Martin Compart


IM PESTHAUCH DER NAZIS – PHILIP KERR und seine BERNHARD GUNTHER-SERIE by Martin Compart

” Several elements account for the excellence of the Gunther books. First, Kerr is a fine novelist; in terms of narrative, dialogue, plot, pace and characterizations, he’s in a league with John le Carré and Alan Furst.”

THE WASHINGTON POST

Wenn man von den Großmeistern des zeitgenössischen Thrillers (Autoren, die in den 1970er. und 1980er Jahren begonnen haben) spricht, darf ein Name nicht fehlen: Philip Kerr. Er gehört neben Robert Harris zu den Thriller-Autoren mit dem breitesten thematischen Spektrum. Am berühmtesten ist wohl seine Serie um den Berliner Ex-Polizisten und Privatdetektiv Bernie Gunther, in der Kerr die unterschiedlichsten Aspekte des 3.Reiches behandelt: Vorkriegszeit, 2.Weltkrieg, Kriegsverbrechen, Zusammenbruch und Nachkrieg, Rattenlinie und die Verpflichtung deutscher Kriegsverbrecher durch die Amerikaner.

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Sein Vater starb mit 46 Jahren – er war damals 22 –, was einen Schock bei dem bis dato gläubigen Baptistensohn auslöste und religiöse Ideologien bis heute erledigte. “Als Kind besuchte ich an manchen Sonntagen dreimal die Kirche.”
Nach seinem Studium in Birmingham arbeitete der 1956 in Edinburgh geborene Philip Kerr in der Werbeagentur Saatchi & Saatchi, “wo jeder an einem Roman arbeitete außer denen, die zum Lunch gingen”. live_let_die_book2[1]Seine Leidenschaft für die Literatur hatte sich früh herausgebildet: “Ich wurde mit sieben, acht Jahren zum leidenschaftlichen Leser. Zwischen 1956 und 1968 konnte man in Edinburgh sowieso nichts anderes tun. Mein Vater hatte ein Regal mit für Kinder verbotenen Büchern. Nachdem ich entdeckt hatte, wo der Schlüssel dazu versteckt war, wurde das meine Lieblingsbibliothek. Darin befanden sich Ian Fleming, Mickey Spillane, Dennis Wheatley, LADY CHATTERLEY´S LOVER usw. Die Bond-Romane gefielen mir am besten. Und von allen Bonds war mir LIVE AND LET DIE der liebste. Ich liebte die alten Pan-Taschenbuchausgaben.”

In den 1980 ern schrieb Kerr seine ersten Romane: Fünf Bücher im Stil von Martin Amis, die kein Verlag haben wollte. Ende der 1980er schrieb er dann den ersten Berlin-Noir-Roman: MARCH VIOLETS. Er betrat die Bühne des historischen Kriminalromans wie ein Eigentümer sein Grundstück. So wie er hatte zuvor niemand einen der vier deutschen Exportschlager der Pop-Kultur genutzt (die anderen neben den Nazis sind Fußball, Kalter Krieg mit Wiedervereinigung und Kraftwerk).

Die Idee zu Bernie Gunther kam Kerr, als er darüber nachdachte, was Raymond Chandler wohl geschrieben hätte, wenn er statt nach Los Angeles nach Berlin gegangen wäre.
“Berlin symbolisiert wie keine andere Stadt das 20. Jahrhundert für mich.“

Kerr sieht sich als Erzähler, der eher an der Story interessiert ist als an Stil. Aber sein scheinbar leicht dahin fließender, müheloser Stil ist genauso wenig kunstlos wie etwa der von Eric Ambler.
“Ich sehe mich als Autor in der Tradition des politischen europäischen Romans.“
Die Gunther-Romane sind zu 40% Privatdetektivromane und zu 60% politische. Aber schon bei Dashiell Hammett galt, dass das System die größten Verbrechen begeht.
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Nach der erfolgreichen Berlin-Noir-Trilogie stoppte er 1991 überraschend mit Bernie Gunther-Romanen. “Ich suchte neue Risiken als Autor. Verlage wollen, dass man immer das gleiche Buch schreibt, wenn man damit erfolgreich ist. Ich will immer neue Bücher schreiben, neue Themen recherchieren. Außerdem watete ich schon zu lange in diesem Nazi-Dreck. Es war schon so, als würde ich mit denen zusammenleben, und nach jedem Buch hatte ich das Gefühl, ich müsste mir ihren ganzen Schmutz abwaschen.” Außerdem hatte er wohl keine Lust, als Nischenikone in die Kriminalliteratur einzugehen.

In den 15 Jahren seit der Berlin-Noir-Trilogie hat sich Kerr als Autor weiterentwickelt. Er schrieb eine ganze Reihe von Standalone-Thrillern, darunter Wissenschaftsthriller, die ihm das Etikett als “britischer Michael Crighton” einbrachten.GW180H295[1] Ein Anspruch, dem Kerr nicht entsprechen konnte und wollte. Kerr hat haufenweise Literaturpreise eingesackt. Darunter auch den “Bad Sex in Fiction Award” der Literary Review 1993 für die Sex-Szenen in GRIDIRON (GAME OVER). Ein herausragender Thriller aus dieser Zeit ist DEAD MEAT, der im Russland Jelzins während der großen Mafia-Kämpfe spielt. Die BBC produzierte den Roman 1994 als ebenso gelungenen Dreiteiler GRUSHKO mit Brian Cox in der Titelrolle (der Dreiteiler ist, wie auch die Deighton-Serie GAME,SET, MATCH, als Zweiteiler zweimal bei Vox ausgestrahlt worden, um dann für immer in den flachen Hirnhöhlen des Kurzzeitgedächtnises der zuständigen TV-Redakteure zu verfaulen).

“Ich schreibe jeden Tag – selbst Weihnachten. So definiere ich mich – durch das Schreiben. Das Wunderbare daran ist, dass man nie damit aufhören muss. Als Autor muss ich nicht in Rente gehen. Ich will an meinem Schreibtisch sterben – mitten in einem Satz.” Dabei hilft ihm seine selbstbezeugte Asozialität: “Genau wie Bernie Gunther habe ich keine Freunde. Ich brauche sowas nicht.”
Was er hat und braucht, ist seine Familie: Er ist mit der Schriftstellerin Jane Thynne verheiratet, und das Paar hat drei Kinder. Diese waren Auslöser für eine zweite Karriere als Kinderbuchautor mit der Serie CHILDREN OF THE LAMP, die er als “P.B.Carr” verfasst.
Inzwischen hat Kerr, der angeblich in 40 Sprachen übersetzt wird, die Filmrechte an 14 Romanen verkauft; keines ist realisiert worden. “Was für eine Geldverschwendung! Der einzige, der was davon hat, bin ich.“

Sogar in Deutschland ist Kerr recht erfolgreich: Die Noir-Trilogie verzeichnete 2013 die 7.Auflage, und die meisten neuen Titel sind in einer 2.Auflage bei Rowohlt lieferbar. Erstaunlich für deutsche Buchkäufer, denn ganz ohne Verabredung haben wir uns alle daran gewöhnt, Qualität zu meiden.

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2006 kehrte er überraschend zu seinem Helden zurück: Mit THE ONE FROM THE OTHER begann er der Figur neue Dimensionen zu geben. Mit den Folgebänden sprengte er Bernies formbedingte Charaktermaske immer weiter auf. Die Verbrechen, an denen Gunther im Krieg beteiligt war, hatten seine Natur verändert. Während des Krieges wurde er suizidgefährdet, was sich auch im Nachkrieg fortsetzt.hagee[1]

Mit seiner Serie um den Polizisten, SD-Mann, Privatdetektiv und Agenten Bernie Gunther schuf Philip Kerr etwas völlig Neues und Originelles innerhalb der Kriminalliteratur. Dank seiner Vorarbeit wagen sich inzwischen auch deutsche Autoren an zeitgeschichtlich eingebettete Romane, die in der Weimarer Republik oder im 3.Reich angesiedelt sind (obwohl es da bereits frühere Werke gab, wie etwa Kirsts NACHT DER GENERÄLE oder Romane von Simmel).

Der historische Privatdetektivroman entstand in den 1970er Jahren in den USA. Am Anfang steht der Film CHINATOWN von Roman Polanski und TV-Serien wie CITY OF ANGELS und BANYON. Literarisch nutzte zuerst Andrew Bergman die Form, gefolgt von Stuart Kaminksky und Joe Gores mit HAMMETT, bis 1984 Max Allan Collins mit seiner Nate Heller-Serie neue Dimensionen eröffnete.

Die Sprache ist angelsächsischer hard-boiled und nimmt den Romanen gelegentlich ihr authentisches Flair. Allerdings erhält man dafür im Gegenzug auch unterhaltsame Wisecracks (“Lebensraum für uns hieß, andere sollten erst mal ihr Leben lassen.”, “Die Getränkepreise bissen wie Senfgas in meine Augen.”). Ein deutscher Kritiker verwechselte gar diesen genreimmanenten Wortwitz mit “Berliner Humor”.

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Das Transponieren des typisch amerikanischen Privatdetektivs ins dritte Reich hat etwas Künstliches. Denn immer wieder schlagen die angelsächsischen Genremuster durch und unterordnen das Authentische der genauen Recherche. Manchmal wirkt das, als hätte Kerr einen Film für Fritz Lang geschrieben. Das durch Gunther zu oft behauptete Unverständnis für die Nazis und ihr Regime zeigt einmal mehr den angelsächsischen Standpunkt; jeder deutsche Widerstandskämpfer verstand sehr wohl die Denkweise von Gestapo, SD und SS. Man spürt immer wieder, dass Gunther keine deutsche Privatdetektivfigur ist, sondern angelsächsische Mentalität verkörpert.

Deswegen funktionieren, bei aller Liebe und Verehrung für die Berlin-Noir-Trilogie, die späteren Romane, insbesondere die Nachkriegsromane m.E. besser. Denn in dieser Zeit ist Bernie eher eine Art Geheimagent (bzw. im System integrierter Funktionär) als Privatdetektiv. Besonders die Bücher oder Handlungselemente, in denen Gunther bereits in das Unrechtssystem eingegliedert ist und selber schuldig wurde, wirken erschreckender und weniger artifiziell. Trotzdem schlägt das angelsächsische Element immer wieder mal durch. Diese Kritik schränkt die Qualität der Serie nicht ein. Auch in Privatdetektivromanen, die in der angelsächsischen Welt oder sonstwo spielen, ist der PI – von Race Williams über Tarpon bis Harry Bosch – ein idealisierter Kleinunternehmer oder eine heroisierte Ich-AG, eben eine Kunstfigur, die Prinzipien verkörpert. Sie steht für die schöne Utopie, dass man in komplexen Gesellschaften individuell Gerechtigkeit gegen das System durchsetzen kann. Und sie dient den besseren Autoren dazu, das gesellschaftliche System oder bestimmte Milieus sittenbildlich und politisch zu durchleuchten.

Die paar Probleme, die ich mit Bernie habe, sind dann auch typisch deutsch. Sie beruhen auf dem Gegensatz zwischen den bekannten Realitäten im 3.Reich und der Behauptung, ein Individuum hätte für sich demokratisch-angelsächsische Freiräume behaupten können. Den Briten ist mein kleinliches Gemäkel natürlich fremd. Der “Guardian” brachte die Qualität von MARCH VIOLETS auf den Punkt; “…an impressive debut that catches the nasty taste of the jackboot era and the wisecracking flavor of the pulps.”
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Michael Drewniok hat in seiner Rezension zu WOLFSHUNGER in der “Krimi-Couch” auf die Authentizitätsschwäche der Figur hingewiesen: “Ein so frecher und großmäuliger Zeitgenosse wie Gunther dürfte in der realen Zeit keine lange Lebensdauer gehabt haben.” Es ist eben etwas anderes, ob Marlowe in LA mit Captain Gregorious spricht oder Gunther in Berlin oder Prag mit Heydrich. Insofern suggeriert Kerrs Figur eine Autonomie, die höchst unwahrscheinlich ist und bei einem deutschen Kritiker einfältiges Wunschdenken auslöste: “So hätte man seine eigenen Familienmitglieder gerne in der Nazizeit agieren gehabt”. Derselbe Kritiker versteigt sich in kleinbürgerliche Romantik, wenn er dies und die Figur Gunther als realistisch verteidigt. Als ob dies für einen nicht-naturalistischen Roman ein Qualitätsmerkmal darstellt. Kerr schreibt nun mal Genre-Romane über eine unrealistische Figur, die innerhalb ihrer Parameter aber absolut glaubwürdig ist. Der entscheidende Realismus bezieht sich auf die Zeitgeschichte. Gunthers mean-streets sind die Kreuzungen, wo Geschichte zur Tragödie wird.
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Dieses Zeitkolorit erscheint dafür umso realistischer: Nie wurde mir zum Beispiel deutlicher als in PRAGUE FATALE vermittelt, dass im Berlin nach Stalingrad das katastrophale Ende des Krieges in allen Poren der Stadt bereits spürbar war. Auch da setzt Kerr die richtigen Details, um die Situation atmosphärisch spürbar zu gestalten. Dabei verhärtet sich die Theorie, dass dem Regime nun die Judenvernichtung wichtiger war als der Endsieg. Seine Abbildungen des Argentiniens der Nachkriegszeit oder des Kubas zu Beginn der Revolution bewirkt wahrscheinlich mehr (und tiefere) Erkenntnisse als manches Sachbuch.

