Martin Compart


KLASSIKER DES NOIR- UND POLIT-THRILLERS: NELSON DEMILLE by Martin Compart

Kürzlich blieb ich in meiner Bibliothek nach langer Zeit mal wieder bei Nelson DeMille hängen, den ich immer geliebt und verehrt habe. Ich blätterte in einigen Romanen und war auf Anhieb wieder fasziniert von der Vielfalt seiner Themen, seiner schreiberischen Eleganz und überhaupt: seinem schriftstellerischen Können.

Angefangen bei der durchgeknallten Ryker-Serie (zuerst hieß sein Cop „Keller“) bis hin zu den Romanen um den Anti-Terroragenten John Corey, die mich – zugegeben – weniger beeindrucken als seine Non-Series-Thriller. „When I first introduced Corey in Plum Island, he was an NYPD homicide detective on medical leave, recovering from wounds received in the line of duty. At the end of Plum Island he’s medically retired, and that’s the last I expected to see of John Corey. My readers, however, felt otherwise, and thousands of fan letters arrived asking to see Detective Corey again. Reviewers, too, liked the character and wanted to see more of him. So I gave him a second career in The Lion’s Game and made him a contract agent with the Federal Anti-Terrorist Task Force, based on the real Joint Terrorism Task Force. This worked, and I also gave him a new wife, Kate Mayfield, a career FBI special agent whom he met on the job.
Together, John and Kate are hunting down terrorists in New York City, around the country and most recently in Yemen, in The Panther.”

In den 1980er Jahren war Nelson Demille so eine Art „Sidney Sheldon des denkenden Lesers“. Er ist ein Beispiel dafür, dass sich Bestseller und Millionenauflagen durchaus mit Niveau vereinen lassen. Der Autor sagte einmal stolz: „Meine Bücher sollen von einem Professor genauso verschlungen werden, wie von einem Handwerker.“

Heute schafft er es in den USA noch immer auf die Bestsellerlisten, aber in Deutschland ist sein Status in den letzten Jahrzehnten gesunken. Leider.

Für gutgeschriebene Thriller mit politischen Bezügen ist DeMille ein Garant. Egal, ob Noir-Romane, wie die Stryker-Serie, oder Polit- und Agententhriller – seine Romane sind von außergewöhnlicher Qualität. Sein Politologie-Studium bewahrt ihn vor allzu platten Fehlanalysen der jeweilig behandelten Gegenwartsproblematiken, die zeitgeschichtliche Bestseller oft so unerträglich dämlich machen.

Sein Talent für Charaktere, gut konstruierte Handlungen und Timing bewahren ihn auf der anderen Seite davor, langatmig und spannungslos durch die Seiten seiner voluminösen Romane zu kutschieren. Der Mann kann einfach keinen langweiligen Satz schreiben.

Als besonders prägende Einflüsse nennt er Hemingway und Graham Greene. Letzterer vor allem bezüglich der Darstellung exotischer Schauplätze. In seinen Büchern bemüht er sich stets darum, einen eigenen Kosmos zu schaffen. „You have to find a new story every time. But it has to fit with the character’s backstory and it has to fit with the job you’ve created for him.”

Gelegentlich treten Hauptfiguren oder Schurken aus früheren Romanen in Nebenrollen in anderen Romanen auf. Beispielsweise taucht Paul Brenner, der Protagonist aus THE GENERALS DAUGHTER auch in UP COUNTRY und THE PANTHER auf. Der Schurke Colonel Petr Burov aus THE CHARM SCHOOL scheint identisch zu sein mit dem Terroristen-Ausbilder Boris aus THE LION´S GAME und THE LION, der Coreys Erzfeind Asad Khalil trainierte.

Im Gegensatz zu den amerikanischen Kollegen bewundert DeMille die britischen Thriller-Autoren: „I like the way the British do. The British are into character. They are into dialog. Very clever phrases, and they’re into the ambience. The foggy London day. The steamy jungles of Burma. American writers – I won’t mention any names – who write the action/adventure stuff are more into the killing and the high-tech stuff. It’s very plot-oriented. My books are not plot-oriented. They’re character-oriented – sort of a slice of life, the way life could really be. Some of the books written now are either cartoonish or they’re missing something.”

Trotz seiner exakt recherchierten Handlungshintergründe, seiner stilistischen Brillanz, seiner runden Charaktere und seiner oft tiefschürfenden Handlungsführung sieht sich DeMille als reiner Unterhaltungsschriftsteller. Und da ist er zweifellos, einer der Besten.

…….Ein Engländer hat einmal gesagt, für ihn sei es leichter, Mitglied eines Clubs als Mitglied der menschlichen Rasse zu sein, denn die Satzungen seien kürzer, und er kenne alle anderen Mitglieder persönlich.
(aus GOLD COAST)

Über seinen Bestseller, IN DER KÄLTE DER NACHT, sagte er: „Ein bisschen so, als würde Jay Gatsby den Paten treffen.“ Wobei er wohl vergisst, dass Gatsbys Vermögen aus denselben Quellen wie das Geld der Mafia stammt. Der Autor zielte mit diesem Buch mehr als zuvor auf den Gesellschaftsroman, wohl durch eigene Erfahrungen an der Goldküste ausgelöst.

Auf den ersten hundert Seiten nimmt er sich viel Zeit, um seine Protagonisten und ihr Milieu zu charakterisieren. Die „Gold Coast“ ¬ so der Originaltitel ¬ im Norden Long Islands ist nach wie vor ein Ort der Reichen und der US-Aristokratie. Seit Jahren im Niedergang, wehren sich die alteingesessenen Familien gegen den Aufkauf ihrer kaum noch zu unterhaltenden Anwesen durch Yuppies und Börsenmakler. John Sutter, angesehener Anwalt, reich verheiratet und Nachkomme einer alten Familie und ein echter WASP, ist DeMilles Ich-Erzähler.
Glänzend zeigt er die Rituale auf, die diese wohlhabende, mumifizierte Klasse zur Existenzberechtigung braucht. Als eines Tages ein Mafia-Boss den Besitz neben Sutter erwirbt und Sutter als Anwalt gewinnt, nimmt die atemberaubende Handlung Tempo auf. In den USA schaffte der Roman – wie die meisten des Autors – den Sprung in die Bestsellerlisten. Das Milieu dürfte DeMille gut bekannt sein, da er seit langem dort lebt. Das Sequel mit demselben Protagonisten ist DAS VERMÄCHTNIS (THE GATE HOUSE), das DeMille erst 2008 nachlegte. „GOLD COAST ist wahrscheinlich mein bestes Buch. Die New York Times verglich es sogar mit Edith Wharton.”

Nelson DeMille wurde 1949 auf Long Island, New York geboren. Er promovierte in Politologie und Geschichte an der Hofstra University, New York. Inzwischen wurden ihm von drei Universitäten ihre Ehrendoktorwürde verliehen.

…..Es war eine beschissene Verantwortung, die man Unteroffizieren aufgeladen wurde, seit man ihren Rang bei den alten Römern geschaffen hatte.
(aus THE CANNIBAL)

1967 ging er als Offizier und Zugführer eines Infantrie-Platoons in den Kampfeinsatz nach Vietnam. Er wurde dreimal verwundet und mehrfach ausgezeichnet. Er erlebte die Tet-Offensive und kämpfte in Khe Sanh und bei der Schlacht um das A Shau-Tal (ein strategisch wichtiger Einstieg der Nord-Vietnamesen in den Ho-Chi-Minh-Pfad). „It was the A Shau Valley, where I saw the heaviest combat, more than the Tet Offensive for my unit anyway. Then at Khe Sanh we saw combat. My heaviest combat was the A Shau Valley. Why? I have no idea. This was a place where we lost about a third of the company, killed or wounded. It was a bad place, an area heavily controlled by the North Vietnamese regulars.
They had tanks – light amphibious tanks. We got attacked by two tanks. They came out of the jungle, from nowhere. We had air-assaulted into the valley by helicopter to set up camp. So, we were like making a beachhead … sort of like a Normandy thing. We got shot at from the beginning. Helicopters were going down around me. I was totally frightened. That was the only time I was frightened in Vietnam, really frightened. In a helicopter, you don’t have your feet on the ground, you know? Helicopters were getting hit by 57mm anti-aircraft (rounds). These things were exploding. I wanted to get on the ground. I don’t care who is shooting at me on the ground. I don’t want to be up in the air. You can’t do anything up there.”

……“Noch ein Buch! Ich möchte wetten, dass du schon
mal eins von diesen Dingern in einem Museum oder im
Fernsehen gesehen hast.Man macht Filme daraus.“

(aus WORD OF HONOR)

In Vietnam entwickelte er eine Leidenschaft, die über sein weiteres Leben bestimmend werden sollte:
„In der Army wurde ich ein leidenschaftlicher Leser. Ich weiß nicht, wo ich die Zeit hernahm, aber ich las all die Klassiker, die man eigentlich auf dem College lesen sollte. Nach der Armeezeit verschlang ich die Bestseller. DER PATE, DER WEISSE HAI, DER EXORCIST und die anderen Hits der frühen 1970er. Ich dachte mir, so etwas könnte ich auch hinkriegen. Ich wollte schreiben. Ich hatte große Schwierigkeiten mit Jobs nach den Erfahrungen in Nam. Nichts schien mir wirklich wichtig genug. Nichts interessierte mich.“
Er bestritt seinen Lebensunterhalt als Versicherungsdetektiv.

…..Falls ich meine Pensionierung erlebe, sagte sich Ryker, werde ich meine Sommer in der Antarktis verbringen, da auf einem isbeutel sitzen und nichts weiter als ein Unterhemd tragen.
(aus THE SMACK MAN)

DeMille schrieb 1974 und 1975 fünf Romane einer ultrabrutalen Cop-Serie um den New Yorker Polizisten Keller, alias Joe Ryker, der es vorzugsweise mit Kannibalen und unappetitlichen Serienkillern zu tun hat.
„Damals explodierte der Taschenbuchmarkt. Brutale Serien als Taschenbuchoriginalausgaben verkauften sich wie verrückt. Mit einer brutalen Serie hatte man sofort die Möglichkeit, publiziert zu werden.“
Auch wenn er sich heute für die Keller-Ryker-Serie ein wenig schämt: Sie gehört zu den besten Paperback-Original-Dirty-Harry-Serien der 1970er. Für mich ist sie die beste. Eine der bösesten Cop-Noir-Serien. Ein Klassiker.

Der große Durchbruch kam gleich mit seinem ersten dickleibigen zeitgeschichtlichen Thriller vor der Kulisse des Nahostkonfliktes: AN DEN WASSERN VON BABYLON (1978).

Mit jedem weiteren Buch versuchte DeMille einen völlig anderen Hintergrund und unterschiedliche Genres. „Einerseits halten dich verschiedene Leute für brillant, weil sich jedes Buch vom vorherigen radikal unterscheidet, andererseits läuft man bei Themenwechsel auch Gefahr seine Leserschaft zu verlieren.“

DIE KATHEDRALE (1981) war eine Art DER SCHAKAL, in dem der Papst ermordet werden soll. WOLFSBRUT (1984) ist ein Spionageroman über einen Maulwurf im Beraterstab des Präsidenten, der es jederzeit mit den Romanen von LeCarré aufnehmen kann, ihnen an Spannung sogar überlegen ist (was nicht viel heißt).

1985 erschien sein für viele Leser bisher bestes Buch: DAS EHRENWORT (WORD OF HONOR), in dem sich ein wohlhabender Vietnamveteran nach Jahren als Kriegsverbrecher vor einem Militärgericht verantworten soll.
„Das Buch war schwierig. Ich musste das Jahr 1968 genau rekonstruieren, was höllisch viele Recherchen verlangte. Aber ich fühlte, ich musste dieses Buch schreiben. Es ist der einzige Roman über einen Vietnam-Kriegsverbrecherprozess.“
DeMille gelingt in dem Buch eine präzise Bestandaufnahme der Zerrissenheit der amerikanischen Gesellschaft während des Krieges. Und er bringt die Doppelmoral einer kriegerischen Nation auf den Punkt: „Dieser Tyson wurde nach Vietnam geschickt, um zu töten. Ein Kriegsgericht hätte demnach nicht zu entscheiden, ob er andere Menschen getötet hat oder nicht, sondern ob er die richtigen Menschen auf die richtige Weise umgebracht hat.“

TIME nannte den Roman „Das DIE CAINE WAR IHR SCHICKSAL der 80er Jahre“.
2003 wurde er mit Don Johnson für das Fernsehen (TNT) verfilmt (Dons Sohn Jesse Wayne Johnson spielte Dons Rolle als zwanzig Jahre jüngerer).

1997 kehrte DeMille nach Vietnam zurück. Daraus entstand der Roman UP COUNTRY (2002), in dem sein alter ego Paul Brenner den Mord an einem Amerikaner während der Tet Offensive untersuchen soll. Er unternahm die Reise mit zwei anderen Veteranen. „What happened was a magazine called – an online travel magazine that was owned by Microsoft. They wanted me to do a travel article about Vietnam, all expenses paid. I said, ‘Thank you … but I’ve been there all-expenses-paid before’.”

Politisch inkorrekt wie immer, liefert DeMille ein beeindruckendes Bild von Vietnam dreißig Jahre nach dem Krieg. Die Wunden sind nicht verheilt, egal wie oft Rambo auf die Pirsch geht.

Über den Russland-Thriller IN DEN WÄLDERN VON BORODINO (THE CHARM SCHOOL, 1988) schrieb die NEW YORK TIMES „Der beste und überzeugendste Thriller, der seit GORKY PARK über Russland geschrieben wurde.“ Ich persönlich halte diese Spionagegeschichte über Potemkinsche Dörfer für besser als den Megaseller von Cruz-Smith.

Auf einem Höhepunkt des Kalten Krieges war DeMille das Buch sehr wichtig: „Inzwischen ist es nach Ungarn und Polen verkauft. Ich habe meinen Agenten angewiesen, die Rechte in Osteuropa zur Not zu verschenken. Ich glaube, es ist eine gute Investition. Ein Friedensgeschenk.“ , sagte er damals.

Entstanden war der Roman nach einer Russlandreise, die DeMille 1987 mit seiner Frau unternommen hatte. DeMilles erste Frau Ginny arbeitete als Public Relations-Manager und lektoriert die Bücher ihres Mannes. Sie achtete besonders auf die weiblichen Charaktere und deren Glaubwürdigkeit. Sie haben zwei Kinder (mit seinem Sohn Alex schrieb Nelson den Roman THE DESERTER);

Nelson hat mit seiner zweiten Frau Sandy ein weiteres. Der Bestsellerautor lebt in Garden City, New York. “I’m now in my 70s, my wife is 50, and our younger son is 10, so we have to make peace with the three generations.”

Recherche und Reisen waren und sind für DeMille wichtige Voraussetzungen seiner Romane. Aber es ist seine literarische Umsetzung, die das authentische Empfinden vermitteln.

Der Kuba Deal von Nelson DeMille

Seinem bisher vorletzten Roman, THE CUBAN AFFAIR, der auch zurück in die 1960er Jahre führt, gingen mehrere ausführliche Besuche auf Kuba voraus. Die Regionen des mittleren Ostens hat er bisher nicht bereist.

Durchschnittlich braucht er zwei Jahre für ein Buch. Nach den Recherchen schreibt er es handschriftlich mit einem Bleistift nieder. Seine Assistentinnen, Dianne Francis und Patricia Chichester, schreiben die Texte dann in den PC (wenn sie nicht gerade für DeMille im Internet recherchieren).
„The first draft is a skeleton of what it’s going to be. Then I do a second draft, handwritten also. Then I do a third draft. Now it’s readable, at least to my assistants, and they will put it on the computer.”
Inzwischen arbeitet er in einem angemieteten Büro, unterhalb einer größeren Wohnung für Geschäftsbesprechungen und den Arbeitsbereichen der Assistentinnen: „If I’m here, I’m not doing anything else. There’s only one thing to do here and that’s write. Toward the end of a book, the last two months, you know that time is running out, so you work late into the night. I work till about 11 and Saturdays and Sundays. It’s like a term paper. You try to pace it, but you can’t. And you’re never ahead, you’re always behind. And you’re always behind because you don’t know when a book is going to end.”

Die Romane des liberalen Autors sind sarkastisch und meistens in der ersten Person geschrieben. Der Leser begleitet den Protagonisten, der ein „Rätsel“ löst oder einen Auftrag erledigt, ohne dass es für ihn persönlich ein Happy End geben muss. DeMilles Name ist für seine Leser (weltweit verkaufte er bisher um die 50 Millionen Bücher) zum Markenzeichen geworden, wie etwa der von Stephen King.
„My books are all different. People follow the name. You can’t follow the book because – other than the John Corey series, which is a series of stand-alone books – they are all very different… People today have a lot of options. They don’t have to put up with bad novels…. Now, you’re competing for people’s time. You’re competing for their beer money. You’re competing for their attention. You don’t need to make the reader suffer. The reader should be entertained. Also, the reader should learn something. My novels do teach. There’s a lot in there – factual stuff. It’s not non-fiction, but it could be non-fiction… You’re raising the consciousness level on some important subjects, through entertainment, through fiction.”

Für mich war und ist Nelson DeMille einer der größten und anspruchsvollsten Spannungsautoren überhaupt. Und unter den lebenden gehört er mindestens in die TOP 10… Eher in die TOP 5.


Fast alle seine Bücher sind auch auf Deutsch erschienen.

BIBLIOGRAPHIE (nach Wikipedia):

Joe Ryker-Serie (sie wurde später unter dem Pseudonym Jack Cannon wieder veröffentlicht):

The Sniper (1974)
The Hammer of God (1974)
The Agent of Death (1975)
The Smack Man (1975)
The Cannibal (1975)
The Night of the Phoenix (1975)

Einzelwerke:

The Quest (1975)
By the Rivers of Babylon (1978)
Cathedral (1981)
The Talbot Odyssey (1984)
Word of Honor (1985)
The Charm School (1988)
Spencerville (1994)
Mayday (1998)
The Cuban Affair (2017)
The Deserter (2019)

John Sutter-Serie:

The Gold Coast (1990)
The Gate House (2008)

.
Paul Brenner Serie:

The General’s Daughter (1992)
Up Country (2002)
The Panther (2012), Paul Brenner arbeitet zusammen mit John Corey.

John Corey-Serie:

Plum Island (1997)
The Lion’s Game (2000)
Night Fall (2004)
Wild Fire (2006)
The Lion (2010),
The Panther (2012), mit Paul Brenner
Radiant Angel 2015)

Andere Romane:
The Deserter (2019) zusammen mit Alex DeMille
Hitler’s Children: The True Story of Nazi Human Stud Farms (1976) (als Kurt Ladner)
Killer Sharks: The Real Story (1977) (als Brad Mathews)

Non-fiction:
The Five-Million-Dollar Woman: Barbara Walters (1976) (als Ellen Kay)


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EIN ARGENTINIER IN OXFORD: GUILLERMO MARTINEZ UND DER KLASSISCHE DETEKTIVROMAN by Martin Compart

Den angelsächsischen Kult um Lewis Carroll und sein Buch ALICE IN WONDERLAND fand ich nie sonderlich interessiert.
Das änderte sich umgehend, als Guillermo Martinez ihn zum Thema eines klassischen Detektivromans machte!

Sechzehn Jahre nach seinem ersten Detektivroman um den Oxforder Mathematik-Professor ARTHUR SELDOM und seinem „Watson“, dem namenlosen argentinischen Studenten, erschien 2019 die lang ersehnte Fortsetzung, die umgehend mit dem NADAL-Preis ausgezeichnet wurde. Der erste Seldom-Roman war 2003 mit dem PLANETA-Preis ausgezeichnet worden.

Zusammen mit dem Erstling DIE OXFORD MORDE veröffentlichte der Eichborn-Verlag nun auch das Sequel, DER FALL ALICE IM WUNDERLAND.

Wie der Vorgänger spielt auch ALICE im akademischen Milieu von Oxford; ein klassischer Detektivroman im „Don-Stil“. Dieser „Don-Stil“ (auch „academic mysteries“, „Oxbridge Mysteries“ oder „dons´ delights“ genannt) bezeichnet klassische Detektivromane, in denen Autoren die Form dazu benutzen, neben der Rätselhandlung kultiviert über Literatur, Theater, Malerei oder Kunst und Gesellschaft zu plaudern.

Die Auflösung des Rätsels reflektiert den Bildungsstand. Das für derartige Highbrow-Themen bevorzugte Universitätsmilieu zwingt sich geradezu auf. Als Beginn dieses universitären Subgenre gelten Dorothy L.Sayers‘ GAUDY NIGHT (1935) und Michael Innes‘ DEATH AT THE PRESIDENT´S LODGING (1936).

Für die snobistischen Fans, die selbstverständlich den nicht bildungsfernen Schichten angehören, sind diese Don-Novels die höchste Ausformung des klassischen Detektivromans. Man hat ihn gerne auf sein logisches Existenzminimum reduziert und warf und wirft ihm nicht vorhandenen Realismus vor.

Dem könnte man mit Robert Graves und Alan Hodge entgegnen:
Im Übrigen war es ebensowenig beabsichtigt, Detektivromane nach realistischen Maßstäben zu beurteilen wie die Schäfer und Schäferinnen auf den Gemälden Watteaus an zeitgenössischen Methoden der Schafzucht zu messen “(THE LONG WEEKEND, 1940).

DER AUTOR
Guillermo Martinez wurde 1962 in Bahia Blanca an der Atlantikküste Argentiniens geboren. Als Jugendlicher träumte er davon Tennis-Profi zu werden, aber Neigung und Begabung führten ihn zu Mathematik und Philosophie.

Nach seiner Promotion als Mathematiker arbeitete er als Postdoktorand am Mathematischen Institut der Universität von Oxford, das ihn sehr beeindruckte und zu seinen Detektivromanen anregte. „In Oxford ändert sich praktisch nie etwas. Menschen sterben, Menschen kommen und gehen, aber in Oxford bleibt alles beim Alten. Es ist Teil seines Charmes.
Die düsteren Geheimnisse, verborgen in antiquierten Ritualen und verkrusteten universitären Strukturen, gaben den hier angesiedelten Detektivromanen häufig einen leichten Hauch von Gothic Novel. Denn man lebt hier mehr nach innen statt nach aussen.

Anschließend zog er nach Buenos Aires. 1982 veröffentlichte er sein erstes fiktionales Werk, den Erzählungsband LA JUNGLA SIN BESTIAS.
1989 erhielt er für den Kurzgeschichtenband INFIERNO GRANDE den „Premio Nacional Roberto Arlt“.
Es gibt wohl wenige lateinamerikanische Autoren, die nicht von Jorge Luis Borges beeinflusst sind. Auch für Martinez ist er von zentraler Bedeutung, wie er immer wieder verdeutlicht. Daneben nennt er als starke Einflüsse „Henry James, Thomas Mann, Jorge Luis Borges, Julio Cortázar, Witold Gombrowicz, Jean Paul Sartre, E. L. Doctorow, Patricia Highsmith, Dino Buzatti und natürlich den historischen Materialismus; die marxistische Betrachtung der Geschichte und Analyse der sozialen Kräfte.“
Und letztere macht ihn sogar sehr ärgerlich: „Im weitesten Sinn macht mich die Beständigkeit des Kapitalismus wirklich wütend, diese widerwärtige Maschine, die immer neue Armut erzeugt. Ansonsten rege ich mich nur über Bürokratie, argentinische Autofahrer und einige Literaturkritiker auf.“

Und wie hat die Mathematik sein Schreiben beeinflusst?
„Vielleicht bei der Präzision eines Plots, in der Auswahl der richtigen Worte, in der permanenten Korrektur des Textes, in der Suche nach einer bestimmten Transparenz der Prosa und in der Zielsuche nach Eleganz.“

DIE OXFORD MORDE

In den OXFORD MORDEN gelang es Martinez ein Axiom von Werner Heisenbergs Unschärferelation als Plotstruktur umzusetzen. Heisenberg behauptete, dass es unmöglich ist, ein Phänomen wirklich zu verstehen, da man bei der Analyse die Position die Quanteneffekte stört und damit auch die Funktion der Elektronen verändert. Genau das passiert im Roman durch die Anwesenheit von Professor Seldom und dem Ich-Erzähler.

Guillermo Martínez
DIE OXFORD-MORDE
Kriminalroman
Übersetzt von Angelica Ammar
An einem lauen Sommerabend in Oxford findet ein argentinischer Mathematik-Doktorand die Leiche seiner Vermieterin. Kurz darauf geschehen weitere Morde, und kein Geringerer als Arthur Seldom, der berühmte Professor für Logik, erhält jedes Mal eine Nachricht mit einem rätselhaften Symbol. Schnell ist klar: Wenn sie den nächsten Mord verhindern wollen, müssen Seldom und der junge Doktorand die logische Reihung der Symbole entschlüsseln …
Eichborn Verlag; Paperback 14,00€;eBook 9,99.

Martinez hat den klassischen Detektivroman zugleich bestätigt und innoviert.
„Meine Absicht war es, ein Genre zu retten, das als veraltet galt. Das ist für einen Autor eine große Herausforderung. Ich glaube nicht besonders an die Theorien, die über den Noir-Roman und über die geringe Kunstfertigkeit des Rätselromans kursieren. Ich denke, dass es in jeder Literaturform Kunstfertigkeit geben kann, und ich denke, dass der Rätselroman ein Genre ist, das so edel ist wie jedes andere. Vorausgesetzt, man leistet, was Borges verlangt hat: Über die Regeln hinauszugehen. Das habe ich versucht. Der klassische Detektivroman eignet sich sehr gut, um über Erkenntnistheorie und Philosophie zu reflektieren.“

Schon im Golden Age hatte man Parallelen zwischen dem Detektivroman und mathematischen Gleichungen gezogen. Martinez gehört zu den Mathematikern, die darüber hinaus auch Vergleiche zur Poesie ziehen. „Mathematik ist eine kreative Tätigkeit, die der Poesie nahesteht, der Schönheit in den Symmetrien nahekommt und wunderbare Wurzeln in der Philosophie hat. Nur wenige Dinge sind so humanistisch wie die Mathematik.“


Dem Roman vorausgegangen war ein fehlgeschlagenes Experiment. Man hatte Martinez gebeten, für eine Internetseite einen Roman in Episoden oder Fortsetzungen zu schreiben. „Ich musste sofort an Sherlock Holmes denken, der ja ganz ähnlich erstveröffentlicht wurde in Magazinen. Ich versuchte eine neue Version eines logisch denkenden Detektivs, der mathematisch dachte. Nach dem ersten Kapitel, bzw. der ersten Folge, wurde das Projekt aus finanziellen Gründen abgebrochen. Da saß ich nun mit dem Anfang eines neuen Romans und entwickelte ihn weiter.“
Daraus wurde dann DIE OXFORD MORDE.

Man hat dem Buch einige Fehler vorgeworfen. Etwa, dass englische Polizisten keine Schusswaffen dauerhaft mit sich führen dürfen, schon gar nicht, wenn sie nicht im Dienst sind; dass das Gesundheitswesen falsch dargestellt ist und dass die meisten Engländer nachts die Vorhänge zu ziehen.
Wen interessiert das im Zusammenhang mit einem klassischen Detektivroman, der keinerlei Anspruch auf naturalistisches Erzählen erhebt?

DIE OXFORD MORDE wurde ein Welterfolg und ist bisher in 26 Sprachen übersetzt. Ebenfalls erfolgreich war die Verfilmung durch Alex de la Iglesia mit John Hurt und Elijah Wood.
I liked most of the movie. The actors were superb, John Hurt did a great job, and I also liked Elijah Wood very much. I think that the movie followed the main lines of the novel, with some variations, many of them ruled by film constrains and simplifications. But in general, I do think that it is quite faithful to the spirit of the novel.”

Der Regisseur sagt über diesen wunderbaren Film und die gelungene Adaption:

„It’s strange because at the beginning, I read a bad review in a Spanish newspaper, so I remembered thinking, ‘Maybe it’s a good novel.’ And I read it and my first idea was it’s impossible to make a movie with this novel because it’s only mental, there’s no action. Everything happens in the brain. Maybe one year later, Gerardo [Herrero], my producer, called me and told me, I read the novel, I loved the novel, I bought the novel. It’s the Guillermo Martinez novel. What do you think? And suddenly I felt that this was a challenge for me. How can I tell the story visually? It was a real exciting exercise for me and an English movie with English actors — it was like an exam. Can I do it in a real way? Can I make a British movie? I enjoyed doing it and I think the results are really positive… Well, in the script, we changed mathematics for philosophy, so [the characters] are talking about philosophers. In the novel, Guillermo talks about Wittgenstein, but we wanted to make the part bigger because for me, he’s the great thinker. I remember studying philosophy and not understanding anything about [Wittgenstein’s sole book] TRACTATUS. I read it when I was 18 years old. And Wittgenstein worked on TRACTATUS when he was in the first World War, not in the middle of battle, but in the trenches.”

In beiden Romanen wird die Geschichte von einem namenlosen Ich-Erzähler berichtet, von einem argentinischen Studenten (erst Doktorand, im zweiten dann Postdoktorand) Anfang zwanzig. Das Alter-Ego des Autors? „Sicher. Wenn der Erzähler zum Beispiel zu sich selbst sagt: `Die einzige Entschuldigung für Gott ist, dass er nicht existiert´.“

Arthur Seldom ist den Denkmaschinen des Golden Age nachempfunden, eine Oxforder Mathematik-Koryphäe und Autor eines Buches über Logik und Serienmörder, mehr interessiert an intellektuellen Puzzles als daran, Menschenleben zu retten. Aus mathematischer Perspektive betrachtet er die Röhren, Stollen und Querverbindungen, die unterhalb der Oberfläche verlaufen.

Eine bemerkenswerte Reinkarnation des „Great Detective“.

Mit dem Ich-Erzähler als Watson, der Seldom bewundernd assistiert, stützte sich Martinez bewusst auf die Struktur von Conan Doyles Holmes-Geschichten (wie es zuvor auch Umberto Eco in IM NAMEN DER ROSE getan hatte, mit dem die OXFORD MORDE mehrfach verglichen wurde).

Die Charakterisierungen des Personals hält sich in Grenzen, könnte flach wirken, wenn Martinez dies nicht mit seiner stilistischen Eleganz ausgleichen würde. Beides sind kurze Romane und wären durch intensivere Charakterauslotungen eher überfrachtet. Das hätte auch dem hohen Tempo geschadet. Denn es sind Page-Turner, die man in einem Rutsch lesen kann (Inzwischen leider sehr selten in allen Genres, und deswegen umso kostbarer). Die knappen Charakterisierungen passen bestens in dieses Konzept. Eine stärkere Gewichtung würde es untergraben und das kurzweilige Vergnügen lahmen lassen. Es sind Romane ohne Pathos, Psychologie und ohne überflüssiges Fett. Ein grandioser Mix aus Philosophie, Mathematik und Detektivroman, der den Leser bei aller Abstraktion auch emotional gefangen nimmt.

