Martin Compart


NEWS: Michael Moorcock by Martin Compart
6. September 2016, 10:17 am
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Über das Colonel Pyat-Quartett bei FLASHMAN:

https://compartsflashman.wordpress.com/2016/09/06/das-colonel-pyat-quartett-von-michael-moorcock/

Pyat_Quartett[1]

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M.P.SHIEL: Die Kurzprosa des Inselkönigs von Alexander Martin Pfleger by Martin Compart
12. September 2012, 8:50 am
Filed under: Alexander Martin Pfleger, M.P.Shiel, Michael Moorcock, Porträt, Rezensionen, Science Fiction | Schlagwörter: , ,

Es ist immer ein erhellendes Vergnügen, einen Text von Alexander Martin Pfleger zu lesen. Er gehört zu den besten und originellsten unter den jungen deutschen Literaturwissenschaftlern und verfügt über ein bemerkenswert breites Spektrum. Auf literaturkritik.de steht lapidar:

„Veröffentlichungen über Gerhart Hauptmann, Thomas Mann, Josef Weinheber, Ernst Jünger, Arno Breker und Alfred Elton van Vogt.
Forschungsschwerpunkte: Epigonale (oder besser gesagt: gemeinhin als epigonal angesehene) deutschsprachige Versdramatik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, NS-Literatur und Literatur der Inneren Emigration, kommerzielle Hörspiele, Trivialliteratur.“

Ich hatte bereits das Vergnügen, einen Text über Michael Moorcock in diesem Blog zu veröffentlichen. Hier nun schreibt er über einen der faszinierendsten Literaten des britischen Empires.

Der erste deutschsprachige Auswahlband einiger Erzählungen von Matthew Phipps Shiel
von Alexander Martin Pfleger

Matthew Phipps Shiel zählt hierzulande immer noch zu jenen Klassikern der angloamerikanischen Phantastik, deren Bedeutung sich mehr an der Anzahl ihrer Erwähnungen in Essays und Lexika zur phantastischen Literatur denn anhand ihrer deutschsprachigen Übersetzungen ablesen läßt. Zollten ihm zu Lebzeiten so unterschiedliche Autorinnen und Autoren wie Dorothy Sayers, Rebecca West, H. G. Wells, Arnold Bennett, E. F. Benson, L. P. Hartley, J. B. Priestley, Hugh Walpole, Dashiell Hammett, Lawrence Durrell oder H. P Lovecraft ihren Tribut, so fristete er bei uns seit seinem ersten Auftreten kaum mehr als ein Schattendasein. Ende der 1970er Jahre fand eine seiner bekanntesten Erzählungen, das Fragment „Xelucha“, Eingang in eine Reclamanthologie klassischer englischer Spukgeschichten. Anfang der 1980er Jahre, als es noch völlig undenkbar war, daß ein Titel aus diesem Bereich auch nur das minimalste feuilletonistische Interesse auf sich zu lenken vermöchte, wenn er unglücklicherweise außerhalb der „Phantastischen Bibliothek“ oder der „Hobbit Presse“ erschien, kam Shiels bekanntester Roman, die „Letzte-Mensch“-Geschichte „The Purple Cloud“, auf Grundlage der Originalfassung von 1902, mit einem detaillierten Nachwort des späteren SFWA-Präsidenten David G. Hartwell versehen, in der Übersetzung von Hans Maeter als Heyne Taschenbuch heraus. Erst in den 1990er Jahren erschien wieder eine Erzählung von ihm – die Titelstory des vorliegenden Bandes! – in einer Heyne-Anthologie.

Seine Präsenz im sekundären Sektor indes war dazu angetan, das Interesse an seinem Werk lebendig zu erhalten. In Rein A. Zondergelds „Lexikon der phantastischen Literatur“ konnte man von einer Vielzahl phantastischer Abenteuerromane und Erzählungen sprachlich barock-archaisierenden Zuschnitts lesen, die dem Enzyklopädisten zwar größtenteils künstlerisch mißglückt dünkten und zudem die reaktionären, schon durchaus faschistisch zu nennenden Ansichten ihres Verfassers offenbarten, von denen einige aber durchaus einen gewissen Anspruch auf literarhistorische Bedeutung innerhalb des phantastischen Genres für sich beanspruchen dürften, insbesondere die Erzählung „Vaila“ oder, wie sie in ihrer späteren Fassung heißen sollte, „The House of Sounds“, die aber letztlich nichts weiter als eine sowohl inhaltlich als auch sprachlich geradezu ans Lächerliche grenzende Nachahmung von Edgar Allan Poes „Der Untergang des Hauses Usher“ darstelle, wohingegen sie H. P. Lovecraft, vor allem die überarbeitete Version, als Meisterwerk feierte.

Als sich während der 1890er Jahre Arthur Conan Doyle vom Ruhm seines Sherlock Holmes zu emanzipieren trachtete, indem er diesen in den Reichenbachfällen bei Meiringen ein vorläufiges Ende finden ließ, gab es einige, die um den verwaisten Thron des Meisterdetektivs aus der Baker Street buhlten, und für nicht wenige Leser und Kritiker schien für einige Zeit Matthew Phipps Shiel mit seinem „Prince Zaleski“ aus dem gleichnamigen Erzählungsband von 1895 der vielleicht aussichtsreichste Aspirant zu sein. Des Prinzen berüchtigtster Fall ist ohne Zweifel in der Geschichte „The S. S.“ dokumentiert, die von den Machenschaften eines weltweit operierenden Geheimbundes handelt, der „Society of Sparta“, die es sich zur Aufgabe gesetzt hat, alle Kranken und Schwachen zu töten, diese Unternehmungen aber wie Selbstmord aussehen zu lassen. Shiel beschränkte sich jedoch nicht auf das Feld der Detektivgeschichte, sondern versuchte sich in den unterschiedlichsten Genres. Er behandelte Themen der décadence auf eine Weise, die seine Romane und Erzählungen sich auf dem Jahrmarkt der Sensationsliteratur zeitweilig äußerst erfolgreich behaupten ließ, allerdings nicht verhindern konnte, daß sie letzten Endes Geheimtips blieben.

Brian W. Aldiss – keineswegs ein Bewunderer Shiels! – äußerte einmal, daß man die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts als eine Wiederholung des 19. nach einem Drehbuch von Shiel ansehen müsse. Jugendwahn, Übermenschenkult, Vernichtungsphantasien – all dies findet man in seinen Werken in einem zwischen Baudelaire und Boulevard, zwischen Swinburne und „The Strand“ oszillierenden, auf manchen Leser mit literarischen Anspielungen überfrachtet wirkenden Stil dargeboten, dem Aldiss angesichts von Sätzen wie „As a brimming maiden, out-worn by her virginity, yields half-fainting to the dear sick stress of her desire—with just such faintings, wanton fires, does the soul, over-taxed by the continence of living, yield voluntary to the grave, and adulterously make of Death its paramour.” (In deutscher Übersetzung: „Wie eine alte Jungfrau, von ihrer Jungfräulichkeit verdorrt, sich halb ohnmächtig der vertraut wehmütigen Qual ihres Verlangens hingibt – mit solcher in Ohnmacht versinkender, brennender Lust gibt sich die Seele, überdrüssig der Enthaltsamkeit des Lebens, dem Grabe hin und nimmt sich ehebrecherisch den Tod zum Geliebten.“; zitiert nach Brian W. Aldiss: „Der Millionen-Jahre-Traum. Die Geschichte der Science Fiction“. Bergisch Gladbach 1980. Ins Deutsche übertragen von Michael Görden, S. 196) aus „The S. S.“ eine geradezu preiswürdige Groteskheit attestierte.

Sehr direkt geht es auch in dem Roman „The Lord of the Sea“ (1901) zu, der Geschichte eines fanatischen Antisemiten, der zunächst aus Rache die Unterdrückung und Entrechtung der Juden forciert, schließlich aber erfährt, daß er – Schirinowski läßt grüssen! – selber jüdischer Abkunft ist und in Palästina einen jüdischen Staat gründet. Mit „The Yellow Danger“ von 1898, wie der Titel bereits nahelegt der Geschichte eines „schlitzäugigen Schurken“, sollte Shiel schliesslich, zumindest für den englischen Sprachraum, ein ungutes Schlagwort liefern, das selbst Lesern geläufig sein dürfte, die nie etwas von Shiel gehört haben.

Diese durchaus als skandalumwittert anzusehenden Texte liegen aus nachvollziehbaren, wenngleich nicht immer berechtigten Gründen (noch?) nicht auf Deutsch vor, aber gerade ihr Nimbus wirft die Frage auf, worin denn nun eigentlich die Bedeutung Shiels begründet läge und wie sich die Faszination erklären ließe, die er auf solch eine illustre Schar von Bewunderern auszuüben vermochte. Zu einer solchen Erklärung trägt die erste deutschsprachige Sammlung einiger seiner Kurzgeschichten leider nichts bei, obwohl gerade sie ideal dazu disponiert gewesen wäre – und dies vor allem aufgrund der Person ihres Herausgebers.

Das vorliegende Buch ist keine deutschsprachige Originalzusammenstellung, sondern die deutsche Ausgabe der ersten spanischen Kurzgeschichtensammlung Shiels, welche von Javier Marías zusammengestellt wurde, der in einigen seiner Romane Anspielungen auf Klassiker der englischsprachigen Phantastik um 1900 einbaute, insbesondere auf Arthur Machen – und eben auf Shiel. Wir wollen die Angelegenheit nicht schlecht reden: Es liegen nun ein paar interessante Texte in erwartungsgemäß guter Übersetzung gesammelt vor – die Titelgeschichte in einer Neuübersetzung, die erste Fassung von „Vaila“ (die von Lovecraft gerühmte zweite Fassung „The House of Sounds“ erschien 2002 in einer Anthologie des Festa Verlages erstmals auf Deutsch) sowie vier andere Erzählungen und zwei autobiographische Texte. Ergänzt wird das Buch durch einen Kommentarteil von Antonio Iriarte, der sowohl zahlreiche literarische Anspielungen in Shiels Werken entschlüsselt, als auch den verschiedenen biographischen Verästelungen bis hin zu Oscar Wilde und Knut Hamsun nachspürt, gegenüber der spanischen Ausgabe jedoch „eine adaptierte und leicht gekürzte Fassung“ darstellt – warum auch immer. Wahrhaft abgerundet wäre das Ganze gewesen, hätte Marías einen großen Essay, notfalls ein kurzes und prägnantes Vor- oder Nachwort beigesteuert, doch seine Beiträge zu diesem Band sind enttäuschend und lassen es zweifelhaft erscheinen, ob sich hiermit ein gelungener Einstand bestreiten ließe.

