Martin Compart


TÖTET DIE AUSBEUTER – „CRIPPLED JACK“ WEHRT SICH by Martin Compart

In der amerikanischen Presse wird CRIPPLED JACK als „revisionistischer Western“ gefeiert.
Das stimmt insofern, dass Boston Teran in seinen zeitgeschichtlichen- und historischen Thrillern immer mit der verlogenen Geschichtsklitterung der USA aufräumt und die Wahrheiten hinter den Lügen aufdeckt. Das moralische Territorium von Amerikas verderbter Seele ist eines seiner Hauptthemen.
Nach der Lektüre wird man erbost 90% aller Hollywood-Western in die Tonne kloppen.

Dieses Buch könnte man auch als eine Art Fortsetzung seiner DEFIANT AMERICANS-SERIE lesen. Nicht nur, was das historische Umfeld betrifft, sondern auch die „coming of age“-Nebenhandlung würde dazu passen.
Aber der amerikanische Horror, den junge Menschen erleiden müssen, durchzieht Boston Terans gesamtes Werk. Seit seinem ersten Roman, GOD IS A BULLET, erzählt er von den Grauen, die eine kapitalistische Gesellschaft ihren Kindern antut.

Wie fast immer serviert Boston Teran einen Knaller als Opener um sich dann weiter zu steigern:

Am Chihuahua-Trail kriecht ein achtjähriger Junge durch die Wildnis von Texas. Er ist gefesselt, teilweise gelähmt und kann sich nur mühsam fortbewegen. Seit zwei Tagen hat er weder gegessen noch getrunken, sich nur langsam vorwärtsgeschleppt. Seine Haut wirft bereits Hitzeblasen. Jedenfalls wird er es nicht mehr lange machen. Er liegt allein da und wartete auf den Tod, in all dieser unbarmherzigen Leere mit nur einem Gedanken: Warum hasst Gott mich so sehr?

An seinem zerrissenen Hemd ist eine Seite aus der Bibel geheftet, auf der mit schöner Handschrift die Bemerkung geschrieben steht: Alles weitere ist Gottes Angelegenheit. Diese schöne Widmung stammt vom Vater des Jungen, der ihn gefesselt und zum Sterben zurückließ, als er mit Frau und Tochter weitergezogen ist. Für den verkrüppelten Sohn hätte Wasser und Nahrung nicht mehr gereicht. Ein klarer Fall für Gott.

Zum Glück für den Knaben kommt Ledru Drum des Weges, genannt „The Coffin Maker“. Er ist auf der Flucht vor einer Bande, die er als „Wolves of the empire“ bezeichnet und die Agenten der Pinkerton Detective Agency sind. „They are an army of paid trash. A posse, militia, a gang that works for the wealthy mine owner, the oil company lord, the industrial robber baron. Their job is to keep the poor and disenfranchised in place. Even though they themselves are of that class.

Das Kind erzählt Drum, dass seine Familie ihn hasste und ihn verstieß, nachdem er sich geweigert hatte, weiterhin als Krüppel betteln zu gehen, müde von den ständigen Schlägen anderer Bettellknaben. Trotz seiner Behinderungen durch eine gelähmte, knorrige rechte Hand und eine Sprachbehinderung ist der Junge intelligent und den Umständen entsprechend gebildet.

Ledru gibt dem Jungen den Namen Matthew und nimmt ihn unter seine Fittiche. Er zeigt ihm, wie man trotz verkrüppelter rechter Hand als Linkshänder überleben kann. Aber er setzt auch seine terroristischen Aktionen gegen die Eisenbahnbarone fort.

Ledru ist eine individualterroristische Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise von 1873, die besonders den Aufbau der Union veränderte:
Sie setzte der Post-Bürgerkriegsgesellschaft der 1870er Jahre mit ihrem optimistischen Bestreben, das Land durch die Eisenbahn zu verbinden und zu einen ein abruptes Ende. Die Banken vergaben massiv Kredite, von denen sie wussten, dass sie Farmer und Kleinunternehmer ruinieren würden, Spekulanten und Aktienhändler ernteten Gewinne mit Versprechen, von denen sie wussten, dass sie sie nicht halten konnten, und es gab keine Ausstiegsstrategie. Eben eine der üblichen zyklisch auftretenden kapitalistischen Krisen zur Manifestation von Oligarchien und Knechtung der Besitzlosen.

Ich will nicht zuviel verraten: Aber es läuft auf die blutigen Konfrontationen zwischen den Räuber-Baronen und den sich formierenden Gewerkschaften hinaus; dabei setzt Teran auch der realen „Mother“ Mary Jones ein literarisches Denkmal.

Boston Teran schildert überzeugend und gleichermaßen die Erfahrungswelten von Männern und Frauen und kontrastiert die psychologischen Selbstinspektionen mit sozialen Reflexionen. Der Roman gibt einmal mehr Anlass zu den Spekulationen, ob sich hinter dem Pseudonym doch eine Frau verbirgt oder ob Boston Teran das Pseudonym mehrerer Autoren – darunter eine Frau – ist.

Die befriedigende Mischung aus historischen Fakten und revolutionären Konzepten wird unter Terans Hand lebendig. Eine Westerngeschichte, aber auch große Literatur, die alle Insignien des Westerns verwendet und die Handlung auf eine höhere Ebene hebt. Höchst attraktiv für literarische Leser, die nach etwas anderem suchen. Boston Teran hat mit CRIPPLED JACK ein weiteres wunderschön geschriebenes und brutal kompromissloses Meisterwerk vorgelegt. Trotz der zeitlichen Distanz liest sich das Buch erschreckend aktuell.

Der 15. Roman von einem den größten lebenden amerikanischen Schriftstellern.

Es gibt wenige zeitgenössische Schriftsteller, die über einen vergleichbar reichen Wortschatz verfügen. Meist drängt sich der Vergleich mit Cormac McCarthy auf (auch wegen ähnlich harter Sujets), aber Teran ist anders und mindestens genauso überzeugend.

Pflichtlektüre für den Schwarzen Block (die im Gegensatz zu dümmlichen Nazis auch „verjudete“ Fremdsprachen beherrschen. „Beherrschen“ – mehr Idiotie geht kaum.



CRIPPLED JACK IS COMING! by Martin Compart

Der 15. Roman von einem der größten lebenden US-Autoren wird am 5. September veröffentlicht!

Inzwischen bin ich verwöhnt und dankbar, denn alle ein- bis zwei Jahre kann man damit rechnen, dass er ein neues Buch vorlegt. Und jedes war bisher ein Knaller!

Mit seinen Verfilmungen hatte er bisher leider Pech: Seit Jahren sind zwei in Hollywoods Pipeline. Aber mit etwas Glück könnte Nick Cassavetes Adaption des Klassikers GOD IS A BULLET dieses Jahr noch in die Kinos kommen.

Als Europäer vergisst man manchmal, dass die härtesten Kritiker der USA Amerikaner selbst sind. Dieser Autor nutzt in seinem eindrucksvollen Werk klassische amerikanische Genre, Noir und Western, um daraus (auch) Polit-Thriller zu machen, die den amerikanischen way of life als crooked mile enttarnen.

Mehr Anti-Trumpismus als CRIPPLED JACK ist schwer vorstellbar.

Dass ich seit langem ein großer Fan von ihm bin, kann man in zahlreichen Beiträgen in diesem Blog verfolgen. Das er bisher keinen deutschen Verlag gefunden hat, sagt eine Menge über die Verlage (aber das wird sich nächstes Jahr ändern).

CRIPPLED JACK is a revisionist western set against a landmark era in American folklore.

Those were the years of poverty, homelessness and hatred between the classes.
In that time when bloodthirsty violence ruled the day a boy was bound and gagged and left to die in the desert. He was not yet nine and suffered what they called the palsy.
There was a note pinned to his chest – It’s up to God now.

But the boy did not die. Fate and history merged in his will to live. He was found by a horseman who was at war with the profiteers of the day, the Czars of business, the masters of corporate avarice. He was known as – The Coffin Maker.

He became the star on the boy’s horizon. The boy would grow to become an expert marksman known as Crippled Jack. He will come of age during the labor wars that were consuming the West. His friends will be enemies of the state. He will come to love a woman who has escaped the orphan trains and is a reporter covering the bloodshed sweeping the nation.
Together they will usher in a new America. An America that has every intention of turning the country upside down, so that it may stand right side up.

CRIPPLED JACK transforms the classic American western into a scathing and violent protest novel. A war for social justice, for equality, and for hope – a war we’re still fighting today.

