Martin Compart


Amerikanischer Abschaum: Roy Cohn by Martin Compart
14. Juli 2018, 10:52 am
Filed under: Dashiell Hammett, MiCs Tagebuch | Schlagwörter: , ,

MiCs Tagebuch – Juli 2018

Eine kurze Anmerkung zu Dashiell Hammett

Charakter offenbart sich in der Prüfung. Dieser Satz bewahrheitet sich insbesondere bei Dashiell Hammett, der sich seit den 1930er Jahren politisch stark gegen den Faschismus und Kapitalismus engagierte. Seine zeitweilige Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei machte ihn Anfang der 1950er Jahre u.a. zur Zielscheibe der von Senator Joe McCarthy betriebenen hysterischen Kommunistenhatz in den USA. Die Befragung von Hammett vor dem HUAC, dem Kongressausschuss für unamerikanische Umtriebe, 1953, führte unter anderem Roy Cohn durch, damals der oberste Rechtsberater McCarthys. Das Protokoll ist lesenswert.

Roy Cohn gelangte später als Mafia-Anwalt zu Ruhm und Reichtum und war zudem Rechtsberater von Fred Trump, dem Vater des pissblonden US-Präsidenten. Frederik Christ Trump, so der volle Name, gab seinem Sprössling Cohn als Mentor an die Hand, damit der Junge das Immobiliengeschäft von der Pike auf lernt. 1977 versuchte Cohn seinen Ex-Chef McCarthy mit einem Buch über die großartige Arbeit der HUAC reinzuwaschen. In einer Mittagstalkshow im Rahmen der Buchpromotion von Cohn, nahm Gore Vidal sich Autor, Werk und die Zeit der unamerikanischen Umtriebe vor. Die Qualität des US-Fernsehens vor vierzig Jahren ist immer wieder überraschend. Die Aktualität von Vidals Äußerungen ebenso.

Dashiell Hammett wurde aufgrund seiner Überzeugung von den Finanzbehörden verfolgt und finanziell ruiniert, seine Bücher wurden zeitweilig aus den öffentlichen Bibliotheken entfernt. Nachdem er 1951 vor Gericht die Aussage über den Kautionsfond des Civil Rights Congress verweigert, steckte man ihn als „unkooperativen Zeugen“ für sechs Monate Beugehaft ins Gefängnis. Er schwieg auch nach seiner Freilassung. Hammett blieb seiner Überzeugung treu.

MiC, 14.07.18

https://martincompart.wordpress.com/2009/06/17/der-flug-des-malteser-falken-zu-dashiell-hammett-2/

Advertisements


MiCs Tagebuch Juni 2018: RUDELBILDUNG VOR DEM KASSENHÄUSCHEN by Martin Compart

Das schöne am Deutschen ist seine Verrücktheit, mit der in diesem Land niemand alleine bleibt, weil sich immer einer findet, der einen versteht, wie Heinrich Heine einst sinngemäß schrieb. Echt tröstlich. Hierzulande werden die Klimaziele ebenso wenig erreicht, wie die Elektrifizierung des Automobilverkehrs, am „Dieselbetrug“ (der ein terroristischer Giftanschlag mittels Stickoxyden ist) sind – was Wunder – sämtliche deutschen Hersteller beteiligt, hierzulande finden Insekten vernichtende Pflanzengifte weiterhin ungehindert Verwendung, haben nur 8% der Gewässer unbelastetes Wasser, und was ereifert das Volk? Die Migranten. Zumindest wenn man den Hetzern wie Gauland, Söder und Co. Glauben schenken will. Verrückt was?


Der Seehofer Horst hat sogar einen „Masterplan Migration“ entworfen (den keiner zu kennen scheint). Klingt dem Heimatminister vielleicht „Meisterplan Flucht und Vertreibung“ zu albern?

Die Kleinhirne der Nation stehen unter Druck, es muss gehandelt werden, die Zeit drängt.

In Bayern wird schließlich um die Existenz der CSU gerungen, hierzu ist dem verfetteten Ministerpräsidenten-Strizzi jedes Mittel recht. Bemerkenswert, dass die Heuchler von rechts immer ihre vermeintliche Frömmigkeit vorschieben, wenn sie stramm das christliche Gebot der Barmherzigkeit verweigern. Im Buhlen um des Volkes Gunst schleudert die Fascho-Front den „Migranten-Horden“ (welche neuerdings wieder den Landweg über Albanien dem Absaufen im Mittelmeer vorziehen) lautstark „vade retro, satana“ entgegen. Denn das Pack tummelt sich unablässig vor dem Kassenhäuschen und will hinein, in unser „christlich-jüdisches“ Werte-Paradies. Selbst das neue kreuzfröhliche Abschreckungssymbol unserer Willkommenskultur in jedem bayrischen Ankerzentrum, stoppt sie nicht. Das haben wir nun von unserem hart ergaunerten Handelsüberschuss.

„Auf Deutscheland isse Superland“, stehen halt nur jene, die Dank Globalisierung, Kriege mit westlichen Waffen, konsumbedingte Klimakatastrophe und Wohlstandsgefälle unbedingt hierher müssen. Nur diese begeisterten Massen wollen wir nicht. Darin sind sich die Demokraten aller Coleur einig. Die sabbernde Hyäne der AfD lässt sich „von denen nicht unseren Wohlstand wegnehmen“, und die Sprechkröte der SPD findet: „Zu einer Willkommenskultur gehört auch eine schnelle Abschiebung im Ablehnungsfall.“ Beeindruckend, wie viel Blödsinn sich in einem einzigen Satz schachteln lässt. Die Aufschiebe-Kanzlerin hofft auf eine Einigung in Europa und insgeheim auf ordentliche Fangzäune in Afrika, in denen sich möglichst viele Wanderlustige auf ihrem Weg nach Norden verheddern. Der Rest wird mit Waffengewalt gestoppt. Wozu haben wir schließlich die Bundeswehr? Der deutsche Wohlstand wird in Afrika verteidigt.

Das Pumuckel der deutschen Intellelllen.

In Wahrheit geht es gar nicht um Migranten, sondern um Identität, konstatiert Großdenker Ulrich Wickert. Es geht um deutsche Kultur und deutsche, ja europäische Werte, die andersdenkende Einwanderer bedrohen, legt der verlogene Privatnuschler Rüdiger Safranski nach. Ein intellektueller Tiefflieger, der eigenen Worten zufolge, „geistig im 19. Jahrhundert verankert ist“. Doch diese ewig gestrigen Herrschaften täuschen sich. In unserer Konsumgesellschaft geht es einzig um einen Wert: um freiverfügbares Einkommen. Und das will niemand teilen. Mit Fremden schon gar nicht. Dabei freut sich die deutsche Wirtschaft über jeden Billiglöhner und Berufsgruppen mit „Nachwuchsproblemen“ begrüßen jeden kostengünstigen Arbeitswilligen. Denn für den Profit der Eigentümerklasse darf sich jeder abmühen. Der Rest möge bitte schön fern bleiben.

Unsere „klassenlose“ Gesellschaft steckt tief im Klassenkampf. Zum Erhalt unseres auf Ausbeutung und Zerstörung beruhenden Wirtschaftssystems braucht es Opfer. Da kommt den verblödeten, verängstigten, abstiegsbedrohten oder schon abgestiegenen Schichten die Bodensatzklasse genau richtig. Solange es jemanden gibt, den man hassen und verachten, ausgrenzen und vertreiben kann, besteht schließlich noch Hoffnung. So sind wir alle in Niedertracht vereint. Habe die Ehre.

MiC, 21.06.18



MiCs Tagebuch: Jahresabwasch 2017 by Martin Compart
29. Dezember 2017, 12:00 pm
Filed under: Ekelige Politiker, MiCs Tagebuch | Schlagwörter: ,

Nun ist es wieder so weit: Im Fernsehen beginnt die Zeit der nervigen Jahhresrückblicke; ob mit gerontenhaften Charme beim ZDF oder krawallmäßig bei den Kommerziellen. Danach wissen wir dann endlich, was wir hinter uns gelassen haben und können hoffnungsfroh – wie immer – in die Zukunft sehen. Da will auch dieser Blog nicht abseits stehen um nicht in Bedeutungslosigkeit zu verfallen. Den Anfang macht jetzt mal MiC. Und freuen Sie sich auf Dr.Horrors Vorausblick auf 2018! Denn in der Zukunft kennt sich der Mann ja aus (er hat mehr schlechte SF-Filme gesehen als jedes andere Wesen in dieser Galaxie).

Hurra!
Nach überstandener Weihnachtsscheiße geht’s zum Böllerabflammen und Sektrülpsen bei gegenseitigem Glückaufwünschen für 2018 mit allerlei Arschlöchern in den Swingerclub.

Adieu, 2017, du weiteres unwichtiges Jahr des Mittelmaßes. Mit der Umwelt ging’s noch tiefer in den Keller, nukleare Drohungen und Gegendrohungen wurden zum Twitter-Alltag, die Elendsflüchtlinge saßen (und sitzen immer noch) entweder im Osten fest oder ersoffen (und ersaufen weiterhin) schiffsweise im Mittelmeer. Hauptsache wir spendeten zum Fest der Liebe Ablass für die Bedürftigen. (Gott segne Geber und Gaben, einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.) Die wehrhafte EU baute eine veritable Mauer unterhalb der Sahara, um das „Gesocks“ heimatnäher zu stoppen. Dann ertrinken die wenigstens nicht mehr vor unseren Badestränden. Die Gründe für die Migration wurden natürlich weiterhin ignoriert. Sie ändern zu wollen, hieße die Ursache, das System, ändern zu müssen, welches bekanntlich gut ist, denn unsere Wirtschaft boomt.

Hier eine Handvoll wahlloser „Ereignisse“ zum Wiederkäuen und Abfackeln:

1) Raffke regiert und kassiert

Im Januar hatte ich mich noch am pissblonden Twitter-Trottel abgearbeitet und eine Liste von Voraussagen (allesamt kein großes Geheimnis) erstellt, die der eitle Lackel der US-Oligarchie prompt in Dekrete oder Gesetzesform bringen ließ. Während die Systempresse sich an belanglosen Kleinigkeiten aufhängte, sei es die vermeintliche Unfähigkeit, den Personalverschleiß, die Stil- und Geschmacklosigkeit, den Fremdenhass, die Homophobie, Islamphobie (die Liste ist endlos verlängerbar), setzten die Kapitalverbrecher an der Macht konsequent ihre Interessen durch, nämlich die Interessen der Öl- und Rüstungsindustrie, der Oligarchen und der Wallstreet, um die „Brandrodung“ des eigenen Kontinents in Siebenmeilenschritten voranzutreiben. (Keine Angst, die Welt kriegt auch weiterhin ihr Fett weg. Alle Rohstoffe von überall werden schließlich gebraucht.)

Die verlogene Schamhaftigkeit wurde am 20.01.17 abgelegt. Heute ist drin, was drauf steht: Die USA sind das bekennende Land der robber barons wie weiland im 19. Jahrhundert, mit dem feinen Unterschied, dass den jetzigen Machthabern keine solidarische Gewerkschaftsbewegung und keine „linken“ Parteien mehr in die Quere kommen. Die wurden samt und sonders entsorgt. Wir erleben die Endphase einer totalitären Ausbeutung, die inzwischen auch in der offiziellen Sprache „orwellsche Dimensionen“ erreicht hat. So dürfen US-Staatsbedienstete systemlästige Worte wie z.B. „wissenschaftlich erwiesen“ oder „statistisch belegt“ usw., nicht mehr in offiziellen Begründungen bei Anträgen verwenden. Der kritische Verstand wurde abgeschafft, „Neusprech“ regiert per Dekret vom Golfplatz.
Mit der Innovation der „alternativen Fakten“ (lügenhafte Behauptungen) im „Postfaktischem Zeitalter“, fügt sich Trump in die eindrucksvolle Reihe präsidialer Erfinder ein (wie z.Bsp. Bill Clinton, der den sexlosen Oralverkehr in die menschliche Kulturgeschichte einbrachte).

Zum Jahresausklang gab’s vom versammelten Heloten-Kabinett eine Neuauflage der Lobpreisungen für den POTUS, die historisch an die Verehrung Stalins oder Maos erinnern, und in der Gegenwart nur noch Kim Jung-Un genießt. Mal im Ernst, besteht überhaupt ein Unterschied zwischen dem Pissblonden und dem Nuklear-Dickerchen?

Das Fatale an der niedergehenden US-Imperialmacht ist ihre kulturelle und politische Vorreiterrolle für die restliche Welt. Mittlerweile sollte allerdings eher von einer Wechselwirkung gesprochen werden. Der Rechtsruck, die Flucht ins Nationale, die Abgrenzung, die Verteufelung der Anderen, all das sind Zeichen einer unbestimmten Angst, die wie eine Flipperkugel zwischen den Banden und Hindernissen hin und her schießt, und in jedem Land zu punkten scheint.

Nachdem sich der alte Obama-Slogan, „yes, we can“, nicht als Aufbruchssignal, sondern als Exorzismusformel entlarvt hatte, die austrieb, was offensichtlich war, muss es für 2017 und Folgejahre heißen: „no, we can’t“. Denn das entspricht voll unserer deutschen Wirklichkeit: Wir können keine Waffenexporte nach Saudi-Arabien stoppen, wir können die Industrie nicht für die „Diesellüge“ haftbar machen, wir können die Kohlendioxid-Emissionen nicht verringern, wir können die Glyphosaterlaubnis nicht stoppen, wir können gar nichts außer konsumieren und uns mit schlechtem Entertainment ablenken. (Schlechtes Entertainment ist zudem deutsche Tradition. Darauf ist zum Glück verlass.)

Unsere Staatsform der repräsentativen Demokratie hatte sich aber nicht erst in diesem Jahr erledigt. Ihr Niedergang wurde ein weiteres Mal beschleunigt.

2) Völker der Welt, schaut auf diese Stadt

Ihr wahres Gesicht zeigten Staat und Stadt beim G20 Gipfel in Hamburg. Wir erinnern uns, G20 ist die bourgeoise Nachfolgeveranstaltung adeliger Familientreffen, ein politisch überflüssiges Schaulaufen der Weltwirtschaftsriesen, die dem Globus Einigkeit und Zuversicht signalisieren wollen. (Und bei PR ist Dialog bekanntlich Fehlanzeige.)
Den Sicherheitshysterikern gelang es trefflich, die Lagerstimmung, „linke Chaoten gegen die Vertreter von Vernunft und Ordnung“, anzuheizen. Die Prügellackel der Polizei wurden solange im Zaum gehalten bis die aufgeheizte Atmosphäre allein mit Knüppelsport entladen werden konnte, wahrscheinlich damit sich die Stimmung in den Hundertschaften wieder auf ein Normalmaß einpegeln konnte. Wer das Vorgehen der Ordnungshüter beobachtete, wie eigenmächtiges Verbot von Übernachtungen in Zelten für Demonstranten (trotz deren gerichtlicher Erlaubnis), pro aktives Abschotten und Einschüchtern, usw., wunderte sich nicht, dass die Ausschreitungen im Schanzenviertel dermaßen eskalieren konnten.
Jedes Kind weiß, Aggression und Gewalt erzeugen Gegenaggression und Gegengewalt. Das kann die Polizei jedes Wochenende in der Fußballbundesliga beobachten und trainieren. Die Medien, allen voran die Kommentare der FAZ, trompeten ins Horn der Offiziellen ohne zu verstehen, dass Unmut und Protest konkrete Ursachen hatten (und haben) und deren symbolische Repräsentanz eben jener G20-Gipfel ist. Friedliche Protestanten und G20-Gegner wurden wie der Schwarze-Block behandelt. Hat sich seit Seattle und Genua überhaupt etwas geändert?

3) Politik schafft sich vollends ab

Nach der Bundestagswahl im September gibt es in unserem Exportweltmeistermusterland noch immer keine neue Bundesregierung.
Ein Umstand, über den sich mit Recht niemand aufregt. Angesichts des Niveaus der hiesigen Politikerkaste ist die Frage sinnvoll, will man von diesen Gestalten überhaupt regiert werden? Die Wirtschaft hat ohnehin das Sagen und die Bückstücke des amtierenden alten Kabinetts können im Geiste ihrer Meister jederzeit notwendige Entscheidungen durchwinken. Was in Belgien oder den Niederlanden geht, geht hierzulande schon lange.

4) Was auch mal gesagt werden muss: Danke, Gerd!

Dank deiner Schröderschen „Steuerreform“, hat Deutschland wieder die Vermögensverteilung wie zu Kaisers Zeiten, Anno 1913. Die gute alte Zeit ist zurück. In stürmischen Jahren wie diesen, ist das doch irgendwie beruhigend.

5) Blöd, wer nicht dabei ist

Nach dem das Ziel der Entpolitisierung der Bevölkerung weitestgehend erreicht wurde, herrscht die Polemisierung jener Bevölkerung als politisches Instrument vor, welches auf reine Affektreaktionen abzielt.
Die sozialen Verblödungsmedien (Facebook, Twitter, etc.) scheißen alle mit emotional aufgeladenem Schwachsinn zu, auf den prompt Pawlow-artig mit Schnapp- und Beissaffekten reagiert wird. „Likes“ und „Linken“ sind nichts anderes als solche Reflexe. Alles ist gleichermaßen wahr und gültig, Meinung ersetzt Wissen, Vermutungen ersetzen Tatsachen. Unsere geschichtslose Gesellschaft ist nicht mehr in der Lage, Ursachen und Wirkungen auszumachen und rettet sich in die irrige Vorstellung, solange es mir gut geht, ist alles gut. (N.B. Inzwischen betreibt Facebook eine PR-Kampagne, die für den wohltemperierten, soll heißen vernünftigen Umgang mit dem Medium wirbt.
Der Inhalt der Plakate erinnert an die Warnhinweise von Arzneimittel-, Alkohol- und Zigarettenwerbung. Wo bleiben die Schreckensbilder von süchtigen Social-Media-Usern im Endstadium?)

Ich kann nicht anders: Die Welt war 2017 noch reaktionärer und verblödeter als 2016. Und auf der nach unten offenen Bodenlosigkeitsskala ist lange kein Ende in Sicht.

Also weiter geht’s ab Montag, dann haben wir das Jahr 5778 nach dem jüdischen und 1439 nach dem islamischen Kalender. In China fällt Neujahr diesmal übrigens auf den 16. Februar. Wir Europäer kommen eben immer zu früh. Freuen wir uns auf noch mehr Monate Pissblond-Ergüsse auf Twitter, vielleicht werden’s diesmal ja keine zwölf. Jetzt braut sich zusammen, was nur der Atompilz spaltet. Wo bleibt die Gesundheitswarnung für Ewiggestrige? Oder um es mit Erich Mielke zu sagen: „Ich liebe euch doch alle!“

Mein Abreißkalender notiert übrigens für den 1. Januar 2018: „Die Zukunft ist nur noch im Koma erträglich.“

Hoch die Tassen.

MiC, 28.12.17



MiCs TAGEBUCH: BLÖD-Runner by Martin Compart
16. Oktober 2017, 5:45 pm
Filed under: Film, MiCs Tagebuch | Schlagwörter: , , ,

Dr. Horrors Lückenbüßer. Blödrunner für Zeitknappe

Nachdem Dr. Horror mir richtig Lust auf den Film gemacht hat, bin ich anstatt zu meiner Selbsthilfegruppe “Anonyme Choleriker”, ins Kino gegangen.

Das Ergebnis war zum LOSBRÜLLEN!

164 Minuten schamlosestes Produktplacing, 3-D Spektakel und eine Story, die locker in 89 Minuten hätte erzählt werden können. Schauspielerisch glänzten vor allem die Tränendrüsen der Darsteller. In diesem erschreckend emotionslosen Film, dessen charmanteste Momente Werbeclips für Geburtstagstorten oder Abgesänge auf den Regenwald waren, wurden große Gefühle richtiggehend physisch aus dem Körper gepresst. Jede Träne eine Zangengeburt. Denn nichts, absolut nichts in diesem Film ist echt. Er ähnelte darin den Videospielen, die im Werbeblock vorab getrailert wurden.

Die dystopische Welt, die man im  realen Leben auf einer Müllkippe in Nairobi, Lagos, Rio, Kalkutta, usw. findet, ist lediglich pittoreske Staffage für eine Geschichte, deren einziger Zweck es scheint, das verblödete Publikum vollends zu sentimentalisieren und auf die schöne nahe Roboterzukunft vorzubereiten. (Stichwort Industrie 4.0)

Da bekommen Replikanten – wohlgemerkt Maschinen, ohne Uterus und Eierstöcke usw. – nach Geschlechtsverkehr mit einem ganzen Kerl, Rick Dekkard (Harrison Ford), ein Kind. Das ist die erschreckend befleckte unbefleckte Empfängnis. Dieses Kind muss natürlich gefunden und getötet werden (30 Jahre nach seiner Geburt), Herodes und Co. lassen grüßen, denn es wird in Bälde die Roboter aus der Sklaverei in die Freiheit führen (Terminator). Das Kind ist leider nicht der neue Held Joe K. (Ryan Gossling, mit Gruß an Kafka), der beerbt hier den greisen Dekkard als männliches Actionlead, sondern dessen vermeintliche Zwillingsschwester – Rick Dekkard hat seinerzeit alle Spuren verwischt und zur Verwirrung der Auserwählten einen Zwilling beiseite gestellt. Joe K ist folglich ein Replikant, dessen Gefühlsspektrum und Ausdruckskraft dem seiner Kinozuschauer entspricht.

Der Plot wird runtergespult und die Wendepunkt geschehen en passant, aber sie geschehen, ungeachtet ihrer inneren Logik. Jeder weiß was kommt und es kommt und zieht sich, falsch entfaltet sich, kunstvoll.

Am Ende menschelt es, als der verlorene Vater, der um seine Tochter zu retten, diese nie sehen durfte, und die verlorene Tochter wieder vereint sind. Der Film ist auf Sequel erzählt, darum hat auch ein Serienautor am Skript mitgestrickt.

Besonders beachtlich: 164 Minuten völlige Humorfreiheit. Die Dialoge sind dümmlich platt, klischeebeladen, dafür aber erklärerisch. Damit der doofe Zuschauer noch weiß, worum es geht, wird vor dem letzten Drittel eine kleine Refresher-Sequenz eingeschoben, in der zusammengefasst ist “was bisher geschah”. Brachialmusiker Hans Zimmer und die Sounddesigner füllen das Void mit Klängen, nicht ganz so schlimm wie sonst üblich, aber auch die Geräusche können nicht über die Leere und Banalität dieses 150 Millionen Spektakels hinwegbügeln.

Ein weiteres Machwerk in einer Reihe sinnloser Dystopia-Filme, die immer mehr Bibelstunden gleichen – ohne dass der Name des “Herrn” jemals fällt. Einzige Wohltat, Regiefuzzi Villeneuve (der noch nicht einen gelungenen Film gemacht hat, egal wie viel Budget man ihm gibt) schneidet am Ende schnell genug weg, damit es nicht völlig unerträglich und peinlich wird.

Den Stuss braucht – außer Disney für den Bonus des CEO –  ganz bestimmt niemand. Prädikat: Bloß nicht reingehen.

MiC, 16.10.17



MiCs Tagebuch by Martin Compart
6. September 2017, 12:12 pm
Filed under: MiCs Tagebuch, Stammtischgegröle | Schlagwörter: , ,

Hurrikane Herbst – Wetter-, Wahl- und Wasserstoffstürme Weiterlesen



MiCs Tagebuch.FILME FÜR UNSERE ZEIT: DER FALL SERANO, Frankreich 1977. by Martin Compart
27. März 2017, 7:51 am
Filed under: Alain Delon, Film, MiCs Tagebuch | Schlagwörter: , , ,

Ich bin völlig begeistert! Was ist das für eine Chimäre von Film. Holprig ohne Ende. Von Männern für Männer mit Männern. Frauen sind nur schicke Schaustücke, die bis auf Mireille Darc alle umgebracht werden. Einzig die Audran hat einen Hauch von tiefem Dialog. Die Muti hingegen fungiert als dramaturgischer Conduit, deren Tod Delon schließlich motiviert aufs Ganze zu gehen.

Der große Mörder stellt sich am Schluss als ein ideologisch verblödeter Bulle heraus und der “gute Bulle” in dem Film weiß nicht, ob er es schaffen wird, die korrupte Elite vors Gericht zu bringen oder Lachse fischen gehen muss. Und dann die politischen Aussagen, allesamt in bedeutungsschweren Monologen: Kinski als der monströse Vertreter des Kapitalismus, der alles mit Geld regelt und es “bedauert”, wenn etwas mit Geld nicht zu regeln ist; der kleine verblödete Bulle, der das die Gesellschaftsordnung gefährdende Geschmeiß ausrotten will (wie Robespierre und Saint Just); und zum Finale dann Delon, der den Sack der Wahrheiten zumacht. Schlaf ruhig, Paris.

Jeder dieser Monologe ist absolut zutreffend und als Beschreibung unserer Gesellschaftsform noch heute vollends gültig. Für den Zuschauer im Jahre 2017, verbreitet der Film bei aller fatalistischen Hinnahme des Systems, beinahe eine Sehnsucht zurück nach jener Zeit, in der das Kapital den Kälbern noch Arbeit, Unterhaltung, Sex und sogar einmal jährlich Urlaub zubilligte. So viel Luxus will heute vom entfremdeten und völlig verdinglichten User-Konsumenten-Datenlieferanten erst einmal verdient sein.

Ich wurde immer wieder zu stehendem Szenenapplaus genötigt. Dass ausgerechnet Alain Delon “Der Fall Serrano” produzierte, ist mir angesichts seiner politisch Haltung ein Rätsel. Solches Stars hat die Kulturdiaspora Deutschland niemals hervorgebracht. Diesen Film muss man UNBEDINGT IMMER WIEDER ANSEHEN. Ich will mehr solcher Filme.

