Martin Compart


ZU UNRECHT VERGESSENE SONGS by Martin Compart
6. Juli 2018, 2:49 pm
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DIE SONNE, DER MOND & DIE ROLLING STONES von RICH COHEN by Martin Compart
15. Juni 2018, 3:41 pm
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Über die Rolling Stones gibt es inzwischen wohl genau so viele Bücher wie über Sherlock Holmes und James Bond. Man schätzt die Zahl auf über tausend. Ich selbst habe mit einem Titel dazu beigetragen (https://www.amazon.de/2000-LIGHTYEARS-HOME-Zeitreise-Rolling-ebook/dp/B006UJFVUO/ref=sr_1_15?ie=UTF8&qid=1529060810&sr=8-15&keywords=martin+compart). Kaum ein Aspekt der Stones, der nicht in Büchern abgehandelt wurde und wird.

Wenn jemand aus autobiographischer Perspektive ein Buch über die Stones verfasst, muss er über originelle Verknüpfungen berichten und überhaupt verdammt gut schreiben können. Sonst ist es peinlich oder, noch schlimmer, langweilig.

Rich Cohen ist ein verdammt guter Schreiber und ihm ist eines der besseren Bücher über die Stones gelungen. Seine Qualitäten hat der „Rolling Stone“- und „New Yorker“-Autor bereits 1998 unter Beweis gestellt mit dem Buch MURDER INC., die Geschichte der jüdischen Mafia in Brooklyn (ein tolles Buch!).

1968 geboren, hat er einen anderen Zugang zu den Stones als die meist früher geborenen Autoren, deren Bücher sich vor allem unproportional mit den 1960er Jahren befassen. Dies tut Cohen hier auch, aber eben aus dem Blickwinkel des „Nachgeborenen“, was oft zu witzigen Formulierungen und Einordnungen führt. „Es war der Faktor Zeit, der mich von diesen Jungs, dieser ganzen Generation, trennte. Ich hatte alles verpasst; 1964, 1969, 1972 – all die entscheidenden Jahre. Ich war zu spät gekommen. Alles Entscheidende war längst passiert… Vor uns kamen die Babyboomer, die alle nur erdenklichen Ressourcen verpulverten und jede Menge Spaß hatten. Nach uns kamen die Millenials, die aus der Welt einen virtuellen und unwirtlichen Ort machten. Die Boomer hauten nicht nur ihre eigene Jugend auf den Kopf, sondern unsere gleich mit.“

Er lernte die Stones persönlich 1994 kennen, begleitete sie für den „Rolling Stone“ und war Co-Autor der TV-Serie VINYL von Mick Jagger und Martin Scorsese. Diese Serie war eine der besten überhaupt. Leider wurde sie wegen der Ignoranz des amerikanischen Publikums und der hohen Produktionskosten nach nur einer Season abgesetzt, was sogar schlimmer ist, als das vorzeitige Ende von DEADWOOD.

Cohens Erweckungserlebnis geschah 1976 als er zum ersten Mal HONKY TONK WOMEN hörte: „Die Kuhglocke, die den Song einleitete, klang für mich wie der Ruf eines Muezzins, der mir das Tor in ein neues Leben öffnete.

Es gelingt Cohen aus allbekannten historischen Momenten neue Funken zu schlagen, wie etwa das legendäre Aufeinandertreffen von Jagger und Richards 1961 am Bahnhof von Dartford.

Das Buch gibt auch unbekannte Einblicke in die Welt der Stones in den letzten zwanzig Jahren. Aber es ist vor allem Cohens Nostalgie, an der man sich erfreuen kann:

„Je rarer ein Fundstück (Bootlegs), desto größer die Befriedigung. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, das die heutigen User von Napster, YouTube usw. schon gar nicht mehr kennen. Heute ist jede Rarität nur einen Mausklick entfernt. Was sind die Millenials doch bloß für arme Schweine! Sie werden nie das Glücksgefühl erleben, auf den Mitschnitt eines Konzertes zu stoßen, das die Stones 1964 auf Eel Pie Island gaben, nie verstehen, warum man endlose Stunden damit verbrachte, Lieblingssongs in die richtige Reihenfolge zu bringen.“

Kurzum: Endlich mal wieder ein gutes Buch über die Stones, das nicht durch Aufmachung und Abbildungen von Devotionalien, David Baily-Fotos und dem üblichen Kram daherkommt.

