Martin Compart


THE GOLDEN AGE OF MURDER von Martin Edwards by Martin Compart
26. Juli 2019, 6:51 am
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Als goldenes Zeitalter der Kriminalliteratur bezeichnet man die Zeit zwischen den Weltkriegen, in der der klassische britische Detektivroman seinen Höhepunkt hatte, und sich in den USA die hard-boiled-novel entwickelte. Der Formenreichtum des Genres wird häufig unterschätzt und zumeist wird es lediglich mit dem Rätselkrimi gleichgesetzt.

Martin Edwards ist nicht nur ein glänzender Autor von Kriminalromanen (die häufig Strukturen des klassischen Detektivromans mit der düsteren Weltsicht des Neo-Noirs verknüpfen), sondern auch ein wahrer Afficionado des Genres. Rezensionen, Betrachtungen zur Kriminalliteratur findet man auf seiner amüsanten und informativen Homepage (mit Blog):
http://www.martinedwardsbooks.com/

Er hat sich über die Jahrzehnte einen Namen als einer der führenden Spezialisten für das „Golden Age of Detection“ gemacht, also die Zeit zwischen den Weltkriegen, die man als Hochzeit des klassischen britischen Detektivroman bezeichnet. Als Autor von Fiction und Non-Fiction wurde er häufig ausgezeichnet (das hier besprochene Buch gewann den Edgar der MWA, den Agatha-Award und den Macavity Award). Als einziger Mensch war er sowohl Präsident des Detection Clubs und Chairman des britischen Kriminalschriftstellerverbandes CWA. Seit 2014 ist er Mitherausgeber der Crime Classics-Serie der British Library, die auch alten Hasen neue Blickwinkel auf das Golden Age ermöglicht.

Bei der Dominanz des klassischen Whodunit wird leicht vergessen, wie viele Innovationen in dieser Epoche passierten, wie stilistisch unterschiedlich ihre Autoren arbeiteten und wie originell diese waren.
An Hand des ersten sozialen Netzwerks der Kriminalliteraten, dem Detection Club, erzählt Edwards vieles bisher Unbekanntes über die Epoche und die sie prägenden Figuren. Unbekanntes gilt nicht nur für die Hintergründe wichtiger Werke, sondern auch für ihre Autoren.

Er hat aufwendig und bemerkenswert recherchiert und ist tief in das Privatleben seiner Protagonisten eingedrungen. Er schildert auch die jeweiligen sexuellen und ideologischen Präferenzen und deren Einfluss auf die verschiedenen Werke.

Besonders interessant sind dargestellte wahre Kriminalfälle und welche Geschichten sie inspirierten (Poe war somit der erste Autor, der versuchte, die Hintergründe eines wahren Kriminalfalles aufzuklären: THE MYSTERY OF MARIE ROGET).

Auch feine Beobachtungen zu Sport und Sozialstruktur finden sich in dem Buch. Etwa der Einfluss von Cricket auf die bestimmende Ideologie des „fair play“ mit dem Leser und das daraus resultierende Regelwerk für die Autoren von Detektivromanen (einer der schon früh Regeln aufstellte war A.A.Milne, der geistige Vater von Winnie-the-Pooh und Autor eines einzigen Detektivromans, THE RED HOUSE MYSTERY, 1922, der schon parodistische Elemente über das Genre enthielt).

Wenn heute Serienfiguren ein komplexes Dasein führen und Entwicklungen durchlaufen, ist das ebenfalls einer Innovation des Golden Age zu verdanken: Dorothy L. Sayers war die Erste, die ihren Helden aus der Umklammerung des reinen Funktionsträgers mit der Psychologie einer mathematischen Formel löste und verändernde Erfahrungen durchlaufen ließ.

Selbst die Grundlagen für den Psycho-Thriller wurden damals von Anthony Berkeley Cox (und Marie Bellowc Lowndess und C.S.Forester) gelegt. Ebenso die Perspektiverweiterung vom Ermittler auf den Täter.
Bereits mit seinem überkandidelten (und zu Fehlschlüssen neigenden) „Helden“ Roger Sheringham sabotierte Cox die vom „great Detective“ behauptete Deutungshoheit des Systemrepräsentanten, der sogar noch über den staatlichen Institutionen steht.

Edwards räumt auf mit dem lange Zeit vorherrschenden Urteil, dass die Autoren des Golden Age allesamt mehr oder weniger reaktionär waren. Die Ausführungen über linkes Bewusstsein bei G.K.Chesterton oder das gewerkschaftliche Engagement der Coles ermöglichen andere Perspektiven.

Edwards differenzierte Betrachtung des Golden Age ist eine willkommene Ergänzung zu den bisherigen höchst kritischen Analysen oder apodiktischen Verteidigungen, da sie eine Vielzahl von Aspekten einschließt, die nie gewürdigt wurden.
Leider findet mein zweitliebster Golden-Age-Autor, Philip MacDonald, nur am Rande Erwähnung, da er gebürtiger Amerikaner war.

Das Golden Age mit seiner spielerischen Intelligenz und selbstrefentiellen Formverliebtheit hat nie aufgehört zu existieren – nicht in den 1950ern, wie oft behauptet. Immer wieder bringt der Typus vereinzelte Meisterwerke hervor wie zum Beispiel DIE PYTHAGORAS MORDE, 2003, des argentinischen Mathematikers Guillermo Martinez.

Ein großer Verdienst des Buches ist die Lust, die es weckt, um wieder al zu dieser Lektüre zu greifen. Jahrzehnte habe ich so gut wie keinen Golden Age-Krimi mehr in die Hand genommen. Beim Lesen des Buches entstand nebenbei eine Short-List von Romanen, die ich umgehend wieder- oder erstmals zur Hand nehmen werde.

Zuvor hatte Edwards schon das Kompendium THE STORY OF CLASSIC CRIME IN 100 BOOKS vorgelegt, das mir weniger gefiel. Die Vorgabe von maximal zwei Druckseiten pro besprochenem Buch reduzierte die Analyse häufig ins beliebige. Trotzdem gibt es auch in diesem Buch einiges zu entdecken.

Und falls Ihr das Gegenteil oder die sublimierende Ergänzung zu/von kultivierter Intelligenz sucht, empfehle ich selbstverständlich:

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KISS KISS, BANG BANG – Eine Geschichte des Golden Age of Thrillers by Martin Compart


Dies ist ganz klar ein Buch für mich – eines, auf das ich lange gewartet und mit dem ich kaum noch gerechnet habe.

Deshalb habe ich es auch fast zwei Jahre nicht in die Hand genommen und auf den „Belohnungsstapel“ gelegt. Dort darf immer zugegriffen werden, wenn man zu viel Mist gelesen oder eine gute Tat vollbracht hat.
Nach etwa einem Jahr des Stapelabtragens war ich nun endlich bei Ripleys wunderbaren Buch. Es führt mich zurück in ein Königreich, in dem ich verdammt viel Zeit verbracht habe, und das mich bis heute mit schönsten Erinnerungen beschenkt:
Etwa in die Zeit des Schulschwänzens „wegen lesens“ (als man Maturins MELMOTH natürlich nur an verregneten Vormittagen in einer Burgruine lesen konnte, während andere sich im Mathematikunterricht foltern ließen). KISS KISS, BANG BANG ist deshalb für mich auch eine persönliche Zeitreise.

Für Genre-Historiker ist es ein wichtiges Buch! Denn über den Thriller der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts wurde viel gearbeitet. Aber das wahre Golden Age wurde bisher nicht wirklich zusammenhängend dargestellt (natürlich gibt es massenhaft Sekundärliteratur zu LeCarré, Deighton, 007 usw., aber ganz wenig zu der vermeintlich zweiten oder dritten Garde). Zu Recht wurde Ripley auch für diese Pionierarbeit ausgezeichnet.
Das launige Vorwort ist von Lee Child, der sich in dieser Tradition sieht.

Worum geht es?

Um die Zeit ab den frühen 1950ern, in der die britischen Thriller-Autoren fast alle westlichen Bestsellerlisten dominierten. Die Rede ist vom Abenteuer- oder Agenten-Thriller, nicht etwa vom klassischen Detektivroman.

Mike Ripley grenzt das „Golden Age“ ein auf die Jahre von 1953 (erscheinen des ersten Bond-Romans) bis 1975 (er setzt als Endpunkt Jack Higgins THE EAGLE HAS LANDED). Man könnte noch einige Jahre dran hängen, aber Ripley meint, dass mit dem Aufkommen etwa der amerikanischen Conspiracy-Thriller (Ludlum) und Techno-Thriller (Clancy) die absolute Dominanz der Briten im Genre gebrochen wurde. Meinetwegen.

