Martin Compart


JAMES LEE BURKE „Nicht das Amerika meiner Jugend“ by Martin Compart

Nach dem erschütternden Hurrikan Katrina braucht Detective Dave Robicheaux eine Auszeit. Gemeinsam mit seiner Frau Molly und seinem besten Freund Clete will er sich auf einer Ranch in Montana beim Fischen erholen.
Doch die vermeintliche Idylle wird schnell durchbrochen, als zwei Studenten brutal ermordet und bei der Ranch aufgefunden werden. Robicheaux wird unmittelbar in den Fall hineingezogen, in die Machtspiele derer, die in Montana den Ton angeben. Clete hat währenddessen allerhand eigene Probleme und wird schon bald von seiner kriminellen Vergangenheit heimgesucht.

Übersetzt von Bernd Gockel
Pendragon Verlag
Deutsche Erstausgabe

Band 17 der Robicheaux Edition
576 S., Klappenbroschur, PB,
ISBN: 978-3-86532-747-5
Juli 2021
Originaltitel : ‎ Swan Peak, 2008
€ 24,00

Einige Jahre hatte ich James Lee Burke nicht mehr gelesen. Ich war übersättigt, hatte wohl genug von Louisiana, Texas oder Montana. Dabei hat sein beeindruckender Ausstoß so gut wie nie die Qualität seiner Romane beeinträchtigt. Wie auch immer. Jedenfalls bin ich nun schon eine Weile reumütig zu ihm (und besonders Robicheaux) zurückgekehrt und las in diesem Jahr bereits einen zweiten Roman.

Und natürlich war er wundervoll.

Burkes kraftvoller und poetischer Stil kann einen Banausen wie mich dazu verführen, fast auf jeder Seite wohlformulierte Sätze anzustreichen. So auch in KEINE RUHE IN MONTANA:

„Meine Begeisterung ging allerdings nie so weit. Diesem geborenen Don Quichotte auf seinen Feldzügen gegen alle Windmühlen dieser Welt zu folgen. Seine rostige Rüstung war immer griffbereit, auch wenn es in seinem Leben von zerbrochenen Lanzen nur so wimmelte.“

„Sie spürte, wie sich der Whiskey langsam in ihr Nervensystem vortastete.“

„Geh mit keiner Frau ins Bett, die mehr Probleme hat als du selbst.“

Dies ist einer von Burkes umfangreichsten Robicheaux-Romanen, und das hat einen Grund: in keinem mir bekannten anderen Roman steigt er tiefer in die Psychologie der Figuren ein, um zu ergründen, warum sie tun, was sie tun. „I was a social worker once, working at times in association with California Parole and Probation. I worked with a lot of convicts and career criminals. And I was a newspaper reporter. Then, I worked for nine years for a Miami junior college that served as a kind of adjunct for the Miami PD. In truth, most of my work has to do with the larger society. I’m not really that knowledgeable about police work. The real story is in the psychology of the characters.” (Burke)

Unter den komplexen Romanen der Serie ist dieser vielleicht der komplexeste mit den vielen Handlungssträngen, Charakteren, Robicheauxs Reflektionen und der kaum noch zu steigernden Qualität von Burkes stilistischer Qualität.

Burke hat dem ICH-Erzähler neue lyrische wie sozio-historische Dimensionen gegeben. Bekanntlich ist der Ich-Erzähler seit Mark Twains HUCKLEBERRY FINN, Herman Melvilles MOBY DICK oder Scott Fitzgeralds THE GREAT GATSBY einer, wenn nicht der, „Helden“ der amerikanischen Literatur. „Using a first-person narrator is simply a matter of hearing the voice inside yourself. The character is already in the author, I think. The challenge is not to allow the ego of the character to dominate the story.”

Burke ist durch und durch ein amerikanischer Autor, dessen Einflüsse und Bezüge bis auf Thoreau und James Fenimore Cooper zurück reichen. Seinen ausführlichen und liebevollen Naturbeschreibungen, voller poetischer Verbundenheit, stehen oft depressive oder höhnische Darstellungen des urbanen Lebens gegenüber.

Wie so viele Hard-boiled-Helden ist auch Robicheaux ein moderner Nat Bumppo, ein Spurenleser in der Industriegesellschaft, der die Wildnis nicht vergessen hat. „Die trotzige Melancholie seiner Bücher erinnert an das Spanish moss, das man in seinen Landschaftsbeschreibungen buchstäblich riechen kann: irgendwie traurig, aber ein Zeichen von Leben“, schrieb Tobias Gohlis.

Der „Independent“ vergleicht ihn mit Zola:
„There are not many crime writers about whom one might invoke the name of Zola for comparison, but Burke is very much in that territory. His stamping ground is the Gulf coast, and one of the great strengths of his work has always been the atmospheric background of New Orleans and the bayous. His big, baggy novels are always about much more than the mechanics of the detective plot; his real subject, like the French master, is the human condition, seen in every situation of society.”

KEINE RUHE IN MONTANA schließt brillant an den anders brillanten Vorgänger STURM ÜBER NEW ORLEANS (THE TIN ROOF BLOWDOWN, 2007) an: Robicheaux, seine Frau und Purcell suchen Erholung von den Schrecken Katrinas in Montana.

Die Schatten der Vergangenheit sind lang für Dave Robicheaux und seinen alten Freund Clete Purcell. Und die Geister der Vergangenheit ruhen nicht. Einer dieser Geister ist der Mobster Sally Dio, den Robicheaux, bzw. Clete, im dritten Band der Serie (BLACK CHERRY BLUES, SCHMIERIGE GESCHÄFTE) erledigt hatte. Nun taucht nicht nur ein alter Gefolgsmann des Gangsters auf um Ärger zu machen, auch Clete hat Schwierigkeiten. Denn das FBI hat Sallys Akte nach zwanzig Jahren wieder geöffnet und untersucht unter der Leitung der vietnamesisch-amerikanischen Agentin Alicia Rosecrans seinen Tod bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz in Montana.
Und Clete gerät bei seinem destruktiven Trip down suicide road (Mit Cletes Dämonen würde es kein Exorzist aufnehmen) wieder unter Verdacht, etwas damit zu tun gehabt zu haben.

Und da sehe ich eine Schwäche in der Story. VORSICHT! SPOILER ALARM! Ist es glaubhaft, dass eine junge bekennende Lesbe sich mit einem sechzigjährigen Drogenfreak einlässt und mit ihm den Rest seines Lebens verbringen will? I mean really, Mr. Burke… Auch mit der Wandlung von Troyce Nix habe ich Glaubwürdigkeitsprobleme.

Nie hat Burke so viele unterschiedliche Handlungsstränge so ausführlich in ihrer Entwicklung behandelt. Jeder könnte einen eigenen Roman hergeben. Sie werden verknüpft, wie nur Burke es kann, verwoben durch Burkes harter sozialkritischer Weltsicht, die ein Amerika zeigt, „dass nicht mehr das Amerika meiner Jugend ist“. Eben die USA seit dem roll back, beginnend mit Ronald Reagan.

Er schließt sich einer These an, die sich unter Zynikern und pseudo-marxistischen Theoretikern in den letzten Jahrzehnten zunehmend verbreitet hat: „When people talk about class war, they’re dead wrong. The war was never between the classes. It was between the have-nots and the have-nots. The people in the house on the hill watched it from afar when they watched it at all.” Wirklich entziehen kann man sich dieser Argumentation schwerlich.

In der erschreckenden Gefängnissequenz führt Burke das perverse privatisierte Verwahrungssystem der USA vor. So lässt er den ehemaligen Abu Ghraib-Schergen Troyce Nix sagen: „Ich bin Gründungsmitglied und Aktionär der Firma, die das Gefängnis betreibt. Was bedeutet, dass eine Wohnpauschale Teil meines Vergütungspakets ist. Anders gesagt: Die Beschäftigung von Häftlingen hier (auf meinem Grundstück) unterscheidet sich in keiner Weise von der Beschäftigung innerhalb der Gefängnismauern. Und wenn du nun mit dem Gedanken spielst, dir einen diese lachhaften Bürgerrechts-Advokaten…“

Wie immer bei Burke gibt es auch in MONTANA wunderbare Naturbeschreibungen und pointierte Beobachtungen: „Der Blitz schien vor dem Einschlag für eine Sekunde unentschlossen zu zögern, als wolle er sich ein spezielles Lebewesen herauspicken, das er nun an der Erdoberfläche aufspießte.“

“With its trademark mix of brutality and poetry, Swan Peak is a brilliant piece of work from an American master”, stellte der “Observer” treffend fest.

Der Roman, der auf ein furioses Finale hinausläuft, ist – wie gesagt – mit 571 Seiten höchst umfangreich. Da man ihn kaum aus der Hand legen kann, sollte man sich vor der Lektüre entsprechend Zeit einräumen.




IM REICH DER UNTERGEHENDEN SONNE – DAVID PEACES TOKIO by Martin Compart
29. April 2021, 8:17 am
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In seinem lang erwarteten neuen Roman erzählt David Peace von einem mysteriösen Todesfall, in den höchste Kreise verwickelt sind, und von einer Verbrecherjagd, die ein ganzes Land in Atem hält. Manchmal darf die Wahrheit nicht ans Licht kommen, weil die Nacht sonst ewig währt.

Tokio, 5. Juli 1949. Sadanori Shimoyama, Präsident der Nationalen Japanischen Eisenbahngesellschaft, verschwindet spurlos – einen Tag nachdem er die Entlassung von 30.000 Angestellten verkünden musste. Die amerikanischen Besatzer führen in dem kriegsversehrten, gedemütigten Land umfassende Reformen durch, ohne Rücksicht auf Verluste. Auf den Straßen herrschen Gewalt und Chaos, die Kommunisten gewinnen an Einfluss, was die Amerikaner mit allen Mitteln verhindern wollen.
Detective Harry Sweeney aus der Abteilung für öffentliche Sicherheit leitet die Vermisstensuche- auf direkten Befehl von General MacArthurs Hauptquartier. Doch dann wird der verstümmelte Leichnam Shimoyamas gefunden. Der Präsident der Nationalen Eisenbahngesellschaft wurde von einem Zug überrollt. Hat er Selbstmord begangen, aus Verzweiflung darüber, Abertausende Menschen ins Elend zu stürzen? Oder waren die Kommunisten für seinen Tod verantwortlich? Der Krieg ist vorbei, aber die dunklen Schatten der Vergangenheit werden immer länger …

Tokio, neue Stadt

Roman
Aus dem Englischen von
Peter Torberg
432 Seiten, € 24,00
Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN
978-3-95438-127-2
Auch als eBook erhältlich

Die frühe Nachkriegszeit in Japan war chaotischer und turbulenter als in Deutschland. Die amerikanischen Besatzer führten ein brutales Regime, beherrscht von Rassismus und vor allem der Angst vor dem Kommunismus. Sie brachten japanische Kriegsverbrecher wieder in Brot und Arbeit und nutzten die organisierte Kriminalität der Yakuza für den Kampf gegen Gewerkschaften und alles, was der Soziopath und oberste Besatzer General MacArthur als links definierte.

Vor diesem Hintergrund siedelt der britische Autor David Peace seine Tokio-Trilogie an, dessen letzter Roman TOKIO NEUE STADT (TOKIO REDUX) soeben erschienen ist. Peace lebte 15 Jahre in Tokio, und das spürt man: Sein Tokio ist kein touristisches Klischee und die japanische Mentalität, soweit ich das von außen beurteilen kann, zugänglich dargestellt.

Allen Romanen liegen tatsächliche Kriminalfälle zugrunde und beleuchten unterschiedliche Zeitebenen. Wie sein Idol James Ellroy ist Peace von der Vergangenheit besessen: „Das Gute an der Gegenwart ist, dass sie sehr schnell Vergangenheit wird.“

In TOKIO NEUE STADT sind es drei Zeitebenen, die aus der Perspektive von drei Männern erzählt werden: 1949 von US-Ermittler Sweeney, 1964 von Privatdetektiv Murota Hideki und 1988 von dem in Japan lebenden Lehrer Donald Reichenbach. Drei Männer werden in drei unterschiedlichen Zeiten aus unterschiedlichen Gründen von demselben Mysterium beherrscht.

An dem Roman arbeitete er lange Zeit: „Redux. I’ve been working on it for 10 years and the various abandoned drafts must run to well over half a million words. Redux has been a big part of these last 15 years, neglected at times because of some of the changes during those years. The routine has fundamentally remained the same: I work from eight to four, seven days a week. But I’m much less confident in my writing than I used to be, and often feel paralysed by doubt.”

