Martin Compart


zu JOHN MAIRS KLASSIKER „ES GIBT KEINE WIEDERKEHR“ by Martin Compart

John Mairs deutsche Erstveröffentlichung ES GIBT KEINE WIEDERKEHR entwickelt sich zu einem überraschenden Erfolg, mit dem weder der Verlag noch meine Wenigkeit so gerechnet haben.

Das große Interesse hat das vorgesehene Rezensionsexemplare-Kontingent schon so gut wie aufgebraucht. Es gab einige schöne und kritische Rezensionen (mit Ausnahme der erwartbaren unfreiwillig plumpen Dummschwätzerei meines bekannten Ex-Bastei-Büttels, der seine akademischen Plattitüden gerne wie eine Monstranz vor sich herträgt; oft so peinlich wie – um Orwell zu zitieren – „ein humoristischer Vortrag auf einem Kirchenabend“.). Unerwartet wurde der Roman von der Jury, gegen entsprechenden Widerstand, auch in die „Krimi-Bestenliste“ gewählt.

Mit dieser Resonanz hatten wir nicht gerechnet! Ein anspruchsvoller und verstörender Thriller findet also doch sein kleines oder mittleres Publikum in Zeiten, in denen sich Kriminalliteratur durch Gestalten wie Sebastian Fitzek auf der Bestsellerliste als literarische Lebensmittelvergiftung definiert.

Bei der zweiten Auflage, bzw. Nachdruck, wird es nur kleine Änderungen geben. Aber sicherlich darf nicht unerwähnt bleiben (was mir völlig entgangen war), worauf mich Eva König aufmerksam gemacht hat: Das Mairs Buch ein früher existentialistischer Roman ist. Mit dieser Erkenntnis im Hinterkopf, machen auch surrealistisch anmutende Szenen zusätzlich Sinn.

An dieser Stelle – mit Erlaubnis des Verlages – möchte ich zum fortschreitenden Interesse an John Mairs Roman zwei Kapitel aus meinem Nachwort zitieren:

Thriller

Als John Mairs Roman Never Come Back erschien, stand der britische Spionageroman schon in erster Blüte. Ausgehend von den Invasion-Romanen eines William Le Queux, Rudyard Kiplings «Great Game»-Roman Kim und Erskine Childers Riddle of the Sands entwickelte sich im und nach dem Ersten Weltkrieg ein Genre mit breitem Spektrum.

Den prägendsten Einfluss übte der Schotte John Buchan aus, der mit dem Klassiker The 39 Steps (seit 1915 in Britannien ununterbrochen lieferbar) eine Art Blaupause für viele Thriller lieferte (die auch in Never Come Back nachschwingt: Ein Zivilist wird in eine Verschwörung verwickelt, muss vor Sicherheitskräften und Konspirateuren fliehen und während dieser atemberaubenden Jagd die Konspiration aufklären und verhindern).

In den 1920er Jahren entstanden neben diesen politisch konservativen Thrillern auch faschistoide, wenn nicht faschistische Thriller. Zum Synonym für diese brutale Spielart des Politthrillers wurde «Sapper» mit seiner Bulldog Drummond-Serie, die vor Antisemitismus und Rassismus nur so strotzt. In diesen Spionagethrillern tobte die Paranoia des britischen Empires. Es fühlte sich von allen Seiten bedroht, von anderen Mächten und politischen Systemen. In Britannien verschärfte sich der Klassenkampf und in den Kolonien kam es zu Aufständen. Dahinter – so suggerierten nicht nur Sapper & Co. – standen Kommunisten, unterstützt von der Sowjetunion, Anarchisten, eifersüchtige Imperialmächte wie Frankreich oder die USA oder das Finanzjudentum.

Bulldog Drummond und Richard Hannay hatten alle Hände voll zu tun, feindliche Sabotage- und Spionageringe aufzuspüren und unschädlich zu machen. Die Populärkultur feierte nach wie vor Britanniens imperiale Allüren.

Beginnend mit Somerset Maughams Kurzgeschichtenzyklus Ashenden (1928) begann eine Tendenz zu bis dahin nicht gekanntem Realismus im britischen Spionageroman. Autoren wie Eric Ambler oder Graham Greene verfestigten diese literarische Strategie. Danach unterscheidet man zwei Schulen des Spy Thrillers: die romantische und die realistische (mit vielen Überschneidungen im Laufe der Jahrzehnte).

1939, in dem Jahr, als Mair seinen Roman angeblich begann, erschienen drei Meilensteine des Genres, die er wahrscheinlich gelesen hatte: The Mask of Dimitrios von Eric Ambler, The Confidential Agent von Graham Greene und Rogue Male von Geoffrey Household. Mit Eric Ambler verbindet Mair auch die linksliberale politische Orientierung.1

Aber vielleicht hatte Mair auch später Graham Greene beeinflusst: Man weiß nicht, ob Graham Greene Mairs Roman gelesen hat. Aber in Ministry of Fear (1943) weist einiges darauf hin, besonders die atmosphärischen Beschreibungen Englands während des Krieges (und Greene schrieb den Roman bekanntlich während seiner Zeit in Sierra Leone als Mitarbeiter des Geheimdienstes). In beiden Romanen finden die Aktionen in «Echtzeit» statt, genau in diesem Moment, nach dem sogenannten «Phoney War» oder «Sitzkrieg», in dem die Deutschen soeben die Kapitulation Frankreichs erzwungen und begonnen hatten, die Inseln zu bombardieren. Allerdings spürten die britischen Bürger die Auswirkungen des Konflikts noch nicht so intensiv wie ab September 1940 (The Blitz), als die deutsche Luftwaffe auch die Städte angriff. Man schien sich durch die Insellage noch sicher zu fühlen und war eher optimistisch. Was würde als Nächstes passieren? Niemand wusste es so recht und die meisten waren nicht allzu beunruhigt.

Mair kannte das Genre und hatte sich bewusst für die Form des Thrillers als Romandebüt entschieden. Julian Symons berichtet, dass Mair häufig Thriller rezensiert hatte, darunter eine Symons beeindruckende Besprechung von James Hadley Chases Roman No Orchids for Miss Blandish, der ebenfalls 1939 erschienen war. In dieser Rezension, die Symons in Bloody Murder zitiert, führte Mair akribisch alle Straftaten auf, die in Chases Roman begangen werden. 2

Ich vermute, dass auch G. K. Chestertons «philosophischer Thriller» The Man Who Was Thursday einen gewissen Einfluss auf Mairs Roman hatte: Das dort beschriebene Anarchisten-Zentralkomitee ist ebenso surreal wie Mairs Oppositions-Internationale.

Der Antiheld

Mit seinem Antihelden bricht der Roman durch eine literarische Straßensperre nach der anderen. Nie zuvor wurde mit den etablierten Klischees des Spionageromans konsequenter gebrochen. In Never Come Back gibt es weder einen Clubland-Hero noch eine patriotische Mission – und nicht mal eine «damsel in distress».

Symons stellt fest, dass Desmond Thane ganz bewusst als Gegenentwurf zu den angstfreien
Helden von John Buchan oder Sapper konzipiert worden war (und dass Mair einige Merkmale seiner eigenen egozentrischen Persönlichkeit hat einfließen lassen).

Der Protagonist Desmond Thane ist eine überraschend dreidimensionale Figur, wie es sie damals im Thriller kaum gab. Er gehört wahrlich nicht zu den «Clubland Heroes» à la Richard Hannay, Jonah Mansel oder Bulldog Drummond, die mit ihrem Patriotismus den britischen Spy Thriller dominierten. 3

Thane ist – wie Julian Symons bemerkt – der erste Antiheld des Genres.

Er ist ein pathologischer Lügner, beherrscht von eigenem Vorteilsstreben. Er ist eitel, sexbesessen, feige und egozentrisch. Nichts interessiert ihn weniger als kosmische Harmonie, denn er behauptet sich in der scheinbaren Sicherheit von Spekulationen.

Es zeigt John Mairs Fähigkeiten als Schriftsteller, dass er für ihn trotzdem Empathie beim Leser erzeugt. Denn Thane ist auch clever und schlagfertig wie ein amerikanischer Private Eye, der jedes Dilemma, in das er gerät, annimmt und sich herauszuwinden versteht. Ob wir wollen oder nicht: Seine derbe, überschäumende Vitalität und Cleverness nötigen uns Respekt ab.

In gewisser Hinsicht greift er mit seinem sexuellen Appetit auf spätere Thriller-Helden wie James Bond voraus. Mit Bond verbindet ihn auch seine Neigung zum Hedonismus. Dabei unterscheidet er sich aber doch sehr von Bond durch seinen Egoismus, dem patriotische Motive fremd sind. Als echter Antiheld interessiert ihn keinesfalls das Wohl des Vaterlandes. Ihm geht es nur um den eigenen Vorteil: Nachdem er herausgefunden hat, was seine Gegenspieler wollen, denkt er daran, es ihnen teuer zu verkaufen und mit dem Erlös ein Leben in Wohlstand zu führen. Dafür allein hätte Bond ihn erschossen.

Und seine physischen Fähigkeiten scheuen ebenfalls jeden Vergleich mit 007.

Anders als die Amateure in den frühen Ambler-Romanen, die zufällig in eine Konspiration geraten, treibt Thane sich selbst durch sein sexuelles Verlangen in die düstere Welt von Anna Raven. Für ihn sind Verbrechen nicht Ursachen für, sondern Konsequenzen von Entwicklungen.

Thane sieht sich als erfolgreicher Frauenheld, beladen mit einem antiquierten Frauenbild. Das wird ihm zum Verhängnis, als er Raven trifft und Besitzansprüche stellt.

Sie aber ist eine selbstbewusste moderne Frau, ebenfalls ziemlich ungewöhnlich für die Thriller der damaligen Zeit. Sie bestimmt über ihre Sexualität – sehr zu Thanes Missfallen.
Verärgert muss er feststellen, dass sie ihn dominiert und so behandelt, wie Männer Frauen «gewöhnlich» behandeln. Für sie ist der Sex mit ihm ein rein episodisches Vergnügen ohne emotionale Einlassung. Sie unterwirft sich nicht seiner göttlichen Männlichkeit. Thane kann damit nicht umgehen, wird immer verunsicherter (eine Situation, die auch heute noch bei Männern zu Komplikationen oder Gewaltausbrüchen führt).

Ungewöhnlich für das Genre sind auch Thanes Neigungen zum Philosophieren:

«Selig der Mensch, so dachte er, ohne geistige oder körperliche Leidenschaften, der mit gleichem Abscheu an Buchhandlungen, Bordellen und Reise­büros vorbeizugehen vermochte. Eigentlich schade, dass man sich heutzutage nicht mehr dem Teufel verschreiben konnte; der allgemeine Niedergang des Glaubens hatte diesen Markt ruiniert und den Verderbten lediglich die Rolle des verachteten Proletariats zugewiesen; zu verkaufen blieb denen nichts als ihre
ohnehin verlorenen Seelen. Faust hatte Juristerei, Medizin, Logik und Philosophie immerhin noch gegen vierundzwanzig Jahre voller Macht und Herrlichkeit eingetauscht; inzwischen steckten alle Hauptstädte randvoll mit Gelehrten, die diese vier Disziplinen und allerlei weiteres Wissen liebend gern für ein paar Schillinge und gelegentliche Vortragsreisen hingegeben hätten. Laster unterlagen einer Überproduktion, wie anderes auch.»

Mairs Prosa ist stets raffiniert. Und wann haben wir je von einem Bösewicht gelesen, der die Konsequenzen seiner Misse­taten im Lichte philosophischer Lehren analysiert?

Man muss Julian Symons wohl zustimmen, dass Mair in Thane auch ein Selbstporträt anlegte, eine Innenschau des damals achtundzwanzigjährigen Autors. Kein besonders schmeichelhaftes Selbstbild, aber vielleicht treffend angesichts der ihm nachgesagten Egozentrik. Jedenfalls ist Thane ein runder Charakter, wie er in der damaligen Thriller-Literatur selten oder eher gar nicht präsent war. Ein Typ, an dem Patricia Highsmith sicherlich Vergnügen gefunden hätte.

——————————————–
1 In den sechs Romanen, die Eric Ambler vor dem Zweiten Weltkrieg geschrieben hatte, sympathisiert der Autor mit dem Kommunismus und auch der Sowjetunion.

2 Julian Symons: Bloody Murder. From the Detective Story to the Crime Novel: A History. London: Faber & Faber, 1972. Deutsche Auagaben: Am Anfang war der Mord. Eine Geschichte des Kriminalromans. München: Goldmann, 1982 (Nachdruck der Ausgabe München 1972).

3 Der Begriff «Clubland Heroes» wurde geprägt von Richard Usborne in seinem gleichnamigen Buch (London: Constable, 1953), in dem er die Charaktere in den Werken von Dornford Yates, John Buchan und Sapper untersucht. «I call this book Clubland Heroes because the heroes of the books I am examining were essentially West End clubmen, and their clubland status was a factor in their behaviour as individuals and groups … In Buchan, Sapper and Yates men of action were recruited from the leisured class.»




