Martin Compart


Der Mann zwischen den Welten: Algis Budrys von Werner Fuchs by Martin Compart
20. Januar 2016, 2:11 pm
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Algis Budrys (1931-2008)

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2008 verlor die SF-Szene mit Algis Budrys einen ihrer wegweisenden Autoren der fünfziger und frühen sechziger Jahre. Wie seine literarischen Zeitgenossen Walter M. Miller, Philip José Farmer, Robert Sheckley, Richard Matheson und Philip K. Dick wurde er in der Genre-SF groß, gab dieser aber entscheidende Impulse und vermochte sie zusammen mit seinen Kollegen nachhaltig zu verändern.

Algirdas Jonas Budrys wurde am 9. Januar 1931 in Königsberg geboren. Sein Vater war Diplomat und  Angehöriger der litauischen Exilregierung, und der Name Budrys (das litauische Synonym für „Wachtposten“) war ursprünglich nur ein Deckname, den die Familie aber 1936 nach Übersiedlung in die USA offiziell annahm.58dc213f-0ebe-4e92-924d-5d0cb2fde4aa[1]

AJ, wie er von seinen Freunden genannt wurde, arbeitete zunächst für seinen Vater und studierte dann an der Universität von Miami (1947-49) und der Columbia Universität, New York, 1950-51, heiratete 1954 Edna Duna, mit der er vier Söhne hatte. Er arbeitete für die American Express Company, bevor er als Herausgeber für diverse Buch- und Magazinverlage tätig wurde. Gnome Press, einer der frühen SF-Hardcoververlage war seine erste Station, Jobs für die Magazine Galaxy, Venture, The Magazine of Fantasy and Science Fiction, Ellery Queens Mystery Magazine folgten in den fünfziger Jahren, Tätigkeiten für Regency Books und Playboy Press  in den sechzigern. Daneben trat er auch immer wieder als Rezensent in Erscheinung und machte sich als Kritiker und Kolumnist einen Namen, zuletzt für die Chicago Sun-Times ab 1986.

TomorrowSF1[1]Von 1984-1992 betreute er als Koordinator und Juror den „L. Ron Hubbard Presents Writers of the Future”-Wettbewerb zur Förderung von SF-Nachwuchsautoren und gab zwischen 1985 und 2003 eine Reihe Anthologien mit den besten daraus resultierenden Stories heraus. Da dieser Wettbewerb in gefährlicher Nähe zur Scientology-Sekte stand, war Budrys, der seinerseits stets die Wichtigkeit einer solchen Einrichtung für junge Autoren hervorhob, erheblicher Kritik aus der SF-Szene ausgesetzt.

Von 1993-2000 gab er das Magazin Tomorrow Speculative Fiction heraus, das es auf 24 gedruckte Ausgaben brachte, bevor es online weitergeführt wurde.

Seine schriftstellerische Karriere begann mit der Erzählung „The High Purpose“ in der Novemberausgabe 1952 von Astounding und in der Folgezeit er­schienen eine ganze Reihe von Stories in ver­schiedenen Magazinen, die ihn als ideenreichen Autor und begabten Stilisten auswiesen. Durch Geschichten wie „The Real People“(1953), „End of Summer“(1954), „The Executioner“(1956) oder „The Edge of the Sea“ (1958) wurde AJ rasch be­kannt und zu einem der führenden Nachwuchs­autoren der fünfziger Jahre. Seine Stories waren komplex, tiefgründig, häufig mit Mainsteam-Einflüssen durchsetzt und dadurch für unbedarfte Leser der damaligen Magazin-SF manchmal etwas schwer verständlich. Als ich ihn Mitte der sechziger Jahre entdeckte, klang sein Name „strange“ und seine Geschichten waren es auch. Sie kamen „frostig“ rüber, hielten einen auf Abstand. Der Mann war für mich auf der Stelle Kult.

AJs Autorenlaufbahn verlief aber nicht geradelinig, sondern in mehreren Schüben. Immer wieder gab es Zeiten, in denen sehr wenig oder gar nichts von ihm erschien, dann war er wieder außerordentlich produktiv. Insgesamt hat er etwa 200 Stories verfasst, von denen die meisten in den fünziger Jahren publiziert wurden. Dazu benutze er auch mindestens ein Dutzend Pseudonyme, von denen John A. Sentry (Sentry = Wachtposten) die meisten Rückschlüsse zulässt. Drei seiner Geschichten wurden für Preise nominiert: „The Edge of the Sea“ 1959 für den Hugo, „The Silent Eyes of Time“ 1976 ebenfalls für den Hugo und „A Scraping of the Bones“ 1976 für den Nebula.

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Die Stories waren AJs eigentliche Stärke, und seine drei besseren Romane aus dieser Zeit, Who? (1958), Rogue Moon (1960) und Some Will Not Die (1961, dt. Einige werden überleben, 1981)), bauen alle auf vorher erschienenen Kurztexten auf. Man of Earth (1956, Auf Pluto gestrandet, 1960) und The Falling Torch (1959, dt. Exil auf Centaurus, 1965)) sind konventionelle SF-Abenteuer, Some Will Not Die, die erweiterte Fassung von False Night hat schon mehr Ttiefgang. Mit Who? und Rogue Moon wurde AJ aber international bekannt. Beide Titel wurden für den Hugo nominiert und Rogue Moon verfehlte den begehrten Preis nur knapp; Who? wurde 1973 von Jack Gold sehr textnah verfilmt.

Who? (dt. Zwischen zwei Welten, 1958, 1983) ist ein „Near Future“-Roman zur Zeit des kalten Krieges zwischen Ost und West. Der amerikanische Atomphysi­ker Lucas Martino wird bei einem Geheimprojekt nahe des Eisernen Vorhangs Opfer eines Unfalls, von einem Ein­satztrupp des Ostens gerettet und vier Monate spä­ter wieder in den Westen entlassen. Er hat nur noch einen Arm, der andere wurde durch eine kunstvolle Metallprothese ersetzt, und an­stelle seines Kopfes besitzt er nun eine Metall­kugel, aus der künstliche Augen starren. Da man Martino nicht sofort identifizieren kann, wird der Sicherheitsmann Shawn Rogers auf den Kyborg angesetzt. Er überwacht dessen Genesung und versucht herauszufinden, ob er wirklich Martino vor sich hat, oder einen Agenten der Gegensei­te.

Auf den ersten Blick ist WHO? Ein Spionageroman, der sich bei genauerem Studium als philosophisch-psychologische Charakterstudie erweist Der Titel ist zweideutig. Er wirft die unpersönliche Frage auf: „Wer ist der Kyborg?“ Sie bestimmt die Handlung, wird aber von der persönlichen Frage Martinos: „Wer bin ich?“ verdrängt. Martino, der mit Menschen Kontakt aufnehmen konnte, als er noch menschlich aus­sah, sich damals aber ganz auf die Wissenschaft konzentrierte, sieht sich jetzt, da er Kontakt aufnehmen will, aufgrund seines Aussehens völ­lig isoliert. Um zu sich selbst zu finden, negiert er sein früheres Ich.

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Identität und Exil sind zwei Leitmotive in Ajs Werk; sie treten hier wie auch in seinem nächsten Roman Rogue Moon

(1960; dt. Projekt Luna, 1965) deutlich zutage.

Auf dem Mond befindet sich ein geheimnisvol­les, unerklärbares Labyrinth, offenbar ein Arte­fakt außerirdischer Intelligenzen. Zur Erfor­schung dieser Struktur wird ein kurz zuvor ent­wickelter Materietransmitter herangezogen, mit dem Forscher auf den Mond transportiert wer­den. Das menschliche „Original“ kommt dabei um, aber eine „Kopie“ unterscheidet sich in nichts von der ursprünglichen Person. Das La­byrinth erweist sich als Todesfalle, jedes Quan­tum Wissen wird mit dem Tod eines Forschers bezahlt. Augenscheinlich herrschen bestimmte Gesetze innerhalb der Struktur: Manche Gänge dürfen nicht betreten, bestimmte Bewegungen nicht ausgeführt und gewisse Geräte nicht mit­gebracht werden. Aus diesem Grund muß jeder Forscher zweimal durch den Transmitter, ein Körper bleibt dann auf der Erde, der andere untersucht das Labyrinth. Beide stehen mitein­ander in telepathischem Kontakt. Allerdings kann jeder Forscher nur einmal eingesetzt wer­den, das Pendant auf der Erde wird beim schrecklichen Tod seines Doppelgängers auf dem Mond meist wahnsinnig. Um Menschenleben zu schonen, wird Barker eingesetzt, der geistig intakt erleben kann, wie sein „eigenes Ich“ stirbt. Barker geht viele Male durch den Transmitter und stirbt viele Tode im Labyrinth.

Wie schon in Who? benützt Budrys in Rogue Moon archetypische Personen. In eine rasante Handlung eingebettet sind mannigfaltige sym­bolische Probleme, von denen der Tod eines der am leichtesten ersichtlichen ist. Das Labyrinth hat mehrere Symbolfunktionen und steht als Metapher für das Streben der Menschen nach Erkenntnis, vielleicht sogar symbolisch für den Roman selbst, durch den sich der Leser eben­falls wie durch ein Labyrinth zu kämpfen hat, ohne dass er weiß, was letztendlich dabei her­auskommt – das Ende bleibt offen.

Ein vielschichtiger Roman, der ein Zentralthema der SF, den Durchbruch auf eine andere Erkenntnis- und Daseinsstufe, beein­druckend behandelt. Ein moderner Klassiker des Genres, der 2001 noch einmal neu veröffentlicht wurde, diesmal unter dem vom Autor bevorzugten Titel The Death Machine.9552119[1]

Nach The Amsirs and the Iron Thorn (1967; Das verlorene Raumschiff, 1972), einem klassischen Abenteuer-SF-Roman, dessen deutscher Titel schon viel von der Handlung verrät, machte der Autor erst 1977 durch Michaelmas (dt. 1980) wieder auf sich aufmerksam. Dieser Roman greift die Proble­me auf, die sich aus einem futuristischen Me­diendschungel ergeben, der noch undurchsichti­ger als unser heutiger ist. Allerdings wird die Kritik an aktuellen Zuständen dadurch etwas verwäs­sert, dass es Außerirdische sind, die unerkannt alles manipulieren und gegen die der Held Laurent Michaelmas anzukämpfen hat.