Publishers Weekly raved in a starred review: „Teran’s storytelling has a mythic quality to it, and his recreation of a violent era in American history will resonate with many today. Fans of Charles Portis and Philipp Meyer will be enthralled.“
https://www.publishersweekly.com/9781567031010



IM HERBST 2022:KENNETH FEARING BEI ELSINOR by Martin Compart




DIE PROVINZ BRENNT: DER NEUE GRANGÉ by Martin Compart

Das Elsass während der Weinernte: In einer Kapelle wird unter den Trümmern eines Freskos die Leiche eines Mannes entdeckt. Das Gebetshaus liegt unweit des Wohnorts einer religiösen Gemeinschaft, deren Bewohner ein Leben wie vor 300 Jahren führen und sich durch den Weinbau finanzieren.
Kommissar Pierre Niémans ahnt schon bald, dass der mysteriöse Todesfall nicht das einzige finstere Geheimnis der Täufergemeinde ist. Um mehr zu erfahren, beschließt er, seine Assistentin Ivana undercover als Erntehelferin einzuschleusen. Als ein weiterer Mord geschieht, gerät auch Ivana in große Gefahr…

Lübbe Belletristik
Hardcover, 22,00 €, 366 Seiten
ISBN: 978-3-7857-2787-4
Ersterscheinung: 29.04.2022

eBook (epub) 16,99 €
Hörbuch (CD) gekürzt 19,99 €
Hörbuch (Download) gekürzt 13, 99€

In Deutschland sind die Zeiten vorbei, in denen der neue Grangé regelmäßig die Bestsellerlisten anführte.
Aber er hat auch hier noch ein großes und treues Stammpublikum, jenseits der  intellektuellen Verknappung der Kriminalliteratur im deutschsprachigen Raum, das nach wie vor vom Lübbe-Verlag bestens bedient wird. So ist auch dieser Band wieder exzellent ediert und produziert. Ersteres durch die Arbeit der langjährigen Grangé-Lektorin Iris Gehrmann und der Übersetzerin Ulrike Werner (die angesichts des vom Autor viel verwendeten Elsässer Dialekts hart gefordert wurde).

Für Grangés Werk ist dies ein kurzer Roman.
Das hat damit zu tun, dass er – wie schon sein Vorgänger, DIE LETZTE JAGD, – auf einem Drehbuch der erfolgreichen TV-Serie DIE PURPURNEN FLÜSSE basiert.
Für die Fernsehserie reanimierte Grangé extra seinen populärsten Helden, Kommissar Pierre Niémans (der dank der Darstellung durch Jean Reno in zwei erfolgreichen Kino-Filmen zum Serienhelden mutierte).

Mit Niémans nutzt Grangé einmal mehr das Klischee – oder charmanter ausgedrückt: den kriminalliterarischen Topos – des bärbeißigen Macho-Bullen. In den Romanen ist er noch mürrischer als in der TV-Serie („ Seine guten Vorsätze hielten nicht lange. Weder Sanftheit noch gute Laune passten zu ihm.“ „Die heutige Zeit, die nur noch aus Vorsorge für alle Eventualitäten zu bestehen schien, fand er zum Kotzen.“). Für ihn gelten natürlich weder Regeln noch Vorschriften, genauso wenig wie Hierarchien. Er neigt dazu, wie eine Abrissbirne ins Geschehen zu schlagen.

Ihm zur Seite steht die junge Kollegin Ivana (wohl auch ein Zugeständnis an die TV-Serie, die dort Camille heiß). Ivana, verletzlich, umtriebig, rücksichtslos und scharfsinnig, ist eine „moderne“ Frau mit turbulenter Vergangenheit. Als Typus inzwischen ebenso ein populärkulturelles Klischee – Verzeihung: Topoi – wie der griesgrämige Macho-Bulle.
Schlechte Autoren langweilen mit solchen Konstellationen, Grangé kommt damit nicht nur durch, er amüsiert und unterhält.

Wieder mal hat er sich die/eine französische Provinz vorgenommen und ihre Widerwärtigkeiten enttarnt. Immer wieder zeigt Grangé ein Frankreich-Bild, das sogenannte Patrioten zum Kotzen bringt. Außerdem variiert er zwei seiner „Lieblingsthemen“: Kinder als Opfer und Sekten.

Auch hier gelingen dem „Archäologen des Bösen“ eindringliche Bilder des Schreckens, die über visualisierte Umsetzungen hinaus reichen und Motive der Gothic Novel aktualisieren. Viele Romane des Autors beeindrucken als moderne Gothic Novels, verdanken einiges dem Marquis de Sade und Dekadenten wie Joris-Karl Huysmans.

Sein filmischer Stil, der die Szenen wie im Kino am Zuschauer vorbei rollen lässt, trügt häufig darüber hinweg, dass Grangé zu den besten Stilisten der aktuellen Noir-Literatur gehört.

Auch im TAG DER ASCHE finden sich wunderbare Apercus wie „Er nahm den Fuß vom Gaspedal wie ein Mörder, der plötzlich den Griff um den Hals seines Opfers lockert.“ Oder „Das Gehirn eines Polizisten ist wie eine Bibliothek. Temperatur und Luftfeuchtigkeit müssen ständig überwacht werden.“.

Die Kapitel sind kurz. Und wie immer wird man sofort mit Beginn des Buches in die Handlung gesogen.
Atmosphäre, Stil, Charaktere, Handlung und Rhythmus sind ganz so, wie man es von einem Grangé-Roman erwarten darf. Aber es dauert ziemlich lang, bis die Geschichte Fahrt aufnimmt und Action generiert. Das Ende erscheint mir ein bisschen schlampig gebaut. Für einen durchschnittlichen Thriller-Autor wäre TAG DER ASCHE ein Quantensprung.

Aber für Grangé gelten andere Maßstäbe.

Dies ist also mit Sicherheit nicht sein bester Roman (allerdings auch mehr als die ambitionslose novelization eines Drehbuchs). Aber das spielt keine wirkliche Rolle, denn es ist ein neuer Grangé!

Und der hat sich seit über zwei Jahrzehnten als eine der faszinierendsten und eigenwilligsten Stimmen in der Noir- und Thriller-Literatur etabliert.

Der Autor mit den Hauptdarstellern der TV-Serie: Erika Sainte und Olivier Marchal.

2020 erzählte Grangé bei Europe 1 über seine nächsten Projekte folgendes:

„Momentan adaptiere ich meinen Roman LOTANTO (PURPURNE RACHE) für eine TV-Mini-Serie. Außerdem arbeite ich an einem Buch über das Nachtleben und den Untergrund in Tokio. Und ich schreibe an meinem ersten rein historischen Roman, der sehr umfangreich werden wird. Mindestens 800 Seiten. 400 Seiten habe ich bereits, aber um auf 800 zu kommen, brauche ich für die erste Fassung 1200 Manuskriptseiten. Der Roman spielt 1935 in Berlin. Außerdem arbeite ich an einer neuen Fernsehserie, ein Originalstoff für viele Folgen. Das ist eine Menge Arbeit. Niemand kann behaupten, dass ich untätig bin und dem Müßiggang fröhne“

Jedes dieser Projekte wird von mir sehnsüchtig erwartet).



KRIMIS, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: ABBLOCKEN – Der Fußball-Thriller von Dan Kavanagh by Martin Compart

Fußball ist ein hartes Geschäft. Also der richtige Hintergrund für einen harten Thriller mit Tiefgang, der dem Leser auch noch Einsicht in die manchmal so bizarr anmutende Fußballermentalität gewährt:

„Duffy war ein nachdenklicher Typ. Es heißt, Torwarte neigen dazu, nachdenkliche Typen zu sein. Manche fangen gleich so an. Sie wollen Torwart werden, weil es ihrem Typ entspricht. Andere starten als gelassene, tüchtige Burschen und werden dann durch die eigenen schwachen Abwehrspieler zermürbt, oder sie verlieren plötzlich an Form und schwitzen schon beim Gedanken an einen hohen Querpass oder bei einem psychotischen Stürmer mit Zuchtbullenschenkeln, der nicht zu wissen scheint, ob er nun den Torwart oder den Ball ins Netz befördern soll. Auf dem Spielfeld kannst du dich verstecken; du kannst sogar anderen die Schuld zuschieben. Aber ein Torwart ist exponiert. Jeder Fehler hat katastrophale Folgen. Zehn Leute können ein Spiel gewinnen, und ein Trottel kann’s vermasseln, so heißt es immer. Du kannst dich wieder ein bißchen aufbauen, indem du die anderen zehn anschreist. Torwarte dürfen schreien und können manches Mal die Schuld an einem Tor abschieben, indem sie sich den zurückhaltendsten Spieler der Verteidigung herauspicken und ihm eins auf den Hut geben. Aber meist bist du auf dich allein gestellt und pendelst zwischen Langeweile und Angst.“

Tiefschürfende Erkenntnisse aus einem Kriminalroman, der schlichtweg einer der besten Fußball-Thriller ist, der bisher geschrieben wurden.
Verfasst von Dan Kavanagh, der in den 1980er Jahren zu den heißesten Tipps des Brit-Noir gehörte. Er setzte mit seiner Duffy-Tetralogie die Tradition des britischen Privatdetektiv-Romans fort, die allerdings nie so ausgeprägt war wie in den USA. Kavanagh ist ein Pseudonym des Schriftstellers und Somerset-Maugham-Preisträgers Julian Barnes, dessen Romane FLAUBERTS PAPAGEI und EINE GESCHICHTE DER WELT IN 101/2 Kapiteln auch bei uns Beachtung fanden. Inzwischen gehört er zum britischen Literaturestablishment und sein Status als bedeutender Schriftsteller der Gegenwart ist fraglos. 1)

Seine Kavanagh-Romane über den bisexuellen Privatdetektiv und Torwart einer Kneipenmannschaft Nick Duffy sind allerdings alles andere als feinsinnige Intellektuellenspiele.

