Martin Compart


MiCs Tagebuch.FILME FÜR UNSERE ZEIT: DER FALL SERANO, Frankreich 1977. by Martin Compart
27. März 2017, 7:51 am
Filed under: Alain Delon, Film, MiCs Tagebuch | Schlagwörter: , , ,

Ich bin völlig begeistert! Was ist das für eine Chimäre von Film. Holprig ohne Ende. Von Männern für Männer mit Männern. Frauen sind nur schicke Schaustücke, die bis auf Mireille Darc alle umgebracht werden. Einzig die Audran hat einen Hauch von tiefem Dialog. Die Muti hingegen fungiert als dramaturgischer Conduit, deren Tod Delon schließlich motiviert aufs Ganze zu gehen.

Der große Mörder stellt sich am Schluss als ein ideologisch verblödeter Bulle heraus und der “gute Bulle” in dem Film weiß nicht, ob er es schaffen wird, die korrupte Elite vors Gericht zu bringen oder Lachse fischen gehen muss. Und dann die politischen Aussagen, allesamt in bedeutungsschweren Monologen: Kinski als der monströse Vertreter des Kapitalismus, der alles mit Geld regelt und es “bedauert”, wenn etwas mit Geld nicht zu regeln ist; der kleine verblödete Bulle, der das die Gesellschaftsordnung gefährdende Geschmeiß ausrotten will (wie Robespierre und Saint Just); und zum Finale dann Delon, der den Sack der Wahrheiten zumacht. Schlaf ruhig, Paris.

Jeder dieser Monologe ist absolut zutreffend und als Beschreibung unserer Gesellschaftsform noch heute vollends gültig. Für den Zuschauer im Jahre 2017, verbreitet der Film bei aller fatalistischen Hinnahme des Systems, beinahe eine Sehnsucht zurück nach jener Zeit, in der das Kapital den Kälbern noch Arbeit, Unterhaltung, Sex und sogar einmal jährlich Urlaub zubilligte. So viel Luxus will heute vom entfremdeten und völlig verdinglichten User-Konsumenten-Datenlieferanten erst einmal verdient sein.

Ich wurde immer wieder zu stehendem Szenenapplaus genötigt. Dass ausgerechnet Alain Delon “Der Fall Serrano” produzierte, ist mir angesichts seiner politisch Haltung ein Rätsel. Solches Stars hat die Kulturdiaspora Deutschland niemals hervorgebracht. Diesen Film muss man UNBEDINGT IMMER WIEDER ANSEHEN. Ich will mehr solcher Filme.

MiC



IN EIGENER SACHE by Martin Compart
25. September 2016, 10:55 pm
Filed under: Dutroux, Essen & Trinken | Schlagwörter: , , ,

Da ich immer häufiger zu anti-kapitalistischen Haltungen neige, beantrage ich hiermit die komplette Überwachung meiner Person durch den Verfassungsschutz. Gleichzeitig bitte ich um Amtshilfe durch die NSA.



WISEGUY – DIE ERSTE ARC-SERIE by Martin Compart
21. August 2016, 1:54 pm
Filed under: Drehbuch, Noir, TV, TV-Serien, WISEGUY | Schlagwörter: , , , ,

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2011 wollte NBC die Serie neu auflegen, die alles. was heutige US-Quality-Serien ausmacht, vorweg nahm: WISEGUY von Stephen J.Cannell, einem der Genies des US-Fernsehens- Bisher kam es nicht dazu.

Die Serie ist eines der bestgehüteten Geheimnisse der TV-Serien. Es gibt lediglich eine befriedigende Auswertung als DVD-Box, in Deutschland gibt es nicht mal eine DVD-Veröffentlichung. Zum Glück findet man auf Youtube einige Folgen.

Bevor ich sie zu sehen bekam, schwärmte mir bereits Max Allan Collins (im September läuft auf Cinemax eine achtteilige Serie nach seinen QUARRY-Romanen an) von ihr vor und sagte in weiser Voraussicht, dass sie das TV revolutionieren würde. Das hat dann allerdings noch über ein Jahrzehnt auf sich warten lassen – bei den Amerikanern wohlgemerkt; die Briten machen seit den 1950ern Quality-Serien, nie neue Wege bestreiten. Die Deutschen nie.

Es ist bezeichnend für die Qualität von Büchern über die „neuen Quality-Serien“, wenn WISEGUY dort nicht erwähnt wird. Das ist dann so, als würde man ein Buch über das Römische Reich verfassen, ohne die Etrusker zu erwähnen.

Steven_Cannell_3[1]WISEGUY ist bekanntlich ein Slangausdruck für Gangster. Im Mittelpunkt der Serie steht der Polizei-Held der 80er Jahre: der Undercover-Cop, der sich als Verbrecher getarnt in Gangsterkonzerne einschleicht. Anders als die MIAMI VICE-Luxusagenten ist Vinnie Terranova, hinreißend gespielt von Ken Wahl, eine wirklich bedauernswerte Existenz. Er kann nicht zwischendurch Luft schöpfen und sich erholen, sondern muss als Perspektiveagent ganz in seiner Rolle aufgehen. Selbst seine sich grämende Mutter hält ihn für einen faulen Apfel. In den ersten neun Folgen, die in Fortsetzungen die erste Geschichte erzählen, wird der durch Terranova/Wahl mit verursachte Niedergang des Atlantic-City-Boß Sonny Steelgrave (der inzwischen verstorbene Ray Sharkey in exzellenter Form) erzählt.186509942_wiseguy-tv-show-ken-wahl-7x9-photo-a5860-entertainment-[1]

Um eine wirklich wasserdichte Legende zu erhalten, musste Terranova, Agent des Organized Crime Bureau des FBI, eine achtzehnmonatige Haftstrafe absetzen, bevor ihn sein Führungsoffizier Frank McBride (Jonathan Banks, zuletzt bestechend in BREAKING BAD) auf Steelgrave ansetzt. Tatsächlich entsteht zwischen Cop und Gangster eine freundschaftliche Beziehung. Und als der Gangster auch noch Terranovas krankes Muttchen Anteil nehmend besucht, kommt es beim Undercover-Cop zum moralischen Dilemma. Während sein Führungsoffizier ihn mit äußersten Misstrauen und ohne Mitleid jederzeit verheizen würde, findet er auf der Seite seiner Opfer die eigentlichen Freunde.