MiC



MiCs Tagebuch 2.17 by Martin Compart
8. Februar 2017, 5:33 pm
Filed under: Film, MiCs Tagebuch, Roland Klick | Schlagwörter: , , , ,

Filme für unsere Zeit: SUPERMARKT (1974)

Auf die Frage, welche Kinofilme für mich ganz persönlich einmal wichtig waren und/oder es heute noch sind, fällt mir kein einziger deutscher Film ein. Nicht einer! Das mag generationsbedingt sein. Theo gegen den Rest der Welt oder Das Boot haben für mich persönlich nun mal keine Bedeutung. Hingegen Lawrence of Arabia, Le Samourai, The Wild Bunch, Junior Bonner, La Grande Bellezza, To be or not to be, Le Cercle Rouge, Sullivan‘s Travels, Hana Bi, ich könnte unzählige Filme anführen, britische, amerikanische, französische, japanische, italienische – nur keine deutschen. Bestimmt kenne ich zu wenige. Diejenigen, die ich kenne, haben mich wenig motiviert, weiteren heimischen Produktionen eine Chance zu geben. (N.B. Mein jüngster Bruder stand mal auf Absolute Giganten, der Film war ganz okay. N.B. N.B. Bei Werner Herzog bewundere ich mehr sein Filmemachen als seine Filme. Ausnahmen: Fitzcarraldo, Cave of Forgotten Dreams, Death Row.)

Einzige echte Ausnahme in diesem Filmödland ist SUPERMARKT von Roland Klick.

Hätte ich den Streifen mit 15 oder 16 gesehen, wäre ich auf meine grüne Kreidler LF gestiegen und hätte der Welt den Kampf angesagt. Supermarkt entsprach voll meinem damaligen Lebensgefühl. Pubertierende Jugendliche vom Lande lassen sich schnell von Großstadtrebellen beeindrucken – auch oder gerade weil sie scheitern. Allerdings habe ich Supermarkt erst in einem Alter gesehen, in dem jugendliche Rebellion den meisten Menschen erschreckend kindisch vorkommt oder von ihnen bereits sehnsüchtig verklärt wird. Gestern schaute ich mir den Film noch einmal an – und stellte mir nur eine Frage: Haben deutsche Filmemacher in 43 Jahren nichts kapiert?

Regisseurin Sandra Prechtel und Regisseur und Protagonist ihres Dokumentarfilms Roland Klick

Regisseurin Sandra Prechtel und Regisseur und Protagonist ihres Dokumentarfilms Roland Klick

Supermarkt ist grandios! Schmutzig und krude, zärtlich und sehnsüchtig, scharfzüngig und böse. Keine Szene zu viel, keine Geste zu viel, kein Satz zu viel. Roland Klick und Kameramann Jost Vocano erzählen in gerade mal 80 Minuten einen „perfekten” Film in „perfekten“ Bildern. Handwerklich absolut ökonomisch gedreht, zum Teil ganze Szenen in einer Einstellung wie der grandiose Moment, in dem Möchtegern-Gangster Theo Angst vor dem eigenen Coup bekommt und sich volllaufen lässt. Unfähig den geplanten Überfall durchzuziehen, kommt es auf einem leeren Grundstück zu einer Konfrontation zwischen Protagonist Willi (Charly Wierczejewski) und Theo (Walter Kohut): Ein Alfa rast heran, Fahrer Theo springt heraus, um Beifahrer Willi zu verprügeln, ist aber zu betrunken, wird darum von Willi gepackt und auf die schlammige Erde befördert, auf den Streit folgt Theos Erkenntnis, sein Versagen, folgt Selbstmitleid, folgt der Zuspruch von Willi, folgt die Wiederaufrichtung von Theo, „ich bin nur gestrauchelt”, „ein bisschen Kaffee und du bist wieder klar“, bestätigt Willi, folgt Theos Vorwurf, „du hättest mich stoppen können, warum hast du mich nicht gestoppt?”, folgt das Einsteigen und die Abfahrt. Alles ohne Schnitt. Perfektes Timing. Perfektes Spiel. Dazu ein Walter Kohut zum Niederknien gut.

image1-2

Überhaupt, der viel zu früh verstorbene Walter Kohut. Was für eine Kanaille! So einen Loser-Großkotz-Verzweiflungsgauner hat das Kino selten gesehen. (Selbst James Cagney in White Heat eignet sich nicht wirklich zum Vergleich, der ist in grober Freudscher Analyse doch nur ein Muttersöhnchen.) Banale Psychologisierung spart sich Klick. Er zeigt die Charaktere, die zugleich stellvertretend für gesellschaftliche Positionen und Funktionen stehen, in ihrem Reden und Handeln, und legt so ihre Verlogenheit, Selbsttäuschung, Widersprüchlichkeiten offen. (Die Vorstellung, die wir selbst von uns haben ist zumeist falsch, die Person, die wir nach außen vorgeben zu sein, ist gespielt, eine angenommene Rolle.)

Der jugendliche Ausreißer Willi, wünscht sich nichts als Respekt und Anerkennung. Er sucht nach Sinn in dieser Gesellschaft und kann ihn in der kapitalistischen Ordnung der alten West-Bundesrepublik, mit ihrer bürgerlichen Enge und ihren wirtschaftlichen Zwängen, dem Wirtschaftswunderkater der frühen 1970er Jahre, nicht finden. Genau wie Theo träumt er den Traum vom Abhauen, von der großen „Wegmache“. Sein erster Coup soll zugleich der letzte sein, ein Befreiungsschlag, um mit der Hure Monika (Eva Mattes) und ihrem Kind in den Sonnenuntergang zu reiten. Im Gegensatz zu Willi reduziert sich Theos Traum allein auf Geld. Hat er erst das Geld, wird sich der Rest schon finden. Theo klammert sich an diese kapitalistische Mär. Er besitzt keine Fantasie, keine Perspektive, keinen Mut. Er spielt den harten Typen, diese Mischung aus Großkotzigkeit, Aggression und geistiger Überlegenheit, nur gegenüber Schwächeren, um bei Stärkeren feige zu kuschen. Eine Kanaille eben. Ihm gegenüber steht der Journalist Frank (Michael Degen), ein etablierter Bourgeoise, der nach Sinn im Materialismus sucht. Frank ist angekommen, hat die Ziele bürgerlichen Strebens längst erreicht und hadert nun mit den unübersehbaren Widersprüchen dieser Gesellschaft. Sein Versuch, etwas Sinnvolles zu tun, dem Ausreißer Willi zu helfen, erschöpft sich schnell, weil er zwar Verständnis bekundet, aber dem Jungen zugleich – ganz der gute Vater – auch die bürgerlichen Überlebensregeln vermitteln muss. Ein zum Scheitern verurteilter Spagat. Als der Journalist wahren Charakter beweisen kann, verrät er den Jungen an die Polizei. (Damit nicht noch ein schlimmeres Unglück passiert.) In der Prüfung versagt der progressive Spießbürger und der Außenseiter bleibt somit chancenlos. Der Film beginnt mit Willi allein auf dem Klo und endet mit Willi im alten St.Pauli-Tunnel inmitten zur Arbeit gehender Männer. Was dazwischen geschieht, muss jeder unbedingt selbst entdecken. Die Bedeutung der beiden Einstellungen erschließt sich aus dem Kontext der Story. Die erste Szene von Supermarkt ist der Nukleus des Films, das letzte Bild eines der größten Filmenden aller Zeiten. Bei Klick ist der Zuschauer Teil der Handlung, muss er die Ellipsen verbinden, das Ungesagte und Ungezeigte deuten. Die Aufladung der Bilder durch Juxtaposition ist meisterhaft – im deutschen Film singulär.

Roland Klick war immer „a filmmaker‘s filmmaker”. Das verbindet ihn mit Jean-Pierre Melville und Sam Peckinpah. In den letzten vier Jahren gab es eine wahre Roland-Klick-Renaissance, Filmgalerie 451 hat sein Oeuvre, die wichtigsten Lang- und Kurzfilme mit großartigem Zusatzmaterial auf DVD herausgebracht, die Dokumentation The Heart is a Hungry Hunter, portraitiert ihn liebevoll wie aufschlussreich.image1 Er gilt heute (ebenso wie Renegat Roger Fritz, und in gewisser Weise auch Klaus Lemke) als der große Anti-Autorenfilmer – Anti zu pseudointellektuellen Langweilern wie Fassbinder, Wenders, et al. Roland Klick ist nunmehr en vogue, das Feuilleton hat ihn längst rehabilitiert. Mit 77 Jahren ist er alt genug, um in Milde zurückzuschauen und zugleich alt genug, dass man ihm trotz später Anerkennung kein Geld für einen neuen Film geben müsste. Ein Schicksal, welches Klick mit Orson Welles teilt, dem verlorenen Sohn Hollywoods, dem die Filmindustrie bei seiner Rückkehr 1976 einen roten Teppich ausrollte und mit einem AFI-Lifetime Achievement Award in die Arme schloss. Dazu flüsterte ein Studioboss Welles ins Ohr: „This is as good as it gets, Orson. Don‘t call again.”

Bleibt die Frage, was deutsche Filmemacher nach 43 Jahren kapieren sollten? Denkt drüber nach.

MiC, 05.02.17