JACK LONDONS „DAS MORDBÜRO“ – SOZIALSCHMAROTZER TÖTEN ALS GESCHÄFTSMODELL by Martin Compart

Winter Hall ist Sozialist und Millionär. Also verfügt er über genügend Ressourcen, als er den angeblichen Selbstmord eines Freundes untersucht. Er entdeckt, dass hinter dem vermeintlichen Freitod eine Organisation steht, die für eine ganze Reihe von Morden in den USA verantwortlich ist: das Mordbüro. Ihm gelingt es, Kontakt mit dem Chef aufzunehmen, mit Iwan Dragomiloff ( der Roman spielt 1911, und die Hysterie über bombende russische Anarchisten ist seit längerem Bestandteil der Populärkultur) und erfährt mehr über die Organisation.

Das Mordbüro ist eine in New York ansässige Institution, die gegen Bezahlung Mordaufträge übernimmt. Eine Geld-zurück-Garantie gibt es auch, falls der Auftrag nicht binnen eines Jahres erfüllt wird. Natürlich abzüglich zehn Prozent für die Recherchekosten.

Allerdings sind Bedingungen an die Annahme geknüpft: Das Opfer muss eine für die Gesellschaft schädliche Person sein, etwa skrupellose Geschäftemacher, Verräter oder korrupte Politiker.
Das Ziel der Institution, deren Mitglieder fast alle ehemalige Wissenschaftler sind, die zu perfekten Mördern wurden, ist eine bessere Gesellschaft.

Winter Hall erteilt den Auftrag, Dragomiloff zu töten – und dieser nimmt ihn an. Denn er kann sich der Argumentation nicht verschließen, die später auch gegen die Rote Armee Fraktion massentauglich verbreitet wurde:

„Es war der Kampf zweier Gelehrter, zudem noch pragmatischer Gelehrter. Dass sein Leben verwirkt war, hatte keinen Einfluss auf Dragomiloffs Argumentation. Zur Debatte stand einzig die Frage, ob seine Attentatsagentur eine rechtmäßige Einrichtung war. Ja, sie dachten so pragmatisch, dass sie beide die gesellschaftliche Zweckdienlichkeit als entscheidendes Kriterium akzeptierten und darin übereinstimmten, dass diese in höchstem Maße ethisch war. Und anhand dieses Kriteriums trug am Ende Winter Hall den Sieg davon. »Ich erkenne jetzt«, sagte Dragomiloff, »dass ich nicht genügend Betonung auf die gesellschaftlichen Faktoren gelegt habe. Die Attentate sind weniger für sich genommen als vielmehr gesellschaftlich falsch. Ich würde das sogar noch relativieren. Von Individuum zu Individuum betrachtet waren sie keineswegs falsch. Aber Individuen sind nicht einfach nur Individuen. Sie sind Teile einer Gesamtheit von Individuen. Ich war nicht im Recht.“

Und nun beginnt eine irrwitzige Hetzjagd, ebenso spannend wie mit humorigen Szenen und philosophischen Diskursen durchsetzt.

Der Polit-Thriller THE ASSASSINATION BUREAU LTD basiert auf einem langen Fragment von Jack London, dass von dem heute leider vergessenen Kriminalschriftsteller Robert L.Fish vollendet und 1963 erstmals veröffentlicht wurde.

Mit „Agenten-Thrillern“ hat der Roman so gar nichts gemein.


Von den 161 Seiten der amerikanischen Erstausgabe stammen die ersten 110 Seiten von Jack aus dem Jahre 1910. Die restlichen Seiten verfasste Fish nach Notizen des Autors. Nach diesen Vermerken sollte die Jagd auch noch nach Mittel- und Südamerika und nach Australien führen.

London verlegte die Handlung in die nahe Zukunft, 1911. Darin gibt es bereits Elektroautos und man spricht über die Russische Revolution!

Als „philosophischer Thriller“ ist DAS MORDBÜRO wohl nur mit einem zeitnahen Roman vergleichbar: G.K.Chestertons DER MANN, DER DONNERSTAG (1908) war.

Noch eine dritte Person war am Entstehen des Romans beteiligt:

Der spätere Literaturpreisträger Sinclair Lewis (1885-1951) – er war der erste amerikanische Schriftsteller, der den Preis erhielt – arbeitete jahrelang als Plot-Lieferant für Jack London, dem die Ideen für seine Massenproduktion ausgingen.
Aus dem Briefwechsel zwischen London und Sinclair:

„Lieber Jack London“, schrieb Sinclair Lewis, „ich war sehr erfreut, von Ihnen die Nachricht zu bekommen, daß Sie sich noch einige andere Kurzgeschichten-short story plots ansehen wollen. Ich lege ein dickes Bündel bei … Ich hoffe sehr, daß Sie eine beträchtliche Anzahl davon verwenden können …“

„Lieber Sinclair Lewis, Ihre Plots trafen gestern abend ein, und ich habe sofort neun (9) übernommen, für die ich Ihnen hiermit, entsprechend Ihrer Rechnung, per Scheck 52,50 Dollar überweise …Einige entsprechen nicht meinem Temperament, andere kommen nicht in Frage, weil ich leider zu faul bin, die dazu noch nötigen Fakten und atmosphärischen Details zu recherchieren.“ Wieder andere verwarf er, weil sie „richtige O’Henry-plots sind, für O’Henry wären sie großartig“.

Insgesamt kaufte London 27 Plot-Ideen von Siclair Lewis. Fünf von ihnen hat er verwertet: Drei verarbeitete er zu Kurzgeschichten („Winged Blackmail„, „When the World was Young„, „The Prodigal Father„), zwei zu Romanen („The Abysmal Brute“, „The Assassination Bureau„).


Die Filmrechte wurden im Mai 1966 von United Artists für ein Burt Lancaster-Vehikel verkauft.

Als dieser sich von dem Projekt zurückzog, wurden sie an Paramount weitergereicht. Dort machten Basil Dearden (Regie) und Michael Relph (Drehbuch) aus der Vorlage „a very british comedy“ mit absoluter Starbesetzung: Oliver Reed spielte Dragomiloff und Dianna Rigg die angehende Investigativjournalistin Sonya Winter, zu der Winter Hall im Drehbuch mutiert war.

Die Schauplätze des Romans wurden aus den USA nach Europa und die Zeit von 1911 in 1914 verlegt. Telly Savalas, Curd Jürgens und Phillippe Noiret gehörten zu den Co-Stars. Die Musik komponierte kein Geringerer als Ron Grainer (The Prisoner, Man in a Suitcase etc.).

Der Film konzentriert sich auf die komödiantischen Momente, ist voller anarchischer Komponenten (gedreht wurde im April 1968) und amüsiert noch immer. Er atmet den Geist der Swinging Sixties,

In Zeiten von Corona wird das Sozialschmarotzertum wieder besonders deutlich: Die Reichen verdoppeln ihre Gewinne, die Börsenkurse gehen durch die Decke, der Mittelschicht droht der endgültige Kollaps, die lange behauptete Chancengleichheit ist durch ein seit Kohl und Schröder immer maroderes Bildungssystem endgültig ausgehebelt, und auf der Straße verenden die Obdachlosen.

Für die Neo-Cons oder Neo-Liberalen wird ihr Paradies wahr.

Was die meisten Investmentbanker und Nutznießer nicht erwirtschafteten Kapitals oder Internet-Mogule nicht wahrhaben wollen, ist, dass der Systemabsturz sie mitreißen wird. Um einen Satz von Henry Ford abzuwandeln: Computer kaufen keine Computer (bei Amazon).

Wie pervers dieses ohnehin schon perverse System inzwischen ist, kann man an zwei Faktoren ablesen: Kriege werden nicht mehr geführt um gewonnen zu werden, da das Führen von Kriegen profitabler als ein Sieg ist (mit der Ausnahme von „befreiten“ Rohstoff-Oasen), und Klimawandel gilt als Marktvariable.

Der lange Krieg gegen den Feudal-Kapitalismus (im „reinen“ Kapitalismus würde jeder Mensch bei und mit Null starten, und es gäbe kein feudalistisches Erbrecht) war auch eines der wiederkehrenden Themen des Schriftstellers Jack London (seine Dystopie DIE EISERNE FERSE befasste sich bereits 1908 mit dem Faschismus als Form kapitalistischer Herrschaft).

In seinem Polit-Thriller-Fragment THE ASSASSINATION BUREAU LTD ging er aus philosophischer Perspektive der berauschenden Frage nach: Wie wäre es, wenn es eine marktwirtschaftlich orientierte Firma gäbe, deren Geschäftsmodell das Töten von Sozialschmarotzern wäre?
Natürlich für einen schönen Profit:

»Ist die Bezahlung der vollen Summe erforderlich – Sie wissen doch selbst, dass wir Anarchisten arme Leute sind.«
»Deshalb mache ich Ihnen auch so einen günstigen Preis. Zehntausend Dollar für die Tötung des Polizeichefs einer Großstadt ist nicht überzogen. Wären Sie Millionär und keine bettelarme Vereinigung, die am Hungertuch nagt, dann würde ich Ihnen für McDuffy fünfzigtausend Minimum berechnen.«

DAS MORDBÜRO könnte man als Allegorie auf den Kapitalismus lesen: Eine Maschine, einmal in Bewegung gesetzt, zerstört alles und jeden, auch die Erfinder und Profiteure.

In seinem Aufsatz ENGINE OF DESTRUCTION schrieb Alberto Manguel 2008 in “The Guardian” über dieses Buch:

“At the risk of stretching the comparison too far, I believe that the Assassination Bureau has enjoyed a modern reincarnation: we too have allowed for the construction of many such formidable social machineries whose purpose is – in their case – to attain for a handful of individuals the greatest possible financial profit, regardless of the cost to society and protected by a screen of countless anonymous shareholders. Unconcerned with the consequences, these machineries invade every area of human activity and look everywhere for financial gain, even at the cost of human life: of everyone’s life, since, in the end, even the richest and the most powerful will not survive the plunder.“

„Als ich noch in dieser Kanzlei fürs Rotlichrtviertel war, hatten wir auch mal sowas. Hells Angels oder so ein Fernfahrerklub. Pfiffige Idee. Aber man muss sowas marktwirtschaftlich angehen. Sonst wird das nix.“




Soeben Erschienen: JOHN MAIRs KLASSIKER DES POLIT-THRILLERS by Martin Compart

Als Appetizer hier schon mal ein paar witzige Zitate, die einen ersten Blick auf den humoristischen Aspekt von Mairs Stil werfen:

„In einer Ecke verteidigte ein junger Unteroffizier den Wert der Keuschheit gegen den derben Humor einer älteren Dirne, und er sah nicht gut dabei aus.“

„Er zog sich in ein behagliches Wachkoma zurück und lauschte den weitschweifigen und zweifellos hochinteressanten Schilderungen aus dem Leben der Dunkelhaarigen.“

„Der Vollmond hatte schon seinen halben Weg über den Himmel zurückgelegt, und die flachen Gesichter der Häuser wirkten wie Kulissen eines kubistischen Balletts.“

„Laster unterlagen einer Überproduktion, wie anderes auch.“

„Hätte er kaltblütig gehandelt, verdiente er vermutlich zweihundert Tode – oder vielleicht auch nur vierzig; bei diesem Platon wusste man es nie so genau. Sollte es der medizinischen Wissenschaft jemals gelingen, Menschen nach einem unangenehmen Tod, sagen wir durch Ersticken, wiederzubeleben, könnte man den Täter wahrhaftig hundert Tode sterben lassen und ihn nach jeder Hinrichtung wieder aufwecken, außer nach der letzten. So ließe sich eine Art Tarifkatalog erstellen, von einem Tod für Taten im Affekt bis zu fünfhundert Toden für vorsätzlichen Raub, Unzucht und Vatermord, begangen an einem hohen Offizier, der gerade im Feld dem Feind ins Auge blickte; sollte die Berufung scheitern, wäre die Strafe zu verdoppeln.“

„Das Schaufenster präsentierte ein Durcheinander aus Büchern aller Sachgebiete, das dem Hirn eines senilen Gelehrten entsprungen sein mochte. Auf dem Ehrenplatz prangte eine gewaltige Prachtausgabe des Novum Organum von Francis Bacon, auf der einen Seite flankiert von einer deutschen Abhandlung über Vulkanismus, auf der anderen von einem illustrierten Handbuch über militärische Uniformen, in dem Offiziere mit Pomade im Haar und gewachsten Schnurrbärten wie launische Pfauen vor Landschaften posierten, in welchen Tau-sende berittener Soldaten in Rot und Weiß und in perfekter Formation in einem felsenbesetzten und von Kanonenkugeln zerfurchten Gelände zum Angriff übergingen. Rings um diese drei Zentralgestirne wimmelte ein staubiges Durcheinander aus Predigten, obskuren Dryden-Ausgaben, viktorianischen Handbüchern zur Leibes­ertüchtigung, alten Bänden des Spectator, antiken Theaterzetteln, Schmähschriften gegen vergessene Laster und Lobreden auf nicht weniger vergessene geistliche Tugenden. Es handelte sich um eine literarische Müllkippe, die Perlen ebenso enthielt wie Abfall – Strandgut der Grub Street aus vier Jahrhunderten.“

Als Conspiracy-Thriller ist der Roman bis heute herausragend und Maßstäbe setzend: Kein anderer mir bekannter Thriller geht ähnlich differenziert mit seinem Personal und der Verschwörungstruktur um, indem er die Haupthandlungsträger gleichermaßen negativ – oder freundlicher ausgedrückt: skeptisch – betrachtet. Mair schafft dies durch Stilmittel wie zynische Ironie, die er manchmal fast, aber nur fast, bis zur Satire treibt. Der allwissende Erzähler nimmt häufig eine spöttische Haltung ein, die auch seinen „Protagonisten“ – immerhin ein Mörder – nicht verschont. Eher das Gegenteil: Desmond Thane wird gnadenlos bloßgelegt und seziert.
Literarisch ist er ohne Nachfolger, obwohl er den modernen Paranoia-Thriller vorweggenommen hat. Am nächsten kommt ihm vielleicht noch Trevanian.
Sein früher Tod ist höchstwahrscheinlich der schlimmste Verlust für den Thriller. Sein einziger Roman ein herausragendes Leseerlebnis.