In ABBLOCKEN (zuletzt 2001 bei Rowohlt, zuvor bei Haffmans Taschenbuch, 1992, und zuerst bei Ullstein als GROBES FAUL) geht es darum nicht nur um Fußball, sondern auch um Rechtsradikale und Rassisten: Die Athletics haben schon bessere Tage gesehen. Aber zurzeit kämpft der Londoner Fußballverein gegen den Abstieg. Merkwürdig nur, dass ausgerechnet die Spieler, die ungefähr erahnen, wo das gegnerische Tor steht, auf recht unfaire Weise kampfunfähig gemacht werden.

Und dann fangen auch noch die braven Fans an, Big Bren auszubuhen, nur weil er eine etwas andere Hautfarbe hat als die pickeligen Glatzen in der „Saustall“-Kurve. Hier muss es sich doch um ein abgekartetes Spiel handeln. Aber wer würde vom Abstieg der Athletics profitieren?

Der richtige Fall für Duffy, der einigen Leuten kräftig gegen die Stollen treten muss, bevor er durchblickt.

Nick Duffy ist natürlich ein echter Antiheld, der es seinen Gegnern mit gleicher schmutziger Münze heimzahlt. Auch wenn er nicht als strahlender Sieger vom Platz geht, einen Punktsieg weiß er zu holen. Man darf auch nicht übersehen, wie ungewöhnlich noch 1980 ein nicht-heterosexueller Protagonist in der Kriminalliteratur war.

Neben einer rasanten Handlung findet Barnes/Kavanagh noch Platz, bissige Kommentare zur Zeitgeschichte abzugeben. So gesehen sind seine vier Duffy-Romane nicht nur temporeiche Thriller, sondern auch genaue Bestandsaufnahmen der Thatcher & Co-Ära. Außerdem gelingt es ihm hervorragend, das Spiel vom Rasen aufs Papier umzusetzen, was bekanntlich den wenigsten Autoren von Fußball-Krimis gelingt (Ulrich von Berg, der regelmäßig Fußballbücher für das Magazin 11 FREUNDE bespricht, weiß schmerzhaft darüber zu berichten):
„Er machte einfach Tempo – die grausamste Methode, die es gibt: Biete dem Abwehrspieler den ganzen Ball an, laß ihm ein paar Meter Spielraum und dann sprinte blitzschnell an ihm vorbei, so als wolltest du sagen: gib’s auf, das Spiel, gib dir keine Mühe, du bist zu dick, du bist zu langsam, du bist nicht helle genug.“

Kavanaghs erster Roman, DUFFY, der im Pornomilieu von Soho spielt, wurde bei seiner Erstveröffentlichung von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften umgehend indiziert, da er angeblich dazu geeignet war, „Heranwachsende sittlich-ethisch zu desorientieren“.

Nicht nur Heranwachsende, Sportsfreunde!

1) „.My favorite story is of someone who went into an American crime bookshop and was buying a Dan Kavanagh, and the salesperson said, ‚Oh, I understand he writes other books under a pseudonym.‘ Which seemed a rather nice way around to it.

Hier noch ein paar nette Anmerkungen zu/über Kavanagh alias Julian Barnes.

Aus: Streitfeld, David. „Fancy Dan.“ The Washington Post Book World (27 December 1987):

On the phone, Kavanagh confirms that he was „schooled in the university of life. Knocked around a bit. What can thtell you?“ A soccer goalie, whose playing made up in aggression what it lacked in finesse. A steer-wrestler. Currently working at odd jobs he declines to specify. He adds that he flew light planes on the Columbian cocaine route. When it’s pointed out to him that even his publishers call this a boast, he adds mildly, „Where else would I have gotten the necessary background for Fiddle City?

Aus: Kellaway, Kate. „The Grand Fromage Matures.“ The Observer Review (7 January 1996):

And how about Barnes’s alter ego, the detective writer Dan Kavanagh? Has he dropped out of the race? Barnes laughs: ‚Poor old Dan. He is very sick. He hasn’t written anything for years. He’s jealous of my success.‘

DIE DUFFY-ROMANE VON DAN KAVANAGH (nach WIKIPEDIA):

1980: Duffy (Kriminalroman).
Duffy, dt. von Michael K. Georgi; Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1981, ISBN 3-86615-264-7.
Neuübersetzung: Duffy, dt. von Willi Winkler; Haffmans, Zürich 1988, ISBN 3-251-01007-7.

1981: Fiddle City (Kriminalroman).
Airportratten, dt. von Michael K. Georgi; Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1983, ISBN 3-548-10185-2.
Neuübersetzung: Schieber-City, dt. von Michel Bodmer; Haffmans, Zürich 1993, ISBN 3-251-30001-6.

1985: Putting the Boot In (Kriminalroman).
Grobes Foul, dt. von Verena Schröder; Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin 1987, ISBN 3-548-10483-5.
auch als: Abblocken, gleiche Übersetzung; Haffmans, Zürich 1992, ISBN 3-453-07299-5.

1987: Going to the Dogs (Kriminalroman).
Vor die Hunde gehen, dt. von Willi Winkler; Haffmans, Zürich 1989, ISBN 3-251-01036-0.

DIE INDIZIERUNG:

Weil sie so schön ist, hier die Begründung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften zur Indizierung von DUFFY. Als damaliger Herausgeber der Ullstein-Krimi-Reihe musste (oder durfte) ich ein Gegengutachten erstellen, das aber verworfen wurde. Leider habe ich keine Kopie dieses Gegengutachtens mehr und es schlummert wohl versteckt in irdendeinem Ullstein-Archiv. Der Haffmans-Verlag hat mit einer Neuübersetzung des Buches dann Ende der 1980er Jahre für eine neue Verfügbarkeit des Titels gesorgt (was nicht bedeutet, dass die Indizierung für die Ullstein-Übersetzung durch den großartigen Michael K. Georgi dadurch aufgehoben ist).





WYATT IST WIEDER DA by Martin Compart
14. Oktober 2021, 12:44 pm
Filed under: Noir, Pulp Master/Frank Nowatzki, Rezensionen | Schlagwörter: , , , , ,

Wyatt stiehlt. Und das ziemlich gut, denn er istvorsichtig wie eh und je, effizient und erfinderisch.Bei der Auswahl seiner Jobs greift er diesmal aufeinen Informanten im Knast zurück, der direkt ander Quelle sitzt: Sam Kramer. Bis zu dessen Entlassung kümmert sich Wyatt im Gegenzug um Kramers Familie. Doch der Afghanistan-Veteran NickLazar erfährt von dieser Vereinbarung. Über seinenInsider erfährt Lazar zudem, dass Kramer – undsomit auch Wyatt – zu Ohren gekommen ist, dassdem schlitzohrigen Finanzberater Jack Tremayne eine satte Anklage ins Haus steht und sein Koffermit einer Million schon griffbereit ist: Tremaynewill die Flatter machen …

Garry Disher trägt der Logik und Dynamik der globalen Finanzialisierung Rechnung und konfrontiert Berufsverbrecher Wyatt mit dem Ponzi-Schema:einem finanziellen Betrugssystem, womit Investitionen reicher Anleger verschleiert werden.

PULP MASTER Bd.53, 2021
Gary Disher:
MODER
9.Bd. der Wyatt-Serie
Original: KILL SHOR, 2018
Deutsch von Ango Laina u. Angelika Müller
Taschenbuch, 300 Seiten; € 14, 80. e-Book 9,99€.

Natürlich stand der große Donald Westlake als Richard Stark im Geburtssaal von Wyatt: „Ich habe alle Parker-Romane früh in meiner Schreibkarriere gelesen und wollte herausfinden, was ich mit einem cleveren Kriminellen als Hauptfigur anstellen kann. Ich wollte die Parker-Romane natürlich nicht kopieren, sondern meine eigene Herangehensweise entwickeln. Ich glaube, dass Wyatt ein reichhaltigerer Charakter als Parker ist, außerdem ist auch mein Plot dichter und sind die Nebencharaktere stärker entwickelt

Während Westlakes Parker-Romane immer schlechter wurden, werden Dishers Wyatt-Romane immer besser (und sind genauso wenig noch reine Hommagen wie Max Allan Collins Nolan-Bücher):
But Disher is more interested in emotion and less in surgical detail than Stark. Wyatt, though impatient with stupidity in others, is more social and susceptible than Parker. For one thing, he lets himself become involved with a woman during the caper’s planning, which Parker avowedly would never do. And when he does become involved, the feelings are more than just sexual. There are tenderness and vulnerability in Wyatt’s feelings for this novel’s femme fatale. There are also touches of humor here, both on the author’s part and the protagonist’s, where there would be none in a Parker book.
(http://detectivesbeyondborders.blogspot.com/2006/11/kickback-garry-dishers-thriller-and.html)



J.ROBERT JANES UND DIE NAZIS IN FRANKREICH by Martin Compart
1. Oktober 2021, 6:01 pm
Filed under: Nazi, Noir, NOIR-KLASSIKER, Porträt | Schlagwörter: , , , , , ,

Einige Krimi-Fans, die ich getroffen habe, sagten mir, sie seien wegen der Vichy-Romane von J.Robert Janes dazu übergegangen, Kriminalliteratur nur noch auf Englisch zu lesen. Denn nachdem die Dumont-Noir-Reihe nicht mehr fortgesetzt wurde, war auch die Publikation dieser Serie in Deutschland beendet. Mir ist auch aufgefallen, dass Janes Dumont-Romane in den Antiquariaten relativ teuer gehandelt werden. Nun ist Janes auch im englischsprachigen Raum kein Bestseller-Autor, aber er hat sich eine Gemeinde erschrieben, in der seine Vichy-Serie Kultstatus genießt (weshalb er sie über die geplanten 10 Bände fortgesetzt hat). Um an ihn zu erinnern und ihn zu würdigen, hier noch mal mein Nachwort zu Dumont-Noir Bd.10 SALAMANDER (mit allen zeitbedingten Überholtheiten).

