Martin Compart


PLAYLISTEN DER FREUDE UND DES GRAUENS by Martin Compart
26. Januar 2023, 1:09 pm
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Die große Zeit individueller Musik-Playlisten begann mit dem Kassetten-Recorder. Für die Beschallung im Freibad oder im PKW wurden sorgfältig in stundenlanger Heimarbeit Lieblingssongs auf Audio-Kassetten übertragen.
Auch als Ersatz für Liebesbriefe bot sich das Medium an: Um die Umschwärmte zu beeindrucken, bastelte man ihr eine Kassette voller Songs, von denen man hoffte, das sie berührten oder beeindruckten. Da konnte man auch schwer daneben liegen, wenn die Angebetete deinen Musikgeschmack als „erschreckend psychopathisch“ enttarnte. Ich war dabei; ich weiß, wovon ich rede.

In der heutigen Streaming-Zeit haben die Playlisten wieder enorm an Bedeutung gewonnen.

Höchste Zeit, sich mit diesem kulturellen Massenphänomen zu befassen, dachte sich Heribert Kurth und legt in deutscher und englischer Sprache einen voluminösen und durchgehend bebilderten Ziegelstein von Buch vor:

Heribert Kurth & Friends
SOUNDCASE
The Playlist Book
Außer der Reihe 73
p.machinery, Winnert, Januar 2023, 556 Seiten, Paperback 210 x 210 mm
ISBN 978 3 95765 309 3 – EUR 59,00

Das Buch enthält 222 Playlists mit Abspieltipps aus mehr als 2000 Alben, Singles oder EPs und – im Rahmen des Bildzitat-Rechts – deren Coverfotos. Die Auswahl geht von Fruupp bis Steamhammer, von John Coltrane bis Townes Van Zandt und David Bowie, von Johnny Cash bis Tool und den Tielman Brothers, von Bob Dylan bis Gong … über Opeth zu den Choralvorspielen von Bach, vorbei an Orange Peel … und wieder zurück zwischen Iggy Pop, Frogg Café, Patti Smith und Frank Zappa.“

Zu den Freunden, die zu bestimmten Themen ihre individuellen Playlists offenbaren, gehören u.a. auch der Musikjournalist und Musiker Alan Tepper und the one and only Helmut Wenske alias Chris Hyde. Alle Freunde werden natürlich auch biographisch vorgestellt.

Das Buch ist gefährlich:

Wenn man durch die Listen schnüffelt, kommt viel vergessenes wieder hoch.
Bevor man sich versieht, wühlt man im Plattenschrank oder im CD-Regal und holt sich eine Staublunge. Das wäre noch zu verkraften, aber wenn man dann in alten oder nicht so alten Songs schwelgt (und die eine oder andere Playlist „überprüft), ist der Tag rum – wenn nicht ´ne ganze Woche.
Und dann kann man sich auch noch an den Covern berauschen, die von bescheuert bis genial reichen.

Aber dann beginnt das wahre Grauen: Man fängt an, Playlisten zu erstellen…



Jahresrückblick 2022 von Jochen König by Martin Compart
18. Januar 2023, 6:05 pm
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2022 hatte die Chance das Vorjahr in die Schranken zu verweisen. Doch es wurde versaubeutelt.

Corona rückte zwar in den Hintergrund, verblasste aber nicht völlig. Krieg, Naturkatastrophen, die FIFA, Korruptions- und Fake-News-Skandale, dazu viel zu viel eklige Menschen, die laut polternd zwischen Realitätsverweigerung und sozialer Verwahrlosung bevorzugt in den (anti)sozialen Netzwerken Nachrichten aus der Hohlwelt verbreiteten. Linus Volkmann bezeichnete 2022 in seinem Rückblick im „Musikexpress“ sehr treffend als „ein Jahr wie ein Typ, der einem ins Auto kotzt – und sich später nicht mal entschuldigt.“

Bleibt, wie so oft, das kulturelle Schaffen der vergangenen zwölf Monate, eine verkorkste Zeit zu retten. Oder die Krätze auszulösen (wie viel zu viele grottenöde Serienkiller-Thriller, Nena, Van Morrison, Filme, die nicht wissen, dass ein Ende zur rechten Zeit was Gutes ist)?

Schön, dass es wieder Konzerte gab.

Einen gelungenen Auftakt bildeten PURE REASON REVOLUTION und GAZPACHO im Columbia-Theater in Berlin. Zwischen Dancefloor, Art-Rock und großen Gesten boten beide Bands atmosphärisches Schwelgen, besonders GAZPACHO lieferten eine stimmungsvoll bebilderte Zeitreise. MELODY GARDOT, ebenfalls in Berlin, belegte, dass sie eine äußerst charmante Geschichtenerzählerin und große (Jazz)-Chanteuse ist. Leider kein „Preacherman“ für mich.
In der Elbphilharmonie gab es zwei Jugendorchester mit starkem Programm zum moderaten Preis. Von einer Eigenkomposition über Rachmaninoff und Shostakowich bis zur „What A Feeling“-Zugabe (die zur unbewussten Hommage an die kurz darauf verstorbene Irene Cara wurde) ein hervorragendes Konzert, mit viel Verve vorgetragen von jungen Musiker*innen zwischen 10 und 27 Jahren. Und die Bildungsbürgerreise in die „Elphi“ abgehakt.