Ein überzeugendes Spätwerk ist Hard Landing (1993, dt. Harte Landung, 1998), wiederum ein Roman bei dem das Thema Exil im Mittelpunkt steht. Diesmal sind es von Menschen kaum zu unterscheidende Außerirdische, die auf der Erde notlanden mussten und nun überleben müssen. In unnachahmlicher Manier zeigt AJ, wer hier die wirklichen Aliens sind. In diesem dicht geschriebenen, lediglich 200 Seiten umfassenden Roman beschämt Budrys eine Vielzahl heutiger Zeilenschinder, die in ihren aufgeschäumten Sechshundertseitenschinken weniger zu sagen haben als ein kompetenter Autor in einer Kurzgeschichte.

Algirdas Jonas Budrys, ein Mann zwischen den Welten, der jahrzehntelang selbst Staatenloser gewesen war, starb am 9.Juni 2008 in Evanston, Illinois.

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Der Weltendenker baut uns ein Traumschloss – Zum Gedenken an Jack Vance by Martin Compart
9. Dezember 2015, 10:04 pm
Filed under: JACK VANCE, Porträt, Science Fiction, WERNER FUCHS | Schlagwörter: , , , ,

Werner Fuchs gedenkt eines Science Fiction- und Fantasy-Autors, dessen Imagination in den Genres unvergleichbar ist. Nach dieser Lektüre gibt es keine Entschuldigung, Vance nicht zu lesen oder neu zu entdecken.

 

Einleitung

Name the five Demon Princes!“

“Attel Malagate, Kokor Hekkus, hmm… Viole Falushe, Lens Larque and… and… just a second, yeah, got it… Howard Alan Treesong, the best of them all, how could I almost forget the Dreamer?”.

 

Oktober 2000. Wir sind auf Sightseeing-Tour durch die Republik. George R. R. Martin und ich. Die ersten „Eis-und-Feuer“-Bände sind schon erschienen, aber noch ist George ein paar Jährchen vom Weltruhm entfernt. Berlin – Nürnberg – Rothenburg ob der Tauber – Nördlingen – Aalen – Friedrichshafen – Lindau – Neuschwanstein – München – Stuttgart/Bad Canstatt – Heidelberg – Düsseldorf. Museen, mittelalterliche Städtchen und immer wieder Burgen und Ruinen, von denen George nicht genug bekommen kann. Dazwischen lange Fahrten auf der Autobahn, eine Woche lang lange Fahrten. Wenn wir keinen Bock mehr auf Musik haben, kommt es zum Vokabelabfragen: Jack-Vance-Quiz ist angesagt!

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Schnell hatten wir herausgefunden, dass wir beide extreme Jack- Vance-Fans sind, schon seit Teenagerzeiten (wir sind altersmäßig nur 11 Monate auseinander) der Magie seiner Welten und seiner Sprache verfallen. Beide kennen wir das Werk unseres Lieblingsautors ziemlich gut. Einer nennt den Namen eines Protagonisten, der andere antwortet mit der dazugehörigen Geschichte, oder man führt einen Roman an und muss mit einer Figur daraus kontern. Claude Glystra – „Big Planet“, „The Dragon Masters“ – Joaz Banbeck, Edwer Thissell – „The Moon Moth“. Szenen zuordnen ist meist noch relativ einfach – George ist fasziniert von „Hussade“ eine Art 3-D Football über Wassertanks aus „Trullion Alastor 2262“, bei dem es keine Homeruns gibt, dafür aber eine junge Dame, die möglicherweise ihre Kleidung verliert – alter Voyeur! Bei Zitaten, aus der Erinnerung dahergesagt, wird es dann herb.

„Kill this man, here and now“, he cried. “No longer shall he breathe the air of my planet.“ Wer war das noch mal? Wo war das noch mal? Wir sind im sechsstelligen Bereich von „Wer wird Millionär“ angelangt. Vielleicht doch lieber wieder Grateful Dead.

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Werner und Corinna Fuchs mit George R.R.Martin

(c) by Corinna Fuchs

Ein Quiz wie dieses funktioniert nur mit Jack Vance – für uns jedenfalls. Klar, bei den wichtigen Werken anderer SF-Größen könnten wir auch den einen oder anderen Hauptdarsteller nennen –

Hari Seldon, Gilbert Gosseyn, Michael Valentine Smith -, wir sind schließlich mit der SF sozialisiert worden, aber was die zweite Liga bei Asimov, van Vogt oder Heinlein angeht – Fehlanzeige.

Und bei vielen anderen Autoren, die ich durchaus mit Begeisterung gelesen habe, fallen mir überhaupt keine Charaktere mehr ein.

Bei Vance ist das anders. Seine Namen sind komponiert, sind Musik. Purer Swing: Ghyl Tarvoke, Hildemar Dasce, Sam Salazar, Hein Huss, Sklar Hast, Ayudor Bustamonte, Finisterle, der Erzveult Xexamedes, Liane the Wayfarer, Apollon Zamp, Rudel Neirmann, Gastel Etzwane, Lodermulch…  Und sie haben etwas Universelles, egal, ob man sie englisch oder deutsch ausspricht, sie klingen immer unheimlich gut. Mit seinen Planetennamen, Ortsbezeichnungen, ja, seinem Instrumentarium insgesamt verhält es sich ebenso. Vances Beschreibungen graben sich in das Gedächtnis des Lesers ein und lassen seine Phantasie abheben. Bei Vance ist die Sprache Landschaft und Architektur, bei ihm ist die Sprache der eigentliche Held. Ihr ist das „Jack Vance Lexicon – From Anulph to Zipagothe“ (1992) gewidmet, ein Band der über 1700 Wortneuschöpfungen auflistet, die Vances Werk entnommen sind. Manche seiner Kollegen – ich will keine Namen nennen – kommen in ihrem Gesamtwerk mit einem geringeren Wortschatz aus…

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Leben

John Holbrook Vance wurde am 28.08.1916 als mittleres von fünf Kindern in San Francisco geboren. Er wuchs auf der Ranch seiner Großeltern im San Joaquin Valley auf, da der Vater die Familie früh verließ. Vance galt in der Schule als Bücherwurm und las am liebsten das Magazin Weird Tales, mit Autoren wie H.P. Lovecraft, Clark Ashton Smith und Robert E. Howard. Am liebsten aber war ihm C. L. Moore. Ansonsten wurde er vor allem von Lord Dunsany und P. G. Woodhouse beeinflusst. Ab 1937 studierte er an der University of California in Berkeley Bergbau und Physik, später Englisch, Geschichte und Journalismus und fuhr während des Zweiten Weltkriegs als Matrose im Dienste der amerikanischen Handelsmarine kreuz und quer über den Pazifik.

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Kurz nach dem Krieg heiratete er die 11 Jahre jüngere Norma Ingold, die ihm – Jack hatte schon damals schlechte Augen und sich mit einer auswendig gelernten „Eye Chart“ in die Handelsmarine gepfuscht – beim Schreiben zur Hand ging. Auf ihren ausgedehnten Reisen war Jack immer mit Klemmbrett und Füller im Einsatz, während Norma später alles auf der Reiseschreibmaschine abtippte und korrigierte. Die beiden bereisten bis in die neunziger Jahre fast die ganze Welt, und ein großer Teil von Vances Romanen und Stories entstand unterwegs in fremden Ländern und unter anderen Kulturen. Das hat sicherlich die Exotik seiner Werke befeuert, in denen die sonderbaren Sitten und Gebräuche planetarer Gesellschaften oft eine wichtige Rolle spielen.

Andere wichtige Einflüsse waren seine Liebe zum traditionellen Jazz – schon vor dem Krieg hatte Vance als Jazz-Kolumnist für The Daily Californian gearbeitet – und sein Beruf als Zimmermann, den er bis Mitte der sechziger Jahre ausübte.

Vance war Handwerker mit einer gesunden Verachtung für den Kunstbetrieb. Er baute sein Haus in Oakland und seine Segelboote selbst und konstruierte mit den Freunden und SF-Kollegen Frank Herbert und Poul Anderson ein Hausboot, mit dem die drei an den Ufern der San Francisco Bay entlang schipperten, bis es auf Grund lief.

1961 wurde John Holbrook II geboren, das einzige Kind von Jack und Norma. In dieser Zeit begann sich langsam der Erfolg einzustellen. Vance gewann den Edgar Allan Poe Award, kurz darauf Hugo und Nebula Award, was ihn veranlasste, freier Schriftsteller zu werden.

War sein Werk bis dahin von Kurzgeschichten und Einzelromanen geprägt gewesen, standen ab jetzt Romanzyklen im Mittelpunkt. Allerdings war er bei seiner Produktion stark gehandicapt. Seine Sehkraft nahm immer mehr ab, und nach einer missglückten Augenoperation war Jack Vance praktisch blind. Ab den achtziger Jahren musste er am Computer mit Großbildschirm schreiben – und einer Textverarbeitung mit Riesenlettern.

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Werk

Vance debutierte 1945 in Thrilling Wonder Stories mit der Geschichte „The World Thinker“. Die nächste hieß „I’ll built your Dream Castle“. Beide Titel wurden zum Programm. Der Weltenschöpfer baute seinen Lesern ein literarisches Traumschloss. Sein erstes Buch war 1950 „The Dying Earth“, eine Sammlung erstaunlicher (20 Jahre später hätte man sie als „far out“ bezeichnet) Fantasygeschichten, die er 1944 auf See geschrieben hatte. Sie markierten den Beginn einer Serie, deren Gestaltung die Leser verzauberte und begeisterte. Schauplatz ist die Erde in allerfernster Zukunft. Diese Welt, kurz vor ihrem Untergang, wenn die aufgeblähte, rote Sonne instabil flackert und bald für immer verlöschen wird, ist besiedelt mit einer mondänen Gesellschaft, die sich in Intrigen, Magie und hedonistischen Vergnüglichkeiten ergötzt. Später fanden sie ihre Fortsetzung in den Collections „The Eyes of the Overworld“ (1966), „Cugel’s Saga” (1983) und „Rhialto, the Marvellous” (1984)

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Wie bei vielen Genre-Autoren seiner Zeit waren es zunächst Kurzgeschichten und kürzere Romane in Magazinen, die sein Schaffen ausmachten. Thrilling Wonder Stories und Startling Stories waren zunächst seine Hauptmärkte, später kamen die Spitzenpublikationen des Genres hinzu: Astounding, Galaxy, The Magazine of Fantasy and Science Fiction. Anfang der fünfziger Jahre schrieb er sechs Drehbücher für die Fernsehserie „Captain Video“.

„The Potters of Firsk“ (ASF 5/50) und „Gift of Gab“ (ASF 9/55)sind reine SF-Stories mit exotischem Background, während „The Miracle Workers“ (ASF 7/58) auf typisch vancesche Weise Fantasy mit SF verbindet. In eine Zukunftswelt, in der Magie ganz alltäglich und die Naturwissenschaften vergessen sind, hält plötzlich die Chemie als „magische“ Komponente in Form von Sprengstoff Einzug.

In „The Men Return“ (Infinity 7/57) zeigt sich Vance avantgardistisch, indem er das Kausalitätsprinzip aufhebt.5125533784_0772eea4ff[1]

Seine wohl berühmtesten Kurztexte sind „The Moon Moth“ (Gal 8/61) – Edwer Thissell ist frisch auf Sirene eingetroffen, um den Serienmörder Haxo Angmark aufzuspüren, aber im Land der Masken, wo alle Menschen eine Gesichtsbedeckung tragen und man nur über Instrumente kommuniziert, ist das gar nicht so einfach -, „The Dragon Masters“ (Gal 8/62) und „The Last Castle“ (Gal 4/66). Beide wurden mit dem Hugo-Award, letztere auch noch mit dem Nebula-Award ausgezeichnet. Hier schreibt Vance SF wie Fantasy und Fantasy wie SF – für Geschichten wie diese wurde der Begriff Science Fantasy erfunden.

In seinen frühen Romanen geht es um abenteuerliche Reisen auf einem Extremplanet („Big Planet“, 1952), Unsterblichkeit („To Live Forever“, 1956) und die Macht der Sprache („The Languages of Pao“, 1958). In „The Blue World“ (1966) und „Emphyrio“ (1969) rebelliert der jugendliche Held und überwindet die starren Konventionen seiner Gesellschaft letztendlich zu ihrem Wohl.

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In den sechziger bis achtziger Jahren produzierte JV vornehmlich SF-Zyklen die zum Teil ein Gaeanisches Reich der fernen Zukunft als gemeinsamen Hintergrund aufweisen und ähnlich farbenprächtig ausgestaltet sind wie seine Fantasy. Der fünfbändige „Dämonenprinzen“-Zyklus (1964-1981) ist ein interstellarer Rachefeldzug Kirth Gersens, der die Killer seiner Familie jagt, die „Planet of Adventure“-Tetralogie (1968-1970), schildert die Odyssee eines notgelandeten Terraners auf der exotischen Welt Tschai mit ihren mannigfaltigen Kulturen, die „Durdane“-Trilogie (1973-74) und die „Alastor“–Trilogie (1973-1975) umfassen farbige Planetenromane, bei denen die Beschreibung fremdartige Kulturen gleichrangig neben der Romanhandlung steht, bei den „Cadwall-Chroniken“(1987-1992) schließlich handelt es sich um eine umfangreiche Trilogie, bei der Held Glawen Clattuc einen geheimnisvollen Mord aufklären, einen Aufstand niederschlagen, sich diverser Intrigen erwehren und der Cadwall Charta auf die Spur kommen muss, die den Planet in ihrem Würgegriff hält.

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Parallel dazu baute JV aber auch seine Fantasywelten aus. 1966 erschien mit „The Eyes of the Overworld“ eine lose Fortsetzung zu „The Dying Earth“. In diesem Subzyklus lässt er den schlitzohrigen Cugel, einen pikaresken Springinsfeld, verrückte Abenteuer erleben. Cugel ist der coolste aller Fantasyhelden, der Archetyp für alle Diebe und Streuner des Fantasy-Rollenspiels. Langbeinig, mit langer Nase und albernem Hut, stakst er durch die Landschaft und versucht alle und jeden übers Ohr zu hauen, zieht aber meist selbst den kürzeren. Dabei schlagen sich er und seine Gegenspieler die unglaublichsten Dialoge um die Ohren. Cugel, einer der wenigen Antihelden der Fantasy, ist so cool, dass andere Autoren seine Abenteuer fortsetzten (Michael Shea) oder sich extrem von ihm beeinflusst zeigten (etwa David Alexander).

Später folgten weitere Bände: „Cugel’s Saga“ (1983) und „Rhialto the Marvellous“(1984) setzten in punkto bizarrer Vorkommnisse noch einen drauf.6950865010_305b386df1[1]

JVs zweiter großer Beitrag zur Fantasy ist die „Lyonesse“-Trilogie. Sie spielt in arthurischer Zeit auf einer mythischen Inselgruppe im Golf von Biskaya, um deren Herrschaft ein erbitterter Kampf ausgetragen wird. Beginnend mit „Suldrun’s Garden“ (1983) bieten die voluminösen Bände viel Platz für Subplots mit Kämpfen, Diplomatie und Magie. Alles ist in Vances maniriert ironischem Stil gehalten, mit gestelzten Dialogen, altertümlichen Redewendungen und einer ornamental barocken Handlung, die den Leser in eine exotische Traumwelt versetzen. Diese Trilogie hebt sich wohltuend von der Massenware typischer Mehrbänder ab und kann mit Recht als Highlight moderner Fantasy bezeichnet werden.

Ab 1957 erschienen von JV eine Reihe von Kriminalromanen, die durchaus erfolgreich waren. Diese wurden unter seinem richtigen Namen John Holbrook Vance wie auch unter den Pseudonymen Ellery Queen, Peter Held oder Alan Wade veröffentlicht.10857[1] 1960 gewann „The Man in the Cage“ den Edgar-Award und wurde verfilmt. Ebenfalls verfilmt wurde „Bad Ronald“ (1973). Neben diesen Titeln ragen die beiden Romane um Sheriff Joe Bain, „The Fox Valley Murders“ (1966) und “The Pleasant Grove Murders (1967) aus seinen 11 Krimis heraus.

Dass JV den Mysteries zugetan war, beweisen auch die vielen Kriminalfälle innerhalb seiner SF-Zyklen. Mit Magnus Ridolph und Miro Hetzel hat er auch zwei Detektive am Start, die in zwei Storybänden interstellare Finstermänner jagen.

Ab den neunziger Jahren wandte sich JV wieder verstärkt der SF zu. Seine letzten Romane „Night Lamp“ (1995), „Ports of Call“ (1997) und „Lurulu“ (2004) handeln wieder von jugendlichen Protagonisten auf Identitätssuche in einem Kosmos voller Fremdartigkeiten.

 

Stil

Stilistisch ist JV einmalig. Schon nach ein paar Sätzen kann ihn der geübte Leser erkennen. Sein Wortreichtum ist unübertroffen, die Lektüre seiner Texte ein sinnliches Erlebnis. Er brennt ein Feuerwerk an detaillierten Beschreibungen ab, die alle Sinne des Lesers in Alarmbereitschaft versetzen.

Die typischen SF-Szenarien – Zukunftsmodelle, Zeitreisen, Raumschlachten, Roboter, Invasion der Erde o. ä. interessierten ihn nicht. Raumschiffe dienen nur zum Transport von A nach B, und wenn, dann bevorzugt im Raumsegler – oder planetar – auf dem Luftfloß.

JV war ein „Bio-Autor“, mindestens drei oder vier seiner Protagonisten stehen mit den Füßen in der Erde im Wald und imitieren Bäume. Seine Stärke ist die Schilderung fremder Kulturen, derer bizarren Sitten und Gebräuche, ein galakto-ethnischer Kosmos voll ungezügeltem Wildwuchs. Chromblitzende Technik hat hier nichts verloren.

Die Faszination seiner Texte liegt in seinem Weltenbau, der Architektur seiner Landschaften, der internen Struktur von Fauna und Flora begründet. Häufig bedient er sich der Fußnote als Stilmittel – so erscheint ein Text natürlich viel glaubhafter (wissenschaftlicher) als durch zehn Seiten Erklärungen.

Bei diesen Techniken schimmert immer wieder der Handwerker durch und bei seinen Namen und Dialogen der Musiker. Vance, der mehrere Instrumente spielte, darunter Kornett, Ukulele und Kazoo, war Mitglied einer Jazzband und der festen Überzeugung, Prosa müsse swingen.

41hWNragepL._SX301_BO1,204,203,200_[1]Sein überaus sarkastischer, mitunter bösartiger Humor hallte jedenfalls nach. Kostprobe:

„Dort sitzt der Missetäter. Ich sah, wie er wölfisch grinsend mir den Bart abschnitt!“

Empört rief Cugel: „Er redet irr! Achtet nicht auf ihn. Ich saß hier unbeweglich wie ein Fels, während sein Bart gestutzt wurde. Das Bier hat wohl seine Sinne benebelt!“

„Unverschämtheit! Ich habe Euch mit beiden Augen gesehen!“

Im Tonfall des schuldlos Verdächtigten sagte Cugel: „Weshalb sollte ich Euch den Bart nehmen? Hat er überhaupt einen Wert?“

– „Cugel,der Schlaue“

oder:

„Bodwyn Wook? Pah! Bodwyn Wook ist ein Schanker an den Weichteilen des Fortschritts!“

– „Station Araminta“ –

oder Tanith Lees Lieblingssatz:

„I would offer congratulations were it not for this tentacle gripping my leg.”

– „Cugel’s Saga“ –

 

Rezeption

In Frankreich, Belgien und den Niederlanden ist JV ein Superstar. Schwer zu sagen, warum nicht in den USA und bei uns. Das Werk mit dem er am ehesten identifiziert wird besteht aus Kurzgeschichten – das ist abträglich. Er arbeitete seine Plots vielleicht nicht konsequent genug aus und schien bei Zyklen nach und nach die Lust zu verlieren – das kommt dem Massengeschmack gar nicht entgegen. Er verlor sich in psychedelisch gekräuselter Oberfläche anstatt ein Hauptwerk mit echtem Tiefgang zu schreiben, das die Kritiker aufmerksam gemacht hätte – da bleibt man leider Genre-Autor. Aber ist das so schlimm? „Die Popkultur hat eh gewonnen“, wie Denis Scheck einmal völlig richtig anmerkte.

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Als Kultautor hat JV einen festen Kreis von Bewunderern, die sich um sein Werk verdient gemacht haben. Er ist der unangefochtene Lieblingsautor seiner Kollegen. Bibliophile Liebhaberausgaben seiner Bücher erschienen oder erscheinen in Kleinverlagen wie Underwood/Miller (USA) und Edition Irle (Deutschland), und wohl einmalig dürfte das Projekt „Vance Integral“ sein, bei dem mehrere hundert „Fans“  als Internetgemeinschaft eine Neuausgabe seines Gesamtwerks (44 Hardcoverbände) betreuten. Unterstützt wurde das Projekt vom Milliardär und Microsoft-Mitgründer Paul Allen, der in Seattle das „Experience Hendrix“ Museeum gründete. Für Allen sind Jimi Hendrix und Jack Vance Amerikas größte Künstler der Populärkultur. Gary Gygax, der Erfinder der Rollenspiels „Dungeons & Dragons“, war ein glühender Verehrer und strickte das Magiesystem in D&D nach den vanceschen Zaubersprüchen. Sein Weltenbau diente ihm darüber hinaus als Vorbild.

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Michael Chabon, Dan Simmons, Neil Gaiman, Tad Williams, Robert Silverberg und 17 andere Autorinnen/Autoren wurden als Jugendliche von Vance verzaubert. Alle sind mit Beiträgen in der von George R. R. Martin und Gardner Dozois herausgegebenen Anthologie „Songs of the Dying Earth“(2009) vertreten. Das erste „Tribute Album“ der Pop-Literatur! Jeder von ihnen schrieb eine „Dying Earth“-Geschichte und versuchte, dem Meister so nahe wie möglich zu kommen. Und jeder erzählt dazu die Geschichte, wie er/sie zum ersten Mal mit einem Text von Jack Vance in Berührung kam. Alle können sich noch daran erinnern.

Und für alle ist Jack Vance sträflich unterbewertet. Chabon meint, hätte Italo Calvino über den „Dragon Masters“ gestanden, wäre der Text über die Grenzen des Genres bekannt geworden, während Simmons noch weiter geht: Wäre Vance in Südamerika geboren worden, hätte er als Vertreter des Magischen Realismus’ den Nobelpreis erhalten…

Wie dem auch sei, Jack Vance hat jedenfalls als einziger Autor alle Hauptpreise der Science Fiction, Fantasy und Kriminalliteratur gewonnen: Hugo Award, Nebula Award, World Fantasy Award und den Edgar Allan Poe Award.

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Jack Vance starb am 26. Mai 2013 im Alter von 96 Jahren.

Er lässt Sohn und Enkel zurück, nachdem seine Frau Norma bereits 2008 verstarb.

Jetzt ist die Welt weniger bunt.

 

Für weitere Informationen:

http://www.editionandreasirle.de

über Vance, Dick und Ballard ab ca. 1:15:00



Erinnerungen an Wolfgang Jeschke von Werner Fuchs by Martin Compart
13. Oktober 2015, 7:00 am
Filed under: Porträt, Science Fiction, WOLFGANG JESCHKE | Schlagwörter: , ,

Naturgemäß ist hat das neue Jahrbuch DAS SCIENCE FICTION JAHR (Heyne) als ein Schwerpunktthema den verstorbenen Schriftsteller und Herausgeber Wolfgang Jescke. Niemand hat die SF in Deutschland in den letzten Jahrzehnten stärker geprägt; niemand hat der deutschen SF-Szene im Ausland ein markanteres Gesicht verliehen.

Aber lesen Sie lieber, was sein langjähriger Freund Werner Fuchs über Wolfgang zu sagen hat…

 

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Zum ersten Mal getroffen habe ich Wolfgang Jeschke im August

1975 in Laichingen/Baden-Württemberg. Anlass war der jährliche Con des Science Fiction Club Deutschland e.V., den der neue Mitherausgeber der SF-Reihe bei Heyne auch besuchte. Vom Telefon her kannten wir uns schon – schließlich hatten meine Kollegen Hans Joachim Alpers und Ronald M. Hahn – beide ebenfalls in Laichingen anwesend – mit mir ein Jahr zuvor die literarische Agentur Utoprop gegründet – und da wir uns auf SF und Fantasy spezialisiert hatten, waren der Heyne Verlag und Wolfgang Jeschke natürlich begehrte Ansprechpartner für uns.

Zu unserer großen Freude hatte er 1974 zwei Texte eines völlig unbekannten Newcomer-Autors angekauft, den wir vertraten: George R. R. Martin. Die Geschichten hießen „With Morning comes Mistfall“ und “A Song for Lya”. Eine Woche nach dem Con in Laichigen gewann „Lya“ den Hugo als beste Novella in Melbourne, Australien und die Geschichte erschien noch im selben Jahr im Story Reader 5. Für Martin bedeutete sie in den USA den Durchbruch, für uns war sie ein wichtiger Schritt nach vorne – für die Agentur, aber auch für uns persönlich. Ein freundschaftliches Verhältnis zwischen uns und Wolfgang entstand, das nicht zuletzt auf gegenseitigem Respekt in Bezug auf unser „SF-Fachwissen“ und unseren Background als Fans fußte.

In den nächsten Jahren arbeiteten wir oft zusammen – als Übersetzer für seine SF-Reihe bei Heyne, als Textlieferanten und schließlich als Verfasser des Lexikon der Science Fiction Literatur, bis heute das Standard-Nachschlagewerk für SF im deutschen Sprachraum.

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Wolfgang und Ehefrau Rosi waren auch häufig Gäste auf SF-Conventions, so trafen wir uns 1978 in Dublin auf der 1. World SF Convention oder 1979 in Brighton zum „SeaCon“, dem 37. SF-WorldCon. Unvergessen hier Robert Asprins (Herausgeber der Anthologienserie Thieves World) erstaunte Frage auf einer Room-Party, wer denn dieser deutsche U-Boot-Kommandant sei.

Sicheres Auftreten, durchdringender Blick, graumelierte Haare und Bart – nun ja, für Amerikaner erinnerte sein Aussehen wohl an einen Hollywood-Deutschen.

Dann, 1990 in Den Haag, beim 48. WorldCon „ConFiction“, war Wolfgang Jeschke nicht mehr nur Besucher, sondern Ehrengast.

Er hatte sich diese Einladung nicht nur aufgrund seiner Romane verdient (die inzwischen auch in den USA erschienen waren), die von Ihm herausgegebene Reihe im Heyne Verlag war mittlerweile die umfangreichste und auch erfolgreichste SF/Fantasy-Reihe in ganz Europa.

Der einzige deutsche Ehrengast zuvor war Herbert W. Franke 1970 in Heidelberg gewesen, das aber im eigenen Land. Wolfgang hielt jedenfalls eine tolle Ehrengast-Rede, die auch das gerade wiedervereinigte Deutschland thematisierte und aufgrund seiner kritischen Aussagen in Holland besonders gut ankam.

Mit Wolfgang als Autor kam ich schon 1970 in Berührung. Der Zeiter hieß die Storysammlung aus dem Lichtenberg Verlag, und die lange Novelle „Der König und der Puppenmacher“ zählte für mich zum Besten, was die deutsche SF bis dahin hervorgebracht hatte. Aber schon als Fan hatte er zehn, fünfzehn Jahre zuvor durch seine Storys von sich reden gemacht, etwa durch „Supernova“ in Utopia Magazin 23, einen leicht experimentellen Text, der es jederzeit mit den Hervorbringungen angloamerikanischer Autoren aufnehmen konnte.

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Sein liebstes Motiv war die Zeitreise. Sein erster Roman, Der letzte Tag der Schöpfung (1981), schildert den Versuch amerikanischer Spezialisten, fünf Millionen Jahre vor unserer Zeit die Erdölvorkommen der späteren arabischen Staaten abzupumpen.

Seine anderen Romane waren Midas (1989), Meamones Auge (1997), Osiris Land (1982, 1997) Das Cusanus-Spiel (2005) und Dschiheads (2013). Fast alle wurden in andere Sprachen übersetzt und gewannen den Kurd-Lasswitz-Preis oder den Deutschen Science Fiction Preis.

Anfang der achtziger Jahre gründete ich zusammen mit Hans Joachim Alpers den Verlag Fantasy Productions. Der erste Vertriebstitel war Osiris Land, den Wolfgang privat hatte drucken lassen. Später verlegte sich Fantasy Productions mehr und mehr auf Rollenspiele und deren Universen. Ab 1989 kam es zu einer langen und erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen FanPro und Heyne. Wolfgang hatte sich von den neuen Welten begeistern lassen, und fortan publizierte Heyne die Romane zu unseren Rollenspielen – BattleTech, Shadowrun, Das Schwarze Auge, Earthdawn, Renegade Legion, MechWarrior Dark Age – insgesamt weit mehr als 200 Titel, die über einen Zeitraum von zwanzig Jahren erschienen. Wolfgangs Verdienst dabei war, das Potential dieser Serien früh erkannt zu haben. Erst als Heyne BattleTech herausbrachte, zogen andere ausländische Verlage wie ROC/Penguin nach und sicherten den internationalen Erfolg.

