Martin Compart


Der Mann zwischen den Welten: Algis Budrys von Werner Fuchs by Martin Compart
20. Januar 2016, 2:11 pm
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Algis Budrys (1931-2008)

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2008 verlor die SF-Szene mit Algis Budrys einen ihrer wegweisenden Autoren der fünfziger und frühen sechziger Jahre. Wie seine literarischen Zeitgenossen Walter M. Miller, Philip José Farmer, Robert Sheckley, Richard Matheson und Philip K. Dick wurde er in der Genre-SF groß, gab dieser aber entscheidende Impulse und vermochte sie zusammen mit seinen Kollegen nachhaltig zu verändern.

Algirdas Jonas Budrys wurde am 9. Januar 1931 in Königsberg geboren. Sein Vater war Diplomat und  Angehöriger der litauischen Exilregierung, und der Name Budrys (das litauische Synonym für „Wachtposten“) war ursprünglich nur ein Deckname, den die Familie aber 1936 nach Übersiedlung in die USA offiziell annahm.58dc213f-0ebe-4e92-924d-5d0cb2fde4aa[1]

AJ, wie er von seinen Freunden genannt wurde, arbeitete zunächst für seinen Vater und studierte dann an der Universität von Miami (1947-49) und der Columbia Universität, New York, 1950-51, heiratete 1954 Edna Duna, mit der er vier Söhne hatte. Er arbeitete für die American Express Company, bevor er als Herausgeber für diverse Buch- und Magazinverlage tätig wurde. Gnome Press, einer der frühen SF-Hardcoververlage war seine erste Station, Jobs für die Magazine Galaxy, Venture, The Magazine of Fantasy and Science Fiction, Ellery Queens Mystery Magazine folgten in den fünfziger Jahren, Tätigkeiten für Regency Books und Playboy Press  in den sechzigern. Daneben trat er auch immer wieder als Rezensent in Erscheinung und machte sich als Kritiker und Kolumnist einen Namen, zuletzt für die Chicago Sun-Times ab 1986.

TomorrowSF1[1]Von 1984-1992 betreute er als Koordinator und Juror den „L. Ron Hubbard Presents Writers of the Future”-Wettbewerb zur Förderung von SF-Nachwuchsautoren und gab zwischen 1985 und 2003 eine Reihe Anthologien mit den besten daraus resultierenden Stories heraus. Da dieser Wettbewerb in gefährlicher Nähe zur Scientology-Sekte stand, war Budrys, der seinerseits stets die Wichtigkeit einer solchen Einrichtung für junge Autoren hervorhob, erheblicher Kritik aus der SF-Szene ausgesetzt.

Von 1993-2000 gab er das Magazin Tomorrow Speculative Fiction heraus, das es auf 24 gedruckte Ausgaben brachte, bevor es online weitergeführt wurde.

Seine schriftstellerische Karriere begann mit der Erzählung „The High Purpose“ in der Novemberausgabe 1952 von Astounding und in der Folgezeit er­schienen eine ganze Reihe von Stories in ver­schiedenen Magazinen, die ihn als ideenreichen Autor und begabten Stilisten auswiesen. Durch Geschichten wie „The Real People“(1953), „End of Summer“(1954), „The Executioner“(1956) oder „The Edge of the Sea“ (1958) wurde AJ rasch be­kannt und zu einem der führenden Nachwuchs­autoren der fünfziger Jahre. Seine Stories waren komplex, tiefgründig, häufig mit Mainsteam-Einflüssen durchsetzt und dadurch für unbedarfte Leser der damaligen Magazin-SF manchmal etwas schwer verständlich. Als ich ihn Mitte der sechziger Jahre entdeckte, klang sein Name „strange“ und seine Geschichten waren es auch. Sie kamen „frostig“ rüber, hielten einen auf Abstand. Der Mann war für mich auf der Stelle Kult.

AJs Autorenlaufbahn verlief aber nicht geradelinig, sondern in mehreren Schüben. Immer wieder gab es Zeiten, in denen sehr wenig oder gar nichts von ihm erschien, dann war er wieder außerordentlich produktiv. Insgesamt hat er etwa 200 Stories verfasst, von denen die meisten in den fünziger Jahren publiziert wurden. Dazu benutze er auch mindestens ein Dutzend Pseudonyme, von denen John A. Sentry (Sentry = Wachtposten) die meisten Rückschlüsse zulässt. Drei seiner Geschichten wurden für Preise nominiert: „The Edge of the Sea“ 1959 für den Hugo, „The Silent Eyes of Time“ 1976 ebenfalls für den Hugo und „A Scraping of the Bones“ 1976 für den Nebula.

