Martin Compart


MAX ALLAN COLLINS – CRIME-DA VINCI AUS IOWA by Martin Compart

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Kürzlich ist auf Cinemax die Crime-Serie nach Max Allan Collins Killer-Serie QUARRY angelaufen.

QUARRY war die erste Serie über einen Berufskiller und seit langem kult.

Jemand wie Max Allan Collins ist im Genre völlig einmalig-er schreibt nicht nur grandiose Romane, er hatte auch eine Single in der Hit-Parade, drehte, schrieb und produzierte Filme (in einem spielt Spillane eine Hauptrolle), schrieb Comics (sein ROAD TO PERDITION wurde 2002 zu einem erfolgreichen Kinofilm mit Tom Hanks) und Movie-und TV-Tie-Ins, er arbeitete auch theoretisch und drehte u.a. das definitive Mickey Spillane-Portrait.5387105341 Kein anderer mir bekannter Autor ist so produktiv in unterschiedlichen Medien unterwegs! Und dabei hält er ein ungeheures Niveau.  Max ist sein eigenes Multiversum und sein Platz in den verschiedensten Kapiteln der Genres und Medien längst sicher.

Und Max kann sehr witzig und scharfsinnig zugleich sein:

„Some of you know that I’m a Democrat or a liberal or a progressive or something. I think of myself as slightly left of center, but my father thought of himself as slightly right of center, when he was slightly right of Genghis Khan. So who knows? I do know that I veer left when the right is getting out of hand, which they frequently do. I despise Fox News, because it isn’t news, it’s opinion labeled news, and you can always tell when you’re “talking” (i.e, arguing) politics with somebody whose news and info comes from Fox, because it’s always the same bite-size talking Points.“

Im deutschsprachigen Raum wird er zur Zeit nicht veröffentlicht. Das sagt mal wieder so einiges über die Branche aus.

Spillane war und ist er besonders verbunden: Seit 2007 beendet und bearbeitet er die Fragmente von Spillane zu neuen Büchern.

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Max gehört zu den Giganten der zeitgenössischen Kriminalliteratur und mein Nachwort zu BLUT UND DONNER (Dumont Noir 17; 1999) hier als kleine Würdigung gedacht:

DAS MULTITALENT AUS DEM MITTELWESTEN

Wie die Zeit vergeht… Es kommt mir wie gestern vor, als Max Allan Collins Anfang der 80er Jahre als  der Geheimtip und  Newcomer genannt wurde. Ein Multitalent, das gleichermaßen erfolgreich und anspruchsvoll in unterschiedlichen Medien arbeitete: max-2012-3001Er schrieb Comics (u.a. führte er den langlebigsten Crime-Strip DICK TRACY fort), machte mit seiner Garagenband die fetzigsten Songs in Iowa und schrieb Noir-Romane. Später kamen Film-Novilizations (Collins Bücher zu den jeweiligen Filmen sind mehr als hingeklatschte Drehbucherweiterungen) und Filmarbeit als Produzent, Autor und Regisseur dazu. Ganz nebenbei gibt er Anthologien heraus und schreibt auch noch Texte zu populärkulturellen Themen (sein umfangreicher und großformatiger Prachtband über den Pin-Up-Künstler Gil Elvgren ist nicht nur eine Augenweide, sondern auch eine brillante Analyse). Collins ist eine der kreativsten und produktivsten Autoren der zeitgenössischen Pop- und Noir-Kultur.

Collins wurde am 3.März 1948 in Muscatine (die Welthauptstadt der Perlmuttknöpfe!), Iowa geboren. Diese faszinierende Stadt mitten in den großen Getreidefeldern, direkt am Mississippi gelegen, hat etwas – sonst würde Max wohl nicht immer noch dort leben. Er war ein Einzelkind und entdeckte früh Comics und andere fiktionale Welten, die ihn schnell zu kreativen Aktivitäten anregten.

Seine Eltern Max Allan und Patricia Ann unterstützten die künstlerischen Neigungen von Collins jr. „In den Ferien mußte ich keinen Job annehmen. Sie ermutigten mich stattdessen, mein erstes Buch zu schreiben.“ Nach der Schule ging er 1968 auf die Universität in Iowa City, die er 1972 mit einem Bachelor of Arts und einem Master of Arts abschloß. Von 1968 bis 1970 war er Reporter für das Muscatine Journal.Im selben Jahr, als er auf die Universität ging, heiratete er seine Kindergartenliebe Barbara Jane, geborene Mull, mit der er zusammen den Sohn Nate hat.max_barbara-tn1

Von 1971 bis 1977 unterrichtete Collins Englisch am Muscatine Community College. Seitdem ist er freier Schriftsteller.

Max ist ein echtes Kind der 50er- und 60er Subkultur und nach wie vor ein Fan. Sein Interesse an Comics, TV, Film, Good Girl Art und Crime Fiction schlägt sich in einer Reihe von sekundärliterarischen Artikeln und Büchern nieder. Aber auch in seinen Romanen greift er populärkulturelle Themen immer wieder auf: Jon, der Sidekick von Nolan, ist ein Rockmusiker und Comic-Sammler, der sich in jedem Roman mit einem anderen Aspekt oder Genre des Mediums beschäftigt.

maxallancollins1Noch stärker finden sich Bezüge in seinen Mallory-Romanen: In A SHROUD FOR AQUARIUS setzt er sich mit der Gegenkultur der 60er Jahre auseinander und beschreibt melancholisch den Werteverlust der Hippie-Generation.

Mit Joe Lansdales SAVAGE SEASON, Campell Armstrongs CONCERT OF GHOSTS (KONZERT DER SCHATTEN; Bastei 13553, 1994), David Debins NICE GUYS FINISH DEAD (NETTE TYPEN STERBEN SCHNELLER; Goldmann 5816, 1995), Michael Dibdins DARK SPECTRE (INSEL DER UNSTERBLICHKEIT; Goldmann 1996) und George R. Martins ARMAGEDDON RAG (ARMAGEDDON ROCK; Fantasy Prod.1986; Heyne TB) eine der gelungensten Meditationen über diese Zeit – aus gegenkultureller Perspektive.

Die Krimi-Szene mit ihren Fans, Autoren und Cons machte er zum Mittelpunkt des Romans KILL YOUR DARLINGS, und in NICE WEEKEND FOR A MURDER beschäftigt er sich mit Rollenspielen.

MUSIK

Mitte der 60er Jahre grassierte ein Fieber quer durch die Vereinigten Staaten. Das Fieber hieß Garagenbands. Angeregt durch die Musik der britischen Invasoren – wobei für US-Garagenbands Rolling Stones, Animals oder Kinks immer wichtiger waren als die Beatles – gründeten Jugendliche in jeder kleineren und größeren Stadt Beatbands.collins1

Einige dieser Pre-Punk-Bands sind heute Klassiker; etwa die Electric Prunes, We the People, Seeds, 13th Floor Elevators, Brogues, Standells, Bad Seeds usw. Dabei bildeten sich oft erstaunliche regionale Unterschiede heraus. Aber eine Band aus Texas hatte neben den britischen R&B-Invasoren eben noch andere Einflüsse als eine Band aus Florida oder Iowa. Die meist nur regional, bestenfalls im ganzen Staat, veröffentlichten Singles (wenige dieser Bands durften/konnten ein oder gar mehrere Alben machen) sind heute gesuchte Raritäten und ernähren eine ganze Industrie von auf Rereleases spezialisierten CD-Firmen.

Die Plattenindustrie nahm schockiert dieses anarchische Ausleben des Rock’n Roll wahr und betrieb schleunigst die Zerstörung oder den Aufkauf kleiner Labels, mit dem bekannten Erfolg, die Pop-Musik endgültig zu standardisieren und von den großen Companys abhängig zu machen.

Auch Max verfiel 1966 dem Garagenphänomen und gründete seine erste Band, die Daybreakers, für die er auch Songs schrieb, oft lead vocals sang und die Keyboards spielte. Der Singleknaller PSYCHEDELIC SIREN von 1967, damals erschienen auf einem Label von Atlantic Records, genießt unter Garagen-Fans Kultstatus (zu finden auf der Vinyl-LP HISTORY OF EASTERN IOWA ROCK Vol.1). Nach dem Ende der Daybreakers gründete der bekennende Bobby Darin-Fan Cruisin, mit denen er bis 1979 harten Garagenrock und wunderbare Balladen einspielte. Seitdem gab es zu den unterschiedlichsten Gelegenheiten Reunion-Konzerte und 1986 ein echtes Reunion, das 1991 zu dem grandiosen Album BULLETS! führte.

COMICS

Von Kindheit an war Collins auch ein großer Comic-Fan. seductioncover11954, als Sechsjähriger, fing er sich diesen Virus ein, der ihn bis heute gefangen hält. „Mein Interesse an Comic Strips und fiktionalen Detektiven wurde am selben Tag geweckt. Meine Mutter (sie wußte es nicht besser) legte damals in meine kleinen, heißen Hände ein Heft voller Blut, Gewalt, Verbrechen und Detektion: ein DICK TRACY-Comic Book mit Nachdrucken der Strips.“ Collins versuchte sich selbst als kindlicher Zeichner. Seine Mutter schickte ein paar seiner Dick Tracy-Zeichnungen an Chester Gould und bat den Künstler, ihrem Sohn ein paar Zeilen zum Geburtstag zu schreiben. Gould sandte ihm den Gruß zum achten Geburtstag, und Max fiel aus allen Wolken.

„Dieser Brief änderte mein Leben. Er gab mir Selbstvertrauen. Heute hängt er gerahmt an einer Wand meines Büros. Chester schrieb mir, daß ich Dick besser zeichne als jeder andere Junge meines Alters.“

Deshalb griff er natürlich zu, als er 1977 die Chance erhielt, den großen Strip-Klassiker DICK TRACY als Texter zu übernehmen. Er schrieb den Zeitungsstrip bis 1993 und verstand es, ihm neues Leben einzuhauchen, indem er an Goulds klassische Perioden anschloss.

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Max säuberte die Serie von dem fantastischen Schrott, der sich in den 6oer Jahren eingeschlichen hatte (Abenteuer auf dem Mond, zuviele unwahrscheinliche Gadgets usw.), indem er alte Figuren neu belebte, den Schwerpunkt auf Krimi- und gelegentlich Soap-Elemente legte, und neben neuen, originellen Gegenspielern neuartige Verbrechen (Computerkriminalität, Stalker usw.) einführte.

„Das Schwierigste war, sich die Verbrechen auszudenken. DICK TRACY gibt es seit 1931, und der Strip läuft Tag für Tag. Kaum ein Verbrechen, daß in dieser Zeit nicht abgehandelt wurde. Zum Glück – oder leider – fallen dem menschlichen Gehirn aber immer neue Abscheulichkeiten ein.“

ms_tree_211Zusammen mit dem Muscatiner Zeichner Terry Beatty (der auch das CD-Cover von BULLETS! gestaltete) entwickelte Collins eine Comic Book-Serie über einen weiblichen Privatdetektiv:

MS.TREE läuft noch heute, und ist somit die langlebigste Crime Comic Book-Serie der amerikanischen Comic-Geschichte.

„Die Ausgangsidee war, was wäre passiert, wenn Velda Mike Hammer geheiratet hätte, und Mike am Hochzeitstag umgelegt worden wäre. Hätte Velda nicht die Geschäfte übernommen und Mikes Mörder gejagt?“

Auch als BATMAN-Texter trat Collins hervor (beginnend mit den Heften BATMAN No.402 und No.403).

