Martin Compart


WISEGUY – DIE ERSTE ARC-SERIE by Martin Compart
21. August 2016, 1:54 pm
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2011 wollte NBC die Serie neu auflegen, die alles. was heutige US-Quality-Serien ausmacht, vorweg nahm: WISEGUY von Stephen J.Cannell, einem der Genies des US-Fernsehens- Bisher kam es nicht dazu.

Die Serie ist eines der bestgehüteten Geheimnisse der TV-Serien. Es gibt lediglich eine befriedigende Auswertung als DVD-Box, in Deutschland gibt es nicht mal eine DVD-Veröffentlichung. Zum Glück findet man auf Youtube einige Folgen.

Bevor ich sie zu sehen bekam, schwärmte mir bereits Max Allan Collins (im September läuft auf Cinemax eine achtteilige Serie nach seinen QUARRY-Romanen an) von ihr vor und sagte in weiser Voraussicht, dass sie das TV revolutionieren würde. Das hat dann allerdings noch über ein Jahrzehnt auf sich warten lassen – bei den Amerikanern wohlgemerkt; die Briten machen seit den 1950ern Quality-Serien, nie neue Wege bestreiten. Die Deutschen nie.

Es ist bezeichnend für die Qualität von Büchern über die „neuen Quality-Serien“, wenn WISEGUY dort nicht erwähnt wird. Das ist dann so, als würde man ein Buch über das Römische Reich verfassen, ohne die Etrusker zu erwähnen.

Steven_Cannell_3[1]WISEGUY ist bekanntlich ein Slangausdruck für Gangster. Im Mittelpunkt der Serie steht der Polizei-Held der 80er Jahre: der Undercover-Cop, der sich als Verbrecher getarnt in Gangsterkonzerne einschleicht. Anders als die MIAMI VICE-Luxusagenten ist Vinnie Terranova, hinreißend gespielt von Ken Wahl, eine wirklich bedauernswerte Existenz. Er kann nicht zwischendurch Luft schöpfen und sich erholen, sondern muss als Perspektiveagent ganz in seiner Rolle aufgehen. Selbst seine sich grämende Mutter hält ihn für einen faulen Apfel. In den ersten neun Folgen, die in Fortsetzungen die erste Geschichte erzählen, wird der durch Terranova/Wahl mit verursachte Niedergang des Atlantic-City-Boß Sonny Steelgrave (der inzwischen verstorbene Ray Sharkey in exzellenter Form) erzählt.186509942_wiseguy-tv-show-ken-wahl-7x9-photo-a5860-entertainment-[1]

Um eine wirklich wasserdichte Legende zu erhalten, musste Terranova, Agent des Organized Crime Bureau des FBI, eine achtzehnmonatige Haftstrafe absetzen, bevor ihn sein Führungsoffizier Frank McBride (Jonathan Banks, zuletzt bestechend in BREAKING BAD) auf Steelgrave ansetzt. Tatsächlich entsteht zwischen Cop und Gangster eine freundschaftliche Beziehung. Und als der Gangster auch noch Terranovas krankes Muttchen Anteil nehmend besucht, kommt es beim Undercover-Cop zum moralischen Dilemma. Während sein Führungsoffizier ihn mit äußersten Misstrauen und ohne Mitleid jederzeit verheizen würde, findet er auf der Seite seiner Opfer die eigentlichen Freunde.

Die an originellen Nebenhandlungen und Details ungeheuer einfallsreiche Serie läuft hier zur Hochform auf. Fast wird dem Zuschauer der Eindruck vermittelt, dass es im Geschäftsleben der Gangster menschlicher zugeht, als im Umgang mit staatlichen Institutionen. Und kein Zweifel gibt es darüber, dass legale wie illegale Geschäfte von Leuten gemacht werden, die Macchiavellis PRINCIPE unterm Kopfkissen liegen haben.

WISEGUY war eine subversive Serie, die immer wieder das System hinterfragte.

WISEGUY hat eins völlig neues Konzept in die Krimi-Serien gebracht: Nicht mehr in Einzelepisoden oder Doppelfolgen werden die Geschichten erzählt, sondern in Zyklen, die sich  bis zu 13 Folgen hinziehen, sogenannte „Arcs“. Das erlaubt natürlich viel größere Tiefe in der Charakterisierung der Personen und größere Komplexität der Handlung.

Damit war WISEGUY ein weiterer „Vorläufer“ der sogen. HBO-Revolution.

 

Mit MIAMI VICE und CRIME STORY gehört WISEGUY zu den besten Serien der 80er. Alle drei bieten so etwas wie eine chronologische Analyse des Organisierten Verbrechens: in CRIME STORY wurde erzählt, wie sich Anfang der 60er Jahre die Mafia in legale Geschäfte einkaufte und durch Glücksspiel (Las Vegas) und Rauschgift zu einem Wirtschaftsfaktor wurde. Die ebenfalls von Michael Mann produzierte Serie MIAMI VICE zeigte, wie  der großangelegte Rauschgifthandel der 80er Jahre illegales Kapital erwirtschaftet, das nicht mehr kontrollierbar ist. WISEGUY nun zeigte, wie sehr die US-Wirtschaft bereits vom illegalen Kapital unterwandert und korrumpiert ist und wie unmöglich es ist, im US-Kapitalismus zwischen legalen und illegalen Geschäften zu unterscheiden. Tatsächlich zeigte der 4. Zyklus über die New Yorker Textilindustrie, in dem Jerry Lewis einen ekelhaften Bekleidungsproduzenten spielte, wie durch Manipulationen Börsenkurse beeinflusst werden und bisher legale Geschäfte von Gangstern, die selbstverständlich mit Börsenfirmen auf gutem Fuß stehen, übernommen werden.

Ob internationale Waffengeschäfte, Rechtsradikalismus, Tonträgerbranche oder die mafiosen Geschäfte mit Müll – die Serie zeigt sich in der Behandlung der Themen immer auf der Höhe des Erkenntnisstandes und setzt die Realität mit leichter Hand in spannende Spielhandlung um. Indem sie diese Realitäten für TV-Serien antizipierte, war die Serie auch thematisch innovativ.

Gedreht wurde WISEGUY, bei der u.a. Les Sheldon und David Burke Regie führten, in Kanada.  Weniger verkrustete Gewerkschaftsbedingungen machen Kanada für amerikanische TV-Produzenten als Produktionsstätte immer attraktiver. In der ersten Staffel wurde Vancouver als New Jersey clever abgefilmt, später musste die Stadt als New York herhalten. Eine Riege hervorragender Schauspieler, gute Regie und Spitzendrehbücher machten die Serie zu einem Ereignis, das heute noch bestehen kann.

Für den Erfolg von WISEGUY war vor allem ein Mann zuständig: Stephen J.Cannell, der die Serie zusammen mit Frank Lupo (beide arbeiten schon länger zusammen) entwickelt hat.

Die Liste der Gaststars (Kevin Spacy hatte als Mel Profitt im 2.Arc seinen internationalen Durchbruch) gehört wohl neben MIAMI VICE zu den eindrucksvollsten:

Joe Dallesandro, Ray Sharky, Annette Bening, Joan Severance, Paul Guilfoyle, Jerry Lewis , Ron Silver., Stanley Tucci , Deborah Harry, Tim Curry, Patti D’Arbanville, Glenn Frey, Michael Chiklis, Maximilian Schell.

Literatur: Edward Gross: The Unofficial Story of the Making of a Wiseguy, Pioneer Books 1990.

 

USA 1987-90; 75×45 Min.;F.

Vinnie Terranova (1987-90) … Ken Wahl

Michael Santana (1990) … Steven Bauer

Frank McPike … Jonathan Banks

„Onkel Mike“Daniel Burroughs … Jim Byrnes

Pater Peter Terranova (1987) … Gerald Anthony

Sonny Steelgrave (1987) … Ray Sharkey

Paul Patrice (1987) … Joe Dallesandro

Sid Royce (1987) … Dennis Lipscomb

Harry Schanstra (1987) … Eric Christmas

Roger LoCocco (1988, 1990) … William Riss

Susan Profitt (1988) … Joan Severence

Mel Profitt (1988) … Kevin Spacey

Herb Ketcher (1988) … David Spielberg

Carlotta Terranova Aiuppo (1987-89) … Elsa Raven

Beckstead (1988-90) … Ken Jenkins

Eli Steinberg (1988-89) … Jerry Lewis

David Steinberg (1988-89) … Ron Silver

Carole Steinberg (1988-89) … Patricia Charbonneau

Rick Pinzolo (1988-89) … Stanley Tucci

Phil Bernstein (1988-89) … Harry Goz

Bobby Travis (1989) … Glenn Frey

Isaac Twine (1989) … Paul Winfield

Amber Twine (1989) … Patti D’Arbanville

Winston Newquay (1989) … Tim Curry

Don Rudy Aiuppo (1987-89) … George O.Petrie

Poochy Pompio (1987-89) … Tony Romano

Grosset (1989) … John Snyder

Mark Vochek (1990) … Steve Ryan

Rogosheke (1990) … James Stacy

Lecey (1990) … Darlanne Fluegel

Amado Guzman (1990) … Maximilian Schell

Rafael Santana (1990) … Manolo Villaverde

DIE WISEGUY-PAGE:

http://www.sluiterdesign.com/wiseguy/index.html

 

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ROCKFORD – DER ERSTE VIDEO-DETEKTIV by Martin Compart
19. August 2016, 10:05 am
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Anfang der 70er Jahre suchten die amerikanischen Fernsehproduzenten verzweifelt nach neuen, ungewöhnlichen Charakteren, um die Krimiserien wieder attraktiver zu machen, also nach noch nicht zu abgenutzten Klischeetypen. Man besetzte KOJAC mit einem hässlichen Glatzkopf oder produzierte eine Erfolgsserie mit einem schmuddligen Helden, der in den 60er Jahren unvorstellbar gewesen wäre: Peter Falk in COLUMBO. Aber in den ersten Jahren des Jahrzehnts schafften nur wenige Krimiserien den großen Erfolg. Die Zuschauer, in den 50ern mit Western überfüttert und in den 6oern mit Krimiserien, interessierten sich mehr für comedy shows, deren Konzept man inzwischen verändert hatte: Man belebte diese Serie mit neuen dramatischen, realistischen Elemente.

