Martin Compart


MiCs Tagebuch Oktober 2018 by Martin Compart

SCHÖNE NEUE STREAMINGWELT

Nicht neu ist die Erkenntnis, dass Marktforschung ein wichtiges Instrument der Industrie ist, um Publikumswünsche zu verstehen. Schließlich sind Entertainment-Produkte für den Markt bestimmt und dienen nur einem einzigen Zweck: ihrem Verkauf. Eine Ware, die für ihren Absatz produziert wird, muss selbstverständlich dem Publikum gefallen. Am Ende bleibt jedoch immer die Unsicherheit, ob das Werk ein Erfolg wird oder nicht. Darum wird versucht, sei es beim Buch, Film oder im TV, mit Serien, Sequels, Prequels, Spin-Offs und natürlich Merchandising, möglichst viel Profit aus einem erfolgreichen Stoff zu saugen. Der Erfolg von gestern soll den Erfolg von heute und am besten gleich den von morgen gewährleisten. Einige der bekanntesten Beispiele für mediale Produktmarken oder Franchises sind z.B. Star Wars, Harry Potter, Herr der Ringe, Marvel.

Neuer sind in der Marktforschung auf nutzergenerierten Daten basierende Algorithmen.
Was Streaminganbietern den Geschäftserfolg sichern soll, weil es dem Publikum gefällt, saugen Konzerne wie Netflix und Amazon aus ihren Nutzerdaten. Algorithmen bestimmen die „schöne neue Streamingwelt“, nach der Filme und Serien in über 100 Genres (besser Kategorien) und deren Nutzergruppen eingeteilt werden. Diese Daten sind das Kapital der Unternehmen. Sie bestimmen letztlich ihren Börsenwert. Mittels der Algorithmen wird versucht, zukünftiges Verhalten der Nutzer zu „programmieren“, um immer erfolgreichere Formate anzubieten und so die Nutzer „süchtig“ zu machen.
Das Geschäft der Streaminganbieter ist global, ihr Publikum auch. Was in einem einzelnen Land nur eine kleine Nische darstellt, ist weltweit aufaddiert ein Riesenmarkt.

Von dieser Erkenntnis leben Horrorfilme bereits seit Jahrzehnten. Damit erklärt sich auch die scheinbar verwirrende Nischenpolitik einiger Konzerne, die neben Serienfutter mit überraschenden Arthaus-Filmen aufwarten, jüngstes Netflix-Beispiel, Roma von Alfonso Curaron. Sie folgen der Logik eines guten Dealers: Wer seine Nutzer kennt und bedient, der verdient. Immer.

Im Streaming-Zeitalter lautet das neue globale Seriendiktum: Vorverkauf, Internationalität, Nostalgie und Spektakel.

Gibt es bereits einen Publikumserfolg in einem anderen Medium? Ist der Stoff international attraktiv? Bedient er nostalgische Gefühle? Ist er ein großes Spektakel? Mindestens ein Kriterium muss erfüllt werden, besser jedoch mehrere. (Original Content, extra fürs TV entwickelt, scheuen auf sichereren Return-on-Investment bedachte internationale Geldgeber wie der Teufel das Weihwasser.)

Bei der deutschen Budgetorgie Berlin Babylon, einer ARD und Sky Co-Produktion, kann man hinter jedem der vier Kriterien ein Häkchen machen. Dafür gibt’s Applaus vom internationalen Publikum wie vom bedeutungslosen Feuilleton. Das freut die Branche, sie ist endlich das, für was sie sich schon immer hielt, und lobt sich gleich mal selbst für den Mut zur „neuen deutschen Serie“, die ohne Vorlagen wie Boardwalk Empire, Peaky Blinders und Baz Luhrmanns Der Große Gatsby, natürlich unvorstellbar wäre. Romanerfolg hin oder her.

Längst haben große Konzerne Serielles Erzählen als profitables Geschäftsmodell erkannt und investieren Milliarden. So stecken aktuell Netflix 6,3 Milliarden, Amazon über 4,7, Hulu 4,5 und Apple 1,0 Milliarde US-Dollar ins Programming. Auch Plattformanbieter Deutsche Telekom ist mit ihrer ersten Eigenproduktion Deutsch-Les-Landes im Geschäft (in Partnerschaft mit Amazon France). Wir lernen daraus, wo Geld zu verdienen ist, da wird investiert, solange dort Geld zu verdienen ist. Das sogenannte Peak-TV befindet sich in der Phase des Verteilungskampfes, die Streaming-Giganten kaufen rechts und links kreative Erfolgsgaranten ein, um sich den Markt sichern. Verlieren werden diejenigen, denen zuerst der finanzielle Atem ausgeht.

Voll geil, denkt der Konsument und twittert seine Begeisterung ob der Riesenauswahl in die Welt hinaus. Ernüchternd für die Kreativen ist jedoch: Serielles Erzählen ist das neue Fastfood für die Generation Smartphone. Denn laut Messungen des Nutzerverhaltens wird während des Serienkonsums auf den Phones und Tabletts, gleichzeitig anderen Online-Beschäftigungen nachgegangen, wie liken, linken, posten, usw. Soviel Ablenkung bedeutet für die Branche, je stärker der Wettbewerbsdruck, desto mehr Publikumserfolge werden benötigt, will man nicht absteigen. Daher schalten die großen Streamingdienste bei ihren Produktionen zwangsläufig auf Nummer sicher. Womit wir wieder bei dem o.g. „globalen Diktum“ angelangt sind und letztlich beim Wiederholen immer gleicher Muster. Profit geht vor Kreativität und künstlerischem Risiko.