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Wolfgang Jeschkes Status als Spitzenautor deutscher SF ist unbestritten, aber überstrahlt wird er noch durch seine Arbeit als Herausgeber und Lektor für die Heyne SF und Fantasy Reihe. Seit 1973 zusammen mit Herbert W. Franke, ab 1977 allein, formte er bis 2002 die Reihe und machte sie zum Aushängeschild des Heyne Verlags. Neben der Pflege ausländischer Spitzenautoren gab er auch dem deutschen Nachwuchs eine Chance, etablierte Unterreihen wie die Bibliothek der Science Fiction Literatur, die die besten Werke der SF präsentierte, gab Hunderte von Anthologien heraus und schuf mit dem Science Fiction Jahr eine voluminöse sekundärliterarische Bestandsaufnahme des Genres. Und neben all dem fand er noch Zeit, die Welt bis ihre entlegenen Winkel zu bereisen.

 

Wolfgang Jeschke starb am 10, Juni 2015 in München nach langer, heimtückischer Krankheit. Die deutsche Science-Fiction-Szene verliert mit ihm ihre wichtigste Persönlichkeit und ich einen Freund und Förderer.

Wolfgang hinterlässt seine Frau Rosemarie und seinen Sohn Julian. Unsere Gedanken sind bei ihnen.

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SF, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: BLUMEN FÜR ALGERNON von DANIEL KEYES by Martin Compart
30. November 2013, 10:58 am
Filed under: Alexander Martin Pfleger, DANIEL KEYES, Porträt, Science Fiction | Schlagwörter: ,

Ich habe wieder mal das Vergnügen, in diesem Blog einen Text der großen weißen Hoffnung der Germanistik zu präsentieren. Weitere sollen folgen!

Mann und Maus
Daniel Keyes´ „Blumen für Algernon“
von Alexander Martin Pfleger

Daniel Keyes´ „Blumen für Algernon“ zählt zu den wenigen Werken der US-amerikanischen Science Fiction, die bereits kurz nach ihrem Erscheinen auch außerhalb der engen Grenzen des Genres literarische Anerkennung fanden. Die 1959 erschienene Kurzgeschichtenfassung wurde mit dem Hugo Gernsback Award ausgezeichnet, die 1966 publizierte Romanversion brachte dem Autor einen Nebula Award ein – die beiden höchsten Ehrungen innerhalb des Science Fiction Genres. Im deutschen Sprachraum wurde der in mehrere Sprachen übersetzte erfolgreichste Roman des Literaturwissenschaftlers und Psychologen Keyes bereits in den 60er Jahren positiv in Kindlers Literatur Lexikon besprochen. Die Verfilmung von Robert Nelson unter dem Titel „Charly“ aus dem Jahr 1968 brachte dem Hauptdarsteller Cliff Robertson einen Oscar ein.

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Erzählt wird die Geschichte des geistig zurückgebliebenen zweiundreißigjährigen Charlie Gordon, der als Hilfsarbeiter in einer Bäckerei arbeitet und aufgrund seines unbeugsamen Ehrgeizes zu lernen und intelligenter zu werden dazu ausersehen wird, an einem einzigartigen wissenschaftlichen Experiment teilnehmen zu dürfen. Durch eine Gehirnoperation wird seine Intelligenz sukzessive gesteigert – parallel zu ihm wird der gleiche Eingriff bei der Maus Algernon vorgenommen. Sowohl beim Mann als auch bei der Maus scheint der Versuch geglückt. Während Algernon immer komplexere Labortests spielend zu meistern weiß, erlernt Charlie binnen weniger Wochen mehrere Sprachen, entwickelt sich zu einem auf wissenschaftlichem wie künstlerischem Gebiet überdurchschnittlich gebildeten Menschen, verfaßt linguistische Untersuchungen, komponiert Klavierkonzerte und übernimmt schließlich selbst die Überwachung des Experiments. Seine Beobachtungen führen ihn allerdings zu dem Schluß, daß es letzten Endes scheitern werde – auf eine kurze intellektuelle Hochphase bei ihm und der Maus folgt unwillkürlich der Rückfall in Primitivität. Tatsächlich wird Algernon auf einmal aggressiver, findet sich nicht mehr in den Labyrinthen zurecht, durch die man ihn laufen läßt, um seine Intelligenz zu messen, und stirbt schließlich an Hirnerweichung. Auch Charlies Sturz ist unausweichlich – er verlernt alles, was er sich noch vor ein paar Monaten selbst beigebracht hatte, kann mit moderner Musik, die ihn besonders faszinierte, nichts mehr anfangen, und führt schließlich sein Zurücksinken auf das Niveau eines Schwachsinnigen darauf zurück, daß er sein Hufeisen und seine Hasenpfote verloren oder jemand den bösen Blick auf ihn geworfen habe. Am Ende bleibt ihm nichts weiter übrig, als sich in ein staatliches Pflegeheim zu begeben und eine Notiz zu hinterlassen, Blumen auf das Grab Algernons zu legen, den er in seinem Garten beerdigt hatte.

FlowersForAlgernon500[1]Der in Tagebuchform geschriebene Roman umfaßt einen Zeitraum von knapp 10 Monaten, von Anfang März bis Ende November eines nicht näher bestimmten Jahres. Er präsentiert sich dem Leser als chronologische Sammlung der fast täglich abgefaßten Fortschrittsberichte Charlies für seine behandelnden Ärzte. Auf diese Weise gelingt es dem Autor, den Leser das Geschehen quasi unmittelbar aus der Perspektive des Betroffenen miterleben zu lassen. Zu Beginn beherrscht Charlie nicht einmal die einfachsten Regeln der Orthographie, im Verlauf der Behandlung erlernt er jedoch sehr schnell die Gesetze der Interpunktion, sein Satzbau wird komplexer, sein Wortschatz reichhaltiger, seine Darstellungsweise differenzierter und selbstreflexiver. Mit dem Schwinden seiner geistigen Fähigkeiten gleichen sich seine späteren Eintragungen wieder dem Anfang an.
Besonders Keyes´ originelle stilistische Vorgehensweise trug zur Eindringlichkeit bei, mit der sich die dargestellten Ereignisse dem Leser präsentieren. Obgleich das psychologische Einfühlungsvermögen des Autors zurecht gerühmt wurde, offenbart der Roman dennoch einige Klischees in der Figurenzeichnung. Charlies in ausführlichen Rückblenden erzähltes Vorleben wird allzu schematisch auf Schlüsselerlebnisse reduziert, die seinen Ehrgeiz zu lernen oder seine anfängliche Scheu vor Frauen erklären sollen. Auch sind die Differenzen der ihn untersuchenden Wissenschaftler etwas überzeichnet, und die weiblichen Charaktere des Romans entsprechen zu sehr bestimmten Stereotypen – die vom Kindler als „mütterlich“ bezeichnete Sonderschullehrerin Alice Kinnian oder die ausgeflippte, weltoffene, aber auch oberflächliche und letztlich unzuverlässige Künstlerin Fay – , als daß sie tatsächlich zu überzeugen vermöchten. Überhaupt merkt man der besonderen Betonung der sexuellen Verschlossenheit Charlies, die sich zudem in Angstträumen und Wachhalluzinationen niederschlägt, doch sehr stark die Verhaftetheit des Romans in Grabenkämpfen der 50er und 60er Jahre an. Die vielfach lobend hervorgehobene Vertiefung der sozialen Aspekte in der Romanversion mutet in dieser Hinsicht durchaus unvorteilhaft gegenüber der Kurzgeschichtenfassung an.DanielKeyes[1]

Dennoch tangieren diese Einwände die Substabz des Werks nur peripher. Ein zentrales Motiv des Romans ist die Ungeduld, mit der insbesondere Erwachsene dem jungen Charlie in einer Phase begegnen, da etwas mehr Zeit, Anteilnahme und Zuwendung eine und wenn auch noch so geringe geistige Weiterentwicklung hätten ermöglichen können. Insbesondere hinsichtlich dieses konsequent entwickelten Motivs ist dem Autor ein Meisterstück subtil andeutender Charakterisierungskunst geglückt. Diesbezüglich läßt sich auch die Grundhaltung des Buchs gegenüber dem wissenschaftlichen Fortschritt sehr präzise erfassen – kein billiger Zukunftsoptimismus, auch keine unreflektierte Fortschrittsfeindlichkeit, wohl aber ein besonnener Hinweis darauf, nicht blind auf die Segnungen der Wissenschaft zu vertrauen, wo sich wahrhaftiges Menschentum und wahrhaftige Mitmenschlichkeit hätten behaupten müssen, aber kläglich versagten.
Die besondere Anziehungskraft von „Blumen für Algernon“ – in welcher Form auch immer – beruht aber letztlich auf der Vergegenwärtigung der Ohnmacht des Ich-Erzählers gegenüber Geschehnissen, die er zwar rational erfassen, nicht aber verhindern kann, und auf der geradezu alptraumhaft wirkenden Wiederkehr längst überwunden geglaubter Entwicklungsstufen. Charlie durchschaut auf seinem geistigen Höhepunkt die Unzulänglichkeit der an ihm und Algernon vorgenommenen Maßnahmen, erkennt, daß zu einem späteren Zeitpunkt eine tatsächliche Intelligenzsteigerung auf medizinischem Weg möglich sein könnte, weiß aber auch, daß er diese Entwicklung nicht mehr erleben wird. Dem Rückfall in die geistige Unterentwickeltheit seines früheren Lebens sieht er zunächst mit der Gefaßtheit eines tragischen Helden entgegen, der das Unabänderliche akzeptiert; im Laufe seines Herabsinkens bemüht er sich vergeblich darum, zumindest Teile seiner einmal errungenen Intelligenz zu bewahren, um schließlich am Endpunkt der Entwicklung die Geschehnisse überhaupt nicht mehr zu verstehen und auf Erklärungsmodelle aus dem Bereich des Aberglaubens zurückzugreifen.
Der Vorwurf, daß letztlich jede Science Fiction Erzählung zum Thema „Übermenschen“ daran scheitere, die Geschichte aus der Perspektive eines weit über dem Durchschnitt stehenden Protagonisten zu schildern, wurde auch Keyes vereinzelt gemacht, erweist sich aber bei genauerer Lektüre als unzutreffend. Keyes beschränkt seine stilistischen Experimente auf Charlies Schwachsinnsphasen; seine geistigen Höhenflüge werden hingegen lediglich angedeutet und sprachliche Exaltationen vermieden. Keyes´ Roman erscheint nicht allein deshalb geradezu zeitlos; eine Geschichte wie die Charlies ist gerade heutzutage, angesichts des rasanten Erstarkens längst überwunden geglaubter deterministischer und biologistischer Ansätze in erziehungs- und sozialpolitischen Fragen, wieder von beängstigender Aktualität.

