Martin Compart


THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: KINO DER BLICKE von HANS GERHOLD by Martin Compart

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Ja, ich weiß: dies ist ein Sachbuch und kein Roman. Und? Ich kenne fiktionale Thriller, die sind stinklangweilig, und ich kenne Sachbücher, die man nicht mehr aus der Hand legen kann und Angst vor der letzten Seite hat. Hans Gerholds Geschichte des französischen Kriminalfilms gehört zu letzteren. Es ist eines der fünf besten Film-Bücher, die ich je gelesen habe – vielleicht das aufregendste. Gerhold hat leider nur wenige Bücher geschrieben (darunter das wohl schönste Buch über Woody Allen ), schreibt regelmäßig Kritiken (die „Westfälischen Nachrichten“ sollte man schon seinetwegen abonnieren), Beiträge in Anthologien und hält Vorlesungen. Aber es sind zu wenige für die kleine, aber anspruchsvolle Gemeinde seiner Fans. Wäre die deutsche Journaille weniger verkommen, würde man ihn abfeiern wie die Amerikaner ihren David Thomas. Wir haben ja zum Glück einige gute Filmkritiker, aber Gerhold ist ganz klar die Nummer Eins. Kein anderer schreibt so unterhaltsam und gleichzeitig analytisch wie er.

39ccb7b09cGerhold, der ganz richtig einen offenen Gattungsbegriff als Ansatz wählt, hat mit KINO DER BLICKE nicht nur die beste historische Entwicklung des Sujets geschrieben, sondern auch eine sozio-kulturelle Geschichte Frankreichs: „…dass die wichtigsten Beispiele des polar stets auch typische Produktionen gewesen sind, die soziale Veränderungen und Entwicklungen transparent machen und, bei aller Relativierung, Zeitdokumente sind“. Wie brillant er als Theoretiker und Rhetoriker ist, zeigt schon die Titelwahl der Einführung, in der er seine Vorgehensweise verdeutlicht: „Wahl der Waffen“. Um dieses Buch beneiden uns die Franzosen, denn nicht einmal sie haben ein intelligenteres und spannenderes zum Thema. Gerhold berücksichtigt natürlich auch die literarischen Einflüsse und nennt Autoren, die viel zu oft nicht gewürdigt werden – jedenfalls im kulturell verspäteten Deutschland (etwa Alphonse Boudard). Es sind die vielen unterschiedlichen Ebenen, die dieses Buch zum Musterbeispiel der Filmtheorie machen.

Das Buch ist von 1989 (Fischer Taschenbuch) und seitdem nicht mehr (aktualisiert) aufgelegt worden – ein weiteres Indiz für den erbärmlichen Zustand der Verlage, die bei uns Filmliteratur im wahrsten Sinne des Wortes „verlegen“. Es zeigt wohl, wie genügsam sie bei geistiger Nahrung sind in einer Ära reduzierter Erwartungen.

45637091Ich kenne Gerholds Schreibe seit dem legendären Hanser-Buch über Melville (1982). Es war neben Nogueiras Interviewband mit dem Meister Quell und Inspiration für andauernde Diskussionen zwischen Jörg Fauser und mir. Fauser war ebenfalls ein Afficionado des französischen Gangsterfilms und wir sahen uns jeden an, den wir nur zu sehen bekommen konnten (bei LE CHOC, nach Manchette, haben wir damals brüllend vor Wut das Kino verlassen als Catherine Deneuve ihren ersten Auftritt hatte, in Gummistiefeln Gänse fütternd). Sätze wie „wie Gerhold richtig bemerkte“, fielen fast an jedem Tresen, den Jörg und ich bei unseren alkoholisierten Reisen durch die Nacht adelten.
Ich habe Hans erst Ende der 1990er Jahre kennen gelernt: Wir waren beide Juroren in einer Jury des Grimme-Preises (nicht um Auszeichnungswürdiges zu finden, sonder um das Schlimmste zu verhindern). Ich hatte schweißnasse Hände vor der ersten Begegnung, wie man sie nur hat, wenn man nach Jahren der Bewunderung einem Idol wie Mick Jagger oder Hunter S.Thompson gegenüber tritt. Durch permanentes Nerven gelang es mir sogar, ihn zur Mitarbeit an meinen Noir-Readern zu nötigen.