Der 1967 geborene Autor gilt seit seinem RED RIDING HOOD-Quartett als ein Erneuerer und als Hoffnung der Noir-Literatur, die stilistisch seit Jean-Patrick Manchette, Derek Raymond, James Sallis und wenigen weiteren nicht besonders innovativ ist. Kolja Mensing sagte in einer Rezension: „David Peace größter Verdienst besteht sicherlich darin, dem Thriller seine gesellschaftliche Relevanz zurückgegeben zu haben. Das „Red Riding Quartett“ ist mehr als nur eine literarisch avancierte Revision der „Yorkshire Ripper“- Morde, sondern eine mentalitätsgeschichtliche Studie Großbritanniens zwischen 1974 und 1982.“

Das ehemalige Mitglied der Kommunistischen Partei spiegelt in seinem Lebenslauf dabei ironischerweise die Deterritorialisierung des Kapitals wider: Mit 24 Jahren ging er als Englischlehrer nach Istanbul, drei Jahre später, 1994, nach Japan. Als er nach Tokio kam, sprach er kein Wort Japanisch; inzwischen spricht er es fließend, kann es aber kaum lesen.

„I didn’t know too much about Tokyo before I arrived, but I had seen Kurosawa’s film version of Ryunosuke Akutagawa’s „Rashômon“ and so bought the author’s collected stories. But the one that really caught my eye was not „Rashômon“; it was called „In a Grove“, which is essentially an account of a rape and murder told from six different and conflicting perspectives. It’s stayed with me ever since.“

Vereinsamt in der fremden Stadt, schrieb er in seiner kleinen Wohnung das, was sein erster Roman werden sollte. Er schickte das Manuskript jahrelang herum und bekam nur Ablehnungsschreiben.
Als es dann 1999 als erster Band seiner Yorkshire-Tetralogie doch noch veröffentlicht wurde, war seine Zielsetzung klar: es sollte eine Chronik des politischen Scheiterns werden.

Er blieb in Japan, heiratete eine Japanerin, mit der er zwei Kinder hat. Die Kultur schlug ihn in seinen Bann, insbesondere der Shintoismus. Besonders die Vorstellung, dass Räume von ihren Geistern beherrscht werden, fasziniert ihn und schlägt sich in seiner Literatur nieder.

Ein weiterer Grund bestätigt ihn darin, sich mit der japanischen Zeitgeschichte zu befassen: „for obvious reasons not too much interest in the 20th century for most people here.“ Das gilt bis hinauf zur Regierung, wie sich hervorstechend an dem Vorgängerroman TOKIO, BESETZTE STADT über die gigantischen bio-chemischen und Folter-Verbrechen der Unit 731 festmachen lässt: Die japanische Regierung leugnete die Existenz der Einheit 731 bis in die späten 1990er Jahre, verweigert bis heute eine Erörterung ihrer Taten und hält entsprechendes Archivmaterial unter Verschluss.

„I was drawn to writing about individuals and societies in moments that are often extreme, and often at times of defeat, be they personal or broader, or both.”

Sein Stil scheint auch durch seine jugendliche “Musikkarriere” beeinflusst. Er war Sänger in einer Pub-Band und schrieb auch die Lyrics. “- and then there was an obsession with Joy Division, and all that, dead poets…
But while people a little older than me were radicalised by the Clash, I was de-radicalised by the Sisters of Mercy, and became more interested in clubs and going out drinking. That said, by the time of the miners‘ strike, there was never any question of not supporting them, and my band played benefit gigs.“

Um seine historischen Perspektiven zu vertiefen, benutzt Peace ein selten gebräuchliches Stilmittel: Er setzt keine Zitat- oder Anführungszeichen. Wahrscheinlich um den Dialog nicht aus dem historischen Fluss zu reißen und somit weniger gegenwärtig erscheinen zu lassen. Den Verzicht auf Anführungszeichen findet man ebenfalls bei Cormac McCarthy oder William Gray.

Der Peace-Fan Mark Fisher beschrieb dessen Arbeitsweise oder Stil so:

„Peace stellte die Dramatik wieder her, indem er alles im Nachhinein gewonnene Wissen ausschließt. Die Ereignisse treten einem entgegen, wie als würden sie zum ersten Mal geschehen, und zwar ohne den lindernden Schutzschild eines allwissenden Erzählers.“

Auch der Noveau Roman dürfte ihn beeinflusst haben, dessen Maxime war ja die Diskrepanz zwischen dem eigenen Erleben und der angeblich unbefriedigenden Darstellung im Roman. Peace scheint da Michel Butors Forderung einer „kritischen Untersuchung der Wirklichkeitskenntnis“ zu folgen. Als Strategie hatte Jean Ricardou gefordert, aus dem Roman „das Abenteuer des Berichtens“ zu machen und „Den modernen Text lesen heißt, nicht einer Illusion von Wirklichkeit anheimzufallen, sondern der Wirklichkeit des Textes Aufmerksamkeit zu schenken“.

Entscheidend für sein frühes Werk nennt David Peace den Eindruck, den der Stakkato-Stil in WHITE JAZZ von James Ellroy bei ihm hinterlassen hat. Mit Ellroys Idiosynkrasie verbindet ihn auch die eigenwillige Synthese aus Fakten & Fiktion zu einer Art konspirativen Zeitgeschichtsinterpretation (dies ist keinesfalls abwertend gemeint, insbesondere angesichts der verlogenen und verschweigenden „offiziellen“ Geschichtsdarstellungen).

„White Jazz was the Sex Pistols for me. It reinvented crime writing and I realised that, if you want to write the best crime book, then you have to write better than Ellroy.“

Was sie unterscheidet, sind die politischen Haltungen: Ellroy ist ein Reaktionär, Peace ein Linker.

Er selbst beschreibt seine (gelegentliche) Arbeitsweise so: „My wife isn’t a fluent English speaker. Perhaps that has made a difference to how I write. What I do know is I walk round this room and say everything out loud over and over to get it right. Or sometimes I’ll get a kind of obsession where you will have to have in a sentence the first word as six letters, the second as five, the third as four and so on. Mad stuff.“

Im Vergleich zu den Yorkshire-Romanen wirkt TOKIO, NEUE STADT relativ konventionell erzählt, obwohl unter der Oberfläche alles lauert, was Peace zu einem unkonventionellen Schriftsteller macht.

In einem SPIEGEL ONLINE-Interview sagte Peace, dass er insgesamt 12 Romane zu schreiben gedenke, „weil mir das vor einigen Jahren klar wurde. Ich habe für alle Romane die Themen, ja sogar schon die unterzeichneten Verträge.“



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Peace: „Die großen Kriege der Gegenwart wurden von Menschen wie George W. Bush oder Tony Blair in Auftrag gegeben. Männern, die selbst nie einen Krieg erlebt haben und für die solche Gräuel deshalb abstrakt sind.
Herrn Kodaira aus „Tokio im Jahr Null“ hat es ja genau so gegeben. Er ging in Japan zur Armee und wütete schlimm in China, vergewaltigte, mordete und bekam daheim Orden. In Tokio mordete er weiter. Als das alles aufflog, richteten sie ihn hin.“



DUNKLE TAGE IM BAYOU – JAMES LEE BURKES 15. ROBICHEAUX-ROMAN by Martin Compart

To my mind, every good novel is a mystery.
To me the crime novel is actually the noir
novel of the 1930s and ‘40s. Those books—and
those films—are about the maturing of
America, class war, growth of the unions,
coming of the mob. It is all the story of America.

However, I would say that the setting of all my
stories is Golgotha. Not in a way that is morbid.
Instead, the story of Jesus is about the struggle
of the oppressed, the poor…
Everything I’ve written includes the story of
Golgotha, and also the search for the Grail.

James Lee Burke

Als eine Frau namens Trish Klein in aufgewühltem Zustand in New Iberia auftaucht, stellt Dave Robicheaux fest, dass es sich dabei um die Tochter von Dallas Klein handelt – seinem Freund aus dem Vietnamkrieg, für dessen Tod er sich bis heute schuldig fühlt. Kaum angekommen, schließt Trish zweifelhafte Deals in Casinos ab. Der Verdacht kommt auf, dass sie in Wahrheit einen viel größeren Coup plant. Kann es sein, dass Trish den Mord an ihrem Vater rächen will? Und was hat sie mit dem angeblichen Selbstmord einer jungen Studentin zu tun? Um den Fall aufzuklären, muss Robicheaux sich endlich seinen Schuldgefühlen stellen.

Dunkle Tage im Iberia Parish

Original: Pegasus Descending
Übersetzt von NORBERT JAKOBER
DEUTSCHE ERSTAUSGABE
480 Seiten, Klappenbroschur, PB, Euro 24,00
ISBN: 978-3-86532-745-1
Auch als eBook erhältlich.

Es muss einem Respekt abverlangen, wie sich Günther Butkus mit dem Pendragon-Verlag bei James Lee Burke reinhängt.

Seit dem Start bei Ullstein hat der Autor mehrmals seine deutschen Verlage gewechselt und bei uns nie den Erfolg gehabt, den man sich erhoffte.
Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass Burke verhältnismäßig dicke Bücher schreibt und somit die Kalkulation erschwert. Hinzu kommt, dass er nicht einfach zu übersetzen ist mit seiner Besessenheit von Fauna- und Landschaftsbeschreibungen. Da muss man schon gute Übersetzer verpflichten.

Das größte Manko für Burke und andere Hochkaliber des Genres ist das deutsche Krimi-Publikum. Seit Anfang des Jahrtausends (manche Kenner der Szene datieren den Dammbruch bereits auf die 1990er Jahre) ist der Niedergang des Publikumsgeschmacks unübersichtlich und scheint sich alle paar Jahre zu potenzieren. Wer Charlotte Link oder Sebastian Fitzeck in die Bestsellerliste kauft, bevorzugt leblosen Schwachsinn im restringierten Code und würde von Autoren wie Burke über die Belastungsgrenze ihres Verstandes herausgeführt.

Ich hatte mich vor einigen Jahren ein wenig satt gelesen an Burke. Hätte Chandler über zwanzig Marlowe-Romane geschrieben, wäre sicherlich derselbe Effekt eingetreten. Aber nun bekam ich doch wieder große Lust darauf, den alten Freund Robicheaux zu besuchen – und ich bereue es nicht! Viel zu oft habe ich mich in den letzten Jahren auf schlechte bis mittelmäßige Neuerscheinungen eingelassen, die dann nach 50 Seiten in die Tonne gekloppt wurden.

Burke schreibt labyrinthische Plots, vollgepackt mit ungewöhnlichen Charakteren, angesiedelt (meistens) in Louisiana. Manchmal erschreckend, wie seine Geschichten unter die Oberfläche dringen (vorwiegend duch die Charaktere) und tief sitzende Ängste aufwühlen. Wie schon bei Ross Macdonald sorgen die Geister der Vergangenheit für Gefahren der Gegenwart.

Dieser 15.Roman der Serie spielt unmittelbar vor Hurricane Katrina, den er voller Wut über das Versagen von Politik und Administration im Folgeband (STURM ÜBER NEW ORLEANS) thematisiert. In DUNKLE TAGE IM IBERIA PARISH brauen sich die Stürme über dem Atlantik zusammen und iIm Epilog bezieht sich Burke bereits auf die verheerenden Auswirkungen dieser Katastrophe, in der ein Hurrikan die Stadt New Orleans schredderte.

Der Roman beginnt mit einem hinreißenden Rückblick auf die frühen 1980er Jahre, als Robicheaux durch ein Austauschprogramm befristet für die Mordkommission des Miami Police Department arbeitet. Seine Sauferei ist mitschuld daran, dass er nicht die Tötung seines Vietnamkameraden Dallas Klein verhindert.

Ein weiterer Eintrag in Daves üppigem Schuldkonto. Robicheaux war immer ein Gefangener seiner Vergangenheit, aber wohl nie so intensiv wie in diesem Roman.

Wehmütig denkt er auch über seine Stadt, dem Big Easy, nach:

„Nicht wie es heute war, sondern von der Stadt, in der Clete und ich als junge Polizisten im Streifenwage unterwegs waren oder, mit einem Schlagstock bewaffnet, zu Fuß unsere Runde drehten. Es war eine Zeit, in der die Stadt in ihrer provinziellen Unschuld vor allem die Black Panthers fürchtete, oder langhaarige Kerle in Sandalen.

Das war bevor in den Achtzigerjahren Crack in der Stadt einschlug wie eine Wasserstoffbombe und die Regierung in Washington den Bundeszuschuss um die Hälfte kürzte.

Erstaunlicherweise herrschte bis in die 1970er eine genusselige Ruhe, die auf einem Pakt zwischen dem Teufel und der Justiz beruhte… Das French Quarter war der Goldesel der Stadt. Wer sich an einem Touristen oder einem älteren Menschen vergriff, wurde aus dem Verkehr gezogen… wer ein Kind belästigte, wurde halbtot geprügelt und an der Bezirksgrenze bei hoher Geschwindigkeit aus einem Polizeiwagen geworfen – und das auch nur, wenn er Glück hatte…

Das traditionelle New Orleans war wie ein Stück Südamerika, das vom Kontinent abgetrennt, von Passwinden über die Karibik herübergeweht worden war und am Südrand der Vereinigten Staaten angedockt hatte.“

Es ist ein Kriminalroman, der auch eine Eloge an Burkes geliebtes New Orleans und die Bayous ist; voller Melancholie und Zynismus.

