Martin Compart


Mickey Spillane: Ich, der Rächer by Martin Compart
7. März 2009, 11:13 am
Filed under: Mickey Spillane, Noir, Rezensionen | Schlagwörter: ,


Der 1918 in Brooklyn geborene Autor sorgte auch außerhalb seiner sex & crime-Epen für Schlagzeilen: Mit dem FBI ging er auf Dealerjagd (was ihm eine Schussverletzung einbrachte), im Zirkus trat er als menschliche Kanonenkugel auf – und er spielte sich selbst in einem Film und seinen Helden Mike Hammer in der von Roy Rowlands in England gedrehten Verfilmungseines Romans THE GIRL HUNTERS. Spillane tat alles um den Eindruck zu erwecken, er sei ebenso wie seine Schöpfung ein knallharter Bursche der mehr mit hart arbeitenden Fabrikarbeitern gemein hat, als mit Millionären und dünnblütigen Literaten.


1970 hatte er seinen letzten Mike Hammer-Roman veröffentlicht; seinen letzten Kriminalroman, den ebenfalls inder BRD in den 80er Jahren indizierten Polizei/Mafia-Roman THELAST COP OUT, 1973. Danach hatte sich Spillane nach einer turbulenten Ehe mit dem Ex-Modell Sherri, die als erste Nacktedas Cover eines amerikanischen Hardcovers auf Spillanes ebenfalls indizierten THE ERRECTION SET (SEXBOMBER) schmückte, scheiden lassen und zum dritten Mal geheiratet. Er machte in den USA äußerst populäre Werbespots für eine Biersorte und schrieb seit 1979 – man glaubt es kaum! – Jugendbücher. Das erste, THE DAY THE SEA ROLLED BACK, wurde sogar mit dem Junior Literary Guild Award ausgezeichnet, die einzige literarische Auszeichnung, die er bisher erhalten hat.

In den 8oer Jahren gab es so etwas wie eine Renaissance des Privatdetektivromans. Im Schatten des Riesenerfolges des „linksliberalen Mickey Spillanes“ Robert B.Parker, begannen unzählige Autoren neue Privatdetektive in Trenchcoats zu stecken und durch die düsteren Großstadtschluchten zu schicken. Die mythische Figur des private eye übte nach Jahrendes Niedergangs eine große Anziehungskraft auf Leser und Autoren aus. Dabei wirkt diese Figur heute genauso anachronistisch wie ihr direkter Vorfahre, der Cowboy. Ausgerechnet das kriminalliterarische Subgenre Privatdetektivroman, das durch Hammett und Chandler Realismus in den Kriminalroman brachte, ist heute die wahrscheinlich unglaubwürdigste, irrationalste und unrealistischste Spielart des Krimis geworden. Die Figur des edlen Kleinunternehmers derals Erzengel der Gerechtigkeit schießend, saufend und prügelnddurch die Gegend zieht um für sozialen Ausgleich im Kleinen zu sorgen, wirkt heute mindestens so überholt wie etwa der Heros des Kalten Krieges und der Angestellten James Bond.

Eine Fernsehserie um einen auf TV-Maßstäbe zurechtgestutzten Mike Hammer mit Stacy Keach in der Titelrolle weckte neues Interesse an Spillanes legendären Helden. Und eine Folge für diese Serie war auch der Ausgangspunkt für Spillanes neuen Roman: „Ich fand die Idee viel zu gut, um sie in einer Serienfolge zu verheizen.“ Wieder einmal wird Mike zum Rächer, als er einen furchtbar verstümmelten Toten und seine halbtotgeschlagene geliebte Sekretärin Velda in seinem Büro vorfindet. Und wieder gerät Mike zwischen alle Fronten- von den Geheimdiensten bis hin zur Staatsanwaltschaft, die seit den 5oer Jahren vergebens versucht, Mikes Lizenz als Privatdetektiv einzuziehen. Die neurotische Kraft der frühen Romane ist seit den 6oer Jahren gebremster. Spillane und Hammer scheinen sich besser unter Kontrolle zu haben – bis sie in eine explosive Situation geraten. Spillane weiß immer noch eine spannende Geschichte kraftvoll zu erzählen. Und auch seine poetischen Einschübe über die Atmosphäre der Stadt New York, in der es immer zu regnen scheint, sind stark wie früher. Die Gewalt & Sex-Diskussion um Spillane hat immer den Blick verstellt auf die Qualitäten eines äußerst dynamischen und originellen Erzählers. Die Mike Hammer-Romane waren und sind auch immer die Romane New Yorks. Und für diese Stadt hat Spillane ein hinreißendes Gefühl:

„Sonntagmorgen in New York ist mit keiner anderen Zeit zu vergleichen. Vom Morgengrauen bis zehn hat die Stadt etwas von einem ungeborenen Fötus. Die leisen Geräusche und Störungen sind kaum wahrnehmbar, winzige Bewegungen gehen vonstatten, Formen verschmelzen ineinander, aber es passiert nichts. Es ist die Zeit, in der die ungewohnte Leere es einem ermöglicht, schnell mal von einem Ort zum anderen zu gelangen.“

NACHRUF VON 2006
Er war der meistgehaßte Autor seiner Generation – und der erfolgreichste. Für seine Fans war er gnadenloser Stoff, für die Kritiker ein Schwein, das mit Sadomaso-Pistolengeschichten in die Charts kam. Die jahrzehntelange Hatz beeindruckte ihn null:

Kritiker interessieren mich nicht. Die müssen für die Bücher nicht bezahlen.

Spillane wurde 1918 in Brooklyn geboren. Zu schreiben begann er Mitte der 30er Jahre, für Pulps und Comic-Books („Captain America“, „Human Torch“). Er war dreimal verheiratet und hatte vier Kinder.

1947 schrieb er 28jährig in 9 oder 19 Tagen den ersten Mike-Hammer-Roman, „I, The Jury“, für 1000 Dollar Vorschuß. Danach war die Welt der Literatur eine andere. Das Hardcover verkaufte lächerliche 7000 Exemplare, aber von der Taschenbuchausgabe wurden bis 1955 bereits 4,5 Millionen abgesetzt: der vierterfolgreichste Bestseller der amerikanischen Verlagsgeschichte. Kein Krimi vor Puzos „Paten“ hat das geschafft.

Spillane war mit dafür verantwortlich, daß sich das Taschenbuch als Massenmedium etablieren konnte. Er verkaufte Bücher an Millionen von Rednecks, die in ihren Trailer-Parks ums Verrecken nicht mit bedrucktem Papier erwischt werden wollten – es sei denn, mit einer Anzeige wegen Körperverletzung. Von den zehn Romanen, die bis 1967 in den USA die höchsten Auflagen erreichten, hatte er alleine sieben geschrieben und war nach Lenin, Tolstoi und Jules Verne der meistübersetzte Autor. „Eines Tages quatschte mich auf einer Party so ein Kritiker an und sagte: ‚Es ist eine Schande für die lesenden Amerikaner, daß Sie mit sieben Büchern auf dieser Liste sind.‘ Ich sagte zu ihm: ‚Sei doch froh, daß ich nicht noch drei schreibe.‘ “ Für die Kritiker war der wahre Bösewicht der Mike-Hammer-Romane Spillane selbst. „Niemand hat je so gemein über Mike Hammer geschrieben wie über mich. Wahrscheinlich haben sie zuviel Schiß vor ihm.“

Mike Hammer ist ein Privatdetektiv, der keine Klienten hat, nur tote Freunde, die er rächt. Seine Abenteuer sind Rache-Epen. Mickey nannte Dumas´ „Graf von Monte Christo“ als einen seiner größten literarischen Einflüsse. Kein anderer Privatdetektiv vor ihm hat mehr Blut vergossen. Und alle Rächer nach ihm sind irgendwie Epigonen, auch Andrew Vacchs´ Burke (der denselben Namen hat wie der Held in Spillanes Cop-Thriller „The Last Cop Out“). Von Mike bekam jeder sein Fett weg: Kommunisten, korrupte Politiker, Mob, Killer, Millionäre. Und wenn es eine Frau verdient hatte, bekam sie es auch.

Um mit Manchette zu reden (der diese Bemerkung auf einen anderen Autor bezog): Es sind Bücher des Wahnsinns, die versuchen, ihren Wahnsinn zu exorzieren. Zu Mikes vornehmsten Eigenschaften gehörte es, in jeder Situation soviel Streß wie möglich zu verbreiten. Mike einigte sich immer außergerichtlich und pustete seine Feinde kopfüber in die Hölle. Immer nur als rechts und faschistoid eingeordnet, ist er aber ganz schön Anti-Establishment: Dauernd hat er Ärger mit Staatsanwälten, die ihm seine Lizenz entziehen wollen. Für FBI-Agenten hat er nur Verachtung übrig. Seine Freunde sind Huren, Obdachlose, Straßenhändler, Outcasts aus der Unterschicht – und Mike sagt: „Ich gehöre zu ihnen.“ Der Sex der frühen Romane wirkt heute harmlos. Der Spillane-Held benimmt sich wie ein präpubertärer Bube, dem die Ansicht eines weiblichen Körpers wichtiger ist als die Berührung. Wie oft haut Mike ab, wenn sich eine scharfe Blondine entblättert hat, um sich ihm hinzugeben! Lieber genießt er voyeuristisch; es ist der 50er-Jahre-Voyeurismus des PLAYBOY. Später ließ sich Spillane unglaublich bizarre Sachen einfallen – etwa eine Nymphomanin, die ihre Jungfräulichkeit für die Ehe bewahrt, indem sie es nur anal oder oral treibt. Da kam indirekt die Zeit als Comic-Texter durch.

Er schrieb nie länger als vier Wochen an einem Roman, den er mit zwei Fingern auf einer alten Smith Corona mit braunem Farbband runterknallte. Er überarbeitete nie. Die erste Fassung war die letzte Fassung. Und er begann immer mit dem Ende.

Niemand liest ein Buch wegen der Mitte. Sie lesen, um zum Ende zu kommen, und das muß befriedigen, um die investierte Lesezeit zu rechtfertigen.

Daß er in Deutschland nicht nur als einer der durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften meistindizierten Crime-Autoren angesehen wird, ist Jörg Fauser zu verdanken. Für eine Ullstein-Neuauflage von „Gangster“ hatte Jörg ein Nachwort geschrieben, daß der SPIEGEL (dank Karasek) vorabdruckte. Da war natürlich die Hölle los, und das Feuilleton wußte endgültig, was für ein Arschloch er doch war.

Wie Fauser festgestellt hat, Mickey konnte schreiben:

Niemand ging über die Brücke in so einer einsamen Nacht wie dieser. Der Regen hing fast wie Nebel in der Luft, es war ein kalter, grauer Vorhang, der mich von den blassen Schemen der Gesichter absperrte, die hinter den beschlagenen Fenstern der vorbeizischenden Autos zu sehen waren. Sogar das Lichtmeer, das Manhattan sonst bei Nacht ist, war nur noch ein müdes, gelbes Glühen in weiter Entfernung.

Dort drüben irgendwo hatte ich meinen Wagen stehen lassen und war losgegangen, den Kopf tief in den hochgeschlagenen Kragen des Regenmantels gesteckt, eins mit der Nacht, die ich wie eine Decke um mich zog. Ich lief, ich rauchte, ich schnippte die Stummel fort und sah zu, wie sie in einem Bogen aufs Pflaster fielen und dann nach einem letzten Aufglimmen verloschen. Falls hinter den Fenstern der Häuser auf beiden Straßenseiten Leben war, so merkte ich nichts davon. Die Straße gehörte mir, mir allein. Man überließ sie mir gern und wunderte sich höchstens, warum ich sie für mich allein haben wollte. Ich folgte dem harten Pflaster durch die tiefen Einschnitte zwischen den Wolkenkratzern und merkte gar nicht, wie die steilen Wände aus Beton und Stahl zurückblieben und dann ganz verschwanden an der Auffahrt zum stählernen Spinnennetz der George-Washington-Brücke, die zwei Staaten verbindet.

Ich ging bis zur Mitte des Riesenbogens und stand dann gegen das niedrige Geländer gelehnt da, mit einer Zigarette zwischen den Fingern. Ich vergrub mein Gesicht in den Händen, bis sich alles wieder klärte. (aus „One Lonely Night“)

Der Mann, der die Melancholie des regnerischen, nächtlichen New York so wunderbar einfangen konnte, haßte seine Geburtsstadt: „ein Scheißhaufen, ein Abfalleimer“. Das letzte Mal war er 1958 mit der New Yorker U-Bahn gefahren. Dann zog er in den Süden. „South Carolina war okay, als ich dort der einzige Yankee war. Damals konnte man glauben, der Süden hätte gewonnen.“

