Martin Compart


ZWERG GINSENG UND DIE ROTE-BEETE-VERSCHWÖRUNG by Martin Compart
4. April 2016, 8:58 vormittags
Filed under: DEUTSCHER-TV-SCHROTT, Dr. Horror, Film, Nazi, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , , , ,

rolf-21[1]von Dr.Horror

Es gibt mehrere Arten von Trickfilmen. Die teuren, die jetzt in den Kinos laufen, kommen aus den USA: Disneys Zoomania und DreamWorks‘ Kung Fu Panda 3 sind auch in China die erfolgreichsten Animationsfilme überhaupt. Ein dritter, eine 3D-Mischfilm-Version von Disneys Dschungelbuch, kann zwar dramaturgisch nicht mit dem 2D-Original mithalten, aber technisch hat es Besseres auf der Leinwand noch nicht gegeben.

Künstlerisch gibt es unter den japanischen Animes einige herausragende Spitzenprodukte.

Der europäische Animationsspielfilm präsentierte sich Anfang März 2016 ein weiteres Mal auf dem seit acht Jahren in Lyon stattfindenden Produzenten-Branchentreff Cartoon Movie: prätentiös, immer noch genug, aber deutlich weniger Family Entertainment, viel erwachsener als früher. Die Veranstalter berufen sich auf die europäische Vielfalt, d. h. anders als bei Disney, DreamWorks oder in Japan gibt es keine wirklich europäische Handschrift, dafür ein Buntes Allerlei, stilistisch gelegentlich interessant, in der Animation trotz digitaler Tools teilweise hinter dem Standard von Winsor McCay – und der entwarf seine kurzen Trickfilme vor einhundert Jahren.

Ja, und dann gibt es noch deutsche Animation.

Spätestens nach dem überraschenden Kinoerfolg des „Kleinen Eisbären“ war der deutsche Animationsspielfilm auf ein Zielpublikum von Minderjährigen abonniert. Findet eine Pressevorführung eines deutschen Animationsfilms statt, schicken die Blätter in der Regel die zweite oder dritte Garnitur von Filmkritikern, denen nichts Besseres einfällt, als noch den blühendsten Blödsinn als „kindgerecht“ zu apostrophieren.

Den künstlerischen Tiefpunkt erreichte die deutsche Filmanimation in der in TV und auf der Kinoleinwand ausgewerteten „Mondbär“-Serie, die offenbar in deutschem Auftrag und mit deutschen Geldern in China oder sonst wo hergestellt wurde und die Tierfiguren zu digital aufgeblasenen Luftballons macht.

Stationen auf Deutschlands Weg nach unten wenigstens in der Trickfilm-Branche waren „Der kleine Rabe Socke“, „Ritter Rost“, „Keinohrhase und Zweiohrküken“ und „Kleiner Drache Kokosnuss“. Die Legitimität und Förderungswürdigkeit des Genres zu erhalten, waren offensichtlich keine frischen Ideen und kein neuer Stil gefragt.

Originalphase aus einem deutschen Animationsfilm, nicht die Biene Maja, aber auch eine Wald&Wiesen-Stimmung à la Klatschmohnwiese: "Verwitterte Melodie" (1943) Bilder aus der Sammlung J. P. Storm

Originalphase aus einem deutschen Animationsfilm, nicht die Biene Maja, aber auch eine Wald&Wiesen-Stimmung à la Klatschmohnwiese: “Verwitterte Melodie” (1943)
Bilder aus der Sammlung J. P. Storm

Sehen „Wickie und die starken Männer“, geschaffen für 2D, nicht scheußlich aus in durchschnittlicher 3D-Animation? Neben „Wickie“ rangiert auch die „Biene Maja“ ganz oben in der Gunst deutscher TV-Redakteure. 1912 erschien Waldemar Bonsels’ „Die Biene Maja und ihre Abenteuer. Ein Roman für Kinder“ zum ersten Mal. Bonsels hatte das Kunstmärchen, eine Initiationsgeschichte unter Insekten, ursprünglich für seine Söhne geschrieben. Er und sein Verleger rechneten mit keinem großen Erfolg, aber dann lieferte der Feldbuchhandel überzählige Exemplare an die Soldaten im Weltkrieg aus, und bald war die „Biene Maja“ an der Front ebenso wie bei den Lieben daheim so bekannt wie Hindenburg, Ludendorff oder Kaiser Wilhelm. Geschildert wurde schließlich, zeitnah, der Kampf des edlen Bienenvolkes gegen schurkische Hornissen. Die kleine Biene, seitdem auf Bestseller-Kurs, wurde eine echte Kriegsgewinnlerin.