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Die Stories waren AJs eigentliche Stärke, und seine drei besseren Romane aus dieser Zeit, Who? (1958), Rogue Moon (1960) und Some Will Not Die (1961, dt. Einige werden überleben, 1981)), bauen alle auf vorher erschienenen Kurztexten auf. Man of Earth (1956, Auf Pluto gestrandet, 1960) und The Falling Torch (1959, dt. Exil auf Centaurus, 1965)) sind konventionelle SF-Abenteuer, Some Will Not Die, die erweiterte Fassung von False Night hat schon mehr Ttiefgang. Mit Who? und Rogue Moon wurde AJ aber international bekannt. Beide Titel wurden für den Hugo nominiert und Rogue Moon verfehlte den begehrten Preis nur knapp; Who? wurde 1973 von Jack Gold sehr textnah verfilmt.

Who? (dt. Zwischen zwei Welten, 1958, 1983) ist ein „Near Future“-Roman zur Zeit des kalten Krieges zwischen Ost und West. Der amerikanische Atomphysi­ker Lucas Martino wird bei einem Geheimprojekt nahe des Eisernen Vorhangs Opfer eines Unfalls, von einem Ein­satztrupp des Ostens gerettet und vier Monate spä­ter wieder in den Westen entlassen. Er hat nur noch einen Arm, der andere wurde durch eine kunstvolle Metallprothese ersetzt, und an­stelle seines Kopfes besitzt er nun eine Metall­kugel, aus der künstliche Augen starren. Da man Martino nicht sofort identifizieren kann, wird der Sicherheitsmann Shawn Rogers auf den Kyborg angesetzt. Er überwacht dessen Genesung und versucht herauszufinden, ob er wirklich Martino vor sich hat, oder einen Agenten der Gegensei­te.

Auf den ersten Blick ist WHO? Ein Spionageroman, der sich bei genauerem Studium als philosophisch-psychologische Charakterstudie erweist Der Titel ist zweideutig. Er wirft die unpersönliche Frage auf: „Wer ist der Kyborg?“ Sie bestimmt die Handlung, wird aber von der persönlichen Frage Martinos: „Wer bin ich?“ verdrängt. Martino, der mit Menschen Kontakt aufnehmen konnte, als er noch menschlich aus­sah, sich damals aber ganz auf die Wissenschaft konzentrierte, sieht sich jetzt, da er Kontakt aufnehmen will, aufgrund seines Aussehens völ­lig isoliert. Um zu sich selbst zu finden, negiert er sein früheres Ich.

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Identität und Exil sind zwei Leitmotive in Ajs Werk; sie treten hier wie auch in seinem nächsten Roman Rogue Moon

(1960; dt. Projekt Luna, 1965) deutlich zutage.

Auf dem Mond befindet sich ein geheimnisvol­les, unerklärbares Labyrinth, offenbar ein Arte­fakt außerirdischer Intelligenzen. Zur Erfor­schung dieser Struktur wird ein kurz zuvor ent­wickelter Materietransmitter herangezogen, mit dem Forscher auf den Mond transportiert wer­den. Das menschliche „Original“ kommt dabei um, aber eine „Kopie“ unterscheidet sich in nichts von der ursprünglichen Person. Das La­byrinth erweist sich als Todesfalle, jedes Quan­tum Wissen wird mit dem Tod eines Forschers bezahlt. Augenscheinlich herrschen bestimmte Gesetze innerhalb der Struktur: Manche Gänge dürfen nicht betreten, bestimmte Bewegungen nicht ausgeführt und gewisse Geräte nicht mit­gebracht werden. Aus diesem Grund muß jeder Forscher zweimal durch den Transmitter, ein Körper bleibt dann auf der Erde, der andere untersucht das Labyrinth. Beide stehen mitein­ander in telepathischem Kontakt. Allerdings kann jeder Forscher nur einmal eingesetzt wer­den, das Pendant auf der Erde wird beim schrecklichen Tod seines Doppelgängers auf dem Mond meist wahnsinnig. Um Menschenleben zu schonen, wird Barker eingesetzt, der geistig intakt erleben kann, wie sein „eigenes Ich“ stirbt. Barker geht viele Male durch den Transmitter und stirbt viele Tode im Labyrinth.