Kerrs bevorzugter Recherche-Ort ist die Wiener Bibliothek am Londoner Russell Square. Alfred Wiener baute sie in den 1930er Jahren auf und brachte sie 1939 aus Amsterdam nach London, wo die Zeugnisse aus dem Widerstand vom britischen Geheimdienst während des 2.Weltkriegs studiert und ausgewertet wurden. Laut Kerr ermöglicht das Studium der Bibliothek noch heute täglich neue Erkenntnisse zum dritten Reich.
“Je mehr Details ich habe, um so leichter fällt mir der Method-Acting-Trick mich in die Zeit zu versetzen.”

Und von Recherche versteht der studierte Rechtsphilosoph mindestens soviel wie von Zeitgeschichte.
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Wie Kerr seine Recherchen aufbereitet und zum Bestandteil der Story macht, ist von großer Intensität und Kunst. Da kommt der 1956 geborene Schotte rüber wie ein wortgewaltiger Augenzeuge. Oder wie der Großmeister des historischen Privatdetektivromans, Max Allan Collins, sagt: “Geschichte ist erst dann interessant, wenn sie uns in Form von Geschichten nahe gebracht wird. Man hüte sich davor, den Schwanz der Recherche mit dem Hund der Geschichte wedeln zu lassen.” Genau darin liegt eine der großen Stärken Philip Kerrs: Er betreibt Aufklärung mit den Mitteln des Romans, Leser, die sich ansonsten nie für Geschichte im Allgemeinen oder die des Nazismus im Besonderen interessieren, erreicht er mit den literarischen Techniken des Polit-Thrillers und des Privatdetektivromans. Der zynische Ton des Privatdetektivromans ist vielleicht zeitgemäße Form, politische Verbrechen zu kommentieren. Wiederum ist es wohl typisch deutsch, dass ich diesen didaktischen Ansatz betone. Aber die Aufarbeitung unserer Geschichte erscheint angesichts der verordneten Bildungslosigkeit heute nötiger denn je. Da leistet der Brite mehr als die meisten deutschen Autoren – egal welchem Genre zugehörig.978-3-499-25702-5.jpg.608651[1]

In den Romanen ab 2006, also nach Afghanistan- und Irak-Überfall, drückt sich Kerrs angenehmer politischer Anti-Amerikanismus immer breiter aus. Besonders in FIELD GREY, wo Bernie für die USA Erich Mielke jagen soll. Ganz bewusst wählt er eine Diktion, die der Leser direkt auf die Gegenwart beziehen kann oder soll:

“Neue Feinde und der Hunger nach neuen Siegen ließen sie in ihren schwimmenden stahlgrauen Städten des Todes hocken, wo sie Coca-Cola tranken, ihre Lucky Strikes rauchten und sich bereitmachten, den Rest der Welt von dem unsinnigen Bedürfnis zu befreien, anders sein zu wollen als die Amerikaner. Denn jetzt waren nicht mehr die Deutschen, sondern die Amerikaner die Herrenrasse, und statt Hitler und Stalin war nun Uncle Sam das Gesicht eines neuen Weltreiches.”

Oder noch härter:

“Gleich nach dem Start bot sich mir ein schöner Blick auf die Freiheitsstatue. Ich hatte den sonderbaren Eindruck, dass die Lady in der Toga den Arm zum Hitlergruß erhoben hatte.”

Nach Landraub, Völkermord an den Indianern und Kolonialkriegen im “Hinterhof” sieht Kerr einen weiteren Sündenfall: Indem sie Kriegsverbrecher und Massenmörder in die eigenen Reihen eingliedern, setzen die USA den Nazismus als Cola-Light-Version fort (was sich heute symbolisch darin äußert, dass Amerikaner, im Gegensatz zu allen anderen Völkern, der internationalen Gerichtsbarkeit nicht unterworfen sind).

Kerr hält sich in der Veröffentlichungsreihenfolge an keine Chronologie. Er springt mit jedem neuen Roman durch die Nazi-Geschichte, von den Anfängen des Regimes bis zum Einsatz von Kriegsverbrechern durch die Amerikaner in Lateinamerika. Man könnte die Serie etwas gewagt als “Odyssee der Nazis” benennen, die weit in die Nachkriegszeit reicht und auf deren Strukturen Neo-Nazis noch heute zugreifen können. Kerr gelingt ein komplexes Bild politischer Zusammenhänge, die dank seines literarischen Könnens genauso faszinierend wie unterhaltsam und aufklärerisch sind. Damit hat er – um es nochmals zu betonen – innerhalb der Kriminalliteratur, jeder Form von Literatur, etwas einzigartiges geschaffen.

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DIE BERNIE GUNTHER-SERIE:

March Violets, 1989. Feuer in Berlin, Rowohlt, Reinbek 1995.

The pale criminal, 1991. Im Sog der dunklen Mächte, Rowohlt, Reinbek 1995.

A German Requiem, 1991. Alte Freunde, neue Feinde, Rowohlt, Reinbek 1996.

The One from the Other, 2006). Das Janusprojekt, Rowohlt, Reinbek 2007.

A Quiet Flame, 2009. Das letzte Experiment. Wunderlich, Reinbek 2009.

If The Dead Rise Not, 2010. Die Adlon-Verschwörung. Rowohlt, Reinbek 2011.

Field Grey, 2011. Mission Walhalla. Rowohlt, Reinbek 2013.

Prague fatale, 2011. Böhmisches Blut. Rowohlt, Reinbek 2014.

A Man without Breath, 2013. Wolfshunger. Rowohlt, Reinbek 2014.

The Lady From Zagreb, 2015.

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P.S.: Eines der besten Interviews mit Kerr (aus dem ich mich hier auch verschiedentlich bedient habe) ist das von J.Kingston Pierce für “The Rap Sheet”:

http://therapsheet.blogspot.de/2010/04/intimidating-mr-kerr.html

Die Lektüre sei hiermit wärmstens empfohlen; darin finden sich so herrliche Aussagen wie:

PK:My parents weren’t really bookish. My father joined the Book of the Month Club, but it was me who read the books. Scots people don’t go in for encouraging children so much as warning them against masturbation and reefers. My mother was forever warning me against smoking reefers; and she believed in white slavery. She was always telling my sister about the dangers of that. As a boy I rather liked the idea of white slavery. Still do. The Scots never really liked me. I’m dark, you see, and they thought I was a bit racially suspect. As a result, I don’t really like the Scots very much. It’s hard to feel much warmth for your own race when they’ve rejected you.

JKP: Do you have siblings? And are your parents still living?

PK: I have a sister, still living. And a sister, who’s not still living. [My] parents have moved on to the next world.



NOIR-ROMANE, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: CUTTER AND BONES by Martin Compart

Da ein Polar Verlag eine neue Ausgabe des Noir-Klassikers veröffentlicht hat (dem ich viele neue Leser wünsche), hier nochmals meine alte Rezension von 2013:
Ich persönlich bevorzuge die alte Moewig-Übersetzung. weil sie eleganter und wortgewandter ist (wo sind denn die lächerlich behaupteten Küru7ingen)?

CUTTER AND BONES von Newton Thornburg (1929-2011) ist ein großer, viel zu lange ignorierter Noir-Thriller, für den heutigen Noir-Roman so wegweisend wie einst James M. Cains THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE für die 1940er und 1950er Jahre. Als der Roman 1976 veröffentlicht wurde, schrieb die NEW YORK TIMES: “the best novel of its kind for ten years”.

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Der Aussteiger Richard Bone kommt zehn Jahre zu spät, um den Hippie-Traum zu leben. Ihm steht nur noch eine fragwürdige Form der alternativen Müllkippe zur Verfügung. Trotz gelegentlicher Zweifel zieht er diese aber der systemimmanenten Karriere, die er hinter sich gelassen hat, vor: „Er war sich mit dreißig plötzlich wie ein eingesperrtes Tier vorgekommen. Aus irgendeinem Grund war seine Frau Ruth zu einer Personifizierung unüberbietbarer Langeweile geworden, eine Glucke, die höllisch über ihren kostbaren Küken wachte. Was zwischen ihnen an Sex vorkam, war im Grunde nur gegenseitige Masturbation, bei der sie ihm jede zweite oder dritte Nacht ihren Körper als eine Art Auffangbecken überließ…Mit einemmal sah er das üppige Büro und die ach so beneidenswerte Position nur als eine Treppe, die keineswegs zu schönen und besseren Dingen führte…“

Richard Bone ist der Protagonist des Romans CUTTER AND BONE, den der Erzähler in der dritten Person fast ausschließlich aus seinem Blickwinkel erzählt. Er lebt als ein Strand-Casanova in Santa Barbara und ernährt sich durch die Zuwendungen begatteter Frauen, kleiner Jobs und der Großzügigkeit von Barbetreibern.

Ihn verbindet eine merkwürdige Freundschaft mit dem invaliden Vietnamveteranen Alex Cutter, der in seiner Desillusioniertheit, gepaart mit Zynismus und Selbstmitleid, bereits in der heraufdämmernden Zeit der nächsten Jahrzehnte angekommen ist. Cutter, seine von Drogen aufrecht gehaltene Frau Mo („So fraß Mo morgens, mittags und abends nichts als diese Tabletten – nicht zu viele, aber genug, um dem Leben die scharfen kanten zu nehmen.“), und sein kleiner Sohn krebsen ebenfalls am Existenzminimum herum. Cutters Kaputtheit belastet die Ehe genauso wie andere menschlichen Kontakte. „Ich bin wahrscheinlich einer der wenigen Gesunden. Ich sehe das Leben, wie es ist. Und Verzweiflung gegenüber dem Leben ist die einzig gesunde Haltung, die es gibt.“ Vietnam hat beide zerstört – und Bone die Logistik, das Marketing für ein System, das diese Kriege braucht. Die enttäuschten Veteranen des Krieges und der Revolte verlieren sich an Drogen, Zynismus und Apathie. Cutter und Bones „Heldentum“ besteht darin, über den Tag zu kommen indem sie genug Betäubungsmittel auftreiben.

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In einer Regennacht beobachtet Bones zufällig, wie ein Mörder die Leiche einer jungen Frau beseitigt. Er meint, den Mörder in einem Zeitungsbild wieder zuerkennen. Bemerkenswert dabei ist, dass Bone den Mörder an seiner Arroganz, die sich in seiner Körperhaltung ausdrückt, wieder zuerkennen meint. Wir sind Lichtjahre vom klassischen Detektivroman entfernt. Es handelt sich um den ekeligen Wirtschaftstycoon J.J.Wolfe. Zusammen mit der Schwester der Ermordeten beschließen Bones und Cutter ihn zu erpressen. Nur Bones kommen Bedenken. „In dieser Welt. Dieser Grube aus Pisse und Elend! Da hältst du es für unmoralisch, von so einem mörderischen Philister wie Wolfe ein bisschen tägliches Brot zu borgen?“ Wolfe gehört zu diesen Wirtschaftsharpyien, die nach dem ersten Ölschock begierig die Globalisierung anvisieren. Für Cutter symbolisiert Wolfe den schuldigen Kapitalisten, schuldig am Krieg, der sein Verhängnis wurde, und schuldig an den systemimmanenten Verbrechen, die Umwelt und Menschen ins Verderben stürzen. Ob er der Mörder der jungen Prostituierten ist, bleibt dabei bis zum Ende unklar.

Wie bei allen Noir-Autoren ist die Pazifikküste kein Ort an dem die Träume wahr werden, sondern der Ort, in dem sie jämmerlich krepieren. „Gott, er hasste Kalifornien, diese überbevölkerte Theaterlandschaft, wo Amerika unermüdlich Zukünftiges ausprobierte und gleich wieder auswechselte; da blieb nie etwas lang im Verkaufsangebot.“ Kalifornien ist lediglich die letzte Grenze der Lügen und Hoffnungen. Oder wie es Lew Welch in THE SONG MOUNT TAMALPAIS SINGS ausdrückte: „This is the last place. There is nowhere else to go“. Der zu oft übersehene Edward Bunker sah es 1973 ähnlich: “Kalifornien war ihm immer blitzeblank und nagelneu vorgekommen; jetzt erschien es ihm abgenutzt und schmutzig.”

