Martin Compart


Der Noir-Fragebogen mit Hanspeter Eggenberger by Martin Compart

Den Bünnagelschen Fragebogen füllt heute einer der profiliertesten Krimi-Kritiker aus. Seit Jahrzehnten im Geschäft, zeichnen sich seine zahlreichen Rezensionen und Portraits durch großes Fachwissen, mitreissenden Stil und Liebe zum Genre aus. Er gehört zu den wenigen deutschsprachigen Rezensenten, die das Niveau der Kriminalliteratur-Rezeption auf eine höhere Ebene geführt haben.

Ein paar Worte zu Deinem bisherigen Leben

Schreibe derzeit mit der Kolumne „Krimi der Woche“ im Zürcher „Tages-Anzeiger“ wieder mal für ein grösseres Publikum über Kriminalliteratur (krimi.tagesanzeiger.ch). Mein tägliches Brot, und gerne auch ein Steak dazu, verdiene ich mit Text- und Redaktionsarbeiten für Verlage und andere Unternehmen.
Mit 20 erste Anstellung auf einer Redaktion. Neben dem Journalismus im Kulturbereich aktiv, alternatives Kino u.a. In den 1980ern Kulturchef und Filmkritiker bei der „Berner Zeitung“. Höhepunkt: „BZ Krimi-Sommer“ – einen ganzen Sommer lang täglich Beiträge zur Kriminalliteratur, beworben mit sechs Weltformat-Plakatsujets: von kurzen Buchtipps bis zu grossen Autorenporträts, darunter auch Beiträge von Jörg Fauser. Erstmals Kontakt mit Martin Compart (damals bei Ullstein).
Dann bei diversen Zeitungen und Magazinen in Zürich vor allem, aber nicht nur, im Kulturbereich. Seit 2001 selbständig. Zwei etwas unregelmässig bewirtschaftete Blogs: seit 2005 http://americana-usw.blogspot.de/ („Über handgemachte Musik: Roots Rock, Country, Rock ’n’ roll, Folk, Blues, Rockabilly, Singer/Songwriter, Cajun, Zydeco, TexMex und so weiter“); seit 2011 http://krimikritik.blogspot.de/

Literarische Aktivitäten (nenne einige Übersetzungen, Lektorate, Nachworte usw).

Keine im Noir- bzw. Krimi-Bereich. Nur Texte zu Kriminalliteratur in Zeitungen und Magazinen, in neuerer Zeit auch Online.

Berufungen neben dem Schreiben?

Ich würde es eher Passionen nennen als Berufungen: Americana (Musik, passiv), gutes Essen (auch selbst gekocht) und Wein, zeitgenössische Kunst, Südfrankreich.

Film in Deinem Geburtsjahr?

„Touchez pas au grisbi“ („Wenn es Nacht wird in Paris“) von Jacques Becker. Kinodebüt von Lino Ventura, in der Hauptrolle Jean Gabin.
Es gab in diesem Jahr andere nette Streifen wie „Johnny Guitar“, „On the Waterfront“ („Die Faust im Nacken“), „Rear Window“ usw.

Was steht im Bücherschrank?

Zwischen Adcock und Zeltserman – ja die Bücher stehen alphabetisch geordnet im Regal –unter vielen anderen von Lieblinge wie Algren, Ambler, Bruen, Bukowski, Burke, Campbell, Chandler, Crumley, Disher, Ellroy, Estleman, Fante, Gores, Grady, Guthrie, Hammett, Hunter, Izzi, Lowry, Montecino, Newman, Pelecanos, Sallis, Spillane, Stark, Thomas, Thompson, Westlake, Willeford, Woodrell.
Auf den wenigen Regalbrettern, die nicht von englischsprachigen Autoren belegt sind, stehen etwa Fauser, Glauser und Schmidt, Manchette und Vian, Sciascia, Rönkä.
Dazu viele Bände über Musik, Film, Kriminalliteratur, Kunst, Architektur, Design, Typographie, Autos. Und Kochbücher.

Was war Deine Noir-Initiation (welcher Film, welches Buch)?

1979 war ich für einen Monat in Paris, um mein Französisch aufzupolieren. Ich hatte mich zuvor schon mit dem Film noir auseinandergesetzt, in der Literatur war ich zu dieser Zeit bei den Nachfolgern von Hammett und Chandler. Ich war täglich mehrmals im Kino in diesen Wochen, holte vor allem alte amerikanische Noirs nach, die in zwei Kinos als Retrospektiven liefen.

Und dann lief da der neue Film „Série noire“ von Alain Corneau mit dem unvergessenen Patrick Dewaere in der Hauptrolle, eine Adaption von Jim Thompsons „A Hell of a Woman“.