FRÜHE SERIEN

Natürlich zählt auch Collins die großen Noir-Autoren von Hammett, Chandler über Cain, Thompson und Goodis zu seinen Einflüssen. Aber den stärksten Eindruck machten Donald Westlake (als Richard Stark) und Mickey Spillane auf ihn:

„Westlake ist der beste zeitgenössische Kriminalliterat. Ich liebe Spillane! Niemand jagt den Leser durch die Seiten wie Mickey. Ich meine die frühen Sachen, die ersten sechs oder sieben Romane, die er als junger Mann geschrieben hat. Es gibt in der gesamten Literatur nichts Vergleichbares.“ 1999 drehte Max ein Feature über seinen Freund Spillane.nolan-hush-money-by-max-allan-collins1

Während der High School schrieb der sechzehnjährige Max sechs Romane, die kein Verleger haben wollte. Aber er gab nicht auf, schrieb weiter.

Kurz vor seinem Abschluß verkaufte er einen Roman, den ersten Nolan-caper: BAIT MONEY (im Manuskript noch FIRST AND LAST TIME getitelt), der, wie Max nicht müde wird zu betonen, „viel, fast alles, Donald Westlakes Parker-Romanen verdankt“.

In der ersten Fassung des Romans stirbt Nolan, der Dieb, der von der Mafia und der Polizei gehetzt wird, am Ende. Collins hatte endlich einen Agenten gefunden: den legendären Knox Burger, der in den 50er- und frühen 60er Jahren bei Dell und Fawcetts Gold Medal Books für die Paperback Originals verantwortlich war. Dort veröffentlichte er u.a. das Werk von David Goodis, Jim Thompson, John D.MacDonald, Kurt Vonnegut und Theodore Sturgeon.ahr0cdovl2jvb2tsb29rzxiuzguvaw1hz2vzl2nvdmvyl2xvy2fsl3n0yw5kyxjklzawl0wxl1lplmpwzw1

„Nach jeder Ablehnung sagte mir Knox, ich solle das Ende ändern und Nolan am Leben lassen. Langsam zeigte das Wirkung. Aber ursprünglich hatte ich die letzte aller tough guy-Stories schreiben wollen. Tough guys last stand. Dann hatte angeblich der Lektor bei Pyramid Books Kaffee über das Manuskript geschüttet. Knox meinte, da ich ein neues Manuskript tippen müsse, könne ich jetzt auch das Ende neu schreiben.“ Collins tat es, und ließ Nolan überleben, um ihn zu einem Seriencharakter auszubauen.

Neun Jahre hatte er versucht, seine Arbeiten zu verkaufen, bevor er 1971 seinen ersten Deal gelandet hatte. Von BAIT MONEY wurden seitdem weltweit über 250 000 Exemplare verkauft. Die weiteren Nolan-Romane waren ein ganz ordentlicher Erfolg, aber bald gab es ein Problem, von dem sich die Serie nicht mehr erholen sollte:

1981 übernahm der Verlag Harlequin Books von Pinnacle, bei dem Nolan jetzt erschien das Imprint Gold Eagle, in dem Don Pendletons Executioner-Serie über den Mafia-Killer Mack Bolan (diese Serie hatte in den 70er Jahren die Vigilantenwelle in den Paperback Original-Serien ausgelöst) erschien. Harlequin drohte Pinnacle einen Prozeß an. Sie behaupteten, Nolan sei eine juristisch nicht zulässige Kopie von Pendletons Executioner, und das die Namensähnlichkeit von Bolan und Nolan nicht zufällig sei. Größeren Schwachsinn kann man sich kaum vorstellen. Bolan war ein Söldner, jung, gutaussehend, ein Frauenheld und eiskalter Killer im Dienste seiner eigenen Gerechtigkeit. Nolan ein fünfzigjähriger Dieb, der einen Comic Fan als sidekick hatte. Wenn irgendjemand gegen die Nolan-Serie hätte klagen können, wäre es Donald Westlake gewesen, der aber dieses rip-off seiner Parker-Serie mochte und dem Autor Erfolg wünschte. Collins hatte ihn nach dem ersten Band sogar gefragt, ob er Nolan als Serie fortsetzen könne, oder Westlake sich plagiiert fühle. Westlake hatte ihm damals geantwortet, daß Nolan anders als Parker sei, und die Beziehung „zwischen Nolan und Jon menschlicher ist als alles, was ich je in den Richard Stark-Büchern geschrieben habe“. quarrymiddle1

Aber das interessierte die Idioten bei Harlequin nicht, die keine Gelegenheit scheuten, ihre ins Schlingern gekommene Mafiakiller-Serie vor gefährlicher Konkurrenz zu schützen.

Dabei wandten sich beide Serien an verschiedene Lesergruppen: Pendleton mit seinen primitiven Pulps, die von einer Legion von Autoren geghostet wurden, war eher Fernfahrerlektüre und für Leute, die beim Lesen die Lippen bewegen. Collins war schon damals ein sorgfältiger Autor, der jedem Buch eine individuelle Note verlieh. Jedenfalls knickte Pinnacle ein, obwohl es nicht zu einer rechtlichen Auseinandersetzung kam, die Pinnacle und Collins leicht gewonnen hätten. Der Verlag nahm Nolans Namen bei den Bänden fünf und sechs vom Cover, was zu dramatischen Einbrüchen bei den Verkaufszahlen führte. Es kam zwar nicht zum Prozeß, aber die Serie war erledigt und wurde eingestellt. Erst 1987 veröffentlichte Max einen weiteren Nolan. Seine zweite Noir-Serie hatte den Vietnamveteranen und Kontraktkiller Quarry als Protagonisten. Über die beiden frühen Serien sagte Max: „Ihre Amoralität spiegelt die Zeit wieder, in der sie geschrieben wurden.“

9783404131044-de-3001NATE HELLER

1975 trat Rick Marshall, der Comic-Redakteur des Field Enterprise Syndicate, an Collins heran. Collins war ihm als Autor und Comic-Kenner aufgefallen und sollte nun einen neuen Strip für Field entwickeln. Ein neuer Crime-Strip, der in den 30er Jahren spielen sollte, um so den Anschluß an die klassischen Abenteuerstrips dieser Epoche (Terry & Pirates, Prinz Eisenherz, Dick Tracy, Tarzan, Secret Agent X-9 usw.) zu suggerieren.

Collins erfand den Detektiv Nate Heller und siedelte ihn im Chicago der 30er Jahre an; Titel der Serie sollte HEAVEN AN HELLER sein. Aber bevor das Projekt realisiert werden konnte, verließ Marshall das Syndikat. Obwohl er mehrfach versuchte, den Strip unterzubringen, fand er kein Vertriebssyndikat. Ähnliches war Spillane passiert: MIKE HAMMER war ursprünglich auch als Comic geplant gewesen.

Es war die Zeit des großen Sterbens der Adventure-Strips. Selbst Klassiker wie TARZAN oder STEVE CANYON verloren immer mehr Zeitungen, in denen sie veröffentlicht wurden, und TERRY AND THE PIRATES und andere wundervolle Serien aus dem Golden Age wurden völlig eingestellt. Fast nur noch Funnys, also komische Strips mit abgeschlossenen Gags, bevölkerten die Comic Strip-Seiten der Tageszeitungen. Max kehrte zurück zum Romanschreiben (zwei Jahre später sollte er dann als Texter DICK TRACY übernehmen und diesen Dinosaurier revitalisieren).

„Ich habe Privatdetektiv-Romane immer geliebt. Aber alle Versuche, solche Geschichten zu schreiben, scheiterten. Für mich war der Privatdetektiv ein Anachronismus, aktuell nur erträglich in einer so wundervollen TV-Serie wie DETEKTIV ROCKFORD. Dann kam ich drauf: Der Privatdetektiv war vielleicht Geschichte, aber er existierte auch in der Geschichte. Hammett hatte den Archetypen Sam Spade 1929 erfunden, als Zeitgenosse von Al Capone. Der Privatdetektiv als literarische Figur ist offenbar alt genug, diese historische Variante zu rechtfertigen. Das war mein Ausgangspunkt. Außerdem wollte ich ein genaues Zeitbild beschreiben, nicht einfach eine weitere nostalgische Privatdetektivserie absondern. Um all das unterzubringen, braucht man schon etwas mehr Platz. Deshalb sind meine Nate Heller-Romane auch doppelt- oder dreifach so lang wie meine sonstigen Romane.“

TRUE DETECTIVE hielt lange Zeit den Rekord als längster Privatdetektivroman, der je in der ersten Person geschrieben worden war. Collins stellte diesen Rekord selbst ein mit STOLEN AWAY über die Entführung des Lindbergh-Babys.

Der Noir-Roman entdeckte die historische Perspektive relativ spät über den Umweg des Polit-Thrillers, der historische Ereignisse oder Persönlichkeiten in den Mittelpunkt stellt (etwa Frederick Forsyths DAY OF THE JAKAL oder Ken Folletts EYE OF THE NEEDLE).

Drehbuchautor Andrew Bergman schrieb 1974 mit THE BIG KISS-OFF 1944 den ersten von zwei Romanen, die im Hollywood der 4oer Jahre spielen. Stuart M.Kaminsky begann ein Jahr später mit seiner Serie um den Hollywood-Privatdetektiv Toby Peters, der es in jedem Fall mit einem anderen Hollywood-Star aus den 40ern zu tun hat. 1975 veröffentlichte Joe Gores seine Hommage an den Urvater: HAMMETT. Ed Mazzaro schrieb in dieser Zeit ebenfalls einige Romane, die in den 30er Jahren spielten.

Der erste Heller-Roman, TRUE DETECTIVE, wurde 1984 mit dem Shamus-Award der Private Eye Writers of America ausgezeichnet.

Die Heller-Romane sind mehr als unterhaltsame period pieces à la Andrew Bergman oder Stuart Kaminsky; sie sind Rekonstruktionen einer Epoche. Die auftretenden historischen Personen sind keine Staffage, sondern integraler Bestandteil der Plots. „Bergman und Kaminsky schrieben im Grunde Romane, die ich als Epochenschilderungen bezeichnen würde; sie bedienen sich zwar geschickt realer Personen und Schauplätze, doch sie gehen nicht von realen Ereignissen jener Zeit aus.“

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DEUTSCHE AUSWAHL-BIBLIOGRAPHIE (stand 1998; da Max so produktiv ist, dass man als Bibliograph kaum hinterher kommt, empfehle ich die immer aktualisierte Homepage: http://www.maxallancollins.com/books/).

Nicht aufgeführt sind Comics und nur wenige Tie-ins, die bei uns veröffentlicht wurden (z.Bsp.: Der Soldat Ryan, CSI usw.).

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Nate Heller-Serie:

True Detective (Chicago 1933; Bastei 13015, 1985); St.Martin’s Press, 1983.

collins-heller01-chicago-1933-cover-klein1True Crime (Gangsterbräute 1934; Bastei 13036, 1986); St.Martin’s Press, 1985.

The Million-Dollar Wound (Gangsterkrie 1942; Bastei 13104, 1987); St.Martin’s Press, 1986.

Neon Mirage (Las Vegas 1946; Bastei 13261, 1990); St.Martin’s Press, 1988.

Stolen Away (Kidnapping; Bastei 13460, 1993); Bantam, 1991

Blood and Thunder (Blut und Donner; DuMont Noir 17, 1999); Dutton, 1995.

 

Nolan-Serie:

Bait Money (Köder für Nolan; Bastei 19087, 1990); Curtis, 1973.

Blood Money (Bußgeld für Nolan; Bastei 19093, ?); Curtis

Quarry-Serie:

The Broker (auch: Quarry. Quarry u.d.Makler d.Todes; Bastei 19061, 1988); Berkley, 1976.

The Broker’s Wife (auch: Quarry’s List. Quarry u.d.Liste d.Todes; Bastei 19064, 1988); Berkley, 1976.

The Dealer (auch: Quarry’s Deal. Quarry u.d. Killer; Bastei 19066. 1988); Berkley, 1976.

The Slasher (auch: Quarry’s Cut. Quarry gibt nicht auf; Bastei 19079, 1990); Berkley, 1977.

