Martin Compart


Surfin’ Saigon – Interview mit r.evolver by Martin Compart
17. November 2019, 1:17 pm
Filed under: Interview, Pulp, Spythriller | Schlagwörter: , , , ,

r.evolver strikes again!
Zehn Jahre nach dem legendären Pulp-Abenteuer „The Nazi Island Mystery“ und sechs Jahre nach der Fortsetzung „Pol Pot Polka“ ist endlich der letzte Teil der Trilogie um die Kult-Agentin Kay Blanchard erschienen. In „Surfin’ Saigon“ zieht Autor r.evolver alle Register trashiger Spannungsliteratur …

In Wien nennt man Dich augenzwinkernd den John Le Carré des Trash. Deine Geschichten erinnern auch an eine Mischung aus Peter O’Donnells Modesty Blaise und Jean-Claude Forests Barbarella. Wo steht denn nun die literarische Wiege der Kay Blanchard?

Lustigerweise ganz wo anders. Wer meine Plots kennt, weiß, dass der Bogen stets von einem Whodunit-Rätsel getragen wird und das kommt ja aus der Agatha Christie-Richtung. Wobei Kay Blanchard natürlich nichts mit Miss Marple am Hut hat. Eher schon was mit Sandra King. Allerdings gewährt uns Kay viel mehr intime Einblicke. Im Gegensatz zu ihrer Kollegin vom BIA konsumiert Kay Drogen und lebt ihre Sexualität exzessiv aus – eine Vorliebe, die sie mit Barbarella teilt. Allerdings geht es bei Kay Blanchard in der Horizontalen letaler zu – ihre Liebhaber ereilt häufig ein trauriges Schicksal.

Und sie weint ihnen trotzdem keine Träne nach …

Stimmt. Das liegt wohl daran, dass Kay ihre eiskalte Professionalität und ihren Pragmatismus von Modesty Blaise geerbt hat. Nur ist sie eben keine Privatière, sondern als MI6-Agentin eine Beamtin der Krone. Darüber hinaus ist Kay reflektierter und neigt, zur Freude des Publikums, durchaus zu selbstironischen Betrachtungen. Eine Eigenschaft, die sie bis zu einem gewissen Grad mit ihrem Kollegen 007 teilt. Obwohl sie als Superfrau öfter an ihre Grenzen stößt als Commander Bond. Das macht sie aber auch um einiges glaubwürdiger. Kay gerät ständig in brandgefährlich-irrwitzige Situationen, aus denen sie meist durch noch irrwitzigere Strategien oder verrückte Zufälle wieder herausfindet. Und da sind wir jetzt bei der TV-Figur Emma Peel – ich erinnere hier im Speziellen an die Ermittlungen im Hellfire-Club. Mrs. Peel ist – nicht nur wegen ihres hautengen Lederanzugs – ebenfalls eine Patin von Kay Blanchard. Ich würde sagen, Kays Abenteuer sind ein Genre-Mix aus Agenten-, Abenteuer- und Detektivroman, gewürzt mit einer deftigen Brise (Fetisch)Sex und Absurdität.

Eines ihrer Sexabenteuer sorgt in „Pol Pot Polka“ dafür, dass Kay unverhofft schwanger wird. In „Surfin’ Saigon“ hat sie das Kind zur Welt gebracht. Wie lässt sich Kays Mutterschaft mit ihren Eskapaden vereinbaren? Oder ist sie am Ende brav geworden?

Ganz und gar nicht. Gleich zu Beginn wird Kays Spross Ruby ja entführt. Und wer Agentin Blanchard kennt, weiß, dass Sie die Entführer ihrer Tochter bis ans Ende der Welt jagen, dort stellen und am Ende kein Erbarmen mit ihnen haben wird. Im Zuge der nervenaufreibend-mörderischen Suche geht sich natürlich auch die eine oder andere Dosis Amphetamin aus und – trotz aller Sorge – auch hormoneller Ausgleich in gewohnt verrückten Settings.

Ein gutes Stichwort. Kay Blanchard operiert ja in einem schrägen Paralleluniversum. Ist Dir unsere Welt nicht verrückt genug?

Das möchte man angesichts von „Pop-Dschihad“, dem derzeitigen US-Präsidenten (erinnert der nur mich an den präsidialen Hohepriester in „Frankensteins Todesrennen“?) und immer exzessiverem Individualismus meinen. Als ich 1999 das erste Abenteuer von Kay in der österreichischen Netzzeitschrift EVOLVER veröffentlichte, waren diese Entwicklungen noch nicht abzusehen. Damals genügte es noch, Nazis, Werwölfe und Außerirdische in ein klassisches Sex & Crime-Szenario einzuflechten, um aus dem Rahmen zu fallen. Tatsächlich muss ich mir dieser Tage mein Gehirn immer intensiver zermartern, um eine Welt zu erfinden, die unsere Realität noch toppen kann. Wenn es in dem Tempo weitergeht, werden das Vierte Reich und die NSDAP 2.0 in absehbarer Zeit traurige Wirklichkeit sein. Nur leider wird es keine englische Superagentin geben, die dagegen ankämpft …

Die ersten beiden Abenteuer deiner Heldin sind einst als Print-Titel beim Wiener Indie EVOLVER BOOKS-erschienen. Den gibt es nicht mehr. Wo habt ihr Zwei eine neue Heimat gefunden?

Peter Hiess hat seinen Verlag 2017 dichtgemacht. Und das aus Gründen, die nur ihn etwas angehen. Obwohl ich seine Motive nachvollziehen konnte (und noch immer kann), war es damals natürlich ein Schock für mich, gemeinsam mit meiner Heldin, plötzlich „obdachlos“ zu sein. Noch mehr geärgert hat mich das alles, weil mir Peter jahrelang in den Ohren lag, endlich den abschließenden dritten Teil zu schreiben und ich immer irgendwelche Ausreden parat hatte, warum das grad nicht möglich war. Dann, als ich endlich das Exposé fertig hatte, war Schluss und ich stand ohne Verlag da. Weil ich in dieser ohnehin schon schwierigen Situation nicht auch noch Klinken putzen wollte, beschloss ich, den Release meiner Kay-Bücher selbst in die Hand zu nehmen. Peter Hiess überließ mir freundlicherweise die Namensrechte an der ehemaligen Evolver Books-Heftreihe SUPER PULP. Die stand dann Ende 2018 Pate für meine neue „Edition SUPER PULP“. Unter dieser Flagge habe ich „Surfin’ Saigon“ und die beiden Vorgänger neu veröffentlicht.

Seit dem vorletzten Kay-Teil „Pol Pot Polka“ sind knapp sechs Jahre vergangen. Am Ende von „Surfin’ Saigon“ kündigst du den Beginn eines neuen Zyklus an. Wie lange müssen wir auf das nächste Abenteuer warten?

Ich hoffe inständig, dass es nicht mehr so lange dauert. Zumindest habe ich mir das fest vorgenommen. Übrigens: Bevor ich den neuen Zyklus mit dem Titel „Mission Europa“ angehe, wird noch das Kay-Prequel „Beirut Boogie“ herauskommen – das erste Abenteuer meiner Heldin, wo sie als Studentin vom Secret Service „entdeckt“ wird. Die Geschichte ist seit Jahren fertig und muss nur noch einmal überarbeitet werden. Eine kleine Kostprobe daraus wurde ja schon zu EVOLVER BOOKS-Zeiten in der ersten SUPER PULP-Ausgabe abgedruckt.

Apropos, neben deiner Autorentätigkeit firmierst du im Rahmen deiner Edition auch als Herausgeber der gleichnamigen, periodisch erscheinenden Anthologie-Reihe (SUPER PULP), wo du neben bekannten „phantastischen“ Gesichtern auch neue Genre-Autoren präsentierst. Die Spatzen pfeifen von den Dächern, dass ein honoriger Verlag auf das Vehikel aufgesprungen ist …

Da pfeifen die Spatzen das richtige Lied. Tatsächlich erscheint meine Edition ab Frühjahr 2020 als Imprint im Blitz-Verlag, der vorerst aber nur die Anthologie-Reihe herausbringt. Bei meinen Kay-Sachen bin ich sehr heikel und eigensinnig. Vor Jahren war geplant, die ersten beiden Abenteuer als Hörbücher bei einem einschlägig bekannten Verlag herauszubringen. Schweren Herzens habe ich damals die Einwilligung gegeben, bestimmte Passagen zu entschärfen und dann ist die Veröffentlichung erst recht an der Frage einer möglichen Indizierung gescheitert. Man verstehe mich bitte nicht falsch: Ich hab dafür Verständnis und bin keinesfalls jemandem Böse. Aber ich möchte hier in Zukunft nicht einmal einen Punkt oder ein Komma argumentieren müssen. Kay ist wie sie ist: Brutal, goschert (wie wir Ösis sagen), kompromisslos, sexy – und genauso soll sie auch bleiben. Wenn das bedeutet, dass ich ihre Adventuren auch in Zukunft unabhängig herausbringen muss, werd ich das mit Freuden tun. Andernfalls liefe ich sowieso Gefahr, dass Kay mir mit ihrem Stilett den Garaus macht …

Kay Blanchard bei der Edition SUPER PULP: http://www.super-pulp.com
r.evolver im Netz: http://www.facebook.com/revolverswelt


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