David G. Hartwells Ausführungen zu Shiel im Allgemeinen und zu „The Purple Cloud“ im Besonderen waren entschieden werkbezogen – Shiel wurde unter den frühen Science Fiction Vorläufern um 1900 in die Tradition Poes im Unterschied zu den Traditionen von Jules Verne und H. G. Wells eingeordnet, sein Stil als häufig mißglückte, selten als wirklich gelungen zu erachtende Kombination seiner Idole Thomas Carlyle und Edgar Allan Poe charakterisiert und seine Charaktere als letzten Endes künstlich herausgearbeitet – entweder mithilfe vieler Kunstgriffe auf interessant getrimmt oder klischeebehaftet belassen. Auch in seinen autobiographischen Texten, so Hartwell, habe Shiel eher eine Kunstfigur entworfen, möglicherweise ein souveränes Idealbild seiner selbst, denn ein zutreffendes Bild von sich gezeichnet, weshalb diesen mit Vorbehalten zu begegnen geraten schiene. Ein biographisches Detail erwähnt Hartwell nur als Kuriosität am Rande: daß nämlich Shiel großen Wert darauf legte, den Titel eines Königs der Karibikinsel Redonda (auch: Redegonda) führen zu dürfen.

Diese Angelegenheit ist für Marías indes von eminenter Wichtigkeit, da er selbst seit einigen Jahren diesen Titel als legitimer Nachfolger Shiels führt und so auch die Rechte an seinem Gesamtwerk besitzt. Javier Marías hat offensichtlich einen großen Freundeskreis. Auf prominente Namen wie Francis Ford Coppola, Eric Rohmer, Pedro Almodóvar, António Lobo Antunes, Claudio Magris, Antonia S. Byatt, J. M. Coetzee, César Romero, Alice Munro, W. G. Sebald, Pierre Bourdieu sowie seinen deutschen Verleger Michael Klett und die Übersetzerin Carina von Enzenberg stößt man in den Listen der Ehrenbürger, Preisträger oder was auch immer des Königreichs Redonda, die Marías dem Band beigefügt hat. Welcher Art jedoch deren Bezug zu Shiel ist, inwiefern Shiel auf das Schaffen der Erstgenannten einen konkreten künstlerischen Einfluß ausübte oder diese in einer zwar abstrakten, aber letztlich schlüssig darzulegenden Weise in einer von Shiel begründeten Tradition stünden, wird nicht ersichtlich. In seinem Vorwort weist er lediglich auf die Shielreminiszenzen in seinen Werken hin und referiert in groben – man muß wirklich sagen: in extrem groben Zügen die „Geschichte“ des Königreichs Redonda von Shiel bis Marías. Nichts also von „Leiden und Größe Matthew Phipps Shiels“, sondern leider nur Vereinsinterna aus Javier Marías´ exklusivem privaten Kegelclub bzw. Kaffeekränzchen.

Dem unvoreingenommenen Leser bietet sich folglich eine zwar abwechslungsreiche Sammlung kurzer Erzählprosa dar, die sich sehr schön in das Gesamtbild angloamerikanischer Phantastik und Abenteuerfiktion um 1900 einfügt – Erzählungen, die Motive Poes oder auch Villiers de l’Isle-Adams, den Shiel übersetzte, aufgreifen und weiterführen, und die den Vergleich mit entsprechenden Werken von H. G. Wells, Robert Louis Stevenson, Jack London und wiederum Arthur Conan Doyle nicht zu scheuen brauchen: worin jedoch das Besondere des Shiel´schen Oeuvres läge, welches den Kult um sein Werk und den Firlefanz um das Königreich Redonda nachvollziehbar sich gestalten ließe, dürfte hieraus kaum ersichtlich werden. Ein kleiner rezeptionsgeschichtlicher Lichtblick – aber sonst ? Diese Chance wirkt vertan, aber es könnten sich durchaus noch weitere bieten, die sich besser nutzen ließen: In den Anmerkungen verweist Antonio Iriarte auf Seite 250 auf „Cold Steel“ von 1899, „Shiels vierter Roman (und zugleich einer seiner besten)“. Man vernimmt die Botschaft dankbar und harrt, neugierig geworden, einer spanischen Ausgabe des Buchs – nicht zuletzt in der Hoffnung, daß dann Klett Cotta nachzöge; nach Möglichkeit dann aber mit etwas mehr Hintergrundinformationen in Sachen Shiel von Javier Marías.

Matthew Phipps Shiel:
Huguenins Frau. Erzählungen
Herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Javier Marías
Aus dem Englischen übersetzt von Wolfgang Krege
Aus dem Spanischen übersetzt von Carina von Enzenberg
Klett-Cotta, Stuttgart 2006
251 Seiten, 19.50 EUR
ISBN: 978-3-608-93631-5
3-608-93631-9

Eine Hollywood-Version von THE PURPLE CLOUD



Die Crux mit dem Hauptwerk Grundsätzliches über Michael Moorcock 3/ von Alexander Martin Pfleger by Martin Compart
4. November 2010, 4:00 pm
Filed under: Bücher, Michael Moorcock, Politik & Geschichte, Porträt, Science Fiction | Schlagwörter: ,

Grundsätzliches über Michael Moorcock – anlässlich einer Neuübersetzung seiner „Imitatio Christi“

Die Episoden in der Vergangenheit sind durch eine funktional begründete Blässe charakterisiert. Moorcock versucht nicht, seinen Lesern in der Manier des populären Historienbestsellers eine fremde Epoche in möglichst satten Technicolorfarben auszumalen – sein Palästina der 30er Jahre (der tatsächlichen, ersten unserer Zeitrechnung!) ist hingegen lediglich verzeichnet, wenn auch keineswegs, wie man im Kindler über das Zeitalter der Inquisition in Victor Hugos „Torquemada“ bemerkte, „in geradezu quälendem und beängstigendem Ausmaß“, sondern eher in einer über weite Strecken im positiven Sinne comicstriphaft unbekümmert anmutenden Art, die stellenweise – etwa, wenn Glogauer bei der Auswahl der Apostel nicht allein das Alte Testament, sondern auch die Zeichen des Tierkreises und Positionen neuzeitlicher Esoterik zur Richtschnur seiner Entscheidungen wählt oder Pilatus angesichts der aufgebrachten Menge „Oh, diese morbiden Fanatiker!“ ausruft – in humoristische Kabinettstückchen mündet, die weniger „Das Leben des Brian“ antizipieren als vielmehr dem Josephsroman ironisch Reverenz erweisen.
Überdies stehen dem Autor so keine kleinlichen historischen Details bei der Übermittlung seiner Botschaft im Wege. Gewiss entspricht das Übermitteln einer solchen nur bedingt den Zielsetzungen moderner Literaturtheoreme, aber wenn man schon so etwas macht, sollte man ruhig die Frage nach derselben und ihrem Gewicht stellen dürfen. Was Moorcock uns mitteilen möchte, ist die Erkenntnis, dass man Jesus, wie im Prinzip jede religiöse Erlösergestalt, als Projektion des modernen Menschen anzusehen vermag, der das Bewusstsein der eigenen Unzulänglichkeit in der Vision eines imaginären Grössen-Ichs zu kompensieren trachtet. Das ist schlüssig, aber nicht neu. Innerhalb der Science Fiction war es gewiss neu und originell, in der Literatur des 20. Jahrhunderts in ihrer Gesamtheit hingegen, auch wenn man sich nur auf dessen zweite Hälfte beschränkte, vermag diese Erkenntnis kaum eine Fussnote zu füllen.
„Als großer Anführer und großer Prophet galt er ihnen, doch während sie glaubten, er führe sie, trieben sie ihn in Wirklichkeit vor sich her.“ – ein Satz aus „Behold the man“, der in jedem von Moorcocks Fantasyzyklen stehen könnte und komprimiert die Dialektik allen Heldentums zusammenfasst, das für Moorcock letzten Endes stets in Selbstbetrug begründet liegt und auf Betrug hinausläuft. In solchen Überlegungen offenbart sich das auch im trivialsten Stück Moorcock´scher Prosa manifeste Reflexionsniveau, das bisweilen Anlass zu grotesken Überschätzungen zu geben vermag. Im Rahmen eines Fantasyzyklus´ mit allen seinen Redundanzen kann eine solche Stelle als Kulminationspunkt fungieren, in einem qualvoll um Anspruch bemühten Elaborat wie der Romanversion von „Behold the man“ geht sie indes neben viel Belanglosem unter und entfaltet keinerlei Strahlkraft.
Der Piperverlag hat mit dieser Neuübersetzung eines vermeintlichen Hauptwerks die erneute Reanimation einer literarhistorisch zwar bedeutsamen und handwerklich geschickten, aber stilistisch anspruchslosen – ist es ein Fortschritt, wenn die Gedichte von Karls Vater nun nicht mehr überladen wirken, sondern hochtrabend klingen? – und gedanklich im Diffusen verebbenden literarischen Durchschnittsware bewerkstelligt. Zu unterhalten vermag diese Taschenbuchausgabe aber rundum – insbesondere aufgrund des Nachworts und des Klappentextes. Während in der alten Ausgabe des Heyne – Verlags in der „Bibliothek der Science Fiction Literatur“ Florian Marzin, der später als „Henker von Rastatt“ Karriere machte und mittlerweile auch als „Henker von Bergisch Gladbach“ für Furore sorgte, in seinem Nachwort die religionskritischen Implikationen des Romans systematisch herausarbeitete, beschränkt sich Carsten Polzin in dem seinen auf das Nachbeten wirkungsvoller Phrasen und munteres Schwadronieren. Man sieht sich hier einem Dokument der Ratlosigkeit gegenüber.
Dass Moorcock Besseres geschrieben habe, ist Polzins tiefste Erkenntnis, von welcher noch Generationen von Nachwortschreibern zu zehren vermögen. Trotz mancher nicht näher benannter Schwächen könne das Werk niemanden kalt lassen und wirke noch immer verstörend, kontrovers und provokant. Worin sich diese Wirkung in der Zeit seines Erscheinens gezeigt habe, verschweigt uns Polzin leider – die ältere Sekundärliteratur schweigt sich hierzu zwar auch aus, hat aber im Gegenzug niemals derartiges behauptet. Polzin ergeht sich des weiteren in grundsätzlichen Überlegungen zur Problematik der Zeitreisegeschichte, nur um dann zu dem Schluss zu gelangen, dass es Moorcock gar nicht darum gegangen sei, logische Vexierspiele in der Tradition von Robert A. Heinleins „Door into summer“, „By his bootstraps“ und „All you zombies“ zu konstruieren. Gekrönt werden seine Ausführungen durch Reflexionen zur Frage, wie es sein könne, dass Glogauer im vorliegenden Band gekreuzigt werde, in dem Episodenroman „Breakfast in the Ruins“ aber wieder als Hauptfigur agieren könne, und ob die ganze Geschichte nur auf einer Einbildung beruhe. Über die anderen, „besseren“ Bücher Moorcocks erfährt man lediglich, dass viele von ihnen den „Status zeitloser Meisterwerke“ inne hätten – zumindest bezüglich der Elricromane präzisieren sich die Angaben dahingehend, dass es sich hierbei um moderne Fantasy-Klassiker handle, deren „schöpferische Kraft bis heute unerreicht“ sei.
Das Sahnehäubchen hält indes zweifelsohne der Klappentext bereit. Hier erfährt man nämlich, neben den bereits zitierten Geistesblitzen, welche Art von Lesern sich durch dieses Buch besonders angesprochen fühlen sollte: „Ein Muss für alle Fans von „Das Jesus-Video“. Angesichts der Tatsache, dass es im deutschen Sprachraum ausserhalb von Spezialperiodika kaum eine fundierte feuilletonistische Auseinandersetzung mit der Science Fiction gab und man diese Fehlentwicklung ab den 1990er Jahren bedauerlicherweise statt mit Besonnenheit lieber mit viel Hurra zu korrigieren bestrebt war, ist die ahistorische Verquickung zweier in ihren Intentionen höchst unterschiedlicher Romane nicht weiter verwunderlich, aber nicht weniger grotesk. Man stelle sich eine Neuausgabe der „Buddenbrooks“ mit dem Vermerk „Für alle Freunde von Tellkamps ´Turm´“ oder eine Neuausgabe der „Strahlungen“ mit dem Appetizer „Das Geschenk für alle Fans von Littells ´Wohlmeinenden´“ vor. Womit man wohl in 40 Jahren einer zukünftigen Leserschaft Eschbach schmackhaft machen wird?
Seit den 1960er Jahren liegt ein Grossteil des Moorcock´schen Schaffens auf Deutsch vor, und bis Mitte der 1980er Jahre konnte man seine literarische Entwicklung praktisch in ihrer vollen Bandbreite auch hierzulande studieren. Wie bei so vielen Fantasy- und SF-Autoren brach jedoch auch seine deutschsprachige Rezeption irgendwann ab oder verengte sich auf einige wenige kommerziell ertragreiche Dauerbrenner. Die von Dietmar Dath gerühmten Colonel Pyat-Romane kamen über eine halbwegs erfolgreiche Übersetzung des ersten Bandes nicht hinaus, die Cornelius-Chroniken und die Legenden vom Ende der Zeit konnten sich nicht halten, Dorian, Corum und Elric behaupteten sich hingegen problemlos, andere Inkarnationen des „Ewigen Helden“ wie der Marskrieger Michael Kane, Captain Oswald Bastables oder John Daker alias Erekose irrlichterten hin und wieder auf. Das literarische Werk Moorcocks ab den 1990er Jahren kennt man in Deutschland fast nur in Form neuerer Elric-Fortsetzungen oder Ergänzungen von Handlungslücken der bereits bekannten Abenteuer. Der Moorcock von „Mother London“, in dem manche Kritiker gar einen zweiten Joyce zu sehen vermeinten, blieb uns bislang Fama.
Gänzlich untergegangen sind bei uns seine Einzelromane und Erzählungen – wer die künstlerisch radikalen und vielleicht auch weitgehend geglückten, zumindest geglückteren Werke als „Behold the man“ kennen lernen möchte, ist auf das moderne Antiquariat angewiesen. Erinnert sei an „Der Schwarze Korridor“, eine psychedelische Space Opera, die womöglich Moorcocks gewagtestes „New Wave“ – Experiment repräsentiert und Anfang der 1970er Jahre in der wegen ihrer qualitativen Achterbahnfahrten berüchtigten Reihe „Fischer Orbit“ erschienen ist, an „Die Goldene Barke“ (Goldmann), Moorcocks ersten Fantasy-Roman überhaupt, eine wilde Mischung aus Burroughs (sowohl Edgar Rice, als auch William Seward), Mervyn Peake, Kafka und Brecht, an die Erzählungsbände „Der Zeitbewohner“ (Luchterhand) und „Der Eroberer“ (Ullstein; darin u. a. auch die Novellenfassung von „Behold the man“). Solche Sachen „gehen“ heutzutage nicht mehr, sie „ziehen“ nicht. „Gehen“ und „Ziehen“ tut „Behold the man“, ein letztlich banaler Roman mit berührenden Momenten, der dank seiner Thematik vom Nimbus des Provokanten und Progressiven umwabert ist und dem somit stets ein gewisses Grundinteresse garantiert sein dürfte, der sich jedoch auf lange Sicht vor allem als hemmend auf eine umfassende und unvoreingenommene neue deutschsprachige Moorcockrezeption auswirken dürfte.

Michael Moorcock:
I.N.R.I. oder die Reise mit der Zeitmaschine
Aus dem Englischen übertragen von Jürgen Langowski
Mit einem Nachwort von Carsten Polzin
Piper Verlag, München / Zürich 2007
190 Seiten, 7,95 EUR
ISBN: 978-3-492-28618-3



Die Crux mit dem Hauptwerk: Grundsätzliches über Michael Moorcock 2/ von Alexander Martin Pfleger by Martin Compart
28. Oktober 2010, 8:07 am
Filed under: Bücher, Michael Moorcock, Politik & Geschichte, Porträt, Science Fiction | Schlagwörter:

Grundsätzliches über Michael Moorcock – anlässlich einer Neuübersetzung seiner „Imitatio Christi“

Problematisch erschien jedoch den meisten Kritikern die formale Beliebigkeit dieser Geschichten. Moorcock legte hier keine exemplarische, wohldurchdachte und abgewogen auskomponierte Version seiner Fantasy-Konzepte vor – eine solche durchaus vollbracht zu haben, attestierte man ihm später vereinzelt angesichts seiner Spenser-Travestie „Gloriana“ – , sondern sich in ihrer thematischen Struktur häufig ähnelnde, je nach Belieben um einzelne Episoden zu straffende oder auszudehnende Romanzyklen, denen nicht allein die letzte künstlerische Entschiedenheit fehlte, sondern die zudem stets Gefahr liefen, in ihrem Bestreben, die Stereotypen der „Sword and Sorcery“ und die Rezeptionshaltung der Mehrzahl ihrer Leser subtil zu unterlaufen, zu subtil zu geraten und in ihrem subversiven Anspruch verkannt zu werden, da die entsprechenden Anspielungen häufig zu raffiniert verborgen waren und schlichtweg übersehen und folglich die entsprechenden Bücher als typische Produkte dessen wahrgenommen wurden, was sie produktiv zu überwinden beanspruchten.
Immerhin war es ihm auf diese Weise möglich, den stets zu verebben drohenden Kassenpegel von „New Worlds“ halbwegs im schwarzen Bereich und somit ein Forum für unkonventionelle und vorwiegend jüngere SF-Autoren am Leben zu halten – neben dem schon erwähnten Norman Spinrad vor allem James Graham Ballard, Brian W. Aldiss, David I. Masson, Langdon Jones, M. John Harrison, Gene Wolfe, Roger Zelazny, Thomas M. Disch, John T. Sladek, Michael Butterworth, Pamela Zoline und natürlich sich selbst.
Die Einschätzung von Moorcocks dezidiert anspruchsvolleren Werken aus jener Zeit ist ebenfalls keineswegs einhellig positiv. Gerade sie schienen vielfach nur zu bestätigen, dass der Autor Moorcock in offensichtlich experimentellen, sozialkritischen und Genrekonventionen kompromisslos überrennenden Texten nur selten die Ansprüche des Herausgebers und Kritikers Moorcock einigermassen adäquat umzusetzen wusste. Abgesehen davon blieben die meisten dieser Bücher recht unpopulär, mit Ausnahme der Chroniken um Jerry Cornelius, die rasch Kultstatus erlangten und Elric und Corum zeitweise durchaus Konkurrenz zu machen verstanden – und seines ursprünglich als Erzählung publizierten und später auf die Länge eines kurzen Romans erweiterten Textes „Behold the man“, im deutschen Sprachraum unter dem Titel „I.N.R.I. oder die Reise mit der Zeitmaschine“ bekannt.
Dieses ein weitverbreitetes feuilletonistisches Bedürfnis nach einem chef d´oeuvre offensichtlich befriedigende Opus repräsentiert weltweit bei vielen Lesern und Kritikern seit bald 40 Jahren den „anspruchsvollen“ und zugleich bei der Verwirklichung seiner künstlerischen Zielsetzungen auch tatsächlich erfolgreichen Michael Moorcock. Es brachte ihm in beiden Fassungen einen Hugo Gernsback Award und einen Nebula Award ein. Brian W. Aldiss rühmte es in seinem „Billion Year Spree“ als „das stärkste Argument“ gegen die Ansicht, Moorcock habe kläglich bei der Umsetzung dessen versagt, was er von der Kanzel von „New Worlds“ herab verkündete, und auch der gewiss von sämtlichen Musen liebkoste Verfasser des Deckblatttextes der bei Piper erschienenen Neuübersetzung versichert, man habe es hier mit einem visionären Klassiker zu tun, dem bedeutendsten Zeitreiseroman seit H. G. Wells „Zeitmaschine“ und einem der wichtigsten phantastischen Werke des 20. Jahrhunderts.
Erzählt wird die Geschichte Karl Glogauers, Sohn eines aus Hitlerdeutschland nach England emigrierten jüdischen Elternpaares, der nach der Trennung seiner Eltern sowohl unter seiner dominanten Mutter als auch den Attacken seiner „native born“ britischen Altersgenossen zu leiden hat, sich als Student in zahllose erotische Abenteuer stürzt und den Sinn des Lebens sucht, auf dessen Spur er zumindest in den Schriften C. G. Jungs stösst. Glogauer, von dem man übrigens in anderen Büchern erfährt, dass er eine weitere Inkarnation des Ewigen Helden darstellt, nutzt nach dem Bruch mit seiner langjährigen Freundin Monica die Chance, das Geheimnis Jesu Christi zu ergründen: Als Jude in christlicher Umwelt schon seit Kindertagen von der Gestalt Jesu fasziniert, bietet er sich einem verkrachten Wissenschaftler, der ihm zuvor auch eine homosexuelle Beziehung offerierte, die Glogauer allerdings ablehnte, als lebendes Versuchskaninchen für dessen Zeitexperimente an und lässt sich mit einer Zeitmaschine ins Jahr 29 nach Christus versetzen.
Nachdem das Vehikel bei der Ankunft unwiderruflich in die Brüche gegangen ist, sucht Karl den Ort Nazareth auf, wo er tatsächlich den Zimmermann Joseph antrifft, zu dessen zurückgebliebenem Sohn Jesus schon öfters Fremde pilgerten, die in seinem Stammeln orakelhafte Aussprüche und Offenbarungen göttlicher Weisheit vermuteten. Dieser Jesus, von dessen Mutter, der ehrgeizigen und alles andere als jungfräulichen Maria, Glogauer anlässlich eines Beischlafs erfährt, dass er die Frucht eines Seitensprunges ist, kann unmöglich der Messias sein. Gab es überhaupt keinen Jesus von Nazareth, wie ihn uns das Neue Testament überliefert, oder ist Glogauer in einem Paralleluniversum gelandet, dessen Geschichte hier einen anderen Verlauf zu nehmen beginnt als die Geschichte unserer Welt?

Desillusioniert zieht der Zeitreisende durch die Lande, verblüfft alle Leute mit seinen Kenntnissen der heiligen Schriften und gerät immer mehr selbst in die Rolle des Jesus von Nazareth hinein. Systematisch sucht er nach den zwölf Aposteln und versucht, der Geschichte genau den aus den Evangelien bekannten Verlauf zu geben. Sein charismatisches Auftreten fesselt die Massen bei seinen Predigten und hilft ihm, im heutigen Sprachgebrauch an psychosomatischen Beschwerden leidende Menschen zu heilen. Den Verrat des Judas und seine Festnahme leitet er selbst in die Wege, und noch am Kreuze hängend, vermag seine Ausstrahlung zu überzeugen: Sein Flehen, ihn doch bitte wieder herunterzuholen, gerät in den Ohren der Anwesenden zu einer Anrufung des Elias oder zur Bitte an seinen himmlischen Vater, den Menschen zu vergeben, da diese nicht wüssten, was sie täten.

Eine literarische Revolution oder gar ein erzählerisches Meisterwerk hat Moorcock mit dieser Geschichte nicht vorgelegt, wohl aber ein Stück Literatur, dem man auf weite Strecken durchaus Solidität zu bescheinigen vermag, das indes an anderer Stelle den Eindruck unfreiwilliger Schaumschlägerei erweckt. Die besondere Stärke der Romanfassung zeigt sich vor allem in Moorcocks Handhabung einer durchaus komplexen Erzählstruktur: Der Roman erzählt zum einen linear die Ereignisse von Glogauers Ankunft in der Vergangenheit an bis zur Kreuzigung, springt dabei aber immer wieder zur – gleichfalls weitgehend linearen – Schilderung seines Lebens im 20. Jahrhundert um, was in diesem Fall unaufgesetzt und gekonnt wirkt. In jeder Hinsicht aufgesetzt und gewollt tiefsinnig wirken hingegen die zahllosen und vielleicht auch wahllos eingesetzen inneren Monologe Glogauers sowie die fundiert klingenden, im Gesamtzusammenhang aber nur mit Worten klingelnden Gespräche und Reflexionen über Religion, Philosophie, Psychologie und deren Kulmination im Werke Carl Gustav Jungs, gewollt provokant und folglich auf geradezu lächerliche Weise altbacken wiederum die zahlreichen sexuellen Details, die Moorcock in der Erzählungsfassung zu seinem und unserem Glück ausgespart hatte.

Die Nicht-SF-Handlung im 20. Jahrhundert, subtrahiert man Sex und (Pseudo-) Tiefsinn, birgt ansonsten die meisten Qualitäten des Werks. Aufgrund ihrer Krassheit überzeugen die Schilderungen der Demütigungen Karls durch Spielkameraden, Mitschüler und Erwachsene, seines Leidens unter mangelnder Mutterliebe und seiner Trauer um den verlorenen Vater – liegt die Eindringlichkeit dieser „naturalistischen“ Passagen zwar überwiegend im rein Thematischen begründet, so dürfte doch kaum zu bestreiten sein, dass solcherlei Naturalismus sich auf die Dauer als beständiger bestätigen dürfte denn sämtliche Exkurse über Archetypen oder Satinhöschen.

FORTSETZUNG FOLGT



Die Crux mit dem Hauptwerk: Grundsätzliches über Michael Moorcock von Alexander Martin Pfleger by Martin Compart
26. Oktober 2010, 10:37 am
Filed under: Bücher, Michael Moorcock, Politik & Geschichte, Porträt, Science Fiction | Schlagwörter: , ,

Grundsätzliches über Michael Moorcock – anlässlich einer Neuübersetzung seiner „Imitatio Christi“

Dietmar Dath bezeichnete Michael Moorcock im Sommer 1994 anlässlich der Ankündigung des Erscheinens des vierten und letzten Colonel Pyat-Romans als den „Schriftsteller des Urbanen“, von dessen 80 Büchern zwar 60 Schrott seien, „aber noch im Schlechtesten findet sich ein Wort zum Tage. Selbst wenn er will, kann er nicht miserabel schreiben, denn so miserabel er dann häufig wirklich schreibt: er denkt zu heftig dabei. Moorcock, einer von den Allergrößten in diesem Jahrhundert“. Wenngleich diese Charakteristik nicht frei von typisch Dath’schen Übertreibungen ist, berührt sie doch den Kern der Problematik, mit welcher sich konfrontiert sieht, wer den Autor Moorcock im Wortsinne beim Worte zu nehmen sucht.
Wer sich ernsthaft mit der literarhistorischen Entwicklung der Science Fiction und der Fantasy auseinandersetzen möchte, wird an der Gestalt des 1939 geborenen Engländers Michael Moorcock in der Tat nicht vorbeikommen können. Moorcock, der bereits mit drei Jahren lesen konnte, als Siebzehnjähriger Redakteur einer Comicheftreihe war, jahrelang als Bluessänger und Gitarrist Europa und Nordamerika bereiste und nebenbei eine schier uferlose schriftstellerische Aktivität entwickelte und in den verschiedensten Sparten reüssierte – von der Science Fiction bis zum Spionage Thriller und vom historischen Roman bis zur Fantasy – ist seit Jahrzehnten eine der einflussreichsten wie umstrittensten Persönlichkeiten der modernen phantastischen Literatur.
Im Jahr 1964 übernahm Moorcock von Ted Carnell die Herausgeberschaft des bis dato eher biederen britischen SF-Magazins „New Worlds“ und löste schon bald eine kleine literarische Revolution aus, da sich unter seiner Ägide „New Worlds“ zum Zentralorgan der angloamerikanischen „New Wave“ entwickelte, deren Vertreter die Science Fiction für experimentelle Schreibweisen einerseits und stärkeres politisches Engagement andererseits zu öffnen bestrebt waren. In ihrer zum Teil harschen Ablehnung eines Grossteils der marktbeherrschenden traditionellen Science Fiction, die immer noch vorwiegend durch die Person John W. Campbell jrs. geprägt war, der als Herausgeber des legendären Magazins „Astounding“ in den vierziger Jahren das „Golden Age“ der primär naturwissenschaftlich orientierten US-amerikanischen Science Fiction eingeläutet hatte, dem man in späteren Jahren aber immer häufiger vorwarf, in reaktionären Positionen erstarrt zu sein, brachten Moorcock und seine Mitstreiter viele Leser gegen sich auf, weshalb „New Worlds“, trotz seiner Bekanntheit, die es auch dem Protest verschiedener konservativer Politiker verdankte, deren Ablehnung sich nicht nur an provokanten Inhalten wie etwa Norman Spinrads Wahlkampfthriller „Bug Jack Barron“, sondern auch an der zeitweiligen Subventionierung des Magazins durch den „Arts Council“ entzündete, immer wieder am Abgrund des Bankrotts balancieren sollte, bis es schliesslich 1970 eingestellt wurde.

Die hitzigen Debatten der Vergangenheit sind längst Literaturgeschichte; Klassiker brachten, wie Alfred Elton van Vogt einmal formulierte, sowohl die Grossen Denker des „Golden Age“ als auch die Großen Herzen der „New Wave“ hervor, wie es auch auf beiden Seiten genügend Erzeugnisse gab, die der, teils berechtigten, teils ungerechtfertigten, Vergessenheit anheimfielen. Unter den Autoren der „New Wave“ nahm Michael Moorcock stets eine Sonderstellung ein. Seine Bedeutung für einen Wandel des literarischen Bewusstseins innerhalb der Science Fiction ist gewiss unbestritten – allerdings in erster Linie als Anreger und Herausgeber. Moorcocks eigenes literarisches Werk, insbesondere das der 60er und 70er Jahre, wurde trotz oder gerade aufgrund seiner Vielseitigkeit und Popularität von der Kritik überwiegend skeptisch aufgenommen.

Da Moorcock bereits Mitte der 60er Jahre erkannte, dass sein kompromissloser Kurs finanzielle Risiken barg, sicherte er seine editorischen Tätigkeiten durch Einnahmen aus seiner schriftstellerischen Arbeit ab. Um die zunächst wenig Gewinn versprechenden Experimente der „New Wave“ zu finanzieren, musste Geld durch Texte hereinkommen, die ein Massenpublikum zu begeistern wussten, dabei jedoch keinen Verrat an Moorcocks herausgeberischen Idealen darstellten. Insbesondere mit seinen Fantasy-Zyklen um den „Ewigen Helden“, eine Art Sinnbild des Menschen im Spannungsfeld der abstrakten Prinzipien von Ordnung und Chaos, welche beide in ihrer Totalität als gleichermassen lebens- wie menschenfeindlich sich erwiesen und zwischen denen sich der Held in zahlreichen Inkarnationen – am bekanntesten sind hiervon sicherlich die Romane um Dorian Falkenmond, den Herzog von Köln, um Prinz Corum Jhaelen Irsei von den Vadagh und vor allem um den Albino Elric von Melnibone mit seinem seelentrinkenden Schwert Sturmbringer – in den verschiedensten Welten zu behaupten sucht, verhalfen Moorcock zu einem enormen ökonomischen Erfolg und etablierten ihn auch rasch als Klassiker der modernen, nachtolkien´schen Fantasy. Gleichwohl sollte sich insbesondere an ihnen die Kritik am Autor Moorcock entzünden.
Weitgehend unbestritten war, dass Moorcock sich in diesen Romanen auf durchweg redliche Weise bemühte, die Stereotypen der trivialeren Spielarten der Heroic Fantasy, der sogenannten „Sword and Sorcery“, als Chiffren für eine tragische Weltsicht zu verwenden, die der Umbruchsituation der 60er und 70er Jahren angemessen erschien. Anders als viele Repräsentanten des damals erst allmählich in die Gänge kommenden Fantasybooms, deren Helden in missverstandener Nachfolge Robert Ervin Howards und dessen Conan allzu häufig zu reinen Totschlägern mutierten, erwiesen sich die Inkarnationen von Moorcocks „Ewigem Helden“ überwiegend als Anti-Helden, „mehr der Kithara als dem Schwert ergeben“, wie Pylades seinen Freund Orest in Gerhart Hauptmanns „Elektra“ der Titelfigur gegenüber charakterisiert. Seine Figuren geraten meist erst durch Schockerfahrungen mit dem Phänomen der Gewalt in Berührung und können oft nur unter Drogeneinfluss oder im Banne magischer Schwerter zu mehr oder weniger eigenständigen Kämpfern werden, die sich aber letztlich in der Regel früher oder später selbst zugrunderichten, da ihre Siege hauptsächlich Pyrrhussiege sind, oder die sterben müssen, wenn die Welt ihrer nicht mehr bedarf.

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