ELSINOR VERLAG: https://www.elsinor.de/elsinor/

INTERVIEW MIT DEM VERLEGER IN DIESEM BLOG (2016): https://martincompart.wordpress.com/2016/02/24/interview-mit-thomas-pago-verleger-des-elsinor-verlages/

JOHN BUCHANS DER ÜBERMENSCH: https://martincompart.wordpress.com/2015/01/09/thriller-die-man-gelesen-haben-sollte-der-ubermensch-von-john-buchan/

REZENSIONSEXEMPLARE unter: info@elsinor.de



DAS GROSSE SPIEL by Martin Compart

Als „das große Spiel“ bezeichnet man den Konflikt zwischen Russland und Großbritannien um die Vormachtstellung in Zentralasien. Als Urheber des Begriffs, der zu einem allgemein gebräuchlichen Terminus werden sollte, gilt der „politische Offizier“ (damals ein Euphemismus für Geheimagent) Captain Arthur Conolly (1807-42), der ihn erstmals 1840 verwendete.

Conolly sollte selbst eines der vielen Opfer im „großen Spiel“ werden: Zusammen mit Colonel Charles Stoddard wurde er nach monatelanger Haft im Juni 1842 in Buchara auf Befehl des Emirs geköpft. Die East India Company hatte Stoddard nach Buchara geschickt, um den Emir zu einer Allianz gegen die Russen zu bewegen. Aber er landete in einem ungastlichen Kerker.
Als sein Freund Conolly ihm nachreiste, um Stoddards Freilassung zu erreichen, erging es ihm ebenso. Die Khanate von Buchara, Kiva oder Samarkand waren für ihre Reichtümer, Grausamkeiten und Sklavenmärkte ebenso berühmt wie gefürchtet. Die kirgisischen Stämme rückten bis auf russisches Gebiet vor um Sklaven für diese Märkte zu erjagen. Im „großen Spiel“ wurden die Khanate von beiden Seiten umworben oder angegriffen.

Es begann 1813 nach dem Rückzug Napoleons aus Russland und dem weiteren Expansionsdrang des Zarenreichs und endete 1947 mit dem Abzug der Briten aus Indien. Die Russen versuchten über Turkestan zum indischen Ozean vorzudringen, um einen eisfreien Hafen zu etablieren, das britische Empire empfand das als Bedrohung Indiens.

Ende der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts sorgten angebliche russische Pläne zur Eroberung Indiens in London für eine politische Hysterie. „Dieses Projektˮ, berichtete der russische Botschafter in London, Carlo Andrea Pozzo di Borgo, ein gebürtiger Korse, im September 1838 an sein Außenministerium, „hat sich in allen Köpfen festgesetzt, ungeachtet dessen, dass es offenkundig unwahrscheinlich und falsch ist.ˮ

Dass die Briten die Russen als Rivalen in Asien wahrnahmen, war die Folge zweier siegreicher russischer Feldzüge in Vorderasien und auf dem Balkan. Im Russisch-Persischen Krieg 1826 bis 1828 hatte das Zarenreich die heutige armenische Hauptstadt Eriwan erobert und die im Süden des heutigen Aserbaidschan gelegene Provinz Nachitschewan.
Russland war damit zur beherrschenden Macht im Südkaukasus geworden. Die Landbrücke Europas nach Asien ermöglichte ihm die Seeherrschaft im Kaspischen Meer und über dessen östliche Küste den Zugang nach Zentralasien.
Das schwächte den britischen Einfluss auf Persien. Kaum weniger dramatisch war der Ausgang des Russisch-Osmanischen Kriegs 1828 bis 1829. Die Russen erhielten danach das Donaudelta und die freie Schifffahrt auf dem Schwarzen Meer und durch die Dardanellen ins Mittelmeer.

Die Paranoia zweier expandierender Imperialmächte nahm zu: Die Russen fühlten sich von den Briten in Indien bedroht (die Agenten wie Alexander Burnes nach Norden schickten), und die Briten sahen entsetzt, dass sich das Russische Reich in Richtung Süden schob. Dies führte dann auch zum ersten anglo-afghanischen Krieg 1839 bis 1842; die Briten sahen Afghanistan als failed state an, den es zu besetzen galt bevor es die Russen tun konnten, um dann direkt Indien, das Juwel in der Krone, zu bedrohen.

Afghanistan hatte (stärker noch als Tibet) eine Schlüsselposition inne.

Intrigen, Pakte, Geheimmissionen durch Agenten und bewaffnete regionale Konflikte bestimmten das „große Spiel“. Am aggressivsten geführt zwischen dem russischen Zarenreich und dem britischen Empire bis zum 1.Weltkrieg. Ausgeführt wurden die lebensgefährlichen Aktionen auf beiden Seiten von Gestalten, wie sich nur die originellsten Autoren von Abenteuer- und Spionageromanen hätten ausdenken können.

Diese atemberaubenden Aktionen, getragen von manchmal irrwitzigen Ideen, fanden auch Eingang in die Literatur. Zum Beispiel in Rudyard Kiplings KIM oder John Buchans THE HALF-HEARTED. Wobei die Fiktion mit der Realität kaum mithalten konnte.

Nach der Revolution von 1917 machte sich bei den Bolschewisten schnell Enttäuschung breit, da weder westeuropäische- noch amerikanische Arbeiter erfolgreich die verkündete Weltrevolution durchsetzten. Die Marxsche These, dass die Revolution zuerst in den entwickelten Industrienationen erfolgreich sein würde, wurde verworfen.

Deshalb orientierten sich in der bald gegründeten Kommunistischen Internationale (Komintern) die wesentlichen Kräfte gen Osten. Der Zusammenbruch der russischen- und chinesischen Kaiserreiche hinterließ viele Stämme und Völker (Mongolen, Buryaten, Kalmyken usw.) Zentralasiens in ungekannter Unabhängigkeit. Auch in den Kolonien der Europäer regte sich unter den Armen der Widerstand. Es schien naheliegend, in und durch das zentralasiatische Vakuum das „große Spiel“ gegen England wieder aufzunehmen.

Peter Hopkirk (1930-2014) war einer der besten westlichen Kenner des „großen Spiels“ und Zentralasiens. Der ehemalige TIMES-Journalist schrieb einige der besten Bücher zu diesem Komplex. In THE GREAT GAME. THE STRUGGLE FOR EMPIRE IN CENTRAL ASIA, 1990, beschrieb er minutiös die verdeckten (und manchmal nicht so verdeckten) Aktionen der Briten.

Dabei schreckte er auch nicht vor den abstrusesten oder gruseligsten Informationen zurück. Etwa das große Vergnügen eines Khans von Khiva an neuen Folter- oder Hinrichtungsmethoden (seine liebste war das Pfählen). Nachdem dieser Alkohol und Tabak aufgegeben hatte, verbot er auch seinen Untertanen das Rauchen und trinken. Wer dabei erwischt wurde, bekam die Mundwinkel bis zu den Ohren aufgeschlitzt, damit sein permanentes Grinsen als makabre Warnung für Andere diente.

Der Bürgerkrieg von 1918-22, in dem sich die Sowjetunion hauptsächlich gegen die Europa zugewandten reaktionären Kräfte und europäischen Mächte (und Japan) behaupten musste, diskreditierte vorherrschende europäische Traditionen.

Clevere Bolschewiki begannen über Strategien nachzudenken, wie man in Zentralasien den Sozialismus russischer Prägung und Dominanz durchsetzen könne. Um die dortigen Völker, die noch im vorkapitalistischen Wirtschaften verhaftet waren (ein deutlicher Widerspruch zur Marxschen Doktrin über die Revolutionsvoraussetzungen), zu erreichen, begann man die eschatologischen Momente des Bolschewismus mit denen des tibetanischen Buddhismus im Shambala-Mythos zu vermengen.
Denn da gab es leicht vermittelbare Schnittmengen, die man ungebildeten Hirtenvölkern darstellen konnte.

Ideologen wie Sergei Oldenburg verordneten bereits im August 1919 eine große Ausstellung buddhistischer Kunst, die die Nähe zwischen Sowjetunion und Buddhismus illustrieren sollten. Sie verknüpften die marxistischen Ideale der Völkerfreundschaft mit denen von Buddha gepredigten.

Zum Teil mit großem Erfolg, wie sich in der Mongolei zeigte (nachdem man den wahnsinnigen Baron Ungern-Sternberg geschlagen hatte). Die Okkultistin und Tibet-Reisende Alexandra David-Neel notierte überrascht, dass viele Lamas das „Rote Russland“ mit dem Reich von Shambala gleichsetzten.
Der erste und größte Sieg der Komintern war die Revolution in der Mongolei. A
us der erfolgreichen Strategie leitete man die Formel ab, die in den anderen asiatischen Ländern versucht wurde: Suche ein nationales Befreiungsmotiv, interpretiere alte Weisheiten als Bezug zu den Sowjets, bilde revolutionäre Zellen und schüre den bewaffneten Aufstand gegen die Besatzer.

Während sich Peter Hopkirk in SETTING THE EAST ABLAZE, 1985, auf die geheimdienstlichen und militärischen Aktionen (darunter widmet er dem „Bloody Baron“ Ungern-Sternberg eine längere und brillante Analyse) zwischen den Weltkriegen konzentrieret, stellte Andrei Znamenski in RED SAHAMBHALA: MAGIC, PROPHECY AND GEOPOLITICS IN THE HEART OF ASIA, 2011, die okkulten Aspekte in den Vordergrund.

Er beschreibt eindrucksvoll (unter der Nutzung wenig bekannter russischer Quellen), wie bolschewistische Agenten und Agitatoren versuchten, tibetanische Glaubensvorstellungen, insbesondere den Endkampf zwischen Gut und Böse des Shambala-Mythos, für geostrategische Ziele zu nutzen.

Mit der Übertragung des Kalachakra-Tantra wurden auch prophetische Texte übertragen, deren Inhalt kriegerische Auseinandersetzungen darstellen. Demnach sollen Armeen, die der spirituellen Praxis feindlich gesinnt sind, zur Zeit des 25. Königs von Shambala über die zivilisierte Welt herfallen, um jede Möglichkeit für geistige Entwicklung zu zerstören. Nach den Kalachakra-Texten wird die zivilisierte Welt aus dem Reich Shambala Beistand erhalten, und die Angreifer werden zurückgeschlagen. Daraufhin soll ein neues Goldenes Zeitalter beginnen, das für die geistige Entwicklung besonders günstige Umstände bringt.“.(https://anthrowiki.at/Kalachakra-Tantra).

Die Sowjets verknüpften diese „Prophezeiungen“ mit ihrer Eroberungspolitik in Zentralasien. Aber auch Nationalisten (wie der Mongole Dja Lama) oder japanische Imperialisten und Weißrussen (Ungern-Sternberg) instrumentalisierten den Shambala-Mythos.

Das bemerkenswerte Bildmaterial rundet die Studie des Russen ab. Znamenski unterrichtete als Historiker an den Universitäten von Hokkaido, Alabama und Memphis. Seine besonderen Forschungsgebiete sind Schamanismus, Religionsgeschichte und westliche Esoterik. Großen Raum in seinem Buch nehmen auch die merkwürdigen Aktivitäten von Nicholas Roerich und dessen Familie ein.

Erst mit Stalins „großem Terror“ wurden die esoterisch-geopolitischen Experimente eingestellt und die Shambala-Warrior als Konterrevolutionäre vernichtet. Nachdem 1938 die letzten buddhistischen Klöster in Sibirien geschlossen wurden, interpretierte die Sowjetpropaganda den Shambala-Mythos als Werkzeug der Japaner, die seit 1931 in der Mandschurei an der Grenze des mongolischen Satellitenstaates lauerten

Das „große Spiel“ endete erst 1947 nach dem Abzug der Briten aus Indien. Aber inzwischen gibt es eine Art „Neuauflage“, bei der sich Russland den USA gegenüber sieht. Spätestens seit der Einkreisungspolitik Russlands durch die USA mit der NATO auf dem Kaukasus und der (einmal mehr) gescheiterten Besatzung Afghanistans konzentrieren sich die Interessen der beiden Staaten wieder verstärkt auf die neue Seidenstraße und Zentralasien. Mit der neuen Weltmacht China ist ein dritter Spieler hinzugekommen.

