Martin Compart


JEAN-CHRISTOPHE GRANGÉ: ARCHÄOLOGE DES BÖSEN /2 by Martin Compart


Dass die französische Noir-Kultur hoch entwickelt ist, darf man wohl eine Binsenweisheit nennen.
Es gibt wohl kein anderes Land, in der die Kriminalliteratur allgemein und die Noir-Kultur eine größere Anerkennung genießt und über eine vergleichbare Infrastruktur verfügt.
Trotzdem findet man dort gelegentlich Arroganz und Tunnelblick. Es gibt dort Noir-Puristen, die aus fadenscheinigen Gründen den weltweit erfolgreichsten Noir-Autoren Grangé nicht als „schwarzen Schriftsteller“ anerkennen. Der Vorwurf, er sei nicht soziologisch oder politisch genug ist ja leicht als schwachsinnig zu entlarven. Welche ungelüfteten Vorstellungswelten!

Nur weil er sich wenig um die Probleme im Banlieue kümmert und zu breiteren Blickwinkeln neigt, ist er alles andere als apolitisch. Die Weltsicht von Grangé unterscheidet sich nicht von der „puristischer Autoren“, sie geht nur häufig thematisch über Provinzsoziologie hinaus.
Auch in seinem Blick auf die Welt ist es längst zu spät, um die Korruption auszurotten.
Auch seine Protagonisten können den Gang der Welt nicht wirklich kontrollieren und höchstens eine Wahl treffen, wie sie in ihr leben oder untergehen.

Aber Erfolg kann bekanntlich einsam machen. Und da sich Grangé auch selten bei „Klassentreffen“ der Krim-Szene sehen lässt, steigert das nicht unbedingt seine Beliebtheit bei Kollegen und den üblichen Szene-Bürokraten.

Ich habe noch nie einen Literaturpreis gewonnen, auch keinen der Kriminalliteraturszene. Für die Literaturszene bin ich zu noir , und für die Noir-Szene bin ich zu erfolgreich und werde naserümpfend als Thriller-Autor abgestempelt. Aber was ist der Unterschied zwischen einem Noir-Roman und einem düsteren Thriller? Wohl nur der Verlag, in dem man veröffentlicht.“

Selbst in Frankreich halten sich noch abgestandene Vorurteile gegenüber dem Genre in der Kultur-Bourgeoisie, die verängstigt auf die Noir-Literatur als Poesie der Citoyens starrt.

Es gibt noch immer das Vorurteil, dass der Thriller ein minderwertigeres Genre ist, aber das heimtückischste ist, dass es innerhalb des Thrillers eine Menge Snobismus seitens derer gibt, die soziologische Romane schreiben, oder historisch-politische anderen Autoren gegenüber. Besonders, wenn diese mehr Bücher verkaufen.“

Bekanntlich gibt es bis heute keine allgemeinverbindliche Definitionen von Kriminalliteratur oder dem Noir-Genre. Für beide gilt wohl der legendäre Satz des US-Richters Potter Stewart von 1964: „Ich kann sie („hard-core pornography“) nicht definieren, aber ich erkenne sie, wenn ich sie sehe.“

Alle Grangé-Romane sind politisch.

Besonders das neokoloniale Afrika, in das Frankreich tief und unrühmlich verwickelt ist, wird von ihm seit dem Erstling DER FLUG DER STÖRCHE immer wieder thematisiert. Der bisherige Höhepunkt dieses Anliegens sind die beiden Romane PURPURNE RACHE und SCHWARZES REQUIEM, die zugleich eine zuriefst verstörende Familien-Saga sind und die französischen Verstrickungen im Kongo an der Figur des Patriarchen und politischen Agenten Gregoire Morvan aufarbeiten. „Grégoire ist nur die Verkörperung dieser schwierigen Beziehungen zum Kongo. Die schrecklichen Verhaltensweisen, die er im Kongo präsentiert, zeigen, wie Frankreich in den 70er Jahren die Kolonien mit Verachtung und gleichzeitig mit einer Art herablassender Zuneigung ausbeutete. Es war eine Ära, in der man Geschäfte machte, bei denen man gleichzeitig diese Länder verachtete und ausplünderte. Aus diesem Grund sind die französischsprachigen afrikanischen Staaten derzeit vielleicht rückständiger als die früheren britischen Kolonien.“