IM ZWIELICHT VON VICHY

I.
Historische Romane haben seit Jahrzehnten Konjunktur. Wobei besonders historische Kriminalromane sich augenblicklich großer Beliebtheit erfreuen.
Alles begann mit Melville Davidson Posts UNCLE-ABNER-Geschichten, die im wilden Virginia Anfang des 19.Jahrhunderts spielten und ab 1918 veröffentlicht wurden.
In den 40er Jahren entdeckten Autoren wie Agatha Christie, John Dickson Carr und Lillian de la Torre (ihre wunderbaren Geschichten über Dr.Johnson warten noch auf eine deutsche Veröffentlichung) die faszinierenden Möglichkeiten dieses Subgenres, als dessen Höhepunkt gerne THE DAUGHTER OF TIME von Josephine Tey genannt wird.

Einen erneuten Push bekam das Genre Anfang der 70er Jahre mit dem Sherlock-Holmes-Revival (ausgelöst durch Nicholas Mayers THE SEVEN-PER- CENT-SOLUTION, 1974). Anfang der 80er Jahre wurden Ellis Peters Bruder Cadfael-Romane, Ann Perrys Viktorianische Krimis und vor allem Umberto Ecos DER NAME DER ROSE zu Bestsellern und Welterfolgen. Seitdem vergeht keine Woche, in der nicht ein Detektivroman über das alte Rom, die Renaissance, das Mittelalter oder eine sonstige Epoche erscheint.

Der Noir-Roman entdeckte die historische Perspektive relativ spät über den Umweg des Polit-Thrillers, der historische Ereignisse oder Persönlichkeiten in den Mittelpunkt stellt (etwa Frederick Forsyths DAY OF THE JAKAL oder Ken Folletts EYE OF THE NEEDLE).
Drehbuchautor Andrew Bergman schrieb 1974 mit THE BIG KISS-OFF 1944 den ersten von zwei Romanen, die im Hollywood der 4oer Jahre spielen. Stuart M.Kaminsky begann ein Jahr später mit seiner Serie um den Hollywood-Privatdetektiv Toby Peters, der es in jedem Fall mit einem anderen Hollywood-Star aus den 40ern zu tun hat. 1975 veröffentlichte Joe Gores seine Hommage an den Urvater: HAMMETT.
Ed Mazzaro schrieb in dieser Zeit ebenfalls einige Romane, die in den 30er Jahren spielten.
Einen weiten Schritt nach vorne machte das Subgenre 1983 mit Max Allan Collins‘ erstem Nate-Heller-Roman TRUE DETECTIVE. Collins untersucht durch seinen Detektiv in jedem Roman ein wahres Verbrechen und bereitet das bekannte Faktenmaterial so kunstvoll auf, daß man ihn heute als den absoluten Großmeister des Genres bezeichnen muß. An diesem Status kratzt nicht einmal James Ellroy mit seinem durchwachsenen L.A. Quartett oder AMERICAN TABLOID.

Während das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg immer ein sehr beliebter Hintergrund für Spionageromane und Polit-Thriller war, sparte der historische Detektiv- oder Noir-Roman diesen düsteren Zeitabschnitt aus.

Es ist kaum zu glauben, aber ausgerechnet in diesem kriminalliterarischen Segment wurde der Klassiker von einem deutschen Autor geschrieben!

Der unterschätzte und zu Unrecht in Vergessenheit geratene Hans Hellmut Kirst veröffentlichte 1962 den Noir-Roman DIE NACHT DER GENERALE, der zum Teil im besetzten Frankreich spielt und die Spur eines Serienkillers durch den Zweiten Weltkrieg bis in die Nachkriegszeit verfolgt. Der Roman (der einiges aus dem James Hadley Chase-Roman THE WARY TRANSGRESSOR „übernommen“ hatte und dies in den credits der Verfilmung auch zugeben musste) war damals ein großer Erfolg, erschien sogar in den USA und wurde von Anatole Litvak mit Peter O’Toole und Omar Sharif nach einem Drehbuch von Joseph Kessel 1966 als britisch-französische Co-Produktion verfilmt.
Kirst schrieb noch andere bemerkenswerte Kriminalromane, darunter die München-Trilogie über Skandale und Korruption auf höchster Ebene. Bei uns schmählich missachtet – auch von der deutschen Krimi-Szene -, ist er der einzige deutsche Autor, der Eingang in das Standardwerk TWENTIETH CENTURY CRIME WRITERS gefunden hat.


1989 legte der schottische Schriftsteller Philip Kerr mit MARCH VIOLETS seinen ersten Roman vor, der ziemlich noir war: MARCH VIOLETS hatte mit Privatdetektiv Bernie Gunther einen Protagonisten, der im Berlin der Nazis Ende der 30er Jahre ermittelte.

1992 erschien dann endlich mit MAYHAM Robert J.Janes erster St-Cyr und Kohler-Roman, der sich auf einem völlig neuen Niveau mit den Schrecken im besetzten Frankreich auseinandersetzt. Angesichts der gigantischen Verbrechen der Big Player Hitler, Himmler, Goebbels und Co., deren Blutspur sich durch ganz Europa zog, musste jedes noch so perfide individuelle Verbrechen verblassen. Was sind selbst hunderte Opfer eines Brandstifters im Vergleich zu den Massenvernichtungen durch die Nazis? Es ist nicht verwunderlich, dass sich nur sehr wenige Autoren für die „normalen“ Verbrechen im Schatten der Staatsverbrechen interessieren. Denn auch während des 3.Reiches, das individuelle Verbrechen wie jedes totalitäre Regime leugnete, geschahen alltägliche Morde und anderes.

II.
Joseph Robert Janes wurde 1935 in Toronto als mittlerer von drei Söhnen geboren. Als Kind war er ein Einzelgänger, bis er fünf Jahre alt war und den belgischen Knaben Willy aus einer Immigrantenfamilie traf. „Willy war so alt wie ich und sprach kein Wort Englisch. Aber wir verstanden uns trotzdem, gingen gemeinsam ins Kino und spielten Cowboy, Kampfpilot, Pirat usw. Wir lebten unsere kindlichen Phantasien aus, und diese Zeit war wohl wesentlich mitverantwortlich, dass ich Schriftsteller geworden bin.

Nach der Schulzeit studierte er an der Universität von Toronto Geologie und schloss 1958 als graduierter Mineningenieur ab. Er unterrichtete Geologie an der McMasters Universität in Hamilton und an der Brock Universität von St.Catharines, bevor ihn der Ruf der Ölindustrie erreichte.

Einige Jahre arbeitete er als Ölsucher für Mobil Oil of Canada und die Ontario Research Foundation, dann kehrte er zum Lehramt zurück. „Ich sehe mich auch heute noch als Geologe und Mineningenieur. Das verliert man nicht. Die ganze Art und Weise die Dinge zu betrachten, wurde durch meine Ausbildung beeinflußt. Die Fähigkeit, Fakten zu sammeln und auszuwerten, um komplexe Probleme analytisch zu lösen, ist meine wissenschaftliche Grundlage, die mir als Romancier hilft. Ich denke noch immer sehr akademisch.“

Seit 1970 ist er freier Schriftsteller und zu seinem Oevre gehören neben Geologie-Sachbüchern Romane (THE ALICE FACTOR, THE TOY SHOP) und Thriller (THE HIDING PLACE, THE WATCHER), vor allem Detektivgeschichten für Jugendliche (die Rolly-Serie).