Primary Target (Quarry u.d.Millionenkontrakt; Bastei 19071, 1989); Countryman, 1987.

Mallory-Serie:

The Baby Blue Ripp-Off (Ein Veteran kehrt heim; Bastei 19103, 1987); Walker, 1983.

No Cure for Death (Der Einäugige; Bastei 19105, 1987); Walker, 1983.

Kill Your Darlings (Mordkongress; Bastei 19106, 1987); Walker, 1984.

A Shroud For Aquarius (Auch Blumenkinder sterben; Bastei 19115, 1987); Walker, 1985.

A Nice Weekend for a Murder (Wochenendmorde; Bastei 19123, 1988); Walker, 1986.

 

Eliot Ness-Serie:

The Dark City (Die dunkle Stadt; Bastei 19129, 1989); Bantam, 1987.

Butcher’s Dozen (Killer in der dunklen Stadt; Bastei 19139, 1990); Bantam, 1988.

 Non-Series:

Dick Tracy (Filmbuch. Dick Tracy; Bastei 13311, 1990)); Bantam, 1990.

NYPD-Blue: Blue Beginning (TV-Buch. Ein Bourbon zuviel; VGS, 1996); Signet, 1995.

Waterworld (Filmbuch); Arrow, 1995.

Private Ryan (Filmbuch. Der Soldat James Ryan; Knaur 61263, 1998); Signet, 1998.

 

Sekundärliteratur:

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Jim Thompson: The Killers Inside Him (mit Ed Gorman); Fedora Press, 1983.

 

One Lonely Knight: Mickey Spillane’s Mike Hammer (mit James L.Traylor);Bowling Green State University Popular Press, 1984.

 

The Best of Crime and Detective Television (mit John Javna); Crown, 1988.

 

The Mystery Scene Movie Guide: A Personal Filmography of Modern Crime Pictures; Borgo Press, 1995.

 

Elvgren: His Life & Art (mit Drake Elvgren); Collectors Press, 1998.

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DIE BESTEN WESTERN-COMICS by Martin Compart
8. Juni 2016, 8:02 am
Filed under: Comics, Western | Schlagwörter: , , ,

koeln270[1]Zur Einstimmung auf das WESTERN-SPECIAL (erscheint vorab auf EVOLVER), hat Gerhard Förster, der Chefredakteur der SPRECHBLASE ( http://www.die-neue-sprechblase.at/ ), die besten Western-Comics zusammen gestellt.

Die besten realistisch gezeichneten Western-Comics kommen großteils nicht aus Amerika, wie man meinen könnte, sondern primär aus dem frankobelgischen Raum.

Leutnant Blueberry

Von Jean-Michel Charlier und Jean Giraud stammt die berühmte, dicht erzählte und hervorragend gezeichnete Albenreihe um einen unkonventionellen Soldaten. Der längste Handlungszyklus erstreckte sich über ganze zehn Bände. Die Hauptserie ist sehr zu empfehlen, die hauptsächlich von anderen Kreativen geschaffene Nebenreihe Die Jugend von Blueberry kann man vernachlässigen. Eine Gesamtausgabe des Ehapa Verlags mit mehreren Alben pro Buch ist derzeit noch erhältlich.

Leutnant Blueberry

Comanche

Die faszinierende Serie von Greg und Hermann um den Cowboy Red Dust, der bei der Rancherin Comanche anheuert, liegt derzeit in zehn wunderschön gestalteten Alben des Splitter Verlags vor.

Comanche

Cartland

Ebenfalls bei Splitter als Gesamtausgabe erschienen ist die Albenreihe Cartland von Laurence Harlé und Michel Blanc-Dumont, die von einem Trapper und Kundschafter handelt. Cartland dürfte einer der anspruchsvollsten und tiefgründigsten Westernserien überhaupt sein.

Cartland

Buddy Longway

Der Albenklassiker des Schweizers Derib um eine sich entwickelnde Trapperfamilie, die das ganze Leben des Protagonisten erzählt, strahlt eine einzigartige Naturverbundenheit aus. Zur Zeit wird bei Egmont eine Gesamtausgabe veröffentlicht.

Buddy Longway

Tex

Der große Italo-Klassiker, der von 1948 bis heute läuft, die längste Zeit in monatlich erscheinenden Paperbacks, steht hier stellvertretend für die vielen guten Westernserien des italienischen Bonelli Verlags, die in den meisten Fällen solide Storys und Zeichnungen aufweisen. Auf Deutsch ist wenig erschienen. Doch zur Zeit werden bei Panini ausgewählte Geschichten von bekannten Zeichnern in umfangreichen Paperbacks veröffentlicht. Die ganz frühen Episoden, mit denen alles begann, sind im CCH (Comic Club Hannover) in Heftform herausgekommen. Kürzlich erschien mit Nr. 56 die letzte Ausgabe.

Tex

Lance

Einen Amerikaner müssen wir schon noch nennen: Waren Tufts, der zuerst mit Casey Ruggles und dann mit Lance bedeutende Strip-Serien für US-Zeitungen geschaffen hat. Historisch und geografisch fundiert erzählte Tufts abwechslungsreiche Geschichten mit interessanten Protagonisten. Beide Serien wurden bzw. werden in vorzüglicher Qualität im Bocola Verlag veröffentlicht.

Lance



»ANGST VERKAUFT SICH GUT« von Andreas C. Knigge by Martin Compart
29. September 2015, 6:52 am
Filed under: Bücher, CHARLIE HEBDO, Comics, Politik & Geschichte, Rezensionen | Schlagwörter: , , , ,

Vor knapp neun Monaten erschien das »Heft der Überlebenden« und fast möchte man glauben, Charlie Hebdo habe sich wieder gefangen. Doch sind nun die Medien dabei, zu Ende zu bringen, was den Attentätern nicht gelang. Warum das so ist, erklärt eine Stimme aus dem Jenseits.intro_ack[1]

Die Rue Béranger liegt einen Steinwurf entfernt von der Place de la République, auf der am Sockel der Marianne noch immer »Je suis Charlie« prangt. Auf dem Platz sollte am 11. Januar die Marche Républicaine ihren Anfang nehmen und kam dann kaum voran, weil allein in Paris anderthalb Millionen Menschen auf der Straße waren, mit dabei Dutzende Staats- und Regierungschefs, die größte Demonstration in der Geschichte Frankreichs.

Trotz der Gendarmen an der Ecke zum Boulevard du Temple fällt die schmale Einbahnstraße fast nicht auf, denn bewaffnete Militärs in Tarnanzügen sind im Pariser Stadtbild derzeit überall präsent, in Métro-Stationen wie vor Schulen und Museen. Doch als wir in die Béranger einbiegen, stutzt selbst der Taxifahrer. Alle zwanzig Meter ein Posten mit Maschinengewehr, der Eingang zur Tageszeitung Libération weiträumig abgesperrt, Security-Leute mit kugelsicheren Westen. Ich bezahle das Taxi und als ich mich umdrehe, blicke ich in zwei Mündungen.

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Ich treffe mich hier, wo Charlie Hebdo sein Notquartier hat, mit Gérard Biard, dem neuen Chefredakteur, der vielleicht nur deshalb noch am Leben ist, weil er am 7. Januar gerade in London war. Inzwischen ist ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt, wie auf beinahe jeden bei Charlie. Niemand, das hatte er mir schon vorab gemailt, kommt in das Gebäude, der nicht persönlich abgeholt wird. Da wir zum Essen verabredet sind, warte ich unten. Kein Mensch betritt oder verlässt während dieser Zeit die Redaktion, später erfahre ich, dass die Mitarbeiter derzeit nur den Hintereingang durch eine Parkgarage benutzen.

Nach zehn Minuten kommt Gérard aus der Tür. Mit seinen beiden Bodyguards im Schlepptau machen wir uns auf den Weg zu einem nahegelegenen Restaurant, vor dem ebenfalls schon ein Gendarm mit MG steht. Die Leibwächter bleiben am Eingang, wir nehmen ganz hinten in einer von außen nicht einsehbaren Ecke Platz. Gérard zieht die aktuelle Ausgabe hervor und legt sie auf den Tisch. »Sauvez l’Europe«, lautet der Titel, rettet Europa. Die Zeichnung dazu von Laurent »Riss« Sourisseau, der das Attentat mit einem Schuss in die Schulter überlebte, zeigt Christian Noyer, Gouverneur der französischen Nationalbank, der den Kopf eines Mannes in einen Wasserbottich drückt: »Noyer un Grec« – ertränke

»Was ist los?«, will ich wissen. »Geht es etwa tatsächlich ums Geld?« Auch deutsche Zeitungen berichten mittlerweile von Zerwürfnissen, gar Fehden bei Charlie. Die wichtigsten Stimmen des Blattes seien »verstummt, und die Überlebenden kommen mit ihrer neuen Rolle kaum zurecht«, formuliert der Spiegel und spricht von einer »komplizierten Analyse«. »Charlie Hebdo steht vor dem Aus«, meint die Süddeutsche Zeitung. »Keiner will mehr Charlie sein« titelte die Zeit (gänzlich unpassend zu einem dann brillanten Dossier) am Donnerstag vor unserem Treffen. Und immer wieder ist von den dreißig Millionen die Rede, die das Heft der Überlebenden, das sich sensationelle acht Millionen Mal verkauft hat, über zweihunderttausend Solidaritäts-Abonnements und Spenden von mehr als vier Millionen Euro eingebracht haben, Charlie ist so reich wie noch nie.

»Ach was«, sagt Gérard. »Das Problem ist vielmehr, dass wir seit Monaten belagert werden. Die Presse folgt uns auf Schritt und Tritt. Wer hält das aus nach einem derart traumatisierenden Vorfall? Die Nerven liegen blank, wir alle sind in therapeutischer Behandlung, da kommt es schneller zu Reibereien, ein zahmer Haufen waren wir ja nie. Das sind die Nachwirkungen eines solchen Anschlags, mit dem man vielleicht sein Leben lang nicht fertig wird.« Seit dem Attentat lauern Zeitungen, Radio- und TV-Sender auf eine neue Story, stellen Verwandten und Freunden der Opfer nach, verfolgen Zeichner und tun so das Ihre, um Zwist zu befeuern. Die laufende Berichterstattung im französischen Fernsehen trägt längst die Züge einer Daily Soap.

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Zu deren erstem Höhepunkt wird ein Konflikt zwischen der Redaktion und der Religionssoziologin und Kolumnistin Zineb El Rhazoui, Autorin auch der beiden von Charb gezeichneten Alben La vie de Mahomet, seit deren Erscheinen vor zwei Jahren sie nach ständigen Morddrohungen unter Personenschutz steht. Sie bleibt im Januar verschont, weil sie einen verlängerten Weihnachtsurlaub in Casablanca bei ihrer Familie verbringt. Es geht, als sie zurück ist in Paris, darum, ob man jetzt innehalten soll, um zu trauern und sich selbst wiederzufinden, oder ob man weitermacht »um jeden Preis«. Für Zineb ist das Heft der Überlebenden ein Fehler, aber ihre Kollegen stürzen sich in die Arbeit. Auch, um zu verdrängen. Zineb hält es nicht aus in der Redaktion, ohne die Freunde, sie lässt sich kaum noch sehen, schließlich wird sie abgemahnt, nicht zuletzt, weil die Kollegen sie jetzt dringend brauchen. Und da ist sie dann, die »Story«.

Als im Mai Luz alias Renald Luzier, Zeichner der Titelseite auch des Heftes der Überlebenden, erklärt, aussteigen zu wollen und künftig keine Karikaturen von Mohammed mehr zu zeichnen, üben sich die Medien in wilden Spekulationen, vom Eklat darüber, was mit den Millionen geschehen solle, bis zum Streit über die künftige Ausrichtung des Blattes. Doch Luz, seit über zwanzig Jahren bei Charlie, ist ganz einfach am Ende. Jede Ausgabe sei eine Tortur, sagt er, »weil die anderen fehlen: Ich verbringe schlaflose Nächte damit, mich zu fragen, was die toten Freunde, Charb, Cabu, Honoré, Tignous, Wolinski, wohl gemacht hätten.« Luz ist noch am Leben, weil er die Nacht zuvor in seinen Geburtstag gefeiert und dabei »ein bisschen gepichelt« hatte, somit zur Redaktionskonferenz zu spät kommt. Er hört Schüsse, sieht noch den schwarzen Citroën davonjagen, dann steht er inmitten des Blutbads.

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Die Zeit seit diesem furchtbaren Ereignis hat Luz nun in einem Buch festgehalten, das dieser Tage auch auf Deutsch erscheint. Katharsis, betont er vorab, sei »kein Zeugenbericht, geschweige denn ein Comic«. Das erste Mal ins Bild tritt er drei Seiten später jedoch als Tatzeuge, am Abend des 7. Januar, als auf dem Kommissariat am Quai des Orfèvres seine Aussage protokolliert wird. Luz bittet um einen Stift und beginnt zu zeichnen. Mit zittriger Hand, zwei dicke Kreise, wie Tunnel, die zu einem Augenpaar verschmelzen, reglos der Blick, schockstarr. Wieder und immer wieder krakelt Luz diese weit aufgerissenen Augen, darunter ein nur winziger Körper. Er ist nicht Zeuge, sondern gleichfalls Opfer des Massakers. Sein Buch einen »Comic« zu nennen, hält er deshalb für unangebracht; weil er mit komischen Zeichnungen eine gar nicht komische Geschichte erzählt.

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Wobei es sich, genauer, um Kurzgeschichten handelt, dreißig an der Zahl, die in Länge, Stil, Technik, Ton und Zugang überaus eigen sind, ganz unterschiedlich, sich am Ende aber zu einer dichten Collage von höchster künstlerischer Präzision zusammenfügen – dem vielschichtigen, ungefilterten Blick auf eine traumatisierte Psyche. Gleich in der nächsten Story, zwei Seiten nur, ist Luz im Januar bei der Redaktionskonferenz dabei. Verspätet, er hat ja gepichelt letzte Nacht. Er schlägt Themen vor, vielleicht wieder Houellebecq, ha ha ha, und dabei merkt er gar nicht, wie ihm der halbe Kopf weggeschossen wird. »Grrr, der Scheißstift läuft aus«, wundert er sich erst auf der nächsten Seite über all das Blut. Und dann darüber, dass plötzlich der Geburtstagskuchen weg ist, von dem er doch mitgebracht hatte, um mit den Kollegen später noch weiter zu feiern. Ein böser Traum, nicht der einzige, von dem uns Luz berichtet.

Die schwarz vermummten Kouachi-Brüder geistern durch einige der Geschichten, doch nur diese eine hat das Attentat selbst im Blick. Mal erzählt Luz, der »Überlebende auf Lebenszeit«, von dem Versuch, sich mit seinem neuen ständigen Begleiter zu arrangieren, jenem Kloß im Bauch, der klarstellt: »Wenn ich in deine Fingerspitzen krieche und dich am Zeichnen hindere, bin ich zugleich deine Angst vor der Zukunft wie vor dem leeren Blatt Papier.« Mal von – das ist eine der längsten Geschichten – dem vergeblichen Versuch, seinen Leibwächtern zu entwischen, um einen Moment für sich allein zu haben. Vom Zwiegespräch mit Charb an dessen Grab, das sich bald als Soliloquium erweist: »Du musst dich dran gewöhnen, Charb ist nicht mehr da, du redest jetzt mit dir selbst.« Von der Qual, mit der Trauer derer umgehen zu müssen, die alle Charlie sind und sich jetzt bei ihm ausweinen, nein ist das schrecklich! Vom Zusammenbruch.

Luz‘ Geschichten gehen unter die Haut, eine jede auf ihre ganz eigene Art. Über manche lässt sich sogar lachen, über die mit dem Vogel etwa, der von den Schüssen aufgeschreckt auffliegt und so ein paar Straßen weiter, platsch, Hollande auf den Kopf kackt – eine bizarre Allegorie darauf, welche Rolle Zufälle spielen, wer an jenem 7. Januar zufällig wo ist. Witzig auch die, in der ein Islamist in einem Tintenklecks den Propheten erkennt, obwohl Luz beteuert, dass es bloß ein Klecks sei: »Ich verbiete dir, Mohammed mit einem Klecks zu vergleichen, Ungläubiger!« Wo ist hier Mohammed? »Ich darf nicht hingucken, ich darf nicht hingucken!« Luz schlägt den Rorschach-Test vor, aber: »Ist das nicht jüdisch, der Name …?« Die fatale Mechanik des Irrsinns.

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In einer Story entdeckt Luz das Album Schwarze Gedanken wieder, das »so komisch« sei, obwohl Franquin unter schweren Depressionen litt, als er es zeichnete. Etwas, das Hoffnung gibt: »Der Beweis, dass man immer noch Schönes und Komisches zeichnen kann.« Luz‘ Einblicke in seine Seele brennen sich ein, lassen spüren, wie er den Albtraum zeichnend zu bewältigen sucht. Und dabei mit einer Intimität erzählt, die ein erhellender Kontrast ist zu all dem Mediengesummse; die uns einen neuen Zugang erlaubt – ein wahrhaft seltenes Meisterstück!

Auch die Presse wird kurz abgehakt, und dass die bei Luz nicht gut wegkommt, hat durchaus auch mit früheren Erfahrungen zu tun. Lange vor dem Überfall bereits ist Charlie regelmäßig in die Kritik geraten, »Rassismus« lautet der ständige Vorwurf und »Schüren von Islamophobie«. Als etwa der Autorenverband PEN dem Satiremagazin im Mai den Preis für Meinungsfreiheit verleiht, protestieren hundertfünfzig zumeist US-amerikanische Schriftsteller (inzwischen liegen über tausend Unterschriften vor). Sie bezichtigen Charlie der »kulturellen Intoleranz« und beharrlichen Verspottung einer Minderheit. In New York zählt neben Art Spiegelman und Alison Bechdel zu den Laudatoren auch Neil Gaiman, der betreten anmerkt, dass wohl »einige gutmeinende Schriftsteller nicht verstanden haben, dass man nicht teilen muss, was gesagt wird, wenn man das Recht verteidigen will, es sagen zu können«.

Nur zwei Tage vor seiner Ermordung hatte Charb das Manuskript für einen Essay abgeschlossen, der als Brief an die Heuchler und wie sie den Rassisten in die Hände spielen inzwischen auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Nach dem Brandanschlag Ende 2011 auf die Redaktion von Charlie war Charbs Statement, er habe weder Frau noch Kinder, um die er sich sorgen müsse, und wolle »lieber aufrecht sterben, als auf Knien zu leben«, zum Leitsatz geworden. Das war kein flotter Spruch, sondern gelebte Haltung – die sich tragisch erfüllt hat. Charb, Stéphane Charbonnier, war die zentrale Persönlichkeit bei Charlie, jedem, der von ihm spricht, treten heute noch die Tränen in die Augen. Der Brief an die Heuchler ist sein Vermächtnis, in dem er präzise analysiert, warum Charlie mit dem Rassismus-Vorwurf immer wieder auch aus dem eigenen Lager angegriffen wird, und aufzeigt, wie der (schon etymologisch fragwürdige) Begriff »Islamophobie« von den unterschiedlichsten Interessengruppen instrumentalisiert wird – gleichermaßen um den Islam zu kräftigen, wie um ihm zu schaden.

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Charbs Streitschrift ist Pflichtlektüre für jeden, der meint, Charlie zu sein. Bedauerlich deshalb die spröde, teils missverständliche Übersetzung. Der Begriff des »Kommunitarismus« etwa, auf den Charb mehrfach rekurriert, hat in der politischen Debatte Frankreichs eine ganz andere Färbung als hierzulande, worauf jedoch nicht einmal verwiesen wird (eine kurze Fußnote führt im Gegenteil sogar noch mehr in die Irre); das macht die Lektüre des schmalen Bändchens leider streckenweise beschwerlich.

Charb stellt klar, dass Kritik an der extremistischen Auslegung einer Religion nichts zu tun habe mit der Menschenverachtung, die das Wesen des Rassismus ist. Dass der Spott von Charlie Terroristen gelte, die sich auf den Islam berufen, und keineswegs »den« Muslimen. Doch »wagt man es, auf dem Titelblatt den Propheten oder eine ihm ähnlich sehende Person zu zeigen, geht es wieder los! Die Zeichnung wird dann als ›neuerliche Provokation von Charlie Hebdo‹ dargestellt. Und wenn das Fernsehen verkündet, dass etwas eine Provokation ist, gibt es immer ein paar Idioten, die sich provoziert fühlen.«

Charb spricht sogar von einer »Komplizenschaft der Medien«, mit ganz profanem Motiv: »Jeder Skandal, der mit dem Wort ›Islam‹ überschrieben ist, ist verkaufsfördernd. Seit dem Attentat vom 11. September 2001 setzten die Medien eine ebenso faszinierende wie erschreckende Gestalt in Szene: den islamistischen Terroristen. Ein Terrorist macht große Angst, aber wenn man islamistisch hinzufügt, macht sich wirklich jeder in die Hose. Angst verkauft sich gut.«

Die Krise ist also längst noch nicht überwunden, wie geht es nun weiter mit Charlie? »Ich hoffe, dass wir im September endlich unsere neuen Büros beziehen können«, sagt Gérard auf dem Weg zurück in die Rue Béranger. Der Ausbau zieht sich hin, weil die schweren Sicherheitsschleusen eine Verstärkung der Gebäudestatik erfordern. Zeichnen im Hochsicherheitstrakt. Nach dem Umzug soll dann ein frischer Auftritt mit neuem Konzept erfolgen. Die Medien werden berichten.

9783608502299[1]

Luz: Katharsis, S. Fischer | HC | 128 Seiten | 16,99 €

Charb: Brief an die Heuchler und wie sie den Rassisten in die Hände spielen, Tropen | TB | 96 Seiten | 12,00 €



HILLMANNs HAMMETT by Martin Compart
25. März 2015, 3:08 pm
Filed under: Bücher, Comics, Dashiell Hammett, Noir, Rezensionen | Schlagwörter: , , , ,

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Man mag es heute kaum glauben, aber es gab eine Zeit, da existierte der Begriff Graphic Novel noch nicht. Bei der Erstveröffentlichung von Hans Hillmanns „Fliegenpapier“, schauten die meisten dumm aus der Wäsche. Hans_Hillmann[1]Es war kein „richtiger“ Comic – aber irgendwie doch noch einer. Wie Hal Foster bei „Prinz Eisenherz“ oder Burne Hogarth bei „Tarzan“, verzichtete Hillmann auf Sprechblasen, aber anders als bei Prinz Eisenherz zog sich jedes Panel über die ganze Seite, häufig über zwei Seiten. So etwas hatte man in dieser Konsequenz zuvor noch nicht gesehen. Wer damals die Arbeiten des amerikanischen Großmeisters Jim Steranko (Chandler) kannte, war nicht ganz so verwirrt. Heute fällt es leicht zu beurteilen, was Hillmann damals gemacht hat: er schuf eine völlig eigenwillige Form der Graphic Novel, mehr am Film orientiert als am Comic. Das Werk hat längst Klassiker-Status.
Faszinierend ist das Timing der Erzählung: Hillmann wechselt von statischen Bildern zu explosiven Sequenzen und verleiht der Geschichte eine Dynamik, die man in Dashiell Hammetts Vorlage so expressiv nicht findet. Anders als die üblichen Graffic Novels wird man diesen Band immer wieder in die Hand nehmen und in den Panels stöbern wie in einem Bildband.