AUSGETRHILLERT

Nach BODYGUARD hatte ich mir neulich DEEP STATE angeschaut, zwei Conspiracy-Thrillerserien auf handwerklich hohem Niveau. Bodyguard, ein Produkt der BBC 1, ist etwas komplexer und tiefschürfender, Deep State, eine Fox-TV Produktion, simpler und actionorientierter.

Der Inhalt beider Formate ist schnell geschildert: Bodyguard erzählt die Geschichte eines Ex-Soldaten, jetzt Polizist und Leibwächter der Innenministerin, der auf eine Verschwörung stößt und diese aufklären muss, um seinen Hals zu retten.

Deep State erzählt die Geschichte eines Ex-MI6 Auftragskillers, der zwangsweise für eine Aufräumaktion reaktiviert wird, auf eine Verschwörung stößt und diese aufklären muss, um seinen Hals zu retten.

Beide Serien haben eine zynische Sicht auf die Welt. Sie schildern Protagonisten, die vermeintlich für ihr Land und das Gute kämpfen und natürlich schwer ernüchtert, verraten und missbraucht werden. Beide sind ernstgemeint und höchsten unfreiwillig komisch – und beide Serien haben keinerlei Konsequenzen.

Bei Bodyguard geht der „Working Class Hero“ am Ende in Therapie und dann nach hause, zu seiner wiedergefundenen Familie, bei Deep State begibt sich der „well off“ Killer direkt in sein komfortables Zuhause, zu seiner wiedergefundenen Familie. Die zentrale Botschaft lautet: Die Welt ist wie sie ist, du kannst sie nicht ändern, sieh zu, dass es dir und deiner Familie gut geht. In beiden Serien haben die „Helden“ Kinder, sind ihre Beziehungen in Gefahr oder beschädigt, gilt es die unschuldigen Kleinen, auf denen unsere aller Zukunft beruht, vor Schäden, gemeint ist ein früher unverdienter Tod, zu bewahren. Psychische Schäden, die dadurch entstehen, dass die Sprösslinge Augenzeugen von z.B. Bombenanschlägen oder mordenden Eltern werden, spielen in diesen Serienwelten keine Rolle.
Bei Deep State empfinden dazu die Bösewichte eine große Kinderliebe und sorgen sich um den eigenen Nachwuchs. Wenn das kein wohliges Gefühl der Empathie erzeugt.

Beide Serien sind fatalistisch und völlig reaktionär.

Ihre vermeintliche Gesellschaftskritik beschränkt sich darin, den Status quo der Gegenwart als Spieloberfläche zu benutzen, auf der spannend und wendungsreich, leider sinnlose Stories erzählt werden.

Bei allem brillanten Thriller-Handwerk, in dem Bodyguard sich Deep State überlegen zeigt (ein weniger hektischer Plot, dafür mehr Charakterentwicklung) und den dramatischen, persönlichen Konflikten der Protagonisten, dominiert auf der Systemebene völlige Alternativlosigkeit.
Will der Bodyguard zu Anfang noch am liebsten diejenige bestrafen, die das kriegerische Morden in Afghanistan mit verursacht hat, so schützt er sie doch vor Terroristen und klärt sogar ihren Tod auf, um am Ende beinahe von den eigenen Leuten hingehängt zu werden.
Die MI6 Killer in Deep State sind anfangs damit beschäftigt, unschuldige iranische Wissenschaftler zu eliminieren, weil diese angeblich den Nuklearvertrag mit den USA unterlaufen, um am Ende, belogen und betrogen, einen unvermeidlichen Deal zu machen, der ihr eigenes Überleben sichert. So oder so, es gibt kein Entrinnen aus dem System, also lassen wir’s lieber gleich bleiben. Jeder ist sich selbst der Nächste. Schöne moderne „Helden“ sind das.

Die wahren Bösewichte sind entweder die Konzerne, deren Geschäftsmodell Krieg, Tod und Verderben lautet, und die einen weiteren neuen Krieg brauchen, damit die Kasse stimmt, oder das organisierte Verbrechen, das sich die hochkriminellen lukrativen Geschäfte nicht stören lassen will.

Beide Gruppen bedienen sich korrupter Staatsbediensteter. Das spiegelt natürlich die wirklichen Zustände in unserer Welt. Wie ernsthaft, wie kritisch – leider auch wie oberflächlich und verlogen. Bei Bodyguard ist die Organisierte Kriminalität gegen verschärfte Überwachungsgesetze, weil sie um Geschäftseinbußen fürchtet. Ein ausgemachter Blödsinn. Eine gute OK ist eine Stütze der kapitalistischen Gesellschaft und braucht den Staat schon gar nicht zu fürchten, solange dessen Hauptaugenmerk dem Kampf gegen den Terror dient.