Das Buch behandelt ca. 160 Autoren (neben Briten auch ein paar Südafrikaner und Australier), die heute zum Großteil in Vergessenheit geraten sind. Natürlich werden auch die inzwischen als Klassiker gewerteten Autoren, wie Fleming, Deighton, Francis, Forsyth, Ambler usw., behandelt. Aber da es über diese Autoren genügend Literatur gibt, bemerkt Ripley richtig, habe er sich auf die Unbekannteren konzentriert.

Da ich einige dieser Autoren seit den 1960er Jahren gelesen habe, kann ich häufig Ripley zustimmen: Darunter sind verborgene Klassiker, umwerfende Spannungsromane, die trotz der verstrichenen Zeit nichts von ihrer Faszination verloren haben. Ich nenne hier nur mal Gavin Lyall, Geoffrey Jenkins, Adam Hall, Alan Williams, Berkeley Mather, James Mitchell(Munro), Francis Clifford.

Es gab und gibt in dem Buch vieles zu entdecken, und bei der Lektüre wuchs meine Leseliste. Beim Wieder- oder Erstlesen ist die hohe Qualität vieler Autoren verblüffend! Dagegen wirken die meisten Thriller der Gegenwart wie elaborierter Schund.
Da merkt man deutlich, wie der PC bei Autoren zum disziplinlosen Schreiben verführen kann (ich fragte in den 1980ern mal Gavin Lyall, warum Desmond Bagleys neue Romane langsamer und dicker würden. Gavin: „He bought a word processor.“). Diese Thriller – egal, von welcher Qualität – verzichten zumeist auf retardierende Momente und gehen direkt nach vorne und beschleunigen zunehmend. Die Besten können einen auch heute noch atemlos und tief in den Lesesessel pressen. Obwohl die meisten Autoren (schon aus Altersgründen) die „Beatkultur“ gehasst haben (dafür gibt es in den Texten genügend Andeutungen, Häme und Hinweise), entsprachen ihre schnellen literarischen Beats dem Rhythmus der Zeit. So wie die YARDBIRDS mit ihren Klängen uns in ferne Sphären trugen, führten diese Autoren in exotische Länder, Katastrophen und fremde Mentalitäten.
Faszinierend sind auch die unterschiedlichen Themen und Stile der Autoren! Dank dieser Vielfalt verdient die Epoche wahrlich das Etikett „Golden Age of Thrillers“.

England hatte den Krieg gewonnen und den Frieden verloren. Das Empire brach auseinander, das Land war wegen der Kriegskosten hochverschuldet und Lebensmittelmarken (für bestimmte Produkte) gab es noch bis Anfang der 1950er (im Gegensatz zum Verliererland Deutschland).
Trotzdem errichteten die Briten einen Sozialstaat, der im Westen unvergleichlich war (und spätestens seit Thatcher, Tony Blair und dieser ganzen Neo-Con-Bande zerstört wurde). Jeder hatte Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung; die Gewerkschaften waren extrem stark, Vollbeschäftigung, Trümmergrundstücke.
Und wo heute der „Gunpowder“ am erahntbarsten ist.

Laut vielen Briten, die in den 1950ern aufwuchsen, gab es nur ein Problem: England war stinklangweilig (was war denn dann Deutschland mit seinen Fress- und Wirtschaftswunder-Kapitänen, die aus dem 3.Reich direkt in die Chefetagen wechselten?).

Ripley bemerkt für sich und viele seiner Altersgenossen: Das einzig spannende waren Rock´n Roll und Thriller. Dafür konnte man sein Taschengeld ausgeben. Ripley gab mehr für Paperback-Thriller aus, denn da bekam man zwei für den Preis einer Single „At least that was my thinking until I discovered girlfriends, and the Rolling Stones recorded BEGGAR´S BANQUET.“ In diesem launigen und unterhaltenden Ton plaudert er das Buch hindurch und erzählt bisher unerzähltes, intelligentes, verblüffendes, spannendes, triviales, erhellendes.
Ein Buch, von dem der Fan hofft, es möge nie enden. Wie jeder gute Kritiker hat der Schriftsteller und Rezensent Mike Ripley ein feines Gespür für Drama.