Stattdessen gibt es originelle Gedanken, eine grandiose Schreibe und viel neues zu erfahren. Ein intelligentes, kritisches, selbstironisches Fan-Buch. Absolut lesenswert.

I mean – really!



Top 10 Americana Alben 2017 Von Hanspeter Eggenberger by Martin Compart
29. Dezember 2017, 9:12 pm
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Americana, was ist das überhaupt? Die Americana Music Association (AMA) definiert es so:

Americana is contemporary music that incorporates elements of various American roots music styles, including country, roots-rock, folk, bluegrass, R&B and blues, resulting in a distinctive roots-oriented sound that lives in a world apart from the pure forms of the genres upon which it may draw. While acoustic instruments are often present and vital, Americana also often uses a full electric band.

Das Spektrum von Americana ist sehr weit. Es reicht von Country-Klängen, die für die US-Country-Radios „too country“ sind (ein Hank Williams würde da heute nicht mehr gespielt) bis zu experimentellem Electro-Folk, von akustischem Blues bis zu Psychobilly usw. Auch Stars wie Bob Dylan oder ZZ Top könnte man musikalisch unter Americana einordnen.

Mir ist zudem wichtig, dass es „handgemachte“ Musik ist, die als künstlerischer Ausdruck entstand. Also keine Sounds, die in den Marketingabteilungen der Musikindustrie ausgeheckt und/oder auf kommerzielle Tauglichkeit getrimmt wurden. Und übrigens: Americana muss nicht zwingend aus Amerika kommen.

Seit mehr als 15 Jahren erstelle ich jährlich eine Jahresbestenliste, seit 2005 publiziere ich diese auch in meinem Blog Americana und so weiter. Hier exklusiv vorab meine Top 10 des Jahres 2017. Es handelt sich dabei nicht um die allgemein beliebtesten, die meistverkauften oder meistgespielten Alben, auch nicht um die „wichtigsten“ oder „bedeutendsten“ – die Auswahl ist radikal subjektiv: Es sind meine Lieblingsalben dieses Jahres. Ausgewählt aus rund 150 in diesem Jahr erschienen Produktionen. Und dabei interessieren mich Neuentdeckungen im Prinzip mehr als bereits Etabliertes. Wer mehr davon möchte, findet spätestens ab 1. Januar 2018 in meinem Blog http://americana-usw.blogspot.de/ meine auf 20 Titel erweiterte Topliste.

1. Matt Patershuk: Same As I Ever Have Been
(Black Hen Music)

Den kanadischen Singer/Songwriter Matt Patershuk hörte ich im letzten Jahr zum ersten Mal. Mit seinem Album „I Was So Fond of You” (Rang 3 meiner Topliste) beschäftigte er sich mit dem Tod seiner Schwester – ein besoffener Autofahrer hatte die junge Künstlerin totgefahren: ein bitterzartes Werk, berührende Songs, wunderschön arrangiert. Auch wenn das neue Werk – wiederum produziert und begleitet vom Multiinstrumentalisten Steve Dawson (dessen Wirken für andere Künstler mir besser gefällt, als seine eigenen Alben) – nicht mehr so traurig klingt, ist es doch eher auf der melancholischen Seite angesiedelt. Gute Songs, ein Sound zwischen Country, Folk und Rock, und ich mag Patershuks Stimme und seine Art zu singen – mein Album of the Year.

2. Emily Duff: Maybe in the Morning
(Mod Prom Records)

Die New Yorker Singer/Songwriterin Emily Duff ist zwar schon etliche Jahre im Geschäft, doch für mich gehört sie zu den Entdeckungen des Jahres. Ihr neues Album hat sie in den FAME Studios in Muscle Shoals, Alabama, aufgenommen, der Wiege des „Muscle Shoals Sounds“. Hier entstanden in den 1960er-Jahren legendäre Soul-Aufnahme etwa von Wilson Pickett, Etta James und Aretha Franklin. Die Aufnahmen von Emily Duff haben etwas von diesem Soul-Groove. Und das Gemälde auf dem Album-Cover würde ich gerne bei mir an die Wand hängen.

