Martin Compart


POET DES WHITE TRASH – DER NOIR-AUTOR DANIEL WOODRELL by Martin Compart


„Der Revolver war im Haus und in ihrem Kopf, und bei jedem neuen Sonnenuntergang spürte ich, dass wir einem richtigen Verbrechen wieder ein Stück nähergekommen waren“, berichtet Sammy, Herumtreiber und Ich-Erzähler in Daniel Woodrells Roman TOMATO RED.

Zusammen mit der rothaarigen Jamalee und ihrem bildschönen kleinen Bruder Jason („Im Lebensmittelladen werfen ihm erwachsene Frauen ihre Schlüpfer zu, auf die sie mit Lippenstift ihre Telefonnummern geschrieben haben.“) schreckt er vor nichts zurück, um ans bessere Leben zu kommen. Denn die Geschwister stammen aus Venus Holler – und wer daher kommt, hat nichts zu verlieren. Venus Holler ist der Slum der fiktiven Stadt West Table, die wohl einiges gemein hat mit West Plains, dem Wohnort des Autors.
Woodrell-Fans kennen dieses Dreckloch noch aus seinem vorherigen Roman STOFF OHNE ENDE, den auch ein Looser erzählte und bei dem ebenfalls so einiges schief ging.

Daniel Woodrell berichtet aus einer Hölle, die Ozarks heißt und im südlichen Missouri liegt. Reichlich Wälder, Hügel, ein paar stinkreiche Ausbeuter, korrupte Bullen, debile Hillbillys und jede Menge White Trash-Clans, die sich gegenseitig die Marijuana-Ernten abjagen und die Schädel wegschießen. „Die Ozarks sind die perfekte B-Seite eines Großstadtmolochs.“

Alles ist käuflich und mit genügend Land oder Geld aus krummen Geschäften kann man sich aus jedem Haftbefehl freikaufen. Zwischen den undurchdringlichen Wäldern Herrenhäuser, verkommene Farmen und kleine Städte voller Slums, in denen „Schuppen die Gegend überziehen wie Pockennarben und massenhaft Kinder ausbrüten, mit denen der Rest der Welt klarkommen muss.“ Woodrell schrieb schon über Trump-Wähler als die noch trainierten, um aus ihrem spärlichen Hirn Grütze zu machen.

Wer Trump-Wähler rudimentär verstehen will, sollte ihren verwurzeltsten Analytiker kennen. Es gibt in den USA Menschen, die nichts mit der Mainstream-Kultur zu tun haben. Sie leben in einem Paralleluniversum aus Trailer-Parks und Nachtjackenviertel. Von den Normalos erwarten sie nur Ärger. Denn die stecken sie in den Knast, verpassen ihnen Strafbefehle oder nehmen ihnen ihr bisschen Land weg. Also leben sie nach ihrem eigenen Wertesystem. Die Waltons würden von ihnen geteert und gefedert. Selbst in dieser Elendszone gibt es noch schlimmere Hinterhöfe.

In denen durchwühlt Woodrell die Mülltonnen für seine Noir-Romane und Sittengemälde aus der amerikanischen Jauchegrube.

Daniel Woodrell, geboren 1953, ist ein Kind der 60er, aufgewachsen in den Ozarks in einer Familie, die den Vietnamkrieg ganz in Ordnung fand.
Mit 17 ging er zu den Marines. Anschließend hatte er mächtig mit Drogen und Subkulturen zu tun. „Seit fast zwanzig Jahren arbeite ich freiberuflich. Habe es nie in einem Job ausgehalten. Der Rekord waren sechs Monate. Tja, man muss für die Schriftstellerei alles geben. Entweder schwimmen oder absaufen.“

Schließlich landete der Outsider in einem Schriftstellerworkshop in Iowa. „Mit meinem blue-collar-Hintergrund passte ich denen nicht. Sie wollten mich nach der Hälfte rausschmeißen, aber ich blieb einfach.“

In dieser Zeit schrieb er seinen ersten Roman CAJUN BLUES, den ersten Band seiner Shade-Trilogie, den er erst 1985 verkaufen konnte, und der fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit veröffentlicht wurde. Jahre des Schreibens und der Frustrationen. Jedes Buch ein kommerzieller Misserfolg.

Auch das zweite Buch, von Ang Lee als RIDE WITH THE DEVIL verfilmt, war ein Flop. Dabei einer der besten Bürgerkriegs-Romane und als „Western“ nur mit Cormac McCarthys Klassiker BLOOD MERIDIAN vergleichbar.

Mit jedem zündenden Satz verbrennt Woodrell die Hollywoodklischees über den Sezessionskrieg. Der Roman folgt dem jungen Ich-Erzähler auf seiner blutigen Spur an der Seite der Freischärler unter dem berüchtigten Quantrill.
In den West Plains tobte ein brutaler Partisanenkrieg, der noch Jahre nach Ende des Bürgerkrieges Opfer forderte.

„Die Amerikaner haben sich über das Buch zu Tode erschreckt weil es vom Standpunkt der Südstaaten geschrieben ist. Ich bekam keine Rezensionen nördlich der Dixon-Linie. Keiner wollte wissen, was hier wirklich los war. Es war wie in Bosnien.“

Die Sprache des Romans ist filmisch und hypnotisch. Der 35-Millionen-Dollar-Film floppte in den Staaten ebenso wie das Buch, das in der Erstauflage gerade mal 2600 Exemplaren verkaufte.

Die beiden nächsten Shade-Romane liefen ebenfalls nicht besonders.
Einigen verblödeten Kritikern galt Woodrell gar als eine Art James Lee Burke ohne Abitur.
„Ich war so wütend, dass ich vier Jahre nichts mehr schrieb. Ich wollte nur einige dieser Rezensenten treffen und ihnen die Scheisse aus dem Leib prügeln.“

Dann schlug er mit STOFF OHNE ENDE zu. Ein country-noir, in dem er seine Technik perfektionierte, jedes Kapitel wie eine Kurzgeschichte aufzubauen: Kurz, mit abrupten Eröffnungen und schnelle Enden. Das Ganze aber ist mehr als die Summe der Einzelteile.

Woodrell hält die Regeln des Noir-Romans ein: Die Verdammten bleiben verdammt, und keine heruntergekommene Nutte wandelt sich zur treusorgenden Hausfrau. Dabei missachtet Woodrell jede einengende Tradition und romantisiert seine Außenseiter nicht.

Wenn sie jemanden umlegen und verbuddeln, beten sie nicht am Grab sondern pinkeln auf die Leiche. Sie leben hart und schnell, saufen, schlucken Drogen, taumeln zwischen Hoffen und Fatalismus und träumen Träume, die regelmäßig zusammengetreten werden:
„Daß ihr Traum nur eine Phantasie ist, an der man sich eine Weile festhält, die aber eines scheußlichen Nachts, ein Stückchen weiter die Straße des Lebens hinab, erschlaffen und sich um ihren hübschen Hals zusammenziehen wird.“

Endgültig als Poet des Trailer-Park-Trash abgestempelt, kann Woodrell mit dieser Schublade mehr schlecht als recht leben. Neben der Jerry Springer-Show und den neuen Trash-Bands ist er zum herausragende Protagonisten der hässlichen Amerikaner geworden -mehr noch als sein kaum weniger begabter Kollege Joe R.Lansdale.

Woodrell schreibt wie ein Bastardsohn von Raymond Chandler und Erskine Caldwell.
In den Dialogen, Bildern oder Vergleichen wird der Einfluss von Chandler deutlich, ohne dass Woodrell zum Epigonen wird: „Ich sah ihn an und dachte, es stimmt wohl, daß uralte Menschen plötzlich wieder wie Kinder aussehen können, wie wenn bei einem Auto der Kilometerzähler umspringt und wieder bei Null anfängt. Nur daß es inzwischen ein klappriges Vehikel ist.“

TOMATO RED ist noch düsterer als STOFF OHNE ENDE, der ebenfalls in West Table spielt, wo die eiserne Regel gilt: Du bist das, wo du geboren wurdest. Und wenn du im Slumviertel Venus Holler geboren wurdest, bist du gar nichts. Dort ist man nicht so anmaßend, leben zu wollen, dort ist man froh zu überleben. Der „Held“ Sammy ist natürlich wieder ein echter Looser, der in die Fallstricke des Noir-Romans gerät: Sex und Gewalt.
Aber Sammy verkündet auch die Erkenntnisse eines Linksaußen, der jeden Glauben an gesellschaftlichen Fortschritt verloren hat:
„Die Reichen können sich entspannt zurücklehnen. Wir könne nie einen richtigen Krieg gegen sie anzetteln. Denn die Reichen können uns jederzeit kaufen, damit wir uns gegenseitig umbringen.“

Woodrell ist das Sprachrohr für die, die nichts mehr zu verlieren haben. Für den Poeten des Lumpenproletariats gilt, was er über sein Alter Ego in Stoff schrieb: Er lebte den Schund, den er schrieb.

WOODRELLS HIER BEHANDELTE ROMANE:

Cajun Blues (Under the Bright Lights, 1986); Heyne, 1994.

Zum Leben verdammt (Woe to Live On, 1987), rororo 22336.