Es ist nicht immer das analytischste oder systematischte Buch (den Anspruch erhebt Ripley auch nicht, nennt es „seine Lesergeschichte“), aber immer wieder voller erstaunlicher Fakten und Kenntnisse: Etwa, dass FROM RUSSIA WITH LOVE 1957 mit einer Auflage von 15 000 Hardcovern gestartet wurde, während Alistair MacLeans GUNS OF NAVARONE alleine in den ersten sechs Monaten 400 000 Exemplare verkaufte!

Ripley ordnet Thriller und Autoren immer in den historischen Kontext ein, zeigt die soziologischen und politischen Spannungen auf, die sich direkt oder indirekt auf die Literatur auswirkten.

Er behandelt die Abenteuer-Thriller und Agentenromane (richtig unterschieden in Spy Novels, wie etwa Deighton, und Spy Fantasy, wie Bond), die millionenfach in Paperbacks die westliche Lesewelt zwei Jahrzehnte überfluteten. „Kiss Kiss, Bang Bang is a ‘reader’s history’ – specifically this reader – of a particular period, roughly 1953-1975, when British thriller writers ruled the world.”

Ripley streift und würdigt auch die Arbeit von Cover-Designern wie Raymond Hawkey, die für den speziellen look der Thriller verantwortlich waren. Was gäben diese Cover einen prächtigen Bildband ab!

Die Helden dieser Romane sind unterschiedlicher politischer Couleur, wie ihre geistigen Väter.
Lediglich bekennende Faschisten oder Kommunisten sucht man vergebens. “Their heroes regularly confronted Nazis, ex-Nazis and proto-Nazis, the secret police of any and all communist countries and a variety of super-rich and power-mad villains, traitors, dictators, rogue generals, mad scientists, secret societies and ruthless businessmen.”

Ripleys Buch ist ein Anfang, diese Epoche weiterhin zu untersuchen. Aber bis auf weiteres muss es als Standardwerk des britischen Thrillers in dieser Zeit gelten. Nächste Kundschafter sollten vielleicht den Zeitrahmen bis zum Ende des Kalten Krieges ausdehnen.

LESELISTE – Die unten stehenden, fast vergessenen Titel, will ich unbedingt wiederlesen und als Tipps weitergeben. Und das ist nur eine ganz kleine Auswahl!


Geoffrey Jenkins: A Twist of Sand, 1959.

Geoffrey Jenkins: The River of Diamonds, 1964.

Lionel Davidson: The Rose of Tiber, 1962.

Anthony Lejeune: Glint of Spears, 1963.

Alan Williams: Snake Water, 1965.

Gavin Lyall: The Most Dangerous Game, 1966.

Gavin Lyall: Midnight Plus One – und eigentlich jedes andere Buch von ihm!

James Munro: The Man Who Sold Death, 1964.

Peter Driscoll: The Wilby Conspiracy, 1972.

Peter O´Donnell: A Taste for Death, 1969.

Derek Marlowe: A Dandy in Aspic, 1966.

Duncan Kyle: A Cage of Ice, 1970.

Duncan Kyle: Black Camelot, 1978.

Desmond Bagley: High Citadel, 1965.

Desmond Bagley: The Vivero Letter, 1968 (u.v.m.).

Alistair MacLean: HMS Ulysses, 1955.

Ian Stuart: The Satan´s Bug, 1962.

Francis Clifford: Honour the Shrine (Kriegsroman; Birma), 1953.

Francis Clifford: All Men Are Lonely Now, 1967.

Victor Canning: Black Flamingo, 1962.

Clive Egleton: Seven Days to a Killing, 1973.

Desmond Cory: Feramontov-Quintet, 1962-71.

Anthony Price: Other Paths of Glory, 1974.

Andrew York: The Eliminaror, 1966.

Adam Diment: The Dolly Dolly Spy,1967.
https://martincompart.wordpress.com/category/adam-diment/

Brian Freemantle: The Man Who Wanted Tomorrow, 1975.
https://martincompart.wordpress.com/category/brian-freemantle/

Adam Hall: The 9th Directive,
https://martincompart.wordpress.com/category/klassiker-des-polit-thrillers/adam-hall/

Len Deighton: The Ipcress File, 1962.
https://martincompart.wordpress.com/2009/05/15/krimisdie-man-gelesen-haben-sollte/

Berkeley Mather: The Pass Beyond Kashmir, 1960
https://martincompart.wordpress.com/category/berkeley-mather/



KRIMIS, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: TRIAL AND ERROR von ANTHONY BERKELEY (COX) by Martin Compart

„Überall, vom politischen System bis zum menschlichen Körper, muß das Böse herausgeschnitten werden, bevor das Gute sich ausbreiten kann.“
„Ja. Ja, ich denke, das klingt vernünftig“ , sagte der Major.
„Absolut“, bekräftigte der Zivilist.
„Aber ich muss schon sagen, dass ich gerne jeden unredlichen Politiker in unserem Land erschossen sähe.“
„Bliebe dann einer übrig?“ fragte Ferrers lächelnd.
„Sie meinen, Sie könnten sich zum Richter über Leben und Tod machen?“ wiedersprach der Pfarrer.
„Warum nicht? Ich wäre ein guter Richter.“

Stammen diese Sätze aus einem zeitgenössischen zynischen Noir- oder Kriminalroman?

Nein. Aus dem ersten Kapitel eines britischen Klassikers von 1937, aus dem Golden Age. Aus einem der Meisterwerke eines der größten Innovators der gesamten Kriminalliteratur, Conan Doyle, Hammett, Cain oder Forsyth mit eingeschlossen. Nämlich aus TRIAL AND ERROR (DER VERSCHENKTE MORD)von Anthony Berkeley Cox.

Heute fast völlig in Vergessenheit geraten, war Cox der intelligenteste Schriftsteller, der je Detektivromane geschrieben hat und mit Sicherheit verkörpert er inhaltlich und stilistisch der Höhepunkt des Golden Age.
Er führte den formalen Rätselroman auf einen Höhepunkt und entwickelte aus ihm den modernen Kriminalroman. Seine Plots waren raffinierter als die meisten von Agatha Christie, seine Plaudereien so gebildet wie die von Michael Innes oder Nicholas Blake und stilistisch mag ich ihn lieber als Dorothy L.Sayers oder die hoch geschätzte Margery Allingham, da er eher mit P.G.Wodehouse, dem der Roman gewidmet ist, oder H.C.Bailey und sogar mit Chesterton vergleichbar ist. Jedenfalls was zynischen Witz angeht.
Mit Bailey verbindet ihn auch die oft amoralische Haltung und das geringe Vertrauen in staatliche Strukturen.

TRIAL AND ERROR nutzt die Elemente des klassischen Detektivromans nur da, wo Cox sie auf den Kopf stellen kann: Der todkranke Mr.Lawrence Todhunter will seinem Leben einen Sinn geben indem er einen Gesellschaftsschädling umbringt. Aber das richtige Opfer zu wählen, ist nicht ganz einfach. In einer Besprechung mit Freunden, die nichts von Todhunters Absichten ahnen, wird das Thema abstrakt diskutiert und Hitler und Mussolini als potentielle Opfer ausgeschlossen, da diese nur Spitzen ihrer Bewegungen seien und sofort durch andere ersetzt würden. Auch ein Zeitungsherausgeber, „der seine Leser absichtlich zu seinem eigenen Nutzen in die Irre führt“ scheidet aus mit der Erkenntnis „Würde das nicht alle Herausgeber betreffen?“

Trotzdem wird ein Opfer gefunden und ein Unschuldiger gerät unter Mordverdacht. Und nun beginnt die Coxsche Plotmaschine auf vollen Touren zu laufen. Etwa dadurch, dass Mr.Todhunter trotz alle Bemühen nicht dazu in der Lage ist, den Unschuldigen zu entlasten, und die eigene Schuld zu beweisen.

William B. Strickland bringt es in seinem Essay über Cox (in TWELVE ENGLISHMEN OF MYSTERY, Bowling Green University Press, 1984) auf den Punkt: „It is a mad tea-party of a book, with the inverted form combined with the puzzle, the courtroom drama with near farce, the novel of suspense with the comedy of P.G.Wodehouse.“

Cox´ Ansatz ist nicht nur zynisch oder ironisch, er interessiert sich wirklich für die moralische Dimension. Das Verbrechen ist kein blutloser Problemauslöser, sondern eine ernsthaft zu untersuchende Kategorie im zivilisatorischen Prozess.

Der 1893 geborene Autor kämpfte im 1.Weltkrieg in Frankreich an der Westfront, bis er durch einen Gasangriff invalid wurde. Wirtschaftlich nicht auf Überlebenssicherung durch Erwerbstätigkeit angewiesen, begann er eine Schreiberkarriere mit humoristischen Stücken für „Punch“ und andere Magazine.
1925 erschien sein erster Kriminalroman, THE LAYTON COURT MYSTERY, der auch der erste Roger Sheringham-Roman war. Seine ersten beiden Roman wurden anonym veröffentlicht. Zeit seines Lebens war Cox um Diskretion und Distanz bemüht. Um so verwunderlicher, dass er 1928 den legendären „Detection Club“ gründete um sich mit anderen Autoren zu treffen. Christianna Brand, ebenfalls Mitglied des Clubs und seine Nachbarin, schrieb über ihn: „Ein charmanter Städter, der cleverste von uns aber auch rücksichtslos und gemein.“ Seine Karriere als Kriminalliterat umspannte gerade mal 15 Jahre. Er war Bestsellerautor, aber durch Erbe und Herkunft nicht darauf angewiesen.

Nach seiner letzten Romanveröffentlichung lebte er noch 32 Jahre und schrieb als „Francis Iles“ einflussreiche Krimikritiken im „Daily Telegraph“ und in der „Sunday Times“. So wird ihm in dieser Funktion zugeschrieben, er habe als einer der ersten auf die Talente von P.D.James und Ruth Rendell hingewiesen. Nach zwei gescheiterten Ehen lebte er in einem Haus St. John´s Wood und ging täglich in sein Büro auf dem Strand, wo er als einer von zwei Direktoren der A.B.Cox Ltd. tätig war. Bis heute weiß niemand, was diese Firma getrieben hat. Very british.

Er starb 1971.

Von 1925 bis 1934 schrieb er seine Serie über den nicht unbedingt sympathischen und zur Selbstüberschätzung neigenden Amateurdetektiv Roger Sheringham, der nichts mit den übergescheiten Superdetektiven der Epoche gemeinsam hat, sondern Fehlschlüssen nachrennt oder sogar aus reiner Blödheit Tatorte verändert (JUMPING JENNY).
In dem unterschätzten Castaway-Krimi PANIC PARTY erahnt Sheringham zwar den Mörder, kann ihn aber nicht überführen. Beeinflusst wurde die Figur Sheringham durch E.C.Bentleys Trent, der als Gegenentwurf zum allwissenden Superdetektiv à la Sherlock Holmes konzipiert worden war.
Cox interessierte sich für echte Kriminalfälle und sein zweiter Roman, THE WYCHFORD POISONING CASE, 1926, war direkt beeinflusst von dem damals Aufsehen erregenden Florence Maybrick-Fall. Auch die Polizei, die im Vergleich mit dem Superamateuren fast immer dämlich erscheint, besteht bei Cox nicht aus Idioten, sondern ernsthaften Profis. Inspector Moresby ist ein weitaus besserer Ermittler als Roger Sheringham.

Im Gegensatz zu den ideologisch angepassten Autoren der Zwischenkriegsjahre ist der Mörder in Cox´ Geschichten nicht immer ein unsympathischer Regelbrecher. Manchmal ist er sogar ein Sympathieträger mit ehrenwertem Motiv. Er gehört also nicht zu der Vielzahl der Golden Age-Autoren, die gesellschaftliche Verhältnisse nicht hinterfragen. Damit ist er ein Vorläufer der kritischen Schule der 1950er Jahre, von John Bingham bis Julian Symons.

Eine Figur, die in mehreren Büchern – auch in TRIAL AND ERROR – auftaucht ist der unscheinbare Ambrose Chitterwick, der in den dem Sheringham-Klassiker POISONED CHOCOLATES (DIE VERGIFTETEN PRALINEN), 1929, die entscheidende Rolle spielt. Schon in der Sheringham-Serie wird deutlich, wie experimentierfreudig Cox die Formeln des klassischen Detektivroman durch Varianten aufbricht und manchmal die Grenzen durchstößt. Stil, Ironie und psychologischer Suspense werden ihm zunehmend wichtiger. Die Entwicklung hin zu den Francis Iles-Romanen erscheint folgerichtig.