Detaillierte Hintergründe zum epochalen Werk und seinem Autor findet man in dem wunderbaren Aufsatz „In der Lücke“ von CHRISTOPH HOCHHÄUSLER unter:
http://parallelfilm.blogspot.de/2014/05/in-der-lucke.html
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Hier nur ein kurzes Zitat:

“ Wahrheit diesseits der in Nach über 120 Plakaten, darunter für Filme von Buñuel, Kurosawa, Hawks, Welles, Lubitsch, Godard – entstand der Wunsch, einen Film auf Papier* zu machen. Eine Vorlage war bald gefunden: „Flypaper” von Dashiell Hammett, eine Kurzgeschichte, hard boiled. Erklärtes Ziel war es, den Text zu verzehren, bis auf einige Dialoge sollte alles Zeichnung werden. Hammett deshalb, weil er, mit seinem realen detektivischen Hintergrund, von der Beobachtung her kommt. Zwei Reisen in die USA, eine während eines dafür genommenen Forschungssemesters 1976, nutzt Hillmann zur Recherche; mit Bleistift und Kamera notiert er visuelle Details in New York und vor allem San Francisco; Feuertreppen, Hotelfensterblicke, Straßenecken, Möbel, Treppenhäuser…“
http://www.amazon.de/Fliegenpapier-Hans-Hillmann/dp/3945034043/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1427295968&sr=8-1&keywords=fliegenpapier+avant+verlag

Die Erstausgabe erschien 1982 bei 2001;2005 gab es eine schöne Paperback-Ausgabe bei dtv. Jetzt veröffentlichte der Avant Verlag eine großformatige 260seitige Hardcover Ausgabe, hervorragend gedruckt auf gutem Papier. Für 29,95 € erhält man eines dieser besonderen Bücher, die für immer einen besonderen Platz im Buchregal einnehmen.
HH_13_1982_Titel-Illustration_Fliegenpapier__Hans_Hillmann_[1]

P.S.: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Monsanto vernichtet werden muss.



ACHTUNG ADVENT! SCHMACKHAFTES FÜR DEN GABENTISCH by Martin Compart

Nun stehen sie wieder vor der Tür, die besinnlichen Tage, an denen wir Ebola, Bänker und die kollabierende Umwelt ausblenden und uns ganz dem lärmenden Konsum und dem stillen Gedenken an die Märtyrer des Kapitalismus, von Maschmeyer bis Middelhoff, widmen.

Für diese stillen Stunden braucht es natürlich auch ein wenig erbauliche Lektüre, die uns auf die Kirchenfeste einnormt und das fromme Absingen der Choräle zeitweilig unterbricht. Gottseidank erleuchten uns die Schaufenster mit der Hoffnung auf Glück durch Kauf. Unten stehendes kann man kaufen, Glück gibt´s dabei oft nur als Erkenntniszuwachs.

Gerade noch rechtzeitig, bevor das Fest der Verlogenheit den Stecker zieht, beschert uns Frank Nowatzkis PULP MASTER einen neuen Roman von DAVE ZELTSERMAN, der aus dem Stand heraus zu einem der wichtigsten zeitgenössischen Noir-Autoren katapultierte. In KILLER erzählt er die Story des alt gewordenen Auftragskillers Leonard March, der sich nach 28 Jahren Knast auf einen Deal mit der Staatsanwaltschaft einlässt, um seinen ehemaligen Boss hinzuhängen. Bedroht von seinem Ex-Boss und Verwandten seiner Opfer, schlägt er sich durch eine Kloake, die von sich behauptet, das Land der Freien zu sein.

http://www.amazon.de/Killer-Dave-Zeltserman/dp/3927734500/ref=sr_1_3?s=books&ie=UTF8&qid=1418742227&sr=1-3&keywords=dave+zeltserman

Hans-Rudi Wäscher war DER Pionier des deutschen Abenteuer-Comics. Noch heute können seine Serien SIGURD, NICK, TIBOR oder FALK durch ihr episches Storytelling begeistern. Nach vielen Vorarbeiten durch Fans, hat der „deutsche Comic-Papst“ (ja, ich weiß: Du hasst diese Bezeichnung) Andreas C.Knigge das entscheidende Buch zu Wäscher geschrieben. Es ist brillante Analyse und optischer Prachtband in einem. Jede Wäscher-Serie wird akribisch unter die Lupe genommen. Dabei steigt die Lust, sich die alten Hefte wieder vorzunehmen und zum Beispiel in NICKs Universum erneut einzutauchen. Niemand, der sich für die deutsche Comic-Kultur (bescheiden genug) interessiert, kann auf dieses voluminöse Buch verzichten.

http://www.amazon.de/Allm%C3%A4chtiger-Andreas-C-Knigge/dp/3941694111/ref=sr_1_5?s=books&ie=UTF8&qid=1417433580&sr=1-5&keywords=andreas+knigge

SIMON KERNICK ist der Traum eines Thriller-Fans: Er veröffentlicht regelmäßig und schreibt Bücher, die einen an den Rand eines Herzinfarktes treiben. Meisterlich beherrscht er die schockierende Eröffnung, die fast immer die Zertrümmerung der Normalität ist: „Ihr wurde bewusst, wie verletzlich sie war und das sich das Leben mit einem Lidschlag völlig verändern konnte.
Ausführlich zu Kernick unter: https://martincompart.wordpress.com/2011/12/14/brit-noir-simon-kernick-speedking-1/

Normalerweise jagt er seine Protagonisten durch die Betondschungel der Städte, in TREIBJAGD wird seine Protagonistin fünf Stunden durch die Backwoods der schottischen Highlands gejagt. Perfekt konzipiert, äußerst brutal und von einem Drive, wie ihn nur wenige hinkriegen. Nach einem furiosen Auftakt, nimmt er im ersten Drittel durch Rückblenden das Tempo raus (der erfahrene Thriller-Leser bekommt eine Ahnung, dass nicht alles ist, wie es scheint), um dann Vollgas zu geben. Zugegeben: Es gibt ein paar Unwahrscheinlichkeiten und bei genauer Betrachtung schwerlich zu akzeptierende Motive und Begründungen, aber das wird für mich vom Tempo überrollt. Sowas kann eben passieren, wenn man das Gaspedal so weit durchtritt, dass es schon über den Asphalt schleift.
Kernick strickt auch weiter am Personal seines Suspense Kosmos. Wieder dabei sind Sam Bolt, Mo Kan und zum zweiten Mal nach SIEGE Glenn Scopeland, alias Scope.

http://www.amazon.de/Treibjagd-Thriller-Simon-Kernick/dp/3453417887/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1417099901&sr=1-2&keywords=simon+kernick


Matthew Dunn wurde 1968 geboren, studierte Politologie und trat mit 27 Jahren in den MI6 ein, wo er als field operative an etwa 70 Geheimoperationen in der ganzen Welt teilnahm. Er muss ein Typ wie Adam Halls Quiller gewesen sein: “The loneliness, the isolation, is the real thing. The moment you step on the plane you are on your own.” Für einen Einsatz, über den er nicht sprechen darf, erhielt er vom damaligen Außenminister Cook eine Belobigung, die er nicht zeigen darf. Nach fünf Jahren stieg er aus. Er heiratete, zeugte zwei Kinder und wurde geschieden. Seit 2011 schreibt er Spionageromane über den Geheimagenten Will Cochrane (Deckname: Spartan), der ganz in der Tradition der Superagenten wie Bond und Quiller steht. Leider hat Cochrane eine düstere Vergangenheit, die jeder Melodram-Autor im Setzkasten hat.Dunn ist zwar kein Adam Hall, verfügt aber über ein ähnlich literarisches Talent, den Leser in die Handlung einzusaugen. Seine Erfahrungen bei MI6 nutzend, geben den Operationen einen faszinierenden realistischen Touch. Aber er ist zynisch genug, um nicht als kompletter politischer Idiot zu erscheinen. Witzigerweise kommen im ersten Roman, EIN TOD IST NICHT GENUG, die Deutschen besser weg als Briten und Amerikaner, die bekanntlich die Folter wieder hoffähig gemacht haben. Die Deutschen nehmen nämlich keine Gefangene (für Verhöre mit “Motivationsoptimierung”), um keinen Ärger wegen Menschenrechtsverletzungen zu bekommen.
Wer knallharte, böse Agenten-Thriller liebt, wie ich, wird von MATTHEW DUNN bestens bedient. Es kracht und rummst auf intelligente Art. Literarisch setzt Dunn effektiv genau das um, was ein guter Action-Thriller braucht. Inhaltlich bedient er alle Fans zünftiger geopolitischer Realpolitik. Bei BLANVALET sind die ersten beiden SPARTAN bzw. SPYCATCHER-Thriller jetzt auf Deutsch erschienen.

http://www.amazon.de/gp/product/3442382475/ref=pd_lpo_sbs_dp_ss_2?pf_rd_p=556245207&pf_rd_s=lpo-top-stripe&pf_rd_t=201&pf_rd_i=0062037862&pf_rd_m=A3JWKAKR8XB7XF&pf_rd_r=1YTQHYHY2JC8QV8131YN

In diesen heiligen Tagen sollte man kurz den Neid unterbrechen, mit dem wir ansonsten auf ein Land wie Mexiko schauen, dass dank dem Handelsabkommen mit den USA zum Exportweltmeister (neben dem inoffiziellen US-Bundesstaat Kolumbien) für Freizeitpharmazeutika prosperiert. In der aufregendsten Verlagsneugründung des Jahres, der EDITION FAUST, ist ein Prachtband erschienen, der uns in grandiosen Bildern und Texten die Idylle der us-mexikanischen Grenze näher bringt. Oder wie es im Klappentext des zweisprachigen (auch Spanisch) Buches heißt: “La Frontera, die Grenze zwischen Mexiko und den USA, zerschneidet Dörfer und Städte. Sie teilt Familien und unterbricht Lebenszusammenhänge im bikulturellen Grenzgebiet. Und sie ist eine der gefährlichsten Grenzen der Welt. Hunderte von Menschen lassen jährlich ihr Leben beim Versuch, sie illegal zu überqueren. Stefan Falke hat jahrelang Künstler entlang des Zauns fotografiert, die den Schlagzeilen über Drogenkrieg und Menschenhandel in den Medien ein hoffnungsvolles Bild entgegensetzen und mit ihren Kreationen den Widerstand gegen die Gewalt dokumentieren.
Davon und vom Verlust von Sprache und Identität handeln die Geschichten der international angesehenen mexikanischen Autoren, deren Reportagen, Prosatexte und Erzählungen hier erstveröffentlicht werden. Das sind aufrüttelnde, heitere, verstörende und aufklärende Texte wissender Grenzgänger.“
http://www.amazon.de/Frontera-mexikanisch-US-amerikanische-Grenze-ihre-K%C3%BCnstler/dp/3981589351/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1416576240&sr=1-1&keywords=stefan+falke

