Martin Compart


STONES! by Martin Compart
23. Mai 2020, 7:27 pm
Filed under: ACHIM REICHEL, JÖRG FAUSER, MUSIK, Rolling Stones, Sekundärliteratur | Schlagwörter: ,

Näheres bei Zerberus.

Mit Erinnerungen an Jörg Fauser als Bonustrack.

 

1. KAPITEL DIE 60er JAHRE oder BEI ADOLF HÄTTE ES DAS NICHT GEGEBEN!

 

„Wenn man eine Entwicklung zu lange zurückverfolgt, landet man irgendwann zwangsläufig beim Höhlenmenschen oder den Rolling Stones.“

Luke Haines

 

Wie war das noch mit den Fifties?

Mandolinen im Mondenschein, fette Wirtschaftsbosse im Daimler, die nur kurz innehielten, um ihre eigene Tüchtigkeit zu bewundern, Halbpension in Rimini, singende Seemannsschwuchteln, Conny packte Peters vollgewichste Badehose ein, Streifenpolizisten wie bewaffnete Briefträger, alte Nazis, die den Krieg nicht wirklich verloren hatten und für die ein Käseigel der Gipfel des Hedonismus war. Amoralische Spießer krochen aus den Bombenlöchern, um das Wirtschaftswunder zu erfinden. Wiederauferstehung aus absoluter Schande.

Hoffnung gab nur die atomare Bedrohung. Blue Jeans und Lederjacken waren Werkzeuge des Teufels, und Rock’n‘ Roll war seine Musik. Das Land gehörte weiterhin den Kreaturen, die die Barbarei wissenschaftlich gemacht hatten. Die Bundesrepublik war nicht die Nachfolgerin der Weimarer, sondern der Friedhof des 3.Reichs, auf dem die Zombies tanzten. In den Staaten hatte 1956 der Reverend John Carroll von der Erzdiözese Boston früh und weitsichtig erkannt, welche Gefahren von dieser Stimmungsmusik zum Radkappen stehlen ausging: „Der Rock´n´Roll entflammt und erregt die Jugend wie Dschungeltrommeln, die Krieger zum Kampf aufrufen und vorbereiten. Ein falsches Wort, ein Missverständnis, und alles geht in Flammen auf. Die zweideutigen Texte dieser Musik sind Angelegenheit der Gerichte und der Polizei.“

Damit sprach er eine schöne Tradition an: Im Mai 1932 verbot Fiorello LaGuardia, der Bürgermeister von New York, jegliche Varietéveranstaltung. Denn sein scharfsinniger Polizeichef Lewis Valentine meinte erkannt zu haben, dass für die Zunahme der Sexualdelikte der Striptease ursächlich verantwortlich war.

Und vergessen wir Dr. Werhams Comic-Hatz nicht. Der hatte nämlich festgestellt, dass die meisten jugendlichen Kriminellen Comicleser sind (und wahrscheinlich auch Colasäufer). Viele bibelfeste Amerikaner standen dem Reverend zur Seite.

Aufrechte Amerikaner wie Disc-Jockey Dick Whittingill vom Los Angeleser Sender KSFR („Ich wurde meine Sucht nach Junk-Musik los, indem ich KSFR zuhörte.“) hatte er hinter sich: „Nein, ich werde WHITE CHRISTMAS von Elvis nicht spielen. Das wäre, als überreichte Tempest Storm meinen Kindern die Weihnachtsgeschenke.“ Gottseidank wurde man als Jugendlicher in seiner Not nicht allein gelassen. Man bekam wertvolle Tipps. Etwa in CONTACTS, 1958, der Zeitung des Catholic Youth Center: „Vernichte die Platten, die du besitzt, wenn sie heidnische Kultur und heidnische Lebensweise repräsentieren. Überprüfe vorher, welche Platten bei einer Hausparty oder einem Schulfest gespielt werden sollen… Rufe einen DJ an oder schreibe ihm, wenn er lausige Platten vorstellt. Schalte dein Radio aus oder suche eine andere Station, wenn du anzügliche Songtexte hörst.“

 

Aber irgendwie kriegten sie es nicht hin, dass Elvis annulliert wurde. Stattdessen löste sich der Respekt der Jugendlichen vor den Weltkriegsveteranen in der Säure des Rock´n´Roll auf. Im selben Jahr meinte Mitch Miller: „Es gibt keine Platte, die einem Kind mehr zufügen kann, als dessen Elternhaus schon getan hat.“ Was für ein dreckiger Roter! 

„Besorgte“ Konservative baten J. Edgar Hoover gegen diesen hüftwackelnden, schandmäuligen, dekadenten Verderber amerikanischer Heranwachsender „etwas zu unternehmen“, „Ich fühle mich verpflichtet, Ihnen meine Überzeugung zu vermitteln, dass Presley eine eindeutige Gefahr für die Sicherheit der Vereinigten Staaten darstellt.“ Dieser „Mensch gewordene Schüttelfrost“.

EPSON MFP image

Es war aber auch furchtbar, was damals ablief.

Hier ein Bericht über ein Konzert von Bill Hailey:

Wie in Trance taumeln die Halbwüchsigen in die Gänge der Riesenhalle und tanzen alleine für sich wie besessene Medizinmänner eines Urwald-Stammes, nur beherrscht von der Musik. Nach zwei Stunden erreicht der Tumult einer Rock’n Roll-Veranstaltung in der Regel den Höhepunkt. Die Melodie ertrinkt trotz der elektrischen Verstärkeranlage in dem schrillen Lärm der Zuschauer, nur der Rhythmus durchschneidet noch pulsierend das Inferno. Plötzlich entlädt sich die Gewitterschwüle im Saal… Eine Bierflasche segelte in den Tanzsaal… Dann stürzten sich die Halbwüchsigen keuchend aufeinander. Gläser splitterten, Stühle wurden zerschmettert und die Einzäunungen des Podiums aus ihren Fundamenten gerissen. Streifenwagen aus allen Stadtteilen heulten herbei. Vierzig weitere Polizisten stürmten aus einem nahegelegenen Saal, in dem sie zufällig zum alljährlichen Kameradschaftsabend versammelt waren. Sie brauchten eine Stunde, um den Saal zu räumen. Ähnlich Szenen spielten sich in vielen anderen Städten ab, in denen der magische Rock’n Roll-Rhytmus durch die Säle dröhnte und den Destruktionstrieb der Halbwüchsigen freilegte In Minneapolis setzte ein Kinobesitzer einen Film mit Rock’n Roll-Musik ab, weil die Jugendlichen wie besessen aus dem Theater tanzten, im Rock’n Roll-Takt durch die Straßen wirbelten und Schaufenster zertrümmerten.

Gut war auch die Ankündigung: „Das hier stammt von den Coasters, vier Typen, die aus einem Schweinehirten-Seminar rausgeworfen wurden.“

Ohne die Warnungen der Erwachsenen wäre so manches Vorortskind dazu verdammt gewesen, in Unschuld aufzuwachsen.

Im Nachhinein muss man den McCarthyisten dafür danken, dass sie die Aufmerksamkeit auf etwas Sündhaftes gelenkt haben, dass einem sonst leicht durch die Lappen gegangen wäre. „Eigentümlicherweise reagieren nur einfache Gemüter auf diese Form des Rhythmus. Den anspruchsvolleren Intellekt lässt er völlig kalt.“

Ab 1957 wurde die Musik zum Ausdruck der verzweifelten Suche der Jugend nach ihrer Identität. Rock´n´Roll-Platten waren Schmerzmittel, die es nicht „auf Kasse“ gab. Sie waren zusammen mit einer Handvoll Filme der einzige Ausweg aus dem Elend des Konsumstalinismus. Es war wie vor Christus und nach Christus im katholischen Märchen. Musik war ein Versprechen. Nein, DAS Versprechen. Und das ist abseits der Hitparadenscheiße bis heute so.

Oder wie es Robert Christgau ausdrückte: „In schlechten Zeiten ist Musik eine Erinnerung daran, dass bessere Zeiten nicht nur möglich, sondern auch erreichbar sind.“ Greil Marcus: „1959, als Danny and the Juniors ROCK´N´ROLL IS HERE TO STAY sangen, da versprachen sie ihren Zuhörern nicht, dass sie zu dieser Musik erwachsen werden – sie versprachen ihnen vielmehr die ewige Jugend.“

Aber Forever young war kein biologisches Ziel, sondern eine Ideologie. Das ist das Schöne an der Rücksichtslosigkeit der Jugend: Gegen heute hat der morgige Tag keine Chance.

„Das ist doch nicht normal!“

„Nee. Super.“

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3 Kommentare so far
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Wo hast Du dieses prächtige Porträt von Cool Man Keith Richards ausgegraben?

Kommentar von krimiautorenaz

Ein Gemälde von meinem alten Freund Helmut Wenske. Beide Keith-Bilder hat er mir geschenkt. Da bin ich natürlich mächtig stolz drauf.

Kommentar von Martin Compart

Für mich sagt der Blick:
„Fick nicht mit dem Ficker!
Ich habs erfunden…
zusammen mit der Queen und dem letzten T-Rex..
Ich bin nicht fickbar.
Punkt.“

Kommentar von Martin Däniken




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