Wie schon in Who? benützt Budrys in Rogue Moon archetypische Personen. In eine rasante Handlung eingebettet sind mannigfaltige sym­bolische Probleme, von denen der Tod eines der am leichtesten ersichtlichen ist. Das Labyrinth hat mehrere Symbolfunktionen und steht als Metapher für das Streben der Menschen nach Erkenntnis, vielleicht sogar symbolisch für den Roman selbst, durch den sich der Leser eben­falls wie durch ein Labyrinth zu kämpfen hat, ohne dass er weiß, was letztendlich dabei her­auskommt – das Ende bleibt offen.

Ein vielschichtiger Roman, der ein Zentralthema der SF, den Durchbruch auf eine andere Erkenntnis- und Daseinsstufe, beein­druckend behandelt. Ein moderner Klassiker des Genres, der 2001 noch einmal neu veröffentlicht wurde, diesmal unter dem vom Autor bevorzugten Titel The Death Machine.9552119[1]

Nach The Amsirs and the Iron Thorn (1967; Das verlorene Raumschiff, 1972), einem klassischen Abenteuer-SF-Roman, dessen deutscher Titel schon viel von der Handlung verrät, machte der Autor erst 1977 durch Michaelmas (dt. 1980) wieder auf sich aufmerksam. Dieser Roman greift die Proble­me auf, die sich aus einem futuristischen Me­diendschungel ergeben, der noch undurchsichti­ger als unser heutiger ist. Allerdings wird die Kritik an aktuellen Zuständen dadurch etwas verwäs­sert, dass es Außerirdische sind, die unerkannt alles manipulieren und gegen die der Held Laurent Michaelmas anzukämpfen hat.

Ein überzeugendes Spätwerk ist Hard Landing (1993, dt. Harte Landung, 1998), wiederum ein Roman bei dem das Thema Exil im Mittelpunkt steht. Diesmal sind es von Menschen kaum zu unterscheidende Außerirdische, die auf der Erde notlanden mussten und nun überleben müssen. In unnachahmlicher Manier zeigt AJ, wer hier die wirklichen Aliens sind. In diesem dicht geschriebenen, lediglich 200 Seiten umfassenden Roman beschämt Budrys eine Vielzahl heutiger Zeilenschinder, die in ihren aufgeschäumten Sechshundertseitenschinken weniger zu sagen haben als ein kompetenter Autor in einer Kurzgeschichte.

Algirdas Jonas Budrys, ein Mann zwischen den Welten, der jahrzehntelang selbst Staatenloser gewesen war, starb am 9.Juni 2008 in Evanston, Illinois.

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Der Weltendenker baut uns ein Traumschloss – Zum Gedenken an Jack Vance by Martin Compart
9. Dezember 2015, 10:04 pm
Filed under: JACK VANCE, Porträt, Science Fiction, WERNER FUCHS | Schlagwörter: , , , ,

Werner Fuchs gedenkt eines Science Fiction- und Fantasy-Autors, dessen Imagination in den Genres unvergleichbar ist. Nach dieser Lektüre gibt es keine Entschuldigung, Vance nicht zu lesen oder neu zu entdecken.

 

Einleitung

Name the five Demon Princes!“

“Attel Malagate, Kokor Hekkus, hmm… Viole Falushe, Lens Larque and… and… just a second, yeah, got it… Howard Alan Treesong, the best of them all, how could I almost forget the Dreamer?”.

 

Oktober 2000. Wir sind auf Sightseeing-Tour durch die Republik. George R. R. Martin und ich. Die ersten „Eis-und-Feuer“-Bände sind schon erschienen, aber noch ist George ein paar Jährchen vom Weltruhm entfernt. Berlin – Nürnberg – Rothenburg ob der Tauber – Nördlingen – Aalen – Friedrichshafen – Lindau – Neuschwanstein – München – Stuttgart/Bad Canstatt – Heidelberg – Düsseldorf. Museen, mittelalterliche Städtchen und immer wieder Burgen und Ruinen, von denen George nicht genug bekommen kann. Dazwischen lange Fahrten auf der Autobahn, eine Woche lang lange Fahrten. Wenn wir keinen Bock mehr auf Musik haben, kommt es zum Vokabelabfragen: Jack-Vance-Quiz ist angesagt!

