Martin Compart


CHARLIE MUFFIN by Martin Compart

Charlie Muffin ist für viele (mich eingeschlossen) die größte Kult-Figur des Polit-Thrillers. Sein erster Auftritt in Brian Freemantles Roman CHARLIE M schlug 1977 ein wie eine Bombe; vergleichbar vielleicht mit Len Deightons THE IPCRESS FILE fünfzehn Jahre zuvor oder LeCarrés SPION, DER AUS DER KÄLTE KAM. Charlie war noch mehr anti-establishment als Deightons namenloser Ich-Erzähler.

Inzwischen ist die Serie auf 19 Titel angewachsen. In Deutschland erscheint sie schon lange nicht mehr.

Muffin ist der wahre proletarische Held unter den fiktionalen Agenten. Und er ist vielleicht der abgewichsteste und cleverste, der die Schwächen der degenerierten britischen Oberschicht genau kennt und ausnutzt, ihre Heimtücken durchschaut.

Leider gibt es bisher nur eine audiovisuelle Umsetzung: 1979 drehte der große Jack Gold die Adaption des ersten Muffin-Romans für das britische Fernsehen. David Hemmings wurde für Charlie Muffin das, was Sean Connery für James Bond ist. Das sah Freemantle ganz ähnlich:

Here’s a secret. It’s not as easy for me now to write Charlie as it was in the beginning and the problem was the film of that first Charlie Muffin book. David Hemmings brilliantly played the part. I met him for the first time on set, when a gambling club scene was being shot. Between takes he came over to me, clad in scruffy suit and down-at-heel Hush Puppies ( it’s the feet problem) and said: ‚Here I am. I’m Charlie Muffin.’Which he was. Up until that moment I knew how Charlie Muffin thought and how he’d react and what he physically looked like. But I didn’t have his facial features. But from then on I did and it’s always David Hemmings‘ face I see when I’m writing, not my blank-canvassed Charlie.

Nicht nur Hemmings ist eine Weltmacht! Der Film ist in jeder Rolle perfekt besetzt und Jack Gold inszeniert diesen „Agentenpoker“, der eher ein Schachspiel ist, genau und mit dem richtigen Gefühl fürs Timing. Gold (1930-2015)ist m.E. wegen seiner häufigen TV-Arbeiten ein schmählich unterschätzter Regisseur, der für Klassiker wie THE RECKONING oder MAN FRIDAY verantwortlich war.

Für Charle gefährlicher als die Russen: seine Vorgesetzten und Mitarbeiter.

Geradezu nostalgisch wird man bei den Szenen, die in Ost- wie West-Berlin spielen. Gold fängt das Zeitgefühl des Kalten Krieges und die Atmosphäre der geteilten Stadt ein.

Dies ist kein Action-Film!

Die Handlung fordert vom Zuschauer Mitdenken (ist also nichts für heutige Kino-Gänger oder Krawall-Serien-Freunde). Jack Gold lässt sich Zeit um jede Nuance und jeden Dialog effektiv zu inszenieren.

Etwa, wenn Ian Richardson (einmal mehr: großartig!) als arroganter und unfähiger Geheimdienstchef über Charlies Klassenzugehörigkeit sinniert:

Die Arbeiterklasse ist in ihrer Freizeit immer brünstig.

Ausgegraben hat dieses Kleinod der Spy-Fiction wieder mal PIDAX-Film. Die Crew um Edgar Maurer gräbt bekanntlich tief, wenn es um vergessene TV-Schätze oder zu wenig bekannte Filme geht (dasselbe gilt für den Hörspielbereich, in dem sie den Klassiker Hans Gruhl wieder zugänglich machen). Ich stöbere gerne in ihrem Katalog.

Die Qualität dieser DVD-Ausgabe ist ausgezeichnet. Schade nur, dass es kein Zusatzmaterial gibt.