Zum Glück kann man KINO DER BLICKE noch antiquarisch auftreiben. Ich selbst habe drei Ausgaben: eine zerlesene, mit Unterstreichungen misshandelte Loseblattsammlung, eine zur wiederholten Lektüre (man findet immer wieder neues) und ein jungfräuliches Exemplar für alle Fälle. Aber es ist schon verdammt ärgerlich, dass dieses Buch nicht – wie gesagt: aktualisiert – als fett bebildeter, großformatiger Luxusband neu aufgelegt wird. Wo bleibt eigentlich der Taschen-Verlag, wenn man ihn braucht?



GET LEWIS – Ted Lewis und Brit Noir 1/ by Martin Compart

Ted Lewis und sein Antiheld Jack Carter begleiten mich seit Jahrzehnten. Zuerst begegnete ich ihnen Anfang der 70er Jahre in einem Kino in England. Ich war völlig fertig nach dem Film. Mitte der 80er Jahre veröffentlichte ich die Carter-Trilogie in der Schwarzen Serie von Bastei. 2003 gab ich JACKS RETURN HOME nochmal als prachtvolles Hardcover mit Bildmaterial und Nachworten (u.a. eines von the one and only Hans Gerhold) heraus. Und vor einigen Jahren bearbeitete ich JACK RECHNET AB zum Hörspiel für den WDR. Dabei war das Runterkürzen auf 50 Minuten nicht sehr befriedigend; m.E. hätte man besser einen Zweiteiler daraus gemacht. Schon die Adaptionen von Horace McCoy, Manchette oder Jim Thompson haben ja bewiesen, wie nichtssagend diese Romane als kurze Hörspiele wirken.

Es gibt wohl kein solitäres Buch und keinen einzelnen Film, der so einen starken Einfluss auf das britische Noir-Genre hatte wie JACK’S RETURN HOME und seine Verfilmung GET CARTER. Für Jahrzehnte vergessen, wurde der Film in den 90ern (auch dank der Begeisterung von Blurs Damon Albarn) wiederentdeckt und taucht nun regelmäßig in Listen über die wichtigsten britischen Filme unter den Top 3 auf. In der britischen Filmkritik gilt der Film als „Weckruf der 70er Jahre“. „Die Permissivität der Swinging Sixties mutiert in Pornographie und Gewalt“, wie es Robert Murphy ausdrückt. GET CARTER ist absolut „in“: In Alex Cox’s MOVIEDROME wurde die ungekürzte Fassung gezeigt, in LOADED lief vor ein paar Jahren eine Comic-Strip-Version, in CRIME TIME und UNCUT waren Carter & Ted Lewis Titelthema und in MEN ONLY bekam die Videoveröffentlichung fünf Hämmer für Härte. Unglücklicher Abschluss der Carter-Hysterie war dann das Stallone-Remake. Lewis‘ Roman ist gerade in Frankreich wiederveröffentlicht worden und in England ist inzwischen fast jedes Buch von ihm wieder lieferbar. JACK RECHNET AB ist der Schlüsselroman der britischen Noir-Literatur, die im Vergleich zur amerikanischen keine ähnliche Stringenz aufweist. Die höchst eigenwillige britische Noir-Tradition brachte zwar einige Meisterwerke hervor, hatte aber nie so stilprägende Autoren wie die amerikanischen Vettern mit Dashiell Hammett, James M.Cain, Raymond Chandler, W.R.Burnett, Mickey Spillane, Jim Thompson, David Goodis oder Horace McCoy. Der britische Noir-Roman, wenn nicht einfach nur kommerzieller Epigone der Amerikaner, war ein im Schatten blühendes Pflänzchen, das von wenigen Autoren gepflegt wurde. Selbst der große Kriminalliteraturtheoretiker Julian Symons hat in seinem verdienstvollen Standardwerk BLOODY MURDER diesen Teil der britischen Szene unterschlagen (weil nicht erkannt?) und höchstens einzelne Autoren isoliert betrachtet. Lewis kommt in dem Buch gar nicht vor. Folgerichtig orientierte sich Lewis (ähnlich wie die Noir-Autoren der neuen Generation) an amerikanischen Vorbildern und nicht an englischen Autoren wie Jackson Budd, Gerald Kersh, David Craig, James Barlow, Jack Monmouth oder Douglas Warner Die schrieben finstere London-Novels über die Unterwelten der Metropole seit den 40er Jahren, waren aber keineswegs stilbildend. Es ist geradezu ruchlos, wie Regisseur Mike Hodges die Vorlage seines nicht minder stilbildenden Films runterputzte und darauf beharrt, wie grandios er doch die Vorlage bearbeitet habe (indem er zum Beispiel bei einer Kneipenbestellung Carters höhnisches „bitte“ weggelassen hat), um sie noch härter zu machen. Er hatte, was dem Film gut tat, auch eine ziemliche Distanz zur Hauptperson: „Jack Carter war so ein Haufen Scheiße, ich hätte nie gedacht, dass ein Star seine Reputation riskiert, um diese Rolle zu spielen.“ Der Regisseur, der zuvor zwei Fernsehfilme gemacht hatte und Dokumentationen für WORLD IN ACTION drehte, landete mit der 750 000 Pfund teuren Produktion den großen Wurf. Aber sind wir ehrlich: Ohne den grandiosen Film wäre der Roman nur ein Tip unter Eingeweihten, Mundpropaganda unter den härtesten der harten Noir-Afficionados. Und Ted Lewis wäre längst in Vergessenheit versunken, seine Bücher hochdotierte Jagdtrophäen in den schmuddligsten Antiquariaten des Eastends. Wer war dieser Mann, der fast im Alleingang den britischen Noir-Romanen eine Tradition und eine Identität gab?