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Schnell hatten wir herausgefunden, dass wir beide extreme Jack- Vance-Fans sind, schon seit Teenagerzeiten (wir sind altersmäßig nur 11 Monate auseinander) der Magie seiner Welten und seiner Sprache verfallen. Beide kennen wir das Werk unseres Lieblingsautors ziemlich gut. Einer nennt den Namen eines Protagonisten, der andere antwortet mit der dazugehörigen Geschichte, oder man führt einen Roman an und muss mit einer Figur daraus kontern. Claude Glystra – „Big Planet“, „The Dragon Masters“ – Joaz Banbeck, Edwer Thissell – „The Moon Moth“. Szenen zuordnen ist meist noch relativ einfach – George ist fasziniert von „Hussade“ eine Art 3-D Football über Wassertanks aus „Trullion Alastor 2262“, bei dem es keine Homeruns gibt, dafür aber eine junge Dame, die möglicherweise ihre Kleidung verliert – alter Voyeur! Bei Zitaten, aus der Erinnerung dahergesagt, wird es dann herb.

„Kill this man, here and now“, he cried. “No longer shall he breathe the air of my planet.“ Wer war das noch mal? Wo war das noch mal? Wir sind im sechsstelligen Bereich von „Wer wird Millionär“ angelangt. Vielleicht doch lieber wieder Grateful Dead.

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Werner und Corinna Fuchs mit George R.R.Martin

(c) by Corinna Fuchs

Ein Quiz wie dieses funktioniert nur mit Jack Vance – für uns jedenfalls. Klar, bei den wichtigen Werken anderer SF-Größen könnten wir auch den einen oder anderen Hauptdarsteller nennen –

Hari Seldon, Gilbert Gosseyn, Michael Valentine Smith -, wir sind schließlich mit der SF sozialisiert worden, aber was die zweite Liga bei Asimov, van Vogt oder Heinlein angeht – Fehlanzeige.

Und bei vielen anderen Autoren, die ich durchaus mit Begeisterung gelesen habe, fallen mir überhaupt keine Charaktere mehr ein.

Bei Vance ist das anders. Seine Namen sind komponiert, sind Musik. Purer Swing: Ghyl Tarvoke, Hildemar Dasce, Sam Salazar, Hein Huss, Sklar Hast, Ayudor Bustamonte, Finisterle, der Erzveult Xexamedes, Liane the Wayfarer, Apollon Zamp, Rudel Neirmann, Gastel Etzwane, Lodermulch…  Und sie haben etwas Universelles, egal, ob man sie englisch oder deutsch ausspricht, sie klingen immer unheimlich gut. Mit seinen Planetennamen, Ortsbezeichnungen, ja, seinem Instrumentarium insgesamt verhält es sich ebenso. Vances Beschreibungen graben sich in das Gedächtnis des Lesers ein und lassen seine Phantasie abheben. Bei Vance ist die Sprache Landschaft und Architektur, bei ihm ist die Sprache der eigentliche Held. Ihr ist das „Jack Vance Lexicon – From Anulph to Zipagothe“ (1992) gewidmet, ein Band der über 1700 Wortneuschöpfungen auflistet, die Vances Werk entnommen sind. Manche seiner Kollegen – ich will keine Namen nennen – kommen in ihrem Gesamtwerk mit einem geringeren Wortschatz aus…

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Leben

John Holbrook Vance wurde am 28.08.1916 als mittleres von fünf Kindern in San Francisco geboren. Er wuchs auf der Ranch seiner Großeltern im San Joaquin Valley auf, da der Vater die Familie früh verließ. Vance galt in der Schule als Bücherwurm und las am liebsten das Magazin Weird Tales, mit Autoren wie H.P. Lovecraft, Clark Ashton Smith und Robert E. Howard. Am liebsten aber war ihm C. L. Moore. Ansonsten wurde er vor allem von Lord Dunsany und P. G. Woodhouse beeinflusst. Ab 1937 studierte er an der University of California in Berkeley Bergbau und Physik, später Englisch, Geschichte und Journalismus und fuhr während des Zweiten Weltkriegs als Matrose im Dienste der amerikanischen Handelsmarine kreuz und quer über den Pazifik.