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Daniel Keyes:
Blumen für Algernon. Roman
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Eva-Maria Burger
Klett-Cotta, Stuttgart 2006
298 Seiten, 19.50 EUR
ISBN: 978-3-608-93782-4
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EIN BLADE RUNNER ERZÄHLT: JONATHAN LETHEMS ESSAYS by Martin Compart
29. April 2013, 1:51 pm
Filed under: Bücher, Comics, Film, Jonathan Lethem, MUSIK, Politik & Geschichte, Science Fiction | Schlagwörter: , , ,

Der 1964 geborene Jonathan Lethem ist als Kind einer Hippie-Familie ein genauer Analytiker seiner Generation und darüber hinaus unter den US-Autoren der vielleicht beste Beobachter des neuen Jahrtausends. Sein erster Roman erschien 1994: DER KURZE SCHLAF war eine höchst amüsante Kombination aus Chandlerscher PI-Novel und SF. Lethem engagierte sich in der Occupy Wall Street-Bewegung und ist, wie sein Jugendidol Norman Mailer, ein politischer Autor ohne Scheu davor, eine kritische Meinung zu vertreten. Bei uns hat er ein festes Heim im Tropen Verlag gefunden, wo er jetzt neben dort gut behandelten Genre-Autoren wie Roger Smith und Joe Lansdale steht.

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Lethem legt mit BEKENNTNISSE EINES TIEFSTAPLERS – MEMOIREN IN FRAGMENTEN (THE ECSTASY OF INFLUENCE) eine sowohl stilistisch wie analytisch brillante Esssay-Sammlung vor, wie man sie bei uns von keinem Belletristen erwarten kann. Es sind Essays zur Populärkultur. Ein Begriff, der Lethem nicht wirklich zusagt:
In einem kurzen Essay wendet er sich gegen diesen Terminus, da er mehr mit dem Ausdruck Alltagskultur anfangen kann, der „rege eher zum Nachdenken an, er lege Fragen und Differenzierungen nahe, statt Unterschiede zu überkleistern“. Leider ist die deutsche Ausgabe gekürzt. Ähnlich schlimmes muss man auch über die deutsche Veröffentlichung der Essays von Nick Tosches sagen.

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Im Mittelteil dieser Essay-Sammlung haut Jonathan Letham mächtig aufs System ein und knöpft sich die impotenten Krämer vor, die Angst davor haben, durch moderne Technologien ihre parasitäre Position im Zwischenhandel zu verlieren:

„Die Welt ist ein Haus, das mit popkulturellen Produkten und Emblemen zugemüllt ist…Diese Dinge gehören mir genauso wenig wie Gehsteige und Wälder, doch ich lebe mit und in ihnen, und wenn ich eine Chance haben soll, als Künstler oder Bürger zu bestehen, muss es mir erlaubt sein, sie zu benennen…
Die Vorstellung, dass kulturelle Erzeugnisse Eigentum sind – geistiges Eigentum – soll rechtfertigen, dass Pfadfinderinnen für die Lieder, die sie am Lagerfeuer singen, Lizenzgebühren bezahlen… Thomas Jeffersons Vision (vom Urheberrecht) wurde über die Jahrhunderte von jenen unterwandert, die Kultur als einen Markt betrachten, aus dem alles, was irgendeinen Wert hat, notwendig auch einen Eigentümer haben muss…“ Lethem beschreibt die ekeligen Warnfilme der Musik- und Filmindustrie, die illegales downloaden kriminalisieren und mit dem Diebstahl von Autos oder Handtaschen gleichsetzen und kommt zum Schluss: „(Gestohlene) Autos und Handtaschen stehen ihren Besitzern nicht mehr zur Verfügung, die Aneignung von geistigem Eigentum dagegen lässt das Original unberührt.“ „Doch die Industrie des kulturellen Kapitals, die nicht vom schöpferischen Akt profitiert, sondern von seiner Verbreitung, betrachtet den Verkauf der Kultur als ein Spiel, bei dem sie nicht verlieren kann… Die raubgierige Erweiterung von Monopolrechten lief dem öffentlichen Interesse immer zuwider, ob nun Andrew Carnegie den Preis von Stahl kontrollierte oder Walt Disney die Geschicke der Maus.“ Fast schon naiv klingt die ideologische Begründung, derer sich die Parasiten wohl gerne bedienen: „In der in Theorie der freien Marktwirtschaft gilt jeder Eingriff, der die Umwandlung in Eigentum behindert, als paternalistisch, da er die Freiheit des Bürgers in seiner Neubestimmung als potentieller Unternehmer beschneidet.“

Wie wenig (oder besser: gar nicht) dieses nur verkürzt als Kapitalismus zu bezeichnende System der Allgemeinheit dient, macht er unmissverständlich klar:„Wir müssen deshalb mit äußerster Wachsamkeit die Übergriffe derjenigen verhindern, die unser gemeinschaftliches Erbe für ihre persönliche Bereicherung ausbeuten. Solche Übergriffe auf unsere natürlichen und kulturellen Ressourcen haben mit Unternehmergeist und Eigeninitiative nichts zu tun. Vielmehr sind sie Versuche, dem Volk etwas fortzunehmen, um es einigen wenigen zu übereignen.“

Superhelden begleiten ihn seit der Kindheit. Er hatte selbst den 70er Marvel-Helden OMEGA revitalisiert. Witzig und nachdenklich lässt er sich über die Kostümträger und diverse Verfilmungen aus. Etwa über SPIDERMAN: „Ebenso hat Parker etwas von einem masturbierenden Teenager, wenn er hinter verschlossenen Türen seine neue Fähigkeit ausprobiert, klebrige Spinnweben-Masse zu verschleudern.“

Er schreibt über Dylan (dieser Text ist schon jetzt ein Klassiker), Marlon Brando, Sex im Film, Norman Mailer und – sehr ausführlich – über Science Fiction, insbesondere Philip K.Dick und J.G.Ballard und viele andere kulturelle Topoi. Memoiren sind diese Essays nur insofern, dass sie die innere Entwicklung des Autors verfolgen. Das ist Analyse und Kritik der Popkultur, Lethem möge mir verzeihen, auf einem Niveau, von dem das deutsche Print-Feuilleton nur träumen kann. Für diese Spießbürger hat er auch ein paar warme Worte: „Die Vorstellung, dass die um ihren Status besorgten Wächter der hohen Literatur eine anerkannte Unterklasse (etwa die SF) benötigen, die sie verachten können, schien mir nie zu exotisch als Diagnose.“

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Sein jüngster Roman, CHRONIC CITY, ist bei Tropen ebenfalls lieferbar und wird durch die vorherige Lektüre der Essays beim Leser fast wie eine praktische Demonstration seiner theoretischen Überlegungen. Es ist eine Art Bildungsroman für das 21.Jahrhundert und bestätigt Letham als einen der originellsten und intelligentesten Autoren der zeitgenössischen Weltliteratur.




ERBAULICHE LEKTÜRE FÜR DIE HEILIGE ZEIT by Martin Compart

Der eine oder andere wird über die Feiertage vielleicht keinen Abenteuerurlaub machen und zwischen den obligatorischen Besuchen auch den Volksempfänger meiden. Wer die Tage lieber lesend verbringt, soll hier ein par höchst subjektive Empfehlungen erhalten (oder letzte Geschenkideen).

5656Seit Jahren pflegt der Heyne-Verlag vorzüglich das Gesamtwerk des großen Hunter S.Thompson, der den politischen Niedergang der USA seit den 1960ern aktiv als Kandidat und als beobachtender Autor begleitet hat, Er war und ist die nachhallende Stimme der Revolte und schrieb so, wie Keith Richard (mit dem er befreundet war) Gitarre spielt. Jetzt gibt es dank Heyne einen 770-Seiten-Schinken, der alle Reportagen Hunters für den ROLLING STONE enthält. Dazwischen eingestreut sein Briefwechsel mit STONE-Gründer und Herausgeber Jann Wenner. Nachrichten aus einer anderen Zeit, deren schlimmsten Weichenstellungen bis heute fortwirken. Hunter war wirklich ein sehr, sehr wütender Mensch. Er ist wohl nie darüber hinweg gekommen, dass er anfangs auf Bill Clinton (…er hat Oralsex während der Arbeitszeit gesellschaftsfähig gemacht.“) hereingefallen ist.

Hunter S,Thompson
DIE ROLLING STONE JAHRE
Heyne; 770 Seiten; 24,99 €.

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Nicht Jedes Buch, das aus dem viel geschmähten Kopp-Verlag kommt, taugt nicht. Der eitle Litauer Daniel Estulin hat für sein Buch SCHATTENMEISTER: „Wie Regierungen und deren Geheimdienste mit internationalen Drogendealern und Terroristen zusammenarbeiten“ ordentlich herum geschnüffelt und zum Teil Fakten ausgebuddelt, die man vielleicht noch nicht kannte (wie IWF und die USA etwa Russland unter Jelzin ausgeplündert haben). Vieles Behauptungen erscheinen mir strittig und oft genug vergaloppiert sich der Autor. Aber einiges ist neu und verdammt interessant. Ein Buch für den fortgeschrittenen und in sich gefestigten „Verschwörungstheoretiker“, der bereits über genügend Wissen verfügt um Estulins Erkenntnis richtig zu bewerten. Denen wird das Buch eine Menge bieten. Leider sind Übersetzung und Lektorat nicht optimal.