Die Plots sind herausragend, aber entscheidend ist, wie sie erzählt sind.

Übrigens erzählte Martinez in seinem Roman ACERCA DE RODERER (RODERERS ERÖFFNUNG), 1992, in gewisser Hinsicht die Vorgeschichte zu den Oxford-Romanen: Der Erzähler-Detektiv ist hier, kurz vor seiner Abreise nach Oxford, in einer Rückschau seines bisherigen Lebens. Er ist selbst hochbegabt, aber von jener „assimilierenden Intelligenz“, berichtet von seiner Begegnung mit dem Genie Roderer, der seinen Genius als Außenseiter lebt.

DER FALL ALICE IM WUNDERLAND

Lewis Carroll (1832-1898) war ein interessanter Mann, und sein Werk, das besonders Wirkung auf die Surrealisten ausübte, ist nach wie vor populär; in der angelsächsischen Welt gilt Carroll als Klassiker, der nicht nur James Joyce, Evelyn Waugh, Julian Barnes oder Stephen King inspirierte.

Guillermo Martínez
Der Fall Alice im Wunderland
Die ehrwürdige Oxforder Lewis-Carroll-Bruderschaft ist einer Sensation auf der Spur: Aus dem Tagebuch des weltberühmten Schöpfers von Alice im Wunderland ist eine bis dato verschollene Seite aufgetaucht, die Brisantes offenbart. Doch bevor die Bruderschaft den Fund veröffentlichen kann, geschehen mehrere Morde, die durch das literarische Universum von Lewis Carroll inspiriert zu sein scheinen. Auch in ihrem zweiten Fall müssen Logik-Professor Arthur Seldom und sein junger argentinischer Mathematik-Doktorand…
Eichborn Verlag, Paperback, 16,00 €; eBook,11,99 €

Neben seiner Schriftstellerei arbeitete er als Mathematiker, Diakon und Fotograf. Von den 3000 Fotografien, die er gemacht haben soll, überlebten nur etwa 1000. Von denen stellen 50% junge und – nach heutigen Maßstäben – sehr junge Mädchen dar. Er soll acht Sitzungen mit nackten Kindern inszeniert haben. Dieser „Carroll Myth“ ist der dunkelste Teil seines Schaffens. Es wird gemunkelt, dass er arme Frauen dafür bezahlt hat, ihre kleinen Mädchen für diese Fotoshootings zur Verfügung zu stellen.

Das Verhältnis zu Minderjährigen war historisch ein anderes als heute, wo man Carroll sicherlich als pädophil eingeordnet hätte. In dieser Epoche konnte man 12jährige Mädchen (ver)heiraten. „Es gibt einen Brief, den ich im Roman erwähne, den Carroll an einen Cousin schickte, der von einem 11-jährigen Mädchen besessen war. Darin rät er ihm, in eine andere Stadt zu ziehen und darauf zu warten, dass das Mädchen 12 wird.“

Auslöser der Handlung sind 1994 aufgefundene Aufzeichnungen zu den herausgerissenen Tagebuchaufzeichnungen von Carroll. Diese sollen Aufklärung über das Zerwürfnis zwischen Carroll und den Eltern von Alicia Liddle (seiner „Alice im Wunderland“) geben.

„Es war die Entdeckung dieser Papiere im Jahr 94, die mein Interesse auslöste. Genau ein Jahr nach der Handlung des vorherigen Buches. Und dass Carroll ein prominenter Repräsentant des Oxford-Universums ist. Für mich passte alles zusammen.
Als ich in Oxford lebte, besuchte ich einmal die Christ Church und dort sah ich das Porträt von Lewis Carroll. Ich wusste, dass er dort gelebt hatte, und es gibt auch einen Alice-Geschenkeladen, den ich besuchte. Während ich einige Notizen und Klappentexte über sein Leben las, fand ich ein Detail, das mich faszinierte: Seine Nichten und Enkelinnen befanden sich nach seinem Tod im Besitz von Carrolls privaten Tagebüchern und rissen verschiedene Seiten heraus. Insbesondere über das Zerwürfnis mit den Eltern von Alicia Liddle. Ein ständiges Thema unter Carrolls Biographen und Anhängern, die sich nicht darauf einigen konnten, was an diesem Tag passiert war. Das Merkwürdigste, was mich dazu inspirierte, diesen Roman zu schreiben, war die Tatsache, dass diese Frauen, die sehr religiös waren, für jede rausgerissene Seite eine Zeile auf ein Stück Papier geschrieben hatten, die 1994 gefunden wurden.“

An Material für die Recherche zu Carroll und ALICE war kein Mangel.

„Also habe ich recherchiert, wie ich es für keinen anderen Roman getan hatte. Gleichzeitig hatte ich so viel Material, dass die Gefahr drohte, den Roman in eine Akte mit Notizen zu verwandeln. Bei der Arbeit ist mir etwas passiert, das mir vorher noch nicht passiert war: Ich hatte mit einem falschen Schritt begonnen und sechs Kapitel geschrieben, die ich nach sechs Monaten komplett neu schreiben musste, weil sie nicht im richtigen Tempo der Geschichte waren. Ich musste den Protagonisten in den Mittelpunkt des Geschehens stellen und hatte dies zunächst nicht getan. Und ich war unsicher bezüglich der Besetzung der Verdächtigen. Ich wollte nicht, dass sie bloße Staffage waren, sondern dass jeder seine Persönlichkeit, seine Macken, sein öffentliches Leben, sein geheimes Leben hatte.“

Fazit:
Auch wer kein Freund klassischer Detektivromane ist, sollte die beiden Meisterwerke von Guillermo Martinez probieren. Sie zeigen, wieviel Substanz in ihm stecken kann.
Der klassische Whodunnit – in den 1980er- und 1990er Jahren zur modrigen Literaturleiche erklärt – hat in den letzten Jahrzehnten ein erstaunliches Revival erlebt.

Vielleicht doch nicht so erstaunlich:

Die Strukturen des Genres mit Amateurdetektiven als Protagonisten ähneln erstaunlich der neoliberalen Ideologie. Intellektuell sind diese tatkräftigen Ermittler den staatlichen Ordnungskräften überlegen. Ihr Erfolg verlangt ein möglichst autonomes Agieren, frei von staatlichen Beschränkungen (und lediglich in Notfällen verlangen sie dessen uneingeschränkte Unterstützung).
Das globale Plündern der Neo-Liberalen fällt zeitgleich mit dem Widererstarken des Genres zusammen. Das Unterbewusstsein macht keine Fehler (auch wenn manche glaubwürdig versichern, sie hätten keines).



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: P.M. HUBBARD by Martin Compart

„Mein absoluter Favorit, auch in literarischer Hinsicht, ist der leider völlig in Vergessenheit geratene P.M.Hubbard. Er schrieb nur sechzehn Thriller. Aber die gehören zum allerbesten. In keinem ein überflüssiges Wort. Wer lernen will, wie man einen erstklassigen Thriller schreibt, sollte Hubbard studieren.“ (Jonathan Gash)

Philip Maitland Hubbard gehört zu den literarischen Schätzen, von denen man nur ganz wenige in einem Leserleben heben wird. Einer dieser Autoren, die trotz ihrer überragenden Qualitäten nie die Bekanntheit erreichen, die ihnen zustehen würde.
Die Glücklichen, die diese Schriftsteller zufällig oder durch einen Hinweis entdecken, werden ihre Bücher – die sich unauslöschlich ins Hirn brennen – hüten, pflegen, und immer wieder zu ihnen greifen. Und sie reihen sich wahrscheinlich in eine Kult-Gemeinde ein, die nicht sehr groß ist, aber beglückt von dieser Lektüre, immer auf der vergeblichen Suche, vergleichbares zu entdecken.

Diese Autoren sind leider nicht für die Mehrheit der Leser bestimmt (wie ihr begrenzter Erfolg und ihre Vergessenheit belegen); sie gehören einer eifrigen Minderheit.

P.M. Hubbard gehört genau in diese Kategorie.

Wie Kafka ist er kein Schriftsteller, der einen überfällt. Er nimmt subtil von einem Besitz, indem er erst ganz zart an die Kehle greift und immer stärker zudrückt.

Philip Maitland Hubbard wurde am 9 November 1910 in Reading in Berkshire geboren. Aus gesundheitlichen Gründen zog sein Vater mit der Familie auf die Kanalinsel Guernsey. Hier entwickelte Hubbard wohl seine tiefe Liebe zum Meer und zur Natur. Sein Großvater, Henry Dickenson Hubbard (1824–1913), war ein Kirchenmann der Church of England und hinterließ ein beachtliches Vermögen.

Er besuchte das Elizabeth College, Guernsey, studierte dann am Jesus College in Oxford. Dort gewann er 1933 den Newdigate Prize for Poetry für das Gedicht „Ovid among the Goths“.

1934 trat er in den Dienst des Indian Civil Service. Er beendete seine Karriere als letzter District Commissioner des Punjab, bevor Indien 1947 unabhängig wurde.
Anschließend kehrte er nach England zurück und arbeitete in der Verwaltung des British Council, wurde dann stellvertretender Verwaltungsdirektor der Handelsgewerkschaft.

Ab 1960 arbeitete er hauptberuflich als freier Publizist und Schriftsteller. Er schrieb Artikel und Sketche für den „Punch“ und Gedichte. „Most of my `serious´ poetry has remained unpublishable in my period, because it rhymes and scans. I write a good deal of verse for Punch between 1950 & 1962. Of course a lot of comic, satirical, topical & occasional stuff, but occasionally, when the editor wasn’t looking too closely, lapses into poetry (as I see it.).”
Seit den frühen 1950ern schrieb er Science Fiction-Kurzgeschichten, u.a. für so renommierte Magazine wie „The Magazine of Fantasy and Science Fiction“.

1963 erschien sein erster Roman:FLUSH AS MAY. Ihm folgten fünfzehn weitere Thriller (nur sieben davon wurden für die Rowohlt-Thriller-Reihe ins Deutsche übersetzt) und zwei Kinderbücher. HIGH TIDE wurde 1980 fürs Fernsehen in der ITV-Reihe „Armchair Thriller“ mit Ian McShane verfilmt.

Er ließ sich im Horsehill Cottage, Stoke in Dorset nieder, wo er mit seiner Frau und den drei Kindern Jane, Caroline und Peter, bis zur Scheidung lebte. 1973 zog er in den Südwesten von Schottland, der sich von da an stark in seinen Büchern niederschlug.

Er starb am 17, März 1980 in Newton Stewart, Galloway. In seinem Testament bestimmte er eine Pension für seine Exfrau, ihr „unbehelligtes Leben“ im Horsehill Cottage und für seine Kinder einen Trust.


Sein letzter Roman war sein einziger Agenten-Thriller: KILL CLAUDIO, 1979 (der Titel ist ein Shakespeare-Zitat aus VIEL LÄRM UM NICHTS). In ihm findet der Geheimagent Ben Selby heraus, dass sein Freund statt seiner ermordet wurde. Die Witwe bittet ihn, den Mörder zu finden und zu töten. Der politische Hintergrund spielt keine wirkliche Rolle.

Das Thema ähnelt einigen von Hubbards vorherigen Thrillern und erlaubt ihm eine atemberaubende Menschenjagd in der Tradition von Buchan und Household.
Wie sein erster Thriller, FLUSH AS MAY (eher ein klassischer Detektivroman), beginnt er mit einem Leichenfund während eines Spazierganges. Mike Ripley und H.R.F. Keating nahmen KILL CLAUDIO 2000 in ihre 101 CRIME THRILLERS OF THE 20.CENTURY auf (Keating tat dies bereits 1987 in CRIME & MYSTERY – THE 100 BEST BOOKS).

Hubbard erfand nie einen Serienhelden (dabei dürfte sein Protagonist aus A HIVE OF GLASS, der fanatische Antiquitätenjäger Johnnie Slade, einen gewissen Einfluss auf Jonathan Gashs Helden Lovejoy ausgeübt haben) und Polizisten tauchen kaum in seinen Thrillern auf. In Hubbards atavistischen Welt haben Ordnungskräfte wenig bis keine Bedeutung.

Seine Protagonisten verfügen über einen scharfen Verstand und sie sind deduktionsfähig, aber mit klassischen Detektivromanhelden haben sie nichts zu tun. Sie leben in einer Welt voller Gier, Neid und Leidenschaft, die auf Mord und Totschlag zuläuft. In einer Atmosphäre wie in modernisierten gotischen Schauerromanen.

Seine “Helden” (weibliche Protagonisten gibt es nur in zwei Romanen, FLUSH AS MAY und THE QUIET RIVER) sind meistens gebildete Männer (etwa Schriftsteller), die sich gut ausdrücken können und über einen starkem Willen verfügen. Sie teilen häufig die Interessen ihres Schöpfers: Jagdsport, Segeln, Volksglaube oder Shakespeare.
Sie geben wenig Auskunft über ihr Vorleben, haben anscheinend nichts mit Institutionen zu tun und so gut wie kein gesellschaftliches Leben. Falls doch, leben sie zum Beginn der Handlung in ihren urbanen Professionen wie getarnte Psychopathen:

„Ich ließ nur das schmallippige Lächeln sehen, das ich mir in der Schule einem bestimmten Direktor gegenüber angewöhnt hatte. Soviel Hass wie auf den Direx hätte ich für Mr. Hastings gar nicht aufgebracht. Hauptsächlich wünschte ich mich weg. Weg aus London.“

Sie sind so isoliert wie die Welt, in die sie ihr Autor versetzt. Der konzentriert sie ganz auf das ablaufende Geschehen und ihre emotionalen Effekte.
Sie kommen oft aus einem scheinbar vorenthaltenen Leben mit kargen Freuden scheuen weder Risiken noch Chancen. Besonders dann nicht, wenn sie eine verbotene Fruchtpflücken wollen (vor allem in Form von Liebe zu einer verbotenen Frau).
Und sie kommen fast immer von außen in eine schwer durchschaubare Welt, die sie zu umklammern beginnt.

Jochen Schmidt schrieb über Hubbards amoralische Protagonisten:
„Hubbard selbst lässt mit keinem Wort erkennen, dass er das Tun und Lassen seines Helden missbilligt… Die Inhumanität – also auch die Schuld des Erzählers – ergibt sich nur aus dem Sprachduktus dieser unsentimentalen Rollenprosa… Vielleicht ist es diese Gefühlskälte vieler Hubbardscher Figuren, die den ständig ins kalte Wasser geschickten Leser dieser vorzüglichen Romane gelegentlich frösteln lässt“ (GANGSTER, OPFER, DETEKTIVE; Ullstein, 1988, S.321f.).

“The place is generally in fact the principal character in the book, because, again, places mean more to me than people.”

Hubbards Bücher sind “rurale Thriller” oder “Country Noir”. Keiner von ihnen spielt in einer Metropole oder in einer urbanen Umgebung. Handlungsorte sind Küstenstriche, Highlands, Inseln oder unheimliche Wälder mit noch unheimlicheren Häusern (sein Können, die Natur beklemmend erfahrbar zu machen, wird gelegentlich mit dem nicht minder großartigen Arthur Machen verglichen), gelegentlich von Überresten paganer Kultur durchdrungen. Grenzgebiete einer atavistischen Welt, die auch das Bewusstsein der Figuren widerspiegelt. Immer wieder betonen Theoretiker eine gewisse Nähe zur Gothic Novel bei Hubbard, dort, wo „erhabene Natur die Komplizin des Bösen“ (Hans Richard Brittnacher) ist.

In diesem Sinne könnte man Hubbards Romane gar als Backwood-Thriller einordnen.

