Martin Compart


THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: JOHN RIDLEY by Martin Compart
25. Februar 2017, 2:22 pm
Filed under: John Ridley, Krimis,die man gelesen haben sollte, Noir, Porträt | Schlagwörter: , , ,

Heute ist John Ridley (Oscar-Preisträger) vor allem wegen seiner Film- und Fernseharbeit als Autor, Regisseur und Produzent bekannt, Daneben schreibt er gelegentlich noch Romane (und Graphic Novels), die schon lange nicht mehr ins Deutsche übersetzt werden. Ein Grund, an seine beiden ersten Romane zu erinnern, von denen zumindest der erste in den Kanon der Noir-Klassiker gehört,

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KEINER KOMMT HIER LEBEND RAUS

Es gibt Romane, die gehören einfach nicht auf die Bestsellerliste. Das mag hart sein für Autor und Verlag, ist aber ein Naturgesetz. Denn wo der Pöbel trinkt, sind alle Brunnen vergiftet. Das gilt auch für John Ridley, dessen Bücher bei uns anbscheinend unter Ausschluss der Öffentlichkeit erschienen sind.

John Ridley, die große schwarze Hoffnung des Noir-Romans, gehört zu den neuen Giganten, und hat in bisher drei Romanen den Amerikanischen Traum entsorgt. Keine zehn Minuten möchte man in seiner Welt leben, aber jederzeit darüber lesen. Im Noir-Roman geht es nicht ums Gewinnen, sondern darum, das Verlieren so lange wie möglich rauszuzögern. Kaputt und gescheitert krabbeln Ridleys Protagonisten durch ihr übles Schicksal, verstecken sich in Suff und Dunkelheit, bevor sie lasngsam ins Nichts abrutschen. „Man kann der Vergangenheit nicht davonlaufen. Man kann sie nur ein bißchen verscharren.“ Seine Protagonisten sind Leute auf der Flucht, denen der Geldhai im Nacken sitzt und die nur eine Hand gebrauchen können, weil sie gerade die letzte Zahlungsaufforderung erhalten haben. Sonderlich sympathisch sind sie nicht, diese miesen kleinen Verlierer, die gerne jeden übers Ohr hauen wollen. „Jedes Jahr muß ich mehr Zeit aufwenden um weniger Geld zu verdienen“, sagt eine alte Nutte und stellt den allgemeinen Stand der Ökonomie fest. Ridleys unbarmherziger Kosmos ist pragmatisch: „Ich bin kein Mörder.“ „Woher willst’n das wissen, wenn du’s nie probiert hast?“

03406956251 Gleich sein Erstling STRAY DOGS war eine Sensation! Frischfleisch für die ganz harten Noir-Afficionados. Oliver Stone besorgte sich umgehend die Rechte und machte den unterschätzten Film U-TURN daraus: Als John Stewarts 64er Mustang in dem Wüstenkaff Sierra verreckt, kann er sich völlig auf Murphys Gesetz verlassen. Am heissesten Tag des Jahres landet er in einem Ort voller Maniacs, Bekloppter und einer verdammt gefährlichen Frau. Nicht nur die Sonne brennt so erbarmungslos „als marschierte man in bezingetränkten Shorts durch die Hölle“. In der Wüste zu verdursten wäre ein gnädigeres Schicksal; wenn Stewart geahnt hätte, was auf ihn zukommt, hätte er die Feldflasche ausgeschüttet und wäre den Geiern begeistert entgegengeeilt. Was folgt ist eine Noir-Farce, die sich James M.Cain und Charles Bukowski nach einem nicht wiedergutzumachenden Trinkgelage ausgedacht haben könnten.

john-ridleyl-a-blues1 In L.A.BLUES geht es ganz tief in die Gülle von Los Angeles und Vegas. Die Geldverleiher von der harten Sorte brechen dem Ich-Erzähler Jeffty gleich auf der ersten Seite den Finger. Idyllischer Auftakt zu einer bösen Geschichte die souverän zwischen unglaublich komischen Szenen und dunkelsten Abgründen balanciert. Jeffty, gescheiterter Drehbuchautor, miserabler Zocker ist Kino-Fan: „Schwarze Serie. Die sollen bloß nicht so angeben. Selbst in den schwärzesten Filmen leben die Leute tausendmal besser als ich.“ Als sein alter Kumpel Nellis auftaucht, dem er mal die Frau ausgespannt hat und der an der Nadel hängt, sieht Jeffty hinterlistig seine Chance. Denn Nellis kann Zen-Poker und verliert nie. Wer die besten Bücher von Elmore Leonard liebt, wird Ridley verschlingen.

Sein dritter Roman, EVERYBODY SMOKES IN HELL erschien bei Ullstein nicht meht. Wieder eine Loosergeschichte, in der Paris Scott über das letzte Tape eines sich gerade umgebrachten Rockstars und einen Haufen Drogen stolpert. Natürlich hält Paris nicht die Chance seines Lebens in den gierigen Klauen, sondern eine Zeitbombe. Wieder geht es von LA nach Vegas, zwei Orte, die Ridley mehr hasst „als Krebs“. Dreckslöcher, in denen man nicht leben mag. „Einfamilienhausghettos sind eine Spezialität von Los Angeles. Denn unsere Armen hatten Einfamilienhäuser und unsere Schnapsleichen waren sonnengebräunt.“ Auch Vegas findet in seinen Augen kein Erbarmen: „Vegas für Familien? Schneewittchenschlösser und Vergnügungsparks, Schwuchteln, die mit weißen Tigern zauberten, und Pfeifen, die man nicht einfach ausnehmen und umbringen konnte. Was soll der Quatsch? Das Familien-Vegas lehrt die Kinder spielen, damit sie eines Tages ihr Geld hier verzocken.“

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John Ridley wurde in Milwaukee geboren. Er ging nach New York und studierte ostasiatische Kultur. Zur Abrundung des Programms begann er mit Shotokan-Karate. Eine Weile lebte er in Japan, versank in dieser Zivilisation und lernte auch die Sprache. Zurück in den USA begann er eine Karriere als Stand-up-Komiker, die immerhin bis in die Tonight-Shows von Jay Lenno und David Letterman führte. Deshalb wechselte er 1991 nach Hollywood und begann Drehbücher zu schreiben. Die Tretmühle eines Autors für Black Sitcoms nagte an ihm: „Für TV-Serien zu schreiben ist – bis auf wenige Ausnahmen – eine geistlose Fließbandarbeit, bei der man immer wieder dieselben blöden Gags recycelt. Aus reinem Selbsterhaltungstrieb schrieb ich meinen ersten Roman, denn ich liebe das Schreiben.“ Nebenher arbeitete er als Skriptdoktor für Visionäre wie Coppola und Oliver Stone, der 1997 Ridleys Regiedebut COLD AROUND THE HEART (MENSCHENJAGD) produzierte. Für diesen Noir-Film mit David Caruso wurde er in New York auf dem Urbanworld Film Festival (was immer das sein mag) ausgezeichnet. Auch mit anderen Drehbüchern hatte Ridley Erfolg, etwa THREE KINGS mit George Clooney. Außerdem ist er Co-Produzent und Autor der höchst erfolgreichen TV-Serie THIRD WARCH, eine Art NYPD BLUE meets EMERGENCY ROOM. Im Mai 2000 pitchte Ridley eine neue Serie über das Internet und war anschließend um eine Million Dollar reicher. Zusammen mit Sofia Coppola entwickelte er für den Kabelkanal HBO die Serie EMPIRE über zwei Brüder, die eine Hip-Hop-Plattenfirma leiten. Aber seine große Liebe, das betont er immer wieder, ist der Roman. Das bei seinen Zocker-Geschichten alles stimmt, hat neben auch mit einer Frau zu tun: Ridley ist mit einer Berufsspielerin verheiratet. Ridleys Frauen sind die schlimmsten femmes fatales der zeitgenössischen Kriminalliteratur, allesamt Schwarze Witwen mit gehörigen Macken. Die tumben Protagonisten schnallen natürlich nichts: „Er musterte sie so skeptisch wie ein Urmensch, der zum erste mal Feuer sieht.“ Seine geschlechtsspezifischen Analysen bestätigen einen Aphorismus von Nietzsche: „Der Mann ist böse, die Frau ist schlecht.“

Die BÜcher:

U Turn – Kein Weg zurück (Stray Dogs, 1997). Ullstein 24253 (1998); DM 12,90.
L.A.Blues (Love Is A Racket, 1998). Ullstein Hardcover (2000); DM 39,90.
Everybody Smokes In Hell, Alfred A.Knopf, 1999.
A Conversation with the Mann: A Novel.: Warner Books, 2002.
The Drift. Knopf, 2002.
Those Who Walk in Darkness. Warner Books, 2003.
Ridley, John, and Patricia R. Floyd.
What Fire Cannot Burn., MD: Recorded Books, 2011



HÖRBUCH: Jean-Christoph Grangé PURPURNE RACHE by Martin Compart

Grégoire Morvan, graue Eminenz des französischen Innenministeriums, war in den Siebzigerjahren mit lukrativen Geschäften im Kongo erfolgreich. Und er hat dort den berüchtigten Killer Homme-Clou gefasst, der seinerzeit einem bestialischen Ritual folgend neun Menschen ermordet hat. Als an einer bretonischen Militärschule ein Toter gefunden wird, dessen grausame Entstellung dem Modus operandi des Homme-Clou ähnelt, und Morvans Familie akut bedroht wird, muss er sich mit allen Mitteln den Schatten einer Vergangenheit stellen, die niemals aufgehört hat, nach Blut zu dürsten …

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Diesmal habe ich mich beim neuen Grangé nicht auf die voluminöse Print-Ausgabe gestürzt, sondern auf das Hörbuch mit 12 CDs und einer Laufzeit von 765 Minuten! Grund dafür war Reiner Schöne als Sprecher. Seit den Hörbüchern der kurzlebigen deutschen Hard Case-Edition durch den Rotbuch-Verlag, hat sich Schöne bei mir in die erste Garde der Thriller-Sprecher eingefügt. Allerdings ist hier sein Vortrag etwas hektisch, was das Hörvergnügen unwesentlich beeinträchtigt.

Die Übersetzung von Ulrike Werner-Richter ist auch vom Sprachgefühl besonders hervor zu heben, di Übersetzerin (die für die deutsche Interpretation von Grangé am verantwortlichsten ist) wird in der Hörbuchausgabe leider nicht in angemessener Weise gewürdigt: Sie ist in der aufwendigen Umschlaggestaltung nicht mal erwähnt, was ich für skandalös halte.
Ich freue mich jedenfalls schon darauf, den Roman in einigen Monaten in seiner wahrscheinlich deutlicheren Vielfältigkeit zu lesen. Zu oft erlebe ich bei Hörbüchern generell  ungeschickte Streichungen, die auf Kosten der Atmosphäre und des Stils gehen. Denn dann entdeckt man doch zusätzliche Details und Formulierungen, die beim Hörerlebnis nicht haften bleiben oder verloren gehen. Oder unterschlagen wurden? Man kann nur hoffen, dass ein zeitgenössischer Hochkaräter wie Grangé (dessen deutsche Buch-Lektorate einen ebenso schwierigen wie großartigen Job gemacht haben, dem Verlag erhalten bleibt, auch wenn er bei uns nicht mehr so erfolgreich wie in anderen Ländern ist.

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Seit seinem Erstling FLUG DER STÖRCHE bin ich  Fan von Grangé, trotz seiner qualitativ ungleichmäßigen Romane und den fast immer ins Auge fallenden Plot-Schwächen im letzten Drittel. Das gilt auch für PURPURNE RACHE, bei dem Grangé am Ende ein Kaninchen aus dem Hut zaubert. Auch seine Freude an der Genetik geht mir gelegentlich gegen den Strich, aber das ist Geschmackssache.

Ich bin ein Fan seiner Romane, weil er von allen zeitgenössischen Autoren das intensivste Gespür für das Unheimliche hat. Auch wenn er gelegentlich ins esoterische abgleitet, oder abzugleiten droht, vermitteln seine Thriller immer auch realistische Einblicke in den Horror einer Endzeitzivilisation.