Sie lösen Mechanismen aus, die ihre Welt endgültig zur Jauchegrube der Sixties macht. Anders als die Verfilmung von Ivan Passer (1981 als CUTTER´S WAY), endet der Roman im völligen Nihilismus. Nach den Hoffnungsträger-Morden, nach Altamont und Charles Manson sind die am Tunnelende (um mal wieder eine meiner Lieblingsmetapher zu gebrauchen) geschwenkten Feuerzeuge endgültig erloschen. Thornburg reflektiert, dass individueller Aktionismus, ob von den Weathermen oder etwa der Baader-Gruppe, zu keiner politischen Lösung führen kann, aber sehr wohl die faschistischen Elemente des Systems beflügelt.

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Der Roman, 1976 erstveröffentlicht, spiegelt eine Zeitenwende der westlichen Kultur, speziell der amerikanischen Gesellschaft: Nämlich die Katerstimmung nach der kurzen Phase der Euphorie, die in den 1960er Jahren eine gerechtere Ordnung suggerierte. Mitte der 1970er Jahre sind die Ideale verglüht, statt Marihuana hat der Markt härtere Drogen durchgesetzt und jeder sieht zu, wo er noch einen Platz findet.

Es ist die Zeit zwischen Watergate und Reagan, das Todeszucken der 60er-Rebellion, bevor die Neo-Cons im darauf folgenden Jahrzehnt damit begannen, den Planeten endgültig zugrunde zu richten. „Die Aktienkurse waren schon seit geraumer Zeit gefallen und unbeständig, die Arbeitslosenzahl stieg, und in jeder Bar hockten Pessimisten, die eine Katastrophe vorhersagten.“ Die Erinnerung an den ersten „postmodernen Krieg“ verdeutlicht den Beginn der neuen Phase des amerikanischen Imperialismus(vorbereitet seit den 1940ern, wie die PENTAGON PAPERS belegen). Der Vietnamkrieg war viel zu unpopulär um ihn durch höhere Steuern zu finanzieren. Er war der Anfang der Schuldenspirale, die sich bis heute immer schneller dreht und nur durch extreme Aggression des Establishment nach Außen und Innen aufrecht erhalten werden kann. “Cutter and Bone did come out strongly against the Vietnam war. So to that extent I don’t mind it being (interpreted as) leftist.”

Neben Crumleys Romanen (Pelecanos zählt auch noch Kem Nunn dazu) war es wohl Newton Thornburgs Meisterwerk, das für die amerikanische Noir- Literatur der nächsten Jahrzehnte richtungweisend war, indem es diese Kulturwende thematisierte und das Kommende antizipierte. Woody Haut nennt ihn bewusst und mit bestechender Argumentation im direkten Zusammenhang mit Robert Stones DOG SOLDIER, eine der Noir-Fanfaren für die 1970er.
Thornburg: “I’ve never considered myself a pure crime writer. Cutter and Bone is a straight novel, no matter how you look at it – strong characterisations, simple plot. I don’t like novels with private eyes you know, formula ones. I like crime stories, but I like them to be about ordinary people not crime professionals.”

Ekkehard Knörer schrieb über den Roman: „Einzig die Romane Cormac McCarthys lassen sich mit Thornburgs Meisterwerk verlgeichen. Auch in seiner freilich weniger wuchtig daher kommenden Sprachgewalt muss sich Thornburg vor McCarthy nicht verstecken, ihm gelingen so präzise wie (im besten Sinne) poetische Momentaufnahmen. Der Katastrophe wie des Glücks, das bald vorüber sein wird. Der Schuld, die nichts als Sprachlosigkeit zurück lässt. Der untergründigen Bedrohung, der die Katastrophe unweigerlich folgen wird.“

Ich persönlich sehe stilistisch zwar wenige Gemeinsamkeiten mit Cormac McCarthy, aber zweifellos ist der Roman ein literarisches Ausnahmewerk, das diesen Vergleich nicht zu scheuen hat. CUTTER AND BONE funktioniert auf mehreren Ebenen, beschreibt unter dem überspannenden Dach der Melancholie viele Stimmungen. Kein falsches Wort und nur richtige Sätze, die vom Leben selbst berührt sind. Ein großer Noir-Roman und ein großer Roman des 20. Jahrhunderts, dem die Zeit nichts von seiner Wahrhaftigkeit nehmen kann. Cutter, Bones und Mo sind Figuren der Weltliteratur, die man nie vergisst und die echter sind als so manche Büro- oder Kneipenlemuren, denen man im Paralleluniversum des “wirklichen Lebens” begegnet.

„Regardless of how they finish the novel, Cutter and Bone bear the burden of future noir protagonists, whose fate will be to investigate the culture whatever the cost.” (Woody Haut in NEON NOIR).

Der Ethos des Wilden Westens („erst schießen, dann fragen“) wurde durch den Vietnamkrieg zu einer Lizenz zum töten für Soldaten, Cops, Vigilanten und Psychos. Das spiegelt sich in der Pop-Kultur der 1970er wider, von Filmen wie DIRTY HARRY bis zu Paperback Original-Serien wie THE EXECUTIONER.
Nachhall und Erinnerung an den Vietnamkrieg, der die westlichen Gesellschaften spaltete, als eine der Hebammen der modernen Neo-Noir-Kultur. Die dunklen Mächte, die uns ins Verderben jagen, sind ausgemacht: man betrachtet fatalistisch ihre Zerstörungswut.

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“I always thought the characterization and cast was good. But the plot broke down halfway through.I think the characterisations are fine, the main characters and so on. But before the end, it just got absurd.” (Thornburg)

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VERLORENER VERLIERER: DIE 7 LEBEN DES ARTHUR BOWMAN – der neue Roman von Antonin Varenne by Martin Compart

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Es gibt wohl kein ausgelutschteres kriminalliterarisches Subgenre als die Serienkiller-Geschichte. Nach dem kommerziellen Erfolg von Thomas Harris (und dem literarischen einiger anderer Autoren) brach Ende der 1980er Jahre eine anhaltende Flut an unerhörten Dämlichkeiten über den unschuldigen Leser zusammen, die in der Literaturgeschichte ihres gleichen sucht und bis heute ihr debiles Publikum findet. Manchmal weiß man nicht, wer schlimmer ist: Die realen Soziopathen, die ihren Beitrag gegen die Überbevölkerung leisten, oder die geradezu schwachsinnigen Serienkillerschreiber, die ihren Realitätsverlust und ihre Phantasielosigkeit durch Geldgier ausgleichen.

Um so beeindruckender, wenn es alle paar Jahre mal wieder einen Autor gibt, dem es gelingt, dieses Thema neu, überzeugend und originell zu gestalten.

Genau das gelingt Antonin Varenne, dem neuen Star der französischen Noir-Kultur, mit DIE SIEBEN LEBEN DES ARTHUR BOWMAN (C.Bertelsmann), seinem fünften Roman, in dem verschiedene Genres auf nie gekannte Weise zusammen gepackt sind.

http://www.amazon.de/Die-sieben-Leben-Arthur-Bowman/dp/3570102351/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1432889487&sr=1-1

Die schlichte Rezeption zu FAKIRE (Ullstein, die mal wieder nicht durchgehalten haben), dem neben DIE SIEBEN LEBEN DES ARTHUR BOWMAN bisher einzigen ins Deutsche übersetzten Romans von Antonin Varenne, verlangt danach, Jonathan Swift zu zitieren:

VARENNE-ok[1]“Wenn ein wirklich großer Geist in der Welt erscheint, kann man ihn untrüglich daran erkennen, dass sich alle Dummköpfe gegen ihn verbünden.”
Der geringe Erfolg von FAKIRE bei uns, was sicherlich der Grund für Ullstein war, diesen Autor nicht weiter zu veröffentlichen, verdeutlicht einmal mehr die kulturelle Verspätung teutonischer Buchkunden, die Dante Alighieri für Heidi Klums Couturier halten und die Bestsellerlisten zu literarischen Müllkippen gestalten.

Sogar die Angelsachsen haben seine Bedeutung für die zeitgenössische Noir-Literatur erkannt und übersetzen sein Werk, das die Reklame der Dichter nicht mehr nötig hat. In seinen Romane kommt außer stilistischen Strahlen nie Licht rein, und die Leute sehen fast alle fürchterlich aus. Hier fährt der ganze Planet endgültig zur Hölle – und man möchte ihm bei der Abreise noch helfen.

book_review[1]Varennes Figuren sind höchst aktuell: Es sind die Kaputten, die sich im Dienste der Mächtigen oder ihrer Institutionen aufgebraucht haben und als Wracks weggeworfen werden. Es sind wütende oder ausgebrannte , sich betäubende, unkontrollierbare menschliche Hülsen, die asozial vor sich hin vegetieren, bis sie mehr oder weniger in eine Aufgabe hinein stolpern, die ihrer überflüssigen Existenz vielleicht Sinn verleiht. Sie haben eine miese Vergangenheit, eine gruselige Gegenwart und eine fürchterliche Zukunft (wenn überhaupt). Charaktere von nächtlicher Schwermut und finsterer Niedergeschlagenheit, die den banalen Leser zutiefst verstören.

Arthur Bowman ist so eine ausgebrannte, fast seelenlose Hülle. Er hatte sich einst in den Dienst der East-India-Company gestellt, da nichts anderes für ihn möglich war. Durch Todesverachtung und Brutalität hat er sich bis zum Sergeant hoch gedient und für die Aktieninhaber gemordet, geplündert und erobert. Bis zum Sepoy-Aufstand (als sie von der Krone übernommen wurde) war die britische Ostindien-Kompanie der größte Konzern und wichtigste Aktiengesellschaft der Welt. Bownan ist bewusst, “dass die weit ausgestreckten Arme der stolzen Kompanie schmutzige Hände wie die seinen gebraucht hatten, um ihre Reichtümer anzuhäufen”. Bowman ist ein wirklich kaputter Noir-Held, der vielleicht Empathie auslöst, aber keine Sympathie. Eben eine Figur, die kaum ein anderer Autor als Varenne so überzeugend lebendig werden lassen kann. Dagegen springen David Goodis Loser wie Gene Kelly singend durch den Regen.

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Der Roman beginnt 1852 in Burma. Sergeant Bowman soll zu Beginn des 2.Birma-Feldzugs eine Geheimmission durchführen, da die Burmesen egoistisch ihre Reichtümer nicht John Company überlassen wollen. Die Mission, die ihn in den feuchten, beklemmenden Dschungel Hinterindiens führt, geht gründlich schief und Bowman und seine Männer fallen in die Hände der Feinde. Ein Jahr Gefangenschaft und Folter brechen sogar den harten Sergeant. Varennes Hinterindien ist deprimierender als das von Joseph Conrad; eine Hölle, die dem Westler Albträume gebiert, “wegen all dem, was er gesehen hat. Wegen dem, was man ihm angetan hat, oder auch wegen dem, was er selber getan hat”. Es ist völlig egal, ob man die grobe Struktur der Handlung durch den Klappentext erfährt oder nicht – Varennes beängstigende literarische Fähigkeiten sind so stark, dass man die Handlung voller Spannung verfolgt. Für ihn gilt ein Satz, den Andé Gide einmal über Dashiell Hammett gesagt hat: “Er schreibt Szenen, die niemals zuvor geschrieben wurden.” Außerdem kann er die höchst unterschiedlichen Schauplätze atmosphärisch atmen lassen.

Sechs Jahre später ist das Wrack Bowman in London gelandet, wo er im Gnadenbrot der Company seine elende Existenz als Polizist der Docklands fristet. Von Opium und Alkohol zerstört, torkelt er durch London während einer Cholera-Epidemie. Diese Beschreibungen des vertrocknend stinkenden London gehören zu den beklemmenden Höhepunkten des Romans, die man nicht mehr aus dem Hirn bekommt.