3. Zephaniah OHora with the 18 Wheelers: This Highway
(Last Roundup Records)

Mein neuester Lieblings-Countrysänger ist ein Frisör aus New York City: Zephaniah OHora schreibt und singt wunderschöne Songs auf erfrischend altmodische Art. Definitiv „too country for country radio“ …

4. Jeremy Pinnell: Ties of Blood and Affection
(Sofaburn Records)

Der Sound von Jeremy Pinnell klingt auf Anhieb nach gekonntem, aber eher harmlosem Honkytonk. Aber der Gesang belehrt einen sofort eines Besseren, sowohl von der Stimme her wie von den Worten, die diese singt. Es geht um Drogen, Alkohol, Knast, um ein Leben ganz unten, und der Mann weiss, wovon er singt. I got tired of going to jail every time I’d drink a beer / When you wake up in the morning and you knew your time was near. Schon sein erstes Album „OH/KY“ hatte mich umgehauen (Rang 3 auf meiner Liste 2015). Nebenbei: Jeremy Pinnell stammt aus dem Grenzgebiet von Ohio und Kentucky, in dem das Noir-Debüt „Pike“ von Benjamin Whitmer spielte (deutsch: „Im Westen nichts“, 2017, Polar), und er hat auf seinem kahlgeschorenen Schädel über dem einen Ohr den Umriss von Ohio, über dem anderen den Umriss von Kentucky tätowiert.

5. Dori Freeman: Letters Never Read
(Blue Hens Music)

Dori Freeman aus der Kleinstadt Galax in den Appalachians in Virginia, die für ein traditionsreiches Bluegrass-Festival bekannt ist, hat mich schon 2016 mit ihrem Debütalbum betört (Rang 5 auf meiner Liste 2016). Eine phantastische Sängerin, was auf dem ersten wie auf dem zweiten Album je ein A-capella-Song schön beweisen. Teddy Thompson produzierte beide Alben und begleitet Dori als Gitarrist; er ist der Sohn der britischen Folk-Legenden Richard & Linda Thompson („I Want to See the Bright Lights Tonight“). Folk/Country der eher melancholischen Art; in einem Interview sagte Dori Freeman neulich, sie habe noch nie einen „happy Song“ geschrieben.

6. Jim Keaveny: Put It Together
(self-released)

Der Singer/Songwriter Jim Keaveny ist ein verrückter Hund. Er ist aus dem Norden nach Terlingua, Texas, gezogen, ein abgelegenes Kaff am Rio Grande, in Sichtweite zu Mexiko. Dort hat er zusammen mit seiner Freundin zunächst im Wohnmobil gehaust und sich selbst ein kleines Haus aus Holz gebaut; die Dusche wird durch die Regentonne gespeist. Um Geld für sein neues Album zu sammeln, ist er mit dem Fahrrad von der Westküste an die Ostküste gefahren und hat bei lokalen Medien Halt gemacht und unterwegs seine Songs vorgetragen. Seinen näselnden Gesang begleiteten im Studio Musikerfreunde virtuos, unter anderem mit Mariachi-Trompete und Akkordeon.

7. Lee Ann Womack: The Lonely, the Lonesome & the Gone
(ATO Records)

Eine der Überraschungen des Jahres. Die 51-jährige Lee Ann Womack war seit den 1990ern als Country-Sängerin zwischen Neotraditionalismus und Countrypop bekannt; sie hatte eine Reihe von Hits im Country-Radio. Sie war immer eine sehr gute Sängerin, aber sehr kommerziell orientiert. 2008 brach ihre Karriere ab; erst 2014 veröffentlichte sie auf einem kleinen Label wieder ein Album. Und jetzt dieses starke Stück mit eher düsteren Songs. Womack hat immer schon eigene Songs geschrieben, aber dies ist das erste Album mit vorwiegend eigenen Songs, dazu kommen ein paar für sie geschriebene Lieder sowie einzelne Klassiker, darunter eine unter die Haut gehende Version der dunklen Ballade „Long Black Veil“. Und dass Lee Ann Womack auf dem Album-Cover mit Zigarette posiert, gilt in den heutigen USA schon als rebellisch.