Sein Sadismus steht in der Tradition der Gothic Novel und des Marquis de Sade. Mario Praz hätte an diesem späten schwarzen Romantiker Gefallen gefunden. für ihn gilt, was Paul Valery über J.K. Huysmans geschrieben hat: „Seine seltsamen Nüstern witterten schaudernd, was es an Ekelhaftem in der Welt gibt.“ Nicht umsonst ist dieser Neo-dekadente Autor zu Beginn des 21.Jahrhunderts der erfolgreichste französische Noir-Autor (mit Übersetzungen in über 20 Sprachen). Dabei ist er häufig experimentierfreudig und nutzt auf eigene Art erzählerische Strategien für seine düstere Weltsicht (in DAS SCHWARZE BLUT beispielsweise auf perverse Weise den Briefroman).

51smt2tm5il-_sx346_bo1204203200_1Stilistisch ist LONTANO, so der Originaltitel, sein bisher bester Roman, voller genauer Beobachtungen und schöner Formulierungen, die oft ätzende gesellschaftliche Zustandsbeschreibungen sind. Es ist auch ein Familienroman mit Protagonisten, die von der Ausbeutung der 3.Welt über staatliche Machtvertretung bis hin zur Prostitution und Finanzspekulation den aktuellen Stand gesellschaftlichen Aufstiegs (und Abstiegs) in Frankreich symbolisieren.

Grangé  beleuchtet das seit Jahrzehnte andauernde Inferno Kongo, wo der Neo-Kolonialismus seit Jahrzehnten seine blutigste Spur hinterlässt. Ein Thema, das in unseren Medien so gut wie nicht stattfindet. Und das ist auch beabsichtigt- Denn die Entwicklungsgeschichte des Kongo könnte jedem Europäer vermitteln, wie viel Blut immer neu an seinen Händen klebt, wenn er auf seinem geliebten Smartphone sinnentleert herumdaddelt.

Auch in diesem Roman klingt wieder eines von Grangé s Lieblingsthemen durch: Für die Sünden der Väter, bezahlen die Kinder (war das je deutlicher, als in der heutigen Flüchtlingsdiskussion, die die kolonialen Wurzeln der Konflikte ausklammert?).
Das Buch hat seine Fortsetzung in CONGO REQUIEM, die hoffentlich schnell bei Lübbe auf deutsch vorgelegt wird. Grangé ist ein Autor, der ein ausführliches Portrait in unserem Sprachraum verdienen würde. Der dümmliche deutsche Titel ist wohl der Versuch einer unsensiblen Marketing-Abteilung, diesen Roman mit Grangé s größtem Erfolg, DIE PURPURNEN FLÜSSE, unsinnig zu verknüpfen.

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Der NOIR-HÖHEPUNKT DES JAHRES by Martin Compart
26. Dezember 2016, 12:51 pm
Filed under: Noir, TV-Serien | Schlagwörter: , ,

TRUE DETECTIVE 1 war ein TV-Höhepunkt der letzten Jahre – trotz gewisser Schwächen in der Handlungsführung und die manchmal gequälten Bezüge zu Thomas Ligotti und Robert W. Chambers (Obwohl diese in einem Noir-Kontext frisch und originell erschienen) und dem unbefriedigenden Finale. Dann legte der ungekrönte König des Noir-Dialogs, Nic Pizzolatto, eine Schaufel drauf, um aus einer Systembestandsaufnahme ein in dieser Qualität nie gesehenes Noir-Melodram als griechische Tragödie zu entwickeln, die nebenbei unaufdringlich Zitate aus der Noir-Kultur einfließen lässt (zum Beispiel ist die weibliche Protagonistin nach der Noir-Ikone Bezzerides, The Long Haul, Thieves’ Market, benannt oder das Showdown in/aus HIGH SIERRA. Pizzolatto bestritt, irgendwelche Zitate bewusst eingebaut zu haben). Die Show verdankt viel den klassischen kalifornischen Noir-Romanen. Am deutlichsten wird das, wenn man TD2 mit James Ellroy vergleicht, dessen Cops wiederum stark von Joseph Wambaugh beeinflusst sind. Ellroy mit Hirn.

Apropos Zitate: Ohne den ATLANTIC hätte ich nicht bemerkt, dass Pizzolatto die Figur des Dr.Pitlor mit der 80s-Ikone Rick Springfield besetzt hat! Wahrscheinlich die größte Leistung des ATLANTICS in der Reflektion über des sie überfordernden Kunstwerkes.

In ihren ästhetischen Bemerkungen voller erschreckender Belanglosigkeiten, haben die meisten deutschen „Kritiker“ auch bei TRUE DETECTIVE 2 einmal mehr nicht verstanden, was vor ihren angefaulten Hirnzellen die strapazierten Sehnerven belästigte. Das verbliebene Erkenntnispotential wird gebraucht, um allwöchentlich eine Lobpreisung auf die Stuben-Krimis des TATORT heraus zu krakeelen. Da wurde beklagt, dass „man den Überblick verliere“ oder die Handlung so komplex sei, das Pizzolatto „Den eigentlichen Fall“ aus den Augen verlieren würde. Ja, erstaunlich, wie komplex das Leben sein kann und – wohl noch erstaunlicher – wie ein Korruptionsmord alle politischen Ebenen berühren kann. Manche kamen gar zu der kühnen Erkenntnis, Genre-Regeln als Klischees zu bezeichnen. Das ließe sich wohl auch dem Schachspiel oder der Tragödie vorwerfen. In Genre-Fiction geht es weniger um das „was“. sondern um das „wie“ und „warum“.

Wahrscheinlich war TRUE DETECTIVE 2 dem gepflegten Noir-Fan einfach zu hoffnungslos. Da brannte kein Lichtlein am Ende des Tunnels (nicht mal die Grubenlampe des Vietcong).

„With so many principal characters and interlinking plotlines, viewers will have to take notes as they watch and hope they add up to something more significant than they did last season.“

THE ATLANTIC

„Schmerz ist unerschöpflich, nur die Menschen sind irgendwann erschöpft.“

„Ich habe nicht um diese Welt gebeten. Ich habe mich ihr nur gestellt. Ich bin auf der falschen Seite des Klassenkampfes geboren“, sagt der Gangsterboss Vince Vaughn, der als einziger der „vier Musketiere“ ein materielles Interesse an der Lösung des Falles hat. Er will das System nicht herausfordern oder gar stürzen, er will Teil von ihm werden, wie die großen Verbrecherfamilien des 19. Jahrhunderts, die ihr ergaunertes Vermögen im Laufe zweier Generationen in Respektabilität umgewandelt haben. „Dafür muss man Land kaufen.“ Leider ist auch in den USA die Zeit für Aufsteiger vorbei. Deshalb betrogen die Jungs vom Establishment Vaughn um seine mühsam erplünderten Millionen, mit denen er sich in ein Grundstücksgeschäft einkaufen wollte (man vergiftet gutes Land, um es dann billig zu kaufen, da eine staatlich subventionierte Eisenbahntrasse darüber führen wird). Es ist bezeichnend, dass der Gangster als Einziger der Protagonisten über politisches Bewusstsein verfügt und das System durchschaut. Die anderen sind lediglich enttäuschte Trump-Wähler.

Die drei weiteren Player haben noch pubertäre Vorstellungen von Gerechtigkeit in ihren kaputten Hirnen: die auf Autarkie fixierte Polizistin, deren Vater eine Art Hippie-Guru war (der nicht mal den Unterschied zwischen Athene und Aphrodite kennt), der schwule Motorrad-Cop, der seine Verbrechen als folternder Special Force im Seelengepäck mit sich herum schleppt, und der etwas tumbe und korrupte Bulle aus Vinci, den nur die Liebe zu seinem Sohn vor der vollständigen Selbstzerstörung bewahrt und dessen Kopf voller Erinnerungen ist, von denen er nichts mehr wissen will. Anfangs ist nicht klar, ob er vom korrupten Establishment noch absorbiert wird, oder bereits reduziert. Naivlinge, die einfach nicht begreifen wollen, dass sehr wohl sein kann, was nicht sein darf. Alle am Rande der inneren Emigration. Keiner von ihnen (außer Vince Vaughn) kennt das Kleingedruckte auf der Rückseite des Gesellschaftsvertrages.

Die fiktive Stadt Vinci (sie basiert auf dem realen Vernon), ein eigenständiger Vorort von Los Angeles, ist als Korruptions- und Gangstersumpf ein gelungenes Update von Hammetts Poisonville oder Chandlers Bay City. Eine schwer überbietbare zivilisatorische Müllhalde, deren Bürgermeister ein Haus in Bel Air hat. Er ist eine schöne Metapher für die Superreichen, die ganze Länder verpesten, während sie sich in Neuseeland und ähnlichen Idyllen Wohnanlagen mit Flugzeuglandeplätzen bauen, um sich rechtzeitig absetzen zu können, wenn „die Mistgabeln kommen um sie abzustechen“. Die folgerichtige Entwicklung der USA, seit in der Prärie der Stacheldraht eingeführt wurde.

Wie der katholische Glaube das Mittelalter beherrscht hat, basiert der westliche Kanon seit 1990 auf Korruption. Wie es bereits in der ersten Folge ausgedrückt wird: „everyone gets touched“. Die Evolutionsforscher haben nachgewiesen, das Moral die Anpassung an komplexes Sozialleben bedeutet. TW2, wie das Noir-Genre generell, zeigt die Zerstörung unserer Gesellschaftsstrukturen durch amoralische Eliten und ist somit Bach wie vor die Gattung, die unsere Realität am genauesten widerspiegelt.

Ab der 6.Folge ändert sich der Rhythmus der Serie. Das Spiel der ungleichen Vier ist bereits so gut wie verloren und nun geht es darum, wie man persönlich noch aus der Nummer rauskommt. Die Dialoge werden spärlicher, die Verzweiflung wächst. Kaputte klammern sich kurz an Kaputte, um dem unausweichlichen Schicksal ein paar Momente des Vergessens abzuringen. In einer Noir-Ästhetik in Szene gesetzt, gegen die klassische Filme der Schwarzen Serie wie ein Pirelli-Kalender wirken. Die Totalen auf Südkalifornien zeigen ein ausgelaugtes „Düsterland“, durch das sich der Highway wie eine giftige Schlange windet.

Wenn am Ende einem Pressemenschen die Beweise für die Korruption und andere Verbrechen übergeben werden, weiß der aufgeklärte Zuschauer, dass dies nichts nützt. Die US-Presse hat sich seit ihrer Hofberichterstattung während des Rumsfeld-Regimes zur Bedeutungslosigkeit herunter gewirtschaftet. Und falls sie diesen (Einzel-)Fall aufgreifen würde, wäre er nur eine weitere „Verschwörungstheorie“.

Das Genre zeigt sich selten desaströser; Pizzolatto entkleidet es, wie schon Manchette und Derek Raymond ihm den falschen Pathos wegrissen. Durch ihr hoffähiges Streben nach Gerechtigkeit haben sie sich vollständig isoliert, haben sich zu viele Feinde gemacht: „Wenn man sie alle umbringen würde, müsste man in der Hölle anbauen“ (Cormac McCarthy). Als echte Noir-Charaktere bestehen sie auf die Unterschiede und nicht auf Gemeinsamkeiten. Aus positiver Resignation im Sinne von Marcuse wird in den letzten Folgen überdrüssige Resignation. Der hilflose Zorn der Protagonisten überträgt sich auf die Zuschauer. Oder wie es die oft großartige Nina Rehfeld treffend ausgedrückt hat: „Pizzolattos Wut auf die Welt tut „True Detective“ gut.“ Wie seine Helden, kämpft auch Pizzolatto gegen das (TV-) System – nicht von Ungefähr ist David Milch eines seiner Vorbilder. Nach dem Kritiker-bashing (die Quoten waren ordentlich), ist sein „Wonder-Boy-Status“ natürlich angekratzt. Da versucht man wohl mit ästhetischen Pseudo-Argumenten den schärfsten Kapitalismuskritiker im TV weg zu mobben.

Wie in TD1, gibt es auch in TD2 eine große Action-Szene, eine Scießerei vor einer explodierenden Drogenküche, die dem Anfang von WILD BUNCH in nichts nachsteht.

Für den Soundtrack ist wieder T Bone Burnett zuständig. Als Titelmusik wählte er einen großartigen (neueren) Song von Leonard Cohen aus: Nevermind. Der fieberige Rhythmus dieser düsteren Noir-Ballade wird musikalisch perfekt umgesetzt und schafft eine weitere Dimension. Ich hatte nie viel übrig für Ein-Mann/Frau-und-seine-Gitarre-Musik (selbst Dylan beginnt für mich erst mit dem 5.Album), aber Lera Lynn mit ihren Noir-Songs in der düsteren Kaschemme, die Vince Vaughn und Collin Farrell als Treffpunkt für nihilistische Dialoge dient, hat mich umgehauen!

