Martin Compart


NOIR-KLASSIKER: NORMAN MAILERS „HARTE MÄNNER TANZEN NICHT“ by Martin Compart

TOUGH GUYS DON´T DANCE beginnt mit einem hinreichend bekannten Noir-Plot: Der Protagonist erwacht ohne Erinnerung an die vorherige Nacht mit dem unguten Gefühl, dass etwas sehr schlimmes passiert ist und das Erwachen der Anfang eines Alptraums sein könnte. Aber in der Genre-Literatur (gibt es andere? Sind Königsdramen und Sonette etwas anderes?) geht es nicht um den Plot, sondern darum, was man daraus macht. Und was Mailer aus diesem klassischen Noir-Plot rausholt, ist umwerfend.

Auf Cape Code kommt der ehemalige Dealer und Möchtegernschriftsteller Tim Madden mit einem schlimmen Kater zu sich: „Ich (versuchte) die Nebelbänke der Erinnerung zu durchdringen.“

Er kann sich an die vergangene Nacht nicht erinnern und entdeckt eine neue Tätowierung an sich, die pikanterweise den Namen einer alten Flamme trägt. Ausgerechnet den Namen der einzigen Frau, die seine Ehefrau gar nicht leiden kann. Und Tim leidet noch darunter, dass seine Ehefrau ihn vor genau 24 Tagen verlassen hat.

Damit kreierte Mailer ein Noir-Motiv, das in den letzten Jahrzehnten durch Filme, wie etwa Christopher Nolans MEMENTO oder TV-Serien wie BLINDSPOT und wahrscheinlich dutzende Romane, zu einem gähnend langweiligen Topos verkommen ist.

Mailer treibt diese klassische Noir-Situation anfangs ganz langsam voran: Nach Rückblenden, die uns verdeutlichen, mit was für einem Kretin wir es zu tun haben, entdeckt Madden auf den Sitzen seines Porsche Blutspuren und an seinem Marihuana- Versteck den Kopf einer Blondine. Spätestens jetzt weiß man, dass Mailer uns einen Cornell Woolrich-Plot auf Droge serviert. Die Witzbolde von der KIRKUS REVIEW erinnerte der Plot damals an Saul Bellow und Thomas Berger. Von Cornell Woolrich oder David Goodis hatten die wohl noch nie etwas gehört.

Norman war der tough-guy unter den US-Autoren nach Hemingway.

Nur ist Mailer natürlich ein ganz anderes Kaliber als der arme Cornell. Sein Ich-Erzähler ist ein runder Charakter, eine gequälte Seele, von der reichen Frau verlassen, beruflich nicht von Glück gesegnet und mit einem fatalen Hang zum toxischen.

Wie bei Woolrich eröffnet sich die Frage: Hat Madden während seines Blackouts gemordet? Sucht er sich selbst als Täter? Vergangenheit lässt sich nicht durch Amnesie verdrängen. Bei seiner irren Fahndung – die Leichen, bzw. Köpfe häufen sich – begegnet er so ziemlich jedem Psychopathen von Cape Code (unter die Haut gehen einem besonders Maddens Gespräche mit seinem Vater).

Der Leser traut dem ziemlich durchgeknallten Ich-Erzähler durchaus zu, dass er in Blackouts mordet. Je mehr wir von ihm erfahren, umso deutlicher scheint er zu der Art Täter zu gehören, die versuchen, Realität in ihre Fantasien herein zu choreographieren.

Anders als in den meisten Noir-Romanen mit ähnlicher Ausgangssituation beginnt Mailer nicht mit dem Schockeffekt. Die Ouvertüre deutet das Erwartbare an, aber Mailer zieht es in die Breite um den Protagonisten vorzustellen und erste Indizien vorab zu suggerieren. Bevor Maddens Alptraum eine höhere Ebene erlangt, erinnert er sich an sein reduziertes Leben in der Betäubung einer Säufer-Existenz, zusätzlich von Sexsucht und der Sentimentalität des Versagens geplagt. Ganz ähnlich einem Goodis-Charakter. Hier zeigt sich wieder Mailers Klasse: Die Kunst des Plottens besteht in der effektivsten Anordnung von Informationen und Ereignissen – nicht unbedingt in der folgerichtigsten.

Mailer zieht uns in die faszinierende November-Atmosphäre von Cape Code, wenn Besucher und Sommerbewohner die Insel verlassen haben und der Nebel wie das Böse von der See her über den Strand zu kriechen beginnt. Die Beschreibungen von Provincetown sind so eindrucksvoll und tief, da Norman hier lange lebte.

Der Schauplatz scheint mir darüber hinaus auch aus literarischen Gründen bewusst gewählt: Das winterliche Provincetown ist wie der leicht modernisierte Schauplatz einer Gothic Novel (tatsächlich war es der Ort, an dem die Gründerväter erstmals amerikanischen Boden betraten um dann aber schnellstens nach Plymouth abzuhauen). Und wie in vielen Noir-Romanen, schwingt auch bei Mailer etwas von einer Gothic Novel mit. Besonders in dieser Off-season-Atmosphäre, in der die Psychopathen nicht von Touristen gestört werden und auf sich selbst zurückgeworfen sind.

Living in Provincetown on the edge of those rare, towering and windy dunes . . . I had begun to think of a novel so odd and so horrible that I hesitated for years to begin it… in winter the town is filled with spirits – a place for murderers and suicides… ‚a few years ago, a young Portuguese from a family of fishermen killed four girls, dismembered their bodies, and buried the pieces in twenty small and scattered graves. The town is so naturally spooky in mid-winter and provides such a sense of omens waiting to be magnetized into lines of force that the novel in my mind seemed more a magical object than a fiction, a black magic.“

Eben ein Ort, in dem man in Frieden elendig zugrunde gehen kann.

Im ganzen Wahnsinn des Romans, von der Kritik bei der Erstveröffentlichung nicht verstanden und verdammt, zeigt sich einmal mehr die Verlorenheit des Individuums als Topos des Genres. Auch die scheinbar wahnwitzige Handlungsführung presst frischen Wein aus alten Schläuchen. Mailer gehörte immer zu den skrupellosesten Erzählern – auch sich selbst gegenüber, besonders sich selbst gegenüber in diesem im Subtext höchst persönlichen Roman. In TOUGH GUYS nutzt er den Noir-Roman um die existenzielle Leere des Kapitalismus zu zeigen. Mailer erkannte, das sich dafür keine andere Literaturform besser eignet. Und um den Mythos „Noir“ richtig zu bedienen, behauptete er, den Roman in nur zwei Monaten geschrieben zu haben.

Damals warf ihm die Kritik vor, er hänge und jammere einer verlorenen Machomännlichkeit nach. Als ob der Noir-Roman, der Kapitalismus und bürgerliche Kultur reflektiert, nicht schon immer und wohl auch künftig die Kastration der selbstbestimmten Existenz beklagt, die dem System innewohnt, und seit dem 2.Weltkrieg das „Ernährermonopol“ dem Mann zunehmend nimmt. Der fortschreitende Verlust dieses Mandats spiegelt sich in Mailers gesamten Werk, in dem Sex und Gewalt – ähnlich wie in der Realität – immer exzessiver werden.

Einer dieser Poeten von SPIEGEL ONLINE (immer im Irrtum, nie im Zweifel) schrieb noch am 10.11.2007, wohl um die eigene Phobie in den Griff zu kriegen: „In den Achtzigern beschäftigte sich der bekennende Antifeminist mit der Geschlechterfrage und veröffentlichte Harte Männer tanzen nicht, eine als Krimi getarnte Reflexion über Homosexualität als letztes Rückzugsgebiet der echten Männlichkeit.“  Vielleicht träumte er aber auch nur von einem brutalen Boxer, der ihn in einer dunklen Gasse hart rannimmt.
Das bourgeoise Feuilleton hat immer seine Probleme mit Freigeistern, die sie weder in ihren erbärmlichen Kammern besuchen, noch sie zu irgendwas einladen, das aufregender ist als Signierstunden mit einem Sektchen.

Norman bereitet sich auf eine Pressekonferenz vor.

Mailer hatte so eine Art Pakt mit ihnen: Er verachtete sie (verprügelte auch mal den einen oder anderen – was nicht besonders fair war, denn Mailer boxte aktiv, und wie wir wissen, ist Boxen neben Fußball der Lieblingssport ungelenker und zur vorzeitigen Verfettung neigender Feuilletonisten, natürlich ausschließlich mit einem gutgekühlten Weißwein vor dem Fernseher) und sie verrissen dafür jedes Buch von ihm, ohne den Erfolg verhindern zu können. Sie kamen einfach nicht klar mit einer jüdisch-intellektuellen Schreiber-Variante von Clint Eastwood.

Was Mailer interessierte, waren eben Nischenthemen, wie zum Beispiel Politik, Sex und Gewalt, die außerhalb ihres behüteten Erfahrungshorizonts lagen und liegen.

Der Roman ist einer der eindrucksvollsten der Noir-Literatur: Charaktere, Atmosphäre, Reflektion, Wahnsinn und Plot sind brillant in einer gleichgewichtigen Behausung, beschienen von einer stilistischen Eleganz, die Mailer auf der Höhe seiner Kunst bestätigt; er schrieb das Buch mit 61 Jahren.

„Trotzdem, ein bestimmter Roman kam tatsächlich unter akutem finanziellen Druck zustande, nämlich Harte Männer tanzen nicht. Ich hatte mich gerade von meinem Verlag Little, Brown getrennt und war noch ziemlich erschöpft von den Frühen Nächten. Ich hatte ein Jahr lang nicht gearbeitet, aber der Verlag hatte mich das Jahr über bezahlt und teilte mir mit, dass ich ihm deshalb noch ein letztes Buch schulde. Also schrieb ich es innerhalb von zwei Monaten. Dann habe ich es Little, Brown abgekauft und mich damit schuldenfrei gemacht. Mir haben die Harten Männer allein schon aus diesem Grund große Genugtuung bereitet.“ (DIE WELT 24,11,1997)

Das klingt doch nach bester Paperback Original-Tradition!

Als eine der gnadenlosesten Stimmen gegen das Establishment hatte er sich seit den 1950ern hervorgetan. 1955 war er Mitbegründer der VILLAGE VOICE, der Mutter aller Underground-Magazine („Die Mitbegründer wollten Erfolg sehen, ich hingegen wollte ein Blatt, das allen ins Gesicht schlug… Wie alle Generäle, die eine Ein-Mann-Armee befehligen, fing auch ich im Vertrauen auf eine Geheimwaffe an. Ich hatte Marihuana.“).

Er hatte sich beharrlich einen Ruf als Schläger, Säufer und Weiberheld erarbeitet, schockierte regelmäßig mit Schock-Romanen, Faction, New Journalism und Reportagen (ARMYS IN THE NIGHT über die Anti-Vietnam-Bewegung ist eine der berühmtesten), sammelte Preise ein und verarbeitete die Messerattacke auf seine Frau, 1961, (die ihm fünf Jahre auf Bewährung einbrachte) zu einem Noir-Roman: AN AMERICAN DREAM (1966 verfilmt von Robert Gist mit James Whitmore).

Er kandidierte erfolglos als Bürgermeister für New York, verurteilte Kosovo-, Afghanistan-und Irak-Krieg und ließ auch als zorniger alter Mann keine Gelegenheit aus, um voller Verachtung den Politikern ihre Erbärmlichkeit vorzuhalten.

Im März 1999 schrieb er an einen Freund:

Wenn dieses Land in die Binsen geht, und das tut es bestimmt, dann glaube ich, man könnte den Niedergang nicht nur anhand der Moral abbilden, sondern auch im Sinne eines gesellschaftlichen Eklats und gesellschaftlicher Standards – ich glaube, man könnte die Niedergangskurve direkt neben den Anstieg des Dow Jones zeichnen: je höher der Dow, desto niedriger die Standards. Geld zerstört alle anderen Werte. Ich kann die rechtskonservativen Republikaner sogar dafür respektieren, dass sie bestimmte Werte hochhalten, aber sie nehmen sich nie den Kapitalismus vor, der – ungezügelt – die schlimmste Geißel menschlicher Werte unserer Tage darstellt.“

Norman machte einem auch klar, das Literatur ein einsames und undankbares Geschäft ist.

Er starb 2007 mit 84 Jahren und hatte sein literarisches Leben 1948 als Wunderknabe begonnen mit dem Roman DIE NACKTEN UND DIE TOTEN, der als einer der besten Kriegsromane der Weltliteratur gilt.

Mailer war ein zorniger Mann. Sein Zorn auf bestimmte Verhältnisse war ein nicht zu unterschätzender Quell seiner Arbeiten,  Mit „Zorn“ als erstem Wort der ILLIAS beginnt die westliche Literatur. Mailers Zorn war oft zu groß, um ihn nur literarisch zu nutzen. Als politischer Mensch schmiss er mit Zornesblitzen um sich wie Zeus.

Es war vor allem Norman Mailer (und einige andere wie Tom Wolfe, Truman Capote, William Burroughs, Jack Kerouac, Hunter S. Thompson), der das Literaturverständnis (zumindest in den USA) in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts radikal verändert haben.

Um Genre-Grenzen hatte er sich immer einen Dreck geschert. ANCIENT EVENINGS von 1983 war eine irrwitzige Mischung aus (anti-)historischen Roman und Fantasy-Elementen. 1991 hatte er mit HARLOT´S GHOST begonnen, die Geschichte der CIA als „Epos der geheimen Mächte“ zu schreiben. Obwohl am Ende des voluminösen Romans „Fortsetzung folgt“ versprochen wird, hat er das Sujet nicht mehr aufgegriffen. Was eine verdammte Schande ist, denn das Werk ist einer der größten literarischen Pageturner des Polit-Thrillers.

Er ließ es sich nicht nehmen, seinen Roman mit Ryan O´Neal, Isabella Rosselini und Wings Hauser (alle großartig) selbst zu verfilmen. Als Dialogcoach kam sogar Ira Levin an Bord und übernahm auch eine kleine Rolle (die von Merwyn Finney).

Mailer hatte bereits Filme gedreht, bevor er nach fast 15 Jahren wieder ein Set tyrannisierte: Wild 90, 1968, Beyond the Law, 1968, Maidstone, 1970.

Die Produktionsfirma Cannon litt Mitte der 1980er unter ihrem Action-Image. Krampfhaft wollte man beweisen, dass man nicht nur Kompetenz für Charles Bronson-Vehikel und ähnliches hatte. Sie starteten eine so genannte „Qualitätsoffensive“ und ließen Autoren wie Altman, Cassavetes, Godard und Schroeder gewähren um ihr Image aufzuwerten.

Das war die Chance für Mailer. Und er nutzte sie, weil ein Mann tut, was er tun muss.

Natürlich wurde der Film damals gewaltig verrissen, heute hat er – wohl genauso natürlich – Kultstatus. Was diese Kritiker einfach nicht begriffen haben:  der Film suhlt sich nicht in Absurdität,  sie ist seine Basis.

Eine der schönsten jüngeren Rezensionen eines „Nachgeborenen“ ist von Oliver Nöding, in seinem Blog:
https://funkhundd.wordpress.com/2012/07/29/tough-guys-dont-dance-norman-mailer-usa-1987/

Und dann lest unbedingt MiCs Hammerkommentar, der Insiderwissen  vermittelt, das schwer zugänglich ist. Durchschnittlichen „Journalisten“ mit Festanstellung in den Systemmedien natürlich gar nicht.

P.S.: Die deutsche Ausgabe mit der Übersetzung von Günter Panske kann man nicht nur nicht empfehlen, man muss vor ihr gar warnen.


ANHANG:

Mir ist es egal, ob die Leute mich einen Radikalen nennen, einen Rebellen, einen Roten, einen Revolutionär, einen Außenseiter, einen Gesetzlosen, einen Bolschewiken, einen Anarchisten, einen Nihilisten oder gar einen Linkskonservativen, aber bitte nennen Sie mich nie einen Liberalen.“

Norman Mailer im Dezember 1962 an den PLAYBOY.

Zu seinem 70.Geburtstag schrieb ich in der JÜDISCHE ALLGEMEINE Wochenzeitung eine kleine Würdigung. Die erlaube ich mir hier unkorrigiert zu wiederholen – aus einem ersichtlichen Grund: Ein paar Wochen nach der Veröffentlichung, erreichte mich nämlich die untenstehende Note von Mr. Mailer, die mich irrsinnig freute: Mein langjähriger Guru hatte meine Existenz wahrgenommen. Keine Ahnung, wie er auf den Artikel aufmerksam geworden war.

ZUM 70.GEBURTSTAG VON NORMAN MAILER

Ich bin als Schriftsteller nicht so gut wie Hemingway„, behauptet Norman Mailer, der gerade seinen 7o.Geburtstag hinter sich gebracht hat. Das mag in stilistischer Hinsicht stimmen, aber was die thematische Spannbreite seines Werkes angeht, ist er Hemingway und seinen Zeitgenossen klar überlegen. Als Hemingways Nachfolger kultivierte er den Action-Man und Macho als Schriftsteller.

Aber er hat auch noch eine andere Seite: die des jüdischen Ostküstenintellektuellen, der in seinen Werken eine gedankliche Schärfe erreicht, von der Hemingway nur träumen konnte. Bestes Beispiel ist sein letzter Roman HARLOT’S GHOST (deutsch in zwei Bänden bei Herbig erschienen), einem Entwicklungsroman, der die Geschichte der CIA bis zur Kuba-Krise erzählt und neben dem grandios aufbereiteten Faktenmaterial eine innere Wahrheit erreicht, die kein Sachbuch über diese heimliche Macht in der US-Gesellschaft leisten kann. Das Buch, dem eine Fortsetzung folgen soll, ist fraglos der große amerikanische Roman der letzten Jahrzehnte und das Magnum Opus des Kalten-Kriegs-Romans, der LeCarré auf die Ränge verweist.

Auf die Fortsetzung wird der ungeduldige Leser noch etwas warten müssen; momentan arbeitet Mailer an einem Buch über Picasso und: „Die Frage ist heute nicht mehr, ob es mir gelingt, den großen Wurf zu vollenden, sondern, ob das überhaupt noch jemanden interessiert. Es geht nicht mehr um mich oder einen anderen, sondern um das Überleben der Literatur schlechthin. Ich fürchte: Die Zukunft der Schriftsteller sieht düster aus„.

Mailer wurde am 31.Januar 1923 als Sohn eines litauischen Bücherrevisors in Long Branch, New Jersey geboren. Er wuchs in Brooklyn auf und studierte in Harvard Bautechnik. 1944 meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst im Pazifik. Das dort erlebte wurde Grundlage seines ersten Romans, THE NAKED AND THE DEATH, der die Armee als faschistoide Gesellschaft bloßstellte.
Das Buch wurde sofort ein Welterfolg und gilt als bedeutendster Roman über den 2.Weltkrieg.

Der linksstehende Autor zeigte im selben Jahr erstmals direktes politisches Engagement, indem er Henry Wallace, den Präsidentschaftskandidaten der Progressiven Partei, unterstützte. Sein lebenslanger Kampf gegen das Establishment hatte begonnen und führte später zu zweimaliger Kandidatur als Bürgermeister von New York mit „einer natürlichen Koalition von Obdachlosen, Junkies, Huren und Intellektuellen„.

1951 veröffentlichte er seinen zweiten Roman, der unberechtigt in Vergessenheit geraten ist: BARBARY SHORE zeigt die McCarthy-Ära und spiegelt als erster Roman die Nackriegszeit mit ihren oberflächliche Hoffnungen und tiefsitzenden Neurosen wieder.

Seine depressive Phase, in der er sich von seinem persönlichen Sozialismuskonzept verabschiedete – er warf der Sowjetunion u.a. „Staatskapitalismus vor -, endete mit dem Endzeitroman THE DEER PARK, 1955.

Zwei Jahre später trat er mit dem Aufsatz THE WHITE NEGRO als Theoretiker eines neuen, amerikanischen Existenzialismus hervor: Er propagierte die Lebensform des „Hipster“, die auf unmittelbare Bedürfnisbefriedigung zielte und den Ausstieg aus der Gesellschaft forderte.

Damit war er nicht nur zum Ideologen der Beat-Generation geworden, sondern nahm die Philosophie der Jugendbewegung der 6oer Jahre vorweg.

In dieser Zeit fiel der begabte Amateurboxer vor allem durch Partyraufereien und exzessiven Alkoholkonsum auf.

Im Suff stach er 1961 mit einem Messer auf seine zweite Frau ein. Er wurde wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Mailer verarbeitete seine gewalttätigen Eheerfahrungen zu den düsteren Untergangsvisionen des Romans AN AMERICAN DREAM.

Angeregt durch Hemingways DEATH IN THE AFTERNOON und Capotes IN COLD BLOOD wandte er sich Mitte der 60er Jahre der „Faction“ zu – eine Synthese aus Journalismus und fiktionalen Techniken.

Er trat poltisch immer mehr hervor und seine beiden Arbeiten über den Vietnam-Krieg und über die heißen Parteitage Ende der 60er Jahre brachten ihm reichlich Ärger und den ersten Pulitzer-Preis.

1967 hatte er begonnen, Underground-Filme als Regisseur und Schauspieler zu drehen. Sein Regieengagement gipfelte 1986 in der bemerkenswerten Umsetzung seines grandiosen hard-boiled-Thrillers TOUGH GUYS DON’T DANCE, der sich zum Kultfilm entwickelte.

1971 rechnete er in PRISONER OF SEX gnadenlos mit neurotischen Feminismuspositionen ab und zwei Jahre später wurde sein Buch über Marilyn Monroe zum meistgeklauten der Frankfurter Buchmesse.

Ende der 70er Jahre setzte er sich für den zu lebenslanger Haft verurteilten Mörder Jack Abbott ein; sein Buch über Abbott, THE EXECUTIONER’S SONG, brachte ihm den 2.Pulitzer-Preis und dem Delinquenten die Freilassung 1981. Nur sechs Wochen später mordete Abbott wieder.

1983 versuchte Mailer sich mit dem voluminösen Werk ANCIENT EVENINGS am Historischen Roman. Zu Hochform lief er wieder mit dem Klassiker TOUGH GUYS DON’T DANCE auf, dem sein CIA-Epos folgte.

„Ich habe mein Leben lang Belletristik geschrieben, um mir Nichtbelletristisches glaubhaft zu machen“, erklärte er einmal. Fraglos eines der überzeugendsten schriftstellerischen Konzepte auch für das nächste Jahrhundert. An diesem Ansatz zeigt sich einmal mehr die Überlegenheit der angelsächsischen gegenüber der deutschen Belletristik: Sie ist direkter, realitätsorientierter und wahrhaftiger, weil ihr keine überholte Kulturideologie den Blick auf das Wesentliche verstellt. Ärgerlich für den deutschen Leser ist nur, daß das Werk des vielleicht bedeutendsten jüdischen und amerikanischen Schriftstellers nicht vollständig auf Deutsch lieferbar ist.

Und Norman kann es eigentlich auch nicht gefallen, daß er bei uns ausgerechnet in den Verlagen der rechten Fleißner-Gruppe (Herbig, Ullstein) erscheint, die auch Schönhubers ICH WAR DABEI vertreibt.

Dieser Artikel erschien unter dem Titel AUCH IM ALTER EIN ENFANT TERRIBLE am 4.Februar 1993 in JÜDISCHE ALLGEMEINE Wochenzeitung.

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