Martin Compart


DIE 3 VOM PFANDHAUS oder Neues von der Berliner Bande – Nach anhaltenden Korruptionsskandalen (neuer Höhepunkt Toll Collect) sollte man doch über die Wiedereinführung der Todesstrafe nachenken by Martin Compart

 

Wenn Dobrint, Scheuer, Schäuble und Co. den geringen zivilisatorischen Zusammenhang unseres spätkapitalistischen Systems im Zusammenbruch beschleunigen, kann ich das als Aktionär nur als Sabotageakt im Krieg werten. Und darauf steht Todesstrafe für die Verantwortung tragenden Krüppel, die auch noch die Gewaltenteilung außer Kraft gesetzt haben`:

Ich hab halt Geld so gern. Und außer Korruption hat man mir ja in der CSU nix gelernt.

Ich seh mich eher als den geborenen gegelte Verbrecher. Das überlebe ich in der CSU allemal. Und a bissserl an Laridari bleibt scho hängen. Steuerzahler – igitt. Braucht man die außerhalb von mir? Ich bin nicht so blöd, wie ihr denkt!

 

„Jetzt habt´s euch doch nicht so, ihr Medien. Was sind schon 300 Mios von Deppen. Dafür besorg ich euch doch durch gemeinschaftliche Wegelagerei a lockere Milliarde für Lobbyzeugs. Ich mags lieber mit die Reichen. Dafür bin ich ja in die CSU ganga. Ist doch besser als bei die Sandler. Verdien i net a chance? Hab jetzt schoo a kleine Million und bin no nett lang im Oamt“. Mir solls ja nicht im Alter gehen wie Brause-Krause, der die Korruption nur aus dem Westfernsehen kannte. I weiss schon, wo   I bleib. I bin net nur gegelt, I bin a a Sau, die über Leichen geht – u wenns die Partei iss. I bin a nimmer für die CSU da, die issa dafür dass I woas hab un mehr kriag“, euer Scheuer, der es auch nicht so leicht hat.

„Des stimmt! Mir hoattns nie leicht am Schulhoaf bis mir mit 14 die CSU verfügt hoam. Meine Mutter hat mir noch ein Kotelett um den Hals gehängt, damit wenigstens die Köter mit mir spoiln. Erst bei der CSU hab I gleichbetroffene gespürt „, meint der Dobrint.

„Was halten Sie denn von der Todesstrafe?“

„Für miii wär das nix. Aber für die Roten allemal. Die woin ja alles kaputt macha, was mir nützt und gefällt! Dreckssaubande, das.“

Fragen wir einen weiteren EX-Verkehrsminister, der etwas von Korruption versteht nach der Rechtfertigung für die Todesstrafe bei Politikern.

„Doch, doch. Die Todesstrafe hat scho seine Berechtigung bei die zwei. Bei mir eher net. Das iss aba ja so: Wenn Politiker a bisserl zu korrupt sind – wie der Andy oder der andere, I net – dann mag das der Bürger nicht wirklich und wendet sich noch rechteren Parteien zu. Und dann ist es halt irgendwann vorbei mit der parlamentarischen Kleptokratie und wir kriegen einen neuen Hitler, der wo wieder vergasen tut. Oder ohne die Amerikaner an Kriag onfanga tut. Insofern wäre es schon gerechtfertigt bestimmte Politiker, die dem Allgemeinwohl Schaden zugefügt haben, zur Verantwortung zu ziehen. I tät sie halt noch a bisserl foltern. Vorher. Di Hamm ja mir und meiner Karriere auch Schaden zugefügt, diese Seehofer-Karrieristen. Nein, wäre schon gerechtfertigt bei den Saubratzen.“

 

Advertisements


KLASSIKER DES POLIT-THRILLERS: OSS117 und MALKO – DIE FRANZÖSISCHEN SUPERAGENTEN by Martin Compart

Der erste Superagent der Nachkriegszeit war nicht Flemings James Bond, sondern der CIA-Agent OSS 117 aus der Feder des Franzosen Jean Bruce (Pseudonym für Jean Alexandre Brochet; 1921-1963), der mit der Unterstützung seiner Frau,die die Serie nach dem Tod ihres Mannes alleine fortsetzte, diesen Franzosen im Dienste der Amerikaner um den Erdball jagte.

Armand de Caro startet im Pariser Verlag „Presses de laCite“ die Reihe „Le Fleuve Noir“.
„Jean Bruces Serie um OSS 117 sicherte den Start der Reihe, die anfangs zum Scheitern verdammt schien…Aber der Begründer hatte verspürt, woher neuerdings der Wind wehte, und er setzte mit ungewöhnlichem Scharfblick auf den neuen Spionageroman…„(Boileau/Narcejac, DER DETEKTIVROMAN, Luchterhand; S.175)

Die Serie um den Geheimagenten OSS 117 begründete den „Superagenten der Nachkriegszeit“ und nahm Elemente von James Bond vorweg. Kein anderes Genre oder Subgenre propagiert das mechanische Menschenbild intensiver; weshalb es heute in unterschiedlichen Verkleidungen -etwa in Form des Commando-Thrillers oder Anti-Terror-Thrillers – eine Renaissance erfährt.

Dank der beiden Parodien (eine dritte ist in Vorbereitung) mit Jean Dujardin, dürfte auch bei uns Geheimagent OSS 117 wieder einen gewissen Bekanntheitsgrad haben. In den 1960ern war die Figur des französischen Autors Jean Bruce durch die Verfilmungen im Rahmen der Bonditis in Deutschland einige Jahre recht präsent: Der Moewig Verlag veröffentlichte zwischen 1966 und 1969 in einer Reihe 26 gekürzte Romane als Taschenbücher; was der Qualität sicherlich nicht schadete.

OSS 117 ist zwar in den USA geboren, hat aber französische Vorfahren, die während der Revolution nach Louisiana flüchteten. Daher auch sein aufgeblasener Name Hubert Bonisseur de la Bath.
Nach den Erfahrungen als besetztes Land unter den Nazis, den vielen Kollaborateuren und dem Versagen der eigenen Streitkräfte wundert es nicht, daß Bruce keinen Agenten des französischen Geheimdienstes zum Helden gemacht hat. Scham über die eigene Vergangenheit und Bewunderung für die Weltmacht USA ließen seinen Helden Hubert Bonisseur de la Bath, alias OSS 117, den Kalten Krieg mit viel Freude auf Seiten der USA mitmachen.

Wie jeder Superagent des Kalten Krieges, trug OSS 117 nur die feinste Kleidung, trank und aß vom feinsten, fuhr die schnellsten Autos und verführte die attraktivsten Frauen.
Natürlich hat er auch einen Boss, der ihn mit seinen heiklen Missionen beauftragt: Mr.Smith. Und gelegentlich hat er auch einen treuen Gefährten, Enrique Sagarra.

Die oft von realen politischen Ereignissen inspirierten Plots waren solide, manchmal überraschend gut, reichten aber nie an die von Ian Fleming oder Peter O´Donnell heran. Dasselbe gilt für die literarische Qualität. Dafür arbeitete Jean Bruce aber mit hohem Tempo und hatte einen Ausstoß, der sich mit deutschen Heftromanautoren oder angelsächsischen Paperback Original-Schreibern vergleichen lässt.

OSS 117 trat nicht nur literarisch vor 007 auf, auch im Medium Film erschien er vor Bond: Sechs Jahre vor DR.NO gab es den ersten Film mit ihm: MÄNNER, FRAUEN UND GEFAHREN (OSS 117 n’est pas mort), in dem er von Ivan Desny verkörpert wurde.

Jean Bruce wurde als Jean Alexandre Brochet am 22.März 1921 in Ailler– Beauvoir, in der Loire-Region geboren. Seine Eltern hatten ein Restaurant. Nach seiner Schulzeit trieb er sich in den verschiedensten Jobs herum: Bürgermeistergehilfe, und Mitglied einer fahrenden Schauspielertruppe. .Mit 17 Jahren machte er den Pilotenschein und beim Ausbruch des Krieges arbeitete er in der Luftfahrtindustrie.
Von Kindheit an trieb er leidenschaftlich Sport. Skifahren, Reiten und Ralleysport begleiteten ihn bis zum frühen Tod.

Während des 2.Weltkrieges kämpfte er im Widerstand.

Bei der Befreiung Lyons lernte er den leitenden Analytiker des US-Geheimdienstes OSS, William L. Langer, kennen, der die OSS-Codenummer 117 hatte. Offenbar wurden sie gute Bekannte oder sogar Freunde.

Nach Kriegsende ging er an die Ecole Nationale de Police’, wo er für eine Spezialabteilung ausgebildet wurde. Aber er blieb nur ein paar Jahre bei der Polizei und arbeite als Juwelier und Sekretär eines Maharadschas

1947 verließ er seine erste Frau und die Mutter seines Sohnes Francois wegen seiner Geliebten Josette, die von ihm mit seiner Tochter Martine schwanger war.

1949 veröffentlichte er seinen ersten Roman, der auch der erste OSS117-Thriller, Tu parles d’une ingénue , und sofort ein Erfolg war. Die Gelddruckmaschine OSS 117 lief an und ermöglichte dem Sportwagenfan Jean Bruce ein luxuriöses Leben. Dieselbe disziplinierte Routine seiner schriftstellerischen Arbeit übertrug er auch auf sein Privatleben.

Er verbrachte regelmäßig seine Winterr in L’Alpe d’Huez und die Sommer an der Côte d‘ Azur. Dort malte er auch. Ansonsten lebte er mit Josette und seiner Tochter in der Villa Saint-Hubert in Avenue General Leclerc in Chantilly .

Er schrieb auch erotische Geschichten für Magazine und neben OSS 117 fand er noch Zeit für andere Romane. Er veröffentlichte diese unter den Pseudonymen Jean Alexandre, Jean Alexandre Brochet, Joyce Lyndsay und Jean-Martin Rouan.

Am 26. März 1963 verließ er seine Pariser Wohnung um nach Chantilly zu fahren. Er stieg in seinen Jaguar 3.8l MK2 (registriert mit dem Nummernschild 117 HJ 60). Wie üblich raste der Hobbyrennfahrer auf Strassen, die noch kein Tempolimit hatten. Auf der Nationalstraße 16 bei Luzarches verlor er die Kontrolle und knallte gegen einen Baum. Er war sofort tot.

Er wurde 42 Jahre alt.

Bis 1963 hatte er 88 Romane über OSS 117 geschrieben, die in 17 Sprachen übersetzt waren und 24 Millionen Bücher verkauft.

Und der Tod seines geistigen Schöpfers war nicht das Ende des Geheimagenten.