Die an originellen Nebenhandlungen und Details ungeheuer einfallsreiche Serie läuft hier zur Hochform auf. Fast wird dem Zuschauer der Eindruck vermittelt, dass es im Geschäftsleben der Gangster menschlicher zugeht, als im Umgang mit staatlichen Institutionen. Und kein Zweifel gibt es darüber, dass legale wie illegale Geschäfte von Leuten gemacht werden, die Macchiavellis PRINCIPE unterm Kopfkissen liegen haben.

WISEGUY war eine subversive Serie, die immer wieder das System hinterfragte.

WISEGUY hat eins völlig neues Konzept in die Krimi-Serien gebracht: Nicht mehr in Einzelepisoden oder Doppelfolgen werden die Geschichten erzählt, sondern in Zyklen, die sich  bis zu 13 Folgen hinziehen, sogenannte „Arcs“. Das erlaubt natürlich viel größere Tiefe in der Charakterisierung der Personen und größere Komplexität der Handlung.

Damit war WISEGUY ein weiterer „Vorläufer“ der sogen. HBO-Revolution.

 

Mit MIAMI VICE und CRIME STORY gehört WISEGUY zu den besten Serien der 80er. Alle drei bieten so etwas wie eine chronologische Analyse des Organisierten Verbrechens: in CRIME STORY wurde erzählt, wie sich Anfang der 60er Jahre die Mafia in legale Geschäfte einkaufte und durch Glücksspiel (Las Vegas) und Rauschgift zu einem Wirtschaftsfaktor wurde. Die ebenfalls von Michael Mann produzierte Serie MIAMI VICE zeigte, wie  der großangelegte Rauschgifthandel der 80er Jahre illegales Kapital erwirtschaftet, das nicht mehr kontrollierbar ist. WISEGUY nun zeigte, wie sehr die US-Wirtschaft bereits vom illegalen Kapital unterwandert und korrumpiert ist und wie unmöglich es ist, im US-Kapitalismus zwischen legalen und illegalen Geschäften zu unterscheiden. Tatsächlich zeigte der 4. Zyklus über die New Yorker Textilindustrie, in dem Jerry Lewis einen ekelhaften Bekleidungsproduzenten spielte, wie durch Manipulationen Börsenkurse beeinflusst werden und bisher legale Geschäfte von Gangstern, die selbstverständlich mit Börsenfirmen auf gutem Fuß stehen, übernommen werden.

Ob internationale Waffengeschäfte, Rechtsradikalismus, Tonträgerbranche oder die mafiosen Geschäfte mit Müll – die Serie zeigt sich in der Behandlung der Themen immer auf der Höhe des Erkenntnisstandes und setzt die Realität mit leichter Hand in spannende Spielhandlung um. Indem sie diese Realitäten für TV-Serien antizipierte, war die Serie auch thematisch innovativ.

Gedreht wurde WISEGUY, bei der u.a. Les Sheldon und David Burke Regie führten, in Kanada.  Weniger verkrustete Gewerkschaftsbedingungen machen Kanada für amerikanische TV-Produzenten als Produktionsstätte immer attraktiver. In der ersten Staffel wurde Vancouver als New Jersey clever abgefilmt, später musste die Stadt als New York herhalten. Eine Riege hervorragender Schauspieler, gute Regie und Spitzendrehbücher machten die Serie zu einem Ereignis, das heute noch bestehen kann.

Für den Erfolg von WISEGUY war vor allem ein Mann zuständig: Stephen J.Cannell, der die Serie zusammen mit Frank Lupo (beide arbeiten schon länger zusammen) entwickelt hat.

Die Liste der Gaststars (Kevin Spacy hatte als Mel Profitt im 2.Arc seinen internationalen Durchbruch) gehört wohl neben MIAMI VICE zu den eindrucksvollsten:

Joe Dallesandro, Ray Sharky, Annette Bening, Joan Severance, Paul Guilfoyle, Jerry Lewis , Ron Silver., Stanley Tucci , Deborah Harry, Tim Curry, Patti D’Arbanville, Glenn Frey, Michael Chiklis, Maximilian Schell.

Literatur: Edward Gross: The Unofficial Story of the Making of a Wiseguy, Pioneer Books 1990.

 

USA 1987-90; 75×45 Min.;F.

Vinnie Terranova (1987-90) … Ken Wahl

Michael Santana (1990) … Steven Bauer

Frank McPike … Jonathan Banks

„Onkel Mike“Daniel Burroughs … Jim Byrnes

Pater Peter Terranova (1987) … Gerald Anthony

Sonny Steelgrave (1987) … Ray Sharkey

Paul Patrice (1987) … Joe Dallesandro

Sid Royce (1987) … Dennis Lipscomb

Harry Schanstra (1987) … Eric Christmas

Roger LoCocco (1988, 1990) … William Riss

Susan Profitt (1988) … Joan Severence

Mel Profitt (1988) … Kevin Spacey

Herb Ketcher (1988) … David Spielberg

Carlotta Terranova Aiuppo (1987-89) … Elsa Raven

Beckstead (1988-90) … Ken Jenkins

Eli Steinberg (1988-89) … Jerry Lewis

David Steinberg (1988-89) … Ron Silver

Carole Steinberg (1988-89) … Patricia Charbonneau

Rick Pinzolo (1988-89) … Stanley Tucci

Phil Bernstein (1988-89) … Harry Goz

Bobby Travis (1989) … Glenn Frey

Isaac Twine (1989) … Paul Winfield

Amber Twine (1989) … Patti D’Arbanville

Winston Newquay (1989) … Tim Curry

Don Rudy Aiuppo (1987-89) … George O.Petrie

Poochy Pompio (1987-89) … Tony Romano

Grosset (1989) … John Snyder

Mark Vochek (1990) … Steve Ryan

Rogosheke (1990) … James Stacy

Lecey (1990) … Darlanne Fluegel

Amado Guzman (1990) … Maximilian Schell

Rafael Santana (1990) … Manolo Villaverde

DIE WISEGUY-PAGE:

http://www.sluiterdesign.com/wiseguy/index.html

 

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PETER GUNN – DER ERSTE NOIR DETEKTIV by Martin Compart

Bevor Blake Edwards als Komödienregisseur (PINK PANTHER) und Ehemann von Julie Andrews berühmt wurde, war er Krimiexperte bei Funk und Fernsehen und einer der einflußreichsten TV-Produzenten der späten 50er Jahre. Für Dick Powell erfand er die Radio-Serie RICHARD DIAMOND, in deren TV-Adaption David Janssen von 1957 bis 1960 erstmals als Protagonist einer Serie auftauchte. Edwards Reputation war bestens, als er dem Produzenten Don Sharpe das Konzept der Privatdetektivserie PETER GUNN vorlegte. Es brach mit der Tradition, Serien aus anderen Medien wie Buch oder Radio zu übernehmen.

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Peter Gunn, gespielt von Craig Stevens, war nicht mehr der Trenchcoat-Privatdetektiv à la Humphrey Bogart, der die Medien in den 40er- und 50er Jahren beherrschte. Natürlich war er knallhart, aber er war auch elegant und hatte formvollendete Manieren. Er war eher ein Söldner, den man anheuern konnte. Meistens traf man ihn in der Jazzbar Mothers, wo seine Freundin Edie als Sängerin coole Weisen ins Mikrofon hauchte, Gunn ein herzliches Verhältnis mit der Inhaberin pflegte, und der unvermeidbare Polizeifreund Lt.Jacoby nicht weit war.

Der Bruch mit dem Schmuddelimage der früheren Privatdetektive war damals etwas radikales. Es bereitete den Weg für Warner Brothers Edelangestellte in 77 SUNSET STRIP, BOURBON STREET, HAWAIIAN EYE oder SURFSIDE SIX. Gunn stand nicht in der Tradition von Chandler oder Spillane, sondern orientierte sich an den Nachkriegsdetektiven aus den Romanen von Henry Kane, Robert Lee Martin, Richard S.Prather oder Bart Spicer. Für das Fernsehen, das anderen medialen Entwicklungen immer hinterher hinkitw, war er keine echte 50er-Jahre-Figur mehr. Die Beatnik-Noir-Stimmung und die Coolness der Hauptfigur weisen in die 60er Jahre voraus auf sophisticated Helden wie James Bond, John Steed und die UNCLE- und KOBRA-Agenten.

PETER GUNN war von der Anlage konsequent auf die damaligen Möglichkeiten des Fernsehens zugeschnitten. Da Farbe zu teuer war, nutzte Edwards die Besonderheiten von Schwarzweiß, sprich eine Noir-Ästhetik, die im Medium innovativ war.

gunn[1]Da man kein Geld für teure Tagesdreharbeiten on location ausgeben konnte, filmte man nachts und meistens im Studiogelände, wo Kamerawinkel und ausgeklügelte Beleuchtung die altbekannten Kulissen in neue Noir-Perspektiven tauchten. Lange, unwirkliche Schatten, die nächtliche Atmosphäre unterlegt mit Jazz, machten Gunns Los Angeles zum mythischen Ort, zur ultimativen Noir-City des Fernsehens. Ähnlich wie dreißig Jahre später Michael Mann bei MIAMI VICE (der von PETER GUNN einiges gelernt haben dürfte; etwa das Nässen nächtlicher Strassen) schuf Edwards einen neuen, originären Stil, der den Inhalten entsprach.

Nichts überließ er dem Zufall. Selbst Hauptdarsteller Stevens wurde für die Edwardsche Vision maßgeschneidert: „Blake schleppte mich zum Friseur und erfand eine neue Frisur: den Bürstenhaarschnitt mit Scheitel, der als Peter Gunn-Haircut berühmt wurde und noch während der ersten Season überall in den USA in Mode kam. Dann ging er mit mir zu seinem Schneider und ließ Anzüge für mich machen. Wegen der Action-Szenen brauchten wir eine Menge Anzüge; irgendwann hatte ich etwa 380 im Schrank hängen. Alles war Blakes Vision. Als Kontrast zu den vielen miesen Typen, musste Gunn immer smart gekleidet sein und einen klaren, scharfen look haben.“

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Bizarre Charaktere und die alptraumhafte Ausleuchtung des Sets gaben der Serie etwas irreales. Sie spielt in einer fast symbolistischen Welt, in der es immer dunkel ist. Um Kosten zu sparen gab es keine Massenszenen und keine Verfolgungsjagden mit mehr als zwei Autos, die durch ausgestorbene Straßen rasten. Bei einem weniger stilsicheren Produzenten hätte all das billig ausgesehen, was Blake Edwards zum PETER GUNN-Touch stilisierte. Der TV-Historiker Ric Meyers: „Der Höhepunkt dieses speziellen Stils war die Episode THE HUNT von 1960, in der Gunn einen Kontraktkiller jagt. Nach der Exposition gibt es keine Dialoge mehr. Nur noch Scwarzweiß-Schemen, Stevens unnachahmliche Darstellung, Mancinis Musik und Edwards Kontrolle.“ Alles sehr impressionistisch, sehr mitreißend und vor allem sehr kostengünstig.

Ebenso wie bei MIAMI VICE war die Musik ein stilprägendes Element. Henry Mancini, den Edwards von Universal her kannte, schrieb die bis heute populäre Titelmusik. Die beiden Langspielplatten mit den Soundtrack der Serie hielten sich drei Jahre in den Charts (eine weitere Parallele zu VICE). Das PETER GUNN-Thema wurde zum Klassiker und Mancini reihte sich in die Unsterblichen der TV-Musik ein, auf demselben Level wie Lalo Schiffrin (MISSION IMPOSSIBLE), Ron Grainer (PRISONER, MAN IN A SUITCASE), LAURIE JOHNSON (AVENGERS) oder Earl Hagen (HARLEM NOCTURNE, I SPY). Bis heute gehört es zum Standard jeder gitarrenlastigen Beatkapelle; die wildesten Interpretation stammen aber nach wie vor von Remo Four und Mick Ronson, dem zu früh verstorbenen Gitarristen von David Bowie und Ian Hunter (Mott the Hoople).

Edwards Erfahrung mit Hörspielserien half ihm dabei, in kürzester Zeit Stories zu entwickeln. PETER GUNN-Episoden waren nur 25 Minuten lang, ein Format, das bis Mitte der 6oer Jahre auch bei Krimis sehr beliebt war, aber selten komplexe Geschichten ermöglichte. Es wird heute nur noch für Comedys oder Soaps genutzt. Edwards, der die meisten Drehbücher der ersten Season schrieb und alle überwachte, beherrschte das Kurzformat meisterhaft und fand für jede noch so banale Story den Rhytmus, der daraus eine PETER GUNN-Episode mit ihrem besonderen Stil machte.

Don Sharpe finanzierte die Pilot-Folge THE KILL, bei der Edwards Regie führte. Als er sie den Sponsoren präsentierte, war die Serie sofort verkauft. Edwards und Sharpe gründeten die Produktionsfirma Spartan Productions und behielten alle Rechte an der Serie, da sie nicht mit einem Sender, sondern dem Sponsor Bristol-Myers direkt abgeschlossen hatten. Damals kauften Sponsoren häufig eine Stunde Sendezeit, die sie dann mit einem Programm ihrer Vorstellung füllten. Dieser größere Einfluss der Sponsoren auf das Programm eines Senders wirkte sich oft positiv aus, da sie Fachleute beschäftigten, die ihr Metier kannten, und sich nicht von den Programmchefs deren Vorlieben oder Interessen vorschreiben ließen. Die Sender beendeten zu jener Zeit diese Praxis und PETER GUNN war die letzte unabhängige Serie für lange Zeit.

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Zu den GUNN-Regisseure gehörten u.a. Lamont Johnson, Jack Arnold, Boris Sagal und Robert Altman. Bis auf die letzte Season wurden alle Folgen durch NBC ausgestrahlt, dann durch ABC.

Eine Folge von Altman-

Ein Unikum in der Seriengeschichte war das Ende. Steven erinnerte sich: „Ende 1961 kam Edwards zu mir und sagte, er wolle künftig nur noch Kino machen und könne die Show nicht weiter betreuen. Er habe aber auch keine Lust, die Kontrolle aufzugeben um zu erleben, dass die Serie schlechter produziert würde. Natürlich war er der Meinung, außer ihm selbst könne niemand das Niveau garantieren. Also wolle er auf dem Höhepunkt aufhören, die Serie beenden. PETER GUNN wurde nie abgesetzt. Edwards machte einfach Schluss. Natürlich waren Sponsoren, Sender und Zuschauer stinksauer. Wir waren so etwas wie die erste echte Kultserie.

gunn-poter[1]Zehn Jahre lang versuchte man eine Wiederaufnahme zu erreichen.“  Was erreicht wurde, war 1967 ein Kinofilm, der aber eher ein buntes Pop-Spektakel wurde, als ein Noir-Film mit dem Feeling der Fernsehserie. GUNN – ohne Peter – war einer der ersten Kinofilme nach einer erfolgreichen Fernsehserie und auch damit seiner Zeit voraus. Co-Autor William Peter Blatty, der später den Welterfolg EXORZIST schrieb, orientierte sich mehr an Mickey Spillane als an der Fernsehserie. 1989 wurde nochmals ein Wiederbelebungsversuch unternommen: in einem TV-Movie von Edwards, das 1964 spielte, übernahm Peter Strauss die Titelrolle in dem mittelmäßigen Film.

Der Erfolg der Serie in ihrer Zeit brachte reichlich Nachahmer hervorgebracht: John Cassavetes spielte in JOHNNY STACCATO einen Jazzpianisten, der im Greenwich Village Club Waldos seine Fälle erhält. Blake Edwards selbst (wieder mit der Musik von Henry Mancini) produzierte mit Regisseur Jack Arnold 1959 noch MR.LUCKY mit John Vivyan als Zocker. Mike „Mannix“ Connors gab sein Seriendebut in TIGHTROPE und Edmond O’Brian spielte JOHNNY MIDNIGHT, während Rod Taylor in HONG KONG die dortigen Nachtklubs unsicher machte. Schließlich konzipierte Edwards auch noch die Bar DANTE’S INFERNO, in der Howard Duff den Besitzer mimte und Rick Jason spielte einen coolen, gut gekleideten Versicherungsdetektiv in THE CASE OF THE DANGEROUS ROBIN.  Der Topos des Privatdetektivs, der in einer Bar rumhängt, wurde erstmals 1941 von Norbert Davis in seinen Max Latin-Stories für Dime Detective präsentiert.

Es gab Dutzende von Serien, die Stil, Haltung oder Konzept von PETER GUNN kopierten. Sie haben alle auch heute noch ihre besenharten Fans, aber jeder von ihnen gibt zu, dass PETER GUNN das Original war, das die coolen, schicken Detektive der 6oer Jahre startete, die in einer Welt agierten, die manchmal so bizarr wie ein BATMAN-Comic von Bob Kane war und Musik und Kamera die zweite Hauptrolle spielten.

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Comics: Four Colour Comics No.1087.

Roman: Henry Kane: Peter Gunn, Dell 1960.

USA 1958-61;114×25 Min;SW.

Peter Gunn … Craig Stevens

Edie Hart … Lola Albright

Lt.*Jacoby … Herschel Bernardi

„Mother“ (1958-59) … Hope Emerson

„Mother“ (1959-61) … Minerva Urecal

Die Serie wurde in den  1990ern eingefärbt, um sie besser vermarkten zu können. Wer sich diese Version ansieht, kann nur mit Colonel Kurtz stöhnen: „Das Grauen, das Grauen.“

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FREEZE – MIAMI VICE by Martin Compart
15. Juli 2016, 8:43 am
Filed under: Film, Miami Vice, Porträt, TV-Serien | Schlagwörter: , , , , , ,

Momentan wird MIAMI VICE auf irgendeinem Kabelkanalsender wiederholt. Das ist gut so. Zum Glück wird die Serie ja häufiger wiederholt und ist auch als DVD-Box erhältlich.  Beim reinzappen bin ich wieder hängen geblieben und habe mir dann die Boxen rausgesucht um gezielt einige Episoden anzusehen. Der Tag war gelaufen. Der alte Serien-Klassiker, der mit HILL STREET BLUES zu Beginn der 1980er ein neues TV-Serien-Bewusstseins einläutete, funktioniert für mich noch immer. Grund genug, ihn hier mal zu würdigen. Von MIAMI VICE führt eine direkte Entwicklung zu THE WIRE,  SOPRANOS, GOMORRHA oder THE AMERICANS usw., ja sogar zu GAME OF THRONES. Diese Serie wurde 1984 gestartet – fast zeitgleich mit LINDENSTRASSE; von der LINDENSTRASSE führt eine direkte Entwicklung über den immer schlechteren TATORT zu MORD MIT AUSSICHT. Angesichts der Bildungskrüppel in den deutschen Sendern wird ein MIAMI VICE nie möglich sein. Oh, Gott! Wenn mal irgendein intelligenter Mensch für Werbeetats zuständig sein wird, können die deutschen Privatsender einpacken. Die öffentlich-rechtlichen Sender müssen sich keine Sorgen machen, solange die Korruption des Parteiensystems  aufrecht erhalten bleiben. Aber auch da bröckelt es an Zustimmung.

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Keine andere TV-Serie prägte und reflektierte die 80er Jahre stärker als MIAMI VICE, die eine Hysterie auslöste, wie man ihn seit SOLO FÜR ONCEL nicht mehr gesehen hatte. Ästhetisch war sie ebenfalls die einflußreichste Serie des Jahrzehnts.

Sonny Crockett ist ein Undercover-Cop, der auf einem Segelboot namens St.Vitus Dance mit dem Alligator Elvis lebt. Zusammen mit den Mitgliedern der Vice-Squad geht er Verbrechen nach, die nicht immer mit Rauschgift zu tun haben. Anstoß zur Serie gab der damalige NBC-Programmdirektor Brandon Tartikoff, der nach einer Serie mit „MTV-Cops“ verlangte. Michael Mann bearbeitete das Skript GOLD COAST von Anthony Yerkovich und formte daraus die Serie MIAMI VICE. Neonfarben und der ungewöhnliche Einsatz von Musik und aktuellen Hits (einen Großteil des Millionenbudgets pro Folge verbrauchte Jan Hemmer als Verantwortlicher für den Soundtrack für Lizenzgebühren). Die ohnehin nicht gerade optimistische Serie wurde ab der dritten Staffel auch farbästhetisch düsterer. Der weltweite Erfolg ließ in der Serie mehr prominente Gaststars (darunter auffallend viele Musiker) auftreten, als man dies zuvor bei einer TV-Serie erlebt hatte. Darunter: Ed O’Neill, Burt Young, Glenn Frey, Martin Balsam, Miles Davis, Ted Nugent, Leonard Cohen, G.Gordon Liddy, Willie Nelson, Wesley Snipes, Liam Neeson, Meg Foster, Brian Dennehy, Issac Hayes, Sheena Easton, Frank Zappa, Iman, James Brown, Lisa Marie Presley, Julia Roberts, Bruce Willis, John Turturro, Little Richard, Eartha Kitt, Don King, Robert Duran, Lee Iacocca, Phil Collins, John Heard, Lisa Eichhorn, Bianca Jagger, Helena Bonham Carter, Melanie Griffith u.v.m.

Zu den Regisseuren gehörten: Abel Ferrara, Rob Iscove, Michelle Manning,Paul Krasny, Don Johnson, John Nicolella, Leon Ichaso, Rob Cohen, David Anspaugh, Richard Colla.

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Als 1986 bei uns die ersten Folgen MIAMI VICE ausgestrahlt wurden, jaulte die bundesdeutsche Kulturschickeria vor Wut auf. „Video-Clip-Ästhetik“, „Unrealistisch“ und „Machogehabe“ waren einige der zahlreichen Vorwürfe gegen die Serie, die wie wenige andere neue Maßstäbe setzte. Die Verantwortlichen der ARD taten noch ein übriges, um ihren potentiellen Hit kaputt zu machen: sie schnippelten in den aggressiven Kamerafahrten herum, hielten sich nicht an die Chronologie und verbannten die Serie auf dem Höhepunkt ihrer Popularität erst mal ein paar Jahre aus dem Programm. Man fragte sich, was wohl in den Köpfen der ARD-Programmplaner vor sich ging: nicht viel, wahrscheinlich.

MIAMI VICE revolutionierte mit seinen filmischen Qualitäten, seiner ausgefuchsten Farbdramaturgie und dem raffinierten Einsatz von Rock-Musik das Medium Fernsehserie formal und bisher unübertroffen. Inhaltlich war die Serie ebenfalls radikal: als direkte Opposition der Reagan-Ära ging sie von der Prämisse aus, daß das Verbrechen längst gewonnen hat und das die Grenzen zwischen illegalem und legalem Kapital, zwischen Wall Street und Medellin-Kartell fließend sind – soweit sie überhaupt existieren. In einer Welt, die dank des völlig befreiten Raubtierkapitalismus am Abgrund wandelt, konnten selbst die moralisch gefestigten Vice-Heroen nur noch Symptome bekämpfen. Sonny Crockett, der Kleinstädter mit den down-to-earth-Tugenden und der intellektuelle Ostküstengroßstädter Ricardo Tubbs erlebten immer aufs neue ihre Frustrationen mit staatlichen Organisationen, von FBI bis CIA, die aus paranoider Machtgier ganz im Sinne der politischen Führung Drogenhändler deckten oder demokratische Strukturen demontierten.

1989 war in den USA die letzte Klappe gefallen. Das Ende kam auf dem künstlerischen Höhepunkt der Serie, die wie keine andere zeigte, wie erbärmlich doch der American Way of Life sein kann. Michael Mann, der ständig Ärger wegen der Budgetüberziehungen hatte, beschloß, daß die 5.Staffel die letzte sein sollte.

Die Metamorphosen der Serie lassen sich besonders gut an den beiden Hauptrollen festmachen: 1984, am Anfang der Serie, war Sonny Crockett noch gut drauf. Er war glücklich verheiratet und liebte seinen Sohn – auch wenn es wegen seines Jobs erheblich in der Ehe kriselte. Aber das Verbrechen schien nicht unüberwindbar, und Crockett und Tubbs strahlten Optimismus aus. Dann wurde ihr Chef erschossen und Sonny geschieden. Die Welt erschien nicht mehr ganz so rosig, aber man schaffte es, einem Supergangster wie Calderone das Handwerk zu legen. Aber statt einzelner Supergangster, tauchten immer mehr unkontrollierbare Kleingangster in Miami auf, die proportional zum Anstieg des Drogenkonsums das Geschäft brutalisierten. Einen ernsthaften Schlag gegen ihren Optimismus erhielten die Beiden zu Beginn der 2.Season in der Doppelfolge PRODIGAL SON: Eine blutige Drogenspur führte von Bolivien bis in die Wall Street, wo sich ein anerkannter Banker als unangreifbarer Drahtzieher entpuppte. Drogengeschäfte waren in Ordnung, wenn sie auf höchster Ebene im großen Stil abgezogen wurden; die Quintessenz der Reagenomics. Von nun an wurde es immer düsterer in der Serie und auch im Team der Vice Squad, das so etwas wie eine moralische Insel innerhalb einer tobsüchtigen, gierigen Welt darstellte. Erst scheiterte Sonnys Beziehung mit Kollegin Gina, dann wurde Polizist Zito von Gangstern umgelegt. In der 4.Season schien für Crockett das Glück zu lachen: Er verliebte sich in den Pop-Star Katelin (Sheenah Easton) und heiratete. Der Versuch, Sonnys schmutzige Welt der Straße und den Glamour des Showbizz harmonisch zu vereinbaren, mußte scheitern. Man sah es Sonny manchmal an, daß er ahnte, daß das nicht gutgehen würde. Das Glück konnte nur von kurzer Dauer sein. Es gab die erwarteten Spannungen, wenn Sonny von einem Einsatz kam und den Schmutz der Straße in die wohlige Glamourhöhle seiner Frau schleppte. Aber bevor sie sich endgültig trennen konnten, ermordeten Gangster Mrs.Crockett – um damit Sonny zu treffen. Davon erholte sich der Junge nie mehr. Zu allem Überfluß verlor er bei einer Explosion auch noch das Gedächtnis. Nun brach der ganze Wahnsinn seiner Doppelexistenz als Polizist und Undercoveragent durch: Crockett hielt sich für Burnett, sein Alter Ego als Drogenhändler. Mit Blitzgeschwindigkeit stieg er in der Hierachie der Drogenhändler auf. Er ging über Leichen und sah sich selbst als harter Geschäftsmann, der in einem harten Business genau das lieferte, was große Teile der Gesellschaft verlangten. Ironie des Schicksals: Als Gangboß schien Sonny viel effektiver in der konkurrierenden Unterwelt aufzuräumen. Einmal versuchte er sogar Tubbs zu töten; das  sollte ihre Freundschaft für immer belasten.

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NEWS: LANSDALE SUPERSTAR by Martin Compart
4. Juni 2016, 3:15 pm
Filed under: Film, NEWS, Noir, TV-Serien | Schlagwörter: , , , , ,

Gerade – endlich – COLD IN JULY gesehen und den TRAILER des ersten HAP & LEONARD-Sechsteilers. Einer der überfälligen Noir-Stars kommt jetzt langsam zu seiner überfälligen Bedeutung. Die ekelige deutsche Editionsgeschichte von Lansdale erzähle ich gelegentlich in meiner Autobiographie auf Facebook. Er ist wie wenig andere Autoren durch die Verlage gereicht worden und scheint erst jetzt wirklich gepflegt zu werden, Was man sich keinesfalls entgehen lassen sollte, sind die aktuellen Audi visuellen Umsetzungen:

Und wieder mal heißt es: Deutsches Fernsehen, stell endlich Deine Crime-Fiction ein. Ein Minderheitsprogramm für geistig Behinderte (auch wenn die Schäuble-Tochter Chefin der Degeto ist), berechtigt nicht diese Ausgaben in Milliardenhöhe. Gebt das Geld lieber für sinnvolle Telekollegs aus /wie z,Bsp.mit Messer und Gabel zu essen oder wie erhöhe ich meinen restringierten Wortschatz auf 215 Worte- wie im HEUTE JOURNAL).



DAS CHARLES BRONSON-SPECIAL by Martin Compart
23. März 2016, 3:23 pm
Filed under: CHARLES BRONSON, Film, Porträt | Schlagwörter: , , , ,

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Oliver Nödings beeindruckender Filmblog https://funkhundd.wordpress.com/ ist hier schon mehrfach gewürdigt worden. Mir fiel auf, dass er jede Menge Charles Bronson-Filme besprochen hat (nachzuschlagen unter; https://funkhundd.wordpress.com/tag/charles-bronson/ . Anlass genug, um mit ihm ein kleines CHARLES BRONSON-SPECIAL zu machen.

 

10954709_1[1]MC: Für mich war Bronson ein Held meiner Jugend, für den ich ins Kino gegangen bin. Deine Generation dürfte ihn völlig anders wahrgenommen haben. Wie bist Du auf Bronson gestoßen?

ON: Stimmt, im Kino habe ich Bronson leider nicht mehr bzw. noch nicht erleben dürfen. Ich glaube, meine Erstbegegnung mit ihm hat via einer VHS-Fernsehaufnahme meiner Eltern von DAS GESETZ BIN ICH stattgefunden, noch immer einer meiner Lieblingsfilme von ihm, vielleicht sogar mein allerliebster. Ich war wahrscheinlich noch im Grundschulalter, aber dieser Typ hat mir sofort imponiert, mit seinem wettergegerbten Gesicht, den zugekniffenen, kaum wahrnehmbaren Augen, dem fransigen Schnurrbart, dem Jeanslook und der Schiebermütze. Dass er sich nichts gefallen ließ, aber auch kein großes Aufheben um seine Überlegenheit machte. Sehr geliebt habe ich als Kind auch Terence Youngs RIVALEN UNTER ROTER SONNE, wobei das nicht allein an Bronson, sondern vor allem an der Verbindung zunächst anscheinend unvereinbarer Elemente lag, die man als Kind einfach lieben musste: Cowboys und Samurai. Später waren dann vor allem seine Cannon-Filme wichtig für mich, die seinerzeit immer auf RTL liefen, etwa DER RÄCHER VON BROOKLYN, DEATH WISH 4 – DAS WEISSE IM AUGE und MURPHY’S GESETZ.villa-rides-charles-bronson-1968[1]

Wie siehst Du die Kinofigur Bronson? Was verkörpert sie für Dich? Für uns war er damals so eine Art entwurzelter working-class-hero mit einem Hang zum anarchischen (KALTER HAUCH) oder Spießertum (KALTER SCHWEISS).

Bronson verkörpert für mich eine fast steinzeithafte Urwüchsigkeit. In seinen besten Filmen wirkt er so, als wäre er immer schon dagewesen, hätte sich irgendwann einfach aus dem Urschlamm erhoben oder aus einem Felsen herausgeschält. Er existiert außerhalb der schnöden menschlichen Gesellschaft und man weiß nicht genau, wie alt er eigentlich ist. Am besten sieht man das wahrscheinlich in Leones SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD, in dem er ja fast eine Art Geist ist, noch nicht einmal einen echten Namen trägt, aber auch in den späten DEATH WISH-Sequels, in denen er so unverwundbar wie ein Terminator oder ein Zombie durch die Kulissen walzt, eine Urgewalt. Deswegen weiß ich nicht, ob Working-Class-Hero für mich so passend ist, auch wenn Bronson von ganz unten kam und vom Typ her ein Arbeiter ist. Aber selbst wenn er arbeitet, als Melonenbauer oder als Polizist, kann man sich nur schwer vorstellen, dass er mit Kollegen übers Wetter redet oder Toilettenpapier im Supermarkt kauft. Als Repräsentant funktioniert er auch nur bedingt, dazu ist er zu sehr Einzelgänger. Und Anarchie impliziert für mich auch immer so etwas wie eine gezielte Gegnerschaft, die Entscheidung, das bestehende System aktiv abzulehnen. Mir scheint Bronsons Persona aber immer viel zu desinteressiert an so etwas. Er will eigentlich am liebsten seine Ruhe haben, möglichst wenig mit anderen interagieren. Er steht über schnöder Politik. Es gibt natürlich Ausnahmen in seiner Filmografie, vor allem in den Sechzigern, als er noch Nebendarsteller war und immer so etwas wie den einfach gestrickten, aber freundlichen Klotz spielte, DIE GLORREICHEN SIEBEN oder GESPRENGTE KETTEN wären da die Idealbeispiele. Später hat er dann ja auch ein paar Versuche unternommen, den klassischen Leading Man zu geben, meist an der Seite von Jill Ireland. Naja, und seine wahrscheinlich berühmteste Figur, Paul Kersey, ist ein typischer Konservativer aus dem gehobenen Mittelstand, der fällt auch eher raus.

Mit anarchisch ist „herrschaftslos“ gemeint, nicht die politische Strategie um Herrschaftslosigkeit (Anarchie) zu erreichen. Charlie erweckt für mich immer den Eindruck, dass er keine Autorität akzeptiert, dass er herrschaftslos und autark ist.

CharlesBronson_1[1]Kannst Du filmhistorisch irgendwelche Vorläufer ausmachen? Mir fällt spontan nur John Garfield ein. Und siehst Du Nachfolger, was die Art der Figuren angeht und die Art, wie er sie angelegt hat?

Ich fürchte, um Vorgänger zu benennen, kenne ich mich gerade im Noir noch nicht gut genug aus. Wahrscheinlich könnte man als Vorläufer auch Leute wie Cagney, Edward G. Robinson, Ralph Meeker, Paul Muni oder Robert Mitchum heranziehen, Schauspieler, die auch nicht im klassischen Sinne attraktiv waren und meist hemdsärmelige Typen spielten, die sich nicht gerne hereinreden ließen. Aber Bronson war noch von ganz anderem Kaliber, eigentlich noch weniger Schauspieler als die genannten (was nicht abwertend gemeint ist). Was seine schiere Präsenz angeht, würde ich vielleicht tatsächlich John Wayne als Vergleich nennen wollen. Der wirkte zwar anders, spielte auch andere Rollen, aber er hatte wie Bronson die Gabe, allein durch seine Anwesenheit sofort im Zentrum des Geschehens zu stehen und dabei eine ungeheure Autorität auszustrahlen. Und wahrscheinlich ist auch Steve McQueen ein „Verwandter“, auch wenn der zu seiner Hochphase zu Rollen tendierte, die stärker sophisticated waren. Dieser Stoizismus von Bronson ist heute ja eine der klischierten Eigenschaften des Actionhelden, aber die wenigsten erlauben es sich, so dermaßen auf ihre Außenwirkung zu scheißen, wie Bronson das getan hat. Es geht dann ja doch immer darum, bei aller Coolness auch noch gut auszusehen. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass der heutige Hollywoodstar eine ganze Ecke jünger ist, als es Bronson war, und einen ganz anderen Hintergrund hat. Diese welterfahrenen Charakterfressen von einst, die Bronsons, Marvins, Ryans, Holdens oder Coburns, sucht man unter den Leading Men von heute ja ganz und gar vergebens. Aber vielleicht ist jemand wie Kurt Russell heute so eine Art Äquivalent. Ein Typ, der nichts mehr zu verlieren hat, zu alt für die attraktiven Helden ist, aber den weitgereisten Veteran verkörpert, den nichts mehr erschrecken kann, weil er alles schon gesehen hat.

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Wie würdest Du mit einem Satz die Quintessenz von Bronson beschreiben?

Er ist das totale Ruhen in sich selbst, uneingeschränktes, reueloses Selbstvertrauen, das niemals zurückschaut.

Was sind seine Stärken und was sind seine Schwächen?

Seine Stärken sind, wie oben schon erwähnt, seine körperliche Präsenz, die Gabe mit wenig enorm viel zu erreichen. Dieses unglaubliche Lächeln. Dass es ihm meist gelungen ist, auch dem härtesten Hund noch Menschlichkeit zu verleihen. Ich liebe auch seine Stimme, die eine gewisse Verwundbarkeit offenbart, selbst wenn sein Körper noch so stählern erscheint. Charles-Bronson[1]Seine größte Schwäche war gewiss sein Desinteresse daran, so eine Art Karriereplan zu erstellen, stärker auf die Bedürfnisse seines Publikums einzugehen, sein Profil aktiv zu schärfen und zu konturieren. Was er aus dem Erfolg gemacht hat, dem er so lange hinterhergejagt ist, ist schon ein bisschen enttäuschend. Seine Filmauswahl nach EIN MANN SIEHT ROT ist unter künstlerisch-ökonomischen Gesichtspunkten gelinde gesagt eine Katastrophe: DER MANN OHNE NERVEN, NEVADA PASS, TAG DER ABRECHNUNG, ZWISCHEN ZWÖLF UND DREI, DER WEISSE BÜFFEL, EIN MANN RÄUMT AUF und DER SCHATZ VON CABOBLANCO sind für sich genommen schon in Ordnung (mal mehr, mal weniger), aber in diese Anhäufung eben nicht für einen der größten Stars Hollywoods. Gott sei Dank fallen in diese Zeit auch Walter Hills Regiedebüt EIN STAHLHARTER MANN und Don Siegels TELEFON, sonst sähe sie noch deutlich trostloser aus. Ich vermute, die Schauspielerei war für ihn nur ein Mittel zum Zweck, nichts woran er allzu viele Gedanken verschwendete, und ich glaube, er hielt sich auch nicht unbedingt für einen Künstler. Vielleicht ermöglichte ihm diese Haltung aber überhaupt erst, so überaus souverän und entspannt zu agieren.

magnificent-seven-bronson-280[1]Mit einigen Regisseuren hat er häufiger zusammen gearbeitet (Winner, Thompson). Welchen Stellenwert haben diese Kollaborationen in Bronsons Karriere?

Winners frühe Bronson-Filme – CHATOS LAND, EIN MANN SIEHT ROT, KALTER HAUCH – sind unantastbar und immens wichtig für die Ausprägung von Bronsons Image als Actionstar. Sein Output in den Achtzigern, für den vor allem die beiden genannten Regisseure zuständig waren, knüpft ohne Zweifel an diese Filme an. Wahrscheinlich ging es Bronson zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere nur noch darum, Geld zu verdienen. Soweit ich weiß, hat er die für die Cannon produzierten Actionfilme gehasst. Was nicht heißt, dass sie schlecht sind, aber es handelt sich meist um Genreproduktionen, in denen Bronson auf Autopilot agieren konnte, weil seine Kersey-Persona als konservativer Rächer mittlerweile in Stein gemeißelt war. Leider ist es wohl so, dass diese Filme das Bronson-Bild gerade meiner Generation entscheidend geprägt haben. Bronson, das ist für viele eben der grimmige Rächer günstiger Actionfilme, der mit eingefrorenen Gesichtszügen durch die Straßen läuft und humorlos Punks und Gesindel niedermäht. Nicht falsch verstehen, ich liebe DER RÄCHER VON BROOKLYN, halte ihn für einen bis heute eigentlich unerreichten Bastard und für einen großen Wurf Winners, und mag auch andere Filme aus Bronsons Cannon-Phase, aber vermutlich sind es diese Filme aus dem Herbst seiner Laufbahn, die verhindert haben, dass Bronson heute mit den ganz Großen seiner Zunft in einem Atemzug genannt, stattdessen eher belächelt wird. Da sind wir dann wieder bei den Schwächen: Es hat ihn nicht besonders interessiert, sein Erbe zu verwalten.

10 Lieblings-Bronsons:

Zehn Lieblinge zu benennen ist schwierig und würde ich morgen gefragt, würde ich vielleicht andere Titel nennen: EIN MANN GEHT ÜBER LEICHEN, RIVALEN UNTER ROTER SONNE, DER MANN OHNE NERVEN, TELEFON, YUKON, KINJITE oder sein Spätwerk INDIAN RUNNER sind eigentlich auch Listenkandidaten. SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD müsste eigentlich auch rein, aber das ist für mich nicht in erster Linie ein Bronson-Film. Eine Rangliste habe ich mir gespart, dafür habe ich die Titel chronologisch sortiert.

 

1) DAS RAUBTIER (Roger Corman, 1958): Charles Bronson in seiner ersten echten Hauptrollen als Gangster Machine Gun Kelly, lange bevor er den Durchbruch schaffte. Der Film ist auch deshalb so interessant, weil er eines der seriöseren Werke in Roger Cormans umfangreicher Filmografie ist, in der er sich meist dem Science-Fiction- oder Horrorfilm widmete. Und wie so oft waren es die Franzosen, die das als erste zu schätzen wussten.

2) DIE GLORREICHEN SIEBEN (John Sturges, 1960)/GESPRENGTE KETTEN (John Sturges, 1963)/DAS DRECKIGE DUTZEND (Robert Aldrich, 1967): Wie SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD würde ich auch diese drei Klassiker nicht unbedingt als „Bronson-Filme“ bezeichnen, auch wenn er einen wichtigen Beitrag zu ihrem Gelingen leistet. Aber ich liebe sie abgöttisch und sie gehören für mich irgendwie zusammen. Wahrscheinlich die bestbesetzten Filme aller Zeiten.

3) DER AUS DEM REGEN KAM (René Clement, 1970): Ein gleichzeitig ebenso unterkühlter wie aufgeheizter Thriller, den nur ein Franzose in dieser Brillanz inszenieren konnte. Vielleicht Bronsons vielseitigster Auftritt.

4) CHATOS LAND (Michael Winner, 1972): Bronson als Indianer, der einen rassistischen Lynchmob in sein Jagdrevier lockt und einen nach dem anderen ausschaltet. Eine Vietnamparabel mit einem unvergesslichen Schlussbild. Und Bronson als Rothaut zu besetzen, ist ein brillanter Schachzug.

5) KALTER HAUCH (Michael Winner, 1972): Ein Film, den ich nicht wirklich mag, weil man ihn eigentlich nicht mögen kann. Ein eiskalter, nihilistischer Thriller, der keinerlei Gefühle zulässt, einen als Zuschauer auf unüberbrückbarer Distanz hält. Einer der abgefucktesten und misanthropischsten Filme überhaupt, ein typischer Winner.

6) DAS GESETZ BIN ICH (Richard Fleischer, 1974): Hier stimmt einfach alles. Die Besetzung, der Look, die Musik, das Drehbuch von Elmore Leonard, das Outfit von Bronson. Wenn die Melonen, für die sich Majestyk den Buckel krumm geschuftet hat, unter dem Dauerfeuer der Maschinenpistolen in Zeitlupe zerplatzen, ist das ein Moment von nahezu unerträglicher Tragik.

7) EIN MANN SIEHT ROT (Michael Winner, 1974): Noch heute ein grotesk missverstandener und unterschätzter Film, der in über 40 Jahren nichts von seiner Brisanz eingebüßt hat. Der Schlüssel zum Verständnis des Films liegt in der Szene, in der Kersey von seinem ersten Rachegang und seinem ersten Mord nach Hause kommt, vollgepumpt mit Adrenalin, und sich erst einmal übergibt. Wer glaubt, EIN MANN SIEHT ROT sei pro Selbstjustiz, weil er nicht explizit dagegen argumentiert, macht es sich zu einfach.

8) EIN STAHLHARTER MANN (Walter Hill, 1975): Walter Hill drehte eines der besten und reifsten Spielfilmdebüts aller Zeiten. Bronson war dabei. Das reicht.

9) LIQUIDATOR (J. Lee Thompson, 1984): Ultabrutaler Selbstjustizschocker mit Bronson als Ex-Killer, der beauftragt wird, einen Folterarzt namens „Molloch“ zu beseitigen, der sich von den Diktaturen der Welt für deren schmutzige Dienste einspannen lässt. Die Anfangsviertelstunde gehört zum intensivsten und härtesten, was die Achtzigerjahre zu bieten hatten, deutliche Anklänge an die Terroregimes Südamerikas sorgen für einen dicken Kloß im Hals.

10) DEATH WISH 3 – DER RÄCHER VON NEW YORK (Michael Winner, 1985): Winner treibt die Ideen aus EIN MANN SIEHT ROT in einem geradezu absurden Szenario auf die Spitze, das den Irrsinn der Reaganomics wunderbar einfängt. Das Viertel in Brooklyn (tatsächlich wurde der Film in London gedreht), wo Gangmitglieder brave Bürger terrorisieren, ausrauben, vergewaltigen und ermorden, erinnert an eine Westernstadt, Kersey ist der ins Extrem gedachte Shane.

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