Was soll´s! Endlich kann ich meine vergammelte Video-Kopie entsorgen und diese bisher einzige Verfilmung eines Freemantle-Stoffes (was lagert da für ein Film- und TV-Potential!) in meine Bibliothek einordnen.

Kein Freund guter Spionagefilme kommt ohne CHARLIE MUFFIN aus, dessen Schlusspointe neue Maßstäbe im Genre setzte. Freemantle gab der Spynovel mit diesem „Happyend“ eine neue politische Dimension.

https://www.pidax-film.de/

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MiCs Tagebuch spezial, September 2018: DIE EMMYS by Martin Compart
20. September 2018, 8:14 am
Filed under: MiCs Tagebuch, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , ,

Abgebrannt in Lalaland

Natürlich spricht es gegen den Kolumnisten, wenn er glaubt, Emmys,
Oscars und andere „Wahlen“ hätten eine Relevanz, die über
brancheninternes „Pillermann zeigen“ hinaus ginge. (Die haben sie
selbstverständlich nicht.) Dennoch ist der nachfolgende Hinweis auf
verdientere Sieger des vorgenannten Zeigespaßes, als notwendige
Ventilfunktion bei dem persönlich empfundenen Unbehagens angesichts der
globalen „Entertainment-Leitkultur“, nicht zu unterschätzen.

Die Emmys bestätigten erneut die unglaubliche Borniertheit des
US-Establishments.

Zwei der wohl großartigsten Shows der letzten Jahre, „The Americans“ und
Atlanta„, wurden wieder einmal „übersehen“.

Kategorie Fiction Drama Series:

Hier gewinnt erneut die öde Zementierung irrelevanten Bombasts, die
totale Fanatasy-Eskapismus-Regression für eine immer hilflosere und aus
Ohnmacht wundergläubige Zuschauerschaft, gegen „The Americans“? „Game
of Thrones“ plündert die Weltgeschichte, um mit Shakespeare-,
Machiavelli- u.v. a. Zitaten eine dramatische Größe vorzugaukeln, die in
Wahrheit nur das Deckmäntelchen für die überbordenden Billo-Sex- und
Gewaltorgien dieser Intrigen-, Brot-und-Spiele-Primitivität abgeben. Ein
Publikumsformat, dessen Erkenntnisgewinn nicht einmal an das Niveau von
Glückskeks-Weisheiten heranreicht. Lächerlich.

Conclusio: Spektakel regiert in Zeiten Hedgefond finanzierten
TVs/Streamings. Irgendwie muss das ganze Schwarzgeld ja gewaschen werden.

Kategorie Fiction Comedy Series:

„The Marvelous Mrs Maisel“, eine scheinbar mutige, sich emanzipierende
weiße Mittelstandsfrau, die sich in einer misogynen Männerwelt der
1950er Jahre als Stand-up Comedian behaupten will, lässt „Atlanta“
leerausgehen? Die wohl eigenwilligste und genialste Show, die der
serielle Overkill in den letzten 4 Jahren hervorgebracht hat und welche
die zeitgemäßeste Kritik der US-Gesellschaft aus Minderheitenperspektive
darstellt? Mit „weiße Mittelklasse-Frau toppt schwarze
Unterklasse-Typen“, ist die Welt ja noch in Ordnung, was? Wohl bekomm’s,
Academy.

N.B. 1: Nominiert und ignoriert, trotzdem der beste Actor in einer
Nebenrolle, ist natürlich „Paper Boi“ Alfred alias Bryan Tyree Henry.
Take a good look, guys.

N.B. 2: Das freut die Damen und den Boulevard: Feiern
US-Zeitungsschreiber doch glatt einen Heiratsantrag von Oscar-Producer
Weiss samt Kniefall coram publico als emotionales Ausrufezeichen der
Preisverleihungen – warum nimmt der Bock dafür die Emmys zum Anlass?
Schön, wenn es in kalten, pissblonden Zeiten auf dem Flastscreen
überraschend menschelt.