Daniel Estulin
SCHATTENMEISTER
Kopp Verlag; 420 Seiten; 9,95 €.

kopfjägerDie neue Crime-Reihe des Festa Verlages beginnt mit einem Knaller:
Der Name Michael Slade beinhaltet seit 1984 mit das Aufregendste, das die kanadische Kriminalliteratur zu bieten hat: Mountie Noir. Der 1947 geborene Jurist und Historiker Jay Clarke legte damals mit Der Kopfgeldjäger den ersten Band seiner „Special X“-Serie vor. Dabei handelt es sich um eine Abteilung der RCMP, die sich mit Serienkillern und okkulten Verbrechen beschäftigt. Das klingt mittlerweile zwar so ausgelutscht wie ein alter Kaugummi von Elvis, war es damals aber nicht und ist es heute immer noch nicht. Dem Historiker Clarke gelingt es nämlich ebenso spannend vergessene Ereignisse der Geschichte (besonders der kanadischen) als Hintergründe einzuarbeiten, wie unglaublich bizarre Figuren und erschreckende Szenen zu beschreiben. Inzwischen haben sich einige Koautoren zu Clarke gesellt, die sich aber bestens in das Slade-Konzept einfügen. Und das heißt ganz einfach: Bei der Lektüre sollte man Beruhigungsmittel bereitlegen. Eine komplette Würdigung muss an anderer Stelle erfolgen.

Michael Slade
KOPFJÄGER
Festa Verlag; 528 Seiten; 13, 95€.

Bradley_Cover_high Und ich werde nicht müde, auf Andreas Winterers Scott Bradley zu verweisen, den Mann aus dem Dirty-Tricks-Departmrnt von Perry Rhodan!
Die Galaxis steht vor dem Abgrund … doch Weltraum-Commander Scott Bradley ist längst einen Schritt weiter. Als dickfelliger Söldner und trinkfester Haudrauf ist er vor allem für tödliche Einsätze zu haben. Dabei operiert er stets jenseits von Gut und Böse und befreit das Universum von Aliens, Blobs, Mutanten und politisch korrekten Gutmenschen. Eine lustbetonte Ein-Mann-Armee, die Imperatoren, Partisanen und schönen Damen gleichermaßen unter die Arme beziehungsweise in die Gedärme greift, KULTURPLATZ brachte es auf den Punkt: „ Auch für Dumpfbacken tauglich und knallvoll mit Schwachsinn. Perfekte Trash-Literatur. Was willst du mehr, Leser?
Tief durchatmen und …. waaa-aaa-aaa!!! Der Untertitel ist Programm. Der totale Overkill an Blödheiten, Anspielungen und … Blödheiten. Auf jeder Seite des freundlich handlichen Büchleins finden sich mindestens ein halbes Dutzend … Blödheiten. Andreas Winterer hat in das Büchlein doppelt mehr Unfug hineingepackt als Mel Brooks in Spaceballs untergebracht hat. Und das will was heißen. Hut ab und Kratzfuß, lieber Andreas Winterer“
Wie könnte man auch ein Buch nicht bewundern, in dem so kunstvolle wie intelligente Sätze stehen (mein Lieblingssatz) wie: “Der Kobalt-Torpedo zischte vorbei, schrammte die Heckflosse und verlor sich dann in der Ferne des Alls (wo er dann Lichtjahre später aus Versehen eine hochstehende und gottesfürchtige Zivilisation auslöschen würde: die Supernova hatte jedoch auch ihr Gutes, da sie auf einer fernen Welt drei Typen aus dem Morgenland den Weg wies, was zahllose weitere Kriege, Folterungen und Steuern nach sich zog, aber das ist eine andere Geschichte).”

Andreas Winterer:
SCOTT BRADLEY
Evolver Books; 213 Seiten; 14 €.
Jetzt als eBook bei Kindle als kostenloser Download.
Besser ist aber ein „richtiges Buch“, dass man sich von Andreas signieren lassen kann (der Verlag macht da garantiert mit)!

Unbenannt-2 Zsolnay hat uns jetzt lang genug mit den Pastiches von Donald Westlake über den altersschwachen Parker gelangweilt. Jetzt bringt der Verlag den neuen schottischen Noir-Star Tony Black. Sein zweiter Gus Dury-Roman beginnt damit, dass Gus einen Hund rettet, der von einer jugendlichen Gang gequält wird. Und dann stolpert der härteste Alkoholiker Edinburghs auch bald über eine Leiche. Der zuständige Bulle, der Durys Ex heiraten will, verpasst ihm erstmal eine Abreibung und macht ihn zum Verdächtigen. Alles noch harmlos, denn dann geht es erst richtig los und der großartige Autor schleift den Leser am Schlafittchen durch die Hinterhöfe der Hölle. “At the start of Gutted, he’s caught up in another brutal city killing and he suspects it’s not going to be long before he’s put in the frame. Add to that the fact that he’s inherited a pub – which is like putting a pyromaniac in charge of a fireworks factory – and it’s clear to see things have gone from bad to worse for the poor bloke.” Dummerweise wird Black gerne als „neuer Ian Rankin“ bezeichnet. Quatsch. Er ist anders und viel besser. „ Inside the crime genre I like Jim Thompson and David Goodis, and contemporary writers like Ken Bruen and Martyn Waites. I’m a huge Irvine Welsh fan“

Tony Black
GELYNCHT
Zsolnay Verlag; 382 Sewiten; 19,90€.



M.P.SHIEL: Die Kurzprosa des Inselkönigs von Alexander Martin Pfleger by Martin Compart
12. September 2012, 8:50 am
Filed under: Alexander Martin Pfleger, M.P.Shiel, Michael Moorcock, Porträt, Rezensionen, Science Fiction | Schlagwörter: , ,

Es ist immer ein erhellendes Vergnügen, einen Text von Alexander Martin Pfleger zu lesen. Er gehört zu den besten und originellsten unter den jungen deutschen Literaturwissenschaftlern und verfügt über ein bemerkenswert breites Spektrum. Auf literaturkritik.de steht lapidar:

„Veröffentlichungen über Gerhart Hauptmann, Thomas Mann, Josef Weinheber, Ernst Jünger, Arno Breker und Alfred Elton van Vogt.
Forschungsschwerpunkte: Epigonale (oder besser gesagt: gemeinhin als epigonal angesehene) deutschsprachige Versdramatik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, NS-Literatur und Literatur der Inneren Emigration, kommerzielle Hörspiele, Trivialliteratur.“

Ich hatte bereits das Vergnügen, einen Text über Michael Moorcock in diesem Blog zu veröffentlichen. Hier nun schreibt er über einen der faszinierendsten Literaten des britischen Empires.

Der erste deutschsprachige Auswahlband einiger Erzählungen von Matthew Phipps Shiel
von Alexander Martin Pfleger

Matthew Phipps Shiel zählt hierzulande immer noch zu jenen Klassikern der angloamerikanischen Phantastik, deren Bedeutung sich mehr an der Anzahl ihrer Erwähnungen in Essays und Lexika zur phantastischen Literatur denn anhand ihrer deutschsprachigen Übersetzungen ablesen läßt. Zollten ihm zu Lebzeiten so unterschiedliche Autorinnen und Autoren wie Dorothy Sayers, Rebecca West, H. G. Wells, Arnold Bennett, E. F. Benson, L. P. Hartley, J. B. Priestley, Hugh Walpole, Dashiell Hammett, Lawrence Durrell oder H. P Lovecraft ihren Tribut, so fristete er bei uns seit seinem ersten Auftreten kaum mehr als ein Schattendasein. Ende der 1970er Jahre fand eine seiner bekanntesten Erzählungen, das Fragment „Xelucha“, Eingang in eine Reclamanthologie klassischer englischer Spukgeschichten. Anfang der 1980er Jahre, als es noch völlig undenkbar war, daß ein Titel aus diesem Bereich auch nur das minimalste feuilletonistische Interesse auf sich zu lenken vermöchte, wenn er unglücklicherweise außerhalb der „Phantastischen Bibliothek“ oder der „Hobbit Presse“ erschien, kam Shiels bekanntester Roman, die „Letzte-Mensch“-Geschichte „The Purple Cloud“, auf Grundlage der Originalfassung von 1902, mit einem detaillierten Nachwort des späteren SFWA-Präsidenten David G. Hartwell versehen, in der Übersetzung von Hans Maeter als Heyne Taschenbuch heraus. Erst in den 1990er Jahren erschien wieder eine Erzählung von ihm – die Titelstory des vorliegenden Bandes! – in einer Heyne-Anthologie.

Seine Präsenz im sekundären Sektor indes war dazu angetan, das Interesse an seinem Werk lebendig zu erhalten. In Rein A. Zondergelds „Lexikon der phantastischen Literatur“ konnte man von einer Vielzahl phantastischer Abenteuerromane und Erzählungen sprachlich barock-archaisierenden Zuschnitts lesen, die dem Enzyklopädisten zwar größtenteils künstlerisch mißglückt dünkten und zudem die reaktionären, schon durchaus faschistisch zu nennenden Ansichten ihres Verfassers offenbarten, von denen einige aber durchaus einen gewissen Anspruch auf literarhistorische Bedeutung innerhalb des phantastischen Genres für sich beanspruchen dürften, insbesondere die Erzählung „Vaila“ oder, wie sie in ihrer späteren Fassung heißen sollte, „The House of Sounds“, die aber letztlich nichts weiter als eine sowohl inhaltlich als auch sprachlich geradezu ans Lächerliche grenzende Nachahmung von Edgar Allan Poes „Der Untergang des Hauses Usher“ darstelle, wohingegen sie H. P. Lovecraft, vor allem die überarbeitete Version, als Meisterwerk feierte.

Als sich während der 1890er Jahre Arthur Conan Doyle vom Ruhm seines Sherlock Holmes zu emanzipieren trachtete, indem er diesen in den Reichenbachfällen bei Meiringen ein vorläufiges Ende finden ließ, gab es einige, die um den verwaisten Thron des Meisterdetektivs aus der Baker Street buhlten, und für nicht wenige Leser und Kritiker schien für einige Zeit Matthew Phipps Shiel mit seinem „Prince Zaleski“ aus dem gleichnamigen Erzählungsband von 1895 der vielleicht aussichtsreichste Aspirant zu sein. Des Prinzen berüchtigtster Fall ist ohne Zweifel in der Geschichte „The S. S.“ dokumentiert, die von den Machenschaften eines weltweit operierenden Geheimbundes handelt, der „Society of Sparta“, die es sich zur Aufgabe gesetzt hat, alle Kranken und Schwachen zu töten, diese Unternehmungen aber wie Selbstmord aussehen zu lassen. Shiel beschränkte sich jedoch nicht auf das Feld der Detektivgeschichte, sondern versuchte sich in den unterschiedlichsten Genres. Er behandelte Themen der décadence auf eine Weise, die seine Romane und Erzählungen sich auf dem Jahrmarkt der Sensationsliteratur zeitweilig äußerst erfolgreich behaupten ließ, allerdings nicht verhindern konnte, daß sie letzten Endes Geheimtips blieben.