Als endlich der Regen kommt um die Stadt sintflutartig rein zu waschen, findet Bowman in einem Abwasserkanal eine Leiche. Der Tote ist furchtbar verstümmelt auf eine Weise, die Bowman unter der Folter in Burma erfahren hat. Der Killer kann also nur einer der zehn Überlebenden sein, der mit ihm die burmesische Gefangenschaft überlebt hat. Um die eigenen Dämonen zu bezwingen, beginnt er die Fahndung nach ihm, die Bowman bis in den Wilden Westen führt, unter Goldsucher, Sklaven und Indianer. Immer auf der Spur weiterer bestialisch zugerichteter Leichen. Bowmans Quest ist nicht nur die Verfolgung des Mörders, sondern auch eine Odyssee des Überlebens und ein episches historisch-soziologisches Fresko von Wucht und innerer Tiefe. Ganz nebenbei zeigt der Roman, was Folter aus den Menschen macht, wie sie für den Rest ihres Lebens als gequälte Kreaturen kaum noch ihre Persönlichkeit bewahren können. Varenne lässt keinen Zweifel daran, dass Folter nur einen Zweck hat: Den kranken Sadismus kranker Menschen zu befriedigen. Auch wenn lächerliche Vereine wie die CIA als Schutzbehauptungen vorschieben, es ginge ihnen um das Erlangen von Informationen. Was sollen das wohl für Informationen sein, wenn man dafür Menschen über Jahre foltert?

deux-prix-deja-pour-le-dernier-polar-d-antonin-varenne-le-mur-le-kabyle-et-le-marin-photo-antoine-rozes-(dr)[1]

Varenne wurde 1973 geboren. Seine Eltern führten ein rastloses Leben und zogen mit ihm durch Frankreich; einige Zeit lebten sie auf einem Segelboot. Er studierte Philosophie in Nanterre und schrieb seine Abschlussdissertation über Machiavelli. Danach führten ihn Jobs als Gebäudekletterer oder Zimmermann um die Welt: Indonesien, Island, Mexiko, schließlich die USA, wo er seine Frau kennen lernte. Er legte verdientes Geld zurück und schrieb dort seinen ersten Roman: LE FRUIT DE VOS ENTRAILLES, der 2006 veröffentlicht wurde. Daraufhin kehrte er mit seiner Frau, Kind und seinem mexikanischen Hund nach Frankreich zurück und ließ sich im Département Creuse nieder. 2008 folgte der Roman LE GATEAU MEXICAIN. Der große Durchbruch kam dann 2009 mit FAKIRS, der mit zwei Preisen für Kriminalliteratur ausgezeichnet wurde und ihn als den wahrscheinlich originellsten französischen Noir-Autor seit Manchette etablierten. Dies bestätigte 2011 sein Noir-Roman LE MUR, LE KABYLE ET LE MARIN. Ein Meisterwerk, das die Schrecken des Algerienkrieges mit dem Horror der Gegenwart verknüpft. Weitere Literaturpreise. Nach diesen düsteren Büchern wollte er zum Spaß einen Western schreiben. Heraus kam das hier vorliegende Buch, das ihm nicht minder “noir” geraten ist, auch wenn er verschiedene Genre – historischer Abenteuerroman, Detektivroman, Sittenbild, Thriller und Western – zu etwas völlig eigenständigen verbunden hat. Die Filmrechte an FAKIR sind inzwischen verkauft und man hat ihm angeboten, eine Fernsehserie zu entwickeln. Aber das interessiert Varenne nicht, der auch ein höchst anspruchsvoller Leser ist. Einen der letzten Romane von Ellroy hat er nach halber Lektüre wütend an die Wand geworfen. Für mich gut nachvollziehbar: Der Unterschied zwischen einem Bluffer und einem Nihilisten.

P.S.: Wer sich vielleicht an die Bücher von Richard Laymon und Walter Satterthwait über die Jagd auf Jack the Ripper durch den Wilden Westen erinnert fühlt, sei beruhigt: Varenne ist eine ganz andere Klasse (wobei ihre beiden Romanen durchaus Spaß machen)!



STADTFÜHRER FÜR PERVERSE: Matthew Stokoes Roman HIGH LIFE by Martin Compart

Noir goes mainstream. Das lässt sich nun schon eine Weile beobachten. Erst wanderten die verstörenden Bilder von Thompson, Goodis & Co. in den Underground, wo sich William S. Burroughs und Hubert Selby bedienten, dann kamen ehrgeizige Designer wie Brett Easton Ellis und Chuck Palahniuk und machten daraus goutierbaren Horror für die verklemmte Kulturschickeria. Der völlig überschätzte WC-Krakeeler Dennis Cooper hat diese Nische erkannt und macht im Kleinverlag Akashic Books gleich eine ganze Reihe unter dem dämlichen Titel „Little House on the Bowery“. Das ist so erschreckend wie Michael Landon mit der Maske von Leatherface. Und so subversiv wie ein Konzert der Rolling Stones, wenn es der katholische Herrenzwerg Martin Scorsese abfilmt.
Das hätte ich beinahe vergessen: Scorseses TAXI DRIVER war sicherlich auch einer der Auslöser für diese angenehm verstörende Weird-City-Kultur. Dieses literarische Konzept verdankt George Bataille mindestens soviel wie dem Noir-Genre. Gilles de Rais im urbanen Dschungel. Einen ähnlichen Entwurf bemühte die Splatter-Punk-Bewegung vor über zwanzig Jahren mit Autoren wie Clive Barker oder David J. Schow. All diesen Autoren ist zu eigen, dass sie den amerikanischen Traum als bösartiges Krebsgeschwür definieren und der Gesellschaftsvertrag weitgehend – wenn nicht ganz – aufgekündigt ist. Der klassische Noir-Held ist gefangen in einer Welt, die er nicht gemacht hat und so nie gewollt hat. Die Helden dieser Designer-Noir-Romane akzeptieren die Normen einer degenerierten Lemminggesellschaft, die Humanismus und Aufklärung aufgegeben hat und nur noch egoistische Vorteilsnahme als Wert ausgibt. Sie leben nur noch im Konkurrenzkampf, der die Seele längst zerfressen hat.

http://www.amazon.de/High-Life-Matthew-Stokoe/dp/3716026743/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1428049005&sr=1-1&keywords=stokoe

Matthew Stokoes bereits 2002 erstveröffentlichter Roman HIGH LIFE ist ein neuer Höhepunkt dieser literarischen Ausrichtung. Der Roman verdankt de Sade mindestens soviel wie Goodis oder Thompson. Und wie die bereits genannten Ellis, Cooper und Palahniuk, kann er schreiben. Er packt den Leser und saugt ihn hinein in seine literarische Müllkippe, die auch Jean Genet einigen Dung verdankt. HIGH LIFE ist Stokoes zweiter Roman und der erste, der ins Deutsche übersetzt wurde. Erschienen bei Arche und gut übersetzt von Joachim Körber, der auch als Herausgeber von Splatter-Punk-Anthologien aktiv war.

Der Autor wurde 1965 in England geboren und studierte an University of East London. Er lebte in Australien, Kalifornien und Neuseeland und hat neben einem Comic bisher drei Romane veröffentlicht. Sein Romandebut COWS, über randalierende und sprechende Kühe, ist eine Art Underground-Kultbuch und sein erster Versuch Krafft-Ebings Psychopathia Sexualis auf den neuesten Stand zu bringen. Er nennt als Einflüsse auf sein Schreiben Chandler, Hubert Selby Jr und Nelson Algren. Stokoe begann als Autor von Kurzfilmen (ROCK, DOG).

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HIGH LIFE hätte Stokoes Durchbruch werden sollen. In seinem Nachwort beklagt Herausgeber Dennis Cooper deshalb :“…dass HIGH LIFE nicht in einem Atemzug mit klassischen, anstößigen Gesellschaftssatiren wie AMERICAN PSYCHO oder FIGHT CLUB genannt wird, ist und bleibt ein Rätsel und eine Ungerechtigkeit.“ Ob sich die genannten Romane als Klassiker behaupten werden, muss sich erst noch heraus stellen. Als Satire empfand ich sie ebenso wenig, wie HIGH LIFE. Mit Sicherheit ist Stokoes Buch aber ebenfalls ein verstörender, schmutziger Großstadtroman:
Ich-Erzähler Jack ist nach LA gezogen, weil er in die Verdrängungsindustrie will. „Was ich wollte, sah ich im Fernsehen, und ich wusste, ich konnte es nicht haben. Alles andere war mir gleichgültig.“ 81Lsv1zk5JL._SL1500_[1]

Jack definiert den Sinn des Lebens durch die Berichterstattung über Stars und Buchhalter der Medienindustrie. Eine Art intellektueller Gegenentwurf zu all den armen Trotteln, die sich im Fernsehen durch die Castingshows-Fleischwölfe drehen lassen. „Ich war besser als sie, ich wusste mehr als sie, und ich sah gut aus. Aber sie waren diejenigen mit einem Leben.“ Er ist ein Produkt unserer Medien besessenen Zeit, in der lediglich medial verbreitete Menschen einen Wert haben. Bekanntheit und Ruhm als Preis für Seelenlosigkeit.

Ein mieser Job und die in Drogen verliebte Nutte Karen garantieren ihm das Überleben in dieser Stadt, die selten ekeliger beschrieben wurde. Ein Leben, das im Konjunktiv zu zerschmettern droht.
Irgendwann verlässt Karen den selbstverliebten Möchtegernstar und wird einige Zeit später als Leiche aufgefunden. Jack erregt den Verdacht eines Bullen, der zu Karens Freiern gehörte, und nun seine perversen Spiele mit ihm treibt. Ryan, der Cop, gehört sicherlich zu den ekelhaftesten Cops der Literatur. Höchstens vergleichbar mit dem Protagonisten aus Irvine Welshs Cop-Roman DRECKSAU.9783462043549[1]

Aber auch für Jack erfüllt sich der große amerikanische Traum: Vom Donut-Teigkneter zum Stricher.
„Ich sah mit an, wie die Freier für eine halbe Stunde ihr behütetes Leben verließen und in diese Welt der Fleischbeschau eintauchten.“ .Jacks dunkle Drogeneuphorie erleuchtet seine erbärmliche Existenz bei seiner Suche, nach einem Platz in dieser Stadt. Er treibt sich herum, hängt seinen Plänen nach und durchquert alle Perversionen, die LA zu bieten hat; eine Synthese aus dem Marquis de Sade und David Goodis.

Der eigentliche Star des Romans ist die große West Coast-Müllkippe, die mal Los Angeles war. Ein Ort, für den ein Atombombenabwurf zivilisatorischer Fortschritt bedeuten würde. Hier kann man sich schon mal angucken, wie die westliche Welt aussieht, wenn die Banken mit ihr durch sind. „Geld ist Bestandteil der Architektur der Stadt.“ Im Vergleich zu Stokoes LA ist das von Charles Bukowski ein idyllisches Örtchen aus der guten, alten Zeit.

Schließlich geht Stokoe auf, dass er ja die Konventionen eines Kriminalromans bedienen will. Also begibt sich Jack, der zwischen Straßenstrich und Escort seinen Platz im Leben gefunden hat (ohne seine Starträume aufzugeben), auf die Suche nach Karens Mörder. Die Spur geht in Richtung Organhandel. Nicht als Privatdetektiv, sondern als sexueller Einzelhändler, klopft er an den Türen zur Erkenntnis.

Je tiefer er in den Sumpf eintaucht, umso erfolgreicher kann er seine Träume verwirklichen. Die alte Weisheit, dass man sich richtig schmutzig machen muss, um im System aufzusteigen. Und als er die femme fatale Bella kennen lernt, nimmt seine Erfolgskurve richtig fahrt auf. Mit dem Ferrari durch die Jauchegrube. „Zack. Aus dem Nichts mitten rein ins Zuviel.“

91+zerYztmL._UX250_[1] Atemberaubend spannend ist der überkandidelte Roman nicht. Aber im Gegensatz zu den meisten aktuellen Noir-Romanen ist er ein literarischer Genuss. Es ist die Erzählerstimme, und Stokoes häufig brillant formulierter Blick auf die Endzeitgesellschaft, die Freude am Lesen macht. Man erkennt leicht, wenn der Autor vom wirklich Beobachteten abweicht um noch ein paar Schaufeln Perversionen aufzulegen. Da fehlt auch die obligatorische Snuff-Szene nicht, die zwar schockiert, aber auch künstlich und kalkuliert rüberkommt. Stokoe türmt – manchmal unglaubwürdig – Abartigkeiten auf Teufel komm raus übereinander um ordentlich Provokationsmaterial für die Kulturspießer zu liefern. Trotz all der detailliert geschilderten Schreckensszenarien, geht Stokoes Grauen nie so tief unter die Haut wie zum Beispiel in Jack Ketchums EVIL. Wie schon bei de Sade, löst die schiere Aneinanderreihung von Perversionen keine Lust aus, sondern Verblüffung, Verwirrung, Bestürzung und Unruhe.