Josette Bruce schrieb von 1966 bis 1985 insgesamt 143 OSS 117-Romane! Ihre Romane orientierten sich weniger an politischen Realitäten, wie zuvor bei denen ihres Mannes. Sie ließ sich vor allem durch ihre jeweilige Lektüre inspirieren.

Alles blieb zumindest formal in der Familie, als die Kinder Martine und Francois von 1987 bis 1992 noch 24 weitere Romane nachlegten.



In Frankreich war OSS 117 erfolgreicher als 007.

1956, als sich Fleming in der angelsächsischen Welt auf moderaten Niveau gerade etabliert hatte, kam bereits der erste OSS 117-Film in die Kinos. Elf weitere sollten folgen (mit insgesamt acht verschiedenen Hauptdarstellern). In den 1950er- und -60er Jahren gab es in ganz Frankreich keinen Bahnhofskiosk ohne exklusiven Drehständer mit OSS 117-Romanen. Das Franchising von OSS 117 erreichte nie die Dimension von James Bond, ist aber durchaus beeindruckend:

Von 1966 bis 1982 gab es eine 73bändice Comic-Adaption im Taschenbuchformat. Die durchschnittliche französische Startauflage betrug 50.000 Exemplare. Bis heute wurde die Serie in 17 Ländern veröffentlicht mit einer Gesamtauflage von 75 Millionen Exemplaren.
Es gab sogar zwei Theaterstücke um OSS 117, 1955 und 1961, geschrieben von Jean Bruce und inszeniert von Robert Manuel.

1960 wurde im Olympia eine Tanzshow, inszeniert von Georges Reich aufgeführt und der französische Rundfunk in Algerien strahlte eine Hörfunkserie aus.
Und OSS 117 gelang das seltene Kunststück, dass einige seiner Romane sogar in den USA und England veröffentlicht wurden.

Zu den prominentesten Fans gehörten Jean Cocteau und natürlich Gérard de Villiers.

Sein Einfluss auf den französischen Agenten-Thriller kann gar nicht überschätzt werden.

Durch seinen Erfolg angeregt, wurde der französische Markt mit Epigonen (etwa COPLAN von Paul Kenny) überschwemmt, die alle mehr oder weniger erfolgreich waren. Bis SAS MALKO von de Villiers 1965 erschien und es in jeder Hinsicht wilder und realer trieb (siehe weiter unten).

Es ist nicht belegbar, dass Jean Bruce Einfluss auf Ian Fleming hatte. Aber man sollte berücksichtigen, dass er fließend Französisch sprach und häufig Frankreich besuchte. Vielleicht war OSS 117 vor 1953 (dem Jahr, in dem mit CASINO ROYALE der erste 007 erschien) noch nicht das gigantische Phänomen wie nach 1955, aber seine ungeheure Präsenz auf dem französischen Buchmarkt wäre schwer zu übersehen gewesen.

Während Flemings Bond ein Angehöriger der oberen Mittelschicht ist, setzte Bruce auf einen Aristokraten als Verteidiger der westlichen, bürgerlichen Demokratien. Da OSS 117 nicht für den Geheimdienst seines eigenen Landes arbeitet, lassen sich seine Gewaltakte während der verschiedenen Missionen auch nicht mit nationalistischen oder patriotischen Gründen bemänteln (wie etwa bei Bond).

Gewalt ist einfach nur Teil eines Spiels. Damit die französischen Leser aber nicht zu sehr vor den Kopf geschlagen wurden, bezeichnete Jean Bruce seinen im Laufe der Jahre immer mehr zu einem klischeehaften Bondepigonen verkommenen Agenten als den „besten Agenten des amerikanischen Geheimdienstes“. Tja, die Amis haben vielleicht Frankreich von den Nazis befreit, aber ohne einen beherzten Franzosen kriegen sie eben doch nichts hin.

OSS 117 galt im Bewusstsein der Franzosen als gallischer Bond. Jean Bruce konnte der Figur jedoch nicht die Faszination mitgeben, die Flemings Agenten zum Welterfolg machten. Er bediente sich der Fleming ähnlichen Formel zwar manchmal mit einigem Geschick – exotische Schauplätze, skurrile Schurken und schöne Frauen -, aber das erzählerische Niveau des Briten erreichte er nie.

In den 50er und 60er Jahren drehten die Franzosen im Zuge der Agentenwelle im Kino auch einige Filme um OSS 117; am bekanntesten wurden wohl die drei Filme mit dem Amerikaner Frederick Stafford in der Titelrolle und bei einem führte sogar Bond-Regisseur Terrence Young Regie. Wie die Bücher, so wirkten auch die Filme wie die Abenteuer eines armen Vetters von 007. An Chauvinismus und Antikommunismus konnte es OSS 117 allerdings jeder Zeit mit oo7 aufnehmen; nur wurde dieser weniger originell vorgetragen.

Jean Bruces Held ebnete den Weg für einen noch erfolgreicheren und unangenehmeren französischen Romanagenten:
Gerard de Villiers Malko, ein österreichischer Adeliger im Dienste der CIA, der von 1965 bis 2013 in 200 Romanen auftrat. Wieder sind es keine patriotischen Gründe, die den Helden für den Kampf motivieren. In diesem Falle sind es sogar ästhetische: Malko übernimmt nur Aufträge für sehr viel Geld, mit dem er dann einen weiteren Raum seines Familienschlosses restaurieren lässt.

Der Autor war ein bekannter konservativer Journalist, der die ganze Welt bereist hatte und bemerkenswerte Einblicke in politische Prozesse genoss.

Und damit kommt tatsächlich eine gewisse Qualität in diese sadistischen und sexuell freizügigen (dagegen wirken die britischen Autoren der 50er und 60er Jahre prüde und puritanisch – was sie wohl auch waren) Romane: de Villiers gelingt es hervorragend die politisch-historische Situation und die regionalen Eigenheiten seiner Schauplätze einzufangen. Dabei beschränkt er sich nicht auf touristischen Firlefanz; ihm gelingt meist ein überzeugendes Bild, das auch die Schattenseiten und die Welt der verarmten Einheimischen nicht auslässt, seiner in jedem Roman wechselnder Handlungsorte.

Seine 200 Malko-Romane erreichen eine geschätzte Gesamtauflage von 150 Millionen Exemplaren!

Historisch gesehen lesen sich die MALKO-Romane wie eine weltpolitische chronique scandaleuse seit den 196oer Jahren. Dazu an anderer Stelle mehr.

Die Figur Malko selbst ist ein Pragmatiker, der jeweils um seinen Auftrag oder Vorteils wegen mal mit Rechten und mal mit Linken paktiert.
Einige der Romane, wie HEROIN AUS LAOS (Cora Verlag, 1981), setzen sich auch kritisch mit der CIA auseinander. Selbst ein Konservativer ist seit den 1970er Jahren – wenn er nicht so blöde wie Trump und seine Dalton-Gang ist – wohl nicht mehr dazu in der Lage, eine positive, verherrlichende Darstellung des CIA abzuliefern.

Der extrem gut vernetzte Journalist de Villiers versuchte mit seinen Spionageromanen so eine Art „konservative Aufklärung“ zu betreiben.

Bemerkenswert ist, dass diese beiden populärsten Geheimagenten des französischen Spionageromans Angehörige des Adels sind (dazu ist einer noch Österreicher) und in amerikanischen Diensten stehen.
Als wollte das französische Bürgertum beide gegnerischen Klassen, Feudale Klasse (als Vertreter der westlichen Welt) und Proletariat (Realsozialismus), aufeinanderschlagen lassen, während es sich genüsslich zurücklehnt und die Triumphe des Stellvertreters einer längst überwundenen Epoche beklatscht.



DER SPION, DER AUS DER WÄRME WOLLTE 3/ by Martin Compart

Am 3.April 1969 verließ Adam Diment London zusammen mit der schönen Kubanerin Camille, die er auf einer Party kennengelernt und THE BANG BANG GIRLS gewidmet hatte.

In den nächsten zwei Jahren lebte er mit ihr in einer Villa in Rom, trieb sich aber auch in Asien, auf Ibiza und in anderen Ländern herum. Geld spielte keine Rolle: Die McAlpine-Quelle sprudelte auch durch Lizenzen und Übersetzungen. Insgesamt soll Diment mit seinen McAlpine-Romanen etwa 100.000 Pfund verdient haben. Aber das sind nur Spekulationen, die auf Schätzungen basierten.

Jedenfalls genoss Diment das Leben in vollen Zügen und dazu gehörten natürlich Drogen. Und ganz dem Zeitgeist entsprechend, zog es ihn in indische Ashrams.

Er hatte sich wohl auch ein paar Feinde und viele Neider gemacht: Zwei anonyme Briefe an die Bank of England beschuldigten ihn der Geldwäsche und des Drogenhandels. Diment wurde nicht belangt, da es bis auf die anonymen Briefe keine Verdachtsmomente gab.

Diment kehrte schließlich in seine Londoner Wohnung in der Tregunter Road 28 in Fulham zurück. Im Gepäck das Manuskript des vierten McAlpine-Romans, das er in Rom verfasst hatte.

1971 erschien THINK INC, Diments letzter McAlpine.

Think Inc. came out in 1971, although seems to be set three years earlier, and is a bleaker novel with bloodier violence than the earlier McAlpine adventures. The hero is kicked out of British intelligence after a defecting spy gets killed, and has to go on the run. In Italy he’s blackmailed into joining a criminal gang and helps them with everything from kidnapping an film starlet to hijacking a Boeing 707. The tone is gloomy.

What’s London like now?’ someone asks.
‘Coming down off its high. The scene is shifting but nobody is sure where to.’

Characters are  better drawn than Diment’s previous caricatures, with a young prostitute effectively and sympathetically sketched in. The book has a grim ending, with McAlpine barely escaping an ambush that wipes out the rest of the gang and probably kills the woman he’s come to love. Add in McAlpine’s moments of introspection in which he realises how sick he is with the violence and casual sex, and it doesn’t seem too surprising this was the last book Diment wrote.“ (Othen)

John Michael O´Sullivan: „The novel starts in the aftermath of an international operation gone badly awry. After a tense showdown with Quine, McAlpine is cut loose and, avoiding an assassination attempt, he bids a dry-eyed farewell to Swinging London and goes on the run. Wandering through Europe, he joins an international crime gang and falls unsentimentally in love, or something like it. It’s a story without hope, each chapter hammering another nail in the coffin of Diment’s “switched-on spy”. It ends on a bleak, tantalising cliffhanger, with McAlpine alone, under attack, out of lives and luck.“ (https://www.esquire.com/uk/culture/news/a9161/the-case-of-the-missing-spy-novelist/ )

„There was a certain bitterness and a certain melancholy in the three previous books despite their garish clothing and wild situations. By Think, Inc., that dark streak has become more prominent. It’s more cynical. It’s more violent.“

Es gab diesmal keinen Presse-Hype und der Erfolg des Buches hielt sich in Grenzen. Das war vielleicht mit ein Grund dafür, das weder Diment noch sein Verlag darauf bestanden, den Sechs-Romane-Vertrag zu erfüllen. Diment hatte genug von seinen Thrillern. Was wirklich bedauerlich ist, denn mit THINK INC verdeutlichte er, wie sensibel er für Zeitstimmungen war und wie faszinierend er diese in Literatur umsetzen konnte.