ROMANE zum GROSSEN SPIEL:

The Lotus and the Wind von John Masters, 1953.

The Far Pavilions von M.M. Kaye, 1978.

Flashman von George MacDonald Fraser, 1969.

Flashman at the Charge von George MacDonald Fraser, 1973.

Flashman in the Great Game von George MacDonald Fraser, 1975.

Kim von Rudyard Kipling, 1901.

The Imperial Agent von T.N.Murai, 1987 (eine Fortsetzung zu Kim).

Drums Along the Khyber von Duncan MacNeil (d.i.Philip McCutchan), 1969 (erster Band der James Ogilvie-Serie).

The Mulberry Empire von Philip Hensher, 2002.

The Devil’s Cocktail. Alexander Wilson’s second Secret Service novel 1928.

The Half-Hearted von John Buchan, 1900

The Diplomatic Agent von Yulian Semyonov, 1959.



DIE FIELD-TRILOGIE von JOHN RALSTON SAUL by Martin Compart

„Der Zweck von Museen ist es, gestohlene Waren zu beschützen“, schrieb der kanadische Philosoph John Ralston Saul auf den ersten Seiten seines exzellenten Polit-Thrillers THE NEXT BEST THING, dem zweiten Band seiner Field Trilogie, und macht deutlich, dass den Lesern nicht nur ein Pageturner bevor steht, sondern auch die Intelligenz kritischen Bewusstseins.

Keine Überraschung, bei einem Autor wie Saul.

John Ralston Saul wurde am 19. Juni 1947 in Ottawa, Kanada geboren. Er studierte in Montreal Politikwissenschaft und Geschichte und promovierte 1972 am Kings College in London. Seine Dissertation hatte die Systemveränderung Frankreichs unter de Gaulle zum Thema.

Anschließend half er 1976 beim Aufbau der nationalen Ölgesellschaft Petro-Canada.
Im darauffolgenden Jahr veröffentlichte Saul seinen ersten Roman THE BIRDS OF PREY.

Ende der 70er und während der 80er Jahre hielt er sich über längere Zeiträume in Nordafrika und Südostasien auf und reiste wiederholt mit Guerilla-Truppen. Seine Romantrilogie The Field Trilogy verdankt diesen Erfahrungen viel.
2009 wurde er Präsident des internationalen PEN.
Seine Aktivitäten sind so reichhaltig und vielseitig, dass an dieser Stelle kein Platz für eine annähernde Würdigung ist. Aber dafür gibt es ja seine Homepage und Wikipedia. Nur soviel: Er gehört zu den scharfsinnigsten Systemkritikern unserer Zeit und hatte bereits 2005 den finanzwirtschaftlichen Zusammenbruch von 2008 in seinem Buch THE COLLAPSE OF GLOBALISM AND THE REINVENTION OF THE WORLD vorausgesehen.

Er unterscheidet zwischen einem gesunden Nationalismus und einem ungesunden. „Die Idee der Globalisierung war aus meiner Sicht nie überzeugend. Sie setzt sich aus sehr unterschiedlichen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts zusammen und ist nicht, wie viele glauben, eine international mächtige und vor allem keine neue Bewegung. Denkmuster der Kolonialzeit werden in den Strategien suprastaatlicher Institutionen weitergeführt und in Krisenzeiten wieder sichtbar. Im Moment finden wir uns in einer Welt wieder, in der der Nationalismus zurückkehrt.“ Dass er vom lemminghaften Neoliberalismus nichts hält, versteht sich von selbst. „Knapp dreißig Jahre hat man dem Bürger immer mehr elementare Kompetenzen entzogen, man war besessen von Effizienzdenken, Privatisierungen und allumfassendem Managertum. Man nahm nicht wahr, dass am Ende dieses Prozesses zunehmend verärgerte Bürger stehen, die sich in unmittelbarer Reaktion populistischen Bewegungen und negativem Nationalismus zuwenden.“ Das ganze Interview findet sich in FAUST KULTUR unter https://faustkultur.de/533-0-Gespraech-mit-John-Ralston-Saul.html )

In den letzten Jahrzehnten ist er als Kapitalismuskritiker häufig vor der Kamera und mit Vorträgen vor ausverkauften Sälen anzutreffen. Er analysiert den demokratischen Verfall des Westen, insbesondere der USA, durch das Schmarotzertum der Superreichen mit ihrem Instrument der weltweiten Konzerne, die den Planeten mit Elend und Umweltzerstörung überziehen.
Die Anfänge dieses Korporatismus führt er auf Mussolini zurück und beweist damit einmal mehr, dass der Kapitalismus keine demokratischen Strukturen braucht; eher das Gegenteil. Er sieht in den USA den in den 1970er Jahren beginnenden Prozess fast vollendet, der die Gesellschaft in die Ära vor Roosevelts New Deal zurückführen soll.

Seine Liebe und Verbundenheit mit Frankreich und seine Faszination von General de Gaule führte zu seinem ersten Roman.

Der politische Roman THE BIRDS OF PREY spielt im Frankreich de Gaulles und wurde ein internationaler Bestseller. Sein bisher einziger Thriller außerhalb der Field Trilogy. Diese handelt von den beginnenden Krisen der Macht in den 198oern und deren Aufeinandertreffen mit den Individuen. Sie thematisiert den Neo-Kolonialismus im Kalten Krieg. Der Leser wird mit dem Zusammenbruch einer Welt und ihrer Werte konfrontiert.

Diese Trilogie umfasst die Bände BARAKA, FORTUNES AND SACRED HONOR OF ANTHONY SMITH (1983), THE NEXT BEST THING (1986) und THE PARADISE EATER (1988), der den italienischen „Premio Letterario Internazionale“ gewann. Sie zeigt die Welt (insbesondere Südostasien) während des Roll back des US-Imperialismus und seinen vergiftenden Einfluss auf die dritte Welt nach Vietnam.

Zu Sauls literarischen Vorbildern gehören Graham Greene (der ist in den Thrillern wohltuend spürbar), Ford Maddox Ford, Gabriel Garcia Marquez und andere lateinamerikanische Autoren. Sich selbst sieht er nicht als Thriller-Schriftsteller: “The serious novelist’s role is to reflect a complex society in which people can see themselves. I write novels, not genre fiction. My novels are not ‘escapist’ fiction.”

Wie alle Romane von Saul, so ist auch BARAKA eng mit eigenen Erfahrungen verknüpft: Nach dem Sieg der Nord-Vietnamesen über die USA und deren südvietnamesischen Marionetten, bat das kommunistische Regime in Hanoi Fidel Castro um Hilfe bei den Vermittlungen der Öl-Konzessionen, die es vom südvietnamesischen Regime „geerbt“ hatte. Castro wandte sich mit der Bitte um Hilfe an den kanadischen Ministerpräsidenten Pierre Trudeau, der Maurice Strong (Vorstandsvorsitzender von Petro-Canada) nach Vietnam sandte. Dieser nahm seinen Vertrauten John Ralston Saul mit nach Hanoi, damals für Westler ein kaum zugänglicher Ort. Fiktionalisiert eröffnet Saul mit diesem Hanoi-Trip den Roman BARAKA und die Field-Trilogie.

Die nicht sehr sympathische Figur des Kanadiers John Field ist die verbindende Figur der drei Romane, spielt aber nur im dritten die Hauptrolle. Er war als Journalist nach Südostasien gekommen und nach den Kriegen in Bangkok hängen geblieben: „Ich schreibe kaum noch. Stattdessen benütze ich meine Verbindungen, um Gartenmöbel zu verkaufen.“ Bangkok ist Fields Stadt und spielt im dritten Roman neben ihm die Hauptrolle. Von der Struktur her sind die beiden ersten Romanen dagegen „Quests“.

In BARAKA geht es um einen Öldeal für Waffen (die von der amerikanischen Armee in Vietnam zurückgelassen wurden) und den Guerilla-Krieg der Polisario. Es geht aber auch um verlorene Träume, Korruption, Mut, Freundschaft und Liebe. Alles vor einer schönen exotischen Lebenswelt, verstellt von menschlicher Unzulänglichkeit.

By the way: Der erste Thriller, der die Machenschaften der Ölgesellschaften als kriminell erkannte, war wohl THE TELEMAN TOUCH, 1958, des ebenso konservativen wie brillanten Briten William Haggard.

In NEXT BEST THING sprach Saul 1986 bereits das “koloniale Erbe“ als Raubgut an. Der Roman ist in vielem André Malrauxs DER KÖNIGSWEG verwandt (dieselbe Quest-Struktur), teilt aber nicht die Legitimation von Plünderung. Malraux selbst hatte sich ja des Kunstraubes in Kambodscha Ende der 1920er Jahre schuldig gemacht, bevor er aus seiner kolonialistischen Straftat seinen großartigen Roman destillierte.

Angefüllt mit Illusionen, die vom SCHATZ DER SIERRA MADRE übrig geblieben sind, sind aber Struktrur und Plot an DER KÖNIGSWEG angelehnt. Denn in Malraux´ Roman geht es auch um das Plündern von Tempeln (in Kambodscha). Unwahrscheinlich, dass der frankophile Ralston Saul Malrauxs Buch nicht kannte, bevor er DIE VIER BUDDHAS (deutscher Titel) schrieb.

James Spenser, Ex-Kurator des Victoria and Albert Museum, will in Burma den Ananda-Tempel plündern: Dort hat er es auf 20 Statuetten abgesehen, die das Leben Buddhas darstellen. Mit der Hilfe von John Field stellt er dafür seine üble Mannschaft zusammen. Darunter der mysteriöse Amerikaner Blake, während des Vietnamkrieges einer der besten Guerilla-Führer Südostasiens und „Lahu-Gott der dritten Generation“.

Spenser ist ein kranker Charakter, wie ihn nur die westlichen Zivilisation hervor bringen konnte: Kunstwerke sind sein Fetisch und erregen ihn mehr als alles andere auf der Welt. Er ist von ihnen besessen wie Jean des Esseintes in Huysmans À REBOURS, den Saul sicherlich ebenfalls gelesen hatte. Fest verwurzelt im Kapitalismus, interessiert ihn Geld nur als Tauschwert. Ganz Imperialist, raubt er alles, was er nicht kaufen kann.

Es ist die Zeit, in der die die Shan-Army die größte Narcos-Armee der Welt stellte und ihr Führer Khun-Sa als größter Opium-Händler durch die Gazetten geschleift wurde (dabei hatte er den Regierungen der USA und Australiens angeboten, die für den Shan-Staat überlebensnötige Opium-Ernte für jährlich 40 Millionen Dollar kaufen und vernichten zu können). Es war die Zeit der schweren Kämpfe zwischen den nördlichen Ethnien und den birmanischen Regierungstruppen.

Saul war einige Monate mit der Shan State Army unterwegs gewesen und gibt hier ein genaues Bild der Zustände ab. “I’ve been with guerrillas in the jungles and felt no sense of danger. But hearing the human sounds of the pigs, with an iron hook locked in their jaws, was one of the most horrifying experiences I’ve ever had.”
Zentralr Handlung ist Spensers Reise zum Ananda-Tempel und zurück, die Gefahren und Charaktere, denen er ausgesetzt ist.

Für viele ist der Abschlussband, THE PARADISE EATER, der Höhepunkt der Trilogie. „This is the first novel I’ve written with which I’m perfectly satisfied.”

Der primitive Klappentext der deutschen Ausgabe (TEUFELSKREIS BANGKOK) wird dem Roman nicht gerecht:
Die Unterwelt von Bangkok ist sein Zuhause, Prostituierte und Dealer sind ihm vertraut. Eigentlich sollte ein Mord mehr oder weniger den Gelegenheitsjournalisten John Field nicht beunruhigen. Doch als seine Exgeliebte und ihr Mann getötet werden, wird er aus seiner Lethargie aufgeschreckt.

Das erste Kapitel mit Fields Krankenuntersuchung ( er hat sich inzwischen Gonorrhöe eingefangen) hätte es für mich allerdings nicht gebraucht und ich kann ähnlich zartbesaiteten Burschen von der Lektüre der ersten Seiten nur abraten.

Field gerät ins Visier von Narcos und durchstreift ein Bangkok, dass Touristen so nie zu sehen bekamen. Einige Old Asia Hands bezeichnen es noch heute als den besten Roman, der je über die Stadt geschrieben wurde.

“I try to create a sense of urgency and terror which, I suppose, translates into a reader turning the pages. But nothing is clarified in the end. My main character, John Field, isn’t a hero. He’s not out for justice. He’s weak, he has no strong sense of ambition.”

Hintergrund der Story ist wieder der Rauschgifthandel. Eine für damalige Verhältnisse Riesenmenge an Drogen soll aus Laos geschmuggelt werden. Während unerwünschte Mitwisser ermordet werden, kann Field nach Bangkok fliehen, wo er von Auftragsmördern gejagt wird und das korrupte Lebenssystem der Stadt durchläuft.