Irgendwie ahnte Superproduzent Roy Huggins, dass es an der Zeit wäre, mit den Krimiserien dasselbe anzustellen, was er ca. 20 Jahre zuvor mit MAVERICK für den Western getan hatte, nämlich mehr Humor ins Genre zu bringen, ohne aber die Strukturen zu zerstören und eine comedy daraus zu machen.

„Rockford sollte keine klassische Privatdetektivserie werden. Ich wollte MAVERICK als Private Eye. Ich wollte einen Helden, der ein Bisschen feige ist und davor zurückschreckt, sich in Gefahr zu begeben und der die Welt nicht allzu ernst nahm. Er liebte keinen Ärger, er haßt ihn“, erinnerte sich Huggins. Er wandte sich an den jungen Produzenten und Autor Stephen J.Cannell, mit dem zusammen er schon bei den Serien TOMA und BARETTA zusammengearbeitet hatte. Cannell sollte Charakter und Hintergrund ausarbeiten, und Huggins gab ihm zehn Tage Zeit, um einen 90minütigen Pilotfilm zu schreiben. Cannell brauchte lediglich fünf Tage und sagte, er habe sich beim Schreiben köstlich amüsiert, da er alle Klischees und Regeln des Genres brechen und auf den Kopf stellen durfte. Schließlich hatten die beiden alles zusammen, Hintergrund, die regelmäßig auftauchenden Nebencharaktere und die Figur Rockford, nur keinen Titel. „Damit die Verantwortlichen im Sender das Gefühl bekamen, dass sie keine gewöhnliche Privatddetektivserie kauften, sagte ich ihnen: Die Serie ist völlig anders. Der Held übernimmt nur Fälle, die die Polizei bereits abgeschlossen hat, denn er will den Bullen nicht in die Quere kommen. Er will überhaupt niemanden in die Quere kommen. Das ist ein bisschen wie MAVERICK. Auf der anderen Seite aber auch realistisch. Wirkliche Privatdetektive übernehmen keine Fälle, an denen die Polizei noch arbeitet. Das ist eine eiserne Regel. Wir nannten das Ding deshalb THE ROCKFORD FILES.“

Die TV-Produktionsfirma von Universal gab grünes Licht, und der Pilot wurde gedreht, in dem Robert Donley Jims Vater Rocky spielte, da Noah Beery jr. nicht zur Verfügung stand, da er noch für die Serie DOC ELLIOT verpflichtet war. Der Pilotfilm von Richard T. Heffron gedreht, wird gerne Zweiteiler mit dem Titel BACKLASH OF THE HUNTER bei Re-Runs eingesetzt.

James Garner war sofort begeistert von dem Skript: „Ich musste nicht eine Sekunde überlegen, ob das richtig für mich ist. Ich bin kein heroischer Typ und glaube nicht an Helden. Deshalb liebe ich Rockford.“

Jim Rockford war ein Mann, der seine Grenzen genau kannte. Nach Möglichkeit ging er jeder brutalen Konfrontation aus dem Wege, und wenn er mit dummen Sprüchen nicht weiterkam und eine Schlägerei unausweichlich war, gab er lieber Fersengeld. Er prügelte sich nur, wenn ihm nichts anderes übrig blieb und wandte dann auch jeden schmutzigen Trick an, was ihn aber nicht davor bewahrte, oft den Kürzeren zu ziehen. Was ihn von anderen Detektivfiguren hauptsächlich unterschied, war die Art wie er die Fälle anging, und das hatte viel mit James Garner zu tun. Rockford benutzte seinen Kopf, schlüpfte in verschiedene Rollen – am liebsten in die eines großmäuligen Vertreters – und bereitete dem Zuschauer immer eine Überraschung.

 

Selten zuvor hörte man in einer Krimi-Fernsehserie bessere Dialoge oder witzigere Sprüche. Beispiele gefällig?

Angel: „Du würdest mich doch nicht für lausige hundert Dollar erschießen, Jim, oder?“

Rockford: „Ich würde es aus prinzipiellen Gründen tun.“

Oder:

Rocky: „Zwei Zentimeter weiter rechts, und die Kugel hätte dir ein Auge ausgeschlagen, statt dich zu streifen. Du hattest Glück, Sunny!“

Rockford:“ Sieh es mal auf meine Weise: Zwei Zentimeter nach links, und sie hätte mich nicht mal gestreift.“

Oder:

Rockford:“ Ich bemühe mich, meine Tugenden möglichst klein zu halten, damit sie übersichtlich bleiben.“

Einen Teil des Charmes der Serie machte die Gruppe von immer wiederkehrenden Nebenfiguren aus. Sie waren so etwas wie Rockfords Familie. Die wohl eindrucksvollste Nebenfigur war das Frettchen Angel Martin, gespielt  von Garners Kumpel Stuart Margolin. Margolin, der in vielen Fernsehfilmen mitgespielt hat und auch Regie führt, ging Garner auch bei dessen Hobby Autorennen als Mechaniker zur Hand. Angel war ein mieser kleiner Gauner, der Rockford mit seinen krummen Geschäften unentwegt in Schwierigkeiten brachte. Um des eigenen Vorteils willen, zögerte er nicht eine Sekunde, seinen Freund in die Pfanne zu hauen. In gefährlichen Situationen, in denen Revolverhelden Rockford über den Haufen schießen wollten, biederte sich die kleine Ratte sofort an, um die eigene Haut zu retten. Er war Rockford gegenüber so loyal wie ein Bahnhofsstricher. Jeder Fan erinnert sich noch nach Jahrzehnten an Angel; um so erstaunlicher, da er lediglich in 29 Folgen auftrat. Während Garner nur einmal einen EMMY für ROCKFORD bekam, wurde Stuart Margolin zweimal ausgezeichnet.

Jims Vater Joseph „Rocky“ Rockford war ein gutmütiger Extrucker, der sich ununterbrochen Sorgen um seinen Sohn machte. Er war Rockford ein guter Kammerad, auch wenn seine Unterstützung den Sohn meist noch tiefer in die Patsche ritt. Rockys große Leidenschaft war das Fischen, und wenn Jim Gelegenheit dazu hatte, machten sie gerne eine richtige Hemingway-Tour. Gespielt wurde Rocky überzeugend von Noah Beery, Jr., der bereits 54 Jahre vor der ersten Rockford-Folge vor der Kamera debitierte.

Die erste Saison war die erfolgreichste der Serie. 1974/75 erreichte sie Platz 12 der meistgesehenen Fernsehshows. Danach ging es immer weiter bergab. Das hatte auch damit zu tun, dass der Sender NBC alle paar Monate den Sendetermin der ROCKFORD FILES änderte. In der sechsten Season verschob NBC die Sendezeit sieben mal und den Sendetag fünf mal. Da hatte sogar der härteste Rockford-Fan Schwierigkeiten, sich darauf einzustellen. ROCKFORD bekam von NBC nie die Rückendeckung, die aus einer potentiellen Hitserie eine wirkliche gemacht hätte. In der 2.Season stellte man sie ausgerechnet gegen das CBS-Krimiflaggschiff HAWAII 5-O, die erfolgreichste Cop-Show ihrer Zeit. So wollten die Vollidioten bei NBC erreichen, daß man bei ROCKFORD den Humor rausschreiben sollte. Garner, Cannell und Rosenberg drohten damit, alles hinzuschmeißen. „Sollen sie doch Jack Lords kleinen Bruder engagieren“, grollte Garner. Das Network gab nach, beharrte aber auf dem Sendeplatz. ROCKFORD konnte sich überraschend gut gegen die seit Jahren etablierte Hit-Serie von CBS behaupten. Aber diese unglückliche Platzierung sorgte dafür, dass sowohl HAWAII 5-O wie auch ROCKFORD in den Ratings fielen und sich keine der beiden Serien, die sich die Krimi-Fans teilen mussten, von diesem unsinnigen Konkurrenzkampf quotenmäßig erholte.