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Kurz nach dem Krieg heiratete er die 11 Jahre jüngere Norma Ingold, die ihm – Jack hatte schon damals schlechte Augen und sich mit einer auswendig gelernten „Eye Chart“ in die Handelsmarine gepfuscht – beim Schreiben zur Hand ging. Auf ihren ausgedehnten Reisen war Jack immer mit Klemmbrett und Füller im Einsatz, während Norma später alles auf der Reiseschreibmaschine abtippte und korrigierte. Die beiden bereisten bis in die neunziger Jahre fast die ganze Welt, und ein großer Teil von Vances Romanen und Stories entstand unterwegs in fremden Ländern und unter anderen Kulturen. Das hat sicherlich die Exotik seiner Werke befeuert, in denen die sonderbaren Sitten und Gebräuche planetarer Gesellschaften oft eine wichtige Rolle spielen.

Andere wichtige Einflüsse waren seine Liebe zum traditionellen Jazz – schon vor dem Krieg hatte Vance als Jazz-Kolumnist für The Daily Californian gearbeitet – und sein Beruf als Zimmermann, den er bis Mitte der sechziger Jahre ausübte.

Vance war Handwerker mit einer gesunden Verachtung für den Kunstbetrieb. Er baute sein Haus in Oakland und seine Segelboote selbst und konstruierte mit den Freunden und SF-Kollegen Frank Herbert und Poul Anderson ein Hausboot, mit dem die drei an den Ufern der San Francisco Bay entlang schipperten, bis es auf Grund lief.

1961 wurde John Holbrook II geboren, das einzige Kind von Jack und Norma. In dieser Zeit begann sich langsam der Erfolg einzustellen. Vance gewann den Edgar Allan Poe Award, kurz darauf Hugo und Nebula Award, was ihn veranlasste, freier Schriftsteller zu werden.

War sein Werk bis dahin von Kurzgeschichten und Einzelromanen geprägt gewesen, standen ab jetzt Romanzyklen im Mittelpunkt. Allerdings war er bei seiner Produktion stark gehandicapt. Seine Sehkraft nahm immer mehr ab, und nach einer missglückten Augenoperation war Jack Vance praktisch blind. Ab den achtziger Jahren musste er am Computer mit Großbildschirm schreiben – und einer Textverarbeitung mit Riesenlettern.

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Werk

Vance debutierte 1945 in Thrilling Wonder Stories mit der Geschichte „The World Thinker“. Die nächste hieß „I’ll built your Dream Castle“. Beide Titel wurden zum Programm. Der Weltenschöpfer baute seinen Lesern ein literarisches Traumschloss. Sein erstes Buch war 1950 „The Dying Earth“, eine Sammlung erstaunlicher (20 Jahre später hätte man sie als „far out“ bezeichnet) Fantasygeschichten, die er 1944 auf See geschrieben hatte. Sie markierten den Beginn einer Serie, deren Gestaltung die Leser verzauberte und begeisterte. Schauplatz ist die Erde in allerfernster Zukunft. Diese Welt, kurz vor ihrem Untergang, wenn die aufgeblähte, rote Sonne instabil flackert und bald für immer verlöschen wird, ist besiedelt mit einer mondänen Gesellschaft, die sich in Intrigen, Magie und hedonistischen Vergnüglichkeiten ergötzt. Später fanden sie ihre Fortsetzung in den Collections „The Eyes of the Overworld“ (1966), „Cugel’s Saga” (1983) und „Rhialto, the Marvellous” (1984)

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Wie bei vielen Genre-Autoren seiner Zeit waren es zunächst Kurzgeschichten und kürzere Romane in Magazinen, die sein Schaffen ausmachten. Thrilling Wonder Stories und Startling Stories waren zunächst seine Hauptmärkte, später kamen die Spitzenpublikationen des Genres hinzu: Astounding, Galaxy, The Magazine of Fantasy and Science Fiction. Anfang der fünfziger Jahre schrieb er sechs Drehbücher für die Fernsehserie „Captain Video“.

