januar 2017
Das passiert, wenn man einer ehemaligen Literatur-Professorin dieses Buch schenkt … anbei ein Auszug aus der Dankesmail:

„Ich habe bald aufgehört, die Leichen zu zählen, auch die abwechslungsreichen Methoden, jemanden zu töten, zu quälen, zu demütigen. Gewalt auf jeder Seite, viel Pathos, Dramatik, Faszination für Waffen (sicher sehr informativ), die Samurais und ihren Ehrenkodex, für jede Form der Gewalt; Superhelden und Superwahnsinnige, allesamt Mörder mit Genuss, nur 2 „normale“, sanfte Nebenfiguren. Starker Tobak!

Vom literarischen Standpunkt: immer wieder die gleichen Kunstgriffe: unvollendete halbe Sätze, um ein Staccato-Rhythmus zu erzeugen, kitschige bildhafte Sprache, wenn einmal keine Action, zu viele Zitate, triefende Sentimentalität oder zu modische moralisierende Themen in Exkursen in die Vergangenheit (Freund aus der Kindheit, den man nicht retten kann und vor einem ertrinkt, vom Vater missbrauchte Söhne, kleine Türkin, natürlich Opfer von Vorurteilen etc), die nur oberflächlich und banal behandelt werden.

Trotzdem interessant zu sehen, wie man Erfolg zimmert und von Suhrkamp verlegt wird. Erinnert mich an Mankell, obwohl er einen Antihelden mit Alzheimer (!) hat. Falsche Tiefgründigkeit bei beiden. Wird sicher ein großer Erfolg. Und vielen Dank (ohne Ironie): da wird einem klar, wie viel ein Dostojewski, ein Böll, ein Echenoz, ein Andersch, ein Zweig, ein Paasilinna, usw, usw wert sind.“

Usw. usw.

So, denke ich mir, damit verschwendest du also deine Zeit. Warum machst du sowas? Hast du masochistische Neigungen? Um zu verhindern, dass solcher Schwachsinn unkommentiert in die Kultur einsickert? Die volle Idiotie dieser Ära bewusst zu machen an Details im Überbau?
Du regst dich eben gerne auf und suchst nach empirischer Bestätigung für Harlan Ellisons Beweisführung, dass „die Elemente, die im Universum am häufigsten vorkommen, Wasserstoff und Blödheit“ sind.

 

P.S.:

Fauser und ich kämpften vor langer Zeit für ein verändertes Bewusstsein innerhalb der Medien bezüglich der Kriminalliteratur als Literatur der Emanzipation gegenüber dem pseudoliterarischen Mainstream.
Also auch gegenüber der Haltung „ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“. Kriminalliteratur als Flaggschiff dessen, was bürgerliches Feuilleton unter „Trivialliteratur“ subsumierte.

Heute haben wir die Situation, dass die meisten Medien einen selbst erwiesenen Kriminalliteratur-Experten (ein ähnlicher Lernberuf wie Promi-Experte) im Programm haben, dessen Bildung uns darauf zurück wirft, dass weiterhin „Ohne Krimi, die Mimi nicht ins Bett geht“, solange sie ihre – die der Experten – präpubertären Gewalt- und Sexphantasien erfüllt.

Ich gehe angesichts des hier dargestellten Idiotismus so weit zu behaupten, dass alle positiven Rezensenten geistig gestört sind und kulturell der fundamentalistischen Wachstumsblase („Alles ist endlich, nur das Wachstum ist unendlich.“, „was sich verkauft, muss gut sein“ usw,) verpflichtet sind, aber dabei das Überheblichkeitsgefühl überlegener Deutungshoheit suggerieren.

Sinnlose Gewaltpornographie, deren einziger Wert der Obolus am Markt ist, kann keine kulturelle Substanz haben. So denken Investment-Banker, aber keine sensiblen Teilnehmer an einer gezwungenermaßen zu ordnenden Gemeinschaft, die sich zu Gesellschaften komplexer Dichte solidarisieren muss.

Insofern spiegelt in der deutschen Kriminalliteratur der Erfolg von Gestalten wie Fitzek und Co. das Versagen unserer humanen- und ökologischen Überlebensstrategien wieder, bestätigt ästhetisch die Ideologie der Börsenkultur und betreibt die Entsolidarisierung der Gesellschaft.