Trotzdem muss man mit Erschrecken feststellen, dass Live-Events in Gefahr sind. Nicht wegen Corona. Während bekannte Künstler (vertreten durch viel zu groß gewordene „Dienstleister der Kulturbranche“ wie Live Nation oder Eventim) stellenweise Ticketpreise bis ins Vierstellige nehmen können, bleibt der Nachwuchs und unabhängige Kunst auf der Strecke.

Durch den Verkauf von Tonträgern lässt sich schon lange keine Tour mehr pushen, geschweige denn finanzieren. Logistik ist teuer, der Brexit sorgt für ein Aufblühen umständlicher und ebenfalls kostspieliger Zoll-Aktivitäten. Das Couch-Arrangement (und die Angst vor Ansteckung in prall gefüllten Räumen) mit Corona führte auch zu weniger Interesse an Konzerten. Zahlreiche Bands und Solokünstler sagten ihre bereits geplanten Touren ab oder verschoben sie auf unbestimmte Zeit. Prognosen sind düster.

Zu den musikalischen Veröffentlichungen, die mein Jahr prägten, stieß bereits früh „Call To Arms & Angels“, das neue Doppelalbum von ARCHIVE. Ein hypnotischer, langsamer Tanz, der sich sowohl bei Trip Hop, Pop wie Art Rock auskennt und auch passend für den Soundtrack eines Nicolas Winding Refn-Films (oder einer Serie) wäre.
Passend wäre auch „Nights Of Lust“, der Darkjazz-Slowburner des LOVECRAFT SEXTETs, die gegen BOHREN & THE CLUB OF GORE geradezu dem Geschwindigkeitsrausch verfallen sind.

Gefallen hat auch der gutgelaunte, spannende Retroprog der MOON LETTERS, deren erstes Album ich nicht so toll fand, während das zweite, „Thank You From The Future“, strahlte: „Überbordend, diffizil, dabei höchst ökonomisch, kein Ton zuviel“.

Ebenso klasse war die neue Inkarnation MAJOR PARKINSONs, der Beginn einer Trilogie. Ein weiteres Selbstzitat: „„Valesa – Chapter 1: Velvet Prison“ ist ein Grand Guignol-Musical der exzessiven Art. Genregrenzen interessieren MAJOR PARKINSON nicht, hier wird überbordend musiziert: Prog, Stadion-Rock und AOR treffen auf elektronische Entdeckungsreisen und grüblerische Singer-Songwriter-Sequenzen“.

Düsterer und intimer gings es bei der fabulösen Karin Park zu, deren eindringliche „Private Collection“ ein würdiger Nachfolger des exzellenten „Church Of Imagination“ ist. Steve Kilbey und Martin Kennedy hingegen überzeugten einmal mehr als vers(p)onnene Psychedeliker mit ihrem kryptisch betitelten „The Strange Life of Persephone Nimbus“. THE CHURCH sind stets präsent.

Kein Weg führte vorbei an TAYLOR SWIFTS neuem Output „Midnights“. Streamingdienste brachen bei Veröffentlichung zusammen und Swifty-Achselshirts waren ausverkauft. Ansprechend melancholischer Electro-Pop mit anrührenden, nachdenklichen Lyrics und nur sachtem R’n’B-Hochglanz-Muzak. Was der Musik gut tut. Nur selten klingt es nach einem Stück aus dem „Victorious“-Soundtrack. Aber auch da gibt es Schlimmeres.

SWIFT gelingt es mainstreamkompatibel zu sein und trotzdem die Dringlichkeit und den Charme von Indie-Produktionen zu bewahren. Das Album erschien in vier Ausführungen mit unterschiedlichem Artwork (Standard, Jade Green, Blood Moon, Mahogany). Besonders lohnt sich die später erschienene „Lavender“-Version mit drei famosen Bonustracks. Diese sind wieder originell instrumentiert und strahlen die bestrickende Intimität von TAYLOR SWIFTs in der Pandemie rearrangierten Werken aus. Digital erschien zudem die „3am“-Ausgabe mit insgesamt sieben Bonustracks.

SWIFT ist eine der wenigen Megastars, die einem nie auf den Senkel gehen. Und dass sie eine fantastische Musikerin ist, hat sie längst bewiesen. Allein mit E-Gitarre auf der Bühne ist sie die pure Freude. Davon bitte irgendwann ein komplettes Album!

Ein postumes Album bildet den Abschluss meiner kleinen musikalischen Reminiszenz ans Jahr 2022. Auch in dieser Beziehung ein ätzendes Jahr. Für mich wichtige und prägende Künstler starben: Dazu gehörten VANGELIS, MARK LANEGAN, MANUEL GÖTTSCHING, PHAROAH SANDERS, Jeff Beck und TERRY HALL. Mit dem Verlust von JULEE CRUISE und ANGELO BADALAMENTI wurde das „Twin Peaks“-Universum kleiner.