Für seine „Southern Gothics“ gilt, was Leslie Fiedler über den Roman des Südens schrieb: „… dass der Roman des Südens ganz anders als der aus dem Norden das Melodramatische niemals zu umgehen versucht, sondern geradezu auf bluttriefende Handlungen versessen ist… und die sich mit Vorliebe im schwülen Klima eines `langen, heißen Sommers´ abspielen, vor der Kulisse von Fiebersümpfen…“ (Leslie Fiedler: THE RETURN OF THE VANISHING AMERICAN, 1968)

Aktuell hat Burke innerhalb der Robicheaux-Serie eine „Trilogie des Bösen“, wie er sie nennt, geschrieben:

„The last three books, including A Private Cathedral, comprise a trilogy. They tell a story that, I believe, has been in the making in the United States for a number of years.
That is the coming of a truly dark figure waiting in the wings. For many years we’ve been messing around fascism. We came close to it with Nixon, and later on we had the Bush administration, which I believe will go down as one of the worst. And then Trump…

But this is the first time that I’ve tried to write with an element of fantasy or science fiction, in terms of the time traveler.”

“I believe this is the century that will determine if we survive as a species.
That begins with global warming. Then, there is the recreation of colonialism, or what we could call, “neo-colonialism.” We are seeing the resurgence of a menace we thought we had left behind. Nationalism is growing stronger every day. There are white nationalists within the Trump administration, exerting an influence on national policy. The urgency of the threat has permeated into the writing.”

James Lee Burke ist einer der besten Gegenwartsliteraten und eine der angenehmsten und wichtigsten Stimmen der US-Literatur. Kriminalliterarisch hat er längst Klassikerstatus.

Und ich werde nicht mehr viel Zeit verstreichen lassen, um den nächsten Burke-Roman zu lesen.

Vielleicht noch eine Woche…

Ein Song, der zu Robicheaux passt:



KLASSIKER DES NOIR-THRILLERS: „DIE ERSTE TODSÜNDE“ von LAWRENCE SANDERS by Martin Compart

Mitternacht in New York: In einer Straße der vornehmen Upper East Side wird ein Mann ermordet aufgefunden. Der Tote war ein einflussreicher Politiker, der lautstark für Recht und Ordnung eintrat. Aber dieses Verbrechen ist nur das erste Glied in einer Kette von Morden ohne erkennbares Motiv, die die ganze Stadt in Angst und Schrecken versetzen.

So beginnt dieser Roman zweier Männer: Captain Edward X. Delaney, Leiter des 251. Polizeireviers in Manhattan, seit über 25 Jahren im Polizeidienst, guter Ehemann und Vater, stolz auf seine Familie, seine Stadt, sein Revier und vor allem auf seinen Beruf. Daniel Blank, mit 36 Jahren Vertriebsleiter eines großen Zeitschriften-Konzerns, stolz auf seine intellektuellen Fähigkeiten genießt die Früchte seines Erfolgs: er besitzt eine Luxuswohnung, fährt einen schnellen Wagen, hat ein sehr männliches Hobby: als Bergsteiger unternimmt er gern gewagte Kletterpartien.

Aber es gibt Risse im Leben beider Männer: Delaneys Frau wird von einer geheimnisvollen Krankheit befallen. Auch beruflich: Politiker der Stadt mischen sich in seine Arbeit ein, undurchsichtige Machtkämpfe schaffen bald eine Atmosphäre des Misstrauens und bedrohen das festgefügte Weltbild des Captains. Für Daniel Blank endet eine nach außen glückliche Ehe mit der Scheidung von seiner Frau Gilda. Dann tritt die exotische, reizvolle Celia Montfort in sein Leben. Ihre bloße Gegenwart entfesselt dunkle, abseitige Triebe in Daniel, die ihn selbst erschrecken.
Inzwischen häufen sich die Morde, es gibt kein Motiv, keine Erklärung für sie – die Polizei kann nicht einmal die Tatwaffe feststellen. Hier beginnt der einsame Kampf Captain Delaneys, der sich geschworen hat, den Mörder zu überführen und die Gesellschaft gegen die Macht des Bösen zu schützen.

Der Leser wird mit Männern und Frauen diesseits und jenseits des Gesetzes konfrontiert, mit Opfern des Zufalls und der Umstände. Er wird hineingerissen in einen Strudel von Ehrgeiz, Hochmut und Stolz, Sex, Liebe und Leidenschaft.

Im Wesentlichen aber handelt diese Geschichte von Verbrechen und Bestrafung, von dem Kampf zwischen Polizisten und Mördern, zwischen Jäger und Gejagten, von dunklen Besessenheiten und vor allem von der ersten Todsünde, dem Hochmut, der beide einander immer ähnlicher werden lässt, der ihre Identitäten zu zerstören droht, ein psychologisches Duell, das an die Moral der Gesellschaft rührt. Noch kein Roman hat den gigantischen Polizeiapparat einer Metropole, das raffinierte Räderwerk kriminalistischer Ermittlungen, aber auch die menschlichen Unzulänglichkeiten und Rivalitäten der Beamten so überzeugend und detailliert dargestellt. Atemberaubende Wirklichkeit. Schuld und Sühne in New York.
(KLAPPENTEXT)

Von den 1970er – bis in die 1990er Jahre war Lawrence Sanders (1920-98) in den USA ähnlich populär wie Stephen King. Und er hatte einen ähnlich hohen Ausstoß dank – wie man heute weiß – der Beschäftigung von Ghostwritern oder Co-Autoren. Sanders war ein sehr ungleichmäßiger Schriftsteller, der neben faszinierenden und fesselnden Romanen auch banalen Trash produzierte. Die meist gleichmäßige Qualität bei hohem Ausstoß, wie man sie von King kennt, gelang ihm nicht.

1985, auf dem ersten Höhepunkt seiner Popularität, waren von seinen 20 Büchern 25 Millionen Taschenbücher und 1.5 Millionen Hardcover in 15 Sprachen verkauft worden.
In seinem Todesjahr hatten seine 23 Bücher, die in 30 Ländern veröffentlicht worden waren, allein in den USA fast 60 Millionen Exemplare verkauft.

Sanders, der zuvor im Vertrieb der Verlagsbranche und als Lektor tätig war, begann erst relativ spät zu schreiben: Er war 50 Jahre alt, als er seinen ersten Roman veröffentlichte (den aus fiktiven Dokumenten und Abhörprotokollen konzipierten THE ANDERSON TAPES). Für ihn bekam er den damals bei Debütanten üblichen Vorschuss von $ 3.000, aber sein Agent verkaufte anschließend die Filmrechte für $ 100.000 und die Taschenbuchrechte für $ 210.000.

Er verdiente in drei Jahrzehnten Millionen Dollar, hätte sich zurücklehnen können und darauf warten, wie die Tantiemen aufs Konto rollten. Stattdessen arbeitete er täglich bis zu seinem Tod:

„I don’t have hobbies. I have no desire to travel. I start writing every night a 17 and finish at 21:30 p.m. Sound boring? Writing is the most important thing in my life—above marriage. You can live a million lives. All your fantasies come true. It’s all from imagination and newspaper clips.”
Er schrieb handschriftlich auf Schreibblöcken fünf Seiten pro Sitzung, sieben Tage die Woche.

Lawrence Sanders war der erste Autor, der eine bis heute gültige Formel für den Serienkiller-Thriller fand.

In seinem Bestseller THE FIRST DEADLY SIN nahm er weitgehend voraus, was dann Thomas Harris in seinen Lecter-Romanen perfektionierte: Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Jäger und Gejagten, erzählt in wechselnden Perspektiven. Diese Perspektivwechsel zwischen Prota- und Antagonisten bewährten sich, da sie mehr Dynamik in den Handlungsablauf bringen.

Sanders Detektiv versucht sich naiv behavioristisch in den Mörder zu versetzen. Er verfügt noch nicht – wie Harris´ FBI-Profiler – über die Erkenntnisse der Behavioral Science Unit. Das macht die retrospektive Lektüre sowohl interessant wie auch antiquiert. Ein wenig so, als würde man die langen Landschaftsbeschreibungen bei Walter Scott lesen.

Er brachte den Polizeiroman wie auch den Serienkillerroman als erster auf die Bestsellerlisten. Zuvor waren die „police proceduralsˮ zumeist kurze Taschenbuchoriginalausgaben gewesen. Sanders schrieb Hardcover, die zwischen 400 und 600 Seiten lang sind. Genug Platz für Charakterisierungen, die man so zuvor noch nicht gelesen hatte.

THE FIRST DEADLY SIN, und die drei weiteren Captain Edward X. Delaney-Romane beschrieb ein Kritiker als „psychosexual thriller”, der den Standard für die weiteren Entwicklungen des Subgenre setzten.

Sensibel wird der Leser gleich zu Beginn des Romans in die Geschichte und Persönlichkeit des Killers Daniel Blank eingeführt. Er ist wahrlich böse, aber im Gegensatz zu späteren Serienkillern kein Sadist und an jeder Form von perverser Erotik interessiert. Seit jungen Jahren ist er fasziniert von der Entgrenzung des Bösen.

Nicht weniger sensibel wird auch sein Gegenspieler dem Leser nahegebracht: Edward X.Delaney hatte zuvor sein Debüt in dem experimentellen Erstling von Sanders, THE ANDERSON TAPES, der mit dem Edgar ausgezeichnet und mit Sean Connery verfilmt wurde. Delaney ist ein alter Hase, knallharter Ermittler, aber auch um seine kranke Frau rührend besorgt. Er respektiert Frauen und ist ein ungewöhnliches Beispiel aus einer Zeit, in der ein Ermittler meistens ein männlicher Chauvinist ist.

„I don’t like him,“ sagte Sanders. „I think he’s an old expletive . An opinionated, pontifical SOB. But the readers love him, mostly the women. I don’t understand it. The guy took on a life of his own.“

Liest man das Buch heute, hat es bei allen zeitlosen Qualitäten auch etwas von einer Zeitreise. Wie eingefroren liegt das damalige New York vor einem; es hat so gut wie nichts mit der heutigen Stadt zu tun. New York war ein gefährliches Pflaster in den frühen 1970er Jahren, mit täglich mindestens fünf Mordfällen allein in Manhattan. Brave Bürger blieben abends daheim und mieden sinistere Orte wie etwa den damaligen Times Square.
Von 1963 bis 1972 war die Zahl der Morde in New York von 550 auf 1691 gestiegen. New York war in den 1970er Jahren ein Ort der Stadtflüchtlinge, für die selbst die Lichtquellen die Farbe der Finsternis angenommen hatte. Das vermitteln Sanders Romane ziemlich eindrucksvoll. New York ist als Hintergrundrauschen in den SIN-Romanen allgegenwärtig.

Heute ist vielen Lesern der Roman viel zu lang. Der Plot hebt erst ab Seite 200 richtig ab. Zuvor nutzt er den Raum, um seine Charaktere sorgfältig zu entwickeln. Das verlangt eine Geduld, die der heutige Leser kaum noch aufbringt (die aktuellen „dicken Schinken“ unter den Thrillern zeichnen sich meistens durch nervtötende Redundanz aus, nicht durch Stil oder sorgfältige Charakterisierung).

Sanders galt als heiß (und ab 1973 war er Stammgast auf den Bestsellerlisten) und verkaufte umgehend die Filmrechte von SIN an Columbia.

Es dauerte sieben Jahre, bis die Adaption in die Kinos kam. Ursprünglich war Roman Polanski als Regisseur vorgesehen. Nachdem er aber nach Frankreich geflogen war, um der Strafverfolgung wegen seiner Vergewaltigungsanklage zu entgehen, übernahm Brian G.Hutton. Frank Sinatra spielte überzeugend den Detektiv und Bruce Willis gab als „Man entering Diner“ sein Leinwanddebut.

Das Ende des Romans wurde für den Film drastisch geändert. Faye Dunaway, die Delaneys kranke Frau spielte, wurde als schlechteste Schauspielerin des Jahres ausgezeichnet. Sicherlich kein großer Film, aber man kann ihn sich immer noch ansehen.

Sanders Roman ist zusammen mit KILL von Shane Stevens der wichtigste Vorläufer für den Serial Killer-Boom seit den späten 1980er Jahren. Inzwischen scheint das Subgenre als Teil der Sublimierungskultur totgetrampelt. Trauriger Endhöhepunkt sind Romane wie die von Ethan Cross um eine „Familie der Serienkiller“ (nein, es handelt sich dabei nicht um surrealistische Werke). Mit dem Roman THE THIRD DEADLY SIN führte Sanders 1981 den wahrscheinlich ersten weiblichen Serienkiller im Subgenre ein.
DIE ERSTE TODSÜNDE führt ebenfalls die Darstellung des Serienkillers als Pathographie ein.