Neben all diesen Verdiensten ist „Adam Diment“ in erster Linie ein Meisterwerk der Medienkomplizenschaft.

Die Swinging Sixties waren vorbei. Die Zeiten wurden rauer, wie Filme wie GET CARTER und VILLAIN verdeutlichten.

Der Aston Martin wurde verkauft und Diment ging in die Schweiz. Er fuhr einen alten Fiat und arbeitete einige Zeit als Lektor für einen Verlag, der psychologische Bücher heraus gab.

Das Geld aus den McAlpines finanzierte weitere Reisen und Drogen. Angeblich schrieb er auch Bücher, die kein Verlag veröffentlichen wollte. Das erscheint mir recht unwahrscheinlich. Auch wenn ein Verlag Diments neue Bücher nicht gemocht hätte, würde man doch zumindest einen Versuch mit ihnen gemacht haben. Schließlich hätten sie auf die weltweite Reputation hoffen können.
Wahrscheinlicher ist wohl die Annahme, dass Diment immer tiefer vom Drogensumpf aufgesaugt wurde. Vielleicht ist er – wie so viele – in den 1970ern von Cannabis auf härteres umgestiegen…

Irgendwann musste er das Geld durchgebracht haben, Ein Zeitzeuge behauptete, Ende der 70er hätte Diment als Minicab-Fahrer in London gearbeitet.
American backpacker Clay Caughman met Diment in a remote Nepalese hotel, where they co-existed for a time. “We were just really, really quick friends. Adam’s room was next door to mine, and he had a little portable Remington Underwood. He typed every morning, and then this ganja guy would come by and sell us weed every afternoon. We talked a lot, mainly about writing. And he was still living off the proceeds of The Great Spy Race, I remember that!” But when Suzie Mandrake saw him in London at the end of the Seventies, those funds appeared to have dried up. “We’d already lost touch. I was studying painting by then; he pulled up beside me at a bus stop as I was going from one class to another, and said he was working as a minicab driver.” (Othen)

1975, als Diment in Zürich lebte, veröffentlichte der OBSERVER den Artikel „Whatever happened to Adam Diment?“, der kurz für neues Interesse sorgte. Aber Diment scheute die Öffentlichkeit, gab keine Interviews und ließ nicht zu, dass die McAlpine-Thriller neu aufgelegt werden.

Irgendwann in den 1980ern ließ er sich als Landwirt in Kent nieder, heiratete und bekam zwei Söhne.

Er legt nach wie vor keinen Wert auf Öffentlichkeit und es hat lange gedauert, ihn dazu zu bewegen, dass seine Roman neu aufgelegt werden. Zu seinen Bedingungen gehört, dass er weder für Marketing-Strategien, noch für Interviews zur Verfügung steht.

2009 sorgte ein Artikel in dem wunderbaren Blog ANOTHER NICKEL IN THE MACHINE für neues Interesse Diment: http://www.nickelinthemachine.com/2009/08/the-disappearance-of-the-author-adam-diment/ .

Zeitgenössische Thriller-Autoren wie Tom Cain, Peter James, Jeremy Duns oder Adrian Magson „outeten“ sich als Diment-Bewunderer.

Duns: „Despite the marketing on the sex, drugs and rock’n’roll, the books are rather down to earth. I think they’re very under-rated. The marketing at the time sold them as a cool alternative to boring, middle-aged James Bond, and Diment was presented almost as a stand-in for his character. I think that meant people took them less seriously and they were largely forgotten as a result, consigned to a drawer marked ‘novelty act’… His writing is as compelling when describing the mundane – the grey murk of midwinter London, the monotony of office life – as it is when McAlpine decamps to a tropical island or a Swedish orgy. I think the ‚Austin Powers‘ stuff now distracts from just how good a lot of his writing was: he had taut plots and some great sardonic prose.

Tom Cain: „His stories are thoroughly Bond-esque… Agent 007 would have been clueless in the world of the Beatles and the Stones, miniskirts, Flower Power and demonstrations against the Vietnam War. Adam Diment, however, was utterly in his element and his four books are to Bond what Sgt. Pepper was to The Sound of Music: a signal of something clearly rooted in the past that is, at the same time, utterly new.



DER SPION, DER AUS DER WÄRME WOLLTE 2/ by Martin Compart

Im Frühjahr 1968 erschien mit THE GREAT SPY RACE der zweite McAlpine-Roman, und der Hype ging weiter.
Peter Hebdon vom Verlag Michael Joseph hatte inzwischen die Taschenbuchrechte für eine gigantische Summe an Pan Books verkauft.

Diment war zur Medienfigur geworden: Als das LIFE-Magazin einen Artikel über das Swinging London veröffentlichte, wurde Diment besonders herausgestrichen als Prototyp dieser neuen Spezies.

Im Film POPDOWN, in der die hippe Londoner Szene durch die Augen von Aliens dargestellt wird, trat Diment vor die Kinokamera.

Diment war nicht länger nur ein Medienphänomen, er war Pop geworden.

Als Autor war er genauso populär – wenn nicht sogar populärer -, wie seine fiktionale Kreation. Eigentlich wurde er gleichgesetzt mit McAlpine, weshalb sein Konterfei nicht nur in der Werbung verwendet wurde, sondern in verschiedenen Ländern auch auf den Buchumschlägen. Der Schriftsteller Adam Diment war genauso zu einer Kunstfigur geworden wie der Geheimagent McAlpine.

Nur eine Frage der Zeit, dass sich Hollywood für McAlpine interessierte. Die Spionagewelle war dank James Bond auf ihrem cineastischen Höhepunkt.

1968 kaufte United Artists die Filmrechte. Stanley S. Canter (der später u.v.a. auch GREYSTOKE produzierte) und Desmond Elliott gingen eine Koalition ein, um den Film zu produzieren.

Über die Hauptrolle war man sich schnell einig: David Hemmings war dank BLOW UP das Kinogesicht der Swinging Sixties. Und zu diesem Zeitpunkt galt er als heißester Schauspieler Großbritanniens.

McAlpine sollte nach Bond und Harry Palmer (so hieß Len Deightons namenloser Spion in den drei Filmen mit Michael Caine) die nächste große Spy-Serie werden. Diment und Hemmings trafen sich und alles schien gut und problemlos anzulaufen. Auf dem Klappentext des dritten McAlpine, der im November 1968 erschien, verkündete man den Film als „work in progress“ – und so taten es auch die Medien.

Aber bis heute wurde nichts daraus.

Und Schuld daran war wohl der dato größte Kinomarkt der Welt, die USA. Dort galt – trotz BONNIE & CLYDE und der beginnenden Schwangerschaft mit dem New Hollywood – noch immer der Hayes-Code.

United Artist bekam kalte Füße.

Einen kiffenden Geheimagenten auf die Leinwand zu bringen, wäre wohl ein bißchen zu viel gewesen. Zwar stand auch in den USA die kiffende Subkultur in voller Blüte, aber der Widerstand gegen Drogen und Jugendkultur formierte sich rasant. Nicht nur in der Politik, auch die schweigende Mehrheit hatte bereits ihr hässliches Haupt erhoben und brüllte immer lauter.

Canter und Elliott war natürlich sofort klar, dass sie McAlpine in der Kinofassung nicht die Joints wegnehmen konnten. Ohne Shit wäre er gewesen wie Bond ohne Doppelnull. Denn all das, was ihn so erfolgreich am Buchmarkt machte, dass er tief in der jugendlichen Subkultur verwurzelt war, wäre verloren. Mit den Joints hätte er seine gesamte Glaubwürdigkeit verloren. So könnte keine Filmadaption funktionieren.t

Mit dem zweiten Roman schloss Diment nahtlos an den Erfolg des Vorjahres an.

The Great Spy Race picks up very soon after the first book, with McAlpine still an unwilling employee of Quine’s bizarre intelligence outfit but nearing the end — he hopes — of his contract. When he’s sent on what seems rather a routine assignment, he soon finds himself set up to become Quine’s representative in a competition for spies being mounted by an eccentric billionaire. The prize is a piece of intelligence so juicy that the top spy agencies of the world all send participants. Up against such big guns, McAlpine considers himself absurdly outclassed and outgunned, but since it’s his life on the line, he taps into all his skills and cunning to come out on top, or at least make a od show it things.2( https://teleport-city.com/2015/08/24/high-spy-adam-diment/ )

Auch GREAT SPY RACE sprüht vor sexistischem Blödsinn (der ihn beim heutigen political correctness-Faschismus in Schwierigkeiten bringen würde), großartigen Ideen und bösartigen Gesellschaftskommentaren. Und Quine trägt „einen LSD-Halluzinationenschlips“.

Diment bleibt natürlich der Sixties-Ideologie treu, die sich klar von der ekelhaften Mittelschichtsideologie absetzte, die da lautet: Hart arbeiten und ein verblödetes Leben führen.

Außerdem erfährt man zwei Jahre vor Frederick Forsyths DAY OF THE JACKAL, wie man sich unkompliziert einen legalen britischen Reisepass mit falschen Daten und Namen besorgt.

Christopher Othen beurteilt den Roman weniger positiv als ich:On the surface it looked like more of the same, but a sourness had crept into the writing. McAlpine comes across more as a bitter noir detective, cynically observing a corrupt world, than a fun-loving hippy playboy. He doesn’t even like rock music.
The books are full of complaints: about the weather, London, the crumbling empire, older people, younger people, and everything else. The psychedelic touches increasingly seem tacked onto a darker and grimmer narrative. It’s not all misery: the sex scenes are fun and the Diment prose is always capable of a light touch, even if the books seemed written at speed and never revised. But it was clear the author had become disillusioned with his newfound fame.”
(https://christopherothen.wordpress.com/2018/04/18/who-was-adam-diment/ )

Diment genoss den Ruhm nicht mehr in vollen Zügen.
Wie die Beatles und andere Musiker im selben Jahr, zog es ihn nach Asien. Er entfloh der westlichen Verderbtheit und suchte spirituelle Erleuchtung in Indien und Nepal (genaue Informationen sind nicht aufzuspüren), vorzugsweise durch bestes Haschisch.
Dazwischen funktionierte er in Elliotts PR-Maschine und ging u.a. auf die nächste US-Tour.

Diment war bekanntlich ein schneller Schreiber. Also fand er auch noch Zeit, um innerhalb einiger Tage einen dritten McAlpine-Thriller zu verfassen.
Und so erschien im November 1968 THE BANG BANG BIRDS; die deutsche Ausgabe trägt den schönen Titel DIE KNALLVÖGEL!

Für sein neuestes Abenteuer hat der flotte Phil McAlpine gleich zwei Auftraggeber: seine vorgesetzte Dienststelle und einen amerikanischen General, die beide brennend daran interessiert sind, einem auf höchster Ebene tätigen weltweiten Erpresserring das Handwerk zu legen.
Ein Ein-Mann-Job von wahrlich gigantischem Format und mit recht geringen Überlebenschancen. Aber wieder einmal zieht man dem munteren Phil wegen einiger dunklen Punkte in seiner Vergangenheit die Daumenschrauben so kräftig an, daß ihm gar nichts anderes übrig bleibt, als sich ins Getümmel zu stürzen.
Zuerst läßt sich die Sache ganz vergnüglich an: Seine wohltrainierten Fähigkeiten auf dem weiten Gebiet der Liebeskunst verschaffen ihm mühelos Zugang zum Erpresserring, der sich für seine Zwecke eine ganz besondere EiVoliere-Club, in dem Prominenz aus Politik und Wirtschaft attraktive `Vögel´ für mannigfache Dienste – vornehmlich unterhalb der Gürtellinie – zur Verfügung stehen. Doch in der Höhle des Löwen, in der Stockholmer Voliere-Zentrale, wird es dann ernst, daß zeitweise sogar unserem jungen Helden alle frivolen Gelüste gründlichst vergehen.

Keine Bücher für den Noir-Kundendienst, aber hochintelligente und stilistisch brillante Zeitaufnahmen für Connaisseure. Diese fünf Jahre der Renaissance im 20. Jahrhundert dauerten nur so lange, weil die üblichen Herrschaftsverbrecher nicht die brutale Naivität der Lautsprecher dieser Generation auf der Karte hatten.

Nach der Veröffentlichung sagte Diment in einem Interview: „I’m getting a little tired of the character now.“, Und später dann, er könne sich nicht vorstellen, mit 27 Jahren noch McAlpine-Romane zu schreiben. Ähnliches hatte kurz zuvor Mick Jagger über Satisfaction singen gesagt.

Ein Konflikt zwischen Diment und der Industrie begann zu schwelen: SIE wollten IHN haben, und Adam Diment wollte sein.

…und die kulturelle Erosion der Sechziger hatte bereits begonnen:.

Die Sowjetunion hatte durch das Plattmachen eines beginnend kommunistischen Landes, Tschechoslowakei, den real existierenden Sozialismus im Bewusstsein zerstört.
Das Kapital begann alles einzukaufen, was an Reformen den Profit steigern würde, zerbombte Vietnam und destabilisierte afrikanische Staaten mit kannibalistischen Satrapen. Die Ratten bestiegen das sinkende Schiff.

FORTSETZUNG FOLGT



DER SPION, DER AUS DER WÄRME WOLLTE: ADAM DIMENT by Martin Compart

‘You Don’t Listen to Adam Diment.‘You Read Him.’

Wer 1967 durch London lief, konnte diesen Spruch prominent an den zweistöckigen Bussen präsentiert sehen. Über dem Spruch sah man das Bild eines blonden jungen Mannes, der Kontinentaleuropäer vielleicht an Michel Polnareff erinnerte.

Was wohl niemand so recht wahrnahm: Dies war ein Teil der ersten großen Marketing-Strategie um einen neuen Autor mit seinem Erstling zum Bestseller zu machen. Und es ist bis heute eine der cleversten PR-Aktionen der Branche. Etwas, das es zuvor nicht gegeben hat, und etwas, das nie mit dieser präzisen Punktlandung wiederholt wurde. Dazu später mehr.

1967 war ein entscheidendes Jahr für die Pop-Kultur: Die Haare wurden extrem lang, in den USA erhoben die Hippies ihre dämlichen Häupter um einen zugedröhnten Summer of Love zu intonieren, die Stones wurden wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetzes vom Establishment vor Gericht gezerrt, Langspielplatten verkauften erstmals mehr Einheiten als Singles, Dylan war elektrisch geworden, die Doors veröffentlichten ihr erstes Album und Kritik und Verachtung für den Kapitalismus wurde stärker und stärker.

Die Kriminalliteratur hatte jungen Lesern nichts generationsspezifisches zu bieten.

Natürlich lasen auch die Baby-Boomers Chandler, Hammett und Epigonen, aber Agenten-Thriller, in denen faschistoide Einzelkämpfer den Imperialismus verteidigten, waren keine Option.

James Bond war seit dem GOLDFINGER-Film eine antiquierte Ikone der Angestellten-Kultur, die man sich bekifft amüsiert reinziehen konnte. Für literarisch interessierte kiffende Langhaarige, die Beat (der ab 67 Rock hieß) hörte, war nichts überzeugendes am Start.

Bis Philip McAlpine kam.

Erster Auftritt in dem Roman THE DOLLY DOLLY SPY, geschrieben von einem 23jährigen Adam Diment.

Und wer war dieser Adam Diment?

Frederick Adam Diment wurde 1943 in Weymouth geboren.

Seine Eltern waren erfolgreiche Farmer in Crowhurst, East Sussex. Er stammte aus „gutem Haus“ in wirtschaftlich besten Verhältnissen. So wundert es nicht, dass ihn seine Eltern auf das ehrwürdige viktorianische Internat Lancing schickten, das u.a. Evelyn Waugh, Tom Sharpe, Christopher Hampton und David Hare als Schüler verzeichnet hatte. Zu Adams Schulfreunden zählte Tom Rice, der später als Texter für Andrew Lloyd Webber Weltruhm erlangen sollte.

…beim kiffen.


Rice war es, mit dem Diment nach London ging und eine Wohnung teilte. Rice verdiente sein Geld als Referendar in einer Anwaltskanzlei und träumte von einer Karriere als Pop-Musiker. Diment arbeitete in der Werbeagentur Connell, May & Stevenson, wo er auch seine „Muse“ kennenlernte: Suzy Mandrake, die gelegentlich als Model arbeitete.

Vor allem gingen die Drei vollkommen in der Welt des Swinging London auf, besuchten Clubs, hingen mit Musikern und anderen Künstlern ab, hörten Musik und kifften ordentlich was weg.

Daneben schrieb Adam wie ein Besessener.

In wenigen Jahren entstanden 14 Romane, die alle abgelehnt wurden. Keines dieser Manuskripte wurde meines Wissens je veröffentlicht – jedenfalls nicht unter Adams Namen. Was verwunderlich ist, denn spätestens nach seinem Welterfolg hätten sich die Verlage wie Harpyien auf sie stürzen müssen.

Dann zog Adam nach Fulham in ein Flat in der Tregunter Road 28.

Das Haus gehörte dem Schriftsteller James Leasor. Thriller-Fans dürfte der Name auch heute noch ein Begriff sein. 1964 hatte er mit seinem ersten Jason Love-Agententhriller PASSPORT TO OBLIVION einen Bestseller (der im Jahr darauf mit David Niven als Jason Love verfilmt wurde). Leasor wurde damals als weiterer Fleming-Nachfolger gehandelt und die Love-Serie gehört zu den besten Bond-Epigonen.

Leasor riet dem erfolglosen jungen Autor, es doch mal mit einem Thriller in der Tradition von John Buchan und Ian Fleming zu versuchen. Diment war kein großer Fan von Crime Fiction oder Thrillern. Aber er sah durchaus eine Chance in dem Genre, nachdem er intensiv Ian Fleming und Len Deighton gelesen hatte. In nur 17 Tagen schrieb er einen Spionageroman mit ironisierenden Momenten und dem schönen Titel THE RUNES OF DEATH um einen zeitgenössischen Geheimagenten mit einer glamourösen Freundin (die Suzy Mandrake – was für ein irrer Name! – nachempfunden war). Ein italienisches Magazin behauptete 1968, nachdem er in einem Jahr zwei weitere McAlpine-Thriller veröffentlicht hatte: „Mit der Hilfe von Haschisch schreibt Diment 750 Worte in der Stunde.“

Diment gab das Manuskript seinem Freund Rice. Der war so angetan, dass er es an den renommierten Literaturagenten Desmond Elliott weiterreichte mit der Anmerkung: „It is a a very contemporary spy thriller.“

]

Adam mit Elliott und Suzy Mandrake.

Elliott erkannte sofort die Potenz von Autor und Roman.
Er verkaufte das Buch umgehend an den Verlag Michael Joseph und schlug für Diment einen Rekordvorschuss und einen Sechs-Bücher-Vertrag heraus. Es war der höchste Vorschuss, den je ein britischer Verlag gewährt hatte.

Diments Romanmanuskript war so perfekt, dass weder der Agent noch der Lektor bei Michael Joseph etwas änderten. Nur eines sollte verändert werden. Elliott, der wohl schon eine genaue Strategie im Hinterkopf hatte, änderte den Titel in THE DOLLY DOLLY SPY.

Als High-Konzept lässt sich der Roman so zusammenfassen: Ein Sixties-Bengel fängt einen alten Nazi-Kriegsverbrecher.

„Philip McAlpine, Industrieabwehrspion, jung mit einer ausgeprägten Vorliebe für modische Kleidung und hübsche Frauen, wird zu einem Rädchen in der Maschinerie des Geheimdienstes – als Opfer einer Erpressung durch Robert Quine, gnomenhafter Chef einer Ministerialabteilung, der überall dort, wo die britische Flagge weht, Unruhe zu stiften.

Philip McAlpine wird in eine Fluglinie eingeschleust, die alles befördert – Heroin, Goldbarren und Geheimagenten.
Die Flugkapitäne sind Spezialisten für hochspezialisierte Einsätze. Bevorzugte Schule: Hitlers Luftwaffe und Waffenschmuggel. Man verfrachtet McAlpine aus dem glühend heißen Texas an die Gestade des Ägäischen Meeres. Zwischen den Flügen über die albanische Grenze oder nach Süd-Rhodesien hat er Zeit, sich mit seiner Freundin zu amüsieren.

Da wird der Friede je gestört. Quine erteilt seinen letzten Auftrag. Diesmal hat er es auf eine gerissene Bande ehemaliger SS-Leute abgesehen.

Aber ist Quine zu trauen?