Natürlich strotzt auch PARADISE EATER von Nebenfiguren, die man noch nie gelesen hat. Eine der interessantesten Figuren ist Paga. Als Mädchen vom Land kam sie einst nach Bangkok, um als Hostess zu arbeiten. Nun kontrolliert sie 500 Nutten und verdient Millionen. “She’s modeled after a real-life woman whom I met and who was absolutely delighted with the idea of having this large foreigner sitting in the car with her when she made the rounds of her brothels to pick up her payments. I’ve had years and years of listening to male locker-room talk, but with Paga I was talking with an expert from the other side. She understands male psychology. She makes Freud sound like a Sunday painter.”

Graham Greene wäre Stolz auf dieses Buch gewesen.

Es ist höchst bedauerlich, dass Saul keine weiteren Thriller mehr geschrieben hat. Er wäre heute ganz sicher einer der Allergrößten im Genre. Aber immerhin gab er uns die Field-Trilogie, die ein Monument in der Geschichte des Polit-Thrillers ist.

P.S.: Es ist reizvoll, Saul neben Stephen Beckers Asien-Thriller zu lesen. Völlig unterschiedlich, aber in der hohen Qualität vereint.



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: ALAN WILLIAMS, DER VERGESSENE KÖNIG by Martin Compart

Am 21. April 2020 ist Alan Williams am Corona Virus gestorben. Er war einer der ganz, ganz großen Thriller-Autoren. Deshalb hier nochmal meinen Tribut als Erinnerung, Nachruf oder sonstwas. Seine Bücher bleiben, so lange es Bücher gibt.

3079[1]

“Ben, du musst fort von hier – weit fort, übers Meer. Geh nach Südamerika, damit du erkennst, was für ein Glückspilz du bist, nicht als einer der Ungewaschenen geboren worden zu sein. Sei unglücklich mit ihnen. Es wird dich nicht viel kosten.“

Drei Männer und eine Frau, besessen von der Gier nach Diamanten, hoffen, im Dschungel Südamerikas ihr Glück zu machen. Was wie ein Abenteuer begann, verwandelt sich unter gnadenloser Sonne, in moskitoverseuchten Sümpfen und lauernden Gefahren zu einer Reise ins Jenseits. Zermürbt von Hass, Misstrauen und Angst wissen sie nicht, was am Ziel auf sie wartet: Unschätzbarer Reichtum oder ein grausames Ende.

…heißt es im Klappentext zu der unverschämt gekürzten deutschen Ausgabe.

SNAKE WATER dürfte neben Travens SCHATZ DER SIERRA MADRE das zynischste, spannendste und böseste Buch über eine Schatzsuche in Lateinamerika sein. Wie Traven widerspricht Williams der romantischen Idee, dass Abenteuer und Gefahr Vergnügen für sportliche Glückssucher sind, sondern eine System bedingte Überlebensstrategie von sozial entwurzelten Menschen. Der Einzelne muss sich nicht nur gegen feindliche Natur behaupten, sondern auch gegen seine Mitstreiter, die auf der Suche nach Profit von Verbündeten zu Konkurrenten werden.

ripley_kiss-kiss[1]

Ich stimme Barry Forshaw zu, der über Williams vor ein paar Jahren schrieb: „Frankly, very little this good is being written today.“

Die Lektüre von Mike Ripleys KISS KISS, BANG BANG (siehe https://martincompart.wordpress.com/2019/02/08/kiss-kiss-bang-bang-eine-geschichte-des-golden-age-of-thrillers/) hatte mich daran erinnert, endlich mal einen Roman des Thriller-Titanen Alan Williams wieder zu lesen. Sofort kam mir SNAKE WATER in den Sinn, denn das war meine erste Williamslektüre, und die hatte mich als zarten 14jährigen aus den Socken gehaun und zum lebenslangen Fan des Autors gemacht.
Schamvoll muss ich zugeben, dass ich ihn Ende der 1970er Jahre völlig aus den Augen verloren habe. Nach Ripleys Erinnerung stürzte ich mich sofort wieder auf ihn und zog drei Romane hintereinander weg. Er gefiel mir besser, als bei der Erstlektüre und ich ärgere mich maßlos, dass ich ihn nicht in einer meiner Reihen veröffentlicht habe.

Williams´ Sujets sind inzwischen historische aus der Zeit des Kalten Krieges. Aber seine Wucht, seine literarischen Qualitäten, seine nuancierten Beschreibungen sind zeitlos. Das Erodieren von Zukunft in den vergangenen zwei Jahrzehnten existiert in seinem Werk natürlich nicht, gibt ihm heute eine ungewollte optimistische Note. Ein zusätzlicher Reiz ist ihr zeitdokumentarischer Charakter.

Das erste Kapitel von SNAKE WATER ist schnell und gnadenlos: Wenn Ben Morris sein Tramp-Schiff verlässt und ein fiktives südamerikanisches Land betritt, liest sich das so intensiv, genau beobachtet und zynisch wie das Beste von Graham Greene und Eric Ambler. Der Leser spürt: Genauso lief oder läuft es ab, wenn man als ungebetener Tourist jenseits der Abzockerrouten eine korrupte Bananenrepublik betritt. Ben leidet unter Schuldgefühlen und neigt zu dämlichen Handlungen. Also gerät er umgehend in Schwierigkeiten. und von da an schaltet Williams die Gänge seiner Plot-Maschine immer höher.

In SNAKE WATER taucht erstmals der Südafrikaner Reyderbeit auf, ein versoffener Psychopath, den Williams neben dem fetten französischen Gangster Charles Pol (Williams Version von Cusper Gutman tritt in sechs Romanen auf; in GENTLEMAN TRAITOR soll er Kim Philby helfen, aus der Sowjetunion zurück zu kehren) als Serienfigur in mehreren Romanen nutzt und die zwei seiner faszinierendsten Schöpfungen sind. Bei Williams gibt es keine Serienhelden, aber Serienschurken (auch damit war er innovativ). Natürlich keine Romane für Gestalten, die Hitler für eine Fernsehfigur halten.

Williams Thriller enden häufig düster (und seine Ganoven stehen für weitere Taten bereit).

Aber das bemerkenswerte an diesem überzeugenden Roman ist vielleicht, dass Williams nie in Lateinamerika gewesen ist. Deshalb ist es der einzige Roman von ihm, der in einem fiktiven Land angesiedelt ist. Alle sonstigen Romane spielen in Ländern und Regionen, die er als Journalist viel bereist hat und gut kennt. Ähnlich wie bei Eric Ambler, ein Freund der Williams-Familie, als er MASK OF DIMITRIOS schrieb, bevor er Istanbul besucht hatte. Der fiktionale Realismus – gespeist durch langjährige Erfahrungen in der 3.Welt – hat nichts gemein mit den ungelüfteten Vorstellungswelten zweitklassiger Abenteuerromanautoren.

Für die englische Hardcover-Ausgabe gestaltete Williams selbst den Umschlag.

Auch SNAKE WATER hat die Figurenkonstellation, die Williams häufig verwendet: den Autor oder Journalisten, der bewusst oder unbewusst ins Schlammassel gerät, eine mysteriöse Frau oder femme fatale, deren Motive unklar sind und zwielichtige Gangster oder Abenteurer, die dem Protagonisten zu schaffen machen. Und am Ende steht der Protagonist nicht viel anders oder besser da als am Anfang des hoffnungsfrohen Unternehmens.

SNAKE WATER unterscheidet sich allerdings von seinen anderen Thrillern: Es ist kein Polit-Thriller, sondern ein lupenreiner Abenteuerroman um eine Diamantenjagd.

Die renommierte KIRKUS REVIEW:

Not since the Treasure of the Sierra Madre has the courage and the cunning induced by avarice been so well traced. Its source this time is on the banks of the stagnant Snake Water, a volcanic river in a South American country where the terrain, the climate and the inhabitants come off the page like a small town in Hell. The raw diamonds are lying along the river bank. This is the biggest something-for-nothing Sam Reyderbeit has ever heard about. The psychopathic South African drunk, given to manically lyrical dialogue, enlists the aid of tourist Ben Morris, a young English widower who would like to forget the death of his wife or, failing that, get himself killed. They are joined by Melanie MacDougall, a frigid succubus, whose presence on the trek into the nearly waterless, snake infested back country pressures the psychological hazards to the bursting point. What a movie this will make. Snakes, locust-like mosquito swarms, seven corpses to cross, then flight bags full of diamonds — and it’s so hard to keep track of a flight bag… Swift, sardonic, can’t-lay-it-down adventure.

Original Cinema Quad Poster – Movie Film Posters

Eines der vielen ungelösten Rätsel Hollywoods ist, wie Delbert Mann 1968 mit James Garner und Eva Renzi aus dieser Vorlage einen so beschissenen Film wie THE PURPLE JUNGLE machen konnte. Der Roman ist so filmisch, dass man die Kamera nur auf die Buchseiten hätte halten müssen. Die wahrscheinlich schlechteste Literaturverfilmung in der Geschichte des Films. Wer die Nerven dazu hat: https://www.youtube.com/watch?v=kea4sKPszFo

Williams bezeichnete PURPLE JUNGLE als den schlechtesten Film, den er in seinem Leben gesehen hat und „the film-makers took the characters‘ names and nothing else from the novel“.

Dirk Bogarde hatte vor, BARBOUZE mit Orson Welles und Bryan Forbes als Regisseur zu verfilmen, aber es blieb lediglich beim Vorhaben. Richard Burton kaufte die Filmrechte von THE TALE OF THE LAZY DOG, aber auch daraus wurde nichts. Völlig unverständlich, wie die Filmindustrie einmal mehr versagte.

Der Autor selbst ist mindestens so spannend wie seine Romane:

Alan Williams war nicht nur ein begnadeter Autor und immens einflussreicher Kriegsreporter und Journalist – er war auch ein Draufgänger, der sich auf aberwitzige Abenteuer einließ. Mike Ripley nennt ihn gar den „Bad boy among the british thriller writers“.

Alan Emlyn Williams wurde am 28 August[ 1935 als Sohn des Schauspielers und Schriftstellers Emlyn Williams geboren. Noël Coward war sein Pate und sein jüngerer Bruder Brook (1938–2005) wurde ebenfalls Schauspieler.

Er lernte und studierte in Stowe, Grenoble und Heidelberg, dann am King’s College, Cambridge, wo er 1957 mit einem B.A. in Sprachwissenschaften abschloss. Ironisch sagte er mal: “Ich bin sehr enttäuscht darüber, dass ich der einzige Cambridge-Student in den 1950ern war, der weder vom KGB noch MI6 angeworben wurde. Aber ich habe mich auch so schlecht benommen, dass wahrscheinlich jeder Dienst dachte, ich wäre bereits für den anderen tätig.“

Als Student nahm er am Ungarn-Aufstand teil und brachte Penizillin nach Budapest. Maskiert durchstreifte er die DDR, um sich ein wahres Bild zu machen und aus Polen schmuggelte er mit Freunden einen polnischen Studenten in den Westen.

Sein erster Job nach dem Studium war im CIA gestützten Sender Radio Free Europe in München. Die Schattenwelt umfing ihn.

Er kehrte nach England zurück und arbeitete als Journalist für die „Western Mail” und dann für “The Guardian”, bevor er Auslandskorrespondent für den „Daily Express“ wurde mit dem Gebiet „covering international wars and other horrors“.

Williams berichtete über den mittleren- und fernen Osten, Osteuropa und die Sowjetunion. Er war in jedem “Hot Spot” der 1960er und 1970er Jahren zu finden: Algerien-Krieg, Vietnam, Ulster, Tschechoslowakei, Rhodesien, Zypern, Israel – you name it, Williams had been there.

Als er einmal in Algerien war, bekam das Auswärtige Amt in London sowohl von den Franzosen wie von arabischen Staaten Beschwerden über Williams. Beide Seiten beschuldigten ihn, für die jeweils andere zu spionieren. Als man dann auch noch vor Ort auf sein Auto „Barbouze“ geschmiert hatte, wurde es brenzlig, und man musste ihn aus dem Land schmuggeln.

Vietnam. Wie gut er Indochina kannte, lässt sich in seinem Thriller THE TALE OF THE LAZY DOG (der den besten Ambler-Romanen in GARNICHTS nachsteht) betrachten. Wahrscheinlich der erste Thriller, der die AIR AMERICA zeigt.

Als Kriegsberichterstatter war er einflussreich. Jon Bradshaw schrieb 1968 in seinem “Bradshaw’s Guide: The Best of Current Magazine Writing” über ihn: “perhaps the best observer of war in England. His articles on Vietnam are far and away the best pieces produced in Britain on the subject.“ Überhaupt hatte Williams ein großes Gespür für das knappe und undeutliche Gemurmel der damaligen Machtpolitik.