TD2 ist schlichtweg das Noir-TV-Meisterwerk, das auf allen Ebenen den aktuellen Stand der amerikanischen Abteilung der Gattung in Vollendung vorführt. Die Serie wälzt sich nicht in absurden Szenen, die Absurdität des Systems ist ihre Basis. Sie ist ein Trauma menschlicher Dummheit, eine unglaubliche Demonstration zivilisatorischen Versagens, in der die Tage vergehen wie verwesende Leichen. Die Serie zeigt, wohin ein System abdriftet, in dem Menschen Millionen Dollar im Jahr verdienen, nur weil sie telefonisch erreichbar sind und in den richtigen Adressbüchern stehen, immer auf der Suche nach noch finsteren Tiefpunkten menschlichen Verhaltens. Wo diese Figuren schlüpfen, könnte auch Charles Darwin nicht erklären.

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30 JAHRE SCHWARZE SERIE (Bastei-Lübbe) 2/ by Martin Compart

PROLOG: IM SCHATTEN DER EULE 2

Gerüchte hatte es bereits vorher gegeben. Aber jetzt wurden sie von der Geschäftsleitung bestätigt. Das Grauen ging um. Fleißner galt als Rechter und – was vielleicht noch schlimmer war – als kaltherziger Verleger, der mit Büchern lediglich Geld machte um dieses in Immobilien zu stecken. Inhalte interessierten ihn einen Dreck, solange sie Geld brachten oder Geschichten von der Ostfront erzählten. Mit seiner Prokuristin war ich schon mal aneinander geraten:

Ronald Hahn hatte den ersten Jack London-Reader für die ABENTEUER-Reihe gemacht. Irgendein Fleißner-Verlag hatte Jack London im Programm und saß auf den entsprechenden Übersetzungsrechten, die m9ich einen Dreck interessierten, den Ronald verwendete für den Reader nur bisher nicht übersetztes Material oder übersetzte neu.9783548102832-de1

Nun rief mich jene Prokuristin erbost an um mir zu verkünden, dass die Fleißner-Gruppe über alle deutschen Rechte an Jack London verfüge. Ich bekam einen Lachanfall und fragte sie, ob die Fleißner-Gruppe auch die deutschen Rechte an Tacitus oder Charles Dickens hielte. Denn Jack London war 1916 verstorben und somit seit 1966 public domain. Einige Pulp-Geschichten sogar noch früher. Das versprechen, von ihrem Verlagsanwalt zu hören, falls wir das Buch, wie vorangekündigt, heraus brächten, blieb unerfüllt.

Auf keinen Fall passte Fleißner zu Ullstein. Da konnten Gesandte des „Haupthauses“ (Springer) so viele Veranstaltungen machen und Beschwichtigungsreden („Es ändert sich für Sie nichts. Es ist nur eine Fusion um die Marktmacht zu vergrößern.“) halten, wie sie wollten.

Jedem der seine Sinne beisammen hatte, war klar, dass sich Niemann nur bis zu einem Punkt mit diesen Vorreitern des postmodernen Branchenverständnis aus München arrangieren konnte. Wie der STERN später über Niemanns Abgang schrieb: Mit dieser Fusion hatte man ihm „auf der Zielgerade in die Kniekehlen geschossen“.

Es war mir ziemlich egal, ob sie mich und meine Reihen in Ruhe ließen (was sicherlich auch nicht dauerhaft gewesen wäre). Die Struktur dieser Gemeinschaft würde zerstört werden. Die mühsam von Niemann entwickelte Feinmechanik, in der jedes Rädchen geschmeidig ins andere griff, würde die neue Biertischphilosophie nicht überleben, die da lautete: „Die schnelle Markt am Hauptbahnhof“. So empfand ich das jedenfalls. Und ich kann mich nicht erinnern, das es jemand anders sah.

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Fauser plante den Absprung. Wenn Niemann gehen würde (was dieser tapfer bestritt), würde er auch gehen. Trotz Hanna Siehr, die die beste Lektorin war, die er je hatte (wenn beide die endgültige Fassung eines Romans im Konferenzraum bearbeiteten, qualmte das ganze Stockwerk und Jörg tauchte gelegentlich in meinem Büro auf und schäumte vor Wut über Hanna. „Tja, Jörg, so ist das nun mal, wenn man mit der BESTEN arbeitet. Das halten nur die BESTEN aus“, spendete ich gerne Trost.).

Dann tauchte Michael Görden von Bastei-Lübbe auf meinem Radar auf.goerden_22_11_2013_bearb_web1

Ich weiß nicht mehr, warum. Es könnte um eine Übersetzung gegangen sein, oder Rolf Giesen sollte ein Projekt für Görden entwickeln,,, Keinen Schimmer mehr. Görden war mir jedenfalls nicht unbekannt. Jeder in der Branche hatte mitbekommen, dass sich bei Bastei-Lübbe etwas tat. Sie hatten für das Hardcover den ehemaligen Piper-Lektor Fritsche geholt. Der Mann, der Forsyth und Ulf Miehe (neben anderen Autoren, die mich weniger interessierten). Und Görden dreht zusammen mit dem zuständigen Verlagsleiter Rolf Schmitz den sogenannten „Heftromanbereich“ auf links, indem sie parallel zum Lübbe-Taschenbuchbereich ein eigenes Taschenbuchsegment aufbauten. Darunter befanden sich Thriller von Arthur Lyons und der erste Nate Heller-Roman von Max Allan Collins (den sie mir vor der Nase weg geschnappt hatten).science-fiction-times-nr-133-aus-1974-magazin1 Görden hatte sich mit Michael Kubiak und Freddy Köpsel (wie Rolf Giesen, Ronald Hahn und ich, ehemaliger Mitarbeiter der SCIENCE FICTION TIMES; aus dieser Kaderschmiede sind auch Koryphäen wie Hans-Joachim Alpers, Uwe Anton,Werner Fuchs – FANPRO und heute Agent von George R.R.Martin – und Bernd W.Holzrichter hervor gegangen). die richtigen Leute geholt, um Bastei in der Science Fiction und Phantastik richtig groß zu machen; zur Nummer Zwei hinter Heyne, dem damals unanfechtbaren Marktführer.

Außerdem hatten sie gerade die erste Paperback-Reihe in Deutschland gestartet.

Unter den ersten Autoren befand sich ein Autor namens Stephen King.

 

Keine Frage: Bastei-Lübbe war heiß. Warum sollte man also nicht mal mit Görden einen trinken gehen, wenn er in Berlin war?

 

 

 

FORTSETZUNG FOLGT

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30 JAHRE SCHWARZE SERIE (Bastei-Lübbe)1/ by Martin Compart
9. November 2016, 1:41 pm
Filed under: Bücher, Jörg Fauser, Krimis, Noir, Porträt, Schwarze Serie | Schlagwörter: , , , ,

Fast hätte ich dieses Jubiläum vergessen, das einem einmal mehr Alter und Sterblichkeit verdeutlicht: Vor 30 Jahren kamen bei Bastei-Lübbe die ersten Bände der SCHWARZEN SERIE auf den Markt. Ich versuche mal, an Hand der Tagebücher und Terminkalender aufzuzeigen, wie es dazu kam.

PROLOG. Teil Eins: IM SCHATTRN DER EULE

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1985 war ein gutes Jahr für Ullstein – und eines der schlechtesten. Der Verlag war weiterhin auf Erfolgskurs. Viktor Niemann hatte in fünf Jahren aus Ullstein einen big player gemacht. Man konnte ihm dabei Machiavellismus vorwerfen (wie es mir gegenüber ein Agent bewundernd tat), aber das war es nicht. Er hatte den Verlag zu einer eingeschworenen Gemeinschaft geschmiedet, die nicht an tumber Hierarchie versteinerte. Und er hörte sich jede noch so idiotische Idee (davon hatte ich reichlich auf Lager) an und diskutierte sie durch, statt sie vom Tisch zu wischen.

Er gab jedem das Gefühl, dass er ihm vertraute und hinter einem stand.

img_3261Trotzdem zeigte sich ab 1984 eine negative Seite an Viktor Niemann: Er stellte keinen Wodka, Gin oder Whisky mehr in dem öffentlich zugänglichen Kühlschrank im 10,Stock und ließ auch sein Büro nicht unabgeschlossen. Damit war es vorbei mit kühnen Kommando-Unternehmen aus dem Bauch des Verlages, wenn einem nach Dienstschluss bei einem Besäufnis in der Herstellung der Sprit ausging. Der Verleger verletzte seine Fürsorgepflicht. Erste Zeichen der nahenden Katastrophe?

Wir ahnten es damals nicht, machten uns aber Sorgen um den moralischen Verfall des Verlages.

9783548365312-us-3001Meine neuen Reihen, ULLSTEIN ABENTEUER und POPULÄRE KULTUR, hatten sich fest im Markt etabliert. Die KRIMI-Reihe hatte durchgesetzt, dass nun Kriminalromane in Reihen auch mal 9,80 DM kosten durften (da man auf Kürzungen verzichtete. Der erste so teure Band war UMWEG ZUR HÖLLE von Ross Thomas. Um das Besondere herauszustreichen, hatte ich Jörg Fauser zum Mitherausgeber gemacht und Jörg trug ein großartiges Nachwort zu Ross bei, das die FAZ vorab druckte). Dr.Maitre verließ uns um in die USA zu gehen und Andreas Catsch wurde neuer Cheflektor (da Mönninghof uns ebenfalls verließ). Die grandiose Jutta Wannenmacher war mit der Reihe ULLSTEIN MARITIM ungekrönte Reihen-Königin (mit Auflagen, da konnte ich selbst bei den Krimis nur von träumen). Frau Dr.Jacobson managte die ALLGEMEINE Reihe so clever, das sie „meinen“ Len Deighton zur Taschenbuchverwertung bekam (was mir überhaupt nicht gefiel). Ich sah darin schon das Aushöhlen der Genre-Reihen. Und schließlich hatte ich Deighton (Berlin-Trilogie) wieder zu Ullstein geholt, damit ich eine Hardcover-Auswertung für die Krimi-Reihe bekam. Nagut, wenn ich ihn schon nicht kriegen sollte, dann ging Deighton wenigsten an die hoch geschätzte Kollegin, die sich fit hielt, indem sie jeden Tag zu Fuß in den 8.Stock, wo das Lektorat saß, hinauf lief. Und das in atemberaubender Geschwindigkeit, ohne außer Atem zu geraten.

Ich bevorzugte verkatert den Fahrstuhl. Ging nicht ganz so schnell, aber ich kam ebenfalls nicht atemlos an.

 

Alle waren gut drauf.

 

a41Die Nächte mit Jörg waren lang, unsere Gespräche kurzweilig. Manchmal waren sie zu lang. Dann erlebte man den Morgen beim Weißbier-Frühstück im „Schwarzen Café“ oder ging gleich ins „Kaffee Kaputt“ zu richtigen Sachen über:

„Nach der Nacht brauche ich jetzt was erfrischendes, was fruchtiges.“

„Vitamine.“

„Ja, was gesundes mit Vitaminen.“

„Tequilla Sunrise.“

„Sehr gut. Fruchtig und reich an Vitaminen.“

„Im Grunde eine Art Obstgetränk,“

„Das gibt Energie. Diese Sauferei frisst einem die Vitamine weg.“

„Also?“

„Bestell.“

„Keeper! Zwei Tequilla Sunrise.“

„Kommt sofort.“

„…?“

„…?“

„Und zwei Tequilla dabei.“

„Doppelte.“

„Schon wegen der Zitrone.“

„Und dem Salz. Man verliert in solchen Nächten viel Salz.“

 

Jörg hatte DAS SCHLANGENMAUL geschrieben und die Bavaria kaufte umgehend die Filmrechte. Jörg schrieb weiterhin für Achim Reichel und sammelte Tantiemen.

Jörg war ganz schlecht auf das Finanzamt zu sprechen, Und auf die Künstlersozialkasse, die ihn (plus Nachzahlung) in die Mitgliedschaft zwingen wollte. Er sah sich schließlich als freier Unternehmer im „Unternehmerverband Wort“. Wie er im Autor-Scooter sagte:“Ich bin Geschäftsmann. Ich vertreibe Produkte, die ich herstelle. Writing is my business.“

 

Min. 14:20

Die Stimmung war gut in Berlin.

Rolf Giesen und ich planten für die POPULÄRE KULTUR einen weiteren Aufreger (wie zuvor sein kleiner Bestseller KINO, WIE ES KEINER MAG) mit dem schönen Titel DIE NATION DREHT DURCH. Außerdem enwickelten wir den Slogan „Europa prima“

Ullstein-Hochhaus in der Lindenstrasse

Ullstein-Hochhaus in der Lindenstrasse

Mit Hanna Siehr (Herausgeberin der Reihe FRAU IN DER LITERATUR) auf dem Wannsee zu segeln, war ein wöchentliches Highlight und ich hatte auch endlich einen Assistenten an die Seite gestellt bekennen: Simonides (Simmi) kümmerte sich höchst engagiert um die ABENTEUER-Reihe. Der Ex-Propylän-Lektor fuhr voll auf C.S.Forrester ab und AFRICAN QUEEN und BROWN ON RESOLUTION hätte ich ihm aus den Händen sägen müssen um selber darin rumzufuschen. Die Vertreter waren gut drauf und wir dachten uns beim vorabendlichen Besäufnis der Programmkonferenz irgendwelchen Blödsinn aus („Herr Compart, wo bleibt Frank Gruber in der Krimi-Reihe?“) um die Konferenz etwas munterer zu gestalten. Ronald M.Hahn hatte trotz geringer Mittel die SF-Reihe etabliert und immer wieder Titel ausgegraben, die auch Heyne als Marktführer gemacht haben könnte. Im Gegensatz zu mir und den Krimis, hatte er eine völlig runter gewirtschaftete Reihe übernommen und trotz Altlasten innerhalb von vier Jahren daraus ein eigenständiges Markenzeichen gemacht.

Alles war gut.

Dann bekam ich Post von Dr.Maitre aus den USA. Der Brief knallte mich umgehend auf den Arsch:

„Ihr werdet verkauft an Fleißner. Sie selbst müssen sich keine Sorgen machen.“

NICHTS war mehr gut.

(Fortsetzung folgt)

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MiCs TAGEBUCH SPEZIAL zur US-Wahl und überhaupt: EINLÄUFE FÜR LEVITENLESER by Martin Compart
8. November 2016, 9:03 am
Filed under: Ekelige Politiker, MANCHETTE, MiCs Tagebuch, Noir, Parasiten, Politik & Geschichte | Schlagwörter: , , ,

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Das Primat der Politik wurde zu Beginn des 21. Jahrhunderts endgültig von den Primaten in der Politik übernommen, die Clausewitz zwar nicht persönlich kennen, aber sein Diktum vom „Krieg als Politik mit anderen Mitteln“ prima finden. Damit hatte sich das zerstörerische 20. Jahrhundert nun wirklich erledigt. Schluss, aus und vorbei. Wahrscheinlich endete es schon mit dem 09.11.89 und nicht mit dem 11.09.01. Letzterer Tag wird vielleicht als Teilchenbeschleuniger in Erinnerung bleiben, als herbeigesehnter Anlass, um die Allmachtsphantasien in die Jahre gekommener US-Neo-Cons Realität werden zu lassen. Seitdem überholen uns die Folgen dieser mit Kriegen in Afghanistan, Irak, Syrien – um nur die augenscheinlichsten anzuführen – neugeschaffenen Realität tagtäglich rechts und links: IS-Terror, Flüchtlingsströme, Wiedererstarken der Rechten, Verbarrikadierung Europas (unvollständige Aufzählung).

Jean-Patrick Manchette stellte sich für seinen unvollendeten letzten Romanzyklus mit dem übergreifenden Titel „Les Gens du Mauvais Temps“, Menschen in schlechten Zeiten, die Frage: „Wie zum Teufel konnte es nur soweit kommen?“ Er bezog seine Frage auf die Nachkriegszeit, genauer von 1968 bis in die 1980ziger Jahre (mit 1956, dem Jahr der Ungarn-Krise als Prolog), ihren Kriegen, Krisen und Unruhen und dem Sieg der kapitalistischen Kräfte über die Revolte. Rückschauend erscheint mir für uns heute 1989 als ein zentrales Jahr. Der Soziologe Fukuyama sprach nach dem Untergang des „Reichs des Bösen“, gemeint waren die Sowjetunion und ihre Satelliten, euphorisch vom „Ende der Geschichte“. Demnach hätte die Welt mit dem „freien, demokratischen“ Kapitalismus ihre endgültige Gesellschaftsform gefunden. Inzwischen ist selbst Fukuyama kein Fukuyamaist mehr, sondern schämt sich vermutlich ob der Blödheit seiner Aussage. An dieser Stelle drei Feststellungen:

1) Die Historie der Menschheit und ihren Herrschern ist im Besonderen eine Wirtschaftshistorie. Denn Macht und Geld sind unmittelbar miteinander gekoppelt;

2) Der Kapitalismus transzendiert jedes politische Herrschaftssystem;

3) Die einzig wirklich erfolgreiche Revolution war die Ablösung des Adels durch die Bourgeoisie. Und diese lässt sich bis auf die Renaissance zurückdatieren. Die Französische Revolution hatte formell nachvollzogen, was informell längst der Fall war, nämlich die Übernahme der Staatsmacht durch das Bürgertum. Getreu dem Diktum, wer bezahlt, der hat auch das Sagen.

Sujet : Jean Patrick MANCHETTE - Credit : Maurice ROUGEMONT/Opale - Date : 00000000 - Ref. : MANCHETTEjp_opalMR_3190_02 - Agence Opale - 8, rue Charlot - 75003 Paris - France - Tel.:+331.40.29.93.33 - info@agence-opale.com - www.agence-opale.com

Sujet : Jean Patrick MANCHETTE – Credit : Maurice ROUGEMONT/Opale – Date : 00000000 – Ref. : MANCHETTEjp_opalMR_3190_02 – Agence Opale – 8, rue Charlot – 75003 Paris – France – Tel.:+331.40.29.93.33 – info@agence-opale.comhttp://www.agence-opale.com

Und das bringt uns zum Roman noir, der ein Produkt des Sieges der Konterrevolution in den 1920er – 1930er Jahre ist, wie Manchette genau formulierte und darum nicht müde wurde, in seinen Chroniken das Thema Ökonomie als das zentrale Thema unserer Zeit und folglich auch des Roman noir zu betonen. Weil Sieg der Konterrevolution, der Sieg des Kapitals bedeutet, ist ein Minimum an historischem Verständnis und Wissen über wirtschaftliche Kontexte hilfreich, um den Kreislauf des Elends, in dem wir gefangen sind, besser zu verstehen. Versuchen wir darum nüchtern, vor dem Betrinken aus Anlass der 21. Wiederkehr von Jean-Patrick Manchettes langem Abschied, seine Frage in Bezug auf unsere Zeit zu adressieren: Wie zum Teufel konnte es nur soweit kommen?

 

ANFANG VOM  ENDE

Das herrschende Weltwirtschaftssystem beruht auf einigen, wenigen Maximen. Die erste Maxime lautet: Wachstum – gleichbedeutend mit mehr Produktion, mehr Absatz, mehr Umsatz, mehr Gewinn, mehr Investitionen, mehr Steuern – ist essenziell. Ohne Wachstum funktioniert nichts, mehr noch, bricht alles zusammen. Nicht nur die Wirtschaft, sondern unsere Gesellschaftsordnung, unsere freiheitliche Demokratie. Das ist kein Schreckensbild, die Stabilität der liberalen westlichen Demokratien gründet sich im Wesentlichen auf ihre wirtschaftliche Stabilität. An Gegenbeispielen herrscht weltweit aktuell kein Mangel. Laut gängiger Wirtschaftstheorie ist das Wachstum unendlich. Darum muss Wachstum her. Egal wie. Die Praxis legt das Gegenteil nahe, Wachstum ist endlich, wie alles auf unserem Planeten dem Naturgesetz der Endlichkeit unterliegt; außer Wasserstoff und Blödheit, wie Harlan Ellison anmerkte, und ausdrücklich das Universum einbezog.

 

IDEOLOGISCHE RUNDERNEUERUNG

Die 60-ziger Jahre des 20. Jahrhunderts, befreiten den Kapitalismus und erneuerten ihn zugleich. Das Zeitalter des ICH begann in der kulturellen Weltmacht USA. Symbolisch dafür war das Buch The Greening of America, welches nicht, wie der Titel vermuten ließ, ein gesteigertes Umweltbewusstsein oder ein neues gesellschaftliches Bewusstsein propagierte, sondern die Vereinzelung, der Rückzug nach Innen. Der innere Kosmos als Gegenentwurf zu einer chaotischen äußeren Welt, die ohnehin nicht beeinflussbar sei. Das Ego – mein Bewusstsein, meine Bedürfnisse, meine Kaufkraft – wurde konsequent unter Werbedauerfeuer genommen. Die Konsumgesellschaft haute den Turbo rein. Zur gleichen Zeit erklärten konservative Industrielle den Kampf um die ideologische Vorherrschaft in den von linkem Gedankengut verseuchten Universitäten für verloren und gründeten ihre eigenen Think Tanks. Sie finanzierten private „Forschungsinstitute” zur Bildung eines „konservativen Bewusstseins” der Öffentlichkeit, was nichts Geringeres als die Umerziehung der Bevölkerung bedeutete. Eine Saat die aufgehen sollte. Einer der ersten Schritte, war die Abkehr vom Gedanke der Bildung als kostenfreies Allgemeingut einer demokratischen freien Gesellschaft. Bildung wurde zum Wirtschaftsgut deklariert und hatte als solches kapitalistischer Logik nach auch ihren Preis.

Je exklusiver, desto teurer.

Studiengebühren wurden eingeführt. Weltweit schossen und schießen seit jener Zeit Privatschulen- und Universitäten wie Pilze aus dem Boden. Die Industrie sponsert generös Lehrstühle und Forschungsprojekte. In wessen Sinne wohl? Staatliche Schulen wurden und werden die Etats gekürzt, ihnen fehlt am Ende schlicht das Geld, um mit der finanziell gepamperten Konkurrenz mitzuhalten. Bildung ist wieder eine Frage des Vermögens geworden – oder der Verschuldung. Damit manifestiert sich schon bei der Ausbildung junger Menschen die Zweiklassengesellschaft: die Klasse der Habenden und die der Habenichtse. Die finanzstarke „Elite“ bleibt zunehmend unter sich. (Die kreditfinanzierte Elite, muss sich auf jahrzehntelanges Tilgen ihrer Schulden einstellen.) Nur noch die Unterschicht geht auf öffentliche Schulen mit hoffnungslos veralteten Lehrmitteln. Während das Bildungsniveau der breiten Bevölkerung langsam aber kontinuierlich sinkt, steigt die Anzahl vermeintlicher Experten.

Vor einigen Jahren hat die ARD das Vokabular der Tagesschau drastisch eingekürzt, damit die Nachrichten (Propaganda im Dienste des Systems) für alle verständlicher sind, dazu erklären Fachidioten den tumben Bauchmenschen, wie sie sich die Welt zu denken haben. Die letzten Reste eigenständigen Denkens erledigen Schwarmblödheit und die Fußball-Bundesliga.

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RADIKALE UMORIENTIERUNG

Die jüngere wirtschaftliche Zeitrechnung begann am 15.08.1971 mit dem Nixon shock, der Aufkündigung von Bretton-Woods durch die Nixon-Administration und der damit verbundenen Abschaffung des Goldstandards für den US-Dollar. Der Grund: die USA waren pleite. Zumindest in Relation ihrer Schulden zu den Goldreserven des Landes. Ein hausgemachtes Problem, dessen Ursache das Abfließen milliardenschwerer US-Militärausgaben ins Ausland war. Imperium spielen ist eben teuer. Die Lösung des Problems war ein genialer Schachzug. Mit dem Ende von „Bretton Woods“ lenkten die USA diesen Geldfluss wieder zurück in die Heimat, da die Notenbanken anderer Länder nun US-Staatsanleihen erwarben, die Wiederum das nationale US-Haushaltsdefizit finanzierten. Der Dollar wurde zur internationalen Leitwährung und die Federal Reserve die heimliche Weltnotenbank. Das Ausland war quasi verpflichtet den US-Haushalt und damit die Expansion der wirtschaftlichen und militärischen Supermacht zu finanzieren, ob man wollte oder nicht. Zur gleichen Zeit wurde der US-Dollar die offizielle Öl-Währung – was den OPEC-Staaten durchaus genehm war.