Bisher wurde David Raker von Carsten Maschmeyer noch nicht beauftragt, den verschwundenen Kanzler Proll-Gert aufzufinden. Das hat zwei Gründe: 1, ist der niedersächsische Schiffsschaukelbremser (fährt NSU Prinz mit Fuchsschwanz) leider noch nicht verschwunden, und 2.würde Raker den Auftrag ablehnen, da er keine Empathie für den Vermissten aufbringen könnte. Der Ex-Journalist Raker, Jung-Witwer und Spezialist für das Auffinden Verschwundener, ist der Serienheld von TIM WEAVER. Die Briten schütteln ja in den letzten Jahren wieder talentierte Autoren aus dem Ärmel, dass es eine Freude ist.
Thomas Hattenhoff hat in seinem großartigen Blog unter
http://englischekrimis.wordpress.com/tag/tim-weaver/
treffendes und lesenswertes zu Weaver geschrieben. Für mich ist er ein Erneuerer des Privatdetektivromans (auch wenn Raker sich auf Vermisste spezialisiert hat), der zeitgemäße Technologie clever in seine Plots einbaut und dazu noch überzeugend die Strukturen des Ermittler-Romans mit denen des Thrillers verbindet. Alles fängt erstmal langsam an,,, aber dann! Er hat ein gutes Auge für Charaktere, die selten eindimensional bleiben, einen scheinbar mühelosen Stil, dessen Qualität sich erst bei genauer Betrachtung offenbart. Natürlich sind die Eröffnungen (PI erhält Auftrag vom Klienten) abgedroschene Klischees, ebenso wie verlässliche Schacheröffnungen. Der Privatdetektiv steht in der Tradition des Flaneurs, der, wie Walter Benjamin bemerkte, das städtische Leben beobachtet und bewertet. Dies tun Weaver und Raker aktuell und originell. Und, wie der GUARDIAN und Hattenhoff bemerken, er wird immer besser. Bei GOLDMANN sind bisher drei Bücher erschienen, davon das erste nur als eBook.

http://www.amazon.de/Ohne-jede-Hoffnung-Tim-Weaver/dp/344248197X/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1416573829&sr=1-1&keywords=tim+weaver

Es ist mir ziemlich egal, ob ein Buch „Novitätencharakter“ hat oder älter ist, wenn ich der Meinung bin, es müsse mehr Leser finden.
MASSIMO CARLOTTO ist einer der wichtigsten und besten italienischen Noir-Autoren der Gegenwart. Seine Romane speisen sich häufig aus seinen biographischen Erfahrungen: Als Linksradikaler entzog er sich 1976 der Justiz, die ihn unschuldig einen Mord anhängen wollte, floh nach Paris und Mexiko und führte das Leben eines Outlaws. Mit DER FLÜCHTLING legte der TROPEN Verlag bei KLETT-COTTA Carlottos Autobiographie vor, die jeder Noir-Aficionado gelesen haben sollte. Schonungslos und in seinem bekannten verstörend brutalen Stil, verdeutlicht er seinen Fans, warum er wurde, wer er wurde. Auch wenn es politisch irrelevant ist, wer Outsider-Biographien liebt, sollte sich antiquarisch besorgen: CIZIA ZYKE: ORO (Goldmann, 1988).Der Autor erzählt, eine Magnum 357 in der Hand und einen Joint zwischen den Lippen, wie er sich durch Costa Rica schlägt, immer auf der Suche nach einem schnellen Deal, Gold und Sex. Dabei trifft der Autor, der selber kein angenehmer Typ ist, so ziemlich auf jedes Arschloch in Lateinamerika, das gleichzeitig aus ähnlich altruistischen Motiven den Dschungel durchpflügt. Echte Weihnachtslektüre, die man gut vor der Mitternachtsmette genießen kann.

http://www.amazon.de/Fl-chtling-Roman-Massimo-Carlotto/dp/360850205X/ref=tmm_hrd_swatch_0?_encoding=UTF8&sr=1-4&qid=1416580061

Der TROPEN-Verlag verdient übrigens höchsten Respekt dafür, dass er noch Essay-Sammlungen veröffentlicht, was ja fast publizistischen Seppuku gleichkommt. Zum Beispiel die unbedingt lesenswerten Bände BEKENNTNISSE EINES TIEFSTAPLERS von JONATHEM LETHEM und MISSTRAUEN SIE DEM UNVERWECHSELBAREN GESCHMACK von WILLIAM GIBSON („Kann es am Ende des 20.Jahrhunderts etwas Beängstigenderes geben als ein optimistischer SF-Autor?“) . Beide ebenso originell wie politisch unkorrekt über die „Zukunft als Gegenwart“.
http://www.amazon.de/Misstrauen-Sie-dem-unverwechselbaren-Geschmack/dp/3608503145/ref=sr_1_6?s=books&ie=UTF8&qid=1416580193&sr=1-6&keywords=william+gibson

Carlotto ist natürlich auch in der Anthologie KOKAIN-CRIME STORIES (FOLIO VERLAG). Neben ihm sind GIANCARICO CAROFIGLIO und GIANCARLO De CATALDO (ROMANZO CRIMINALE) vertreten um die unterschiedlichenAspekte dieses Zuwachsmarktes und seiner Anlagemöglichkeiten zu erörtern.Diese Autoren in der glorreichen Traditon von Sciascia und Scerbanenco bestätigen auch stilistisch das hohe und eigenwillige Niveau der italienischen Noir-Kultur (es ist schön zu hören, dass eine TV-Serie nach DIABOLIK entsteht; hoffen wir das Beste!).

http://www.amazon.de/Kokain-Crime-Stories-Giancarlo-Cataldo/dp/3852566282/ref=sr_1_6?s=books&ie=UTF8&qid=1416573967&sr=1-6&keywords=carlotto

„Als ich die maskierten Männer in den grünen Kampfanzügen erkannte und die ölig glänzenden Maschinenwaffen auf uns gerichtet sah, hatte ich die Bestätigung, dass es reiner Wahnsinn ist, so kurz nach einem brüchigen Waffenstillstand die Front zu überschreiten. Wenigstens für einen Mann, der auf der anderen Seite steht.“
So cool fängt UNTERGRUND an, und so cool geht es auch weiter in dieser autobiographischen Schrift, die einmal eine der wenigen deutschen Polit-Thriller auf internationalem Niveau war. Autobiographisch steht Willi Voss´ Buch irgendwo auf demselben Regal wie Ernst von Salomons DIE GEÄCHTETEN oder Jack Blacks YOU CAN´T WIN.
Als ich 1986 zu Bastei-Lübbe ging, lernte ich Willi Voss kennen, der damals für den Verlag schrieb. (siehe auch: https://martincompart.wordpress.com/2013/06/05/noir-fragen-an-willi-voss/
Ich kannte seine beiden Polit-Thriller, die er unter dem Pseudonym E.W.Pless veröffentlicht hatte: GEBLENDET und GEGNER. Es war ganz deutlich, dass der Autor wusste, worüber er geschrieben hatte: Bürgerkrieg im Libanon und der verzweifelte terroristische Kampf der Palästinenser. Wie ich, fuhr Jörg Fauser auch sofort auf GEGNER ab. Und irgendwann haben wir dann zu dritt in Witten und Bergisch-Gladbach ein Wochenende durchgesoffen und gequatscht und gequatscht und gequatscht. Jörg, der immer alles genau wissen wollte, zog Willi alles über seine Erfahrungen im bewaffneten Kampf für die Palästinenser aus der Nase, was er nur ziehen konnte.
Willi
Mit Willi in Spanien.

Und seit 2012 gibt es nun endlich eine überarbeitete Neuausgabe von GEBLENDET unter dem Titel UNTERGRUND, die nun nicht mehr der Roman ist. Hätte Fauser noch gelebt, hätte er bestimmt ein enthusiastisches Nachwort zu diesem authentischen und autobiographischen Nahost-Thriller geschrieben, der in der deutschen Thriller-Literatur (und darüber hinaus) als einzigartiges Monument dasteht. Willi hat alles geschrieben: Polit-Thriller, Conspiracy, Western, Polizei- und Privatdetektivromane. Gut sind sie alle. Aber GEBLENDET und GEGNER entstanden zu einer Zeit, als die Wunden noch frisch waren und er den Pulverdampf noch in der Nase hatte.
Passt gut zur Lektüre von Carlottos DER FLÜCHTLING.
Einen relativ fairen Bericht über Willi als Fatah-Kämpfer und CIA-Agent auf:
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-90334819.html

http://www.amazon.de/UnterGrund-Willi-Voss/dp/3944223004/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1416849005&sr=1-1&keywords=willi+voss

Seit ANUBIS GATE von TIM POWERS (oder einigen Romanen von Michael Moorcock, der jede Menge Steampunk-Elemente vorweg genommen hat) bin ich ein Steampunk-Fan. Leider finde ich zu selten wirklich überzeugendes in diesem Subgenre. Was mich überzeugt hat, ist die Burton & Swinburne-Serie von MARK HODDER, deren drei ersten Bände, DER KURIOSE FALL DES SPRINGHEELED JACK, DER WUNDERSAME FALL DES UHRWERKMANNS und AUF DER SUCHE NACH DEM AUGE VON NAGA bei BASTEI-LÜBBE erschienen. Die Helden sind die Abenteuer- und Forscher-Legende Sir Richard Burton und der dekadente Dichter Algernon Charles Swinburne, die als Spezialagenten der Krone agieren. Hodder nimmt reale Personen (etwa Oscar Wilde als Zeitungsjunge), mehr oder weniger bekannte Mythen und lässt sie in einem durch Steampunkfantasien veränderten Paralleluniversum (abweichende Zeitlinien) agieren. Voll gestopft mit aberwitziger Action und intelligenten Kulturkommentaren, einer gehörigen Portion viktorianischer Atmosphäre, sind die dicken Schwarten ein fast nostalgisches Lesevergnügen. Besonders der dritte Band mit seinem afrikanischen Schauplatz á la Rider Haggard und der Konfrontation zwischen Briten und Preußen vor dem großen Krieg hat mir gefallen.

http://www.amazon.de/Auf-Suche-nach-Auge-Naga/dp/3404207491/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1416574089&sr=1-2&keywords=mark+hodder

Der FESTA VERLAG beginnt mit SHOOTER die längst überfällige deutsche Ausgabe von Stephen Hunters Serie um den militanten Swagger-Clan. Der erste Roman über den Scharfschützen Bob Lee Swagger, der vor fast zwanzig Jahren schon mal bei Goldmann erschienen ist und zu Horrorsummen gehandelt wurde, macht den Anfang und ist ein lupenreiner Conspiracy-Thriller. Das Buch wurde 2007 recht ordentlich mit Mark Wahlberg verfilmt und der Film eignet sich bestens als Weihnachts-DVD. Der Waffnfetischist Hunter war langjähriger und einflussreicher Filmkritiker (u.a. bei der WASHINGTON POST) und seine Filmbücher, wie VIOLENT SCREEN (Bancroft Press, 1995), sind genauso kontrovers wie lesenswert. Früher nannte man Hunters Thriller „Bücher für Männer (oder Jungs)“. Oft knallharte politisch unkorrekte Conspiracy-Thriller, spannend geschrieben, voller ungewöhnlicher Details und Charaktere, aber auch mit viel Atmosphäre. Wie Figaro macht Hunter keinen Unterschied zwischen Politik und Intrige. Im Gegensatz zum erfolgreicheren Kollegen Lee Child, der nur noch ein langweiliges Weichei ist, kann Hunter plotten und auch den abgewichsten Thriller-Leser überraschen. Es bleibt zu hoffen, dass FESTA Hunters Bücher zügig den deutschen Lesern zugänglich macht (wie auch die MICHAEL SLADE-Thriller). SHOOTER hat über 600 Seiten, aber die saugt man bei der Lektüre in Hochgeschwindigkeit weg.

http://www.amazon.de/Shooter-Vom-Kriegshelden-zum-Staatsfeind/dp/3865523161/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1416574141&sr=1-2&keywords=stephen+hunter