8. JD McPherson: Undivided Heart & Soul
(New West Records)

Sein drittes Album nach „Signs & Signifiers“ (2012) und „Let the Good Times Roll“ (Rang 7 auf meiner Liste 2015) hat der begnadete Neo-Rockabilly-Musiker JD McPherson im legendären RCA Studio B aufgenommen, wo Grössen wie die Everly Brothers, Roy Orbison und Elvis Presley gearbeitet haben. Rock ’n’ Roll mit einer souligen Note.

9. Tom Russell: Folk Hotel
(Frontera/Proper Records)

Tom Russell ist ein Veteran, dessen Arbeit ich seit den 1980ern verfolge, ein weltläufiger Intellektueller und ein toller Sänger. Der studierte Kriminologe aus Kalifornien arbeitete in Nigeria, lebte unter anderem in Kanada, Norwegen und Spanien. Er interessierte sich für die Beat-Literaten und führte während 20 Jahren einen Briefwechsel mit Charles Bukowski. Musikalisch begann er in der Folkszene, wandte sich dann der Countrymusik zu. Inzwischen hat er rund drei Dutzend Alben veröffentlicht. Auch andere nahmen Songs von ihm auf, darunter etwa Johnny Cash („Veteran’s Day“). Sein neues Studioalbum „Folk Hotel“ ist eine Hommage an den Folkszene im Greenwich Village im New York der 1960er-Jahre mit 13 eigenen Songs und einem Bob-Dylan-Cover („Just Like Tom Thumb’s Blues“ im Duett mit Joe Ely). Zum Album gibt es auch ein Buch mit den Geschichten hinter den Songs und je einem Gemälde von Tom Russell zu jedem Song.

10. Eilen Jewell: Down Hearted Blues
(Signature Sounds)


Eigentlich singt Eilen Jewell völlig unspektakulär. Trotzdem bin ich immer wieder hin und weg, wenn sich sie höre. Ob sie einen ihrer starken Songs, wie zum Beispiel „Rich Man’s World“ vom Album „Letters From Sinners & Strangers“ (2007 auf Rang 4 meiner Liste), singt oder was auch immer. Auf ihrem aktuellen Album singt und spielt sie mir ihrer Band Blues. Covers von Willie Dixon, Betty James, Frankie Sims, Memphis Minnie, Big Maybelle und anderen.



Der Noir-Fragebogen mit Hanspeter Eggenberger by Martin Compart

Den Bünnagelschen Fragebogen füllt heute einer der profiliertesten Krimi-Kritiker aus. Seit Jahrzehnten im Geschäft, zeichnen sich seine zahlreichen Rezensionen und Portraits durch großes Fachwissen, mitreissenden Stil und Liebe zum Genre aus. Er gehört zu den wenigen deutschsprachigen Rezensenten, die das Niveau der Kriminalliteratur-Rezeption auf eine höhere Ebene geführt haben.