Die Kriminalliteratur entdeckte Grangé während seiner langen Flugreisen als Journalist. Als Lieblingsromane nennt er: „James Ellroys BLUTSCHATTEN, Martin Cruz Smiths GORKY PARK, Sébastien Japrisots DAME MIT BRILLE UND GEWEHR und Claude Klotz KOBAR. Als ich anfing zu schreiben, gab es eine Welle des neopolar, mit viel sozialem Bewusstsein und sehr armen Intrigen; Romane, die darauf hinausliefen, dass die bösen Jungs Rechte waren. Das war mir zu wenig.“ Es muss wohl nicht extra erwähnt werden, dass Rechte auch in Grangés Literatur keine Sympathieträger sind.

Vielleicht könnte man einige Romane von Grangé als cross-over-Literatur bezeichnen – ich denke da besonders an den Esoterik-Thriller DER STEINERNE KREIS, aber manche Vergleiche sind an Dämlichkeit schwer zu überbieten. „Ich wurde mit Stephen King verglichen, den ich nie gelesen habe. Man nannte mich auch im Zusammenhang mit Grisham und anderen Angelsachsen, aber unsere Welten sind so verschieden.“
Großräumig könnte man ihn vielleicht – wenn überhaupt – ein wenig mit Michael Crichton vergleichen, was das Einarbeiten wissenschaftlicher Fakten oder Spekulationen angeht, aber was die Düsternis seiner Romane angeht, steht er deutlich in den Traditionen der französischen Literatur.

„Wenn ich ein Buch anfange, beginne ich immer mit Erinnerungen von meinen Reisen. Dann mache eine sehr genaue Zusammenfassung und fange dann erst an zu schreiben. Während ich schreibe, recherchiere ich mehr und mache kleine historische oder wissenschaftliche Einschübe, die auch für die Entwicklung der Charaktere wichtig sind. In beiden Fällen mache ich sehr realistische Beschreibungen, um die Tatsache auszugleichen, dass die Geschichten in meinen Romanen übertrieben wirken Die detaillierten und realistischen Einschübe helfen dem Leser, die Fakten des Romans als glaubwürdig und überzeugend wahrzunehmen.“

Bei all meiner Verehrung für Grangés großes Können, muss man aber auch feststellen, dass er häufig zum „overplotten“ neigt und das kann dem Romanende, dass ja meist als Höhepunkt angelegt ist, einiges an Plausibilität oder Durchschlagskraft nehmen. Diese Explosionen können im Finale auch Nebel über die Logik werfen.

„Meine Vorstellungen von Noir-Literatur wurden durch meine Kindheit geprägt. Sie war glücklich, aber durch die Abwesenheit meines gefährlichen Vaters geprägt. Ich bin also mit diesem allgegenwärtigen Gefühl der Gefahr aufgewachsen, auch wenn niemand in der Familie jemals darüber gesprochen hat. Dies hat die Entwicklung meiner Persönlichkeit beeinflusst, was zu einer Reihe von Albträumen geführt hat, aber gleichzeitig diesen Geschmack für Angst schuf, einen Geschmack, der jedes Mal wieder auftaucht, wenn ich schreibe. Eine Idee für ein Buch, ist definitiv eine sehr, sehr schwarze Idee. Das heißt, in meinem täglichen Leben bin ich eine ganz andere Person als wenn ich am Schreibtisch sitze.

Identitätssuche, Verschleierung und Identitätsauslöschung sind immer wieder kehrende Themen. Ähnlich wie die Kombination aus – wie zuvor angesprochen – problematischer Vaterfigur und mies sozialisierter Sohnfigur bei den Ermittlern.

„Es ist auch kein Zufall, wenn meine Bücher immer zur Suche nach Ursprüngen und Identitäten führen. Das spricht mich am meisten an. Ich suche gerne nach den Rissen der menschlichen Seele. Ich mag aber auch dieses Bild des Helden, der den Fluss des Bösen gegen den Strom hinauffährt. Alle meine Bücher sind so angelegt. Als ich als Kind Kriege, Hungersnöte, Konzentrationslager entdeckte, konnte ich es nicht verdauen.“

Sein Werk durchzieht die These, dass die Vergangenheit die Gegenwart nicht bestimmt, sondern verflucht. Dies begreift er global.
So behandelte er etwa in CHORAL DES BÖSEN eines der miesesten Kapitel der französischen Außenpolitik: Um nach der Unabhängigkeit Kameruns den zum Ministerpräsidenten und de facto Diktator aufgestiegenen Ahmadou Ahidjo weiterhin an Frankreich zu binden, schickte man Spezialtruppen, die das Land gegen jegliche Opposition mit Terror überzogen. Alle Akten dazu wurden vernichtet und viele Franzosen erfuhren erst durch Grangés Roman non diesem verdrängten Schandfleck in der an Schandflecken bis heute reichen Geschichte Frankreichs.

„Ich möchte verstärkt die Kriege im Kongo oder auch in Syrien behandeln. Vergessene oder ignorierte Kriege. Die Kriege, die festgefahren sind, interessieren die. Menschen nicht mehr, obwohl weiterhin Bomben fallen. Was in Frankreich passiert, interessiert mich kaum noch. Provinzielle Eigeninteressen spalten die Gesellschaft, werden lautstark zum Stresstest der Demokratie hochgeputscht, während Kinder zu Hunderten in aller Stille auf der anderen Seite der Welt getötet werden.“

Advertisements


SCHWARZES REQUIEM von Jean-Christophe Grangé by Martin Compart

„Afrikanischer Wahnsinn war doch das einzig Wahre.

Gégoire Morvan, graue Eminenz des französischen Innenministeriums, hütet dunkle Geheimnisse aus seiner Vergangenheit in Katanga. Dort hatte er Anfang der Siebzigerjahre einen bestialischen Killer zu Fall gebracht. Doch jener Nagelmann, der seine Opfer einem grausamen Ritual folgend mit Nägeln und Spiegelscherben gepickt zurückließ, scheint einen Nachfolger zu haben.
Sein Sohn Erwan begibt sich in den Kongo um die wahre Geschichte seines Vaters zu ergründen. Er ahnt nicht, dass er damit das Tor zur Hölle öffnet…“

Während in Frankreich diese Fortsetzung von PURPURNE RACHE bereits nach sieben Monaten erschien, musste der deutsche Leser zwei Jahre warten!

SCHWARZES REQUIEM
26,00 € Bastei Lübbe, Hardcover; 688 Seiten.
ISBN: 978-3-431-04081-4

„Man schreibt über Dinge, mit denen man Probleme hat. Ich habe Probleme mit Gewalt“, ist das literarische Credo von Jean Christoph Grangé.

Wer bezweifelt, dass wir im vermeintlichen Diesseits längst im Fegefeuer schmoren oder uns aus den Höllenkreisen nach innen vorarbeiten, muss nur die Romane von Jean-Christopher Grangé lesen. Der Perversion einer unkontrollierten (und inzwischen auch unkontrollierbaren) Ökonomie verdichtet er die Abstrusitäten seiner wie Hefe quellenden Phantasie.

Mehr als jeder andere Autor hat er die Kriminalliteratur mit der Weird Fiction verbunden.

Grangé neigte immer zu labyrinthischen Plots, die nicht jeder mag. In diesen beiden Bänden treibt er es auf die Spitze und strapaziert die Glaubwürdigkeit beim Leser. Ich kann damit gut leben, da die Romane in ihrer Gesamtheit faszinieren und Grangé bei allen Verknüpfungen mit der Realität einen eigenen Kosmos geschaffen hat; das gelingt nur großen Autoren.

Nicht nur In seinen Reisebeschreibungen des Verfalls erinnert er häufig an Malraux; seine Sprache ist häufig durchsetzt von ähnlicher Poesie.

Oft benutzt er Schauerelemente des französischen Feuilleton-Romans oder der britischen Gothic-Novel und aktualisiert sie, verpflanzt sie in aktuellen Kontext. Damit haben deutsche Rezensenten häufig Schwierigkeiten, weil sie die literarischen Traditionen außer Acht lassen.

Grangé war nie ein sonniger Springinsfeld, aber man konnte doch beobachten, wie seine Romane immer düsterer wurden. Mit CONGO REQUIEM hat er seinen Pessimismus nochmals gesteigert.
Eva-Maria Reich schrieb treffend in ihrer Leserkritik bei Amazon: „Der Titel ist Programm, die Geschichte der unvorstellbaren Gräueltaten im Kongo bis zu den tiefsten Niederungen der psychopathischen Ärzte, die gesamte Familie des Padre ,ein einziges Konglomerat an Gewalt ,Zerstörung und Grausamkeit. Jean Christphe Grange ist ein meisterhafter Erzähler einer Geschichte von Macht ,Verrat, sinnlosem Morden, Korruption und viel Geld, wie es auch heute noch im Kongo und in der ganzen Welt zugeht.“

Mit diesem Roman hat er ein Sequel zu PURPURNE RACHE (siehe auch: https://martincompart.wordpress.com/2016/12/29/hoerbuch-jean-christoph-grange-purpurne-rache/ ) vorgelegt, der die Familiengeschichte der Höllenbrut Morvan konsequent weitererzählt (und diese nicht nur am Rande des Irrsinn angesiedelten Extremisten sind die Sympathieträger des Buches; naja: vielleicht eher die Hauptpersonen).

Wie weit Grangé geht, sieht man auch daran, wie er einen rudimentären Sympathieträger über eineinhalb Romane aufbaut, um ihn dann zu zertrümmern. Nein, dieser Autor nimmt keine Gefangene.

Der Roman wird auf drei Ebenen erzählt (teilweise kommt als vierte die des alten Patriarchen hinzu), nämlich die der Familienmitglieder, die unterschiedlichen Horror durchleben. Der Kongo-Teil ist m.E. der stärkste Part des Buches, weil er die infernalischen Coltan-Kriege beleuchtet und uns einen Eindruck der Apokalypse vermittelt, die auch Europa erreichen wird.

„Die Rechnung war einfach: Sechshundert Säcke pro Tag beinhalteten je nach Tageskurs eine Rendite von sechshunderttausend Euro, wenn man die minimalen Kosten abrechnete – jeder Arbeiter erhielt einen Tageslohn von vier Dollar – , kam man auf ein Einkommen von etwa fünfhundertfünfzigtausend Euro am Tag… Morvan betrachtete die perforierten Abhänge. Die Eisengeräusche erinnerten an rasselnde Tuberkulose in einer geschwärzten Lunge.“

Ich kenne keinen anderen Kriminalliteraten, der die Realität so mit Grauen aufladen kann, dass zwischen den Zeilen manchmal eine mystische Ebene entsteht.

Früher hat Grangé dem Leser Angst eingejagt. In seinen beiden letzten Romanen vermittelt er keine Angst mehr, sondern verbreitet nur noch Horror. Denn seine optimistische Botschaft lautet: Ihr müsst euch in der Hölle nicht länger fürchten, denn alles ist verspielt und Erlösung nicht in Sicht.

Spätestens mit der Morvan-Saga ist Grangé zum Hieronymus Bosch der Kriminalliteratur geworden.

Die leider wieder gekürzte Hörbuchversion (immerhin 12 CDs!) ist ein unglaubliches Erlebnis: Dietmar Wunder war immer ein herausragender Textinterpret, immer mehr als ein Vorleser.
Aber was er in den letzten Jahren abliefert (ich denke da auch an die wunderbaren Hörbücher nach den Romanen des wunderbaren Tony Parsons) geht weit über ein gutes Hörbuch hinaus.

Dietmar Wunder ist zum eigenen Medium geworden, dass aus einer Lesung ein Hörspiel macht. Er gibt jedem Charakter eine so eigene, markante Stimme, dass man den Schauspieler und Interpreten kaum oder gar nicht mehr erkennen kann. Er geht in jede Stimmung auf und macht sie mit Temperament für den Hörer geradezu physisch erfahrbar – als wäre man in einem Streitgespräch anwesend und ausgeliefert.

Mit seinen Grangé- und Parsons-Interpretationen setzt Wunder neue Maßstäbe im Hörbuch.

Frankreich hat eine lange Tradition in der Flüchtlingsursachenbekämpfung durch Kannibalen.

REZENSION PURPURNE RACHE VON 2016:

Grégoire Morvan, graue Eminenz des französischen Innenministeriums, war in den Siebzigerjahren mit lukrativen Geschäften im Kongo erfolgreich. Und er hat dort den berüchtigten Killer Homme-Clou gefasst, der seinerzeit einem bestialischen Ritual folgend neun Menschen ermordet hat. Als an einer bretonischen Militärschule ein Toter gefunden wird, dessen grausame Entstellung dem Modus operandi des Homme-Clou ähnelt, und Morvans Familie akut bedroht wird, muss er sich mit allen Mitteln den Schatten einer Vergangenheit stellen, die niemals aufgehört hat, nach Blut zu dürsten …

0540754b9ecadb991

Diesmal habe ich mich beim neuen Grangé nicht auf die voluminöse Print-Ausgabe gestürzt, sondern auf das Hörbuch mit 12 CDs und einer Laufzeit von 765 Minuten! Grund dafür war Reiner Schöne als Sprecher. Seit den Hörbüchern der kurzlebigen deutschen Hard Case-Edition durch den Rotbuch-Verlag, hat sich Schöne bei mir in die erste Garde der Thriller-Sprecher eingefügt. Allerdings ist hier sein Vortrag etwas hektisch, was das Hörvergnügen unwesentlich beeinträchtigt.

Die Übersetzung von Ulrike Werner-Richter ist auch vom Sprachgefühl besonders hervor zu heben, di Übersetzerin (die für die deutsche Interpretation von Grangé am verantwortlichsten ist) wird in der Hörbuchausgabe leider nicht in angemessener Weise gewürdigt: Sie ist in der aufwendigen Umschlaggestaltung nicht mal erwähnt, was ich für skandalös halte.

Ich freue mich jedenfalls schon darauf, den Roman in einigen Monaten in seiner wahrscheinlich deutlicheren Vielfältigkeit zu lesen. Zu oft erlebe ich bei Hörbüchern generell ungeschickte Streichungen, die auf Kosten der Atmosphäre und des Stils gehen. Denn dann entdeckt man doch zusätzliche Details und Formulierungen, die beim Hörerlebnis nicht haften bleiben oder verloren gehen. Oder unterschlagen wurden? Man kann nur hoffen, dass ein zeitgenössischer Hochkaräter wie Grangé (dessen deutsche Buch-Lektorate einen ebenso schwierigen wie großartigen Job gemacht haben, dem Verlag erhalten bleibt, auch wenn er bei uns nicht mehr so erfolgreich wie in anderen Ländern ist.

7779646437_jean-christophe-grange1

Seit seinem Erstling FLUG DER STÖRCHE bin ich Fan von Grangé, trotz seiner qualitativ ungleichmäßigen Romane und den fast immer ins Auge fallenden Plot-Schwächen im letzten Drittel. Das gilt auch für PURPURNE RACHE, bei dem Grangé am Ende ein Kaninchen aus dem Hut zaubert. Auch seine Freude an der Genetik geht mir gelegentlich gegen den Strich, aber das ist Geschmackssache.

Ich bin ein Fan seiner Romane, weil er von allen zeitgenössischen Autoren das intensivste Gespür für das Unheimliche hat. Auch wenn er gelegentlich ins esoterische abgleitet, oder abzugleiten droht, vermitteln seine Thriller immer auch realistische Einblicke in den Horror einer Endzeitzivilisation.

Sein Sadismus steht in der Tradition der Gothic Novel und des Marquis de Sade. Mario Praz hätte an diesem späten schwarzen Romantiker Gefallen gefunden. für ihn gilt, was Paul Valery über J.K. Huysmans geschrieben hat: „Seine seltsamen Nüstern witterten schaudernd, was es an Ekelhaftem in der Welt gibt.“ Nicht umsonst ist dieser Neo-dekadente Autor zu Beginn des 21.Jahrhunderts der erfolgreichste französische Noir-Autor (mit Übersetzungen in über 20 Sprachen). Dabei ist er häufig experimentierfreudig und nutzt auf eigene Art erzählerische Strategien für seine düstere Weltsicht (in DAS SCHWARZE BLUT beispielsweise auf perverse Weise den Briefroman).

51smt2tm5il-_sx346_bo1204203200_1Stilistisch ist LONTANO, so der Originaltitel, sein bisher bester Roman, voller genauer Beobachtungen und schöner Formulierungen, die oft ätzende gesellschaftliche Zustandsbeschreibungen sind. Es ist auch ein Familienroman mit Protagonisten, die von der Ausbeutung der 3.Welt über staatliche Machtvertretung bis hin zur Prostitution und Finanzspekulation den aktuellen Stand gesellschaftlichen Aufstiegs (und Abstiegs) in Frankreich symbolisieren.

Grangé beleuchtet das seit Jahrzehnte andauernde Inferno Kongo, wo der Neo-Kolonialismus seit Jahrzehnten seine blutigste Spur hinterlässt. Ein Thema, das in unseren Medien so gut wie nicht stattfindet. Und das ist auch beabsichtigt- Denn die Entwicklungsgeschichte des Kongo könnte jedem Europäer vermitteln, wie viel Blut immer neu an seinen Händen klebt, wenn er auf seinem geliebten Smartphone sinnentleert herumdaddelt.

Auch in diesem Roman klingt wieder eines von Grangé s Lieblingsthemen durch: Für die Sünden der Väter, bezahlen die Kinder (war das je deutlicher, als in der heutigen Flüchtlingsdiskussion, die die kolonialen Wurzeln der Konflikte ausklammert?).

51w54zlvtjl-_sx343_bo1204203200_1



KATANGA by Martin Compart
18. Mai 2018, 12:22 pm
Filed under: Afrika, CIA, Conspiracy, Politik & Geschichte, Rezensionen, Söldner | Schlagwörter: , , , , ,

„Ist eine Nonne unter ihnen, die vergewaltigt wurde und Englisch spricht?“

…fragte TIME-Journalist Edward Behr nach der Befreiung von Stanleyville und brachte so einen Großteil der aktuellen Kongo-Berichterstattung auf den Punkt.

Die Unabhängigkeit des Kongo war eine Frühgeburt, bzw. eine Fehlgeburt ohne Schwangerschaft (denn die Kolonialmacht Belgien, die Anspruch auf den Titel dümmste und brutalste Kolonialmacht gewesen zu sein, hat, „entließ“ das Land völlig unvorbereitet mit gerade mal 14 universitär ausgebildeten Einheimischen formal aus seiner Knechtschaft).

Der „Wind of Change“, den Premierminister Harold Macmillan 1960 für Afrika verkündete, meinte wohl im übertragenen Sinne, dass die Europäer von Sklavenarbeit in die günstigere Tageslohnarbeit wechseln würden. Ein millionenschwer finanzierter und kontrollierbarer Despot, der mit eigenen Mitteln sein Volk ausbeutet, ist für die milliardenschweren Wirtschaftsinteressen der Europäer und Amerikaner (inzwischen auch der Chinesen) weitaus kostengünstiger als der Unterhalt von Kolonien.

Das alles begann mit der „Unabhängigkeit“ des Kongo, oder wie es Christopher Othen so treffend ausdrückt: „The events of 1960 are the ground zero of CIA-sponsored African dictatorships, private military contractors, conflict diamonds and global corporations picking clean the bones of Third World Countries



Christopher Othen

Katanga 1960-63: Mercenaries, Spies and the African Nation that Waged War on the World

The History Press Ltd; 2015. 256 Seiten

Othen nutzt bisher nicht erschlossene Quellen, die er persönlich ermittelt hat (so tauchen häufig seine E-Mail-Wechsel in den Fußnoten auf) um im Detail Aspekte von Kampfhandlungen oder persönliche Umstände herauszuarbeiten, die das Gesamtbild näher an den Leser heranbringen. Das gibt dem Buch über die genaue zeitgeschichtliche Darstellung hinaus eine zusätzliche Dimension.

Des weiteren nutzt er Material, dass viele Historiker vernachlässigen, da sie sich dafür zu fein sind und es nicht mal mit spitzen Fingern anfassen; etwa die Erinnerungen von Söldnern (dabei sind gerade diese subjektiven Wahrnehmungen, im richtigen Kontext gestellt, äußerst erhellend).

Auch da wo es richtig weh tut, ist Othens Buch genauer als vergleichbare: Er blendet die schwer begreifbaren Gräuel nicht mit einem so beliebten „Erwähnungssatz“ aus, sondern lässt Betroffene und Zeugen zu Worte kommen.
Was mir bisher in diesem Ausmaß neu war: Die sonst erst im Zusammenhang mit dem Simba-Krieg beschriebenen Kindersoldaten (Jeunesse) spielen bereits in dieser frühen Phase eine unheilvolle instrumentalisierte Rolle.

Der Autor schildert viele unbekannte Anekdoten. Etwa die über belgische Nazis, die sich trotz der offensichtlichen Wirtschaftsinteressen ihres Landes gegen Tschombe wenden, da sie einen Schwarzen nicht als Oberhaupt eines/ihres Landes ertragen mögen.

Othen bemüht sich natürlich um Objektivität, aber die Fakten verdeutlichen nun mal das schmutzige Geschäft und die schändlichen Eigeninteressen aller Beteiligten. Hier gibt es keine „Guten“, nur böse und hässliche.

Christopher Othen hat als Journalist gearbeitet und lebt zur Zeit als Englischlehrer in Warschau. Er hat ein Händchen für ungewöhnliche Themen und zeithistorische Lücken. In LOST LIONS OF JUDAH berichtet er über die ausländischen Söldner, die Haile Selassie im Krieg der Äthiopier gegen Italien unterstützten (darunter extrem interessante und durchgeknallte Charaktere).

Christophers Blog:

https://christopherothen.wordpress.com/

————————————————————————————

Für die Verlogenheit und Dämlichkeit der Katanga-Sezessionsberichterstattung ist diese „Doku“ im Auftrag der John Birch-Society ein erquickendes Beispiel:

siehe auch: https://martincompart.wordpress.com/2015/05/15/washingtons-soldner/



NEUES ÜBER DIE HEXE AUS ARKANSAS by Martin Compart
10. Juni 2016, 11:24 am
Filed under: Ekelige Politiker, NEWS | Schlagwörter: , ,

)

)

Wer noch kein Fan von ihr ist, wird es spätestens nach der Lektüre dieses Artikels:

https://theintercept.com/2016/06/09/hillary-clintons-state-department-gave-south-sudans-military-a-pass-for-its-child-soldiers/



BARLOW SPRICHT: by Martin Compart
11. Januar 2016, 11:03 am
Filed under: Afrika, Eeben Barlow, Politik & Geschichte | Schlagwörter: , ,

Martin Daniken hat mich mehrfach gefragt, was Barlow zu verschiedenen Themen denkt. Hier nun einige Antworten, die unseren eurozentrischen Blickwinkel erweitern.

 

Africa is the battleground of a war aimed at seizing control over its resources. The war is being waged on a military level and on an infrastructure/investment level. Both approaches ultimately aim at getting governments into a position of weakness. The West and the US in particular is opting for the militarization approach whilst the Chinese are adopting a more passive approach in terms of investment and resource extraction. It is however the military level that has seen the rise of proxy forces and other anti-government forces and thus created massive internal instability, resulting in IDPs and refugees. The Chinese investment model has paid off for the Chinese and has increased their influence dramatically. Of course, they do have problems from time to time but in general they abide by their agreements and do not interfere in the internal politics of a country. African governments have taken note of this. African governments have also taken note of the chaos the military approach is causing and the collateral damage across numerous fronts and this is resulting in a groundswell of anti-West and in particular anti-US sentiments in many African countries.

 

1431314689606[1]

The Russians have been slowly reassessing Africa and have started their return back to Africa. Given that the Russians and China have working agreements on numerous levels, it is conceivable that they will form joint-ventures with Chinese firms where necessary. Traditionally though, the Russians have also not interfered at the political levels although they were always supportive of anti-government forces that were malleable enough to be used to achieve then-Soviet aims. I suspect they will focus on military equipment sales as their equipment has been proven in Africa and is known to work here.

 

This email has been sent from a virus-free computer protected by Avast. www.avast.com