McAlpine fürchtet, der britische Geheimdienst könnte ihm seine Arbeit mit einer Kugel honorieren.
So häufen sich die Intrigen und Gegenintrigen fast ebenso schnell wie die Leichen.“

Stilistisch hatte Diment – weitergehender als Len Deighton – vieles von der Hard-boiled-Novel übernommen: etwa die antiautoritäre Haltung des Protagonisten und das Wisecracking des Ich-Erzählers (“The Tribe war eine Pop-Truppe, die christliche Frisuren mit LSD kombinierte.“, „Die Herren vom Geheimdienst bekommen heutzutage so viel Geld, dass sie sich´s sogar leisten können, ihre Folterkammern durch Innenarchitekten gestalten zu lassen.“).

McAlpines „M“ , Erpresser oder Auftraggeber ist der weichlich daher schwätzende sadistische Chef von CI6, Rupert Quine: „…der Mann wäre eine Zierde der Inquisition gewesen.“

Zwischen ihm und McAlpine manifestiert sich der Generationenkonflikt der 1960er: Antiautoritär verachtet der Jüngere den Älteren, der ihn per Erpressung ins Establishment zwingen will.

Kiffen mit Suzy.

.McAlpine liebt das Luxusleben mit Girls, Dylan, seinen MG-Sportwagen und Haschisch.

Haschischrauchen war ein kleines Laster, das ich mir als Student zugelegt hatte, als Säure noch kein Synonym für LSD war, sondern etwas, das betrogene Liebhaber der Treulosen ins Gesicht schütten… Haschisch ist an und für sich kein Narkotikum. Ob es dazu führt, dass man mit der Zeit andere Drogen bevorzugt, an denen man hängenbleibt, weiß ich nicht. Ich nehme an, das ist ungefähr ebenso wahrscheinlich wie die Chance, nach dem ersten Glas Cypernsherry mit einer Flasche Methylalkohol unter der Waterloo Bridge zu enden.

Die Neigung zum Shit wird ihm zum Verängnis, denn dadurch wird er erpressbar und zur Agententätigkeit gezwungen, ganz wie damals die Rauschgiftdezernate ihre Spitzel angeworben haben: „Da es in Großbritannien strafbar ist, Haschisch zu verzehren, zu besitzen oder zu verkaufen, hatte mich dieser Spionagesattrap ebenso fest in der Hand, als wäre ich ein Hochverräter.“

As a guy who spent a semester of college in Holland, I can assure you that dope and physical violence are an impossible combination — and it’s something Diment too knows, as his hero Philip McAlpine only relaxes with a bit of hash here and there.” Ein Leser, der ihn erst kürzlich entdeckt hat.

Diment traf den Zeitnerv. McAlpine sprach ein junges Publikum an, ohne ältere Thriller-Leser zu vergraulen, da die Regeln des Genres nur modifizierte, Personal und Attitüde dem Zeitgeist anpasste.

So irrsinnig es klingen mag, aber dieser erste Roman ist im Vergleich zu den folgenden eher realistisch. Die Flugszenen zeigen, dass Diment auch Gavin Lyall genau gelesen hatte.

Dann began Elliott mit einer PR-Strategie, die die konservative Buchbranche verblüffte.

Zuerst machte er aus Diment McAlpine, indem er ihn in ausgeflippte Klamotten steckte. Diment bekam auch einen nagelneuen Aston Martin, den er vorzugsweise in Chelsea parkte. Es gab Fotoshootings bei denen Diment mit schönen Frauen agierte. Eines der ausgeflipptesten ist das mit der Sängerin Victoria Brooke und einem Doppeldecker (trotz regelmäßigen Haschischkonsums gelang es ihm nicht, aus eigener Kraft zu fliegen).

Die Zeitungen spielten begierig mit um aus Diment die „heißeste Nummer seit den Beatles zu machen“. Plakate mit seinem Konterfeit warben für THE DOLLY DOLLY SPY in U-Bahnen und an Bussen. Elliott übernahm das Marketing der Musikindustrie und machte aus dem Autor einen Pop-Star mit seinem neuen Album. Tourneen durch die USA und andere Länder folgten.

Elliott verkauft sein Produkt in 17 Länder, in denen es in 13 Sprachen übersetzt wurde. Bei uns wurde es von Droemer-Knaur verlegt – und floppte (der vierte Band wurde nicht mehr ins Deutsche übersetzt).
Innerhalb eines Jahres verkaufte der Roman eine Million Exemplare weltweit.

FORTSETZUNG FOLGT



KLASSIKER DES POLIT-THRILLERS: THE LINGALA CODE von WARREN KIEFER by Martin Compart

Seit etwa zehn Jahren erfreut sich afrikanische Kriminalliteratur (besonders natürlich südafrikanische) auch bei uns eine gewisse Aufmerksamkeit.

Aber es ist doch erstaunlich, wie wenige europäische- und amerikanische Polit-Thriller sich mit afrikanischen Themen und Krisen auseinandergesetzt haben – abseits von Graham Greenes und John LeCarrés Romane zur Apartheit und den üblichen Serien von OSS117 über NICK CARTER bis MALKO. Natürlich gab es immer mal wieder Romane von Ted Allbeury, Brian Freemantle (oder Eric Amblers DIRTY STORY) und anderen zu einem afrikanischen Thema, aber der einzige Autor, der diese regelmäßig in die westlichen Bestsellerlisten trug, war wohl der Südafrikaner Wilbur Smith.

Schon deshalb kommt dem hier genannten Buch eine besondere Bedeutung zu.

Es war die Lektüre von Larry Devlins Erinnerungen, die mich an einen höchst ungewöhnlichen Thriller aus dem Jahre 1972 erinnerte und zum Wiederlesen bewegte.
Als CHIEF OF STATION, CONGO (Public Affairs, 2007) diente Devlin (wie der Ich-Erzähler Michel Vernon des Romans THE LINGALA CODE) der CIA und „begleitete“ die Unabhängigkeitsbestrebungen und blutigen Auseinandersetzungen im Kongo der frühen 1960er Jahre.

Das war der Beginn der Stellvertreterkriege des Kalten Krieges, der den Kontinent bis heute foltert (auch wenn es nicht mehr um Machtsphären der Supermächte geht, sondern um die noch brutalere Ausbeutung der Rohstoffe durch monopolkapitalistische Konzerne im Dienste der Superreichen und ihre oligarchischen Handlanger).

I. DER ROMAN:

Sie waren Freunde gewesen: Michel Vernon, CIA-Chief of Station im Kongo, und Ted Stearns, der Luftwaffen-Attaché, dem Vernon sein Leben verdankte.

Nun war Ted in Leopoldville erschossen worden.
Angeblich von einem Einbrecher.

Niemand wusste es wirklich. Denn der schnell gefasste Täter hatte in der Zelle Selbstmord begangen. Einen zweifelhaften Selbstmord. Aber ein Leben zählte sowieso nichts im Kongo.

Michel schwor sich, den Tod seines Freundes aufzuklären.

Er hatte gute Kontakte in die einheimischen Machtstrukturen, die sich häufig ändern konnten.
Aber man will Ted schnell begraben und die Angelegenheit vergessen. Auch die eigenen Leute sind nicht daran interessiert, dass Vernon im Dreck wühlt.
Denn der stößt schnell auf Widersprüche

Ein Toter mehr – während der Kongo im Chaos zu versinken droht. Man hat ganz andere Sorgen.
„Die neue Kongo-Republik war durch eine Frühgeburt zur Welt gekommen und bei keinem anderen Land hatten so viele politische und diplomatische Hebammen dabei geholfen. Und Repräsentanten aller Großmächte hockten im Kreißsaal und warteten darauf, ihren Segen geben zu können.“

Die Zeit: Ende 1961:
Nach der Ermordung Lumumbas, der Separation Katangas, der Intervention der UNO und der internen Machtkämpfe, die weitgehend auch tribalistisch geprägt waren. Tod am großen Fluss. „Wenn du lange genug am Ufer siehst, wirst du die Leiche deines Feindes vorbei treiben sehen“, lautet angebliche ein kongolesisches Sprichwort. Bei allen barbarischen Metzeleien und kannibalistischen Festgelagen, verlangten die Unruhen der 1960er Jahre aber nur einen Bruchteil der Opfer, verglichen mit den Millionen Toten seit 1997.

Mit der Unabhängigkeit des Kongo begann die Zeit der Stellvertreterkriege und der Aufstieg westlich gestützter Despoten, die jedem Rassisten Freude bereiteten.
Oder wie es Christopher Othen ausdrückt: „The events of 1960 are the ground zero of CIA-sponsored African dictatorships, private military contractors, conflict diamonds and global corporations picking clean the bones of Third World Countries” (KATANGA 1960-63, The History Press, 2015).

Damals rückten erstmals Kindersoldaten in die Öffentlichkeit in Form der Jugendorganisationen („jeunesse“); ihre Gräuel wurden für die westlichen Medien zum Inbegriff rassistischer Kommentare (ohne zu bemerken, dass sich Hitlers Volkssturm neben alten Leuten auch aus „Pimpfen“ speiste).

Ich fühlte feuchte Wände, Mehltau und die Armut des ruralen Kongo.

Die Darstellung des Kongo ist authentisch und genau (wie man etwa im Abgleich mit Larry Devlins Memoiren nachprüfen kann). Die Schilderung einer aberwitzigen Wahl der „Miss Leopoldville ist mir Beweis, dass Kiefer den Kongo ziemlich genau erlebt haben muss.

Die Suche nach den wahren Gründen für den Mord durch das Gestrüpp unterschiedlicher und tödlicher Interessen, die den Kongo zerlöchern, ist mehr als schwierig. Nichts darf ans Tageslicht.

„Man bleibt im Dunkeln, Monsieur Vernon, wenn man Jäger ist und essen will“, hatte mir Seku erklärt. Und Seku jagte Macht und aß gut.

Das ganze Chaos der damaligen Situation durchzieht das Buch: Die Angst der Amerikaner vor Einflussverlust, Tschombes Abspaltung Katangas für die Interessen der belgischen Mineralgesellschaften, das strategielose Geballer hirnloser UN-Truppen und die tribalistischen Machtkämpfe der Einheimischen. Die unterschiedlichsten Gruppierungen schmieden aberwitzige Allianzen, die niemand wirklich durchschaut:

„Finden Sie heraus, woher sein Geld kommt und bieten Sie ihm mehr. Er wird seine Haltung zwar nicht ändern, aber Sie finden so Gelegenheit, die führenden Köpfe der Gruppe kennenzulernen. Und wenn Sie das geschafft haben – informieren Sie Mobutu. Sollen die Kongolesen sich um ihn kümmern.“

Kiefer erzählt es nicht emotionslos, aber doch kühl mit der Stimme eines menschlichen Ich-Erzählers in einem zynischen Job. Er weiß, wie das „Geschäft“ läuft und stellt es nicht in Frage. Da ist er ganz Profi. Aber wenn es persönlich wird, scheut er auch nicht den Konflikt mit der eigenen Interessenseite.