1958 heiratete er seine Frau Grace, mit der er bis heute vier Kinder und sechs Enkel hat, für die er „aus dem Stand Geschichten erfindet und erzählt. Das sind die besten Geschichten.“

Wie alle professionellen Autoren ist auch Janes ein harter Arbeiter: „Ich arbeite jeden Tag außer sonntags. Ich beginne morgens um sieben Uhr mit einer Tasse schwarzen Kaffees und Papier und Bleistift. Von meinem Arbeitszimmer sehe ich auf unseren verwilderten altenglischen Garten und denke nach. Etwa um acht Uhr weiß ich, was ich schreiben werde. Mit einer zwanzigminütigen Mittagsunterbrechung arbeite ich bis etwa um fünf Uhr durch; Samstags nur bis vierzehn Uhr. Mein Arbeitszimmer unter dem Dach ist zwar so breit und lang wie das halbe Haus, aber mit Büchern und Papier vollgestopft. Zum Schreiben bleibt mir gerade mal ein Quadratmeter. Die erste Fassung schreibe ich immer mit der Hand. Die Tagesarbeit übertrage ich dann mit meiner IBM-Schreibmaschine. Kein PC! Ich mag diese technischen Erleichterungen nicht, weil sie das eigentliche Schreiben beeinflussen und den Text mit unnötigen Worten aufschwemmen.“

Tatsächlich lässt sich bei einigen Autoren beobachten, wie ihre Bücher plötzlich immer umfangreicher wurden – extrem war das bei Desmond Bagley der Fall – , nachdem sie auf ein PC umgestiegen waren. Janes Bücher sind dagegen nicht sehr umfangreich und stilistisch äußerst effektiv. „Ich sage allen jungen Autoren: Vergesst die Word Processor, PCs usw. Die machen alles zu einfach. Umschreiben und nochmals umschreiben ist das wichtigste bei der Schriftstellerei. Man muß sich quälen.“ Der selige Jörg Fauser, der einen bestimmten Uralttypus Schreibmaschine auch schon mal von einem Schrottplatz geholt hatte, hätte ihm sicherlich zugestimmt.

„Wenn ich den Titel eines Romans habe, beginne ich mit dem Schreiben. Der Titel muss für mich alles enthalten, er ist die Quintessenz des Romans und sollte die Substanz des Buches einfangen. Die Charaktere kommen aus der Story. Es sind Figuren, die für bestimmte Szenen nötig sind, damit ich sie so entwickeln kann, wie es mir nötig erscheint. Aber sie müssen natürlich stimmen und wahrhaftig sein, sonst funktionieren sie nicht. Aber bei mir kommt die Geschichte zuerst, die die Charaktere bedingt. Andere Autoren arbeiten erfolgreich genau umgekehrt.“

Janes Vorbilder und eventuelle Einflüsse sind Autoren, die beim besten Willen nicht der Kriminalliteratur zuzuordnen sind: „Seitdem ich selbst schreibe, lese ich kaum noch fiktionales. Denn ich möchte stilistisch nicht beeinflusst werden, was unweigerlich passieren würde. Zu meinen Lieblingsautoren gehörten John Steinbeck, Scott Fitzgerald, D.H.Lawrence (ein absolutes MUSS!), Edna O’Brien, Sean O’Faolain, John Fowles, Graham Greene und andere.“

III.
Den ersten St.-Cyr und Kohler-Roman, MAYHAM, schrieb Janes in nur drei Monaten. „In der Rohfassung meines Diamanten-Thrillers THE ALICE FACTOR gab es eine lange Passage über das okkupierte Frankreich. Der Verlag meinte, der Roman sei zu lang, und ich warf diesen Teil heraus. Danach schrieb ich einen bis heute nicht veröffentlichten Roman über einen Protagonisten, der sich an seine Zeit im besetzten Frankreich erinnert. In diesem Buch taucht ein unehrlicher Sureté-Detektiv auf. Mein Unterbewusstsein begann sich bereits mit St.-Cyr zu beschäftigen, als ich dieses Buch schrieb. Aber St.-Cyr sollte natürlich in gewisser Hinsicht ein Ehrenmann sein. Damals, durch die Situation bedingt, war so ziemlich jeder mehr oder weniger unehrlich oder ein Gauner. Ich wußte jedenfalls sofort, dass St.-Cyr einen starken Gegenpart braucht. Also kam mir Kohler in den Sinn. Aber ich war während des Krieges aufgewachsen und hatte die Deutschen zu hassen gelernt. Ich fragte mich, ob ich wirklich über einen sympathischen Deutschen schreiben konnte. Wie sollte ich das Einfühlungsvermögen entwickeln, das nötig ist für so eine wichtige und zentrale Figur? Irgendwie gelang es mir. Aber Kohler hatte immer die Tendenz, mir auf dem Papier wegzurennen. Noch heute, neun Bücher später, droht mir Kohler immer wieder zu entgleiten. Ich muß mich sehr intensiv auf ihn konzentrieren.“

Ohne das Tempo der Handlung zu verzögern – jeder St.-Cyr und Kohler-Roman spielt in einem kurzen Zeitraum von einigen Tagen, nie länger als eine Woche – gelingt es Janes das tägliche Leben in dem besetzten Land in die Handlung zu integrieren. Fernab allen dümmlichen Betroffenheitsgelalles zeigt er eindrücklich den alltäglichen Terror der Besatzer und den dauernden Überlebenskampf der einfachen Menschen. Er vermeidet simple Schwarzweißmalerei und zerstört abgedroschene Klischees. Er verdeutlicht geradezu erschreckend, wie wenig wir wirklich darüber wissen. Dabei vermeidet er Sentimentalität, was die Authentizität seiner Bücher erhöht.

Sein souveräner Umgang mit zeitgeschichtlichen Fakten und ihre künstlerische Vernetzung mit der Fiktion ziehen den Leser so intensiv in die Geschichte, das dieser die zeitliche Distanz aufgibt. Er macht die Vergangenheit auch emotional erfahrbar.
Neben seinen gelungenen Charakteren und den sauber konstruierten Plots macht diese atmosphärische Verzahnung von vergangener Realität und Fiktion die Faszination seiner einzigartigen Bücher aus. „Das besetzte Frankreich ist ein faszinierender Hintergrund, und ich entdecke immer wieder etwas neues.“

Gerade die genau recherchierten Details, die Janes unaufdringlich einfließen lässt, verblüffen den aufmerksamen Leser immer wieder. Wie Max Allan Collins gilt auch er als exzellenter Rechercheur, dem es gelingt, genau die richtigen Facts zu finden und zu nutzen. „Wir sprechen über Romane! Man kann auch etwas zu Tode recherchieren, bis mir oder dem Leser die Lust vergeht. Der Trick ist, nur das auszuwählen, was die Story lebendig werden lässt. Schriftsteller sind Jäger und Sammler und registrieren alles was sie lesen, hören oder sehen, um es mal irgendwann zu verwerten. Ich recherchiere dauernd. Die Jagd nach Material geht nie zu Ende. Seitdem ich 1970 mit dem Schreiben begann, habe ich keinen Urlaub gemacht. Nur Recherche-Reisen. Jeder Roman ist anders. Aber inzwischen weiß ich intuitiv, welches Material ich für ihn brauchen könnte. Ich mache eine Menge Notizen, schreibe Seiten nur mit Fakten und Details voll. Jedes Buch muss alleine für sich bestehen können, ohne vom Leser Vorkenntnisse zu verlangen.“

Oft gewinnt man den Eindruck, dass Janes der Atmosphäre seiner Romane alle anderen Elemente unterordnet. Und es sind die verschiedenen, meist düsteren, Stimmungen, die im Leser unauslöschlich haften bleiben. Dabei verlangt er bei der Lektüre einige Konzentration: Sein eigenwilliger Umgang mit dem inneren Monolog, dessen Perspektive abrupt gewechselt werden kann, ist nur effektiv, wenn man sich intensiv auf Stil und Autor einlässt. Janes verlangt den mitdenkenden Leser und macht keine Abstriche an sein literarisches Konzept. Paradoxerweise ist es gerade diese extrem subjektive Erzählerhaltung, die ein objektiv-realistisches Bild der Zeit heraufbeschwört.

Die „Globe and Mail“ verglich einen seiner Romane mit der „glanzvollen Handlung von H.H.Kirsts Klassiker DIE NACHT DER GENERALE“ und SANDMANN wurde sowohl von Publishers Weekly wie der New York Times unter die besten Thriller des Jahres 1997 gewählt. Seitdem seine Romane auch in den USA veröffentlicht werden, ist Janes kein Geheimtipp mehr. Sieben Romane wurden von der Stornoway Productions unter Option genommen. Das Drehbuch zum ersten Roman MAYHEM ist von Ron Base fertiggestellt worden und seitdem sind immer wieder ein Kinofilm wie auch eine Fernsehserie für die BBC im Gespräch.

1. Mayhem (1992)

2. Carousel (1992)

3. Kaleidoscope (1993)

4. Salamander (1994

5. Mannequin (1994)

6. Sandman (1994)

7. Stonekiller (1995)

8. Dollmaker (1995)

9. Gypsy (1997)

10. Madrigal (1999)

11. Beekeeper (2001)

12. Flykiller (2002)

13. Bellringer (2012)

14. Tapestry (2013)

15. Carnival (2014)




JAMES LEE BURKE „Nicht das Amerika meiner Jugend“ by Martin Compart

Nach dem erschütternden Hurrikan Katrina braucht Detective Dave Robicheaux eine Auszeit. Gemeinsam mit seiner Frau Molly und seinem besten Freund Clete will er sich auf einer Ranch in Montana beim Fischen erholen.
Doch die vermeintliche Idylle wird schnell durchbrochen, als zwei Studenten brutal ermordet und bei der Ranch aufgefunden werden. Robicheaux wird unmittelbar in den Fall hineingezogen, in die Machtspiele derer, die in Montana den Ton angeben. Clete hat währenddessen allerhand eigene Probleme und wird schon bald von seiner kriminellen Vergangenheit heimgesucht.