Er schmuggelte für den englischen Verlag The Bodley Heat Solschenizyns Manuskript KREBSSTATION:

”Soviet authorities had prohibited Aleksandr Solzhenitsyn from publishing his semi-autobiographical novel Cancer Ward. The notoriety piqued British publishers‘ curiosity, among them The Bodley Head. Rival attempts were soon under way to obtain a copy of the manuscript. Williams and his friend Nicholas Bethell went behind the Iron Curtain to obtain the manuscript from a go-between who had a signed document attesting that he was acting on Solzhenitsyn’s behalf. Both men knew they were risking their lives and time. There was no guarantee they would succeed, be the first to obtain the novel, or that The Bodley Head would purchase the manuscript let alone publish it. According to several sources, Williams] smuggled the book out of Czechoslovakia, passing through the frontier post with the leaves spread out on his lap under a road map. The Bodley Head subsequently published the first Russian-language edition of the novel and the English language translation… Williams used a fictionalized version of this incident as an ironic story element in his novel The Beria Papers. There, the protagonists pretend to smuggle a manuscript from behind the Iron Curtain. “ (Wilkinson, L.P. Kingsmen of a Century, 1873–1972. p. 32. This authority claims Williams smuggled the manuscript out of Russia).

Felicity Hailey in einem Blog über Williams: “My sister Geraldine Dexter (born 1 946 and died in 2007) was in a relationship with Alan in 1972-1973. They shared many adventures together including that holiday in Corfu and Alan’s trip to Russia when he was trying to obtain the Gulag manuscript. Such wild times .”

Williams war nicht nur ein großer Trinker, er war auch ein großer Frauenheld, was seine drei Ehen belastete.

Er hat drei Kinder: Einen Sohn und eine Tochter aus seiner Ehe mit Antonia (geborene Simpson). Aus seiner letzten Ehe mit der Literaturagentin Maggie Noach (1949–2006) stammt eine weitere Tochter. Maggie vertrat u.a. Brian Aldiss, Colin Greenland, Garry Kilworth, Michael Scott Rohan und Geoff Ryman.

Williams veröffentlichte seinen ersten Roman im Alter von 26 Jahren: LONG RUN SOUTH wurde umgehend für den „John Llwelyn Rhys Memorial Prize“ von 1963 nominiert. Insgesamt schrieb er in 20 Jahren elf Romane; er war 46, als mit HOLY ON HOLIES sein wohl letzter erschien. Auf deutsch wurden in der PHOENIX SHOCKER-Reihe des Scherz-Verlages fünf unangenehm gekürzte Thriller veröffentlicht.

Was man diesen Büchern nicht anmerkt, ist der Kraftaufwand, durch den sie entstanden sind. Es mangelte Williams nicht an Fantasie, Erfahrung oder Stilsicherheit. Aber seine Talente auf die fiktionale Form anzuwenden, bereitete ihm Mühe. Er gehörte zu den Autoren, die Alkohol für die schriftstellerische Arbeit nutzten. Das funktionierte anfangs bei dem überzeugten Trinker recht gut.
Aber mit der Zeit fiel ihm das Schreiben zunehmend schwerer, und der steigende Alkoholkonsum konnte das irgendwann nicht mehr ausgleichen. Wahrscheinlich auch ein Grund, weshalb nach 1981 kein weiterer Roman entstand.

Eine Joyce erinnerte sich 2008 in einem Blog: “Like Susan (who wrote you May 24) I’ve been trying to find information on Alan Williams. I knew him briefly while he was staying on the island of Corfu (1971 or 72). Every evening he would join us in the village tavern and read to us what he had written while getting very drunk, after which he would wander upstairs to write. There were times we had to help him up the stairs. We worried about his health and I’ve been concerned that the drinking may have done him in, especially since I’ve been able to find only old books authored by him on the internet.”

LONG RUN SOUTH setzte ihn sofort in die Spitzengruppe der britischen Thriller-Autoren.

Noël Coward schrieb in sein Tagebuch: „I have read a thriller by my godson Alan Williams called Long Run South and it is really very good indeed. He is an authentic writer. There is, as with all his generation, too much emphasis on sex, squalor and torture and horror, but it’s graphically and imaginatively written.“

Williams zweiter Roman erregte noch mehr Aufsehen. Einige Kritiker schrieben über BARBOUZE, dieser Thriller habe das Genre verändert, er sei der legitime Erbe von Ian Fleming und die „Sunday Times“ lobte den „Reichtum und die Poesie seines Stiles, wie er selten in der zeitgenössischen britischen Literatur zu finden“ sei.

Alan fiel das Romanschreiben nicht leicht. Um BARBOUZE „in absoluter Ruhe“ zu schreiben, ging er an Bord eines Tramp-Schiffes, mit dem er wochenlang durchs Mittelmeer schipperte.

Als sie in Beirut dockten, besuchte Alan die Bar des St George’s Hotel und setzte sich zu einem anderen Trinker: Kim Philby schlief im Rausch ein, erwachte und lud Williams zum Lunch ein „at an excellent place where they did ‚ Abyssinian goat’“. Alan hatte eine Verabredung und ging nicht mit. Drei Tage später lief Kim Philby zu den Russen über. Als erster Thriller-Autor nutzte er Kim Philby in GENTLEMAN TRAITOR in einem Roman als Charakter.

“All the trade-mark characteristics of an Alan Williams adventure thriller coalesce in Barbouze, his early masterpiece first published in 1962. There’s a footloose, dissolute and cynical hero – usually a journalist – who begins as the innocent Englishman abroad and rapidly finds himself embroiled in foreign conflicts, often being duped along the way by a femme fatale or a double-crossing criminal mastermind. “

Zu der langen Liste seiner Fans und Bewunderer gehörte bald auch Robert Ludlum. „Holy of Holies, said to be a favourite of Robert Ludlum, in which he proposed the deliberate crashing of an aircraft by a terrorist organisation, into an international landmark (though not the Twin Towers)“, schrieb Mike Ripley in seinem Nachruf.

2010 feierte Williams seinen 75.Geburtstag. Keine großen Würdigungen, kein Roman seit dreißig Jahren. Es ist still geworden um diesen Großmeister des Thrillers. Im Jahr zuvor hatte Mike Ripley damit begonnen, einige seiner Thriller bei Ostara Publishing als TOP NOTCH THRILLERS neu herauszugeben.

Es wird gemunkelt, Williams habe einen Schlaganfall erlitten und lebe in einem Apartment in Holland Park zusammen mit einer Katze namens „The General“. Gelegentlich trinkt er im Chelsea Arts Club.

2015 mailte Antonia Williams in einem Blog:

„I am Alan’s second ex-wife and mother of Owen and Laura and now there are two grandchildren. We all live in London, as well as Sophie his daughter by Maggie who died about eight years ago. Alan lives alone and is not at all well, but can still be clever and humorous at times.”

BIBLIOGRAPHIE:

Long Run South [1962] Zur Hölle mit Leila, 1969.

Barbouze [1964] U.S. title: „The False Beards“. Blutiger Sand, 1966.

Snake Water [1965][39] Schlangenbrut, 1966.

The Brotherhood [1968] U.S. title and U.K. paperback reprint title: „The Purity League“. Konjunktur für Killer, 1969.

The Tale of the Lazy Dog [1970] Die Milliardenfalle, 1971.

The Beria Papers [1973]

Gentleman Traitor [1975]

Shah-Mak [1976] U.S. paperback retitled „A Bullet for the Shah“

The Widow’s War [1978]

Dead Secret [1980]

Holy of Holies [1981]

(Herausgeber)The Headline Book of Spy Fiction [1992]



KISS KISS, BANG BANG – Eine Geschichte des Golden Age of Thrillers by Martin Compart


Dies ist ganz klar ein Buch für mich – eines, auf das ich lange gewartet und mit dem ich kaum noch gerechnet habe.

Deshalb habe ich es auch fast zwei Jahre nicht in die Hand genommen und auf den „Belohnungsstapel“ gelegt. Dort darf immer zugegriffen werden, wenn man zu viel Mist gelesen oder eine gute Tat vollbracht hat.
Nach etwa einem Jahr des Stapelabtragens war ich nun endlich bei Ripleys wunderbaren Buch. Es führt mich zurück in ein Königreich, in dem ich verdammt viel Zeit verbracht habe, und das mich bis heute mit schönsten Erinnerungen beschenkt:
Etwa in die Zeit des Schulschwänzens „wegen lesens“ (als man Maturins MELMOTH natürlich nur an verregneten Vormittagen in einer Burgruine lesen konnte, während andere sich im Mathematikunterricht foltern ließen). KISS KISS, BANG BANG ist deshalb für mich auch eine persönliche Zeitreise.

Für Genre-Historiker ist es ein wichtiges Buch! Denn über den Thriller der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts wurde viel gearbeitet. Aber das wahre Golden Age wurde bisher nicht wirklich zusammenhängend dargestellt (natürlich gibt es massenhaft Sekundärliteratur zu LeCarré, Deighton, 007 usw., aber ganz wenig zu der vermeintlich zweiten oder dritten Garde). Zu Recht wurde Ripley auch für diese Pionierarbeit ausgezeichnet.
Das launige Vorwort ist von Lee Child, der sich in dieser Tradition sieht.

Worum geht es?

Um die Zeit ab den frühen 1950ern, in der die britischen Thriller-Autoren fast alle westlichen Bestsellerlisten dominierten. Die Rede ist vom Abenteuer- oder Agenten-Thriller, nicht etwa vom klassischen Detektivroman.

Mike Ripley grenzt das „Golden Age“ ein auf die Jahre von 1953 (erscheinen des ersten Bond-Romans) bis 1975 (er setzt als Endpunkt Jack Higgins THE EAGLE HAS LANDED). Man könnte noch einige Jahre dran hängen, aber Ripley meint, dass mit dem Aufkommen etwa der amerikanischen Conspiracy-Thriller (Ludlum) und Techno-Thriller (Clancy) die absolute Dominanz der Briten im Genre gebrochen wurde. Meinetwegen.

Das Buch behandelt ca. 160 Autoren (neben Briten auch ein paar Südafrikaner und Australier), die heute zum Großteil in Vergessenheit geraten sind. Natürlich werden auch die inzwischen als Klassiker gewerteten Autoren, wie Fleming, Deighton, Francis, Forsyth, Ambler usw., behandelt. Aber da es über diese Autoren genügend Literatur gibt, bemerkt Ripley richtig, habe er sich auf die Unbekannteren konzentriert.

Da ich einige dieser Autoren seit den 1960er Jahren gelesen habe, kann ich häufig Ripley zustimmen: Darunter sind verborgene Klassiker, umwerfende Spannungsromane, die trotz der verstrichenen Zeit nichts von ihrer Faszination verloren haben. Ich nenne hier nur mal Gavin Lyall, Geoffrey Jenkins, Adam Hall, Alan Williams, Berkeley Mather, James Mitchell(Munro), Francis Clifford.

Es gab und gibt in dem Buch vieles zu entdecken, und bei der Lektüre wuchs meine Leseliste. Beim Wieder- oder Erstlesen ist die hohe Qualität vieler Autoren verblüffend! Dagegen wirken die meisten Thriller der Gegenwart wie elaborierter Schund.
Da merkt man deutlich, wie der PC bei Autoren zum disziplinlosen Schreiben verführen kann (ich fragte in den 1980ern mal Gavin Lyall, warum Desmond Bagleys neue Romane langsamer und dicker würden. Gavin: „He bought a word processor.“). Diese Thriller – egal, von welcher Qualität – verzichten zumeist auf retardierende Momente und gehen direkt nach vorne und beschleunigen zunehmend. Die Besten können einen auch heute noch atemlos und tief in den Lesesessel pressen. Obwohl die meisten Autoren (schon aus Altersgründen) die „Beatkultur“ gehasst haben (dafür gibt es in den Texten genügend Andeutungen, Häme und Hinweise), entsprachen ihre schnellen literarischen Beats dem Rhythmus der Zeit. So wie die YARDBIRDS mit ihren Klängen uns in ferne Sphären trugen, führten diese Autoren in exotische Länder, Katastrophen und fremde Mentalitäten.
Faszinierend sind auch die unterschiedlichen Themen und Stile der Autoren! Dank dieser Vielfalt verdient die Epoche wahrlich das Etikett „Golden Age of Thrillers“.

England hatte den Krieg gewonnen und den Frieden verloren. Das Empire brach auseinander, das Land war wegen der Kriegskosten hochverschuldet und Lebensmittelmarken (für bestimmte Produkte) gab es noch bis Anfang der 1960er (im Gegensatz zum Verliererland Deutschland).
Trotzdem errichteten die Briten einen Sozialstaat, der im Westen unvergleichlich war (und spätestens seit Thatcher, Tony Blair und dieser ganzen Neo-Con-Bande zerstört wurde). Jeder hatte Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung; die Gewerkschaften waren extrem stark, Vollbeschäftigung, Trümmergrundstücke.

Laut vielen Briten, die in den 1950ern aufwuchsen, gab es nur ein Problem: England war stinklangweilig (was war denn dann erst Deutschland mit seinen Fress- und Wirtschaftswunder-Kapitänen, die aus dem 3.Reich direkt in die Chefetagen wechselten?).

Ripley bemerkt für sich und viele seiner Altersgenossen: Das einzig spannende waren Rock´n Roll und Thriller. Dafür konnte man sein Taschengeld ausgeben. Ripley gab mehr für Paperback-Thriller aus, denn da bekam man zwei für den Preis von einer Single „At least that was my thinking until I discovered girlfriends, and the Rolling Stones recorded BEGGAR´S BANQUET.“ In diesem launigen und unterhaltenden Ton plaudert er das Buch hindurch und erzählt bisher unerzähltes, intelligentes, verblüffendes, spannendes, triviales, erhellendes.
Ein Buch, von dem der Fan hofft, es möge nie enden. Wie jeder gute Kritiker hat der Schriftsteller und Rezensent Mike Ripley ein feines Gespür für Drama.

Es ist nicht immer das analytischste oder systematischste Buch (den Anspruch erhebt Ripley auch nicht, nennt es „seine Lesergeschichte“), aber immer wieder voller erstaunlicher Fakten und Kenntnisse: Etwa, dass FROM RUSSIA WITH LOVE 1957 mit einer Auflage von 15 000 Hardcover gestartet wurde, während Alistair MacLeans GUNS OF NAVARONE alleine in den ersten sechs Monaten 400 000 Exemplare verkaufte!

Ripley ordnet Thriller und Autoren immer in den historischen Kontext ein, zeigt die soziologischen und politischen Spannungen auf, die sich direkt oder indirekt auf die Literatur auswirkten.

Er behandelt die Abenteuer-Thriller und Agentenromane (richtig unterschieden in Spy Novels, wie etwa Deighton, und Spy Fantasy, wie Bond), die millionenfach in Paperbacks die westliche Lesewelt zwei Jahrzehnte überfluteten. „Kiss Kiss, Bang Bang is a ‘reader’s history’ – specifically this reader – of a particular period, roughly 1953-1975, when British thriller writers ruled the world.”

Ripley streift und würdigt auch die Arbeit von Cover-Designern wie Raymond Hawkey, die für den speziellen look der Thriller verantwortlich waren. Was gäben diese Cover einen prächtigen Bildband ab!

Die Helden dieser Romane sind von unterschiedlicher politischer Couleur, so wie ihre geistigen Väter.
Lediglich bekennende Faschisten oder Kommunisten sucht man vergebens. “Their heroes regularly confronted Nazis, ex-Nazis and proto-Nazis, the secret police of any and all communist countries and a variety of super-rich and power-mad villains, traitors, dictators, rogue generals, mad scientists, secret societies and ruthless businessmen.”

Ripleys Buch ist ein Anfang, diese Epoche weiterhin zu untersuchen. Aber bis auf weiteres muss es als Standardwerk des britischen Thrillers in dieser Zeit gelten. Nächste Kundschafter sollten vielleicht den Zeitrahmen bis zum Ende des Kalten Krieges ausdehnen.

LESELISTE – Die unten stehenden, fast vergessenen Titel, will ich unbedingt wiederlesen und als Tipps weitergeben. Und das ist nur eine ganz kleine Auswahl!


Geoffrey Jenkins: A Twist of Sand, 1959.

Geoffrey Jenkins: The River of Diamonds, 1964.

Lionel Davidson: The Rose of Tiber, 1962.

Anthony Lejeune: Glint of Spears, 1963.

Alan Williams: Snake Water, 1965.

Gavin Lyall: The Most Dangerous Game, 1966.

Gavin Lyall: Midnight Plus One – und eigentlich jedes andere Buch von ihm!

James Munro: The Man Who Sold Death, 1964.

Peter Driscoll: The Wilby Conspiracy, 1972.

Peter O´Donnell: A Taste for Death, 1969.

Derek Marlowe: A Dandy in Aspic, 1966.

Duncan Kyle: A Cage of Ice, 1970.

Duncan Kyle: Black Camelot, 1978.

Desmond Bagley: High Citadel, 1965.

Desmond Bagley: The Vivero Letter, 1968 (u.v.m.).

Alistair MacLean: HMS Ulysses, 1955.

Ian Stuart: The Satan´s Bug, 1962.

Francis Clifford: Honour the Shrine (Kriegsroman; Birma), 1953.

Francis Clifford: All Men Are Lonely Now, 1967.

Victor Canning: Black Flamingo, 1962.

Clive Egleton: Seven Days to a Killing, 1973.

Desmond Cory: Feramontov-Quintet, 1962-71.

Anthony Price: Other Paths of Glory, 1974.

Andrew York: The Eliminaror, 1966.

Adam Diment: The Dolly Dolly Spy,1967.
https://martincompart.wordpress.com/category/adam-diment/

Brian Freemantle: The Man Who Wanted Tomorrow, 1975.
https://martincompart.wordpress.com/category/brian-freemantle/

Adam Hall: The 9th Directive,
https://martincompart.wordpress.com/category/klassiker-des-polit-thrillers/adam-hall/

Len Deighton: The Ipcress File, 1962.
https://martincompart.wordpress.com/2009/05/15/krimisdie-man-gelesen-haben-sollte/

Berkeley Mather: The Pass Beyond Kashmir, 1960
https://martincompart.wordpress.com/category/berkeley-mather/



CHARLIE MUFFIN by Martin Compart

Charlie Muffin ist für viele (mich eingeschlossen) die größte Kult-Figur des Polit-Thrillers. Sein erster Auftritt in Brian Freemantles Roman CHARLIE M schlug 1977 ein wie eine Bombe; vergleichbar vielleicht mit Len Deightons THE IPCRESS FILE fünfzehn Jahre zuvor oder LeCarrés SPION, DER AUS DER KÄLTE KAM. Charlie war noch mehr anti-establishment als Deightons namenloser Ich-Erzähler.

Inzwischen ist die Serie auf 19 Titel angewachsen. In Deutschland erscheint sie schon lange nicht mehr.

Muffin ist der wahre proletarische Held unter den fiktionalen Agenten. Und er ist vielleicht der abgewichsteste und cleverste, der die Schwächen der degenerierten britischen Oberschicht genau kennt und ausnutzt, ihre Heimtücken durchschaut.

Leider gibt es bisher nur eine audiovisuelle Umsetzung: 1979 drehte der große Jack Gold die Adaption des ersten Muffin-Romans für das britische Fernsehen. David Hemmings wurde für Charlie Muffin das, was Sean Connery für James Bond ist. Das sah Freemantle ganz ähnlich:

Here’s a secret. It’s not as easy for me now to write Charlie as it was in the beginning and the problem was the film of that first Charlie Muffin book. David Hemmings brilliantly played the part. I met him for the first time on set, when a gambling club scene was being shot. Between takes he came over to me, clad in scruffy suit and down-at-heel Hush Puppies ( it’s the feet problem) and said: ‚Here I am. I’m Charlie Muffin.’Which he was. Up until that moment I knew how Charlie Muffin thought and how he’d react and what he physically looked like. But I didn’t have his facial features. But from then on I did and it’s always David Hemmings‘ face I see when I’m writing, not my blank-canvassed Charlie.

Nicht nur Hemmings ist eine Weltmacht! Der Film ist in jeder Rolle perfekt besetzt und Jack Gold inszeniert diesen „Agentenpoker“, der eher ein Schachspiel ist, genau und mit dem richtigen Gefühl fürs Timing. Gold (1930-2015)ist m.E. wegen seiner häufigen TV-Arbeiten ein schmählich unterschätzter Regisseur, der für Klassiker wie THE RECKONING oder MAN FRIDAY verantwortlich war.

Für Charle gefährlicher als die Russen: seine Vorgesetzten und Mitarbeiter.

Geradezu nostalgisch wird man bei den Szenen, die in Ost- wie West-Berlin spielen. Gold fängt das Zeitgefühl des Kalten Krieges und die Atmosphäre der geteilten Stadt ein.

Dies ist kein Action-Film!

Die Handlung fordert vom Zuschauer Mitdenken (ist also nichts für heutige Kino-Gänger oder Krawall-Serien-Freunde). Jack Gold lässt sich Zeit um jede Nuance und jeden Dialog effektiv zu inszenieren.

Etwa, wenn Ian Richardson (einmal mehr: großartig!) als arroganter und unfähiger Geheimdienstchef über Charlies Klassenzugehörigkeit sinniert:

Die Arbeiterklasse ist in ihrer Freizeit immer brünstig.

Ausgegraben hat dieses Kleinod der Spy-Fiction wieder mal PIDAX-Film. Die Crew um Edgar Maurer gräbt bekanntlich tief, wenn es um vergessene TV-Schätze oder zu wenig bekannte Filme geht (dasselbe gilt für den Hörspielbereich, in dem sie den Klassiker Hans Gruhl wieder zugänglich machen). Ich stöbere gerne in ihrem Katalog.

Die Qualität dieser DVD-Ausgabe ist ausgezeichnet. Schade nur, dass es kein Zusatzmaterial gibt.

Was soll´s! Endlich kann ich meine vergammelte Video-Kopie entsorgen und diese bisher einzige Verfilmung eines Freemantle-Stoffes (was lagert da für ein Film- und TV-Potential!) in meine Bibliothek einordnen.

Kein Freund guter Spionagefilme kommt ohne CHARLIE MUFFIN aus, dessen Schlusspointe neue Maßstäbe im Genre setzte. Freemantle gab der Spynovel mit diesem „Happyend“ eine neue politische Dimension.

https://www.pidax-film.de/



MICK HERRON – DER ABDECKER DES SECRET SERVICE 4/ by Martin Compart

Herron saugt seine Plots aus den Aktualitäten, die unsere Nachrichten dominieren. Er steigt hinter die Oberfläche und sieht neben dem Terrorismus viel entscheidendere Bedrohungen: Korruption, Geldwäsche in der City, eine dysfunktionale Regierung, immer weiter nach rechts wandernder Konservativismus und Klassenkonflikte.
Eben England, wie es heute ist, nachdem es von Thatcher, Blair & Co. auf rechts gedreht wurde. Europa im Würgegriff der Banken und Konzerne, die für den Wiederaufstieg des Faschismus – mit dem unzutreffenden und verharmlosenden Begriff „Populismus“ verklärt – verantwortlich sind, indem sie mit ihrem politisch unkontrollierten Feudal-Kapitalismus für ein Gerechtigkeitsgefälle sorgen, wie es dieser Planet noch nicht gesehen hat.

In seiner Verachtung für das Establishment steht Mick Herron eher dem großen Brian Freemantle (insbesondere seiner Charlie Muffin-Serie, dem wohl unterschätzteste Klassiker des Polit-Thrillers) nahe, als etwa LeCarré, bei dem noch immer eine gewisse Wehmut über das untergegangene Empire nachschwingt.

Auch Brian Freemantle war und ist für seine überraschenden Handlungswendungen berühmt und berüchtigt. Im ersten Muffin Roman, CHARLIE M, 1977, orchestrierte er einen der nachhaltigsten Regelbrüche und Plotwendungen in der Geschichte des Spionageromans (eine genauere Beschäftigung mit ihm ist in diesem Blog längst überfällig).
Den Humor teilt Herron mit Freemantle, wie dessen Verachtung fürs Establishment.

Wenn man literarische Bezugspunkte und Traditionen für Herron ausfindig machen will, dann dürfte Brian Freemantle (der inzwischen fast 100 Bücher geschrieben hat) ihm am nähesten kommt. Freemantle schrieb sogar eines der ersten Sachbücher über den KGB; das einzige Proof Copy davon wurde seinerzeit vom KGB auf der Frankfurter Buchmesse vom KGB entwendet.

Man könnte glauben, diese überraschenden Wendungen sind von einem kriminellen Mastermind haarklein geplant. Aber das Gegenteil ist der Fall: “Some of those twists will have occurred to me at about the same point in the novel that they’re dropped on the reader.”

Herron fordert dem Leser einiges ab:

Sein reichhaltiges Personal und sein zynischer Erzähler erfordern mitdenken, manchmal muss man auch zwischen den Zeilen lesen. Die häufig naiv-patriotische Weltsicht amerikanischer Agenten-Thriller-Autoren teilt er nicht. Sein sowohl kunstvoller wie unterhaltsamer Stil verhindert, in die Langeweile von High-brow-Thrillern à la LeCarré abzugleiten.

Trotzdem kommt die Action nicht zu kurz.

Auch wenn das Intro im ersten Roman sehr lang ist, da Herron den Lesern sein Personal genau vorstellt, liest es sich spannend und höchst amüsant.

Ein Geheimnis großer Literatur ist, dass man sie auf den ersten Blick nicht erkennt. Wahrscheinlich überfordert Herron deutsche Thriller-Leser, die das restringierte Gestammel von Autoren wie Fitzeck oder Schwätzing mit Freude ertragen.

Nein, Mick Herron is „the thinking men´s spy writer”.