Bei aller Kritik könnte dieser Roman Bestand haben als genaue Momentaufnahme einer Gesellschaft, die dabei ist, in einer gleichgeschalteten virtuellen Realität zu versinken und ihre Werte nicht mehr aus der physischen und spirituellen Tradition destilliert. Alles ist gleich in seiner Bedeutungslosigkeit. Ein Zombie-Roman mit sprechenden Untoten. Damit setzt sich Stokoe zwischen alle Stühle: Intellektuelle Bluffer werfen ihm Flachheit vor, ohne diese als adäquates Stilelement zu erkennen (das auch noch von großer Eleganz ist). Für die Krimi-Connaisseurs, die immer alles besser wissen, aber kein Gefühl für Sprache haben, ist er verwerflich, da er nicht Ellroy ist. Bleiben ihm nur die dumpfen Erregungsleser, die sich an seiner Ekel-Pornographie delektieren mögen. Bei allen Schwächen – das Buch bleibt kleben, besudelt einen und kann Narben im Gehirn hinterlassen.

P.S.: Genauso lesenswert ist Stokoes Country-Noir:

http://www.amazon.de/Empty-Mile-Matthew-Stokoe/dp/3716026816/ref=tmm_hrd_title_0

P.P.S.: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Monsanto vernichtet werden muss.



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: DER ÜBERMENSCH von JOHN BUCHAN by Martin Compart

“ZIVILISATION IST VERSCHWÖRUNG”: JOHN BUCHANS POWER HOUSE (DER ÜBERMENSCH; Elsinor Verlag, 2014).

Es gibt zum Glück noch Verlage, die kümmern sich einen Dreck um die Bestsellerlisten und den gerade angesagten Mainstream. Es sind Verlage und Verleger, die mit hohen Kosten ihre eigene Vision verwirklichen und Bücher veröffentlichen, die eine kleine elitäre Leserschaft vor der Barbarei des Marketing schützen. Dazu gehört klar erkennbar der Elsinor Verlag, den ich zu meiner Schande erst jetzt entdeckt habe (und das, obwohl er schon mehrere Bände mit Essays von G.K.Chesterton veröffentlicht hat).
http://www.elsinor.de/
Verleger Thomas Pago hat nun dem deutschen Publikum ein Schlüsselwerk des Spionage-Romans und des Conspiracy-Thrillers zugänglich gemacht, dessen Bedeutung für das Thriller-Genre bis heute anhält und dessen Lesevergnügen das der Doorstopper der Bestsellerlisten weit übertrifft: John Buchans Kurzroman (meinetwegen auch Novelle) THE POWER HOUSE, geschrieben 1913 und 1916 als Buch veröffentlicht. Gleich vorweg gesagt: Ein spannender Clubland-Thriller, den man in einem Rutsch liest und nicht die Intelligenz beleidigt.

http://www.amazon.de/%C3%9Cbermensch-Thriller-John-Buchan/dp/3942788217/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1420897542&sr=1-2&keywords=john+buchan

Der Schotte John Buchan (1875-1940) ist der wichtigste Gründungsvater des modernen Spionageromans und Agenten-Thrillers. Kein anderer Autor hat mehr Motive und Themen entwickelt, die heute noch im Genre variiert oder genutzt werden.
Der moderne Thriller ist vorwiegend eine schottische Erfindung, und sein Schöpfer ist Robert Louis Stevenson mit den Conspiracy-Thrillern KIDNAPPED und CATRIONA (in denen es um Verschwörungen gegen England zugunsten des entmachteten schottischen Königs geht). Buchans heute noch fesselnde Flucht- und Verfolgungsszenen erinnern an David Balfours und Alan Brecks Jagden durch die schottischen Highlands.

JbuchanJ[1]Noch entscheidender für die Evolution des Genres war denn auch Buchan, der Topoi entwickelte und perfektionierte, die bis heute diese Gattung prägen: Bedrohung der Zivilisation durch ebenso finstere wie intelligente Organisationen, der unschuldig verfolgte Held (“Man on the run”), der in einem engen Zeitrahmen die Ziele der Feinde durchkreuzen muss, die Brüchigkeit unserer gesellschaftlichen Ordnung, die Interpretation realen zeitgeschichtlichen Geschehens im Rahmen des Thrillers. Graham Greene schrieb in einem Essay über Buchan: “What is remarkable about these adventure-stories is the completeness of the world they describe. The backgrounds to many of us may not be sympathetic, but they are elaborately worked in: each character carries round with him his school, his regiment, his religious beliefs, often touched with Calvinism: memories of grouse-shooting and deer-stalking, of sport at Eton, debates in the House.”
Für Soziologen und Historiker sind Buchans Romane mentalgeschichtliche Dokumente einer ausgestorbenen Oberschicht.

“Der junge Londoner Anwalt und Parlamentarier Edward Leithen gerät durch die mysteriöse Flucht seines Freundes Pitt-Heron mitten hinein in einen düsteren Kriminalfall. Hatte Pitt-Heron sich auf dubiose Gefährten eingelassen, oder war er womöglich Mitwisser einer gefährlichen Verschwörung? Unbeeindruckt unternimmt Leithen Nachforschungen in der Welt der Politik und Diplomatie, bis er die Aufmerksamkeit eines mächtigen Gegners auf sich zieht – und selbst zur Zielscheibe wird.”

In DER ÜBERMENSCH behandelt Buchan ein Thema, mit dem er sich in fast allen seiner Werke auseinandersetzt: Die Brüchigkeit der Zivilisation, wie er sie als “liberaler Viktorianer” empfindet, und ihre ständige Bedrohung. Immer wieder erleben seine Helden einen ungerechten Ausstoß aus “ihrer zivilisierten Gesellschaft” und das zu ihrem Entsetzen beim folgenden Überlebenskampf alle Regeln ohne Geltung sind. Zeitgemäß macht der Royalist Buchan die Gefährdung der Zivilisation an Anarchisten und Bolschewisten fest. 184419[1] Kritiker haben auf die Ähnlichkeit mit G.K.Chestertons 1908 veröffentlichten Roman THE MAN WHO WAS THURSDAY hingewiesen. Aber man kann die beiden stilistisch nicht vergleichen. Buchans Roman ist düsterer, während Chestertons Buch geradezu surrealistische Elemente aufweist.
Ein weiteres Thema, das sich durch Buchans Shocker zieht, ist der Zustand des Empires: Geschockt von Burenkrieg, Weltkrieg und der Russischen Revolution, ist an weitere Expansion nicht mehr zu denken und nun gilt es, das Empire nach innen zu schützen. Buchans Weltsicht ist die eines paranoiden Konservativen.

Im ÜBERMENSCH taucht erstmals Edward Leithen auf. Leithen ist der erste seiner Helden, auf die Buchan immer wieder zurück greift. Im Gegensatz zu Richard Hannay ist er kein Mann der Aktion, der in physischer Anstrengung aufblüht, sondern ein wenig mobiler Whitehall-Bürokrat, der lieber vom Schreibtisch aus die Strippen zieht. Leithen gilt als derjenige seiner Protagonisten, der Buchans Persönlichkeit am nahesten kommt. Leithen ist neben anderen Auftritten auch der Held von Buchans letztem Roman, SICK HEART RIVER. Buchan war der erste Spionageromanautor, der überzeugende Serienfiguren erfand und mit Richard Hannay und seinen immer wieder kehrenden Freunden einen eigenen kleinen Kosmos von Agenten schuf.

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Die Dialoge zwischen Leithen und dem Oberschurken sind ein intellektuelles Duell, gehören zu den Höhepunkten. Ebenfalls ein Stilmittel, auf das Buchan immer wieder zurück griff um unterschiedliche Weltanschaungsmodelle zu diskutieren. Davon war wohl auch Ian Fleming so beeindruckt, dass er es für in seine Romane übernahm: Kein Bond-Roman, in dem nicht der große Gegenspieler dem gefangenen 007 erklärt, welche Pläne er für die Menschheit hat. Der geistige Zweikampf der Ideologien zwischen Helden und Antagonisten war eine herausragende Qualität in Buchans “Shockers” (wie er selbst seine Thriller bezeichnete). Buchans sinistere Geheimorganisationen könnte man als direkte Vorläufer von Flemings SPECTRE ansehen. Die Globalisierung des Verbrechens, in dem böse Banker, Anarchisten und Kommunisten, die “zivilisierte Ordnung” des Empires zerstören wollen, ist für Buchan Tatsache. Noch können Gentlemen und patriotische Amateure wie Leithen oder Hannay die Bedrohungen zurück schlagen; später braucht es skrupellose Profis mit der Lizenz zum töten.

9781853757518[1] Buchan war bekanntlich ein Meister der Jagd- und Fluchtszenen. Angefangen mit PRESTER JOHN und als Höhepunkt in den 39 STEPS, finden diese langen und höchst dramatischen Passagen fast immer in der Natur statt. Sehr selten ließ er seine Helden durch den Großstadtdschungel flüchten. In POWER HOUSE schildert Buchan, wie das für Leithen bisher so zivilisierte London zur urbanen Wildnis wird, die ihm keinerlei Schutz bietet. Plötzlich wird dieser Hort der Behaglichkeit (zumindest für die Oberschicht) zum Ort schutzloser Isolation und zwingender Paranoia. Die dünne zivilisatorische Schicht verschwindet und eröffnet den städtischen Dschungel, in dem in jeder Straße die Lebensgefahr lauert. Das Vertraute wird zum Unheimlichen – wie in den zeitgleich entstehenden expressionistischen Filmen. Die Bedrohung ist immer da und lauert sogar mitten im Herzen des Empires. Wie so oft erfährt der Buchansche Held, wie Dinge, die er als fest und unverrückbar gehalten hatte, plötzlich angreifbar und korrumpierbar in der Luft schweben und selbstzerstörerisch auf den Boden krachen können.

Nach der Erstveröffentlichung im “Blackwood Magazine” im Dezember 1913, erschien der Roman drei Jahre später als Buch. THE POWER HOUSE verkaufte im Windschatten der beiden ersten Hannay-Romane im ersten Jahr beachtliche 28.000 Exemplare.

Auf deutsch gibt es leider nur wenige Bücher von Buchan (nachdem Diogenes ihn vor langer Zeit aufgegeben hat – natürlich nur wegen zu geringer Nachfrage). Dank ELSINOR ist aber nun ein Klassiker des Polit-Thrillers in deutscher Sprache zugänglich, der in jede Basis-Bibliothek der Thriller-Literatur gehört.

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WER WAR JOHN BUCHAN?

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John Buchan, erster Baron Tweedsmuir von Elsfield wurde am 26. August 1875 in Perth, Peebles-shire in Schottland als ältester Sohn eines presbyterianischen Pfarrers geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Kirkcaldy, Fife (wo auch der Anfang von PRESTER JOHN spielt) und im Tweed Tal an der schottischen Grenze. Es blieben seine Lieblingslandschaften, die auch immer wieder in seinen Büchern geschildert wurden. 1888 ging die Familie nach Glasgow. Er besuchte die Glasgower Universität und anschließend das Bresnose College in Oxford, wo er klassische Philologie und Jura studierte.

Schon während des Studiums kündete sich eine glanzvolle Karriere des Hochbegabten an: gerade zwanzig Jahre alt erschien sein erstes Buch und 1897 und 1898 gewann er zwei wichtige Universitätspreise, den Stanhope Essay Prize und den Newdigate Prize. Noch während des Studiums veröffentlichte er zwei Romane, eine Sammlung Gedichte und Kurzgeschichten und eine Essaysammlung. Das führte zu einer Eintragung im “Who’s Who”, noch bevor er einen akademischen Grad errungen hatte. 1899 schloss er sein Studium ab. 1901 wurde er als Anwalt zugelassen, ging aber noch im selben Jahr als Sekretär zu Lord Milner, dem Hochkommissar für Südafrika. Er wurde nach Kapstadt geschickt und kümmerte sich um die Kriegsgefangenenlager, in denen furchtbare Zustände für eine ungewöhnlich hohe Sterberate sorgten. Dem kämpferischen Humanisten Buchan gelang es durch Reformen und bessere Behandlung diese Verhältnisse zu ändern. Um dieser Zeit, in der er zum inneren Kreis der “bright young men” im Londoner Polit-Establishment zählte, wurde sein politisches Bewusstsein nachhaltig geprägt und seine Liebe zu Südafrika vertieft (reaktionäre Bemerkungen über Schwarze, die sich in seinen Thrillern finden, lassen ihn als überzeugten Imperialisten seiner Zeit und als Anhänger der Apartheid erscheinen).
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1903 trat er in den Verlag Nelson ein, wo er es bis zum Direktor brachte. Bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs entstanden fast zwanzig Bücher, darunter Gedichte, Geschichtswerke und erste Biographien.