 

 



NEWS: INSOLVENTER POLAR VERLAG UND DIE BEDEUTUNGSLOSIGKEIT DES FEUILLETONS by Martin Compart
27. September 2017, 9:50 am
Filed under: Deutsches Feuilleton, Rezensionen | Schlagwörter: , , ,

Was das konzeptionell ungeschickte Crowdfunding des Polar Verlages vermuten ließ (keine 3000 € von anvisierten 50000€), hat sich bestätigt: Die Finanzdecke war für das Unternehmen zu dünn.

Ich kenne mich aus, bin ich doch Anfang der Nullerjahre zusammen mit Werner Fuchs und Bernd Holzrichter mit dem Unternehmen STRANGE-Verlag, da der Cashflow zu langsam floss (ein Problem für alle Kleinverlage), selber gescheitert. Und das bei inhaltlich und äußerlich höchster Qualität. Wir haben den Laden damals aber einfach nur zu gemacht und sind ohne Verluste aus der Sache rausgekommen.

Interessant am Scheitern von Polar ist für mich ein anderer Aspekt:

Kaum ein Krimi-Verlag wurde von Kritikern und Feuilletonisten so gehätschelt wie der Polar Verlag. Ausgehend von der Wörtche-Maier-Clique, die man auch in die Verlagsarbeit eingebunden hatte, wurde der Verlag mit Rezensionen geradezu verwöhnt und überschüttet. Man galt als Darling der Crime-Szene. Aber das nutzte nicht, um genügend Bücher zu verkaufen um das Unternehmen profitabel zu machen.

Das bedeutet: Rezensionen in Print-Medien haben heutzutage so gut wie keine Bedeutung mehr um potentielle Käufer zu erreichen.

Eine Entwicklung, die ich schon seit Jahrzehnten zunehmend beobachte: In den 1980er Jahren reichte eine winzige Rezension – im PLAYBOY(!) etwa – aus, um einen – beispielsweise – Jim Thompson bei Ullstein nachzudrucken.

Mit zunehmender Medienverdrossenheit (Propaganda- oder Systemmedien) und zunehmenden Internet lässt die Verbreitung, und vor allem die Akzeptanz, des Print-„Journalismus“ gewaltig nach. Das Klientel-Feuilleton funktioniert nur noch eingeschränkt bei Sujets, die sich bereits durchgesetzt haben und dies nur in einem äußerst geringen Rahmen.

Hinzu kommt noch die häufig bescheidene Qualität: Inzwischen findet man bei den Leserbesprechungen auf AMAZON (die weitaus mehr credibility genießen) häufig höheres Niveau als bei den Berufsfeuilletonisten (wie immer gelten natürlich auch für diese Beobachtung die Ausnahmen, die die Regel bestätigen).

Im Netz gibt es inzwischen so viele Crime-Blogs, das fast jeder Leser einen entsprechenden findet, der seine speziellen Vorlieben bedient.

P.S.: In den 1970er Jahren wählte ich meine Kino-Besuche häufig danach aus, ob der Film in der ZEIT negativ besprochen war. Nicht einmal das funktioniert heute noch fürs Print-Feuilleton.

Aber auch die Buchverkäufe über das Fernsehen funktionieren nicht mehr in derselben Größenordnung wie einst während des LITERARISCHEN FEUILLETONS „unter“ Reich-Ranicki. Das liegt sicherlich zum Teil an Moderatoren wie Susanne Fröhlich oder den 3SAT-Besserwisserinnen mit der geistigen Strahlkraft batterieloser Taschenlampen, aber nicht nur an ihnen:
Denn die Konzepte dieser „über Bücher quatschen“-Sendungen sind noch dämlicher als die Sendezeiten. Die Produktion ist allerdings billiger als ein Autorenbesuch des dicken Jungen in DRUCKFRISCH.

Trotzdem kann das Fernsehen noch immer Bücher auf die Bestsellerliste bringen. Und das kann das Print-Feuilleton schon lange nicht mehr. Ersteres ist zutiefst bedauerlich.


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SUHRKAMP AM ENDE?Ich hoffe, doch nicht. by Martin Compart
25. Juni 2016, 12:50 pm
Filed under: Deutsches Feuilleton, NEWS, Paranoid | Schlagwörter: ,

Wir wissen zwar, wie es geht, aber wir können es nicht.