Brian W. Aldiss – keineswegs ein Bewunderer Shiels! – äußerte einmal, daß man die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts als eine Wiederholung des 19. nach einem Drehbuch von Shiel ansehen müsse. Jugendwahn, Übermenschenkult, Vernichtungsphantasien – all dies findet man in seinen Werken in einem zwischen Baudelaire und Boulevard, zwischen Swinburne und „The Strand“ oszillierenden, auf manchen Leser mit literarischen Anspielungen überfrachtet wirkenden Stil dargeboten, dem Aldiss angesichts von Sätzen wie „As a brimming maiden, out-worn by her virginity, yields half-fainting to the dear sick stress of her desire—with just such faintings, wanton fires, does the soul, over-taxed by the continence of living, yield voluntary to the grave, and adulterously make of Death its paramour.” (In deutscher Übersetzung: „Wie eine alte Jungfrau, von ihrer Jungfräulichkeit verdorrt, sich halb ohnmächtig der vertraut wehmütigen Qual ihres Verlangens hingibt – mit solcher in Ohnmacht versinkender, brennender Lust gibt sich die Seele, überdrüssig der Enthaltsamkeit des Lebens, dem Grabe hin und nimmt sich ehebrecherisch den Tod zum Geliebten.“; zitiert nach Brian W. Aldiss: „Der Millionen-Jahre-Traum. Die Geschichte der Science Fiction“. Bergisch Gladbach 1980. Ins Deutsche übertragen von Michael Görden, S. 196) aus „The S. S.“ eine geradezu preiswürdige Groteskheit attestierte.

Sehr direkt geht es auch in dem Roman „The Lord of the Sea“ (1901) zu, der Geschichte eines fanatischen Antisemiten, der zunächst aus Rache die Unterdrückung und Entrechtung der Juden forciert, schließlich aber erfährt, daß er – Schirinowski läßt grüssen! – selber jüdischer Abkunft ist und in Palästina einen jüdischen Staat gründet. Mit „The Yellow Danger“ von 1898, wie der Titel bereits nahelegt der Geschichte eines „schlitzäugigen Schurken“, sollte Shiel schliesslich, zumindest für den englischen Sprachraum, ein ungutes Schlagwort liefern, das selbst Lesern geläufig sein dürfte, die nie etwas von Shiel gehört haben.

Diese durchaus als skandalumwittert anzusehenden Texte liegen aus nachvollziehbaren, wenngleich nicht immer berechtigten Gründen (noch?) nicht auf Deutsch vor, aber gerade ihr Nimbus wirft die Frage auf, worin denn nun eigentlich die Bedeutung Shiels begründet läge und wie sich die Faszination erklären ließe, die er auf solch eine illustre Schar von Bewunderern auszuüben vermochte. Zu einer solchen Erklärung trägt die erste deutschsprachige Sammlung einiger seiner Kurzgeschichten leider nichts bei, obwohl gerade sie ideal dazu disponiert gewesen wäre – und dies vor allem aufgrund der Person ihres Herausgebers.

Das vorliegende Buch ist keine deutschsprachige Originalzusammenstellung, sondern die deutsche Ausgabe der ersten spanischen Kurzgeschichtensammlung Shiels, welche von Javier Marías zusammengestellt wurde, der in einigen seiner Romane Anspielungen auf Klassiker der englischsprachigen Phantastik um 1900 einbaute, insbesondere auf Arthur Machen – und eben auf Shiel. Wir wollen die Angelegenheit nicht schlecht reden: Es liegen nun ein paar interessante Texte in erwartungsgemäß guter Übersetzung gesammelt vor – die Titelgeschichte in einer Neuübersetzung, die erste Fassung von „Vaila“ (die von Lovecraft gerühmte zweite Fassung „The House of Sounds“ erschien 2002 in einer Anthologie des Festa Verlages erstmals auf Deutsch) sowie vier andere Erzählungen und zwei autobiographische Texte. Ergänzt wird das Buch durch einen Kommentarteil von Antonio Iriarte, der sowohl zahlreiche literarische Anspielungen in Shiels Werken entschlüsselt, als auch den verschiedenen biographischen Verästelungen bis hin zu Oscar Wilde und Knut Hamsun nachspürt, gegenüber der spanischen Ausgabe jedoch „eine adaptierte und leicht gekürzte Fassung“ darstellt – warum auch immer. Wahrhaft abgerundet wäre das Ganze gewesen, hätte Marías einen großen Essay, notfalls ein kurzes und prägnantes Vor- oder Nachwort beigesteuert, doch seine Beiträge zu diesem Band sind enttäuschend und lassen es zweifelhaft erscheinen, ob sich hiermit ein gelungener Einstand bestreiten ließe.

David G. Hartwells Ausführungen zu Shiel im Allgemeinen und zu „The Purple Cloud“ im Besonderen waren entschieden werkbezogen – Shiel wurde unter den frühen Science Fiction Vorläufern um 1900 in die Tradition Poes im Unterschied zu den Traditionen von Jules Verne und H. G. Wells eingeordnet, sein Stil als häufig mißglückte, selten als wirklich gelungen zu erachtende Kombination seiner Idole Thomas Carlyle und Edgar Allan Poe charakterisiert und seine Charaktere als letzten Endes künstlich herausgearbeitet – entweder mithilfe vieler Kunstgriffe auf interessant getrimmt oder klischeebehaftet belassen. Auch in seinen autobiographischen Texten, so Hartwell, habe Shiel eher eine Kunstfigur entworfen, möglicherweise ein souveränes Idealbild seiner selbst, denn ein zutreffendes Bild von sich gezeichnet, weshalb diesen mit Vorbehalten zu begegnen geraten schiene. Ein biographisches Detail erwähnt Hartwell nur als Kuriosität am Rande: daß nämlich Shiel großen Wert darauf legte, den Titel eines Königs der Karibikinsel Redonda (auch: Redegonda) führen zu dürfen.

Diese Angelegenheit ist für Marías indes von eminenter Wichtigkeit, da er selbst seit einigen Jahren diesen Titel als legitimer Nachfolger Shiels führt und so auch die Rechte an seinem Gesamtwerk besitzt. Javier Marías hat offensichtlich einen großen Freundeskreis. Auf prominente Namen wie Francis Ford Coppola, Eric Rohmer, Pedro Almodóvar, António Lobo Antunes, Claudio Magris, Antonia S. Byatt, J. M. Coetzee, César Romero, Alice Munro, W. G. Sebald, Pierre Bourdieu sowie seinen deutschen Verleger Michael Klett und die Übersetzerin Carina von Enzenberg stößt man in den Listen der Ehrenbürger, Preisträger oder was auch immer des Königreichs Redonda, die Marías dem Band beigefügt hat. Welcher Art jedoch deren Bezug zu Shiel ist, inwiefern Shiel auf das Schaffen der Erstgenannten einen konkreten künstlerischen Einfluß ausübte oder diese in einer zwar abstrakten, aber letztlich schlüssig darzulegenden Weise in einer von Shiel begründeten Tradition stünden, wird nicht ersichtlich. In seinem Vorwort weist er lediglich auf die Shielreminiszenzen in seinen Werken hin und referiert in groben – man muß wirklich sagen: in extrem groben Zügen die „Geschichte“ des Königreichs Redonda von Shiel bis Marías. Nichts also von „Leiden und Größe Matthew Phipps Shiels“, sondern leider nur Vereinsinterna aus Javier Marías´ exklusivem privaten Kegelclub bzw. Kaffeekränzchen.

Dem unvoreingenommenen Leser bietet sich folglich eine zwar abwechslungsreiche Sammlung kurzer Erzählprosa dar, die sich sehr schön in das Gesamtbild angloamerikanischer Phantastik und Abenteuerfiktion um 1900 einfügt – Erzählungen, die Motive Poes oder auch Villiers de l’Isle-Adams, den Shiel übersetzte, aufgreifen und weiterführen, und die den Vergleich mit entsprechenden Werken von H. G. Wells, Robert Louis Stevenson, Jack London und wiederum Arthur Conan Doyle nicht zu scheuen brauchen: worin jedoch das Besondere des Shiel´schen Oeuvres läge, welches den Kult um sein Werk und den Firlefanz um das Königreich Redonda nachvollziehbar sich gestalten ließe, dürfte hieraus kaum ersichtlich werden. Ein kleiner rezeptionsgeschichtlicher Lichtblick – aber sonst ? Diese Chance wirkt vertan, aber es könnten sich durchaus noch weitere bieten, die sich besser nutzen ließen: In den Anmerkungen verweist Antonio Iriarte auf Seite 250 auf „Cold Steel“ von 1899, „Shiels vierter Roman (und zugleich einer seiner besten)“. Man vernimmt die Botschaft dankbar und harrt, neugierig geworden, einer spanischen Ausgabe des Buchs – nicht zuletzt in der Hoffnung, daß dann Klett Cotta nachzöge; nach Möglichkeit dann aber mit etwas mehr Hintergrundinformationen in Sachen Shiel von Javier Marías.

Matthew Phipps Shiel:
Huguenins Frau. Erzählungen
Herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Javier Marías
Aus dem Englischen übersetzt von Wolfgang Krege
Aus dem Spanischen übersetzt von Carina von Enzenberg
Klett-Cotta, Stuttgart 2006
251 Seiten, 19.50 EUR
ISBN: 978-3-608-93631-5
3-608-93631-9

Eine Hollywood-Version von THE PURPLE CLOUD