Martin Compart


GET LEWIS – Ted Lewis und Brit Noir 1/ by Martin Compart

Ted Lewis und sein Antiheld Jack Carter begleiten mich seit Jahrzehnten. Zuerst begegnete ich ihnen Anfang der 70er Jahre in einem Kino in England. Ich war völlig fertig nach dem Film. Mitte der 80er Jahre veröffentlichte ich die Carter-Trilogie in der Schwarzen Serie von Bastei. 2003 gab ich JACKS RETURN HOME nochmal als prachtvolles Hardcover mit Bildmaterial und Nachworten (u.a. eines von the one and only Hans Gerhold) heraus. Und vor einigen Jahren bearbeitete ich JACK RECHNET AB zum Hörspiel für den WDR. Dabei war das Runterkürzen auf 50 Minuten nicht sehr befriedigend; m.E. hätte man besser einen Zweiteiler daraus gemacht. Schon die Adaptionen von Horace McCoy, Manchette oder Jim Thompson haben ja bewiesen, wie nichtssagend diese Romane als kurze Hörspiele wirken.

Es gibt wohl kein solitäres Buch und keinen einzelnen Film, der so einen starken Einfluss auf das britische Noir-Genre hatte wie JACK’S RETURN HOME und seine Verfilmung GET CARTER. Für Jahrzehnte vergessen, wurde der Film in den 90ern (auch dank der Begeisterung von Blurs Damon Albarn) wiederentdeckt und taucht nun regelmäßig in Listen über die wichtigsten britischen Filme unter den Top 3 auf. In der britischen Filmkritik gilt der Film als „Weckruf der 70er Jahre“. „Die Permissivität der Swinging Sixties mutiert in Pornographie und Gewalt“, wie es Robert Murphy ausdrückt. GET CARTER ist absolut „in“: In Alex Cox’s MOVIEDROME wurde die ungekürzte Fassung gezeigt, in LOADED lief vor ein paar Jahren eine Comic-Strip-Version, in CRIME TIME und UNCUT waren Carter & Ted Lewis Titelthema und in MEN ONLY bekam die Videoveröffentlichung fünf Hämmer für Härte. Unglücklicher Abschluss der Carter-Hysterie war dann das Stallone-Remake. Lewis‘ Roman ist gerade in Frankreich wiederveröffentlicht worden und in England ist inzwischen fast jedes Buch von ihm wieder lieferbar. JACK RECHNET AB ist der Schlüsselroman der britischen Noir-Literatur, die im Vergleich zur amerikanischen keine ähnliche Stringenz aufweist. Die höchst eigenwillige britische Noir-Tradition brachte zwar einige Meisterwerke hervor, hatte aber nie so stilprägende Autoren wie die amerikanischen Vettern mit Dashiell Hammett, James M.Cain, Raymond Chandler, W.R.Burnett, Mickey Spillane, Jim Thompson, David Goodis oder Horace McCoy. Der britische Noir-Roman, wenn nicht einfach nur kommerzieller Epigone der Amerikaner, war ein im Schatten blühendes Pflänzchen, das von wenigen Autoren gepflegt wurde. Selbst der große Kriminalliteraturtheoretiker Julian Symons hat in seinem verdienstvollen Standardwerk BLOODY MURDER diesen Teil der britischen Szene unterschlagen (weil nicht erkannt?) und höchstens einzelne Autoren isoliert betrachtet. Lewis kommt in dem Buch gar nicht vor. Folgerichtig orientierte sich Lewis (ähnlich wie die Noir-Autoren der neuen Generation) an amerikanischen Vorbildern und nicht an englischen Autoren wie Jackson Budd, Gerald Kersh, David Craig, James Barlow, Jack Monmouth oder Douglas Warner Die schrieben finstere London-Novels über die Unterwelten der Metropole seit den 40er Jahren, waren aber keineswegs stilbildend. Es ist geradezu ruchlos, wie Regisseur Mike Hodges die Vorlage seines nicht minder stilbildenden Films runterputzte und darauf beharrt, wie grandios er doch die Vorlage bearbeitet habe (indem er zum Beispiel bei einer Kneipenbestellung Carters höhnisches „bitte“ weggelassen hat), um sie noch härter zu machen. Er hatte, was dem Film gut tat, auch eine ziemliche Distanz zur Hauptperson: „Jack Carter war so ein Haufen Scheiße, ich hätte nie gedacht, dass ein Star seine Reputation riskiert, um diese Rolle zu spielen.“ Der Regisseur, der zuvor zwei Fernsehfilme gemacht hatte und Dokumentationen für WORLD IN ACTION drehte, landete mit der 750 000 Pfund teuren Produktion den großen Wurf. Aber sind wir ehrlich: Ohne den grandiosen Film wäre der Roman nur ein Tip unter Eingeweihten, Mundpropaganda unter den härtesten der harten Noir-Afficionados. Und Ted Lewis wäre längst in Vergessenheit versunken, seine Bücher hochdotierte Jagdtrophäen in den schmuddligsten Antiquariaten des Eastends. Wer war dieser Mann, der fast im Alleingang den britischen Noir-Romanen eine Tradition und eine Identität gab?


Schreibe einen Kommentar so far
Hinterlasse einen Kommentar



Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s



%d Bloggern gefällt das: