Martin Compart


Guten Rutsch und Happy New Year by Martin Compart
31. Dezember 2019, 1:10 pm
Filed under: Rolling Stones | Schlagwörter:



ZU UNRECHT VERGESSENE SONGS by Martin Compart
29. Dezember 2019, 11:35 pm
Filed under: Zu Unrecht vergessene Songs | Schlagwörter: ,

Präsentiert von Deutschlands peinlichster Oma:



DR.HORRORS WEIHNACHTSBOTSCHAFT by Martin Compart
28. Dezember 2019, 11:43 am
Filed under: Dr. Horror, Ekelige Politiker | Schlagwörter: , , ,

DAS WUNDER DER WEIHNACHTSZEIT

Wie sehr hat doch die katholische Kirche unter dem ihr vom Bösen aufgezwungenen Missbrauchsskandal zu leiden!
Da wurden fromme Ministranten und Jungs sowieso von Geistlichen „z.b.V.“ eingesetzt und in einen sexuellen Abgrund geführt. In dieser kritischen Stunde mutet es wie ein weihnachtliches Wunder an, dass Deutschlands ältester Junior, ein Kind aus dem deutschen Osten, einen mutigen Schritt getan hat und dies auch überall in die Welt hinausposaunt.

Via BILD am Sonntag, Radio und TV erfahren wir, dass Jesaja 9:6 eine neue Bedeutung in der Person des zweitjüngsten Bundestagsabgeordneten erfahren hat: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter.“
Na gut, die Herrschaft ist noch nicht auf CDU-Amthors Schulter, aber was nicht ist, kann ja noch werden – solange den jungen Vorpommern, der am 13. Dezember in einer Berliner Kirche das heilige Sakrament einer katholischen Taufe empfangen hat, niemand aus der mitunter geilen Geistlichkeit… Aber reden wir nicht davon.
Er stamme, sagt der junge Amthor, aus der katholischen Diaspora: Das habe ihn allerdings nicht davon abgehalten, sich aus voller Überzeugung für die katholische Kirche zu entscheiden, an der er vor allem ihre Regelhaftigkeit schätze.

Regelhaftigkeit? Was ist das?

Ich schlage nach im Internet, welches wir auch in Vorpommern empfangen: Ein Schema wird demzufolge definiert als eine ausdrucksseitige Gestalt, der eine spezifische REGELHAFTIGKEIT in dem Sinne anhaftet, dass sie ein bestimmtes Konzept wiederholt ausdrucksseitig repräsentiert. Mit dem Schema ist in Amthors Fall womöglich ein Denkschema gemeint. Amthor weist jedoch darauf hin, dass wir uns über seinen Glaubensschritt, der kein Schnellschuss gewesen sei, bitte keine weiteren Gedanken machen sollen: Es sei eine sehr private Angelegenheit, die nicht von anderen politisch instrumentalisiert werden solle, sondern – so ergänzen wir mal – nur von ihm selbst.
Lk 18,16: „Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes.“

Nach dem Dritten also nun das Reich Gottes: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und wählt das Gotteskind Amthor von der CDU.
Gehen wir auf die Knie und schließen den wundersamen Philipp in unser weihnachtliches Dankgebet ein, auf dass auf deutschem Boden wieder geglaubt werde.

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„Jeder, der verrücktgenug ist, um seines Aberglaubens willen eine Strafe zu riskieren, verdient sie auch.“
Harry Flashman



„SERIÖS“ – SERIENEXPERTEN, WIE SIE NUR DAS DEUTSCHE FERNSEHEN HERVORBRINGT by Martin Compart

Auch Serien-Spezialist Jochen König (https://www.krimi-couch.de/magazin/film-kino/) hat sich SERIÖS angetan:

Unglaublich. Es gibt eine Diskussionsreihe über Serien. Die der personifizierte Möchtegernstatus ist. Die kleine Gartenzwerghölle, diesmal nicht im Vorgarten, sondern in einem ach so heimelig eingerichteten Fernsehstudio.

Für alle, die direkt damit konfrontiert werden möchten, warum Deutsches Fernsehen der Horror ist. Man nehme drei mittlere Ausfälle (Kurt Krömer, Ralf Husmann, Annie „wer auch immer diese ‚Allesguckerin‘ ist“ Hoffmann) und einen Totalausfall (Annette „ich bin die ganz tolle Schreiberin von „Weißensee“, die sich supi auskennt mit allem und jedem und auch in Stereo biographieren kann“ Hess) und setze sie nach Vorbild des literarischen Quartetts zusammen (nur viel lockerer, mit nackte Füße auffe Couch und so), und lasse sie über Serien reden. Äh falsch, quatschen, quasseln, abgehen auf billigste Pointenjagd.

Pestlippen, die Lauch sind, aber so lit wie sonst was sein möchten.

Kontexte: Existieren nicht, ernsthafte Auseinandersetzung: Watt willsndu Alda, spinnsde? Perspektivisch und inhaltlich tiefgreifendere Themen zu eröffnen spielt keine Rolle.
Da hält Hess eine Lobrede auf den mäßig komischen und hochnotpeinlich chargierenden Ricky Gervais (ist sonst besser) als „Derek“, und moniert,dass Ekel im Serien-TV kaum eine Rolle spielt. „Derek“ hingegen…
Haben wir die (nicht mal ansatzweise erreichten) Vorlagen für „Derek“ nicht präsent? Monty Python und Little Britain waren weit wagemutiger, besser gespielt und längst da, wo „Derek“ möglicherweise hin möchte.
Die „League Of Gentleman“, „South Park“, die „Simpsons“, „Futurama“, selbst harmlose Serien wie „Inspector Barnaby“ (Leiche im Bierfass, aus dem munter getrunken – und anschließend gekotzt wird) und „Brokenwood“ (ist es Wein oder Natursekt?)widmen dem Thema „Ekel“ ungeteilte Aufmerksamkeit. Nur ein paar Beispiele unter vielen.

Bei „Seriös“ reichen sich Ignoranz, Ahnungslosigkeit, bemühte Witzischkeit und haarsträubende Vergleiche/Pointe die Hände („’Game Of Thrones‘ ist wie die ‚Lindenstraße‘. Viele Charaktere“).
Wer wie ich aus einer pietistisch angehauchten Gegend stammt, in der man nicht in den Keller geht, um zu lachen, sondern um sich zu geißeln, wird die Reihe zu schätzen wissen.

Auf die falscheste Art. Für den Rest ist es eine Übung in Fremdscham (und ein kleiner Blick auf den maroden Zustand des german televison, das nichts proudly zu präsentieren hat).

Ralf Husmann zieht sich noch am besten aus der Affäre. Er kennt sich mit dem Schämen für andere halt aus und erweckt zumindest manchmal den Eindruck, dass ihm die Sendung peinlich ist.

Merke: Wer nix mehr merkt merkt nix. Wenn man mal wissen will, was man garantiert nicht über Serien wissen will, ist man bei „One“ und in der Mediathek richtig:



To the fools in britain by Martin Compart



SIR MICHAELS LEBENSWEISHEITEN by Martin Compart

Wer noch nach Weihnachtsgeschenken (auch für sich selbst) sucht, hier kommt einer meiner Favoriten-Tipps:

„Schauspielern ist der größte Spaß, den man haben kann,
ohne ein Gesetz zu brechen.“


Originaltitel: Blowing the Bloody Doors Off
Alexander Verlag Berlin, 11/2019
Gebunden
ISBN-13: 9783895815034
309 Seiten; 24,00 €

Wieso sind britische Filmstars so gute und unterhaltsame Autobiographen?

Angefangen bei Errol Flynn (den ich mal dem Empire zuschlage, obwohl gebürtiger Tasmanier) über David Niven bis hin zu Terrence Stamp. Alle haben wunderbar bösartige Bücher über das Business vorgelegt, die bestens formuliert sind. Ein Grund ist sicherlich der britische Humor, der immer durchschimmert.

Michael Caine hat sich in die Garde längst eingereiht (u.a. auch mit einem Buch über das Schauspielern). Nun erschien auf Deutsch mit DIE VERDAMMTEN TÜREN SPRENGEN sein jüngstes autobiographisches Werk. Daneben ist das Buch aber auch so eine Art Ratgeber: Caines Lebensweisheiten für Erfolg.

Michael Caine als Filmstar loben ist ebenso müßig, wie die Klassiker aufzählen, die er mitgeprägt hat. Es gibt und gab keinen britischen Schauspieler, der in so vielen großartigen Filmen gespielt hat; es gab aber wohl auch keinen, der so besessen dreht (e).

Als Kind der Arbeiterklasse war er Teil der Angry Young Men der 1950er, zu denen neben Dramatikern (wie John Osborne), Regisseuren oder Schriftstellern (wie Kingsley Amis) auch eine Reihe Schauspieler gehörten, die zu Weltstars wurden: Peter
O´Toole, Richard Harris, Terrence Stamp, Oliver Reed. Caine, der einige Zeit mit Stamp eine Bleibe teilte, bejammerte immer, dass er aus dieser Clique als letzter den Durchbruch schaffte. Mit Sicherheit hat(te) er aber die eindrucksvollste Filmographie.

Seine armselige Kindheit beschreibt er ohne Selbstmitleid, aber voller Selbstironie. „Drei Jahre nach mir kam ein weiterer Sohn, Stanley, und noch einmal drei Jahre nach Stanley kam der Zweite Weltkrieg… Wie alle anderen war ich gezwungen, mich fünf Jahre von Bio-Lebensmitteln zu ernähren: Es gab keine Chemikalien, die man aufs Land oder ins Essen hätte streuen können, denn sie wurden alle für Sprengstoffe gebraucht. Es gab ganz wenig Zucker, keine Süßigkeiten, aber kostenfreien Orangensaft, Lebertran und Vitamine… Die Symptome meiner Rachitis verbesserten sich, ich war geheilt.“
Das wäre heute auch was für die McDonald-Bratzen.

Während der Dreharbeiten zu HARRY BROWN (bei dem der alte Crack einem Nachwuchsregisseur die Chance zu dessen ersten Kino-Film gab) kehrte Caine 2009 wieder in den Stadtteil seiner Jugend zurück und reflektiert berührend, wie Elephant & Castle und England insgesamt heruntergekommen ist, wie menschenfeindlich sich der Kapitalismus seit dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hat, wie chancenlos die Jugend dahinvegetiert. „Wenn wir Jungs Gangs bilden, geht es nicht darum, andere anzugreifen. Für die meisten von uns geht es darum, nicht angegriffen zu werden.“

Caine war und ist kein Kommunist oder Linksaußen. Er ist ein Linksliberaler mit anarchisch-konservativen Tendenzen, der den Brexit befürwortet.
„Ich befürworte den Brexit. Ich bin lieber ein armer Meister als ein reicher Diener eines anderen. Es ging nicht um Rassismus, um die Einwanderer oder sowas, es ging um Freiheit. Wir werden von einem Mann namens Juncker regiert. Nun regiert er mein Land. Er scheint uns nicht zu mögen.”

Sein Klassenbewusstsein hat er nie verloren: „Damals sagte ein Akzent nicht nur, woher man kam, sondern auch wohin man gehen würde, und das war nirgendwohin, wenn man wie ich einen Cockney-Akzent hatte.“Ein konservativer Proletarier.

Natürlich erfüllt das Buch auch die Erwartungen, die man an ein solches Werk hat: Er erzählt bisher unbekannte Anekdoten zu Filmen und Dreharbeiten. Trotz aller Diskretion kann der Cineast häufig herausfinden, wen Sir Michael wohl gemeint hat. Bei Freunden wie Roger Moore oder Sean Connery muss er nicht diskret sein, denn die teilen seinen Humor.

Eines der Highlights sei hier zitiert:

Eines Nachmittags saß ich in diesem Café für Arme mit zwei anderen mittellosen Schauspielerfreunden. Einer von ihnen, John, war besonders niedergeschlagen. Er war gerade von einem sehr anspruchslosen Tourneetheater gefeuert worden, fühlte sich gedemütigt und unglücklich. Er verkündete, er werde alles aufgeben und habe schon ein Stück geschrieben.
„Wie heißt es?“, fragte ich.
„Look Back in Anger“, antwortete er.
„Ich schreibe auch gerade ein Stück“, sagte der andere, ein Schauspieler namens David Baron. „Und du könntest da mitspielen, Michael. Bloß schreib ich es nicht unter meinem Bühnennamen, sondern meinem richtigen.“
„Wie lautet der denn, David?“
„Harold Pinter.“

Das Buch hat leider einen unverzeihlichen Fehler: Es ist zu kurz.

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P.S.: Eine wunderbare Ergänzung zu dem Buch ist die DVD MY GENERATION, in der Caine seinen Weg durch die kulturelle Revolution der 1960er Jahre beschreibt (schon das seltene Dokumentarmaterial macht sie zum Klassiker). Da wird einem wieder klar, wie großartig und wichtig diese Dekade war – und was die Scheiß-Neo-Cons und Finanzfaschisten uns geraubt haben.
Die DVD von 2017 ist fast überall für kleines Geld zu bekommen.

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P.P.S.: Und wen Skandale, Suffgeschichten und Schlägereien von vier großartigen Schauspielern interessieren, der greife zu HELLRAISERS von Robert Sellers.

Preface Publishing, 2009 (es gibt auch weitere Editionen)
3o4 Seiten, ab 6 €

Hier werden die unglaublichsten „Abenteuer“ von Richard Burton, Richard Harris, Peter O´Toole und Oliver Reed erzählt, die man in keiner Star-Biographie findet. Zum Beispiel O´Tooles Freude am Fassadenklettern, aus dem er eine zweifelhafte Karriere machte… Oder dass Burton bei den Dreharbeiten zu VILLAIN (einem der besten Gangsterfilme aller Zeiten) täglich drei Flaschen Wodka verzehrte und trotzdem meistens funktionierte (wenn nicht gerade Liz Taylor mit Harrods-Getränken am Set vorbei kam)… Dass Oliver Reed gerne einen Handstand auf dem Barhocker machte, bevor er zu Wirtshausraufereien überging… Oder wie Ollie sich selbst ritzte, weil er Blutsbrüderschaft mit Leslie Charteris (dem von ihm hoch verehrten Schöpfer des „The Saint“) schließen wollte…

Und für ein stimmungsvolles Weihnachtsprogramm auf dem Bildschirm kann ich auch ein paar Filme von Sir Michael empfehlen:

Original Cinema Quad Poster – Movie Film Posters



STERNSTUNDEN DER VERBLÖDUNG: ARD O(H)NE weiter ganz vorne! by Martin Compart
8. Dezember 2019, 12:54 pm
Filed under: Sternstunden der Verblödung, TV | Schlagwörter: , ,

„Was spannend war, war meinen Mann dabei zu beobachten, wie er das geguckt hat.“ (Wichtige Mitteilung: „Man wird es draußen an den Schirmen nicht glauben, aber ich hab einen.“)

Kennen Sie SERIÖS?
Ein Produkt der Geistesschwachen von der ARD: Vier ausgewiesene Idioten diskutieren Fernsehserien unter dem Niveau von Serienjunkies.de! Ja, das ist möglich – wie jetzt bewiesen!

In der Rezeption bleibt das öffentlich-rechtliche tatsächlich noch hinter der Produktion zurück.

Zu DIE EINKREISUNG nach Caleb Carr in Folge 3, empfohlen und verteidigt von der dümmsten Frau Europas (nicht jeder hat ein Unterbewusstsein):

„Wie ist denn so der Psychopath?“
„Der Psychopath ist super. Ein Superpsychopath.“

WEISSENSEE-Trutsche:
„Ich finde, wir sollten da so ne Therapiegruppe machen. Für Leute, die so in Serien nicht reinkommen.“

Am spannendsten war zuzusehen, wie sich die minimalen Gedankengänge in ihre Gesichter stahlen.

Ein geschätzter und bekannter Kritiker mailte mir (nachdem ich ihn sadistisch darauf aufmerksam gemacht hatte):

„Seriös“ ist echt ein Kracher. Ich habe die erste Folge nicht ganz
ausgehalten. Die reden sich einen Scheiß zusammen, da möchte man nur
dazwischenfahren und sagen, „ihr redet völligen Kokolores“. Und das sind
Leute, die fürs Deutsche Fernsehen arbeiten. Vor allem die
„Weißensee“-Tusse hat einen kompletten Sockenschuss. („Ich betrachte das
als Drehbuchautorin, die sich mit den Hintergründen der Fernsehproduktion
auskennt“. Vor allem vermutlich mit dem Dixie-Klo, dass ihren Dünnpfiff
verarbeiten muss).

Gruselig. Kucke ich weiter. In homöopathischen Dosen…

 

P.S.: Das schreit nach einem spin-off: Vier, die außerhalb der Grenzen von ´45 nicht überleben könnten.



„RATTLE REKRUT REICHEL“ by Martin Compart
6. Dezember 2019, 10:45 am
Filed under: ACHIM REICHEL, JÖRG FAUSER, MUSIK, Porträt | Schlagwörter: , , , ,

Dies ist ein Auszug aus meinem Buch 2000 LIGHTYEARS FROM HOME – EINE ZEITREISE MIT DEN ROLLING STONES, stark überarbeitete Neuausgabe demnächst bei ZERBERUS).

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Aus dem Kapitel über die 1960er.

Von nun an ging es Schlag auf Schlag!

Jede Woche war was Neues zu entdecken: Kinks, Troggs, Hollies, Manfred Mann, Procol Harum, Animals… Finanziell nicht zu bewältigen. Also sprach man sich ab: Du kaufst die, ich kauf die. Dann tauschen, wenn man die Single hundert Mal in der Woche gehört hatte.
Meine Popularität im Elternhaus erreichte einen Tiefstand. Aber sie kriegten es nicht hin, diese sittlich-ethisch desorientierenden Musik-Kapellen unter Strafe zu stellen. Für uns war die Rock-Musik ein goldener Fluss, und wir standen mit Eimern am Ufer. So erklommen wir die Gipfel der Ruchlosigkeit und Schande.

Noch heute muss man für die frühe Geburt dankbar sein, dass man nicht von kastrierten Prä-Rentnern wie Wincent Vice, Pietro Lombardi oder Glasperlenspiel sozialisiert wurde. Gegen die hätte sogar Willy Hagara gepunktet.

Eine neue jugendgefährdende Tradition entwickelte sich: der Party-Keller!
Manche hatten das Glück, in ihren Häusern Keller zu haben, die nicht als Kohlelager dienten, die recht adrett herzurichten waren. Etwa mit alten Sofas und selbst gezimmerter Bar. Prototypen dieser Hedonismusstellplätze waren bereits in den 50ern von der 5.Kolonne Moskaus eingeschmuggelt worden.

Am wichtigsten war natürlich der Plattenspieler.

Dicht gefolgt von Bildern der Stars, rausgerissen aus der „Bravo“ und an die Wände geklatscht. Ganz weit vorne war man mit einem „Bravo-Starschnitt“, der etwa Robert Fuller (AM FUSS DER BLAUEN BERGE) oder James Dean in Lebensgröße wiedergab. Da konnte schon mal ein Knie fehlen („Da waren wir in Italien und da kriegst du keine Bravo.“).
Ein gutbestückter Party-Keller verfügte natürlich nicht nur über die neuesten Platten, er hatte auch die verbotene Frucht für 10- bis 12jährige im Ausschank: Cola! Wer Cola trank war mindestens schon halbstark. Schmeckte gar nicht so doll, brachte aber Reputation.
An diesem Ort hatte pubertäre Verzweiflung Pause. Mit einem leeren Glas dazusitzen, grenzte an Hausfriedensbruch.

Nein, am wichtigsten für den Party-Keller waren Eltern, die nicht zu Hause waren.

Denn ALTE waren der Horror! Sie lebten ein Leben nach Regeln, die sich andere für sie ausgedacht hatten, die sie nicht einmal kannten.

Und dann kamen die Rattles!
Welches Ambiente war für sie geeigneter als ein Party-Keller? „Come On and Sing“, „Las Las Las Vegas“… Was für ein Krach! Lärm für Frühpubertierende, die mit hochrotem Pickelgesicht unbekannte Wesen fragten, „ob sie mit einem gehen wollen“.

Als man mich aufklärte, dass die Rattles aus Hamburg kamen, wollte ich es nicht glauben. Was für eine Enttäuschung! Als Beat-Band deutsch zu sein, fühlte sich nicht richtig an. Nein, das war schon direkt FALSCH.
Deutsch zu sein war sowieso scheiße. Ami – ja (schließlich plante man eine Karriere als Jess Harper bei den Cowboys), Engländer war auch okay.
Aber Deutscher?
An den Alten konnte man doch sehen, wie hinterletzt es war Deutscher zu sein. Spießer oder Altnazi. Viel mehr war da nicht drin. Und deutsche Musik… I mean really – da war man schon lange drüber weg.
In der Jugend darf man solange hochmütig sein, wie es dem Kenntnisstand nicht widerspricht.

Aber dann fand ich die Rattles doch verdammt gut. Besonders Achim Reichel war ein echter Kerl. Denn bei den Auftritten in heißen Studios hatte er eine Fellweste an, die man ihm aboperierte, als er zur Bundeswehr musste. Zum Start als Panzergrenadier brachte er unterm Stahlhelm 1967 das Video zu „Trag es wie ein Mann“ – noch immer ein Brüller.

Die „ernsthafte“ Journaille war damals stilistisch immer ganz weit vorne, wenn sie über Beat schrieb.

„Die Zeit“ aus Hamburg hatte tatsächlich mitgekriegt, dass es in Hamburg den Star Club und eine Beat-Szene gab. Und dass die Obermacker der Szene Hamburger Jungs waren, die sich „The Rattles“ nannten und nicht – wie man leicht hätte annehmen können – etwas waren, was sich quer durch die Erde aus der Mongolei dorthin durchgebuddelt hatte.

Deswegen war der „Zeit“ Achims Bundeswehreinsatz auch am 29. Juli 1966 einen Wahnsinnsartikel wert, unter der Überschrift RATTLE-REKRUT REICHEL. Ein paar Auszüge:

„Panzergrenadier Achim Reichel, 22 Jahre alt, Ehemann und Vater von zwei Kindern, ist im Privatleben ein Rattle. Ein Rattle ist die deutsche Ausgabe der berühmten englischen, von der Königin dekorierten Beatles. Was John Lennon für die Beatles ist, ist Achim Reichel für die Rattles. Er ist ihr Bandleader, fabriziert für sie Texte, setzt Töne und schlägt die Gitarre. Der Hamburger Star Club ist ihr Domizil. Von hier aus gehen sie auf ertragreiche Tourneen… Doch da flatterte dem Ober-Rattle unerwartet der Einberufungsbefehl ins Haus: Das Kreiswehrersatzamt bat den Beatkomponisten zu einem 18monatigen Gastspiel auf den Kasernenhof. Die Bundeswehr zeigte jedoch Verständnis. Für ein halbes Jahr stellte sie den Rattle zurück, zwecks seiner und seiner Band Geschäfte abzuwickeln. Achim Reichel aber dachte an die Millionen seiner britischen Kollegen und klagte, als nach einem halben Jahr der endgültige Befehl kam, vor dem Verwaltungsgericht. Er trug den Richtern vor: Die Musik, die er mache, sei mehr oder weniger Modesache. In den 18 Monaten seines Wehrdienstes könne sie passé sein. Seine Karriere, die sich so hoffnungsvoll anließ, könne er dann nie wieder nachholen. Der Anschluß sei dann verpaßt.
Die hanseatischen Verwaltungsrichter waren anderer Meinung: `Es liegen bisher keine Anzeichen dafür vor, daß die Beatmusik in naher Zukunft aus der Mode geraten wird´…“

Diese Weitsicht bestätigt mein Vertrauen in die deutsche Justiz.

Eine ältere Kusine, die längst vertraut war mit der Welt des Rock´n´Roll sagte: „Wenn Achim vom Bund zurück ist, ist er genauso erledigt wie Elvis.“

Im Gegensatz zu Elvis ist er stärker zurückgekommen (auch weil er weniger Filme gedreht hat).

Mit Wonderland ließ er es nach dem Bund sofort krachen. An „Moscow“ kam ´68 keiner vorbei.
„Die grüne Reise“ kam für mich zu früh. Diese Begleitmusik für psychedelische Freizeitpharmazeutika entdeckte ich erst nach meiner bescheuerten (aber kurzen) Amon Düül-Phase. Achim schloss nie eine Vollkaskoversicherung für kommerziellen Erfolg ab.

Während Udo Lindenberg zu nerven begann und sich deutsche Liedermacher auf verstaubten Ritterburgen was vorsangen, schuf Reichel die elektronische Musik, die erstmal kaum einer wirklich verstand. Spätestens da war jedem klar, dass er sich nicht einordnen ließ oder wollte. Sturköpfig zog er nur das durch, was er wollte. Seitdem weiß man nicht, womit er beim nächsten Album um die Ecke kommt.

Warum halten ihm die Fans bei allen unerwarteten Volten die Treue?
Das sieht man bei Live-Konzerten, die er immer reichlich gibt:
Auch wenn er auf ´ner Bühne sitzt, hat jeder im Raum das Gefühl, er spielt nicht für uns, sondern mit uns. Dadurch entsteht ein merkwürdig intensives Gemeinschaftsgefühl. Und Achim Reichel wird als „einer von uns“ wahrgenommen. Ähnliches konnte man in den späten 60ern erleben, als die Bands ein Teil des Movement waren und nicht als Wirtschaftsunternehmen gesehen wurden.
Reichel hat diese tief empfundene demokratisch-sozialistische Utopie der 60er nie aufgegeben. Wie sehr ihn die politisch-ökonomischen Fehlentwicklungen bewegen, hört man in seinen wütenden Texten, etwa in „Exxon Valdez“ oder „Neandertaler in Nadelstreifen“.
Aber was nützt der beste Text, wenn die Musik keine Substanz hat?

Mitte der 1970er überraschte er mich mit „Dat Shanty Alb´m“. Das war unter den hanseatischen Emigranten in München stark angesagt.
Und in den 1980ern lernte ich ihn persönlich kennen, dank Jörg Fauser, mit dem Achim damals intensiv zusammenarbeitete. Aber das ist eine andere Geschichte… Siehe https://martincompart.wordpress.com/2019/01/25/herzlichen-glueckwunsch-achim-reichel/

Achim war immer so hanseatisch deutsch, wie Ray Davies britisch oder Bob Dylan nordamerikanisch war, beziehungsweise ist. So wie Davies Music Hall-Einflüsse verarbeitete und aktualisierte, gräbt Achim immer wieder tief im deutschen Kulturgut, um Shantys oder Volkslieder zu entstauben und aktuell zu revitalisieren. In „Kuddel daddel du“ kann man den Schlager der Weimarer Republik raushören.

Wer sich so intensiv mit Volkskultur (im progressiven Sinne) beschäftigt, schafft dann selber welche.

Anders als der Egomane Davies nutzt Achim auch die Werke deutscher Klassiker oder neuer Dichter (am prominentesten wohl Fauser), um sie originell zu vertonen. Er riss zu vergessen drohendes oder zu Schulstoff verkommenes („Erlkönig“, „Zauberlehrling“ etc) zurück in die Popularität.
Das hat so manchem gelangweilten Schüler klar gemacht, wieviel Spaß man an dem alten Mist haben kann.

Mit Davies scheint er auch die Liebe zu seiner Heimatstadt zu teilen. Ohne London ist Ray kaum vorstellbar, er schrieb einige der schönsten Songs über die Stadt („Sunny Afternoon“, „Waterloo Sunset“ u.a.). Bei Reichel schwingt der Hanseat immer mit – im Tonfall und auch in der coolen Ereignisbeschreibung („Dolles Ding“), die man erst braucht, wenn sie da ist.

Am verblüffendsten ist für mich sein laid-back-Sound!
Diese uramerikanische Gitarrenmusik, die man mit Leuten wie Tony Joe White oder J.J.Cale verbindet, geht Reichel in Kombination mit deutschen Themen und Texten so leicht aus der Klampfe, als hätte er sein Leben lang in Oklahoma auf der Veranda Maispfeife geraucht.

Diese Unangestrengtheit kommt auch seinen Hits zu Gute: „Der Spieler“, „Aloha Heja He“, „Fliegende Pferde“, „Exxon Valdez“, „Amazonen“, „Boxer Kutte“, „Kuddel Daddel Du“ – wenn er will, kann er eben mal so Hits raushaun (auch wenn der Markt das manchmal nicht mitkriegt oder Radio-Idioten sie sabotieren, wie bei „Amazonen“ von 1993, von Radiosendern nicht gespielt, weil er das Wort „Männerarsch“ enthielt und als „frauenfeindlich-diskriminierend“ interpretiert wurde).

Ganz nebenbei schrieb er auch noch den definitiven Song, der die „Neue Deutsche Welle“ voll auf den Punkt bringt: „Robert der Roboter“.

Das Lied über maritime Geschlechtskrankheiten „Aloah Heja He“ ist einer der ganz wenigen Schichten übergreifenden Monsterhits: Er funktioniert grölend im Bierzelt und auf Schützenfesten genauso wie unter kichernden, kiffenden Intellektuellen. Vielleicht sowas wie sein „Satisfaction“. Im Mörserfeuer dieses Songs verbrennt er jeden Saal, der dann in bester Laune nach Hause geht, ohne von Gonokokken beunruhigt zu sein. „Die Single klemmte zuerst und die Plattenfirma war schon drauf und dran, den Mut zu verlieren. Und dann kam von denen der wunderschöne Spruch, den ich nie vergessen werde: ‚Achim, wir glauben, der Song ist zu sehr ‚Out of normality‘.“

Das Reichels Platten international lässig mithalten, liegt auch an der Qualität ihrer Produktion. Immer auf der Höhe technischer Möglichkeiten, aber nie überproduziert und mit exzellenten Arrangements (da macht ihm niemand was vor). Und er hat ein Händchen für Musiker! Die Bands, mit denen er tourt, sind immer erstklassig und laufen auf allen 12 Zylindern.

Und während die meisten zeitgenössischen Pop-Musikanten – Bands wie Silbermond und andere mit durchnummerierten Christa Stürmer-Zombie-Sängerinnen – in ihren Hirnen Geisterstädte unterhalten, ist Reichel neugierig und rege wie immer.

Achim gehört zu den wenigen Großen aus den Sixties, die nicht nur nostalgisch Säle füllen, sondern weiterhin relevant sind, weil sie keinen Trends hinterher laufen. Viele Sixties-Ikonen sind inzwischen so leer wie Abbruchhäuser.

Nun ist Achim Reichel selbst Kulturgut. Zum Glück weiß er das nicht und macht einfach weiter, um mit den Stones, Ray Davies und einigen anderen dahin vorzustoßen, wo noch keiner war. Denn er ist immer noch topfit mit seinem wartungsfreien Gute-Gene-Körper.

Einer der schönsten Songs mit Fauser:

Bei dem Arrangement kann ich ausflippen. Einer meiner absoluten Lieblingssongs aller Zeiten!

Einer der schönsten Songs über eine Seite von Fauser – und damals kannten sie sich noch nicht.

Und hier erzählt Herr Reichel was: