Martin Compart


VORLÄUFER DES POLIT-THRILLERS BIS JOHN BUCHAN by Martin Compart

Unten stehender Text ist ein gekürzter Auszug aus meinem Nachwort zu JOHN BUCHAN: DER ÜBERMENSCH (Elsinor Verlag, 2022).

Literaturhistorisch steht am Anfang des Spionageromans keine Schlüsselfigur wie etwa Edgar Allan Poe für den Detektivroman. Beide Genres werden gerne unter dem Überbegriff „Kriminalroman“ oder „Crime Story“ eingeordnet. Dabei beschäftigt sich der Detektivroman mit temporär internen Störungen des Systems, während der Spionageroman extern gesteuerte Versuche zur mehr oder weniger vollständigen Zerstörung eines Systems thematisiert.

Obwohl man von der Spionage als vom „zweitältesten Gewerbe der Welt“ spricht, muss man das multimediale Genre „spy story“ als ein Kind des ausgehenden 19.Jahrhunderts ansehen, dass im 20.Jahrhundert zu voller Blüte heranreifte und immens erfolgreich wurde.

In der Literatur taucht die Spionage erstmals in dem chinesischen Klassiker über DIE KUNST DES KRIEGES (PING FA) von Sunzi ca. 510 v. Chr. auf – wenn man die Bibel außen vorlässt. Denn im Alten Testament steht, dass Moses Spione ins Land Kanaan schickte.

Die erste Fiktion, in der Spionage eine Rolle spielt, verdanken wir ebenfalls der chinesischen Kultur: im historischen Roman SAN KUO von Lo Kuan-Chung aus dem13.Jahrhundert.

Die erste durchstrukturierte Spionageorganisation der westlichen Welt verdanken wir – wie so vieles – der katholischen Kirche: Nachdem Papst Gregor IX die Inquisition etabliert hatte, führte der Nachfolger Innocent III. mit der „Hermandad“ 1233 den ersten verdeckt organisierte Spionagedienst ein.

Erstmals in der Literaturgeschichte der Neuzeit wurde in England auf organisierte Geheimdiensttätigkeit hingewiesen. In MEMOIRS OF SECRET SERVICE (1699) von Matthew Smith beschrieb der Autor, wie er ein Attentat auf King William durch die Jakobiner verhinderte, indem er deren Organisation infiltrierte. Das Parlament war über das Buch dermaßen aufgebracht, dass es die Verbrennung durch den Scharfrichter anordnete.

Als erster „richtiger“ Spionageroman gilt allgemein James Fenimore Coopers THE SPY (1821). Allerdings nur, weil der Roman einen Spion in den Mittelpunkt der Handlung stellt; der Spionagetätigkeit wird von Cooper wenig Raum gewidmet.

Topoi des späteren Spionageromans findet man auch schon bei zwei französischen Schriftstellern. André Dumas Pères LES TROIS MOUSQUETAIRES (1844) etwa agieren wie Spezialagenten, die Unheil von der königlichen Familie und damit von ihrem Heimatland abwenden. Außerdem sind sie schon internen Machtintrigen ausgesetzt, die ein wichtiger Bestandteil des Genres sind. Und Jules Vernes thematisierte häufig die Bedrohung der menschlichen Zivilisation durch technische Erfindungen. Man könnte MICHAEL STROGOFF (1875), den Kurier des Zaren Alexander II., als eine Art Spezialagent ansehen.

Elemente des Spionageromans und des Polit-Thrillers tauchten im Kontext vieler Romane des 19.Jahrhunderts auf, aber erst zu Beginn des 20.Jahrhunderts formt sich das Genre zu einer eigenen, unverwechselbaren Gestalt.

Elemente des Spionageromans finden sich in Charles Dickens A TALE OF TWO CITIES (1859) und natürlich in den Kolportageromanen, die der Deutsche Herrmann Goedsche unter dem Pseudonym „Sir John Retcliffe“ schrieb. Und schon 1888 hatten asiatische Superschurken, die als trivialer Topos lange und häufig im Genre vertreten waren, wie Dr. No und Dr. Fu-Manchu, einen direkten Vorfahren: CHING CHING von E. Harcourt Burrage (1839-1916) in dem Pennymagazin „Ching Ching‘ s Own“ (1888).

Auch der große Sherlock Holmes arbeitete gelegentlich als Geheimagent: In der ersten Kurzgeschichte, A SCANDAL IN BOHEMIA (1891), agierte Sherlock Holmes wie ein Agent des Königshauses. Ebenfalls für die Krone handelte Holmes in THE ADVENTURE OF THE NAVAL TREATY (1894), indem er eine gestohlene Geheimvereinbarung zwischen England und Italien zurückholte. In THE BRUCE PARTINGTON PLANS (1908) musste Holmes für einen offensichtlich hilflosen Secret Service verschwundene Geheimpläne wiederbeschaffen. In HIS LAST BOW (1917) verhinderte Sherlock Holmes, dass der deutsche Spion von Borck mit gestohlenen Geheimplänen bei Kriegsbeginn nach Deutschland entkommt.

1871 begann mit George Tomkyns Chesneys THE BATTLE OF DORKING das Genre der „war prophecy novel“ – Romane, die künftige Kriege voraussagen wollen und durchspielen. In Tomkyns Werk findet man bereits alle Elemente dieses abstrusen Genres. Das Buch plädiert für die militärische Hochrüstung Britanniens und warnt vor künftigen Aggressionen der anderen Großmächte.

In den folgenden Jahrzehnten spielten die Autoren dann alle möglichen Feindkombinationen durch, von den Russen über die Franzosen bis (natürlich) zu den Deutschen.