„The Potters of Firsk“ (ASF 5/50) und „Gift of Gab“ (ASF 9/55)sind reine SF-Stories mit exotischem Background, während „The Miracle Workers“ (ASF 7/58) auf typisch vancesche Weise Fantasy mit SF verbindet. In eine Zukunftswelt, in der Magie ganz alltäglich und die Naturwissenschaften vergessen sind, hält plötzlich die Chemie als „magische“ Komponente in Form von Sprengstoff Einzug.

In „The Men Return“ (Infinity 7/57) zeigt sich Vance avantgardistisch, indem er das Kausalitätsprinzip aufhebt.5125533784_0772eea4ff[1]

Seine wohl berühmtesten Kurztexte sind „The Moon Moth“ (Gal 8/61) – Edwer Thissell ist frisch auf Sirene eingetroffen, um den Serienmörder Haxo Angmark aufzuspüren, aber im Land der Masken, wo alle Menschen eine Gesichtsbedeckung tragen und man nur über Instrumente kommuniziert, ist das gar nicht so einfach -, „The Dragon Masters“ (Gal 8/62) und „The Last Castle“ (Gal 4/66). Beide wurden mit dem Hugo-Award, letztere auch noch mit dem Nebula-Award ausgezeichnet. Hier schreibt Vance SF wie Fantasy und Fantasy wie SF – für Geschichten wie diese wurde der Begriff Science Fantasy erfunden.

In seinen frühen Romanen geht es um abenteuerliche Reisen auf einem Extremplanet („Big Planet“, 1952), Unsterblichkeit („To Live Forever“, 1956) und die Macht der Sprache („The Languages of Pao“, 1958). In „The Blue World“ (1966) und „Emphyrio“ (1969) rebelliert der jugendliche Held und überwindet die starren Konventionen seiner Gesellschaft letztendlich zu ihrem Wohl.

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In den sechziger bis achtziger Jahren produzierte JV vornehmlich SF-Zyklen die zum Teil ein Gaeanisches Reich der fernen Zukunft als gemeinsamen Hintergrund aufweisen und ähnlich farbenprächtig ausgestaltet sind wie seine Fantasy. Der fünfbändige „Dämonenprinzen“-Zyklus (1964-1981) ist ein interstellarer Rachefeldzug Kirth Gersens, der die Killer seiner Familie jagt, die „Planet of Adventure“-Tetralogie (1968-1970), schildert die Odyssee eines notgelandeten Terraners auf der exotischen Welt Tschai mit ihren mannigfaltigen Kulturen, die „Durdane“-Trilogie (1973-74) und die „Alastor“–Trilogie (1973-1975) umfassen farbige Planetenromane, bei denen die Beschreibung fremdartige Kulturen gleichrangig neben der Romanhandlung steht, bei den „Cadwall-Chroniken“(1987-1992) schließlich handelt es sich um eine umfangreiche Trilogie, bei der Held Glawen Clattuc einen geheimnisvollen Mord aufklären, einen Aufstand niederschlagen, sich diverser Intrigen erwehren und der Cadwall Charta auf die Spur kommen muss, die den Planet in ihrem Würgegriff hält.

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Parallel dazu baute JV aber auch seine Fantasywelten aus. 1966 erschien mit „The Eyes of the Overworld“ eine lose Fortsetzung zu „The Dying Earth“. In diesem Subzyklus lässt er den schlitzohrigen Cugel, einen pikaresken Springinsfeld, verrückte Abenteuer erleben. Cugel ist der coolste aller Fantasyhelden, der Archetyp für alle Diebe und Streuner des Fantasy-Rollenspiels. Langbeinig, mit langer Nase und albernem Hut, stakst er durch die Landschaft und versucht alle und jeden übers Ohr zu hauen, zieht aber meist selbst den kürzeren. Dabei schlagen sich er und seine Gegenspieler die unglaublichsten Dialoge um die Ohren. Cugel, einer der wenigen Antihelden der Fantasy, ist so cool, dass andere Autoren seine Abenteuer fortsetzten (Michael Shea) oder sich extrem von ihm beeinflusst zeigten (etwa David Alexander).