Mentale und physische Isolation gehört zu den wiederkehrenden Motiven.
Hubbard ist ein Konservativer, der das moderne großstädtische Leben kaum kannte.
So behauptete er ernsthaft 1969 in COLD WATERS:
„In London gab es nur ein oder zwei Räumlichkeiten, wo man für so viele Leute (Jahresparty eines Unternehmens) ein Essen arrangieren konnte.“

Er hatte auf Guernsey gelebt, über ein Jahrzehnt in Nordindien und nach seiner Rückkehr wohl einige Zeit in London, bevor er sich in einem ländlichen Cottage niederließ, wo er einsam seiner schriftstellerischen Tätigkeit nachging. Bis auf gelegentliche Besuche beim „Punch“ oder bei Verlagen, dürfte er wenig großstädtisches Leben erfahren haben. Die schockierenden Swinging Sixties sind wohl einigermaßen spurlos an ihm vorbei gegangen.

Er kommt mir vor wie von der Nachkriegszeit enttäuschter Brite, den der Verlust des Empires desillusioniert in die Wälder und aufs Wasser getrieben hat. Von Britannien war für ihn nur noch der rurale Kern (bis in die schottischen Highlands) akzeptabel und lebenswert. Aber da er kein Reaktionär war, sah er auch den dort möglichen Horror. Seine Verbrechen entspringen weniger gesellschaftlichen Umständen, sondern der menschlichen Natur im Hobbesschen Sinne oder der Psychopathie.

Jochen Schmidt hat darauf hingewiesen, dass merkwürdiger Weise Hubbards langjähriger Aufenthalt in Indien keinen oder kaum einen Niederschlag in seinem Werk gefunden hat. Lediglich THE COUNTRY OF AGAIN spielt hauptsächlich in Pakistan (Punjab).

Die Geschichten entwickeln sich langsam aber treibend, bauen eine Atmosphäre zunehmender Paranoia auf, getragen von der bedrückenden Umgebung, bis sie schließlich in Morden explodieren. Vor dem Ende gibt es nur wenige physische Konfrontationen, aber eine immer gegenwärtige, sich steigernde Atmosphäre der Gewalt. Ein großer Reiz dieser Thriller ist diese drohende Stimmung einer unmittelbar bevorstehenden Zerstörung.

Die Gewalt baut sich unterschwellig auf und wird dann immer bedrohlicher. Das Gewaltpotential wird zurückgehalten, steigert sich latent bis zum Ausbruch. Hubbard lässt es den Leser spüren, benutzt seine Phantasie antizipatorisch. Der innere Dialog entwickelt die Spannung von Seite zu Seite.
Wenn diese Gewalt dann explodiert, trifft sie den Leser wie ein Faustschlag in den Bauch. Schockierender als Splatter-Punk.

“I have too little sympathy with other people to be a good novelist (a general male failing, which is why most of the great novels are written by women), but my English rests on a severely traditional classical education, which I have no doubt is the only sound basis for using English properly…. . By this I mean that I am in myself a egotist, and tend to see people mainly as factors in my own situation, whereas I should have thought that a novelist must (or at least on occasion be able to) take a God’s-eye view of them. Of course all fiction writers are egotists, and a certain degree of egotism is necessary to impose a unity on their imagined world and people. But they ought to be able to envisage other people’s feeling more clearly than probably I can.” (Briefe an Tom Jenkins in 1973)

Hubbards intensive Ich-Erzähler monologisieren sehr filmisch. Deshalb sind seine Thriller ein Geheimtipp für intelligente Regisseure. Bisher wurde lediglich ein Buch von ihm für das Fernsehen adaptiert.

Die Romane sind relativ kurz und lesen sich schnell. Das entspricht Hubbards Suspense-Konzept und erfüllt es maximal. Im Gegensatz zu den meisten Page-Turnern bleiben die Bücher im Gedächtnis. Spannung, Charaktere und Atmosphäre sind so originell, so ungewöhnlich, dass man sich noch Jahrzehnte später rudimentär erinnert.

Jedes Buch enthält lediglich vier Hauptpersonen mit der Konzentration auf den Protagonisten, der fast immer der Ich-Erzähler ist. Der erzählt in klaren, kurzen Sätzen, vermeidet Adjektive und Wortschwall. Die Geschichten erzählen sich von selbst durch die Augen des Protagonisten. Kontrafaktisches ist für den Leser kaum erkennbar.
Unter der Meisterschaft von Hubbard baut sich alles zu einem literarischen Universum zusammen, dass in der Thriller-Literatur nichts Vergleichbares kennt. Obwohl ihm Jonathan Gash manchmal nahekommt (besonders in den Action-Szenen der frühen Lovejoys).

In kurzen Sätzen voller Eleganz beschreibt er brutale, geradezu mythische Konflikte in einer einsamen Natur. Bei ihm gibt es keine sinnlosen Sätze, keine Redundanz (durch die fast alle heutigen Thriller ihren voluminösen Umfang erreichen). In der Regel geht es um einen amoralischen Protagonisten, der durch Umstände zu einer Aktion gezwungen wird, die weitere Handlungen nach sich zieht – bis zu einem entweder desaströsen oder „befriedigendem“ Ende.

Die düstere Psychologie in Hubbards Romanen rief bei einigen Kritikern Vergleiche mit Patricia Highsmith hervor. Seine Faszination für Wasser und Segeln ließen andere Kritiker an Andrew Garve denken, der aber ein viel optimistischeres Weltbild hat und weniger getrieben ist.

Dem literaturgeschichtlichen Sortierzwang entzieht er sich weitgehend.

Und so hat Philip Maitland Hubbard gearbeitet:

„I start with the one or two characters necessary to carry the theme, and then I just start writing and see what happens. Fresh characters introduce themselves, existing characters do unexpected things and the thing just goes on growing. At some point, obviously, I have to stop and say, in effect, “Well, what is this about? What really is going to happen?” But I may be two-thirds of the way through the book by then. Even then I don’t conceive the solution in more than general terms, but of course the further I go, the more precisely I can see ahead. I do very occasionally have to go back and change a few details at the start of the book which no longer fit its outcome, but it is odd how seldom this happens. This is because the thing is conceived and built up as an organic growth. the later parts fit the earlier parts simply because they have developed naturally out of them. Even the final solution is not something imposed from the outside, but is precisely the explanation of all that has gone before. In detail, I write very much as it falls out, writing in my own minuscule hand (700+ words to a quarto page), and changing very little, and that only for purely verbal reasons, so that you may get several consecutive pages of ms. with no corrections at all. When I have finished, I copy it out laboriously on my typewriter, and the result is the text as printed. I cannot consider such a thing as a re-draft, because once the book is down on paper, it is dead so far as I am concerned, and a postmortem may be possible, but not surgery.“

BIBLIOGRAPHIE:

Flush as May (1963)
Picture of Millie (1964)
A Hive of Glass (1966)
The Holm Oaks (1966)
The Tower (1968)
The Custom of the Country (as The Country of Again in US) (1969)
Cold Waters (1969)
High Tide (1971)
The Dancing Man (1971)
A Whisper in the Glen (1972)
A Rooted Sorrow (1973)
A Thirsty Evil (1974)
The Graveyard(1975)
The Causeway (1976)
The Quiet River (1978)
Kill Claudio (1979)

JUGENDBÜCHER:
Anna Highbury (1963)
Rat Trap Island (1964)

Eine Bibliographie der deutschen Übersetzungen für Rowohlt findet sich unter:

Hubbard, P.M.



http://zerberus-book.de/



BOSTON TERANS MUTTER DES JAHRES by Martin Compart

„No one looks exactly like they really are. That’s the secret of the human race.
How the honest and the dishonest get by in the harsh climate of everyday life.
How both beautiful and barbarous motives go unnoticed until it’s too late.“

In a rundown Los Angeles bungalow, Shay Storey sits across a battered Formica table watching her mother clean the semi-automatic they will use for a killing. It is 1987 and Shay is just thirteen. Their intended victim is a local policeman named Victor Sully from Baker. Shay and her mother shoot him and bury him in a shallow grave in the desert northeast of Los Angeles, but somehow, some way, Sully claws his way to survival.

His life, though, is destroyed anyway, and he slips out of Los Angeles under cover of darkness, a broken man. It is more than ten years later that these three lost souls meet again to play out the inevitable drama set in motion by that first violent meeting in the desert, each searching for revenge, and perhaps, redemption.

Riveting, powerful, and brilliantly written, Never Count Out the Dead is an unforgettable reading experience that will linger in your brain long after the last page is turned.

Der Erstling von Boston Teran fegte wie ein Wüstensturm aus dem Nichts über die Noir-Szene hinweg. Mit Spannung wurde der zweite Roman erwartet.

Entweder würde er groß scheitern oder triumphieren.

NEVER COUNT OUT THE DEAD bewies, daß Teran kein One-Hit-Wonder war. Thematisch völlig anders als GOD IS A BULLET schoss der Roman sofort in den Pantheon der Noir-Kultur.

Ein Kritiker bezeichnete ihn als Mischung aus CHINATOWN und MACBETH.

Der Roman erlebte nur zwischen 2001 und 2004 Übersetzungen in drei Sprachen und 15 Auflagen.

Auch weil er eine der ungewöhnlichsten und erschreckendsten Noir-Ladies vorführte.

Wie man schon seit Cyrus aus GOD weiß: Für Terans Antagonisten gibt es eine eigene Lounge in der Hölle. Aber ob da auch die Berufsmörderin Dee Storey Einlass findet, ist fraglich.
Dee könnte einen eigenen Kerker beanspruchen.
Sie ist das ganze Gegenteil von Donna Reed in MUTTER IST DIE ALLERBESTE. Eine durchgeknallte Speedsüchtige, die als Mietkillerin die ökonomischen Lebensumstände schwer verbessert hat. Ihre 13jährige Tochter Shay hat sie schon mal an Pornographen und Perverse vermietet. Von einem beschissenen Leben gebeutelt, versucht sie auf ihre Art, die Tochter fürs Leben vorzubereiten. Und um die Mutterliebe komplett zu machen, überrascht sie ihre Tochter eines Tages mit dem Wunschtraum einer jeden 13jährigen: „We’re going to kill a man tomorrow night . . . it won’t be easy, I know”.
Und damit geht es erst los!

Ein abschreckendes Beispiel dafür, was Southern Comfort mit Speed selbst aus den Derbsten unter uns machen kann.

Wie in GOD IS A BULLET muss der männliche Protagonist eine Wandlung von Passivität zur Aktivität durchlaufen. Diesmal ist der Journalist Landshark der Katalysator.

NEVER COUNT OUT THE DEAD, ebenfalls im present tense geschrieben, gibt dem Leser erste Anzeichen dafür, wie Boston Teran nach dem überschwänglichen Erstling seine Sprachgewalt zu zähmen beginnt. Vergleicht man die apokalyptische Stimme der ersten Romane etwa mit THE CREED OF VIOLENCE, sieht man die Entwicklung deutlich.
Und noch frappanter fallen die Vergleiche mit THE COUNTRY I LIVED IN aus. Aber hier arbeitet er noch mit fast so vielen Metaphern wie im Erstling.

Chandler unter Crystal Meth. „As in Chandler’s books the Southern California landscape is evoked so strongly -the hot, sweet aroma of the chaparral, the gritty, mineral taste of sand- that it becomes a virtually independent character looming over the rest of the story. The book is shot through with seething anger; each character is haunted by memories of loss and betrayal. At times rage drives the writing almost out of control; the author’s prose-style is simultaneously propulsive and twisty, reading some of the author’s sentences is like driving too fast on a curvy mountain road. I found myself crashing at times, but the style perfectly suits the swift, violent nature of the story”, schrieb ein zufriedener Amazon-Kunde.

Der Roman beginnt und endet im San Frasquito Canyon (gemeint ist wohl der San Francisquito Canyon). Ein nettes Plätzchen. “In between confrontations, Teran displays a deep, loving knowledge of Southern California, particularly its underbellies: Franklin Canyon, where the Hillside Strangler once roamed, and a dozen neighborhoods of Los Angeles that have seen better days.
Teran’s geographic and historic knowledge is so great and his descriptive powers so developed that he makes one want to jump in the car with only a road map and explore all these long-forgotten and never-seen places. We might end the day at a dusty desert motel with a bottle of bourbon, the air conditioner broken down, sweating on top of the sheets, and thinking about God and sin and endless highways.”
(Mark Johnson ).

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Korruption und andere Verbrechen haben in Kalifornien geradezu byzantinische Ausmaße, die bekanntlich nicht nur BT inspiriert haben. Tom Long fragte zu Recht: “This is mean, nasty stuff, so thoroughly laced with vileness and hopelessness that you wonder who the heck Teran hangs out with.”

Aber was hat ihn zu NEVER COUNT OUT THE DEAD inspiriert?
In einem Interview aus 2001 erzählt er:

“The inspiration for NEVER COUNT OUT THE DEAD came when the traffic of two completely independent realities converged upon one intersection: theme.

First reality: My father was a widowed gamblaholic who liked the taste of everything a little too much. He indulged in what might be called the larcenous expedition or the conning adventure. Unfortunately, some went bust and he couldn’t just scam his way out of trouble.

While I was growing up and these little „catastrophes“ played out my father sometimes took me from home and had me live somewhere else. Once I was moved into the basement apartment of a two family house owned by a mother and daughter prostitute team. Their apartment was on the floor above. My father was dating both women at the time and felt I was better off having them look out for me.

All I witnessed and experienced of their relationship, their cunning and fearlessness, every brutal and tortured confrontation, I carried around inside my head until I could find a home on the written page for the mythos of that living drama.

Second reality: When GOD IS A BULLET was first published, I began a dialogue with someone I can describe only loosely as „an investigator with journalistic aspirations“ and who called themself Birdhous-gal.

We began to exchange written dialogues on the corruption behind the building of certain L.A. schools on toxic and potentially toxic sites.

Disaster heaped upon youth because of the cancerous character of adults was a motif that seemed to connect these two distinct realities, and so an idea was born. “

Aus “Birdhouse-gal” ist im Roman dann “Landshark” geworden, der investigative Journalist „too intense for his own flesh. Driven hard by sad, desperate needs that might bring about his own destruction. And angry to a point he doesn’t recognize.“

ZWEI BLURBS:

‚Jim Thompson´s crown and his fury seem to have passed to Boston Teran, the new voice of pulp fiction‘ – Dennis Lehane

‚A grim glorious Gothic that culminates in an action finish Bruce Willis would kill for.The tension ratchets up like thumbscrew in the hands of a master inquisitor… Boston Teran anatomizes loss like nobody else, but he never loses sight of the indomitability of the human spirit. If writing is therapy, I´m very glad not to be inside Boston Teran´s head. This is a terrifying glimpse into lives that make you sit and count your blessing till dawn.´

Val McDermid



BOSTON TERANS HEIMATSCHUTZ by Martin Compart

If you want to join the modern world,
you will have to enjoin the violence that exists with it.

The Country I Lived in, 2014

The time is 1955—the birth of rock and roll, the Beat Generation, and social rebellion. It is also the era of covert operations and clandestine governmental actions. War hero John Rawbone Lourdes, grandson of an infamous American outlaw and assassin, and son of a renowned agent for the Bureau of Investigation sets off on an odyssey through Texas and into Mexico, to uncover one of the most foreboding true conspiracies of the time. It is a profound novel of social protest and the violence and treachery committed to crushing it. The Country I Lived In is also a moving personal story about love and loyalty—loyalty to a woman, to one’s friends, to one’s nation, and ultimately to the truth—and how all three may well be in conflict with each other.