“The vision of life that Lawrence Sanders communicates has been called depressing. The sweaty sex, the deadpan descriptions of sadistic killings, the downbeat endings – Delaney has an unattractive tendency to toy with his villains until they destroy themselves – leave some readers slightly queasy. Sanders says that’s just the way things are.“ (THE WASHINGTON POST)

Edward X. Delaney–Serie

1970 The Anderson Tapes (dt. 23 Uhr, York Avenue. Molden, Wien 1971)
1973 The First Deadly Sin (dt. Die erste Todsünde. Rowohlt, Reinbek 1975)
1977 The Second Deadly Sin (dt. Die zweite Todsünde. Rowohlt, Reinbek 1980)
1981 The Third Deadly Sin (dt. Die dritte Todsünde. Blanvalet, München 1987)
1985 The Fourth Deadly Sin (dt. Die vierte Todsünde. Blanvalet, München 1986)

„Ich hab den Sinnattra immer gern gehört. Besonders das Lied über die sieben Fässer Wein. Oder waren es acht? Musse mal hören, wenze Kanzler bist. Da isss Kraft drinn.“




NOIR-THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: TAMBERLAINE MUSS STERBEN VON LOUISE WELSH by Martin Compart

1593 ist London eine aufregende, unruhige Stadt. Ein verzweifelter Ort, bedroht von Krieg und Pest. Fremde sind hier nicht willkommen, aufgespießte Köpfe grinsen von der Tower Bridge. Der Stückeschreiber, Poet und Spion Christopher Marlowe hat noch drei Tage zu leben. Drei Tage, in denen er mit gefährlichen Regierungsvertretern konfrontiert wird, die ihr eigenes Süppchen kochen, mit Doppelagenten, mit Schwarzer Magie, mit Verrat und Rachsucht. Drei Tage, in denen er den mörderischen Tamburlaine sucht, einen Killer, der seinem eigenen, äußerst gewalttätigen Theaterstück entsprungen zu sein scheint. Tamburlaine muss sterben“ ist die abenteuerliche Geschichte eines Mannes, der Kirche und Staat herausfordert und entdeckt, dass es Schlimmeres gibt als die Verdammung.

TUMBURLAINE MUSS STERBEN
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
Verlag Antje Kunstmann, München 2005
144 Seiten

Christopher Marlowe schreibt höchst selbst in der ersten Person diese Epistel über die letzten 72 Stunden (oder vielleicht nicht?) seines fast dreißigjährigen Lebens, aus der dieser angenehm kurze Roman besteht.
Sie beginnt am 29.Mai 1593: „Ich habe vier Kerzen und eine Nacht, um diesen Bericht zu schreiben.“

Alles wird also aus Marlowes Perspektive erzählt. Ohne den Leser mit dem ansonsten so schwer erträglichen Verbal-Historizismus der üblichen historischen Romane zu quälen, gelingt Louise Welsh nicht nur ein ebenso brutales wie betörendes Zeitbild, sondern auch eine überzeugende Innendarstellung des sprachgewaltigen Gotteslästerers:

„Ich setzte die Welt des Theaters in Brand. Mein MASSACRE OF PARIS verließen Männer mit zuckender Fechthand… Und so pendelte ich zwischen zwei Reichen der Nacht und glaubte mich auf der Sonnenseite des Lebens… Ich bekenne, die Gesetze von Gott und Mensch ohne sonderliches Bedauern zu brechen.“

Er schreibt ohne Sentimentalität, „nicht als Beichte, sondern als Selbstvergewisserung und Zeugnis eines unbeugsamen Geistes“, wie Rolf-Bernhard Essig es in https://literaturkritik.de/id/8457 treffend ermittelte. Allein mit ihrer Sprache gelingt es Welsh die Spannung aufzubauen und hoch zu halten.

Er beendet seinen Bericht bei Sonnenaufgang des 30.Mai, dem Tag seines gewaltsamen Todes.

Leichtfüßig führt Louise Welsh den Leser in die grauenhafte Welt eines übermächtigen Staates, der schier willkürlich über Menschenleben verfügt, einem Land unter pandemischem Druck und Fremdenhass. “I do believe historical books should have a resonance now. Tamburlaine is very much about asylum seekers, and our attitude towards newcomers to this country, which I think is disgraceful. That was in the forefront of my mind when I was writing it.”

will-jamie-campbell-bower als Marlowe in der TV-Serie WILL

Angst und Schrecken eines historischen Raumes, der einige Ähnlichkeiten mit unserer Gegenwart aufweist, dringen in den Leser ein. Denn das Buch fesselt durch Sprache und Stil. Welsh gelingt etwas Seltenes: Sie macht Stil zum Spannungsmotor.

Als Thriller funktioniert TAMBERLAINE MUSS STERBEN wie Forsyths DAY OF THE JACKAL: Wir kennen das Schicksal der historischen Figur und den Ausgang der Geschichte. In kriminalliterarischen Kategorien gedacht, hat Welsh eine neue Variante erfunden: Der Roman ist ein „Who-is-he?“. Es sind Marlowes Volten, Gedanken, Beobachtungen, die den Leser durch die Seiten jagen.

Sie beschreibt Marlowe als bisexuellen Atheisten, der diesen Staat herausfordert (Historiker haben bisher keinen Beweis dafür gefunden, dass Marlowe – wie bei Welsh dargestellt – ein sexuelles Verhältnis mit Walsingham hatte).

Die Autorin hat sich zwar von Marlowes Sprache anregen lassen, tappt aber nicht in die Falle peinlicher Nachahmung. Sie schafft eine effektive Kunstsprache, die altertümlich anmutende Formulierungen einbezieht und modern erscheinen lassen. Ihre gewählte Sprache ist von schöner Klarheit. “I read a great deal of 16th-century literature to prepare for Tamburlaine.”

Louise Welshs Roman funktioniert auf mehreren Ebenen: als historischer Noir-Roman, Psycho- und Politthriller. Sie verbindet Fakten und Fiktion mit Conspiracy. Und als stilistisch beeindruckende Novella.

Christopher „Kit“ Marlowe ist eine der ungewöhnlichsten und faszinierendsten Figuren der Literatur; in vielerlei Hinsicht übt er eine ähnliche Attraktion aus wie Caravaggio in der Malerei.

Sein übler Ruf ist noch prachtvoll intakt.

Francis Walsingham

Im elisabethanischen England war er der Superstar des Theaters, diente in Walsinghams Secret Service und war ein berüchtigter Raufbold. Ein frühes Beispiel für einen Sex & Drugs ohne Rock´n Roll-Lifestyle. Noch vor Shakespeare machte er den Bösewicht zum Helden und revolutionierte damit das Theater. Ein  erster „der Hölle schwarzer Kundschafter“, der durch ein London (Shoreditch) streift, dass – ähnlich wie heute – von stolpernd betrunkenen oder sonstwie zugeballerten Zombies bevölkert ist.

Sein Tod gilt weiterhin als mysteriös, und eine Verschwörungstheorie behauptet, er habe ihn inszeniert, um anschließend in Italien Shakespeares Stücke zu schreiben. Eine andere, dass ihn Sir Walter Raleigh umbringen ließ, damit Marlowe nicht gegen ihn aussagen konnte.

Die Theorie, dass Marlowe seinen Tod vorgetäuscht hat ist auf dem zweiten Blick nicht so abstrus: Das Gasthaus, in dem er offiziell in Notwehr erstochen wurde, war ein Safe House von Walsinghams Geheimdienst. Der Tote in Marlowes Grab ist nicht Marlowe, sondern wahrscheinlich ein am Vortag von Marlowes Tod Gehenkter.

Jedenfalls fasziniert Marlowe bis heute – so auch Louise Welsh: „There are contradictions with Marlowe – this amazing ability to write, so passionate, so lyrical, and then the violence, which was present in the work and which we know to an extent was present in the life because we do know that he was involved in a murder charge. That contradiction is part of the attraction.”

Als ungewöhnlicher Charakter inspirierte Marlowe auch spätere Schriftsteller: Anthony Burgess schrieb über ihn in A DEAD MAN IN DEPTFORD (1993), Andreas Höfele in DER SPITZEL (1997), Dieter Kühn in GEHEIMAGENT MARLOWE (2007), Philip Lindsay in ONE DAGGER FOR TWO (1932), Wilbur G. Zeigler in IT WAS MARLOWE (1895), Herbert Lom (ja, der Schauspieler!) in ENTER A SPY (1978) und M.J.Trow schreibt seit 2011 eine ganze Serie mit Kit Marlowe als Detektiv und Geheimagent für Walsingham (bis 2019 sind zehn Romane erschienen).

„Man muss nicht Stil opfern, nur weil man einen Plot hat.“

Louise Welsh trat 2002 mit einem Paukenschlag auf die Bühne der Noir-Literatur. Mit DUNKELKAMMER (THE CUTTING ROOM) legte sie eines der beeindruckendsten Debuts der zeitgenössischen Noir-Literatur vor. In dem verstörenden Snuff-Roman schrieb sie einen schwulen, zynischen Flaneur als Amateurdetektiv, der in den perversesten Höhlen Glasgows wühlt und jede Tarnung der Stadt aufbricht.

Der Erstling wurde mit Preisen überschüttet, in zahlreiche Sprachen übersetzt und für die Bühne adaptiert. Eine Verfilmung (mit Robert Carlyle) war fast sicher.

TAMBERLAINE MUST DIE war ihr zweiter Roman, der alle überraschte, und klar machte, dass sich die Autorin keinen kommerziellen Erwartungen unterwerfen würde. Aber wie schon in DUNKELKAMMER ist auch hier die Reise wichtiger als das Ziel.

In der schottischen Literatur positioniert sie sich zwischen Schriftstellern wie Irvine Welsh und James Kelman auf der einen Seite und Denise Mina oder John Harvey auf der anderen. Also da, wo man auch den großen William McIllvanney verorten könnte.

Namensvetter Irvine Welsh sagte über Louise auf die Frage nach Verwandtschaft: „ No, she’s not, although funnily enough our mothers are very good friends! I think she is a very interesting writer. To my mind she is not really a crime writer. She is a very serious literary writer working in crime. She is a bit like Dostoyevsky in the way that she uses the existential thriller and the crime genre as a way of exploring individuals’ relationships with society.”

Ihre weiteren Romane (bis zur Pandemie-Trilogie) überzeugten durch Originalität. Die „überzeugte Glasgowerin“ („I live a very quiet life up in Glasgow. Though we do have the highest murder rate of any city in Europe.“) gibt ihrer Stadt eine neue, sehr düstere Perspektive, so dass die britische Presse von “gothic noir” spricht.

Und natürlich wurden auch Vergleiche mit Robert Louis Stevenson bemüht. Wie die meisten schottischen Autoren empfindet auch Frau Welsh eine Nähe zu Robert Louis Stevenson. Besonders natürlich zu seinen dunklen Seiten. Sie hat häufig über Stevenson geschrieben. 2016 sogar ein Libretto für die Oper THE DEVIL INSIDE (nach Stevensons Kurzgeschichte THE BOTTLE IMP), komponiert von Stuart MacRae.

DUNKELKAMMER strotzt vor Perversionen und auch TUMBERLAINE beinhaltet drastische Sex-Szenen. Warum so viel Sex in ihren Büchern?
„I do worry about it a lot. In the first book, there was a lot of sex. In Tamburlaine Marlowe has sex twice, but then it is a very short book… I think sex is really important. It reveals a lot about ourselves and is a way of opening up characters. I think books should have humour, and I think it’s a very hard book that doesn’t have a little bit of sex in it.“

Ohne Verklemmtheit nutzt die Autorin für diese Szenen gerne eine pornografische Sprache, was ihr schon zur Nominierung zum Literary Review’s infamous Bad Sex Award verholfen hat. Aber das beunruhigt sie nicht: „They’re just a load of old men having lunch. But, if I got it, I would pick it up for sure“.



NOIR-THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: FRANCIS RYCK by Martin Compart

Falls es einen französischen Thriller-Autoren gibt, den man als eine Art Vorläufer von Jean-Patrick Manchette und dessen durch Guy Debords
situationstische Theorie beeinflussten Romane ansehen kann, ist es wohl Francis Ryck.

Ryck wird in Manchettes CHRONIQUES nur kurz (empfehlend) erwähnt. Das wundert mich. Ich kann mich nämlich noch gut daran erinnern, wie wir nachts bei einer Flasche Brandy über Rycks virtuose Romane schwärmten.

Bei allen Unterschieden in ihrer Ästhetik verband die beiden Autoren doch einiges (nicht zuletzt grausame Verfilmungen, die die Substanz der Vorlagen zu zerstören trachteten).
Auch Ryck schrieb in einem behavioristischen Stil, den Manchette so propagierte.

Von seinen um die 50 Romanen sind lediglich 12 auf Deutsch erschienen (immerhin gab es eine deutsche Verfilmung: DER KUSS DES TIGERS von Petra Haffter). Bis auf jeweils einen Roman bei Scherz und bei Ullstein sind alle in der legendären Rowohlt-Thriller-Reihe erschienen.