Ein paar Worte zu Deinem bisherigen Leben

Schreibe derzeit mit der Kolumne „Krimi der Woche“ im Zürcher „Tages-Anzeiger“ wieder mal für ein grösseres Publikum über Kriminalliteratur (krimi.tagesanzeiger.ch). Mein tägliches Brot, und gerne auch ein Steak dazu, verdiene ich mit Text- und Redaktionsarbeiten für Verlage und andere Unternehmen.
Mit 20 erste Anstellung auf einer Redaktion. Neben dem Journalismus im Kulturbereich aktiv, alternatives Kino u.a. In den 1980ern Kulturchef und Filmkritiker bei der „Berner Zeitung“. Höhepunkt: „BZ Krimi-Sommer“ – einen ganzen Sommer lang täglich Beiträge zur Kriminalliteratur, beworben mit sechs Weltformat-Plakatsujets: von kurzen Buchtipps bis zu grossen Autorenporträts, darunter auch Beiträge von Jörg Fauser. Erstmals Kontakt mit Martin Compart (damals bei Ullstein).
Dann bei diversen Zeitungen und Magazinen in Zürich vor allem, aber nicht nur, im Kulturbereich. Seit 2001 selbständig. Zwei etwas unregelmässig bewirtschaftete Blogs: seit 2005 http://americana-usw.blogspot.de/ („Über handgemachte Musik: Roots Rock, Country, Rock ’n’ roll, Folk, Blues, Rockabilly, Singer/Songwriter, Cajun, Zydeco, TexMex und so weiter“); seit 2011 http://krimikritik.blogspot.de/

Literarische Aktivitäten (nenne einige Übersetzungen, Lektorate, Nachworte usw).

Keine im Noir- bzw. Krimi-Bereich. Nur Texte zu Kriminalliteratur in Zeitungen und Magazinen, in neuerer Zeit auch Online.

Berufungen neben dem Schreiben?

Ich würde es eher Passionen nennen als Berufungen: Americana (Musik, passiv), gutes Essen (auch selbst gekocht) und Wein, zeitgenössische Kunst, Südfrankreich.

Film in Deinem Geburtsjahr?

„Touchez pas au grisbi“ („Wenn es Nacht wird in Paris“) von Jacques Becker. Kinodebüt von Lino Ventura, in der Hauptrolle Jean Gabin.
Es gab in diesem Jahr andere nette Streifen wie „Johnny Guitar“, „On the Waterfront“ („Die Faust im Nacken“), „Rear Window“ usw.

Was steht im Bücherschrank?

Zwischen Adcock und Zeltserman – ja die Bücher stehen alphabetisch geordnet im Regal –unter vielen anderen von Lieblinge wie Algren, Ambler, Bruen, Bukowski, Burke, Campbell, Chandler, Crumley, Disher, Ellroy, Estleman, Fante, Gores, Grady, Guthrie, Hammett, Hunter, Izzi, Lowry, Montecino, Newman, Pelecanos, Sallis, Spillane, Stark, Thomas, Thompson, Westlake, Willeford, Woodrell.
Auf den wenigen Regalbrettern, die nicht von englischsprachigen Autoren belegt sind, stehen etwa Fauser, Glauser und Schmidt, Manchette und Vian, Sciascia, Rönkä.
Dazu viele Bände über Musik, Film, Kriminalliteratur, Kunst, Architektur, Design, Typographie, Autos. Und Kochbücher.

Was war Deine Noir-Initiation (welcher Film, welches Buch)?

1979 war ich für einen Monat in Paris, um mein Französisch aufzupolieren. Ich hatte mich zuvor schon mit dem Film noir auseinandergesetzt, in der Literatur war ich zu dieser Zeit bei den Nachfolgern von Hammett und Chandler. Ich war täglich mehrmals im Kino in diesen Wochen, holte vor allem alte amerikanische Noirs nach, die in zwei Kinos als Retrospektiven liefen.

Und dann lief da der neue Film „Série noire“ von Alain Corneau mit dem unvergessenen Patrick Dewaere in der Hauptrolle, eine Adaption von Jim Thompsons „A Hell of a Woman“.

In einer Buchhandlung stieß ich auf die zweite Ausgabe des neuen Krimi-Magazins «Polar» von François Guérif, die aus Anlass dieses Films Thompson gewidmet war. Ich verschlang das Magazin und ging in den Buchhandlungen auf die Suche nach diesem Stoff. So kam es, dass ich meinen ersten Thompson auf Französisch las: „1275 âmes» (bis heute weiß ich nicht, warum die Franzosen aus „Pop. 1280“ statt 1280 „1275 Seelen“ machten …).
Jim Thompson veränderte meinen Blick auf die Kriminalliteratur nachhaltig.

Welches Noir-Klischee ist Dir das liebste?

Die Femme fatale.

Ein paar Film noir-Favoriten?