Besonders schwer traf mich der Tod KLAUS SCHULZEs, dessen Musik mich noch länger begleitet als die von VANGELIS. Mit „Deus Arrakis“, einer erneuten „Dune“-Reminiszenz, hinterließ er ein inspirierendes, atmosphärisches letztes Album.

Lobende Erwähnungen gibt es noch für die Comebacks von PORCUPINE TREE, „Closure P/T“ ist feinster Pop-Prog nach dreizehn Jahren Sendepause, die BROKEN BELLS (letzte Veröffentlichung 2014) mit dem der psychedelisch-poppigen Wundertüte „Into The Blue“. Der Übersong „The Chase“ enthält Spuren aus dem ARCHIVEt.

MADRUGADA melden sich mit dem funkelnden Nachtschattengewächs „Chimes At Midnight“ zurück. Ärgerlich ist die Veröffentlichungspolitik, bei der man es sich immer weiter mit der schrumpfenden Schar von Tonträger-Käufern verscherzt. Während PORCUPINE TREE ihr Album gleichzeitig in verschiedenen Versionen auf den Markt brachten, was eine Wahl möglich machte, erschien von „Chimes At Midnight“ nur wenige Monate nach dem Originalalbum eine Expanded Edition mit fünf(!) starken Bonustracks.
So verprellt man seine Interessenten.

Im Kino erledigte das über lange Zeit Corona. Und für mich und viele andere ist die Veränderung der Kino-Kultur hin zu einem umfassenden Event mit dauerhafter Fress-, Smartphone-, Trink-Begleitung und damit verbundenen Toilettenbesuchen ein Verweigerungsgrund.
Ist anscheinend schwer, Konzentration, Mund und Wasser eine ganze Filmlänge halten zu können. Von konzertierten Störaktionen irgendwelcher TikTok-Deppen ganz zu schweigen. Die Kino-Magie verflüchtigt sich ins Nichtige, was dazu führte, dass ich 2022 nur einen einzigen Film im Kino gesehen haben. Und das gleich im Januar.


Guillermo del Toros „Nightmare Alley“, die zweite Adaption des Romans von William Lindsay Gresham ist ein visuell ansprechender, passend düsterer Noir, ausgezeichnet besetzt und gespielt. Der Film leidet allerdings unter einer weitverbreiteten Krankheit des aktuellen Filmschaffens: Er ist mit 150 Minuten viel zu lang (Die erste Verfilmung von 1947 beschränkte sich auf, damals exorbitante, 110 Minuten).
Der Plot, und die nicht ganz so schwer zu entschlüsselnden Twists tragen neunzig Minuten locker, alles darüber hinaus ist Ignoranz gegenüber filmischer Ökonomie. Trotzdem eines der besseren Werke in del Toros Agenda der jüngeren Zeit.
Sein „Cabinet Of Curiosities“ blieb trotz hochinteressanter Regisseur*innen eine müde Angelegenheit mit wenigen Ausreißern nach oben. Besser als die unsäglichen „American Horror-Stories“, aber das will nichts heißen.

Weitere filmische Glanzpunkte:

Ein Highlight des Jahres gab es gleich zu Beginn. Brandon Cronenberg (richtig, David Cronenbergs Sohn) schuf mit „Possessor“ (der 2021 noch in der Warteschleife steckte) einen so intensiven wie verstörenden Psycho-Horror-Tripp. Mein Fazit: „“Possessor” ist ein kunstvoller, zwischen Meditation und psychedelischem Schlachtfest angesiedelter Trip zum Ende der Menschlichkeit. Gefühle und Bewusstsein sind austauschbar, Individualität kaum ein Schimmer in glitzernden Oberflächenreizen. Die Welt ist ein Modell, das Geschäftemacher untereinander aufteilen.“ Der Soundtrack ist ebenfalls highly recommended.

Alex Garlands „Men“ ist eine Mischung aus Gesellschaftskritik, Folk-, Slasher-Horror und Mindfuck. „Men“ beinhaltet Beziehungsdrama, Satire, Psycho-Thriller und blutigen Body-Horror als sperriges Gesamtpaket.
Ein Meta-Film, wie auch Jordan Peeles „Nope“, der wieder geschickt zwischen Horror, Science Fiction und Satire pendelt, dabei gespickt ist mit filmhistorischen Verweisen.

Kaum eine Jahresbestenliste kommt an „Everything Everywhere All at Once“ vorbei, so auch diese nicht. Bereits wegen der Besetzung mit Michelle Yeoh und Jamie Lee Curtis (direkt der Beamtenhölle entstiegen) ein Muss, überzeugt der Film auch als relevantes Multiversumsspektakel.

Im Gegensatz zu „Dr. Strange In The Multiverse Of Madness“, das, von einigen selbstreflexiven Sam Raimi-Momenten abgesehen, ein blutleeres CGI-Gehampel blieb. So seelen- und gehaltlos wie die meisten Marvel-Werke der letzten Jahre. Der Film ging zudem sehr liederlich mit dem eigenen Personal um.
Während sich das MCU im Fernsehen unterhaltsam zeigt (von „Moon Knight“, zwischen Langeweile und Hyperaktivität schwankend, abgesehen), bleiben die Kinofilme bestenfalls Zeitvertreib für einen regnerischen Sonntagnachmittag.