Aus editorischen Gründen vermied es Rowohlt-Herausgeber Richard K.Flesch in seiner Reihe Spionageromane zu veröffentlichen. Deshalb ließ er einige Ryck-Titel aus.

Aber zumindest eine Ausnahme gab es: EIN SENDER IM GEPÄCK, der als Handlungsmotor den Kalten Krieg nutzt, um dann aber zu einem hochkarätigen Fluchtroman zu werden, der einen Vergleich mit Households Klassiker ROGUE MALE nicht scheuen muss.

Von den eigenwilligen, „reinen“ Spionageromanen, die Ryck in den 1960ern und 1970ern schrieb, ist nur ein weiterer in Deutschland veröffentlicht worden: ÜBERLEBEN SOLL KEINER… (Scherz Schocker 118), ein Agenten-Thriller, der sich höhnisch mit europäischen Freiheitsbewegungen auseinandersetzt und im Französischen PARIS VA MOURIR heißt.

Ryck war einer der unberechenbarsten Autoren der französischen Kriminalliteratur. Er war nie auf ein Subgenre festzulegen und drückte von Noir-Roman über Psychothriller und Gangsterroman bis hin zum Spionagethriller jedem Subgenre seinen unverwechselbaren Stempel auf.

Zu seinen Fans zählte auch Guy Debord, der „Großmeister der Situationisten“.

In seinem Buch CETTE MAUVAISE TÉPUTATION…, 1993, schrieb er, dass er im Werk von Ryck „mehr Wahrheit und Talent“ findet als etwa bei Le Carré.

Insbesondere in dem Roman LE COMPAGNON INDÉSIRABLE (FLIEH NICHT MIT FREMDEN, Rowohlt 1975). Es sei „eines der wenigen Bücher, das Licht in die heutige Welt bringen kann. 25 Jahre später ist es immer noch wahr. „ (die Verfilmung unter dem Titel LE SECRET/DAS NETZ DER TAUSEND AUGEN von Robert Enrico mit Jean-Louis Trintignant, Marlène Jobert und Pillippe Noiret gehört zu den gelungeneren Adaptionen eines Ryck-Romans).

EIN SENDER IM GEPÄCK erzählt die Geschichte des Russischen Top-Spions Yako, der zum Überläufer wird und für Geld und eine neue Identität bei den Briten auspackt.
Aber dadurch wird er auch zu einem Gejagten, dessen Flucht durch Frankreich der Hauptteil des Romans ist. Eine absolute tour-de-force an psychologischer und physischer Hochspannung.

Eines Tages werden sogar die Besten erwischt.
Yako, der russische Spion, hat aufgegeben und sich nun an die Briten verkauft.
Zwar gehörte er nie zu den Top-Leuten des KGB, aber er konnte den Briten genug erzählen, um eine neue Identität und 10000 Pfund rauszuschlagen.
Nun war er frei, konnte ein neues Leben beginnen.
Aber war er wirklich frei, solange ein anderer russischer Agent lebte, um ihn zu jagen?

Natürlich nicht.

Wie lange wird er durchhalten?

Allein gegen die riesige russische Maschinerie?

Nicht lange, das weiß er.
Aber Yako weiß auch, wie das Spiel läuft. Und Yako ist ein cleverer Kerl.
Aber als dann seine Spur aufgenommen wird, läuft alles ganz anders.
Yako flüchtet nicht nur vor und durch die feindliche Umwelt mit den gnadenlosen Verfolgern, sondern auch vor der eigenen Paranoia.

Es sagt viel über Rycks Fähigkeiten aus, dass der Leser diesem nicht besonders sympathischen Charakter folgt und mit ihm um sein erbärmliches Überleben zittert. Wenn Yako, begleitet von einem Hund, der sich ihm anschließt, durch die Wildnis flieht, atmet man geradezu die Landschaft ein und fühlt die Puste der Verfolger im Genick.

Die Aktion findet in den 1960ern statt, es gibt kein Handy oder GPS. Und das braucht es auch nicht.

Der Charakter von Yako, einsam, mit einem begrenzten Leben, ist auch heute noch komplex und faszinierend. Als Gejagter fürchtet er sich vor allen anderen, als erfahrener Spion wendet er alle Tricks an, um durch die schmalsten Risse des Jägernetzes zu schlüpfen. Als Mann muss er Menschen vertrauen, die er zufällig trifft.

Indem er mit dieser Dualität und diesen Widersprüchen spielt, konstruiert Francis Ryck fast ohne Dialoge einen Roman, in dem es darum geht zu erfahren, wer wer ist, wer wen verrät, wer wem hilft. In Form und Substanz war (und ist) dieser scheinbar trockene, schmucklose Roman eine Quelle der Inspiration für viele der neueren Thriller mit seinem entschieden (noch immer) modernen Stil.

Obwohl es ̶ wie gesagt ̶ nur wenige Dialoge gibt, hält Ryck dank seiner stilistischen Brillanz das gnadenlose Tempo hoch.

Der Roman erschien 1969 und wurde mit dem Grand Prix de Littérature Policière ausgezeichnet. Es gab sogar eine amerikanische Ausgabe unter dem schönen Titel LOADED GUN (Stein and Day, 1971). Ryck gehörte zu den wenigen französischen Thriller-Autoren, die in den 1970er Jahren (unregelmäßig) ins Englische übersetzt wurden.

DRÔLE DE PISTOLET, so der Originaltitel, wurde 1973 von Claude Pinoteau filmisch hingerichtet. Nicht mal Lino Ventura konnte diesen kinematographischen Kadaver retten. Zudem machte man aus Yako auch noch einen hochkarätigen Physiker (einer der wenigen Berufe, die man Lino nicht abkauft). Außerdem wirkt Ventura, dieser Inbegriff des „gehetzten Panthers der Großstadt“, in der Wildnis völlig fehl am Platze. Er ist eine Ikone des urbanen Lebens und wäre – im Gegensatz zu seinem Vorbild Jean Gabin – nicht mal als Landwirt glaubhaft.

Ryck selbst bezeichnete diese Verfilmung als eine elende Null-Nummer. Aus dem Filmtitel LE SILENCIEUX machte der deutsche Verleiher, um noch einen drauf zu setzen, den ebenso sinnlosen wie dämlichen Titel ICH – DIE NUMMER EINS.

Rycks Stil ist sehr filmisch, knapp an Adjektiven. Jeder Satz sitzt. Alles klingt wahrhaftig, die Figuren leben und bewegen sich in einer nachfühlbaren Welt – selbst wenn die Plots manchmal am Rande zum Surrealen stehen.
Es ist also verständlich, dass seine Romane das Interesse von Filmemachern erregten. Diese Adaptionen waren und sind von höchst unterschiedlicher Qualität. Häufig veränderten sie das Werk so stark, dass es fast ins Gegenteil kippte.

Die Verfilmung von DRÓLE DE PISTOLET ist dafür ein Beispiel. Einige der besseren Verfilmungen waren in den späten 1980ern und frühen 1990er Jahren Fernsehfilme (u.a. in der grandiosen Anthologie-Reihe SÉRIE NOIRE, 1984-89, von Pierre Grimblat für TF1 und Antenne 2; bei uns wurde sie nur einmal von RTL ausgestrahlt).

Wer war dieser Francis Ryck?

Francis Ryck wurde als Yves Delville am 4. März 1920 in Paris als Sohn einer Russin und eines Franzosen geboren und verbrachte seine ersten Jahre in einer bürgerlichen, aber unkonventionellen Familie.

„Als ich ein Kind war, ließ mich meine Mutter Schopenhauer lesen, danach Celine… Meine Mutter war Pianistin, sie wollte eigentlich Konzertpianistin werden. Ich war ein ungewolltes Kind. Sie haben wegen mir geheiratet. Mein Vater war auch noch spielsüchtig.“

Als junger Mann träumt er davon, am spanischen Bürgerkrieg teilzunehmen. Aber der ist bereits beendet, bevor er seine existentialistische Polarisierung als Gesellschaftskonzept beendet hatte.

Nach kurzen Studien in Belgien und Paris – ohne Abschluss – bestritt er seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsarbeiten als Erdarbeiter, Steinbrucharbeiter, Landarbeiter, Schau-Turner, Handelsvertreter. Zusammen mit einem russischen Immigranten lebte er in einem selbstgebauten Ziegelverhau im Pariser Hafen.
Der erregte gesellschaftliche Zustand spiegelte sich in seiner Rastlosigkeit. Die Welt war im Umbruch. Alles schien möglich. Bevor die Nazis für das Kapital einen Frieden metzelten, schien sogar der Sozialismus in Frankreich erreichbar, auch wenn Spanien beim letzten Krieg zwischen Gut und Böse bewiesen hatte, dass das Böse als Sieger vom Platz gegangen war. Der Faschismus hatte den Totengräber zum Arzt erklärt.

1939 trat er in die Marine ein.

Er war Matrose auf dem Zerstörer Maillé-Breze, der am 30. April 1940 vor Greenock nach der zufälligen Explosion eines Torpedos sank. Als Kriegsgefangener simulierte er Wahnsinn, um den Lagern zu entkommen.
Zurück in Paris, 1943, heiratete er und zeugte zwei Töchter, Michèle und Dominique

Um sein Leben als Vagabund und Weltenbummler zu finanzieren, verrichtete er Jobs als Holzfäller, Matrose, Bauarbeiter, Plattenleger, Filmstatist oder Vertreter.

Schließlich ging er nach Lyon. „Ich lebte mit einer Tochter in Lyon. Etwa fünf Jahre als extremer Säufer. Ich fotografierte Babys. Es war eine schöne Zeit. Ich arbeitete zwei Stunden pro Tag, ich verdiente genug, um Hotelzimmer, Mahlzeiten, Kino und Suff zu bezahlen. Und ich war glücklich. Ich lebte einfach von Tag zu Tag!“

Er begann auch ernsthaft zu schreiben: „Damals schrieb ich meinen ersten Roman, AU PIED DU MUR, der 1957 bei Albin Michel veröffentlicht wurde. Zuvor hatte ich zwei oder drei Romane geschrieben, die kein Verlag haben wollte. An ihnen habe ich mich geübt.
Und dann schickte ich das Manuskript an Albin, ohne viel Hoffnung, dass es funktioniert. Endlich hat es funktioniert.“

Er übernahm als Pseudonym den Namen seiner Großmutter und veröffentlichte bei Albin Michel vier weitere Romane als Yves Dierick: LES BARREAUX DE BOIS, 1959, LA PANIQUE, 1962, PROMENADE EN MARGE, 1964 (dafür wurde er mit dem Grand Prix de la Société des gens de lettres ausgezeichnet) und LES IMPORTUNES, 1965.

Diese Bücher sind keine Thriller, sondern psychologische Romane voller Intrigen. Wesentlich ist sein kritischer, saurer Blick auf das Nachkriegsfrankreich, auf seine kleinbürgerlichen Illusionen, dem Geldkult und die moralische Verschmutzung durch wirtschaftliches Elend.

Nach einem Autounfall, der seine Bewegungsfreiheit einige Zeit einschränkte, begann er in der Rekonvaleszenz einen Kriminalroman zu schreiben.
„Ich sagte mir, warum nicht mal einen Thriller ausprobieren. Und dann realisierte ich, dass das Krimi- Ding mir mehr Geld brachte als literarische Bücher.“

Bei Presses De La Cité veröffentlichte er 1963 erstmals als „Francis Ryck“ den Roman LES HEURES OUVRABLES, der im Jahr drauf von Jacques Poitrenaud mit Louis de Funès als Gaunerkomödie verfilmt wurde (bei uns lief die Klamotte unter dem Titel BEI OSCAR IST ´NE SCHRAUBE LOCKER). Ja, das brachte sicherlich mehr Geld.

Er schrieb noch einen weiteren „Krimi“ und ging dann wieder zu Plon zurück um zwei weitere „psychologisch-literarische Romane“ zu veröffentlichen.

Ab 1966 veröffentlichte er in der „Série Noire“ bei Gallimard bis 1978 dann die 18 Thriller, die ihn zum einflussreichen Klassiker des französischen Noir-Romans machten.
Es wurde häufig darüber gerätselt, weshalb er von Gallimard wegging: „Ganz einfach. Ein anderer Verlag bot mir mehr Geld.“

Ryck sah sich als „Reisender auf den Straßen der Welt“ zwischen Spanien und
Indien, Tibet und Ceylon. Eine Zeitlang lebte er gar in einem Ashram in der
Provence. Sein starkes Interesse an asiatischen Kulturen und Religionen brachte ihn zeitweilig den Hippies nahe.

In den 1970er und 80er Jahren führte er zwischen Paris und der Provence ein Leben voller Exzesse, wenn er nicht auf Reisen ging.

Am Rande der literarischen Welt, deren Regeln er verachtete, lebte er häufig als Rucksacktourist oder bescheiden in Paris. Leute, die ihn kannten, nannten ihn „schwierig“.

