Martin Compart


ES WAR EINMAL IN WASHINGTON: GEORGE P. PELECANOS by Martin Compart

Mein Nachwort zu Dumont Noir Bd.6: DAS GROSSE UMLEGEN.

Im ersten Noir-Roman seiner historischen Washington-Trilogie, THE BIG BLOWDOWN (DAS GROSSE UMLEGEN), beschreibt George P.Pelecanos die amerikanische Hauptstadt der 40er- und 50er Jahre. Damals wurden für eine Reihe Entwicklungen die Weichen gestellt, die bis heute richtungweisend sind. Der Hass der ethnischen Gruppen untereinander, die alle auch kriminelle Fraktionen bilden, ist natürlich über das historische Washington hinaus aktuell. Genauso das Abgleiten perspektivloser Jugendlicher, die ihre neue Welt noch nicht richtig verstehen, in Gangs, um sich gegen reale wie vermeintliche Bedrohungen von Außen zu verteidigen.

Pelecanos schreibt über die Stadtteile der amerikanischen Hauptstadt, vor denen uns die Reiseführer warnen, falls sie überhaupt erwähnt werden.

Er ist Washingtoner griechischer Herkunft, hat die US-Klassiker des proletarischen Romans wie THIEVES LIKE US von Edward Anderson oder THIEVES MARKET von A.I.Bezzerides genauso studiert wie Hammett und Chandler. Seine Romane beleuchten die Machtzentrale Washington D.C., wie man diese Stadt bisher noch nicht in der Literatur gesehen hat. Es ist die Welt der Immigranten und Sklavennachkommen, die sich mehr schlecht als recht durchbeißen, um einen Stück vom Kuchen des amerikanischen Traumes herunterschlucken zu können.

Der 1957 geborene Pelecanos hat eine eigene originelle Stimme und ein eigenes Thema, von dem er geradezu besessen scheint. „Meine Idee war, als ich begann, über die Arbeiterklasse Washingtons zu schreiben in der Form des Kriminalromans. Meines Wissens hat das bisher keiner getan. Wenn Washington das Thema von Romanen oder Thrillern ist, dann geht es nur um hohe Politik oder einen verrückten Militär, der den roten Knopf drücken will. Es ist meine Lebensaufgabe geworden, über das wahre Washington vor den verschlossenen Türen zu schreiben. Durch alle Jahrzehnte unseres Jahrhunderts hindurch.“

Pelecanos Vater kam als Kleinkind in die USA. Die ganze Familie arbeitete in der Billiggastronomie, und George wuchs in den Küchen, Bars und Coffeshops der griechischen Einwandererszene auf. Ab dem zehnten Lebensjahr half er seinem Vater in den Sommerferien. „Ich tat dies mein ganzes Leben, bis ich Schriftsteller wurde.“ Nach seinem Kunststudium nahm er eine Reihe unterschiedlicher Jobs an.

1989 kündigte er seinen Job als Manager einer Kette von Haushaltsgeschäften, um einen Roman zu schreiben. Für den Lebensunterhalt arbeitete er nachts in einer Bar im Nordwesten Washingtons. Der Roman erschien 1992 unter dem Titel „A Firing Offense“ und war der erste einer Trilogie um den Washingtoner Privatdetektiv Nick Stefanos.

Ihm gelang mit den drei Stefanos-Romanen, was inzwischen zu den schwierigsten schriftstellerischen Aufgaben gehört: neue Funken aus einem Klischee strotzenden Subgenre zu schlagen. Die Private-Eye-Novel stand Jahrzehnte unter dem übermächtigen Einfluss von Raymond Chandler und war schon fast in Stereotypen erstickt als Ende der 1970er Jahre und in den 80er Jahren Autoren wie Robert.B.Parker, Lawrence Block, Loren D.Estleman, Marcia Muller, James Crumley, Joe Gores, Joseph Hansen und einige andere neue Wege gingen. Aber ob Regionalismus-Trend, neuer Realismus oder harte weibliche Privatdetektive, in den 90er Jahren schien der Privatdetektivroman wieder in einer Sackgasse gelandet zu sein. Pelecanos schrieb mit der Stefanos-Trilogie einen im Regionalismus verwurzelten Entwicklungsroman, dessen Hauptperson jenseits abgedroschener Klischees angesiedelt war.

„Ich liebe das Genre. Ich wurde an der Universität, ich war an der University of Maryland, durch einen Lehrer damit bekannt gemacht. Von da an las ich mehrere Bücher pro Woche zehn Jahre lang. Und dann dachte ich mir, ich könnte selbst einen Privatdetektivroman schreiben. Aber ich hatte natürlich keine Ahnung von der Arbeit als Privatdetektiv. Also besann ich mich auf meine proletarischen Wurzeln und die Milieus, die ich kenne. Ich hatte auch eine ganze Reihe Romane gelesen, die eher an der Peripherie des Genres angesiedelt sind: THIEVES LIKE US von Edward Anderson, THIEVE’S MARKET von A.I.Bezzerides und die Bücher von Horace McCoy. Ich kannte diesen proletarischen Moment in der Hard boiled novel. Ich wollte nicht irgendwas Originelles erfinden oder konstruieren, ich schrieb nur aus einer anderen Perspektive über bisher literarisch nicht beachtete Milieus.“

Damit gab Pelecanos die Perspektive der Mittelklasse, die den Privatdetektivroman von Chandler bis Sue Grafton, Parker oder Sarah Paretsky beherrschte, auf. Aber Pelecanos sagt auch: „Heute nicht zuzugeben, dass Chandler die Standards vorgab, wie es einige Autoren tun, ist völliger Unsinn. Jeder von uns PI-Autoren schuldet oder verdankt ihm etwas.

Anders als bei den üblichen Privatdetektivromanen schrieb Pelecanos nicht dasselbe Buch mehrmals: in jedem der drei Stefanos-Romane macht der Protagonist eine radikale Veränderung durch, die aus seinen Erfahrungen rührt. „Wenn ich ein Buch in die Hand bekomme, dessen Klappentext behauptet, der Autor sieht sich als geistiger Nachfolger von Chandler, möchte ich es am liebsten an die Wand schmeißen. Ich bin sicher, Mr. Chandler würde von einem jungen Autor erwarten, dass er etwas neues, anderes wagt, selbst mit dem Risiko zu scheitern. Ich achte die Regeln des Genres, aber genauso ist es mir wichtig, diese Regeln zu verändern, ich will die Konventionen solange zusammenpressen, bis Blut herausläuft.

Den Kosmos, den Pelecanos in seiner Stefanos-Trilogie, entwickelt hat, nutzt er auch für spätere Bücher: Im GROSSEN UMLEGEN etwa taucht Nicks Großvater Big Nick Stefanos auf, und Nick selbst ist ein Baby. Das gibt seinem Gesamtwerk eine zusätzliche Dimension epischer Breite und seinem Jahrzehnte überspannenden Sittenbild glaubwürdige Geschlossenheit.

Über DAS GROSSE UMLEGEN sagt er:
„Der Anfang ist eigentlich die Geschichte meines Vaters. Er kam aus Griechenland und lebte in Washingtons Chinatown. Damals kein reines Chinesenviertel, sondern der übliche Ort, wo sich arme Immigranten niederließen. Im 2.Weltkrieg ging mein Vater zu den Marines; er nahm an den Nahkämpfen auf Leyte teil. Peter Carras im Roman kehrt aus dem Krieg zurück und schlägt dann einen anderen Weg ein als mein Vater, der seine Familie hatte. DAS GROSSE UMLEGEN wurde mein Big Book, mein großer Gangsterroman. Es schrieb sich von selbst und ist immer noch mein Lieblingsbuch. Naja, ganz von selbst schrieb es sich natürlich nicht. Ich verbrachte Monate im Washingtonraum der Martin Luther King-Bibliothek und fraß mich durch Zeitungen von damals. Mich interessierte natürlich alles über die Kriminalität. Es gab keine richtig große Gang, obwohl es natürlich organisiertes Glücksspiel gab und enge Verbindungen mit New York zum Costello-Syndikat. Außerdem sprach ich mit älteren Leuten, die sich noch gut an die Zeit erinnern konnten. Dann setzte ich mich hin und schrieb das Buch in vier Monaten. Der Film noir der 40er Jahre beeinflusste mich sehr stark bei diesem Roman.“

Der nächste Band der Trilogie, KING SUCKERMAN, spielt in den 70er Jahren mit Pete Karras‘ Sohn Dimitri als einen der Protagonisten.
„Das war meine große Zeit. Das Buch spielt in der Woche der großen Zweihundertjahrsfeiern 1976. Ich war 19 Jahre alt und es war mein Sommer. Ich glaube, jeder Mensch hat einen großen Sommer, in dem alles großartig ist. Ich erinnere mich an jedes Detail. Das Buch ist in einem völlig anderen Stil geschrieben als DAS GROSSE UMLEGEN. Viel lockerer, weil es eine Zeit darstellt, in der ich gelebt habe und die ich nicht mühselig recherchieren musste. Mich haben besonders diese radikalen Veränderungen in der Kultur innerhalb von dreißig Jahren fasziniert. Ein Mann in den 40er Jahren band sich einen Windsorknoten und setzte einen Fedora auf, bevor er aus dem Haus ging. Man muss sich mal vorstellen, er ginge aus dem Haus und würde in den 7oer Jahren landen. Alleine wie die Leute gekleidet waren, wäre ein Schock für ihn gewesen. Wie bei dem GROSSEN UMLEGEN der Film noir ein Einfluss war, schlugen sich bei KING SUCKERMAN das schwarze Actionkino der 70er Jahre, die blaxploitation movies nieder. Der letzte Band der Trilogie heißt THE SWEET FOREVER und spielt 1986.“ In diesen Büchern vermittelt Pelecanos neben der crime story auch die Tragödie, dass keine Generation der nächsten ihre Erfahrungen wirklich vermitteln kann. „Ja, es ist ein Moment der Tragödie, denn man ahnt oder weiß, was passieren wird, weil die eine oder andere Person nicht zuhört, was ihm der Ältere zu vermitteln versucht.“

Neben seiner Karriere als Schriftsteller arbeitet Pelecanos noch in der Filmbranche. „Auf einem Hongkong-Festival am American Film Institute hatte ich THE KILLER von John Woo gesehen und war tief beeindruckt. Als ich erfuhr, daß Jim und Ted Pedas die amerikanischen Vertriebsrechte für Circle Films gekauft hatten, meldete ich mich bei ihnen. Ich wollte eigentlich nur die Promotion für diesen einen Film machen, blieb aber dann bei Circle Films.“ Circle Films vertrieb BLOOD SIMPLE der Coen-Brüder und produzierte für die Coens RAISING ARIZONA, MILLER’S CROSSING und BARTON FINK. „MILLER’S CROSSING ist im Grunde eine Adaption von Dashiell Hammetts RED HARVEST und THE GLASS KEY. RED HARVEST ist oft für das Kino adaptiert oder geklaut worden:von Kurosawas YOYIMBO bis zu Sergio Leones EINE HANDVOLL DOLLAR und Walter Hills LAST MAN STANDING.“ Pelecanos war Co-Produzent bei Bob Youngs Film CAUGHT mit Edward James Olmos, „eine Art James M.Cain-Geschichte mit der Musik von meinem alten Idol Curtis Mayfield“. Zuletzt produzierte er WHATEVER, der von Sony Pictures gekauft wurde. Es liegt nahe, daß Pelecanos Romane selbst als Filmvorlage dienen könnten. „Meine Agentin trommelt dafür. Mein non-serie-Roman SHOEDOG ist unter Option, aber ob er wirklich verfilmt wird, steht in den Sternen. Ich habe das Drehbuch geschrieben, und ich schrieb die Drehbuchadaption von DAS GROSSE UMLEGEN. Ich wollte nicht, daß ein anderer das macht. Das Buch steht mir und meiner Familie zu nahe. Es geht um echte Menschen, nicht um Stereotype.“

P.S.: Pelecanos hat 2000 mit SHAME THE DEVIL noch einen Band nachgelegt und somit wurde aus der Trilogie eine Tetralogie.

http://zerberus-book.de/

Werbeanzeigen


zu Melville und Delon by Martin Compart
3. August 2018, 9:31 am
Filed under: Alain Delon, Film, Jean-Pierre Melville, Noir | Schlagwörter: , , ,

MiC hat mir einen absoluten Superlink mitgeteilt, der jeden Melville- und Delon-Fan begeistern wird:

https://melvilledelon.blogspot.com/



NOIR-ROMANE, DIE MAN LESEN SOLLTE: DOG SOLDIERS VON ROBERT STONE by Martin Compart

“This is a basic hunger for most people; they want their suffering to mean something. You go through all these things and the idea it’s utterly of no consequence is very difficult to work with.“
Robert Stone, 1992

Auf der Suche nach einem Romanstoff geht der Journalist Converse nach Vietnam. Statt dessen überrollen ihn die Schrecken des sinnlosen Krieges, wird er zum Zeugen der Zerstörung einer Kultur, von der nur noch ein Zerrbild übrig geblieben scheint. Umgeben von Säufern, Drogenhändlern, Huren und korrupten Militärs, wird Converse in den Sog des Bösen hineingezogen. Er überredet seinen Kumpel Hicks, drei Kilo Heroin von Saigon in die USA zu schmuggeln. Als Hicks bei Marge, der Tabletten süchtigen Frau von Converse, in San Francisco ankommt, erwarten ihn schon ein paar Soziopathen, die sich als Dealer und Doppelagenten für einen korrupten FBI-Agenten ausgeben mit Waffen in den Händen. Hicks und Marge können entkommen und eine wilde Hetzjagd beginnt.

Die Atmosphäre des Romans ist paranoid und apokalyptisch wie die Zeit, in der er spielt. DOG SOLDIERS gehört zu den Depressions-Romanen, die aus dem Ende des amerikanischen Traumes (besser: Lüge) in den 1970er Jahren entstanden sind, bitter geprägt durch Charles Manson und dem Ende der open society der Gegenkultur, Richard Nixon und natürlich Vietnam – vor allem: Vietnam.

Mit Stilmitteln des Noir-Romans entblößte Stone (und Autoren wie Joe Gores, George V.Higgins, James Crumley, Newton Thornburg u.a.) die amerikanische Seele in dieser Phase des zertrümmerten Optimismus. Traumatisierte Autoren schrieben/schreiben traumatisierende Romane für eine traumatisierte Leserschaft. Eigentlich kaum Unterschiede zu Dashiell Hammett & Co. Der entscheidende ist wohl die vorangegangene Erfahrung der hedonistischen 1960er Jahre, in denen man glauben konnte, eine bessere Welt sei zum Greifen nahe. Umso bitterer durchlebte man die rücksichtslose Restauration der reaktionären kapitalistischen Kräfte, die bis zum heutigen Tag durchmarschieren.

Anfang der 1970er erkannten viele, dass Hass, Drogen, Kommerz und Gewalt den einstigen Idealismus ersetzen. Falls es jemals eine Zeit gab, die das Ende aller Utopien verkündete, dann diese, in der alle Versprechen der 1960er gebrochen wurden.
Ein Kritiker nannte DOG SOLDIERS die „Wikinger-Beerdigung der Sixties“.

„America killed a million Vietnamese but were we serious about it? After all, we didn’t even slaughter them with the dignity accorded food. Instead we exterminated them like they were noxious weeds. “                                                            Charles Hansen

Den ganzen Wahnsinn der Zeit, für den Vietnam zum Synonym wurde, zeigt Stone in der noch immer erschreckenden Ausführung der Elefanten-Jagd:

“The last moral objection that Converse experienced in the traditional manner had been his reaction to the great Elephant Zap of the previous year. That winter, the Military Advisory Command, Vietnam, had decided that elephants were enemy agents because the NVA used them to carry things, and there had ensued a scene worthy of the Ramayana. Many-armed, hundred-headed MACV had sent forth steel-bodied flying insects to destroy his enemies, the elephants. All over the country, whooping sweating gunners descended from the cloud cover to stampede the herds and mow them down with 7.62-millimeter machine guns…The Great Elephant Zap had been too much and had disgusted everyone. Even the chopper crews who remember the day as one of insane exhilaration had been somewhat appalled. There was a feeling that there were limits…And as for dope, Converse thought, and addicts—if the world is going to contain elephants pursued by flying men, people are just naturally going to want to get high.”

Heute weiß jedes Kind, wie tief US-Dienste, wie CIA, mit dem internationalen Drogenhandel verbandelt sind. Als 1974 DOG SOLDIERS erschien, war es gerade mal zwei Jahre her, das Alfred McCoy die erste Fassung des Standardwerks The Politics of Heroin in Southeast Asia. CIA Complicity in the Global Drug Trade (deutsch: Die CIA und das Heroin, Verlag Zweitausendeins, 2003) veröffentlicht hatte und damit die CIA weltweit skandalisierte. Stone, der sich mit Drogen bestens auskannte, traf während seiner kurzen Zeit als Kriegskorrespondent in Vietnam auf ähnliche Leute wie McCoy bei seiner wissenschaftlichen Recherche. Witzigerweise war Stone bereits (damals natürlich völlig unbewusst) mit der Drogenpolitik der CIA (MK Ultra) während seiner Zeit mit Ken Kesey in Berührung gekommen. In DOG SOLDIERS steht das geschmuggelte Heroin für den Krieg, der die Heimat der Aggressoren erreicht und sein tödliches Gift verteilt. Seitdem ist die US-Politik und US-Gesellschaft von harten Drogen verseucht und bestimmt – von Reagens Contras bis zu den heutigen Bankern, die Geldwäsche als Wirtschaftsleistung betreiben. Fast prophetisch führt der Weg des Heroins aus Laos zur mexikanischen Grenze.

Die Charaktere sind erschreckend und großartig gezeichnet. Ein Kaleidoskop amerikanischer Soziopathen. Der Ex-Marine Ray Hicks ist die Hauptfigur, obwohl uns Stone anfangs erzählerisch in die Falle lockt, diese Position Converse zuzuschreiben. Hicks ist Stones idealisierte Version von Neal Cassady, dem Helden aus Jack Kerouacs Roman ON THE ROAD. Stone hatte Cassady bei Ken Kesey kennen gelernt, als er sich bei den Merry Prankster herumtrieb. Und der einstige Gegenkultur-Guru Dieter Bechstein, zu dem Hicks und Marge fliehen, basiert auf Kesey. Hicks ist als ehemaliger Angehöriger der Marines ein Laufbursche der Gier in Form des Drogenhandels, neben Umweltzerstörung und Waffenhandel die reinste Form kapitalistischen Wirtschaftens, dass wie kein anderes Produkt den Konsumenten an den Krämer bindet.
Converses Frau Marge, die als Kassiererin für ein Pornokino arbeitet, zeigt geradezu symbolisch die Wandlung von Love&Peace oder Make Love, No War – den Mantras der Hippies – in kommerzielle Pornographie. Der Schurke Danskin ist eine der wahnwitzigsten und realistischsten Figuren der Noir-Literatur. „Particularly as it concerns Danskin, one of American fiction’s greatest psychopaths, Dog Soldiers comes as near as the National Book Award’s ever gotten to the domain of someone like Jim Thomson or Charles Willeford.” (Jonathan Lethem)

„Es gibt einen Satz in der Glasmenagerie von Tennessee Williams, der frei zitiert lautet: Die Dinge finden immer einen Weg, zu keinem guten Ende zu gelangen. Damit kann ich mich als Autor identifizieren.“ ( Robert Stone bei einem Wien-Besuch in DER STANDARD, 28.04.2005).
Besser lässt sich die Struktur von DOG SOLDIERS nicht zusammen fassen.

Robert Stones Mutter war schizophren und zog mit ihrem Sohn im Land herum, immer zwischen fast abgebrannt und pleite. „I am probably the only person who had On the Road recommended to him by his mother.” Er brach sein Studium ab und ging zur Marine, bevor er nach Kalifornien zog und als Journalist arbeitete. Zusammen mit Ken Kesey war er Stegner Fellow-Stipendiat an der Stanford University. Er hing in der Scene von Kesey und den Merry Pranksters herum und knallte sich ordentlich Drogen rein. Das wurde von Tom Wolfe schön dokumentiert in THE ELECTRIC KOOL AID ACID TEST, das Buch, das den New Journalism begründete. Sechs Jahre arbeitete er an seinem ersten Roman A Hall of Mirrors, der eher an Nelson Algren als an Jack Kerouac erinnert (aber wohl beiden etwas verdankt). Stone war ein Autor, der in seinen Polit-Thrillern die Beats mit dem Thriller synchronisierte.

Prophetisch verhöhnt der Roman die Formen indirekter Kommunikation als indifferente Kampfmittel und prognostiziert digitale Impotenz. Im apokalyptischen Finale diskreditiert Stone alle zivilisatorischen Errungenschaften des vermeintlich erreichten Hedonismus der Sixties, die sowohl den Höhepunkt der Aufklärung wie den des fin de siecle  symbolisieren.


In Deutschland wurde DOG SOLDIERS erst 1988(!) unter dem Titel UNTER TEUFELN veröffentlicht. Also lange, nachdem die Verfilmung WHO´LL STOP THE RAIN, 1978 von Karel Reisz in unseren Kinos gelaufen war und schon vom Fernsehen ausgestrahlt wurde. Für einen Hollywood-Film, ein guter Film; als Romanadaption eher mäßig.   Der Titel des Films macht durchaus Sinn. Keine andere Band steht für die Phase der Vietnamisierung so wie CCR. John Forgety hatte APOCALYPSE NOW musikalisch vorweggenommen.

M.E. ist DOG SOLDIERS Stones Meisterwerk, dessen Virtuosität er – bei allen offensichtlichen Qualitäten der späteren Bücher –  nicht mehr erreicht hat. Ein Klassiker, zeitlos wie das Beste von Joseph Conrad, Jim Thompson oder Graham Greene.
Einer der fünf besten Noir-Romane, die ich bisher gelesen habe. Um Reue zu vermeiden, sollte man sich seine Lektüre nicht entgehen lassen.

P.S.: Selbstverständlich ist kein Titel von Stone bei uns aktuell lieferbar. Antiquarisch bekommt man sie alle für wenige Cent. Wer aber Robert Stone bei Amazon.de eingibt, wird ein wahres Wunder algorithmischen Irrsinns erleben und kaum einen Titel des Autors serviert bekommen (aber jede Menge Blödsinn wie Robert Parkers Pulp-Romane über den Langweiler Jesse Stone).

P.P.S.: Wie bei Rowohlt bei entscheidenden Werken üblich, ist auch die Übersetzung von UNTER TEUFELN eine überzeugende Interpretation.



MiCs Tagebuch.FILME FÜR UNSERE ZEIT: DER FALL SERANO, Frankreich 1977. by Martin Compart
27. März 2017, 7:51 am
Filed under: Alain Delon, Film, MiCs Tagebuch | Schlagwörter: , , ,

Ich bin völlig begeistert! Was ist das für eine Chimäre von Film. Holprig ohne Ende. Von Männern für Männer mit Männern. Frauen sind nur schicke Schaustücke, die bis auf Mireille Darc alle umgebracht werden. Einzig die Audran hat einen Hauch von tiefem Dialog. Die Muti hingegen fungiert als dramaturgischer Conduit, deren Tod Delon schließlich motiviert aufs Ganze zu gehen.

Der große Mörder stellt sich am Schluss als ein ideologisch verblödeter Bulle heraus und der “gute Bulle” in dem Film weiß nicht, ob er es schaffen wird, die korrupte Elite vors Gericht zu bringen oder Lachse fischen gehen muss. Und dann die politischen Aussagen, allesamt in bedeutungsschweren Monologen: Kinski als der monströse Vertreter des Kapitalismus, der alles mit Geld regelt und es “bedauert”, wenn etwas mit Geld nicht zu regeln ist; der kleine verblödete Bulle, der das die Gesellschaftsordnung gefährdende Geschmeiß ausrotten will (wie Robespierre und Saint Just); und zum Finale dann Delon, der den Sack der Wahrheiten zumacht. Schlaf ruhig, Paris.

Jeder dieser Monologe ist absolut zutreffend und als Beschreibung unserer Gesellschaftsform noch heute vollends gültig. Für den Zuschauer im Jahre 2017, verbreitet der Film bei aller fatalistischen Hinnahme des Systems, beinahe eine Sehnsucht zurück nach jener Zeit, in der das Kapital den Kälbern noch Arbeit, Unterhaltung, Sex und sogar einmal jährlich Urlaub zubilligte. So viel Luxus will heute vom entfremdeten und völlig verdinglichten User-Konsumenten-Datenlieferanten erst einmal verdient sein.

Ich wurde immer wieder zu stehendem Szenenapplaus genötigt. Dass ausgerechnet Alain Delon “Der Fall Serrano” produzierte, ist mir angesichts seiner politisch Haltung ein Rätsel. Solches Stars hat die Kulturdiaspora Deutschland niemals hervorgebracht. Diesen Film muss man UNBEDINGT IMMER WIEDER ANSEHEN. Ich will mehr solcher Filme.

MiC



IN EIGENER SACHE by Martin Compart
25. September 2016, 10:55 pm
Filed under: Dutroux, Essen & Trinken | Schlagwörter: , , ,

Da ich immer häufiger zu anti-kapitalistischen Haltungen neige, beantrage ich hiermit die komplette Überwachung meiner Person durch den Verfassungsschutz. Gleichzeitig bitte ich um Amtshilfe durch die NSA.



WISEGUY – DIE ERSTE ARC-SERIE by Martin Compart
21. August 2016, 1:54 pm
Filed under: Drehbuch, Noir, TV, TV-Serien, WISEGUY | Schlagwörter: , , , ,

wiseguy09m[1]

 

2011 wollte NBC die Serie neu auflegen, die alles. was heutige US-Quality-Serien ausmacht, vorweg nahm: WISEGUY von Stephen J.Cannell, einem der Genies des US-Fernsehens- Bisher kam es nicht dazu.

Die Serie ist eines der bestgehüteten Geheimnisse der TV-Serien. Es gibt lediglich eine befriedigende Auswertung als DVD-Box, in Deutschland gibt es nicht mal eine DVD-Veröffentlichung. Zum Glück findet man auf Youtube einige Folgen.

Bevor ich sie zu sehen bekam, schwärmte mir bereits Max Allan Collins (im September läuft auf Cinemax eine achtteilige Serie nach seinen QUARRY-Romanen an) von ihr vor und sagte in weiser Voraussicht, dass sie das TV revolutionieren würde. Das hat dann allerdings noch über ein Jahrzehnt auf sich warten lassen – bei den Amerikanern wohlgemerkt; die Briten machen seit den 1950ern Quality-Serien, nie neue Wege bestreiten. Die Deutschen nie.

Es ist bezeichnend für die Qualität von Büchern über die „neuen Quality-Serien“, wenn WISEGUY dort nicht erwähnt wird. Das ist dann so, als würde man ein Buch über das Römische Reich verfassen, ohne die Etrusker zu erwähnen.

Steven_Cannell_3[1]WISEGUY ist bekanntlich ein Slangausdruck für Gangster. Im Mittelpunkt der Serie steht der Polizei-Held der 80er Jahre: der Undercover-Cop, der sich als Verbrecher getarnt in Gangsterkonzerne einschleicht. Anders als die MIAMI VICE-Luxusagenten ist Vinnie Terranova, hinreißend gespielt von Ken Wahl, eine wirklich bedauernswerte Existenz. Er kann nicht zwischendurch Luft schöpfen und sich erholen, sondern muss als Perspektiveagent ganz in seiner Rolle aufgehen. Selbst seine sich grämende Mutter hält ihn für einen faulen Apfel. In den ersten neun Folgen, die in Fortsetzungen die erste Geschichte erzählen, wird der durch Terranova/Wahl mit verursachte Niedergang des Atlantic-City-Boß Sonny Steelgrave (der inzwischen verstorbene Ray Sharkey in exzellenter Form) erzählt.186509942_wiseguy-tv-show-ken-wahl-7x9-photo-a5860-entertainment-[1]

Um eine wirklich wasserdichte Legende zu erhalten, musste Terranova, Agent des Organized Crime Bureau des FBI, eine achtzehnmonatige Haftstrafe absetzen, bevor ihn sein Führungsoffizier Frank McBride (Jonathan Banks, zuletzt bestechend in BREAKING BAD) auf Steelgrave ansetzt. Tatsächlich entsteht zwischen Cop und Gangster eine freundschaftliche Beziehung. Und als der Gangster auch noch Terranovas krankes Muttchen Anteil nehmend besucht, kommt es beim Undercover-Cop zum moralischen Dilemma. Während sein Führungsoffizier ihn mit äußersten Misstrauen und ohne Mitleid jederzeit verheizen würde, findet er auf der Seite seiner Opfer die eigentlichen Freunde.

Die an originellen Nebenhandlungen und Details ungeheuer einfallsreiche Serie läuft hier zur Hochform auf. Fast wird dem Zuschauer der Eindruck vermittelt, dass es im Geschäftsleben der Gangster menschlicher zugeht, als im Umgang mit staatlichen Institutionen. Und kein Zweifel gibt es darüber, dass legale wie illegale Geschäfte von Leuten gemacht werden, die Macchiavellis PRINCIPE unterm Kopfkissen liegen haben.

WISEGUY war eine subversive Serie, die immer wieder das System hinterfragte.

WISEGUY hat eins völlig neues Konzept in die Krimi-Serien gebracht: Nicht mehr in Einzelepisoden oder Doppelfolgen werden die Geschichten erzählt, sondern in Zyklen, die sich  bis zu 13 Folgen hinziehen, sogenannte „Arcs“. Das erlaubt natürlich viel größere Tiefe in der Charakterisierung der Personen und größere Komplexität der Handlung.

Damit war WISEGUY ein weiterer „Vorläufer“ der sogen. HBO-Revolution.

 

Mit MIAMI VICE und CRIME STORY gehört WISEGUY zu den besten Serien der 80er. Alle drei bieten so etwas wie eine chronologische Analyse des Organisierten Verbrechens: in CRIME STORY wurde erzählt, wie sich Anfang der 60er Jahre die Mafia in legale Geschäfte einkaufte und durch Glücksspiel (Las Vegas) und Rauschgift zu einem Wirtschaftsfaktor wurde. Die ebenfalls von Michael Mann produzierte Serie MIAMI VICE zeigte, wie  der großangelegte Rauschgifthandel der 80er Jahre illegales Kapital erwirtschaftet, das nicht mehr kontrollierbar ist. WISEGUY nun zeigte, wie sehr die US-Wirtschaft bereits vom illegalen Kapital unterwandert und korrumpiert ist und wie unmöglich es ist, im US-Kapitalismus zwischen legalen und illegalen Geschäften zu unterscheiden. Tatsächlich zeigte der 4. Zyklus über die New Yorker Textilindustrie, in dem Jerry Lewis einen ekelhaften Bekleidungsproduzenten spielte, wie durch Manipulationen Börsenkurse beeinflusst werden und bisher legale Geschäfte von Gangstern, die selbstverständlich mit Börsenfirmen auf gutem Fuß stehen, übernommen werden.

Ob internationale Waffengeschäfte, Rechtsradikalismus, Tonträgerbranche oder die mafiosen Geschäfte mit Müll – die Serie zeigt sich in der Behandlung der Themen immer auf der Höhe des Erkenntnisstandes und setzt die Realität mit leichter Hand in spannende Spielhandlung um. Indem sie diese Realitäten für TV-Serien antizipierte, war die Serie auch thematisch innovativ.

Gedreht wurde WISEGUY, bei der u.a. Les Sheldon und David Burke Regie führten, in Kanada.  Weniger verkrustete Gewerkschaftsbedingungen machen Kanada für amerikanische TV-Produzenten als Produktionsstätte immer attraktiver. In der ersten Staffel wurde Vancouver als New Jersey clever abgefilmt, später musste die Stadt als New York herhalten. Eine Riege hervorragender Schauspieler, gute Regie und Spitzendrehbücher machten die Serie zu einem Ereignis, das heute noch bestehen kann.

Für den Erfolg von WISEGUY war vor allem ein Mann zuständig: Stephen J.Cannell, der die Serie zusammen mit Frank Lupo (beide arbeiten schon länger zusammen) entwickelt hat.

Die Liste der Gaststars (Kevin Spacy hatte als Mel Profitt im 2.Arc seinen internationalen Durchbruch) gehört wohl neben MIAMI VICE zu den eindrucksvollsten:

Joe Dallesandro, Ray Sharky, Annette Bening, Joan Severance, Paul Guilfoyle, Jerry Lewis , Ron Silver., Stanley Tucci , Deborah Harry, Tim Curry, Patti D’Arbanville, Glenn Frey, Michael Chiklis, Maximilian Schell.

Literatur: Edward Gross: The Unofficial Story of the Making of a Wiseguy, Pioneer Books 1990.

 

USA 1987-90; 75×45 Min.;F.

Vinnie Terranova (1987-90) … Ken Wahl

Michael Santana (1990) … Steven Bauer

Frank McPike … Jonathan Banks

„Onkel Mike“Daniel Burroughs … Jim Byrnes

Pater Peter Terranova (1987) … Gerald Anthony

Sonny Steelgrave (1987) … Ray Sharkey

Paul Patrice (1987) … Joe Dallesandro

Sid Royce (1987) … Dennis Lipscomb

Harry Schanstra (1987) … Eric Christmas

Roger LoCocco (1988, 1990) … William Riss

Susan Profitt (1988) … Joan Severence

Mel Profitt (1988) … Kevin Spacey

Herb Ketcher (1988) … David Spielberg

Carlotta Terranova Aiuppo (1987-89) … Elsa Raven

Beckstead (1988-90) … Ken Jenkins

Eli Steinberg (1988-89) … Jerry Lewis

David Steinberg (1988-89) … Ron Silver

Carole Steinberg (1988-89) … Patricia Charbonneau

Rick Pinzolo (1988-89) … Stanley Tucci

Phil Bernstein (1988-89) … Harry Goz

Bobby Travis (1989) … Glenn Frey

Isaac Twine (1989) … Paul Winfield

Amber Twine (1989) … Patti D’Arbanville

Winston Newquay (1989) … Tim Curry

Don Rudy Aiuppo (1987-89) … George O.Petrie

Poochy Pompio (1987-89) … Tony Romano

Grosset (1989) … John Snyder

Mark Vochek (1990) … Steve Ryan

Rogosheke (1990) … James Stacy

Lecey (1990) … Darlanne Fluegel

Amado Guzman (1990) … Maximilian Schell

Rafael Santana (1990) … Manolo Villaverde

DIE WISEGUY-PAGE:

http://www.sluiterdesign.com/wiseguy/index.html

 

<img src=“http://vg08.met.vgwort.de/na/c3b24b65985c4a2eae0e7f9f90d52dc6&#8243; width=“1″ height=“1″ alt=““>

 



PETER GUNN – DER ERSTE NOIR DETEKTIV by Martin Compart

Bevor Blake Edwards als Komödienregisseur (PINK PANTHER) und Ehemann von Julie Andrews berühmt wurde, war er Krimiexperte bei Funk und Fernsehen und einer der einflußreichsten TV-Produzenten der späten 50er Jahre. Für Dick Powell erfand er die Radio-Serie RICHARD DIAMOND, in deren TV-Adaption David Janssen von 1957 bis 1960 erstmals als Protagonist einer Serie auftauchte. Edwards Reputation war bestens, als er dem Produzenten Don Sharpe das Konzept der Privatdetektivserie PETER GUNN vorlegte. Es brach mit der Tradition, Serien aus anderen Medien wie Buch oder Radio zu übernehmen.

hqdefault56P6FMZ9

Peter Gunn, gespielt von Craig Stevens, war nicht mehr der Trenchcoat-Privatdetektiv à la Humphrey Bogart, der die Medien in den 40er- und 50er Jahren beherrschte. Natürlich war er knallhart, aber er war auch elegant und hatte formvollendete Manieren. Er war eher ein Söldner, den man anheuern konnte. Meistens traf man ihn in der Jazzbar Mothers, wo seine Freundin Edie als Sängerin coole Weisen ins Mikrofon hauchte, Gunn ein herzliches Verhältnis mit der Inhaberin pflegte, und der unvermeidbare Polizeifreund Lt.Jacoby nicht weit war.

Der Bruch mit dem Schmuddelimage der früheren Privatdetektive war damals etwas radikales. Es bereitete den Weg für Warner Brothers Edelangestellte in 77 SUNSET STRIP, BOURBON STREET, HAWAIIAN EYE oder SURFSIDE SIX. Gunn stand nicht in der Tradition von Chandler oder Spillane, sondern orientierte sich an den Nachkriegsdetektiven aus den Romanen von Henry Kane, Robert Lee Martin, Richard S.Prather oder Bart Spicer. Für das Fernsehen, das anderen medialen Entwicklungen immer hinterher hinkitw, war er keine echte 50er-Jahre-Figur mehr. Die Beatnik-Noir-Stimmung und die Coolness der Hauptfigur weisen in die 60er Jahre voraus auf sophisticated Helden wie James Bond, John Steed und die UNCLE- und KOBRA-Agenten.

PETER GUNN war von der Anlage konsequent auf die damaligen Möglichkeiten des Fernsehens zugeschnitten. Da Farbe zu teuer war, nutzte Edwards die Besonderheiten von Schwarzweiß, sprich eine Noir-Ästhetik, die im Medium innovativ war.

gunn[1]Da man kein Geld für teure Tagesdreharbeiten on location ausgeben konnte, filmte man nachts und meistens im Studiogelände, wo Kamerawinkel und ausgeklügelte Beleuchtung die altbekannten Kulissen in neue Noir-Perspektiven tauchten. Lange, unwirkliche Schatten, die nächtliche Atmosphäre unterlegt mit Jazz, machten Gunns Los Angeles zum mythischen Ort, zur ultimativen Noir-City des Fernsehens. Ähnlich wie dreißig Jahre später Michael Mann bei MIAMI VICE (der von PETER GUNN einiges gelernt haben dürfte; etwa das Nässen nächtlicher Strassen) schuf Edwards einen neuen, originären Stil, der den Inhalten entsprach.

Nichts überließ er dem Zufall. Selbst Hauptdarsteller Stevens wurde für die Edwardsche Vision maßgeschneidert: „Blake schleppte mich zum Friseur und erfand eine neue Frisur: den Bürstenhaarschnitt mit Scheitel, der als Peter Gunn-Haircut berühmt wurde und noch während der ersten Season überall in den USA in Mode kam. Dann ging er mit mir zu seinem Schneider und ließ Anzüge für mich machen. Wegen der Action-Szenen brauchten wir eine Menge Anzüge; irgendwann hatte ich etwa 380 im Schrank hängen. Alles war Blakes Vision. Als Kontrast zu den vielen miesen Typen, musste Gunn immer smart gekleidet sein und einen klaren, scharfen look haben.“

maxresdefault[1]

Bizarre Charaktere und die alptraumhafte Ausleuchtung des Sets gaben der Serie etwas irreales. Sie spielt in einer fast symbolistischen Welt, in der es immer dunkel ist. Um Kosten zu sparen gab es keine Massenszenen und keine Verfolgungsjagden mit mehr als zwei Autos, die durch ausgestorbene Straßen rasten. Bei einem weniger stilsicheren Produzenten hätte all das billig ausgesehen, was Blake Edwards zum PETER GUNN-Touch stilisierte. Der TV-Historiker Ric Meyers: „Der Höhepunkt dieses speziellen Stils war die Episode THE HUNT von 1960, in der Gunn einen Kontraktkiller jagt. Nach der Exposition gibt es keine Dialoge mehr. Nur noch Scwarzweiß-Schemen, Stevens unnachahmliche Darstellung, Mancinis Musik und Edwards Kontrolle.“ Alles sehr impressionistisch, sehr mitreißend und vor allem sehr kostengünstig.

Ebenso wie bei MIAMI VICE war die Musik ein stilprägendes Element. Henry Mancini, den Edwards von Universal her kannte, schrieb die bis heute populäre Titelmusik. Die beiden Langspielplatten mit den Soundtrack der Serie hielten sich drei Jahre in den Charts (eine weitere Parallele zu VICE). Das PETER GUNN-Thema wurde zum Klassiker und Mancini reihte sich in die Unsterblichen der TV-Musik ein, auf demselben Level wie Lalo Schiffrin (MISSION IMPOSSIBLE), Ron Grainer (PRISONER, MAN IN A SUITCASE), LAURIE JOHNSON (AVENGERS) oder Earl Hagen (HARLEM NOCTURNE, I SPY). Bis heute gehört es zum Standard jeder gitarrenlastigen Beatkapelle; die wildesten Interpretation stammen aber nach wie vor von Remo Four und Mick Ronson, dem zu früh verstorbenen Gitarristen von David Bowie und Ian Hunter (Mott the Hoople).

Edwards Erfahrung mit Hörspielserien half ihm dabei, in kürzester Zeit Stories zu entwickeln. PETER GUNN-Episoden waren nur 25 Minuten lang, ein Format, das bis Mitte der 6oer Jahre auch bei Krimis sehr beliebt war, aber selten komplexe Geschichten ermöglichte. Es wird heute nur noch für Comedys oder Soaps genutzt. Edwards, der die meisten Drehbücher der ersten Season schrieb und alle überwachte, beherrschte das Kurzformat meisterhaft und fand für jede noch so banale Story den Rhytmus, der daraus eine PETER GUNN-Episode mit ihrem besonderen Stil machte.

Don Sharpe finanzierte die Pilot-Folge THE KILL, bei der Edwards Regie führte. Als er sie den Sponsoren präsentierte, war die Serie sofort verkauft. Edwards und Sharpe gründeten die Produktionsfirma Spartan Productions und behielten alle Rechte an der Serie, da sie nicht mit einem Sender, sondern dem Sponsor Bristol-Myers direkt abgeschlossen hatten. Damals kauften Sponsoren häufig eine Stunde Sendezeit, die sie dann mit einem Programm ihrer Vorstellung füllten. Dieser größere Einfluss der Sponsoren auf das Programm eines Senders wirkte sich oft positiv aus, da sie Fachleute beschäftigten, die ihr Metier kannten, und sich nicht von den Programmchefs deren Vorlieben oder Interessen vorschreiben ließen. Die Sender beendeten zu jener Zeit diese Praxis und PETER GUNN war die letzte unabhängige Serie für lange Zeit.

4c1087-003[1]

Zu den GUNN-Regisseure gehörten u.a. Lamont Johnson, Jack Arnold, Boris Sagal und Robert Altman. Bis auf die letzte Season wurden alle Folgen durch NBC ausgestrahlt, dann durch ABC.

Eine Folge von Altman-

Ein Unikum in der Seriengeschichte war das Ende. Steven erinnerte sich: „Ende 1961 kam Edwards zu mir und sagte, er wolle künftig nur noch Kino machen und könne die Show nicht weiter betreuen. Er habe aber auch keine Lust, die Kontrolle aufzugeben um zu erleben, dass die Serie schlechter produziert würde. Natürlich war er der Meinung, außer ihm selbst könne niemand das Niveau garantieren. Also wolle er auf dem Höhepunkt aufhören, die Serie beenden. PETER GUNN wurde nie abgesetzt. Edwards machte einfach Schluss. Natürlich waren Sponsoren, Sender und Zuschauer stinksauer. Wir waren so etwas wie die erste echte Kultserie.

gunn-poter[1]Zehn Jahre lang versuchte man eine Wiederaufnahme zu erreichen.“  Was erreicht wurde, war 1967 ein Kinofilm, der aber eher ein buntes Pop-Spektakel wurde, als ein Noir-Film mit dem Feeling der Fernsehserie. GUNN – ohne Peter – war einer der ersten Kinofilme nach einer erfolgreichen Fernsehserie und auch damit seiner Zeit voraus. Co-Autor William Peter Blatty, der später den Welterfolg EXORZIST schrieb, orientierte sich mehr an Mickey Spillane als an der Fernsehserie. 1989 wurde nochmals ein Wiederbelebungsversuch unternommen: in einem TV-Movie von Edwards, das 1964 spielte, übernahm Peter Strauss die Titelrolle in dem mittelmäßigen Film.

Der Erfolg der Serie in ihrer Zeit brachte reichlich Nachahmer hervorgebracht: John Cassavetes spielte in JOHNNY STACCATO einen Jazzpianisten, der im Greenwich Village Club Waldos seine Fälle erhält. Blake Edwards selbst (wieder mit der Musik von Henry Mancini) produzierte mit Regisseur Jack Arnold 1959 noch MR.LUCKY mit John Vivyan als Zocker. Mike „Mannix“ Connors gab sein Seriendebut in TIGHTROPE und Edmond O’Brian spielte JOHNNY MIDNIGHT, während Rod Taylor in HONG KONG die dortigen Nachtklubs unsicher machte. Schließlich konzipierte Edwards auch noch die Bar DANTE’S INFERNO, in der Howard Duff den Besitzer mimte und Rick Jason spielte einen coolen, gut gekleideten Versicherungsdetektiv in THE CASE OF THE DANGEROUS ROBIN.  Der Topos des Privatdetektivs, der in einer Bar rumhängt, wurde erstmals 1941 von Norbert Davis in seinen Max Latin-Stories für Dime Detective präsentiert.

Es gab Dutzende von Serien, die Stil, Haltung oder Konzept von PETER GUNN kopierten. Sie haben alle auch heute noch ihre besenharten Fans, aber jeder von ihnen gibt zu, dass PETER GUNN das Original war, das die coolen, schicken Detektive der 6oer Jahre startete, die in einer Welt agierten, die manchmal so bizarr wie ein BATMAN-Comic von Bob Kane war und Musik und Kamera die zweite Hauptrolle spielten.

830cc66325966aa6b8c2840cafa3e089[1]

Comics: Four Colour Comics No.1087.

Roman: Henry Kane: Peter Gunn, Dell 1960.

USA 1958-61;114×25 Min;SW.

Peter Gunn … Craig Stevens

Edie Hart … Lola Albright

Lt.*Jacoby … Herschel Bernardi

„Mother“ (1958-59) … Hope Emerson

„Mother“ (1959-61) … Minerva Urecal

Die Serie wurde in den  1990ern eingefärbt, um sie besser vermarkten zu können. Wer sich diese Version ansieht, kann nur mit Colonel Kurtz stöhnen: „Das Grauen, das Grauen.“

<img src=“http://vg08.met.vgwort.de/na/044ae31b1cde498e9b6dfa697e529d1e&#8220; width=“1″ height=“1″ alt=““>