Besonders erfreulich und trickreich war das Horror-Genre mit ganz unterschiedlichen Gewächsen. „X“ beginnt als ironisches Spiel mit Erwachsenenfilmen und wird zum leichenreichen Backwood-Slasher mit Pfiff und sehr originellem Killer.

„The Innocents“ wagte sich, hervorragend gefilmt, in die bisweilen tödlichen Untiefen der Kindheit. Magischer Realismus vom Feinsten.

„Barbarian“ schließlich war ein außergewöhnlich spannendes Ereignis zum Jahresabschluss. In Deutschland leider nicht im Kino gelaufen, spielt der Film mit Erwartungen, bricht und bedient sie gleichzeitig gekonnt. Nicht nur von der Erzählstruktur her transportiert Regisseur Zach Cregger Alfred Hitchcock stilvoll in die Gegenwart. Und liefert nebenbei Bilder einer nicht nur sozial zerfallenden Zivilisation. Das überbordende Grindhouse-Finale, mit einigen der wenigen sehr blutigen Sequenzen, dürfte die Geschmäcker teilen. Zach Cregger darf das. Weil er es kann.


Mein TV-Höhepunkt waren „Die schwarzen Schmetterlinge“. Ein französische Produktion, die wild und visuell artistisch Psychothrill, Surrealismus und Giallo verband, dabei gleichzeitig als eine Reflexion über Erzählen und Wahrnehmen taugte. Obendrauf versehen mit einem traumhaften Soundtrack.

„Wednesday“ machte überwiegend Spaß, zumindest in den von Tim Burton inszenierten Episoden. Der Mystery-Anteil blieb unausgegoren und zu durchschaubar, die Monstereffekte waren stellenweise Power Rangers-würdig und in den letzten drei Folgen war das Ganze eher eine Art Addams-Familienbesuch in Hogwarts. Aber hey, „Wednesday“ hat die wunderbaren Jenna Ortega (auch in „X“ sehr experimentierfreudig dabei) UND Christina Ricci an Bord.
Die Miniserie wurde rasend schnell zum Medienhype, inklusive unzähliger überflüssiger Tanzvorführungen bei TikTok. Aber hey…

Heimisch geriet ich schnell wieder in der „Umbrella Academy“, die ebenfalls ihr Multiversum beherrschten.


„Reacher“ bot solide Kost und mit Alan Ritchson, nach dem Gernegroß Tom Cruise, endlich einen amtlichen Jack Reacher-Darsteller vorzuweisen hatte. Die Verfilmung des ersten Lee Child-Romans verriet die Vorlage nicht, blieb lakonisch und kantig. Besetzungstechnisch war das insgesamt eine Freude, mit Sonderlob an die bezaubernde und schlagkräftige Willa Fitzgerald.

Ansonsten gehörte das Jahr eher Aufholterminen. Viel Spaß mit elf Staffeln „Modern Family“ gehabt, „Superstore“ neigt zwar zu arg hohem Fremdschämfaktor, ist aber eine der besten, bittersten Betrachtungen über die ausbeuterischen Machenschaften von Großfirmen und dabei urkomisch.

„Gotham“ gefiel als ansprechend besetzter, visuell finsterer Noir, in dem Ben McKenzie aka Jim Gordon mit einer Handvoll Verbündeter gegen die Organisierte Kriminalität kämpft. Taugte ebenfalls als DC-Origin-Serie, wenn auch der juvenile Bruce Wayne einem gehörig auf den Senkel gehen konnte. Das entschärften Catgirl Camren Bicondova und Sean Pertwee als wehrhafter Butler und Ersatzvater Alfred. Jeden Penny worth.

Literarisch beschäftigten mich einige Zeit ein Buch, das nicht erscheinen wird und eines, dass erst im Herbst 2023 veröffentlicht wird. Daneben blieb die Leseauswahl überschaubar. Zu den Tops gehören:

Willi Achten – „Rückkehr“. Wenn Amazon mich zitiert, darf ich das auch: „Willi Achtens Roman ist ein melancholischer Rückblick auf etwas, das nie existierte. Die Sehnsucht nach Neuanfängen gepaart mit Verlustängsten. Eine ungesunde Kombination. Ein Text, so leise wie faszinierend, der einen reißenden Fluss als idyllischen Bergbach tarnt.“

Terry Miles – „Rabbits – Spiel um dein Leben“. Und wieder ein Multiversum. Donnie Darko irrt in Twin Peaks durch die Pforten der virtuellen Wahrnehmung. So in etwa. „Rabbits“ vereint gekonnt Mystery- mit Verschwörungsthriller, angesiedelt in High Tech-Universen, die von einer nicht allzu fernen Zukunft erzählen. Basiert auf Terry Miles eigenem Rabbits“-Podcast. So können großangelegte Verschwörungsmythen gefallen. NUR so.