Nach seiner „Gallimard-Phase“ arbeitete er verstärkt auch für die Filmindustrie. Er schrieb Originalskripte und polierte Dialoge.

In den 1990ern fand er noch Zeit, um neben seinen Romanen für sechs erfolgreiche Psychothriller mit Marina Edo zu kollaborieren. „Ich mochte das Mädchen. Es war immer lustig mit ihr.“

Er starb im Alter von 87 Jahren am 19.August 2007 allein in Paris.

„Er hat den Charakter eines Schweins, bringt dich mit Beleidigungen zur Weißglut und bringt dir dann ein Manuskript, das eine Emotion ausstrahlt, die dir den Atem raubt“,
sagte Patrick Raynal, ebenfalls Autor und von 1991 bis 2004 Herausgeber der „Serie Noire“ über ihn.

Seine Romane markieren einen Bruch mit der in den 1950er Jahren in Frankreich vorherrschenden Kriminalliteratur zwischen Psychothriller, Gangsterroman und Nachahmungen amerikanischer Muster.

In Rycks frühen Romanen spürt man bereits den „Wind des Wechsels“, der politisch dann 1968 über Europa hereinbrach. Ryck hatte ein Gespür für die Veränderungen, die sich im Bewusstsein der jungen Generation vollzog.

Seine Welt der Verbrecher, Außenseiter und der Spione griff Elemente des Neo-Polar vorweg. Er hat sich nicht atemlos an Trends angebiedert, sondern sie mittel- und langfristig gesetzt.

Er ließ Geheimagenten, ausgebrochene Gangster, Außenseiter, Jugendliche gegen die Stereotypen der bürgerlichen Kultur agieren.
Er schrieb über all die marginalisierten Menschen, denen er während seiner Wanderjahre begegnete: diese Gauner, Banditen, Räuber betrachtete er als Freunde, denn er hasste die Welt der engen Kleinbürger.

Und er brachte neues, scheinbar unvereinbares, in den Noir-Roman: in seinem ersten Gallimard-Thriller, OPERATION MILIBAR (1966), kommuniziert eine Frau telepathisch mit ihrem Mann.

Ryck scheute sich nie Tabus zu brechen, indem er gelegentlich mit parapsychischen Themen experimentierte oder die Welt der Geheimdienste auf andere, realistischere Weise behandelte als die den Spionageroman dominierenden Paul Kenny oder Jean Bruce.

Francis Ryck ließ sich auf kein Genre oder Sub-Genre festlegen und war immer für eine Überraschung gut. Er schrieb Spionageromane, Psychothriller, Gangsterromane, Abenteuerromane, Polit-Thriller und natürlich alle als Noir-Literatur, Romane aus dem düsteren Ryck-Kosmos.

Seine Kriminalromane atmen die Kritik an einer Gesellschaft, die an Boden verliert, ähnlich den Filmen der Nouvelle Vague.
„Meine Helden fliehen vor sozialem Erfolg wie vor der Pest. Sie sind die letzten freien Männer.“

Diese Helden sind Ausgegrenzte und Ausgeschlossene. Was nicht heißt, dass sie nicht höchst professionell in ihrem düsteren Gewerbe sind.

Ihr Lieblingsgebiet ist die Stadt, die Menschen entmenschlicht und zerschmettert, und noch mehr die düsteren Vororte, in denen sich die Wohlhabenden konzentrieren. So schön das offene Land ist, aber die Perversionen des urbanen Lebens verfolgen dich auch dort. Verbrechen sind nicht Ursachen, sondern Konsequenzen von Entwicklungen.

Der französische Kritiker Alexander Lous brachte das 2000 so zum Ausdruck:

„Immer wenn ein neues Buch von ihm erscheint (er hat mehr als vierzig seit 1957 veröffentlicht, von denen einige in den letzten Jahren in Zusammenarbeit mit Marina Edo entstanden sind), wissen wir nie genau, wohin er seine Leser führen wird: Rätsel-Roman, Noir-Roman, Abenteuer-Roman, Liebesroman, Psychothriller, Spionage-Roman… Und man weiß nie, in welchem Modus er seine fesselnden Geschichten erzählen wird, ob ernst oder parodistisch, romantisch oder desillusioniert, ikonoklastisch oder lustig, intim oder kochend vor Wut, über harsche Missbräuche und Exzesse der Politik, Industrie und Wissenschaft Auf der anderen Seite wissen wir immer, dass wir als Leser fast nie enttäuscht werden.“

Oder:

„Rycks harte und schnörkellose, ohne jegliche Sentimentalität erzählte Romane kreisen meist um verzweifelte, sich am äußersten Rand der Gesellschaft bewegende Figuren, die im Leben nicht mehr zurechtkommen und deshalb gewalttätig werden – mit fatalen Folgen, auch für sie selbst. Die Mehrzahl der Bücher spielt in „seiner“ Stadt Paris, deren Atmosphäre eindrucksvoll gezeichnet ist.“ (https://krimiautorena-z.blog/2018/11/07/ryck-francis-2/)

Jean-Patrick Manchette, der als Vater des Neo-Polar oder neuen französischen Kriminalromans gilt, meinte, Ryck sei ein „unbestreitbarer Präzedenzfall für ihn und alle Autoren, die beschlossen hatten, ihren Geschichten eine politische Dimension zu geben, die dem Anarchismus nahe kommt.“

Bibliografie:
(nach https://krimiautorena-z.blog/2018/11/07/ryck-francis-2/ )

Les heures ouvrables (1963)
Nature morte aux châtaignes (1963
L’histoire d’une psychose (1964)
L’apprentissage (1965)
Opération Millibar (1966)
Ashram drame (auch unter dem Titel ‚Satan S.A., 1966)
Feu vert pour poisson rouge (1967)

La cimetière des durs – ‚Alle Fäden in ihrer Hand‘ (1968)

Incognito pour ailleurs (1968)
La peau de Torpedo (1968)

Drôle de pistolet – ‚Ein Sender im Gepäck‘ (1968)

Paris va mourir – ‚Überleben soll keiner‘ (1969)

L’incroyant (1970)

Les chasseurs de sable – ‚Wie Sand zwischen den Fingern‘ (1971)

Le compagnon indésirable – ‚Flieh nicht mit Fremden‘ (1972)

Voulez-vous mourir avec moi? – ‚Wollen Sie mit mir sterben?‘ (1973)

Le prix des choses – ‚Der Preis der Dinge‘ (1974)

Le testament d’Amérique – ‚Die Testamentsvollstrecker‘ (1974)

Ettraction – ‚Sterben, das ist nicht so wichtig‘ (1975)

Le fils de l’alligator (1977)
Nos intentions sont pacifiques (1977)

Prière de se pencher au dehors – ‚Ehrlich währt am kürzesten‘ (1978)

Nous n’irons pas à Valparaiso (1980)

Le Piège – ‚Eine Falle für drei Personen‘ (1981)

Le nuage et la foudre (1982)
Le conseil de famille (1983)
Il fera beau à Deauville (1984)
Un cheval mort dans une baignoire (1986)
Autobiographie d’un tueur professionel (1987)
Requiem pour un navire (1989)
L’honeur des rats (1995)
Fissure (1998)
Le point de jonction (2000)
Le chemin des enfants morts (2001)
La discipline du diable (2004)
La casse (2007)
L’enfant du lac (2007).

Gemeinsam mit Marina Edo:

Les genoux cagneux (1990)
Les relations dangereuses (1991)
L’Eté de Mathieu (1992)
La petite fille dans la forêt (1993)
La toile d’araignée dans le rétroviseur (1995)

L’autre versant de la nuit – ‚Rendezvous fatal‘ (1996)

Mauvais sort (1999).




NEUES VOM ARCHÄOLOGEN DES BÖSEN: JEAN CHRISTOPH GRANGÉs „DIE FESSELN DES BÖSEN“ by Martin Compart

In einem Pariser Nachtclub werden zwei junge Tänzerinnen tot aufgefunden. Commandant Stéphane Corso findet heraus, dass sie mit einem mysteriösen älteren Maler liiert waren. Dieser Sobiesky ist erfolgreich, arrogant und ohne jede Moral. Er scheint der perfekte Täter zu sein, doch er hat stichfeste Alibis für beide Morde. Je weiter Corso sich in den Fall vertieft, desto stärker drohen ihn Sobieskys unheilvolle Geheimnisse in den Abgrund zu reißen.


Jean-Christophe Grangé
DIE FESSELN DES BÖSEN

Übersetzt von Ulrike Werner-Richter
16,90 €
Bastei Lübbe
Paperback
608 Seiten
ISBN: 978-3-431-04129-3
,
,

Von der halluzinatorischen Welt des Pornos und der Perversität bis zur Erforschung von Goyas schwarzer Arbeit inszeniert Grangé einen Polizisten am Rande der Demenz“, schrieb ein französischer Rezensent über diesen Roman.

Grangé hat es nicht so mit braven, gesetzestreuen Polizisten. Aber mit Commandant Stéphane Corso hat er seinen bisher brutalsten und härtesten Protagonisten abgeliefert. Zu allem Überfluss neigt er – dem Roman entsprechend – zu sadomasochistischen Spielchen und schlägt sich mit seiner bulgarischen Ex-Frau, die eine extreme Masochistin ist, um die Sorgerechte für ihren gemeinsamen Sohn. Selbst für Grangés barocke Figuren ist das ein bisschen viel. Um nicht den Abend im Bistro oder vor dem Fernseher verbringen zu müssen, schließt er sich auch gerne mal einer Razzia des Drogendezernats an. Ein Typ, der nicht stillsitzen mag.
Er ärgerte sich mit seiner Scheidung, seiner Ex-Frau Emiliya, und seinem Sohn Thaddée (der zu viele Kapitel des Romans besetzt) herum.
Einer von diesen Grangé-Helden, die als Sozialisation erfahren haben, dass sie die Welt im Stich lässt.
Er ist nervig und für den Leser häufig betriebsstörend.
Einen durchgeknallteren Protagonisten hat der Autor bisher noch nicht vorgelegt.

In Frankreich war DIE FESSELN DES BÖSEN (der Originaltitel erscheint mir besser: LA TERRE DES MORTS) der bisher umstrittenste Roman des Autors. Aber eines ist gewiss: Grangé schreibt nie einen Roman zweimal und versteht es, mit Originalität die Leser immer wieder zu überraschen (auch wenn seine Cops in ihren Konstellationen einander ähneln).

Auch sein 13.Roman strotzt wieder von Recherche und obskurem Fachwissen.

Da kommt der einstige Star-Journalist durch, der um die Welt gereist ist, um unbekannte Geschichten zu heben.
„Ich bin immer neugierig und recherchiere. Damit meine Romane nicht im Fachwissen ersticken, wende ich eine bestimmte Technik an: Ich versuche die Ermittlungsarbeit extrem realistisch darzustellen. Ein Thriller ist immer auch eine Reise an unbekannte Orte. Der Leser kann Dinge lernen. Über Goya oder Porno hier Bei allen guten Thrillern gibt es einen journalistischen Hintergrund.“

Ist deswegen der Thriller das adäquate Medium?

„Als ich begann, journalistisch zu arbeiten, begann ich auch Thriller und Detektivromane zu lesen. Durch mein Literaturstudium hatte ich keine gute Meinung von dem Genre. Ich dachte, das sind alles schlecht geschriebene Bücher. Dann las ich die großen Autoren des Genres, die Klassiker. Und ich fand sie auch literarisch großartig. Und bedeutend interessanter als Marcel Proust. Ich hatte nur diese dunklen Geschichten, über die ich schreiben wollte. Keine Ahnung, warum. Ich würde wahnsinnig gerne mal eine romantische Komödie schreiben. Aber dazu fällt mir nichts ein. Mir fallen immer nur düstere Mordgeschichten ein.“

Grangé war immer ein Spezialist für ungewöhnliche Sujets. Ob spekulativ oder faktisch – mit diesen oft absurd anmutenden Motiven erweitert den Horizont. Dabei spürt er immer den Aspekten des Bösen nach. Von diesen „Blumen des Bösen“ ist er so tief fasziniert, wie kaum ein anderer zeitgenössischer Thriller-Autor. Da muss er sich auch den gelegentlichen (und treffenden) Vorwurf gefallen lassen, dass er auf Kosten dieser Faszination manchmal Plotelemente vernachlässigt oder ins Metaphysische abgleitet.
Dass er ein bemerkenswerter Schriftsteller ist, bleibt außer Frage.

Bondage, Shibari, Glory Hole, Pegging, Sadomasochismus, Nekrophilie: Jean-Christophe Grangé erstellt eine lange Liste sexueller Abweichungen und sehr spezieller Freuden, um seine Charaktere in ein verdorbenes Universen zu stürzen.

„Moral wird auf der Grundlage allgemeiner Übereinstimmung definiert. Ich habe gelernt, diese Praktiken zu respektieren und vor allem nicht zu beurteilen“, erklärt er in einem Interview über die im Roman beschriebenen SM-Praktiken.