Sein erster Thriller, THE HALF-HEARTED, war bereits 1900 erschienen. In diesem Buch verhindert sein Held Lewis eine Invasion Indiens durch die Russen. 1910 veröffentlichte er mit PRESTER JOHN einen Roman, der schon auf die späteren Hannay-Romane vorausweist und Buchans Ansichten über Afrika illustriert: Ein junger Engländer verhindert einen Aufstand der Schwarzen, der durch einen diabolischen, “ungewöhnlich intelligenten Neger” angezettelt wurde. Trotz seiner imperialistischen Ideale, zeichnet den Roman ein gewisses Verständnis der südafrikanischen Situation aus. Erstmals in einem Polit-Thriller (der hier ganz klar in der Tradition der school boy adventure novel steht) taucht auch die Parole “Afrika den Afrikanern” auf. Noch heute ist das Buch ein überzeugendes Zeitdokument.

1907 heiratete er Susan Charlotte Grosvenor, mit der er drei Söhne und eine Tochter hatte.

Anfang des Krieges war er Direktor des Reuter-Pressedienstes in London. Unter dem Eindruck des beginnenden Weltkrieges entstand Buchans bekanntestes und in der Geschichte des Spionageromans eine Schlüsselposition einnehmendes Werk: THE 39 STEPS.
1915 diente Buchan als Stabsoffizier im französischen Hauptquartier der englischen Armee. Während des Krieges lernte er den späteren Feldmarshall Edmund Ironside, Lord of Archangel, kennen, der im Krieg mit nachrichtendienstlichen Aufgaben in Rußland betreut war. Ironside war angeblich das Vorbild für Richard Hannay (seine Figur Sandy Arbuthnot, Kenner und Freund der arabischen Welt, basiert zum Teil auf dem begeisterten Buchan-Leser T.E.Lawrence und dessen arabische Abenteuer). Nachdem Lloyd George Premierminister geworden war, holte man Buchan als Direktor ins Informationsministerium unter Lord Beavenbrook. Kurze Zeit später wurde er Chef des Nachrichtendienstes. Ereignisse dieser Zeit hat Buchan geheim gehalten und kein Biograph weiß nähere Einzelheiten über Buchans Treiben als Geheimdienstler. Nach dem Krieg verlief seine Karriere weiterhin erfolgreich.1101351021_400[1] Es würde den Rahmen sprengen, wollte man alle gesellschaftlichen Stellungen und Auszeichnungen und seine vielfältigen literarischen Aktivitäten hier gebührend würdigen. 1924 bis 1930 war er Präsident der schottischen historischen Gesellschaft. Von 1927 bis 1935 war er konservativer Abgeordneter des Parlaments; 1933 wurde er für zwei Jahre Hochkommissar für die schottische Kirche.

1935 wurde er als Baron Tweedsmuir in den Adelsstand erhoben und bis zu seinem Tod am 11.Februar (einige Quellen nennen den 6.) 1940 war er Generalgouverneur von Kanada. In dieser Funktion unterschrieb er am 9. September 1939 die kanadische Kriegserklärung an Deutschland. Obwohl er ein überzeugter Tory war, setzte er sich für progressive Ideen ein: Er unterstützte die Suffragetten, stimmte für die Anerkennung der Sowjetunion und setzte sich nach dem Krieg für eine Amnestie der Kriegsdienstverweigerer ein.
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Die John Buchan Society:
http://www.johnbuchansociety.co.uk/


Diese Szene aus der dritten Verfilmung der 39 STEPS sucht man im Buch vergebens. Trotz des freien Umgangs mit der Vorlage, atmet der Film Buchans Geist.



ACHTUNG ADVENT! SCHMACKHAFTES FÜR DEN GABENTISCH by Martin Compart

Nun stehen sie wieder vor der Tür, die besinnlichen Tage, an denen wir Ebola, Bänker und die kollabierende Umwelt ausblenden und uns ganz dem lärmenden Konsum und dem stillen Gedenken an die Märtyrer des Kapitalismus, von Maschmeyer bis Middelhoff, widmen.

Für diese stillen Stunden braucht es natürlich auch ein wenig erbauliche Lektüre, die uns auf die Kirchenfeste einnormt und das fromme Absingen der Choräle zeitweilig unterbricht. Gottseidank erleuchten uns die Schaufenster mit der Hoffnung auf Glück durch Kauf. Unten stehendes kann man kaufen, Glück gibt´s dabei oft nur als Erkenntniszuwachs.

Gerade noch rechtzeitig, bevor das Fest der Verlogenheit den Stecker zieht, beschert uns Frank Nowatzkis PULP MASTER einen neuen Roman von DAVE ZELTSERMAN, der aus dem Stand heraus zu einem der wichtigsten zeitgenössischen Noir-Autoren katapultierte. In KILLER erzählt er die Story des alt gewordenen Auftragskillers Leonard March, der sich nach 28 Jahren Knast auf einen Deal mit der Staatsanwaltschaft einlässt, um seinen ehemaligen Boss hinzuhängen. Bedroht von seinem Ex-Boss und Verwandten seiner Opfer, schlägt er sich durch eine Kloake, die von sich behauptet, das Land der Freien zu sein.

http://www.amazon.de/Killer-Dave-Zeltserman/dp/3927734500/ref=sr_1_3?s=books&ie=UTF8&qid=1418742227&sr=1-3&keywords=dave+zeltserman

Hans-Rudi Wäscher war DER Pionier des deutschen Abenteuer-Comics. Noch heute können seine Serien SIGURD, NICK, TIBOR oder FALK durch ihr episches Storytelling begeistern. Nach vielen Vorarbeiten durch Fans, hat der “deutsche Comic-Papst” (ja, ich weiß: Du hasst diese Bezeichnung) Andreas C.Knigge das entscheidende Buch zu Wäscher geschrieben. Es ist brillante Analyse und optischer Prachtband in einem. Jede Wäscher-Serie wird akribisch unter die Lupe genommen. Dabei steigt die Lust, sich die alten Hefte wieder vorzunehmen und zum Beispiel in NICKs Universum erneut einzutauchen. Niemand, der sich für die deutsche Comic-Kultur (bescheiden genug) interessiert, kann auf dieses voluminöse Buch verzichten.

http://www.amazon.de/Allm%C3%A4chtiger-Andreas-C-Knigge/dp/3941694111/ref=sr_1_5?s=books&ie=UTF8&qid=1417433580&sr=1-5&keywords=andreas+knigge

SIMON KERNICK ist der Traum eines Thriller-Fans: Er veröffentlicht regelmäßig und schreibt Bücher, die einen an den Rand eines Herzinfarktes treiben. Meisterlich beherrscht er die schockierende Eröffnung, die fast immer die Zertrümmerung der Normalität ist: “Ihr wurde bewusst, wie verletzlich sie war und das sich das Leben mit einem Lidschlag völlig verändern konnte.
Ausführlich zu Kernick unter: https://martincompart.wordpress.com/2011/12/14/brit-noir-simon-kernick-speedking-1/

Normalerweise jagt er seine Protagonisten durch die Betondschungel der Städte, in TREIBJAGD wird seine Protagonistin fünf Stunden durch die Backwoods der schottischen Highlands gejagt. Perfekt konzipiert, äußerst brutal und von einem Drive, wie ihn nur wenige hinkriegen. Nach einem furiosen Auftakt, nimmt er im ersten Drittel durch Rückblenden das Tempo raus (der erfahrene Thriller-Leser bekommt eine Ahnung, dass nicht alles ist, wie es scheint), um dann Vollgas zu geben. Zugegeben: Es gibt ein paar Unwahrscheinlichkeiten und bei genauer Betrachtung schwerlich zu akzeptierende Motive und Begründungen, aber das wird für mich vom Tempo überrollt. Sowas kann eben passieren, wenn man das Gaspedal so weit durchtritt, dass es schon über den Asphalt schleift.
Kernick strickt auch weiter am Personal seines Suspense Kosmos. Wieder dabei sind Sam Bolt, Mo Kan und zum zweiten Mal nach SIEGE Glenn Scopeland, alias Scope.

http://www.amazon.de/Treibjagd-Thriller-Simon-Kernick/dp/3453417887/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1417099901&sr=1-2&keywords=simon+kernick


Matthew Dunn wurde 1968 geboren, studierte Politologie und trat mit 27 Jahren in den MI6 ein, wo er als field operative an etwa 70 Geheimoperationen in der ganzen Welt teilnahm. Er muss ein Typ wie Adam Halls Quiller gewesen sein: “The loneliness, the isolation, is the real thing. The moment you step on the plane you are on your own.” Für einen Einsatz, über den er nicht sprechen darf, erhielt er vom damaligen Außenminister Cook eine Belobigung, die er nicht zeigen darf. Nach fünf Jahren stieg er aus. Er heiratete, zeugte zwei Kinder und wurde geschieden. Seit 2011 schreibt er Spionageromane über den Geheimagenten Will Cochrane (Deckname: Spartan), der ganz in der Tradition der Superagenten wie Bond und Quiller steht. Leider hat Cochrane eine düstere Vergangenheit, die jeder Melodram-Autor im Setzkasten hat.Dunn ist zwar kein Adam Hall, verfügt aber über ein ähnlich literarisches Talent, den Leser in die Handlung einzusaugen. Seine Erfahrungen bei MI6 nutzend, geben den Operationen einen faszinierenden realistischen Touch. Aber er ist zynisch genug, um nicht als kompletter politischer Idiot zu erscheinen. Witzigerweise kommen im ersten Roman, EIN TOD IST NICHT GENUG, die Deutschen besser weg als Briten und Amerikaner, die bekanntlich die Folter wieder hoffähig gemacht haben. Die Deutschen nehmen nämlich keine Gefangene (für Verhöre mit “Motivationsoptimierung”), um keinen Ärger wegen Menschenrechtsverletzungen zu bekommen.
Wer knallharte, böse Agenten-Thriller liebt, wie ich, wird von MATTHEW DUNN bestens bedient. Es kracht und rummst auf intelligente Art. Literarisch setzt Dunn effektiv genau das um, was ein guter Action-Thriller braucht. Inhaltlich bedient er alle Fans zünftiger geopolitischer Realpolitik. Bei BLANVALET sind die ersten beiden SPARTAN bzw. SPYCATCHER-Thriller jetzt auf Deutsch erschienen.

http://www.amazon.de/gp/product/3442382475/ref=pd_lpo_sbs_dp_ss_2?pf_rd_p=556245207&pf_rd_s=lpo-top-stripe&pf_rd_t=201&pf_rd_i=0062037862&pf_rd_m=A3JWKAKR8XB7XF&pf_rd_r=1YTQHYHY2JC8QV8131YN

In diesen heiligen Tagen sollte man kurz den Neid unterbrechen, mit dem wir ansonsten auf ein Land wie Mexiko schauen, dass dank dem Handelsabkommen mit den USA zum Exportweltmeister (neben dem inoffiziellen US-Bundesstaat Kolumbien) für Freizeitpharmazeutika prosperiert. In der aufregendsten Verlagsneugründung des Jahres, der EDITION FAUST, ist ein Prachtband erschienen, der uns in grandiosen Bildern und Texten die Idylle der us-mexikanischen Grenze näher bringt. Oder wie es im Klappentext des zweisprachigen (auch Spanisch) Buches heißt: “La Frontera, die Grenze zwischen Mexiko und den USA, zerschneidet Dörfer und Städte. Sie teilt Familien und unterbricht Lebenszusammenhänge im bikulturellen Grenzgebiet. Und sie ist eine der gefährlichsten Grenzen der Welt. Hunderte von Menschen lassen jährlich ihr Leben beim Versuch, sie illegal zu überqueren. Stefan Falke hat jahrelang Künstler entlang des Zauns fotografiert, die den Schlagzeilen über Drogenkrieg und Menschenhandel in den Medien ein hoffnungsvolles Bild entgegensetzen und mit ihren Kreationen den Widerstand gegen die Gewalt dokumentieren.
Davon und vom Verlust von Sprache und Identität handeln die Geschichten der international angesehenen mexikanischen Autoren, deren Reportagen, Prosatexte und Erzählungen hier erstveröffentlicht werden. Das sind aufrüttelnde, heitere, verstörende und aufklärende Texte wissender Grenzgänger.“
http://www.amazon.de/Frontera-mexikanisch-US-amerikanische-Grenze-ihre-K%C3%BCnstler/dp/3981589351/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1416576240&sr=1-1&keywords=stefan+falke

Bisher wurde David Raker von Carsten Maschmeyer noch nicht beauftragt, den verschwundenen Kanzler Proll-Gert aufzufinden. Das hat zwei Gründe: 1, ist der niedersächsische Schiffsschaukelbremser (fährt NSU Prinz mit Fuchsschwanz) leider noch nicht verschwunden, und 2.würde Raker den Auftrag ablehnen, da er keine Empathie für den Vermissten aufbringen könnte. Der Ex-Journalist Raker, Jung-Witwer und Spezialist für das Auffinden Verschwundener, ist der Serienheld von TIM WEAVER. Die Briten schütteln ja in den letzten Jahren wieder talentierte Autoren aus dem Ärmel, dass es eine Freude ist.
Thomas Hattenhoff hat in seinem großartigen Blog unter
http://englischekrimis.wordpress.com/tag/tim-weaver/
treffendes und lesenswertes zu Weaver geschrieben. Für mich ist er ein Erneuerer des Privatdetektivromans (auch wenn Raker sich auf Vermisste spezialisiert hat), der zeitgemäße Technologie clever in seine Plots einbaut und dazu noch überzeugend die Strukturen des Ermittler-Romans mit denen des Thrillers verbindet. Alles fängt erstmal langsam an,,, aber dann! Er hat ein gutes Auge für Charaktere, die selten eindimensional bleiben, einen scheinbar mühelosen Stil, dessen Qualität sich erst bei genauer Betrachtung offenbart. Natürlich sind die Eröffnungen (PI erhält Auftrag vom Klienten) abgedroschene Klischees, ebenso wie verlässliche Schacheröffnungen. Der Privatdetektiv steht in der Tradition des Flaneurs, der, wie Walter Benjamin bemerkte, das städtische Leben beobachtet und bewertet. Dies tun Weaver und Raker aktuell und originell. Und, wie der GUARDIAN und Hattenhoff bemerken, er wird immer besser. Bei GOLDMANN sind bisher drei Bücher erschienen, davon das erste nur als eBook.

http://www.amazon.de/Ohne-jede-Hoffnung-Tim-Weaver/dp/344248197X/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1416573829&sr=1-1&keywords=tim+weaver

Es ist mir ziemlich egal, ob ein Buch „Novitätencharakter“ hat oder älter ist, wenn ich der Meinung bin, es müsse mehr Leser finden.
MASSIMO CARLOTTO ist einer der wichtigsten und besten italienischen Noir-Autoren der Gegenwart. Seine Romane speisen sich häufig aus seinen biographischen Erfahrungen: Als Linksradikaler entzog er sich 1976 der Justiz, die ihn unschuldig einen Mord anhängen wollte, floh nach Paris und Mexiko und führte das Leben eines Outlaws. Mit DER FLÜCHTLING legte der TROPEN Verlag bei KLETT-COTTA Carlottos Autobiographie vor, die jeder Noir-Aficionado gelesen haben sollte. Schonungslos und in seinem bekannten verstörend brutalen Stil, verdeutlicht er seinen Fans, warum er wurde, wer er wurde. Auch wenn es politisch irrelevant ist, wer Outsider-Biographien liebt, sollte sich antiquarisch besorgen: CIZIA ZYKE: ORO (Goldmann, 1988).Der Autor erzählt, eine Magnum 357 in der Hand und einen Joint zwischen den Lippen, wie er sich durch Costa Rica schlägt, immer auf der Suche nach einem schnellen Deal, Gold und Sex. Dabei trifft der Autor, der selber kein angenehmer Typ ist, so ziemlich auf jedes Arschloch in Lateinamerika, das gleichzeitig aus ähnlich altruistischen Motiven den Dschungel durchpflügt. Echte Weihnachtslektüre, die man gut vor der Mitternachtsmette genießen kann.

http://www.amazon.de/Fl-chtling-Roman-Massimo-Carlotto/dp/360850205X/ref=tmm_hrd_swatch_0?_encoding=UTF8&sr=1-4&qid=1416580061

Der TROPEN-Verlag verdient übrigens höchsten Respekt dafür, dass er noch Essay-Sammlungen veröffentlicht, was ja fast publizistischen Seppuku gleichkommt. Zum Beispiel die unbedingt lesenswerten Bände BEKENNTNISSE EINES TIEFSTAPLERS von JONATHEM LETHEM und MISSTRAUEN SIE DEM UNVERWECHSELBAREN GESCHMACK von WILLIAM GIBSON („Kann es am Ende des 20.Jahrhunderts etwas Beängstigenderes geben als ein optimistischer SF-Autor?“) . Beide ebenso originell wie politisch unkorrekt über die „Zukunft als Gegenwart“.
http://www.amazon.de/Misstrauen-Sie-dem-unverwechselbaren-Geschmack/dp/3608503145/ref=sr_1_6?s=books&ie=UTF8&qid=1416580193&sr=1-6&keywords=william+gibson

Carlotto ist natürlich auch in der Anthologie KOKAIN-CRIME STORIES (FOLIO VERLAG). Neben ihm sind GIANCARICO CAROFIGLIO und GIANCARLO De CATALDO (ROMANZO CRIMINALE) vertreten um die unterschiedlichenAspekte dieses Zuwachsmarktes und seiner Anlagemöglichkeiten zu erörtern.Diese Autoren in der glorreichen Traditon von Sciascia und Scerbanenco bestätigen auch stilistisch das hohe und eigenwillige Niveau der italienischen Noir-Kultur (es ist schön zu hören, dass eine TV-Serie nach DIABOLIK entsteht; hoffen wir das Beste!).

http://www.amazon.de/Kokain-Crime-Stories-Giancarlo-Cataldo/dp/3852566282/ref=sr_1_6?s=books&ie=UTF8&qid=1416573967&sr=1-6&keywords=carlotto

“Als ich die maskierten Männer in den grünen Kampfanzügen erkannte und die ölig glänzenden Maschinenwaffen auf uns gerichtet sah, hatte ich die Bestätigung, dass es reiner Wahnsinn ist, so kurz nach einem brüchigen Waffenstillstand die Front zu überschreiten. Wenigstens für einen Mann, der auf der anderen Seite steht.”
So cool fängt UNTERGRUND an, und so cool geht es auch weiter in dieser autobiographischen Schrift, die einmal eine der wenigen deutschen Polit-Thriller auf internationalem Niveau war. Autobiographisch steht Willi Voss´ Buch irgendwo auf demselben Regal wie Ernst von Salomons DIE GEÄCHTETEN oder Jack Blacks YOU CAN´T WIN.
Als ich 1986 zu Bastei-Lübbe ging, lernte ich Willi Voss kennen, der damals für den Verlag schrieb. (siehe auch: https://martincompart.wordpress.com/2013/06/05/noir-fragen-an-willi-voss/
Ich kannte seine beiden Polit-Thriller, die er unter dem Pseudonym E.W.Pless veröffentlicht hatte: GEBLENDET und GEGNER. Es war ganz deutlich, dass der Autor wusste, worüber er geschrieben hatte: Bürgerkrieg im Libanon und der verzweifelte terroristische Kampf der Palästinenser. Wie ich, fuhr Jörg Fauser auch sofort auf GEGNER ab. Und irgendwann haben wir dann zu dritt in Witten und Bergisch-Gladbach ein Wochenende durchgesoffen und gequatscht und gequatscht und gequatscht. Jörg, der immer alles genau wissen wollte, zog Willi alles über seine Erfahrungen im bewaffneten Kampf für die Palästinenser aus der Nase, was er nur ziehen konnte.
Willi
Mit Willi in Spanien.

Und seit 2012 gibt es nun endlich eine überarbeitete Neuausgabe von GEBLENDET unter dem Titel UNTERGRUND, die nun nicht mehr der Roman ist. Hätte Fauser noch gelebt, hätte er bestimmt ein enthusiastisches Nachwort zu diesem authentischen und autobiographischen Nahost-Thriller geschrieben, der in der deutschen Thriller-Literatur (und darüber hinaus) als einzigartiges Monument dasteht. Willi hat alles geschrieben: Polit-Thriller, Conspiracy, Western, Polizei- und Privatdetektivromane. Gut sind sie alle. Aber GEBLENDET und GEGNER entstanden zu einer Zeit, als die Wunden noch frisch waren und er den Pulverdampf noch in der Nase hatte.
Passt gut zur Lektüre von Carlottos DER FLÜCHTLING.
Einen relativ fairen Bericht über Willi als Fatah-Kämpfer und CIA-Agent auf:
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-90334819.html

http://www.amazon.de/UnterGrund-Willi-Voss/dp/3944223004/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1416849005&sr=1-1&keywords=willi+voss

Seit ANUBIS GATE von TIM POWERS (oder einigen Romanen von Michael Moorcock, der jede Menge Steampunk-Elemente vorweg genommen hat) bin ich ein Steampunk-Fan. Leider finde ich zu selten wirklich überzeugendes in diesem Subgenre. Was mich überzeugt hat, ist die Burton & Swinburne-Serie von MARK HODDER, deren drei ersten Bände, DER KURIOSE FALL DES SPRINGHEELED JACK, DER WUNDERSAME FALL DES UHRWERKMANNS und AUF DER SUCHE NACH DEM AUGE VON NAGA bei BASTEI-LÜBBE erschienen. Die Helden sind die Abenteuer- und Forscher-Legende Sir Richard Burton und der dekadente Dichter Algernon Charles Swinburne, die als Spezialagenten der Krone agieren. Hodder nimmt reale Personen (etwa Oscar Wilde als Zeitungsjunge), mehr oder weniger bekannte Mythen und lässt sie in einem durch Steampunkfantasien veränderten Paralleluniversum (abweichende Zeitlinien) agieren. Voll gestopft mit aberwitziger Action und intelligenten Kulturkommentaren, einer gehörigen Portion viktorianischer Atmosphäre, sind die dicken Schwarten ein fast nostalgisches Lesevergnügen. Besonders der dritte Band mit seinem afrikanischen Schauplatz á la Rider Haggard und der Konfrontation zwischen Briten und Preußen vor dem großen Krieg hat mir gefallen.

http://www.amazon.de/Auf-Suche-nach-Auge-Naga/dp/3404207491/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1416574089&sr=1-2&keywords=mark+hodder

Der FESTA VERLAG beginnt mit SHOOTER die längst überfällige deutsche Ausgabe von Stephen Hunters Serie um den militanten Swagger-Clan. Der erste Roman über den Scharfschützen Bob Lee Swagger, der vor fast zwanzig Jahren schon mal bei Goldmann erschienen ist und zu Horrorsummen gehandelt wurde, macht den Anfang und ist ein lupenreiner Conspiracy-Thriller. Das Buch wurde 2007 recht ordentlich mit Mark Wahlberg verfilmt und der Film eignet sich bestens als Weihnachts-DVD. Der Waffnfetischist Hunter war langjähriger und einflussreicher Filmkritiker (u.a. bei der WASHINGTON POST) und seine Filmbücher, wie VIOLENT SCREEN (Bancroft Press, 1995), sind genauso kontrovers wie lesenswert. Früher nannte man Hunters Thriller „Bücher für Männer (oder Jungs)“. Oft knallharte politisch unkorrekte Conspiracy-Thriller, spannend geschrieben, voller ungewöhnlicher Details und Charaktere, aber auch mit viel Atmosphäre. Wie Figaro macht Hunter keinen Unterschied zwischen Politik und Intrige. Im Gegensatz zum erfolgreicheren Kollegen Lee Child, der nur noch ein langweiliges Weichei ist, kann Hunter plotten und auch den abgewichsten Thriller-Leser überraschen. Es bleibt zu hoffen, dass FESTA Hunters Bücher zügig den deutschen Lesern zugänglich macht (wie auch die MICHAEL SLADE-Thriller). SHOOTER hat über 600 Seiten, aber die saugt man bei der Lektüre in Hochgeschwindigkeit weg.

http://www.amazon.de/Shooter-Vom-Kriegshelden-zum-Staatsfeind/dp/3865523161/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1416574141&sr=1-2&keywords=stephen+hunter

In England ist bei Network eine 6-DVD-Box mit allen drei Seasons der SANDBAGGERS erschienen. Die von Ian Mackintosch für ITV erfundene Spy-Serie lief von 1978 bis 1980 und setzte Maßstäbe für Polit-Thriller im Fernsehen. Die Serie nahm Kalte-Kriegs-Klischees, die man für felsenfest gehalten hatte, ließ sie durch luftleeren Raum irren und dann brachial auf den Boden knallen. Als hätten Adam Hall und Len Deighton Drehbücher über eine Spezialeinheit von MI6 entwickelt. Aber der Ruhm gebührt nun mal dem genialen Mackintosh, der alle Folgen der ersten beiden Staffeln geschrieben hatte, bevor er unter mysteriösen Umständen verschwand: „During the shooting of the third series in July 1979, Mackintosh and his girlfriend, a British Airways stewardess, were declared lost at sea after their single-engine aircraft mysteriously went missing over the ocean near Alaska following a radioed call for help. Some of the details surrounding their disappearance have caused speculation about what actually occurred, including their stop at an abandoned United States Air Force base and the fact that the plane happened to crash in the one small area that was not covered by either US or USSR radar”, Wikipedia). Ein klarer Fall für David Raker.
Zu den härtesten Fans dieser Kult-Serie (hier stimmt dieser kaum noch aussagekräftige Terminus mal wieder) gehört das amerikanische Allround-Talent Greg Rucka. Er sieht seine als Comic und Roman erscheinende QUEEN & COUNTRY-Serie als Reminiszenz an THE SANDBAGGERS. Eine der absoluten Top-Serien der letzten Jahre, SPOOKS, wäre ohne SANDBAGGERS nicht vorstellbar (wie die Creator auch zugegeben haben).

http://www.amazon.de/Sandbaggers-Complete-UK-keine-Untertitel/dp/B002NZBD74/ref=sr_1_sc_2?s=dvd&ie=UTF8&qid=1416574333&sr=1-2-spell&keywords=sanbaggers

Natürlich hatte Elmore Leonard häufig unglaubliches Glück mit seinen Kino-Adaptionen – von HOMBRE über MR.MAJESTIC bis JACKIE BROWN. Aber die beste audiovisuelle Umsetzung eines Elmore Leonard-Stoffes ist kein Kinofilm, sondern die TV-Serie JUSTIFIED, die auf einer Kurzgeschichte basiert. Sie ist fast so etwas wie eine Synthese aus Crime-und Western-Genre.