Mechtild Borrmann – „Feldpost“. Auf Borrmann ist Verlass. Sprachlich gelingt ihr wieder die Kombination von Poesie und Effizienz. Sie kann mit wenigen Sätzen eindrücklich skizzieren, was anderen Autor*innen nicht über mehrere Seiten gelingt. Kompetent entwickelte Charaktere, überzeugende Handlung, die das Grauen des Dritten Reichs nachdrücklich schildert und in der Gegenwart weiter schwelen lässt. Mit der Chance auf Verarbeitung. Spannend, klug und im besten Sinne lehrreich (ohne erhobenen Zeigefinger).

Etwas älter, aber unbedingt einen Lesetipp wert: Kanae Minatos „Geständnisse“. Kongenial 2010 verfilmt von Tetsuya Nakashima nach einem Drehbuch der Autorin. Das Buch erschien auf Deutsch 2017 und schildert aus verschiedenen Perspektiven die Geschichte einer nachvollziehbaren Rache, die aus dem Ruder läuft.
Statt einer erlösenden Katharsis entwickelt sich eine Eigendynamik, die Todesopfer fordert. Ein furioser Abstieg in eine Hölle, die nicht nur die anderen sind. Die bildgewaltige Verfilmung erfasst die Essenz des Romans, ohne ihm sklavisch zu folgen. Zwei Wunderwerke.

Das nachfolgende „Schuldig“ (mehr Romane sind von Minato leider nicht auf Deutsch erschienen) bewegt sich auf ähnlichem Terrain, ist immer noch lesenswert, aber deutlich schlichter und damit schwächer.

Trotzdem würde ich gern mehr von Minato lesen.

Meine kleine popkulturelle Nabelschau darf nicht ohne die Erwähnung einer starken Frau, mit der ich viel zeit verbracht habe. Mit Aloy durch „Horizon Forbidden West“ zu streifen war das reine Vergnügen. Eine wohl austarierte Spielmechanik und -dynamik, atemberaubende Grafik und eine solide Geschichte ergaben ein Videospiel-Highlight der besonderen Art. Mehr brauchte ich an der Konsole 2022 nicht.

Zum Schluss noch ein bisschen Eigenwerbung:

Die Arbeit auf und mit http://www.Booknerds.de war 2022 ebenfalls ein Hort der Freude. Chris Popp hat mit Dominic Schlatter einen ebenso würdigen wie engagierten Nachfolger als Chefredakteur gefunden, unter dessen Ägide ein monatlicher Redfaktions-Chat eingerichtet wurde und das Team quantitativ wuchs und qualitativ überzeugte.

Besonders freut mich, dass meine ehemaligen „Couch“-Kollegen Eva Bergschneider und Jörg Kijanski ebenfalls für Booknerds schreiben. Tolle Arbeit leistete auch Sarah Teicher (aka Sari Sorglos), die die sozialen Netzwerke mit positiven Inhalten pflegt (gibt es eh zu wenige von) und mit ihrer Kollegin Mariann Gaborfi den feinen Podcast „Autorinnen im Porträt“ am Start hat, der sich auch auf und via Booknerds finden und hören lässt. Lohnt sich. Wie das gesamte Booknerds-Programm mit Besprechungen quer durchs kulturelle Schaffen.

Ich habe 2022 sogar ein LP-Review geschafft. „Bleed’n’Blend“ der Isländerin KJASS wird hiermit vollumfänglich empfohlen. „KJASS weiß, wie man einnehmende Melodien schreibt und atmosphärisch vorträgt, während ihre Mitstreiter so kompetent, wie gefühlvoll zwischen Pop, Jazz, Folk und angrenzenden Genres wandeln.“ Lest den Rest (und auch meine anderen Betrachtungen zu Film, Fernsehen und Literatur) gerne selbst. Würde mich freuen.

2022 ist vorbei, und das ist verdammt gut so. Leider bin ich skeptisch, was 2023 angeht. Aber wie zitiert Martin Compart Urban Priol am Telefon so gerne wie treffend: Es kann immer noch besser als 2024 werden. Hauptsache, der kotzende Kerl ist weg.

Jochen König



WER KANN NOIR-SONGS WIE SIE? by Martin Compart
21. Oktober 2022, 7:27 pm
Filed under: MUSIK, Taylor Swift | Schlagwörter: ,



ZU UNRECHT VERGESSENE SONGS by Martin Compart
4. September 2022, 12:23 pm
Filed under: ACHIM REICHEL, MUSIK, Zu Unrecht vergessene Songs | Schlagwörter: , ,



LINES FROM TAYLOR by Martin Compart
15. Juli 2022, 3:31 pm
Filed under: MUSIK | Schlagwörter: ,

Hier ein paar Lieblingszeilen von der größten Songwriterin der Gegenwart:

“Band-Aids don’t fix bullet holes.” Bad Blood(2014)

“I’ll be strong/I’ll be wrong/Oh, but life goes on.” A Place in This World (2006)

“I’m only up when you’re not down/Don’t wanna fly if you’re still on the ground.” I’m Only Me When I’m With You(2006)

“Your money’s all gone, and you lose your whip.” Both of Us, (2012)

“I watch from the dark, wait for my life to start / With no beauty in my memory.”eautiful Ghosts (2019)

“These walls that they put up to hold us back will fall down.”

