Martin Compart


GET LEWIS – Ted Lewis und Brit Noir 8/ by Martin Compart

ARCHÄOLOGIE I:
Wenn man an britische Kriminalliteratur denkt, meint man meistens die klassischen Detektivgeschichten. Übermächtig überschatten Sherlock Holmes, Agatha Christie oder Dorothy L.Sayers dieses Genre und verstellen den Blick auf unabhängige Strömungen, die als Subgenre mit diesen Klassikern nichts oder nicht viel zu tun haben. Trotz verschiedener „Revolutionen“im Genre , von Francis Iles Transformation der inverted story bis hin zum Psychothriller der angry young men Anfang der 50er Jahre, wird die britische Kriminalliteratur entweder mit klassischen Detektivromanen oder bestenfalls noch Spionageromanen gleichgesetzt. Diese Betrachtungsweise war immer schon verkürzt und ist heute besonders unzutreffend: Um 1990 begannen neue britische Autoren die kriminalliterarische Landschaft ihrer Heimat zu verändern. Der Schock, den Derek Raymond in den 80er Jahren der britischen Kriminalliteratur verpasst hatte, zeigte Wirkung und rüttelte das Genre aus der Lethargie – eine zweifellos kommerziell erfolgreiche Lethargie, wie die Auflagen von P.D.James, Martha Grimes, Ruth Rendell, Minette Walters, Len Deighton oder John LeCarré zeigten. Aber die neuen Autoren wollten jenseits von klassischen Detektivromanen, Psychothrillern oder Polit-Thrillern die Mean Streets Britanniens wiederentdecken.
Derek Raymond hatte mit seiner Factory-Serie an eine Tradition erinnert, die trotz gelegentlicher Einzelleistungen keine Bedeutung zu haben schien: an die höchst eigenwillige britische Noir-Tradition, die zwar einige Meisterwerke hervorgebracht hatte, aber nie so stilprägende Autoren wie die amerikanischen Vettern mit Dashiell Hammett, James M.Cain, Raymond Chandler, Mickey Spillane, Jim Thompson, David Goodis oder Ross Macdonald. Der britische Noir-Roman, wenn nicht einfach nur kommerzieller Epigone der Amerikaner, war ein im Schatten blühendes Pflänzchen, das von wenigen Autoren gepflegt wurde und von wenigen Lesern, die sich damit als wahre Afficionados erwiesen, in eine Tradition eingeordnet wurde. Selbst der große Kriminalliteraturtheoretiker Julian Symons hat in seinem verdienstvollen Standardwerk BLOODY MURDER diesen Teil der britischen Kriminalliteratur unterschlagen oder einzelne Autoren nur isoliert betrachtet. Folgerichtig waren es weniger die eigenen Traditionen, die die Fresh-Blood-Autoren Ende der 80er Jahre inspirierten. Es waren die zeitgenössischen Amerikaner wie Elmore Leonard, Carl Hiaasen, Charles Willeford, James Crumley oder James Ellroy, die den Wunsch auslösten, eine ähnliche Literatur zu produzieren.

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GET LEWIS – Ted Lewis und Brit Noir 6/ by Martin Compart

Mitte der 70er Jahre trennte sich Jo von Ted. „Ich musste unsere Töchter Nancy und Sally schützen. Ich hoffte, Ted würde durch die Trennung zur Vernunft kommen.“ Weit gefehlt. Ted zog zu seinen Eltern und soff weiter. Kurz darauf starb sein Vater, und seine Mutter konnte ihre ganze Aufmerksamkeit nun Ted widmen. Wenn er blank war, gab sie ihm Geld zum Versaufen. Jo reichte schließlich die Scheidung ein, die schnell und ruhig über die Bühne ging. Danach lebte er abwechselnd mit anderen Frauen zusammen, hielt aber Kontakt mit Jo und den Töchtern, die er sehr liebte. Jo ließ die Töchter aber nicht mehr zu ihm fahren, da sie herausgefunden hatte, dass Ted meistens betrunken war, wenn er mit ihnen zusammen war. Stattdessen musste er – oft mit seiner Mutter – nach Ipswich fahren und ins Hotel gehen. Dann schickte Jo ihm die Mädchen.
Seine letzten harten Noir-Romane erschienen 1976 und 1980: BOLDT und GBH. Böse, schwarze Bücher. Aber Lewis war ausgepowert. Das Schreiben fiel ihm zunehmend schwerer. Er versuchte Geld zu verdienen, indem er für die langlebige SF-Kult-Serie DR.WHO eine Folge schrieb (Titel: THE LORDS OF MISRULE). Wie üblich im Fernsehgeschäft, sollte er das Drehbuch verändern und umschreiben. Er lieferte es völlig betrunken bei der Produktionsgesellschaft ab, die „ihn nicht bat, nochmals vorbei zu kommen“. Sie wurde nie produziert (und durch die Folge THE POWER OF KROLL ersetzt). Für Jarrett-Books sollte er eine sechsteilige Vigilantenserie schreiben, konnte diese aber nicht mehr vor seinem Tod beginnen.
Am Ende war er todkrank und wegen seiner zerstörten Leber auch noch Diabetiker. Einmal fiel er ins Koma und musste mit dem Notarztwagen abgeholt werden, und niemand konnte sagen, ob das Koma auf Alkoholmissbrauch oder Diabetis zurückzuführen war.
1982 starb der Kettenraucher schließlich an einer Herzattacke. Ein wüstes Leben, wie es so viele unglückliche Noir-Kollegen geführt hatten, forderte seinen Preis. Aber sind derartige Leben am Abgrund nicht auch Voraussetzung für derartig schwarze Bücher? Für Autoren wie Ted Lewis, Jim Thompson, Charles Williams oder Cornell Woolrich waren ihre Bücher die letzten Haltestellen auf dem Weg zur Hölle.



GET LEWIS – Ted Lewis und Brit Noir 4/ by Martin Compart

Ein Widerspruch trägt die ganze Geschichte: Als rationaler Profi versucht er irrationale Ziele durchzusetzen. Er will die Mörder seines Bruders finden und fertig machen. Dafür setzt er seinen Status und sein Leben aufs Spiel. Das erscheint umso irrationaler, weil er Frank seit Jahren nicht mehr gesehen hat und sie einander nicht mal mehr mochten. Immerhin hatte Jack sogar mit seiner Schwägerin geschlafen und die Vermeintliche Tochter Franks könnte sein Kind sein. Es ist diese Spannung in der Figur des Ich-Erzählers, die zusätzliche Dynamik verleiht und bedrohliche Düsternis über den Roman ausbreitet wie ein Leichentuch. Der friedliebende Frank wäre mit Jacks Rachefeldzug auch nicht einverstanden. Aber das interessiert ihn nicht: „Er war mein verdammter Bruder“. Das hat nichts mit Sam Spades Ehrenkodex im MALTESE FALCON zu tun. Frank erinnert ihn an eine Zeit, als er noch unschuldig war, bevor er Albert Swift traf, bevor er auf die schiefe Bahn geriet und sein darwinistisches Leben begann. Mit Frank hat man seine Zeit der Unschuld endgültig ausgelöscht, die letzte Verbindung vor der Vertreibung aus dem Paradies gekillt. Aber man kann ja alles überinterpretieren. Letztlich war es Jacks Welt, die seinen Bruder getötet hat. Und man kann sich leicht vorstellen, das Jack für die Fletchers dasselbe getan hätte, was Eric Paice für seinen Boss und die lokalen Geschäfte erledigen musste. Also doch eine weitere Kain und Abel-Geschichte?

Drei Monate brauchte er für den halben Roman, den er handschriftlich in Schulhefte schrieb. „Er schrieb den Roman aus kommerziellen Gründen. Wir glaubten, es würde ein Bestseller“, meinte Jo. Ted und Jo hatten inzwischen eine Tochter bekommen, Nancy. Auf dem Haus lagen Hypotheken, und sie brauchten dringend Geld. Die Enttäuschung war groß, als Hutchinson das Manuskript ablehnte. 1968 hatte er Toby Eady getroffen, der sein Agent werden sollte und vollkommen von Teds Romanfragment überzeugt war. Toby brachte das Manuskript zu Peter Day vom Verlag Michael Joseph. Day gab ein Gutachten in Auftrag, in dem stand, Lewis könne kein Englisch schreiben. Wahrscheinlich war der Gutachter mit Teds hard-boiled-Stil völlig überfordert und nur ziselierte schöngeistige Literatur gewöhnt. Ted, der keine Kritik einstecken konnte, war jedenfalls außer sich vor Wut. Day liess sich von dem Gutachten nicht beeindrucken und kaufte das Buch trotzdem. Bevor es 1970 veröffentlicht wurde, waren bereits die Filmrechte verkauft. Ted, ein Filmfan, war begeistert und wäre gerne stärker in die Filmarbeit involviert gewesen. Jo meinte, er hätte das Drehbuch sogar umsonst geschrieben, hätte man ihn nur gelassen. Er besuchte die Dreharbeiten in Newcastle und zog ein paar Aufträge für Drehbücher für die Fernsehserie Z-CARS an Land.
Buch und Film waren zwar erfolgreich, aber Ted verdiente nicht annähernd soviel, wie es heute mit einem derartigen Hit üblich ist. Für das amerikanische Remake HIT MAN (1972) von George Armitage mit Pam Grier bekam er nicht einen Penny.



GET LEWIS – Ted Lewis und Brit Noir 3/ by Martin Compart

Also schrieb er seinen Klassiker: JACK’S RETURN HOME. „Die Inspiration kam durch zwei Quellen: Chandlers Romane und die amerikanischen Noir-Filme der 40er- und 50er Jahre. Beides beeinflusste mich ungefähr zur selben Zeit. Ich war noch in der Grundschule, und meine Kumpels und ich verbrachten die meisten Abende in einem der zwei Kinos der Stadt. Das eine Kino zeigte vor allem britische Filme und amerikanischen Mainstream. Aber das andere zeigte B-Pictures, uraltes Zeug zum Teil, und in Doppelvorstellungen. Da gingen wir hin. Das war das Zeug, das man sich nicht ansehen sollte.“

Ted Lewis gelingt ein bedrückendes Portrait einer miesen Industriestadt (die fatal an heutige Städte im Ruhrgebiet erinnert) Ende der 60er Jahre. Der Hedonismus des rebellischen Jahrzehnts ist verweht, der Optimismus auf eine bessere Welt in der Endlichkeit des Wirtschaftswachstums versumpft. Dumpf vegetieren die Menschen dahin, zerbrochen vom Überlebenskrieg. Auf sie trifft H.P.Lovecrafts Satz zu: Weder leben die Bewohner, noch wissen sie zu leben in dem Haschisch industrieller Knechtschaft. Sie leben in einer urbanen Landschaft, ohne klare Wahrnehmung und ohne sichere Existenz. In schleichender Verwesung sitzen sie in den Pubs um das Ende aller Träume abzuwarten. Jack Carter ist eigentlich einer von ihnen, hatte sich aber rechtzeitig abgesetzt und kommt angeschlagen aber unbesiegt zurück in seine elende Heimatstadt. Er will seinen Bruder beerdigen, der Nichte ein besseres Leben ermöglichen und herausfinden, was wirklich hinter dem Tod des Bruders steckt. You can«t go home again, hatte Thomas Wolfe behauptet. So genannte Return-Romane sind inzwischen fast ein Subgenre, und auch in der Kriminalliteratur gibt es dafür eindrucksvolle Beispiele: Mickey Spillanes THE DEEP und THE ERRECTION SET oder etwa Kenneth Millars BLUE CITY (fast immer verbinden sie sich mit den Corruption-City-Geschichten in der Folge von Dashiell Hammetts RED HARVEST) Lewis Sprache packt den Leser von der ersten Seite an. Der szenisch-filmische Aufbau treibt die Handlung mit hohem Tempo voran. Die Settings wechseln von elenden Kitchen-Sink-Momenten zu harter Action oder gehobenen Unterweltmilieus. Der Angry Young Man als Hard-boiled-Autor, der John Osborne oder Alan Silitoe mit Hammett, Jim Thompson und John MacPartland kreuzt. Er ist kein väterlicher Reiseleiter durch diesen Alptraum, er schafft den Alptraum und steigert ihn bis zum bitteren Ende. Der wenig angenehme Jack Carter gewinnt unsere Sympathien, weil er geradezu archaisch auf Blutrache besteht. Zivilisatorische Schranken haben in seiner Welt wenig Bedeutung. Ted Lewis macht ihn zu einem in jeder Sekunde glaubhaften Charakter. Carter ist eine runde Figur, die einen aus den Seiten des Romans anspringt, kein Pappcharakter. Und der Leser mit seinen gebremsten Sympathien für diesen knallharten Gangster kann sich der Anteilnahme nicht entziehen, denn Carter ist ein ebenso intelligenter wie ironischer (jedenfalls manchmal) Erzähler. Nur weil er ein so brutaler Kerl ist, hat er überhaupt eine Chance. Und ernsthaft würde wohl kein Leser die versaute Arbeiterexistenz des Bruders der Gangsterexistenz Carters vorziehen. Carter ist kein üblicher Held – Gott bewahre! Er ist nicht stark genug um der Korruption zu widerstehen, aber stark genug um sich ein Stück davon zu erkämpfen. Er kennt die Codes der Unterwelt genauso wie die Rituale der Unterschicht. Carter ist kein Gentleman-Hero. Er ist der proletarische Facharbeiter des Verbrechens. Ein Profi, der, wie Richard Starks Parker, seinen Job gelernt hat und ihn selbstsicher ausübt. Ganz den Idealen der 60er Jahre verpflichtet, ordnet er sich keiner Authorität unter. Weder seinen direkten Vorgesetzten, den Fletchers, noch den regionalen Geschäftspartnern. Er hat keine Skrupel mit der Frau seines Bosses ins Bett zu steigen, will sie ihm sogar endgültig ausspannen. Loyalität hat Grenzen. Er ist nur ein Söldner, der seine Arbeitskraft verkauft. Das Gegenstück zum amerikanischen Revolvermann des Wilden Westens, der seine Fähigkeiten vermietet und die Mieter immer auch verachtet. Die Rückblenden, in denen er sich an Frank erinnert, sind knapp und eindringlich, verdeutlichen, das Carter zur ersten amerikanisierten Generation gehört (wie sein Autor). Die Jungen eiferten Cowboys nach, hörten Jazz und sahen amerikanische Filme. Ein Gewehr mit sich rumzuschleppen ist für sie der Inbegriff der Freiheit (und eines gelungenen Tages). Die Sozialisation durch amerikanische Gewaltkultur ging bei Jack bestens auf – den Bruder ließ sie als Versager zurück. Es ist eine amerikanische Form von Freiheit und Glück, denen die Carter-Jungs nachhingen. Das Glück des Brutaleren oder Cleveren. Was Lewis Roman ebenfalls bemerkenswert macht, ist die Darstellung des Einbruchs amerikanischer Verhältnisse in England (und Europa). Nicht nur Jugend und Subkulturen sind amerikanisiert, auch das organisierte Verbrechen ist es jetzt: Die Grenzen zwischen Kriminalität und legalen Geschäften sind verwischt. Legale und illegale Wirtschaft verschmelzen – ganz amerikanisch – in den Händen derselben Bosse, die die Stadt kontrollieren. Nicht umsonst erinnerte Jack die Stadt in seiner Jugend an eine amerikanische Boomtown. Fair play existiert in seiner Welt nicht. Im Umgang mit Frauen ist er genauso brutal wie bei Männern. Es macht ihm nichts aus, Frauen zu schlagen. Aber dahinter steckt nie sadistisches Vergnügen. Seine zielgerichtete Gewalt ist Mittel zum Zweck. Genauso wenig belastet es ihn, wenn ein tumber Verbündeter (Keith) seinetwegen in Not gerät (oder die Geliebte verstümmelt wird und damit keinen sexuellen Wert mehr für ihn hat).
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JÖRG FAUSERS „SCHLANGENMAUL“ 1/ by Martin Compart

Der komplette Text ist in meinem Essayband 2000 LIGHTYEARS FROM HOME zu finden.

Drei Tage vor dem Bruce-Springsteen-Konzert 1981
war ich auf Speed gegangen und hatte bei meiner Brandrodung
durch München einen neuen Rekord im Deckelmachen aufgestellt.
Noch Jahre später quälten mich Alpträume, in denen
ich nach München entführt wurde, um meine Deckel zu zahlen.
Nachts vor dem Konzert konnte ich nicht pennen. Das
Speed glühte nach. Da war doch noch dieses Buch, das ich
seit ’ner Weile lesen wollte: Marlon Brando von Fauser. Ein
bißchen was hatte ich von dem Typen schon im Stadtmagazin
Tip gelesen. Ich knallte es mir rein und konnte nicht
fassen, wie gut es war. Ich war elektrisiert und nahm mir fest
vor, Fauser kennenzulernen. Irgendwo hatte ich gelesen, daß
er in München wohnte. Später stellte sich heraus, daß wir in
München zur selben Zeit in dieselben Kneipen gegangen
waren. Wir hatten vielleicht am selben Tresen gestanden,
ohne ins Gespräch zu kommen. Weißbierkeller, Blaue Nacht,
rund um den Viktualienmarkt, das Glockenbachviertel …
Wahrscheinlich waren wir in denselben Nachtvorstellungen,
um französische Gangsterfilme zu sehen.

»Warum hast du mich nicht mal angerufen? Das haben andere
auch gemacht«, fragte mich Jörg später.
»Erstens habe ich mich das nicht getraut, zweitens hättest
du mich garantiert abserviert.«
»Nicht unbedingt.«
»Nee, nicht unbedingt.«

Trotz der durchlesenen Nacht, mit ordentlich Filz im
Maul, ging ich zu Springsteen in die Olympia-Halle. Damals
war er noch in Hochform, noch ein Geheimtip. Es war eines
der besten Konzerte meines Lebens. Als sie ihm um Mitternacht
den Strom abstellten und die Halle erleuchteten, machte er einfach akustisch weiter. Keiner hatte schlechte Laune nach dem Konzert.

Der Ullstein-Job brachte mich Mitte 82 nach Berlin. Die gelben Ullstein-Krimis las ich seit der Vorpubertät, seitdem ich eine Kiste mit diesen unglaublichen Taschenbüchern unterm Bett meiner Mutter gefunden hatte. Es war immer
meine Lieblingsreihe gewesen, und jetzt war ich ihr Herausgeber.
Daß man dafür noch bezahlt wurde, war, als würde man Kohle dafür kriegen, Joschka Fischer, Gerhard Schröder oder Schäuble in die Eier zu treten.

Tip-Chefredakteur Werner Mathes hatte ich schon persönlich
getroffen, aber Jörg noch nicht. Es muß Anfang August
82 gewesen sein, als Mathes mich zu einer Gaststätte bestellte,
um über den Literatur-Tip zur Buchmesse zu sprechen.
Themenschwerpunkt: Kriminalliteratur. Es war ein scheißheißer
Tag, und im Büro frittierte ich im eigenen Schweiß.
Mit einem Taxi durch das brütende Berlin zum Fronteinsatz.
Vor der Gaststätte saßen zwei Stoiker und tranken bei 30°im
Schatten Whisky. Mathes stellte Fauser und mich einander
vor. Fauser war cool und skeptisch. Der Kellner kam, um
meine Bestellung aufzunehmen. Whisky. Fauser grinste. Ich
konnte kein ganz Schlechter sein, wenn ich bei diesen Temperaturen
harte Sachen trank.

Zu diesem Zeitpunkt wußte ich noch nicht, daß ich es den
zwei Stoikern Fauser und Mathes zu verdanken hatte, bei
Ullstein zum Vorstellungsgespräch geladen worden zu sein.

FORTSETZUNG FOLGT



LEE CHILD – Hard-boiled Brite by Martin Compart

Er kennt alle Kniffe und weiß genau, was er tut: „Der Roman ist die reinste Form der Unterhaltung. Näher kommt kein anderes Medium an sein Publikum. Stundenlang ist der Leser mit dem Autor ganz allein – und hört ihm zu.“
Lee Child genießt seinen Erfolg: „Mit das Schärfste für einen Autor ist, zu sehen, wie Leute dein Buch im Flugzeug oder am Strand lesen, daß Hollywood dich im Zug anruft – und deinen Namen auf den Bestsellerlisten zu sehen.“
Alles bereits erlebt. Child ist innerhalb von wenigen Jahren zum Bestseller-Garanten aufgestiegen. Jedes Jahr verkauft er eine Million Romane in 20 Sprachen. Da spielen die Lebenshaltungskosten in New York keine Rolle mehr. Vor ein paar Jahren ist er aus dem teuren London in die noch teurere US-Metropole umgezogen. Amerika war und ist aus mehreren Gründen wichtig für ihn: Er ist mit einer Amerikanerin verheiratet, und seine Karriereplanung als Bestseller-Autor war von Anfang an auf die Staaten ausgerichtet.
Deshalb hat er auch seine Serie über den Ex-Militärpolizisten Jack Reacher gezielt in den USA angesiedelt.

Es ist der größte Buchmarkt der Welt. Wer ihn erobert hat, dem stehen alle anderen Märkte offen. Durch meine Frau habe ich die USA regelmäßig besucht. Außerdem habe ich in all den Jahren beim Fernsehen eines gelernt: Du mußt dahin gehen, wo du das meiste Publikum erreichst. Die USA sind der größte Thriller-Markt. Ich nenne das meine Basketball-Theorie. Wenn du Basketballspieler werden willst, wirst du in Europa immer nur für die Zweitbesten spielen. Man muß in die Staaten zur NBA gehen, um rauszukriegen, ob man wirklich das Zeug zum Spitzenspieler hat. Dasselbe gilt für Schriftsteller.
Child ist freundlich und ein Gentleman. Die guten Manieren hat er jedoch nicht aus der Kinderstube: Er stammt aus Birmingham und wuchs mitten in den miesesten Industrieregionen auf, wo man schon ins Krankenhaus mußte, wenn man auch nur mit dem Flußwasser in Berührung kam. Kleine Konflikte wurden mit Fahradketten ausgetragen; alte Narben erinnern an die schönste Zeit des Lebens.
Der 1954 geborene Autor blieb nicht auf der Strecke und studierte Jura, ohne Anwalt werden zu wollen. Von Anfang an war sein Ziel das Showbiz. Nach dem Studium ging er zu Granada TV in Manchester, bekanntlich ebenfalls ein urbanes Juwel in der Krone Britanniens. Die Glotze brachte wichtige Erfahrungen: „Ich habe 17 Jahre lang Fernsehen gemacht. Ich weiß, wie das Spiel funktioniert. Als ich rausflog, war ich für 40.000 Stunden Qualitätsfernsehen mitverantwortlich gewesen, darunter Serien wie „Prime Suspect“ und „Für alle Fälle Fitz“. Das hat meine DNS auf spannende Unterhaltung programmiert.
Mit 41 war sein Leben auf Null gestellt: Granada TV feuerte ihn 1995. „Es war diese typische 90er-Jahre-Nummer“, sagt Child. „Wenn Sie Ihren Job behalten wollen, müssen wir Ihr Gehalt halbieren.“ Da er Gewerkschaftsaktivist war, stand er nicht auf der Wunschliste anderer TV-Gesellschaften und wurde freudig gefeuert. Also setzte er sich hin und schrieb innerhalb weniger Wochen seinen ersten Thriller „Größenwahn“, dessen Protagonist Reacher ganz anders war als die aktuell üblichen: „Ich wollte einen großen, starken Mann, ohne Bindungen und ohne die üblichen Freunde und Liebschaften – vor allem keinen blinden oder tauben Hobbykoch mit Alkohol- und Beziehungsproblemen. Reacher bleibt mysteriös. Zuviel über ihn zu wissen, wäre das Ende der Serienfigur. Nach dem ersten Buch dachte ich, der Kerl ist viel zu barbarisch für weibliche Leser. Ich hatte mich total geirrt. Frauen sind die größten Fans.“
In jedem seiner Bücher findet man allerdings auch starke Frauen, die jedem Ballermann-Macho den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Reacher verbindet Schwarzeneggers körperliche Kraft mit der analytischen Brillanz eines Sherlock Holmes und der militärischen Ausbildung eines Special-Forces-Soldaten: „Braungebrannt und in bester Form, wie ein mit Walnüssen vollgestopftes Kondom.“ Trotzdem ist Reacher eher eine Hard-boiled-Version von Neal Cassady als ein Marvel-Held – denn im Grunde ist er auf der Flucht vor Enge, Uniformität und Erstarrung. Der Noir-Held als Beat.
Nirgends Verwandte, er schuldet niemanden Geld, hat nie jemanden betrogen oder irgendwelche Kinder gezeugt. Sein Name steht auf so wenigen Dokumenten, wie es einem Menschen überhaupt möglich ist. Der ruhelose Rumtreiber, der fast sein ganzes Leben außerhalb der USA verbracht hat, bewegt sich wie ein Außerirdischer durch God´s Own Country. Eine Inspiration für Reacher war John D. MacDonalds großartige Travis-McGee-Serie.

Mit seinem distanzierten Blick gelingen dem Autor treffende Schilderungen der amerikanischen Landschaft, der diese Spannung aus Realität und Mythos innewohnt. Nebenbei erklärt er, wie mies die Mythologen des freien Unternehmertums heute Geschäfte machen und dabei begeistert über Leichen trampeln.
Der verwahrloste Kontinent liefert die Weite, die er braucht. Die Unabhängigkeit und Bindungslosigkeit von Reacher ermöglicht es Child, mit jedem Roman eine andere Art von Thriller zu schreiben.
Als alter Fernsehprofi weiß ich natürlich genau, auf welche starken Strukturen ich verzichte, indem ich meinem Helden keine Soap-opera-Elemente mitgebe, die Leser oft an Serienfiguren binden. Andererseits kann ich einen Roman als psychologisches Kanmmerspiel machen und den nächsten als Polit-Thriller auf höchster Ebene. So halte ich die Serie frisch, ohne daß sie in ihren eigenen Klischees erstickt.
Seine Mischung aus Hard-boiled-Krimi und faktengespicktem Polit-Thriller ist derzeit im Genre das heißeste, sein Thriller-Konzept (eine zeitgemäße Mischung aus Ian Fleming, Peter O´Donnell und John D. MacDonald) schafft es, aus längst dahingestorbenen Plots noch Vitalität zu holen. Obwohl – auch das muß gesagt werden: Abgewichste Krimi-Fans durchschauen die Handlung auf halber Strecke. Trotzdem bleibt man dran, was für Childs Erzählkunst spricht.
Sein Stil hat nichts mit dem expressionistischen Minimalismus der Hammett-Ästhetik zu tun, sondern ist eine gelungene Synthese aus britischem Suspense-Thriller und amerikanischer Hard-boiled-Literatur. Die Reacher-Romane sind süchtigmachende Page-Turner, und die Fans bitten flehentlich darum, ihnen jährlich statt einem Roman doch bitte zwei in den Rachen zu rammen.
Seit 1998 lebt Lee Child in Westchester, New York – mit seiner Frau Jane, der erwachsenen Tochter Ruth und der kleinen Hündin Jenny.
„Deshalb komme ich so gerne nach Europa: um andere Raucher zu treffen“, sagt Lee Child und steckt sich eine weitere Zigarette an. Und was hätte er gern auf seinem Grabstein stehen? „Hier liegt ein Kerl, der niemanden bösartig behandelt hat und seinen Unterhalt bestritt, ohne den Planeten auszuplündern.“
Unseren Segen hat er!

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DIE CHANDLER-BRIEFE by Martin Compart

Der Diogenes Verlag hat eine Neuausgabe der Chandler-Briefe angekündigt. In einem Schreiben an den Verlag habe ich darauf hingewiesen, dass die frühere Knaus-Ausgabe mit der Übersetzung von Hans Wollschläger einer ziemlich harten Bearbeitung bedürfe. Ich verwies auf meine Kritik im SPIEGEL. Zwar bekam ich keine Antwort, aber der Erscheinungstermin wurde wohl verschoben. Hier also die alte SPIEGEL-Rezension. In den Leserbriefen der folgenden Wochen wurden noch eine Menge weitere Fehler aufgeführt und Wollschläger durfte mich auch beschimpfen und beleiodigen. Das war ein großer Spass.

DER SPIEGEL 19/1991 vom 06.05.1991, Seite 249-253
Autor: Martin Compart

Die Haare stehen einem zu Berge

Martin Compart über die Übersetzung der Chandler-Briefe durch Hans Wollschläger
Compart, 36, ist Herausgeber des Jahrbuches für Kriminalliteratur.

Raymond Chandlers Rolle in der Literatur ist längst unumstritten. Der Autor des „Langen Abschieds“ und der „Kleinen Schwester“ hat zusammen mit Dashiell Hammett in seinen kalifornischen Kriminalromanen einen Archetypus des 20. Jahrhunderts etabliert: den idealistischen Kleinunternehmer, der als Privatdetektiv für mehr Gerechtigkeit in der Welt sorgt. Daß er auch zu den großen Briefeschreibern dieses Jahrhunderts gehörte, belegte bisher in Deutschland nur der Diogenes-Band „Die simple Kunst des Mordes“, herausgegeben von Dorothy Gardiner und Kathrine Sorley Walker. Leider hatten die beiden den umfangreichen Brief-Corpus des Meisters ziemlich willkürlich bearbeitet – wie die 1981 von Chandler-Biograph Frank MacShane herausgegebenen „Selected Letters“ belegen.
Jetzt hat sich endlich auch ein deutscher Verlag dazu entschlossen, diese Briefsammlung zu veröffentlichen*. In ihr zeigt sich Chandler ähnlich witzig, klug und belesen wie in seinen Romanen und Kurzgeschichten. Tatsächlich erfährt man in diesem Buch über die Kunst – oder wie Chandler es wohl eher sah: handwerkliche Kunst – des Schreibens Eindrucksvolles.
Besonders über Hollywoods Filmindustrie und über den Beginn des TV-Zeitalters weiß Chandler seinen Briefpartnern anregend und originell, sarkastisch und bitter zu berichten. Und was er an Schelte und Lob über seine Kollegen austeilt, ist meistens treffend, immer aber witzig. Kurzum, es ist ein exzellentes Buch über das Schreiben und eine der unterhaltsamsten Briefsammlungen der angelsächsischen Literatur.
Der deutsche Leser, der auf die Lektüre des Originals verzichtet, muß sich allerdings mit einer Übersetzung zufriedengeben, _(* Raymond Chandler: „Briefe 1937-1959“. ) _(Aus dem Amerikanischen von Hans ) _(Wollschläger. Albrecht Knaus Verlag; 690 ) _(Seiten; 56 Mark. ) deren Qualität in keinem Verhältnis zum Ruf steht, den der Übersetzer genießt: Es ist Hans Wollschläger, der „Ulysses“-Neuübersetzer, der bereits Chandlers „Langen Abschied“ ins Deutsche übertragen hat. Hier, bei den Briefen, ist ihm das schier Unmögliche gelungen: Chandlers kurzweilige und direkte Prosa in eine oft gravitätisch daherstelzende Sprache zu übersetzen.

Außerdem drängt Wollschlägers Text dem Leser oft den Verdacht auf, der Chandler-Übersetzer verfüge nicht immer über sichere Kenntnisse des Chandlerschen Milieus, der amerikanischen Gegebenheiten und ihrer Sprache.
Medien wie die Pulp-Magazine scheint Wollschläger nicht zu kennen. Dabei waren diese Billigmagazine für die Entwicklung der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts von einiger Bedeutung. Autoren wie Jack London, Upton Sinclair, Sinclair Lewis, O“Henry, Tennessee Williams, Dashiell Hammett und Raymond Chandler begannen in ihnen ihre literarischen Karrieren. Über das Pulp-Magazin Black Mask schreibt Wollschläger: “ . . . daß sie und andere jahrelang in dem Buch gestanden hatten“. Genauso wie man Comic Book richtig mit Comic-Heft oder -Magazin übersetzt, sollte man auch bei den billigen Pulp-Magazinen von „Heft“ oder „Magazin“ sprechen.
An einer anderen Stelle dokumentiert Wollschläger, daß er sich offensichtlich nicht mit den amerikanischen Medien jener Zeit auskennt und daß er nicht den Unterschied zwischen dem englischen Ausdruck „novel“ (Roman) und „novelette“ (Novelle, lange Kurzgeschichte oder Kurzroman) kennt. Er übersetzt „just old pulp novelettes“ mit „alten Groschenromanen“. Der Ausdruck Groschenroman bezeichnet aber – um die Verwirrung komplett zu machen – die „Dime Novels“, Hefte, in denen romanlange Geschichten veröffentlicht wurden: direkte Vorläufer der typisch deutschen Groschenhefte, euphemistisch auch Romanhefte genannt.
Die Dime Novels erlebten ihre Blüte in den USA von 1860 bis etwa 1910 und wurden dann von den Pulp-Magazinen als beliebtestes literarisches Unterhaltungsmedium ihrer Zeit abgelöst. Während in den Dime Novels einzig ein langer Heftroman über einen trivialen Helden (Buffalo Bill, Kit Carson und so weiter) veröffentlicht wurde, brachten die Pulp-Magazine in jedem Heft verschieden — S.252 lange Kurzgeschichten („novelettes“ und „short stories“) von verschiedenen Autoren.
Aber nicht nur solche Ungenauigkeiten kennzeichnen die Übersetzung. Sie macht Chandlers direkte und unprätentiöse Sprache prätentiös. Zum Beispiel wird aus Chandlers profanem “ . . . the book now arrives“ ein hölzernes „Das Buch hat sich eingestellt“ und etwas später aus „various moods“ eine „verschiedene Gestimmtheit“. Aus „I wish Hollywood agents didn“t feel that they had to . . .“ wird „Ich wünschte, Hollywood-Agenten könnten sich des Gefühls entschlagen“. Chandler hat sich, so geht aus den Briefen hervor, den Kefauver-Ausschuß im Fernsehen angesehen. Er schreibt: „Kefauver himself is worth the price of admission any day“, also etwa: Kefauver allein lohnt das tägliche Zuschauen. Was steht bei Wollschläger? „Kefauver selbst ist den Preis der Bundeseingliederung jeden Tag wert“ – was immer das heißen mag.
Eine Seite später werden aus simplen Boten altgermanische „Sendlinge“. Wo Chandler vom hohen Ausstoß einiger Vielschreiber spricht, übersetzt Wollschläger einen „hohen Produktionsumfang“. Eine interessante Wortschöpfung findet sich da, wo Wollschläger Chandlers „catholicy of taste“ mit „Geschmackskatholizität“ eindeutscht, da muß man nicht päpstlicher als der Papst sein, um das als abstrus zu empfinden. 0099533510[1]
Holprig überträgt Wollschläger Chandlers „I don“t think the quality in the detective or mystery story which appeals to people has very much to do with the story a particular book has to tell“ zu „Ich meine nicht, daß die Qualität in der Detektiv- oder Kriminalgeschichte, die viele Leute so anspricht, sehr viel mit der Geschichte verbindet, die ein eigenständiges Buch zu erzählen hat.“
Eine lebensfremde Marotte, die Wollschläger schon in seiner Übersetzung des „Langen Abschieds“ hatte, ist die Ersetzung des Wortes „crook“ (Gauner, Ganove) durch das jiddische Wort „Ganeff“. Wer in Deutschland benutzt dieses ausgefallene Wort wirklich noch? Chandler beklagt an dieser Stelle die zunehmende Jugendkriminalität – es gibt also in diesem Zusammenhang nicht den geringsten Grund, den gebräuchlichen Begriff „crook“ durch einen im Deutschen geradezu antik gewordenen jiddischen Ausdruck zu übersetzen.
Auch vom Filmgeschäft der vierziger Jahre, an dem Chandler als Drehbuchautor (leidend und kreativ) gewichtigen Anteil hatte, scheint Wollschläger kuriose Vorstellungen zu haben. Da berichtet beispielsweise Chandler über die Regiearbeit von Howard Hawks: „Hawks shoots from the cuff more or less, he tells me, merely using a rough script to try out his scenes and then rewriting them on the set.“ Wollschläger macht daraus: „Hawks dreht mehr oder weniger aus dem Stegreif, sagt er mir, er benutzt bloß ein Rohscript, um seine Szenen zu probieren, und schreibt sie dann am Bildschirm nach.“ Offensichtlich verwechselt Wollschläger hier ein Fernsehgerät mit dem üblichen Ausdruck für Drehort („set“).
An einer anderen Stelle mutiert in seiner Übersetzung die Dramatikerin — S.253 („playwright“) Lillian Hellman zur Schauspielerin. Einem so gebildeten Menschen wie dem „Ulysses“-Übersetzer Wollschläger müßte die Autorin auch als Hammett-Lebensgefährtin und Streiterin gegen den McCarthyismus eigentlich bekannt sein. Daß der Gesang von Lauren Bacall statt „gedoubelt“ zu werden, „einsynchronisiert“ wird, ist ein weiteres Beispiel für Wollschlägers hilflose Sachferne; noch dazu, da es in einem Witz unter Drehbuchautoren auftaucht.
Komisch wird es, wenn Wollschläger „connoisseur of damp fart“ mit „Kenner der Feuchtfurzerei“ übersetzt. Zugegeben, der Dampffurz ist schwer zu übertragen. Aber im Kontext wird klar: Chandler spricht hier von Hollywoodschreibern, die ihre Sachen unter Druck schnell aus sich herauspressen, meinetwegen: herausfurzen.
An vielen Stellen wählt Wollschläger einen geschraubten Ausdruck für einen schlichten bei Chandler: Er legt seinem Autor beim Übersetzen nachträglich einen Stehkragen um. So heißt es zum Beispiel: „Ich möchte noch gern über den Punkt . . . mit Ihnen rechten.“ Chandler dagegen schrieb ganz simpel: „I dispute your point about ….“ An anderer Stelle übersetzt er „high budget mystery picture“, also einen teuren Kriminalfilm mit „hochaufwendiger Krimifilm“, was sicherlich nicht dasselbe ist.
Rätselhaft: Ein doppelter old-fashioned Whiskey macht die gänzlich unverständliche Metamorphose zu „zwei Schüssen Alte Kanzlei“ durch. Einen ähnlich kuriosen Getränkevorschlag lieferte Wollschläger bereits in seiner Diogenes-Übersetzung des „Long Goodbye“. Dort bezichtigt er den Keeper in Victor“s Bar, daß er in einen Gimlet ein „Bitterbier“ gemischt habe. Des Rätsels Lösung: Im Original verwendet der Barkeeper „Angostura“ – was Chandler wie sein Held Marlowe als Cocktail-Puristen ablehnten.
Zuweilen findet Wollschläger eine deutsche Entsprechung, die einen klaren gesellschaftlichen Sachverhalt in ein seltsames deutsches Biedermeier überträgt. So wird aus den „old-school-ties“, also den berühmten englischen Schulkrawatten, die einen Sozialstatus annoncieren, ein altmodischer „Bratenrock“ (Chandler genoß ja bekanntlich eine britische Erziehung und hat mit dem Gegensatz zwischen kalifornischer Modernität und englischer Tradition oft gearbeitet).
Ein wenig unbeholfen erscheint es auch, wenn Wollschläger „tough“ dauernd mit „rabiat“ übersetzt, denn das heißt es nur in den seltensten Fällen.
Bizarr wird es dann, wenn Chandlers für Uneingeweihte unverständlicher Slangausruf „wukkahs“ („who cares?“, also etwa: Was soll“s?) bei Wollschläger zu einem absolut unverständlichen „Ahbeeder“ wird. Die Haare stehen einem zu Berge, wenn er „unputdownable“ (also „man kann es nicht aus der Hand legen“ – weil es so spannend oder faszinierend ist) mit „unwiderleglich“ übersetzt.
Und so geht es fort und fort. Warum Hans Wollschläger über einen guten Ruf als Übersetzer verfügt, ist einem jedenfalls nach dieser Lektüre ziemlich unverständlich. Darauf ein Bitterbier!

— S.249 * Raymond Chandler: „Briefe 1937-1959“. Aus dem Amerikanischen von Hans Wollschläger. Albrecht Knaus Verlag; 690 Seiten; 56 Mark.