Martin Compart


THRILLER, DIE MAN LESEN SOLLTE: ROBERT FERRIGNO by Martin Compart


Obwohl seine Romane in 18 Sprachen übersetzt wurden, hat es Robert Ferrigno nie in die erste Liga der internationalen Bestsellerautoren geschafft, Dabei hat man ihn bei seinem Debüt 1990 mit THE HORSE LATITUDES (ROSSTIEFEN) immer mal wieder als „the next big thing“ vermutet. Seitdem schrieb er wohl 12 Romane, die nicht den prognostizierten Bestsellererfolg hatten. Seit ein paar Jahren ist er diesem Ziel näher gekommen, indem er sich vom Noir-Thriller abgewendet hat und eine Serie schreibt, die in der nahen Zukunft angesiedelt ist, in der die USA ein islamisches Land geworden sind. Vergleichbar eher mit Robert Harris´ VATERLAND oder Len Deightons SSGB, als mit Parallelwelten der Science Fiction. Der erste Roman ist auch auf deutsch erschienen; von seinen Thrillern leider nur die ersten sechs (bei Knaur und Goldmann).

Ferrigno hat ein merkwürdiges Problem mit Nachhaltigkeit: Bei der Lektüre seiner Noir-Thriller amüsiert man sich glänzend, empfindet ihn häufig in derselben Klasse wie Elmore Leonard oder Carl Hiaasen. Aber kaum hat man das Buch weggelegt, platzt die Erinnerung daran wie eine Seifenblase und selbst sein beeindruckendes Personal an bösen Buben entschwindet. Unverständlich, da er tolle Dialoge schreibt, wahnwitzige Figuren erfindet und originelle Plots entwickelt. Wiederholt entgleitet ihm die Struktur und dann geraten die Bücher aus dem Tritt, können das Tempo nicht mehr halten. Die Choreographie stimmt nicht mehr. Das klingt  ziemlich hart. Aber ich würde mir wohl nicht die Mühe machen, Ferrigno hier zu behandeln, wenn das Vergnügen an seinen Romanen nicht die Mängel übertreffen würde. Lassen Sie sich also bei aller hier geäußerten Kritik nicht von der Lektüre abhalten.

Seine schwächeren Romanen erinnern an Filme von Quentin Tarantino: Intelligentes Spiel mit Genres-Topoi, blendende Dialoge und Charaktere, aber ohne berührende Tiefe.

Ferrigno hat auch seinen eigenen Kosmos entwickelt: Mehrere Personen gehören zum Team des SLAP-Magazins, die Polizistin Jane Holt usw. Dem regelmäßigen Leser bereitet es Vergnügen, wenn er diese Selbstreferenz erkennt.

Seine Helden sind keine crime fighter. Sie stehen immer etwas außerhalb der Gesellschaft – auch als Journalisten – und folgen ihren eigenen Regeln, sind somit typische Noir-Protagonisten. Als „Talentierte Outsider“, beschreibt sie Ferrigno. Seine „Story-Maschine“ wird meist dadurch angeworfen, dass sie eine moralische Entscheidung treffen müssen, die dann zu ungeahnten Situationen führt, die alles schlimmer machen.

Sein Stil ist sehr filmisch. Die einzelnen Szenen könnten problemlos zum Drehbuch aufgelöst werden (fast alle Romane wurden – einige mehrfach – von Hollywood optioniert, aber bisher keiner verfilmt). “ I think and write very visually. Thinking cinematically, thinking in terms of dialogue and movement, is an advantage. It allows me to lie in bed with my eyes closed and „play“ different chapters in my head as scenes, reshooting them from different angles and points of view until I get it right. Then I can get up and go to the keyboard with certain problems solved. It’s mental storyboarding and keeps things fast and true. If it doesn’t look right, it’s not going to read right. An extra advantage is that I can reassure my wife that I am still working, even when horizontal.“