Weniger bekannt ist der massive politische Druck, sogar von möglicher militärischer Intervention war die Rede, den Nixon und Kissinger auf Saudi-Arabien und die Öl-Emirate ausübten, damit ihre Dollar-Milliarden aus den Ölgeschäften über die New Yorker Wallstreet abgewickelt, das heißt investiert, wurden. Denn die zweite Maxime lautet: Kapital muss investiert werden – sonst ist es wertlos.

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SCHWARZES LOCH  WALLSTREET

Mitte der 70ziger Jahre begannen die massiven Investitionen der arabischen Staaten in den USA. Die Dollars flossen wieder ins Mutterland zurück. Mit dem Niedergang des Wohlfahrtsstaats Keynesianischer Prägung – dessen Errichtung eine der Lehren aus der Weltwirtschaftskrise 1929 war, die zunächst zum New-Deal unter F.D. Roosevelt führte und dann, nach 1945, zur neuen Wirtschaftsordnung im zerstörten West-Europa – gewann eine wirtschaftsliberale Gegenbewegung an Boden, deren zentrales Credo Deregulierung lautet. Hayek und sein Schüler Milton Friedman von der Chicago School of Economics waren die Propheten einer freien Markt Ideologie, „der im freien Spiel der Kräfte alles zum Besseren regeln würde“, wenn nur die Ketten der Regulierungen erst einmal gesprengt seien.

Mit Reagan, Thatcher und Kohl begann Anfang der 80ziger Jahre des letzten Jahrhunderts die konservative Wende. (Die ausgerechnet in West-Deutschland „geistig-moralische Wende“ hieß, was angesichts der handelnden Personen, Birne und Gensch-Man, ein nicht geringes Maß an Selbstüberschätzung verriet.)

In ihrer Folge wurden die marktregulierenden Gesetze und Schutzmechanismen nach und nach abgeschafft – und das weltweit. Das Ergebnis heißt Globalisierung, die nichts anderes bedeutet, als ungehemmter Geld- und Warenverkehr. Den Höhepunkt erreichte die Deregulierung in den USA unter der Clinton-Administration. 1999 fiel die letzte Schranke zur Bändigung des Kapitalmarktes, die Abschaffung des Glass-Steagall-Acts von 1933. Die 66 Jahre währende Trennung von Geschäftsbanken und Investmentbanken wurde aufgehoben. Ab sofort hatten Investmentbanker wieder Zugriff auf die Einlagen der Geschäftsbankkunden, was ihren finanziellen Handlungsspielraum wesentlich vergrößerte, Investmentbanking zu dem Profitbringer der Branche kürte, und damit die Macht der Geldhäuser potenzierte.

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MACHTKONZENTRATION

Erste Konsequenzen der Deregulierung waren schon in den 80ziger und 90ziger Jahren abzusehen. So führte der Wegfall der Schutzmechanismen nicht, wie versprochen, zu steigendem Wettbewerb, mehr Transparenz, besserem Angebot und Service bei niedrigeren Preisen für die sogenannten Verbraucher (das sind mit Menschen mit freiverfügbarem Einkommen) – sondern zu massiven Aufkäufen von Wettbewerbern und einem Anbietersterben. Das Gegenteil der Prophezeiung trat also ein. Die Deregulierung des kommerziellen Luftverkehrs in den USA, Anfang der 80ziger Jahre, wurde zur Blaupause für alle nachfolgenden Branchen. Statt eines „freien Wettbewerbs vieler Airlines zum Wohle der Verbraucher“ bildete sich ein Oligopol weniger Airlines. Der Markt ist eben niemals frei, sondern nur freizügig in der Aufteilung unter immer weniger Marktspielern. Die Deregulierungsbefürworter verschweigen nämlich, dass in einem so entfesselten Markt stets die vom Start weg mächtigsten und finanzstärksten Unternehmen gewinnen. Mit der Folge, die großen Konzerne machen einander nur wenig bis gar keine Konkurrenz.

In Deutschland belegt dies anschaulich die „Liberalisierung des Energiemarktes“. Eine EU-Vorgabe, welche die Bundesregierung brav „umsetzte“. Die Energieversorger im Besitz von Städten und Gemeinden wurden von den großen Anbietern, RWE, EON, Vattenfall und ENBW, solange unterboten, bis ihre Eigentümer, die finanziell ausgeblutete Kommunen, die Flügel streckten und die Stadtwerke an just jene Konzerne verkauften, oder eine Teilhaberschaft übertrugen, die sie unterboten. Ihnen blieb keine andere Wahl. Das Oligopol bildete sich in weniger als drei Jahren.

Ein Blick auf die Gebietskarte der Bundesrepublik schafft Klarheit. Sauber nach Regionen getrennt, bereiten sich die großen Anbieter selbstverständlich nur einen marginalen Wettbewerb. (Dieselben Konzern übrigens, die gegen den Atomausstieg lobbyierten und nun versuchen die gigantischen Rückbaukosten für ihre Kernkraftwerke zu einem großen Teil auf den Staat abzuwälzen.) Die dritte Maxime lautet demnach: Ungehinderter Wettbewerb führt zu Oligopolen, wenn nicht zu Monopolen. Beispiele gibt es genügend – in nahezu allen Branchen. Und das weltweit. Apropos Konkurrenz, ist der Markt erst aufgeteilt, lassen sich problemlos Preise und Konditionen (und damit Profitmargen) abstimmen, wie jüngst die illegalen Absprachen im Stahlschienengeschäft belegen.

Im Finanzsektor bildeten sich in der Folge riesige Banken. Too big fail, lautet die Bezeichnung für die fünf führenden Großbanken der USA, weil ihr Zusammenbruch das Welt-Wirtschaftssystem gleich mit zusammenbrechen lassen würde. Zumindest nach Bekunden der Banken und des US-Finanzministeriums (zu dessen Chef im Übrigen seit den Siebziger Jahren regelmäßig ein ehemaliger Chairman der Investmentbank Goldman Sachs ernannt wird).

Ein mit Erfolg geschürtes Schreckensszenario. Straftaten wie Betrug, Insidergeschäfte, etc. bleiben deshalb ohne Anklage und werden stattdessen mit Geldbußen abgegolten, deren Höhe für sich genommen exorbitant erscheint, aber nur einen Bruchteil, der mit Betrug erzielten Gewinne ausmachen.

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KRISENKARUSSEL

Trotzdem haben die Großbanken Probleme: Sie müssen weiterwachsen. Sie müssen das Kapital ihrer Anleger investieren. In den letzten zwanzig Jahren ist die Anzahl der Anlagemöglichkeiten in die Realwirtschaft allerdings immer uninteressanter geworden. Zu lange Laufzeiten, zu geringe Renditen. Die Lösung: Finanzprodukte. Anlagen sind Produkte und werden mit den Instrumenten des Marketing aktiv, man kann auch sagen aggressiv, vertrieben. Je risikoreicher die Anlage, desto höher die Renditechance. Nur scheuen die meisten Anleger das Risiko – folglich müssen Bewertungen her, die Sicherheit vorgaukeln. Der Aufstieg der Ratingagenturen begann. Sie bewerten Finanzprodukte nach ihrer Rentabilität und ihrem Risiko. Da die Ratingagenturen Lieferanten der Banken sind, und sich zum Teil in deren Eigentum befinden, möchten sie ihre Kunden/Eigentümer natürlich an sich binden, bzw. nicht enttäuschen. Wer sägt schon an dem Ast, auf dem er sitzt? Folglich fielen die Ratings positiv aus. Positive Bewertungen gleich hohe Anlagesicherheit gleich mehr Anlageverkäufe. Der Markt wächst. Ein perfektes System – bis die Blase platzt. Was 2008 bei den Subprime Mortgages geschah und zunächst Lehman Brothers in den Konkurs und anschließend die gesamte Weltwirtschaft in die Rezession trieb.

Die meisten der heutigen Finanzprodukte beruhen auf Spekulation (umgangssprachlich Zocken) wie diese: Der Anleger bekommt dann hohe Renditen, wenn DOW oder FTSE oder DAX in bestimmen Zeiträumen, bestimmte Kursmarken erreichen. Sollten die Kurse sich gegenteilig entwickeln, verliert der Anleger Teile seiner Anlage – in manchen Fällen die gesamte Anlage. Finanzprodukte sind ein riesiger Markt. In den USA liegt der Anteil der Wallstreet am Bruttosozialprodukt unter 10%, ihr Anteil an den erlösten Profiten hingegen bei 60%. Inzwischen ist der Finanzsektor von der Realwirtschaft völlig entkoppelt. Für Unternehmen ist es aufgrund steigender Auflagen immer schwieriger Kredite zu bekommen, was in Zeiten billigen Geldes für die Banken aufgrund der geringen Zinsen zudem völlig unterinteressant ist, während Investoren nach Anlagemöglichkeiten mit guten Renditen suchen. Aus diesem Grund nehmen die auf Spekulation beruhenden Finanzprodukte zu. Und weil jeder verdienen will, dazu sämtliche Honorierungssysteme (die sogenannten Boni) auf Wachstum und Profit ausgerichtet sind, ist der Anreiz systemimmanent. Wer Geld verdienen will, muss zocken und darum wird gezockt, und das noch hemmungsloser, noch ungebremster als vor 2008. Die lockere Geldpolitik von Federal Reserve und EZB pumpt immer mehr Geld in die Märkte, was die Börse beflügelt, die Finanzmärkte weiter aufbläht, aber Sparer und Altersvorsorger verarmt. Die Unternehmen der „Realwirtschaft“ erhalten trotzdem keinen Zugang zu dem benötigten Geld. Logisch? Absolut.

(Die Krise 2008 war seit 1999 übrigens bereits die dritte, nach 2000, dem Zusammenbruch des Neuen Marktes, nach 2005, dem Börsencrash, kam 2008, die Subprime-Mortgage-Krise. Seit dem Wegfall der Regulation auf dem Finanzmarkt sind Krisen unabdingbar. Das waren sie übrigens auch in Zehnjahreszyklen seit Ende des Bürgerkriegs in den USA, 1865, und vor der Einführung der Finanzmarktregulation in 1930er Jahren als Folge der Großen Depression. Eine der ersten großen Spekulationsblasen platzte im 17. Jahrhundert in den Niederlanden. Damals wurde mit Unsummen auf den steigenden Wert von Tulpenzwiebeln gezockt. Die Regierenden haben seinerzeit übrigens den geforderten „Bail-out” der vom Ruin bedrohten Spekulanten abgelehnt.)

Auch Spekulationen und Wetten gegen Währungen einzelner Staaten haben eine lange Tradition – so spekulierte George Soros einst gegen das britische Pfund und verdiente Milliarden – die Folgen solchen Vorgehens sind heute aber immer unabsehbarer. Der Zusammenbruch einer Währung bedeutet den Kollaps der Wirtschaft und letztlich der Gesellschaft. Das warnende Beispiel der letzten Jahre ist Jugoslawien. Als die Währung zerbrach, eskalierte die Gewalt. Die vierte Maxime lautet: Spekulation beruht auf dem Prinzip von Boom und Bust. Je schneller und überhitzter die Wirtschaft wächst, desto schneller die Talfahrt. Spekulationsblasen platzen immer. Auf den Boom folgt unabwendbar der Kollaps, die Vernichtung von Vermögen. Krisen sind  nur eine Bereinigung des Marktes von überschüssigem, unnötigem Kapital. Verlierer gehören nicht nur zum Spiel – sie sind unverzichtbarer Bestandteil. Der Kapitalismus produziert nur wenige echte Gewinner. Der große Rest gehört nicht dazu. Verlierer sind immer die Dummen – die „nicht informierte“ breite Bevölkerung. Die Informierten manipulieren den Markt. In London manipulierten die Banken, mittendrin Bundesprimus Deutsche Bank, die Libor und Euribor Zinssätze und maximierten ihre Profite. Allem Abstreiten zum Trotz ist das Finanzmarktalltag. Branchenprofis wissen, dass die Anzahl der – offiziell verbotenen – Insidergeschäfte an den Börsenplätzen unendlich größer ist als angenommen (als aufgedeckt ohnehin). Manipulation wird durch Oligopole erleichtert. Diese bilden in nahezu allen Schlüsselindustrien, sowie auf dem Finanzsektor, geschlossene Gruppen von Playern, denen Kontrollbehörden wenig auf die Finger schauen können, sofern sie es denn ernsthaft wollten.