Zoff für die Bosse (Muscle for the Wing, 1988.

John X. (The Ones You Do, 1992), Rowohlt Paperback.

Stoff ohne Ende (Give Us a Kiss, 1996), rororo 22773.

Tomato Red (Tomato Red, 1998), Rowohlt Paperback.

Die neuen Romane, wie WINTER KNOCHEN oder DER TOD VON SWEET MISTER sind bei Heyne und Liebeskind.
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Susanne Fink vom Liebeskind-Verlag hat mir diese genaue Faktensammlung zu Woodrell zur Verfügung gestellt:

Preise / Auszeichnungen
1999 PEN USA Award for Fiction für Tomato Red (1998).
2000 Auf der Longlist des International IMPAC Dublin Literary Award für Tomato Red.
2008 – Die Kurzgeschichte „Uncle“, zuerst erschienen in A Hell of a Woman: An Anthology of Female Noir (2007), wurde für den 2008 Edgar Award nominiert.
2011 Clifton Fadiman Medal für Der Tod von Sweet Mister/The Death of Sweet Mister. http://centerforfiction.org/awards/fadiman/2011-clifton-fadiman-medal/
2014 The Chicago Tribune Heartland Prize für In Almas Augen / The Maid’s Version

Bibliographie
• Under the Bright Lights (Henry Holt, 1986) – DE: Cajun-Blues (Ein René-Shade-Thriller), Haffmans 1994 – Bd. 1 der Bayou-Trilogie • Woe to Live On (Henry Holt, 1987, NA Little, Brown 2012) – DE: Zum Leben verdammt, Rowohlt TB 1998. 1999 verfilmt unter der Regie von Ang Lee unter dem Titel Ride with the Devil – Neuübersetzung DE: Zum Leben verdammt, Liebeskind Herbst 2018
• Muscle for the Wing (Henry Holt, 1988) – DE: Zoff für die Bosse (Ein René-Shade-Thriller), Haffmans 1995 – Bd. 2 der Bayou-Trilogie
• The Ones You Do (Henry Holt, 1992) – DE: John X. (Ein René-Shade-Thriller), Rowohlt 1999 – Bd. 3 der Bayou-Trilogie • Give Us a Kiss. A Country Noir (Henry Holt, 1996, NA Little, Brown 2012) – DE: Stoff ohne Ende, Rowohlt 1998
• Tomato Red (Henry Holt, 1998, NA Little, Brown 2012) – DE: Tomato Red, Rowohlt TB 2001 – Neuausgabe DE: Tomatenrot, Liebeskind Frühjahr 2016
• The Death of Sweet Mister (Putnam, 2001, NA Little, Brown, 2012) – DE: Der Tod von Sweet Mister, Liebeskind 2012 (Hardcover), Heyne TB, Nov. 2013
• The Bayou Trilogy (Under the Bright Lights, Muscle for the Wing, and The Ones You Do, NA Little, Brown 2011) – Neuausgabe: Im Süden – Die Bayou-Trilogie, Heyne TB, 12.11.2012.
• Winter’s Bone (Little, Brown, 2006) – DE: Winters Knochen, Liebeskind 2011 (Hardcover), Heyne TB, Sept. 2012
• The Outlaw Album: Stories (Little, Brown, 2011)
• The Maid’s Version (Little, Brown, 2013) – DE: In Almas Augen, Liebeskind 2014

Filmographie
• Ride with the Devil (adapted from novel Woe to Live On) (1999)
• Winter’s Bone (adapted from novel) (2010) o 2010 Sundance Film Festival Award für den besten dramatischen Film und das beste Drehbuch o 2010 21. Stockholm International Film Festival – bester Film o 2010 New York Gotham Independent Film Award für den besten Film und das beste Ensemble o Nominierung Golden Globes 2011: Jennifer Lawrence / Kategorie Best Actress / Drama o 4 Oscar-Nominierungen 2011: Bester Film, beste Hauptdarstellerin, bester Nebendarsteller, bestes adaptiertes Drehbuch o Independent Spirit Awards 2011: beste Nebendarsteller (Dale Dickey und John Hawkes)

Und ist nicht die beste Woodrell-TV-Serie, die nichts mit ihm zu tun hatte, Elmore Leonards Nachbarstaatsserie  JUSRUFIED; wobei Woodrell Leonards Marshal-Romantik -Schwachsinn weggelassen hätte.

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NOIR-KLASSIKER: CHARLES WILLEFORD – Keine Hoffnung für die Lebenden by Martin Compart
11. Januar 2019, 1:16 pm
Filed under: CHARLES WILLEFORD, Crime Fiction, Noir, Porträt | Schlagwörter: , , , ,


Charles Willefords Knochen vermodern mit 260.000 anderen – darunter Seelenverwandten wie Lee Marvin und Sam Peckinpah – auf dem sogenannten Heldenfriedhof von Arlington.

Willeford war nämlich ein mehrfach verwundeter Kriegsheld (Schrapnellwunden im Gesicht und am Hintern), der als Panzerkommandeur von Pattons Armee im Zweiten Weltkrieg mit Silver Star, Bronze Star, Purple Hearts und dem Luxemburger Croix de Guerre ausgezeichnet wurde. Der „Hohepriester des Psycho-Pulp“ (wie ihn die „Village Voice“ nannte) wusste also, wovon er redete: „Sowas wie einen gerechten Krieg gibt es nicht. Nichts ändert sich dadurch – nur, dass ein paar Leute dazuverdienen und deshalb viele Menschen, vor allem junge, krepieren müssen. Es ist immer für nichts. Diejenigen, die Kriege anzetteln, sind nie dieselben, die sie dann tatsächlich kämpfen.“
Das sahen und sehen Ungediente wie Joscka Fischer, Rudolf Scharping, Hein Blöd Struck Jung, Guttenberg, de Maiziere, von der Leyen und wie die ganzen Drückeberger heißen, natürlich anders.

Erste deutsche Ausgabe eines Willeford-Buches.

Als 1984 mit „Miami Blues“ Willefords achtzehntes Buch erschien, wimmerten die harten Noir-Fans: „Wieso kennen wir den Kerl nicht?“ Erst fünf Jahre vor seinem Tod hatte der Schriftsteller damit seinen Durchbruch. Im Gegensatz zu Thompson, Goodis oder Williams war er zuvor nicht einmal ein Kultautor mit kleiner Fan-Gemeinde gewesen.

Geboren wurde Charles Willeford am 2. Januar 1919 in Little Rock, Arkansas. Mit acht Jahren war er Vollwaise. „Wenn du mit acht zur Waise wirst, weißt du, dass du als nächster dran bist“, sagte er später. Er lebte vier Jahre bei seiner Großmutter, die ihn während der großen Depression schließlich nicht mehr durchfüttern konnte. Als Hobo führte er dann ein „Leben auf der Straße“. Mit 16 ging er zum Militär und blieb 20 Jahre Berufssoldat.

1947 veröffentlichte er sein erstes Buch: den Gedichtband „Proletarian Laughter“.

1953 kam der erste Noir-Roman: „High Priest of California“, in dem ein noch gebremster Psychopath (natürlich Gebrauchtwagenverkäufer) einer verheirateten Frau nachsteigt. Ganz nebenbei erlaubt sich Willeford böse Seitenhiebe auf den McCarthyismus.

Als Double-Feature mit einem Talbot Mundy-Roman!

Es folgten Klassiker, die kein großer Verlag haben wollte: „Pick up“, 1955, und „The Woman Chaser“, 1960, zum Beispiel. Willeford, der gern bei Gold Medal Books veröffentlicht hätte, dem Verlag der von ihm so bewunderten Autoren Jim Thompson und John D. MacDonald, schrieb stattdessen für die miesesten und obskursten aller Taschenbuchverlage.
Daneben absolvierte er ein Studium der Philosophie und Literatur sowie diverse Gelegenheits-Jobs.
Sogar einen Privatdetektivroman („Wild Wives“, 1956) verfasste er, allerdings ohne große Begeisterung – in „der Tradition von Hammett und Chandler“, wie es oft auf stupiden Klappentexten heißt. Willeford bringt seinen PI darin am Ende in den Knast, denn „zum Schluss hassten die Leser den Kerl bestimmt genauso wie ich. Ich wollte nur sehen, ob ich sowas hinkriege“.

Von den Verlagen, die Titel änderten oder sogar seine Pseudonyme, war er nicht sonderlich begeistert, trug es aber mit dem ihm eigenen Humor: „Merkwürdige Leute. Warum hauen sie halbnackte Blondinen aufs Cover, wenn es in dem Buch doch um halbnackte Brünette geht?“

Der Kritiker William Bittner ordnete Willeford Ende der 50er den Beats zu. Tatsächlich haben Noir-Autoren und Beat-Literaten viele Gemeinsamkeiten – etwa die Verachtung für die Konsumgesellschaft und ihre Regeln. Bei Noir endet das meist in stoischem Existentialismus, Beat propagiert dagegen das Sich-treiben-lassen und die Kreativität.