In England ist bei Network eine 6-DVD-Box mit allen drei Seasons der SANDBAGGERS erschienen. Die von Ian Mackintosch für ITV erfundene Spy-Serie lief von 1978 bis 1980 und setzte Maßstäbe für Polit-Thriller im Fernsehen. Die Serie nahm Kalte-Kriegs-Klischees, die man für felsenfest gehalten hatte, ließ sie durch luftleeren Raum irren und dann brachial auf den Boden knallen. Als hätten Adam Hall und Len Deighton Drehbücher über eine Spezialeinheit von MI6 entwickelt. Aber der Ruhm gebührt nun mal dem genialen Mackintosh, der alle Folgen der ersten beiden Staffeln geschrieben hatte, bevor er unter mysteriösen Umständen verschwand: „During the shooting of the third series in July 1979, Mackintosh and his girlfriend, a British Airways stewardess, were declared lost at sea after their single-engine aircraft mysteriously went missing over the ocean near Alaska following a radioed call for help. Some of the details surrounding their disappearance have caused speculation about what actually occurred, including their stop at an abandoned United States Air Force base and the fact that the plane happened to crash in the one small area that was not covered by either US or USSR radar”, Wikipedia). Ein klarer Fall für David Raker.
Zu den härtesten Fans dieser Kult-Serie (hier stimmt dieser kaum noch aussagekräftige Terminus mal wieder) gehört das amerikanische Allround-Talent Greg Rucka. Er sieht seine als Comic und Roman erscheinende QUEEN & COUNTRY-Serie als Reminiszenz an THE SANDBAGGERS. Eine der absoluten Top-Serien der letzten Jahre, SPOOKS, wäre ohne SANDBAGGERS nicht vorstellbar (wie die Creator auch zugegeben haben).

http://www.amazon.de/Sandbaggers-Complete-UK-keine-Untertitel/dp/B002NZBD74/ref=sr_1_sc_2?s=dvd&ie=UTF8&qid=1416574333&sr=1-2-spell&keywords=sanbaggers

Natürlich hatte Elmore Leonard häufig unglaubliches Glück mit seinen Kino-Adaptionen – von HOMBRE über MR.MAJESTIC bis JACKIE BROWN. Aber die beste audiovisuelle Umsetzung eines Elmore Leonard-Stoffes ist kein Kinofilm, sondern die TV-Serie JUSTIFIED, die auf einer Kurzgeschichte basiert. Sie ist fast so etwas wie eine Synthese aus Crime-und Western-Genre.

Alles, was Leonards beste Unterweltsromane auszeichnet, findet man spätestens ab der zweiten Staffel (die erste ist mir zu episodisch): Durchgeknallte White-Trash-Ganoven, wie sie nur in einem Land vorkommen, deren weiße Besiedler aus Europa einst rausgeschmissen worden sind, ein ambivalenter Protagonist und Landschaften (Kentucky), um die MAD MAX einen großen Bogen machen würde. Das Personal der Serie, allen voran der großartige Walton Goggins, das Arschloch aus SHIELD, rast voll motiviert in ihr herum, immer unterwegs zu noch boshafteren Tiefständen menschlichen Verhaltens. Leute, wie wird´s da erst aussehen, wenn sie mit dem Fracking durch sind? Nicht mal Darwin könnte erklären, wo und wie diese Geschöpfe in der Evolution anzusiedeln sind.
Jetzt ist eine teure Box erschienen mit den ersten vier Seasons, so schmutzig wie drei Tage liegengebliebener Weihnachtsschnee in Berlin.

Sonja Hartl analysiert in ihrem Blog ZEILENKINO ausführlich die unterschiedlichsten Aspekte der Serie:
http://zeilenkino.de/pronto-justified-raylan-givens

http://www.amazon.de/Justified-Season-exklusiv-Amazon-Limited/dp/B00NP54M6K/ref=sr_1_3?s=dvd&ie=UTF8&qid=1416574601&sr=1-3&keywords=justified

Kein Weihnachten ohne Western.
Hoffentlich verschonen uns die TV-Anstalten mit abermaligen Abspielen von John Fords Tunten-Western!
Dank HEYNE HARDCORE ist seit langem mal wieder ein Roman von JAMES LEE BURKE auf Deutsch erschienen: REGENGÖTTER ist ein Spätwestern als Noir-Thriller, der an der texanischen Grenze zu Mexiko spielt. Zusammen mit LA FRONTERA genau das Richtige für einen Salsa-Adventsabend.
Es ist natürlich Blödsinn, wenn ein Rezensent behauptet: „James Lee Burke schreibt, als wäre Cormac McCarthy unter die Krimiautoren gegangen“. Es gibt eben viele Rezensionen, die den Eindruck vermitteln, sie wollen Themmen lediglich abhaken, anstatt sie für uns zu öffnen. McCarthy hat bereits mit NO COUNTRY FOR OLD MAN einen Noir-Thriller geschrieben (wie auch mit THE ROAD eine Science Fiction-Dystopie oder mindestens einen Western mit BLOOD MERIDIAN). Wo Burke elaboriert ist und in breiten Naturschilderungen mäandert, ist McCarthy in seinen gewaltigen Bildern karg und punktgenau. Aber wie viele Protagonisten des späten McCarthy, kriecht auch Burkes Sheriff Holland (der Vetter von Billy Bob Holland, dem Anwalt)mit hängenden Schultern verbittert durch das Alter dem Tod entgegen.

http://www.amazon.de/Regeng%C3%B6tter-Thriller-James-Lee-Burke/dp/3453676815/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1416579264&sr=1-1&keywords=james+lee+burke+regeng%C3%B6tter

…und wer immer noch nicht Flashman liest, ist selber schuld.

http://www.amazon.de/Flashman-die-Roth%C3%A4ute-Nordamerika-Flashman-Manuskripte/dp/3942270978/ref=sr_1_3?s=books&ie=UTF8&qid=1416579486&sr=1-3&keywords=flashman



Zur Wiederholung von HUMAN TARGET by Martin Compart
25. März 2014, 9:46 am
Filed under: HUMAN TARGET, Rezensionen, thriller, TV-Serien | Schlagwörter: , , ,

VORBEMERKUNG:
Als ich vor ein paar Jahren diesen Artikel über die erste Season der Action-Serie HUMAN TARGET schrieb, hatte ich hohe Erwartungen an die 2.Staffel. aber die wurden nicht erfüllt, und die Serie abgesetzt. ich finde es höchst ärgerlich, dass die Macher nicht das Potential in den Griff bekommen haben. ich überschrieb damals meine Kritik mit „eine (fast) perfekte Action-Serie“. Und das hätte sie werden können, wenn man die übergreifenden Subplots und Nebenfiguren konsequent und intelligent behandelt hätte. So aber wurde sie noch schlimmer in den Sand gesetzt als die letzte Staffel STRIKE BACK (jedenfalls die letzten Folgen. Trotzdem: Im Vergleich zu deutschen Serien ist HUMAN TARGET noch immer sehenswert (auch wenn dazu ja nicht viel gehört; ich jammere hier auf hohem Niveau).

Wenn man die ersten Folgen der neuen Action-Serie HUMAN TARGET gesehen hat, bestätigt sich, was andere US- und GB-Serien schon bewiesen haben: In Deutschland ist die Zeit stehen geblieben. Zumindest auf dem Lerchenberg und den Räumen deutscher Produktionsfirmen. Kein gegängelter deutscher Drehbuchautor hätte solche Lines, mythisch anmutende Charaktere, Plot-und Subplotwendungen auch nur im Ansatz hingekriegt. Deutsche Regisseure hätten aus dem US-Drehbuch mindestens einen Dreistünder machen MÜSSEN, da sie nie Timing gelernt haben. Und das deutsche Action-TV-Aushängeschild COBRA 11 wirkt im Vergleich mit HUMAN TARGET so antiquiert wie die Keystone Cops.

Perfekt nutzen die Macher die Möglichkeiten des nicht linearen Erzählens, wie es zuvor schon effektiv bei HUSTLE eingesetzt wurde (momentan scheinen die meisten Innovationen aus Großbritannien zu kommen – siehe auch SPOOKS oder LITTLE BRITAIN). Produziert wird sie in Vancouver (seit der gerade verstorbene Stephen J.Cannell die Stadt für WISEGUY entdeckte und sie beispielsweise Joel Surnow für LA FEMME NIKITA nutzte, gilt Vancouver dank günstiger Gewerkschaftsbedingungen als Mekka für Action-Serien). Und jede Folge hat tatsächlich den look eines Bruce Willis-Kinofilm. Action-Kino für Arme ist das nicht. Und die tollen Bücher sorgen dafür, dass alles was momentan in den verseuchten Cinemaxen vor einem debilen Publikum abgespielt wird, dagegen alt aussieht. Noch älter sehen natürlich deutsche Gähnserien aus. Klaus Bassiners Lerchenberger Geronten-Sokos verstehen sich natürlich nicht als Action-TV sondern als homöopathisches Sedativ. Aber der ganze Mist der unfähigen RTL-Tante Anke Schäferkordt stinkt jetzt wieder mächtig ab. Ob sogenannte „Eventfilme“, die scheinbar in einem Legoland gedreht werden, oder LASKO und die vielen vergessenen Flop-Serien, die US-Konzepte grottig kopierten, – so was kann man wohl nur noch für kleines Geld in deutsche Urlaubsgebiete an der
Schwarzmeerküste verscherbeln. Im Gegensatz dazu zeigt HUMAN TARGET, wie man Massen taugliches Action-Format macht ohne die Intelligenz zu beleidigen. Aber auch dieses Highlight wird Tante Anke nicht davon abhalten wieder los zu brausen zu neuerlichen, noch finsteren Tiefpunkten derber Unterhaltung. Immer SAT 1 und pro/ im Rückspiegel.

Die Kunst bei solchen Action-Serien ist die Gradwanderung zwischen Leichtigkeit, Augen zwinkernder Selbstironie und Suspense gepaart mit der Glaubwürdigkeit von Hero-Comic-Charakteren, die in ihrem Kosmos vollkommen glaubwürdig agieren und in ihm dreidimensional wirken. HUMAN TARGET macht das perfekt. Ein absoluter Quantensprung seit dem MILLION DOLLAR MAN oder dem A-Team. TARGET funktioniert auf allen Ebenen und spricht alle Bildungsschichten an. Ein Zeichen wahrer Industriekunst, also mehr als nur gutes Handwerk! Neben der Action ist die Interaktion zwischen den drei Hauptfiguren ein besonderer Reiz der Serie. Mark Valley drückte das ebenso kryptisch wie nett aus: „Wenn Chance ein ehemaliger Junkie oder Alkoholiker wäre, dann ist Winston eher sowas wie sein Helfer während Jackie sein Ex-Dealer ist.“
Die Serie beginnt klassisch in Episodenform. Ab der Folge SANCTUARY steigt sie intensiver in die Personen und ihre Hintergründe ein und baut behutsam ihre eigene Mythologie. Hinweise und Andeutungen werden geschickt in die einzelnen Folgen eingebaut, die beim großen Finale erst ihren Sinn bekommen. Da erfahren wir dann die „großen“ Geheimnisse hinter dem Mann, der sich Christopher Chance nennt. Die Season endet mit einem cliffhanger, da man die Verlängerung durch FOX wohl in der Tasche hatte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es in der zweiten Staffel zu einem noch stärkeren Mix aus episodischen- und seriellem Erzählen kommt. Wie gut das funktionieren kann, haben bereits LA FEMME NIKITA oder X-FILES bewiesen. Aber wer weiß? Vielleicht bauen die Produzenten auch stärker auf das rein serielle Erzählen. Denn das hat momentan den größten Zuspruch des Publikums; abgesehen mal von police procedurals wie CSI. Mich würde es nicht wundern, wenn sich TARGET zur nächsten großen Kult-Serie entwickelt. Das Ende von 24 und dem J.J.Abrams-Zeugs hinterlassen ein Vakuum. Die erste Season ist dann nichts anderes als eine äußerst ausführliche Exposition.

Christopher Chance erblickte das Licht der Comic Book-Welt 1958 in GANG BUSTER No.61. Er wäre ein längst vergessener One Shot, hätten ihn micht Len Wein und Carmine Infantino 1972 neu belebt. In den frühen 1970ern diente er als Füllserie für Superman in der ACTION COMIC-Reihe. In der zweiten Hälfte des Jahrzehnt wechselte er als Füllmaterial zu Batman in DETECTIVE COMICS. Zu seinen Zeichnern zählten immerhin Stars wie Neal Adams und Howard Chaykin! 1990 wurde er für sieben Folgen auf den Bildschirm gezerrt, gespielt von Rick Springfield. Das Gute an der erfolglosen Serie war, dass sich DC wieder an Chance erinnerte und Pete Milligan ein neue Interpretation für Erwachsene ermöglichte. Mit den Zeichnern Edvin Biukovic, Cliff Chiang und Javier Pulido legte er für DCs VERTIGO-Line 1999 eine beeindruckende Mini-Serie und 2003 eine Graphic Novel vor; und von 2003 bis 2005 gab es dann eine monatliche Heftserie in 21 Comic Books. Markanter Unterschied zur neuen TV-Serie: In den Comics nimmt Chance die Identität des Klienten an, währen er im TV eher als HUMAN SHIELD agiert, Die TV-Serie wurde von Jonathan E.Steinberg entwickelt. Er hatte zuvor als Autor, story editor und Produzent an JERICHO gearbeitet; die Serie bezeichnet er als „very good boot camp“. Der Grund für den Konzeptwechsel des Comics ist eine medienspezifische Vorgabe: so kann man prominente Gaststars in jede Folge einbauen:
„ This was a property that had been in development both for TV and the movies for a while, and I think for good reason. It’s a very enticing idea – a guy who is always looking to or is willing to become you and get into the trouble that you made for yourself, and I think everybody had tried to figure out a way to make it work. It was pitched to me as something that Peter Johnson andWarner Bros. were looking to do…It’s fun and allows you to play with identity in a cool way, but as soon as it becomes flesh and blood, it’s a strange credibility that is detrimental to the story. That was one of the earlier obstacles with us, how do we make it real? If there was a guy who did this job, how would he do it? He probably wouldn’t do it by putting on a rubber mask.
So I think that was the beginning of it. After that it became clear to us that we wanted to create an action hero that was like the action heroes that I grew up with, the Indiana Joneses. The John McClanes. It’s very hard to fall in love with Indiana Jones when he looks like somebody else every week.“

Nach der ersten Season mit 12 Folgen ist eine zweite mit über zwanzig Folgen in der Produktion. Obwohl die Zuschauerzahlen bei FOX eher mittelmäßig waren: Von Anfangs ca.10 Millionen sank sie auf 7,5 Millionen. Zum Glück für HUMAN TARGET hat Fox aber nicht mehr 24 am Start (endete mit der 8.Season) und braucht einen zumindest ähnlichen Ersatz im Genre. In der 2.Season bekommen die drei von der Rettungsstelle einen weiblichen Boss. Der neue Showrunner Matt Miller lüftete die Hintergründe: Die Milliardärin Ilsa, gespielt von Indira Varma (Rom, Torchwood) kauft die Agentur, die permanent in finanzielle Schwierigkeiten steckt und wird ihr Chef. Natürlich – wie es sich nach Genrekonventionen gehört – ist sie von Chance völlig unbeeindruckt und aus der Situation wird sicher Knistern und Spannung destiliert. Chi McBride alias Winston: „Wir sind wie eine dysfunktionale Familie. Wir streiten uns, aber wenn es darauf ankommt, halten wir zusammen.“ Ein Konzept, dass seit Jahrzehnten funktioniert: Streitende Ritter, die von ihrer Burg zu einer Quest aufbrechen um das Böse zu bekämpfen. Matt Miller: „In der 2.Season legen wir Wert darauf, dass man neben der Haupthandlung auch in jeder Folge etwas neues über einen der Protagonisten erfährt.“ Miller spielt einen hohen Ball wenn er HUMAN TARGET mit den Büchern von Elmore Leonard vergleicht: „Durchaus, was Witz, Charakterisierung und Stimmung angeht. Guerrero ist ein Typ, der direkt einem Leonard-Roman entstiegen sein könnte.“ Man denkt auch daran, künftig Autoren des Comics für Drehbücher zu verpflichten.

Neben der guten Story-Struktur und dem perfekten Szenenaufbau gelingt es den Autoren mit den Schauspielern in der kürzesten Zeit alle Figuren individuell und zumeist auch originell zu charakterisieren. Das heißt: auch die Dialoge sind genau das Gegenteil vom sinnlosen Gestammel in deutschen Crime-Serien. Großartige Lines kriegt natürlich Mark Valley, die Christopher Chance als witzigen und ultracoolen Charakter unterstreichen:

Chance: Ich muss das brennende Flugzeug auf den Rücken legen um den Brandherd auszublasen.
Stewardess: Haben Sie so was schon gemacht?
Chance: Häufig In allen Möglichkeiten.
Stewardess: Wann und wo?
Chance: In einem Simulator.
Stewardess: Oh, nein.
Chance: Es war ein sehr guter Simulator.
Chance dreht das Flugzeug was zur Folge hat, dass die Instrumente nicht mehr funktionieren und er es nicht mehr kontrollieren kann.
Stewardess: Was bedeutet das?
Chance: Technisch gesehen: Das Flugzeug ist kaputt.

Man muss Mark Valley dabei sehen. Der Golfkriegveteran (des 2. Golfkriegs 1991; der 1.fand zwischen Irak und Iran statt) hat das Charisma um diese Comicfigur im allerbesten Sinn glaubwürdig rüber zu bringen. Wäre die Hauptrolle schlecht gecastet, hätte die Serie trotz guter Bücher riesige Probleme.
Das einzige Ärgernis ist, dass man HUMAN TARGET montags auf pro7 mit Werbeunterbrechungen sehen muss. Wer das nicht will, muss auf die Box warten oder sich im Internet die amerikanischen Folgen zusammen suchen.

Zu Gast auf einem Comic Con:




HÖRBUCH: LIEBESGRÜSSE AUS MOSKAU by Martin Compart
3. Juli 2013, 3:19 pm
Filed under: Hörbücher, Ian Fleming, James Bond, Rezensionen | Schlagwörter: , , , ,

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Ian Fleming und Deutschland – ein übles Kapitel.

Für die Bond-Filme ist Deutschland der zweitwichtigste Markt.61908b58-c65c-45f4-a728-478f4ffe6c35[1]

Der Umgang mit den Romanen, ein Elend. Wenig inspiriert und gekürzt wurden die Erstausgaben durch den Scherz-Verlag veröffentlicht. Der Heyne Verlag versuchte in den 1990ern eine ungekürzte Ausgabe (obwohl er die neuen Bondromane von Raymond Benson nicht fortführte). Und jetzt versucht sich ein Comic—Verlag an den Originalen Flemings. Das hat auch etwas abstruses: von einem Comic Verlag hätte ich eher erwartet, dass er eine längst überfällige Gesamtausgabe der tollen Bond-Comic Strips angeht.

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Nun gibt es jedenfalls auch eine Audio-Book-Ausgabe von Flemings 007-Romanen bei Lübbe Audio. Alle in „bearbeiteter Fassung“ auf 4 CDs gekürzt und im Schnitt mit 290 Minuten. Vorgetragen werden die gekürzten Bücher tadellos von Oliver Siebeck.
2006 gab es bereits Hörbuchausgaben von vier Bond-Romanen bei Random House. Die waren geradezu katastrophal gekürzt (jeder Roman auf eine Lesung von Hannes Jaenicke auf unter zwei Stunden).

6a00e3981f1e398833014e8b34c60b970d-320wi[1]Man fragt sich, warum Lübbe Audio auf die ungekürzten deutschen Fassungen zugreift, wenn dann doch gerafft wird. Der für die Kürzungen verantwortliche Lektor streicht häufig weg, was den spezifischen Reiz und den Zeitgeist von Fleming ausmacht. So hat man wichtige Dialoge kleiner gemacht und natürlich die „politisch unkorrekten“ Passagen gestrichen. Etwa, wenn Bond am Anfang von LIEBESGRÜSSE über Homosexuelle und Intellektuelle herzieht (bis hin zu „Nicht alle Intellektuelle sind homosexuell.“). Dazu passt die kleine Anekdote über die einzige Kritik an LIEBESGRÜSSE. Der meinte damals, „Ian´s Russians appeared dull and two-dimensional“. Was nicht stimmt. Fleming erwiederte: “This is because Russians are dull people.”
Wenn man Dialoge auf die reine Handlungsinformation runterkürzt, nimmt man ihnen die Möglichkeit, die Personen, Situation oder Atmosphäre zu charakterisieren oder zu reflektieren. Gerade darin besteht aber auch ein Teil von Flemings Kunst. Dieses wegzulassen, reduziert ihn.
Zum Glück ist LIEBESGRÜSSE nicht so unglaublich dämlich zusammengefasst wie Dan Browns INFERNO. Aber Verständnisprobleme sind auch hier: Etwa der aus dem Kontext nicht mehr verständliche „Vorfall“ im Zigeunercamp. Dabei gibt es gerade bei den frühen Flemings einiges an peinlichen Romantizismen zu streichen, die keinerlei Auswirkungen auf Ideologie, Stil, Atmosphäre oder Handlung haben.

Mehr als ärgerlich, geradezu unverschämt und urheberrechtlich bedenklich, ist die Nichtnennung der literarischen Quelle (Cross Kult) und der Übersetzer. Diese übernehmen weitgehend und wörtlich bei LIEBESGRÜSSE Formulierungen der alten, gekürzten Scherz-Übersetzung von Mechthild Sandberg – die nicht schlecht ist. Bei einer „ergänzenden Übersetzung“ muss man sie aber auch angeben. Es ist geradezu sittenwidrig wie manche Audio-Verlage diese gesetzlichen Vorgaben negieren, bzw. den Grauraum neuer Medien ausnutzen. Denn diese Nichtnennung hat für die Übersetzer klare Nachteile (wenn sie diese nicht selber etwa der VG WORT mitteilen). Die Lübbe-Audio-Ausgaben der Bondromane übernehmen die Cover von Cross Kult, was aber ebenfalls nicht aus dem Impressum hervorgeht.

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Ich habe mir mal den 5.Bond, LIEBESGRÜSSE AUS MOSKAU, angehört, zu Lebzeiten von Fleming sein erfolgreichster Roman. Vielen Fans gilt er als bester Bond-Roman, vielleicht, weil er weniger phantastische Momente enthält. Fleming ist hier ganz klar auf dem Höhepunkt seiner bemerkenswerten literarischen Kunst (und bleibt es auch bis MANN MIT DEM GOLDENEN COLT; wobei ich persönlich auch die ersten vier Bonds außerordentlich schätze). Aber jeder seiner Bond-Romane ist, trotz aller von Kingsley Amis heraus gearbeiteten Formellastigkeit, anders und originell. Absolut souverän beherrscht er sein Material und setzt es stilistisch beeindruckender um als 90% seiner Epigonen. Besonders für die Atmosphäre seiner Handlungsorte – hier besonders eindrucksvoll die geschilderte Zugfahrt mit dem Orientexpress – besaß Fleming eine Sensibilität wie die besten Schriftsteller. Nicht von Ungefähr gehörte der überaus kritische Raymond Chandler zu seinen größten Fans. Das Ende des Romans spiegelt übrigens Sherlock Holmes und die Reichenbachfälle wieder und löste damals bei den Bond-Fans ähnliche Besorgnis aus wie zuvor bei den Fans von Sherlock Holmes.

Der Bond-Fan kann mit diesen Audio-Ausgaben leben, aber glücklich machen sie nicht. Um die Originale (und verschiedenste englische Hörspiel- oder Hörbuchfassungen) kommt man eb en nicht herum.

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Leider hat es Cross Cult versäumt, auf die Penguin-Ausgaben mit den stärkeren Covers und den interessanten Vor-und Nachworten zuzugreifen (u.a.von Charlieg Higson, Michael Dibdin, Jeffrey Deaver).

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