Dieser Roman ist, nach THE CREED OF VIOLENCE und GARDENS OF GRIEF, der dritte Band von Bostan Terans Lourdes Serie.
Hauptperson ist der WWII- und Korea-Veteran John Loudres (seinen Großvater wird Daniel Craig in der Verfilmung von CREED spielen). „Familiäre Figuren“ aus den beiden vorherigen Bänden tauchen in prominenter Rolle auf, etwa William Van oder der unvermeidbare Wodsworth Burr.

Wie bei Boston Teran üblich, wird nicht lange rumgemacht und erwartbares aus tausend bekannten Thrillern erzählt, sondern ein Kickstart hingelegt. In seiner poetischen hard-boiled-Sprache sind die eindringlichen Figuren sofort präsent und unverwechselbar. Die Erzählerstimme ist mitreißend, die Dialoge originell und witzig. Beängstigende Intensität.

Die Handlung wird in einem aberwitzigen Tempo voran geschossen, das selbst für Teran extrem ist. Unglaublich, man hat kaum Zeit, um Luft zu holen. Oder wie Jean Heller in der St.Petersburg Times über GOD IS A BULLET schrieb:
„I was putting it down after every chapter to hunt for Valium. But a little farther and I started having to force myself to put it down to go to work.”

Die Story ist (scheinbar) auf Seite 20 etabliert, und kaum hat John Lourdes die Spur aufgenommen, geht es zur Sache. Erstmal ein kleineres Massaker in Saltillo, Mexiko, damit man auch mal Zeit hat, sich ein Bier zu holen.

Es ist die Zeit des hysterischen Antikommunismus, seit langem geschürt von John Foster Dulles nach außen und im Inneren beängstigend ausgelebt durch die Schauprozesse seines Heloten McCarthy. Die USA haben kaum den fast verlorenen Korea-Krieg verdaut, aber im Iran und in Guatemala die Interessen ihrer Oligarchie mit Hilfe der CIA durchgeputscht. Edgar Hoover bestreitet nach wie vor die Existenz der Mafia. Nachdem Johns Bruder Allen Dulles 1953 Chef der CIA geworden war, verstärkte er den politischen Einfluss des Dienstes und begann umgehend mit schmutzigen Jobs im Interesse der Wirtschaft. Sein Credo: Alles wird wahr, wenn man nur lange genug lügt.

Antikommunismus war der Begriff, bei dem die ganze westliche Welt auf Kommando zu sabbern begann. Wie heute bei der Heilsbotschaft Antiterrorismus.

Und der Rock´n Roll droht bereits in den Jukeboxen, um schweren Schaden unter Jugendlichen anzurichten.

Während aus den Fernsehern die Propaganda-Verblödung dröhnt, entwickeln sich im Süden der Staaten erste Bürgerrechtsbewegungen, und die Beat-Literaten sind on the road, um zusammen mit dem Rock’n Roll die Grundlagen für die Gegenkultur der 1960er Jahre zu legen.

Ganz klar eine Bedrohung für das faschistoide Amerika, das hinter jedem Kerouac-Buch und jeder Elvis-Scheibe eine kommunistische Verschwörung erkennt. Um die „Sicherheit“ des Landes und der Ölindustrie zu garantieren, ist Geheimdiensten und Militär jedes Mittel recht: das Stürzen demokratischer Regierungen im Ausland und das Ausschalten von Dissidenten in der Heimat.

Wer den Mächtigen in die Quere kam, dem erging es ähnlich wie wir es seit 9/11 kennen.
Wieder zeigt Boston Teran, dass Vergangenheit nie zu Ende ist.

THE COUNTRY I LIVED IN funktioniert wie ein Mike Hammer-Roman:
Ein Army-Buddy wurde umgelegt, und Mike sucht die Killer und Strippenzieher, um sie ihrer gerechten Strafe zuzuhenkern.

Nur ist Boston Teran eben nicht Mickey Spillane!

Bei ihm läuft das anders ab.

Der Veteran Lourdes ist unsicher geworden und will – wie ein früher Easy Rider – Amerika suchen, denn „something was missing from his life, something of purpose and destiny, to take away the quiet sadness that kept to itself inside him.“
Er kauft einen Packard und fährt los, um “hit out on the road…[like] Huck on the river, Parkman on the Oregon Trail, Brando burning up miles of asphalt in The Wild Ones.“. Trotz seiner illusionslosen Einstellung gegenüber der Welt und sich selbst, hat John nach wie vor verdeckte Ideale.

Da erreicht ihn der Hilferuf eines alten Kriegskameraden. Also fährt er zu ihm nach Laredo („A town of limited excitement, to say the least.”).

Er kommt zu spät. Sein Freund wurde gefoltert und ermordet und alles als kompromittierender Selbstmord inszeniert.

Damit wird sich John nicht abfinden.

Und deshalb gerät er sofort mit CIA-Agenten aneinander:

„Where do you stand on our going into Iran and Guatemala?” said Bushnell.

“As for Iran, I don´t believe in hiring mobsters to overthrow a democratically elected government to do the bidding of the oil companies… And as for Guatemala. I can´t envision Abraham Lincoln making a case to fight to the death for the United Fruit Company (heute Chiquita). We didn´t serve ourselves well in Guatemala.”

“That´s a little red, isn´t it?” said Bushnell…

“I know guys like you… Brown versus the Board of Education is fine as long as they keep it in Biloxi and not in Boston.No Jews either in the state department. Or anyone who coted for Stevenson. You talk war, but will never do a day on the front line. You drape yourself in the flag, but you prefer to let the poverty row boys get buried in one.”

“You could toss your military record at me. But Mueller had one too…Would loyalty to your country supercede loyalty to a friend?”

“I could be loyal to both. But one might in the wrong. I´d deal with that as the situation presents itself.”

“Would loyalty to a friend supercede loyalty to the truth?”

“I´ll let you know when I get a glimpse of the truth.”

“Would loyalty to a friend supercede loyalty to the security of your country?”

“You´ve left out loyalty to one´s faith and family in all this. We are finished.”

“Besides the charge of possession of narcotics-“

“Suspicion or possession.” John corrected him. “Possession of marijuana turned Robert Mitchum into a bona fide movie star. You wouldn´t want that happen to me,”

“We could open a truckload of investigations into your life-“

Dann bohrt sich das Geschehen tief ins Innere von Mexiko, wo die Amerikaner Strukturen etablieren, die noch heute funktionieren.

„Oh, don´t do that!“

Als Lourdes auf einem Güterzug nach Mexiko City trampt, trifft er Guatemalteken auf ihrem Weg in den Norden: „…who told the story of how outside intervention on behalf of the United Fruit Company had subdued or run off all political opposition to their control of the government. Now these men were undertaking the journey to El Norte. An American company had driven them out of their homeland and ultimately to the shores of the United States.”

Mit jedem Roman bemüht sich Teran, ein Loch in die Mauer der Verblödung zu treten.

Teran brilliert mit seiner Kenntnis und dem tiefen Verständnis für das Land. Wo erfährt man sonst ganz nebenbei etwas über die Kultur des Panos?

Dieses Bild von Mexiko in den 1950ern ist manchmal hochaktuell und selten nostalgisch (wie etwa die Beschreibung der Bounty-Bar, in der sich die Beats so gerne vollaufen ließen. Die Protagonisten besuchen sogar die Wohnung, in der William S.Burroughs betrunken seine Frau erschossen hat. „He got off by the way, as will happen in Mexico. He bribed his way out of any legal consequences.“).

Teran inszeniert ein Katz- und Maus-Spiel mit überraschenden Wendungen durch die Verschwörung bis hin zum zwingend tödlichen Showdown.

Nur jemand, der sein Land wirklich liebt, kann es so hassen. Diese Liebe funktioniert für Boston Teran vor allem als Verpflichtung der Zeit gegenüber der Literatur. Er wird nicht müde, zu zeigen, wie sich jeder Sadistenlümmel auf Patriotismus berufen kann.

In diesem Roman gibt es wieder zwei starke Frauen, wie man sie in der zeitgenössischen Literatur so nur bei Boston Teran findet.

Woher kommen all diese starken Frauen, die sein Werk durchziehen?

„The men I grew up around where thieves, liars and con men. They wasted their lives, mostly. It was an immigrant Italian world where men dominated, but the women were really the strength of the family… They soldiered on while the men were destroying their lives all around them. The women were the carriers of character, They were the ones I looked up to. And my grandmother knew how to use a pistol. She had to.”
Ein Großteil seines Verstandes und seiner Gefühle kommen von dort.

Aber auch eine aktenkundige Ratte wie E.Howard Hunt hat einen cameo-Auftritt. Dessen Verkommenheit hätte Caligula aus dem Fenster kotzen lassen.

Einige Kritiker warfen Teran „stilistische Exzesse“ vor (ähnliches war schon Cormac McCarthy passiert). Und ähnlich wie McCarthy pflegt er sein eigenes linguistisches Konzept. Das stützte sich auf seine Besonderheit, Substantive und Adjektive als Verben zu gebrauchen, was den kraftvollen linearen realistischen Stil unterstützt. Niemand adjektivierte Substantive wie Teran. Dieses wunderbare Stilmittel wird in diesem Roman weniger bis kaum gebraucht. Die ungewöhnliche Anwendung von Verben und Adjektiven poetisiert weiterhin seine Prosa:

…young men all shaved and cologne in their best slacks…

This was another part of the man she was experiencing…

He swung the wheel sweeping lanes when a bus framed up on the passenger side…

“you have an informed but wicked mind, Jordon.”

Teran hat natürlich noch mehr Originalität zu bieten, um THE COUNTRY I LIVED IN nicht zu einem glatten Pageturner verkommen zu lassen, der eine primitive voyeuristische Ästhetik sensationalistisch ausplündert.
Er unterscheidet sich wesentlich von Autoren, die nichts zu sagen haben und daraus ein ästhetisches Konzept machen.

Trotzdem ist es stilistisch einer seiner konventionellsten Romane.

Falls so etwas konventionell genannt werden darf:

John und Mia werden vom Anführer einer (chancenlosen) Straßengang bedroht:

Please, thought John, don´t become some swaggering baby-faced warrior. Whatever you´re thinking it won´t settle any argument you have with the world, it won´t even any score. The flaw you guys never get until it´s too late… You can never outsmart your own desperation.

Und dann diese Dialoge! Die besten diesseits von Chandler und McCarthy. Da kann kaum einer der besten TV-Serien-Autoren Hollywoods auch nur im Ansatz mithalten.

Die „Quest“ (Reise, Suche, Odyssee) ist Terans zentrale und wiederkehrende Plotstruktur. Sie ist nicht nur eine simple Abenteuerreise. Diese Suche nach Personen, Erkenntnissen oder Objekten ist tief im Mythologischen verwurzelt. In der griechischen Mythologie wird die eigentliche Quest häufig überlagert durch heroische Taten während der Reise, die den Protagonisten Einsicht zur Veränderung gewinnen lassen. Das hat sich schon früh in der Literatur niedergeschlagen, die die Quest als Reise zur Selbsterkenntnis beschreibt. ODYSSEE oder PARZIFAL als Vorläufer des (bürgerlichen) Bildungsroman. Ein Topos, der in den Werten des Bildungsbürgertums versteinerte und mit Boston Teran seine ursprüngliche Wucht revitalisiert.

Mit seinen historischen Ausflügen gelingt es Boston Teran, die Gegenwart zu erfassen und zu artikulieren. Gerade in Zeiten, in denen die Unterscheidung zwischen Vergangenheit und Zukunft zusammenbricht.

Auf die Brutalität in seinen Büchern (hier auf GOD IS A BULLET) angesprochen, antwortete der Autor:
The level of violence is acutely accurate for the world these characters inhabit, and it fits with the themes and content of the book. Violence is how some of the characters strive to make the world their own through whatever means necessary.

Weiteres zu Boston Teran unter:
https://martincompart.wordpress.com/2011/06/26/die-dunkle-welt-des-boston-teran-1/
https://martincompart.wordpress.com/2019/08/09/boston-terans-gaerten-des-schmerzes/

zu Cormac McCarthy:
https://martincompart.wordpress.com/2010/12/22/cormac-mccarthys-blood-meridian-des-schweigers-reise-durch-die-holle/



KLASSIKER DES NOIR-ROMANS: SHANE STEVENS und sein Roman „KILL“ by Martin Compart

„Inspiriert von realen Fällen zeigt »Kill« im fesselnden, halb dokumentarischen Stil den (fiktiven) Serienmörder Thomas Bishop in seiner Entstehung, in seinen Taten, aber auch in seinem Alltagsleben, und beleuchtet die Auswirkungen, die seine grausamen Morde auf die Gesellschaft und ihre Moral haben.

»Kill« von Shane Stevens gilt als der erste Roman, der einen Serienmörder in den Mittelpunkt stellt, und ist damit das Vorbild für Thomas Harris und seine Hannibal Lecter-Romane.
»Kill« gilt als erster Serienkiller-Roman, der zugleich die True-Crime-Literatur vorwegnahm, und wird heute von der Literaturkritik als Klassiker gewürdigt.“

Immer noch gibt es unbekannte Klassiker zu entdecken!

Das gilt auch für Shane Stevens, dessen Roman KILL (BY REASON OF INSANITY) der Heyne-Verlag neu aufgelegt hat (eine gekürzte Version erschien bereits bei Moewig, 1981).

Shane Stevens ist ein wunderbarer Schriftsteller mit einem ungewöhnlich treffenden Gespür für Sprache, Charaktere, Situationen und Atmosphäre. Gleich das erste Kapitel ergießt sich mit emotionaler Wucht über Leser, die befähigt sind, diese literarische Qualität wahr zu nehmen:

„Im Frühjahr wälzt sich der Nebel wie stummer Donner über die Bucht und scheint San Francisco in Quecksilber zu baden.“

Was für ein erster Satz! Chandler hätte Freude an dieser Poesie gehabt.

Ich mag auch den Humor des Autors:

„Um die Hintergründe zu verstehen, müssen wir in die frühen Nachkriegsjahre zurückgehen… Im Valley wurden neue Reihenhäuser gebaut… Es gab auch wieder mehr Lebensmittel… In Washington versuchte die Truman-Administration Europa vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch zu retten. Aber wie üblich tat niemand etwas gegen das Wetter… Irgendwann am Abend entschied ein Mann, dass dies eine gute Nacht wäre für Raub und Vergewaltigung…“

Völlig natürlich gleitet Steven stilistisch zwischen humorigen Bemerkungen aus der Metaebene zu berührenden subjektiven Perspektiven:

„Sie wollte nicht sterben, und sie wollte auch nicht schwanger werden. Und doch lag sie hier, die Beine gespreizt, und dieser Fremde auf ihr hatte seinen Spaß. Und das alles nur, weil er ein Mann war und eine Waffe hatte.“

Die verschachtelten Rückblenden im ersten Kapitel zeigen bereits Stevens großes Können.

Stevens behandelt sein Personal mit der Höflichkeit eines gut erzogenen Henkers.

Er beschreibt die politischen, journalistischen, medizinischen und gesellschaftlichen Implikationen dieser Jagd in erstaunlicher stilistischer Meisterschaft. Unterfüttert wird alles mit einer sein gesamtes Werk durchdringenden Frage: Was ist Identität?

Kriminaltechnisch ist das Buch natürlich veraltet. Kein abschreckendes Argument, höchstens für anspruchslose Novitätenleser. Als wütendes Portrait der USA ist es nach wie vor aktuell.

Neben den Aktivitäten des Killers Thomas Bishop, bilden den zweiten Hauptstrang die Nachforschungen des Journalisten Adam Kenton, die häufig in die Irre führen. Geradezu klassisch führt Stevens beide Stränge zum Höhepunkt in eine Synthese.

