Martin Compart


JAHRESRÜCKBLICK 2018 by Martin Compart

Man kann den Idioten ja nicht die Hoffnung durch einen rituellen Zeitenwechsel nehmen.

ZITAT DES JAHRES:

„Vielleicht ist die Politik ja auch nicht das Richtige für die SPD.“
Simone Solga

FOLLOW UP:
„Warum spielt Iris Berben immer noch Hauptrollen? Weil ihr Sohn Produzent geworden ist. Sind wir froh, dass der Sohn von Uschi Glas Verbrecher geworden ist.“
Günter Grünwald

POLIT-DEPP DES JAHRES:

Ein Beitrag des Marvel-Universums:
Wurm-Boy. Vorsicht: hygienisch bedenklich.

An strukturell verblödeten Politikern war auch 2018 kein Mangel. Es sind ja immer die äußerlich wie innerlich Hässlichsten, die es ins Genre treibt. Kaum möglich, ein einzelnes Exemplar hervor zu heben. Ich habe mich trotzdem für diesen Merz entschieden, denn er wollte im schlechtesten Börsenjahr seit zehn Jahren, Rentnern zur Altersversorgung ausgerechnet Aktien aufquatschen.

JOURNALISMUS DES JAHRES

DER SPIEGEL hat nun auch seine Hitler-Tagebücher. Da Claas Relotius aber auch reichlich unabhängige Journalistenpreise für seine Märchengeschichten eingeheimst hat, bleibt über den SPIEGEL hinaus was an unserer Systempresse hängen.

Dabei ist Systempresse doch schon schändlich genug, denn sie stellt so gut wie nie unsere Politiker, unsere Wirtschaftspolitik, Rentenpolitik, Entwicklungspolitik, Rüstungspolitik usw. ernsthaft und wirklich in Frage. Wenn diese Medien Wahrheiten verschweigen, weil man zum Denken zu blöde oder korrupt ist, heißt das ja nicht bewusst zu lügen.

SO muss guter Journalismus aussehen, der auch mal die Systemfrage stellt!


DEUTSCHE KRIMI-ERSTVERÖFFENTLICHUNG DES JAHRES:

Ganz klar die überfällige deutsche Ausgabe von Douglas E. Winters RUN; siehe: https://martincompart.wordpress.com/2018/03/20/run-von-douglas-e-winter-ein-klassiker-des-noir-thrillers/ .

Endlich wird auch Mick Herron entdeckt: https://martincompart.wordpress.com/category/mick-herron/ .
Bedauerlicherweise ist bisher beim Diogenes Verlag kein weiterer Herron-Titel angekündigt.


Mit das größte Vergnügen beim Wiederlesen, bereitete mir Marc Dugains DER FLUCH DES EDGAR HOOVER (Frankfurter Verlagsanstalt, 2007). Es handelt sich um die fiktive Autobiographie von Hoovers Lebensgefährten Clyde Tolson und rückt die Aktivitäten des faschistoiden FBI-Chefs in die richtige Perspektive. Blendend geschrieben und voller schöner Originalzitate wie: „Wenn ein Verbrechen Intelligenz verlangt, können Sie gleich von Anfang an ausschließen, dass ein Neger es begangen hat.“ Schlecht weg kamen beim perversen Edgar Leute wie Hammett, Bogart oder Hemingway, und „Zu denen, die uns am widerlichsten waren, gehörte John Steinbeck mit seiner Gossenliteratur, die sich bemühte, das Bild von Amerika in den Dreck zu ziehen“. Trump hätte ihn geliebt – aber er ahnt nicht mal, dass es ihn gegeben hat.

ZOMBIE DES JAHRES:

Es gibt schnelle und langsame Zombies und nun auch sprechende.

https://martincompart.wordpress.com/2018/05/06/hartz-iv-tipps-mit-jens/

TV-SERIEN DES JAHRES:

Die für mich beste Serie des Jahres war: MINDHUNTER: https://crimetvweb.wordpress.com/2018/12/14/erste-tage-im-bunker-mindhunter/ .

Dicht gefolgt von den ersten beiden Seasons OZARK: https://crimetvweb.wordpress.com/2018/11/09/ozark/ .

Zwar älter, aber von mir erstmals von Anfang bis Ende gesehen, die mit Abstand beste Hannibal Lecter-Adaption: https://crimetvweb.wordpress.com/2017/11/17/hannibal/ .