In den 1880er und 1890er Jahre herrschte besonders ausgeprägte Paranoia im Empire. Franzosen und Deutsche verstärkten damals ihre Aktivitäten in Afrika und Asien, die Buren wurden unruhig und rebellisch, und die Russen trieben sich verstärkt an der afghanischen Grenze herum, wo sie das „Juwel in der Krone“ im „great game“ ernsthaft bedrohten. Jeder schien am Kolonialreich der Briten zu rütteln – und in der Regierung kümmerte das offensichtlich nur wenige.

Die „war prophecy novels“ entstanden in dieser angsterfüllten Atmosphäre und forderten militärische Reformen, die neue Technologien und Strategien propagierten. Geheimwaffen und Geheimagenten wurden zu Figuren dieser Literatur, die bis heute im modernen Spionageroman nachwirkt.

Um die Jahrhundertwende entstanden auch ernsthaftere Romane, die die Angst des Empires um seine Kolonien und ihre Bedrohung durch andere Mächte widerspiegelten. John Buchans THE HALF HEARTED (1901) und Kiplings KIM (1901) verwendeten dezent Elemente des Spionageromans. Beide beschäftigen sich mit einer möglichen Invasion Indiens durch die Russen, die sich deshalb in Afghanistan festsetzen wollen. Als reine Spionageromane oder gar pure „war prophecy novels“ kann man diese Bücher jedoch nicht ansehen.

An Kuriosem ist in dieser Literatur kein Mangel:

Ein Höhepunkt der propagandistischen Hetze gegen Asiaten ist der namensgebende Roman THE YELLOW DANGER (1898) von M. P. Shiel, in dem vor einer Invasion Europas durch einen chinesischen Kriegsherrn gewarnt wird.
In Max Pembertons Roman PRO PATRIA (1901) planen die Franzosen einen Tunnel unter dem Kanal zur Invasion Englands!

Ein Mann steht als Synonym für die „war prophecy novel“ schlechthin: William Le Queux. Nach seinem ersten Roman über politische Intrigen, GUILTY BONDS, erschienen 1891, wandte sich Le Queux drei Jahre später mit THE GREAT WAR IN ENGLAND IN 1897 konsequent der Propagandaliteratur zu. Das Buch, dessen Vorwort Feldmarschall Lord Roberts verfasste, enthält bereits zwei Elemente, die auch für die Entwicklung des Spionageromans bedeutend waren: die Geheimwaffe und die Einführung eines naiven jungen Engländers als Verräter. Gleich zu Beginn des Genres wird also das zentrale Thema des Verrats angesprochen. Später sollten sich Autoren wie le Carré diesem Motiv geradezu exzessiv widmen.

Im Roman bombardieren die Russen Edinburgh aus einem Gasballon heraus. Gestoppt werden sie durch eine neue Geheimwaffe – eine pneumatische Dynamitkanone, die von einem schottischen Ingenieur entwickelt wurde.

Le Queux hatte dabei auch eine neue, seit Mitte des 19. Jahrhunderts immer größer werdende Leserklasse im Hinterkopf: Die Einführung der allgemeinen Schulpflicht durch den „Education Act“ von 1870, die Entwicklung neuer Druck- und Vertriebstechniken, die die billigen Penny-Magazine ermöglichten und das Aufkommen von Leihbüchereien bedingten einen Lese-Boom, der nicht auf die oberen Schichten beschränkt blieb und sensationelle Themen bediente.

THE INVASION OF 1910 aus dem Jahre 1906 war sein erster antideutscher Roman, dem schnell weitere folgten. Einflussreiche Briten teilten seine Meinung und waren froh über Le Queuxs Bestseller, die die Stimmung im Lande in ihrem Sinne beeinflussten. Unter ihnen fand sich auch Feldmarschall Lord Roberts, der mit ihm 1908 an dem Buch THE GREAT WAR arbeitete, in dem der Autor den Krieg von 1914 bis 1918 vorhersah.

Le Queux verstand es vorzüglich, sich selbst zu stilisieren und durch persönliche Statements die Glaubwürdigkeit seiner Bücher zu erhöhen. Als der Krieg ausbrach, verkündete er großspurig, dass er – wohin er auch gehe – immer einen geladenen Revolver bei sich trüge, da die Feinde Englands ihn ganz oben auf ihre Abschussliste gesetzt hätten.
A. J. Balfour, der damalige Führer der Konservativen Partei, brachte Le Queuxs Einfluss auf den Punkt, als er sagte: „Seine Romane bedeuten mehrere tausend Stimmen für die Konservativen.“

1898, nachdem ihn schon jahrelang die Welt der Geheimdiplomatie fasziniert hatte, veröffentlichte Edward Phillips Oppenheim (1866-1946) den Roman THE MYSTERIOUS MR.SABIN, „das erste meiner langen Reihe von Geschichten über die schattenhafte und mysteriöse Welt der Diplomatie“…

Ein durchgehendes Thema war seine Verteufelung der parlamentarischen britischen Regierung als unfähig und unbekümmert. Volksvertreter galten ihm als ein Haufen inkompetenter Idioten. Nach dem 1.Weltkrieg zeigte er diese Überzeugung immer deutlicher. Mit Blick auf den Aufstieg des Faschismus in Italien und Deutschland wuchs in ihm die verquaste Überzeugung, dass starke Individuen (am besten aus dem Adel oder zumindest Raubtierkapitalisten) eine Nation besser repräsentieren und regieren können als jedes Kabinett oder Parlament…

Er adaptierte den „Kriegswarnungsroman“ auf seine Weise und entwickelte eine eigene Romanform, in deren Mittelpunkt die Geheimdiplomatie stand. Seine literarischen Wurzeln waren Sensationsroman und Liebesromanze der viktorianischen Epoche, und in diesem Geiste schrieb er auch seine Spionageschichten.