Bevor er Anfang der 60er Jahre eine Universitätskarriere begann, arbeitete Willeford als Redakteur für Alfred Hitchcocks Kriminalmagazin. 1962 endete seine erste, materiell höchst unbefriedigende Phase als Romancier mit dem Roman „Cockfighter“. Im Verlag Alexander ist letztes Jahr eine Neuauflage des Romans erschienen, wie sie Ulrich von Berg schon vor über zehn Jahren konzipiert hatte: Mit dem Tagebuch, das Willeford während der Verfilmung des Romans durch Monte Hellman geschrieben hat, und einem Essay von James Lee Burke. Ulli wollte außerdem ein Regelwerk zum Hahnenkampf mit aufnehmen. Damals war kein Verlag bereit für derartige Editionen – ist man in Deutschland letztlich immer noch nicht.

Jedenfalls eroberte sich Willeford nur durch „Cockfighter“ einen dauerhaften Platz im Kanon der US-Literatur und im „proletarischen Roman“.

Er unterrichtete Literatur an der Universität von Miami und besprach als Kritiker des „Miami Herald“ Hunderte von Kriminalromanen (wo bleibt eine Sammlung dieser Reviews?)

„Der Wendepunkt in meiner Karriere war die Novelle ‚The Machine in Ward Eleven‘, die 1959 im ‚Playboy‘ erschien“, erinnerte er sich einmal in einem Interview. „Vorher hatten mir die Lektoren erklärt, es sei unmöglich, geisteskranke Personen als Sympathieträger zu zeigen. Ich glaubte das nie. Wahnsinn ist die Normalität in Amerika. Die Reaktion der Leser bestätigte das.“

Anfang der 70er Jahre nahm Willeford einen neuen Anlauf: Er hatte einen Hardcover-Verlag und einen Filmdeal in der Tasche. Sein Noir-Roman über den Kunstbetrieb, „The Burnt Orange Heresy“, gilt einigen als sein bester. Ein Kritiker beurteilte das Buch als „eine Mischung aus Patricia Highsmith und Jim Thompson – falls sowas möglich ist.“

Der nach Motiven der Odyssee konzipierte „Cockfighter“ wurde 1974 von Monte Hellman mit Warren Oates verfilmt und ist heute ein Kultfilm (in dem auch Willeford in der Rolle des Ed Middleton mitspielt).

Und wieder hatte er Pech: Wie zuvor das Buch, floppte auch die Verfilmung; der Autor stellte abermals die Produktion ein.

Es muss ihm damals bis obenhin gestanden haben. Die billigen Taschenbuchverlage hatten alles dazu getan, ihn erfolglos zu machen: Sein Roman „The Difference“ wurde von einem Lektor ruiniert, der ein neues Anfangskapitel schrieb. Manchmal erfuhr er erst Jahre später, dass eines seiner Bücher veröffentlicht worden war. Und als er endlich einen guten Lektor gefunden hatte, starb dieser unmittelbar nach der Neuauflage von „Cockfighter“ bei einem Autounfall.

Doch dann kam nach zehnjähriger Schaffenspause mit dem ersten Hoke-Moseley-Roman endlich der Erfolg für Amerikas härtesten Nihilisten. Elmore Leonard konnte sich kaum einbremsen und lobte Willeford als Offenbarung. Quentin Tarantino erklärte, er mache kein Neo-Noir, sondern Filme, wie Willeford Bücher schreibt.

Verlage balgten sich um weitere Moseley-Romane – und zum ersten Mal kam das große Geld. Für „The Way We Die Now“ bekam er 225.000 Dollar Vorschuß. Sein Kumpel, der exquisite Kleinverleger Dennis McMillan, veröffentlichte luxuriöse Neuauflagen. Willeford hatte es endlich geschafft! Vier Jahre konnte er sich darüber freuen, dann kam endgültig das große Nada.

Am 27. März 1988 war Zapfenstreich für den Mann, der Soldaten mit kriminellen Psychopathen verglich. Denen hat er mit einem unsterblichen Satz in „Sideswipe“ ein Denkmal gesetzt:

Ich bin ein krimineller Psychopath. Das bedeutet, dass ich den Unterschied zwischen Recht und Unrecht kenne, aber dass er mir scheißegal ist.

In seinen Noir-Romanen gibt es keine sentimentalen, melodramatischen Momente oder Identifikationsfiguren – aber jede Menge schwarzen Humor und vergiftete Gefühle, die eiskalt vorgeführt werden. Seine Machohelden sind Kakerlaken, erschreckend lebensechte Psychopathen, die durch überraschende Plots taumeln.

Willeford war kein Epigone, sondern ein originärer Schriftsteller mit einer eigenen Sicht auf das Leben: Einmal besuchte er mit McMillan einen Puff in Monterey. Die von ihm ausgewählte Nutte holte ein Notizbuch heraus und schrieb etwas hinein. Auf Willefords Frage, was sie da mache, antwortete sie: „Du bist diese Woche Nummer 71.“
Willeford drehte sich um und ging: „Ich wollte einfach nicht Nummer 71 sein.“

Charles Willeford auf Zelluloid

„Cockfighter“, 1974 inszeniert von „Two-Lane Blacktop“-Regisseur Monte Hellman und mit Warren Oates, Harry Dean Stanton und Willeford selbst.

„Miami Blues“, 1990 inszeniert von George Armitage und mit Alec Baldwin, Fred Ward, Charles Napier und Jennifer Jason Leigh.

„The Woman Chaser“, 1999 inszeniert von Robinson Devor und mit Patrick Warburton.

“The Burnt Orange Heresy”, 2018 inszeniert von Giuseppe Capotondi mit Mick Jagger (!) und Donald Sutherland.

Lange überfällig ist eine sorgfältig edierte Gesamtausgabe seines Werkes. Angesichts der heutigen Buchmarktidiotien ist diese weder im englischsprachigen Raum, noch im deutschsprachigen, vorstellbar.

P.S.: “ Peckinpah liegt trotzdem nicht in Arlington, seine Asche wurde vor Malibu über dem Pazific verstreut.“, mailt MiC, der es als Peckinpah-Experte (er hat alle Hinterbliebenen bereist und genervt) wissen sollte.

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CHARLIE MUFFIN by Martin Compart

Charlie Muffin ist für viele (mich eingeschlossen) die größte Kult-Figur des Polit-Thrillers. Sein erster Auftritt in Brian Freemantles Roman CHARLIE M schlug 1977 ein wie eine Bombe; vergleichbar vielleicht mit Len Deightons THE IPCRESS FILE fünfzehn Jahre zuvor oder LeCarrés SPION, DER AUS DER KÄLTE KAM. Charlie war noch mehr anti-establishment als Deightons namenloser Ich-Erzähler.

Inzwischen ist die Serie auf 19 Titel angewachsen. In Deutschland erscheint sie schon lange nicht mehr.

Muffin ist der wahre proletarische Held unter den fiktionalen Agenten. Und er ist vielleicht der abgewichsteste und cleverste, der die Schwächen der degenerierten britischen Oberschicht genau kennt und ausnutzt, ihre Heimtücken durchschaut.

Leider gibt es bisher nur eine audiovisuelle Umsetzung: 1979 drehte der große Jack Gold die Adaption des ersten Muffin-Romans für das britische Fernsehen. David Hemmings wurde für Charlie Muffin das, was Sean Connery für James Bond ist. Das sah Freemantle ganz ähnlich:

Here’s a secret. It’s not as easy for me now to write Charlie as it was in the beginning and the problem was the film of that first Charlie Muffin book. David Hemmings brilliantly played the part. I met him for the first time on set, when a gambling club scene was being shot. Between takes he came over to me, clad in scruffy suit and down-at-heel Hush Puppies ( it’s the feet problem) and said: ‚Here I am. I’m Charlie Muffin.’Which he was. Up until that moment I knew how Charlie Muffin thought and how he’d react and what he physically looked like. But I didn’t have his facial features. But from then on I did and it’s always David Hemmings‘ face I see when I’m writing, not my blank-canvassed Charlie.

Nicht nur Hemmings ist eine Weltmacht! Der Film ist in jeder Rolle perfekt besetzt und Jack Gold inszeniert diesen „Agentenpoker“, der eher ein Schachspiel ist, genau und mit dem richtigen Gefühl fürs Timing. Gold (1930-2015)ist m.E. wegen seiner häufigen TV-Arbeiten ein schmählich unterschätzter Regisseur, der für Klassiker wie THE RECKONING oder MAN FRIDAY verantwortlich war.

Für Charle gefährlicher als die Russen: seine Vorgesetzten und Mitarbeiter.

Geradezu nostalgisch wird man bei den Szenen, die in Ost- wie West-Berlin spielen. Gold fängt das Zeitgefühl des Kalten Krieges und die Atmosphäre der geteilten Stadt ein.

Dies ist kein Action-Film!

Die Handlung fordert vom Zuschauer Mitdenken (ist also nichts für heutige Kino-Gänger oder Krawall-Serien-Freunde). Jack Gold lässt sich Zeit um jede Nuance und jeden Dialog effektiv zu inszenieren.

Etwa, wenn Ian Richardson (einmal mehr: großartig!) als arroganter und unfähiger Geheimdienstchef über Charlies Klassenzugehörigkeit sinniert:

Die Arbeiterklasse ist in ihrer Freizeit immer brünstig.

Ausgegraben hat dieses Kleinod der Spy-Fiction wieder mal PIDAX-Film. Die Crew um Edgar Maurer gräbt bekanntlich tief, wenn es um vergessene TV-Schätze oder zu wenig bekannte Filme geht (dasselbe gilt für den Hörspielbereich, in dem sie den Klassiker Hans Gruhl wieder zugänglich machen). Ich stöbere gerne in ihrem Katalog.

Die Qualität dieser DVD-Ausgabe ist ausgezeichnet. Schade nur, dass es kein Zusatzmaterial gibt.

Was soll´s! Endlich kann ich meine vergammelte Video-Kopie entsorgen und diese bisher einzige Verfilmung eines Freemantle-Stoffes (was lagert da für ein Film- und TV-Potential!) in meine Bibliothek einordnen.

Kein Freund guter Spionagefilme kommt ohne CHARLIE MUFFIN aus, dessen Schlusspointe neue Maßstäbe im Genre setzte. Freemantle gab der Spynovel mit diesem „Happyend“ eine neue politische Dimension.

https://www.pidax-film.de/



Klassiker Des Noir-Romans: DEATH WISH von Brian Garfield by Martin Compart

Es gibt wohl wenige literarische Werke, die unter dem überragenden Erfolg einer Verfilmung so zu leiden haben wie DEATH WISH von Brian Garfield. Der wahnwitzige Erfolg, der Charles Bronson endgültig zur Ikone machte, versaute das Image eines Meisterwerks des psychologischen Noir-Thrillers auf breiter Front. Fans der Filme enttäuscht die Lektüre der Vorlage. Verächter der Filme kommen gar nicht auf die Idee, den Roman mit spitzen Fingern in die Hand zu nehmen.

Das hat schon ein bisschen was Tragisches.

Ende der 1960er begann der Vigilantismus zu einem erfolgreichen Topos in der Pop-Kultur zu werden, der seinen Höhepunkt in den 1970er Jahren erreichte. Einer der Ersten, der das Thema kontroverser als die Standard-Rächer-Romane in den Pulps und Paperback Originals behandelte, war Joe Gores mit A TIME FOR PREDATORS, 1969, für den er zu Recht den „Edgar-Allan-Poe-Award“, der damals noch etwas bedeutete, erhielt. Den literarischen (und dann filmischen) Höhepunkt erreichte das Motiv ausgerechnet mit dem Anti-Vigilanten-Roman DEATH WISH, aus dem Hollywood den Inbegriff des Vigilanten als Superhelden machte.

Aber hier geht es nicht um das Remake von Bruce Willis, hier geht es um einen der besten Noir-und anderes-Autoren des 20. Jahrhunderts.

Garfield schrieb DEATH WISH in zwei Wochen!

Im Roman ist Paul Benjamin (für Film und deutsche Übersetzung hat man den Nachnamen in Kersey geändert) Steuerberater, und am Anfang des Romans wird man in die schmutzigen Tricks der Aktiengeschäfte eingeführt, die heute geradezu niedlich anmuten, aber die kriminelle Progression schon erahnen lassen.
Er ist der typische Liberale, der an die gesellschaftlichen Regeln glaubt, tolerant und sanftmütig.

Eines Tages erfährt er telefonisch (anders als im Film wird der Überfall im Roman nicht ausgeführt), dass seine Frau und Tochter im Krankenhaus liegen. Sie wurden Opfer eines Überfalls in ihrer Wohnung. Pauls Frau stirbt an den Folgen, seine Tochter fällt in eine anhaltende Gemütsstarre und wird zum Pflegefall.

Langsam entwickelt sich der brave Angestellte zu einem Monster. Das eigentliche Thema des Romans. Paul ist weder Held noch Anti-Held, eher ein Opfer urbaner Schizophrenie mit der typischen gehobenen Redneck-Mentalität: “Those who commit crimes should be killed. If they didn’t want to face the consequences, then they shouldn’t have broken the law.”

Die Idee zum Roman kam Garfield durch eine unangenehme Erfahrung:

„I was the victim of a minor crime of violence; it all followed from there. I’d been at my publisher’s apartment — a penthouse overlooking the Hudson River (the area where Paul stalks muggers in the film). When I came out to get my car and drive home to the Delaware River, I found the top of my 10-year-old convertible slashed to ribbons. Must’ve been some vandal having his fun with a knife. For me the „rage“ element was that it was snowing pretty hard and it was cold. I had a two or three hour drive home. It wasn’t exactly a comfortable ride. I got pretty mad, [and thought] „I’ll kill the son of a bitch. Of course by the time I got home and thawed out, I realized the vandal must have had a strong sharp knife (convertible-top canvas is a very tough fabric to cut) and in reality I didn’t want to be anywhere near him. But then came the thought: What if a person had that kind of experience and got mad and never came out of it? I thought at the time that the impetus needed to be something stronger, more personal, than the slashing of an impersonal canvas car-top, but later I’ve become aware that the very triviality of the crime would have made much clearer the point of the story. Anyhow that was its provocation. The hero, or anti-hero, set himself up to clean up the town. I felt a sort of sympathy for him, but right from the outset it seemed clear enough to me that he was a nut who kept becoming nuttier.”

Der komplexe Roman ist auch das Portrait einer Stadt im Niedergang, eines Manhattans, bevor es von Walt Disney umgebaut wurde, und die Kriminalität noch vornehmlich auf den Straßen stattfand. Es ist die Zeit kurz vor der kulturellen Erosion New Yorks.

Bereits 1972 reflektiert Garfield die zunehmende Umweltverschmutzung Manhattans. Das klingt heute fast so wie bei Diskussionen über Dieselfahrverbote: „Normalerweise konnte man nicht sehen, wie die vergiftete Luft die Lungen angriff, also achtete man nicht darauf… Es kommt noch so weit, dass man sich nichts mehr einzuatmen traut, was nicht durch eine Zigarette gefiltert ist.“

Eines der Hauptthemen, das sich durch Garfields Werk zieht, ist der plötzliche Einbruch unerwarteter Gewalt und wie sie Leben und Verhalten der betroffenen Menschen verändert.


In DEATH WISH dekliniert Garfield an dem Protagonisten, der vom Opfer zum Täter wird, psychologisch, politisch und philosophisch diese Erfahrung durch. Im Roman geht es nicht darum, einen body-count zu illustrieren, sondern um diese Transformation. Dieser Prozess ist in der Verfilmung kaum realisiert. „Wenn Bronson in einem Film auftaucht, weiß man, dass er bald ein paar Typen wegblasen wird. Ich habe das als Kritikpunkt gegenüber Michael Winner erwähnt. Er nannte mich einen Idioten.“

Im inneren Monolog werden Pauls Entwicklungen hin zur Paranoia so glaubhaft wie nachvollziehbar gezeigt. Große schriftstellerische Kunst! Garfield braucht (in diesem Roman) so gut wie keine Action. In einem anderen Kontext als dem um den Film-Hype hätte man ihn als meisterhaften Psychothriller eingeordnet, der einer Patricia Highsmith würdig gewesen wäre.

Wenn Paul gen Schluss des Buches durch die Stadt streift und Drogensüchtige als potenzielle Angreifer erhofft, wertet er ihre Harmlosigkeit als Enttäuschung. Alles andere als ein Rächer-Held, muss er seine Veränderung erkennen:
„Er hatte sein Gleichgewicht nur deshalb bewahrt, weil ihn dasselbe Leiden erfaßt hatte, das auch (seine den Überfall und die Vergewaltigung überlebende Tochter) Carol infiziert hatte – die Unfähigkeit, irgend etwas zu fühlen… als wäre sein Empfindungszentrum gelähmt worden.“


Der Leser folgt einer Entwicklung, die der eines Serienkillers nicht unähnlich ist. Bis hin zum typischen Selbstmitleid:

„Niemand hatte Zuspruch für ihn – er war elendiglich einsam; er wollte die Nacht nicht mit einer Frau verbringen – er wollte die Nacht überhaupt nicht verbringen.“

Während der Film nur mäßig spannend ist (wer fürchtet schon um Charles Bronson?), liest sich der Roman atemlos, auch noch Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung. Brian Garfield ist außerstande, einen langweiligen Satz zu schreiben. Ein weit unterschätzter Autor, vielen vom Feuilleton gepriesenen Highbrow- Schreibern überlegen, mit scharfer Beobachtungsgabe, die er literarisch umzusetzen versteht. Das Wartezimmer eines Krankenhauses: „Es war die Art von Raum, wo man die Dinge nicht ansah; man vermied es hinzusehen.“

Und das grandiose Finale hat eine intelligentere und bessere Pointe als der Film.
Existenzialistisch  veranschaulicht der Roman Penn-Warrens These: „Es gibt nur ein paar Monate, die das Leben bestimmen. Manchmal nur einen. Dann ist es vorbei.

Garfields Stil ist trotz innerer Monologe sehr visuell, was für einen Autor, der ca. zwanzig Filme geschrieben und/oder produziert hat, nicht verwunderlich ist. Er schrieb von 1960 bis 69 34 Romane (fast alles Western), danach 28 weitere, zwei Story-Collections und drei Sachbücher (darunter ein inzwischen sehr gesuchtes Buch über Western-Filme, „Western Films: A Complete Guide“, 1982 ). Sein vielseitiges Werk umfasst Western, Abenteuer, Comedy, eine Biographie, Polit-Thriller, historische Thriller, Noir- und Crime-Fiction; 17 Bücher dienten als Vorlage für Film- oder TV-Produktionen. Sein Sachbuch „The Thousand-Mile War: World War II in Alaska and the Aleutians“, war Finalist beim Pulitzer-Preis, und sein Roman „Hopscotch“ gewann 1976 den Edgar; 1980 co-produzierte er die Verfilmung mit Walter Matthau. Weltweit verkauften seine Bücher bisher 20 Millionen Exemplare.

In den 1950ern war er Musiker und hatte mit seiner Band „The Palisades“ sogar einen Top-40-Hit mit dem charmanten Doowop-Song I CAN´T QUIT.

Er begann das professionelle Schreiben 1960,zur selben Zeit wie seine Freunde Donald Westlake und Larry Block, mit denen ihn nicht nur die hohe Produktionszahl in den 1960ern verbindet. Ab 1965 lebte er in New York und gehörte zu der legendären Poker-Runde mit Westlake, Block, Justin Scott, Robert Ludlum (und wenn er in der Stadt war: Ross Thomas), Henry Morrison (Agent der meisten und Entdecker von Ludlum, dessen Bourne-Verfilmungen er produziert) u.a.

Michael Winners DEATH WISH folgten weitere Vigilanten-Filme. Der künstlerisch gelungenste war wohl TAXI DRIVER. Charles Bronson wurde durch vier Fortsetzungen und viele Variationen gejagt.

“I hated the four sequels. They were nothing more than vanity showcases for the very limited talents of Charles Bronson. The screenplay for the original Death Wish movie was quite good, I thought. It was written by Wendell Mayes — look him up; he was a great guy and a splendid screenwriter; but his Death Wish script was designed to be directed by Sidney Lumet, with Jack Lemmon to star as Paul. The last-minute changes in director and star were imposed by a new producer to whom the project was sold, rather under protest, by the original producers Hal Landers and Bobby Roberts. The point of the novel Death Wish is that vigilantism is an attractive fantasy but it only makes things worse in reality.”

Da Garfield zur Zeit der Premiere des Films in Afrika zu Recherchen weilte, bekam er den Rummel um den Film nicht mit. Nach seiner Rückkehr sah er sich ihn zusammen mit Donald Westlake an. Beide mochten den Film nicht und teilten dies auch Michael Winner mit. Das Dumme daran war, dass Garfield und Westlake ein weiteres Projekt mit Bronson und Winner entwickelten: Die Verfilmung von Westlakes Parker-Roman BUTCHER´S MOON:

“Charles Bronson had an estate across the Hudson River from Albany, and he’d agreed to do Butcher’s Moon if it could be filmed in and around Albany so he could commute to work. Michael Winner had said he’d direct Butcher’s Moon as his next project. These elements were all in place when Don recommended that Fox hire me to write the script;
I’d just written the introduction for the book of Butcher’s Moon, and my Death Wish was just then being filmed in New York with Bronson, directed by Michael Winner.
The producers had cooled, Bronson had cooled, and Winner had finished filming Death Wish—a movie that both Don and I, having seen it in screenings, disliked. It became a huge hit in the summer of ’74, at a time when I was in Africa researching something else. I sort of understand the appeal of the movie—it had an excellent screenplay by Wendell Mayes—but I thought it was a hasty and indifferent job of filmmaking. I suppose Don and I both failed to hide our disappointment with the movie, so it’s not too surprising that both Bronson and Winner walked away. Without them, I gather Fox had very little interest in pursuing the project.”

Für angehende Thriller-Autoren hat Garfield generös Tipps bereit:
http://thrillerwriters.org/library/Brian%20Garfield%20-%20Ten%20Rules%20for%20Suspense%20Fiction.pdf

Garfield schrieb mit DEATH SENTENCE (ebenfalls verfilmt) einen weiteren Roman um Paul Benjamin – aber das ist eine andere Geschichte.






JEAN-CHRISTOPHE GRANGÉ: ARCHÄOLOGE DES BÖSEN 4/ by Martin Compart
6. August 2018, 10:44 am
Filed under: Crime Fiction, Jean-Christophe Grangé, Noir, Porträt | Schlagwörter: , ,


Zu seinen vielen Reisereportagen entstanden Journalist Tausende von Notizen. „Mein persönliches Archiv.“ Darin befinden sich nicht nur Anmerkungen für realisierte Reportagen, auch Ideen und Materialien, die nicht verwendet wurden. „Ich habe das Glück, Ideen zu haben, die von selbst keimen, und die Hintergründe stammen aus meinem Berufsleben als Reporter. Zehn Jahre war ich das.

Die ersten großen Reportagen erscheinen 1990:

Calcutta, Capitale de l’enfer. Kalkutta, Hauptstadt der Hölle. Portrait einer Stadt und Nomades, les passagers de la terre. Nomaden: Ein Jahr mit den letzten Nomadenvölkern der Welt.
In der Mongolei, nahe der Grenze zu Sibirien, verbrachte Jean-Christophe Grangé Zeit mit einem kleinen Stamm, dem auch Schamanen angehörten. Der entscheidende Impuls für seinen Roman DER STEINERNE KREIS.

Für seine nächste Reportage Péril en la forêt, über die Abholzung des Regenwaldes, wurde er mit dem Prix Reuter 1991 ausgezeichnet.

Es folgten La migration des cigognes suivie par satellite über die Wanderung der Störche, die ihn bekanntlich zu seinem ersten Roman DER FLUG DER STÖRCHE anregte.
Und er bekam einen weiteren Preis: Für La ballade du cormoran . Die Ballade des Kormorans, erhielt er Prix World Press. Darin beschreibt er die Pai-Fischer in Yunnan, die ihre Kormorane zum Fischfang ausbilden. Es folgte eine Reportage über das Leben am Mississippi und über die Schmetterlingsjagd und ihren Handel in Thailand: Einiges aus Les ailes de la forêt . Die Flügel des Waldes, floss dann in DAS SCHWARZE BLUT ein.

1993 schrieb er über den Gebrauch von Kindern durch die Mafia. in Sizilien; Le bunker des souris über das größte Labor für Tierversuche in Deutschland; Le piège de cristal , Die Kristallfalle, über eine Grönlandexpedition, die 170 Meter unter das Eis führte (die Gletscherszenen in PURPURNE FLÜSSE verdanken dieser Erfahrung einiges); Les géants de la bravoure . Die Riesen der Tapferkeit über kleinwüchsige Toreros in Spanien und Le voyage fantastique über den menschlichen Körper als 3D-Simulation.

Mit Pierre Perrin

Angeregt durch die Reportage über die Storchenwanderung für „Paris Match“ begann er 1991 seinen ersten Roman zu schreiben.

Misslungener TV-Zweiteiler

„Wir hatten die Vögel mit Satellitensignalgebern ausgestattet, wir waren ihnen überall hin gefolgt, von Europa über Israel bis nach Afrika und ich sagte mir auf dem Rückweg, wenn ich einen Thriller mit Störchen schreiben könnte, wäre das wirklich originell. Die Reise war eine gute Struktur für einen Quest orientierten Thriller. Ich nutzte meine Reisen, um einen Roman zu füttern. “

Zwei Jahre lang schrieb Grangé frühmorgens vor der Arbeit an dem Roman. Und kurz nachdem er sein Manuskript an die Verlage schickte, schlug der renommierte Verlag Albin Michel zu.

Das war 1993 und Grangé war 32 Jahre alt.

Das Buch wurde ein Jahr später veröffentlicht und verkaufte „lediglich“ 8000 Exemplare. Grangé war noch nicht der französische Bestsellerautor, der „die Amerikaner blass machte“, hatte aber einen Achtungserfolg und das Interesse der Filmbranche geweckt.

Vorerst blieb er Reisejournalist für besondere Themen. 1994 arbeitete er über die ersten weiblichen Priesterinnen Englands (Les suffragettes de Dieu. Die Suffragetten Gottes), Michael Schumacher (Michaël Schumacher, 24 heures d’un champion. Michael Schumacher, 24 Stunden eines Champions), unveröffentlichten Bilder des japanischen Yokkhoh-Satelliten über Sonneneruptionen (Pleins feux sur le soleil. Spotlight auf die Sonne), alternative Medizin (Les médecines du mystère. Die Medizin der Geheimnisse), Milliardärs Inseln (Les seigneurs des îles. Die Herren der Inseln) und paranormale Phänomene (SOS paranormal).