Ein beliebiges Beispiel ist der VW-Abgasskandal. Wer glaubt denn ernsthaft, dass in einer Branche, in der nicht nur völlige Transparenz über die Herstellungskosten herrscht, sondern sich Wettbewerber die gleichen Fahrzeugplattformen für ihre Modelle teilen, niemand von den Manipulationen der Wolfsburger wusste?

Globale Oligopole agieren mit der Finanzmacht ganzer Staaten. Konzerne wie z.B. Apple, Google oder Mac Donalds besitzen höhere Börsenwerte und mehr Vermögen als die meisten Staaten an Bruttosozialprodukt ausweisen. Großkonzerne setzen ihre Interessen ohne Rücksicht auf die Allgemeinheit durch, was internationale Wirtschaftsabkommen wie TTP, TTIP etc. belegen, in denen Deregulierung und Angleichung nationaler Vorschriften als Effizienzsteigerung und somit „Wachstum förderlich“ verkauft werden – was allgemein akzeptierter Logik nach Arbeitsplätze schafft (ungeachtet der Realität).

Das Totschlagargument für verunsicherte Abgeordnete, vor hoher Arbeitslosigkeit haben deutsche Politiker wirklich Angst, folglich votiert eine ausreichende Mehrheit mit Ja.

 

SAALDIENER DES  GELDES

Die Politik hat sich der Wallstreet und den Oligarchen völlig ergeben. Kein Wunder, werden in den USA Wahlkämpfe, und zwar alle, von kommunaler bis nationaler Ebene, einschließlich der von Sheriffs und Richtern, weitestgehend durch „Spenden“ privat finanziert. 2010 im „Citizen United Prozess” wurden Corporations vom US-Supreme-Court Personenrechte zugesprochen. Eine katastrophale Entscheidung. Jetzt dürfen Konzerne und Milliardäre den Kandidaten ihres Vertrauens unbegrenzte Summen spenden. Diese Geldgeber finanzieren „Super-Pacs“ zur Wahl ihres Favoriten. Wobei die zwingende Logik des Systems lautet: „Ohne Wahlkampfwerbung keine Stimmen. Je größer die Werbung, desto mehr Stimmen. Je mehr Geld für den Wahlkampf, desto mehr Werbung für Stimmen.“ Und natürlich verlangen die Lobbyisten von den so in Parlamente und Ämter gehievten Kandidaten die Durchsetzung ihrer Interessen, ihrer Vorgaben: „Wess’ Brot ich ess’, dess’ Lied ich sing.“ Wie unlängst Donald Trump, diese laut blökende faschistoide Berlusconi-Kopie auf Steroiden, derzeit irrlichternder Präsidentschaftskandidat der Republikaner, im Fernsehen klipp und klar formulierte. Das „demokratische Vorbild” der – sogenannten freien – Welt ist demnach keine echte Demokratie sondern „eine von Banken und Industrie finanzierte, eine gelenkte Republik“, wie Gore Vidal wusste.

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Ein weiteres zentrales Problem ist die sogenannte revolving door, die Drehtür, durch die Berater zu Politikern, Politiker zu Managern, zu Lobbyisten, und wieder zu Ministern, werden. Entscheidungen in den Parlamenten werden von den Leuten herbeigeführt, die nach ihrer Rückkehr in die Wirtschaft von diesen Entscheidungen mächtig profitieren. (Für Deutschland seien die Namen Schröder, Riester und Rürup stellvertretend für viele andere Nutznießer genannt.) Die „Drehtür-Herrschaften“ bilden eine „Elitekaste“, die sich systematisch an der Allgemeinheit bereichert. Ein solches Verhalten findet sich in der Weltgeschichte schon bei den Babyloniern. Neu ist heute lediglich die Dimension der korrupten Profiteuere. Das Vermögen von Donald Trump, abgesehen von den Milliarden, die er von seinem Vater, einem üblen Immobilientycoon, geerbt hat, wurde vor allem durch geschicktes Spielen auf der Klaviatur der Korruption angehäuft. Heute verkauft Trump seine strafbaren Handlungen als Qualifikation. Nur er weiß, wie man der Korruption den Garaus macht: Only a corruptor can fight corruption. (Die Möglichkeitsform ist solchen Charakteren wesensfremd.) Als Alternative der Demokraten erscheint am Horizont das kleinere Übel: Hillary Clinton. Wallstreet und Ölbranchen finanziert, ist die vormals frustrierte First Lady keine Alternative, sondern ein PR-Kunstprodukt, das sich je nach Fokusgruppenbefragung ständig „neu erfindet“ und dabei ihre Verlogenheit und brutale Skrupellosigkeit, wie zuletzt als US-Außenministerin unter Beweis gestellt, als präsidiale Tugenden preist. Angesichts diese Kandidatenpanoptikums – und der herrschenden Politriege in Europa (von Amt und Würden mag ich nicht sprechen wollen) – drängt sich nicht nur bösen Zungen die Frage auf, ob das Wahlvolk wirklich die Politiker verdient, die es bekommt? Der Gedanke, die sich als Alternative anbiedernden Brandstifter würden übernehmen – „wir wollen an die Macht“, rülpsen laut die just von 190.000  Mecklenburg-Vorpommerschen Flachköpfen gewählten Faschos – ist noch viel unerträglicher.

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FÜR DEN  MENSCHEN

Auch das ist eine Erkenntnis des Kollaps von 2008: Die mit einem 700 Milliarden US-Dollar Bailout gestützten Unternehmen – Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert – bestimmen nach wir vor das Spiel und verdienen besser denn je. Ungeachtet der Folgen ihres wirtschaftlichen Agierens für die Mehrheit der Bevölkerung in den USA und vielen anderen Staaten. (Die Menschen haben ein schlechtes Kurzzeitgedächtnis, darum tauchten die Bankmanager nach öffentlich demonstrierter Reue, hoch und heilig gelobter Besserung, Kniefall und anderer geheuchelter Demutsgesten, einige Zeit später aus der Versenkung wieder auf, um weiterzumachen wie bisher. Allerdings besser bezahlt.) Durch die Sozialisierung der Schulden – die Bailouts für die Banken, die auch in Europa, dem amerikanischen Vorbild folgend, eilig vorgenommen wurden – stieg die Schuldenlast vieler Staaten. Die kriminellen Ratingagenturen, die vor der Krise noch die Finanzprodukte der Großbanken, wie Subprime-Mortgages, ohne Prüfung mit Bestnoten bewerteten, AAA, stuften die Staaten aufgrund ihrer hohen Schuldenlast drastisch herab. Mit sinkender Kreditwürdigkeit, stieg das Risiko für Staatsanleihen und folglich auch die Kosten in Form von Zinsen für mittel- und langfristige Papiere. Den überschuldeten Staaten drohte die Insolvenz, sie würden weder ihre Zinsen noch ihre Schulden bei den Kreditoren, den internationalen Banken, tilgen können. Im Gegensatz zu Unternehmen in der freien Wirtschaft – die gehen in Konkurs und dann ist das schöne Geld futsch – kann man Staaten in die Haftung zwingen. Genau das taten die Banken, indem sie Druck auf die Politik ausübten. Die Regierungen mussten wiederum handeln und nun Staaten ausbailen. Unter einer Bedingung: Staatsausgaben drastisch senken.

Und so handelten die Staatenlenker – allen voran die deutsche Bundesregierung – mit Zuckerbrot und Peitsche. Milliardenhilfen, um den Banken die fälligen Staatsanleihen zu bezahlen, gekoppelt an einen strikten Sparkurs, engl. Austerity, der massive Steuererhöhungen, Privatisierung von Staatseigentum und den Wegfall von Sozialleistungen bedeutet. Die Folgen dieser aufgezwungenen Politik für die Schuldnerstaaten, sind Rückgang des Bruttosozialproduktes, steigende Arbeitslosigkeit und noch weniger die Möglichkeit für die Staaten ihre Schulden zu tilgen. (Griechenland muss nicht weiter erläutert werden.) Vor den erschreckenden sozialen Verwerfungen haben die Regierenden allerdings Muffensausen.

by Unknown photographer, bromide print, 1933

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ANGST UND FRUST REGIERT

Seit Mitte der 90ziger Jahre wurde die Polizei systematisch paramilitärisch aufgerüstet. Robocop hat bei den modernen Riotcop-Hundertschaften scheinbar Pate gestanden. (Das hätte der alte Satiriker Paul Verhoeven nicht gedacht.) Die einst aus Furcht vor Terrorismus und außerparlamentarischer Opposition verabschiedeten Gesetze zum Schutzes des Staates vor Feinden im Inneren (wie 1968 die sogenannten „Notstandgesetze” in der Bundesrepublik), sollen nun scheint’s vor Aufständen der sozial benachteiligten Randgruppen schützen. Sogar über den Einsatz der Armee im Inneren wird von den Geistesheroen – unter der an Geistesheroen nicht gerade armen deutschen Politikerkaste – nachgedacht. Die wollen allen Ernstes die Bundeswehr innerhalb Deutschlands einsetzen zu können, natürlich nur unter strengen Auflagen und wenn die Lage es wirklich erfordert, wie Terrorabwehr oder Flüchtlingsabwehr, je nach dem. Eine Lage, die sie selbst mit ihrer Politik herbeiführen. Gerade in der Krise entlarvt sich die EU als das was wirklich ist, eine Wirtschaftszweckgemeinschaft, von der die Mitgliedsstaaten nur eines wollen: ordentlich profitieren. Verbreitet sich die Ansicht, dies sei nicht mehr in dem gewünschten Rahmen möglich, dann erstarken die Absetzbewegungen, wie der „Brexit“ von Groß Britannien zeigt. (Dessen Leave-Kampagne dazu noch von kriminellen Off-Shore Profiteuren finanziert und betrieben wurde.) Die große europäische Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, will sich das finanzstandartisierte Europa nicht mehr leisten. Frei nach Oberfinanzdrakon Schäuble: der europäische Stabilitätspakt lässt sich von demokratischen Entscheidungen nicht beeinflussen.

 

KATHARSIS FÄLLT  FLACH

Ob die oben gestellte Frage damit beantwortet ist? Teilweise zumindest. Und jetzt? Was tun mit den Erkenntnissen, die eine unbestimmte, blinde Wut nähren? Am besten ganz schnell System bestätigende „serielle Erzählformate“ anschauen und stellvertretend deren Protagonisten die unleugbaren Dissonanzen des Alltags abarbeiten lassen. Die Bequemlichkeit des Zuschauers obsiegt solange, bis die Balance von angenommener Trägheit zu wahrgenommener Bedrohung kippt. Dann empört sich der Zuschauer und tritt laut schreiend den Flatscreen aus dem Wohnzimmer, weil das Ablassventil seiner Wahl nicht in die 5. Staffel geht: „Diese Schweine. Ich bringe sie alle um!“ Wahlweise bietet sich Erkenntnisgewinn mit Le petit bleu de la cote Ouest an.

 

ANTIZIPIERTER LESERUNMUT

Hey, was soll der ganze Mist mit den USA? Wir leben hier schließlich in Deutschland und wir sind Weltmeister und überhaupt „auf Erfolgskurs“, wie die jüngste PR-Kampagne der Regierungspartei mit C im Kürzel schreckensbleich in den Wählerwald posaunt. Wutbürgern und Erfolgsbeschwörern schiebe ich eine leidige bundesrepublikanische Erkenntnis ins Rektum: Was den Briten ihre special relationship mit den Amis ist (heißt Schulterschluss beim Angriffskrieg), ist den Deutschen ihre analefetischistische Unterwürfigkeit. Siehe NSA-Abhörskandal, siehe BND-Affäre, siehe Austeritätspolitik, siehe Afghanistan, siehe… siehe…  (Sorry, das heißt ja Kontinuität in der Außen- und Bündnispolitik.) Auf den Musterbuben ist Verlass.

 

Geschrieben zu Wild-Honey Pie im Endlosloop im Bodennebel der globalen Sommererwärmung.

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MAX ALLAN COLLINS – CRIME-DA VINCI AUS IOWA by Martin Compart

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Kürzlich ist auf Cinemax die Crime-Serie nach Max Allan Collins Killer-Serie QUARRY angelaufen.

QUARRY war die erste Serie über einen Berufskiller und seit langem kult.