In THE SPYMASTER (1938) liegt der naive Oppenheim ganz auf Linie der Appeasement-Politik: In diesem Roman rettet ein britischer Admiral während des Münchener Abkommens „den Frieden, weil er einem deutschen Spion Informationen über den hohen Stand der britischen Rüstung zukommen lässt, was das nationalsozialistische Deutschland dazu veranlasst, keinen Krieg zu beginnen“. 13)

1903 erschien das innovative Werk, das für viele Kritiker der erste wirkliche moderne Spionageroman ist: Erskine Childers THE RIDDLE OF THE SANDS. In dem Buch – der einzige Roman des späteren Majors des Marine-Geheimdienstes – geht es darum, dass zwei Engländer in einem Segelboot vor der friesischen Küste das geheime Treiben der deutschen Marine beobachten und den möglichen Vorbereitungen einer Invasion Englands auf die Spur kommen.

Childers fusionierte verschiedene literarische Formen: Die „war prophecy novel“ erzählt die Geschichte eines künftigen Krieges vom ersten bis zum letzten Schuss. Egal, wie wahrscheinlich der geschilderte Krieg ist – es handelt sich immer um eine Fiktion. Der Natur nach ist sie also eher mit der Science Fiction (und hier der „alternative history“) verwandt als mit der auf Fakten erpichten Kriminalliteratur, zu der man auch den Spionageroman zählt.

Childers stutzte die „war prophecy novel“ auf einen realistischen Aspekt zurecht, nämlich auf die mögliche Planung einer Aktion, die auf einen Krieg hindeutet. Die abenteuerliche Segelgeschichte, in der die Handlung eingebettet ist, entlieh Childers den sogenannten „schoolboy stories“ – also meist in den Kolonien handelnden Abenteuergeschichten, die von der Bewährung junger Briten angesichts einer Konfliktsituation erzählen. Auch John Buchan verwendete Elemente dieser Spielart des exotischen Abenteuerromans bereits in PRESTER JOHN (1910).
Als drittes Element verwendete Erskine Childers Motive der Detektivgeschichte, um einen Spannungsbogen aufzubauen. Das detektivische Rätselelement ist die Untersuchung der beiden Protagonisten: Was treiben die Deutschen vor der ostfriesischen Küste? Indem er also „war prophecy story“, Abenteuergeschichte und Detektivgeschichte miteinander verknüpfte, schuf er eine neue Formel für den modernen Spionageroman. 14)

Dem damals noch glühenden Verehrer des Empires ging es um „eine Warnung an die Engländer, eine Warnung vor der erstarkenden Seemacht Deutschland“. 15)

Unbedingt zu erwähnen sind auch Joseph Conrads Roman THE SECRET AGENT (1907), der aber schon auf den realistischen Spionageroman hinweist, und G.K.Chestertons THE MAN WHO WAS THURSDAY (1908), einem einzigartigen Polit-Thriller, der surrealistische Wege geht. Auf die direkte Entwicklung des Genres hin zu Buchan hatten sie wenig oder keinen Einfluss.
Im Gegensatz zu Sax Rohmers THE MYSTERY OF DR. FU-MANCHU (1913), das den asiatischen Superschurken endgültig zum populärkulturellen Topos gestaltete.
In seiner langjährigen Serie verwendete Rohmer auch zunehmend SF- und Fantasy-Elemente beim andauernden Bestreben Fu-Manchus (der „Erzengel des Bösen“) die Weltherrschaft zu erringen. In Deutschland wurden Rohmers Bücher von den Nazis 1936 verboten; der Name (ein Pseudonym des irischstämmigen Engländers Arthur Henry Ward, 1883 – 1959) erschien ihnen „jüdisch“. Rohmer protestierte gegen das Verbot mit der Erkenntnis: „Ich bin ein guter Ire und meine Geschichten sind in keinster Weise feindlich gegenüber den Nazi-Idealen.

Laut einer jüngeren Untersuchung über das „kulturelle Phänomen britischer Spionageroman“ sind zwischen 1901 und 1914 mindestens 300 Bücher veröffentlicht worden! 16)

Von Anfang an entwickelte sich das Genre aus realen und fiktiven Ängsten, die von einem Großteil der Bevölkerung mitgetragen werden konnten. Erst ab den 1930er Jahren – Ausnahmen bestätigen die Regel – wurde das Genre zunehmend für progressive Inhalte genutzt.

Das Ende des ersten Weltkriegs war für den Polit-Thriller eine Zäsur. Die alten Feinde der Briten existierten (weitgehend) nicht mehr, neue drängten sich auf..

unknown artist; John Buchan (1875-1940); National Library of Scotland Art Collections; http://www.artuk.org/artworks/john-buchan-18751940-266271



Interview zu Fearing im Börsenblatt des deutschen Buchandels by Martin Compart

https://www.boersenblatt.net/news/verlage-news/bei-deutschen-krimi-autoren-gibt-es-zum-teil-grosse-schwaechen-252401



BUCHAN IM BUCHMARKT by Martin Compart
26. Juni 2022, 10:18 am
Filed under: Elsinor Verlag, John Buchan | Schlagwörter: , ,

„Die Leser finden ihre Lebenswirklichkeit in der Kriminalliteratur wieder“



IM HERBST 2022:KENNETH FEARING BEI ELSINOR by Martin Compart




ERSCHIENEN: DER KLASSIKER VON JOHN BUCHAN by Martin Compart

Über hundert Bücher hat John Buchan in seinem Leben verfasst, aber im Grinde ist bei uns nur sein Roman DIE 39 STUFEN bekannt. Jetzt gibt es bei Elsinor eine Übersetzung seines Romans DER ÜBERMENSCH. Der schmale Band ist ein zeitlos frisch gebliebener Spionageroman.

Christian von Zittwitz in BuchMarkt

WZ-Buchan_Der Übermensch

AUS DEM NACHWORT:

DER ÜBERMENSCH gilt als erster moderner Spionageroman oder Agenten-Thriller der Literaturgeschichte. Einige Genre-Historiker sehen in den Vorläufern von John Buchans Werk, etwa THE RIDDLE OF THE SANDS, diesen Anspruch erfüllt, aber – wie unten ausgeführt – geschah dies nicht in derselben Konsequenz, die das Genre weitgehend präg(t)en.

Der Schotte John Buchan (1875-1940) ist der wichtigste Gründungsvater des modernen Spionageromans. Kein anderer Autor hat mehr Motive und Themen entwickelt, die heute noch im Genre variiert und genutzt werden.
Somit war er einer der einflussreichsten Schriftsteller des 20.Jahrhunderts – und ist bei uns trotzdem so gut wie unbekannt geblieben. Natürlich ist er jedem Aficionado des Polit-Thrillers und Spionageromans ein Begriff angesichts seines immensen Einflusses.

Sein berühmtester Roman THE 39 STEPS war seit seiner Erstveröffentlichung nie out of print. Seit den 1990er Jahren kann man ein zunehmendes Buchan-Revival in Großbritannien beobachten. Viele Bücher wurden neu aufgelegt, und die ersten Hannay-Romane verkauf(t)en jährlich an die 100 000 Exemplare. Zwischen 1915 und 1993 wurden von dem Thriller in englischsprachigen Ausgaben 1 250 000 Exemplare verbreitet. 2008 wurde er zum vierten Mal verfilmt, und eine Mini-Serie mit Benedict Cumberbatch ist in Vorbereitung. Buchans Präsenz scheint ungebrochen. „Diese Thriller wären nicht von vielen Lesern verschlungen worden und lebendig geblieben, hätte Buchan nicht über bemerkenswerte handwerkliche Fähigkeiten verfügt. Hervorragend wird immer die Atmosphäre gestaltet, und zwar nicht nur das romantische schottische Hochland. Buchans Schilderung der Trostlosigkeit einsamer, ungeheizter Bahnhöfe, heruntergekommener Hafenanlagen oder des Kaschemmen-Milieus in Istanbul sind genauso eindringlich wie später die des dafür zu Recht vielgerühmten Eric Ambler.“ 1 )

Die Produktivität des Autors war atemberaubend. Neben seinen Tätigkeiten als Politiker, Herausgeber und Amtsträger schrieb er über hundert Bücher, 1000 Artikel für Zeitungen und Magazine und führte eine umfangreiche Korrespondenz. Die ist umso beeindruckender, bedenkt man, dass Buchan fast nur abends und nachts schrieb, denn tagsüber war er mit anderen (zumeist politischen) Aufgaben betraut. In 45 Jahren veröffentlichte er achtundzwanzig Romane, sechs Kurzgeschichtenbände, 41 Sachbücher, elf Biographien, vier Gedichtbände und eine Autobiographie.
Etwa 40% seines literarischen Ausstoßes umfasst Romane und Kurzgeschichtensammlungen, aufgeteilt in Thriller, oder wie Buchan sie bezeichnete „Shockers“, und historische Romane. Unter seinen Sachbuchpublikationen finden sich anerkannte historische Studien und Biographien.

Als Autor steht Buchan in der langen Tradition schottischer Erzähler. Walter Scott und Robert Louis Stevenson haben sein vielfältiges Werk mitgeprägt. Besonders seine Jagd- und Fluchtszenen sind von Robert Louis Stevensons Abenteuerromanen wie KIDNAPPED und CATRIONA beeinflusst.

Wahrscheinlich inspiriert durch KIDNAPPED entwickelte Buchan das „man-on-the-run“- Motiv, das für die Thriller-Literatur bis heute ein wesentlicher Topos ist. In DER ÜBERMENSCH wandte er das Motiv erstmals in urbaner Umgebung an; am berühmtesten und stilprägendsten wurde es durch Richard Hannays Hetzjagd durch die schottischen Highlands. Wenige Autoren können Buchan das Wasser reichen, wenn es um die Beschreibung von Landschaften und Wetter geht. Er macht sie zu integralen Bestandteilen seiner Geschichten.

Sein Einfluss auf die Entwicklungsgeschichte des Spionageromans und Polit-Thrillers kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Als Vertreter der sogenannten „romantischen Schule“ (im Gegensatz zur „realistischen Schule“, für die Autoren wie Somerset Maugham, Graham Greene oder Eric Ambler stehen) bestimmte er die Strukturen von den „Clubland Heroes“ von James Bond bis hin zu Autoren wie Robert Ludlum mit. Und lange bevor Frederick Forsyth im SCHAKAL General de Gaulle auftreten ließ, arbeitete Buchan in seine Thriller reale Personen und Ereignisse ein (wie beispielsweise Kaiser Wilhelm in GREENMANTLE).

Er war auch der erste Thriller-Autor, der in seinen Geschichten Bezug auf reale geopolitische Ereignisse nahm: Angefangen bei schwarzen Befreiungsbewegungen in PRESTER JOHN bis hin zum Entfachungsversuch eines Jihad in GREENMANTLE. Und dies häufig in „Echtzeit“. Einer der Höhepunkte in GREENMANTLE ist die Schlacht um Erzurum, die im Januar/Februar 1916 stattfand – demselben Jahr, in dem der Roman erschien. Thriller können dem unbedarftesten Leser einen Zugang zu mehr (Zeit-) Geschichtsbewusstsein öffnen.

Raymond Chandler war bekannt für seine ätzende Kritik an Kriminalliteratur jeder Art. In einem Brief an den Literaturkritiker James Sandoe schrieb er 1949 über Buchan: „Vielen Dank für THE 39 STEPS… Mir gefiel die Widmung, in der Buchan vom romantischen Roman spricht, `wo die Ereignisse die Wahrscheinlichkeit herausfordern und sich gerade noch innerhalb der Grenzen des Möglichen bewegen´. Das ist eine ziemlich gute Formel für jede Art von Thriller…“
Zu den vielen Fans gehörte auch der amerikanische Präsident Theodore Roosevelt, der DIE 39 STUFEN während einer Rekonvaleszenz begeistert gelesen hatte. Aber auch Premierminister Clement Attlee, König George V., Baden Powell und der zweifache Premier Stanley Baldwin gehörten zu seinen Bewunderern.

Alfred Hitchcock war von Buchan höchst angetan. Häufig verwendete er bekanntlich das Konzept vom Unschuldigen, der in ein Komplott verwickelt wurde. Hitchcock war der erste Regisseur, der THE 39 STEPS verfilmte. Generös sagte Buchan, der Film sei besser als sein Roman. Dem stimmte weder Graham Greene zu noch der Autor dieses Nachworts. Hitchcock bedauerte zeitlebens, dass es ihm nie gelang, GREENMANTLE für das Kino zu adaptieren. Angeblich verlangten Buchans Erben zu viel Geld für die Filmrechte.

Als 1940 die „City of Benares”, ein Schiff, das evakuierte Kinder aus England nach Nordamerika bringen sollte, durch deutsche Torpedos zerstört wurde, hielt ein Begleiter in einem Rettungsboot voller Kinder acht Tage die Moral aufrecht, indem er ihnen DIE 39 STUFEN vorlas. Für Zar Nikolaus II. und seine unglückliche Familie war GREENMANTLE die Lektüre, während sie das Ende der Revolution von 1917 herbeisehnten.

John F. Kennedy, der mit seiner öffentlichen Begeisterung für Ian Flemings LIEBESGRÜSSE AUS MOSKAU den weltweiten Erfolg von JAMES BOND mit auslöste, war ein großer Fan von Buchan, dessen Autobiographie MEMORY HOLD-THE-DOOR (PILGRAM´S WAY) neben Buchans Biographie über MONTROSE, zu seinen Lieblingsbüchern zählte
Auch Graham Greene gehörte zu seinen Bewunderern. Während seines Studiums am Balliol College, Oxford, lud er mit Freunden den berühmten Autor und Staatsmann (und Oxford Fellow) zu einem Essen ein; jedes der servierten Gerichte trug den Namen einer von Buchans Romanfiguren. Für seine Anthologie THE SPY´S BEDSIDE BOOK (1957) wählte er den Anfang von GREENMANTLE als Eröffnungskapitel aus. Und in seinen autobiographischen Schriften kommt immer wieder seine Faszination für Buchan zum Ausdruck.

Seit 2012 gibt es ein John Buchan Museum in Schottland: The John Buchan Story, The Chambers Institution, High Street, Peebles, Scottish Borders, EH45 8A. Die John Buchan Society war am 3. März 1979 in Edinburgh gegründet worden. 2)



DEMNÄCHST IN IHRER BUCHHANDLUNG by Martin Compart

JOHN BUCHAN ÜBERMENSCH

2. Auflage_Cover_Buchan_01

Ein Unternehmen gegen die intellektuelle Verknappung des Polit-Thrillers im deutschsprachigen Raum.



Interview mit Thomas Pago by Martin Compart
4. Oktober 2021, 1:20 pm
Filed under: Buchbranche, Elsinor Verlag, John Mair | Schlagwörter: , , , ,

„Den prominenten Bestsellerautor wird man nie ins Programm bekommen, aber das ist auch gar nicht nötig. Die Ebenen darunter sind ja oft viel reizvoller, bunter, interessanter“




John Mair-Rezension by Martin Compart

In der SZ hat der große Fritz Göttler John Mairs ES GIBT KEINE WIEDERKEHR besprochen. Mit einem tollen Foto, das die Atmosphäre der Zeit wunderbar einfängt.

Unter:
https://www.sueddeutsche.de/kultur/john-mair-es-gibt-keine-wiederkehr-rezension-1.5409769



zu JOHN MAIRS KLASSIKER „ES GIBT KEINE WIEDERKEHR“ by Martin Compart

Neu im BUCHMARKT https://buchmarkt.de/menschen/martin-compart-sg-noch-nicht-baerbeitet/
In CRIMEALLEY: https://crimealleyblog.wordpress.com/2021/08/01/totgesagte-leben-laenger/
In MORDLUST: https://www.mordlust.de/john-mair-es-gibt-keine-wiederkehr/
In TAGESANZEIGER und BERNER ZEITUNG: https://www.tagesanzeiger.ch/ein-thriller-der-george-orwell-begeisterte-771035667231; https://www.bernerzeitung.ch/ein-thriller-der-george-orwell-begeisterte-771035667231
In BONNER KRIMIARCHIV (Sekundärliteratur): https://www.bokas.de/krimitipsiebzig-eins.html#Lupe
In KULTURNEWS: https://kulturnews.de/john-mair-es-gibt-keine-wiederkehr/

John Mairs deutsche Erstveröffentlichung ES GIBT KEINE WIEDERKEHR entwickelt sich zu einem überraschenden Erfolg, mit dem weder der Verlag noch meine Wenigkeit so gerechnet haben.

Das große Interesse hat das vorgesehene Rezensionsexemplare-Kontingent schon so gut wie aufgebraucht. Es gab einige schöne und kritische Rezensionen (mit Ausnahme der erwartbaren unfreiwillig plumpen Dummschwätzerei meines bekannten Ex-Bastei-Büttels, der seine akademischen Plattitüden gerne wie eine Monstranz vor sich herträgt; oft so peinlich wie – um Orwell zu zitieren – „ein humoristischer Vortrag auf einem Kirchenabend“.). Unerwartet wurde der Roman von der Jury, gegen entsprechenden Widerstand, auch in die „Krimi-Bestenliste“ gewählt.

Mit dieser Resonanz hatten wir nicht gerechnet! Ein anspruchsvoller und verstörender Thriller findet also doch sein kleines oder mittleres Publikum in Zeiten, in denen sich Kriminalliteratur durch Gestalten wie Sebastian Fitzek auf der Bestsellerliste als literarische Lebensmittelvergiftung definiert.

Bei der zweiten Auflage, bzw. Nachdruck, wird es nur kleine Änderungen geben. Aber sicherlich darf nicht unerwähnt bleiben (was mir völlig entgangen war), worauf mich Eva König aufmerksam gemacht hat: Das Mairs Buch ein früher existentialistischer Roman ist. Mit dieser Erkenntnis im Hinterkopf, machen auch surrealistisch anmutende Szenen zusätzlich Sinn.

An dieser Stelle – mit Erlaubnis des Verlages – möchte ich zum fortschreitenden Interesse an John Mairs Roman zwei Kapitel aus meinem Nachwort zitieren:

Thriller

Als John Mairs Roman Never Come Back erschien, stand der britische Spionageroman schon in erster Blüte. Ausgehend von den Invasion-Romanen eines William Le Queux, Rudyard Kiplings «Great Game»-Roman Kim und Erskine Childers Riddle of the Sands entwickelte sich im und nach dem Ersten Weltkrieg ein Genre mit breitem Spektrum.

Den prägendsten Einfluss übte der Schotte John Buchan aus, der mit dem Klassiker The 39 Steps (seit 1915 in Britannien ununterbrochen lieferbar) eine Art Blaupause für viele Thriller lieferte (die auch in Never Come Back nachschwingt: Ein Zivilist wird in eine Verschwörung verwickelt, muss vor Sicherheitskräften und Konspirateuren fliehen und während dieser atemberaubenden Jagd die Konspiration aufklären und verhindern).

In den 1920er Jahren entstanden neben diesen politisch konservativen Thrillern auch faschistoide, wenn nicht faschistische Thriller. Zum Synonym für diese brutale Spielart des Politthrillers wurde «Sapper» mit seiner Bulldog Drummond-Serie, die vor Antisemitismus und Rassismus nur so strotzt. In diesen Spionagethrillern tobte die Paranoia des britischen Empires. Es fühlte sich von allen Seiten bedroht, von anderen Mächten und politischen Systemen. In Britannien verschärfte sich der Klassenkampf und in den Kolonien kam es zu Aufständen. Dahinter – so suggerierten nicht nur Sapper & Co. – standen Kommunisten, unterstützt von der Sowjetunion, Anarchisten, eifersüchtige Imperialmächte wie Frankreich oder die USA oder das Finanzjudentum.

Bulldog Drummond und Richard Hannay hatten alle Hände voll zu tun, feindliche Sabotage- und Spionageringe aufzuspüren und unschädlich zu machen. Die Populärkultur feierte nach wie vor Britanniens imperiale Allüren.

Beginnend mit Somerset Maughams Kurzgeschichtenzyklus Ashenden (1928) begann eine Tendenz zu bis dahin nicht gekanntem Realismus im britischen Spionageroman. Autoren wie Eric Ambler oder Graham Greene verfestigten diese literarische Strategie. Danach unterscheidet man zwei Schulen des Spy Thrillers: die romantische und die realistische (mit vielen Überschneidungen im Laufe der Jahrzehnte).

1939, in dem Jahr, als Mair seinen Roman angeblich begann, erschienen drei Meilensteine des Genres, die er wahrscheinlich gelesen hatte: The Mask of Dimitrios von Eric Ambler, The Confidential Agent von Graham Greene und Rogue Male von Geoffrey Household. Mit Eric Ambler verbindet Mair auch die linksliberale politische Orientierung.1

Aber vielleicht hatte Mair auch später Graham Greene beeinflusst: Man weiß nicht, ob Graham Greene Mairs Roman gelesen hat. Aber in Ministry of Fear (1943) weist einiges darauf hin, besonders die atmosphärischen Beschreibungen Englands während des Krieges (und Greene schrieb den Roman bekanntlich während seiner Zeit in Sierra Leone als Mitarbeiter des Geheimdienstes). In beiden Romanen finden die Aktionen in «Echtzeit» statt, genau in diesem Moment, nach dem sogenannten «Phoney War» oder «Sitzkrieg», in dem die Deutschen soeben die Kapitulation Frankreichs erzwungen und begonnen hatten, die Inseln zu bombardieren. Allerdings spürten die britischen Bürger die Auswirkungen des Konflikts noch nicht so intensiv wie ab September 1940 (The Blitz), als die deutsche Luftwaffe auch die Städte angriff. Man schien sich durch die Insellage noch sicher zu fühlen und war eher optimistisch. Was würde als Nächstes passieren? Niemand wusste es so recht und die meisten waren nicht allzu beunruhigt.

Mair kannte das Genre und hatte sich bewusst für die Form des Thrillers als Romandebüt entschieden. Julian Symons berichtet, dass Mair häufig Thriller rezensiert hatte, darunter eine Symons beeindruckende Besprechung von James Hadley Chases Roman No Orchids for Miss Blandish, der ebenfalls 1939 erschienen war. In dieser Rezension, die Symons in Bloody Murder zitiert, führte Mair akribisch alle Straftaten auf, die in Chases Roman begangen werden. 2

Ich vermute, dass auch G. K. Chestertons «philosophischer Thriller» The Man Who Was Thursday einen gewissen Einfluss auf Mairs Roman hatte: Das dort beschriebene Anarchisten-Zentralkomitee ist ebenso surreal wie Mairs Oppositions-Internationale.

Der Antiheld

Mit seinem Antihelden bricht der Roman durch eine literarische Straßensperre nach der anderen. Nie zuvor wurde mit den etablierten Klischees des Spionageromans konsequenter gebrochen. In Never Come Back gibt es weder einen Clubland-Hero noch eine patriotische Mission – und nicht mal eine «damsel in distress».

Symons stellt fest, dass Desmond Thane ganz bewusst als Gegenentwurf zu den angstfreien
Helden von John Buchan oder Sapper konzipiert worden war (und dass Mair einige Merkmale seiner eigenen egozentrischen Persönlichkeit hat einfließen lassen).

Der Protagonist Desmond Thane ist eine überraschend dreidimensionale Figur, wie es sie damals im Thriller kaum gab. Er gehört wahrlich nicht zu den «Clubland Heroes» à la Richard Hannay, Jonah Mansel oder Bulldog Drummond, die mit ihrem Patriotismus den britischen Spy Thriller dominierten. 3

Thane ist – wie Julian Symons bemerkt – der erste Antiheld des Genres.

Er ist ein pathologischer Lügner, beherrscht von eigenem Vorteilsstreben. Er ist eitel, sexbesessen, feige und egozentrisch. Nichts interessiert ihn weniger als kosmische Harmonie, denn er behauptet sich in der scheinbaren Sicherheit von Spekulationen.

Es zeigt John Mairs Fähigkeiten als Schriftsteller, dass er für ihn trotzdem Empathie beim Leser erzeugt. Denn Thane ist auch clever und schlagfertig wie ein amerikanischer Private Eye, der jedes Dilemma, in das er gerät, annimmt und sich herauszuwinden versteht. Ob wir wollen oder nicht: Seine derbe, überschäumende Vitalität und Cleverness nötigen uns Respekt ab.

In gewisser Hinsicht greift er mit seinem sexuellen Appetit auf spätere Thriller-Helden wie James Bond voraus. Mit Bond verbindet ihn auch seine Neigung zum Hedonismus. Dabei unterscheidet er sich aber doch sehr von Bond durch seinen Egoismus, dem patriotische Motive fremd sind. Als echter Antiheld interessiert ihn keinesfalls das Wohl des Vaterlandes. Ihm geht es nur um den eigenen Vorteil: Nachdem er herausgefunden hat, was seine Gegenspieler wollen, denkt er daran, es ihnen teuer zu verkaufen und mit dem Erlös ein Leben in Wohlstand zu führen. Dafür allein hätte Bond ihn erschossen.

Und seine physischen Fähigkeiten scheuen ebenfalls jeden Vergleich mit 007.

Anders als die Amateure in den frühen Ambler-Romanen, die zufällig in eine Konspiration geraten, treibt Thane sich selbst durch sein sexuelles Verlangen in die düstere Welt von Anna Raven. Für ihn sind Verbrechen nicht Ursachen für, sondern Konsequenzen von Entwicklungen.

Thane sieht sich als erfolgreicher Frauenheld, beladen mit einem antiquierten Frauenbild. Das wird ihm zum Verhängnis, als er Raven trifft und Besitzansprüche stellt.

Sie aber ist eine selbstbewusste moderne Frau, ebenfalls ziemlich ungewöhnlich für die Thriller der damaligen Zeit. Sie bestimmt über ihre Sexualität – sehr zu Thanes Missfallen.
Verärgert muss er feststellen, dass sie ihn dominiert und so behandelt, wie Männer Frauen «gewöhnlich» behandeln. Für sie ist der Sex mit ihm ein rein episodisches Vergnügen ohne emotionale Einlassung. Sie unterwirft sich nicht seiner göttlichen Männlichkeit. Thane kann damit nicht umgehen, wird immer verunsicherter (eine Situation, die auch heute noch bei Männern zu Komplikationen oder Gewaltausbrüchen führt).

Ungewöhnlich für das Genre sind auch Thanes Neigungen zum Philosophieren:

«Selig der Mensch, so dachte er, ohne geistige oder körperliche Leidenschaften, der mit gleichem Abscheu an Buchhandlungen, Bordellen und Reise­büros vorbeizugehen vermochte. Eigentlich schade, dass man sich heutzutage nicht mehr dem Teufel verschreiben konnte; der allgemeine Niedergang des Glaubens hatte diesen Markt ruiniert und den Verderbten lediglich die Rolle des verachteten Proletariats zugewiesen; zu verkaufen blieb denen nichts als ihre
ohnehin verlorenen Seelen. Faust hatte Juristerei, Medizin, Logik und Philosophie immerhin noch gegen vierundzwanzig Jahre voller Macht und Herrlichkeit eingetauscht; inzwischen steckten alle Hauptstädte randvoll mit Gelehrten, die diese vier Disziplinen und allerlei weiteres Wissen liebend gern für ein paar Schillinge und gelegentliche Vortragsreisen hingegeben hätten. Laster unterlagen einer Überproduktion, wie anderes auch.»

Mairs Prosa ist stets raffiniert. Und wann haben wir je von einem Bösewicht gelesen, der die Konsequenzen seiner Misse­taten im Lichte philosophischer Lehren analysiert?

Man muss Julian Symons wohl zustimmen, dass Mair in Thane auch ein Selbstporträt anlegte, eine Innenschau des damals achtundzwanzigjährigen Autors. Kein besonders schmeichelhaftes Selbstbild, aber vielleicht treffend angesichts der ihm nachgesagten Egozentrik. Jedenfalls ist Thane ein runder Charakter, wie er in der damaligen Thriller-Literatur selten oder eher gar nicht präsent war. Ein Typ, an dem Patricia Highsmith sicherlich Vergnügen gefunden hätte.

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1 In den sechs Romanen, die Eric Ambler vor dem Zweiten Weltkrieg geschrieben hatte, sympathisiert der Autor mit dem Kommunismus und auch der Sowjetunion.

2 Julian Symons: Bloody Murder. From the Detective Story to the Crime Novel: A History. London: Faber & Faber, 1972. Deutsche Auagaben: Am Anfang war der Mord. Eine Geschichte des Kriminalromans. München: Goldmann, 1982 (Nachdruck der Ausgabe München 1972).

3 Der Begriff «Clubland Heroes» wurde geprägt von Richard Usborne in seinem gleichnamigen Buch (London: Constable, 1953), in dem er die Charaktere in den Werken von Dornford Yates, John Buchan und Sapper untersucht. «I call this book Clubland Heroes because the heroes of the books I am examining were essentially West End clubmen, and their clubland status was a factor in their behaviour as individuals and groups … In Buchan, Sapper and Yates men of action were recruited from the leisured class.»




Soeben Erschienen: JOHN MAIRs KLASSIKER DES POLIT-THRILLERS by Martin Compart

Als Appetizer hier schon mal ein paar witzige Zitate, die einen ersten Blick auf den humoristischen Aspekt von Mairs Stil werfen:

„In einer Ecke verteidigte ein junger Unteroffizier den Wert der Keuschheit gegen den derben Humor einer älteren Dirne, und er sah nicht gut dabei aus.“

„Er zog sich in ein behagliches Wachkoma zurück und lauschte den weitschweifigen und zweifellos hochinteressanten Schilderungen aus dem Leben der Dunkelhaarigen.“

„Der Vollmond hatte schon seinen halben Weg über den Himmel zurückgelegt, und die flachen Gesichter der Häuser wirkten wie Kulissen eines kubistischen Balletts.“

„Laster unterlagen einer Überproduktion, wie anderes auch.“

„Hätte er kaltblütig gehandelt, verdiente er vermutlich zweihundert Tode – oder vielleicht auch nur vierzig; bei diesem Platon wusste man es nie so genau. Sollte es der medizinischen Wissenschaft jemals gelingen, Menschen nach einem unangenehmen Tod, sagen wir durch Ersticken, wiederzubeleben, könnte man den Täter wahrhaftig hundert Tode sterben lassen und ihn nach jeder Hinrichtung wieder aufwecken, außer nach der letzten. So ließe sich eine Art Tarifkatalog erstellen, von einem Tod für Taten im Affekt bis zu fünfhundert Toden für vorsätzlichen Raub, Unzucht und Vatermord, begangen an einem hohen Offizier, der gerade im Feld dem Feind ins Auge blickte; sollte die Berufung scheitern, wäre die Strafe zu verdoppeln.“

„Das Schaufenster präsentierte ein Durcheinander aus Büchern aller Sachgebiete, das dem Hirn eines senilen Gelehrten entsprungen sein mochte. Auf dem Ehrenplatz prangte eine gewaltige Prachtausgabe des Novum Organum von Francis Bacon, auf der einen Seite flankiert von einer deutschen Abhandlung über Vulkanismus, auf der anderen von einem illustrierten Handbuch über militärische Uniformen, in dem Offiziere mit Pomade im Haar und gewachsten Schnurrbärten wie launische Pfauen vor Landschaften posierten, in welchen Tau-sende berittener Soldaten in Rot und Weiß und in perfekter Formation in einem felsenbesetzten und von Kanonenkugeln zerfurchten Gelände zum Angriff übergingen. Rings um diese drei Zentralgestirne wimmelte ein staubiges Durcheinander aus Predigten, obskuren Dryden-Ausgaben, viktorianischen Handbüchern zur Leibes­ertüchtigung, alten Bänden des Spectator, antiken Theaterzetteln, Schmähschriften gegen vergessene Laster und Lobreden auf nicht weniger vergessene geistliche Tugenden. Es handelte sich um eine literarische Müllkippe, die Perlen ebenso enthielt wie Abfall – Strandgut der Grub Street aus vier Jahrhunderten.“

Als Conspiracy-Thriller ist der Roman bis heute herausragend und Maßstäbe setzend: Kein anderer mir bekannter Thriller geht ähnlich differenziert mit seinem Personal und der Verschwörungstruktur um, indem er die Haupthandlungsträger gleichermaßen negativ – oder freundlicher ausgedrückt: skeptisch – betrachtet. Mair schafft dies durch Stilmittel wie zynische Ironie, die er manchmal fast, aber nur fast, bis zur Satire treibt. Der allwissende Erzähler nimmt häufig eine spöttische Haltung ein, die auch seinen „Protagonisten“ – immerhin ein Mörder – nicht verschont. Eher das Gegenteil: Desmond Thane wird gnadenlos bloßgelegt und seziert.
Literarisch ist er ohne Nachfolger, obwohl er den modernen Paranoia-Thriller vorweggenommen hat. Am nächsten kommt ihm vielleicht noch Trevanian.
Sein früher Tod ist höchstwahrscheinlich der schlimmste Verlust für den Thriller. Sein einziger Roman ein herausragendes Leseerlebnis.

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INTERVIEW MIT DEM VERLEGER IN DIESEM BLOG (2016): https://martincompart.wordpress.com/2016/02/24/interview-mit-thomas-pago-verleger-des-elsinor-verlages/

JOHN BUCHANS DER ÜBERMENSCH: https://martincompart.wordpress.com/2015/01/09/thriller-die-man-gelesen-haben-sollte-der-ubermensch-von-john-buchan/

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