Martin Compart


GELDWÄSCHE AM STAUSEE: Die TV-Serie OZARK by Martin Compart
9. November 2018, 3:56 pm
Filed under: Noir, Politik & Geschichte, TV-Serien | Schlagwörter: , ,

Seit der „Bankenkrise“ bestätigen die besseren US-TV-Serien den anthropologischen Pessimismus. Moral ist kein Thema mehr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie wird nur noch thematisiert, wenn die herrschende Amoral eine Figur negativ betrifft. Über den Quality-Serien hängt seit 9/11 und dem Bush jr.-Regime eine dystopische Stimmung, die in Schundserien wie NAVY SEALS oder CHICAGO P.D. durch faschistoiden Aktionismus oder Glaubenskriege kompensiert wird. Seit 2008 hat der Defätismus aber nochmal richtig Fahrt aufgenommen, und Donald Trump wurde zum Pressesprecher der Apokalypse

OZARK ist wohl die erste TV-Serie über Trumps Amerika. Wobei es zwischen den Kategorien „Drama“ und „Crime“ keinen Unterschied mehr macht (wie in ANIMAL KINGDOM bereits vorgeführt, hat sich die Familie längst kriminalisiert, um es sich in einem kriminellen System ein bisschen nett zu machen).

Im Endzeitkapitalismus entscheidet nur der Gewinn über ein „gutes Geschäft“. Weder Illegalität des Handelsgutes, Zerstörung von Lebensgrundlagen noch Betrug sind Kriterien, alleine Gewinn und Gewinnmaximierung zählen. Die Lemming-Mentalität des Feudalkapitalismus hat den Planeten fest im Würgegriff.


Auch den White-collar-Gangster Marty Byrd (grandios verkörpert von Jason Bateman), der als Anlageberater Spezialist für Geldwäsche ist. Marty wäscht Geld für das „zweitgrößte mexikanische Kartell“. Leider hat sein Partner dem Großunternehmen Geld gestohlen – was zu extremen Konsequenzen führt. Marty kann sich und seine Familie nur retten, wenn er innerhalb eines kurzen Zeitraums eine ungeheure Menge Geld für den Manager des Kartells wäscht. Aus einem Irrglauben – und weil er aus dem von Finanz- und Drogenfahndern verseuchten Chicago raus will – zieht er mit der Familie nach Missouri an den Lake Orzak. „Mehr Küstenlinien als Kalifornien.“ Statt seine Vorhaben schnellstmöglichst umsetzen zu können, gerät er von einem Mist in den schlimmeren nächsten. Das haben die angelsächsischen TV-Autoren wirklich raus: Eine Situation immer weiter zu verschlimmern, bis man glaubt, dass nichts mehr geht. Und genau das sorgt ja für die Überraschungsmomente, die man bei deutschen Serien nie findet.

Und es gibt genügend Parallelhandlungen mit eigenen Entwicklungen (der schwule FBI-Soziopath hätte ein spin-off verdient), die aber effektiv mit dem Hauptstrang verzahnt sind.

Die einheimischen Hillbillys könnten einem Daniel Woodrell-Roman entsprungen sein. Da machen sogar Klischees Spaß.

Die Familie ist nicht länger emotionaler Rücksturzort. Martys Frau Wendy hatte eine offenbar unverzeihliche Affäre, und Marty sieht nun ihre Gemeinschaft als „Unternehmen zur Sozialisation und Aufzucht der Kinder“.

Der gerne genommene Vergleich mit BREAKING BAD ist nur oberflächlich: In BREAKING BAD gab es noch sowas wie Hoffnung in einer Welt, in der lediglich die mangelnde medizinische Versorgung eine Hochschullehrer in die Kriminalität treibt. In ORZAK sind so ziemlich alle Personen so mies, das man kotzen könnte – wenn sie nicht so unterhaltsam wären.

Sein Sohn erklärt einer verblüfften Lehrerin, warum man den Drogenhandel differenziert sehen muss: „Durch das Drogengeld war 2008 die einzige Möglichkeit, das Bankensystem zu retten. Sonst wäre alles noch schlimmer geworden.“
Und ein lokaler Großunternehmer vermeldet – eines Lobbyparlamentariers würdig – : „Ich schaffe Arbeitsplätze. Ohne Mohn würde hier ein Drittel aller Arbeitsplätze wegfallen.“ Erpressungsrhetorik, wie wir sie regelmäßig von der Auto- und anderen Industrien hören und genauso wahr.