zu DER SODOM KONTRAKT by Martin Compart
9. März 2009, 7:15 am
Filed under: Bücher, Drehbuch, Dutroux, Sodom Kontrakt | Schlagwörter: , , , ,

Zur Erzählstrategie:

Im SODOM KONTRAKT benutze ich eine Erzählweise, die weder dem allwissenden Erzähler entspricht, noch dem Ich-Erzähler. Stattdessen ist sie irgendwo dazwischen, gleichzeitig in der dritten Person und aus dem

Der Sodom-Kontrakt

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Blickwinkel der Haupt- und im Focus stehenden Personen. Die szenisch im Mittelpunkt stehende Figur dient als visueller auditiver und psychologischer Brennpunkt. Ihr Blickwinkel soll der Erzählweise Farbe geben und abgrenzen. Die Anwendung dieser Erzählstrategie soll dem Leser intime Einblicke in die Denkprozesse von mehr als nur der Hauptfigur ermöglichen, ohne dabei auf den allwissenden Erzähler zurückzugreifen. Die Beschränkung des Erzählers sollte dazu führen, dass der Leser die Weltsicht der Figuren auf einer tieferen Ebene nachvollziehen kann. Die unterschiedlichen Auffassungen der Figuren über die Geschehnisse sollen zusätzliche Spannung erzeugen. Damit wird der Leser aufgefordert, Haltungen und Situationen selbst zu beurteilen, Dies erscheint mir von einiger Bedeutung: Nicht die individuelle Wahrnehmung der Figuren soll für eine gewisse Spannung sorgen, sondern die Widersprüche in ihren unterschiedlichen Wahrnehmungen. Mit der existenzialistischen Psychologie ausgedrückt: Jeder nimmt gleichzeitig zwei Welten wahr: den idios kosmos, der die eigene, persönliche Welt ist, und den koinos kosmos, die (mit anderen) geteilte Welt. Das Stemmen gegen den Zusammenbruch des idios kosmos sollte als unbewusst wahrzunehmendes Spannungselement die Thriller-Handlung unterstützen. Der Astigmatismus der Figuren soll den Leser dazu bringen, den eigenen koinos kosmos abzuleiten. Der Leser übernimmt die Aufgaben des allwissenden Erzählers und muss Urteile fällen, Wertvorstellungen festlegen (oder die vom individuell ausgerichteten Erzählers verwerfen/zustimmen) und die Erzählung auf seine Metaebene heben. Natürlich versuche ich dies zu steuern, indem ich die Blickwinkel auswähle. Aber der Leser muss selbst die Bedeutung produzieren, indem er eigene Schlüsse zieht um sie seinem koinos kosmos anzugleichen, da dass Konglomerat aus verschiedenen Sichtweisen nicht durch einen allwissenden Erzähler aufgelöst wird.

Einige Rezensionen zum Roman SODOM KONTRAKT

JUNGE WELT
24.09.2007 / Feuilleton / Seite 13
Der beste Kaffee
Zwei klassische Thriller von Ross Thomas und Martin Compart geben vor, was heute anliegt
Von Ambros Waibel
… Der Alexander-Verlag flankiert nun seine Werkausgabe mit Büchern aus Fausers persönlichem und ideellem Umfeld, eine realistische Traditionslinie wird sichtbar, die nach Jahren im Untergrund der Genre-Literatur mit Leuten wie Meyer und Saviano gerade wieder auftaucht. Zuletzt erschienen sind der Klassiker »Umweg zur Hölle« von Ross Thomas, im Original 1978, 1984 auf Deutsch bei Ullstein herausgekommen, und ein schnelles, schmutziges, höchst unterhaltsames Paranoia-Ding vom eben damals verantwortlichen Ullstein-Herausgeber und Fauser-Kumpel Martin Compart, »Der Sodom-Kontrakt«…. Martin Comparts konsequenter »politisch inkorrekter Anti-EU-Thiller« »Der Sodom-Kontrakt«, der in einer agitprop-mäßig noch deutlich schärferen Fassung bereits 2001 im Strange-Verlag erschienen ist, geht da einen Schritt weiter, indem er mindestens einen zurückgeht. Er will nicht den Pulp-Roman auf die Höhe der goutierten Literatur bringen, sondern er nimmt ihn als reißfeste Tüte, in die er kräftig hineinkotzt. Das kann sich wohl nur jemand erlauben, der von der anderen, der Verleger-Seite herkommt und es da bis zum deutschen »Krimi-Papst« gebracht hat. Compart weiß den Zeitungen noch etwas zu entnehmen, insbesondere denen aus Witten/Ruhr, und was er nicht weiß, reimt er sich so kräftig zusammen, daß er in aller Ruhe und mit fieser Ironie Raymond Aron zitieren kann: »Die Gesamtheit der Ursachen, welche die Gesamtheit der Wirkungen bestimmen, übersteigt die Fassungskraft des menschlichen Verstandes.«


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Zuschaufeln, mit dem Auto drüber und Schluss!
Martin Compart glänzt mit einem bitterbösen Thriller
Von Jens Müller
TAGESSPIEGEL 13.1.2008

Charlie und Lee in „The Killers“. Mr. Wint und Mr. Kidd in „Diamonds Are Forever“. Jules und Vincent in „Pulp Fiction“. Killerduos mit sarkastischem Dialogwitz haben manchmal enormen Unterhaltungswert. Vorausgesetzt, man ist nicht ihr nächstes Opfer und muss nicht mit anhören, auf welche Art und Weise man selbst das Zeitliche segnen soll: „,Zuschaufeln, zweimal mit dem Wagen drüber, und das war’s.‘ ,Einfache Lösung, Herr Schmidt, einfach aber nicht simpel. Bewundernswert.‘ ,Vielen Dank, Herr Schneider.‘“

Mit den Herren Schmidt und Schneider bereichert Martin Comparts Thriller „Der Sodom-Kontrakt“ die Typologie der Killerduos um ein illustres Pärchen. Im Ruhrgebiet hinterlassen sie zwischen Witten und Dortmund eine beispiellose Blutspur: Sie zerlegen ihre Opfer mit einem Samuraischwert, erschießen sie aus dem fahrenden Auto oder knüpfen sie an einem Nylonseil auf – um nur einige Methoden zu nennen.
Ihren ersten Mord wollen sie Gill in die Schuhe schieben, einem Freund des Opfers. Was ein Fehler ist, denn dieser Gill ist ein harter Hund, ein ehemaliger Stasi-Agent, der mit seiner Glock-Pistole schlafen geht: „Man hatte es ihm während seiner Ausbildung beigebracht. Er war jedes Mal brutal durch einen Stromstoß geweckt worden, wenn er im Schlaf die Hand öffnete und die Waffe fallen ließ.“ Wow! Der Autor Compart spricht gerade dem aus Skandinavien importierten Krimistil Hohn, der in den vergangenen Jahren so reüssierte. Er psychologisiert nicht wie Henning Mankell; er reibt einem nicht seine literarische Ambition unter die Nase wie Hakan Nesser.
Compart beschwört eine ältere, sehr amerikanische, sehr schwarze Tradition: schnörkellos, rasant, brutal, schmutzig, trashig. Hier hat ein Kenner – Compart war Herausgeber der Krimiprogramme von Ullstein, Bastei-Lübbe und Du Mont – kurzen Prozess gemacht und die ihm bekannten Genre-Versatzstücke derb gesampelt. Unnachgiebig verfolgt sein desillusionierter hardboiled detective das Killerduo und kommt dabei einer europäischen Korruptionsaffäre im Dunstkreis des Kinderschänders Dutroux auf die Spur. Weitere Akteure: Eine nymphomane Kommissarin, eine lokale Kiez-Größe („Karibik-Klaus“), ein exzentrischer Althippie mit ausgesuchtem Musikgeschmack (etwa: „Gilded Palace of Sin“ von den Flying Burrito Brothers). Und: korrupte Polizisten, korrupte Geheimdienstler, korrupte Politiker. Der böse Mann im Hintergrund ist ein deutscher EU-Kommissar, dessen bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Martin Bangemann gewiss nicht zufällig ist. Comparts Roman trägt den Zweittitel „Ein politisch inkorrekter Anti-EU-Thriller“. Hier hat jemand mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch geschrieben.
Dass er nun – überarbeitet – im Berliner Alexander Verlag neu erscheint, liegt sicher auch an Comparts Freundschaft zu einem anderen Autor. Für die Jörg-Fauser-Werkausgabe hat der Verlag zu Recht– viel Lob erfahren. Vielleicht war es mehr als alles andere das, was die beiden Männer, Compart und Fauser, verbunden hat: die Wut im Bauch. Ein paar mehr solcher literarischen Killerduos könnte das Land gut vertragen.

MÜNSTERLÄNDISCHE VOLKSZEITUNG: 9.5.07
Politisch unkorrekter harter Thriller – Philosophische Killer
Von Hans Gerhold
Privatdetektiv Gill, ehemaliger Geheimdienstmann, der untreue Pärchen überwacht, gerät in Mordverdacht und zwischen alle Fronten. Zwei Killer hängen sich an seine Fersen, schalten ihn aus und schieben ihm den Mord an seinem Freund Hans Brenner, für den er einen Geldkoffer übergeben sollte, in die Schuhe. Wie Gill aus dieser Schieflage herauskommt, was er zwischen Dortmund, Witten und Brüssel erlebt und wie sich die verbissen hartnäckige Kriminalkommissarin Alexa Bloch, Star und Leiterin der Dortmunder Mordkommission, an den Mann ohne Koffer hängt, gehört zu einem Thriller, der fern der Behägigkeit deutscher Regionalkrimis in der Tradition des Hard-Boiled-Genres wandelt, nein: spurtet.
Denn Martin Compart, langjähriger Herausgeber der einflussreichen Krimiprogramme von Ullstein, Bastei-Lübbe und DuMont, legt ein furioses Tempo vor und liefert ein Glanzstück des Genres, das es mit amerikanischen Vorbildern aufnehmen kann, sie bruchlos auf deutsch-europäische Verhältnisse überträgt. Compart hat ein Ohr für Kneipengespräche, schaut „dem Volk aufs Maul“ und bringt das Maß an drastischem Realismus und absurdem Humor ein, das ein Noir-Roman benötigt. Eine Verfolgungsjagd mit Pfiff gehört dazu, der authentische Fall des belgischen Kinderschänders Dutroux, undurchsichtige Geschäfte eines Karibik-Klaus, korrupte Beamte, die ineffektive EU-Bürokratie in Brüssel, unfähige Anwälte.
Herzstück ist das Killerpaar Schmidt und Schneider, zwei Gemütsmenschen, die sich wie Philosophen beim Stammtisch unterhalten und an legendäre Vorbilder wie Ernest Hemingways Short Story „The Killers“ und deren Verfilmungen erinnern, deren Niveau Compart mit geistreich witzigen Dialogen spielend erreicht. Grandios die Anspielungen auf populäre Kultur, Songs der Doors oder Charles Bronson („Spiel mir das Lied vom Tod“), dem eine Passage gewidmet ist, die jeden Film- und Thrillerfreund entzücken wird.

Voralberger Nachrichten
Kultur
Böse Buben und starke Frauen
Der Ruhrpott ist spätestens seit Schimanski als gefährliches Pflaster verrufen.
Von BRUNO LÄSSER

(VN) Vor einer Kulisse wie jener in der „Tatort“-Serie hat Martin Compart, bekannt als „Deutschlands Krimipapst“ mit dem Roman „Der Sodom-Kontrakt“ einen knallharten und spannenden Thriller mit unverhohlen deutlichem Realitätsbezug geschrieben.
Gill, ein ehemaliger Söldner und Einzelkämpfer im Auftrag des deutschen Geheimdienstes BND, hat sich von den kriegerischen Schauplätzen in Afrika und im Nahen Osten verabschiedet und arbeitet mittlerweile vergleichsweise ruhig als Privatermittler und Sicherheitsexperte. Eines Tages erhält er den Hilferuf von Brenner, einem Bekannten aus alten Tagen, der um sein Leben fürchtet. Obwohl Gill sofort seine Kontakte zur Halbweltszene nutzt, kann er nicht verhindern, dass dieser kurze Zeit später vor seinen Augen hingerichtet wird. Schlimmer noch, Gill steht bald darauf selbst unter Mordverdacht und wird von der Polizei ebenso wie von Brenners Auftragsmördern gejagt.
Bald schon pflastern noch mehr Leichen seinen Weg und, obwohl in Wirklichkeit unschuldig, glaubt die Polizei nach wie vor an Gill als Haupttäter und will ihn, ebenso wie der um auf möglichst wenig Publizität bedachte BND, so schnell als möglich aus dem Weg räumen.

Perfekt abgeschmeckt
Gill findet heraus, dass sein verstorbener Kollege Brenner sich seine Finger im wahrsten Sinn des Wortes an einer Erpressungssache verbrannt hat. Gills Ermittlungen lassen auch deutliche Querverbindungen zum Fall des belgischen Kinderschänders Dutroux und einem unglaublichen Sumpf aus politischer Korruption bis in höchste EUKreise, moralischer Verkommenheit und skrupelloser Geschäftemacherei erkennen. Neben allerhand bösen Buben bevölkern Comparts Buch auch ein paar starke Frauen, die das Blut der Macho-Protagonisten bis zum ultimativen Showdown noch zusätzlich in Wallung bringen.
„Der Sodom-Kontrakt“ ist eine perfekt abgeschmeckte Mischung aus Spannung, Macho-Herrlichkeit und Aufdecker-Journalismus, garniert mit Sex, Hippie-Flair und fast schon wieder rührender Wissenshuberei über Popbands aus den 1960 er-Jahren.
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