Kritiker haben dem Buch vorgeworfen, es beleuchte diese Milieus nicht über Wikipedia-Einträge hinaus. Mir ist allerdings kein Wikipedia-Eintrag emotional so nahe gegangen, wie Grangés fiktionale Nutzung. Und einige Szenen sind so hart, dass man sie besser mit nüchternen Magen liest. In gewisser Hinsicht ist der Roman ein Gegenentwurf zu den harmlosen Eskapaden der SM-Lemuren in SHADES OF GREY.

„Paris im Sonnenschein ist nicht schlecht, aber Paris im Regen ist definitiv eine Apotheose. Lebendige Bäche, lackierte Gehwege und ein schwarzer Himmel, der jedes Wohnhaus in einen blassen, fast fluoreszierenden Block mit Fassadenornamenten als Lebensadern verwandelt. Wenn man sich in ein Café setzt, erlebt man die pure Freude, von der Stadt vollständig umschlossen zu werden und hinter regenbeperlten Fenstern in sie eingebettet zu sein. In solchen Momenten hatte Corso den Eindruck, die ursprüngliche Essenz seiner Stadt zu erfassen, diejenige der Liebenden und der Schurken, der galanten Rendezvous und der Halsabschneider, der esoterischen Komplotte und der Verbrechen aus Leidenschaft.“

DIE FESSELN DES BÖSEN ist auch ein Paris-Roman.

Das Paris einer bestimmten Subkultur, der Pornographie im weitesten Sinne und der Sado-Maso-Szene im engeren. In Grangés Paris scheint die Hälfte aller Gebäude zu unredlichen Zwecken verschiedenster Art genutzt zu werden. Ihm gelingen ganz eigene poetische Momente:
„Das Viertel um die Rue de la Huchette erinnerte an schlechte Cholesterinwerte. Mit Fett verstopfte Venen und Arterien, in denen nur schwer voranzukommen war. Triefende Gassen, in denen sich griechische Restaurants und Dönerbuden abwechselten. Dieses kleine, überbevölkerte Viertel hatte erreicht, was eine zweitausendjährige Geschichte nicht hatte zustande bringen können: die Versöhnung von Griechen und Türken dank überhitztem Öl und Touristenmenüs.“


Wieso gerade dieses Thema (im Folgebuch, LA DERNIER CHASSE, hat Grangé sich wieder mit Nazis, mit der Lumpen- Division Dirlewanger, beschäftigt)?
„Es ist nicht nötig, die Romane in exotische Länder anzusiedeln. Der Sado-Masochismus in Paris ist ein Paralleluniversum. Was mich an Pornos fasziniert, ist, dass jeder weiß, dass es die Nummer eins im Internet ist, aber wenn man am Tisch darüber spricht, kennt es niemand. Wir sind immer von den prüdesten Leuten der Welt umgeben. Unsere Gesellschaft ist sehr, sehr prüde. Die Menschen schämen sich für ihre Sexualität.“

Zugegeben: Die Parallelhandlung über Corsos Scheidungskrieg nimmt für mich zu viel Platz ein. Das Gestocher in und um Corsos Psyche war mir auch ein bisschen viel, mit seinen „paar Stunden kleberigen Schlafes“.

Die ganze gallische Sentimentalität erscheint in Corsos unglaubwürdiger Beziehung zur Polizeipräsidentin Catherine Bompart, die ihn aus dem Drogensumpf gezogen hat, um ihn zum Bullen zu machen.

Die Verfolgung des perversen Malers Sobiesky ist atemberaubend und gipfelt in einer üblen Straßenschlacht und einer Gerichtsverhandlung, die dem Autor seinen Hohn über das System erlaubt.
Wie immer erspart Grange einem nichts.

Es ist der verstörendste Anti-Familienroman, den ich je gelesen habe. Die Familie als gesellschaftliche Grundlage wird am Ende nicht nur deklassiert, sondern als das Böse geradezu pervertiert. Damit geht Grangé wieder in Regionen, die noch niemand betreten hat.
Ob verstörend, philosophisch, mutig, misslungen oder krank, ist schwer zu entscheiden.
Vielleicht wird man diesen Roman erst in einigen Jahren wirklich beurteilen können. Jetzigen Maßstäben für Noir-Thriller entzieht er sich weitgehend.

Wie Mickey Spillane beginnt Grangé seine Romane mit dem Ende. Das hat den Vorteil, dass man genau weiß, wo man als Autor hin will. „Und dann strickt man den Roman von innen nach außen.
Vielleicht neigt man aber auch dazu, eine Schleife zuviel zu drehen, um für einen Überraschungsmoment die Glaubwürdigkeit zu riskieren.
So kann man das erste Finish gegen Ende des Romans durchaus kritisch sehen. Die Beweisführung vor Gericht ist ein Kaninchen, dass Grangé aus dem Zylinder zaubert. Diese Sequenz ist auch schockierend und spannend. Und Grangé beendet diese Vorführung eines bedenklichen Rechtsystems mit den Worten: „Es gibt kein Wahrheit, es gibt nur vermutete Lügen…“

Es ist sicherlich nicht Grangés bester Roman; dazu hat er zu viele Löcher mit der primitiven Deus ex Machina-Technik gestopft. Aber die Figurengalerie ist farbenfroh und verleiht der Geschichte Fülle. Der Rhythmus ist schnell und die Geschichte äußerst gewalttätig – wie die Figuren.

So viele verdorbene Charaktere pro Quadratkilometer liefert kein anderer Autor.
Für die Fans des Autors bleibt es eine befriedigende Lektüre. Denn Grangé geht wieder in verbotene Zonen, die man diesmal besonders schwer ertragen und beurteilen kann. Besonders in der Auflösung ist der Roman wahrlich eine Hommage an den Marquis de Sade.

Es ist die erste deutsche Ausgabe eines Grangé-Romans, die nicht als Hardcover erscheint, sondern direkt als Paperback. Abgesehen vom Erstling, der später als Hardcover nachgeschoben wurde.
Wohl ein Indiz, für den nachlassenden Erfolg im deutschsprachigen Raum.
Gleichzeitig argumentiert der Erfolg von geistigen Tieffliegern wie Fitzek oder Nesbo für einen beängstigenden Niveauverlust der Konsumenten. Das Bildungssystem zeigt Folgen.

P.S.:
Es gibt auch wieder ein gekürztes Hörbuch, gelesen von Martin Keßler.

Ein wenig zu dumpf produziert,
8 CDs, 20,0 L0 €.

PPS: Grangé gehört zu den wenigen Autoren, die mir abgewichsten Leser noch Angst machen können Dieser Autor macht die Anzweifelbarkeit der geistigen Gesundheit erfahrbar.

https://www.arte.tv/de/videos/092249-000-A/die-geheimnisvollen-alpen-und-die-purpurnen-fluesse/



IM ZWIELICHT VON VICHY – Die (zeit)geschichtlichen Kriminalromane von J.Robert Janes by Martin Compart

I.
Historische Romane haben seit Jahrzehnten Konjunktur. Wobei sich besonders historische- und zeitgeschichtliche Kriminalromane großer Beliebtheit erfreuen.

Alles begann mit Melville Davidson Posts UNCLE-ABNER-Geschichten, die im wilden Virginia Anfang des 19.Jahrhunderts spielten und ab 1918 veröffentlicht wurden. Dies waren wohl die ersten Detektivgeschichten, die bewusst in einer vergangenen Epoche angesiedelt wurden.
In den 40er Jahren entdeckten Autoren wie Agatha Christie, John Dickson Carr und Lillian de la Torre (ihre wunderbaren Geschichten über Dr.Johnson warten noch auf eine deutsche Veröffentlichung) die faszinierenden Möglichkeiten dieses Subgenres. Als einen Höhepunkt darf man THE DAUGHTER OF TIME, 1951, von Josephine Tey nennen, in dem erstmals ein reales historisches Verbrechen der kriminalliterarischen Analyse unterworfen wurde.

Einen erneuten Push bekam das Genre Anfang der 70er Jahre mit dem Sherlock-Holmes-Revival (ausgelöst durch Nicholas Mayers THE SEVEN-PER- CENT-SOLUTION, 1974). Anfang der 80er Jahre wurden Ellis Peters Bruder Cadfael-Romane, Ann Perrys Viktorianische Krimis und vor allem Umberto Ecos DER NAME DER ROSE zu Bestsellern und Welterfolgen. Seitdem vergeht keine Woche, in der nicht ein Detektivroman über das alte Rom, die Renaissance, das Mittelalter oder eine sonstige Epoche erscheint.

Der Noir-Roman entdeckte die historische Perspektive relativ spät über den Umweg des Polit-Thrillers, der historische Ereignisse oder Persönlichkeiten in den Mittelpunkt stellt (etwa Frederick Forsyths DAY OF THE JAKAL oder Ken Folletts EYE OF THE NEEDLE). Drehbuchautor Andrew Bergman schrieb 1974 mit THE BIG KISS-OFF OF 1944 den ersten von zwei Romanen, die im Hollywood der 40er Jahre spielen. Stuart M.Kaminsky begann ein Jahr später mit seiner Serie um den Hollywood-Privatdetektiv Toby Peters, der es in jedem Fall mit einem anderen Hollywood-Star aus den 40ern zu tun hat.

1975 veröffentlichte Joe Gores seine Hommage an den Urvater: HAMMETT.

Ed Mazzaro schrieb in dieser Zeit ebenfalls einige Romane, die in den 30er Jahren spielten.

Einen weiten Schritt nach vorne machte das Subgenre 1983 mit Max Allan Collins‘ erstem Nate-Heller-Roman TRUE DETECTIVE. Collins untersucht durch seinen Detektiv in jedem Roman ein wahres Verbrechen und bereitet das bekannte Faktenmaterial so kunstvoll auf, daß man ihn heute als den absoluten Großmeister des Genres bezeichnen muß. An diesem Status kratzt nicht einmal James Ellroy mit seinem durchwachsenen Quartetten.

Während das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg immer ein sehr beliebter Hintergrund für Spionageromane und Polit-Thriller war, sparte der historische Detektiv- oder Noir-Roman diesen düsteren Zeitabschnitt aus.

Es ist kaum vorstellbar, aber ausgerechnet in diesem kriminalliterarischen Segment wurde ein Klassiker von einem deutschen Autor geschrieben! Der unterschätzte und zu Unrecht in Vergessenheit geratene Hans Hellmut Kirst veröffentlichte 1962 den Noir-Roman DIE NACHT DER GENERALE, der zum Teil im besetzten Frankreich spielt und die Spur eines Serienkillers durch den Zweiten Weltkrieg bis in die Nachkriegszeit verfolgt. Der Roman war damals ein großer Erfolg, erschien sogar in den USA und wurde von Anatole Litvak mit Peter O’Toole und Omar Sharif nach einem Drehbuch von Joseph Kessel 1966 als britisch-französische Co-Produktion verfilmt. O´Toole spielt den Killer General Tanz. Die beängstigendere Darstellung eines Psychopathen hat man im Kino selten oder nie gesehen.
Kirst schrieb noch andere bemerkenswerte Kriminalromane, darunter die München-Triologie über Skandale und Korruption auf höchster Ebene. Bei uns schmälich mißachtet – auch von der deutschen Krimi-Szene -, ist er der erste deutsche Autor, der Eingang in das Standardwerk TWENTIETH CENTURY CRIME WRITERS gefunden hat.

1989 legte der schottische Schriftsteller Philip Kerr mit MARCH VIOLETS seinen ersten Roman vor, der wahrlich noir war: MARCH VIOLETS hatte mit Privatdetektiv Bernie Gunther einen Protagonisten, der im Berlin der Nazis Ende der 30er Jahre ermittelte. Kerrs Serie dürfte bis heute die erfolgreichste sein, die in der Zeit des 3.Reichs angesiedelt ist. Angesichts ihrer Qualität hat sie das auch verdient.

1992 erschien dann mit MAYHAM Robert J.Janes erster St-Cyr und Kohler-Roman, der sich auf einem völlig neuen Niveau mit den Schrecken im besetzten Frankreich auseinandersetzt. Angesichts der gigantischen Verbrechen der Big Player Hitler, Himmler, Goebbels und Co., deren Blutspur sich durch ganz Europa zog, mußte jedes noch so perfide individuelle Verbrechen verblassen. Was sind selbst hunderte Opfer eines Brandstifters im Vergleich zu den Massenvernichtungen durch die Nazis? Es ist nicht verwunderlich, daß sich nur sehr wenige Autoren für die „normalen“ Verbrechen im Schatten der Staatsverbrechen interessieren. Denn auch während des 3.Reiches, das individuelle Verbrechen wie jedes totalitäre Regime leugnete, geschahen alltägliche Morde und andere Schwerverbrechen.