1995 schrieb er über einen verborgenen Nazischatz in einem polnischen Kloster, der Originalnotenblätter von Bach und Mozart beinhaltete (Le trésor caché de Prusse . Der verborgene Schatz Preußens), zum hundertsten Jahrestag der Röntgenstrahlen (Le monde selon X), ein Porträt des Filmemachers Norodom Sihanouk (Le roi cinéaste), die Rekonstruktion Angkors am Computer (La renaissance d’Angkor), die Wildpferde auf Sable Island (Les chevaux de sable), Gehirnforschung (Voyage au centre du cerveau), die Möglichkeiten von in den menschlichen Körper integrierte elektronische Systeme (Cap sur l’Homme bionique) und Pyramiden (Pharaons noirs, retour vers le passé . Schwarze Pharaonen, zurück in die Vergangenheit).

Die Reportagen zeigen Themengebiete, die Grangé in seinen Romanen verarbeitete und bis heute faszinieren, etwa Hirnforschung, Umwelt, Spiritualität, Nazismus, Lateinamerika, isolierte Gemeinschaften, Natur und Gewalt – und Afrika. „Ich habe unglaubliche Länder kennengelernt, aber Afrika fasziniert mich immer mehr.

Einige der erfolgreichsten Autoren der letzten Jahrzehnte, wie Michael Crichton und Dan Brown, haben ihre Ware mit zusätzlichem Gebrauchswert ausgestattet. Diese besteht im komprimierten Spezialwissen zu Themen spekulativer Wissenschaftstheorien. Grangé nutzt diese Formel erfolgreich, indem häufig auf das Material zurückgreift, das er als Journalist einst recherchiert hat und dieses vertieft.

Außerdem vermitteln seine Romane den erkennbaren und unterschwelligen Wahnsinn, der unserer Epoche immer stärker prägt. Diese mehr oder weniger irrationalen Aspekte, die schon die Ränder unserer Zivilisation zerkauen, durchdringen seine Romane wie bei keinem anderen mir bekannten Autor. Damit steigert er die Atmosphäre der Angst und der Verstörtheit beim Leser. Auch nach der letzten Seite entlässt er ihn mit dem Gefühl, in einer immer unheimlicheren Welt zu leben. Das gelingt den wenigsten Weird Fiction-Autoren.

Wie schon erwähnt, ist Grangé einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Gegenwart.
Der materielle Erfolg lässt sich schön bei Ehescheidungen festmachen. Bei der Scheidung von seiner zweiten Frau verpasste ihm ein offenbar nicht wohlgesonnener Richter ein atemberaubendes Urteil: Ein Teil des Vermögens als einmalige Zahlung ging an die Ex, so wie monatliche Unterhaltszahlungen von 10.000€. Zu diesem Zeitpunkt zahlte ihm der Verlag Albin Michel, der auch für Grangés Steuern aufkommt, 30.000 € im Monat. Diese Scheidungserfahrung inspirierte wohl seinen schlechtesten Roman, DIE WAHRHEIT DES BLUTES (der in der Mitte auseinanderfällt und nach der Serienkillerhandlung eine völlig neue Geschichte beginnt, die Grangé nur nutzte, um sich über japanischer Kultur auszulassen).

Sein Vermögen ist schwer zu schätzen. Bereits für die Filmrechte von DAS IMPERIUM DER WÖLFE bezahlte Chris Nahon eine Million Euro. Aber – wie schon erfahren – war und ist Geld nicht sein Antrieb. Das beweist sein literarischer Ausstoß, der ihn als einen besessenen Schriftsteller beweist.

Marc Thiébault, ein Freund seit der Kindheit: „Wir lebten in zwei benachbarten Städten und haben nie den Kontakt verloren. Seitdem ist der Erfolg gekommen, aber der Mann hat sich nicht viel verändert, mehr oder weniger die gleiche Kleidung, gleiches Auto, keine Prahlerei. Sein Geld nutzt er, um seine Freunde ins Restaurant oder in einen Urlaub einzuladen.“ Er ist eben ein netter Bursche!

In meinem ersten Buch machte mich jedes geschriebene Wort krank vor Selbstzweifel. Es war noch schlimmer brim zweiten. Ich begann mich erst beim vierten zu entspannen. Dann entdeckte mich das Kino, und ich wurde reich.

Die O-Töne in diesem Text stammen hauptsächlich aus Portraits und Interviews in französischen Zeitschriften.

Eine deutsche Bibliographie findet sich in der KRIMI-COUCH unter:
https://www.krimi-couch.de/krimis/jean-christophe-grange.html

Grangés Homepage: https://www.facebook.com/JeanChristopheGrange.Officiel

Filmographie: https://www.imdb.com/name/nm0335096/



ARCHÄOLOGE DES BÖSEN: JEAN-CHRISTOPHE GRANGÉ by Martin Compart

Jean-Christoph Grangé schlug ein paar heftige Wunden in den Körper des Noir-Thrillers, die nie mehr heilen werden.

Das mögen manche Leser und Kritiker gar nicht. Ihnen erscheinen Grangés Werke wie von einem Psychopathen geschrieben, dem man ein geschärftes Rasiermesser in die Hände gedrückt hat. Das kann man Leuten, die auf Zimmertemperatur denken und den kleinsten gemeinsamen Nenner des Genres favorisieren, wohl nicht einmal übel nehmen.
Grangés „Spielereien“ mit esoterischen und religiösen Topoi passen nämlich auf den ersten Blick zu keinem Genre, dass sich aus der Aufklärung entwickelt hat (dabei negiert man die romantischen Wurzeln der Kriminalliteratur, die bereits bei Sherlock Holmes sichtbar wurden).

Grangé setzt sich gerne über westliches Schulwissen hinweg und bedient sich bei Themen, die gemeinhin dem Horror-Genre zugeordnet werden.

Wie viele französische Noir-Autoren seiner Generation betreibt Grangé scharfe Kritik am Kolonialismus und Neo-Kolonialismus. Dazu lässt er wissenschaftliche Erkenntnisse unterschiedlicher Disziplinen einfließen und scheut auch nicht vor genannten esoterischen Vorstellungen zurück. Letzteres brachte ihm häufig Kritik ein. Entscheidend erscheinen mir aber die mutigen Versuche, Genregrenzen zu überschreiten, zu sprengen und neues Terrain fruchtbar zu machen.

Seine monströsen Romane strotzen vor blutrünstigem Exotismus und münden meist in orgiastischen Wahn. Sie haben auch immer etwas apokalyptisches, beschwören eine Welt im Verfall mit nur noch geringer zivilisatorischer Sicherheit.

Besonders zwei politische Themenkreise tauchen immer wieder in seinen Romanen auf: die chilenische Militärdiktatur, Pharmazeutik in der Tradition der Nazis und der Kolonialismus in Schwarzafrika. Damit belegt Grangé die historische Weisheit, dass Vergangenheit nie zu Ende ist.

 

Um es mit Mario Praz auszudrücken: Grangé verbindet den „ungestümen Tätigkeitsdrang der Romantik mit der sterilen Kontemplation der Dekadenz“. Dies auch gerne in der Gegensätzlichkeit seiner Protagonisten-Duos (besonders in CHORAL DES TODES), die er auch häufig in einem Vater-Sohn-Verhältnis choreographiert.

Jedenfalls ist er der vielleicht eigenwilligste lebende (Bestseller-)Autor mit der ausgefallensten Phantasie.

Für seine Romane fehlt es an Vergleichbarem.

Manche Bücher mögen für Leser zu durchgeknallt erscheinen, aber uninteressant oder langweilig sind sie nie. Und trotz gelegentlich schwächerer Bücher, hat er sich stilistisch und handwerklich stets gesteigert.

Er ist ein Autor der französischen multikulturellen Gesellschaft. In fast jedem Roman zeigt er die Lebensbedingungen unterschiedlicher Ethnien, die in Frankreich leben oder zu leben versuchen. Er zeigt deren politische und kulturelle Zwänge auf, ohne zu romantisieren. Sein anthropologischer Pessimismus macht politisch unkorrekt nicht davor halt, auch das gierige Vorteilsstreben dieser anderen zu benennen.

Oft sind seine Hauptfiguren zerrüttete Maschinisten in einem System, das zu Chaos, Verbrechen oder Wahnsinn führen muss. „Die Nervenkrankheiten, die Neurosen scheinen tatsächlich in der Seele Spalten zu öffnen, durch die der Geist des Bösen eindringt“ (Huysmans).

Grangé ist besessen vom Bösen, von den Abgründen des Menschen. Bei seinen Reportagen und Reisen rund um die Welt bestätigte sich die Erkenntnis, „dass der Mensch die einzige Spezies ist, die in der Lage ist, zum Vergnügen zu töten.“ Wie ein Archäologe legt Grangé alle Schichten frei, um zum Kern des Bösen vorzudringen.

Sein Lieblingsfilm ist der MARATHON MAN nach William Goldman, der sicherlich großen Einfluss auf sein Werk hatte.
MARATHON MAN ist m.E. der beste aller Thriller. Das Drehbuch ist tadellos, und es basiert auf einer erhabenen Handlung. Die Zahnarzt-Szene ist geradezu archetypisch für den modernen Thriller. Wir sind alle eifersüchtig auf diese Sequenz. Ich habe natürlich auch den Roman gelesen, der ebenso erstaunlich ist.

Als Lieblingsautor nannte er häufig James Ellroy, was vermutlich damit zusammenhängt, dass dieser ähnliche Gruselszenen und Tabubrüche ausführte. Weitere Lieblingsautoren sind Martin Cruz-Smith (der über eine ähnlich breite Themenvielfalt verfügt), Maupassant und natürlich Flaubert.

Geboren wurde Grangé in Boulogne-Billancourt am 15.07.1961.
Er wuchs vaterlos in Paris auf. „Ich habe meinen Vater nie gesehen. Er durfte nicht in meine Nähe. Es hieß, er sei geisteskrank und wolle mich entführen.“ Deswegen vielleicht auch die vielen Vater-Sohn-Konstellationen in seinen Romanen, in denen er seine Nicht-Erfahrungen durchdekliniert.

Sein Lieblingsbuch in der Kindheit war eine Anthologie „15 Geschichten der griechischen Mythologie“; diese Faszination an der Mythologie durchzieht sein Werk bis heute. Bestes Beispiel ist DER URSPRUNG DES BÖSEN (2015 als Sechsteiler von France 2 für das Fernsehen adaptiert).

Er studierte Literaturwissenschaften an der Sorbonne und finanzierte sich teilweise durch kleine Jobs. „Ich schob Einkaufswagen im Supermarkt zusammen. Sehr lehrreich…“ Sein Diplom machte er mit einer Dissertation zu Gustave Flaubert.

Dann begann er als Werbetexter zu arbeiten. Um dieser niedrigsten Form planetarer Existenz zu entkommen, wechselte er in  zu einer Nachrichtenagentur. Später gründete er seine eigene Agentur L&G um als Reisejournalist und mit investigativen Reportagen bedeutende Magazine zu versorgen.
Zu seinen Abnehmern gehören bald Paris Match, Sunday Times, Observer, El Pais, Spiegel und Stern.

Für seine Reportagen reist er rund um die Welt zu Indianern, Eskimos, Pygmäen und begleitete wochenlang die Tuareg. Damit legte er bewusst oder unbewusst Grundlagen für seine späteren Romane. „Jahrelang habe ich einige wirklich verrückte Reportagen gemacht, und dann habe ich irgendwann erkannt, dass ich einiges sehr interessantes Material gesammelt hatte, um daraus Romane zu destillieren.“ Bei einer Reise in die Mongolei bekam er Kontakt zu den dortigen Schamanen, was sich dann in seinem umstrittensten Roman, DER STEINERNE KREIS, niederschlug. Mehrere Reisen nach Afrika schlugen sich mehrfach in seinen Romanen nieder. „Afrika fasziniert mich wie kein anderer Kontinent.

Seine Reportagen wurden mit Preisen ausgezeichnet: den „Prix Reuter“ erhielt er 1991 und im Jahr darauf den „Prix World Press“.

Während der langen Flüge begann er Kriminalromane zu lesen. Er bemerkte, dass das Genre ihn mehr als andere Literaturen anzog. „Ich bin ein Kinofan, mir wurde klar, dass man dank des Thrillers literarisch dieselben Emotionen hervorrufen kann wie in einem guten Film – und das wollte ich.“

Mit FLUG DER STÖRCHE schrieb er seinen ersten Roman, der 1994 veröffentlicht wurde. Noch kein Bestseller, aber ein Achtungserfolg der ihm viel Interesse einbrachte.
„Obwohl STÖRCHE kein wirklicher Erfolg war, entdeckten mich die Filmleute. So erhielt ich gut dotierte Drehbuchangebote. Mein Leben veränderte sich, auch wenn der große Erfolg noch nicht da war. Aber ich galt sowohl in der Film- wie in der Verlagsbranche als heiß.

Der große Erfolg kam vier Jahre später mit DIE PURPURNEN FLÜSSE, der ihn über Nacht bekannt machte und zu einem Weltbestseller wurde.

„Ich hatte das Glück, dass der Film überhaupt gedreht wurde, dass es Mathieu Kassovitz war, der es tat. Der weltweite Erfolg des Films war für mich in vielen Ländern eine treibende Kraft des literarischen Erfolges. Durch den Film, hatte auch der Roman unglaublichen Erfolg, vor allem in Italien und Deutschland. Natürlich hat der Charakter, den Jean Reno gespielt hat, nichts mit dem Charakter zu tun, den ich in meinem Buch porträtiert habe. Aber offen gesagt, um ein Beispiel zu nennen: Maigret. Wenn wir alle Schauspieler sehen, die in allen Filmen gespielt haben, die über Maigret gedreht wurden, sind wir sehr weit von Simenons Maigret entfernt.

Ich bin sehr glücklich mit dem Kino, denn bei jeder Buchveröffentlichung machen mir die Produzenten Angebote zu den Verfilmungsrechten. Es gibt eine klassische Auktion, und in meinem Fall geht das sehr hoch oder so hoch wie in Frankreich möglich. Diese Auktionen sind geradezu fieberhaft, weil jeder Produzent ein Angebot macht, in dem Wissen, dass sein Konkurrent mitbietet.“ Auch international ist er inzwischen gefragt: Hollywood kaufte die Rechte an DAS SCHWARZE BLUT.

Fast jährlich folgen seitdem weitere voluminöser Bestseller und daneben schrieb er auch noch Drehbücher und gelegentlich Comics. Eine beeindruckende Produktivität!
Inzwischen sind seine Romane in über zwanzig Ländern in 14 verschiedenen Sprachen veröffentlicht.

Zeit nahm sich der manische Schreiber damals nur für seine Kinder aus erster Ehe, die inzwischen erwachsen sind. „Ein Schriftsteller ist am Rande des Lebens. Er schafft eine andere imaginäre Welt aus der Realität. Die Absicht des Schreibers ist es, sich selbst zu isolieren.“

Grangé lebt in Paris, wenn er nicht gerade auf Recherche ist. Mit öffentlichen Auftritten hält er sich eher zurück, Er ist Stammgast bei seinem Lieblingsitaliener „Sorrentino“, da er um die Ecke wohnt; dort verabredet er sich gerne für Interviews und gutes Essen. „Weil ich die französische Küche verachte. Zu schwer, zu fett. Ich trinke auch keinen Wein. Lieber Wasser, Tee, Champagner.“

Exzessive Besäufnisse kann er sich bei seinem großen Arbeitsoutput für Buch, Film, Fernsehen und Comic auch nicht leisten. Er ist höchst diszipliniert, steht jeden Morgen um 4.00Uhr auf und unterbricht die Tagesarbeit lediglich für zwei Nickerchen. „Mein Lebenszweck ist Bücher zu schreiben, dem widme ich 80 Prozent meiner Zeit. Den Rest verbringe ich mit meinen beiden Kindern und spiele Piano.

Ein Pensum, wie er es in den letzten zwanzig Jahren abgeliefert hat, ist eben nur mit harter Selbstdisziplin durchzuziehen. „Ich schreibe jeden Tag, nur nicht in der Woche, in der ich Ski fahre. Ich beginne um 4 Uhr morgens, bis 8 Uhr. Dann gehe ich wieder schlafen und greife zwischen 10 und 13 Uhr wieder an. Dann ein Nickerchen und weiter geht´s von 16 Uhr bis zum Abend.“ Dabei hört er gerne Arien aus „Tosca“ und „La Bohème“. „Da kann ich mich herrlich konzentrieren.“

Auch wenn er gelegentlich Cop-Romane oder Thriller mit esoterischen Einschlag schreibt, haben Grangés Romane immer eine politische Dimension. Da kommt der investigative Reisejournalist durch, der viel Leid gesehen hat und zwangsläufig gesellschaftliche Strukturen abbilden musste.

Er beginnt den Romanprozess mit einem besonderen Ereignis, oder einer Idee, denen ein besonderer Sachverhalt zu Grunde liegt. Dann arbeitet er die Handlung bis hin zum Finale aus. Dieses Ereignis oder eine auffällige Besonderheit kann im Roman auch erst am Ende stehen. Wie Mickey Spillane beginnt Grangé häufig den Schreibvorgang mit dem Ende.

Die deutschen Hörbücher sind zwar meistens bestechend produziert, aber so inkompetent gekürzt, dass oft die Handlung nicht mehr nachvollziehbar ist.

„Eine familiäre Hintergrundgeschichte gibt es mehr oder weniger immer in meinen Büchern. Mein Cop oder mein Held ist immer eine Art mythologischer Held, es ist immer Michael gegen den Drachen und der Böse. Ich mag es ein bisschen mythisch zu sein, diesen Odysseus-Typ, der seine Identität sucht, der von Insel zu Insel wandert Ich mag die Idee, dass die Morde an die antiken Mythen des Mittelmeers erinnern. Ich liebe diese Seite, die gleichzeitig primitiv und immer aktuell ist.

Mit Ausnahme von PURPURNE RACHE und SCHWARZES REQUIEM benutzte er nie dasselbe Personal, schuf nie eine Serienfigur. „Was ich mag, ist das Schreiben neuer Geschichten mit neuen Charakteren. Ich kam nie auf die Idee Kriminalromane zu schreiben, deren Held immer derselbe ist. Das interessiert mich nicht. Was ich jedoch sehr mag, ist jedes Mal neue Charaktere zu inszenieren.“

Die Erwartungshaltung des Publikums zu unterlaufen, ist fast zu seinem Markenzeichen geworden und schmälert seinen Erfolg selten. „Ich will nicht wissen oder versuchen zu erraten, was die Öffentlichkeit mögen wird, denn dann ist es keine Literatur mehr, es ist Werbung.
Das hatte mich während des Schreibens des STEINERNE KREIS durch den Erfolg des vorherigen Romans wirklich peinlich berührt. Es gab etwas, das mich unterdrückt hat. Mit jedem Wort, das ich schrieb, fragte ich mich, ob es all denen gefallen würde, die PURPURNE FLÜSSE geliebt hatten. Und das ist sehr schlecht: Ich hatte nicht die natürliche Spontaneität, die notwendig ist, wenn Sie ein Buch schreiben. Die andere Sache ist, dass es ein Buch ist, das mit dem Fantastischen flirtet. Persönlich störte es mich überhaupt nicht, wieder wegen des Kinos. Im Film gehen wir sehr leicht ins Fantastische und es gibt im Kino total abwegige Dinge, die jeder akzeptiert. Aber ich erkannte, dass auf dem Gebiet des Kriminalromans, die Leser tatsächlich nach einem rationalen Universum suchen. Im Allgemeinen suchen sie das Gegenteil von dem, was ich im KREIS getan habe, das heißt, dass sie zuerst unwahrscheinliche Dinge suchen, die rational erklärt werden. Und ich begann mit einer klassischen Polizei-Intrige, die in etwas völlig Irrationalem explodierte.“

Erfolg, Routine und Erfahrung führen zu einer gewissen Selbstsicherheit im Schreibprozess.
“Wichtig ist die Erfahrung, das Know-how. Der Moment der Wahrheit war das Schreiben des zweiten Romans. Ich war sehr nervös und hatte Angst, die PURPURNEN FLÜSSE zu schreiben, also brauchte ich viel Zeit dafür. Heute habe ich weniger Zweifel beim Schreiben. Früher brauchte ich doppelt so lange. Ich habe die Kapitel bis zu 15 Mal überarbeitet. Dass passiert seltener. Seit IMPERIUM DER WÖLFE bin ich selbstsicherer.“

Könnte es sein, dass er den Thriller aufgibt und sich vielleicht anderen Literaturen zuwendet?
„Wenn ich mein bisheriges Werk betrachte, scheint mir klar, dass ich immer Thriller schreiben werde. Was ich seit DAS SCHWARZE BLUT aber versuche, ist das Spektrum zu erweitern, die Genre-Grenzen auszudehnen. Mehr Psychologie, mehr Familiengeschichte und durchaus auch mal mehr Spiritualität. Wenn man über Mord und Verbrechen schreibt, über existenzielles, dann erscheint alles andere lächerlich und banal. Also, nein, für mich wird die Intrige immer der zentrale Kern sein: Warum haben Menschen getötet? Wer wurde getötet? Wie? Warum dieser Ausfluss des Bösen? Das ist wirklich der Kern meiner Themen, das ist genau, worüber ich schreiben will.“

In seinem wunderbaren Grangé-Portrait im „Buchjournal“ http://www.buchjournal.de/109039/ berichtet Hans Schloemer:

Die Ursache des Bösen zu erforschen, das sei es, was ihn im tiefsten Grunde antreibe. „Nehmen wir den Trieb des Mörders – absolut vergleichbar mit dem Sexualtrieb!“ Grangé nippt genüsslich an seinem Champagner. „Wenn es so weit ist, haben wir Männer doch nur noch schwarze Tinte im Kopf. Dann wollen wir nur das eine. Im Moment höchster Erregung ist von Menschlichkeit nichts mehr zu spüren. Serienmörder ersetzen die Libido durch die Lust am Morden. Als ich das Schreiben entdeckte, war mir von Anfang an klar, dass die Angst mein Thema sein wird. Der Akt des Schreibens als Sublimierung, Sie verstehen? Schreiben hilft, über Ängste hinwegzukommen.

Kein Mitgefühl mit den Charakteren?
„Nein, ich tendiere dazu, schnell über den Aspekt Leiden und Mitgefühl hinwegzugehen. Mich interessieren die Rituale, Mord ist eine abstrakte Kunst. Ich kann mir gut vorstellen, was da passiert. Sind alle Hemmungen gefallen, entwickelt sich die Tat von allein. Ich will den Leser schockieren, damit er die Spirale des Bösen erkennt. Was ich schreibe ist auch in der Tradition des Feuilleton-Romans à la Eugene Sue. Jedes Kapitel gibt eine Antwort auf eine Frage, aber diese Antwort erzeugt eine neue Frage. Es ist eine Maschine, die ständig Überraschungen produziert.“

Schreiben ist Lebensinhalt. „Schreiben ist wie eine Katharsis. Ich verwandle meine Neurosen in Intrigen. 2007 hatte ich eine Depression, ich begann eine Analyse. Ich hatte Angst, dass sie mich von meinen Ängsten befreien würde. Aber das tut sie nicht.

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FORTSETZUNG FOLGT

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Von solchen Literatursendungen kann man bei uns nicht mal träumen.



Bewegtbilder im Wandel: Der Angriff der Zukunft auf die Gegenwart Kölner Mediengespräch am 13. Juni 2018 by Martin Compart
11. Juni 2018, 9:23 am
Filed under: Dr. Horror, Film | Schlagwörter: ,

Das Erbe des Films lebt! Die Kraft des Legendären, Dynamischen und Weltentrückten übt immer noch eine nahezu magische Anziehungskraft aus. Doch die technologische Entwicklung hat eine grundlegende Umwälzung der Medienindustrie in Gang gesetzt.
Immer mehr Studienanfänger streben zum Film, obwohl die späteren Berufs- und Verdienstmöglichkeiten voraussichtlich schlechter sind als in anderen Berufsfeldern. Aber Berufe wie Regisseur, Kamerafrau, Drehbuchautorin oder Szenenbildner versprechen ein Leben voller Kreativität und Abenteuer. Über Jahrzehnte waren Rollen, Kompetenzen und Aufgabenfelder der Filmschaffenden klar umrissen und die Optionen ihrer beruflichen Perspektive klar beschreibbar. Heute ist ihre Zukunft hingegen voller Unwägbarkeiten. An der Schwelle zu einem neuen digitalen Medienzeitalter stellt sich für die Filmausbildung ganz konkret die Frage, welche Lehrinhalte dauerhaft von Bestand sein sollen. Was stellt den Kern der Filmausbildung der Zukunft dar? Welche wesentlichen Kompetenzen müssen vermittelt werden? Wie werden künstlerische Praxis, Forschung und Theorie gewichtet? Wird das individuelle Kino im Kopf bald wirklich sein – und welche ethischen Folgen hat das für eine liberale Gesellschaft?
Ist es überhaupt noch sinnvoll, in Zukunft weiterhin von Film und Filmförderung zu sprechen angesichts des drohenden intermedialen Totalitarismus? Denn längst geht es ja nicht mehr um Filmstreifen, sondern um ein virtuelles Phänomen, das die chinesische Sprache treffend “elektrische Schatten” nennt.
Der Filmwissenschaftler Dr. Rolf Giesen hat sich mit diesen Fragen beschäftigt und versucht zu ergründen, in welche Richtung die Entwicklung der Film- und Medienschaffenden gehen wird. Mit seinem Buch Der Angriff der Zukunft auf die Gegenwart bietet er eine “schwungvolle Achterbahnfahrt durch die Zukunft des Films” sowie eine Bestandsaufnahme und Orientierung in einem sich im Wandel befindlichen Umfeld. Er bearbeitet jene Themenbereiche, die drängende Fragen der Filmausbildung aufwerfen. Am 13. Juni wird er bei den Kölner Mediengesprächen den ›State of Mind‹ einer neuen Generation von Filmschaffenden visualisieren, deren zukünftiges Berufsleben von ganz neuen Gegebenheiten geprägt sein wird.

Dr. Rolf Giesen
Bewegtbilder im Wandel: Der Angriff der Zukunft auf die Gegenwart
am 13. Juni 2018 um 19 Uhr
im Herbert von Halem Verlag, Schanzenstr. 22, 51063 Köln

Einlass ab 18:30 Uhr. Da die Zahl der Sitzplätze begrenzt ist, bitten wir um Anmeldung per E-Mail an karina.selin@halem-verlag.de oder unter der Nummer +49 221 92 58 29 0. Der Eintritt ist frei.
VORTRAGENDE / DISKUTANTEN

Rolf Giesen, Dr., geboren am 4. Juli 1953 in Moers, studierte Soziologie, Psychologie und Geschichte an der Freien Universität Berlin und promovierte 1979 mit einer Arbeit über den Phantastischen Film. Als Lehrbeauftragter und Honorar-Professor unterrichtete er an Hochschulen in der Bundesrepublik und in China. Er verfasste filmhistorische und filmtheoretische Schriften, Essays, Romane und Drehbücher, war Herausgeber, gestaltete Ausstellungen und betreute zwanzig Jahre lang eine nach ihm benannte Schwerpunktsammlung der Deutschen Kinemathek in Berlin. …