Martin Compart


THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: Thomas Giffords „THE WIND CHILL FACTOR“ by Martin Compart
2. Mai 2017, 5:49 pm
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I am not I;
he is not he;
they are not they.

„Everything I believe in has been proven a lie, everything I had ever looked to as an anchor in my life. Nothing is what it seemed. There’s just nothing left.“

Thomas Gifford (1937-2000) ist ein völlig zu Unrecht vergessener Thriller-Autor, der jahrzehntelang Bestseller und hochkarätige Potboiler ablieferte. Thematisch war dieser Kenner des Genres weit gefächert (von Noir-, wie KISS ME ONCE oder KOMPLOTT, bis hin zu Vatikan-Thrillern, wie ASSASINI, und natürlich Conspiracy-Romanen, wie AQUILA). Es ist eine Schande: in den meisten Nachschlagewerken des Genres sucht man seinen Namen vergebens. Dabei sind seine Thriller meist höchst originell, gut geplottet, mit sprachlichen Feingefühl geschrieben und voller glaubwürdiger Charaktere. Ein neu zu entdeckender Meister des Thrillers, der es auf die Bestsellerlisten schaffte, aber selten ins Feuilleton.

Sein vielleicht bester Thriller (und das unabhängige Sequal) wurde bei uns nicht veröffentlicht. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hatte der Bastei-Lübbe-Verlag Probleme mit den Themen: Nazis und das vierte Reich (im Sequal die wahren Hintergründe der Wiedervereinigung). Ansonsten verkauften sich seine Thriller bis in die Nullerjahre auch bei uns Auflage für Auflage. Gifford war lange ein Aushängeschild des Verlages im Spannungsfeld. Um so ärgerlicher, dass der Verlag sein Meisterwerk ausgelassen hat. Aber vielleicht ist das hier ein Tipp für einen Kleinverlag.

Spätestens seit Forsyths AKTE ODESSA sind die Nazis und ihre weiteren Bestrebungen nach Ende des 3.Reichs ein beliebter Thriller-Topos. Besonders in den 1970ern kam kaum ein namhafter Autor an ihnen vorbei. Etwa Ira Levin mit dem wunderbaren BOYS FROM BRAZIL, 1976.

Einer der besten – vielleicht sogar der beste – ist Giffords THE WIND CHILL FACTOR, 1974.

Der angehende Schriftsteller John Cooper erholt sich von einer Scheidung , als ihn ein kryptisches Telegramm seines Bruders erreicht: „URGENT YOU MEET ME COOPER’S FALLS 20 JANUARY. DROP EVERYTHING. FAMILY TREE NEEDS ATTENTION. CHEERS OLD BOY. CYRIL.“ Sofort macht er sich auf in seine Heimatstadt in Minnesota. Er findet seinen Bruder tot und einen Familienstammbaum mit Nazi-Sympathisanten. Mysteriöse Bekannte der Familie sind da, um ihn zu unterstützen, aber Cooper fühlt sich eher belagert. Er will wissen, was sein Bruder über die Vergangenheit seiner Familie herausgefunden hat und beschließt, dessen Spuren zu folgen. Eine Recherche rund um die Welt beginnt: von Buenos Aires über Glasgow und London bis München. Und dabei wird es immer wilder und heftiger!

Das klingt alles nach einer Klischeegeschichte. Aber tiefer möchte ich nicht gehen, um das Lesevergnügen nicht zu beeinträchtigen. Tatsächlich ist es auch nicht die übliche Geschichte um untergetauchte Nazis, die auf eine zweite Chance warten. Gifford legte alles viel perfider an und es ist erstaunlich, auf welch hohem Niveau er seinen Erstling verfasst hat.
Für Giffords Nazis ist der Untergang des 3.Reiches lediglich ein Boxenstop, nicht weiter tragisch. Problematischer ist die Rivalität zwischen Alt- und Jungnazis. Aber insgesamt sind weltweite Allianzen geschlossen und Regierungs- und Konzernzentralen mit Interessenvertretern besetzt. Allianzen zwischen Wirtschaft und Nazis oder Faschisten sind eher Tradition als Ausnahme, Letztere immer für ein investitionsfreundliches Klima sorgen. Das Buch hat irgendwie an Aktualität gewonnen und liest sich noch immer äußerst spannend. Wer mit der Lektüre beginnt, sollte eine schlaflose Nacht einplanen.

Gifford war ein antiklerikaler amerikanischer Nestbeschmutzer, dessen Romane mir große Freude bereitet haben. Mal mehr, mal weniger (was ja auch höufig von der eigenen Stimmungslage abhängig ist). Sicherlich sind einige etwas redundant und man könnte einige Szenen wegkürzen. Aber den Test der Zeit bestehen sie erstaunlich gut. Sein literarisches Talent ist eben zeitloser als manches Sujet. Ein großer unbeachteter Autor, der auch in den USA noch auf seine Anerkennung wartet. Dabei steht er ungleich anerkannteren Zeitgenossen aus dem Thriller-Genre, wie etwa Robert Ludlum, in nichts nach, ist ihnen an Vielseitigkeit und literarischen Fähigkeiten meist überlegen.

In den großen Lexika zum Genre findet man nichts über ihn – mit der Ausnahme des ST.JAMES GUIDE TO CRIME & MYSTERY WRITERS. Und für Morrell & Wagners THRILLERS: 100 MUST READS ist es ein Armutszeugnis, das kein Titel von Gifford verzeichnet ist. Aber dort fehlt auch u.a. John F.Case.
Immerhin schrieb der ARMCHAIR DETECTIVE 1974:

„You may think you are tired of books that discover left-over Nazis behind every hedge, but this i a very superior specimen of the breed: uncomfortably plausible, with credible characterization, a good sense of atmosühere and timing, and solid plotting.“

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