Der künstliche Lake Ozark, deren Anwohner weitgehend von Tourismus und Kriminalität leben, ist eine schöne Metapher für die Entfremdung des Menschen von sich selbst und der Natur: Kapitalismus schuf und schafft Scheinbedürfnisse, die künstlich sind und letztlich in die Zerstörung führen. Für das Wasserkraftwerk wurde eine gewachsene Natur überflutet und mit dem künstlichen See eine scheinbar schöne Oberfläche geschaffen, die zweckgebunden ist.

Die Serie ist komisch, brutal, dramatisch, verblüffend, manchmal nervig(aber selten), literarisch, grandios gefilmt und gespielt und spannend. Die dritte Season wird gedreht und ich freue mich erstmal auf die zweite, die sogar noch besser als die erste sein soll.

P.S.: Hier irrt übrigens MiC in seinen vorangegangenen Analysen: Die Familie bildet in den aktuellen Serien kein hoffnungsvolles Rückszuggebiet mehr. Siehe seine bemerkenswerte Betrachtung unter:
https://martincompart.wordpress.com/2018/10/29/mics-tagebuch-oktober-2018/

PPS: Letztlich die erste Serie, in der der anthropologische Pessimismus nicht mehr hinterfragt wird, sondern gesetzt ist. Make America great… it had never been. Oder wie Matthew Quick 9n ANSTAND schrieb: „Bei den Deutschen waren die Nazis irgendwann weg, die amerikanische Regierung ist immer noch da und fühlt sich wohl.“

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IMMER WIEDER DUTROUX by Martin Compart
7. November 2018, 4:09 pm
Filed under: Conspiracy, Dutroux, ORGANISIERTE KRIMINALITÄT, SODOM-KONTRAKT | Schlagwörter: , , ,

Heute haben es die Pädophilen-Ringe natürlich leichter: Sie bedienen sich aus der Flut von ungeschützten Flüchtlingen und müssen nicht mehr den Raub von Kindern aus den unteren Schichten westeuropäischer Staaten riskieren.

Für das Nachwort einer Neuauflage der Gill-Romane habe ich mich mal wieder mit den Unterlagen zum Fall Dutroux beschäftigt, die ich seit der Arbeit an DER SODOM KONTRAKT sammle. Dabei ist mir diese ZDF-Reportage aus 2001 „wohltuend“ aufgefallen, die ich hiermit wider des Vergessens präsentiere.

Vergessen wir nicht: Wenig wurde aufgeklärt und das MEISTE vertuscht. Wie tief in Brüssel ansässige EU-Personen verwickelt waren (das habe ich im SODOM KONTRAKT zu verdeutlichen versucht), wurde NIE thematisiert oder untersucht.

Ausgerechnet die EU mit ihren vielen Institutionen, Mitarbeitern und Parlamentariern existierte völlig unberührt von den Vorgängen, während „nur“ belgische Institutionen und Personen involviert gewesen sein sollen?

Vielleicht musste man ja so vieles vertuschen, damit die wenig beliebte EU nicht darüber auseinandergeflogen wäre oder sich die Aversionen ihr gegenüber noch mehr vertieft hätten.

https://infrakshun.wordpress.com/2014/03/10/the-eurocrats-and-marc-dutroux-i/



Anmerkungen zu Berlin Babylon by Martin Compart
2. November 2018, 7:31 pm
Filed under: Deutsches Feuilleton, TV | Schlagwörter: , , , ,

https://crimetvweb.wordpress.com/2018/11/07/anmerkungen-zu-berlin-babylon/



B.TRAVEN – DER TOTENSCHIFFER by Martin Compart

Er war Albert Einsteins Lieblingsautor. Zu seinen Fans gehörten so unterschiedliche Autoren wie Bert Brecht oder die Beats (die sich auch gerne in Mexiko rumtrieben). Nach seinem Tod würdigte ihn der mexikanische Präsident als den Mann, der Mexiko eine literarische Stimme gegeben hat.

Seine 12 Romane und zahlreichen Erzählungen, die von 1926 bis in die 1960er Jahre erschienen, wurden in 25 Sprachen übersetzt und weltweit in über 30 Millionen Exemplaren verkauft.
Zweifellos ist B.Traven einer der wichtigsten und erfolgreichsten Schriftsteller des 20.Jahrhunderts.