Im Falle von Deep State wird gezeigt, wie Konzerne und Lobbyisten in den USA mit erpresserischen, mörderischen Methoden ihre Ziele verfolgen, jedoch völlig unerwähnt gelassen, dass das gesamte politische System auf Geld beruht und es zwischen dem Staat und den Konzernen keinerlei Interessenwiderspruch gibt, sondern beide völlig symbiotisch agieren. Schließlich wechseln Manager in die Politik und Politiker ins Management, um gegenseitig den Profit zu maximieren. Diese Serien perpetuieren genau die Botschaft, die jeder Mensch kapieren muss: Die Ursache allen Übels, das alles dominierende kapitalistische System, bleibt unausweichlich bestehen. Revolte ist ein müdes Arschrunzeln.

Die intellektuelle Ratlosigkeit beider Formate ist daher erschreckend. Ihre vermeintlich kritische Haltung gegenüber den Zuständen im herrschenden Polit- und Wirtschaftssystem ist nichts als Augenwischerei.

Angesichts seiner „Alternativlosigkeit“, bleibt jede Kritik, jeder Protest, jede Demonstration ohne Konsequenzen. Folglich bieten beide Formate nichts, aber auch gar nichts an, was auf eine geistige Entwicklung der „Helden“ schließen könnte. In der Art und Weise, wie die Geschichten erzählt werden, gibt es für die Protagonisten nur zwei Verhaltensmuster, entweder mitmachen oder den Rückzug ins Private, verbunden mit der Hoffnung, dass man nicht doch irgendwann wieder „gebraucht“ wird, denn dann ist es mit der Ruhe schnell vorbei.
In beiden Serien sind die Protagonisten vereinzelte Menschen ohne ein Empfinden von Solidarität und Gemeinschaft, welches über die eigene Familie hinausgeht. Jede Form gesellschaftlichen Miteinanders wird bewusst verneint. Das ist kapitalistische Ideologie in Reinform. Ziel erreicht.

Man könnte den „Helden“ zugute halten, dass sie Opfer wären. Leider sind es nicht.
Sie haben sich bewusst für den Job entschieden und sind deshalb hochtrainierte Volltrottel, indoktrinierte Befehlsempfänger, die gehorchen. Wenn sie dies einmal nicht tun, dann nur weil sie selbst auf die Abschussliste geraten und sich – und ihre Familien – retten müssen. Die Serienmacher reduzieren ihre Protagonisten zu banalen Funktionsautomaten: Töten, Schützen, Lieben, werden von ihnen beinahe automatisiert ausgeübt, so wie es die biologische „Programmierung“ des Homo sapiens erfordert. Die Protagonisten denken nur in vorgegebenen Rahmen. Damit sind sie genau die richtigen „Helden“ für unsere ohnmächtigen Zeiten. Aus seriellen Gründen können diese armen Schweine weder geistig reifen, noch vom Gnadentod erlöst werden. Sie sind daher verurteilt, ihre grausamen Untaten durch liebevollen Umgang mit ihren Kleinen ungeschehen zu machen. Der Gipfel des Zynismus.

Die miesesten Übeltäter sind in beiden Serien, die Verräter in den eigenen Reihen. Diese werden dafür, teilweise zumindest, von den „Helden“ bestraft, womit der Genugtuung für den Zuschauer genüge getan ist. In der Realität werden treue Systemplayer bekanntlich befördert. In der Fiktion, wehrt sich der ohnmächtige Einzelne erfolgreich. In der Wirklichkeit jedoch, geht der ohnmächtige Einzelne ohnmächtig einzeln unter, was jeder von uns weiß, aber lieber verdrängt.

Jetzt kann ich die Haltung einnehmen, eine ordentlich gemachte, spannende Zustandsbeschreibung der Welt ist mir allemal lieber als deutsches Entertainment. Das ist zwar nicht falsch, dennoch unzureichend. Auch wenn ein Thriller nicht der Aufklärung verpflichtet ist, so ist er seinen Figuren und seiner Story verpflichtet. Handeln hat Konsequenzen, diese zu einem Pseudo-Happy-End zu verbiegen, ist vielleicht gut für die Quote aber schlecht fürs Storytelling. Ein Thriller, der nicht konsequent bis zu seiner schlimmstmöglichen Wendung erzählt wird, taugt nichts. Ganz einfach.

Aber was soll’s?
Algorithmen interessieren sich für das, was bei den Massen ankommt. Darum werden die um Vorherrschaft buhlenden Konzerne mehr von diesem geistlos-verlogenen Schrott produzieren, der natürlich weiterhin nebenbei konsumiert wird. Systembestätigendes Fastfood eben. Die Algorithmen registrieren, was wir wann wo wie streamen, nicht ob und was wir dabei denken. Das interessiert nur wirklich niemanden. Wer konsumiert, denkt nicht. Streamen, Leute! Jeder Nutzer zählt.

MiC, 29.10.18

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MiCs Tagebuch spezial, September 2018: DIE EMMYS by Martin Compart
20. September 2018, 8:14 am
Filed under: MiCs Tagebuch, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , ,

Abgebrannt in Lalaland

Natürlich spricht es gegen den Kolumnisten, wenn er glaubt, Emmys,
Oscars und andere „Wahlen“ hätten eine Relevanz, die über
brancheninternes „Pillermann zeigen“ hinaus ginge. (Die haben sie
selbstverständlich nicht.) Dennoch ist der nachfolgende Hinweis auf
verdientere Sieger des vorgenannten Zeigespaßes, als notwendige
Ventilfunktion bei dem persönlich empfundenen Unbehagens angesichts der
globalen „Entertainment-Leitkultur“, nicht zu unterschätzen.

Die Emmys bestätigten erneut die unglaubliche Borniertheit des
US-Establishments.

Zwei der wohl großartigsten Shows der letzten Jahre, „The Americans“ und
Atlanta„, wurden wieder einmal „übersehen“.

Kategorie Fiction Drama Series:

Hier gewinnt erneut die öde Zementierung irrelevanten Bombasts, die
totale Fanatasy-Eskapismus-Regression für eine immer hilflosere und aus
Ohnmacht wundergläubige Zuschauerschaft, gegen „The Americans“? „Game
of Thrones“ plündert die Weltgeschichte, um mit Shakespeare-,
Machiavelli- u.v. a. Zitaten eine dramatische Größe vorzugaukeln, die in
Wahrheit nur das Deckmäntelchen für die überbordenden Billo-Sex- und
Gewaltorgien dieser Intrigen-, Brot-und-Spiele-Primitivität abgeben. Ein
Publikumsformat, dessen Erkenntnisgewinn nicht einmal an das Niveau von
Glückskeks-Weisheiten heranreicht. Lächerlich.

Conclusio: Spektakel regiert in Zeiten Hedgefond finanzierten
TVs/Streamings. Irgendwie muss das ganze Schwarzgeld ja gewaschen werden.

Kategorie Fiction Comedy Series:

„The Marvelous Mrs Maisel“, eine scheinbar mutige, sich emanzipierende
weiße Mittelstandsfrau, die sich in einer misogynen Männerwelt der
1950er Jahre als Stand-up Comedian behaupten will, lässt „Atlanta“
leerausgehen? Die wohl eigenwilligste und genialste Show, die der
serielle Overkill in den letzten 4 Jahren hervorgebracht hat und welche
die zeitgemäßeste Kritik der US-Gesellschaft aus Minderheitenperspektive
darstellt? Mit „weiße Mittelklasse-Frau toppt schwarze
Unterklasse-Typen“, ist die Welt ja noch in Ordnung, was? Wohl bekomm’s,
Academy.

N.B. 1: Nominiert und ignoriert, trotzdem der beste Actor in einer
Nebenrolle, ist natürlich „Paper Boi“ Alfred alias Bryan Tyree Henry.
Take a good look, guys.

N.B. 2: Das freut die Damen und den Boulevard: Feiern
US-Zeitungsschreiber doch glatt einen Heiratsantrag von Oscar-Producer
Weiss samt Kniefall coram publico als emotionales Ausrufezeichen der
Preisverleihungen – warum nimmt der Bock dafür die Emmys zum Anlass?
Schön, wenn es in kalten, pissblonden Zeiten auf dem Flastscreen
überraschend menschelt.

MiC, 18.09.18



Amerikanischer Abschaum: Roy Cohn by Martin Compart
14. Juli 2018, 10:52 am
Filed under: Dashiell Hammett, MiCs Tagebuch | Schlagwörter: , ,

MiCs Tagebuch – Juli 2018

Eine kurze Anmerkung zu Dashiell Hammett

Charakter offenbart sich in der Prüfung. Dieser Satz bewahrheitet sich insbesondere bei Dashiell Hammett, der sich seit den 1930er Jahren politisch stark gegen den Faschismus und Kapitalismus engagierte. Seine zeitweilige Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei machte ihn Anfang der 1950er Jahre u.a. zur Zielscheibe der von Senator Joe McCarthy betriebenen hysterischen Kommunistenhatz in den USA. Die Befragung von Hammett vor dem HUAC, dem Kongressausschuss für unamerikanische Umtriebe, 1953, führte unter anderem Roy Cohn durch, damals der oberste Rechtsberater McCarthys. Das Protokoll ist lesenswert.

Roy Cohn gelangte später als Mafia-Anwalt zu Ruhm und Reichtum und war zudem Rechtsberater von Fred Trump, dem Vater des pissblonden US-Präsidenten. Frederik Christ Trump, so der volle Name, gab seinem Sprössling Cohn als Mentor an die Hand, damit der Junge das Immobiliengeschäft von der Pike auf lernt. 1977 versuchte Cohn seinen Ex-Chef McCarthy mit einem Buch über die großartige Arbeit der HUAC reinzuwaschen. In einer Mittagstalkshow im Rahmen der Buchpromotion von Cohn, nahm Gore Vidal sich Autor, Werk und die Zeit der unamerikanischen Umtriebe vor. Die Qualität des US-Fernsehens vor vierzig Jahren ist immer wieder überraschend. Die Aktualität von Vidals Äußerungen ebenso.

Dashiell Hammett wurde aufgrund seiner Überzeugung von den Finanzbehörden verfolgt und finanziell ruiniert, seine Bücher wurden zeitweilig aus den öffentlichen Bibliotheken entfernt. Nachdem er 1951 vor Gericht die Aussage über den Kautionsfond des Civil Rights Congress verweigert, steckte man ihn als „unkooperativen Zeugen“ für sechs Monate Beugehaft ins Gefängnis. Er schwieg auch nach seiner Freilassung. Hammett blieb seiner Überzeugung treu.

MiC, 14.07.18

https://martincompart.wordpress.com/2009/06/17/der-flug-des-malteser-falken-zu-dashiell-hammett-2/



MiCs Tagebuch Juni 2018: RUDELBILDUNG VOR DEM KASSENHÄUSCHEN by Martin Compart

Das schöne am Deutschen ist seine Verrücktheit, mit der in diesem Land niemand alleine bleibt, weil sich immer einer findet, der einen versteht, wie Heinrich Heine einst sinngemäß schrieb. Echt tröstlich. Hierzulande werden die Klimaziele ebenso wenig erreicht, wie die Elektrifizierung des Automobilverkehrs, am „Dieselbetrug“ (der ein terroristischer Giftanschlag mittels Stickoxyden ist) sind – was Wunder – sämtliche deutschen Hersteller beteiligt, hierzulande finden Insekten vernichtende Pflanzengifte weiterhin ungehindert Verwendung, haben nur 8% der Gewässer unbelastetes Wasser, und was ereifert das Volk? Die Migranten. Zumindest wenn man den Hetzern wie Gauland, Söder und Co. Glauben schenken will. Verrückt was?


Der Seehofer Horst hat sogar einen „Masterplan Migration“ entworfen (den keiner zu kennen scheint). Klingt dem Heimatminister vielleicht „Meisterplan Flucht und Vertreibung“ zu albern?

Die Kleinhirne der Nation stehen unter Druck, es muss gehandelt werden, die Zeit drängt.

In Bayern wird schließlich um die Existenz der CSU gerungen, hierzu ist dem verfetteten Ministerpräsidenten-Strizzi jedes Mittel recht. Bemerkenswert, dass die Heuchler von rechts immer ihre vermeintliche Frömmigkeit vorschieben, wenn sie stramm das christliche Gebot der Barmherzigkeit verweigern. Im Buhlen um des Volkes Gunst schleudert die Fascho-Front den „Migranten-Horden“ (welche neuerdings wieder den Landweg über Albanien dem Absaufen im Mittelmeer vorziehen) lautstark „vade retro, satana“ entgegen. Denn das Pack tummelt sich unablässig vor dem Kassenhäuschen und will hinein, in unser „christlich-jüdisches“ Werte-Paradies. Selbst das neue kreuzfröhliche Abschreckungssymbol unserer Willkommenskultur in jedem bayrischen Ankerzentrum, stoppt sie nicht. Das haben wir nun von unserem hart ergaunerten Handelsüberschuss.

„Auf Deutscheland isse Superland“, stehen halt nur jene, die Dank Globalisierung, Kriege mit westlichen Waffen, konsumbedingte Klimakatastrophe und Wohlstandsgefälle unbedingt hierher müssen. Nur diese begeisterten Massen wollen wir nicht. Darin sind sich die Demokraten aller Coleur einig. Die sabbernde Hyäne der AfD lässt sich „von denen nicht unseren Wohlstand wegnehmen“, und die Sprechkröte der SPD findet: „Zu einer Willkommenskultur gehört auch eine schnelle Abschiebung im Ablehnungsfall.“ Beeindruckend, wie viel Blödsinn sich in einem einzigen Satz schachteln lässt. Die Aufschiebe-Kanzlerin hofft auf eine Einigung in Europa und insgeheim auf ordentliche Fangzäune in Afrika, in denen sich möglichst viele Wanderlustige auf ihrem Weg nach Norden verheddern. Der Rest wird mit Waffengewalt gestoppt. Wozu haben wir schließlich die Bundeswehr? Der deutsche Wohlstand wird in Afrika verteidigt.

Das Pumuckel der deutschen Intellelllen.

In Wahrheit geht es gar nicht um Migranten, sondern um Identität, konstatiert Großdenker Ulrich Wickert. Es geht um deutsche Kultur und deutsche, ja europäische Werte, die andersdenkende Einwanderer bedrohen, legt der verlogene Privatnuschler Rüdiger Safranski nach. Ein intellektueller Tiefflieger, der eigenen Worten zufolge, „geistig im 19. Jahrhundert verankert ist“. Doch diese ewig gestrigen Herrschaften täuschen sich. In unserer Konsumgesellschaft geht es einzig um einen Wert: um freiverfügbares Einkommen. Und das will niemand teilen. Mit Fremden schon gar nicht. Dabei freut sich die deutsche Wirtschaft über jeden Billiglöhner und Berufsgruppen mit „Nachwuchsproblemen“ begrüßen jeden kostengünstigen Arbeitswilligen. Denn für den Profit der Eigentümerklasse darf sich jeder abmühen. Der Rest möge bitte schön fern bleiben.

Unsere „klassenlose“ Gesellschaft steckt tief im Klassenkampf. Zum Erhalt unseres auf Ausbeutung und Zerstörung beruhenden Wirtschaftssystems braucht es Opfer. Da kommt den verblödeten, verängstigten, abstiegsbedrohten oder schon abgestiegenen Schichten die Bodensatzklasse genau richtig. Solange es jemanden gibt, den man hassen und verachten, ausgrenzen und vertreiben kann, besteht schließlich noch Hoffnung. So sind wir alle in Niedertracht vereint. Habe die Ehre.

MiC, 21.06.18



MiCs Tagebuch: Jahresabwasch 2017 by Martin Compart
29. Dezember 2017, 12:00 pm
Filed under: Ekelige Politiker, MiCs Tagebuch | Schlagwörter: ,

Nun ist es wieder so weit: Im Fernsehen beginnt die Zeit der nervigen Jahhresrückblicke; ob mit gerontenhaften Charme beim ZDF oder krawallmäßig bei den Kommerziellen. Danach wissen wir dann endlich, was wir hinter uns gelassen haben und können hoffnungsfroh – wie immer – in die Zukunft sehen. Da will auch dieser Blog nicht abseits stehen um nicht in Bedeutungslosigkeit zu verfallen. Den Anfang macht jetzt mal MiC. Und freuen Sie sich auf Dr.Horrors Vorausblick auf 2018! Denn in der Zukunft kennt sich der Mann ja aus (er hat mehr schlechte SF-Filme gesehen als jedes andere Wesen in dieser Galaxie).

Hurra!
Nach überstandener Weihnachtsscheiße geht’s zum Böllerabflammen und Sektrülpsen bei gegenseitigem Glückaufwünschen für 2018 mit allerlei Arschlöchern in den Swingerclub.

Adieu, 2017, du weiteres unwichtiges Jahr des Mittelmaßes. Mit der Umwelt ging’s noch tiefer in den Keller, nukleare Drohungen und Gegendrohungen wurden zum Twitter-Alltag, die Elendsflüchtlinge saßen (und sitzen immer noch) entweder im Osten fest oder ersoffen (und ersaufen weiterhin) schiffsweise im Mittelmeer. Hauptsache wir spendeten zum Fest der Liebe Ablass für die Bedürftigen. (Gott segne Geber und Gaben, einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.) Die wehrhafte EU baute eine veritable Mauer unterhalb der Sahara, um das „Gesocks“ heimatnäher zu stoppen. Dann ertrinken die wenigstens nicht mehr vor unseren Badestränden. Die Gründe für die Migration wurden natürlich weiterhin ignoriert. Sie ändern zu wollen, hieße die Ursache, das System, ändern zu müssen, welches bekanntlich gut ist, denn unsere Wirtschaft boomt.

Hier eine Handvoll wahlloser „Ereignisse“ zum Wiederkäuen und Abfackeln:

1) Raffke regiert und kassiert

Im Januar hatte ich mich noch am pissblonden Twitter-Trottel abgearbeitet und eine Liste von Voraussagen (allesamt kein großes Geheimnis) erstellt, die der eitle Lackel der US-Oligarchie prompt in Dekrete oder Gesetzesform bringen ließ. Während die Systempresse sich an belanglosen Kleinigkeiten aufhängte, sei es die vermeintliche Unfähigkeit, den Personalverschleiß, die Stil- und Geschmacklosigkeit, den Fremdenhass, die Homophobie, Islamphobie (die Liste ist endlos verlängerbar), setzten die Kapitalverbrecher an der Macht konsequent ihre Interessen durch, nämlich die Interessen der Öl- und Rüstungsindustrie, der Oligarchen und der Wallstreet, um die „Brandrodung“ des eigenen Kontinents in Siebenmeilenschritten voranzutreiben. (Keine Angst, die Welt kriegt auch weiterhin ihr Fett weg. Alle Rohstoffe von überall werden schließlich gebraucht.)

Die verlogene Schamhaftigkeit wurde am 20.01.17 abgelegt. Heute ist drin, was drauf steht: Die USA sind das bekennende Land der robber barons wie weiland im 19. Jahrhundert, mit dem feinen Unterschied, dass den jetzigen Machthabern keine solidarische Gewerkschaftsbewegung und keine „linken“ Parteien mehr in die Quere kommen. Die wurden samt und sonders entsorgt. Wir erleben die Endphase einer totalitären Ausbeutung, die inzwischen auch in der offiziellen Sprache „orwellsche Dimensionen“ erreicht hat. So dürfen US-Staatsbedienstete systemlästige Worte wie z.B. „wissenschaftlich erwiesen“ oder „statistisch belegt“ usw., nicht mehr in offiziellen Begründungen bei Anträgen verwenden. Der kritische Verstand wurde abgeschafft, „Neusprech“ regiert per Dekret vom Golfplatz.
Mit der Innovation der „alternativen Fakten“ (lügenhafte Behauptungen) im „Postfaktischem Zeitalter“, fügt sich Trump in die eindrucksvolle Reihe präsidialer Erfinder ein (wie z.Bsp. Bill Clinton, der den sexlosen Oralverkehr in die menschliche Kulturgeschichte einbrachte).

Zum Jahresausklang gab’s vom versammelten Heloten-Kabinett eine Neuauflage der Lobpreisungen für den POTUS, die historisch an die Verehrung Stalins oder Maos erinnern, und in der Gegenwart nur noch Kim Jung-Un genießt. Mal im Ernst, besteht überhaupt ein Unterschied zwischen dem Pissblonden und dem Nuklear-Dickerchen?

Das Fatale an der niedergehenden US-Imperialmacht ist ihre kulturelle und politische Vorreiterrolle für die restliche Welt. Mittlerweile sollte allerdings eher von einer Wechselwirkung gesprochen werden. Der Rechtsruck, die Flucht ins Nationale, die Abgrenzung, die Verteufelung der Anderen, all das sind Zeichen einer unbestimmten Angst, die wie eine Flipperkugel zwischen den Banden und Hindernissen hin und her schießt, und in jedem Land zu punkten scheint.

Nachdem sich der alte Obama-Slogan, „yes, we can“, nicht als Aufbruchssignal, sondern als Exorzismusformel entlarvt hatte, die austrieb, was offensichtlich war, muss es für 2017 und Folgejahre heißen: „no, we can’t“. Denn das entspricht voll unserer deutschen Wirklichkeit: Wir können keine Waffenexporte nach Saudi-Arabien stoppen, wir können die Industrie nicht für die „Diesellüge“ haftbar machen, wir können die Kohlendioxid-Emissionen nicht verringern, wir können die Glyphosaterlaubnis nicht stoppen, wir können gar nichts außer konsumieren und uns mit schlechtem Entertainment ablenken. (Schlechtes Entertainment ist zudem deutsche Tradition. Darauf ist zum Glück verlass.)

Unsere Staatsform der repräsentativen Demokratie hatte sich aber nicht erst in diesem Jahr erledigt. Ihr Niedergang wurde ein weiteres Mal beschleunigt.

2) Völker der Welt, schaut auf diese Stadt

Ihr wahres Gesicht zeigten Staat und Stadt beim G20 Gipfel in Hamburg. Wir erinnern uns, G20 ist die bourgeoise Nachfolgeveranstaltung adeliger Familientreffen, ein politisch überflüssiges Schaulaufen der Weltwirtschaftsriesen, die dem Globus Einigkeit und Zuversicht signalisieren wollen. (Und bei PR ist Dialog bekanntlich Fehlanzeige.)
Den Sicherheitshysterikern gelang es trefflich, die Lagerstimmung, „linke Chaoten gegen die Vertreter von Vernunft und Ordnung“, anzuheizen. Die Prügellackel der Polizei wurden solange im Zaum gehalten bis die aufgeheizte Atmosphäre allein mit Knüppelsport entladen werden konnte, wahrscheinlich damit sich die Stimmung in den Hundertschaften wieder auf ein Normalmaß einpegeln konnte. Wer das Vorgehen der Ordnungshüter beobachtete, wie eigenmächtiges Verbot von Übernachtungen in Zelten für Demonstranten (trotz deren gerichtlicher Erlaubnis), pro aktives Abschotten und Einschüchtern, usw., wunderte sich nicht, dass die Ausschreitungen im Schanzenviertel dermaßen eskalieren konnten.
Jedes Kind weiß, Aggression und Gewalt erzeugen Gegenaggression und Gegengewalt. Das kann die Polizei jedes Wochenende in der Fußballbundesliga beobachten und trainieren. Die Medien, allen voran die Kommentare der FAZ, trompeten ins Horn der Offiziellen ohne zu verstehen, dass Unmut und Protest konkrete Ursachen hatten (und haben) und deren symbolische Repräsentanz eben jener G20-Gipfel ist. Friedliche Protestanten und G20-Gegner wurden wie der Schwarze-Block behandelt. Hat sich seit Seattle und Genua überhaupt etwas geändert?

3) Politik schafft sich vollends ab

Nach der Bundestagswahl im September gibt es in unserem Exportweltmeistermusterland noch immer keine neue Bundesregierung.
Ein Umstand, über den sich mit Recht niemand aufregt. Angesichts des Niveaus der hiesigen Politikerkaste ist die Frage sinnvoll, will man von diesen Gestalten überhaupt regiert werden? Die Wirtschaft hat ohnehin das Sagen und die Bückstücke des amtierenden alten Kabinetts können im Geiste ihrer Meister jederzeit notwendige Entscheidungen durchwinken. Was in Belgien oder den Niederlanden geht, geht hierzulande schon lange.

4) Was auch mal gesagt werden muss: Danke, Gerd!

Dank deiner Schröderschen „Steuerreform“, hat Deutschland wieder die Vermögensverteilung wie zu Kaisers Zeiten, Anno 1913. Die gute alte Zeit ist zurück. In stürmischen Jahren wie diesen, ist das doch irgendwie beruhigend.

5) Blöd, wer nicht dabei ist

Nach dem das Ziel der Entpolitisierung der Bevölkerung weitestgehend erreicht wurde, herrscht die Polemisierung jener Bevölkerung als politisches Instrument vor, welches auf reine Affektreaktionen abzielt.
Die sozialen Verblödungsmedien (Facebook, Twitter, etc.) scheißen alle mit emotional aufgeladenem Schwachsinn zu, auf den prompt Pawlow-artig mit Schnapp- und Beissaffekten reagiert wird. „Likes“ und „Linken“ sind nichts anderes als solche Reflexe. Alles ist gleichermaßen wahr und gültig, Meinung ersetzt Wissen, Vermutungen ersetzen Tatsachen. Unsere geschichtslose Gesellschaft ist nicht mehr in der Lage, Ursachen und Wirkungen auszumachen und rettet sich in die irrige Vorstellung, solange es mir gut geht, ist alles gut. (N.B. Inzwischen betreibt Facebook eine PR-Kampagne, die für den wohltemperierten, soll heißen vernünftigen Umgang mit dem Medium wirbt.
Der Inhalt der Plakate erinnert an die Warnhinweise von Arzneimittel-, Alkohol- und Zigarettenwerbung. Wo bleiben die Schreckensbilder von süchtigen Social-Media-Usern im Endstadium?)

Ich kann nicht anders: Die Welt war 2017 noch reaktionärer und verblödeter als 2016. Und auf der nach unten offenen Bodenlosigkeitsskala ist lange kein Ende in Sicht.

Also weiter geht’s ab Montag, dann haben wir das Jahr 5778 nach dem jüdischen und 1439 nach dem islamischen Kalender. In China fällt Neujahr diesmal übrigens auf den 16. Februar. Wir Europäer kommen eben immer zu früh. Freuen wir uns auf noch mehr Monate Pissblond-Ergüsse auf Twitter, vielleicht werden’s diesmal ja keine zwölf. Jetzt braut sich zusammen, was nur der Atompilz spaltet. Wo bleibt die Gesundheitswarnung für Ewiggestrige? Oder um es mit Erich Mielke zu sagen: „Ich liebe euch doch alle!“

Mein Abreißkalender notiert übrigens für den 1. Januar 2018: „Die Zukunft ist nur noch im Koma erträglich.“

Hoch die Tassen.

MiC, 28.12.17



MiCs TAGEBUCH: BLÖD-Runner by Martin Compart
16. Oktober 2017, 5:45 pm
Filed under: Film, MiCs Tagebuch | Schlagwörter: , , ,

Dr. Horrors Lückenbüßer. Blödrunner für Zeitknappe

Nachdem Dr. Horror mir richtig Lust auf den Film gemacht hat, bin ich anstatt zu meiner Selbsthilfegruppe “Anonyme Choleriker”, ins Kino gegangen.

Das Ergebnis war zum LOSBRÜLLEN!

164 Minuten schamlosestes Produktplacing, 3-D Spektakel und eine Story, die locker in 89 Minuten hätte erzählt werden können. Schauspielerisch glänzten vor allem die Tränendrüsen der Darsteller. In diesem erschreckend emotionslosen Film, dessen charmanteste Momente Werbeclips für Geburtstagstorten oder Abgesänge auf den Regenwald waren, wurden große Gefühle richtiggehend physisch aus dem Körper gepresst. Jede Träne eine Zangengeburt. Denn nichts, absolut nichts in diesem Film ist echt. Er ähnelte darin den Videospielen, die im Werbeblock vorab getrailert wurden.

Die dystopische Welt, die man im  realen Leben auf einer Müllkippe in Nairobi, Lagos, Rio, Kalkutta, usw. findet, ist lediglich pittoreske Staffage für eine Geschichte, deren einziger Zweck es scheint, das verblödete Publikum vollends zu sentimentalisieren und auf die schöne nahe Roboterzukunft vorzubereiten. (Stichwort Industrie 4.0)

Da bekommen Replikanten – wohlgemerkt Maschinen, ohne Uterus und Eierstöcke usw. – nach Geschlechtsverkehr mit einem ganzen Kerl, Rick Dekkard (Harrison Ford), ein Kind. Das ist die erschreckend befleckte unbefleckte Empfängnis. Dieses Kind muss natürlich gefunden und getötet werden (30 Jahre nach seiner Geburt), Herodes und Co. lassen grüßen, denn es wird in Bälde die Roboter aus der Sklaverei in die Freiheit führen (Terminator). Das Kind ist leider nicht der neue Held Joe K. (Ryan Gossling, mit Gruß an Kafka), der beerbt hier den greisen Dekkard als männliches Actionlead, sondern dessen vermeintliche Zwillingsschwester – Rick Dekkard hat seinerzeit alle Spuren verwischt und zur Verwirrung der Auserwählten einen Zwilling beiseite gestellt. Joe K ist folglich ein Replikant, dessen Gefühlsspektrum und Ausdruckskraft dem seiner Kinozuschauer entspricht.

Der Plot wird runtergespult und die Wendepunkt geschehen en passant, aber sie geschehen, ungeachtet ihrer inneren Logik. Jeder weiß was kommt und es kommt und zieht sich, falsch entfaltet sich, kunstvoll.

Am Ende menschelt es, als der verlorene Vater, der um seine Tochter zu retten, diese nie sehen durfte, und die verlorene Tochter wieder vereint sind. Der Film ist auf Sequel erzählt, darum hat auch ein Serienautor am Skript mitgestrickt.

Besonders beachtlich: 164 Minuten völlige Humorfreiheit. Die Dialoge sind dümmlich platt, klischeebeladen, dafür aber erklärerisch. Damit der doofe Zuschauer noch weiß, worum es geht, wird vor dem letzten Drittel eine kleine Refresher-Sequenz eingeschoben, in der zusammengefasst ist “was bisher geschah”. Brachialmusiker Hans Zimmer und die Sounddesigner füllen das Void mit Klängen, nicht ganz so schlimm wie sonst üblich, aber auch die Geräusche können nicht über die Leere und Banalität dieses 150 Millionen Spektakels hinwegbügeln.

Ein weiteres Machwerk in einer Reihe sinnloser Dystopia-Filme, die immer mehr Bibelstunden gleichen – ohne dass der Name des “Herrn” jemals fällt. Einzige Wohltat, Regiefuzzi Villeneuve (der noch nicht einen gelungenen Film gemacht hat, egal wie viel Budget man ihm gibt) schneidet am Ende schnell genug weg, damit es nicht völlig unerträglich und peinlich wird.

Den Stuss braucht – außer Disney für den Bonus des CEO –  ganz bestimmt niemand. Prädikat: Bloß nicht reingehen.

MiC, 16.10.17



MiCs Tagebuch by Martin Compart
6. September 2017, 12:12 pm
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