Später folgten weitere Bände: „Cugel’s Saga“ (1983) und „Rhialto the Marvellous“(1984) setzten in punkto bizarrer Vorkommnisse noch einen drauf.6950865010_305b386df1[1]

JVs zweiter großer Beitrag zur Fantasy ist die „Lyonesse“-Trilogie. Sie spielt in arthurischer Zeit auf einer mythischen Inselgruppe im Golf von Biskaya, um deren Herrschaft ein erbitterter Kampf ausgetragen wird. Beginnend mit „Suldrun’s Garden“ (1983) bieten die voluminösen Bände viel Platz für Subplots mit Kämpfen, Diplomatie und Magie. Alles ist in Vances maniriert ironischem Stil gehalten, mit gestelzten Dialogen, altertümlichen Redewendungen und einer ornamental barocken Handlung, die den Leser in eine exotische Traumwelt versetzen. Diese Trilogie hebt sich wohltuend von der Massenware typischer Mehrbänder ab und kann mit Recht als Highlight moderner Fantasy bezeichnet werden.

Ab 1957 erschienen von JV eine Reihe von Kriminalromanen, die durchaus erfolgreich waren. Diese wurden unter seinem richtigen Namen John Holbrook Vance wie auch unter den Pseudonymen Ellery Queen, Peter Held oder Alan Wade veröffentlicht.10857[1] 1960 gewann „The Man in the Cage“ den Edgar-Award und wurde verfilmt. Ebenfalls verfilmt wurde „Bad Ronald“ (1973). Neben diesen Titeln ragen die beiden Romane um Sheriff Joe Bain, „The Fox Valley Murders“ (1966) und “The Pleasant Grove Murders (1967) aus seinen 11 Krimis heraus.

Dass JV den Mysteries zugetan war, beweisen auch die vielen Kriminalfälle innerhalb seiner SF-Zyklen. Mit Magnus Ridolph und Miro Hetzel hat er auch zwei Detektive am Start, die in zwei Storybänden interstellare Finstermänner jagen.

Ab den neunziger Jahren wandte sich JV wieder verstärkt der SF zu. Seine letzten Romane „Night Lamp“ (1995), „Ports of Call“ (1997) und „Lurulu“ (2004) handeln wieder von jugendlichen Protagonisten auf Identitätssuche in einem Kosmos voller Fremdartigkeiten.

 

Stil

Stilistisch ist JV einmalig. Schon nach ein paar Sätzen kann ihn der geübte Leser erkennen. Sein Wortreichtum ist unübertroffen, die Lektüre seiner Texte ein sinnliches Erlebnis. Er brennt ein Feuerwerk an detaillierten Beschreibungen ab, die alle Sinne des Lesers in Alarmbereitschaft versetzen.

Die typischen SF-Szenarien – Zukunftsmodelle, Zeitreisen, Raumschlachten, Roboter, Invasion der Erde o. ä. interessierten ihn nicht. Raumschiffe dienen nur zum Transport von A nach B, und wenn, dann bevorzugt im Raumsegler – oder planetar – auf dem Luftfloß.

JV war ein „Bio-Autor“, mindestens drei oder vier seiner Protagonisten stehen mit den Füßen in der Erde im Wald und imitieren Bäume. Seine Stärke ist die Schilderung fremder Kulturen, derer bizarren Sitten und Gebräuche, ein galakto-ethnischer Kosmos voll ungezügeltem Wildwuchs. Chromblitzende Technik hat hier nichts verloren.

Die Faszination seiner Texte liegt in seinem Weltenbau, der Architektur seiner Landschaften, der internen Struktur von Fauna und Flora begründet. Häufig bedient er sich der Fußnote als Stilmittel – so erscheint ein Text natürlich viel glaubhafter (wissenschaftlicher) als durch zehn Seiten Erklärungen.

Bei diesen Techniken schimmert immer wieder der Handwerker durch und bei seinen Namen und Dialogen der Musiker. Vance, der mehrere Instrumente spielte, darunter Kornett, Ukulele und Kazoo, war Mitglied einer Jazzband und der festen Überzeugung, Prosa müsse swingen.

41hWNragepL._SX301_BO1,204,203,200_[1]Sein überaus sarkastischer, mitunter bösartiger Humor hallte jedenfalls nach. Kostprobe:

„Dort sitzt der Missetäter. Ich sah, wie er wölfisch grinsend mir den Bart abschnitt!“

Empört rief Cugel: „Er redet irr! Achtet nicht auf ihn. Ich saß hier unbeweglich wie ein Fels, während sein Bart gestutzt wurde. Das Bier hat wohl seine Sinne benebelt!“

„Unverschämtheit! Ich habe Euch mit beiden Augen gesehen!“

Im Tonfall des schuldlos Verdächtigten sagte Cugel: „Weshalb sollte ich Euch den Bart nehmen? Hat er überhaupt einen Wert?“

– „Cugel,der Schlaue“

oder:

„Bodwyn Wook? Pah! Bodwyn Wook ist ein Schanker an den Weichteilen des Fortschritts!“

– „Station Araminta“ –

oder Tanith Lees Lieblingssatz:

„I would offer congratulations were it not for this tentacle gripping my leg.”

– „Cugel’s Saga“ –

 

Rezeption

In Frankreich, Belgien und den Niederlanden ist JV ein Superstar. Schwer zu sagen, warum nicht in den USA und bei uns. Das Werk mit dem er am ehesten identifiziert wird besteht aus Kurzgeschichten – das ist abträglich. Er arbeitete seine Plots vielleicht nicht konsequent genug aus und schien bei Zyklen nach und nach die Lust zu verlieren – das kommt dem Massengeschmack gar nicht entgegen. Er verlor sich in psychedelisch gekräuselter Oberfläche anstatt ein Hauptwerk mit echtem Tiefgang zu schreiben, das die Kritiker aufmerksam gemacht hätte – da bleibt man leider Genre-Autor. Aber ist das so schlimm? „Die Popkultur hat eh gewonnen“, wie Denis Scheck einmal völlig richtig anmerkte.

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Als Kultautor hat JV einen festen Kreis von Bewunderern, die sich um sein Werk verdient gemacht haben. Er ist der unangefochtene Lieblingsautor seiner Kollegen. Bibliophile Liebhaberausgaben seiner Bücher erschienen oder erscheinen in Kleinverlagen wie Underwood/Miller (USA) und Edition Irle (Deutschland), und wohl einmalig dürfte das Projekt „Vance Integral“ sein, bei dem mehrere hundert „Fans“  als Internetgemeinschaft eine Neuausgabe seines Gesamtwerks (44 Hardcoverbände) betreuten. Unterstützt wurde das Projekt vom Milliardär und Microsoft-Mitgründer Paul Allen, der in Seattle das „Experience Hendrix“ Museeum gründete. Für Allen sind Jimi Hendrix und Jack Vance Amerikas größte Künstler der Populärkultur. Gary Gygax, der Erfinder der Rollenspiels „Dungeons & Dragons“, war ein glühender Verehrer und strickte das Magiesystem in D&D nach den vanceschen Zaubersprüchen. Sein Weltenbau diente ihm darüber hinaus als Vorbild.

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Michael Chabon, Dan Simmons, Neil Gaiman, Tad Williams, Robert Silverberg und 17 andere Autorinnen/Autoren wurden als Jugendliche von Vance verzaubert. Alle sind mit Beiträgen in der von George R. R. Martin und Gardner Dozois herausgegebenen Anthologie „Songs of the Dying Earth“(2009) vertreten. Das erste „Tribute Album“ der Pop-Literatur! Jeder von ihnen schrieb eine „Dying Earth“-Geschichte und versuchte, dem Meister so nahe wie möglich zu kommen. Und jeder erzählt dazu die Geschichte, wie er/sie zum ersten Mal mit einem Text von Jack Vance in Berührung kam. Alle können sich noch daran erinnern.

Und für alle ist Jack Vance sträflich unterbewertet. Chabon meint, hätte Italo Calvino über den „Dragon Masters“ gestanden, wäre der Text über die Grenzen des Genres bekannt geworden, während Simmons noch weiter geht: Wäre Vance in Südamerika geboren worden, hätte er als Vertreter des Magischen Realismus’ den Nobelpreis erhalten…

Wie dem auch sei, Jack Vance hat jedenfalls als einziger Autor alle Hauptpreise der Science Fiction, Fantasy und Kriminalliteratur gewonnen: Hugo Award, Nebula Award, World Fantasy Award und den Edgar Allan Poe Award.

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Jack Vance starb am 26. Mai 2013 im Alter von 96 Jahren.

Er lässt Sohn und Enkel zurück, nachdem seine Frau Norma bereits 2008 verstarb.

Jetzt ist die Welt weniger bunt.

 

Für weitere Informationen:

http://www.editionandreasirle.de

über Vance, Dick und Ballard ab ca. 1:15:00