Jemand wie Max Allan Collins ist im Genre völlig einmalig-er schreibt nicht nur grandiose Romane, er hatte auch eine Single in der Hit-Parade, drehte, schrieb und produzierte Filme (in einem spielt Spillane eine Hauptrolle), schrieb Comics (sein ROAD TO PERDITION wurde 2002 zu einem erfolgreichen Kinofilm mit Tom Hanks) und Movie-und TV-Tie-Ins, er arbeitete auch theoretisch und drehte u.a. das definitive Mickey Spillane-Portrait.5387105341 Kein anderer mir bekannter Autor ist so produktiv in unterschiedlichen Medien unterwegs! Und dabei hält er ein ungeheures Niveau.  Max ist sein eigenes Multiversum und sein Platz in den verschiedensten Kapiteln der Genres und Medien längst sicher.

Und Max kann sehr witzig und scharfsinnig zugleich sein:

„Some of you know that I’m a Democrat or a liberal or a progressive or something. I think of myself as slightly left of center, but my father thought of himself as slightly right of center, when he was slightly right of Genghis Khan. So who knows? I do know that I veer left when the right is getting out of hand, which they frequently do. I despise Fox News, because it isn’t news, it’s opinion labeled news, and you can always tell when you’re “talking” (i.e, arguing) politics with somebody whose news and info comes from Fox, because it’s always the same bite-size talking Points.“

Im deutschsprachigen Raum wird er zur Zeit nicht veröffentlicht. Das sagt mal wieder so einiges über die Branche aus.

Spillane war und ist er besonders verbunden: Seit 2007 beendet und bearbeitet er die Fragmente von Spillane zu neuen Büchern.

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Max gehört zu den Giganten der zeitgenössischen Kriminalliteratur und mein Nachwort zu BLUT UND DONNER (Dumont Noir 17; 1999) hier als kleine Würdigung gedacht:

DAS MULTITALENT AUS DEM MITTELWESTEN

Wie die Zeit vergeht… Es kommt mir wie gestern vor, als Max Allan Collins Anfang der 80er Jahre als  der Geheimtip und  Newcomer genannt wurde. Ein Multitalent, das gleichermaßen erfolgreich und anspruchsvoll in unterschiedlichen Medien arbeitete: max-2012-3001Er schrieb Comics (u.a. führte er den langlebigsten Crime-Strip DICK TRACY fort), machte mit seiner Garagenband die fetzigsten Songs in Iowa und schrieb Noir-Romane. Später kamen Film-Novilizations (Collins Bücher zu den jeweiligen Filmen sind mehr als hingeklatschte Drehbucherweiterungen) und Filmarbeit als Produzent, Autor und Regisseur dazu. Ganz nebenbei gibt er Anthologien heraus und schreibt auch noch Texte zu populärkulturellen Themen (sein umfangreicher und großformatiger Prachtband über den Pin-Up-Künstler Gil Elvgren ist nicht nur eine Augenweide, sondern auch eine brillante Analyse). Collins ist eine der kreativsten und produktivsten Autoren der zeitgenössischen Pop- und Noir-Kultur.

Collins wurde am 3.März 1948 in Muscatine (die Welthauptstadt der Perlmuttknöpfe!), Iowa geboren. Diese faszinierende Stadt mitten in den großen Getreidefeldern, direkt am Mississippi gelegen, hat etwas – sonst würde Max wohl nicht immer noch dort leben. Er war ein Einzelkind und entdeckte früh Comics und andere fiktionale Welten, die ihn schnell zu kreativen Aktivitäten anregten.

Seine Eltern Max Allan und Patricia Ann unterstützten die künstlerischen Neigungen von Collins jr. „In den Ferien mußte ich keinen Job annehmen. Sie ermutigten mich stattdessen, mein erstes Buch zu schreiben.“ Nach der Schule ging er 1968 auf die Universität in Iowa City, die er 1972 mit einem Bachelor of Arts und einem Master of Arts abschloß. Von 1968 bis 1970 war er Reporter für das Muscatine Journal.Im selben Jahr, als er auf die Universität ging, heiratete er seine Kindergartenliebe Barbara Jane, geborene Mull, mit der er zusammen den Sohn Nate hat.max_barbara-tn1

Von 1971 bis 1977 unterrichtete Collins Englisch am Muscatine Community College. Seitdem ist er freier Schriftsteller.

Max ist ein echtes Kind der 50er- und 60er Subkultur und nach wie vor ein Fan. Sein Interesse an Comics, TV, Film, Good Girl Art und Crime Fiction schlägt sich in einer Reihe von sekundärliterarischen Artikeln und Büchern nieder. Aber auch in seinen Romanen greift er populärkulturelle Themen immer wieder auf: Jon, der Sidekick von Nolan, ist ein Rockmusiker und Comic-Sammler, der sich in jedem Roman mit einem anderen Aspekt oder Genre des Mediums beschäftigt.

maxallancollins1Noch stärker finden sich Bezüge in seinen Mallory-Romanen: In A SHROUD FOR AQUARIUS setzt er sich mit der Gegenkultur der 60er Jahre auseinander und beschreibt melancholisch den Werteverlust der Hippie-Generation.

Mit Joe Lansdales SAVAGE SEASON, Campell Armstrongs CONCERT OF GHOSTS (KONZERT DER SCHATTEN; Bastei 13553, 1994), David Debins NICE GUYS FINISH DEAD (NETTE TYPEN STERBEN SCHNELLER; Goldmann 5816, 1995), Michael Dibdins DARK SPECTRE (INSEL DER UNSTERBLICHKEIT; Goldmann 1996) und George R. Martins ARMAGEDDON RAG (ARMAGEDDON ROCK; Fantasy Prod.1986; Heyne TB) eine der gelungensten Meditationen über diese Zeit – aus gegenkultureller Perspektive.

Die Krimi-Szene mit ihren Fans, Autoren und Cons machte er zum Mittelpunkt des Romans KILL YOUR DARLINGS, und in NICE WEEKEND FOR A MURDER beschäftigt er sich mit Rollenspielen.

MUSIK

Mitte der 60er Jahre grassierte ein Fieber quer durch die Vereinigten Staaten. Das Fieber hieß Garagenbands. Angeregt durch die Musik der britischen Invasoren – wobei für US-Garagenbands Rolling Stones, Animals oder Kinks immer wichtiger waren als die Beatles – gründeten Jugendliche in jeder kleineren und größeren Stadt Beatbands.collins1

Einige dieser Pre-Punk-Bands sind heute Klassiker; etwa die Electric Prunes, We the People, Seeds, 13th Floor Elevators, Brogues, Standells, Bad Seeds usw. Dabei bildeten sich oft erstaunliche regionale Unterschiede heraus. Aber eine Band aus Texas hatte neben den britischen R&B-Invasoren eben noch andere Einflüsse als eine Band aus Florida oder Iowa. Die meist nur regional, bestenfalls im ganzen Staat, veröffentlichten Singles (wenige dieser Bands durften/konnten ein oder gar mehrere Alben machen) sind heute gesuchte Raritäten und ernähren eine ganze Industrie von auf Rereleases spezialisierten CD-Firmen.

Die Plattenindustrie nahm schockiert dieses anarchische Ausleben des Rock’n Roll wahr und betrieb schleunigst die Zerstörung oder den Aufkauf kleiner Labels, mit dem bekannten Erfolg, die Pop-Musik endgültig zu standardisieren und von den großen Companys abhängig zu machen.

Auch Max verfiel 1966 dem Garagenphänomen und gründete seine erste Band, die Daybreakers, für die er auch Songs schrieb, oft lead vocals sang und die Keyboards spielte. Der Singleknaller PSYCHEDELIC SIREN von 1967, damals erschienen auf einem Label von Atlantic Records, genießt unter Garagen-Fans Kultstatus (zu finden auf der Vinyl-LP HISTORY OF EASTERN IOWA ROCK Vol.1). Nach dem Ende der Daybreakers gründete der bekennende Bobby Darin-Fan Cruisin, mit denen er bis 1979 harten Garagenrock und wunderbare Balladen einspielte. Seitdem gab es zu den unterschiedlichsten Gelegenheiten Reunion-Konzerte und 1986 ein echtes Reunion, das 1991 zu dem grandiosen Album BULLETS! führte.

COMICS

Von Kindheit an war Collins auch ein großer Comic-Fan. seductioncover11954, als Sechsjähriger, fing er sich diesen Virus ein, der ihn bis heute gefangen hält. „Mein Interesse an Comic Strips und fiktionalen Detektiven wurde am selben Tag geweckt. Meine Mutter (sie wußte es nicht besser) legte damals in meine kleinen, heißen Hände ein Heft voller Blut, Gewalt, Verbrechen und Detektion: ein DICK TRACY-Comic Book mit Nachdrucken der Strips.“ Collins versuchte sich selbst als kindlicher Zeichner. Seine Mutter schickte ein paar seiner Dick Tracy-Zeichnungen an Chester Gould und bat den Künstler, ihrem Sohn ein paar Zeilen zum Geburtstag zu schreiben. Gould sandte ihm den Gruß zum achten Geburtstag, und Max fiel aus allen Wolken.

„Dieser Brief änderte mein Leben. Er gab mir Selbstvertrauen. Heute hängt er gerahmt an einer Wand meines Büros. Chester schrieb mir, daß ich Dick besser zeichne als jeder andere Junge meines Alters.“

Deshalb griff er natürlich zu, als er 1977 die Chance erhielt, den großen Strip-Klassiker DICK TRACY als Texter zu übernehmen. Er schrieb den Zeitungsstrip bis 1993 und verstand es, ihm neues Leben einzuhauchen, indem er an Goulds klassische Perioden anschloss.

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Max säuberte die Serie von dem fantastischen Schrott, der sich in den 6oer Jahren eingeschlichen hatte (Abenteuer auf dem Mond, zuviele unwahrscheinliche Gadgets usw.), indem er alte Figuren neu belebte, den Schwerpunkt auf Krimi- und gelegentlich Soap-Elemente legte, und neben neuen, originellen Gegenspielern neuartige Verbrechen (Computerkriminalität, Stalker usw.) einführte.

„Das Schwierigste war, sich die Verbrechen auszudenken. DICK TRACY gibt es seit 1931, und der Strip läuft Tag für Tag. Kaum ein Verbrechen, daß in dieser Zeit nicht abgehandelt wurde. Zum Glück – oder leider – fallen dem menschlichen Gehirn aber immer neue Abscheulichkeiten ein.“

ms_tree_211Zusammen mit dem Muscatiner Zeichner Terry Beatty (der auch das CD-Cover von BULLETS! gestaltete) entwickelte Collins eine Comic Book-Serie über einen weiblichen Privatdetektiv:

MS.TREE läuft noch heute, und ist somit die langlebigste Crime Comic Book-Serie der amerikanischen Comic-Geschichte.

„Die Ausgangsidee war, was wäre passiert, wenn Velda Mike Hammer geheiratet hätte, und Mike am Hochzeitstag umgelegt worden wäre. Hätte Velda nicht die Geschäfte übernommen und Mikes Mörder gejagt?“

Auch als BATMAN-Texter trat Collins hervor (beginnend mit den Heften BATMAN No.402 und No.403).

FRÜHE SERIEN

Natürlich zählt auch Collins die großen Noir-Autoren von Hammett, Chandler über Cain, Thompson und Goodis zu seinen Einflüssen. Aber den stärksten Eindruck machten Donald Westlake (als Richard Stark) und Mickey Spillane auf ihn:

„Westlake ist der beste zeitgenössische Kriminalliterat. Ich liebe Spillane! Niemand jagt den Leser durch die Seiten wie Mickey. Ich meine die frühen Sachen, die ersten sechs oder sieben Romane, die er als junger Mann geschrieben hat. Es gibt in der gesamten Literatur nichts Vergleichbares.“ 1999 drehte Max ein Feature über seinen Freund Spillane.nolan-hush-money-by-max-allan-collins1

Während der High School schrieb der sechzehnjährige Max sechs Romane, die kein Verleger haben wollte. Aber er gab nicht auf, schrieb weiter.

Kurz vor seinem Abschluß verkaufte er einen Roman, den ersten Nolan-caper: BAIT MONEY (im Manuskript noch FIRST AND LAST TIME getitelt), der, wie Max nicht müde wird zu betonen, „viel, fast alles, Donald Westlakes Parker-Romanen verdankt“.

In der ersten Fassung des Romans stirbt Nolan, der Dieb, der von der Mafia und der Polizei gehetzt wird, am Ende. Collins hatte endlich einen Agenten gefunden: den legendären Knox Burger, der in den 50er- und frühen 60er Jahren bei Dell und Fawcetts Gold Medal Books für die Paperback Originals verantwortlich war. Dort veröffentlichte er u.a. das Werk von David Goodis, Jim Thompson, John D.MacDonald, Kurt Vonnegut und Theodore Sturgeon.ahr0cdovl2jvb2tsb29rzxiuzguvaw1hz2vzl2nvdmvyl2xvy2fsl3n0yw5kyxjklzawl0wxl1lplmpwzw1

„Nach jeder Ablehnung sagte mir Knox, ich solle das Ende ändern und Nolan am Leben lassen. Langsam zeigte das Wirkung. Aber ursprünglich hatte ich die letzte aller tough guy-Stories schreiben wollen. Tough guys last stand. Dann hatte angeblich der Lektor bei Pyramid Books Kaffee über das Manuskript geschüttet. Knox meinte, da ich ein neues Manuskript tippen müsse, könne ich jetzt auch das Ende neu schreiben.“ Collins tat es, und ließ Nolan überleben, um ihn zu einem Seriencharakter auszubauen.

Neun Jahre hatte er versucht, seine Arbeiten zu verkaufen, bevor er 1971 seinen ersten Deal gelandet hatte. Von BAIT MONEY wurden seitdem weltweit über 250 000 Exemplare verkauft. Die weiteren Nolan-Romane waren ein ganz ordentlicher Erfolg, aber bald gab es ein Problem, von dem sich die Serie nicht mehr erholen sollte:

1981 übernahm der Verlag Harlequin Books von Pinnacle, bei dem Nolan jetzt erschien das Imprint Gold Eagle, in dem Don Pendletons Executioner-Serie über den Mafia-Killer Mack Bolan (diese Serie hatte in den 70er Jahren die Vigilantenwelle in den Paperback Original-Serien ausgelöst) erschien. Harlequin drohte Pinnacle einen Prozeß an. Sie behaupteten, Nolan sei eine juristisch nicht zulässige Kopie von Pendletons Executioner, und das die Namensähnlichkeit von Bolan und Nolan nicht zufällig sei. Größeren Schwachsinn kann man sich kaum vorstellen. Bolan war ein Söldner, jung, gutaussehend, ein Frauenheld und eiskalter Killer im Dienste seiner eigenen Gerechtigkeit. Nolan ein fünfzigjähriger Dieb, der einen Comic Fan als sidekick hatte. Wenn irgendjemand gegen die Nolan-Serie hätte klagen können, wäre es Donald Westlake gewesen, der aber dieses rip-off seiner Parker-Serie mochte und dem Autor Erfolg wünschte. Collins hatte ihn nach dem ersten Band sogar gefragt, ob er Nolan als Serie fortsetzen könne, oder Westlake sich plagiiert fühle. Westlake hatte ihm damals geantwortet, daß Nolan anders als Parker sei, und die Beziehung „zwischen Nolan und Jon menschlicher ist als alles, was ich je in den Richard Stark-Büchern geschrieben habe“. quarrymiddle1

Aber das interessierte die Idioten bei Harlequin nicht, die keine Gelegenheit scheuten, ihre ins Schlingern gekommene Mafiakiller-Serie vor gefährlicher Konkurrenz zu schützen.

Dabei wandten sich beide Serien an verschiedene Lesergruppen: Pendleton mit seinen primitiven Pulps, die von einer Legion von Autoren geghostet wurden, war eher Fernfahrerlektüre und für Leute, die beim Lesen die Lippen bewegen. Collins war schon damals ein sorgfältiger Autor, der jedem Buch eine individuelle Note verlieh. Jedenfalls knickte Pinnacle ein, obwohl es nicht zu einer rechtlichen Auseinandersetzung kam, die Pinnacle und Collins leicht gewonnen hätten. Der Verlag nahm Nolans Namen bei den Bänden fünf und sechs vom Cover, was zu dramatischen Einbrüchen bei den Verkaufszahlen führte. Es kam zwar nicht zum Prozeß, aber die Serie war erledigt und wurde eingestellt. Erst 1987 veröffentlichte Max einen weiteren Nolan. Seine zweite Noir-Serie hatte den Vietnamveteranen und Kontraktkiller Quarry als Protagonisten. Über die beiden frühen Serien sagte Max: „Ihre Amoralität spiegelt die Zeit wieder, in der sie geschrieben wurden.“

9783404131044-de-3001NATE HELLER

1975 trat Rick Marshall, der Comic-Redakteur des Field Enterprise Syndicate, an Collins heran. Collins war ihm als Autor und Comic-Kenner aufgefallen und sollte nun einen neuen Strip für Field entwickeln. Ein neuer Crime-Strip, der in den 30er Jahren spielen sollte, um so den Anschluß an die klassischen Abenteuerstrips dieser Epoche (Terry & Pirates, Prinz Eisenherz, Dick Tracy, Tarzan, Secret Agent X-9 usw.) zu suggerieren.

Collins erfand den Detektiv Nate Heller und siedelte ihn im Chicago der 30er Jahre an; Titel der Serie sollte HEAVEN AN HELLER sein. Aber bevor das Projekt realisiert werden konnte, verließ Marshall das Syndikat. Obwohl er mehrfach versuchte, den Strip unterzubringen, fand er kein Vertriebssyndikat. Ähnliches war Spillane passiert: MIKE HAMMER war ursprünglich auch als Comic geplant gewesen.

Es war die Zeit des großen Sterbens der Adventure-Strips. Selbst Klassiker wie TARZAN oder STEVE CANYON verloren immer mehr Zeitungen, in denen sie veröffentlicht wurden, und TERRY AND THE PIRATES und andere wundervolle Serien aus dem Golden Age wurden völlig eingestellt. Fast nur noch Funnys, also komische Strips mit abgeschlossenen Gags, bevölkerten die Comic Strip-Seiten der Tageszeitungen. Max kehrte zurück zum Romanschreiben (zwei Jahre später sollte er dann als Texter DICK TRACY übernehmen und diesen Dinosaurier revitalisieren).

„Ich habe Privatdetektiv-Romane immer geliebt. Aber alle Versuche, solche Geschichten zu schreiben, scheiterten. Für mich war der Privatdetektiv ein Anachronismus, aktuell nur erträglich in einer so wundervollen TV-Serie wie DETEKTIV ROCKFORD. Dann kam ich drauf: Der Privatdetektiv war vielleicht Geschichte, aber er existierte auch in der Geschichte. Hammett hatte den Archetypen Sam Spade 1929 erfunden, als Zeitgenosse von Al Capone. Der Privatdetektiv als literarische Figur ist offenbar alt genug, diese historische Variante zu rechtfertigen. Das war mein Ausgangspunkt. Außerdem wollte ich ein genaues Zeitbild beschreiben, nicht einfach eine weitere nostalgische Privatdetektivserie absondern. Um all das unterzubringen, braucht man schon etwas mehr Platz. Deshalb sind meine Nate Heller-Romane auch doppelt- oder dreifach so lang wie meine sonstigen Romane.“

TRUE DETECTIVE hielt lange Zeit den Rekord als längster Privatdetektivroman, der je in der ersten Person geschrieben worden war. Collins stellte diesen Rekord selbst ein mit STOLEN AWAY über die Entführung des Lindbergh-Babys.

Der Noir-Roman entdeckte die historische Perspektive relativ spät über den Umweg des Polit-Thrillers, der historische Ereignisse oder Persönlichkeiten in den Mittelpunkt stellt (etwa Frederick Forsyths DAY OF THE JAKAL oder Ken Folletts EYE OF THE NEEDLE).

Drehbuchautor Andrew Bergman schrieb 1974 mit THE BIG KISS-OFF 1944 den ersten von zwei Romanen, die im Hollywood der 4oer Jahre spielen. Stuart M.Kaminsky begann ein Jahr später mit seiner Serie um den Hollywood-Privatdetektiv Toby Peters, der es in jedem Fall mit einem anderen Hollywood-Star aus den 40ern zu tun hat. 1975 veröffentlichte Joe Gores seine Hommage an den Urvater: HAMMETT. Ed Mazzaro schrieb in dieser Zeit ebenfalls einige Romane, die in den 30er Jahren spielten.

Der erste Heller-Roman, TRUE DETECTIVE, wurde 1984 mit dem Shamus-Award der Private Eye Writers of America ausgezeichnet.

Die Heller-Romane sind mehr als unterhaltsame period pieces à la Andrew Bergman oder Stuart Kaminsky; sie sind Rekonstruktionen einer Epoche. Die auftretenden historischen Personen sind keine Staffage, sondern integraler Bestandteil der Plots. „Bergman und Kaminsky schrieben im Grunde Romane, die ich als Epochenschilderungen bezeichnen würde; sie bedienen sich zwar geschickt realer Personen und Schauplätze, doch sie gehen nicht von realen Ereignissen jener Zeit aus.“

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DEUTSCHE AUSWAHL-BIBLIOGRAPHIE (stand 1998; da Max so produktiv ist, dass man als Bibliograph kaum hinterher kommt, empfehle ich die immer aktualisierte Homepage: http://www.maxallancollins.com/books/).

Nicht aufgeführt sind Comics und nur wenige Tie-ins, die bei uns veröffentlicht wurden (z.Bsp.: Der Soldat Ryan, CSI usw.).

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Nate Heller-Serie:

True Detective (Chicago 1933; Bastei 13015, 1985); St.Martin’s Press, 1983.

collins-heller01-chicago-1933-cover-klein1True Crime (Gangsterbräute 1934; Bastei 13036, 1986); St.Martin’s Press, 1985.

The Million-Dollar Wound (Gangsterkrie 1942; Bastei 13104, 1987); St.Martin’s Press, 1986.

Neon Mirage (Las Vegas 1946; Bastei 13261, 1990); St.Martin’s Press, 1988.

Stolen Away (Kidnapping; Bastei 13460, 1993); Bantam, 1991

Blood and Thunder (Blut und Donner; DuMont Noir 17, 1999); Dutton, 1995.

 

Nolan-Serie:

Bait Money (Köder für Nolan; Bastei 19087, 1990); Curtis, 1973.

Blood Money (Bußgeld für Nolan; Bastei 19093, ?); Curtis

Quarry-Serie:

The Broker (auch: Quarry. Quarry u.d.Makler d.Todes; Bastei 19061, 1988); Berkley, 1976.

The Broker’s Wife (auch: Quarry’s List. Quarry u.d.Liste d.Todes; Bastei 19064, 1988); Berkley, 1976.

The Dealer (auch: Quarry’s Deal. Quarry u.d. Killer; Bastei 19066. 1988); Berkley, 1976.

The Slasher (auch: Quarry’s Cut. Quarry gibt nicht auf; Bastei 19079, 1990); Berkley, 1977.

Primary Target (Quarry u.d.Millionenkontrakt; Bastei 19071, 1989); Countryman, 1987.

Mallory-Serie:

The Baby Blue Ripp-Off (Ein Veteran kehrt heim; Bastei 19103, 1987); Walker, 1983.

No Cure for Death (Der Einäugige; Bastei 19105, 1987); Walker, 1983.

Kill Your Darlings (Mordkongress; Bastei 19106, 1987); Walker, 1984.

A Shroud For Aquarius (Auch Blumenkinder sterben; Bastei 19115, 1987); Walker, 1985.

A Nice Weekend for a Murder (Wochenendmorde; Bastei 19123, 1988); Walker, 1986.

 

Eliot Ness-Serie:

The Dark City (Die dunkle Stadt; Bastei 19129, 1989); Bantam, 1987.

Butcher’s Dozen (Killer in der dunklen Stadt; Bastei 19139, 1990); Bantam, 1988.

 Non-Series:

Dick Tracy (Filmbuch. Dick Tracy; Bastei 13311, 1990)); Bantam, 1990.

NYPD-Blue: Blue Beginning (TV-Buch. Ein Bourbon zuviel; VGS, 1996); Signet, 1995.

Waterworld (Filmbuch); Arrow, 1995.

Private Ryan (Filmbuch. Der Soldat James Ryan; Knaur 61263, 1998); Signet, 1998.

 

Sekundärliteratur:

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Jim Thompson: The Killers Inside Him (mit Ed Gorman); Fedora Press, 1983.

 

One Lonely Knight: Mickey Spillane’s Mike Hammer (mit James L.Traylor);Bowling Green State University Popular Press, 1984.

 

The Best of Crime and Detective Television (mit John Javna); Crown, 1988.

 

The Mystery Scene Movie Guide: A Personal Filmography of Modern Crime Pictures; Borgo Press, 1995.

 

Elvgren: His Life & Art (mit Drake Elvgren); Collectors Press, 1998.

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