Die üblichen Serien-Killerromane, die die Bestsellerlisten zumüllen, interessieren mich einen Dreck. Ihr Subtext ödet mich an: Serienkiller-Geschichten unterstellen, dass Technologie und Wissenschaft ausreichen, um soziales Fehlverhalten auszuschalten. Stevens gibt der Sozialisationstheorie weiten Raum, beschreibt das dämonische in der entsprechenden Konditionierung, ohne zu dämonisieren.

„In einem Alter, wo junge Leute nach Möglichkeiten suchen, um ihr Innerstes zum Ausdruck zu bringen, suchte Bishop nach Möglichkeiten, wie man dies am besten verbarg.“

Eine fließende, mehrstufige Geschichte, die auch ein Plädoyer für die Lerntheorie ist, denn die Darstellung von Bishops Konditionierung dürfte jeden Behavioristen begeistern.
Wenn man Bishops Entwicklungsgeschichte gelesen hat, erscheint einem die Karriere zum Serienkiller fast zwangsläufig.

Einmal in die Hand genommen, kann man das Buch nicht mehr weglegen. Ein einzigartiges und eigenartiges Meisterwerk. Wieder mal ein Buch das den deutschen Spitzweg-Spießer in seiner you-Tube-Gestalt überfordern könnte.

Die wenigsten Serienkiller-Autoren verfolgen die These, dass eine empathielose Gesellschaft sich in empathielosen Mördern spiegelt. Oder warum einige Theoretiker den Serienkiller als „letzten amerikanischen Helden“ titulieren (eine besonders perverse Variante ist der „gerechte Serienmörder“ in DEXTER von und nach Jeff Lindsay).

Über den Autor ist wenig bekannt.

Shane Craig Stevens wurde am 8.Oktober 1941 in New Yorks Hell´s Kitchen geboren; er starb 2007. Er wuchs in Harlem auf und war mit Harry Crews während ihrer gemeinsamen Zeit als Stipendiaten in Bread Loaf befreundet (damals entstanden die beiden einzigen Fotos von Stevens, die zugänglich sind). Er schrieb acht Romane, die in sechs verschiedenen Verlagen veröffentlicht wurden. Im heutigen Markt wäre er wohl e-Publisher geworden.
In den USA ist er fast so unbekannt wie bei uns. Und natürlich – man muss es wie ein Mantra runterbeten – kennt ihn in Frankreich jeder Noir-Fan.

Er war politischer Aktivist und Vietnam-Kriegs-Gegner, was sich in vielen seiner Romane brutal äußert. Sein Platz war mitten in den Ereignissen, und seine Erfahrungen im Harlem der 1960er Jahre finden sich in den ersten Büchern.

Seine Hautfarbe war Stevens unwichtig.

Er schlug sich durch, kannte die Armut. Einmal musste er seinen ersten Agenten um ein paar Dollar anbetteln, damit er nicht ins Gefängnis kam.

Im Malrauxschen Sinne dürfte kein Unterschied zwischen Leben und Handeln gestanden haben, kein Gegensatz zwischen Werk und Leben. Noir-Romane sind Grenzbegegnungen in den Randbezirken des Grauen. Bücher als Waffen.

In seiner Besprechung von Eldridge Cleavers SOUL ON ICE in „The Progressive“ zeichnete Stevens so etwas wie sein Credo als Autor:

„For those of us who believe that the writer must grapple with the moral issues of his day, that he must view himself in the context of events and not just from his own personal needs, these are dangerous times. The urge to be a full-time revolutionary in a country so desperately ill is overwhelming.”
Crime fiction is supposed to be social fiction—I think even more so than “literary fiction”—confronting the issues we currently face as human beings in our society… It’s much more comforting for us to reduce criminal actions to the purely aberrant: the criminal becomes mutant, his behavior occurring for the same reasons that a baby might be born with six fingers or webbed toes. These actions are then countered through: the might of pure logic/reason; the law-breaking force which exists only to reaffirm the status quo; or because the mutation (the criminal) is faulty, it simply “fails to thrive”. Too often as well, the crime itself becomes the only important thing without any acknowledgment of motivation and circumstance. The heist, the murder for hire, and the million dollar drug-deal are played simply for thrills and to showcase the writer’s ingenuity or capacity to craft empty brutality.”

Der zweite Roman, WAY UPTOWN IN ANOTHER WORLD, ist die zornige Ich-Erzählung eines Schwarzen, der voller Verachtung über „sein Volk“ spricht und für die politischen Aktivitäten der Afro-Amerikaner nur Hohn hat. Outlaw-Literatur in der Tradition von William S. Burroughs und Hubert Selby jr. (der seinen Erstling GO DOWN DEAD, an dem Stevens sechs Jahre gearbeitet hatte, über einen Harlemer Gang-Leader lobte).

Sein dritter Harlem-Roman war RAT PACK – also kein Wunder, das zeitgenössische Leser ihn für einen Schwarzen hielten. Über letzteren schrieb Chester Himes: “Truly a classic of the lower depths.”

Der Roman DEAD CITY, 1973, ist ein brutales Mob-Drama, das einem Kritiker als eine Art Vorläufer für Martin Scorseses Film GOODFELLAS erscheint.

Der letzte Roman unter seinem Namen war der Polit-Thriller THE ANVIL CHORUS über die Jagd nach einem Nazi-Killer,1985. Danach erschienen noch die beiden Privatdetektiv-Romane unter J.W.Rider.

In KRIMIAUTOREN VON A-Z (https://krimiautorena-z.blog/2018/05/22/stevens-shane/) steht über die Malone-Romane von Rider:

„Malone ist einer der härtesten und gemeinsten Ermittler der Kriminalliteratur. Er nimmt grundsätzlich nur Mordfälle an – allenfalls noch Fälle von Morddrohung. Liiert ist er mit der aparten Malerin Marilyn, die sich auf Werwolf-Bilder spezialisiert hat. Im ersten Roman ‚Der Teufel hat vielen Masken‘, einer mit ausgesprochen fiesen Gestalten bevölkerten Geschichte, hat Malone zwei Auftraggeber: Den aufstrebenden Immobilienhai Cooper Jarrett, dem anonyme Telefonanrufer einen baldigen Tod vorausgesagt haben, wenn er sich nicht aus seinem Milliardenprojekt beim Hafen von Jersey City zurückzieht; und Constance Kelly, eine atheistische Aktivistin, deren Mutter kürzlich durch eine Kugel aus dem Leben schied – laut der Polizei handelte es sich um Suizid. Schon bald wird Malone klar, dass die beiden Fälle eng miteinander verknüpft sind – Geldgier und Korruption, Sexualität und Hass sind die Bindeglieder. Welche Rolle aber spielt Jarretts Ex-Frau und Geschäftspartnerin Laura, die Malone heftig umgarnt?“

Warum seine Stimme dann verstummte, ist mir nicht bekannt. Aber kaum entschuldbar. Stevens war einer der klügsten Köpfe und besten Schreiber im Genre, der „Black Experience“ und die Outlaw-Literatur der Beats mit tiefsten noir verband.

Die meiste Zeit verdiente er wenig. Erst mit KILL kam das „große Geld“: Der Roman verkaufte sich gut, es kamen ausländische Lizenzen hinzu und Hollywood kaufte die Filmrechte. Für Columbia Pictures schrieb er ein Drehbuch nach KILL. Daneben verfasste er wohl noch andere Adaptionen für Hollywood.

Popular crime fiction is really one big buffer zone that reinforces the status quo.

Shane Stevens bediente nicht die lahmen Mittelschichts-Phantasien, die den durchschnittlichen Kriminalroman verseuchen. Rassen- und Klassenkampf, institutionalisierte Gewalt, Armut, Korruption, Verrohung, rücksichtslose Ausplünderung gehörten zu seinen Themen, und sie sind gerade in den Staaten aktueller denn je. Auch wenn es in seinen Büchern keine Smartphones gibt.

In einem Brief an Charles Harris:

“What’s happening is that this is a class struggle going on in this insane country. Of which white racism is a part. What counts is not skin color but life style: money, Charles, money. The question is how you live—that determines what side of the gun you’re on. Now the people of all colors who are poor are beginning to move and they’re moving against those who keep them down. Middle class America: with its false liberals, its private ownership of everything needed to live, its slave state mentality and racist theology…”

Stephen King sagte über sein Werk, dass er drei der besten Bücher über die dunkle Seite des amerikanischen Traums geschrieben habe. Nachdem sich King im Nachwort zu seinem Roman THE DARK HALF begeistert über Stevens ausgelassen hatte, wurden drei Bücher neu aufgelegt. King hatte von Stevens in seinem Roman den Namen Alexis Machine aus DEAD CITY für George Starks Protagonisten übernommen.

Vom Heyne-Verlag wird der Roman unnötig als „Mutter aller Serienkiller-Romane“ vermarktet (Serienkiller bevölkerten die Literatur bereits vor 1979; z.Bsp. Ellery Queens CAT OF MANY TAILS, 1949, oder Robert Blochs PSYCHO, 1959). Das sei gerne verziehen für diese Veröffentlichung und hoffentlich die Publikation weiterer Romane Stevens (dessen beiden J.W.Rider-Bücher ich in der SCHWARZEN SERIE publizieren durfte). Die Behauptung, dieser Roman hätte die True-Crime-Literatur vorweggenommen, ist natürlich absoluter Schwachsinn. Und mit True-Crime hat er genauso wenig zu tun wie DRACULA mit Chiropterologie.

Sicherlich kann man aber KILL zusammen mit Lansdales ACT OF LOVE und Thomas Harris´ RED DRAGON, beide 1981, als die Romane ansehen, die das Sub-Genre in seiner aktuellen Form definiert haben. KILL hebt sich dank der literarischen Qualität und dem gesellschaftlichen Blick ganz klar heraus.

Die von Heiko Arntz ergänzte und überarbeitete Übersetzung von Alfred Dunkel ist gut gelungen (auch wenn mal wieder ein „Sedan“ herumfährt).

P.S.: Quelle der Zitate ist der angehende Stevens-Biograph Chad Eagleron.



NEUES FÜR SHERLOCKIANER: CONAN DOYLE UND DIE NERDS by Martin Compart

Arthur Conan Doyle tritt in die Fußstapfen seiner berühmtesten Figur Sherlock Holmes: Weil Scotland Yard keinen Anlass sieht, den Mord an einem augenscheinlich leichten Mädchen aufzuklären, macht er sich selbst auf die Suche nach dem Mörder. Er schleicht durch die dunklen Straßen des viktorianischen London und landet an Orten, die kein Gentleman betreten sollte.
Etwa hundert Jahre später ist ein junger Sherlock-Fan in einen Mordfall verstrickt, bei dem Doyles verschwundenes Tagebuch und einige Fälle seines berühmten Detektivs eine wichtige Rolle spielen. Zwei Morde, zwei Amateurdetektive, zwei Welten –


Eichborn Verlag; 480 Seitten; 22,00 €

Sherlock Holmes-Pastiches, Kopien, Parodien oder Plagiate gab es bereits zu Conan Doyles Lebenszeiten. Explodiert ist der Holmes-Kult nochmals Anfang der 1970er Jahre durch Nicholas Mayers KEIN KOKS FÜR SHERLOCK HOLMES. Danach erschienen viele Pastiches, die dem Original nicht nachstanden, teilweise sogar überlegen sind. Das Interesse an diesem stärksten Mythos der Kriminalliteratur steigerte sich in den folgenden Jahrzehnten und erreichte im 21.Jahrhundert mit den Kinoversionen mit Robert Downey jr. und der TV-Serie SHERLOCK einen neuen Höhepunkt.

Holmes geistiger Vater, der höchst ehrenwerte Sir Arthur Conan Doyle, hat es inzwischen selbst zum literarischen Helden gebracht. Der Schriftsteller, der sich auch als Detektiv betätigte, wurde in den letzten Jahren zur Hauptperson von drei Fernsehserien und einem Kino-Film: MURDER ROOMS: THE DARK BEGINNINGS OF SHERLOCK HOLMES, 2000, ARTHUR & GEORGE, 2015, ein britischer Dreiteiler nach dem Roman von Julian Barnes, HOUDINI & DOYLE, eine zehnteilige Serie von 2016 und der Kino-Film HOLMES & WATSON von Ethan Cohen von 2018.

Der m.E. überzeugendste Einsatz von Conan Doyle als fiktionalen Protagonisten gelang dem Drehbuchautor, Produzenten und Romancier Mark Frost(„Twin Peaks“) mit den beiden düsteren Romanen „The List of Seven“, 1993 (Deutsch: „Sieben“) und „The Six Messiahs“, 1996, (Deutsch: „Im Zeichen der Sechs“).

„Der Mann, der Sherlock Holmes tötete“ spielt geschickt auf zwei Zeitebenen: Einmal 1900 mit Conan Doyle, der sich mit seinem Freund Bram Stoker auf die Suche nach einem Serienkiller begibt. Und zum anderen im Jahre 2010 in der Szene der Baker Street Irregulars, einer Gruppe von Holmes-Jüngern, die seit 1934 den Kanon von Conan Doyle erforscht. Ein Mitglied der Sherlock Holmes-Gesellschaft wurde ermordet, weil er den „heiligen Gral“ der Holmes-Nerds gefunden hatte. Der junge Sherlockianer Harold macht sich auf die Suche nach diesem verlorenen Tagebuch von Conan Doyle, in dem die Vorgänge in der Parallelhandlung erzählt werden. Mit diesem Fetisch des „lost Diary“ trifft Moore den Nerv der Holmes-Kultisten. Außerdem nutzt er für die Figur Harold den anhaltenden Trend, lebensunfähige Nerds zu Heroen zu stilisieren. Weiterhin zeigt er in seinem Detektivroman dieses „nerdische“ Konkurrenzverhalten beim Begehren von gesellschaftlich irrelevanten Objekten, deren Wert nur im subkulturellen Kosmos existiert


Eine Inspirationsquelle für den Roman war der seltsame Tod des führenden Conan Doyle-Sammlers und Sekundärliteraten Richard Lancelyn Green im Jahr 2004 (https://www.telegraph.co.uk/news/uknews/1478814/Case-of-the-Sherlock-Holmes-fanatic-who-killed-himself-but-made-it-look-like-murder.html ). Umstritten ist, ob er wegen seines Interesses an Conan Doyle ermordet wurde, oder ob er Selbstmord durch Garottieren beging und es wie Mord aussehen ließ. Green war einer der bedeutendsten Köpfe der internationalen Conan Doyle-Forschung.

Graham Moore wurde 1981 geboren. Mit 16 Jahren unternahm er einen Selbstmordversuch. Seine Mutter Susan Sher war Michelle Obamas “chief of staff”.
THE SHERLOCKIANS erschien 2010 in den USA und war sein erstes Buch, mit dem er es sofort auf die Bestsellerliste der New York Times schaffte. Sein Drehbuch für THE IMITATION GAME erhielt 2015 den Oscar Award. Anerkennung fand auch Moores zweiter Roman, „Die letzten Tage der Nacht“, über Thomas Edisons Patentkriege.

Die gekürzte Hörbuchversion ist ganz nett, unterschlägt aber Details, Hintergründe und Beobachtungen, die Moores Roman interessant machen. Gerade das Ausloten der Beziehung zwischen Conan Doyle und Bram Stoker (dessen „Dracula“ Doyle sehr schätzte) geht im Hörbuch ziemlich unter.
Ob die Beziehung zwischen den beiden Schriftstellern tatsächlich so eng war, wage ich nicht zu beurteilen. In einigen Conan Doyle-Biographien (etwa denen von Ronald Pearsall oder Owen Dudley Edwards) wird Stoker nicht mal erwähnt. Aber das ist letztlich auch unwichtiger als der Spaß, die beiden Autoren durch ein fiktionales Abenteuer zu begleiten.