Der absolute Favorit: „White Heat“ von Raoul Walsh (1949). Der Film beginnt damit, dass das Auto einer Gangsterbande unter der Führung von James Cagney, der unter der Knute seiner Mutter steht, unterwegs zu einem Coup auf einem Bahnübergang stehenbleibt, während ein Zug naht. Dann steigert sich das geniale Drehbuch bis am Ende James Cagney, umstellt von den Cops, mit einem irren Lachen auf einem Gastank steht („Made it, Ma! Top of the world!“) und – wumm!

Weitere Noir-Favoriten – neben all den US-Filmen aus den 1940ern und 1950ern:
„A bout de souffle“ von Jean-Luc Godard (1960): Nouvelle-vague-Noir mit dem jungen Belmondo und der bezaubernden Jean Seberg.

„Fat City“ von John Huston (1972): Neo-noir, grossartig gemachtes Boxer-Drama nach dem Roman von Leonard Gardner.

„Le samouraï“ von Jean-Pierre Melville (1967): Gangsterfilm mit Alain Delon. Stilbildend.

„Série noire“ von Alain Corneau (1979): Thompson-Verfilmung, siehe oben

„Stormy Monday“ von Mike Figgis (1988): Newcastle Neo-noir.

„Trouble in Mind“ von Alan Rudolph (1985): Endzeit in Rain City. Kris Kristofferson, Keith Carradine, Lori Singer, Geneviève Bujold!

Und abgesehen von Noirs?

Nach einem Dutzend Jahren als Filmkritiker und einigen tausend Filmen litt ich unter einer Überdosis an Scheissfilmen und hörte darum in 1990ern auf, ins Kino zu gehen. Darum sind meine Lieblingsfilme etwas älter.
„The Big Easy“ von Jim McBride (1987): Nur schon wegen dem Soundtrack (Cajun, Zydeco, Blues) lohnender New-Orleans-Krimi. Und wegen dem schiefen Lächeln von Ellen Barkin.

„The Last Picture Show“ von Peter Bogdanovich (1971): Verfilmung des Romans von Larry McMurtry – ein sehr lesenswerter texanischer Autor, ich mag auch die Fortsetzung „Texasville“, als Film wie als Roman.

„The Long Riders“ von Walter Hill (1980): Grossartiger Neo-Western um die James-Younger-Gang. Soundtrack – wie fast immer bei Hill – von Ry Cooder.

„Rembetiko“ von Kostas Ferris (1983): Musikdrama mit betörendem Soundtrack – Rembetiko ist so was wie der griechischen Blues.

„Streets of Fire“ von Walter Hill (1984): Alle fanden diesen Film blöd und voller Klischees, ich liebe ihn. Neon-Spiegelungen auf nassen Straßen, böse Buben auf Motorrädern, eine schöne Sängerin und tolle Musik. Soundtrack: Ry Cooder. Und The Blasters, eine meiner Lieblingsbands der 1980er, spielen im Club der Motorradgang.

„Two-Lane Blacktop“ von Monte Hellman (1971): Existentialistisches Road Movie der Extraklasse, mit Waren Oates und James Taylor (ja, der Musiker).

„Vanishing Point“ von Richard C. Sarafian (1971): Furioses Road Movie – und einer der Gründe, weshalb ich einen Dodge Challenger fahre.

Welche Film- oder Romanfigur würdest Du mit eigenen Händen umbringen?

All die unglaubwürdigen Krimihelden. Oder besser deren Erfinder.

Noir-Fragen – Dein Leben als Film noir

1. Im fiktiven Film noir Deines Lebens – welche Rolle wäre es für Dich?

Der schwarz gekleidete Typ, der etwas im Hintergrund an der Bar sitzt, alles sieht, aber nicht viel sagt.
Oder der Fahrer des Fluchtwagens.

2. Und der Spitzname dazu?

Man in black.

3. Welcher lebende (oder bereits abgetretene) Schriftsteller sollte das Drehbuch dazu schreiben?

Fauser. Oder Sallis.