In einer Buchhandlung stieß ich auf die zweite Ausgabe des neuen Krimi-Magazins «Polar» von François Guérif, die aus Anlass dieses Films Thompson gewidmet war. Ich verschlang das Magazin und ging in den Buchhandlungen auf die Suche nach diesem Stoff. So kam es, dass ich meinen ersten Thompson auf Französisch las: „1275 âmes» (bis heute weiß ich nicht, warum die Franzosen aus „Pop. 1280“ statt 1280 „1275 Seelen“ machten …).
Jim Thompson veränderte meinen Blick auf die Kriminalliteratur nachhaltig.

Welches Noir-Klischee ist Dir das liebste?

Die Femme fatale.

Ein paar Film noir-Favoriten?

Der absolute Favorit: „White Heat“ von Raoul Walsh (1949). Der Film beginnt damit, dass das Auto einer Gangsterbande unter der Führung von James Cagney, der unter der Knute seiner Mutter steht, unterwegs zu einem Coup auf einem Bahnübergang stehenbleibt, während ein Zug naht. Dann steigert sich das geniale Drehbuch bis am Ende James Cagney, umstellt von den Cops, mit einem irren Lachen auf einem Gastank steht („Made it, Ma! Top of the world!“) und – wumm!

Weitere Noir-Favoriten – neben all den US-Filmen aus den 1940ern und 1950ern:
„A bout de souffle“ von Jean-Luc Godard (1960): Nouvelle-vague-Noir mit dem jungen Belmondo und der bezaubernden Jean Seberg.

„Fat City“ von John Huston (1972): Neo-noir, grossartig gemachtes Boxer-Drama nach dem Roman von Leonard Gardner.

„Le samouraï“ von Jean-Pierre Melville (1967): Gangsterfilm mit Alain Delon. Stilbildend.

„Série noire“ von Alain Corneau (1979): Thompson-Verfilmung, siehe oben

„Stormy Monday“ von Mike Figgis (1988): Newcastle Neo-noir.

„Trouble in Mind“ von Alan Rudolph (1985): Endzeit in Rain City. Kris Kristofferson, Keith Carradine, Lori Singer, Geneviève Bujold!

Und abgesehen von Noirs?

Nach einem Dutzend Jahren als Filmkritiker und einigen tausend Filmen litt ich unter einer Überdosis an Scheissfilmen und hörte darum in 1990ern auf, ins Kino zu gehen. Darum sind meine Lieblingsfilme etwas älter.
„The Big Easy“ von Jim McBride (1987): Nur schon wegen dem Soundtrack (Cajun, Zydeco, Blues) lohnender New-Orleans-Krimi. Und wegen dem schiefen Lächeln von Ellen Barkin.

„The Last Picture Show“ von Peter Bogdanovich (1971): Verfilmung des Romans von Larry McMurtry – ein sehr lesenswerter texanischer Autor, ich mag auch die Fortsetzung „Texasville“, als Film wie als Roman.

„The Long Riders“ von Walter Hill (1980): Grossartiger Neo-Western um die James-Younger-Gang. Soundtrack – wie fast immer bei Hill – von Ry Cooder.

„Rembetiko“ von Kostas Ferris (1983): Musikdrama mit betörendem Soundtrack – Rembetiko ist so was wie der griechischen Blues.

„Streets of Fire“ von Walter Hill (1984): Alle fanden diesen Film blöd und voller Klischees, ich liebe ihn. Neon-Spiegelungen auf nassen Straßen, böse Buben auf Motorrädern, eine schöne Sängerin und tolle Musik. Soundtrack: Ry Cooder. Und The Blasters, eine meiner Lieblingsbands der 1980er, spielen im Club der Motorradgang.

„Two-Lane Blacktop“ von Monte Hellman (1971): Existentialistisches Road Movie der Extraklasse, mit Waren Oates und James Taylor (ja, der Musiker).

„Vanishing Point“ von Richard C. Sarafian (1971): Furioses Road Movie – und einer der Gründe, weshalb ich einen Dodge Challenger fahre.

Welche Film- oder Romanfigur würdest Du mit eigenen Händen umbringen?

All die unglaubwürdigen Krimihelden. Oder besser deren Erfinder.

Noir-Fragen – Dein Leben als Film noir

1. Im fiktiven Film noir Deines Lebens – welche Rolle wäre es für Dich?

Der schwarz gekleidete Typ, der etwas im Hintergrund an der Bar sitzt, alles sieht, aber nicht viel sagt.
Oder der Fahrer des Fluchtwagens.

2. Und der Spitzname dazu?

Man in black.

3. Welcher lebende (oder bereits abgetretene) Schriftsteller sollte das Drehbuch dazu schreiben?

Fauser. Oder Sallis.

4. Berühmtestes Zitat aus dem Streifen?

„Alles wird gut.“

5. Schwarzweiß- oder Farbfilm?

Farbe. Aber düster.

6. Wer liefert den Soundtrack zum Film?

Ry Cooder, who else?

7. Welche Femme fatale dürfte Dich in den Untergang führen?

Die betörende Lauren Bacall. Gerne auch Veronica Lake. Oder …

8. In welchem Fluchtwagen wärst Du unterwegs?

Dodge Charger 1966/1967, 440er-Motor (V8, 7,2 Liter – nein, nicht Verbrauch, Hubraum).