Übersetzt von Bernd Gockel
Pendragon Verlag
Deutsche Erstausgabe

Band 17 der Robicheaux Edition
576 S., Klappenbroschur, PB,
ISBN: 978-3-86532-747-5
Juli 2021
Originaltitel : ‎ Swan Peak, 2008
€ 24,00

Einige Jahre hatte ich James Lee Burke nicht mehr gelesen. Ich war übersättigt, hatte wohl genug von Louisiana, Texas oder Montana. Dabei hat sein beeindruckender Ausstoß so gut wie nie die Qualität seiner Romane beeinträchtigt. Wie auch immer. Jedenfalls bin ich nun schon eine Weile reumütig zu ihm (und besonders Robicheaux) zurückgekehrt und las in diesem Jahr bereits einen zweiten Roman.

Und natürlich war er wundervoll.

Burkes kraftvoller und poetischer Stil kann einen Banausen wie mich dazu verführen, fast auf jeder Seite wohlformulierte Sätze anzustreichen. So auch in KEINE RUHE IN MONTANA:

„Meine Begeisterung ging allerdings nie so weit. Diesem geborenen Don Quichotte auf seinen Feldzügen gegen alle Windmühlen dieser Welt zu folgen. Seine rostige Rüstung war immer griffbereit, auch wenn es in seinem Leben von zerbrochenen Lanzen nur so wimmelte.“

„Sie spürte, wie sich der Whiskey langsam in ihr Nervensystem vortastete.“

„Geh mit keiner Frau ins Bett, die mehr Probleme hat als du selbst.“

Dies ist einer von Burkes umfangreichsten Robicheaux-Romanen, und das hat einen Grund: in keinem mir bekannten anderen Roman steigt er tiefer in die Psychologie der Figuren ein, um zu ergründen, warum sie tun, was sie tun. „I was a social worker once, working at times in association with California Parole and Probation. I worked with a lot of convicts and career criminals. And I was a newspaper reporter. Then, I worked for nine years for a Miami junior college that served as a kind of adjunct for the Miami PD. In truth, most of my work has to do with the larger society. I’m not really that knowledgeable about police work. The real story is in the psychology of the characters.” (Burke)

Unter den komplexen Romanen der Serie ist dieser vielleicht der komplexeste mit den vielen Handlungssträngen, Charakteren, Robicheauxs Reflektionen und der kaum noch zu steigernden Qualität von Burkes stilistischer Qualität.

Burke hat dem ICH-Erzähler neue lyrische wie sozio-historische Dimensionen gegeben. Bekanntlich ist der Ich-Erzähler seit Mark Twains HUCKLEBERRY FINN, Herman Melvilles MOBY DICK oder Scott Fitzgeralds THE GREAT GATSBY einer, wenn nicht der, „Helden“ der amerikanischen Literatur. „Using a first-person narrator is simply a matter of hearing the voice inside yourself. The character is already in the author, I think. The challenge is not to allow the ego of the character to dominate the story.”

Burke ist durch und durch ein amerikanischer Autor, dessen Einflüsse und Bezüge bis auf Thoreau und James Fenimore Cooper zurück reichen. Seinen ausführlichen und liebevollen Naturbeschreibungen, voller poetischer Verbundenheit, stehen oft depressive oder höhnische Darstellungen des urbanen Lebens gegenüber.

Wie so viele Hard-boiled-Helden ist auch Robicheaux ein moderner Nat Bumppo, ein Spurenleser in der Industriegesellschaft, der die Wildnis nicht vergessen hat. „Die trotzige Melancholie seiner Bücher erinnert an das Spanish moss, das man in seinen Landschaftsbeschreibungen buchstäblich riechen kann: irgendwie traurig, aber ein Zeichen von Leben“, schrieb Tobias Gohlis.

Der „Independent“ vergleicht ihn mit Zola:
„There are not many crime writers about whom one might invoke the name of Zola for comparison, but Burke is very much in that territory. His stamping ground is the Gulf coast, and one of the great strengths of his work has always been the atmospheric background of New Orleans and the bayous. His big, baggy novels are always about much more than the mechanics of the detective plot; his real subject, like the French master, is the human condition, seen in every situation of society.”

KEINE RUHE IN MONTANA schließt brillant an den anders brillanten Vorgänger STURM ÜBER NEW ORLEANS (THE TIN ROOF BLOWDOWN, 2007) an: Robicheaux, seine Frau und Purcell suchen Erholung von den Schrecken Katrinas in Montana.

Die Schatten der Vergangenheit sind lang für Dave Robicheaux und seinen alten Freund Clete Purcell. Und die Geister der Vergangenheit ruhen nicht. Einer dieser Geister ist der Mobster Sally Dio, den Robicheaux, bzw. Clete, im dritten Band der Serie (BLACK CHERRY BLUES, SCHMIERIGE GESCHÄFTE) erledigt hatte. Nun taucht nicht nur ein alter Gefolgsmann des Gangsters auf um Ärger zu machen, auch Clete hat Schwierigkeiten. Denn das FBI hat Sallys Akte nach zwanzig Jahren wieder geöffnet und untersucht unter der Leitung der vietnamesisch-amerikanischen Agentin Alicia Rosecrans seinen Tod bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz in Montana.
Und Clete gerät bei seinem destruktiven Trip down suicide road (Mit Cletes Dämonen würde es kein Exorzist aufnehmen) wieder unter Verdacht, etwas damit zu tun gehabt zu haben.

Und da sehe ich eine Schwäche in der Story. VORSICHT! SPOILER ALARM! Ist es glaubhaft, dass eine junge bekennende Lesbe sich mit einem sechzigjährigen Drogenfreak einlässt und mit ihm den Rest seines Lebens verbringen will? I mean really, Mr. Burke… Auch mit der Wandlung von Troyce Nix habe ich Glaubwürdigkeitsprobleme.

Nie hat Burke so viele unterschiedliche Handlungsstränge so ausführlich in ihrer Entwicklung behandelt. Jeder könnte einen eigenen Roman hergeben. Sie werden verknüpft, wie nur Burke es kann, verwoben durch Burkes harter sozialkritischer Weltsicht, die ein Amerika zeigt, „dass nicht mehr das Amerika meiner Jugend ist“. Eben die USA seit dem roll back, beginnend mit Ronald Reagan.

Er schließt sich einer These an, die sich unter Zynikern und pseudo-marxistischen Theoretikern in den letzten Jahrzehnten zunehmend verbreitet hat: „When people talk about class war, they’re dead wrong. The war was never between the classes. It was between the have-nots and the have-nots. The people in the house on the hill watched it from afar when they watched it at all.” Wirklich entziehen kann man sich dieser Argumentation schwerlich.

In der erschreckenden Gefängnissequenz führt Burke das perverse privatisierte Verwahrungssystem der USA vor. So lässt er den ehemaligen Abu Ghraib-Schergen Troyce Nix sagen: „Ich bin Gründungsmitglied und Aktionär der Firma, die das Gefängnis betreibt. Was bedeutet, dass eine Wohnpauschale Teil meines Vergütungspakets ist. Anders gesagt: Die Beschäftigung von Häftlingen hier (auf meinem Grundstück) unterscheidet sich in keiner Weise von der Beschäftigung innerhalb der Gefängnismauern. Und wenn du nun mit dem Gedanken spielst, dir einen diese lachhaften Bürgerrechts-Advokaten…“

Wie immer bei Burke gibt es auch in MONTANA wunderbare Naturbeschreibungen und pointierte Beobachtungen: „Der Blitz schien vor dem Einschlag für eine Sekunde unentschlossen zu zögern, als wolle er sich ein spezielles Lebewesen herauspicken, das er nun an der Erdoberfläche aufspießte.“

“With its trademark mix of brutality and poetry, Swan Peak is a brilliant piece of work from an American master”, stellte der “Observer” treffend fest.

Der Roman, der auf ein furioses Finale hinausläuft, ist – wie gesagt – mit 571 Seiten höchst umfangreich. Da man ihn kaum aus der Hand legen kann, sollte man sich vor der Lektüre entsprechend Zeit einräumen.




IM REICH DER UNTERGEHENDEN SONNE – DAVID PEACES TOKIO by Martin Compart
29. April 2021, 8:17 am
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In seinem lang erwarteten neuen Roman erzählt David Peace von einem mysteriösen Todesfall, in den höchste Kreise verwickelt sind, und von einer Verbrecherjagd, die ein ganzes Land in Atem hält. Manchmal darf die Wahrheit nicht ans Licht kommen, weil die Nacht sonst ewig währt.