Für jedes Verbrechen gibt es eine Entschuldigung, für jede Tugend findet man eine zynische Rationalisierung.

 

„Man könnte sein Erinnerungsvermögen etwas stimulieren,“

   „Dazu habe ich nicht die Mittel“, sagte Martin.

   „Es muss nicht unbedingt Geld sein“, sagte ich.

 

Wenige Polit-Thriller sind so intensiv in einer politisch realen Situation verwurzelt und nutzen diese so effektiv für ihren Plot. Ohne Kiefers literarisches Können, würde er sich passagenweise wie ein Sachbuch lesen. Aber dank der Erzählerstimme, die mich manchmal ein wenig an Paul Theroux erinnert, bleibt der Roman in der Spur. Die Informationen zur realen Lage werden organisch vermittelt, da sie zum Job und zum Umfeld des Erzählers gehören. Deshalb wirkt nichts aufgesetzt.
Warren Kiefer gehört zu den wenigen Polit-Thriller-Autoren, deren mitreißender Stil die Leser einsaugt und sie dabei unauffällig mit Fakten zum Hintergrund über das Sujet aufklärt, die sich dann als integral für die Handlung erweisen.


II. DER AUTOR:

Warren David Kiefer gehört zu den geheimnisvollsten Autoren der Kriminalliteratur. Er ist nicht nur ein in Vergessenheit geratener Autor, sondern auch ein nur Spezialisten bekannter Drehbuchautor und Regisseur.

Er wurde 1929 in Rochelle Park, New Jersey, geboren. Wahrscheinlich starb er 1995 in Buenos Aires.

Kiefer studierte an der University of New Mexico und an der University of Maryland. Er studierte u.a. Journalismus und Fotografie und strebte eine M.A, in südamerikanischer Geschichte an.

Sein Freund Paul Mims erinnerte sich an ihn: „Warren and I first met in the autumn of 1949. We were students at the University of New Mexico, Albuquerque, I a 26 year old grad student from the University of Wisconsin, he a 20-year old under graduate from the Chicago suburbs. The Kiefer I knew was 20 years old, of medium height; say about five-foot eight inches tall, weighing approximately 160 pounds. He had a well muscled frame. His hair was light brown, close cropped but given to being wavy. Although not a rich boy he was from the upper middle class and used to the “good life”. Even as an under graduate he had extravagant tastes for food, liquor and girls. One of the great dilemmas in his life was how to combine both the “good life” and the artist’s bohemian life style. You see, one part of Kiefer, although quite capable of performing in the world of public relations and advertising, loathed its suffocating, mundane ethos” (Zitat nach Robert Curti in dem ausführlichsten Artikel zu Kiefers Filmschaffen, unter: http://offscreen.com/view/warren_kiefer).

Während seiner Zeit in Maryland lernte er seine Frau Ann kennen, die er 1954 heiratete und mit der er einen Sohn hatte. Das Studium langweilte ihn irgendwann und er begann in der PR-Branche zu arbeiten. Er machte u.a, Public Relations für die Geburtsstadt seiner Frau, Kalamazo in Michigan, und für den Pharma-Giganten Pfizer (was in PAX einfloss).

Sein erster Roman, den er gemeinsam mit Harry Middleton geschrieben hatte, wurde 1958 unter dem Pseudonym „Middleton Kiefer“ veröffentlicht:

PAX ist eine hard-boiled-novel über Betrug in der Pharma-Industrie, die Bezüge zum Mind-Controlprogram der CIA (Operation Artischocke, MK Ultra) aufweist. Zu seinen literarischen Vorbildern gehörten damals Hemingway und Fitzgerald; zu seinen Freunden gehörte – ebenfalls Absolvent der University of New Mexico – Edward Abbey, dessen Roman THE LONELY COWBOY (1956) Kiefer laut Curti beeinflusst haben soll.

Im selben Jahr wurde sein Sohn Alden geboren.

Dann schmiss er alles hin: Familie, Job und Wohnort. Quasi über Nacht begann er ein neues Leben.

Kiefer zog nach Rom, damals neben Los Angeles die größte Filmstadt der westlichen Hemisphäre. Im Umfeld von Cinecittà suchte und fand er Jobs. “I was working the Middle East and Africa as a director-producer of TV Specials and documentaries.”

Für Esso drehte er eine Dokumentation in Lybien. Auch wenn nichts darüber bekannt ist, hat er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit 1961 oder 1962 auch den Kongo besucht. Das Detailwissen über die geheimdienstlichen Aktivitäten, wie er es zehn Jahre später im LINGALA CODE darlegte, war zum Zeitpunkt des Erscheinens einem Außenstehenden nicht zugänglich. Entweder hatte Kiefer sehr gute Quellen, oder er war unter der beliebten Tarnung als Dokumentarfilmer oder Journalist in CIA-Aktivitäten aktiv verwickelt.

1963 war er wieder zurück in Rom und lernte Paul Maslansky kennen, der als Production Managere gerade für Irvin Allans THE LONG SHIPS arbeitete. „He and Maslansky met at the Cinecittà tank, where Kiefer was shooting additional footage for his Esso documentary: they liked each other, got along well, and talked about making a movie together. According to Maslansky, Kiefer had married again at that time, with a beautiful Argentinian woman“ (Curti).

Rolf Giesen: „Zum Film kam Kiefer durch Paul Maslansky und den Mammutfilm `The Long Ships´ (Raubzug der Wikinger). Maslansky lebt noch. Er nahm 1967 am 6-Tage-Krieg teil. Er war der Produzent der `Police Academy´-Filme. In einem von Kiefer geschriebenen Film spielte Mario Adorf.“

So kam es dazu, dass Kiefer mit CASTLE OF THE LIVING DEAD (Il castello dei morti vivi) seinen ersten Kinofilm als Autor und Regisseur drehte, dem zwei weitere folgten. Auch unter verschiedenen Pseudonymen, wie Lorenzo Sabatini, erledigte er weitere Filmarbeit.

Wer näheres zu diesem speziellen Bereich in Warren Kiefers Werk sucht, sollte sich den langen Artikel von Robert Curti ansehen.

In CASTLE spielte Donald Sutherland seine erste Filmrolle. Sutherland und Kiefer wurden so gute Freunde, dass der Schauspieler seinen Sohn nach ihm benannte. Kiefer widmete ihm den LINGALA CODE, den er noch in Rom geschrieben hatte..

Irgendwann nach 1972 verließ er Rom und zog mit seiner argentinischen Frau nach Buenos Aires .
Trotz gelegentlicher Buchveröffentlichungen, weiß anscheinend niemand, was Kiefer in Argentinien so getrieben hatte und womit er Geld verdiente.

Es war die Zeit der CIA gesteuerten Operation Condor, die mit Nazi-Methoden in ganz Lateinamerika gegen Befreiungsorganisationen und Gewerkschaften vorging. Sein Roman THE KIDNAPPERS greift die damalige Situation in Argentinien auf: Ein alter Schneider versucht seine Kenntnisse sowohl an die CIA wie die ODESSA zu verkaufen.
Er hatte noch Kontakte zur Filmindustrie.

Rolf Giesen: „Juliette de Sade war dann offiziell Kiefers letzter Film, der ihn nach Argentinien brachte. Ich selbst denke, dass er dort weitergemacht hat, neben den Romanen. Über internationale Co-Produktionen lässt sich gut Geld waschen.
Paul Maslansky, Warren Kiefers alter Weggefährte, plante 1990 eine Filmkomödie in Argentinien zu produzieren: „Honeymoon Academy“. Maslanskys Frau Sally sollte die Produktion überwachen. Es ging viel daneben; der Film entstand, dann nicht in Argentinien. Ursprünglich unter dem Titel „For Better For Worse“ geplant, sollten in Argentinien 5 Millionen Dollar ausgegeben werden. Die Produktion ging schließlich nach Spanien.
Ich bin sicher, dass Kiefer an der argentinischen Verbindung beteiligt war und dort Geld locker machen sollte.“
(Giesen in E-Mails an mich)

Obwohl nicht verifiziert, gilt 1995 als Kiefers Todesjahr.

Als Autor blieb er ein Geheimtipp, der nie den großen Erfolg verbuchen konnte.

1973 gewann er für den LINGALA CODE den Edgar Allan Poe-Preis für den besten Kriminalroman des Jahres.

1976 folgte der Vatikan-Thriller THE PONTIUS PILATUS PAPERS über einen entdeckten und gestohlenen Augenzeugenbericht der Kreuzigung Christi. 1977 erschien THE KIDNAPPERS.

Nach langer Pause folgte 1989 mit OUTLAW eine Western-Saga (Kiefer war ein Western-Fan und hatte die Drehbücher zu dem Lee Van Cleef-Film DIE LETZTE RECHNUNG ZAHLST DU SELBST, 1967, VERGELTUNG IN CATANO, 1965, und THE LAST REBEL, 1971, geschrieben), die von 1870 bis 1968 spielt.

1990 erschien mit THE PERPIGNON EXCHANGE ein Nahost-Thriller, 1992 mit dem Wall Street-Thriller THE STANTON SUCCESSION sein letztes Buch.

DER LINGALA CODE ist inzwischen ein Klassiker des Polit-Thrillers, der literarisch und thematisch einen ganz besonderen Platz in der Geschichte des Genres einnimmt in seiner perfekten Verbindung zwischen Realität und fiktionaler Erzählung. Die erneute Lektüre nach über vierzig Jahren zeigte mir zudem, dass der Roman stilistisch nicht im Geringsten antiquiert ist. Er liest sich, als hätte ihn ein vortrefflicher gestern erst geschrieben.

In deutscher Übersetzung sind lediglich zwei Romane erschienen: DER LINGALA CODE bei Heyne, 1974 und THE STANTON EXPRESS als DER DRITTE KANDIDAT bei Bastei-Lübbe, 1993.


EINIGE EMPFEHLENSWERTE AFRIKA-THRILLER:

ALEXANDER, Patrick, Death of a ThinSkinned Animal, London, Macmillan, 1976.

ALLBEURY, Ted, The Girl from Addis, London & New York, Granada, 1984.
AMBLER, Eric, Dirty Story, London, Bodley Head, 1967.

BOYD, William, Brazzaville Beach, New York, William Morrow, 1990.

BROWNLEE, Nick, Snakepit, London, Piatkus, 2011.

CAPUTO, Philip. Horn of Africa, New York, Holt, Rinehart and Winston, 1980.

CARNEY, Daniel, The Whispering Death, Salisbury, College Press,1 1969.