9. Und mit welcher Bewaffnung?

Sarkasmus.

10. Buch für den Knast?

Etwas, das richtig viel zu tun gibt, wofür man sonst nie Zeit hat: „Finnegans Wehg“ von Joyce zum Beispiel. Oder doch lieber ein dicker Femmes-fatales-Bildband.

11. Und am Ende: Welche Inschrift würde auf dem Grabstein stehen?

Kein Grabstein. Die Femme fatale stellt die Urne mit meiner Asche in ihr Bücherregal.

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RIP, JOHNNY! by Martin Compart
6. Dezember 2017, 5:51 am
Filed under: MUSIK | Schlagwörter: , ,

Er war der größte Live-Act des Kontinents. „Französischer Elvis“ nennen ihn nur Ahnungslose. Er spielte über 50 Touren vor 30 Millionen Leuten. Fast 50 Alben und 110 Mio. verkaufte Tonträger.

In Deutschland kannte ihn kaum einer. 1994 war er sogar in ein paar kleinen Hallen bei uns; Kernerarbeit zum großartigen Album ROUGH TOWN.

„In Frankreich hast du keine Chance gegen Johnny Hallyday“, sagte einst Mick Jagger.

„Wenn du Bootlegs von Johnny reinkriegst, denk an mich“, sagte Gill.
„Heilige Cippolina! Du bist der einzige Mensch im Umkreis von
zweihundert Kilometern der auf Johnny Halliday steht.“
„Johnny ist mein Guru.“
„Seit Jahren verstaubt so eine Greatest Hits von ihm aus den Sechzigern
bei mir. Auf dem Cover sieht er aus wie ‘n NSU-Prinz-Fahrer,
der mit fliegendem Fuchsschwanz von der Brackeler zur Werner
Kirmes unterwegs ist. Der Typ, der sich seine Öltolle kämmend, am
Autoskooter vor den Bräuten aufspielt …“
„Du kennst nicht die guten Sachen von ihm. Er hat Hendrix mit
entdeckt …“
„Ja, ja. Und Steve Marriott hat mit ihm ‘ne Platte produziert.“
„Als niemand mehr etwas von Gene Vincent wissen wollte,
besorgte er ihm in Frankreich Konzerte.“
„Für Typen wie dich gibt es jetzt Britpop. Blur müsste dir gefallen.
Oder Oasis. Die klingen fast wie die Kinks oder …“
„Die Britpopbands sollte man wegen Urheberrechtsverletzung
in den Knast bringen. Alle Riffs geklaut, die Breaks mies kopiert.
Nur durch neue Studiotechnik …“
„Du bist echt der Hammer! Wenn es nach dir ginge, müsste jeder
Musiker seit 1950 Tantiemen an den Erfinder des 12-Bar-Blues überweisen.
Nostalgie ist die Dementia senilis der Seele. Ihr Oldie-Typen
seid schon so Experten. Überweist du eigentlich deinem Installateur
jedes Mal Tantiemen, wenn du die Klospühlung drückst?“

aus: DER SODOM-KONTRAKT, 2001.

 



Zum 75. von Hendrix by Martin Compart
27. November 2017, 6:56 pm
Filed under: MUSIK, Zu Unrecht vergessene Songs | Schlagwörter: , ,

„Ein Könner, Der Mann. Aber alles nur Rhythmus.“
Hausverwalter Seidl, 1979.



VOR 50 JAHREN… by Martin Compart
3. September 2017, 4:46 pm
Filed under: MUSIK, Rolling Stones | Schlagwörter: ,

…wusste man noch wie man mit langhaarigen Radaubrüdern umgehen musste, die dauernd Freddy und Peter Hinnen aus der Hit-Parade rausschmissen!



ZU UNRECHT VERGESSENE SONGS by Martin Compart
14. Juni 2017, 4:07 pm
Filed under: MUSIK, Zu Unrecht vergessene Songs | Schlagwörter: ,

Großartiger Lovesong von Graham Gouldman (eines der späteren Masterminds von 10cc und einer der besten und produktivsten britischen Songwriter).

Unglaublich! Der Song ist – nach meinen Recherchen – nie gecovert worden.



ZU UNRECHT VERGESSENE SONGS by Martin Compart
19. Mai 2017, 6:05 pm
Filed under: MUSIK, Zu Unrecht vergessene Songs | Schlagwörter: ,

Der beste Golden Earing-Song, den Golden Earing nicht gemacht hat.

Und für Leute, die noch zuhören können:



Zu Unrecht vergessene Songs: Imagination by Martin Compart
9. Januar 2017, 7:42 pm
Filed under: MUSIK, Zu Unrecht vergessene Songs | Schlagwörter: , ,

Wäre WHAM und somit George Michael ohne Leee John vorstellbar?