Tokio, 5. Juli 1949. Sadanori Shimoyama, Präsident der Nationalen Japanischen Eisenbahngesellschaft, verschwindet spurlos – einen Tag nachdem er die Entlassung von 30.000 Angestellten verkünden musste. Die amerikanischen Besatzer führen in dem kriegsversehrten, gedemütigten Land umfassende Reformen durch, ohne Rücksicht auf Verluste. Auf den Straßen herrschen Gewalt und Chaos, die Kommunisten gewinnen an Einfluss, was die Amerikaner mit allen Mitteln verhindern wollen.
Detective Harry Sweeney aus der Abteilung für öffentliche Sicherheit leitet die Vermisstensuche- auf direkten Befehl von General MacArthurs Hauptquartier. Doch dann wird der verstümmelte Leichnam Shimoyamas gefunden. Der Präsident der Nationalen Eisenbahngesellschaft wurde von einem Zug überrollt. Hat er Selbstmord begangen, aus Verzweiflung darüber, Abertausende Menschen ins Elend zu stürzen? Oder waren die Kommunisten für seinen Tod verantwortlich? Der Krieg ist vorbei, aber die dunklen Schatten der Vergangenheit werden immer länger …

Tokio, neue Stadt

Roman
Aus dem Englischen von
Peter Torberg
432 Seiten, € 24,00
Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN
978-3-95438-127-2
Auch als eBook erhältlich

Die frühe Nachkriegszeit in Japan war chaotischer und turbulenter als in Deutschland. Die amerikanischen Besatzer führten ein brutales Regime, beherrscht von Rassismus und vor allem der Angst vor dem Kommunismus. Sie brachten japanische Kriegsverbrecher wieder in Brot und Arbeit und nutzten die organisierte Kriminalität der Yakuza für den Kampf gegen Gewerkschaften und alles, was der Soziopath und oberste Besatzer General MacArthur als links definierte.

Vor diesem Hintergrund siedelt der britische Autor David Peace seine Tokio-Trilogie an, dessen letzter Roman TOKIO NEUE STADT (TOKIO REDUX) soeben erschienen ist. Peace lebte 15 Jahre in Tokio, und das spürt man: Sein Tokio ist kein touristisches Klischee und die japanische Mentalität, soweit ich das von außen beurteilen kann, zugänglich dargestellt.

Allen Romanen liegen tatsächliche Kriminalfälle zugrunde und beleuchten unterschiedliche Zeitebenen. Wie sein Idol James Ellroy ist Peace von der Vergangenheit besessen: „Das Gute an der Gegenwart ist, dass sie sehr schnell Vergangenheit wird.“

In TOKIO NEUE STADT sind es drei Zeitebenen, die aus der Perspektive von drei Männern erzählt werden: 1949 von US-Ermittler Sweeney, 1964 von Privatdetektiv Murota Hideki und 1988 von dem in Japan lebenden Lehrer Donald Reichenbach. Drei Männer werden in drei unterschiedlichen Zeiten aus unterschiedlichen Gründen von demselben Mysterium beherrscht.

An dem Roman arbeitete er lange Zeit: „Redux. I’ve been working on it for 10 years and the various abandoned drafts must run to well over half a million words. Redux has been a big part of these last 15 years, neglected at times because of some of the changes during those years. The routine has fundamentally remained the same: I work from eight to four, seven days a week. But I’m much less confident in my writing than I used to be, and often feel paralysed by doubt.”

Der 1967 geborene Autor gilt seit seinem RED RIDING HOOD-Quartett als ein Erneuerer und als Hoffnung der Noir-Literatur, die stilistisch seit Jean-Patrick Manchette, Derek Raymond, James Sallis und wenigen weiteren nicht besonders innovativ ist. Kolja Mensing sagte in einer Rezension: „David Peace größter Verdienst besteht sicherlich darin, dem Thriller seine gesellschaftliche Relevanz zurückgegeben zu haben. Das „Red Riding Quartett“ ist mehr als nur eine literarisch avancierte Revision der „Yorkshire Ripper“- Morde, sondern eine mentalitätsgeschichtliche Studie Großbritanniens zwischen 1974 und 1982.“

Das ehemalige Mitglied der Kommunistischen Partei spiegelt in seinem Lebenslauf dabei ironischerweise die Deterritorialisierung des Kapitals wider: Mit 24 Jahren ging er als Englischlehrer nach Istanbul, drei Jahre später, 1994, nach Japan. Als er nach Tokio kam, sprach er kein Wort Japanisch; inzwischen spricht er es fließend, kann es aber kaum lesen.

„I didn’t know too much about Tokyo before I arrived, but I had seen Kurosawa’s film version of Ryunosuke Akutagawa’s „Rashômon“ and so bought the author’s collected stories. But the one that really caught my eye was not „Rashômon“; it was called „In a Grove“, which is essentially an account of a rape and murder told from six different and conflicting perspectives. It’s stayed with me ever since.“

Vereinsamt in der fremden Stadt, schrieb er in seiner kleinen Wohnung das, was sein erster Roman werden sollte. Er schickte das Manuskript jahrelang herum und bekam nur Ablehnungsschreiben.
Als es dann 1999 als erster Band seiner Yorkshire-Tetralogie doch noch veröffentlicht wurde, war seine Zielsetzung klar: es sollte eine Chronik des politischen Scheiterns werden.

Er blieb in Japan, heiratete eine Japanerin, mit der er zwei Kinder hat. Die Kultur schlug ihn in seinen Bann, insbesondere der Shintoismus. Besonders die Vorstellung, dass Räume von ihren Geistern beherrscht werden, fasziniert ihn und schlägt sich in seiner Literatur nieder.

Ein weiterer Grund bestätigt ihn darin, sich mit der japanischen Zeitgeschichte zu befassen: „for obvious reasons not too much interest in the 20th century for most people here.“ Das gilt bis hinauf zur Regierung, wie sich hervorstechend an dem Vorgängerroman TOKIO, BESETZTE STADT über die gigantischen bio-chemischen und Folter-Verbrechen der Unit 731 festmachen lässt: Die japanische Regierung leugnete die Existenz der Einheit 731 bis in die späten 1990er Jahre, verweigert bis heute eine Erörterung ihrer Taten und hält entsprechendes Archivmaterial unter Verschluss.

„I was drawn to writing about individuals and societies in moments that are often extreme, and often at times of defeat, be they personal or broader, or both.”

Sein Stil scheint auch durch seine jugendliche “Musikkarriere” beeinflusst. Er war Sänger in einer Pub-Band und schrieb auch die Lyrics. “- and then there was an obsession with Joy Division, and all that, dead poets…
But while people a little older than me were radicalised by the Clash, I was de-radicalised by the Sisters of Mercy, and became more interested in clubs and going out drinking. That said, by the time of the miners‘ strike, there was never any question of not supporting them, and my band played benefit gigs.“

Um seine historischen Perspektiven zu vertiefen, benutzt Peace ein selten gebräuchliches Stilmittel: Er setzt keine Zitat- oder Anführungszeichen. Wahrscheinlich um den Dialog nicht aus dem historischen Fluss zu reißen und somit weniger gegenwärtig erscheinen zu lassen. Den Verzicht auf Anführungszeichen findet man ebenfalls bei Cormac McCarthy oder William Gray.

Der Peace-Fan Mark Fisher beschrieb dessen Arbeitsweise oder Stil so:

„Peace stellte die Dramatik wieder her, indem er alles im Nachhinein gewonnene Wissen ausschließt. Die Ereignisse treten einem entgegen, wie als würden sie zum ersten Mal geschehen, und zwar ohne den lindernden Schutzschild eines allwissenden Erzählers.“

Auch der Noveau Roman dürfte ihn beeinflusst haben, dessen Maxime war ja die Diskrepanz zwischen dem eigenen Erleben und der angeblich unbefriedigenden Darstellung im Roman. Peace scheint da Michel Butors Forderung einer „kritischen Untersuchung der Wirklichkeitskenntnis“ zu folgen. Als Strategie hatte Jean Ricardou gefordert, aus dem Roman „das Abenteuer des Berichtens“ zu machen und „Den modernen Text lesen heißt, nicht einer Illusion von Wirklichkeit anheimzufallen, sondern der Wirklichkeit des Textes Aufmerksamkeit zu schenken“.

Entscheidend für sein frühes Werk nennt David Peace den Eindruck, den der Stakkato-Stil in WHITE JAZZ von James Ellroy bei ihm hinterlassen hat. Mit Ellroys Idiosynkrasie verbindet ihn auch die eigenwillige Synthese aus Fakten & Fiktion zu einer Art konspirativen Zeitgeschichtsinterpretation (dies ist keinesfalls abwertend gemeint, insbesondere angesichts der verlogenen und verschweigenden „offiziellen“ Geschichtsdarstellungen).

„White Jazz was the Sex Pistols for me. It reinvented crime writing and I realised that, if you want to write the best crime book, then you have to write better than Ellroy.“

Was sie unterscheidet, sind die politischen Haltungen: Ellroy ist ein Reaktionär, Peace ein Linker.

Er selbst beschreibt seine (gelegentliche) Arbeitsweise so: „My wife isn’t a fluent English speaker. Perhaps that has made a difference to how I write. What I do know is I walk round this room and say everything out loud over and over to get it right. Or sometimes I’ll get a kind of obsession where you will have to have in a sentence the first word as six letters, the second as five, the third as four and so on. Mad stuff.“

Im Vergleich zu den Yorkshire-Romanen wirkt TOKIO, NEUE STADT relativ konventionell erzählt, obwohl unter der Oberfläche alles lauert, was Peace zu einem unkonventionellen Schriftsteller macht.