Etwas enttäuscht hat mich Harlan Cobens Miniserie SAFE. Zu breit getreten und wieder so ein „domestic noir“-Mist mit den üblichen Zutaten „Deine Familie, das unbekannte Wesen“, „eine böse Tat zieht weitere nach sich“, „die Vergangenheit birgt gar furchtbare Geheimnisse“… Langweilig.

Viel Freude bereitete das Wiedersehen der politisch bösen LA FEMME NIKITA mit Peta Wilson, immer noch eine der attraktivsten Frauen der TV-Geschichte in der Rolle ihres Lebens: https://crimetvweb.wordpress.com/2016/09/20/la-femme-nikita-24-und-joel-surnow/ .

Gut gefallen hat mir die erste Season des australischen Polit-Thrillers SECRET CITY, dessen zweite Season gerade produziert wurde. Sie hat Schwächen und ein paar Löcher, aber ist originell und das Positive überwiegt ganz klar.

HELDIN DES JAHRES:


Sie hat das Undenkbare ermöglicht: Die Verblödung der SPD unter den messbaren Bereich zu senken. Im optischen wie akustischen hat sie zusätzlich für (weibliche?) Politiker neue Schreckschrauben-Maßstäbe etabliert. Ihr zuzusehen und zuzuhören, ist wie einen Nervenzusammenbruch auf offener Bühne zu betrachten.

BLÖDESTES TV DES JAHRES

Neben BRISANT und ähnlichem (in denen sogenannt Society-Experten ihrem Lehrberuf nachkommen) ist unangefochten das SAT1-FRÜHSTÜCKSFERNSEHEN das ALLERDÜMMSTE, was moderne Telekommunikation verbreiten kann.

Trotz schwerer Krankheit gut drauf! Respekt.

Die unsäglichen Moderatoren und Moderatorinnen, in denen man bisher unbekannte und unerforschte Geisteskrankheiten erkennt, sind zu Sätzen fähig wie: „Du bist ja als Spielerfrau auch richtig verheiratet. Das ist ja eine schöne Sache.“
Verdeutlicht auch das thematische Spektrum dieser allmorgendlichen Hirnspülung, die Zahnschmerzen vergessen lässt.

FILM DES JAHRES
Schmerz liegt über dem Film wie die Schneedecke, in der die handelnden Personen agieren. Ein elegischer Neo-Noir-Western von Taylor Sheridan (Buch und Regie), angesiedelt in Wyoming, seit LONGMIRE der Bundesstaat für Neo-Western mit einem düsteren Kern. Knallhart. Schon jetzt ein Klassiker.

ORGANISIERTES VERBRECHEN DES JAHRES:
Wieder konnte die deutsche Autoindustrie knapp vor Mexiko, Bayer-Monsanto, dem Kosovo und Kolumbien den ersten Platz verteidigen.

Ah Hund is er schoo! Kruzifix!

Von den Erfindern der Fake-News: Ein fast echtes Leben: Mit entschlossen wirrem Blick zum furchenden Bass die korrigierten Zähne in die Lippe gepresst.

P.S.: SEHT EUCH UNBEDINGT DEN KoMMENTAR VON GUNTHER AN:  TIPPS OHNE ENDE!

UND NATÜRLICH AUCH DAS BEST OF auf https://krimiautorena-z.blog/2018/12/31/meine-top-Krimis/

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GELDWÄSCHE AM STAUSEE: Die TV-Serie OZARK by Martin Compart
9. November 2018, 3:56 pm
Filed under: Noir, Politik & Geschichte, TV-Serien | Schlagwörter: , ,

Seit der „Bankenkrise“ bestätigen die besseren US-TV-Serien den anthropologischen Pessimismus. Moral ist kein Thema mehr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie wird nur noch thematisiert, wenn die herrschende Amoral eine Figur negativ betrifft. Über den Quality-Serien hängt seit 9/11 und dem Bush jr.-Regime eine dystopische Stimmung, die in Schundserien wie NAVY SEALS oder CHICAGO P.D. durch faschistoiden Aktionismus oder Glaubenskriege kompensiert wird. Seit 2008 hat der Defätismus aber nochmal richtig Fahrt aufgenommen, und Donald Trump wurde zum Pressesprecher der Apokalypse

OZARK ist wohl die erste TV-Serie über Trumps Amerika. Wobei es zwischen den Kategorien „Drama“ und „Crime“ keinen Unterschied mehr macht (wie in ANIMAL KINGDOM bereits vorgeführt, hat sich die Familie längst kriminalisiert, um es sich in einem kriminellen System ein bisschen nett zu machen).