Nach einem stummen Maja-Kulturfilm aus dem Jahr 1926 schien es, dass allein der Trickfilm dem märchenhaften Rahmen und der angestrebten Vermenschlichung der Figuren gerecht werden könnte. 1941 erwarben die frisch gegründete Deutsche Zeichenfilm GmbH und die Ufa eine Option und planten die Realisierung eines animierten „Biene Maja“-Kinofilms in Farbe, in dem der Kampf Bienen gegen Hornissen eine dem aktuellen Kriegsgeschehen geschuldete größere Rolle spielte als vordem. Doch der Mann, den der erklärte Trickfilm-Fan Goebbels mit der Leitung der Zeichenfilm GmbH betraut hatte, Oberregierungsrat Karl Neumann, der von einer leitenden Stelle in einer Wurstfabrik ins Propagandaministerium gewechselt war, war nicht in der Lage, die Produktion durchzuziehen. Millionen Reichsmark wurden versenkt, ohne dass viel dabei herauskam, allenfalls ein farbiger Kurzfilm „Armer Hansi“ und ein Überläufer, der dann bei der Defa erschien: „Purzelbaum ins Leben“. Das Ziel, Disney auf seinem eigenen Terrain Paroli zu bieten, blieb unerreicht.

Im Vorwort zu seinem Roman „Dositos“, den er 1942 als Privatdruck in einer Auflage von 100 Exemplaren an Freunde und NS-Granden verteilte, würdigte Bonsels übrigens den „gewaltigen und gewaltsamen Anstoß“, der durch Adolf Hitler in die Welt getragen worden sei und der nicht nur das Judentum erschüttert habe, „sondern naturgemäß zugleich alles, was in der christlichen Kirche am Judentum krankt“.

 Antisemitische Zeichnung eines bekannten, aber ungenannten deutschen Animationsfilmers, ca. 1942: Deutsche Zeichenfilm GmbH, Berlin Cover des Buches "Animation Under the Swastika: A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933-1945"

Antisemitische Zeichnung eines bekannten, aber ungenannten deutschen Animationsfilmers, ca. 1942: Deutsche Zeichenfilm GmbH, Berlin
Cover des Buches “Animation Under the Swastika: A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933-1945”

So ein Mann gehört in der Bundesrepublik natürlich neu verfilmt. Obwohl Motive aus dem Buch entnommen wurden, haben die Produzenten der neuen „Biene Maja“ als Referenzobjekt die bekannte, harmlose und scheinbar über jeden Verdacht erhabene Zeichenfilmserie gewählt, die der damalige Leiter des Kinder- und Jugendprogramms des ZDF, Josef Göhlen, sein zeitweiliger Arbeitgeber Leo Kirch und Apollo-Film Wien Mitte der 1970er-Jahre in zwei Staffeln à 52 Folgen bei Zuiyo Enterprises (heute Nippon Animation) in Auftrag gegeben hatten: „In einem unbekannten Land vor gar nicht allzu langer Zeit, war eine Biene sehr bekannt, von der sprach alles weit und breit. Und diese Biene, die ich meine, nennt sich Maja, kleine, freche [sic!], schlaue Biene Maja…“ Karel Gott, nicht wahr.

Deutscher Zeichenfilm in der NS-Zeit: Arbeit unter einem Führerbild

Deutscher Zeichenfilm in der NS-Zeit: Arbeit unter einem Führerbild

Als der Autor dieser Zeilen in einem Rundfunkbeitrag auf braune Flecken in der Mediengeschichte der Biene Maja hinwies, gab es im Internet einen Sturm der Entrüstung im Wasserglas. Ich zitiere:

 

Franjo Delic Hitler hat seine Suppe mit einem Löffel gegessen, der Löffel sollte als nationalistisches Symbol einer braunen Vergangenheit verboten werden!!

 

Jens Poerschke Weil Herr Goebbels „Heile-Welt-Filme“ für seine Kinder drehen lassen wollte, dürfen wir heute derartiges nicht mehr sehen? Warum? Was passiert dann?

Christian Weisweiler Da sind sie wieder, unsere pseudodevoten Betroffenheitsvirtuosen, die mit der moralischen Selbstgerechtigkeit einer Priesterkaste sogar in der Biene Maja den Antichristen sehen.

Thomas Visockis Der liebe Herr Giesen schafft es bestimmt auch aus dem Stegreif, die Anzahl der Sommersprossen von Pippi Langstrumpf auf „23“ zu bestimmen und gleichzeitig auf „666“ hoch zu rechnen…

Ralf Galleisky Es wird so vieles für die eigenen Zwecke missbraucht – die Nazis und viele andere Greuelregime haben so vieles für sich missbraucht – dafür kann Maja nichts – ich bin mit der süßen Biene und dem schwulen Willi aufgewachsen und hatte viel Spaß.

$(KGrHqNHJE!FDN6f+h5zBQ3)4PcfRg~~60_35[1]

http://www.amazon.de/Hitlerjunge-Kolberg-Propagandafilme-Dritten-Reiches/dp/389602471X?ie=UTF8&keywords=rolf%20giesen&qid=1459762424&ref_=sr_1_12&sr=8-12

Die überhaupt nicht mehr braune Biene repräsentiert geradezu exemplarisch den Niedergang des deutschen Animationsspielfilms. Das Resultat ist das Werk eines Komitees (Filmförderer, Fernsehen, Verleih usw.), dem es darum ging, nirgendwo anzuecken: Immer schön politisch korrekt, bitte.

Was hat diese banale Wald&Wiesen-Romantik mit der Wirklichkeit von Kindern im 21. Jahrhundert zu tun? Warum hat man solche Angst, deutschen Kindern grausame, aber heilsame Märchen-Dramaturgie so vorzusetzen, wie sie die Brüder Grimm verfasst haben? Fürchtet man etwa um die Seele des deutschen Kindes? Fürchtet man, dass das deutsche Kind rückfällig werden könnte? Gibt es – natürlich nur zum Besten des Kindes – eine Rote-Beete-Verschwörung der zwergenhaften Apologeten von Tai Ginseng. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage oder fragen an der Kinokasse nach.

 

Rolf Giesen

 



DR.HORROR LOBT TIL SCHWEIGER! by Martin Compart
4. Februar 2016, 10:46 vormittags
Filed under: DEUTSCHER-TV-SCHROTT, Dr. Horror, Film, TV | Schlagwörter: , , ,

rolf-2[1]

Ich konnte kaum glauben, was mich in folgender mail erreichte:

Lieber Martin,

sah gerade Til Schweigers OFF DUTY.

Nach den Fernseh-Tatorten erwartete ich, enttäuscht zu werden, dann kam es aber ganz anders. OFF DUTY ist kein Tatort, obwohl er einige Figuren aus den NDR-Tatorten fortsetzt. Es ist kein Dialog (=Nuschel)-Film, sondern Action-Kino, das ich auf ein Budget von 12 Millionen einschätzte, bis ich erfuhr, dass sie für 8 Millionen an drei Locations gedreht haben und dadurch internationaler wirken: ein wenig Hamburg (kaum Deutsche im Visier), Istanbul und Moskau (nur wenige problematische Drehtage, aber viel an Bildern herausgeholt). Die türkischen und russischen Gegenspieler sind gut. Das Vorbild ist offensichtlich (Mini-) Bond. Wenn es wirklich nur um Action geht (einige große Sequenzen), sind das zwei unterhaltsame Stunden.

Bleibt das Problem, ob man Schweiger selbst mag, aber das steht ja auf einem anderen Blatt. Er hat es sich zum Prinzip gemacht, seine Filme nur ausgewählten Kritikern zu zeigen. Diesen hier hätte er der Presse ruhig zeigen können. Ich bin selber sprachlos, und vielleicht hat Schweiger recht, wenn er Christian Alvart, den Regisseur, hervorhebt. Luna Schweiger bleibt angenehm im Hintergrund, es geht um sie, aber sie hat nur wenige Szenen. Ich verstehe es selber nicht. Es kann natürlich sein, dass die Kritiken der TV-Tatorte auf den Kinofilm abfärben. Trotzdem mag man nicht glauben, dass das ein deutscher Film. Er ist es ja auch nicht.

Herzlich grüßt

Rolf



TV NEWS MORDKOMMISSION BERLIN 1 by Martin Compart
2. Dezember 2015, 9:27 vormittags
Filed under: NEWS, Rezensionen, TV | Schlagwörter: ,

Gut, es hatte nicht die Tiefe von RIPPER STREET und DEADWOOD, nicht die politischen Implikationen von PEAKY BLINDERS, aber MORDKOMMISSION BERLIN 1 war locker auf internationalem Niveau. Die Ausstattung war beeindruckend und nicht nur Fassade, da sie ganz natürlich und fast als Handlungsträger integriert wurde. Die Story war vielleicht ein wenig konventionell und hätte ein paar Plot-Twists mehr verdient, aber spannend und – was heute selten ist – von Regisseur Marvin Kren effektiv in Szene gesetzt.

mordkommission-berlin-1-sat-1-17-rcm0x1920u[1]

Kurzum; Der TV-Film hielt, was DEUTSCHLAND 83 versprach: Deutsches TV, dass sich hinter angelsächsischen Produktionen nicht verstecken muss. Ich rede nicht von der Weltspitze wie SILK, HAPPY VALLEY oder SPOOKS (dazu reichte es nicht in der Originalität der Charakterisierungen und Handlungsführung – aber diese Serien sind auch in England keine Durchschnittsproduktionen), aber im Vergleich mit HAT SQUAD oder COPPERS konnte der Film leicht mithalten, hatte sogar bessere Momente. Wunderbar und überhaupt nicht aufgesetzt waren die Zitate und Einstellgen aus alten deutschen Filmen, die Kren unaufdringlich einsetzte um die Atmosphäre zu intensivieren.  Der junge Regisseur verfügt über ein erstaunliches Filmwissen und bemerkenswerte handwerkliche Fähigkeiten. Die Schauspieler (Kann Moretti einen schlechten Film machen? Gelegentlich.) waren ebenfalls überraschend gut, da sie nicht exaltiert in Szene gesetzt wurden. Nur das gelegentliche Berliner Genuschel hätte man tontechnisch vielleicht etwas deutlicher ziehen können (oder mit Untertiteln !!! auslegen). Ohne die Beteiligung des ehemaligen SAT 1-Redakteurs Thomas Teubner, der schon früher vielversprechende Produktionen in den Sand gesetzt oder verhindert hat, wäre das Niveau wahrscheinlich noch einige Punkte höher. Aber um so erstaunlicher das Ergebnis: Die beste deutsche TV-Krimi-Produktion seit Jahren (jenseits von Lars Becker), deren internationale Vermarktung aus zwei Gründen problemlos sein dürfte:

1) Qualität,

2) ein Thema, dass in der deutschen “Mythologie” (Weimar, Berlin Alexanderplatz, goldene 20er usw.) so verwurzelt ist, dass man es nicht beliebig transponieren kann.

P.S.: Die schlechte Quote kann den Machern egal sein, da sie diesen (ersten?) Film noch in Jahrzehnten weltweit vermarkten können. Da wegen der Quoten SAT 1 dieses Projekt wahrscheinlich nicht fortsetzen wird, sollten die Macher sich an AMAZON wenden; die haben immerhin auch RIPPER STREET “gerettet”.

 



MiCs Tagebuch Nr. 2: Tyskland 83 – Der Anfang vom Elend… by Martin Compart
26. November 2015, 9:57 nachmittags
Filed under: DEUTSCHER-TV-SCHROTT, MiCs Tagebuch, NEWS, Politik & Geschichte, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , , ,

Stasi-Abhörprotokoll eines Vorstellungsgesprächs:

King Lear What service canst thou do?

IM Earl I can keep honest counsel, ride, run, mar a curious tale in telling it, and deliver a plain message bluntly: that which ordinary men are fit for, I am qualified in; and the best of me is diligence.

teutonentv-sundancetv-zeigt-deutschland-67199_big[1]
Wohlan, mit “constant earnest effort” in die Tasten gehauen: So die erste Folge der “jetzt schon für das deutsche Erzählfernsehen Maßstäbe setzende” Serie bis Minute 5 geschaut. Mehr geht wirklich nicht. Das ist nicht auszuhalten. Was ist passiert? Eine Reagan-Rede wird von der Staatssicherheit der DDR als Angriffskriegsdrohung verstanden, die aggressiv-grinsende Säbelrassel-Rhetorik des Präsidentendarstellers Ronald Reagans wurde damals auch im Westen von vielen als Bedrohung empfunden, und darum muss ein HVA-Agent an die obersten Spitzen der NATO ran. Nur hat die Stasi keinen geeigneten Agenten im richtigen Alter, also wird ein Verwandter der Initiatorin, ohne Ausbildung aber im richtigen Alter, dazu linientreu und Volkssoldat, zu dem Job, einen Generalmajor der Bundeswehr, als neuer Ordonanzoffizier zu bespitzeln, beordert. Die ganze Einführung ist Schreiben nach Zahlen: 1) Situation eingeführt = Bedrohung der DDR; 2) Helden eingeführt, er macht gerade ein paar dämliche Weststudenten lang, die wahrscheinlich mit illegal getauschten Devisen (Wechselkurs 1 Mark West = 7 Mark Ost, offizieller Kurs 1:1), billige Bücher (Shakespeare und Marx – welch Mischung) erstanden haben und leider erwischt wurden; 3) Aufgabe für den Helden und seine Unerfahrenheit eingeführt, jetzt Schnitt; 4) der Held im Kreise seiner Familie; 5) Annäherung seiner Führungsoffizierin und Vorstellung der Aufgabe…

Ein Anfang so betulich wie im deutschen Fernsehen üblich. Keine Suspense – nur die dräuende Dauerbeschallung soll Spannung vermitteln – kein Geheimnis, nichts was den Zuschauer sofort packt.

maxresdefault[1]

Ich hatte es geahnt, nein erwartet.
Wenn es jetzt aber brav nach Hero’s Journey weitergeht, müsste der Bengel erst noch einwenig zicken, bis er sich letztlich aufmacht, oder aber, weil er ein gehorsamer Deutscher ist, und der Zuschauer am Zappen gehindert werden muss, voller Ehrgefühl und mit geschwollener Brust in den Kampf ziehen… mehrfach Nennungen sind möglich. Wie es bis Folge 8 weiter geht: erst herrscht Euphorie beim Helden, dann kommen die Zweifel, die Liebe, die Freiheit, Popmusik, Konsum, Friedenssehnsucht der Westbevölkerung, denn wenn du deinen Feind wirklich kennst, dann kannst du ihn nicht mehr hassen, usw. Ich kann den ganzen Sermon jetzt schon runterbeten. Am Ende muss das Format schließlich unser Gesellschaftsmodell rechtfertigen, wie alle Niko Hofmann Produktionen. Meines Erachtens muss die Vergangenheit nicht die Gegenwart rechtfertigen, dazu dient sie nur in Diktaturen, der Blick auf die eigenen Geschichte sollte viel mehr helfen, die Fehler der Gegenwart aufzuspüren und Fragen zu unserer heutigen Gesellschaft und unserem Gesellschaftsmodell aufzuwerfen.

The_Americans[1]

Dies ist auch die Aufgabe einer historischen TV-Serie. Siehe DEADWOOD. Ein paar spontane Gedanken…

1) Die Stasi hatte vor dem Zusammenbruch 1989 über 1900 Spione und Informelle Mitarbeiter in Westdeutschland, 540 davon alleine in Westberlin. Wie viele bei der NATO in Brüssel, wie viele in Bonn im Verteidigungsministerium, im Außenministerium, Innenministerium, wie viele bei der Bundeswehr? Die Macher wollen uns wirklich glauben machen, es gäbe keine Profis bei der Stasi, sondern man müsste einen Anfänger nehmen? Allein in den ersten Minuten wird der Unterschied zu THE AMERICANS klar. Die Russen haben Schläfer in den Staaten. Es sind absolute Profis. Ihre Gegner beim FBI sind auch absolute Profis. Es geht um Ideologie, es geht um dem Kampf der Systeme. Es geht um Leben und Tod. Von der ersten Sekunde an. Ausgerechnet an der Frontlinie des Kalten Krieges, im nuklear hoch bestückten Deutschland, sind Amateure am Werk?Ronald_Reagan_and_General_Electric_Theater_1954-62[1]

2)  Gorbatschow hatte Reagan 1986 umfangreiche Abrüstung angeboten.Die Disk.ussion und bundesweiten Proteste um den NATO-Dopp.elbeschluss, die 1982 mit zum Misstrauensvotum und der Abwahl von Bundeskanzler Helmut Schmidt beitrugen, begannen schon 1980. Der sogenannte Doppelbeschluss beinhaltete die Nachrüstung der NATO mit Mittelstreckenraketen, wenn der Warschauer Pakt, die Russen, ihre SS-20 nicht abziehen würden. Die NATO, d.h. die Amerikaner, konnte den russischen SS-20 Mittelstreckenraketen angeblich nichts entgegensetzen, und so sollte das Gleichgewicht der Kräfte, auf das der Frieden angeblich beruhte, wiederhergestellt werden.

3) Reagan wurde 1980 gewählt und war seit Januar 1981 im Amt. Die aggressive Rüstungspolitik der Amerikaner begann sofort mit Amtsantritt des Republikaners, so empfanden das jedenfalls Teile der deutschen Öffentlichkeit. Die Krise in den USA 1981, als ein Attentat auf Reagan verübt wurde, ist u.a. Thema in der 1. Staffel von THE AMERICANS.

4) Die NATO war dem Warschauer Pakt rüstungstechnisch von Anfang an weit überlegen. Sie hatte immer mehr Nuklearwaffen, immer modernere Technik, Flugzeuge, Bomber, usw. Das Einzige wovon die Russen mehr hatten, waren Panzer und Soldaten. Die USA haben die Sowjetunion zu Tode gerüstet. Das wusste Norman Mailer schon in den 1960-ziger Jahren, es wollte nur keiner hören. .

300[1]5) Die HVA der Stasi, der Auslandsgeheimdienst, mit ihrem Chef Markus Wolff, galt lt. Aussage von CIA-Analysten, als einer der besten Geheimdienste des Kalten Krieges. Mir drängt sich die Frage auf, was bedeutet das für eine Serie, für ihre Charaktere, für die Führung der Charaktere, für die Story?

6) Allgemeinem Branchenverständnis nach, sind TV-Serien nichts anderes sind als eine Ware, ein Produkt wie Schokolade, Waschmittel und VW-Dieselmotoren. Deutsche TV-Serienprodukte müssen sich an diesem Maßstab messen lassen: „Wer ein Produkt verkaufen will, sollte zunächst einmal ein wettbewerbsfähiges Produkt haben.” Das haben die deutschen Sender nicht. Bei den Amerikaner und Briten ist das anders, bei den Dänen, den Norwegern, den Schweden, usw. auch. Und das macht den Unterschied. Auf eines schaut die Welt sehr genau, nämlich darauf ihre Produkte nach Deutschland zu verkaufen. Schließlich ist dies der dritt- oder viertgrößte TV-Markt der Welt.

Mein Fazit zu Tyskland 83: „Maßstäbe im deutschen Erzählfernsehen“, sind leider keine Maßstäbe. Weitere Serienfolgen erspare ich mir. ‘nuff said.

 

IM PRESSESPIEGEL;

http://web.de/magazine/unterhaltung/tv-film/deutschland-83-schlaegt-vorzeigeserie-rtl-31163514

http://www.spiegel.de/kultur/tv/deutschland-83-serien-highlight-bei-rtl-ueber-spionage-zwischen-brd-und-ddr-a-1064702.html

http://www.zeit.de/kultur/film/2015-11/deutschland-83-serie-RTL

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/rtl-zeigt-amerikanische-agenten-seire-deutschland-83-13932221.html

http://www.stern.de/kultur/tv/deutschland-83-auf-rtl-mit-jonas-nay–warum-sie-die-serie-sehen-sollten-6575884.html

http://www.fr-online.de/tv-kritik/tv-kritik–deutschland-83-spion-wider-willen,1473344,32644176.htmlhttp://www.dwdl.de/zahlenzentrale/53669/ernuechternder_start_fuer_deutschland_83_bei_rtl/

 

UNFREIWILLIG ENTTARNEND IST:

http://www.sueddeutsche.de/medien/rtl-serie-deutschland-zum-teufel-mit-der-historischen-korrektheit-1.2753556-2

EINEN HOCHINTERESSANTEN ARTIKEL ÜBER TV-SERIENKULTUR UNTER:

http://www.medienkorrespondenz.de/leitartikel/artikel/als-waere-es-ein-weltwunder.html

UNFREIWILLIG KOMISCH IST:

http://www.deutschlandfunk.de/tv-serie-deutschland-83-auf-rtl.807.de.html?dram:article_id=338054

 



AUS MiCs TAGEBUCH – Heute: BOSS… die Serie, nicht der ehemalige Uniformschneider oder der Typ mit der E-Street-Kombo by Martin Compart
26. November 2015, 5:32 nachmittags
Filed under: DEUTSCHER-TV-SCHROTT, Deutsches Feuilleton, Drehbuch, THE BOSS (TV), TV, TV-Serien | Schlagwörter: , ,

Jetzt sehe ich die dritte Folge der 1. Staffel von BOSS mit Kelsey Grammar und ich bin geplättet. Was ist das denn für eine gigantische Serie? Fraser als Bürgermeister von Chikago. Und was für einer. Natürlich ist der Hook für den Mayor Tom Kane – nice name by the way – von Breaking Bad geklaut, aber wie die auf allen Ebenen die Register ziehen und uns amerikanische Politik vorführen, ist sehr beeindruckend.

(N.B. BOSS-Creator Farhad Safinia ist Engländer iranischer Abstammung und hat davor nur bei Mel Gibson „hospitiert”, dessen Italowestern-Jesusfilm produktionstechnisch begleitet und das Script Apocalypto co-geschrieben.) Wirklich interessant, wie multiple Storylines, persönliches Schicksal, politische Intrigen, Korruption, etc., so intelligent miteinander verwoben werden und dabei ein Erzählspektrum entsteht, das mehr ist als die Summe seiner Bestandteile. Wie soll man eine solche Serie nur nennen? Der große amerikanische Roman? Oder Gore Vidal erklärt die Politistory einer US-Stadt? Weil außer Frauen und Rentnern kein Schwein mehr liest, findet Literatur heute im TV statt. Überall, nur nicht in dem Land, zu dessen Fernsehen ich nichts mehr sagen wollte.

deutschland-83-rtl-jonas-nay-12-rcm0x1920u[1]

(Doch dies noch: Seit Tagen belästigen die „Werbe-Redakteure” von Spiegel-online Leser mit Tiraden, warum man diese eine bestimmte, „jetzt schon für das deutsche Erzählfernsehen Maßstäbe setzende Serie”, absolut sehen muss. – Ne, lasst mal stecken, mir sind Originale einfach lieber. Unter der PR-Artikelflut sticht dann noch die harte Headline einer Fotostrecke hervor: „RTL goes Kapitalismuskritik.” Alle Achtung.)

q5agQW7[1]

BOSS muss übrigens in Chicago spielen, diese Slaughterhouse-cum-Businessmetropole, Hochburg des organisierten Verbrechens zu Zeiten der Prohibition, diese korrupteste aller US-Städte – zumindest in der Fiktion – mit dem größten Flughafen der USA, wenn nicht der Welt, O’Hare, als beispielhafter Handlungsort für die Mechanismen einer kapitalistischen Gesellschaft, nicht allein der US-Gesellschaft. Klar werden gezielt Klischees bedient und benutzt, natürlich ist das Spektrum der Charaktere bewusst gewählt, das Konstrukt für den geübten Zuschauer durchschaubar, aber alles kommt so reif und so souverän daher, wie die neuen, frischen HBO-Serien vor zehn, fünfzehn Jahren. Ich denke hier wegen des Politkontexts an DEADWOOD und THE WIRE.

Interessanterweise ist Ex-HBO-Chef Chris Albrecht, weil er eine Frau nachts auf einem Parkplatz in Las Vegas ohrfeigte, einst von HBO geschasst, der Chef von Starz, der Sender, der BOSS beauftragte. Albrecht hat seinerzeit David Milch, David Simon bei HBO herausgebracht, bzw. gefördert. Ein Entscheider mit Weitblick.

Ein Bekannter von mir hatte 2013 bei RTL die Idee einer Politserie gepitcht und wurde vom obersten Chef mit den Worten abgelehnt, Politik ist ein No-Go, Lokalpolitik erst recht. O-Ton: „Ich war selbst mal Journalist, für Lokalpolitik zuständig. Das interessiert niemanden.” Da kannte hierzulande noch keiner HOUSE of CARDS – und BOSS schon gar nicht. Diesem Entscheider verhilft kein noch so starkes Fernglas zu Weitblick.

Nach nur zwei Staffel war Schluss mit BOSS. Schade. Ich habe noch 15 Folgen vor mir.



TV: Unter Zombies – das deutsche Drama by Martin Compart
20. November 2015, 11:19 vormittags
Filed under: DEUTSCHER-TV-SCHROTT, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , , , ,

Versuch der Annäherung einer Betrachtung

von MiC

Jetzt läuft gerade eine deutsche Serien bei RTL an, „von der die Welt spricht”, O-Ton RTL Werbung. Warum eigentlich sollte die Welt von „Deutschland 83” sprechen? Die Miniserie, acht Folgen à 42 Minuten, ist nichts anderes als eine schamlose Kopie der US-Serie „The Americans“, nur dass hier der Kalte Krieg als deutsch-deutscher Konflikt ausgetragen wird: BRD gegen DDR im Kampf der Systeme. Produziert von Echthaarträger Niko Hofmann (der dem deutschen Zuschauer wieder einmal deutsche Geschichte verdreht, bis sie seiner eigenen ideologischen Gesinnung zupass kommt) könnte sie auch heißen: Die Leiden des jungen Doppelagenten.

(So schnell haben sie bisher noch nie reagiert. Sie sind selbst für PR-Arbeit zu blöde.)

Nehmen wir stattdessen eine wirklich originelle Idee. Da gibt es eine britische Miniserie mit dem Titel „Injustice” von 2011, mit James Purefoy in der Hauptrolle.

Die Prämisse: Protagonist Will Travers ist ein Strafverteidiger, der nur dann Leute verteidigen kann, wenn er  von ihrer Unschuld überzeugt ist.

Die Handlung: Travers, mit der Familie nach einer persönlichen Krise von London in die Provinz nach Ipswich gezogen, übernimmt die Verteidigung eines alten Studienkollegen in London, nach dem er sich von dessen Unschuld überzeugt hat. Während er sich bemüht, die Unschuld seines Mandanten vor Gericht zu beweisen, erfahren wir den Grund seines Wechsels in die Provinz.

Die Backstory: Als bei einem Bombenattentat ein achtjähriger Junge starb, übernahm Travers die Verteidigung des Beschuldigten und bewirkte einen Freispruch. Anschließend gestand der Beschuldigte unter vier Augen, dass er die Bombe tatsächlich gelegt hatte und schuldig ist. Travers rastete aus.

Und so geht es weiter:  Zwei Jahre später trifft er den Bombenleger zufällig wieder und tötet ihn. Er hat damit die „Gerechtigkeit” wieder hergestellt. Parallel zu dem Prozess in London sucht die Polizei in Ipswich den Mörder des Bombenlegers und kommt Travers auf die Spur…

Diese Story würde in Deutschland, wenn überhaupt, als Krimikomödie gedreht werden, in der alte Damen böse Menschen mit Kamillentee vergiften. Von den „Injustice” Sublines, wie Vergiftung der Dritten Welt durch Giftmüll eines europäischen Ölkonzerns, der Pädophilie des alten Studienkollegen (das wahre Tatmotiv für seinen Mord) einmal ganz abgesehen, so etwas würde hier keine Redaktion abnicken.

Beim Betrachten dieser Miniserie, die nicht an die Brillianz der BBC-Anwaltserie „Silk” heranreicht aber recht gut ist, wurde mir erneut klar, wo die Ursachen für die „Qualität“ des deutschen Fernsehen liegen. In den Machtverhältnissen und im Urheberrecht. Die deutschen Sender finanzieren Auftragsproduktionen und erwerben damit sämtliche Rechte – nur Brainpool und Sony behalten teilweise Verwertungsrechte – und so hängen letztlich alle Produktionen am Finanztropf der Sender. Die Möglichkeit Rechte zu behalten, zu verwerten und damit Geld zu Erwirtschaften, haben deutsche Produktionsfirmen nicht. Während das Urheberrecht in Groß Britannien den Total-Buy-out untersagt, hat die Novellierung des Urheberrechts in Deutschland das Gegenteil bewirkt, die Machtverhältnisse und den Total-Buy-out branchenweit zementiert.

Damit ist auch klar, wer für das deutsche Fernsehen arbeitet, wird niemals auf das Niveau der Briten, Amis, Franzosen, Italiener und sogar der Norweger kommen. Die ganze Diskussion um die Qualität des deutschen Fernsehens ist absolut lächerlich. Da kann der Tatort sich noch so sehr als Institution gerieren und seine Macher hemmungslos bei Briten und Amerikaner usw. abkupfern, um sich anschließend für ihre Innovation, ihren Mut und ihr internationales Niveau zu beglückwünschen. Dabei sind genau sie die Zombies des deutschen Fernsehens. Die Entwicklung eines eigenständigen deutschen Dramas wurde spätestens mit Einführung des Privatfernsehens vor 30 Jahren endgültig vertan. (N.B. Selbst die ruhmreiche WDR-Serie „Ein Herz und eine Seele” war ebenso die Kopie einer englischen Serie, wie das Pro 7 Erfolgsformat „Stromberg”). Falls es eines Beweises aus jüngster Zeit bedarf: „Weinberg”, die angeblich erste horizontal erzählte Serie im deutschen TV, ist an Spießigkeit und dümmlicher Provinzialität nicht zu überbieten. Wer böswillig ist, kann auch behaupten, sie können nicht einmal richtig nachmachen.

Womit wir wieder bei „Deutschland 83” wären. Aber die werden es der Welt schon zeigen, wie RTL groß posaunt. Nur was zeigen? Dass sie besser kopieren können? Für das deutsche Fernsehen gilt letztlich, was ein französischer Literaturstudent zu einem Roman des Krimiautor Sebastian Fitzeck in seinem Blog anmerkte. „Der Autor ist der deutsche Patterson, für eine Kritik ist das Buch einfach zu schlecht.”

https://bookaroundthecorner.wordpress.com/2011/11/10/german-lit-month-my-entry-for-crime-fiction-week/

Poetischer formuliert: (German drama)… is a tale told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing.

Das deutsche Fernsehen ist für eine Kritik einfach zu schlecht. Aus und vorbei.

 

Schaut die Anfangssequenz an und wie unglaublich die mit TUSK von Fleetwood Mac unterlegt (und geschnitten) ist. Das erinnert an die besten Momente von MIAMI VICE und dem bis heute Standards setzenden Einsatz von Musik.



HORST FRANK – HARTE SCHALE, HARTER KERN by Martin Compart
21. September 2015, 1:36 nachmittags
Filed under: Film, HORST FRANK, Noir, Porträt, TV | Schlagwörter: , , ,




Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 131 Followern an