“I bury hatchets, but I keep maps of where I put ‘em.” End Game (2017)

“Wake up, and smell the breakup/Fix my heart, put on my makeup.” I Heart ? (2008)

“I keep him forever like a vendetta.” …Ready for It? (2017)

“He’s so obsessed with me, and boy, I understand.” I Think He Knows (2019)

“Something keeps me holding on to nothing.” Haunted (2010)

“Fighting with a true love is boxing with no gloves.” Afterglow(2019)

“Every lesson forms a new scar.” Eyes Open(2012)

“You’re all I want, but it’s not enough.” Bye Bye Baby (2020)

“Stand there like a ghost shaking from the rain / She’ll open up the door and say ‘Are you insane?‘ How You Get the Girl (2014)

“All those other girls, well, they’re beautiful/But would they write a song for you?” Hey Stephen (2008)

“He spends most of his nights wishing it was how it used to be/He spends most of his flights getting pulled down by gravity.” Forever Winter (2021)

“She would have made such a lovely bride/What a shame she’s fucked in the head.” Champagne Problems (2020)

“Will you kiss me on the porch in front of all your stupid friends?” Betty (2020)

“Nothing good starts in a getaway car.” Getaway Car (2017)

“Lovin’ him is like driving a new Maserati down a dead-end street.” Red (2012)

They told me all of my cages were mental/So I got wasted like all my potential.” This Is Me Trying (2020)

“I snuck in through the garden gate / Every night that summer just to seal my fate.” Cruel Summer“(2019)

“Darling, I’m a nightmare dressed like a daydream.” Blank Space(2014)



ZU UNRECHT VERGESSENE SONGS by Martin Compart
11. Mai 2022, 1:07 pm
Filed under: MUSIK, Zu Unrecht vergessene Songs | Schlagwörter: ,

Mit Dank an Jochen. Und auch Dank an Hanspeter, der mir das große Spektrum von Amerikana ansatzweise erschlossen hat.



JAHRESRÜCKBLICK VON JOCHEN KÖNIG 2/ by Martin Compart
2. Januar 2022, 11:56 am
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Literarisch war erneut James Sallis mit seinem Roman „Sarah Jane“ ein stilsichere Bank:
„James Sallis gelingt es wieder auf rund 200 Seiten ein kleines Universum zu erschaffen. `Er konnte den Peloponnesischen Krieg in einem Satz zusammenfassen´, heißt es an einer Stelle. Das trifft auch auf den Autor zu. Sallis gelingen Lebensabrisse in wenigen Sätzen, selbst bei Figuren, die nur am Randeauftauchen. […] Sallis beherrscht die Kunst der Komprimierung. Zugleich poetisch und treffgenau gibter seinen Lesern Raum, das brennende Unausgesprochene zu füllen und den Text
weiterzuentwickeln. Bloße Ermittlungsarbeit und stereotype Spannungsentwürfe spielen dabei kaum eine Rolle. Spannend ist die Sicht Sarah Janes aufs Leben, auf Möglichkeiten, Verweigerungen, verpasste Chancen und die ewig lauernde Unbehaustheit. Die menschliche Existenz als Monster, das sich selbst verspeist.“ (Aus meiner Rezension für Stefan Heidsieks Crimealley- Blog)

Sehr fein war zudem „Frostmond“, das bei Pendragon erschienene Debüt von Frauke Buchholz über
die Mordserie an indigenen Frauen entlang des kanadischen Highways 16, besser bekannt als „Highway of Tears“.

Frostmond ist ein stilistisch präzise artikuliertes, formal und inhaltlich ausgereiftes Debüt. Die
verschachtelte Erzählweise fordert die Leserschaft; ein Abgleiten in die Untiefen des herkömmlichen
Serial-Killer-On-The-Loose-Krimis vom Grabbeltisch vermeidet Frostmond gekonnt.
“ (Kritik auf Krimi-
Couch.de)

Weitere Favoriten sind die Autobiographie Mark Lanegans, der ziemlich schonungslos und nachtschwarz mit sich und seinen Kollegen und Freunden abrechnet, John Mairs „früher
existenzialistischer Roman“ (Eva König) „Es gibt keine Wiederkehr“, die erneute Beschäftigung mit
Patricia Highsmiths exzellentem „Das Zittern des Fälschers“, erstmals in der ungekürzten Neuübersetzung,
„Future Sounds – Wie ein paar Krautrocker die Musikwelt revolutionierten“ von
Chrisszoph Dallach, als Würdigung des ursprünglich despektierlich gemeinten Begriffs „Krautrock“
und der dazugehörenden Musik. Passend zur pandemischen Zeit „Das kleine Weltuntergangs-Lesebuch“ aus der Edition Phantasia „Die schwarze Grippe“.

Die Musik des Jahres 2021 gehört in erster Linie Veteran*innen. Tom Jones bewegte sich mit seinem abwechslungsreichen Werk „Surrounded By Time“ meisterlich auf den Spuren Scott Walkers, Pharoah Sanders veröffentlichte mit Floatings Points und dem LSO ein höchst stimmungsvolles „Promises“ vor, ebenso klasse Charles Lloyd & The Marvels mit dem überzeugenden „Tone Poem“. The The bescherten uns „The Comeback Album“ und klangen als wären sie nie weg gewesen, was noch mehr für die Wiederauferstehung ABBAs gilt, die mit „The Voyage“ nicht nur Corona sondern die letzten 40 Jahre vergessen ließen.

Das weiß ganz sicher auch Steven Wilson zu schätzen, dessen „Future Bites“-Album den ein oder anderen Progger arg verschreckte. Recht so. Mit dem Silver Surfer auf nächtlichen Trips durch die Roller-Disco.

Nick Cave & The Bad Seeds präsentierten endlich Part II der „B-Sides & Rarities“ und zelebrierten eine durchweg gelungene Schwarze Messe.

Direkt aus dem Jahr 1975 schließlich stammt das Doppelalbum von CAN, die Aufnahme eines Konzerts in Stuttgart. Eine klanglich fein herausgeputzte hypnotische Reise in die Vergangenheit und wieder zurück.

Aktuell und dennoch die Vergangenheit immer im Blick haben die mexikanischen Rider Negro mit ihrem psychedelisch rockenden „The Echo Of The Desert“. Nicht nur stimmlich sind THE DOORS die prägenden Schatten an der Wand. Ein Wüstenritt vom Feinsten.

Logan Richardsons „Afrofuturism“ ist ein faszinierendes Werk, das gekonnt Modern Jazz, nachtschwarze Elektronik und verfremdeten Blues präsentiert, voller zeit- und gesellschaftskritischer Bezüge. Ähnlich, nur einen Hauch heller und sentimentaler zeigten sich Orlando Le Fleming + Romantic Funk auf „The Unfamiliar“. Fusion von flackernder Intensität, die an die besten Momente Marcus Millers und den späten Miles Davis erinnern.

Neben den bereits erwähnten Alben, (m)eine Top 20 des Jahres, die ich locker mit gleichwertigen Werken erweitern könnte. Trotz (oder wegen) Corona war 2021 produktiv:
Peter Raeburn – The Dry (OST)
Eldovar – A Story Of Darkness & Light
Stefano Panunzi – Beyond The Illusion
Lingua Ignota – Sinner Get Ready
Lucy Kruger & The Lost Boys – Transit (For Women Who Move Furniture Around)
Nubyian Twist – Freedom Fables
The Weather Station – Ignorance
Grandbrothers – Howth
Cult With No Name – Nights in North Sentinel
Angela Dubeau, La Pietà – Immersion
Abba „The Voyage“ (dafür, dass die Zeit stillsteht)
Steven Wilson – The Future Bites
Can – Live in Stuttgart 1975
Meer – Playing House
The Anchoress – The Art Of Losing
The The – The Comeback Album (live)
Robert Fripp – Music for Quiet Moments (Package mit 10 Alben)
Lloyd, Charles & The Marvels – Tone Poem
Floating Points, Pharoah Sanders & The LSO – Promises
Nick Cave & The Bad Seeds – B-Sides & Rarities Part II
Tom Jones – Surrounded By Time

2022 kann kommen. Mit gespannten Wünschen bin ich vorsichtig, das hat 2020 auch nicht hingehauen. Also halte ich es weiter mit Special Agent Dale B. Cooper: „I have no idea where this will lead us, but I have a definite feeling it will be a place both wonderful and strange.“ Immer noch eine hohe Erwartung in einer bizarren Zeit.

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Weiterhin viel Vergnügen mit dem neuen Jahr!
MC



WEISE WORTE by Martin Compart
16. Oktober 2021, 5:15 pm
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HANAUER FOLKLORE – THE TWENS by Martin Compart
8. Juli 2021, 4:08 pm
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Jörn Rauser
ROCK´N ROLL TRASH: „The Twens“ Backstage

‎readmybook; 2000. Edition (1. April 2020)
Broschiert ; 120 Seiten
ISBN-10 ‏ 3000652957
ISBN-13 ‏ 978-3000652950

Mit 13 stieg er das erste Mal auf eine richtige Bühne – im Bierzelt auf dem Hanauer Lamboyfest. Er sang prophetisch zur Big Band-Begleitung „Grüß mir die Damen aus der Bar von Johnny Miller“. Bars und Damen sollten ihn die nächsten Jahre intensiv begleiten. Er stieg zu einem der führenden Frauenhelden Hanaus auf.

1957 enterte er an einem Sonntagnachmittag in der City Bar erneut die Bühne und intonierte mit den Rock Cats „Hello Josephine“. Auch Krawallmusik würde künftig sein Begleiter sein.

Spätestens jetzt war Jörn Rauser vorerst für eine bürgerliche Karriere verloren. Zwischen „Rock Around the Clock“ und dem Welterfolg der British Invasion hatte er nur noch Rock´n Roll (und was dazu gehört) in der Birne.

Im Juni 1958 trat er dann erstmals mit einigen Kumpels auf.
Sie nannten sich The Twens und wurden zu einer Rock´n Roll-Legende der Garnisonsstadt und hielten bis 1965 durch. Danach gab es immer mal wieder kurzfristige Reunions und Gastauftritte bei Hanauer Feierstunden und Gedenktagen.