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Trotz allem Geunke des Networks lief ROCKFORD sechs Jahre lang, von Freitag dem 13.September 1974 bis zum 25.Juli 1980 mit 112 Folgen. Garner war ungeheuer populär und die Serie der absolute Liebling der Kritik. Wieso also die nicht so berauschenden Einschaltquoten, trotz der doch so offensichtlichen Popularität? Ganz einfach: das Videozeitalter war angebrochen, und Rockford war die erste Serie, die man aufnahm, während man sich etwas anderes ansah. Tatsächlich gehörte die Serie zu den ersten TV-Sammelobjekten der Videoten. Und das amerikanische TV- Einschaltquotenkontroll- system, die sogenannten Nielsen Ratings, waren nicht auf die Videorevolution vorbereitet.

Fast zehn Jahre später erging es der Serie, die man am ehesten als Rockford-Nachfolger bezeichnen kann, ähnlich: MAGNUM hatte nach Riesenerfolgen in der Season 1986/87 plötzlich ein völliges Abrutschen in den Ratings zu verzeichnen. Dank der Rockford-Erfahrungen kam man aber schnell der Ursache auf die Spur: die Zuschauer sahen sich direkt ein anderes Programm an, zeichneten aber auf CBS MAGNUM auf. Der Videorecorder hatte inzwischen das Rating-System völlig durcheinandergebracht. Zu ROCKFORDS tatsächlichem Erfolg trug noch ein weiterer Faktor bei: Nach den ersten zwei, drei Seasons begann man die Folgen in CBS LATE NIGHT zu wiederholen. Das gab Universal mehr Geld und damit einen guten Grund, die Serie weiterzuproduzieren, da sie schon, bevor sie durch die Regionalsender syndikatisiert wurde, de facto zweimal bezahlt worden war. Das gab es nie zuvor in der Geschichte der Fernsehserien. ROCKFORD wurde sofort kult, und die Trivia-Fans machten erstmals (diesseits von STAR TREK) von sich reden. Garner wunderte sich: „Es gibt Leute, die kennen jede Telefonnummer der Serie, die wissen sogar meine Lizenznummer als Privatdetektiv. Wenn wir versehentlich eine falsche Nummer verwenden, kriegen wir Beschwerden und böse Briefe!“ Also hier die Trivia Daten: Zuerst parkte Rockford seinen Wohnwagen am 2354 Pacific Coast Highway, Los Angeles; in späteren Folgen lebte er in Malibu in der Paradise Cove Trailer Colony, Cove Road 29. Seine Telefonnummer: (213)-555-2368 (aber auch 555-9000 wurde mal verwendet). Sein goldener Pontiac Firebird hatte die Zulassungsnummer OKG-853.

Huggins, der nie länger als zwei Jahre bei derselben Serie blieb, verließ ROCKFORD nach der ersten Saison und verbreitete die Auffassung, dass die Serie nie wieder so hohe Qualität hatte wie im ersten Jahr. Das war natürlich eitler Unsinn. Erst im Laufe der zweiten und dritten Season erreichten gerade die attraktiven Nebenfiguren wie Angel richtig Profil und die einmalige ROCKFORD-Formel ihre Perfektion. Garner und Huggins gerieten sich während der Dreharbeiten zur ersten Season so in die Haare, dass der Star sogar ein Setverbot für Huggins durchsetzte.

Nachdem die Serie beendet worden war, versuchten verschiedene neue Krimi-Serie die erfolgreiche Mischung aus lebensechten Charakteren, Humor und originellen Geschichten zu übernehmen. Am erfolgreichsten war sicherlich MAGNUM. Aber trotz des Charakters Higgins, dessen „Britentum“ genüsslich gegen Magnums all-american-boy-Mentalität ausgespielt wurde und damit immer für komische Situationen sorgte, kam man nicht an das Original heran. Auch die Serie SIMON & SIMON über ein Brüderpaar, dass in San Diego eine Privatdetektei betrieb, war ein erfolgreicher ROCKFORD rip off. Der Kontrast aus einem Yuppie und einem übriggeblieben Rebellen der Hippie-Ära sorgte für viel Witz, ohne ebenfalls das Format des großen Vorbilds zu erreichen.

 

Auch Garner sorgte für ein Nachspiel: 1983 verklagte er Universal auf 22,5 Millionen Nachzahlung für seine Beteiligung an Auslandsverkäufen und Wiederholungen. Universal erklärte unverfroren, die Kosten der Serie seien auch durch die Zweit-und Drittverwertungen noch nicht gedeckt worden. Universal bot Garner schließlich 670.000 Dollar an. „Die Mafia ist lange nicht so groß wie diese Typen“, sagte Garner in einem Playboy-Interview. Im Frühjahr 1989 wurde dann ein Gerichtstermin festgesetzt. Da aber gerade durch einen Branchendienst ermittelt worden war, daß Universal mit den Auslandsverkäufen von ROCKFORD 126 Millionen Dollar verdient hatte, bot man einen außergerichtlichen Vergleich an, den Garner akzeptierte. Er bekam 10 Millionen Dollar.

Mitte der 90er Jahre wurde ROCKFORD, wie zuvor schon KOJAC, HART TO HART oder COLUMBO, exhumiert, und es entstand eine Reihe von 90-Minuten-Folgen mit der alten Besetzung (außer dem inzwischen verstorbenen Noah Beerry, dem der erste Film gewidmet wurde), die überraschend erfolgreich waren. Rockford und Angel sind alt geworden, aber die Magie der frühen Shows konnte wiederbelebt werden. Auch wenn Garner wegen seiner Knieverletzungen inzwischen noch schlechter laufen konnte und schon einen Stuntman brauchte, wenn er eine Treppe hochrennen musste. Garner ließ es sich nicht nehmen, diesbezüglich ein paar Gags in die Show reinschreiben zu lassen, in denen auf seine Behinderung angespielt wird.

5869921._UY200_[1]Romane:

Mike Jahn: Ein Killer für Rockford.Bastei 38014, 1976. Rockfords tödlicher Bluff.Bastei 38016, 1976.

In den USA erschienen weitere Rockford-Romane aus der Feder des bekannten Krimi-Autors Stuart Kaminsky.

 

 

Literatur:

David Martindale: The Rockford Phile, Las Vegas 1991.

Robertson, Ed. (2005). Thirty Years of „The Rockford Files“: An Inside Look at America’s Greatest Detective Series. Lincoln, NE: ASJA Press. 497 pages.

 

USA 1974-89;3×90 Min.u.112×45 Min.;1996:6×90 Min.;F.

 

Jim Rockford … James Garner

Joseph „Rocky“ Rockford (Pilot) … Robert Donley

Joseph „Rocky“ Rockford … Noah Berry, Jr.

Det.*Dennis Becker … Joe Santos

Beth Davenport (1974-78) … Gretchen Corbett

Evelyn „Angel“ Martin … Stuart Margolin

John Cooper (1978-79) … Bo Hopkins

Lt.*Alex Diehl (1974-76) … Tom Atkin

Lt.*Doug Chapman (1976-80) … James Luisi

Lance White (1979-80) … Tom Selleck

http://www.thesandbox.net/arm/rockford/

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BARBARA, DER LENZ IST WEG by Martin Compart

Barbara_Schoeneberger_auf_der_Cebit2[1]Die anbetungswürdige Barbara Schönberger, deren Pupillen immer eine halbe Stunde vor ihr im Studio sind, erfreut die 5% Wahlberechtigten, die  ihr weibliches Publikum bilden, nicht nur audiovisuell, sondern jetzt auch im guten alten Print-Medium. Schwer vorstellbar, dass sie eine alphabetische Fan-Basis hat. Ist Barbara doch die Ermutigung für inhaltslose Frauen, die zu hässlich für den Catwalk sind. Ein echtes WDR-Gewächs, das mehrfach Photoshop revolutionierte.

 

Man kann sich gut vorstellen, wie die Koryphäen der Produktentwicklung bei Gruner & Jahr den Stein der Waisen fanden: Machen wir was von hässlichen Idioten für hässliche Idioten.

Voila! BARBARA – Das Magazin! Von einer Frau, die nichts kann und damit immense Projektionsfläche bietet. In den bisherigen Ausgaben gab es sinnlose Gespräche mit unnützen Menschen (Deeeetlev Buck, Katja Riemann) über deren seltsame Sozialisation.

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NEWS: WESTERN-SPECIAL by Martin Compart
1. Juli 2016, 8:04 am
Filed under: Film, FLASHMAN, NEWS, Politik & Geschichte, TV, TV-Serien, Western | Schlagwörter: ,

Im FLASHMAN-BLOG steht jetzt der neue Beitrag von COWBOYS & INDIANER – Zur Entwicklungsgeschichte eines Genres: Die 1950er Jahre.gunsmoke-fc679[1]

 

 

 

 

 

https://compartsflashman.wordpress.com/?p=786&preview=true



MiCs Tagebuch… Zum Mayday – Sternzeit 01052016 by Martin Compart
5. Mai 2016, 10:09 am
Filed under: DEUTSCHER-TV-SCHROTT, Drehbuch, MiCs Tagebuch, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , , ,

Endlich mal wieder auf die 1. Sitze reihern

Impulskommentar zu Line of Duty: Schaue gerade Line of Duty Season 3 und da wird es wird immer besser… die ziehen ein Register nach dem anderen. Ich schmeiss mich in Deckung hinters Sofa und schalte zur Ernüchterung zum millionenfachen Sonntagsritual der Bevölkerung um. Sonntagabend im Ersten. Zum Glück ist heute dort, wo man gerne auf die 1. Sitze reihert, wieder das Bratwurst-Team vom Kölner Tatort (20. Jahr, wunderbar) in Sachen “Morden im Ostkongo” unterwegs. Ein weiteres Betroffenheitsermittlerdrama von dem haarigen Doppelpack, das schon in Sachen Blutdiamanten vor 10 Jahren für des Dummdeutschen Aufklärung gesorgt hat. Und natürlich geschieht das schreckliche kongolesische Morden in Deutz, Nippes und Weidenpesch oder war’s Marienburg? Denn wenn der kriegsverbrecherische Afrikaner sich nicht gerade einen Wolf schnackselt und alle mit AIDS verseucht, dann metzelt er, kaum im Asyl von deutscher Gastfreundschaft und AfD herzlich willkommen geheißen, in der Hauptstadt des organisierten Frohsinns alle möglichen Lands- und andere Leute danieder. Das Trauma macht’s möglich. Und diesmal sollen Maulaff und Schunkel sogar keine Sprüche verzählen und auch sonst nix weltrettend Erklärendes von sich geben. Potztausend. Na… letzte Woche noch Kierkegaard in Weimar, heute schon Kabila in Klettenberg. Da geht doch Einiges im deutschen Ermittlerwald. Wir müssen dankbar sein und demütig. Nur wem und warum? Kann ich bitte meine Gebühren in Currywurst statt Programm ausgezahlt bekommen?

"Da hinten ist der Kongo!" "Hinter Ehrenfeld?"

„Da hinten ist der Kongo!“
„Hinter Ehrenfeld?“



NUMMER 6 LEBT! Das PRISONER-Special by Martin Compart

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Über keine Fernsehserie wurde soviel geschrieben wie über NUMMER 6 (THE PRISONER)) – ausgenommen vielleicht STAR TREK. Wenn der inzwischen inflationäre Begriff „kult“ berechtigt anzuwenden ist, dann auf diese Serie, die nächstes Jahr ihr 50jähriges Jubiläum feiert und erstmals bewies, dass TV-Serien eigene Kunstformen entwickeln können. Und es gibt wohl keine andere Serie, die ein ähnlich intensives Fandom hat. Und das nicht nur in England, sondern weltweit!

Verblüfft habe ich erfahren, dass in Deutschland die NUMMER 6-Page die wahrscheinlich langlebigste Internet-Seite ist, die sich einer TV-Serie widmet. Auch wenn er das nicht gerne hört, sehe ich als das Mastermind (also die Nr.1) hinter dem deutschen Fandom Arno Baumgärtel. Grund genug, ihn mal zu belästigen und auszuhorchen. Arno hat mir freundlicher Weise auch die meisten der hier verwendeten Fotos zur Verfügung gestellt.

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Wer ist Arno Baumgärtel?

That would be telling.
Er ist 1956 im Mittelhessischen geboren, hat 1976 in Freiburg im Breisgau Abitur gemacht. Ging dann zum Studieren brotloser Künste wie Germanistik, Politik und Philosophie, und das auf Magister, nach Gießen, wo er sich immer noch aufhält, wenn er nicht in Frankfurt am Main in einem Im- und Exportbetrieb als Multitalent arbeitet. Film, Filmgeschichte und Kino sind das bevorzugte Interessensgebiet. Er war eine Zeitlang Filmvorführer (35 mm!) und freier Mitarbeiter beim nicht mehr existierenden örtlichen Kommunalen Kino. Die Passion für NUMMER 6 bzw. THE PRISONER pflegt er seit dem Fernsehdebüt.

Wie bist Du auf PRISONER gestoßen und wie hat sich die Infektion ausgewirkt?

Im Sommer 1969 wurde eine neue Serie mit Patrick McGoohan angekündigt: NUMMER 6.
51n+z1H0kHL._AC_UL320_SR230,320_[1]Allein der Titel war mysteriös genug, um Aufmerksamkeit zu erwecken. Denn schon 1962 war Patrick McGoohan mit seiner Serie GEHEIMAUFTRAG FÜR JOHN DRAKE einer der Helden des Vorabendprogramms (und der Kindertage des Fernsehens überhaupt) gewesen.

NUMMER 6 lief samstags zu mitternächtlicher Stunde im ZDF, nach dem „Aktuellen Sportstudio“, das seine Sendezeit meistens überzog. Die Sendetermine waren rätselhaft, kein
erkennbarer Rhythmus. Und mit 13 Jahren war es doch dem Zufall überlassen, dass man den Termin der nächsten Episode mitbekam oder dass man überhaupt so lange aufbleiben durfte.
Sicher ist, gesehen habe ich etwas davon, aber nicht alle Episoden. 1972 wiederholte das ZDF sieben Episoden als Kontrastprogramm zur Berichterstattung über die olympischen Sommerspiele in München; eine lobenswerte Sache. Ich weiß noch, dass mich die Ankündigung elektrisiert hat. Wieder habe ich einige Folgen gesehen, wahrscheinlich nun auch doppelt, nie aber das Ende. In der Erinnerung vermischen sich die beiden Ausstrahlungen. Und natürlich war NUMMER 6 schwarz-weiß wie alles im Fernsehen dieser Zeit. Danach tat sich viele Jahre lang nichts hinsichtlich NUMMER 6. Aber Bilder daraus waren immer präsent.

NUMMER 6: Deutsche Fernsehpremiere http://www.match-cut.de/tho/tallyho40.htm
TV Magic: http://www.match-cut.de/spec/tvm.htm
Patrick McGoohan: http://www.match-cut.de/spdln/spdln29.htm

Wer ist denn nun Nummer 1? Die Nr.6-These ist mir nicht ganz geheuer.

Nr. 6 ist Nr. 1. Metaphorisch gesehen. Wie sonst? Ein weites Feld! Ich mache es mir mal einfach und verweise auf die Episodenwürdigung von „Demaskierung“ auf meiner Website:

„Demaskierung“: http://www.match-cut.de/eps/fall.htm

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Was sagst Du zu dem „Remake“?

Ein interessanter Schlag in Wasser. Die vorab verbreiteten visuellen Eindrücke vom Village, die Dreieckshäuser in einer strengen geometrischen Anordnung, haben die Fantasie beflügelt, was das wohl werden könnte. Und da war der neunminütige Trailer, der Lust auf mehr gemacht hat. Tatsächlich ist das Ergebnis unterm Strich eine Enttäuschung. Ein völlig vergeigter Plot, der sich darin gefällt, Jump-cuts zum Erzählprinzip zu machen, vielleicht um surrealistisch zu sein, der dabei ganze Erzählstränge fallen lässt und keine konsistente Erzählung abliefert. Und wir sprechen nicht über „Sinn machen“. Denn der Original-PRISONER tut das zunächst auch nicht unbedingt, ist voller Leerstellen. McGoohan operiertmit Allegorie und Symbolismus, die die logischen Löcher im Plot sozusagen ausbügeln. Im sogenannten Remake werden daraus buchstäblich die bodenlose Löcher im Ort, weil Autor Gallagher nicht weiß, wie man Handlungsbögen spannt. Und die Umwertung am Ende ist natürlich überhaupt nicht vom Geist McGoohans beseelt (Individualismus über Gesellschaft), indem Nr. 6 zum Nachfolger des Despoten Nr. 2 wird und dessen Werk vollenden soll, wenn auch vielleicht in einem mehr humanen Sinn. Manche nennen das „zeitgemäße“ Interpretation. Jim Caviezel als Nr. 6 ist ein völliger Ausfall, er hat von der Rolle, auch mit Blick auf McGoohan, keinen Plan, während Ian McKellen die Szenerie schauspielerisch beherrscht. Aber selbst seine One-liner retten das erzählerische Defizit nicht.

Auf der Habenseite steht für mich das Produktionsdesign, die Fotografie, die Stimmung aus Wüste, Wind und Sand in manchen Szenen. Der beste Schachzug dieser Produktion war jedoch, das
Village in Namibia – und nicht in Wales – zu suchen. So vermeidet man immerhin ein Stück weit den ohnehin schon mühlsteinschweren Vergleich mit dem Original von 1967. Unter PRISONER-Fans gibt es kaum jemand, der das „Remake“ mag. Ich kenne genau zwei. Aber, ich betone, es gibt Qualitäten, die nicht in der vergurkten Story liegen. Man hat sich ohne Notauf einen Vergleich mit McGoohans Original eingelassen, und das musste in die Hose gehen.

Auf meiner Website habe ich mich lang und breit darüber ausgelassen.
THE PRISONER 2009: http://www.match-cut.de/tho/tallyho47.htm
dbm000069d_2[1]
PRISONER ist m.E. das einzige perfekte Beispiel für das Medium Fernsehserie als Kunstform, da es in keinem anderen Medium, außer vielleicht Comic Book, so erzählt
werden kann. Ohne das serielle Prinzip würde die Geschichte nie so effektiv. Schließt das nicht einen so lange schon geplanten und immer wieder verworfenen Film aus?

Schwer zu sagen, ob McGoohan in Begriffen wie Serialität dachte, wahrscheinlich nicht.
Andererseits, ihm schwebte eine Miniserie von sieben Teilen vor, also ein Format, das damals noch nicht erfunden war. Er glaubte nicht, dass die Sache genug Substanz für mehr hätte. Das heißt, er hatte schon ein Bewusstsein fürs Format, innerhalb dessen er seine Geschichte glaubte erzählen zu können. Ob er eher stattdessen einen Kinofilm gemacht hätte, wäre er selber nicht vom Fernsehen (mit seiner langjährigen Erfolgsserie DANGER MAN) gekommen…? Lew Grade, Chef von ITC und sein Finanzier, wollte die Serie in die USA verkaufen und brauchte schon deshalb mehr Episoden. Also wurde nach der ersten Produktionsphase zunächst weitergeplant, bis das Geld ausging und man dann sehr schnell zu einem Abschluss kommen musste. Daher die seltsame Anzahl von 17 Episoden. McGoohan ging – auch deshalb – nach Hollywood, um durch seine Rolle in EISSTATION ZEBRA die Fertigstellung von NUMMER 6 zu sichern. Die Produktionsgeschichte ist, sagen wir, ziemlich ungerichtet und chaotisch verlaufen. Viel Geld wurde ganz am Anfang verbraten, das späteren Episoden fehlte. Man sieht es. Das betrifft etwa das Verhältnis der grandiosen Außenaufnahmen vom Originalschauplatz in Portmeirion und solchen, die nur im Studio entstanden sind. Oder die bis heute ohne echtes Ergebnis diskutierte „wirkliche“Episodenreihenfolge. Die Episoden wurden gesendet, sobald sie fertig waren. Eine der spannendsten Fragen ist, inwieweit das Gesamtkunstwerk NUMMER 6 planvoll zu dem gemacht wurde, was man heute sieht.

McGoohan hatte die künstlerischen und ästhetischen Freiheiten, wovon die meisten nicht mal träumen können, aber natürlich war es wie bei jeder Film- und Fernsehproduktion auch Teamwork. In den USA hatte er diese Freiheiten nie wieder. Wenn er es heute noch einmal tun könnte, dürften wir uns auf etwas einstellen, ganz sicher. Vielleicht auch im Kino, sicher bin ich nicht.
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Wie viele andere Freunde des Originals habe ich aber ein Unbehagen gegenüber“ Neuschöpfungen“ oder Remakes. Warum etwas nochmal machen, was schon existiert? Im schlimmsten Fall wird die Neuauflage immerzu am Original gemessen und als untauglich verworfen, wenn und weil sie nicht wirklich auf eigenen Beinen stehen kann. Die beste „prisonereske“ Neuschöpfung in diesem Sinn, im Geist von NUMMER 6, ist Vincenzo Natalis Film CUBE. Kein Nachäffen, sondern fortentwickeln. Ich warte auf kein Remake.

CUBE: http://www.match-cut.de/spdln/spdln49.htm#a6

Martin Gresch, Heike Gresch, Michael Brüne, Marc Christiansen, Dieter Burandt, Michael Kimpel, Andreas Marx, Jana Müller, Arno Baumgärtel, Huberta Burandt, Barbara Schlosser (Österreich); fehlt: Jürgen Staeder

Martin Gresch, Heike Gresch, Michael Brüne, Marc Christiansen, Dieter Burandt, Michael Kimpel, Andreas Marx, Jana Müller, Arno Baumgärtel, Huberta Burandt, Barbara Schlosser (Österreich); fehlt: Jürgen Staeder

Erzähle mal etwas über die deutsche NUMMER 6-Gemeinde. Wann und wie hat sie sichorganisiert?

In den 90er Jahren gab es zwei Deutsche, zu denen wir auch heute Kontakt haben, die nach Portmeirion zu Conventions gefahren sind und auch eigene Events auf die Beine gestellt haben; der eine in Hamburg, der andere in Nürnberg. Der hat unter anderem einen ganz witzigen Filmessay in Portmeirion gemacht und als Video vertrieben. Wir sind zzt. 14 Personen und regional in Hessen und Nordrhein-Westfalen verankert. Inzwischen kennen sich fast alle auch persönlich. Nicht jeder ist in dem Sinn aktiv. Die einen haben Spaß an den Fahrten zum Drehschauplatz und den sogenannten Reenactments, andere – wie ich – beschäftigt seit jeher der intellektuelle Gehalt der Serie. Will sagen, kostümieren muss ich mich nicht. Aber alle sind auf diese oder jene Art von der Figur und/oder dem Darsteller McGoohan fasziniert und selbstverständlich auch vom „Village“ Portmeirion.

links nach rechts: Barbara Schlosser (Österreich), Huberta Burandt, Andreas Marx, Jürgen Staeder, Jana Müller, Michael Brüne, Dieter Burandt, Marc Christiansen, Arno Baumgärtel, Martin Gresch, Heike Gresch; fehlt: Michael Kimpel

links nach rechts:
Barbara Schlosser (Österreich), Huberta Burandt, Andreas Marx, Jürgen Staeder, Jana Müller, Michael Brüne, Dieter Burandt, Marc Christiansen, Arno Baumgärtel, Martin Gresch, Heike Gresch; fehlt: Michael Kimpel

Was wir heute als „Nr6DE“ bezeichnen, hat etwa 2004 angefangen, als ich Michael Brüne kennen gelernt habe. Er war nicht publizistisch aktiv, ist aber auch ein Fan der ersten Stunde, von der Serie gefangen genommen. Manche Menschen haben das Fernsehbild abfotografiert.

1969 hat er alle Episoden auf Tonband mitgeschnitten und die Dialoge transkribiert. Andere Möglichkeiten, etwas von der Serie zu behalten, hatte man damals ja nicht. Michael reiste alleine zu den PRISONER-Conventions nach Portmeirion und kannte schon den einen oder anderen der Organisatoren persönlich. Während sich bei mir manche Dinge einfach nur ansammeln, ist er ein ein richtiger Sammler. Er hat zeitgenössische Artikel und Zeitungsausschnitte über die Erstausstrahlungen von NUMMER 6 und viele Memorabilia in seinem Bestand. Die Bekanntschaft mit Michael hat meiner Website einen richtigen Boost verschafft. Andere Afficionados kamen dazu. Aber das alles ist nur ein lockerer Verbund von Interessierten, keine wirkliche Gruppe oder gar ein Verein.

Michael Brüne, Marc Christiansen, Jürgen Staeder, Jana Müller, Michael Kimpel, Christine Burgard (Frankreich), Huberta Burandt, Dieter Burandt, Arno Baumgärtel, Barbara Schlosser (Österreich) Christine war an dem Theaterstück mitbeteiligt. Es fehlen: Martin u. Heike Gresch, Andreas Marx.

Michael Brüne, Marc Christiansen, Jürgen Staeder, Jana Müller, Michael Kimpel, Christine Burgard (Frankreich), Huberta Burandt, Dieter Burandt, Arno Baumgärtel, Barbara Schlosser
(Österreich)
Christine war an dem Theaterstück mitbeteiligt. Es fehlen: Martin u. Heike Gresch, Andreas Marx.

2006 brachte Koch-Media die Serie erstmals als DVD heraus.dbm000069d[1] Als Fan hat man nicht ernsthaft damit gerechnet, das noch zu erleben. Ich nicht. Wir haben mit Koch-Media Kontaktaufgenommen. Und schnell war da die Idee, eine Veranstaltung zu machen, um zu testen, wie die Resonanz auf die Serie in Deutschland denn heute ist.