In einem SPIEGEL ONLINE-Interview sagte Peace, dass er insgesamt 12 Romane zu schreiben gedenke, „weil mir das vor einigen Jahren klar wurde. Ich habe für alle Romane die Themen, ja sogar schon die unterzeichneten Verträge.“



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Peace: „Die großen Kriege der Gegenwart wurden von Menschen wie George W. Bush oder Tony Blair in Auftrag gegeben. Männern, die selbst nie einen Krieg erlebt haben und für die solche Gräuel deshalb abstrakt sind.
Herrn Kodaira aus „Tokio im Jahr Null“ hat es ja genau so gegeben. Er ging in Japan zur Armee und wütete schlimm in China, vergewaltigte, mordete und bekam daheim Orden. In Tokio mordete er weiter. Als das alles aufflog, richteten sie ihn hin.“



DUNKLE TAGE IM BAYOU – JAMES LEE BURKES 15. ROBICHEAUX-ROMAN by Martin Compart

To my mind, every good novel is a mystery.
To me the crime novel is actually the noir
novel of the 1930s and ‘40s. Those books—and
those films—are about the maturing of
America, class war, growth of the unions,
coming of the mob. It is all the story of America.

However, I would say that the setting of all my
stories is Golgotha. Not in a way that is morbid.
Instead, the story of Jesus is about the struggle
of the oppressed, the poor…
Everything I’ve written includes the story of
Golgotha, and also the search for the Grail.

James Lee Burke

Als eine Frau namens Trish Klein in aufgewühltem Zustand in New Iberia auftaucht, stellt Dave Robicheaux fest, dass es sich dabei um die Tochter von Dallas Klein handelt – seinem Freund aus dem Vietnamkrieg, für dessen Tod er sich bis heute schuldig fühlt. Kaum angekommen, schließt Trish zweifelhafte Deals in Casinos ab. Der Verdacht kommt auf, dass sie in Wahrheit einen viel größeren Coup plant. Kann es sein, dass Trish den Mord an ihrem Vater rächen will? Und was hat sie mit dem angeblichen Selbstmord einer jungen Studentin zu tun? Um den Fall aufzuklären, muss Robicheaux sich endlich seinen Schuldgefühlen stellen.

Dunkle Tage im Iberia Parish

Original: Pegasus Descending
Übersetzt von NORBERT JAKOBER
DEUTSCHE ERSTAUSGABE
480 Seiten, Klappenbroschur, PB, Euro 24,00
ISBN: 978-3-86532-745-1
Auch als eBook erhältlich.

Es muss einem Respekt abverlangen, wie sich Günther Butkus mit dem Pendragon-Verlag bei James Lee Burke reinhängt.

Seit dem Start bei Ullstein hat der Autor mehrmals seine deutschen Verlage gewechselt und bei uns nie den Erfolg gehabt, den man sich erhoffte.
Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass Burke verhältnismäßig dicke Bücher schreibt und somit die Kalkulation erschwert. Hinzu kommt, dass er nicht einfach zu übersetzen ist mit seiner Besessenheit von Fauna- und Landschaftsbeschreibungen. Da muss man schon gute Übersetzer verpflichten.

Das größte Manko für Burke und andere Hochkaliber des Genres ist das deutsche Krimi-Publikum. Seit Anfang des Jahrtausends (manche Kenner der Szene datieren den Dammbruch bereits auf die 1990er Jahre) ist der Niedergang des Publikumsgeschmacks unübersichtlich und scheint sich alle paar Jahre zu potenzieren. Wer Charlotte Link oder Sebastian Fitzeck in die Bestsellerliste kauft, bevorzugt leblosen Schwachsinn im restringierten Code und würde von Autoren wie Burke über die Belastungsgrenze ihres Verstandes herausgeführt.

Ich hatte mich vor einigen Jahren ein wenig satt gelesen an Burke. Hätte Chandler über zwanzig Marlowe-Romane geschrieben, wäre sicherlich derselbe Effekt eingetreten. Aber nun bekam ich doch wieder große Lust darauf, den alten Freund Robicheaux zu besuchen – und ich bereue es nicht! Viel zu oft habe ich mich in den letzten Jahren auf schlechte bis mittelmäßige Neuerscheinungen eingelassen, die dann nach 50 Seiten in die Tonne gekloppt wurden.

Burke schreibt labyrinthische Plots, vollgepackt mit ungewöhnlichen Charakteren, angesiedelt (meistens) in Louisiana. Manchmal erschreckend, wie seine Geschichten unter die Oberfläche dringen (vorwiegend duch die Charaktere) und tief sitzende Ängste aufwühlen. Wie schon bei Ross Macdonald sorgen die Geister der Vergangenheit für Gefahren der Gegenwart.

Dieser 15.Roman der Serie spielt unmittelbar vor Hurricane Katrina, den er voller Wut über das Versagen von Politik und Administration im Folgeband (STURM ÜBER NEW ORLEANS) thematisiert. In DUNKLE TAGE IM IBERIA PARISH brauen sich die Stürme über dem Atlantik zusammen und iIm Epilog bezieht sich Burke bereits auf die verheerenden Auswirkungen dieser Katastrophe, in der ein Hurrikan die Stadt New Orleans schredderte.

Der Roman beginnt mit einem hinreißenden Rückblick auf die frühen 1980er Jahre, als Robicheaux durch ein Austauschprogramm befristet für die Mordkommission des Miami Police Department arbeitet. Seine Sauferei ist mitschuld daran, dass er nicht die Tötung seines Vietnamkameraden Dallas Klein verhindert.

Ein weiterer Eintrag in Daves üppigem Schuldkonto. Robicheaux war immer ein Gefangener seiner Vergangenheit, aber wohl nie so intensiv wie in diesem Roman.

Wehmütig denkt er auch über seine Stadt, dem Big Easy, nach:

„Nicht wie es heute war, sondern von der Stadt, in der Clete und ich als junge Polizisten im Streifenwage unterwegs waren oder, mit einem Schlagstock bewaffnet, zu Fuß unsere Runde drehten. Es war eine Zeit, in der die Stadt in ihrer provinziellen Unschuld vor allem die Black Panthers fürchtete, oder langhaarige Kerle in Sandalen.

Das war bevor in den Achtzigerjahren Crack in der Stadt einschlug wie eine Wasserstoffbombe und die Regierung in Washington den Bundeszuschuss um die Hälfte kürzte.

Erstaunlicherweise herrschte bis in die 1970er eine genusselige Ruhe, die auf einem Pakt zwischen dem Teufel und der Justiz beruhte… Das French Quarter war der Goldesel der Stadt. Wer sich an einem Touristen oder einem älteren Menschen vergriff, wurde aus dem Verkehr gezogen… wer ein Kind belästigte, wurde halbtot geprügelt und an der Bezirksgrenze bei hoher Geschwindigkeit aus einem Polizeiwagen geworfen – und das auch nur, wenn er Glück hatte…

Das traditionelle New Orleans war wie ein Stück Südamerika, das vom Kontinent abgetrennt, von Passwinden über die Karibik herübergeweht worden war und am Südrand der Vereinigten Staaten angedockt hatte.“

Es ist ein Kriminalroman, der auch eine Eloge an Burkes geliebtes New Orleans und die Bayous ist; voller Melancholie und Zynismus.

Für seine „Southern Gothics“ gilt, was Leslie Fiedler über den Roman des Südens schrieb: „… dass der Roman des Südens ganz anders als der aus dem Norden das Melodramatische niemals zu umgehen versucht, sondern geradezu auf bluttriefende Handlungen versessen ist… und die sich mit Vorliebe im schwülen Klima eines `langen, heißen Sommers´ abspielen, vor der Kulisse von Fiebersümpfen…“ (Leslie Fiedler: THE RETURN OF THE VANISHING AMERICAN, 1968)

Aktuell hat Burke innerhalb der Robicheaux-Serie eine „Trilogie des Bösen“, wie er sie nennt, geschrieben:

„The last three books, including A Private Cathedral, comprise a trilogy. They tell a story that, I believe, has been in the making in the United States for a number of years.
That is the coming of a truly dark figure waiting in the wings. For many years we’ve been messing around fascism. We came close to it with Nixon, and later on we had the Bush administration, which I believe will go down as one of the worst. And then Trump…

But this is the first time that I’ve tried to write with an element of fantasy or science fiction, in terms of the time traveler.”

“I believe this is the century that will determine if we survive as a species.
That begins with global warming. Then, there is the recreation of colonialism, or what we could call, “neo-colonialism.” We are seeing the resurgence of a menace we thought we had left behind. Nationalism is growing stronger every day. There are white nationalists within the Trump administration, exerting an influence on national policy. The urgency of the threat has permeated into the writing.”

James Lee Burke ist einer der besten Gegenwartsliteraten und eine der angenehmsten und wichtigsten Stimmen der US-Literatur. Kriminalliterarisch hat er längst Klassikerstatus.

Und ich werde nicht mehr viel Zeit verstreichen lassen, um den nächsten Burke-Roman zu lesen.

Vielleicht noch eine Woche…

Ein Song, der zu Robicheaux passt: