Martin Compart


MiCs Tagebuch by Martin Compart
6. September 2017, 12:12 pm
Filed under: MiCs Tagebuch, Stammtischgegröle | Schlagwörter: , ,

Hurrikane Herbst – Wetter-, Wahl- und Wasserstoffstürme

Endlich rollen sie wieder. Kaum ist der Ferragosto vorüber, schütteln die letzten Urlauber sich den Sand aus den müden Gliedern, wandern – globaler Erwärmung sei Dank – endlich wieder Wirbelstürme der stärksten Kategorie über den Atlantik. Sie bieten maximalen Suspense im Reality-Zeitgleich-TV für den gelangweilten Melodramasucher. Welche Richtung wird der Sturm nehmen? Welche Schneise der Verwüstung hinterlassen? Lädt er sich weiter auf? Wo landet er in den USA an? Wieder in Texas oder diesmal in Louisiana oder Florida?

Mr. Urinhaar-Präsident hat schnell noch die Gelder für Hurrikane-Schutzmassnahmen gekürzt, damit das Spiel interessanter bleibt. Es geht schließlich um Milliarden und mit Immobilienwerten kennt der Mann sich angeblich aus. Nachdem Houston kurzzeitig zu Venedig wurde, geht das Wasser nun zu schnell zurück und hinterlässt den Konsummüll und Dreck, inkl. einer zerstörten Chemiefabrik, unserer Zeit. Für die Betroffenen soll es schnelle und unbürokratische Hilfe geben. So schnell und unbürokratisch wie in New Orleans 2005? Da war die reinigende Kraft des Sturmes willkommener Anlass, die Stadt zügig vom Bürger-Trash, vornehmlich schwarz und arm, zu befreien und so zu gentrifizieren. Das Ergebnis: höherer Immobilienwerte, höhere Mieten. Ob es in Houston viel zu gentrifizieren gibt, vermag ich aus der Ferne nicht zu beurteilen. Aber die Legionen illegaler Einwanderer, die um ihre Ausweisung fürchten, wenn sie nach Sturmhilfe und Lebensmittelrationen fragen, kann man jetzt bestimmt prima über die Grenze nach Mexiko spülen. Wofür der Urinblonde locker eine Partie Golf sausen lässt.

Das Ausmaß der Verwüstung, die dieser Endzeitkapitalist im Auftrag seiner Klasse in nur acht Monaten geschafft hat, sprengt meine Vorschau aus Januar. Weil im Kongress und Senat nix läuft, muss sich der Hetzer auf seine Präsidenten-Direktiven stützen und per Dekret alle Investitionshürden besiegen, die sich dem Wachstum entgegen stemmen, wie Erlaubnis von Ölbohrungen in Schutzgebieten, Abschaffung von Grundwasserschutz und Luftverunreinigungsverboten, sogar die Streichung des Wortes Climate-Change im Sprachgebrauch der Ministerien, stattdessen heißt es Wetterphänomene, (nur ein unvollständiger Auszug). Auf der Investmentseite stehen die Rüstungsdeals mit den Saudis, die Verlängerung des Afghanistankrieges auf unbestimmte Zeit (ohne Truppenengagement zu nennen, um die Taliban zu verwirren) und dann natürlich die Schaffung des besten Buhmannes unserer Zeit, der Joker der Atomrüstung, Kim Jung Un. Das an Diabetes und Verfettung leidende Diktatorferkel aus Pjöngjang, das bekanntlich um Krieg bettelt, wenn es nicht seine eigene Familie dezimiert oder sein jubelndes Volk hungern lässt. Caligula und Nero lassen grüßen.

Im Führerbunker tief unter der Reichskanzlei Weißes Haus, beschallt von Fox-News und Breitbart-Propaganda, hat der Oberrassist-Leader der freien Welt – gemeint ist die weiße Oligarchenoberschicht der USA, der Rest ist rassisch minderwertiges Kroppzeug und dazu noch finanzschwach (was ist schlimmer?) – seine Generäle versammelt, damit sie über Nordkorea nachbrüten. Mr. Urinblond umgibt sich fast nur noch mit Generälen. Wie weiland der hierzulande von Guido Knopp, der AfD und anderem Fascho-Abschaum so verehrte Gröfaz sich im Bunker mit Generälen und letzten Propagandaheloten umgab. Ausgerechnet von der Fruitcocktail-Garde erhoffen sich Medien und Bürgertum (inkl. Spiegel-Redakteure) inständig, dass sie nunmehr ein „Regulativ der Vernunft“ für den Insane-Clown-President (Matt Taibi) bildet. Wer angesichts der Erfahrungen der letzten acht Monate noch hofft, wird mit einem Werksbesuch im Nuklear-Forschungszentrum von dickes Ferkel Kim belohnt, Ritt auf der nächsten, dann wirklich größten aller estbomben eingeschlossen.

Das amerikanische Englisch, es war dem englischen Englisch bekanntlich schon immer um viele Worte ärmer, ist nun auf das Grunz-Vokabular der Mr. Urinblond-Tweets – voller Rechtschreibfehler – und dem wohl temperierten Kommando-Ton der Brüllaffen in Uniform beschränkt. McMaster und „Mad-Dog“ Mattis bezeichnen sich selbst als „warrior scholars“ und vereinen in ihren auf Gehorsamkeit und Patriotismus geschrumpften Hirnen, sämtliches Kriegswissen von der Antike bis zur Moderne dazu einige geheime Pygmäen-Taktiken. Eine echt schöne Tradition. Gut für den Frieden. Reschpeckt.

Ach ja, und es heißt wieder Merkelwählen (wie gemütlich: hierzulande überholt Mutti die Birne). Nach dem G-20 Kasperletheater, wo unser modernes Deutschland allen ordentlich seine Vorstellungen von Sicherheit, vor allem aber demokratischer Meinungsfreiheit, vorgeführt hat,

(https://www.theguardian.com/commentisfree/2017/jul/06/hamburg-protest-g20-dystopian-nightmare-security-disunity-politics ),

weiß jeder, worum es geht: Mit der Industrie, von der Industrie, für die Industrie. Paris-Abkommen und Dieselaugenwischerei hin- oder her. Darum wird der Urnengang zur „Sicherung des Wirtschaftsstandortes Deutschland, des eigenen Arbeitsplatzes und der Zukunft unserer paar Kinder“. Deutschlands Zukunft heißt übrigens „Maschinenautomatisation“, im Volksmund „Industrie 4.0“. Wer die etablierten Parteien, einschließlich Neu-Nazis wählt, wählt diese schöne neue Zukunft. Statt 2000 Leute arbeiten bald nur noch 13 in einem Werk, der Rest jongliert Mini-Jobs oder schaut Pornos online, kost ja nix. Durfte Brian aus Palästina bei Monty Python einst nur ein Kreuz für die eigene Annagelung nehmen, darf der zum Wutwähler mutierte Wutwichtel gleich zweimal sein X setzen. Wären drei X nicht angemessener? Und nach uns die Roboter. Zum Vögeln gibt es sie bereits zu mieten, die elektrischen Silikonbräute für den kleinen Euro.

Beinahe Vergessen: Streaming und TV-Serien sind laut ARD und ZDF die neuen Literatursensationen. Der Leser der Gegenwart und der Zukunft ist der Binge-Seher. Gerade wird noch der Kinderkram „Game of Thrones“ in allen Medien nachbearbeitet – hat die 7. Staffel gehalten, was sie versprach? – da fällt auf, dass die Macher bei der Suche nach dem Erlkönig bei Wagner und damit bei der Ideologie des 19. Jahrhunderts angekommen sind. Hier holten sie sich gleich ihr „intellektuelles“ Rüstzeug für ihre neue HBO-Serie „Confederate“. Deren Prämisse ist eine erfolgreiche Abspaltung der Südstaaten von den Nordstaaten. Sie behandelt damit das Thema Sklaverei – billiger oder teurer als Lohnarbeit? – und bestimmt auch den kommenden US-Bürgerkrieg. (Den Analysten vom Homeland-Security-Department eine Wahrscheinlichkeit von 60% in den nächsten 15 Jahren einräumen.) Die zwei Serie-Macher sind übrigens weiß. Wählten sie auch Trickster-Trump (für mich die Fernsehgestalt des 21. Jahrhunderts, vom Apprentice-Boss zum Präsident – was für Ratings!) oder waren sie Clinton-Kleptokraten?

Endlich bestätigt: US-Serien sind nur noch die ideologischen Lautsprecher des Systems.

https://theconversation.com/washington-dcs-role-behind-the-scenes-in-hollywood-goes-deeper-than-you-think-80587

Das trifft für die Rolle von CIA, FBI und vielen anderen Diensten zu. Was dem geschulten Auge eines kritischen Zuschauers natürlich nicht entgeht. Subtil treten die Ideologen bekanntlich nicht auf. In der Mehrzahl der anderen Serien, werden die Widersprüche des Kapitalismus – oft sehr unterhaltsam und häufig recht spannend – aufgeworfen, aber keine wirkliche Kritik geübt und damit keine Neubesinnung gewagt. Die vermeintlichen harten Themen und Milieus sind nichts als Oberflächen und Sujets für die immer gleichen öden Geschichten. Falsch, auf eines bereiten die Serien in Zeiten des Radikalkapitalismus vor: auf den Endkampf des entfremdeten Individuums. Die Gesellschaft um uns herum zerbricht, Solidarität – einst von Che Guevara als Mitgefühl der Völker gepriesen – ist tot, den Einzelnen rettet einzig seine Familie/Gemeinschaft im Kampf gegen andere Familien/Gemeinschaften. Eine völlig falsche, pervertierte Sicht. Passt aber zum Zeitgeist. Hobbes, again? Und was sollen nur die vielen Singles machen? Untergehen?

Werfen wir zum Aussitzen der Herbstturbulenzen besser einen Friesennerz über. Atomaren Fallout vermeidet, wer unter einen Tisch kriecht und die Augen schließt.
Glücks auf.

MiC, 05.09.17

Der Administrator:
Selbstverständlich handelt es sich bei diesem Gequatsche um eine individuelle Meinung, die durchaus nicht die der Freundschaft dieses Blogs mit dem allerbesten Führer der Freien Welt, den wir je hatten, entspricht. Aber irgendwo müssen sie ja rumpöbeln; da sind sie wenigstens von der Straße weg


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