CHASE, James Hadley, The Vulture is a Patient Bird, London, Hale, 1969.

CLIFFORD, Francis, The Blind Side, London, Hodder, 1971.

DRISCOLL, Peter J., The Wilby Conspiracy, New York & Philadel-phia, Lippincott, 1972.

FORSYTH, Frederick, The Dogs of War, London, Hutchinson, 1974.

FREEMANTLE, Brian, Target, Sutton, Severn House, 2000.

GRANGÉ, Jean-Christophe, Fug der Störche, 1994. U.a. desselben Autors.

HARTMANN, Michael, Game for Vultures, London, Heinemann, 1975.

LE CARRE, John, The Constant Gardener, 2001; The Mission Song, New York, Little, Brown and Company, 2006.

McCARRY, Charles, The Miernik Dossier, New York, Saturday Review Press,1973.

DONELL, Nick, An Expensive Education, London, Atlantic Books, 2010.

McNAB, Andy, Recoil, New York, Bantam, 2006.

MILLS, Kyle, The Lords of Corruption, New York, Vaguard Press, 2009.

QUINNELL A. J., Black Horn, London, Chapmans Publishers, 1994.

SILLITOE, Alan, The Death of William Posters, New York, Knopf, 1965.

SMITH, Wilbur, The Leopard Hunts in Darkness, London, Heinemann, 1984.

THOMAS, Ross, The Seersucker Whipsaw, New York, Morrow, 1967.

TYLER, W. T., Rogue’s March, New York, Harper & Row, 1982; The Lion and the Jackal, New York, Simon and Schuster, 1988.

WINGATE, William, Bloodbath, London, Hutchinson, 1978.

WOODHEAD, Patrick, The Secret Chamber, London, Arrow, 2011



DER FRANZÖSISCHE SCHRIFTSTELLER JEAN LARTÉGUY UND DAS ENDE DER KONVENTIONELLEN KRIEGSFÜHRUNG by Martin Compart

In der angelsächsischen Welt wird Jean Lartéguy mit THE CENTURIONS und mehreren Penguin-Ausgaben gerade wiederentdeckt. Bei uns war er nie annähernd so populär wie in England, den USA oder in den romanischen Ländern. Lediglich acht Bücher von über 50 wurden ins Deutsche übersetzt. Seine Wiederentdeckung, die einiges dem US General David Petreaus verdankt, hat vor allem politische und militärische Gründe und weniger literarische.

Afghanistan oder Irak haben einmal mehr bewiesen, dass eine Supermacht wie die USA dazu in der Lage ist, einen Krieg dank überlegener Tötungstechnologie zu gewinnen, aber die besiegten Gebiete oder Völker nicht dauerhaft zu unterdrücken.
Eine Erfahrung, die sich durch die Kriege nach dem 2.Weltkrieg fast durchgehend bestätigt hat. Westliche versuchte Lösungen sind beständige militärische Präsenz, Drohnenkriege, Kommandounternehmen, eigene Guerilla-Kombattanten in Form der Special Forces – und Folter.

Der erste Schriftsteller der sich damit auseinandergesetzt hat, war der Franzose Jean Lartéguy, beginnend mit seinem Bestseller LES CENTURIONS, 1960. Darin thematisierte er erstmals das „ticking-bomb-scenario“, das Folter rechtfertigt, um ein größeres Unheil für die Besatzer abzuwenden.

Dazu Niels Werber über eine Strategie, die von Lartéguy bis zur TV-Serie „24“ führt um Folter zu legitimieren:

Es ist die Unmittelbarkeit der Gefährdung, die Normbrüche rechtfertigt, und dieser Ausnahmezustand wird medienrhetorisch über das „ticking bomb“ Szenario hergestellt. Wir alle wüssten doch, dass die Bombe bereits tickt und großangelegte Attacken unmittelbar bevorstünden. Obwohl aus allen Operationen des War against Terror seit sechs Jahren kein einziges Beispiel für dieses Szenario benannt werden kann, liefern die tickenden Bomben jene certain exceptional circumstances in which there is a strong case for overriding the norm.´ Tatsächlich handelt es sich um eine literarisch-cineastische Fiktion, die weltweit etablierte kulturelle Errungenschaften einreißt und Unterschiede zwischen Politik und Recht, Krieg und Frieden, Kombattanten und Zivilisten, Front und Etappe, Militär und Polizei, Norm und Ausnahme aufhebt. Denn das „Ticking Bomb“-Szenario ist eine literarische Erfindung, die inzwischen eine großartige massenmediale Karriere gemacht hat.
1960 veröffentlicht ein ehemaliger Kämpfer der französischen Resistance, der nach dem Weltkrieg die französischen Kolonialkriege in Indochina und Algerien mitgemacht hat, den Roman „Les Centurions“.8 Das Buch wird zum internationalen Bestseller mit Millionenauflage. 1966 wird es von Hollywood mit Starbesetzung (Anthony Quinn, Alain Delon, George Segal, Claudia Cardinale…) verfilmt.


Die Protagonisten sind Fallschirmjäger, die in Vietnam die asymmetrische Kriegsführung der Guerilla kennengelernt haben und nun in Algerien, damals noch ein integraler Teil Frankreichs und damit Inland, die Konsequenzen ziehen. Die Lage Algeriens in den 1950er Jahren erinnert an die Situation der Koalitionstruppen im Irak oder der ISAF/OEF in Afghanistan: Die Franzosen befinden sich auf feindlichem Boden und kämpfen gegen einen entschlossen wie unsichtbaren Feind, der keine Uniformen trägt und der mit allen Mitteln versucht, die französische Besatzung und Besiedelung ihres Landes zu beenden: Zivilisten und Polizisten werden überfallen, zivile wie staatliche Einrichtungen attackiert, Grausamkeiten wie Enthauptungen, Verstümmelungen und Vergewaltigungen werden verübt. Die Front de Libération Nationale lässt sich auf einen regulären Krieg nicht ein, sondern führt einen Partisanenkrieg gegen alles Französische. In dieser Lage greift die 10. Fallschirmjäger Division in den Kampf ein. Die Paras in Lartéguys Roman hissen den schwarzen Wimpel der Piraten (S. 350, 368), sagen sich von allen rechtlichen, politischen, moralischen Bedenken los (S. 507), führen eine neue netzwerkartige Organisation mir flachen Hierarchien und größter operativer Selbstständigkeit der einzelnen Einheiten ein und beginnen selbst einen irregulären Krieg gegen die Nationale Befreiungsfront. Vom „Gegner“ lernen, heißt die Devise (S. 365). Die Truppen üben nach Attentaten Vergeltung an Zivilisten, sie nehmen Massenverhaftungen und Verhöre ohne Rechtsgrundlage vor, exekutieren Verdächtige und verwandeln Algerien in ein zweites Vietnam. Dieser terroristische Anti-Terror-Kampf zeitige, wie Jerome Slater betont, außergewöhnlichen Erfolg:

`There is little doubt, for example, that in the 1950s, the French torture of Algerian captives temporarily succeeded in destroying the underground movement.´

Ohne jeden Beleg, ohne Quellen zu nennen, behauptet Slater, es sei die Folter gewesen, mit der die Fallschirmjäger die Initiative zurückgewonnen hätten, denn nur durch die durch Folter gewonnenen Informationen sei es möglich gewesen, eine Geheimorganisation zu zerschlagen, deren Mitglieder französische Staatsbürger in bürgerlichen Berufen sind, die tagsüber die Lage erkunden und nachts Bomben legen oder Überfälle vornehmen.

Der Höhepunkt des Romans von Larteguy, der inzwischen selbst in der Ticking-Bomb-Debatte zum Topos geworden ist, stellt die extralegale Verhaftung eines wichtigen Mitglieds der FLN dar. „Wir sind nicht hier, um Verfahrensfragen zu regeln, sondern um zu kämpfen“, erläutert der Kommandeur der Truppen. „Wir müssen außerhalb jeder Legalität und jeder konventionellen Methode dieses Unternehmen wagen.“ Alles muss in völliger Geheimhaltung ablaufen, um zu verhindern, dass das „Problem internationalisiert“ wird und die UNO oder das ICRC „Beobachter“ schickt. Es dürfe kein Krieg sein, der die FLN zu einer Armee aufwerten und ihre Kämpfer mit Rechten ausstatten würde, sondern ein „Kampf“, der „um jeden Preis gewonnen“ werden müsse (S. 519). What ever it takes, die Devise Jack Bauers…
(Niels Werber: Tickende Bomben. Unser Weg in den Nicht-Krieg. https://www.boell.de/sites/default/files/assets/boell.de/images/download_de/bildungkultur/SS05_Niels_Werber_Tickende_Bomben.pdf )

Jean Lartéguy wurde als Jean Pierre Lucien Osty 1920 in Maisons-Alfort geboren; er starb 2011 im Hôtel des Invalides in Paris.

Er war ein vom Militär geprägter Journalist und Schriftsteller, der vor allem von den (De-)Kolonialkriegen Frankreichs geprägt war und diese in seinem Werk thematisierte. Seine berühmtesten Romane, DIE ZENTURIONEN, DIE PRÄTORIANER und DIE GRAUSAMEN TRÄUME gelten in Frankreich auch als Schlüsselromane, da mehrere Protagonisten und Handlungsträger auf realen Personen erkennbar basieren.
Er war der erste Autor, der sich sowohl journalistisch wie auch fiktional mit dem asymmetrischen Krieg auseinandersetzte, damals noch revolutionärer- oder Guerilla-Krieg genannt.

Ich wurde in eine dieser armen Bergbauerfamilien hineingeboren, deren Namen man auf Kriegsdenkmälern findet, aber nie in Geschichtsbüchern.“ Vater und Onkel kämpften im 1.Weltkrieg. Er studierte in Toulouse Geschichte, als er sich 1939 nach Ausbruch des 2.Weltkriegs zu den Waffen meldete. 1942 floh er nach Spanien, wurde dort für neun Monate interniert bevor er sich der Armee des freien Frankreichs anschließen konnte. Er diente in der 1er groupe de commandos bei Kommando-Unternehmen in Nordfafrika und Italien und kämpfte während der Befreiung in Frankreich und rückte mit nach Deutschland vor. 1946 schied er im Rang eines Hauptmannes der Reserve aus der Armee aus, schloss sich aber während des Korea-Krieges dem französischen Bataillon an und kämpfte in der Schlacht von Heartbreak-Ridge, in der er durch eine feindliche Handgranate verwundet wurde (später verarbeitet in seinem Roman LES MERCINAIRES). Als Soldat, Journalist und Schriftsteller erhielt er viele Auszeichnungen. Vorher und nachher arbeitete er als Journalist und Kriegsberichterstatter hauptsächlich für Paris Match und Paris-Presse. Neben Romanen und Sachbüchern arbeitete er auch als Drehbuchautor.

Bis in die 1970er Jahre war berichtete er von den meisten Krisenherden der Welt: Palästina, Indochina, Korea, Algerien, Kongo; seit den 1960ere Jahren verstärkt auch aus Lateinamerika über die Guerilla-Kriege der Freiheitsbewegungen (daraus ging sein in Deutschland bekanntestes Sachbuch hervor, GUERILLA ODER DER VIERTE TOD DES CHE GUEVARA, das 1968 in Der Spiegel vorabgedruckt wurde. In dem Buch bringt er seinen großen Respekt für Guevara zum Ausdruck und analysiert den Zustand der damaligen lateinamerikanischen Freiheitsbewegungen: „Die lateinamerikanischen Guerillas bemühten sich, ihre Sache ebensogut zu machen wie die Vietcong. Aber ihr Mangel an Disziplin, ihr sehr hispanischer Dünkel, ihre Ablehnung jeglicher Autorität machten sie oft zu einer leichten Beute für die Spezialisten aus Panama. In Lateinamerika mußten die Amerikaner die Zeitungen bestechen und ihren ganzen Einfluß aufbieten, damit man nicht nur von ihren Niederlagen in Vietnam berichtete.

Eine Zeitlang waren für ihn die Israelis die Soldaten, die seinen Idealen und seiner Vorstellung von Effektivität am nächsten kamen („sogar den Vietnamesen überlegen“). „The Israeli army was born of … that mad old genius Orde Wingate and his „midnight battalions“ of Jewish warriors that included the young Moshe Dayan and Yigael Allon. Kaplan: “Wingate was a Christian evangelical before the term was coined. The son of a minister in colonial India, he frequently quoted Scripture and read Hebrew. In 1936, Captain Wingate was dispatched to Palestine from Sudan. For religious reasons he developed an emotional sympathy for the Israelis, establishing himself as `the Lawrence of the Jews.´ He taught them „to fight in the dark with knives and grenades, to specialize in ambushes and hand-to-hand fighting. Wingate headed to Ethiopia in 1941, leading Ethiopian irregulars in the struggle to defeat the Italians and put the Negus Negast (King of Kings, Haile Selassie) back on the throne. From there it was on to Burma, where he consolidated his principles of irregular warfare with his famed `chindits´ long-penetration jungle warriors, dropped by parachute behind Japanese lines.”

Die Sympathie war gegenseitig: israelische Fallschirmjäger übersetzten DIE ZENTURIONEN und DIE PRÄTORIANER ins Hebräische, um sie in ihren Ausbildungslagern zu lesen. Mitte der 1970er Jahre änderte sich seine Bewunderung, da er den Israelis vorwarf, dass sie sich zu sehr von amerikanischer Waffentechnologie abhängig gemacht hätten und dadurch ihre frühere Qualität verloren gingen.

2013 erschien seine Biographie: JEAN LARTÉGUY von Hubert Le Roux.

Er hatte in den 1950ern als Buchautor begonnen (was auch zu einigen Drehbuchaufträgen geführt hatte). Der große Durchbruch kam 1960 mit LES CENTURIONS, einem der großen und vergessenen Kriegsromanen des 20.Jahrhunderts, der bis heute häufig unterschätzt oder aus kurzsichtiger ideologischer Perspektive abgelehnt wird. Lartéguy gelang damit nicht nur ein Weltbestseller, er wurde auch zu einem der meistgelesenen Autoren in Frankreich. Mit dem Roman veränderte er sogar das Leseverhalten der Franzosen, wie Le Figaro Littéraire feststellte: vor dem gigantischen Erfolg hatten 38% der Erwachsenen noch nie ein Buch gelesen, was sich mit den CENTURIONS als Tagesgespräch schlagartig änderte. Es folgte ein weiterer Algerien-Roman, LES PRÉTORIENS, der Hintergründe zur OAS verarbeitete und ihn endgültig als Bestsellerautor etablierte.

In den ZENTURIONEN wird die Entfremdung zwischen Militärs, Politikern und heimische Bevölkerung angesprochen; Jahre vor den Vietnam-Protesten. Ebenso zeigt Larteguy hier erstmals die Unterschiede und Frustrationen zwischen konventionellen Waffengattungen und den „neuen“ Special Forces, die mit neuen Methoden versuchen, den asymmetrischen Krieg zu gewinnen.

Robert Kaplan erzählt in seinem Artikel für The Atlantic, wie häufig ihn Generäle oder ehemalige Special Forces auf DIE ZENTURIONEN verwiesen haben. Der Roman wurde zum Kultbuch der Special Forces in Vietnam.

In Artikeln und Anmerkungen wird gerne hervorgehoben, dass Lartéguy ein konservativer Militarist und strammer Anti-Kommunist gewesen sei. Ganz klar gehörte er in den 1960er Jahren zu den Feindbildern der Pariser Linksintellektuellen. Dabei werde und wurden einige Dinge unterschlagen: Nach dem Weltkrieg spielte Lartéguy mit dem Gedanken, für die Sozialisten in die Politik zu gehen. Durch seinen militärischen Hintergrund (und weil er als Journalist dahin ging, wo es gefährlich war – ganz ähnlich wie Scholl-Latour, der in Deutschland auch häufig Anfeindungen ausgesetzt war) bekam er intimen Zugang zu Soldaten und Informationen. Seine Empathie für diese Leute brachte er in den Romanen und Reportagen zum Ausdruck – selbst die Folterer der Spezialkräfte versuchte er zu begreifen, was nach der Schlacht um Algier sicherlich nicht gut aufgenommen wurde.

Was aber meistens nicht erwähnt wird, ist sein Bruch mit den Fallschirmjägern, da er in ihren politischen Bestrebungen ganz klar faschistische Haltungen und Ziele erkannte. Die dreckigen Methoden der Special Forces waren für ihn ein erkennbares Dilemma. So schrieb er auch in den ZENTURIONEN: „Sie gewinnen Schlachten, aber verlieren ihre Seele.“

Zynisch drückte er erstmals den Widerspruch zwischen Special Forces und bürokratischer Kriegsmaschine aus, die bis heute die Ineffektivität in der asymmetrischen Kriegsführung in Afghanistan, Irak oder Afrika mitträgt: Seine Soldaten haben mehr Respekt vor dem Feind als vor den Karrieristen in der eigenen Armee, „Leute die früh aufstehen, um nichts zu tun“. Soldaten, die ihr Leben riskieren „um nach Hause zu kommen, von den Bürgern beschimpft zu werden, deren Zivilgesellschaft sie vermeintlich verteidigt haben und um festzustellen, wie korrupt und verkommen diese Gesellschaft ist“. Die Entfremdung zwischen Soldaten, insbesondere der Spezialkräfte, und ihrer Gesellschaft trat in dieser Deutlichkeit erst nach dem 2.Weltkrieg in den Kolonial- und Befreiungskriegen auf und wird angesichts des Zynismus aktueller und künftiger Gier-Kriege nach Ressourcen (zu Gunsten weniger Profiteure) an Problematik und gesellschaftlicher Sprengkraft noch zunehmen, auch wenn das heute noch von wenigen erkannt ist.

Man muss Larteguy – auch wenn man im vielen nicht mit ihm übereinstimmt – zugestehen, dass er dies als erster Schriftsteller thematisiert und zum Teil erschreckend ausgelotet hat.
„Und welchen Unterschied machen Sie denn zwischen einem Flieger, der hoch oben in seinem Flugzeug sitzt und Behälter mit Napalm über eine Mechta (algerische Bauernsiedlung) abwirft, und einem Terroristen, der seine Bombe im Coq Hardi (Bar in Algier) ablegt? Der Terrorist braucht nur unendlich mehr Mut.“ (Die Zenturionen, 4. Aufl. Bonn 1961, S. 481.)

In seinem dritten großen Kriegsroman, DIE GRAUSAMEN TRÄUME (Les chimères noires,engl.: Hounds of Hell), 1963, beschreibt er die Katanga-Krise von 1960–1963 aus der Perspektive dreier Söldner (darunter auch ein deutscher). Die Hauptfigur des Obersten La Roncière ist an Roger Trinquier angelehnt. Er ist Führer einer Gruppe von französischen Söldnern, die dem separatistischen Katangapräsidenten als Elitetruppe dienen und auch gegen UNO-Truppen eingesetzt werden, die die Abspaltung Katangas von der Demokratischen Republik Kongo verhindern sollen:
„La Roncière entdeckte voller Erstaunen, dass er sich zum ersten Mal ohne Schwierigkeit in die Rolle des Gegners versetzen konnte. In Indochina konnte man sich nicht an die Stelle der Viets setzen, in Algerien nicht an die der Fellaghas. Jetzt aber war er nur noch ein Söldner, Techniker einer bestimmten Art der Kriegführung, den man ebenso einstellte wie andere, die eine Brücke bauen sollten.“ (Die grausamen Träume, S. 69)

Diese drei Romane werden auch gerne als Trilogie behauptet. Darüber lässt sich streiten. Für mich unbestreitbar ist, dass sie drei sträflich unterschätzte Kriegsromane des 20.Jahrhunderts sind und auch literarisch wiederentdeckt werden sollten. Hat sich der Leser erst mal auf Lartéguy eingelassen, kommt er den dargestellten Ereignissen und Personen so nahe wie durch kein vergleichbares Buch.

Unbedingt zu erwähnen ist auch Lartéguys großer Laos-Roman DIE TROMMELN AUS BRONZE, 1967, der die Geschichte Laos und das geheimdienstliche Geschachere um Indochina zu einem höchst ungewöhnlichen Polit-Thriller verschmilzt. Ebenfalls zu empfehlen ist DAS GELBE FIEBER, seinen großen „Abschiedsroman“ von Indochina, in dem er den Amerikanern ein ähnlich verehrendes Disaster wünscht wie es die Franzosen erlitten haben (und mit Oberst Terryman zeichnet er ein Portrait des berüchtigten Colonel Lansdale). Das „gelbe Fieber“ ist das „indochinesische Fieber“; die romantische, sehnsuchtsvolle Wehmut nach dieser Region, die man nie wieder los wird und ein Leben lang verfolgt (auch das teilte Lartéguy mit Scholl-Latour und vielen Europäern).

P.S.: Wer den Roman DIE ZENTURIONEN kennt, wird für die Verfilmung höchstens ein müdes Lächeln erübrigen. Der Film lief unter dem Titel THE LAST COMMAND, da die cleveren Produzenten befürchteten, das blöde Publikum würde beim Titel CENTURIONS vermuten, es handele sich um einen weiteren Sandalen-Film.