Alles, was Leonards beste Unterweltsromane auszeichnet, findet man spätestens ab der zweiten Staffel (die erste ist mir zu episodisch): Durchgeknallte White-Trash-Ganoven, wie sie nur in einem Land vorkommen, deren weiße Besiedler aus Europa einst rausgeschmissen worden sind, ein ambivalenter Protagonist und Landschaften (Kentucky), um die MAD MAX einen großen Bogen machen würde. Das Personal der Serie, allen voran der großartige Walton Goggins, das Arschloch aus SHIELD, rast voll motiviert in ihr herum, immer unterwegs zu noch boshafteren Tiefständen menschlichen Verhaltens. Leute, wie wird´s da erst aussehen, wenn sie mit dem Fracking durch sind? Nicht mal Darwin könnte erklären, wo und wie diese Geschöpfe in der Evolution anzusiedeln sind.
Jetzt ist eine teure Box erschienen mit den ersten vier Seasons, so schmutzig wie drei Tage liegengebliebener Weihnachtsschnee in Berlin.

Sonja Hartl analysiert in ihrem Blog ZEILENKINO ausführlich die unterschiedlichsten Aspekte der Serie:
http://zeilenkino.de/pronto-justified-raylan-givens

http://www.amazon.de/Justified-Season-exklusiv-Amazon-Limited/dp/B00NP54M6K/ref=sr_1_3?s=dvd&ie=UTF8&qid=1416574601&sr=1-3&keywords=justified

Kein Weihnachten ohne Western.
Hoffentlich verschonen uns die TV-Anstalten mit abermaligen Abspielen von John Fords Tunten-Western!
Dank HEYNE HARDCORE ist seit langem mal wieder ein Roman von JAMES LEE BURKE auf Deutsch erschienen: REGENGÖTTER ist ein Spätwestern als Noir-Thriller, der an der texanischen Grenze zu Mexiko spielt. Zusammen mit LA FRONTERA genau das Richtige für einen Salsa-Adventsabend.
Es ist natürlich Blödsinn, wenn ein Rezensent behauptet: „James Lee Burke schreibt, als wäre Cormac McCarthy unter die Krimiautoren gegangen“. Es gibt eben viele Rezensionen, die den Eindruck vermitteln, sie wollen Themmen lediglich abhaken, anstatt sie für uns zu öffnen. McCarthy hat bereits mit NO COUNTRY FOR OLD MAN einen Noir-Thriller geschrieben (wie auch mit THE ROAD eine Science Fiction-Dystopie oder mindestens einen Western mit BLOOD MERIDIAN). Wo Burke elaboriert ist und in breiten Naturschilderungen mäandert, ist McCarthy in seinen gewaltigen Bildern karg und punktgenau. Aber wie viele Protagonisten des späten McCarthy, kriecht auch Burkes Sheriff Holland (der Vetter von Billy Bob Holland, dem Anwalt)mit hängenden Schultern verbittert durch das Alter dem Tod entgegen.

http://www.amazon.de/Regeng%C3%B6tter-Thriller-James-Lee-Burke/dp/3453676815/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1416579264&sr=1-1&keywords=james+lee+burke+regeng%C3%B6tter

…und wer immer noch nicht Flashman liest, ist selber schuld.

http://www.amazon.de/Flashman-die-Roth%C3%A4ute-Nordamerika-Flashman-Manuskripte/dp/3942270978/ref=sr_1_3?s=books&ie=UTF8&qid=1416579486&sr=1-3&keywords=flashman



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: METZGER´S DOG von THOMAS PERRY by Martin Compart

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Chinese Gordon ist ein ehemaliger Contractor, der inzwischen mit seiner Freundin Margaret und seinem Kater Dr.Henry Metzger in Los Angeles lebt. Zusammen mit seinen Kumpels Kepler und Immelmann dreht er Dinger, die sich durch militärische Präzision auszeichnen. In seinen Kastenwagen hat er zur besonderen Verwendung eine Flugzeugkanone eingebaut, mit der lässt er es so richtig kachen, dass es Bruce Willis & Co grün vor Neid wird. Für einen mexikanischen Drogenhändler holt er für eine Million Dollar Kokain aus einer Forschungsabteilung der Universität (den Stoff hatte man dem Drogenhändler abgenommen und der Uni zur Verfügung gestellt). Bei dem Coup fallen ihm geheime Papiere der CIA in die Hände, die eine neue Strategie der psychologischen Kriegsführung in Lateinamerika dienen sollen und von der sich die Firma viel verspricht. Erstes Ziel ein Umsturz in Mexiko (der Roman ist von 1983, was aber für seine Zeitlosigkeit keine wirkliche Rolle spielt). Gordon erpresst die CIA und bekommt es mit einem alten Hasen zu tun, der selber an der Inkompetenz des eigenen Ladens verzweifeln könnte. Die Besprechungen der CIA-Analytiker gehören zum Komischsten, das Ross Thomas nie geschrieben hat. Es ist bezeichnend, daß Carl Hiaasen die Einführung zur letzten Neuauflage geschrieben hat. Denn Hiaasens schräger Humor hat einiges mit Perry gemeinsam.

Natürlich ist das kein Katzen-Krimi (obwohl jeder Fan der Spezies begeistert auf seine Kosten kommt).. Das Buch funktioniert auf mehreren Ebenen:

  • Als spannender Thriller mit überraschenden Wendungen.
  • Als satirische (wirklich?) Beschreibung der CIA.
  • Als Lehrbuch für Aufbau und Stil eines nahezu perfekten Thrillers.

4153z1g2yhL._SL500_SY300_[1]Es ist etwas unverständlich, dass Perry nicht einen ähnlichen Stellenwert genießt wie Elmore Leonard. Denn seine Romane verfügen über vergleichbar originelles Personal (auch wenn sie weniger eitel im Dialog sind), präzise Plots, die mit überraschenden Wendungen einhergehen (Perrys schlechteste Plots sind besser als Leonards schlechteste Plots) und ökonomische Erzählweise. In seinen Polit-Thrillern erinnert Perry häufig an Ross Thomas.

An einen Ross Thomas on dope.

 

Am erfolgreichsten sind bisher die sieben Bände seiner Serie um die indianische Escape-Expertin Jane Whitefield Seine Trilogie über den Killer Butchers Boy ist im Gespräch für eine TV-Serie (die beiden ersten Romane wurden auch ins Deutsche übersetzt; aber seit längerer Zeit hat Thomas Perry, wie so viele großartige US-Autoren, keinen deutschen Verlag mehr). Auch in der besseren amerikanischen Sekundärliteratur sucht man seinen Namen meist vergeblich. Er scheint tatsächlich, trotz seines Erfolges, eines der bestgehütetsten Geheimnisse der US-Crime Fiction zu sein. Vielleicht liegt es aber auch darin begründet, dass er sich oft zwischen alle Stühle gesetzt hat: Er hat häufig den Polit-Thriller und Noir-Roman mit Comedy verbunden, was Kritiker dazu bewegte, den  unvermeidbaren Vergleich mit Donald Westlake heraus zu grölen. Dabei ist Perry ist seinen besten Werken so einzigartig und originell, daß man ihn vortrefflich als sein eigenes Genre bezeichnen darf.

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Perry stammt aus einer Lehrerfamilie. Zusammen mit einer Schwester und einem Bruder wuchs er in Tonawanda, Nex York, in der Nähe der Niagara-Fälle auf. „Ich verbrachte einige Zeit mit ziemlich harten Burschen, ohne selber einer zu sein. Aber ich lernte, die Dinge durch ihre Augen zu sehen. Ich bin zwischen Buffalo und Niagara Falls aufgewachsen. Das war immer Mafia-Gebiet. Als ich aufwuchs herrschte ein brutaler Krieg zwischen zwei Familien, der erst bei dem berühmten Treffen auf der Ranch in Apalachin 1957 beigelegt wurde. Als ich anfing über diese Leute zu schreiben, erinnerte ich mich an diese Geschichten aus meiner Jugend und recherchierte sie genauer.“

Er studierte Englisch in Cornell und machte an der Universität von Rochester seinen Abschluss. Dann arbeitete er als Fischer und in einigen anderen Jobs, die etwas mit dem richtigen Leben zu tun haben. Schließlich zog er nach Santa Barbara und ging an die Universität von Kalifornien um in der Verwaltung zu arbeiten. Dort traf er die Englisch-Dozentin Jo Anne Lee, die er 1980 heiratete.

In den 1980ern arbeitete er auch als Drehbuchautor und Producer für Serien wie SIMON & SIMON (für die sogar Ross Thomas zwei Episoden schrieb), 21 JUMP STREET und STAR TREK: THE NEXT GENERATION. Bei SIMON & SIMON war er auch als Co-Produzent tätig.

 

Geschrieben hat er seit der Kindheit, darunter auch ein paar unveröffentlichte Romane. „Ich bemühte mich vergeblich etwas zu schreiben, das nicht langweilig war.“ Bei seiner Dissertation über William Faulkner war Perry auf Chandler gestoßen, den Faulkner als einen seiner Lieblingsautoren bezeichnet hatte. „Ich las Chandler und entdeckte die Kriminalliteratur.“ Perry kannte das Genre kaum und liest auch heute nur wenige Thriller. Vielleicht war es gerade diese Unbedarftheit, die es ihm ermöglichte mit einem neuen Ton ins Genre einzusteigen. „Ich versuche immer wieder etwas anderes um die Sachen interessant zu machen.“ Hätte Perry von Anfang an auf eine Serie gesetzt, wäre er heute sicherlich noch erfolgreicher. Aber selbst für die Whitefield-Romane galt oder gilt, dass er der Serienheldin einen neuen Aspekt abgewinnen muss um ein weiteres Buch über sie zu schreiben. Das erklärt auch die zehnjährige Pause zwischen dem fünften und sechsten Roman.

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Sein Erstling, THE BUTCHER´S BOY, für den er den EDGAR bekam, schlug 1982 ein wie eine Bombe. Es war sofort erkennbar, dass sich eine neue, originelle Stimme im Thriller zu Wort meldete. Eine von Perrys Spezialitäten ist die multiple Erzählerperspektive, die er meisterhaft beherrscht. Obwohl er immer in der dritten Person erzählt, führt er den Leser in die nachvollziehbaren Gedankengänge der jeweiligen Figur, egal wie verrückt sie sind. Trotz dieser inneren Monologe ist sein Werk voller filmischer Action, was sicherlich seiner Arbeit als Drehbuchautor geschuldet ist. Diese Mischung, gepaart mit einer großen Portion Zynismus, machen sein Werk originell und einzigartig in der Kriminalliteratur. Was wahrscheinlich auch eine Erklärung dafür ist, dass es seit langem nicht mehr auf Deutsch veröffentlicht wird.

 

P.S.: Momentan arbeitet Dante Harperr (Edge of Tomorrow) an einem Drehbuch nach METZGER´S DOG.

 

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