Für Sherlockianer ist der Roman ein Lesevergnügen!

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Der wilde Detektiv von Jonathan Lethem, vorgestellt von Jochen König by Martin Compart

Es ist mir eine große Freude, hier einen Beitrag von Jochen König zu präsentieren. Seine Rezensionen, Porträts und Artikel gehören seit langem zu den originellsten und interessantesten in der deutschen Sekundärliteratur. Hier also seine Gedanken zu Jonathan Lethem, einem der ungewöhnlichsten amerikanischen Schriftstellern der Gegenwart.
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Der wilde Detektiv von Jonathan Lethem

Jonathan Lethem, der Philip K. Dick-Vertraute und Editor, ist in den USA wesentlich präsenter als hierzulande. Obwohl etliche seiner Werke in deutscher Übersetzung vorliegen, so auch der mit dem „Gold Dagger“ und „National Book Crircs Award“ausgezeichnete Roman „Motherless Brooklyn“, bewegt er sich in Deutschland ein wenig abseits der öffentlichen Wahrnehmung.

Daran wird auch die Veröffentlichung seines aktuellen Romans „Der wilde Detektiv“ bei Klett-Cotta kaum etwas ändern. Zu sperrig und zu sehr liebäugelnd mit der populärmythogischen Meta-Ebene, die sich zwischen dem alptraumhaften Sirren der Alpträume David Lynchs, Leonard Cohens Studien in Zen-Mediation, Sex in lausigen Motelzimmern, dem Spiel mit den Motiven des Hardboiled und einem Abgesang auf das von Donald Trump vergewaltigte Amerika erstreckt.

„What’s The Frequency, Kenneth?
“ steht als Frage im Raum, nicht nur hier gestellt, sondern auch vom filmischen Geschwisterchen „Under The Silver Lake“ (von David Robert Mitchell), der sich auf ähnlichen Pfaden wie der wilde Detektiv bewegt. Nur somnambuler. Also passend für R.E.M.

Es kann aber passieren, dass der Status „Kriminalroman“ von stoischen Anhängern mauer Krimikost zwischen Andreas Franz und Chris Carter unverständig aberkannt wird, obwohl der Roman geradezu klassisch startet:

Ein Mädchen ist verschwunden, der wilde Detektiv namens Charles Heist wird beauftragt, sie zu suchen. Immer die nassforsche Erzählerin Phoebe Siegler im Schlepptau. Siegler, ein Spross der New Yorker Medienwelt, hat dieser den Rücken zugekehrt, nachdem ihre Vorgesetzten und Kollegen sich dem „Trumpeltier“ anbiedernd andienten. Mieses Karma. Kein Ort, um dort länger zu verweilen. So kommt es gar nicht ungelegen, dass Arabella, die achtzehnjährige Tochter einer Freundin Sieglers, vermisst wird.
Verschollen, während sie auf der Suche nach Leonard Cohens Vermächtnis war.
Phoebe entwickelt sich von einer großstädtischen Medienexpertin zur postmodernen Nancy Drew, die an der Seite von Charles Heist – manchmal auch voraus – die junge Arbella sucht. Die sich, kein großartiger Spoiler, als ihr juveniles Alter Ego entpuppen wird. Es dauert kaum bis zur Hälfte des Romans, dann hat sich die Vermisstengeschichte erledigt, doch „der wilde Detektiv“ wird weiterhin gefordert. Er muss zu einem letzten Kampf in der Wüste antreten, gegen einen Herausforderer namens „Solitary Love“.

Auf den Spuren der zerbröselnden Hippiekultur begegnen Phoebe und Charles zwei Gruppierungen, den weiblich geprägten „Kaninchen“ – die entgegen ihres Namens sehr wehrhaft sind – und den in erstarrten Ritualen verwilderten, männlichen „Bären“, als deren Anführer Solitary Love reüssieren möchte.
Da seien Charles Heist und seine tatkräftige Hüterin Phoebe Siegler vor.
Während Leonard Cohen zurückgezogen Zen-Meditation ausübte, wurde er von seiner Managerin und Vertrauten um den Großteil seines Vermögens gebracht, weshalb er bis zu seinem Tod Live-Auftritte absolvieren musste. Wieder einmal gilt: Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn’s dem bösen Nachbarn (in Cohens Fall der Nachbarin) nicht gefällt. Ausbeutung, Gier, Machtmissbrauch und Maßlosigkeit zerstören nicht nur private Existenzen, sondern Gesellschaftssysteme und die Umwelt.

Das setzt Jonathan Lethem nicht plakativ in Szene, sondern lässt es im Hintergrund rumoren. Außer es setzt Sticheleien gegen Donald Trump. Dann wird es grantig.

„Der wilde Detektiv“ bezieht seine Kapitel-Unterteilung bewusst aus der Topographie. Der Roman schildert eine Reise durch heruntergekommene Trailer-Parks und Motels, die abgasverseuchte Lagerhallen-Einöde des Inland Empire nahe Los Angeles (mit Grüßen an David Lynch), über einen Schwemmkegel, der von Wassermassen ausgehöhlt wird, hinein in eine Wüste, die Relikte einer ehemaligen Aufbruchstimmung beherbergt, an deren finsterem Ende die Manson-Family haust. Doch noch geht es ums Überleben, nicht töten.

„Die Viscera Springs Ranch war eine zähe Kommune, wen auch nicht gerade mit Intelligenz oder Dusel gesegnet. Ihrer Gruppe wurde das ganze Menü serviert – Ideologie, Filzläuse, Hunger – aber sie hielt durch.

Wofür eigentlich?

Um Ideale in Flammen aufgehen zu sehen, um einen letzten Kampf verzweifelter Machos zu erleben, die Sehnsucht nach einer „totalen Leere“ im Kopf, die die Basis für einen Neuanfang verspricht?

Gut gemeint, wird aber hinfällig, wenn man im Karma-Rad steckenbleibt. Jonathan Lethem spielt mit Esoterik und Heilsversprechen, lässt beides aber mit Makabrem kollidieren. So gehört das Anwesen auf der Spitze des Berges, an dessen Fuß Leonard Cohen meditierte, koreanischen Geschäftsleuten (Investoren?), auf deren Areal Mordopfer entsorgt werden. Der klimatisierte Alptraum fordert seinen Tribut.

Phoebe Siegler ist so eine Art Alice im Trumpland, verwirrt wie zielstrebig wühlt sie sich durch ihren eigenen Kaninchenbau und findet verloschene Illusionen, gekappte Träume und Hoffnungen. Eine Welt ist untergegangen, eine andere im Umbruch. Am Ende geht die Reise weiter: „Ich hatte einen weiten Weg vor mir.“ Eine Vermisste wurde gefunden, ein Kampf auf Leben und Tod gewonnen, die Suche nach Erkenntnis und Zusammenhängen bis in den Meta-Bereich vorangetrieben, begleitet und kommentiert von popkulturellen Verweisen.

Der wilde Detektiv hat mit Mühe und unter Schmerzen überlebt, ohne Phoebe „Alice Nancy Drew“ Siegler und die Unterstützung der weiblichen Kaninchen wäre er untergegangen. Ein ferner Donner erzählt vom langen Abschied und James Crumleys letztem echten Kuss. Die blonde Motorradfahrerin auf der chromgelben Harley, der Phoebe mehrfach begegnet, könnte Mallory sein oder Claire DeWitt auf dem Weg nach New Orleans.
Jonathans Lethems wilder Detektiv ist in guter Gesellschaft unterwegs.

Sprachlich ist das von ganz eigener Poesie, die ziemlich offensichtlich und mit großer Freude damit kokettiert, sich selbst zu karikieren. Die deutsche Übersetzung ist leider keine der geschmeidigen Art. In Kauf nehmen, was problemlos möglich ist, oder das Original lesen. Wer sich darauf einlässt, wird mit Lektüre belohnt, die weit über sich selbst hinausweist und nachwirkt.

There’s nobody missing
There is no reward
Little by little We’re cutting the cord
We’re spending the treasure, oh no, no
That love cannot afford
I know you can feel it
The sweetness restored

Natürlich gehören die letzten Worte Leonard Cohen.

Bibliographische Angaben:

Jonathan Lethem
Der wilde Detektiv (Orig.: The Feral Detective)

Klett Cotta

Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach
VÖ: 31.01.2019

335 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag



ES WAR EINMAL IN WASHINGTON: GEORGE P. PELECANOS by Martin Compart

Mein Nachwort zu Dumont Noir Bd.6: DAS GROSSE UMLEGEN.

Im ersten Noir-Roman seiner historischen Washington-Trilogie, THE BIG BLOWDOWN (DAS GROSSE UMLEGEN), beschreibt George P.Pelecanos die amerikanische Hauptstadt der 40er- und 50er Jahre. Damals wurden für eine Reihe Entwicklungen die Weichen gestellt, die bis heute richtungweisend sind. Der Hass der ethnischen Gruppen untereinander, die alle auch kriminelle Fraktionen bilden, ist natürlich über das historische Washington hinaus aktuell. Genauso das Abgleiten perspektivloser Jugendlicher, die ihre neue Welt noch nicht richtig verstehen, in Gangs, um sich gegen reale wie vermeintliche Bedrohungen von Außen zu verteidigen.

Pelecanos schreibt über die Stadtteile der amerikanischen Hauptstadt, vor denen uns die Reiseführer warnen, falls sie überhaupt erwähnt werden.

Er ist Washingtoner griechischer Herkunft, hat die US-Klassiker des proletarischen Romans wie THIEVES LIKE US von Edward Anderson oder THIEVES MARKET von A.I.Bezzerides genauso studiert wie Hammett und Chandler. Seine Romane beleuchten die Machtzentrale Washington D.C., wie man diese Stadt bisher noch nicht in der Literatur gesehen hat. Es ist die Welt der Immigranten und Sklavennachkommen, die sich mehr schlecht als recht durchbeißen, um einen Stück vom Kuchen des amerikanischen Traumes herunterschlucken zu können.

Der 1957 geborene Pelecanos hat eine eigene originelle Stimme und ein eigenes Thema, von dem er geradezu besessen scheint. „Meine Idee war, als ich begann, über die Arbeiterklasse Washingtons zu schreiben in der Form des Kriminalromans. Meines Wissens hat das bisher keiner getan. Wenn Washington das Thema von Romanen oder Thrillern ist, dann geht es nur um hohe Politik oder einen verrückten Militär, der den roten Knopf drücken will. Es ist meine Lebensaufgabe geworden, über das wahre Washington vor den verschlossenen Türen zu schreiben. Durch alle Jahrzehnte unseres Jahrhunderts hindurch.“

Pelecanos Vater kam als Kleinkind in die USA. Die ganze Familie arbeitete in der Billiggastronomie, und George wuchs in den Küchen, Bars und Coffeshops der griechischen Einwandererszene auf. Ab dem zehnten Lebensjahr half er seinem Vater in den Sommerferien. „Ich tat dies mein ganzes Leben, bis ich Schriftsteller wurde.“ Nach seinem Kunststudium nahm er eine Reihe unterschiedlicher Jobs an.

1989 kündigte er seinen Job als Manager einer Kette von Haushaltsgeschäften, um einen Roman zu schreiben. Für den Lebensunterhalt arbeitete er nachts in einer Bar im Nordwesten Washingtons. Der Roman erschien 1992 unter dem Titel „A Firing Offense“ und war der erste einer Trilogie um den Washingtoner Privatdetektiv Nick Stefanos.

Ihm gelang mit den drei Stefanos-Romanen, was inzwischen zu den schwierigsten schriftstellerischen Aufgaben gehört: neue Funken aus einem Klischee strotzenden Subgenre zu schlagen. Die Private-Eye-Novel stand Jahrzehnte unter dem übermächtigen Einfluss von Raymond Chandler und war schon fast in Stereotypen erstickt als Ende der 1970er Jahre und in den 80er Jahren Autoren wie Robert.B.Parker, Lawrence Block, Loren D.Estleman, Marcia Muller, James Crumley, Joe Gores, Joseph Hansen und einige andere neue Wege gingen. Aber ob Regionalismus-Trend, neuer Realismus oder harte weibliche Privatdetektive, in den 90er Jahren schien der Privatdetektivroman wieder in einer Sackgasse gelandet zu sein. Pelecanos schrieb mit der Stefanos-Trilogie einen im Regionalismus verwurzelten Entwicklungsroman, dessen Hauptperson jenseits abgedroschener Klischees angesiedelt war.

„Ich liebe das Genre. Ich wurde an der Universität, ich war an der University of Maryland, durch einen Lehrer damit bekannt gemacht. Von da an las ich mehrere Bücher pro Woche zehn Jahre lang. Und dann dachte ich mir, ich könnte selbst einen Privatdetektivroman schreiben. Aber ich hatte natürlich keine Ahnung von der Arbeit als Privatdetektiv. Also besann ich mich auf meine proletarischen Wurzeln und die Milieus, die ich kenne. Ich hatte auch eine ganze Reihe Romane gelesen, die eher an der Peripherie des Genres angesiedelt sind: THIEVES LIKE US von Edward Anderson, THIEVE’S MARKET von A.I.Bezzerides und die Bücher von Horace McCoy. Ich kannte diesen proletarischen Moment in der Hard boiled novel. Ich wollte nicht irgendwas Originelles erfinden oder konstruieren, ich schrieb nur aus einer anderen Perspektive über bisher literarisch nicht beachtete Milieus.“

Damit gab Pelecanos die Perspektive der Mittelklasse, die den Privatdetektivroman von Chandler bis Sue Grafton, Parker oder Sarah Paretsky beherrschte, auf. Aber Pelecanos sagt auch: „Heute nicht zuzugeben, dass Chandler die Standards vorgab, wie es einige Autoren tun, ist völliger Unsinn. Jeder von uns PI-Autoren schuldet oder verdankt ihm etwas.

Anders als bei den üblichen Privatdetektivromanen schrieb Pelecanos nicht dasselbe Buch mehrmals: in jedem der drei Stefanos-Romane macht der Protagonist eine radikale Veränderung durch, die aus seinen Erfahrungen rührt. „Wenn ich ein Buch in die Hand bekomme, dessen Klappentext behauptet, der Autor sieht sich als geistiger Nachfolger von Chandler, möchte ich es am liebsten an die Wand schmeißen. Ich bin sicher, Mr. Chandler würde von einem jungen Autor erwarten, dass er etwas neues, anderes wagt, selbst mit dem Risiko zu scheitern. Ich achte die Regeln des Genres, aber genauso ist es mir wichtig, diese Regeln zu verändern, ich will die Konventionen solange zusammenpressen, bis Blut herausläuft.

Den Kosmos, den Pelecanos in seiner Stefanos-Trilogie, entwickelt hat, nutzt er auch für spätere Bücher: Im GROSSEN UMLEGEN etwa taucht Nicks Großvater Big Nick Stefanos auf, und Nick selbst ist ein Baby. Das gibt seinem Gesamtwerk eine zusätzliche Dimension epischer Breite und seinem Jahrzehnte überspannenden Sittenbild glaubwürdige Geschlossenheit.