Bereits 1930 hatte Cox im Vorwort zu THE SECOND SHOT geschrieben: „Ich bin davon überzeugt, dass die Tage des alten Krimi-Puzzles, rein und einfach, das nur von der Grundsituation ausgeht und bei dem es keine attraktiven Charaktere, Stil, ja nicht einmal Humor gibt, ihrem Ende entgegen gehen. Ich bin davon überzeugt, dass sie Detektivgeschichte dabei ist, sich in einem Roman mit detektivischen oder kriminallistischen Interesse zu entwickeln, wobei der Leser mehr durch psychologische als durch mathematische Probleme gefesselt wird. Das Puzzle-Element wird zweifellos bleiben, aber es wird eher ein Rätsel des Charakters als ein Rätsel der Zeit, des Ortes, des Motivs oder der Gelegenheit sein.“

Heute nennt ihn die Sekundärliteratur hauptsächlich wegen seiner Romane, die er unter dem Pseudonym Francis Iles schrieb. Mit MALICE AFORETHOUGHT, 1931, und BEFORE THE FACT, 1932, entwickelte er aus der „inverted story“ den modernen psychologischen Kriminalroman. Ohne seine Pionierarbeit wären z.Bsp. Patricia Highsmith, Boileau/Narcejac oder F.J.Bardin nicht denkbar. Dies war wohl seine wichtigste Innovation. Der erste Roman ist aus der Täterperspektive geschrieben, der zweite aus der des Opfers. Die Opfer/Heldin ist so dämlich, dass der Leser sie am liebsten selber umbringen würde. Joy Fielding & Co verdanken diesem Roman alles – bis hin zu den unerträglich blöden Heldinnen, die wohl nur noch von der Blödheit ihres Publikums übertroffenen werden.

Der Snob Berkeley verachtete sein Publikum. Er lässt seinen Roger Sherinham, der wie sein Erfinder zum Bestsellerautor aufstieg, sagen, er verdanke seinen Erfolg lediglich der Dummheit seiner Leser.

Alfred Hitchcock ruinierte die Verfilmung von BEFORE THE FACT als SUSPICION durch ein völlig anderes Ende, da er Cary Grant nicht als psychopathischen Mörder vorführen wollte. Der völlig überschätzte Alfred hatte zuvor bereits John Buchans 39 STEPS in den Sand gesetzt.

1939 erschien ein dritter Iles-Roman, AS FOR THE WOMAN, mit einer vergleichbaren Ausgangsidee wie DOUBLE INDEMNITY. Nur zeigte Cox dem guten James Malahan Cain, wie man alles aus einem Plot rausquetscht. Sein Verleger lehnte das Buch mit der Begründung ab, es sei zu „sadistisch“.

Einschränkend zu der Iles-Innovation durch MALICE AFORETHOUGHT muss man sagen, dass C.S.Forester, bevor er Hornblower erfand, mit PAYMENT DEFERRED dessen Plotstruktur schon 1926 vorweg nahm. Und das mit beeindruckender Konsequenz.

Man sollte auch Marie Belloc Lowndess erwähnen, die bereits 1913 mit ihrem berühmtesten Werk, THE LODGER (DER UNTERMIETER), auf den modernen Psychothriller hinwies.
Das Pseudonym „Francis Iles“ basierte auf einem von Cox Vorfahren mütterlicherseits, der seinen Lebensunterhalt als Schmuggler bestritt.

Boileau/Narcejac würdigten MALICE in ihrem Buch DER DETEKTIVROMAN (Luchterhand, 1967) als ersten organisch vollkommenen Kriminalroman: „Weil er uns ein Schicksal erzählt; weil sich Intelligenz und Fatalität so eng miteinander vermischen, dass der Autor wie ausgeschlossen von den Ereignissen scheint, die er berichtet.“
…sich also nicht der Formelhaftigkeit des klassischen Detektivromans unterwirft.

Der große Erfolg von Berkeley in den 1930ern begründet sich auch auf seinen freizügigen Umgang mit Sexualität. Nach heutigen Maßstäben ist das alles harmlos, aber im Gegensatz zu den meisten Golden Age-Autoren steckte er nicht bis zur Kinnlade im Sumpf viktorianischer Sexualmoral.
Auffällig ist eine Parallele zu den amerikanischen Hardboiled-Vettern, die in ihren Geschichten gerne Männer der Mittelklasse unter der Lust und Sexualität destruktiver Frauen leiden ließen. Bei Berkeley sind es natürlich Männer der Oberschicht. Aber auch sie sind den Gemeinheiten bösartiger Frauen ausgesetzt, die Berkeley als ruchlose Erpresserinnen brandmarkt (und ihr tödliches Schicksal verdienen; daran lässt er keinerlei Zweifel).

Deutsche Ausgaben erschienen bei Heyne und Diogenes.