4. Berühmtestes Zitat aus dem Streifen?

„Alles wird gut.“

5. Schwarzweiß- oder Farbfilm?

Farbe. Aber düster.

6. Wer liefert den Soundtrack zum Film?

Ry Cooder, who else?

7. Welche Femme fatale dürfte Dich in den Untergang führen?

Die betörende Lauren Bacall. Gerne auch Veronica Lake. Oder …

8. In welchem Fluchtwagen wärst Du unterwegs?

Dodge Charger 1966/1967, 440er-Motor (V8, 7,2 Liter – nein, nicht Verbrauch, Hubraum).

9. Und mit welcher Bewaffnung?

Sarkasmus.

10. Buch für den Knast?

Etwas, das richtig viel zu tun gibt, wofür man sonst nie Zeit hat: „Finnegans Wehg“ von Joyce zum Beispiel. Oder doch lieber ein dicker Femmes-fatales-Bildband.

11. Und am Ende: Welche Inschrift würde auf dem Grabstein stehen?

Kein Grabstein. Die Femme fatale stellt die Urne mit meiner Asche in ihr Bücherregal.



RIP, JOHNNY! by Martin Compart
6. Dezember 2017, 5:51 am
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Er war der größte Live-Act des Kontinents. „Französischer Elvis“ nennen ihn nur Ahnungslose. Er spielte über 50 Touren vor 30 Millionen Leuten. Fast 50 Alben und 110 Mio. verkaufte Tonträger.

In Deutschland kannte ihn kaum einer. 1994 war er sogar in ein paar kleinen Hallen bei uns; Kernerarbeit zum großartigen Album ROUGH TOWN.

„In Frankreich hast du keine Chance gegen Johnny Hallyday“, sagte einst Mick Jagger.

„Wenn du Bootlegs von Johnny reinkriegst, denk an mich“, sagte Gill.
„Heilige Cippolina! Du bist der einzige Mensch im Umkreis von
zweihundert Kilometern der auf Johnny Halliday steht.“
„Johnny ist mein Guru.“
„Seit Jahren verstaubt so eine Greatest Hits von ihm aus den Sechzigern
bei mir. Auf dem Cover sieht er aus wie ‘n NSU-Prinz-Fahrer,
der mit fliegendem Fuchsschwanz von der Brackeler zur Werner
Kirmes unterwegs ist. Der Typ, der sich seine Öltolle kämmend, am
Autoskooter vor den Bräuten aufspielt …“
„Du kennst nicht die guten Sachen von ihm. Er hat Hendrix mit
entdeckt …“
„Ja, ja. Und Steve Marriott hat mit ihm ‘ne Platte produziert.“
„Als niemand mehr etwas von Gene Vincent wissen wollte,
besorgte er ihm in Frankreich Konzerte.“
„Für Typen wie dich gibt es jetzt Britpop. Blur müsste dir gefallen.
Oder Oasis. Die klingen fast wie die Kinks oder …“
„Die Britpopbands sollte man wegen Urheberrechtsverletzung
in den Knast bringen. Alle Riffs geklaut, die Breaks mies kopiert.
Nur durch neue Studiotechnik …“
„Du bist echt der Hammer! Wenn es nach dir ginge, müsste jeder
Musiker seit 1950 Tantiemen an den Erfinder des 12-Bar-Blues überweisen.
Nostalgie ist die Dementia senilis der Seele. Ihr Oldie-Typen
seid schon so Experten. Überweist du eigentlich deinem Installateur
jedes Mal Tantiemen, wenn du die Klospühlung drückst?“

aus: DER SODOM-KONTRAKT, 2001.

 



Zum 75. von Hendrix by Martin Compart
27. November 2017, 6:56 pm
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„Ein Könner, Der Mann. Aber alles nur Rhythmus.“
Hausverwalter Seidl, 1979.



VOR 50 JAHREN… by Martin Compart
3. September 2017, 4:46 pm
Filed under: MUSIK, Rolling Stones | Schlagwörter: ,

…wusste man noch wie man mit langhaarigen Radaubrüdern umgehen musste, die dauernd Freddy und Peter Hinnen aus der Hit-Parade rausschmissen!