Seine Dialoge gehören zu den besten, die heute geschrieben werden, erinnern in Intelligenz und Witz manchmal an Chandler:

(Lamb)„Der kalte Krieg hatte auch seine guten Seiten, wissen Sie. Ist doch nicht schlecht, wenn man seine jugendliche Unzufriedenheit rauslassen kann, indem man ein Parteibuch rumträgt statt eines Messers und man endlose Versammlungen in den Hinterzimmern von Kneipen besucht und für Anliegen auf die Straße geht, für die kein anderer aus dem Bett aufstehen würde.“
(Rivers.) „Tut mir leid, dass ich das verpasst habe. Gibt es das auf DVD?“

Das treibt doch jedem Sixties-Nostalgiker die Lachtränen in die Augen!

Herron gelingt, was nur wenigen Autoren – wie etwa Joseph Conrad – gelingt: Er schafft einen eigenen Kosmos. Sogar bis hin zu einer eigenen Terminologie.

Er hat sich einen eindrucksvolle Sprachcode für „seinen“ Geheimdienst einfallen lassen. Dieser ist inzwischen so elaboriert, dass ein Fan ein Glossar erstellt hat: https://spywrite.com/2018/07/04/mick-herrons-slough-house-a-glossary/.

David Hemings als Charlie Muffin in dem gleichnanmigen TV-Movie von Jack Gold.

P.S.: Warum ich immer mal wieder auf Schwätzing und Fitzeck rumhacke?

Erstmal ist mir ihr Erfolg so wenig begreifbar wie der der AfD. Vielleicht ist das Bindeglied Kohls „geistig-moralische Wende“ und der seitdem fortschreitende Niveauverfall in fast allen Belangen der Republik.

Zum zweiten wurde ich mal pekuniär dazu genötigt, zwei, bzw. drei Bücher von ihnen zu lesen (die jeweiligen Verlage hatten nicht mal eine große Packung Aspirin mit eingeschweißt).
Die deprimierendsten Leseerlebnisse seit den Rückerstattungsbescheiden des Finanzamtes und literarisch anspruchsloser als staatsanwaltliche Vorladungen.



MICK HERRON – DER ABDECKER DES SECRET SERVICE 1/ by Martin Compart

River Cartwright ist ein ausgemusterter MI5-Agent, und er ist es leid, nur noch Müllsäcke zu durchsuchen und abgehörte Telefonate zu transkribieren. Er wittert seine Chance, als ein pakistanischer Jugendlicher entführt wird und live im Netz enthauptet werden soll. Doch ist das Opfer der, der er zu sein vorgibt? Und wer steckt hinter den Entführern? Die Uhr tickt, und jeder der Beteiligten hat seine eigene Agenda. Auch Rivers Chef Jackson Lamb, ein Falstaff des Thrillers.
Slough House, das ist der Ort, an den Agenten des Geheimdiensts MI5 in London verdammt werden, deren Karrieren frühzeitig gescheitert sind. Hier soll man in Verzweiflung, freiwillige Kündigung, hysterischen Niedergang und Selbstaufgabe getrieben werden (welch grandiose Paraphrase für das 21.Jahrhundert!).

Ein Ort, der nur von einem genossen und geliebt wird: Jackson Lamb.


Vielleicht haben diese ›Slow Horses‹ einen Auftrag komplett vermasselt, kamen einem ehrgeizigen Kollegen ins Gehege, oder sie hingen einfach zu sehr an der Flasche, was in diesem Gewerbe nicht unüblich ist. Außer dass sie Einzelgänger sind, haben sie noch eins gemeinsam: Sie alle wollen wieder zurück in den aktiven Dienst in Regent’s Park, raus aus Lambs Abdeckerei.


Slow Horses
Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer
Hardcover Leinen
480 Seiten
ISBN 978-3-257-07018-7
€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 24.70

Der Diogenes Verlag liefert einmal mehr Grundnahrungsmittel für den anspruchsvollen Thriller-Fan: Mick Herron, einer der fünf besten britischen Polit-Thriller-Autoren der Gegenwart. In Großbritannien und jetzt auch in den USA wird er bereits als Klassiker gehandelt.

Und das mit vollem Recht: Er ist nicht nur ein eindrucksvoller Stilist, er bringt auch Innovationen in ein Genre, dass seit zwanzig Jahren stagniert oder in dümmlichen Anti-Terroristen-Agenten-Thrillern verharrt. Herron bestätigt Eric Amblers Postulat des „Thrillers als letzte Zuflucht für Moralisten“ und zeigt unsere heutige Moral als Anpassung an Sozialsysteme.

Sein zynischer allwissender Erzähler kriecht jeder Figur so tief unter die Haut, dass denn Leser selbst die scheinbar uninteressanteste Figur interessiert. Nur bei der Hauptperson Jackson Lamb ist er weniger allwissend; sie scheint er selber noch zu erforschen. Ihr gelingt es, diesen so dominanten Erzähler zu überraschen. Überraschungen gehören zu den großen Stärken von Herron: Die Plots nehmen überraschende Wendungen, die Charaktere verhalten sich überraschend und die Dialoge sind es auch – immer gespickt mit witzigen Zynismen.

Herron überrascht den abgebrühtesten Thriller-Fan immer wieder.

Ein Grund sich etwas ausführlicher mit ihm zu beschäftigen.

Denn seine überfällige Veröffentlichung auf dem deutschen Markt ist ein absolutes Highlight. Auch wenn er es nicht auf die Jauchegrube unserer Bestsellerlisten schafft (dazu sind seine Romane zu intelligent und anspruchsvoll), sollte er doch eine große Gemeinde finden, für die in hoffentlich kurzen Abständen die bisherigen sechs Bände der SLOUGH HOUSE-Serie von Diogenes veröffentlicht werden. 1)

Mit diesen Romanen hat Herron sich als einer der besten Stilisten und intelligentesten Autoren seiner Generation etabliert; nicht nur im Spy-Genre. Seinem traumwandlerisch sicheres Sprachgefühl merkt man die frühe und langjährige Leidenschaft für Lyrik an. Sie fließt völlig unangestrengt in seine Epik.

Herron wurde 1963 in Newcastle upon Tyne geboren und studierte in Oxford am Balliol College, wo er seinen Abschluss in englischer Literatur machte. Schon als Teenager begann er Gedichte zu schreiben. „Erst später begann ich mit Romanen. Aber seit meiner Jugend schreibe ich jeden Tag.“

Nach dem Studium arbeitete er mehr als 15 Jahre lang als Textredakteur in London. Er wohnte in Oxford und fuhr jeden Tag zum Job in die Metropole. „Der Job lehrte mich eine Menge über das Schreiben. Besonders über das Weglassen von Worten. Nebenher schrieb ich nachts täglich 350 Worte an Romanen.“

Es dauerte zwei Jahre, bis er einen Verleger für seinen ersten Roman fand: DOWN CEMETERY ROAD, 2003, war der erste Band in seiner Oxford Serie über Sarah Tucker und Zoe Boehm. Er hatte 18 Monate an dem Roman gearbeitet. Ein Jahr später folgte der zweite Band der Serie. Insgesamt schrieb er bis 2009 vier Romane über seine weiblichen Protagonisten.

“The two women are very different, I hope, so shuttling between them allows me to indulge opposing viewpoints. Sarah is the more feeling of the pair, and I sometimes claim that I’m getting in touch with my feminine side when writing about her. The more likely truth is that, when writing about Zoë, I’m trying to bolster my masculine nature.”

Bedingt durch seinen Fulltimejob arbeitete Herron sehr langsam. Besonders viel Zeit nahm und nimmt das Lektorieren in Anspruch: „Das Ausmerzen der verdammten Semikolons!“

2006 verfasste er mit LOST LUGGAGE seine erste Kurzgeschichte für „Ellery Queen´s Mystery Magazine“. 2009 wurde er von dem Magazin für seine Story DOLPHIN JUNCTION mit dem „Ellery Queen Readers Award“ ausgezeichnet.

2010 gelang ihm mit SLOW HORSES der große Wurf, der erste Roman über die „Abdeckerei“-Abteilung des MI 5.

Obwohl er gleich für den „Ian Fleming Steel Dagger Award“ nominiert wurde, stand er plötzlich ohne Folgevertrag bei Soho Crime da. Soho Crime hatte den Roman zuerst erfolglos in den USA veröffentlicht und die Resonanz in England war auch nicht besonders. Deshalb dauerte es drei Jahre, bis der Verlag sich durchrang den zweiten Roman, DEAD LIONS, zu veröffentlichen. Es dauerte zwei weitere Jahre, bis Herron und sein Agent einen neuen Verlag fanden. Als dann John Murray die Serie übernahm, erkannten die dortigen Mitarbeiter das Potential und bedienten es entsprechend. Ein britischer Kritiker nannte das Verhalten von Soho Crime das „literarische Äquivalent zur Ablehnung der Beatles durch Decca“.

Warum der Wechsel von düsteren Psychothrillern zum Spionage-Roman?

„Ich wollte über größere Themen schreiben. Der Spionageroman bietet diese Möglichkeiten. Als Kind war ich ein großer Fan der frühen Romane von Alistair MacLean. Ich begann früh Bücher für Erwachsene zu lesen. Das war sofort Kriminalliteratur. Angefangen mit Agatha Christie. Alistair MacLean. Der wunderbare Dick Francis. Dann entdeckte ich die amerikanische Literatur: Hemingway, Fitzgerald, Steinbeck. Ich las sehr früh Nabokov, da wir ein Buch von ihm zu Hause hatten. Vor allem war ich ein Bibliotheks-Gänger – das bin ich immer noch. Ich greife mir, was mich anspringt. Heute vergessene Autoren wie John O´Hara oder Victor Canning.“

Ein Autor, der noch Victor Canning kennt und liest, kennt das Genre in all seinen Verästelungen.

Und selbstverständlich kennt er die Klassiker wie Ian Fleming (sein Lieblings-Bond-Roman ist MOONRAKER) oder Len Deighton („Ich hatte einen Goldfisch namens Harry Palmer.“).

Welcher Autor hat ihn am stärksten beeinflusst?

GORKY PARK von Martin Cruz-Smith ist meine Messlatte. Aber ich kaufe jedes Buch von ihm, sobald es veröffentlicht wird. Dialoge waren für mich anfangs das schwierigste zu schreiben. Inzwischen fällt es mir leicht. Ich habe die großen Dialog-Schreiber intensiv studiert – Elmore Leonard zum Beispiel.

Und welche aktuellen Spionageautoren bewundert er?

Ich mag eine Reihe von Büchern von Alan Judd und John Lawton. Es gibt noch einige andere Autoren, die ich sehr mag, aber die beiden fallen mir zuerst ein.

Große TV-Serien wie THE SANDBAGGERS oder SPOOKS sind unter seinen Einflüssen vermutbar: Sie dürften die Ensemble-Struktur der SLOUGH HOUSE-Serie angeregt haben.
“There are some good thriller writers working today in the spy genre but they’re thin on the ground. Many of the good ones tend to write within a historical context. Modern espionage fiction is not what it once was. Maybe the fact that the real spy world is now a team game with secret services conducting wars more with technology than field operatives, has contributed to rendering some of the traditional tropes of the contemporary spy thriller redundant. Lone agents fighting to save the world have simply lost their relevance.”

Das ihn Kritiker für seinen „neuen Realismus“ loben, amüsiert Herron: „Because I’m a thriller writer that narrows the choices. My stuff could have been police officers but then I would have had to do actual research. And you’d have to get the procedure right because if you don’t, if you just make stuff up and you write about the police, you’re going to get into trouble. But if you make stuff up about the Secret Service, people say, ‘you seem to know an awful lot about that’ and then they assume you have some sort of experience.”

Bei Herrons Qualität wird natürlich der gottgleiche Langweiler als Vorbild, Vergleich oder Pate herbei gequält. “I won’t say that le Carré cast a shadow, rather he cast a light over the spy genre that will continue for a long, long time.”

Wenige Autoren schreiben so eindrucksvoll über London. Sicherlich werden seine Romane künftig auch im Genre „London Novel“ verzeichnet sein, als Bücher, die das Zeitgefühl der Stadt im frühen 21.Jahrhundert unter der Terrordrohung ähnlich überzeugend wiedergeben wie etwa Joseph Conrads THE SECRET AGENT es für den Anfang des 20.Jahrhunderts tat.

“I worked in London for fifteen years, without ever living there. And yes, I think love/hate sums it up. As a locale for fiction, it fulfils all my needs: it’s bright and dazzly, grubby and creepy; it’s got all the history one could want, and still offers huge scope for making up more when required. But it’s noisy and crowded, and doesn’t always work properly, and you have to travel annoying distances to get anywhere. And the reputation it’s developed as the world’s money-laundering capital, which goes hand-in-hand with all manner of other corruption, fills me with unease.”

1) Ein Problem dabei könnte sein, dass 90% der deutschen Kritiker (nicht nur sogen. Genre-Kritiker) mit ihren bescheidenen Maßstäben Stil weder erkennen, einordnen noch würdigen kann. Man muss sich nur bisherige Besprechungen der deutschen Ausgabe ansehen, ohne durch Fremdschämen betroffen zu werden. Aber Stil ist ein intelligentes Vergnügen, dem man folgen können muss. Ich tu mich daran selber schwer, bin dann aber über die nicht allzu schwere Erkenntnis höchst erfreut.

FORTSETZUNG FOLGT