MiC, 18.09.18



NEUTZE & LEIPNITZ: 4 GEGEN DIE BANK – DAS ORIGINAL by Martin Compart
6. März 2018, 4:08 pm
Filed under: GÜNTHER NEUTZE, HARALD LEIPNITZ, TV | Schlagwörter: , , ,

Heute läuft ab 23.40 Uhr im WDR das Original von 4 GEGEN DIE BANK mit Neutze und Leipnitz! Da kann man dann vergleichen (oder auch nicht), wie schlecht das Remake ist.



50 JAHRE McGILL by Martin Compart
21. Oktober 2017, 12:12 pm
Filed under: DER MANN MIT DEM KOFFER, Noir, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , , ,

Vor 50 Jahren revolutionierte eine britische TV-Serie das Crime-Genre: MAN IN A SUITCASE. Sein Hauptdarsteller, der die Serie prägte wie kaum ein Schauspieler eine Serie prägte (im Vergleich fällt mir nur Götz George als Schimanski ein), kann dieses Jubiläum leider nicht mehr erleben: Richard Bradford starb letztes Jahr.

Ihm ist diese Reminiszenz gewidmet.

Er war und ist noch immer einer der Höhepunkte des Brit Noir im Medium Fernsehen: Richard Bradford alias McGill in MAN IN A SUITCASE.

Als das vielbesungene 68er-Jahr damals wie eine biblische Heimsuchung über alle anständigen Bürger hereinbrach, geriet die Welt der Eltern eine Zeitlang ziemlich aus den Fugen. Heranwachsende ließen sich nun überhaupt nichts mehr sagen und lachten über die ebenso banalen wie gutgemeinten Ratschläge ihrer Erziehungsberechtigten.

Die Spießerdroge Fernsehen – womit man die lieben Kleinen früher noch hatte heimlocken können – war out. Man würde ohnehin nie wieder einen solchen Kick erleben wie beim ersten Sehen von „Texas Rangers“, „Bob Moran“, „Mike Nelson“, „Tennisschläger und Kanonen“ oder „Simon Templar“. Lediglich „Der Mann mit dem Koffer“, der für Krimiserien das war, was die Stones im Bereich der Popmusik darstellten, lockte mich 1969 noch ganze dreizehnmal freitags, pünktlich um 21 Uhr, nach Hause – und natürlich „Nummer 6“ („The Prisoner“), samstags nach dem „Aktuellen Sportstudio“.

Eigentlich war man ja als hartgesottener Teenager über die Identifikation mit diversen Serienhelden hinaus – so dachte man wenigstens.
Doch dann kam er: McGill, der Mann mit dem Koffer. Er gab uns den Thrill der frühen Jahre zurück, als die Mattscheibe das gesamte Bewusstsein fiebriger Kinderhirne aufgesaugt hatte. McGill knallte alles weg, was zuvor noch Idolcharakter besessen hatte.

Er war der härteste TV-Held der Prä-Sonny-Crockett-Ära und der einsamste Wolf auf diesem Planeten (abgesehen von den männlichen, pubertierenden Fans, die seiner lakonischen Einsamkeit mit offenen Mündern und wütend geballten Fäusten folgten).

Die einst bewunderten TV-Helden wirkten im Vergleich zu ihm noch mehr wie Hochstapler und Flaschen.

Ihre inszenierten Prügeleien muteten angesichts der eigenen Straßenschlachten, nach denen man sich nicht die Haare kämmte, sondern wundgeprügelt in der Dunkelheit auf Schmerzlinderung wartete, absurd und lächerlich. Bei Kämpfen siegte nicht automatisch das Gute, wie uns die Arschlöcher von der Ponderosa weismachen wollten, sondern der stärkere oder brutalere.

McGill wusste das.

Er machte bereits in der ersten Einstellung klar, dass er nicht an alte Wertvorstellungen glaubte und wirklich gefährlich war. Der Mann bewegte sich über den Bildschirm wie ein Panther.
Zum ersten Mal sah man in einer Serie, wie beim Schießen Patronen aus der Pistole flogen.

Erstmals wurde auch gezeigt, wie man sich wirklich verhält, wenn man in ein Haus eindringt, wo die bösen Jungs schon auf einen warten. McGill nahm sich dafür Zeit, nutzte jede Deckung aus und arbeitete sich minutiös wie in einem Melville-Film von Zimmer zu Zimmer vor, darauf achtend, dass kein Licht in seinen Rücken fiel. „Amos Burke“ oder „Simon Templar“ wären wie Elefanten durch die Bude getrampelt, hätten den Kopf ein wenig zur Seite genommen (nicht zu hastig, damit die Frisur nicht verrutscht), um einer Kugel auszuweichen, und dann mit einem langen, langsamen Hieb aus der ganzen Schulter den Bösewicht ohnmächtig geschlagen – ein Hieb, den man auf der Straße nie zu sehen bekam.

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Nicht so McGill: der war ein übler, unglaublich schneller Schläger, der offensichtlich nicht nur zur Freude der Yellow-Press-Fotografen mit Stuntmen ein bisschen herummachte.
Nein, Richard Bradford hatte geboxt, und seinem Gesicht konnte man ansehen, dass er auch einzustecken wusste. Dass aus ihm kein Superstar geworden ist, ist unbegreiflich. Aber wahrscheinlich hat er zu vielen Produzenten aufs Maul gehauen, ohne dabei die Zigarette aus dem Mundwinkel zu nehmen.

McGill war das coolste überhaupt; als dieser Begriff noch keine Anwendung fand.

Und McGill war eigentlich zu hart fürs deutsche Fernsehen – und genau deswegen war er unser Mann.
Er war ein Ex-CIA-Agent (ohne dass der Dienst je namentlich genannt wurde), den man reingelegt hatte, so wie wir damals alle regelmäßig reingelegt wurden, von staatlichen Institutionen wie der Lehrerschaft. So wie McGill seine Unschuld nachzuweisen hatte, musste auch unsereins vor elterlichen Tribunalen oder der pädagogischen Inquisition pausenlos beweisen, dass man nicht irgendwas angestellt hatte. Dabei wurde der Rechtsgrundsatz von der Unschuld bis zum Beweis des Gegenteils von der Blitzkriegsgeneration selbstverständlich außer Kraft gesetzt.
Wir waren also alles in allem nicht viel besser dran als McGill, der eine erhebende Metapher für junge Außenseiter war.

Die Firma beschuldigte McGill, er habe absichtlich nicht verhindert, dass ein westlicher Wissenschaftler zu den Russen übergelaufen war, und Schmiss ihn deshalb ohne Rentenanspruch raus. Natürlich war McGill schuldlos und versuchte das zu beweisen. In der Episode „Man from the Dead“, geschrieben vom genialen Stanley Greenberg, stellte sich seine Unschuld dann auch heraus. Aber da der vermeintliche Überläufer in Wahrheit ein Doppelagent war, konnte McGill natürlich nicht rehabilitiert werden, und seine zynischen Ex-Arbeitgeber ließen ihn weiterhin draußen in der Kälte stehen.

McGill: „Wenn er noch lebt, könnte er mich rechtfertigen.“
Direktor Cofflin: „Niemand kann Sie rechtfertigen, McGill.“

Widerliche Bürokraten sorgten zusätzlich dafür, dass er nicht zurück in die USA konnte, ohne verhaftet zu werden, und setzten ihn auf eine Schwarze Liste. So konnte jeder dumpfe Provinzbulle McGill das Leben noch schwerer machen.
Alles was ihm blieb, war ein Leben aus dem Koffer, mit dem er von einer miesen Absteige in die nächste zog. Er hatte nichts zu verkaufen als seine Arbeitskraft – und wurde so zum ersten proletarischen Krimihelden der Fernsehgeschichte.

„Paranoia heißt, alle Fakten kennen“, schrieb William S. Burroughs einst; McGill bestätigte diese Weisheit Woche für Woche. Um Kohle zu verdienen, nahm er so ziemlich jeden miesen Job an, und oft genug blieb man ihm den Lohn schuldig.

Für Konsumfetischismus und dummes Geplänkel hatte er dabei nichts übrig:

Bankkassierer: „Wie möchten Sie es haben?“
McGill: „Einfach in Geld.“

Nein, McGill ließ sich nichts vormachen. „Sie würden sich wundern, wie oft die eine Hand nicht weiß, was die andere versteckt“, sagte er gern.
Aber er war auch kein Glückspilz. Wenn er schon mal die Chance hatte, an eine satte Million Dollar zu kommen (wie in dem grandiosen Zweiteiler „Variation on a Million Bucks“ von Greenberg), landete er am Ende ohne Geld im Krankenhaus und musste noch dankbar dafür sein, dass jemand für die Kosten aufkam.

Bei fast jedem Job, selbst als Söldner in Afrika (in der Episode „No Friend of Mine“ von John Stanton), gerät er zwischen die Fronten und hat alle Seiten gegen sich. Und eine Suche nach geraubtem Geld, wie in „Which Way Did He Go, McGill?“ mit Donald Sutherland als Killer, konnte natürlich nur ergebnislos bleiben.

„Man in a Suitcase“ schlachtete eine goldene Kuh und schaffte das Happy-End in TV-Serien ab.

Bei diesen brutalen Stories kam in den naiven 60er Jahren manchmal wirklich das Gefühl auf, dass McGill am Ende einer Episode ins Gras beißen könnte. Genau das irritierte den durchschnittlichen Fernsehzuschauer, der schon zur Genüge um Dr. Kimble („Auf der Flucht“; OT: „The Fugitive“) gezittert hatte. Denn McGill war, im Gegensatz zu Kimble, ein echter gesellschaftlicher Außenseiter, und solche Typen schätzten die Mattscheibenspießer überhaupt nicht (weshalb die ARD nach 13 Folgen auch Schluss mit der Serie machte und uns die restlichen 17 Folgen lange Zeit vorenthielt).

Junge Leute, vielleicht die potentielle Zielgruppe dieser existentialistischen Serie, schauten damals nicht fern – schon gar nicht angelsächsische Action-Serien mit dem Geruch des „westlichen Kulturimperialismus“.
So wäre die Serie bei uns fast ein Flop geworden, hätte sie nicht eine der vielen unsäglichen öffentlichen Diskussionen darüber ausgelöst, „wieviel Brutalität denn das Fernsehen anbieten darf“. Damit hatte eine Hamburger Fischverkäuferin keine Probleme:
Als eine Fernsehillustrierte eine Umfrage („Was halten Sie von McGill – ist er zu gewalttätig?“) abzog, antwortete sie: „Der Mann ist eine Sünde wert.“

Selbst die stellenweise recht B-Movie-mäßigen Versuche, beim Publikum durch „geschickten“ Einsatz realer Hintergründe fernab gewohnter Studiokulissen etwas exotische Atmosphäre aufkommen zu lassen, taten der allgemeinen Begeisterung keinen Abbruch. Da wurden Standphotos von der Riviera oder grobkörnige Super-8-Aufnahmen von Rom dazwischen geschnitten, um zu belegen, dass sich McGill auch wirklich in Italien oder sonstwo aufhalten würde. Dabei sah jeder, dass er im lieblos ausgestatteten Elstree-Studio herumtobte.

Aber der Trash-Effekt war letztlich egal, solange nur der Drehbuchautor einen guten Job machte und sich Richard Bradford eine Zigarette in den Mundwinkel schieben konnte. Seit Humphrey Bogart hatte nämlich niemand mehr so cool mit Glimmstengeln hantiert. Was wiederum einige Kritiker auf die Palme brachte, wenn McGill mit Kippe im Mund einem Mittelschicht-Punk eine reinhaute.

Außerdem zeigte man erstmals in einer britischen Serie die dreckigen Londoner Hinterstraßen, auf denen Obdachlose herumlagen und Besoffene in Hauseingänge kotzten.

Als Nebenfiguren tauchten außerdem einige der schlimmsten Freaks auf, die man in einer 60er-Jahre-Serie zu sehen bekam: Donald Sutherland als völlig beknackter Killer in „Which Way Did He Go, McGill?“ oder ein ganzes Dorf voller aggressiver Arschlöcher in „All That Glitters“ von Greenberg, der auch hier wieder McGill am Ende ins Krankenhaus schickte. Und wenn die im deutschsprachigen Raum nie gezeigte Folge „Brainwash“ wirklich die letzte Episode war (was viele Fans behaupten), wissen wir nicht, ob McGill wirklich überlebt hat. Mit ihrer Ideologie der positiven Resignation war „Der Mann mit dem Koffer“ jedenfalls keine echte Sixties-Serie mehr und nahm „Miami Vice“ oder „Wiseguy“ bereits einiges vorweg. Statt sie jedoch an den Pranger zu stellen, hätten die üblichen besorgten Eltern Herrn Bradford lieber Dankschreiben schicken sollen: Er garantierte, dass wenigstens einige Rabauken Freitag abends zu Hause blieben…

Ron Grainer, der einige der besten Titelmusiken der Seriengeschichte komponierte (Stichwort: „The Prisoner“), legte mit der Musik zu „Der Mann mit dem Koffer“ übrigens sein Meisterwerk vor.





News: TV- und Filmfestival Köln by Martin Compart
5. Oktober 2016, 1:52 pm
Filed under: NEWS, TV | Schlagwörter: ,

Es werden neue Serien gezeigt und ein überschätzter Autor gewürdigt. Näheres dazu im CRIME-TV-Blog.



EIN MANN WILL NACH OBEN – THE ART OF MORE by Martin Compart
1. September 2016, 4:32 pm
Filed under: DEUTSCHER-TV-SCHROTT, THE ART OF MORE, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , ,

531305[1]

„Sie haben nichts zu befürchten. Wenn Ihnen das FBI zu Nahe kommen sollte, würde ich mich sofort vor einen Bus werfen.“

„Falls sich das FBI für mich interessieren sollte, sorge ich dafür, dass der Bus pünktlich ist.“

Der Dialog charakterisiert vortrefflich die Grundstimmung von THE ART OF MORE-TÖDLICHE GIER, einer US-Serie, deren erste Staffel (10 Folgen)gerade durch Privat- und Kabelsender gereicht wird und dank ihrer pessimistischen Weltsicht und Intelligenz kein großes Publikum finden wird.

Erstmals entdeckt eine US-Serie die ekelige Welt der kommerziellen Kunstverwertung und Auktionshäuser. Da man dort natürlich keine „positiven“ Charaktere antrifft, gibt es in der Serie auch nur unterschiedlich graduierte Arschlöcher. Es gibt keine ehrliche Art, um eine Million Dollar zu verdienen, sagte Raymond Chandler. Wie unehrlich muss dann jemand sein, der 200 Millionen Dollar für ein Bild bezahlt?

 

Also etwas, womit ein tumber deutscher Serienredakteur nicht zurecht kommt (abgesehen davon, das ihn die komplexe Handlungsstruktur überfordern würde).

Also wieder ein Beispiel dafür, wie meilenweit überlegen – und anspruchsvoll im Vergleich – ausländische Serien sind. Inzwischen sind wir ja auch von Italienern (GOMORRHA), Franzosen (SPIN) und Belgiern (VERMISST) langfristig abgehängt.

Dabei könnte die Hauptperson direkt einem Hans Fallada-Roman, den man etwas auf noir gedreht hätte, entsprungen sein können. Ein ehemalige Kleinganove und Irak-Veteran, gespielt von Christopher Cooke, ist ein leidenschaftlicher Kunstliebhaber. Er nutzt seine alten Kontakte, um in das große Spiel der Auktionshäuser einzusteigen. An Plündergut heranzukommen, ist zwar kein Problem, bedingt aber auch blutige Verwicklungen. Aber nicht mal das reicht aus, um von den Snobs die Erlaubnis zum Kloreinigen zu bekommen. Denn die sind alle reich und verwechseln Bildung mit der Kenntnis von Preiskatalogen. Dank der Hilfe eines schwulen Kunstsammlers von Format und Bedeutung, ergattert er doch einen Job als Kundenberater. Und jetzt geht es richtig los. Bis Folge 5 werden die gruseligen Charaktere in ihrer hemmungslosen Gier und kleingeistigen Amoralität etabliert (Dennis Quaid gibt einen hinreißenden Donald Trump mit Niveau).

Ab dann drückt Serienerfinder und Hauptautor Chuck Rose das Gaspedal richtig durch und dreht seine oft hilflose Hauptfigur durch den Fleischwolf. In Nebenhandlungen darf er sich mit russischen Mafiosi schießen und Freundesverrat bekämpfen, bevor er im grandiosen Finish einen Arschtritt vom Establishment bekommt.

Cookes faszinierendes Spiel (alle Schauspieler sind natürlich vom Feinsten – allen voran die britischen) erinnert nicht nur an Colin Farrell (dessen Lichtdouble er sein könnte), sondern auch an Alain Delon in dem Sujet ähnlichen, unterschätzten Film L’homme pressé (1977). Er ist dauernd unter Druck, rast herum wie ein Berserker um ununterbrochen Locher zu stopfen, die das Fundament seines Kosmos zum Einstürzen bringen können. Im Gegensatz zum Kunst- und Antiquitätenjäger LOVEJOY (die langlebige britische Serie mit Ian McShane nach Jonathan Gash) nutzt Cooke die kulturellen Fetische nicht um sich von gesellschaftlichen Zwängen zu befreien, sondern um sich in einer vermeintlichen Elite einzugliedern. Er ist durch und durch ein anti-emanzipatorischer Unterschichtscharakter, programmiert auf gesellschaftlichen Aufstieg in einer durch und durch korrupten, anti-emanzipatorischen Gesellschaft, die. ohne historisches Bewusstsein,  auf dem Vulkan tanzt. Triviale Schatten des GROSSEN GATSBY liegen über der Serie, die das Leben der Soziopathen vor dem zu erwartenden zweiten Zusammenbruch des US-Kapitalismus spiegelt und beim Zuschauen Beklemmungen verursacht.

Es war die erste einstündige Drama-Serie von Sonys Streamingplattform CRACKLE und wurde am 19. November 2015 mit allen Folgen zum Verzehr präsentiert. Der hohe Zugriff und der prompte Verkauf in 25 liquide Länder, sorgte umgehend zum Auftrag für eine zweiten Staffel, nach der das Ende der ersten Season auch verlangt. Ein treffendes Bild der dekadenten Seite der Nutznießer des Kapitalismus.

ART OF MORE bietet hohes Tempo (nicht ganz so hoch wie CHOSEN), originelle Handlung und Milieu und jede Menge miese Typen, von denen man gar nicht genug kriegen kann.

P.S.: Aber auch in der Realität könnte Deutschland nicht mithalten. Blasse Stereotypen wie Maschmeyer reichen eben nur für MORD MIT SCHÖNER AUSSICHT oder SOKO HANNOVER. Und die zu „pimpen“, geht über die Vorstellungskraft unserer Biedermeier in den Redaktionen weit hinaus.

 

 

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DIE ERSTEN WEIBLICHEN PRIVATDETEKTIV-SERIEN IM TV by Martin Compart

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Es ist kaum vorstellbar: Es gab eine Zeit, in der das deutsche Fernsehen innovative Serien herstellte. Kaum zu glauben, aber die erste TV-Serie mit einer Privatdetektivin in der Hauptrolle, stammt aus Deutschland.

Privatdetektivin Kai Fröhlich glaubt nicht daran, daß man ihr als Frau riskante Aufträge übertragen würde. Deshalb erfindet sie einen Chef. Mit Hilfe einer technischen Anlage gaukelt sie den ratsuchenden Kunden die Existenz eines genialen Mannes im Hintergrund vor. Sie selbst gibt sich als naive Sekretärin, die von nichts Ahnung hat.

Angeblich entstand die in München von der Bertelsmann Fernsehproduktion gedrehte Serie nach einer Idee der Hauptdarstellerin. Die erste Krimiserie des ZDF. Fast könnte man glauben, Wolf Neumeister (Buch) und Hermann Kugelstadt hätten das Konzept von REMINGTON STEELE vorweggenommen.

KARTE MIT DEM LUCHSKOPF, DIE

BRD 1963;13×25 Min.;SW.

Fröhlich … Kai Fischer

Viktoria von Proschwitz … Ursula Herking

Hauptwachtmeister Karje … Karl Otto Alberty

Anne_Francis_Honey_West_1965[1]

 Honey West ist eine Privatdetektivin in Los Angeles, die mit ihrem Partner Sam Bolt meistens für Versicherungen arbeitet. Sie ist mit „hypermoderner“ Technik, einen Van mit Abhöreinrichtung, einer Gasmaske im Straps, ausgerüstet und hat einen zahmen Ozelot als Kuscheltier.

1957 erschien der erste Honey-West-Roman von G.G.Fickling; es folgten schnell weitere und man kann wohl behaupten, daß Honey die erste wirklich populäre Superheldin der Kriminalliteratur war (lange vor Modesty Blaise).

In der Folge WHO KILLED THE JACKPOT, geschrieben von Gwen Bogni und Paul Dulow, aus der Serie AMOS BURKE  (BURKE’S LAW), tauchte Honey erstmals im Fernsehen auf.

Bogni und Dulov entwickelten anschließend für Four Star und ABC die Serie. Executive Producer war Aaron Spelling. Die gradlinigen Geschichten waren nett anzusehen (die späteren COLUMBO-Erfinder Levinson & Link schrieben für die Serie),  aber sie wird wohl immer zu unrecht als schlechter Abklatsch von MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE betrachtet werden. Dabei kann die Serie oft ganz ohne Morde aus.  Und Anne Francis braucht sich wahrlich nicht hinter Diana Rigg verstecken.

45967603-HoneyWest_BloodAndHoney1[1]Roman:

G.G.Fickling (Pseudonym für Gloria und Forrest Fickling):

This Girl for Hire, 1957 (Das große Töten, Loh 1969).

Girl on the Loose, 1958 (Hübsche Mädchen sterben nicht, Loh 1969).

A Gun for Honey, 1958 (Tod eines Porno-Stars, Loh 1969).

Girl on the Prowl, 1959.

Honey in the Flesh, 1959.Honey West _1 (Gold Key 1966) 2[1]

Dig a dead doll, 1960 (Mord auf Mexikanisch, Loh 1969).

Kiss for a Killer, 1960 (Paradies der Mörder, Loh 1969).

Blood and Honey, 1961.

Naughty but dead, 1962 (Der Tod hat viele Gesichter, Zauberkreis 1968).

Bombshell, 1964.

Honey on Her Tail, 1971.

Stiff As a Broad, 1972..

honey-west-comic-1a[1]

Comic:

Honey West No.1; Gold Key, Sept.1966.

Seit 2010 veröffentlicht Moonstone Books eine neue Comic Book-Reihe.

 

PRIVASTDETEKTIVIN HONEY WEST

Honey West

USA 1965;30×25 Min.;SW.

Honey West … Anne Francis

Sam Bolt … John Ericson

Tante Meg … Irene Harvey

und Bruce, der Ozelot

honeywestcd[1]