Ein aktiver Laientheaterschauspieler aus Wiesbaden meldete sich bei mir. Deshalb kam es dort 2007 zum ersten Treffen als „Nr6DE. Er kannte viele Leute, besorgte den Saal und das Drumherum, die Verpflegung. Er kannte auch jemand beim Wiesbadener Kurier. Die Zeitung hat unsere Veranstaltung auf der Titelseite angekündigt, sensationell! Etwas über 30 Interessierte kamen.
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2008 gab es wieder in Wiesbaden eine Neuauflage. Diesmal hatte er ein kleines Theaterstückauf der Basis von Dialogen und Handlungsbestandteilen aus der Serie geschrieben und inszenierte es mit seiner Theatergruppe. Keiner von denen hatte vorher etwas mit NUMMER 6 zu tun. Ein großer Erfolg. Zu dem Treffen kamen wieder um die 30 Leute. Wir hatten auch
Besitzer von Lotus- bzw. Caterham Super7, wie man einen im Serienvorspann sieht, eingeladen. Drei sind mit Fahrzeug erschienen.
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2009, am 40. Jahrestag der Erstausstrahlung im ZDF, gab es ein weiteres Treffen, diesmal in einem Bürgerhaus in Gießen. Ich hatte eine kleine Ausstellung auf Displaykartons aufgebaut. Das letzte Treffen dieser Art war 2010,erneut in Gießen. Die Beteiligung war sehr dürftig, der Aufwand trotzdem hoch. Und beinahe wäre aus Zeit- und Personalknappheit alles ausgefallen. Für uns war das der Anlass zu sagen, wir machen keine solchen Veranstaltungen mehr. Lieber treffen wir uns zweimal im Jahr informell und gehen zusammen essen. Wer dazukommen will, kann das gern tun. So halten wir es seither. In der Regel treffen wir uns im Spätwinter vor der alljährlichen PRISONER-Convention und danach im Spätsommer noch einmal zu einer Nachlese, schauen Bilder und Videos an und tauschen uns aus.
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Leute, die wir getroffen haben, erzählen oft sehr Ähnliches über ihre PRISONER-Sozialisation, den unregelmäßigen Sendetermin und damit verbunden das Geheimnisvolle daran. Der weiße Ballon und der Lotus Super 7 sind Gedächtnisstützen par excellence. Diese Menschen waren wie wir um die 12, 13, 15, vielleicht 17 Jahre alt, als NUMMER 6 erstmals im ZDF lief. Letztlich ist das auch ein Stück Sozialgeschichte des deutschen Fernsehens.

Jüngere Semester kommen dagegen über andere Medien, Musik oder Comics, zu NUMMER 6. Ihre Geschichten sind anders.

Nr6DE – PRISONER-Convention.

1991 war ich das erste Mal auf einer PRISONER-Convention. Man sieht schon am Jahr, das war nach einer der Pro7-Wiederholungen und nachdem wir mehr über die Serie und das Village, Portmeirion, herausgefunden hatten. Reine Neugier, kein Fandom.

Die Conventions fanden damals noch im Spätsommer statt. Portmeirion ist eine Hotelanlage. Nach der Jahrtausendwende wollte das Management die Conventions nicht mehr in der Hochsaison haben, wenn dort viele Hochzeiten veranstaltet werden, die Geld bringen; all die seltsamen Gestalten. Heute liegen die Conventions vor oder kurz nach Ostern, was wettertechnisch Vor-und Nachteile haben kann. Ganz unvermeidlich kam der Gedanke auf, dass man doch als Gruppe zur Convention fahren könnte. Bis dahin waren praktisch immer nur Einzelpersonen gefahren. Die Fahrt 2010 musste wegen dem Vulkanausbruch auf Island ausfallen. 2011 waren wir dann zu fünft. Für mich nach 20 Jahren die zweite Convention, schon besonders, alles wiederzusehen, zu vergleichen, damals im Sommer, jetzt im Frühjahr, aber bei ähnlichen Temperaturen. Alles war sehr vertraut.
PortmeiriCon-2013-2-Electio-campaign
Es war auch meine erste Übernachtung im Village, die Atmosphäre ist ebenfalls sehr speziell. Inzwischen kannte ich etliche der Organisatoren per E-Mail und abends beim Bier schließlich auch persönlich. In den Jahren danach sind immer wieder welche von uns in wechselnder Besetzung zur Convention gefahren. 12 Leute aus Deutschland, eine Frau aus Österreich war bisher Rekord. 2013 haben wir ein kleines von unserem Theatermenschen selbst geschriebenes Stück ein geprobt und vor gut 150 oder mehr Personen auf Englisch aufgeführt. Ein großer Erfolg bei den Einheimischen. Schauspielerin Bettine Le Beau, die eine Nebenrolle in der Serie hatte, war der Ehrengast und meinte hinterher im Gespräch, den deutschen Akzent hätten wir ja sehr gut hinbekommen… Sie wurde dann aufgeklärt. Die Briten sprechen mit Hochachtung über unsere Begeisterung. Nicht zu vergessen, so eine Fahrt nach Wales dauert mit öffentlichen Verkehrsmitteln fast den ganzen Tag und ist letzten Endes auch eine soziale Angelegenheit.

PRISONER-Convention 1991: http://www.match-cut.de/spec/vsb7.htm
PRISONER-Convention: http://www.match-cut.de/tho/tallyho26.htm

PortmeiriCon-2011-2_Beginn-der-Schachpartie-mit-Rover

Nr6DE – ARTE-Synchronisation.
Koch-Media hatte die vier vom ZDF 1969 weggelassenen Folgen für die DVD 2006 nur untertitelt. Um 2008 erzählte einer aus unserem Kreis, im Hauptberuf Redakteur beim WDR, dass er einen Kontakt zu ARTE hätte und dass sie sich über NUMMER 6 unterhalten hätten.

Nach und nach kam heraus, dass ARTE vorhatte, die vier Episoden „Free For All“, „The Schizoid Man“, „A Change Of Mind“ und „Living In Harmony“ neu bzw. erstmalig zu synchronisieren und zu senden! (Wir lassen hier mal die Frage beiseite, ob nur Originaltöne das Wahre sein können.) 2010 wurde NUMMER 6 nach 18 Jahren das erste Mal im Rahmen des ARTE-Schwerpunkts „Summer of the 60s“ im frei empfang baren Fernsehen wiederholt. Und nicht nur das. Alle Episoden nun mit deutschen Dialogen. Das Bildmaterial, neu abgetastet, deutlich heller, die Farben besser als je zuvor, basiert auf der britischen Network-Veröffentlichung. Mit Fug und Recht kann man behaupten, dass NUMMER 6 erst jetzt seine deutsche Fernsehpremiere erlebt hat.

Im Verlauf der Diskussionen mit ARTE wurde ich als Gewährsmann vorgeschlagen, der dafür sorgen sollte, dass die Neusynchro, soweit es ging, an den Geist der 69er von Joachim Brinkmann (1928 – 2015) anknüpfte. So etwas lässt man sich nicht entgehen. Ganz wichtig war zum Beispiel der gesprochene Prolog. Da heißt es: „Wo bin ich?“ Und die
(Brinkmannsche) Antwort: „Sie sind da.“ Der musste selbstverständlich erhalten bleiben. Denn unvergessen war nämlich, was Koch-Medias Untertitelautor 2006 daraus gemacht hatte:
„Wo bin ich?“ „Im Dorf.“

Bernd Rumpf

Bernd Rumpf

Die von Dialogregisseur Frank Wesel vorbereiteten deutschen Skripte kamen bei mir an. Es gab einige Telefonate über Details, auch mit der zuständigen Person bei ARTE. Ich habe Wesel meine Vorschläge, Bemerkungen und Änderungen geschickt. Wir hatten einen guten Austausch unter anderem über die schwierige Eindeutschung mancher Begriffe aus „A Change Of Mind – Sinneswandel“, hier ganz besonders „unmutual“. Wesel hat manches, nicht alles, beherzigt. Aber unter dem Strich ist eine hervorragende Synchronfassung entstanden.

Patrick McGoohans deutsche Stimme war 1969 in 13 Episoden die von Horst Naumann gewesen. Als das Vorhaben ARTE-Neusynchro die Runde machte, kam von Tobias Becker, einem Experten in Sachen Stimmenidentifizierung (er betreibt das sog. „Synchronforum“, einen Blog), der Vorschlag, Bernd Rumpf zu nehmen. ARTE hat es getan. Rumpf konnte und wollte und wurde mit Erfolg zur neuen deutschen Stimme von Patrick McGoohan. Horst Naumann war zu Testaufnahmen eingeladen worden. Aber letztendlich entschied ARTE sich gegen ihn, weil seine Stimme (wie man nach Ansicht des Interviews von 2015 bestätigen kann) wirklich deutlich gealtert ist, seine Persönlichkeit dagegen nicht.

Nr6DE: http://www.match-cut.de/nr6de/nr6de.htm
Portmeirion: http://www.match-cut.de/spec/portm.htm
Sir Clough Williams-Ellis: http://www.match-cut.de/spdln/spdln13.htm

ARTE bringt NUMMER 6 zurück ins Fernsehen: http://www.match-cut.de/tho/tallyho49.htm
Joachim Brinkmann, Injektionen: http://www.match-cut.de/spdln/spdln139.htm

Wie kam es zu Deiner Prisoner-Page, die ja zu den langlebigsten TV-Pages in Deutschland gehört?

Ja, unglaublich, wie viel Zeit vergangen ist. Angefangen hat es 1989 mit der Wiederholung von NUMMER 6 auf Pro7. Für mich Gelegenheit, die Serie das erste Mal seit 1972 wiederzusehen. Ich wusste nicht, dass NUMMER 6 schon um 1984 auf Sat1 bzw. dessen Vorläufersender gelaufen war, quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit nur für Menschen
mit Kabelanschluss. Aber damals ist NUMMER 6 auch aus anderen Gründen an mir vorbeigegangen. Mein Plan war, einen Artikel zu schreiben und zu versuchen, ihn an ein Magazin oder eine Zeitung zu verkaufen. Die Serie war in meiner Erinnerung immer etwas Besonderes gewesen und hätte eine bessere publizistische Würdigung verdient gehabt.
McGoohan[1]

Jedenfalls hatte man jetzt die Möglichkeit, die Serie aufzuzeichnen. Die vier nur englischen Episoden waren auch bald beschafft, in dritter oder vierter Kopie einer Kopie. Verwaschene Bilder und Farbausfälle gehörten dazu. Irgendwann fand sich auch Sekundärliteratur. In Gary Geranis und Paul Schulmans „Fantastic Television“ habe ich das erste Mal den Namen Portmeirion, der Drehschauplatz in Wales, gelesen. Ein Ah-Erlebnis erster Güte. Ich habe mir die Episoden mehrfach angesehen, mir Notizen gemacht, alles, was mir daran auffiel. Und das anfangs ohne Hilfsmittel, bis irgendwann auch Literatur da war. So entstand ein Artikel von vielleicht 12 A4-Seiten, dazu kurze Episodenbeschreibungen. Verkauft habe ihn nicht, sicher fehlten mir auch Kontakte. Und es gab ständig neue Erkenntnisse, die dazu geführt haben, dass ich den Text immer wieder umgeschrieben und ergänzt habe. Irgendwann war die ursprüngliche Absicht, ihn zu veröffentlichen, in den Hintergrund geraten. „Wir sehen uns! oder: Lannée dernière au Village“, der Artikel, wurde zu einer intellektuellen Beschäftigung für mich selbst, wie eine Modelleisenbahn, die nur die wenigsten Leute öffentlich zur Schau stellen.

Mitte der 90er Jahre hatte ich null Ahnung von PCs, aber doch Zugang zu einem, wo ich die ersten auf einer mechanischen Schreibmaschine getippten Seiten erfassen und bearbeiten konnte. 1998 war ich bei einer vom Arbeitsamt bezahlten Weiterbildung im Bereich Multimedia. Die so gewonnenen Computerkenntnisse in HTML und Bildbearbeitung waren wiederum der Anstoß für die erste Version meiner Website. Das war 1999. Der äußerst spartanisch aufgemachte Artikel wurde auf dem Webspace meines Mitbewohners gehostet. Auffindbar im noch neuen Internet war er faktisch nicht. Auch Google gab es noch nicht oder war noch unbekannt. 2001 habe ich meine Domäne „match-cut.de“ registriert. Eigentlich mit der Absicht, außer über NUMMER 6 auch über andere Filme zu schreiben oder Artikel von Bekannten zu veröffentlichen. Deshalb hat der Name mit NUMMER 6 nichts zu tun. Seit ein paar Jahren existiert nun auch der sprechende Name „nummer6-theprisoner.de“. Einfach, um die Internetpräsenz zu betonen und weil ich mir eine TLD sichern wollte, bevor es keine passende mehr gab. Es existiert außerdem der Domänname „nummersechs.de“, von einem
PRISONER-Begeisterten registriert, von dem wir leider schon Jahre nichts mehr gehört haben.

PortmeiriCon-2011-5_Election-campaign

„nummer6-theprisoner.de“ richtet sich in erster Linie an Deutsche, weite Teile sind aber parallel auf Englisch, alles von mir selbst verfasst. Lange Zeit ist nicht sehr viel auf der Website passiert. Hin und wieder eine Texterweiterung, Websitepflege. Der letzte wirklich große Umbau war 2005. Das Frameset entfiel, und die Website wurde für den Grimme-Preis angemeldet. Ich war nicht unter den Gewinnern… Ab 2003, 2004 stand ich mit Larry Hall, einem der Mitbegründer von „Six Of One“ in Großbritannien in Kontakt. Der hatte seine eigene sehr umfangreiche und vor allem thematische Website, die heute nicht mehr online ist. Er wiederum hatte mit Michael Brüne (weiter oben im Text) zu tun, den ich daraufhin angeschrieben habe. Eins kommt zum anderen.
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Seit dieser Zeit ist „nummer6-theprisoner.de“ ständig gewachsen. Rund um den alten Basistext sind nach und nach die verschiedensten Artikel erschienen, über dieEntstehungsgeschichte der Serie, das frühere MGM Studiogelände, wo Teile von NUMMER 6 gefilmt wurden. Über den Ort Portmeirion und Clough Williams-Ellis, den Erbauer; die Häuser, über Wales selbst, über Kleinigkeiten am Rande. Auch Theorie und Episodenwürdigungen (ich sage bewusst nicht: Analysen) kommen nicht zu kurz. Nicht alles ist von mir selbst geschrieben.

Quellen sind unter anderem Beiträge aus älteren „Six Of One“-
Mitgliedermagazinen, meistens in meiner Übersetzung, hier und da auch zweisprachig, die sonst nie den Weg aus der Szene an die Öffentlichkeit gefunden hätten. Der wesentlicheUnterschied meiner Webpräsenz zu der etwa von „Six Of One“ ist der historisch-kritische Ansatz, um die leicht angestaubte Vokabel zu bemühen. Überspitzt gesagt, erfährt man dort eigentlich nur, wie prima die Serie ist und was an Fanaktivitäten passiert (ist). Entweder ich schreibe selbst, oder ich stelle zusammen, was meiner Meinung nach zum Diskurs NUMMER 6 gehört. Denn das ist es: ein Diskurs, der sich durch unterschiedliche Medien zieht. „nummer6-theprisoner.de“ ist das Umfangreichste über NUMMER 6 in deutscher Sprache im Internet. Kann man, glaube ich, behaupten.

NUMMER 6 als Diskurs: http://www.match-cut.de/spdln/spdln105.htm
„RESOLUTION“: http://www.match-cut.de/spdln/spdln108.htm
Der akademische PRISONER: http://www.match-cut.de/tho/tallyho21.htm
Wir sehen uns! Oder: L’année dernière au Village
http://www.nummer6-theprisoner.de
Six Of One – The PRISONER Appreciation Society
http://www.sixofone.co/
Arno Baumgärtel, April 2016 – WIR SEHEN UNS!

Appendix I:
Meine Fernsehserienzeit endet um 1973 oder kurz danach. Das Meiste ist Erinnerung, und zwar nicht an Handlungen und ausgefuchste Episoden, sondern an die Vor- und Abspänne, die Titelmusiken und die Figuren. FAMILIE FEUERSTEIN, BEZAUBERNDE JEANNIE, JOHN DRAKE, JOHN KLINGS ABENTEUER, RAUMPATROUILLE, KOBRA – ÜBERNEHMEN SIE! – und eben NUMMER 6. In den 1980er Jahren war die LINDENSTRASSE die einzige Serie, die ich regelmäßig verfolgt habe, bis es irgendwann auch mit Videoaufzeichnungen nicht mehr ging. In der Neuzeit gibt es nur drei Serien, die ich verfolgt habe bzw. verfolge: PROFILER, 24 und HOMELAND. Für mehr reicht die
Lebenszeit einfach nicht.

Appendix II:
„Wir sehen uns! Oder L’année dernière au Village“ ist von Beginn an der eigentliche Titel meiner Website. Ob und was der eventuell mit einem gewissen Kinofilm von 1961 zu tun hat:
http://www.match-cut.de/spdln/spdln40.htm

Appendix III:
Außer Harald Keller, Autor der drei Bände „Kultserien und ihre Stars“, mit einem Kapitelüber NUMMER 6, schätze ich den US-Amerikaner Alan Shapiro als bekennenden PRISONER-Fan, Gelehrten und Freund.

Harald Keller: https://untergeschoss.wordpress.com/
Alan Shapiro: http://www.alan-shapiro.com/?s=prisoner&x=0&y=0E

WIR SEHEN UNS!

https://www.youtube.com/watch?v=8kHE4B5o8XM

 



ZWERG GINSENG UND DIE ROTE-BEETE-VERSCHWÖRUNG by Martin Compart
4. April 2016, 8:58 am
Filed under: DEUTSCHER-TV-SCHROTT, Dr. Horror, Film, Nazi, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , , , ,

rolf-21[1]von Dr.Horror

Es gibt mehrere Arten von Trickfilmen. Die teuren, die jetzt in den Kinos laufen, kommen aus den USA: Disneys Zoomania und DreamWorks‘ Kung Fu Panda 3 sind auch in China die erfolgreichsten Animationsfilme überhaupt. Ein dritter, eine 3D-Mischfilm-Version von Disneys Dschungelbuch, kann zwar dramaturgisch nicht mit dem 2D-Original mithalten, aber technisch hat es Besseres auf der Leinwand noch nicht gegeben.

Künstlerisch gibt es unter den japanischen Animes einige herausragende Spitzenprodukte.

Der europäische Animationsspielfilm präsentierte sich Anfang März 2016 ein weiteres Mal auf dem seit acht Jahren in Lyon stattfindenden Produzenten-Branchentreff Cartoon Movie: prätentiös, immer noch genug, aber deutlich weniger Family Entertainment, viel erwachsener als früher. Die Veranstalter berufen sich auf die europäische Vielfalt, d. h. anders als bei Disney, DreamWorks oder in Japan gibt es keine wirklich europäische Handschrift, dafür ein Buntes Allerlei, stilistisch gelegentlich interessant, in der Animation trotz digitaler Tools teilweise hinter dem Standard von Winsor McCay – und der entwarf seine kurzen Trickfilme vor einhundert Jahren.

Ja, und dann gibt es noch deutsche Animation.

Spätestens nach dem überraschenden Kinoerfolg des „Kleinen Eisbären“ war der deutsche Animationsspielfilm auf ein Zielpublikum von Minderjährigen abonniert. Findet eine Pressevorführung eines deutschen Animationsfilms statt, schicken die Blätter in der Regel die zweite oder dritte Garnitur von Filmkritikern, denen nichts Besseres einfällt, als noch den blühendsten Blödsinn als „kindgerecht“ zu apostrophieren.

Den künstlerischen Tiefpunkt erreichte die deutsche Filmanimation in der in TV und auf der Kinoleinwand ausgewerteten „Mondbär“-Serie, die offenbar in deutschem Auftrag und mit deutschen Geldern in China oder sonst wo hergestellt wurde und die Tierfiguren zu digital aufgeblasenen Luftballons macht.

Stationen auf Deutschlands Weg nach unten wenigstens in der Trickfilm-Branche waren „Der kleine Rabe Socke“, „Ritter Rost“, „Keinohrhase und Zweiohrküken“ und „Kleiner Drache Kokosnuss“. Die Legitimität und Förderungswürdigkeit des Genres zu erhalten, waren offensichtlich keine frischen Ideen und kein neuer Stil gefragt.

Originalphase aus einem deutschen Animationsfilm, nicht die Biene Maja, aber auch eine Wald&Wiesen-Stimmung à la Klatschmohnwiese: "Verwitterte Melodie" (1943) Bilder aus der Sammlung J. P. Storm

Originalphase aus einem deutschen Animationsfilm, nicht die Biene Maja, aber auch eine Wald&Wiesen-Stimmung à la Klatschmohnwiese: „Verwitterte Melodie“ (1943)
Bilder aus der Sammlung J. P. Storm

Sehen „Wickie und die starken Männer“, geschaffen für 2D, nicht scheußlich aus in durchschnittlicher 3D-Animation? Neben „Wickie“ rangiert auch die „Biene Maja“ ganz oben in der Gunst deutscher TV-Redakteure. 1912 erschien Waldemar Bonsels‘ „Die Biene Maja und ihre Abenteuer. Ein Roman für Kinder“ zum ersten Mal. Bonsels hatte das Kunstmärchen, eine Initiationsgeschichte unter Insekten, ursprünglich für seine Söhne geschrieben. Er und sein Verleger rechneten mit keinem großen Erfolg, aber dann lieferte der Feldbuchhandel überzählige Exemplare an die Soldaten im Weltkrieg aus, und bald war die „Biene Maja“ an der Front ebenso wie bei den Lieben daheim so bekannt wie Hindenburg, Ludendorff oder Kaiser Wilhelm. Geschildert wurde schließlich, zeitnah, der Kampf des edlen Bienenvolkes gegen schurkische Hornissen. Die kleine Biene, seitdem auf Bestseller-Kurs, wurde eine echte Kriegsgewinnlerin.

Nach einem stummen Maja-Kulturfilm aus dem Jahr 1926 schien es, dass allein der Trickfilm dem märchenhaften Rahmen und der angestrebten Vermenschlichung der Figuren gerecht werden könnte. 1941 erwarben die frisch gegründete Deutsche Zeichenfilm GmbH und die Ufa eine Option und planten die Realisierung eines animierten „Biene Maja“-Kinofilms in Farbe, in dem der Kampf Bienen gegen Hornissen eine dem aktuellen Kriegsgeschehen geschuldete größere Rolle spielte als vordem. Doch der Mann, den der erklärte Trickfilm-Fan Goebbels mit der Leitung der Zeichenfilm GmbH betraut hatte, Oberregierungsrat Karl Neumann, der von einer leitenden Stelle in einer Wurstfabrik ins Propagandaministerium gewechselt war, war nicht in der Lage, die Produktion durchzuziehen. Millionen Reichsmark wurden versenkt, ohne dass viel dabei herauskam, allenfalls ein farbiger Kurzfilm „Armer Hansi“ und ein Überläufer, der dann bei der Defa erschien: „Purzelbaum ins Leben“. Das Ziel, Disney auf seinem eigenen Terrain Paroli zu bieten, blieb unerreicht.

Im Vorwort zu seinem Roman „Dositos“, den er 1942 als Privatdruck in einer Auflage von 100 Exemplaren an Freunde und NS-Granden verteilte, würdigte Bonsels übrigens den „gewaltigen und gewaltsamen Anstoß“, der durch Adolf Hitler in die Welt getragen worden sei und der nicht nur das Judentum erschüttert habe, „sondern naturgemäß zugleich alles, was in der christlichen Kirche am Judentum krankt“.

 Antisemitische Zeichnung eines bekannten, aber ungenannten deutschen Animationsfilmers, ca. 1942: Deutsche Zeichenfilm GmbH, Berlin Cover des Buches "Animation Under the Swastika: A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933-1945"

Antisemitische Zeichnung eines bekannten, aber ungenannten deutschen Animationsfilmers, ca. 1942: Deutsche Zeichenfilm GmbH, Berlin
Cover des Buches „Animation Under the Swastika: A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933-1945“

So ein Mann gehört in der Bundesrepublik natürlich neu verfilmt. Obwohl Motive aus dem Buch entnommen wurden, haben die Produzenten der neuen „Biene Maja“ als Referenzobjekt die bekannte, harmlose und scheinbar über jeden Verdacht erhabene Zeichenfilmserie gewählt, die der damalige Leiter des Kinder- und Jugendprogramms des ZDF, Josef Göhlen, sein zeitweiliger Arbeitgeber Leo Kirch und Apollo-Film Wien Mitte der 1970er-Jahre in zwei Staffeln à 52 Folgen bei Zuiyo Enterprises (heute Nippon Animation) in Auftrag gegeben hatten: „In einem unbekannten Land vor gar nicht allzu langer Zeit, war eine Biene sehr bekannt, von der sprach alles weit und breit. Und diese Biene, die ich meine, nennt sich Maja, kleine, freche [sic!], schlaue Biene Maja…“ Karel Gott, nicht wahr.

Deutscher Zeichenfilm in der NS-Zeit: Arbeit unter einem Führerbild

Deutscher Zeichenfilm in der NS-Zeit: Arbeit unter einem Führerbild

Als der Autor dieser Zeilen in einem Rundfunkbeitrag auf braune Flecken in der Mediengeschichte der Biene Maja hinwies, gab es im Internet einen Sturm der Entrüstung im Wasserglas. Ich zitiere:

 

Franjo Delic Hitler hat seine Suppe mit einem Löffel gegessen, der Löffel sollte als nationalistisches Symbol einer braunen Vergangenheit verboten werden!!

 

Jens Poerschke Weil Herr Goebbels „Heile-Welt-Filme“ für seine Kinder drehen lassen wollte, dürfen wir heute derartiges nicht mehr sehen? Warum? Was passiert dann?

Christian Weisweiler Da sind sie wieder, unsere pseudodevoten Betroffenheitsvirtuosen, die mit der moralischen Selbstgerechtigkeit einer Priesterkaste sogar in der Biene Maja den Antichristen sehen.

Thomas Visockis Der liebe Herr Giesen schafft es bestimmt auch aus dem Stegreif, die Anzahl der Sommersprossen von Pippi Langstrumpf auf „23“ zu bestimmen und gleichzeitig auf „666“ hoch zu rechnen…

Ralf Galleisky Es wird so vieles für die eigenen Zwecke missbraucht – die Nazis und viele andere Greuelregime haben so vieles für sich missbraucht – dafür kann Maja nichts – ich bin mit der süßen Biene und dem schwulen Willi aufgewachsen und hatte viel Spaß.

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http://www.amazon.de/Hitlerjunge-Kolberg-Propagandafilme-Dritten-Reiches/dp/389602471X?ie=UTF8&keywords=rolf%20giesen&qid=1459762424&ref_=sr_1_12&sr=8-12

Die überhaupt nicht mehr braune Biene repräsentiert geradezu exemplarisch den Niedergang des deutschen Animationsspielfilms. Das Resultat ist das Werk eines Komitees (Filmförderer, Fernsehen, Verleih usw.), dem es darum ging, nirgendwo anzuecken: Immer schön politisch korrekt, bitte.

Was hat diese banale Wald&Wiesen-Romantik mit der Wirklichkeit von Kindern im 21. Jahrhundert zu tun? Warum hat man solche Angst, deutschen Kindern grausame, aber heilsame Märchen-Dramaturgie so vorzusetzen, wie sie die Brüder Grimm verfasst haben? Fürchtet man etwa um die Seele des deutschen Kindes? Fürchtet man, dass das deutsche Kind rückfällig werden könnte? Gibt es – natürlich nur zum Besten des Kindes – eine Rote-Beete-Verschwörung der zwergenhaften Apologeten von Tai Ginseng. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage oder fragen an der Kinokasse nach.

 

Rolf Giesen

 




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