Martin Compart


DER HERR DES GESCHWAFELS: Neil Gaiman packt aus by Martin Compart
21. September 2017, 4:23 pm
Filed under: Neil Gaiman, Rezensionen, Sekundärliteratur | Schlagwörter: , ,

Neil Gaiman hat seinen Blog ausgedruckt, den Papierkorb umgestülpt und allen möglichen Kram, den er im Laufe der Jahrzehnte als nicht-fiktional abgelassen hat, zwischen zwei Buchdeckel gequetscht.

Und das ist nur eine Auswahl DES ALLERBESTEN an Vorträgen, Vorworten und ähnlichem. Gaiman hat während seiner bisherigen Erfolgskarriere nur einen guten Roman, viele langweilige, ebensolche Comics und ein paar akzeptable Kurzgeschichten geschrieben und wird für diesen Haufen trivialer Milchbar-Fantasy von den Minderbemittelten der Fantasy- und Comic-Gemeinde kultisch verehrt. Der höchst erfolgreiche Wälzer AMERICAN GODS (nun auch als TV-Serie) zeigt bestens alle Schwächen von Gaiman: Das Konzept basiert offensichtlich auf der exzessiven Kindheitslektüre von Stan Lees Comics, aber ohne dessen Originalität.

Aber das muss mich hier nicht interessieren.

Dummerweise habe ich mich für seine sekundärliterarischen Ergüsse interessiert. Nein, richtige Sekundärliteratur ist das wohl nicht, wenn Gaiman ü b e r ein Sujet oder einen Autor schreibt. Es geht ihm fast ausschließlich darum, was und wo der kleine Neil empfunden hat.

Dieser Egomane kann nur über sich labern und was Populärkultur in seinem kleinbürgerlichen Bewusstsein angerichtet hat:
„Das, was die Erwachsenen wirklich hätten fürchten müssen, war das, was Doctor Who in meinem Kopf anstellte“.
Gaimans Leser müssen das nicht fürchten, denn seine Worte treten links in ihr Bewusstsein ein, durchqueren das Vakuum, fallen rechts vepuffend raus. Es geht ihm nicht um Analysen, warum und wie ein Autor Empfindungen erzeugt, wichtiger ist doch wo und wann der kleine Neil ganz davon begeistert war und das seine 10jährige Tochter FRANKENSTEINS BRAUT auch heute noch ganz toll findet.

Geht es mal nicht gerade um die Empfindungswelt des Egomanen, dann liefert er so ungewöhnliche, zuvor nie gedachte, Gedanken ab wie: „Ich glaube, den Kampf der Gewehre gegen die Ideen werden die Ideen schlussendlich gewinnen.“ Mit solchen wagemutigen Großgedanken könnte er auch Karriere im Bundesvorstand der Grünen machen. Die Schlichtheit dieser Aufsätze spiegelt die Schlichtheit seiner Fantasy und seiner Fans wider, die diese zu dicke Schwarte als ihre Mao-Bibel verwenden können.

Egal ob er über Harlan Ellison, Jack Kirby oder H.P. Lovecraft schreibt, er hat nichts zu sagen; bestenfalls kaut er Weisheiten wieder, die seit 70 Jahren in den Fanzines jährlich von Rotärschen entdeckt werden. „Kirby leistete einen wichtigen Beitrag zur Comicsprache, und das gilt noch viel mehr für den Dialekt der Superheldencomics… Kirbys Fantasie war grenzenlos und unnachahmlich…“ Sein Geschreibsel erinnert an Musikkritiken in Schülerzeitungen der frühen 1970er: „Die neue Platte ist sehr gut, besonders das dritte Stück auf der zweiten Seite, das noch besser ist als das vierte auf der ersten.

Über Harlan Ellison nicht wenigstens eine provokante Note zu formulieren, ist schon fast die Definition einer neuen Ästhetik des Leerlaufs.

Als entscheidenden Einfluss auf Kirbys dystopische Comic Book-Serie KAMANDI – LAST BOY ON EARTH behauptet er – ohne mit der Tastatur zu zucken – die Filmversion von PLANET DER AFFEN (nach dem Roman von Pierre Boulle),“obwohl er den Film nicht gesehen hat„. Was für eine Logik! Als ob Boulles Roman von 1963 auch noch die erste „Lost Earth“-Geschichte wäre. Der Typ hat nie seine Hausaufgaben gemacht und kennt nicht einmal seine eigenen Genres.


Eher was für Fortgeschrittene.

Lange nicht so was verblüffend unnötiges in den Fingern gehabt. Kein Vergleich zu den Essay-Bänden von William Gibson oder Jonathan Lethem (deutsch bei Klett-Cotta), in denen fast jedes Kapitel lesenswert ist. Von Stephen Kings wunderbare Bücher und Essays über das Schreiben und Genres ganz zu schweigen.

Immerhin: Eine angenehme Ausnahme zum sonstigen Ich-bin-ja-so-beeindruckt-Gestammel sind seine Betrachtungen zu Lou Reed, in denen Gaiman ansatzweise zu analysieren vermag, was und warum ihn an Reeds Musik fasziniert, obwohl es da auch von grauenhaften Plattitüden wimmelt: „Lou Reeds Songs enthalten mehr, als der Text verrät.“

Neil Gaimans Texte verraten gar nix über den Blödsinn auf dem Klappentext hinaus:

„Warum Lesen uns zu besseren Menschen macht – Ein Einblick in die Gedanken des Bestsellerautors …
Neil Gaiman gehört zu den großen Erzählern unserer Zeit. Seit seiner Kindheit sind Geschichten für ihn Zufluchtsorte und lebensnotwendig. In dieser Sammlung von Artikeln, Essays und Reden beschäftigt sich Gaiman mit Literatur, dem Schreiben, der Kunst und Fantasie. Er spricht über Autoren und Werke, die für ihn prägend waren und geblieben sind, über die Rolle des Lesens und wie es uns zur Empathie und Meinungsbildung befähigt.
Mal eindringlich und weise, mal spielerisch und humorvoll, erkundet Gaiman die Dinge, die ihn bewegen, und schenkt dem Leser einen Einblick in seine ganz persönlichen Gedanken.“

NEIL GAIMAN
BEOBACHTUNGEN AUS DER LETZTEN REIHE
ÜBER DIE KUNST, DAS ERZÄHLEN UND WIESO WIR GESCHICHTEN BRAUCHEN ÜBERSETZT VON RAINER SCHUMACHER, RUGGERO LEÒ.
EICHBORN HARDCOVER „KULTUR“, 573 SEITEN, 24,90 €.
ALTERSEMPFEHLUNG: AB 16 JAHREN. (ERNSTHAFT?)

Positiv lässt sich noch anmerken: Angesichts der gesamten deutschen Verlagsproduktion ist das Buch weder das schlechteste, noch das überflüssigste auf der bevorstehenden Buchmesse.

 

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EIN BLADE RUNNER ERZÄHLT: JONATHAN LETHEMS ESSAYS by Martin Compart
29. April 2013, 1:51 pm
Filed under: Bücher, Comics, Film, Jonathan Lethem, MUSIK, Politik & Geschichte, Science Fiction | Schlagwörter: , , ,

Der 1964 geborene Jonathan Lethem ist als Kind einer Hippie-Familie ein genauer Analytiker seiner Generation und darüber hinaus unter den US-Autoren der vielleicht beste Beobachter des neuen Jahrtausends. Sein erster Roman erschien 1994: DER KURZE SCHLAF war eine höchst amüsante Kombination aus Chandlerscher PI-Novel und SF. Lethem engagierte sich in der Occupy Wall Street-Bewegung und ist, wie sein Jugendidol Norman Mailer, ein politischer Autor ohne Scheu davor, eine kritische Meinung zu vertreten. Bei uns hat er ein festes Heim im Tropen Verlag gefunden, wo er jetzt neben dort gut behandelten Genre-Autoren wie Roger Smith und Joe Lansdale steht.

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Lethem legt mit BEKENNTNISSE EINES TIEFSTAPLERS – MEMOIREN IN FRAGMENTEN (THE ECSTASY OF INFLUENCE) eine sowohl stilistisch wie analytisch brillante Esssay-Sammlung vor, wie man sie bei uns von keinem Belletristen erwarten kann. Es sind Essays zur Populärkultur. Ein Begriff, der Lethem nicht wirklich zusagt:
In einem kurzen Essay wendet er sich gegen diesen Terminus, da er mehr mit dem Ausdruck Alltagskultur anfangen kann, der „rege eher zum Nachdenken an, er lege Fragen und Differenzierungen nahe, statt Unterschiede zu überkleistern“. Leider ist die deutsche Ausgabe gekürzt. Ähnlich schlimmes muss man auch über die deutsche Veröffentlichung der Essays von Nick Tosches sagen.

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Im Mittelteil dieser Essay-Sammlung haut Jonathan Letham mächtig aufs System ein und knöpft sich die impotenten Krämer vor, die Angst davor haben, durch moderne Technologien ihre parasitäre Position im Zwischenhandel zu verlieren:

„Die Welt ist ein Haus, das mit popkulturellen Produkten und Emblemen zugemüllt ist…Diese Dinge gehören mir genauso wenig wie Gehsteige und Wälder, doch ich lebe mit und in ihnen, und wenn ich eine Chance haben soll, als Künstler oder Bürger zu bestehen, muss es mir erlaubt sein, sie zu benennen…
Die Vorstellung, dass kulturelle Erzeugnisse Eigentum sind – geistiges Eigentum – soll rechtfertigen, dass Pfadfinderinnen für die Lieder, die sie am Lagerfeuer singen, Lizenzgebühren bezahlen… Thomas Jeffersons Vision (vom Urheberrecht) wurde über die Jahrhunderte von jenen unterwandert, die Kultur als einen Markt betrachten, aus dem alles, was irgendeinen Wert hat, notwendig auch einen Eigentümer haben muss…“ Lethem beschreibt die ekeligen Warnfilme der Musik- und Filmindustrie, die illegales downloaden kriminalisieren und mit dem Diebstahl von Autos oder Handtaschen gleichsetzen und kommt zum Schluss: „(Gestohlene) Autos und Handtaschen stehen ihren Besitzern nicht mehr zur Verfügung, die Aneignung von geistigem Eigentum dagegen lässt das Original unberührt.“ „Doch die Industrie des kulturellen Kapitals, die nicht vom schöpferischen Akt profitiert, sondern von seiner Verbreitung, betrachtet den Verkauf der Kultur als ein Spiel, bei dem sie nicht verlieren kann… Die raubgierige Erweiterung von Monopolrechten lief dem öffentlichen Interesse immer zuwider, ob nun Andrew Carnegie den Preis von Stahl kontrollierte oder Walt Disney die Geschicke der Maus.“ Fast schon naiv klingt die ideologische Begründung, derer sich die Parasiten wohl gerne bedienen: „In der in Theorie der freien Marktwirtschaft gilt jeder Eingriff, der die Umwandlung in Eigentum behindert, als paternalistisch, da er die Freiheit des Bürgers in seiner Neubestimmung als potentieller Unternehmer beschneidet.“

Wie wenig (oder besser: gar nicht) dieses nur verkürzt als Kapitalismus zu bezeichnende System der Allgemeinheit dient, macht er unmissverständlich klar:„Wir müssen deshalb mit äußerster Wachsamkeit die Übergriffe derjenigen verhindern, die unser gemeinschaftliches Erbe für ihre persönliche Bereicherung ausbeuten. Solche Übergriffe auf unsere natürlichen und kulturellen Ressourcen haben mit Unternehmergeist und Eigeninitiative nichts zu tun. Vielmehr sind sie Versuche, dem Volk etwas fortzunehmen, um es einigen wenigen zu übereignen.“

Superhelden begleiten ihn seit der Kindheit. Er hatte selbst den 70er Marvel-Helden OMEGA revitalisiert. Witzig und nachdenklich lässt er sich über die Kostümträger und diverse Verfilmungen aus. Etwa über SPIDERMAN: „Ebenso hat Parker etwas von einem masturbierenden Teenager, wenn er hinter verschlossenen Türen seine neue Fähigkeit ausprobiert, klebrige Spinnweben-Masse zu verschleudern.“

Er schreibt über Dylan (dieser Text ist schon jetzt ein Klassiker), Marlon Brando, Sex im Film, Norman Mailer und – sehr ausführlich – über Science Fiction, insbesondere Philip K.Dick und J.G.Ballard und viele andere kulturelle Topoi. Memoiren sind diese Essays nur insofern, dass sie die innere Entwicklung des Autors verfolgen. Das ist Analyse und Kritik der Popkultur, Lethem möge mir verzeihen, auf einem Niveau, von dem das deutsche Print-Feuilleton nur träumen kann. Für diese Spießbürger hat er auch ein paar warme Worte: „Die Vorstellung, dass die um ihren Status besorgten Wächter der hohen Literatur eine anerkannte Unterklasse (etwa die SF) benötigen, die sie verachten können, schien mir nie zu exotisch als Diagnose.“

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Sein jüngster Roman, CHRONIC CITY, ist bei Tropen ebenfalls lieferbar und wird durch die vorherige Lektüre der Essays beim Leser fast wie eine praktische Demonstration seiner theoretischen Überlegungen. Es ist eine Art Bildungsroman für das 21.Jahrhundert und bestätigt Letham als einen der originellsten und intelligentesten Autoren der zeitgenössischen Weltliteratur.