Im Endzeitkapitalismus entscheidet nur der Gewinn über ein „gutes Geschäft“. Weder Illegalität des Handelsgutes, Zerstörung von Lebensgrundlagen noch Betrug sind Kriterien, alleine Gewinn und Gewinnmaximierung zählen. Die Lemming-Mentalität des Feudalkapitalismus hat den Planeten fest im Würgegriff.


Auch den White-collar-Gangster Marty Byrd (grandios verkörpert von Jason Bateman), der als Anlageberater Spezialist für Geldwäsche ist. Marty wäscht Geld für das „zweitgrößte mexikanische Kartell“. Leider hat sein Partner dem Großunternehmen Geld gestohlen – was zu extremen Konsequenzen führt. Marty kann sich und seine Familie nur retten, wenn er innerhalb eines kurzen Zeitraums eine ungeheure Menge Geld für den Manager des Kartells wäscht. Aus einem Irrglauben – und weil er aus dem von Finanz- und Drogenfahndern verseuchten Chicago raus will – zieht er mit der Familie nach Missouri an den Lake Orzak. „Mehr Küstenlinien als Kalifornien.“ Statt seine Vorhaben schnellstmöglichst umsetzen zu können, gerät er von einem Mist in den schlimmeren nächsten. Das haben die angelsächsischen TV-Autoren wirklich raus: Eine Situation immer weiter zu verschlimmern, bis man glaubt, dass nichts mehr geht. Und genau das sorgt ja für die Überraschungsmomente, die man bei deutschen Serien nie findet.

Und es gibt genügend Parallelhandlungen mit eigenen Entwicklungen (der schwule FBI-Soziopath hätte ein spin-off verdient), die aber effektiv mit dem Hauptstrang verzahnt sind.

Die einheimischen Hillbillys könnten einem Daniel Woodrell-Roman entsprungen sein. Da machen sogar Klischees Spaß.

Die Familie ist nicht länger emotionaler Rücksturzort. Martys Frau Wendy hatte eine offenbar unverzeihliche Affäre, und Marty sieht nun ihre Gemeinschaft als „Unternehmen zur Sozialisation und Aufzucht der Kinder“.

Der gerne genommene Vergleich mit BREAKING BAD ist nur oberflächlich: In BREAKING BAD gab es noch sowas wie Hoffnung in einer Welt, in der lediglich die mangelnde medizinische Versorgung eine Hochschullehrer in die Kriminalität treibt. In ORZAK sind so ziemlich alle Personen so mies, das man kotzen könnte – wenn sie nicht so unterhaltsam wären.

Sein Sohn erklärt einer verblüfften Lehrerin, warum man den Drogenhandel differenziert sehen muss: „Durch das Drogengeld war 2008 die einzige Möglichkeit, das Bankensystem zu retten. Sonst wäre alles noch schlimmer geworden.“
Und ein lokaler Großunternehmer vermeldet – eines Lobbyparlamentariers würdig – : „Ich schaffe Arbeitsplätze. Ohne Mohn würde hier ein Drittel aller Arbeitsplätze wegfallen.“ Erpressungsrhetorik, wie wir sie regelmäßig von der Auto- und anderen Industrien hören und genauso wahr.

Der künstliche Lake Ozark, deren Anwohner weitgehend von Tourismus und Kriminalität leben, ist eine schöne Metapher für die Entfremdung des Menschen von sich selbst und der Natur: Kapitalismus schuf und schafft Scheinbedürfnisse, die künstlich sind und letztlich in die Zerstörung führen. Für das Wasserkraftwerk wurde eine gewachsene Natur überflutet und mit dem künstlichen See eine scheinbar schöne Oberfläche geschaffen, die zweckgebunden ist.

Die Serie ist komisch, brutal, dramatisch, verblüffend, manchmal nervig(aber selten), literarisch, grandios gefilmt und gespielt und spannend. Die dritte Season wird gedreht und ich freue mich erstmal auf die zweite, die sogar noch besser als die erste sein soll.

P.S.: Hier irrt übrigens MiC in seinen vorangegangenen Analysen: Die Familie bildet in den aktuellen Serien kein hoffnungsvolles Rückszuggebiet mehr. Siehe seine bemerkenswerte Betrachtung unter:
https://martincompart.wordpress.com/2018/10/29/mics-tagebuch-oktober-2018/

PPS: Letztlich die erste Serie, in der der anthropologische Pessimismus nicht mehr hinterfragt wird, sondern gesetzt ist. Make America great… it had never been. Oder wie Matthew Quick 9n ANSTAND schrieb: „Bei den Deutschen waren die Nazis irgendwann weg, die amerikanische Regierung ist immer noch da und fühlt sich wohl.“