Er war der „working class hero“ unter den Krimiautoren, auch privat. Nie ließ er seinen unvorstellbaren Reichtum raushängen (ich erlebte ihn 1995 in Berlin – aber das ist eine andere Geschichte). Er aß am liebsten Hackbraten und fuhr mit einem Ford-Pickup durch seinen Heimatort Murrells Inlet in South Carolina, wo es keine Villen gibt und auch kein Mike-Hammer-Graceland. Selten sah man ihn in seinem 1956er-Jaguar, den er einst von John Wayne geschenkt bekam, weil er für ihn ein Drehbuch in drei Tagen umgeschrieben hatte. Der Film, in dem Mickey auch mitspielte, hieß „Ring of Fear“ und war durch nichts zu retten. Aber seinen größten Auftritt hatte er in dem in England produzierten „The Girl Hunters“, in dem er selbst Mike Hammer spielte. Und er war große Klasse! Seinem Image entsprechend machte er 19 Jahre lang Bierwerbung für Miller Lite. „Ich machte Miller zum zweitgrößten Bier der Welt, und alle sagen: Das Zeug rühre ich nicht an.“

Fauser liebte und bewunderte Mickeys Professionalität. Spillane bezeichnete seine Käufer als Kunden und ließ Sätze ab wie „Der erste Satz verkauft das Buch, der letzte Satz das folgende“ oder „Ich bin kein Autor, ich bin ein Schreiber. Autoren wollen in die Unsterblichkeit eingehen, ich will, daß der Schornstein qualmt“ oder „Ich laß mir doch nicht von Lektoren erzählen, was die Leute lesen wollen“ oder „Diese Kennedys waren alle Scheißkerle. Und dann dieser junge Kennedy, der mit dem Flugzeug abgestürzt ist. Er hat ein verdammt gutes Flugzeug auf dem Gewissen.“

Die späte Anerkennung (1995 erhielt er gar den Grand Master Award der verlogenen Mystery Writers of America) verdankte Mickey dem unermüdlichen Trommeln des Multitalents Max Allan Collins. Dafür bedankte er sich, indem er in einem von Max´ Autorenfilmen mitspielte. Wie sagte mir der eher intellektuelle Max: „I love that man. I love his personality.“ Tatsächlich war Mickey ein komplexer Typ: Er liebte Waffen, haßte aber die Jagd. Er war begeisterter Hochseeangler, fing aber nur, was er auch essen konnte. „Scheiß-Stierkampf. Ich bin auf Seiten des Stieres. Ich hoffe immer, er bringt diesen Schwachsinnigen im Clownskostüm um. Ich hasse Tierquälerei.“ Mickey war Schatztaucher, trieb sich mit Alkoholschmugglern rum, fuhr Autorennen und reiste mit dem Barnum & Bailey-Zirkus mit; da ließ er sich als menschliche Kugel aus einer Kanone schießen. Er hatte eine jahrelange Fehde mit Hemingway, der ihm seinen Erfolg neidete. Mickey holte eine Menge Meilen aus seinem Leben raus. Zu den wenigen Sachen, die mir auf den Geist gingen, war sein Rumgemache mit den Zeugen Jehovas, denen er 1952 beigetreten war und die ich nur seinetwegen einige Male zu bescheuerten Diskussionen reingelassen habe.

Mickey starb im Alter von 88 Jahren.

Bei seinem Tod war seit Jahren kein einziges Buch mehr lieferbar – Folge der Zerstörung einer Verlagsstruktur durch Fusionen und Übernahmen, durchgeführt von Killern mit Kindergesichtern. Mickey war ein Dinosaurier, der wußte, daß der Meteor unterwegs ist. Man hatte ihn nach dem Ende des Kalten Krieges abgestellt, zusammen mit dem Rest der westlichen Zivilisation.

Mach´s gut, Mickey. Grüß Jörg, Ulf, Jean-Patrick, Ross, Gavin und die anderen von mir.

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1 Kommentar so far
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Hallo,

jetzt wäre es mal interessant, neunzehn Jahre später eine Rezension zu Spillanes Dead Street (Das Ende der Straße) oder dem ebenfalls von Max A. Collins vervollständigten The Goliath Bone zu lesen.

Danke & weiter so!

Johannes

Kommentar von Johannes




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