II.
Joseph Robert Janes wurde 1935 in Toronto als mittlerer von drei Söhnen geboren. Als Kind war er ein Einzelgänger, bis er fünf Jahre alt war und den belgischen Knaben Willy aus einer Immigrantenfamilie traf. „Willy war so alt wie ich und sprach kein Wort Englisch. Aber wir verstanden uns trotzdem, gingen gemeinsam ins Kino und spielten Cowboy, Kampfpilot, Pirat usw. Wir lebten unsere kindlichen Phantasien aus, und diese Zeit war wohl wesentlich mitverantwortlich, dass ich Schriftsteller geworden bin.“

Nach der Schulzeit studierte er an der Universität von Toronto Geologie und schloss 1958 als graduierter Mineningenieur ab. Er unterrichtete Geologie an der McMasters Universität in Hamilton und an der Brock Universität von St.Catharines, bevor ihn der Ruf der Ölindustrie erreichte. Einige Jahre arbeitete er als Ölsucher für Mobil Oil of Canada und die Ontario Research Foundation, dann kehrte er zum Lehramt zurück. „Ich sehe mich auch heute noch als Geologe und Mineningenieur. Das verliert man nicht. Die ganze Art und Weise die Dinge zu betrachten, wurde durch meine Ausbildung beeinflusst. Die Fähigkeit, Fakten zu sammeln und auszuwerten, um komplexe Probleme analytisch zu lösen, ist meine wissenschaftliche Grundlage, die mir als Romancier hilft. Ich denke noch immer sehr akademisch.

1958 heiratete er seine Frau Grace, mit der er bis heute vier Kinder und sechs Enkel hat, für die er „aus dem Stand Geschichten erfindet und erzählt. Das sind die besten Geschichten.“

Seit 1970 ist er freier Schriftsteller und zu seinem Oeuvre gehören neben Geologie-Sachbüchern, Romane (THE ALICE FACTOR, THE TOY SHOP) und Thriller (THE HIDING PLACE, THE WATCHER), vor allem Detektivgeschichten für Jugendliche (die Rolly-Serie).

Wie alle professionellen Autoren ist auch Janes ein harter Arbeiter: „Ich arbeite jeden Tag außer sonntags. Ich beginne morgens um sieben Uhr mit einer Tasse schwarzen Kaffees und Papier und Bleistift. Von meinem Arbeitszimmer sehe ich auf unseren verwilderten altenglischen Garten und denke nach. Etwa um acht Uhr weiß ich, was ich schreiben werde. Mit einer zwanzigminütigen Mittagsunterbrechung arbeite ich bis etwa um fünf Uhr durch; Samstags nur bis vierzehn Uhr. Mein Arbeitszimmer unter dem Dach ist zwar so breit und lang wie das halbe Haus, aber mit Büchern und Papier vollgestopft. Zum Schreiben bleibt mir gerade mal ein Quadratmeter. Die erste Fassung schreibe ich immer mit der Hand. Die Tagesarbeit übertrage ich dann mit meiner IBM-Schreibmaschine. Kein PC! Ich mag diese technischen Erleichterungen nicht, weil sie das eigentliche Schreiben beeinflussen und den Text mit unnötigen Worten aufschwemmen.“

Tatsächlich lässt sich bei einigen Autoren beobachten, wie ihre Bücher immer umfangreicher wurden – extrem war das bei Desmond Bagley der Fall – , nachdem sie auf PC umgestiegen waren. Janes Bücher sind dagegen nicht sehr umfangreich und stilistisch äußerst effektiv. „Ich sage allen jungen Autoren: Vergesst die Word Processor, PCs usw. Die machen alles zu einfach. Umschreiben und nochmals umschreiben ist das wichtigste bei der Schriftstellerei. Man muß sich quälen.“

Der selige Jörg Fauser, der einen bestimmten Uralttypus Schreibmaschine auch schon mal von einem Schrottplatz geholt hatte, würde ihm sicherlich zustimmen. „Wenn ich den Titel eines Romans habe, beginne ich mit dem Schreiben. Der Titel muss für mich alles enthalten, er ist die Quintessenz des Romans und sollte die Substanz des Buches einfangen. Die Charaktere kommen aus der Story. Es sind Figuren, die für bestimmte Szenen nötig sind, damit ich sie so entwickeln kann, wie es mir nötig erscheint. Aber sie müssen natürlich stimmen und wahrhaftig sein, sonst funktionieren sie nicht. Aber bei mir kommt die Geschichte zuerst, die die Charaktere bedingt. Andere Autoren arbeiten erfolgreich genau umgekehrt.“

Janes Vorbilder und eventuelle Einflüsse sind Autoren, die beim besten Willen nicht der Kriminalliteratur zuzuordnen sind: „Seitdem ich selbst schreibe, lese ich kaum noch fiktionales. Denn ich möchte stilistisch nicht beeinflusst werden, was unweigerlich passieren würde. Zu meinen Lieblingsautoren gehörten John Steinbeck, Scott Fitzgerald, D.H.Lawrence (ein absolutes MUSS!), Edna O’Brien, Sean O’Faolain, John Fowles, Graham Greene und andere.“

III.
Den ersten St.-Cyr und Kohler-Roman, MAYHAM, schrieb Janes in nur drei Monaten. „In der Rohfassung meines Diamanten-Thrillers THE ALICE FACTOR gab es eine lange Passage über das okkupierte Frankreich. Der Verlag meinte, der Roman sei zu lang, und ich warf diesen Teil heraus. Danach schrieb ich einen bis heute nicht veröffentlichten Roman über einen Protagonisten, der sich an seine Zeit im besetzten Frankreich erinnert. In diesem Buch taucht ein unehrlicher Sureté-Detektiv auf. Mein Unterbewusstsein begann sich bereits mit St.-Cyr zu beschäftigen, als ich dieses Buch schrieb. Aber St.-Cyr sollte natürlich in gewisser Hinsicht ein Ehrenmann sein. Damals, durch die Situation bedingt, war so ziemlich jeder mehr oder weniger unehrlich oder ein Gauner. Ich wusste jedenfalls sofort, dass St.-Cyr einen starken Gegenpart braucht. Also kam mir Kohler in den Sinn. Aber ich war während des Krieges aufgewachsen und hatte die Deutschen zu hassen gelernt. Ich fragte mich, ob ich wirklich über einen sympathischen Deutschen schreiben konnte. Wie sollte ich das Einfühlungsvermögen entwickeln, das nötig ist für so eine wichtige und zentrale Figur? Irgendwie gelang es mir. Aber Kohler hatte immer die Tendenz, mir auf dem Papier wegzurennen. Noch heute, neun Bücher später, droht mir Kohler immer wieder zu entgleiten. Ich muß mich sehr intensiv auf ihn konzentrieren.“

Ohne das Tempo der Handlung zu verzögern – jeder St.-Cyr und Kohler-Roman spielt in einem kurzen Zeitraum von einigen Tagen, nie länger als eine Woche – gelingt es Janes das tägliche Leben in einem besetzten Land in die Handlung zu integrieren. Fernab allen dümmlichen Betroffenheitsgelalles zeigt er den alltäglichen Terror der Besatzer und den dauernden Überlebenskampf der einfachen Menschen. Er vermeidet simple Schwarzweißmalerei und zerstört abgedroschene Klischees.

Er verdeutlicht geradezu erschreckend, wie wenig wir wirklich wissen – trotz aller bemühten Fernsehdokumentationen. Dabei vermeidet er Sentimentalität, was die Authentizität seiner Bücher erhöht. Sein souveräner Umgang mit zeitgeschichtlichen Fakten und ihre künstlerische Vernetzung mit der Fiktion ziehen den Leser so intensiv in die Geschichte, das dieser die zeitliche Distanz aufgibt. Wie kaum ein anderer Autor erweckt Janes die Vergangenheit zum Leben und macht sie auch emotional erfahrbar. Eine fiebrige Realität wird heraufbeschworen.

Neben seinen gelungenen Charakteren und den sauber konstruierten Plots macht diese atmosphärische Verzahnung von vergangener Realität und Fiktion die Faszination seiner einzigartigen Bücher aus.
„Das besetzte Frankreich ist ein faszinierender Hintergrund, und ich entdecke immer wieder etwas neues.“
Gerade die genau recherchierten Details, die Janes unaufdringlich einfließen lässt, verblüffen den aufmerksamen Leser immer wieder. Wie Max Allan Collins gilt auch er als exzellenter Rechercheur, dem es gelingt, genau die richtigen Facts zu finden und zu nutzen.

„Wir sprechen über Romane! Man kann auch etwas zu Tode recherchieren, bis mir oder dem Leser die Lust vergeht. Der Trick ist, nur das auszuwählen, was die Story lebendig werden läßt. Schriftsteller sind Jäger und Sammler und registrieren alles was sie lesen, hören oder sehen, um es mal irgendwann zu verwerten. Ich recherchiere dauernd. Die Jagd nach Material geht nie zu Ende. Seitdem ich 1970 mit dem Schreiben begann, habe ich keinen Urlaub gemacht. Nur Recherche-Reisen. Jeder Roman ist anders. Aber inzwischen weiß ich intuitiv, welches Material ich für ihn brauchen könnte. Ich mache eine Menge Notizen, schreibe Seiten nur mit Fakten und Details voll. Jedes Buch muss alleine für sich bestehen können, ohne vom Leser Vorkenntnisse zu verlangen.“

Oft gewinnt man den Eindruck, dass Janes der Atmosphäre seiner Romane alle anderen Elemente unterordnet. Und es sind die verschiedenen, meist düsteren, Stimmungen, die im Leser unauslöschlich haften bleiben. Dabei verlangt er bei der Lektüre einige Konzentration: Sein eigenwilliger Umgang mit dem inneren Monolog, dessen Perspektive abrupt gewechselt werden kann, ist nur effektiv, wenn man sich intensiv auf Stil und Autor einlässt. Janes verlangt den mitdenkenden Leser und macht keine Abstriche an sein literarisches Konzept. Paradoxerweise ist es gerade diese extrem subjektive Erzählerhaltung, die ein objektiv-realistisches Bild der Zeit heraufbeschwört.

Angesichts dieser Voraussetzungen ist es unwahrscheinlich, dass ein deutscher Verlag die Serie noch einmal aufgreifen und übersetzen wird. Die Hardcore-Fans lesen ihn längst im Original. Janes war und ist – ähnlich wie Anthony Price, dem Großmeister des historischen Spionageromans – „a thinking man´s writer“.

Die Globe and Mail verglich einen seiner Romane mit der „glanzvollen Handlung von H.H.Kirsts Klassiker DIE NACHT DER GENERALE“ und SANDMANN wurde sowohl von Publishers Weekly wie der New York Times unter die besten Thriller des Jahres 1997 gewählt. Seitdem seine Romane auch in den USA veröffentlicht werden, ist Janes kein wirklicher Geheimtipp mehr. Sieben Romane wurden von der Stornoway Productions unter Option genommen. Das Drehbuch zum ersten Roman MAYHEM ist von Ron Base fertiggestellt worden, und seit 20 Jahren sind sowohl ein Kinofilm wie auch eine Fernsehserie für die BBC im Gespräch. Aber man kennt das Spiel: Häufig werden Optionen nur deshalb erneuert, damit kein Konkurrent die Möglichkeit bekommt, das Projekt tatsächlich zu realisieren.

Weltweit hat das Interesse an Janes Vichy-Serie stark zugenommen. Ursprünglich wollte er die Serie auf zehn Romane beschränken…

ST.CYR-und KOHLER-Serie:

1. Mayhem (1992)
2. Carousel (1992)
3. Kaleidoscope (1993)
4. Salamander (1994
5. Mannequin (1994)
6. Sandman (1994)
7. Stonekiller (1995)
8. Dollmaker (1995)
9. Gypsy (1997)
10. Madrigal (1999)
11. Beekeeper (2001)
12. Flykiller (2002)
13. Bellringer (2012)
14. Tapestry (2013)
15. Carnival (2014)
16. Clandestine (2015)

LINKS:

http://archives.mcmaster.ca/index.php/j-robert-janes-fonds

https://jsydneyjones.wordpress.com/2014/02/23/st-cyr-and-kohler-the-historical-thrillers-of-j-robert-janes/

http://therapsheet.blogspot.com/2012/05/solving-crimes-in-shadow-of-war.html


http://zerberus-book.de/



Interview zu LEMMINGE IM PALAST DER GIER by Martin Compart

LEMMINGE IM PALAST DER GIER – Fragen an Compart

Rezensionsexemplare über michael.contre@zerberus-book.de



DAN J.MARLOWE-BIO by Martin Compart
9. Oktober 2019, 9:01 am
Filed under: Noir, Sekundärliteratur | Schlagwörter: , , ,

Dan J. Marlowe gehört zu den unterschätzten Noir-Autoren, die besonders in den 1960ern Noir-Geschichte geschrieben haben (THE NAME OF THE GAME IS DEATH). Seit 2012 gibt es eine faszinierende Biographie, die Myron Bünnagel in seinem für Entdeckungen bekannten Blog MORDLUST unter die Lupe nimmt: https://www.mordlust.de/charles-kelly-gunshots-in-another-room-the-forgotten-life-of-dan-j-marlowe/