Unzählige Artikel, Bücher und TV-Dokumentationen beschäftigten sich mit diesem mysteriösen Autor, der versuchte, völlig im Schatten seines Werkes zu verschwinden.

Auch darin stimmt ihm sein großer Verehrer, Paul Theroux, zu:
The creative person should have no other biography than his books.” Seine besondere Beziehung zu Traven drückte er aus: “In the early, searching part of my life, as a teacher in Africa and South-east Asia, when I read everything, including the small print on the labels of ketchup bottles, I`d happened upon The Death Ship and discovered a writer to my taste. B. Traven was a rebel, a wanderer, a bitter satirist, an underdogger – and a mystery”. “Hidden, productive, loved; living in Mexico, a restless man, a linguist, a photorgapher, an occasional explorer in the jungle – sought out but never found – he had always been a hero to me, especially now, as I reflected I was living at home near my mother and among my contentious family, deeply in debt, pitied by my children, unregarded, unproductive, unloved”.

Für Theroux ist das „Traven-Rätsel“„das größte literarische Geheimnis des 20.Jahrhunderts“ (The Times, 22.6.1980).

Dem britischen Fernsehjournalisten Will Wyatt gelang es 1978 für seine TV-Dokumentation Travens Identität zu klären; dem folgte das Buch „The Man Who Was B. Traven“, 1980.


Ausgehend von Wyatts Erkenntnissen begann der Bochumer Literaturwissenschaftler Hauschild ein exzessives Akten- und Dokumentenstudium, um Identitäten und Aufenthaltsorte Travens bis 1924 wissenschaftlich zu klären. Im Nachgang zu seinem voluminösen Werk „ „B. Traven – Die unbekannten Jahre“, (Edition Voldemeer Zürich/Springer Wien New York, 696 S., Euro 38,86,), legt Jan-Christoph Hauschild nun eine hinsichtlich der Jahre bis 1924 abgespeckte und mit leichter Hand geschriebene Version seiner Traven-Forschung vor. Wissenschaftlich fundiert, liest sich DAS PHANTOM wie ein Thriller und macht Lust, Traven wieder oder neu zu entdecken.

Hier gibt der Wissenschaftler seinem Affen richtig Zucker und erzählt im Präsenz und besten feuilletonistischen Stil Travens Leben, seine Verschleierungstaktiken und das seiner Bücher. Hauschild zeigt auch Travens Widersprüche aus einer eigentümlichen „Mischung aus Idealismus und Cleverness“.

Die Identität des proletarischen Schriftstellers war ein von ihm selbst gut verschleiertes und gehütetes Geheimnis, immer wieder Anlass für Spekulationen.
Bevor er die Hitler-Tagebücher entdeckte, verkündete zum Beispiel STERN-Reporter Gerd Heidemann die Identität Travens als unehelichen Sohn Kaiser Wilhelms.

Jan-Christoph Hauschild: „…durch ein umfassendes Sicherheitssystem von Deckadressen und Postschließfächern auf Distanz; für geschäftliche Kontakte schlüpfte er in die Rolle seines angeblichen Bevollmächtigten Hal Croves. Unter diesem Namen hat er sich 1947 von John Huston als Berater für die Romanverfilmung des ´Schatzes der Sierra Madre` (mit Humphrey Bogart) engagieren lassen und 1959 die Premiere des ´Totenschiff`-Films (mit Horst Buchholz) in Berlin besucht…

Auch seine Themen, im ´Totenschiff das Schicksal staatenloser Billiglohnarbeiter, im ´Caoba`-Zyklus die Unterdrückung und Ausbeutung der indigenen Bevölkerung, haben an Aktualität nichts eingebüßt. Eher schon liefern die von ihm angewandten Kunstmittel einen Grund… ´Und der Rückgriff auf Elemente der Unterhaltungsliteratur ist einer dauerhaften Etablierung im Kanon der deutschen Literatur auch nicht gerade förderlich gewesen. In Verbindung mit seiner scharfen Kritik am kapitalistischen System, dem modernen Verwaltungsstaat und den Staatsreligionen verschaffte es ihm weltweit Geltung als proletarischer Schriftsteller ersten Ranges.“

Wer noch nie Traven gelesen hat, findet mit diesem Buch einen unterhaltsamen und spannenden Einstieg in eine literarische Welt, die den Angefixten nie wieder los lässt.


Broschiert: 320 Seiten
edition TIAMAT, 2018.
24,00 €

https://edition-tiamat.de/