Er arbeitet etwa ein Jahr an einem Buch, dabei die letzten Monate täglich bis zu 14 Stunden. Es ist eben mühevoll, etwas leicht aussehen zu lassen, Der Umfang seiner eher schmalen Thriller unterscheidet sich wohltuend von den Volumen redundanter Langweiler wie Don Winslow, Adrian McKinty oder Dennis Lehane (den Ferrigno als einen seiner Lieblingsautoren nennt) mit ihrer kleinbürgerlich-feuilletonistischen Entrüstung und „seht-her:- mehr-als-ein-Krimi-Attitüde“. Bei der Arbeit hört er Musik – von Puccini über Brian Eno bis Tammy Wynette. Ein breitgefächerter Musik-Geschmack für den ehemaligen Begründer eines Punk-Rock-Magazins, “ I use more of a story-board – as in film making… . I usually follow a promising lead or plot development even if it’s not in the outline… Most of the bad guys in my books start out as stock characters and then take on a life of their own… . I trust my unconscious more than my conscious any day.“

Robert Ferrigno wurde 1947 in eine italienisch stämmige Familie in Fort Lauderdale geboren. „We were a highly dramatic family who discussed politics and current events at every meal. Intellectual courage was highly praised and individuality encouraged, the greatest gifts any parent can give a child.“ Die Erfahrungen der Sixties prägten sein politisches Bewusstsein. „Ich hasse alle Politiker. Aber am meisten diem die ihre Freundinnen oder Dates ertrinken lassen.“ Eine Anspielung auf Ted Kennedys „Zwischenfall“ von Chappaquidick, bei dem der junge Senator zusammen mit Mary Jo Koppechne im Auto in den Fluss stürzte. Während der wohl schlagartig nüchterne Politiker sich aus dem Wagen befreien konnte und an die Wasseroberfläche schwamm, ließ er seine Begleiterin ersaufen. Wie man sich nach Ferrigno in einer solchen Situation zu verhalten hat, beschreibt er im 2.Kapitel von DEAD SILENT.

Er studierte u.a. Philosophie und Film und unterrichtete dann eineinhalb Jahre am College. Gelangweilt gab er seine akademische Karriere auf und wurde für fünf Jahre professioneller Poker-Spieler. Dann gründete er das Punk-Rock-Magazin THE ROCKET und landete schließlich als Feature-Schreiber bei einer kalifornischen Zeitung, „Hier interviewte ich oder schrieb ich über Leute, die später meine Romane bevölkerten.“ Er interviewte auch Elmore Leonard, mit dem er verbunden blieb, und der ihm für sein erstes Buch eine großartige Empfehlung (blurb) schrieb.

Ferrigno begann seinen ersten Roman zu schreiben, als seine Frau während ihrer Schwangerschaft ernsthaft erkrankte. „Sie war todkrank und ich lenkte mich zeitweilig mit dem Schreiben ab. Ich schrieb das Buch, das ich seit 15 Jahren im Kopf hatte.“ Zwei Monate nachdem er bei der Zeitung gekündigt hatte, fand er einen Agenten, der das halbfertige Manuskript neun Verlagen präsentierte; alle machten ein Angebot. William Morrow erhielt den Zuschlag, denn Ferrigno brauchte dringend den höchst möglichen Vorschuss: „.My family was very passionate, very angry – my dad at sixty years old finally snapped and shot a man in the face with a .357 magnum. I used part of my advance for The Horse Latitudes to hire a good attorney and he beat the rap.“

Das wäre kein schlechter Anfang für einen Ferrigno-Thriller.



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: METZGER´S DOG von THOMAS PERRY by Martin Compart

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Chinese Gordon ist ein ehemaliger Contractor, der inzwischen mit seiner Freundin Margaret und seinem Kater Dr.Henry Metzger in Los Angeles lebt. Zusammen mit seinen Kumpels Kepler und Immelmann dreht er Dinger, die sich durch militärische Präzision auszeichnen. In seinen Kastenwagen hat er zur besonderen Verwendung eine Flugzeugkanone eingebaut, mit der lässt er es so richtig kachen, dass es Bruce Willis & Co grün vor Neid wird. Für einen mexikanischen Drogenhändler holt er für eine Million Dollar Kokain aus einer Forschungsabteilung der Universität (den Stoff hatte man dem Drogenhändler abgenommen und der Uni zur Verfügung gestellt). Bei dem Coup fallen ihm geheime Papiere der CIA in die Hände, die eine neue Strategie der psychologischen Kriegsführung in Lateinamerika dienen sollen und von der sich die Firma viel verspricht. Erstes Ziel ein Umsturz in Mexiko (der Roman ist von 1983, was aber für seine Zeitlosigkeit keine wirkliche Rolle spielt). Gordon erpresst die CIA und bekommt es mit einem alten Hasen zu tun, der selber an der Inkompetenz des eigenen Ladens verzweifeln könnte. Die Besprechungen der CIA-Analytiker gehören zum Komischsten, das Ross Thomas nie geschrieben hat. Es ist bezeichnend, daß Carl Hiaasen die Einführung zur letzten Neuauflage geschrieben hat. Denn Hiaasens schräger Humor hat einiges mit Perry gemeinsam.

Natürlich ist das kein Katzen-Krimi (obwohl jeder Fan der Spezies begeistert auf seine Kosten kommt).. Das Buch funktioniert auf mehreren Ebenen:

  • Als spannender Thriller mit überraschenden Wendungen.
  • Als satirische (wirklich?) Beschreibung der CIA.
  • Als Lehrbuch für Aufbau und Stil eines nahezu perfekten Thrillers.

4153z1g2yhL._SL500_SY300_[1]Es ist etwas unverständlich, dass Perry nicht einen ähnlichen Stellenwert genießt wie Elmore Leonard. Denn seine Romane verfügen über vergleichbar originelles Personal (auch wenn sie weniger eitel im Dialog sind), präzise Plots, die mit überraschenden Wendungen einhergehen (Perrys schlechteste Plots sind besser als Leonards schlechteste Plots) und ökonomische Erzählweise. In seinen Polit-Thrillern erinnert Perry häufig an Ross Thomas.

An einen Ross Thomas on dope.

 

Am erfolgreichsten sind bisher die sieben Bände seiner Serie um die indianische Escape-Expertin Jane Whitefield Seine Trilogie über den Killer Butchers Boy ist im Gespräch für eine TV-Serie (die beiden ersten Romane wurden auch ins Deutsche übersetzt; aber seit längerer Zeit hat Thomas Perry, wie so viele großartige US-Autoren, keinen deutschen Verlag mehr). Auch in der besseren amerikanischen Sekundärliteratur sucht man seinen Namen meist vergeblich. Er scheint tatsächlich, trotz seines Erfolges, eines der bestgehütetsten Geheimnisse der US-Crime Fiction zu sein. Vielleicht liegt es aber auch darin begründet, dass er sich oft zwischen alle Stühle gesetzt hat: Er hat häufig den Polit-Thriller und Noir-Roman mit Comedy verbunden, was Kritiker dazu bewegte, den  unvermeidbaren Vergleich mit Donald Westlake heraus zu grölen. Dabei ist Perry ist seinen besten Werken so einzigartig und originell, daß man ihn vortrefflich als sein eigenes Genre bezeichnen darf.

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Perry stammt aus einer Lehrerfamilie. Zusammen mit einer Schwester und einem Bruder wuchs er in Tonawanda, Nex York, in der Nähe der Niagara-Fälle auf. „Ich verbrachte einige Zeit mit ziemlich harten Burschen, ohne selber einer zu sein. Aber ich lernte, die Dinge durch ihre Augen zu sehen. Ich bin zwischen Buffalo und Niagara Falls aufgewachsen. Das war immer Mafia-Gebiet. Als ich aufwuchs herrschte ein brutaler Krieg zwischen zwei Familien, der erst bei dem berühmten Treffen auf der Ranch in Apalachin 1957 beigelegt wurde. Als ich anfing über diese Leute zu schreiben, erinnerte ich mich an diese Geschichten aus meiner Jugend und recherchierte sie genauer.“

Er studierte Englisch in Cornell und machte an der Universität von Rochester seinen Abschluss. Dann arbeitete er als Fischer und in einigen anderen Jobs, die etwas mit dem richtigen Leben zu tun haben. Schließlich zog er nach Santa Barbara und ging an die Universität von Kalifornien um in der Verwaltung zu arbeiten. Dort traf er die Englisch-Dozentin Jo Anne Lee, die er 1980 heiratete.

In den 1980ern arbeitete er auch als Drehbuchautor und Producer für Serien wie SIMON & SIMON (für die sogar Ross Thomas zwei Episoden schrieb), 21 JUMP STREET und STAR TREK: THE NEXT GENERATION. Bei SIMON & SIMON war er auch als Co-Produzent tätig.

 

Geschrieben hat er seit der Kindheit, darunter auch ein paar unveröffentlichte Romane. „Ich bemühte mich vergeblich etwas zu schreiben, das nicht langweilig war.“ Bei seiner Dissertation über William Faulkner war Perry auf Chandler gestoßen, den Faulkner als einen seiner Lieblingsautoren bezeichnet hatte. „Ich las Chandler und entdeckte die Kriminalliteratur.“ Perry kannte das Genre kaum und liest auch heute nur wenige Thriller. Vielleicht war es gerade diese Unbedarftheit, die es ihm ermöglichte mit einem neuen Ton ins Genre einzusteigen. „Ich versuche immer wieder etwas anderes um die Sachen interessant zu machen.“ Hätte Perry von Anfang an auf eine Serie gesetzt, wäre er heute sicherlich noch erfolgreicher. Aber selbst für die Whitefield-Romane galt oder gilt, dass er der Serienheldin einen neuen Aspekt abgewinnen muss um ein weiteres Buch über sie zu schreiben. Das erklärt auch die zehnjährige Pause zwischen dem fünften und sechsten Roman.

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Sein Erstling, THE BUTCHER´S BOY, für den er den EDGAR bekam, schlug 1982 ein wie eine Bombe. Es war sofort erkennbar, dass sich eine neue, originelle Stimme im Thriller zu Wort meldete. Eine von Perrys Spezialitäten ist die multiple Erzählerperspektive, die er meisterhaft beherrscht. Obwohl er immer in der dritten Person erzählt, führt er den Leser in die nachvollziehbaren Gedankengänge der jeweiligen Figur, egal wie verrückt sie sind. Trotz dieser inneren Monologe ist sein Werk voller filmischer Action, was sicherlich seiner Arbeit als Drehbuchautor geschuldet ist. Diese Mischung, gepaart mit einer großen Portion Zynismus, machen sein Werk originell und einzigartig in der Kriminalliteratur. Was wahrscheinlich auch eine Erklärung dafür ist, dass es seit langem nicht mehr auf Deutsch veröffentlicht wird.

 

P.S.: Momentan arbeitet Dante Harperr (Edge of Tomorrow) an einem Drehbuch nach METZGER´S DOG.

 

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DIE SPRACHE DER MEAN STREETS – zur Neuausgabe von George V.Higgins by Martin Compart

Eddie Coyle ist eine echte Ratte, ein kleiner Gangster, der ständig zwischen den Fronten hin- und herwieselt, um seine schmutzigen Geschäfte durchzuziehen. Mal dient er als Polizeispitzel, mal dreht er mit den Freunden ein Ding. Ganz spezielle Freunde sind das: Bankräuber, Waffenhändler und kleine Ganoven wie Eddie selbst. Bei seinem Doppelspiel muss er schwer aufpassen. Und dann spitzt sich die Situation so zu, dass man von ihm verlangt, einen seiner Freunde ans Messer zu liefern. Eddies Wahl besteht nur darin, zu entscheiden, wen er verrät.

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Eddie lebt in der Bostoner Combatzone, deren Kriegsberichterstatter George V.Higgins war. Mit seinem Debüt, DIE FREUNDE VON EDDIE COYLE,verpasste er  dem Crime-Genre 1971 eine neue Dosis literarischen Realismus. Selbst Norman Mailer war fassungslos über die Qualität dieses Erstlings, der 1985 von einer Buchhändlervereinigung zu einem der 25 wichtigsten Romane des 20.Jahrhunderts gewählt wurde. Ross Macdonald nannte ihn das „kraftvollste und beängstigendste Buch, das ich dieses Jahr gelesen habe.“ Über Nacht wurde Higgins zum neuen Stern am Noir-Himmel. „Über Nacht? War eine verdammt lange Nacht, die 17 Jahre gedauert hat und in der ich bereits 14 Romane geschrieben hatte, die alle keinen Verleger fanden. Darüber bin ich heute froh.“ Higgins damaliger Agent sagte FRIENDS OF EDDIE COYLE wäre niemals verkäuflich und strich ihn von seiner Klientenliste. Nachdem der Verlag Alfred Knopf (der schon Hammett, Chandler und andere Big Shots herausgebracht hat) den Roman für 2000 Dollar Vorschuss gekauft hatte, verbrannte Higgins seine alten Romanmanuskripte.

American writers; George V. Higgins

Zu schreiben begonnen hatte das verwöhnte Einzelkind eines Lehrerehepaars schon früh. Den ersten Roman schrieb George Vincent Higgins mit 15 Jahren. Geboren und aufgewachsen im proletarischen Brockton, Massachusetts, verinnerlichte er die irisch-katholischen  Arbeiterkultur, der er materiell und snobistisch entkommen konnte, die aber seine Literatur prägte. Er studierte u.a. an der renommierten Universität Stanford. Vorübergehende Untauglichkeit bewahrte ihn vor Vietnam. Bevor er Anwalt wurde, arbeitete Higgins als Kriminalreporter in Providence und Springfield und lernte die Unterwelt der Ostküste kennen. Eines Tages war er als Gerichtsreporter bei einem Mafia-Prozess: „Ich dachte, diese Anwälte haben mehr Spaß als ich. Also studierte ich Jura und wurde 1967 Ankläger im Büro der Staatsanwaltschaft.“ Später wurde er stellvertretender Staatsanwalt, dann niedergelassener Anwalt, der so illustre Charaktere wie den Watergate-Einbrecher G.Gordon Liddy und den Black Panther-Führer Eldridge Cleaver verteidigte. 1983 beendete er seine Anwaltskarriere um nur noch zu schreiben und am Boston College zu unterrichten. Aus diesen Schreibkursen entstand 1990 seine originelle Schreibfibel ON WRITING, laut Nick Tosches, der ein Fan von ihm ist, eines der schlechtesten Bücher über das Handwerk des Schreibens.

Der moderne Gangsterroman verdankt ihm mehr als jedem anderen Autoren. Elmore Leonard bezeichnete ihn als den Meister, von dem er alles lernte (einer der Hauptcharaktere in Higgins Roman heißt übrigens Jackie Brown – ein Name, den Leonard später aufgriff, um seine Reverenz zu erweisen). Higgins selbst nannte den heute vergessenen John O´Hara als seinen wichtigsten Einfluss.

Higgins hält sich fast nie an die Konventionen des Gangsterromans, die am Ende das große Shootout à la Richard Stark  oder W.R.Burnett fordern. Es geht auch nie um den einen, großen Coup, sondern um das tägliche Überleben auf der Strasse. Er entkleidet den Unterweltsroman aller glamourösen Aspekte. Er gab den Gangstern ihre eigene Sprache, die er aus Protokollen und Gesprächen destillierte um daraus Kunst zu machen.

Seine Figuren leben in einer Hobbschen Welt, in der jeder jedes Wolf ist und nur die eigenen Interessen zählen. In diesem Kosmos geht es nur um Ausbeutung und Zweckgemeinschaften. Wie schon Meyer Lansky wusste: Kriminalität ist die reinste Form der Marktwirtschaft. Bei Higgins durchzieht Korruption jede gesellschaftliche Schicht, und Taktiken und Strategien der Gangster sind dieselben wie die der Politiker oder Polizisten. Higgins zeigt eine paranoide Gesellschaft, die von Kriminellen aller Art belagert und geplündert wird, wie der Kapitalismus mit dem Mittel der Korruption alle sozialen Felder kolonialisiert. Seine Politiker, Anwälte, Cops und Gangster überleben (oder auch nicht) als Choreographen des zivilisatorischen Verfalls.

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Das Personal besteht aus kleinen und größeren Gaunern, Killern, Bürokraten, schmutzige Bullen, Anwälten und Politikern, abgenutzt vom Leben, aber voller Gier. Der Heroismus der unteren Chargen besteht darin, über den Tag zu kommen. Auch die Cops sind Gefangene des Systems und nicht ihre Wärter. Es ist eine männliche Welt, in der Frauen bestenfalls emotionale Konsumgüter sind. Sie spielen kaum eine Rolle in dieser maskulinen Welt, die ihnen nur die üblichen Rollen zugesteht. Trotzdem gelingen Higgins mmer wieder berührende Momente, die das traditionelle Frauenbild absurd erscheinen lassen.

Er moralisiert nicht, indem er seine Verbrecher be- oder gar aburteilt, und er verteidigt sie nicht, indem er sie erklärt. Er lässt sie sich einfach um ihre miesen, kleinen Leben quatschen.

Die große Stärke seiner besten Büchern ist leider auch die größte Schwäche seiner weniger gelungenen: Der Dialog. Niemand schrieb Dialoge wie George V.Higgins, der 1999 nur 59jährig starb. Er konnte eine ganze Geschichte fast völlig in Dialogen erzählen, die die Story vorantrieben und gleichzeitig die Personen charakterisierten. Sein behavioristischer Stil leitet die Realität davon ab, was die Leute reden,  nicht aus Beschreibung ihres Innenlebens. Der Leser muss die Glaubwürdigkeit ihrer Aussagen selber einschätzen. Die Charakterisierung seiner Figuren entsprießt aus dem, was sie sagen und wie sie es sagen. Gerade das hat sich Elmore Leonard von Higgins abgeschaut und oft effektiver genutzt. „Higgins zeigte mir, wie man in ein Szene geht ohne Zeit zu verlieren, ohne lange zu erklären, wer die Charaktere sind und wie sie aussehen.“

Die meisten seiner 27 Romane spielen in Boston, einige in Washington. Die Darstellung der Stadt unterscheidet sich gewaltig von dem zeitgleich, aber viel erfolgreicher schreibenden Bostoner Kollegen Robert B.Parker. Einen Heilsbringer wie Parkers Privatdetektiv Spenser sucht man vergebens in den Mean Streets von Higgins. Einige Kritiker klebten Higgins das Etikett „der Balzac Bostons“ an.

bccdc060ada0ae365c9f2210.L[1]In seinen Polit-Thrillern, wie A CHOICE OF ENEMIES, IMPOSTERS oder VICTORIES verkündet Higgind immer wieder seine psychologischen Systemanalysen: Politiker schaffen es nicht an die Spitze weil sie anderen Gefallen erweisen. Sie schaffen es, indem sie andere dazu bringen, ihnen Gefallen zu gewähren.  Sie sind genauso manipulativ wie die Gangster seiner Unterweltgeschichten.

Von dem Erfolg des Erstlings hat sich der Autor nie erholen können.  Er konnte sich nie aus dem langen Schatten von EDDIE COYLE lösen: „Ich habe die Schnauze voll von Rezensionen, die lauten: Natürlich gibt es bei Higgins keinen der üblichen Plots, aber die Dialoge sind wunderbar.“ Higgins war stets unzufrieden mit seiner Rezeption und dem wirtschaftlichen Erfolg in den USA (obwohl er durchschnittlich von jedem neuen Buch etwa 30 000 Hardcover verkaufte). In zu vielen Romanen verlor er die Kontrolle über die Geschichten und der Erzähler war nur noch ein Moderator mäandernder Mono- und Dialoge, die den Leser ermüden. Seine größte Anerkennung hatte er in Großbritannien; nur dort erschien auch sein einziger Kurzgeschichtenband. In Deutschland versuchten bisher vergeblich die Verlage Hoffmann & Campe und Goldmann Higgins unter deutsche Leser zu bringen. Sein neben EDDIE COYLE bester Roman, der Polit-Thriller A CHOICE OF ENEMYS, wurde bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt. Es ist zu hoffen, dass der  neue deutsche Verlag einen langen Atem und mehr Erfolg hat. Für die Masse der deutschen Krimileser (vorwiegend anspruchslose Frauen), die debilen Psychoquark, sozialdemokratisch depressive Skandinavier  oder gestammelte Provinzkrimis bevorzugen, taugt Higgins natürlich nicht als Lektüre. Aber vielleicht gibt es ja noch ein paar tausend intelligente und literarisch  verwöhnte Leser, die das Risiko des Verlages rechtfertigen.

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Aus verständlichen Gründen begann der Verlag Antje Kunstmmann die neue Higgins-Edition mit dem dritten Roman, ICH TÖTE LIEBER SANFT (COGAN´S TRADE, 1974), 2012 mit Brad Pitt verfilmt. Die grandiose Verfilmung von THE FRIENDS OF EDDIE COYLE von Peter Yates mit Robert Mitchum, ein seltener Glücksfall für einen Autor, ist bereits ein Klassiker. Higgins hat über Elmore Leonard nicht nur zeitgenössische Noir-Autoren beeinflusst, sondern auch Filmemacher wie Quentin Tarantino. Und eine TV-Serie wie DIE SOPRANOS, die dialoglastig die Banalität der systemimmanenten Organisierten Kriminalität thematisierte, wäre ohne Higgins nicht denkbar.

Higgins gehört zu den Autoren wie Robert Stone, James Crumley, Newton Thornburg oder Edward Bunker, die für den amerikanischen Noir-Roman in den 1970er Jahren die Traumata des Vietnamkrieges aufarbeiteten und neue Wege für das Genre aufzeigten. Wie die Pulp-Autoren während der Depression präsentierten diese Autoren schonungslos eine durch und durch korrupte Welt. Higgins & Co beschrieben den Kater nach der Aufbruchsstimmung der 1960er. Der Sixties-Traum einer „New Society“ war ausgeträumt. Und bekanntlich kam es noch schlimmer: Seit Reagen wurden systematisch alle rudimentären demokratischen Errungenschaften der Roosevelt-Ära für den Vorteil einer blutrünstigen Oligarchie auf dem Altar des absoluten Profitstrebens geopfert. So gesehen ist Noir-Kultur die erste Form, die nicht national definiert wird, sondern Länder und Sprachen überschreitend durch das übergreifende wirtschaftliche System. Noir-Literatur ist die sozio-politische Beschreibung der Entfremdung des Individuums von den Strukturen des Kapitalismus.

George V.Higgins: DIE FREUNDE VON EDDIE COYLE und ICH TÖTE LIEBER SANFT. Beide übersetzt von Dirk van Gunsteren im Verlag Antje Kunstmann, je € 14,95.

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