Über DAS GROSSE UMLEGEN sagt er:
„Der Anfang ist eigentlich die Geschichte meines Vaters. Er kam aus Griechenland und lebte in Washingtons Chinatown. Damals kein reines Chinesenviertel, sondern der übliche Ort, wo sich arme Immigranten niederließen. Im 2.Weltkrieg ging mein Vater zu den Marines; er nahm an den Nahkämpfen auf Leyte teil. Peter Carras im Roman kehrt aus dem Krieg zurück und schlägt dann einen anderen Weg ein als mein Vater, der seine Familie hatte. DAS GROSSE UMLEGEN wurde mein Big Book, mein großer Gangsterroman. Es schrieb sich von selbst und ist immer noch mein Lieblingsbuch. Naja, ganz von selbst schrieb es sich natürlich nicht. Ich verbrachte Monate im Washingtonraum der Martin Luther King-Bibliothek und fraß mich durch Zeitungen von damals. Mich interessierte natürlich alles über die Kriminalität. Es gab keine richtig große Gang, obwohl es natürlich organisiertes Glücksspiel gab und enge Verbindungen mit New York zum Costello-Syndikat. Außerdem sprach ich mit älteren Leuten, die sich noch gut an die Zeit erinnern konnten. Dann setzte ich mich hin und schrieb das Buch in vier Monaten. Der Film noir der 40er Jahre beeinflusste mich sehr stark bei diesem Roman.“

Der nächste Band der Trilogie, KING SUCKERMAN, spielt in den 70er Jahren mit Pete Karras‘ Sohn Dimitri als einen der Protagonisten.
„Das war meine große Zeit. Das Buch spielt in der Woche der großen Zweihundertjahrsfeiern 1976. Ich war 19 Jahre alt und es war mein Sommer. Ich glaube, jeder Mensch hat einen großen Sommer, in dem alles großartig ist. Ich erinnere mich an jedes Detail. Das Buch ist in einem völlig anderen Stil geschrieben als DAS GROSSE UMLEGEN. Viel lockerer, weil es eine Zeit darstellt, in der ich gelebt habe und die ich nicht mühselig recherchieren musste. Mich haben besonders diese radikalen Veränderungen in der Kultur innerhalb von dreißig Jahren fasziniert. Ein Mann in den 40er Jahren band sich einen Windsorknoten und setzte einen Fedora auf, bevor er aus dem Haus ging. Man muss sich mal vorstellen, er ginge aus dem Haus und würde in den 7oer Jahren landen. Alleine wie die Leute gekleidet waren, wäre ein Schock für ihn gewesen. Wie bei dem GROSSEN UMLEGEN der Film noir ein Einfluss war, schlugen sich bei KING SUCKERMAN das schwarze Actionkino der 70er Jahre, die blaxploitation movies nieder. Der letzte Band der Trilogie heißt THE SWEET FOREVER und spielt 1986.“ In diesen Büchern vermittelt Pelecanos neben der crime story auch die Tragödie, dass keine Generation der nächsten ihre Erfahrungen wirklich vermitteln kann. „Ja, es ist ein Moment der Tragödie, denn man ahnt oder weiß, was passieren wird, weil die eine oder andere Person nicht zuhört, was ihm der Ältere zu vermitteln versucht.“

Neben seiner Karriere als Schriftsteller arbeitet Pelecanos noch in der Filmbranche. „Auf einem Hongkong-Festival am American Film Institute hatte ich THE KILLER von John Woo gesehen und war tief beeindruckt. Als ich erfuhr, daß Jim und Ted Pedas die amerikanischen Vertriebsrechte für Circle Films gekauft hatten, meldete ich mich bei ihnen. Ich wollte eigentlich nur die Promotion für diesen einen Film machen, blieb aber dann bei Circle Films.“ Circle Films vertrieb BLOOD SIMPLE der Coen-Brüder und produzierte für die Coens RAISING ARIZONA, MILLER’S CROSSING und BARTON FINK. „MILLER’S CROSSING ist im Grunde eine Adaption von Dashiell Hammetts RED HARVEST und THE GLASS KEY. RED HARVEST ist oft für das Kino adaptiert oder geklaut worden:von Kurosawas YOYIMBO bis zu Sergio Leones EINE HANDVOLL DOLLAR und Walter Hills LAST MAN STANDING.“ Pelecanos war Co-Produzent bei Bob Youngs Film CAUGHT mit Edward James Olmos, „eine Art James M.Cain-Geschichte mit der Musik von meinem alten Idol Curtis Mayfield“. Zuletzt produzierte er WHATEVER, der von Sony Pictures gekauft wurde. Es liegt nahe, daß Pelecanos Romane selbst als Filmvorlage dienen könnten. „Meine Agentin trommelt dafür. Mein non-serie-Roman SHOEDOG ist unter Option, aber ob er wirklich verfilmt wird, steht in den Sternen. Ich habe das Drehbuch geschrieben, und ich schrieb die Drehbuchadaption von DAS GROSSE UMLEGEN. Ich wollte nicht, daß ein anderer das macht. Das Buch steht mir und meiner Familie zu nahe. Es geht um echte Menschen, nicht um Stereotype.“

P.S.: Pelecanos hat 2000 mit SHAME THE DEVIL noch einen Band nachgelegt und somit wurde aus der Trilogie eine Tetralogie.

http://zerberus-book.de/



NOIR-KLASSIKER: CHARLES WILLEFORD – Keine Hoffnung für die Lebenden by Martin Compart
11. Januar 2019, 1:16 pm
Filed under: CHARLES WILLEFORD, Crime Fiction, Noir, Porträt | Schlagwörter: , , , ,


Charles Willefords Knochen vermodern mit 260.000 anderen – darunter Seelenverwandten wie Lee Marvin und Sam Peckinpah – auf dem sogenannten Heldenfriedhof von Arlington.

Willeford war nämlich ein mehrfach verwundeter Kriegsheld (Schrapnellwunden im Gesicht und am Hintern), der als Panzerkommandeur von Pattons Armee im Zweiten Weltkrieg mit Silver Star, Bronze Star, Purple Hearts und dem Luxemburger Croix de Guerre ausgezeichnet wurde. Der „Hohepriester des Psycho-Pulp“ (wie ihn die „Village Voice“ nannte) wusste also, wovon er redete: „Sowas wie einen gerechten Krieg gibt es nicht. Nichts ändert sich dadurch – nur, dass ein paar Leute dazuverdienen und deshalb viele Menschen, vor allem junge, krepieren müssen. Es ist immer für nichts. Diejenigen, die Kriege anzetteln, sind nie dieselben, die sie dann tatsächlich kämpfen.“
Das sahen und sehen Ungediente wie Joscka Fischer, Rudolf Scharping, Hein Blöd Struck Jung, Guttenberg, de Maiziere, von der Leyen und wie die ganzen Drückeberger heißen, natürlich anders.

Erste deutsche Ausgabe eines Willeford-Buches.

Als 1984 mit „Miami Blues“ Willefords achtzehntes Buch erschien, wimmerten die harten Noir-Fans: „Wieso kennen wir den Kerl nicht?“ Erst fünf Jahre vor seinem Tod hatte der Schriftsteller damit seinen Durchbruch. Im Gegensatz zu Thompson, Goodis oder Williams war er zuvor nicht einmal ein Kultautor mit kleiner Fan-Gemeinde gewesen.

Geboren wurde Charles Willeford am 2. Januar 1919 in Little Rock, Arkansas. Mit acht Jahren war er Vollwaise. „Wenn du mit acht zur Waise wirst, weißt du, dass du als nächster dran bist“, sagte er später. Er lebte vier Jahre bei seiner Großmutter, die ihn während der großen Depression schließlich nicht mehr durchfüttern konnte. Als Hobo führte er dann ein „Leben auf der Straße“. Mit 16 ging er zum Militär und blieb 20 Jahre Berufssoldat.

1947 veröffentlichte er sein erstes Buch: den Gedichtband „Proletarian Laughter“.

1953 kam der erste Noir-Roman: „High Priest of California“, in dem ein noch gebremster Psychopath (natürlich Gebrauchtwagenverkäufer) einer verheirateten Frau nachsteigt. Ganz nebenbei erlaubt sich Willeford böse Seitenhiebe auf den McCarthyismus.

Als Double-Feature mit einem Talbot Mundy-Roman!

Es folgten Klassiker, die kein großer Verlag haben wollte: „Pick up“, 1955, und „The Woman Chaser“, 1960, zum Beispiel. Willeford, der gern bei Gold Medal Books veröffentlicht hätte, dem Verlag der von ihm so bewunderten Autoren Jim Thompson und John D. MacDonald, schrieb stattdessen für die miesesten und obskursten aller Taschenbuchverlage.
Daneben absolvierte er ein Studium der Philosophie und Literatur sowie diverse Gelegenheits-Jobs.
Sogar einen Privatdetektivroman („Wild Wives“, 1956) verfasste er, allerdings ohne große Begeisterung – in „der Tradition von Hammett und Chandler“, wie es oft auf stupiden Klappentexten heißt. Willeford bringt seinen PI darin am Ende in den Knast, denn „zum Schluss hassten die Leser den Kerl bestimmt genauso wie ich. Ich wollte nur sehen, ob ich sowas hinkriege“.

Von den Verlagen, die Titel änderten oder sogar seine Pseudonyme, war er nicht sonderlich begeistert, trug es aber mit dem ihm eigenen Humor: „Merkwürdige Leute. Warum hauen sie halbnackte Blondinen aufs Cover, wenn es in dem Buch doch um halbnackte Brünette geht?“

Der Kritiker William Bittner ordnete Willeford Ende der 50er den Beats zu. Tatsächlich haben Noir-Autoren und Beat-Literaten viele Gemeinsamkeiten – etwa die Verachtung für die Konsumgesellschaft und ihre Regeln. Bei Noir endet das meist in stoischem Existentialismus, Beat propagiert dagegen das Sich-treiben-lassen und die Kreativität.

Bevor er Anfang der 60er Jahre eine Universitätskarriere begann, arbeitete Willeford als Redakteur für Alfred Hitchcocks Kriminalmagazin. 1962 endete seine erste, materiell höchst unbefriedigende Phase als Romancier mit dem Roman „Cockfighter“. Im Verlag Alexander ist letztes Jahr eine Neuauflage des Romans erschienen, wie sie Ulrich von Berg schon vor über zehn Jahren konzipiert hatte: Mit dem Tagebuch, das Willeford während der Verfilmung des Romans durch Monte Hellman geschrieben hat, und einem Essay von James Lee Burke. Ulli wollte außerdem ein Regelwerk zum Hahnenkampf mit aufnehmen. Damals war kein Verlag bereit für derartige Editionen – ist man in Deutschland letztlich immer noch nicht.

Jedenfalls eroberte sich Willeford nur durch „Cockfighter“ einen dauerhaften Platz im Kanon der US-Literatur und im „proletarischen Roman“.

Er unterrichtete Literatur an der Universität von Miami und besprach als Kritiker des „Miami Herald“ Hunderte von Kriminalromanen (wo bleibt eine Sammlung dieser Reviews?)

„Der Wendepunkt in meiner Karriere war die Novelle ‚The Machine in Ward Eleven‘, die 1959 im ‚Playboy‘ erschien“, erinnerte er sich einmal in einem Interview. „Vorher hatten mir die Lektoren erklärt, es sei unmöglich, geisteskranke Personen als Sympathieträger zu zeigen. Ich glaubte das nie. Wahnsinn ist die Normalität in Amerika. Die Reaktion der Leser bestätigte das.“

Anfang der 70er Jahre nahm Willeford einen neuen Anlauf: Er hatte einen Hardcover-Verlag und einen Filmdeal in der Tasche. Sein Noir-Roman über den Kunstbetrieb, „The Burnt Orange Heresy“, gilt einigen als sein bester. Ein Kritiker beurteilte das Buch als „eine Mischung aus Patricia Highsmith und Jim Thompson – falls sowas möglich ist.“

Der nach Motiven der Odyssee konzipierte „Cockfighter“ wurde 1974 von Monte Hellman mit Warren Oates verfilmt und ist heute ein Kultfilm (in dem auch Willeford in der Rolle des Ed Middleton mitspielt).

Und wieder hatte er Pech: Wie zuvor das Buch, floppte auch die Verfilmung; der Autor stellte abermals die Produktion ein.

Es muss ihm damals bis obenhin gestanden haben. Die billigen Taschenbuchverlage hatten alles dazu getan, ihn erfolglos zu machen: Sein Roman „The Difference“ wurde von einem Lektor ruiniert, der ein neues Anfangskapitel schrieb. Manchmal erfuhr er erst Jahre später, dass eines seiner Bücher veröffentlicht worden war. Und als er endlich einen guten Lektor gefunden hatte, starb dieser unmittelbar nach der Neuauflage von „Cockfighter“ bei einem Autounfall.

Doch dann kam nach zehnjähriger Schaffenspause mit dem ersten Hoke-Moseley-Roman endlich der Erfolg für Amerikas härtesten Nihilisten. Elmore Leonard konnte sich kaum einbremsen und lobte Willeford als Offenbarung. Quentin Tarantino erklärte, er mache kein Neo-Noir, sondern Filme, wie Willeford Bücher schreibt.

Verlage balgten sich um weitere Moseley-Romane – und zum ersten Mal kam das große Geld. Für „The Way We Die Now“ bekam er 225.000 Dollar Vorschuß. Sein Kumpel, der exquisite Kleinverleger Dennis McMillan, veröffentlichte luxuriöse Neuauflagen. Willeford hatte es endlich geschafft! Vier Jahre konnte er sich darüber freuen, dann kam endgültig das große Nada.

Am 27. März 1988 war Zapfenstreich für den Mann, der Soldaten mit kriminellen Psychopathen verglich. Denen hat er mit einem unsterblichen Satz in „Sideswipe“ ein Denkmal gesetzt:

Ich bin ein krimineller Psychopath. Das bedeutet, dass ich den Unterschied zwischen Recht und Unrecht kenne, aber dass er mir scheißegal ist.

In seinen Noir-Romanen gibt es keine sentimentalen, melodramatischen Momente oder Identifikationsfiguren – aber jede Menge schwarzen Humor und vergiftete Gefühle, die eiskalt vorgeführt werden. Seine Machohelden sind Kakerlaken, erschreckend lebensechte Psychopathen, die durch überraschende Plots taumeln.

Willeford war kein Epigone, sondern ein originärer Schriftsteller mit einer eigenen Sicht auf das Leben: Einmal besuchte er mit McMillan einen Puff in Monterey. Die von ihm ausgewählte Nutte holte ein Notizbuch heraus und schrieb etwas hinein. Auf Willefords Frage, was sie da mache, antwortete sie: „Du bist diese Woche Nummer 71.“
Willeford drehte sich um und ging: „Ich wollte einfach nicht Nummer 71 sein.“

Charles Willeford auf Zelluloid

„Cockfighter“, 1974 inszeniert von „Two-Lane Blacktop“-Regisseur Monte Hellman und mit Warren Oates, Harry Dean Stanton und Willeford selbst.

„Miami Blues“, 1990 inszeniert von George Armitage und mit Alec Baldwin, Fred Ward, Charles Napier und Jennifer Jason Leigh.

„The Woman Chaser“, 1999 inszeniert von Robinson Devor und mit Patrick Warburton.

“The Burnt Orange Heresy”, 2018 inszeniert von Giuseppe Capotondi mit Mick Jagger (!) und Donald Sutherland.

Lange überfällig ist eine sorgfältig edierte Gesamtausgabe seines Werkes. Angesichts der heutigen Buchmarktidiotien ist diese weder im englischsprachigen Raum, noch im deutschsprachigen, vorstellbar.

P.S.: “ Peckinpah liegt trotzdem nicht in Arlington, seine Asche wurde vor Malibu über dem Pazific verstreut.“, mailt MiC, der es als Peckinpah-Experte (er hat alle Hinterbliebenen bereist und genervt) wissen sollte.

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