Garnisonsstädte wie Hanau sorgten dafür, dass sich der Rock´n Roll in Deutschland einnistete und festsetzte wie eine unheilbare Krankheit, die Hütchenträger und Nylonkittelträgerinnen das Leben zur Hölle machte. Ein wenig Trost fanden die Alten damals nur, wenn sie in der Zeitung unter „Vermischtes“ lesen konnten, dass sich ein paar Halbstarke gegenseitig abgestochen hatten. Auch bei Jörn sorgte die Teufelsmusik dafür, dass er seine vielversprechende Ausbildung zum Zolldeklaranten abbrach. Wenn man nicht zu weit ging, ging man nicht weit genug.

2020 hat Rauser ein Buch geschrieben, in dem er launisch über seine wilde Zeit plaudert – von den Anfängen als Bass-Poser, über den Einsatz von Cuprex (eine Art Agent Orange für den Genitalbereich) gegen Filzläuse bis zum Ende der Karriere als Profimusiker.

Halb- und Unterwelt gehörten zum Milieu des Rock´n Roll. Genauso wie Girls, wüste Saufereien, Schlägereien, möglichst schnelle Autos, Ladendiebstähle, Groupies, Polizeikontrollen, Nachtklubs und Machogehabe.
Rauser erzählt darüber so manche nette Schote, etwa über Nuttenrivalitäten oder wegbegleitende Kumpels. Garniert hat er es mit vielen Fotos, die von den Girls brav gepixelt.
Das Buch bringt einem zwei bis drei Stunden Spaß aus einer Zeit, in der James Dean-Jacken und Blue Jeans (Nietenhosen) als Umweltverschmutzung eingeordnet wurden.



DAS STANDARDWERK ZU BUNDESREPUBLIKANISCHEN KRAWALL-KAPELLEN by Martin Compart

Hans-Jürgen Klitsch Shakin‘ All Over ist nicht nur eine soziokulturelle Geschichte der Sechzigerjahre, sondern auch das Familienalbum einer Generation außer Rand und Band.
Das Buch, das die Bundesrepublik Deutschland als Beatnation auf die internationale Landkarte gesetzt hat!


Shakin‘ All Over – Die Beatmusik in der Bundesrepublik Deutschland 1963-1967
von Hans-Jürgen Klitsch

FANPRO, 2020
Gebundene Ausgabe; 488 Seiten
ISBN-10 ‏ : ‎ 3946502113
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3946502111
Abmessungen ‏ : ‎ 21.7 x 4.8 x 30.2 cm
€ 49,90

Lange Zeit vergriffen und antiquarisch zu Horrorpreisen angeboten, ist das Standardwerk zur Beatkultur in der BRD nun in der 3. bearbeiteten, Auflage endlich wieder erhältlich.

Schon bei der Erstveröffentlichung war so manchem Experten das klapprige Gebiss rausgefallen angesichts der unglaublichen Materialfülle, die der Archäologe Klitsch gesammelt und ausgegraben hatte. Daran hat sich nichts geändert, und man liest sich staunend durch das verdammt gut geschriebene Buch.

Aber man liest nicht nur: Dank des Großformats und guten Drucks kann man sich ebenso an dem imposanten Bildmaterial berauschen. Kaum eine Seite, die nicht bebildert ist. Das bundesdeutsche Beat-Museum zwischen zwei Buchdeckeln.

Mein persönliches Highlight ist der zweite Teil, in dem Klitsch die einzelnen Regionen (und natürlich ihre Bands, Auftrittsorte, Rituale usw.) durchstreift und unter die Lupe nimmt. Er ordnet das immer auch in einen zeitgeschichtlichen Zusammenhang ein, analytisch und witzig:

Die größten im Pott waren THE GERMAN BLUE FLAMES, ohne Zweifel, auch wenn sie sich schon mal zum Narren machten und in Badehose gekleidet im Schwimmbad zum „Beat Swim“ aufspielten. Immerhin diente das ganze ja einem guten Zweck, denn unter den anwesenden Damen wurde ein Oben-Ohne-Badeanzug verlost – Anprobe bei Preisübergabe inbegriffen. Leider war das gute Stück bei Beginn der Verlosung auf geheimnisvolle Weise verschwunden.
Ähnlich ging´s den Arbeitsplätzen.

Dem Autor gelingen spannende Synthesen aus Sozial- und Mediengeschichte und individuellen Schicksalen.
Man kann das Buch irgendwo aufschlagen und sich festfressen.

Wie gesagt: Klitsch ist ein intelligenter und witziger Autor, der diese Epoche im Hirn wieder zum Leben erweckt. Das bedeutet u.a. als Nostalgiker für mich und meine Generation, dass er aufzeigt, was wir alles verloren haben – nicht nur musikalisch. Wie bunt diese Zeit war, kann man anhand alter spießiger Schwarz-weiß-TV-Dokus nur erahnen. In dem Buch werden die Schwarz-weiß-Abbildungen dank der Texte zum Farbfilm.