Offenbar hat das Suhrkamp-Krimi-Lektorat sein geringes Pulver verschossen und sucht externe Hilfe. Wer wäre da besser geeignet als dieser Stammler, der James Grady auch noch zum „Erfinder des Paranoia-Thrillers “ bekundet (obwohl dieser nur – gähn – das alte Buchan-Konzept aktualisierte. Wenn es einen Vater des Conspiracy-Thrillers – nicht Psaranoia – gab, dann war das Richard Condon mit… ) Aber lassen wir das, Erfreuen wir uns an der plumpen Ästhetik, die auch dicke Zwerge Schatten werfen lässt. Alle Grimi-Klischees erfüllt. Oder wie Nietzsche sagte: Ab vierzig ist man für sein Gesicht selber verantwortlich. Brijllandd: „Das Washington von heute ist ein kafkaesker Bau… Joyce auf Koks“

Ja, da suggeriert ein kleiner Feuilletonist, dass er aus der Höhe bürgerlicher Kultur ein subversives Genre einschätzt.

Hallo! Hier spricht Edgar Wallace! Zeitgemäßer kann man Grimmis nicht präsentieren.

Was kommt als nächstes bahnbrechendes PR-Konzept? Vielleicht ein Allgäuer Bub, der eine grüne Amtsträgerin geheiratet hat, damit er erwerbslos  seinen Haarausfall verfolgend , auf dem Sofa liegend Krimis liest und die faszinierenden Erkenntnisse in  ein Medium, rülpst? Die Auflagen sinken, aber der Unterhaltungswert der Krimi-Schwätzer steigt. Wir suchen weiterhin den Dieter Bohlen der deutschen Krimi-Erklärer.

Ich brech zusammen! Ich glaube, ich werde Fan von diesem brillanten Historiker!. Jaja, 72 war´s, da wurde der Paranoia- Thriller erfunden und Singers PARALLAX VIEW von 1970  gibt er nicht (weil nie auf deutsch veröffentlicht). Jeder Spionageroman oder Thriller basiert auf Paranoia – aber das führt hier echt zu weit. I

Wahrscheinlich ist der sympathische Dampfplauderer der letzte Versuch um Suhrkamps Krimi-Segment zu retten. Er bringt ja ein eingespieltes Helotenteam mit, das sicherlich für positive Berichterstattung und Bestenlisten sorgen wird. Leider verkauft man so heute keine Bücher mehr, Trotzdem ist sein freundliches Wesen und seine aufgeregte Besserwisserei ein inzwischen nicht mehr zu missender Bestandteil der regionalen  Grimi-Szene und wird dem Verlag neue Impulse geben können, Die herrlichen Videos könnten ein Anfang sein, denn auch mit YouTube kann man Geld verdienen. Diese Clips könnten kult werden; sie bringen so einen antiquiert-kleinbürgerlichen Charme ins Programm.

Ich sehe Rauch über den Remittenden  aufsteigen! Wir haben einen neuen Grimi-Papst!

P.S.: Ich liebe dieses schwere Watscheln als Intro! Das hätte Dr. Harald Reinl nicht besser inszenieren können.

Noch was zu Suhrkamps Erfolgsautor:Wie mir der Marco Polo des Trickfilms, Dr.Horror, erklärte, kam der alte Bluffer Don Winslow  mit dem Blödsinns durch, im Chinesischen würde Chaos gleichbedeutend mit Chance seien. Es geht doch nichts über eine gepflegte Sinologie..

 

 



DER SPRUCH DES 21.JAHRHUNDERTS by Martin Compart
21. Mai 2016, 5:00 pm
Filed under: Deutsches Feuilleton | Schlagwörter:

„Das war vor meiner Zeit,“

Aus einem Vorstellungsgespräch mit einer NRW-1er Abiturientin:
Wann war der 2.Weltkrieg?
Nach dem ersten.
Die nehmen wir. Das ist die Pfiffigste.



HAWAI 5:0 by Martin Compart
21. Mai 2016, 11:05 am
Filed under: Deutsches Feuilleton, Stammtischgegröle, TV-Serien | Schlagwörter: ,

Wie man mit einem Satz den Subtext einer Serie seziert:

Es ist die letzte (?) Bastion verlogener US-amerikanischer Sentimentalität.